VIII. Neue Institutionenökonomik in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 47 - 54

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-47

Tectum, Baden-Baden
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47 VIII. Neue Institutionenökonomik Es sind die Grundannahmen der Neoklassischen Mikroökonomik („Null Transaktionskosten“, „vollkommene Voraussicht“, „vollständig rationales Verhalten der Einzelnen“), denen Coase (1937) Aufmerksamkeit schenkte. Er entwickelte so einen neuen Denkstil, der mir, als ich 1978 die Herausgeberschaft der Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft übernahm, unbekannt war. Überzeugt von seinem analytischen Nutzen, folge ich ihm seither mit wachsendem Interesse.62 Zum Verständnis der Bedeutung dieser Einsicht hier nur eine kurze Darstellung zentraler Ideen der Neuen Institutionenökonomik (NIÖ). Außer Ronald Coase haben Oliver Williamson und Douglass North wesentlich zur Entwicklung der NIÖ beigetragen.63 Ronald Coase zeigte, dass wir unter den Annahmen der Neoklassik nicht erklären können, warum die Allokation von Ressourcen nicht allein über Märkte, sondern auch in Unternehmungen erfolgt. Darüber hinaus erwies sich, dass unter den Annahmen der Neoklassik (d. h. der Theorie vollständiger Konkurrenz) das gegen den Kapitalismus vorgebrachte Problem externer Effekte irrelevant ist. Der Grund ist: Bei Null-Transaktionskosten lohnt es sich für die Einzelnen, so lange mitein- 62 Zum Überblick vgl. Richter (2015), Kap. 1. Nationalökonomie wird durch mehr oder weniger schnell wechselnde Schulen charakterisiert. Vgl. dazu Richter (2016b). 63 Vgl. dazu Richter (2015), Kap. 1. 48 ander zu verhandeln, bis ein „Deal“, in dem alle Pareto-Ineffizienzen beseitigt sind, erreicht worden ist („Coase-Theorem“).64 Oliver Williamson wies wenig später darauf hin, dass Verträge nur dann so abgespult werden wie vereinbart, wenn wir Transaktionskosten von null, perfekte Voraussicht und vollständige Rationalität der Einzelnen wie in der Neoklassik annehmen.65 Unter so starken Annahmen gibt es nach Vertragsschluss kein opportunistisches Verhalten der Gegenseite – keinen (wie Williamson es nennt) „Ex-post-Opportunismus“ der Vertragsparteien. Darunter versteht er z. B. Vertragsbruch, verstecktes Handeln, verzerrte Darstellungen o. ä., gegen den oder die man sich gerichtlich nur sehr schwer und teuer wehren kann. In der realen Welt mit positiven Transaktionskosten und unvollkommener Voraussicht schützen sich deshalb kluge Vertragsparteien durch eine geeignete Gestaltung ihrer Verträge (governance structure), die daher unterschiedlich ausfallen kann. Williamson illustriert sein Argument durch eine Liste realer Vertragsgestaltungen. Eine davon nennt er „vereinheitlichte Kontrolle“ (unified governance) – dazu gehört die Unternehmung.66 Der Vorteil „vereinheitlichter“ Kontrolle besteht darin, dass sich die Parteien schrittweise an unvorhergesehene Ereignisse anpassen können, ohne ihre Vereinbarungen berücksichtigen, vervollständigen oder revidieren zu müssen (frei nach Williamson).67 Bei einer solchen Vertragsgestaltung besteht, wie sich North ausdrückt, „Anpassungseffizienz“ (adaptive efficiency).68 64 Coase (1960); dazu Kap. 5 „Eureka“ in: G. Stigler (1988). 65 Williamson (1971 und 1975). 66 Williamson (1990b), 89. 67 Williamson (1990b), 88. 68 North (1990, 80 / (1992), 96. 49 Douglass North (1992), ein Wirtschaftshistoriker, betont die Bedeutung des institutionellen Rahmens einer Gesellschaft und dessen Geschichte für ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit: „history matters“. Dagegen halten typische Neoklassiker wie Robert Solow Geschichte für Ökonomen irrelevant. Volkswirte sollten „proceed as if economics is the physics of society. There is a single universally valid model of the world. It only needs to be applied.“69 Volkswirtschaftslehre ist aber keine Naturwissenschaft (was ich allerdings selbst eine Zeitlang glaubte). Ihr Forschungsgegenstand ist keine „ergodische“ Welt, in der es keine „echten Neuigkeiten“ und deshalb keine „echten Ungewissheiten“ gibt. Tatsächlich wird das Wirtschaftsleben laufend von echten Ungewissheiten gestört. Historische „Pfadabhängigkeiten“ müssen deshalb berücksichtigt werden: „institutions and beliefs derived in the past influence present choices.“70 Anders ausgedrückt, Ökonomen befassen sich mit einer nichtergodischen Welt, einer Welt in der uns nicht nur die stochastischen Eigenschaften der Variablen unbekannt sind, sondern zum Teil auch die Variablen selbst. Aus dem Grund können wir uns hier auch nicht mit subjektiven Wahrscheinlichkeiten weiterhelfen. Keynes (der über Wahrscheinlichkeit in Cambridge promoviert hatte) schreibt wie gesagt dazu: „there is no scien- 69 North (1990), 69; Solow (1985), 330. Ich kenne Robert Solow als sehr gescheiten Mann und kann mir nicht vorstellen, dass er wirklich an die Existenz eines „single universally valid model“ glaubt. Ich vermute, hier war eher der Wunsch der Vater des Gedankens – denn er schreibt eine Seite später: „If the project of turning economics into a hard science could succeed, it would be worth doing […] There are, however, some reasons for pessimism about the project.“ (Solow 1985, 331) National- ökonomie ist „leider“eine „nicht-ergodische“ Wissenschaft. 70 North (2005), 19 und 21. 50 tific basis on which to form any calculable probability whatever. We simply do not know.“71 North zufolge helfen sich die Einzelnen durch Entwicklung einer Ideologie. Darunter versteht er „die Rahmenbedingungen mentaler Modelle, die Gruppen von Individuen vereint und die ihnen sowohl eine Interpretation ihrer Umwelt liefern als auch Anweisungen dafür geben, wie ihre Umwelt zu ordnen ist.“72 Wir werden unmittelbar an David Hume erinnert: Der Mensch ist im Vergleich zur Tierwelt viel zu schlecht ausgerüstet, um sich allein gegen die Ungewissheiten des Lebens behaupten zu können.73 Erst in Gesellschaft und bei Beachtung fundamentaler Regeln friedlichen Zusammenlebens ist er in der Lage, Gewaltiges zu leisten. Die fundamentalen Regeln umfassen die Grundsätze des privaten Eigentums, ihrer Übertragung im beiderseitigen Einverständnis (Vertragsfreiheit) und die Haftung des Einzelnen aus Vertrag oder wegen unerlaubter Handlung. Sie verleihen dem Einzelnen „Sicherheit […], sodass jedermann im friedlichen Genuss dessen, was er durch Glück und Fleiß erwirbt, erhalten bleibt.“74 Auf jeden Fall sehen wir: Effizienz von Institutionen im neoklassischen Sinne (= „Pareto-Effizienz“) ist bei unvollständiger Voraussicht („Ungewissheit“, „The future is not ours to see“) kein sinnvolles Konzept. Handeln bei unvollständiger Voraussicht kann jedoch in Gruppen von Individuen bei Beachtung bestimmter Verhaltensregeln und dem Bestehen von Vertrauen 71 Keynes 1973, 114. Wie die „wissenschaftliche Basis“ einer logisch konsequent durchgeführten Mikroökonomik aussehen müsste, hat erst Kenneth Arrow (1953) gezeigt. 72 Denzau und North (1994), 4. 73 Hume (2004), 479. 74 Hume (2004), 483. 51 in das Sozialverhalten der anderen sehr erfolgreich sein.75 Sauber argumentierende Ökonomen haben keine andere Wahl, als so wie Historiker, Juristen oder andere Geisteswissenschaftler zu arbeiten. Letzten Endes ist der Einfluss der Ideen von David Hume und nicht – wie Walras dachte – der von Isaac Newton für Ökonomen entscheidend. In Deutschland spiegelt er sich wider in den Grundsätzen und Ideen der von Walter Eucken begründeten Freiburger Schule.76 Die „Neue Institutionenökonomik“ – im Sinne der rationalen Begründung von Institutionen verstanden – ist geeignet, den Denkstil deutscher Ordnungspolitiker den Ökonomen des angelsächsischen Sprachbereichs verständlich zu machen. Er ist in den USA ja auch zu finden. Zur Illustration vergleiche man die Erklärung der Finanzkrise von 2007/08, die Peter J. Wallison gegeben hat, mit der von Lance Taylor.77 Ich fasse die Sichtweisen der beiden Autoren in meinem oben zitierten Artikel wie folgt zusammen: „Basically, Taylor (a Keynesian) follows the majority opinion of the Financial Crisis Inquiry Report (2011),78 which according to Wallison (2011) means ‚that the crisis could have been avoided if the private sector had not taken so many risks and government regulators had not been asleep at the switch.‘79 Like most Keynesi- 75 Vgl. Denzau und North (1994) oder Greif (1994). 76 Vgl. Richter (2016a). 77 P.J. Wallison (2015); L. Taylor (2010), Maynard’s Revenge: The Collapse of Free Market Economics, Cambridge, MA: Harvard University Press. 78 Financial Crisis Inquiry Report, Authorized edition: Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States, New York: Public Affairs Books 2011. 79 P.J. Wallison (2011), „The True Story of the Financial Crisis“, in: The American Spectator, 13.5.2011. The Financial Crisis Inquiry Report (2011, xv–xxviii) is certainly more detailed; it enumerates eight reasons. 52 ans,80 he argues as if the economy would be a machine, more recently even with agents equipped with artificial intelligence.81 Wallison’s analysis comes close to the arguments of German Ordnungspolitik. That is not surprising, because they are near replicas of the principles of classical British economics, though, with one important exception: Eucken’s maxim that the establishment of the economic constitution (or order) must not to be left to laissez faire.82 Today, this axiom can be justified as following by Olson’s theory of collective action:83 Developed markets are collective goods.84 That is true in particular for finan- 80 „Keynesians“ in a general sense. I myself followed in my lectures on macroeconomics, what is called now, the Neo-Keynesian view. But that is long ago (see: Richter, Schlieper, Friedmann 1981). 81 Sargent proposes to build models „with boundedly rational agents […] by expelling rational agents from our model environments and replacing them with ‚artificially intelligent‘ agents who behave like econometricians. These ‚econometricians‘ theorize, estimate, and adapt in attempting to learn about probability distributions which, under rational expectations, they already know.“ (Sargent 1995, 3; emphasis added). That is, Sargent assumes that his agents know all relevant stochastic variables. There exists no fundamental uncertainty, which explains Lucas’s optimism (see above note 38). 82 Which corresponds at least to the „Austrian“ reading of British classical economic principles (see Menger 1883/1963). 83 Olson (1965). 84 See Richter 2009. Collective goods may be public or private. A private collective good would be a club good in case of a closed market or a private public good in case of an open market – similar to Coase’s (Coase 1974) lighthouse example. The decline of the provision of privately ordered public goods may be the result of badly governed principal-agent contracts between today’s capital owners and their agents (their „salaried executives and their salaried managers and sub-managers.“ Schumpeter 1942, 141). Schumpeter speaks in this context of the erosion of ownership interests („the figure of the proprietor and with it the specifically proprietary interest have vanished from the picture.“). It 53 cial markets whose traded products are difficult to monitor85 and to enforce money claims. Akerlof ’s lemons principle is raising its head, entailing ‚the incentive to originate and sell lowquality claims that may (and, in fact, did) end up as lemons or ‚toxic assets‘ (Richter 2009).“ Wir sehen: Die Neue Institutionenökonomik liefert uns Argumente für eine rationale Begründung der dogmatisch dargestellten Institutionen des Kapitalismus. Sie liefert uns eine rationale Begründung für das System von Regeln oder die Ordnung einer freien Marktwirtschaft. Milton Friedman sagte deshalb zu Recht, die Neue Institutionenökonomik hieße besser (new) „economics of institutions“ statt (new) „institutional economics“.86 is tempting to illustrate the wealth destroying consequences of such an employee run capitalism by the fallout of the financial crisis of 2008. 85 „[A]n opaque web of interconnected obligations“ (Brunnermeier 2009, 98) being far removed from Eucken’s constituent principle of liability. 86 Anlässlich eines privaten Gesprächs.

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References

Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.