I. Zum Hintergrund in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 1 - 10

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-1

Tectum, Baden-Baden
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1 I. Zum Hintergrund Volkswirtschaftslehre ist Teil der Wirtschaftswissenschaft oder „Ökonomik“ (economics), also einer Tätigkeit, die noch für unsere Großväter und Urgroßväter allenfalls als Handwerk oder als Sache des gesunden Menschenverstands galt. Aber die Zeiten änderten sich, Wissenschaft wurde Trumpf, und so erstaunt es nicht, dass so gewöhnliche Dinge wie kaufen und verkaufen, Darlehen geben oder Schulden machen, Reichtümer gewinnen, anlegen, verwalten und andere Aktivitäten des gesunden Menschenverstands nicht mehr allein der Praxis überlassen wurden, sondern sich zu speziellen Wissenschaften entwickelten. Volkswirtschaftslehre ist eine davon. Aber was versteht man darunter? Jacob Viner, einst Professor der Volkswirtschaftslehre (economics) an der Princeton University antwortete: „Economics is what economists do!“ Damit hat er natürlich die Frage nicht wirklich beantwortet. Um das zu tun, müssen wir weiter ausholen: Volkswirtschaftslehre (Ökonomik) ist ein Kind der Aufklärung – der Zeit, in der man anfing „den Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Immanuel Kant, 1784). An spekulativem Denken über das Wie und Warum unseres gesellschaftlichen Lebens kam man dabei nicht vorbei. Das ist die Tätigkeit, die – nicht ohne Schmerzen: dem Methodenstreit1 – zur Entwicklung dessen führte, was wir heute Theoretische Volkswirtschaftslehre nennen2 – eine reiche Sammlung politi- 1 Ausgelöst durch die Attacke von C. Menger (1883 [1969]) auf G. Schmoller (1900), vgl. Richter (2015, Kap. 8). 2 Die Betriebswirtschaftslehre (BWL) zweigte sich in Deutschland später ab. Seit Erich Gutenberg (1951) gibt es jedoch gewisse Gemein- 2 scher Philosophien,3 über die ich nur in Grenzen wissenschaftlich gearbeitet habe und die ich in diesen Grenzen kurz schildern und kritisch beleuchten werde.4 Um gedankliche Ordnung in die Galerie von Theorien des nationalen und internationalen Wirtschaftslebens zu bringen, werden unterschiedliche Bilder oder Sprachregelungen verwendet, von denen sich der neoklassische Denkstil als internationale Konvention durchgesetzt hat. Er beruht sowohl auf Ansätzen der Rechtswissenschaft (1.) als auch der Naturwissenschaft (2.), nämlich: (1.) auf den Grundsätzen des Naturrechts (David Hume (1739/405), (2a) auf dem ökonomischen Kreislaufmodell, das auf die Entdeckung des Blutkreislaufs zurückgeht (François Quesnay, Tableau Économique, 1759) und (2b) auf dem Konzept des Gleichgewichts auf allen Gütermärkten, dem Newtons Himmelsmechanik zugrunde liegt (Léon Walras 1874). Dazu passt der Grundsatz der Wirtschaftlichkeit, ein bestimmtes Ziel mit dem geringstmöglichen Aufwand zu erreichen. Die Ansätze (1) und (2a) geben uns allerdings keine Antwort auf das zentrale Problem allen Wirtschaftens: das Problem rationalen Handelns angesichts der Ungewissheit der Zukunft. Überlegungen dazu bieten F.H. Knight (1921), J.M. samkeiten. Ich belasse es hier bei „economics“ oder auf Deutsch Volkswirtschaftslehre (VWL). 3 U. Mäki (2012, 5 ff.) diskutiert ausführlich die Frage des „realism“ ökonomischer Theorien und Modelle. Er schließt: „There is more realism in and about economics than first would appear.“ Für mich selbst blieb durchgehend von Interesse, was alles aus einer Menge mehr oder weniger vereinfachender Annahmen über die reale Welt logisch folgt. 4 Richter (2015), 154–156. 5 Zur Anwendung der Grundsätze des Naturrechts in der Wirtschaftspolitik vgl. Eucken (1975) sowie Richter (2018b), 677–678 und Richter (2014). 3 Keynes (1936) und später auch die Vertreter der Neuen Institutionenökonomik.6 Eine frühe Rolle – wenn auch nicht die einzige – spielten bei dieser Entwicklung die Schottischen Moralphilosophen, insbesondere David Hume (1711–1776) und Adam Smith (1723–1790).7 Ich beginne mit einigen Sätzen von David Hume (1739/40), die er seiner Erklärung vom Ursprung von Rechtsordnung und Eigentum vorausschickt, und mit denen er die von ihm beschriebenen Grundsätze des Naturrechts erklärt. Hume er- öffnet seine einfache Überlegung wie folgt: „Unter allen Tieren, die den Erdball bevölkern, gibt es keines, gegen das die Natur auf den ersten Blick grausam verfahren zu sein scheint; nur gegen den Menschen [scheint sie grausam]. Wie zahllos sind die Bedürfnisse und notwendigen Ansprüche, mit denen sie ihn belastet, und wie gering die Mittel, die sie ihm zur Befriedigung derselben gewährt hat. […] Nur durch Vergesellschaftung kann er diesen Mängeln abhelfen und sich zur Gleichheit mit seinen Nebengeschöpfen erheben, ja sogar eine Überlegenheit über dieselben gewinnen. Durch die Gesellschaft wird seine Schwäche ausgeglichen […]. Wenn jeder einzelne Mensch allein und nur für sich arbeitet, so reicht seine Kraft nicht aus. […] Zudem sind seine Kraft und die Möglichkeiten ihres Gebrauchs nicht immer dieselben und der kleinste Ausfall in einem von 6 Vgl. Überblick in Richter (2016a). 7 Zum Realismus der Wirtschaftstheorie (economics) vgl. Mäki (2012, 3–24). 4 beiden kann unvermeidlichen Ruin und unvermeidliches Elend nach sich ziehen. Die Gesellschaft sorgt aber für ein Mittel gegen diese drei Übelstände. Durch die Vereinigung der Kräfte wird unsere Leistungsfähigkeit vermehrt; durch Teilung der Arbeit wächst unsere Geschicklichkeit, und gegenseitiger Beistand macht uns weniger abhängig von Glück und Zufall. Durch diese Vermehrung von Kraft, Geschicklichkeit und Sicherheit wird die Gesellschaft nützlich.“ (Hume 2004, 480) Moderne Ethnologen setzen hier mit ihrer Kritik an. So schreibt beispielsweise E. Henrich (2016), „how critical it is to recognize that people are automatic cultural learners, that we follow social norms, and that the cultural worlds we grow up in influence what we attend to, perceive, process, and value.“ (Ebd., XIII). David Hume drückt sich analog aus: Das menschliche Zusammenleben setzt eine elementare Rechtsordnung voraus, die u. a. Eigentum, Vertrag und Haftung aus Vertrag regelt – die drei Grundsätze des Naturrechts (Hume 2004, 483). Sie sind nicht das Ergebnis eines Vertrags zwischen den vielen Einzelnen, sondern eine Folge ihrer gegenseitigen Interessen. So schreibt Hume zum Beispiel zum individuellen Eigentum: „Ich sehe, es liegt in meinem Interesse, einen anderen im Besitz seiner Güter zu belassen, dass er in gleicher Weise gegen mich verfährt. Er seinerseits ist sich eines gleichen Interesses bei der Regelung seines Verhaltens bewusst. Wird dies Bewusstsein eines gleichartigen Interesses wechselseitig kundgegeben, ist es also beiden bekannt, so erzeugt es ein entsprechendes Wollen und Verhalten. Und dies kann 5 folglich eine Übereinkunft oder ein wechselseitiges Einverständnis genannt werden.“ (Hume 2004, 484) Die Grundsätze des Naturrechts entsprechen den Bedingungen eines Nash-Gleichgewichts8 der Spieltheorie. Die Stabilität der Rechtsordnung eines Landes lässt sich insofern mit Hilfe eines spieltheoretischen Gleichgewichtskonzepts begründen. Zu dieser Art rationalen Begründung einer „organischen“ Entwicklung von Institutionen gehören die berühmten Überlegungen von Carl Menger (1883) und Friedrich von Hayek (1973). Sie sind Gegenstand der dynamischen Spieltheorie und erklären die Evolution gewisser Institutionen als „das unreflectierte Ergebnis der auf die Erreichung wesentlich individueller Zwecke gerichteten menschlichen Bestrebungen.“ (Menger 1883, 164) Diese Institutionen entwickeln sich „ohne alle Übereinkunft, ohne legislativen Zwang, ja selbst ohne jede Berücksichtigung des öffentlichen Interesses“ (Menger 1883, 176; Hervorhebung im Original). Sie sind in dem Sinne ein Produkt der „unsichtbaren Hand“. Als Beispiele nennt Menger, wie zuvor Hume, das Geld (172), die Ortschaften (178), den Staat (179), die Sprache, das Recht (180). Menger spricht von Institutionen organischen Ursprungs. Ihnen stünden Institutionen pragmatischen Ursprungs gegenüber, die „das Ergebnis des auf ihre Begründung gerichteten Gemeinwillens“ seien (Menger 1883, 145). Hayek spricht statt von einer „Institution“ von „Ordnung“ und unterscheidet zwischen „spontaner“ und „konstruierter“ Ordnung, oder cosmos und taxis. (Hayek 1973, 37). M. Aoki (2001) greift diese Möglichkeit auf und definiert eine Institution (hier: die Grundsätze der Rechtsordnung ei- 8 Nash (1951). 6 ner Wirtschaft) als ein herausragendes Nash-Gleichgewicht eines rekurrierten (strategischen) „Superspiels“9 über die Methode, nach der ein gegebenes „zugrundeliegendes Spiel“ wiederholt gespielt wird.10 Im Allgemeinen Gleichgewicht müssen die Wirtschaftspläne der Einzelnen miteinander kompatibel sein, was voraussetzt, dass jeder mit jedem verhandelt. Das kostet Zeit und wirtschaftliche Ressourcen („Transaktionskosten“). Ein sehr altes, immer noch funktionierendes Verfahren zur Lösung des Koordinationsproblems der individuellen Wirtschaftspläne besteht darin, eine allgemeine Rechnungseinheit wie Geld zu verwenden und die Koordination der individuellen Wirtschaftspläne der Bildung von Konkurrenzpreisen auf Märkten zu überlassen. Angebot und Nachfrage bestimmen für alle gehandelten Güter den Preis (ausgedrückt in Rechnungseinheiten pro Mengeneinheit eines jeden Gutes). Aus naheliegenden Gründen (nicht zuletzt wegen der Möglichkeit opportunistischen Verhaltens11 Einzelner), muss es dazu ein wirksames Durchsetzungsverfahren des Rechts geben. Wie D.C. North (1990) schreibt, zeigen jedoch die Erfahrungen mit Entwicklungsländern, dass die „Unfähigkeit von Gesellschaften, wirksam und mit geringen Kosten die Erfüllung von Verträgen zu sichern, […] die wichtigste Ursache […] für die Unterentwicklung der dritten Welt“ ist.12 Die Grundrechte des Naturrechts genügen nicht 9 Zum Beispiel eines Gefangenen-Dilemma-Spiels vgl. im Übrigen Richter in http://www.uni-saarland.de/fak1/fr12/richter/instSpiel%20PDF. pdf, 1.6.2020. 10 A. Schotter (1981), The Economic Theory of Social Institutions, Cambridge, MA. 11 O. Williamson (1985, 47 ff.) versteht unter Ex-post-Opportunismus Vertragsbruch, verstecktes Handeln, verzerrte Darstellungen o. ä. 12 Deutsche Übersetzung: North (1992, 65). 7 für eine wirtschaftlich-rationale soziale Steuerung, es bedarf noch der Hilfe eines Dritten: des Staates. So weit zum Hintergrund des Themas unserer Ausführungen, in denen wir vereinfachend die Existenz eines allgemeinen Konkurrenzgleichgewichts unterstellen, d. h. einen Zustand, in dem die Wirtschaftspläne aller einzelnen aufgehen.13 Zwischenbemerkung Nr. 1: Edmund Burke, ein englischer konservativer Sozialwissenschaftler, vertritt nach seinem Interpreten Richard Bourke (2015, 703 f.) die folgende Auffassung:14 „Die großen Erfolge der modernen europäischen Zivilisation sind in der Verbesserung des Benehmens der einzelnen Mitglieder einer Marktgesellschaft zu sehen. […] Handel ‚vereinigt‘ zwar durch Interessenausgleich. Für Burke reichte das aber nicht aus, um die vielen Teile einer komplexen Gesellschaft zusammenzuhalten. […] Großzügiges Benehmen ist notwendig, um den sozialen Frieden zu erhalten. Historisch gesehen ist das eine Fortsetzung von Ritterlichkeit und Treue, von Grundsätzen die zu gegenseitigem Respekt und zur Überbrückung sozialer Gegensätze beitragen. Sie sind eine noble Form gegenseitiger Anerkennung im gesellschaftlichen Leben. Herrschaftsverhältnisse begannen freundliche Formen anzunehmen, Gehorsam wurde freimütig gewährt. Burke beschreibt diese Art von sozialer Annäherung als Freundschaft (amicitia) auf der Grundlage gegenseitiger Anerkennung. Burke hielt im Übrigen die Harmonie 13 Vgl. dazu Debreu (1959), 83–89. 14 Übersetzt aus dem Englischen vom Verfasser. 8 von (Markt-)Ordnungen für eine speziell Europäische Errungenschaft. Für ihn war gegenseitige Achtung die zentrale Eigenschaft des Marktes, nicht der Profit. Die Marktgesellschaft ruhte aus seiner Sicht auf ästhetischem Feingefühl und ‚moralischen Vorstellungen‘.15 Aus dieser Perspektive konnten die Einzelnen gesellschaftliche Unterschiede eher hinnehmen als sie abzulehnen.“ Nach Edmund Burke hat also der Markt (und damit der vielgeschmähte Handel) entscheidend zur Zivilisation der Menschheit beigetragen. Der Markt ist damit mehr als bloß „eine soziale Institution, die den Handel ermöglicht“ (Coase 1988, 8). Burkes Auffassung einer „Marktwirtschaft“ ist in Deutschland (und in den USA05) bei weitem nicht so bekannt wie etwa die Figur des „Homo Oeconomicus“16 oder die Sichtweise der von Karl Marx so bezeichneten Bourgeoisie: „Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. […] Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ (Hervorhebung durch den Verf.) Das Manifest gipfelt damit, dass mit „der Entwicklung der großen Industrie […] unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen wird […]. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“ (Karl Marx und 15 „Bürger ist, wer aufhört, gegen sich bequem zu sein. Seine Freiheit impliziert Selbstdisziplin. Frei ist ein Mensch, dessen Selbstwertgefühl aus Selbstdisziplin erwächst.“ N. Bolz (2010, 129), für den „die Pflicht zur Neigung“ geworden ist. 16 O’Boyle, „Requiem for Homo Economicus“, in: Journal of Markets & Morality 10:2 (2007), 321–337. 9 Friedrich Engels [1848], Manifest der kommunistischen Partei, 16) Dagegen lesen wir bei N. Bolz (2010, 132 f.): „Die Würde des Menschen muss […] geleistet werden. Diese Leistung, bürgerliche Lebensführung, ist der Kernbestand realer Freiheit.“ Und: „Der Mensch findet zu seiner Identität, indem er seinen Beruf ganz zu seiner Sache macht und ihn mit Freiheit aushält; indem er also das, was er tut, richtig tut.“

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Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.