VII. Arbitragegeschäfte: Die Vorzüge einer allgemeinen Rechnungseinheit in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 41 - 46

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-41

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
41 VII. Arbitragegeschäfte: Die Vorzüge einer allgemeinen Rechnungseinheit54 Angenommen, wir befinden uns in einer Naturaltauschwirtschaft. Es gebe vier Güter. Wie viele Austauschrelationen gibt es in beiden Richtungen? Wie in dem unten zitierten Buch von mir auf S. 117 dargelegt 45; für n Güter erhalten wir [n (n - 1) / 2] Austauschrelationen. Das oben geschilderte stillschweigende Übereinkommen der westdeutschen Bevölkerung, in den ersten Jahren der Besatzungszeit amerikanische Zigaretten als allgemeine Rechnungseinheit zu benutzen, illustriert „das Wirken der unsichtbaren Hand“ beim Zustandekommen der „Institution“ oder „Ordnung“ einer Geldwirtschaft, mathematisch im Sinne eines Nash-Gleichgewichts. Die Marktparteien brauchen jetzt lediglich die jeweils „ausgerufenen“ oder „geltenden“ (n - 1) Austauschrelationen zu kennen, statt der gesamten [n(n - 1) / 2] Austauschrelationen – eine erhebliche Vereinfachung und damit Verbilligung in einer Welt mit Informationskosten. J. Laughlin (1903, 7) glaubt, dass sich Geld tatsächlich so entwickelt hat.55 Seit dem 1. Januar 2002 haben 19 der 28 EU-Staaten den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt („Eurozone“). Die 19 Staaten vereinbarten damit im Effekt absolut feste Wechselkurse zwischen ihren Währungen – zu verstehen als Garant einer politischen Einigung der 19 Euromitgliedsstaaten.56 54 In Anlehnung an Richter (1990, 4.3). 55 Das klassische Beispiel dazu liefert Menger (1909, 557). 56 Helmut Kohl, begründet den Schritt in seiner Regierungserklärung vom 7. Dezember 1995 wie folgt: „[…] wir dürfen uns nicht täuschen: 42 Die europapolitische Bedeutung des Schrittes erkennt man daran, dass die souveränen Mitgliedsstaaten bei Vereinbarung absolut fester Wechselkurse zwei elementare Probleme beantworten müssten: (1) Wie können die 19 Mitgliedsstaaten „stabile Preise“ („sound money“) und wie stabile Finanzmärkte sichern? Es gibt nach wie vor, wie auch in den Jahren 1989/90 in der Entwicklung zur deutschen Einheit, reale Befürchtungen angesichts der Größe und Stärke des vereinten Deutschlands. Deswegen ist es wichtig und ein Gebot der Zukunftssicherung für unser Land, dass wir die Lage realistisch einschätzen und immer wieder, auch in sogenannten kleinen Fragen, berücksichtigen, wie unsere Nachbarn uns sehen und betrachten. Eine deutsche Außenpolitik, die nicht klar zu den Grundsätzen und Zielen der europäischen Einigung stehen würde, wäre unverantwortlich. Es gibt kein Zurück zur nationalen Machtpolitik. Es gibt auch kein Zurück, weder für die Deutschen noch für die anderen in Europa, zum überkommenen Gleichgewichtsdenken. Kern unserer Außen- und Europapolitik muss und wird deshalb auch in Zukunft die konsequente Fortsetzung des europäischen Einigungswerks sein. Dieses Werk, das vorausschauende Politiker wie Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi und – ich betone es – auch alle meine Vorgänger im Amt in diesen Jahren mit Optimismus, manchmal mit Resignation, mit Einsatz und vor allem mit einer klaren Vision begonnen haben, hat ganz entscheidend dazu beigetragen, daß wir in Europa und in den vergangenen fünfzig Jahren Frieden, Freiheit und auch wachsenden Wohlstand erleben konnten. Bei all dem, was man über diese Jahrzehnte kritisch sagen kann, gilt der Satz: Die Politik der europäischen Einigung ist die größte Erfolgsgeschichte unseres Kontinents geworden. Dies gilt auch für die Zukunft. Die Politik der europäischen Einigung ist und bleibt für Deutschland und Europa von existentieller Bedeutung, und – ich wiederhole diesen Satz noch einmal sehr bewusst – sie ist in Wirklichkeit auch die Frage von Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert. Deshalb müssen wir alles tun, um den europäischen Einigungsprozess entschlossen voranzubringen und ihn politisch unumkehrbar zu machen.“ (Hervorhebungen durch den Verf.) 43 (2) Wie sind die großen Unterschiede in der Arbeitsproduktivität der 19 Mitgliedsstaaten zu überwinden? Die moderne Geldtheorie hat eine einfache Antwort auf die erste Frage: Etabliere eine von den Regierungen der Mitgliedsstaaten unabhängige Zentralbank und verpflichte die Zentralbank, die Kaufkraft ihrer Währung zu sichern. Da aber Papiergeld nichts anderes ist als ein auf den emittierenden Staat (A.P. Lerner 1947, 313)57 lautender Schuldtitel, mit dem Steuern bezahlt werden können, liegt die Verantwortung für die Stabilität der Kaufkraft des Papiergeldes beim Staat, in dem Falle also bei den Parlamenten der 19 Euro-Mitgliedsstaaten. Die Frage von Milton Friedman (1953, 199) lautet dann: „Why should a country do so when the failure of any other country to cooperate or to behave ‚properly‘ would destroy the whole structure and permit it to transmit its difficulties to its neighbors?“ Die Maastricht-Kriterien versuchen das „Friedman-Problem“ per Anordnung und Strafzahlung bei Nichtbefolgung zu lösen – eine Regelung, die unvereinbar ist mit den immer noch geltenden nationalen Hoheitsrechten der EWWU-Mitglieder. Friedman schließt deshalb korrekterweise: „really effective (and credible) ‚coordination‘ requires […] either that nations adopt a common commodity monetary standard like gold and agree to submit unwaveringly to its discipline or that some international body control the supply of money in each country [which does the ECB], which in turn implies control 57 In dem Falle die Europäische Währungsunion, die allerdings kein Staat, sondern nur ein Staatenverbund ist (nach Bezeichnung des deutschen Bundesverfassungsgerichts in einem Urteil von 1993 als Staatenverbund, was auch über die Grenzen Deutschlands hinaus Anklang gefunden hat (siehe Bundeszentrale für politische Bildung). 44 over at least interest-rate policy and budgetary policy.“ Das allerdings verlangt ein „effective federal government democratically elected and responsible to the electorate“. (Friedman 1953, 199, Hervorhebungen durch den Verf.) Die Angelegenheit wird nach Abschluss der Europäischen Währungsunion beim Auftreten von Funktionsproblemen immer wieder mehr oder weniger offen beim Namen genannt, zuletzt von Macron (vgl. seine „Initiative für Europa“ vom 26.9.2017), ohne jedoch bei den zahlungskräftigeren Mitgliedsstaaten auf Gegenliebe zu stoßen. Als drittes elementares Problem kommt hinzu, dass wir mit den zum Teil erheblichen Unterschieden in der Arbeitsproduktivität der verschiedenen EWWU-Mitglieder fertig werden müssen.58 Im Zweifel können nur finanzielle Zuschüsse von den hochproduktiven an die schwächeren Staaten helfen – unter der Auflage, dass diese sich bemühen, ihre Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Genau das hatte Deutschland im Zuge seiner gerade bei der Gründung der EWWU anlaufenden Wiedervereinigung erfahren. Die Unterbindung von ‚moral hazard‘ (eines ‚Fasses ohne Boden‘) als Folge laufender finanzieller Hilfeleistungen verlangt die wirksame Überwachung der vereinbarten Effizienzbemühungen der Zahlungsempfänger durch den oder die Zahlungspflichtigen – am einfachsten durch vollständige politische Vereinigung der EWWU-Staaten in Analo- 58 Die griechische Arbeitsproduktivität war nicht einmal halb so hoch wie die deutsche (vgl. Richter, in: WirtschaftsWoche, 29.11.1991, 94. Laut Eurostat bewegte sich in der EU die „Labour productivity in 2010 between 41.3 [Bulgaria] and 187.0 [Luxembourg] – wobei 100 die durchschnittliche Arbeitsproduktivität aller 27 EU Mitgliedstaaten angibt.“ (Siehe Eurostat – Tables, Graphs and Maps Interface [TGM], 26.7.12) Die Größenordnung des Problems war also bekannt – vermutlich auch Jacques Delors. 45 gie zur deutschen Wiedervereinigung. Wie auch immer: Mervyn King schätzt, dass das, was die effizienteren Mitglieder an EWWU-Transferleistungen zu zahlen haben werden, „could well exceed 5 per cent of the GDP“.59 Die „Europäische Währungsunion“ erst nach Gründung der „Vereinigten Staaten von Europa“ ins Leben zu rufen, wäre deshalb die verwaltungsrechtlich oder -technisch bessere Reihenfolge gewesen. Ihr standen jedoch diplomatische Barrieren im Wege (siehe Rödder 2018), eine Tatsache, mit der sich die Ökonomen und die Bürger des Staatenverbundes der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion abzufinden haben. Unsere Überlegungen lassen die Möglichkeit der von Hayek (1977) beschriebenen Entwicklung einer Freigeld-Bewegung außer Acht. Wird einmal der Facebook-Libra auf die Europäische Währung einen störenden Einfluss ausüben? Ist die angekündigte Parallelwährung „Libra“ ein Beispiel für die von Hayek herbeigewünschte Freigeldbewegung? Ich halte das für unwahrscheinlich, weil immer der Gesetzgeber das letzte Wort hat: Der Gesetzgeber braucht nur Steuerzahlungen und damit Bilanzierung der Unternehmungen und Haushalte im gesetzlichen Zahlungsmittel (bei uns im Euro) zu verlangen. Insofern ist es einfach, die Akzeptanz von digitalem Geld herzustellen. Die Zweifel von Thomas Fuster60 sind nur angebracht, wenn Steuern nicht auch mit dem Libra gezahlt werden können.61 59 Mervyn King (2016), The End of Alchemy: Money, Banking and the Future of the Global Economy, London: ABACUS, 233. 60 Fuster, in: NZZ, 8.2.2020. 61 Zur Illustration von Hayeks Freigeld-Idee vgl. Hayek (1977), Vaubel (1977), Richter (1990, 4.6).

Chapter Preview

References

Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.