II. Léon Walras (1874) in der Sichtweise von John R. Hicks (1939) in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 11 - 20

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-11

Tectum, Baden-Baden
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11 II. Léon Walras (1874) in der Sichtweise von John R. Hicks (1939) Die erste einfache Darstellung der viele Jahre nur beiläufig erwähnten Ideen der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie von L. Walras (1874/1954) bot J.R. Hicks (1939). Sein Werk hatte erheblichen Einfluss auf die deutsche Lehrbuchliteratur sowohl zur „Mikroökonomik“ als auch (später) zur „Makroökonomik“, der heute so bezeichneten „neoklassischen Synthese“. Zwei Lehrbücher deutscher Autoren stachen nach der Währungsreform von 1948 hervor: Heinrich von Stackelberg mit seinen Grundlagen der theoretischen Volkswirtschaftslehre, Bern 1948 und Erich Schneider mit seiner Einführung in die Wirtschaftstheorie, II. Teil, Tübingen 1948. Ich kaufte mir beide Bücher. Stackelbergs Lehrbuch gefiel mir inhaltlich und stilistisch besser als Schneiders Opus, aber das Rennen machte Erich Schneider und sein Tübinger Verlag Mohr Siebeck. Als Assistent von Heinz Sauermann hielt ich wenig später eine Arbeitsgemeinschaft zu „Schneider Teil II“. Das Problem waren unsere bescheidenen Kenntnisse auf dem Gebiet der Analysis; von Optimierung unter Nebenbedingungen, dem Zentralstück der Haushalts- und Unternehmenstheorie, hatten die meisten von uns keine blasse Ahnung. Wir lernten das und mehr erst in einer auf Veranlassung von meinem Lehrer Heinz Sauermann gestarteten mathematischen Arbeitsgemeinschaft unter Leitung des Privatdozenten für Mathematik Dr. Ewald Burger, an der außer unseren Chefs – Hans Möller und Heinz Sauermann und deren Assistenten – auch einige Mathematikstuden- 12 ten teilnahmen, darunter der spätere Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Reinhard Selten.17 Wir hielten tatsächlich das Werk von Walras – wie Joseph Schumpeter – für einen Meilenstein auf dem Weg zur Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft zu einer exakten Wissenschaft.18 Ernüchternd lasen wir dagegen vor einigen Jahren die Bemerkung des Walras-Übersetzers William Jaffé, dass „Walras, from the age of 19 on after he […] first read Louise Pointsot’s Eléments de Statistique (1842), […] had thought to create a theory of economics with the same formal properties that characterized [Newton’s] celestial mechanics.“19 Mit anderen Worten, was wir heute Mikroökonomik nennen, besteht in der Anwendung des Konzepts von Newton’s Himmelsmechanik auf Probleme der Wirtschaftstheorie. Sie galt lange Zeit als goldener Weg der Wirtschaftstheorie und wurde schließlich von Edmond Malinvaud20 auch auf den Denkstil der Keynes’schen Makroökonomik als „Ungleichgewichtstheorie“ angewendet – unter völliger Missachtung des für Keynes’s Allgemeine Theorie zentralen Problems der Ungewissheit. Mathematisch geht es in der Theorie von Walras um die Maximierung einer individuellen Zielfunktion (den Nutzen U oder den Gewinn G) der einzelnen Wirtschaftseinheiten (Haushalte 17 Vgl. Möller (2004). 18 Schumpeter (1955, 827). Dagegen F.A. Hayek (1979), The Counterrevolution of Science, Indianapolis: Liberty Press und N. Wiener (1964), God and Golem, Inc., Cambridge, MA: MIT Press. – Für eine allgemeine Darstellung der Tendenz von Ökonomen zur Naturwissenschaft siehe Mirowski (1989). 19 D.A. Walker (Hg.) (1983), William Jaffé’s Essays on Walras, Cambridge: Cambridge University Press. 20 E. Malinvaud (1977), The Theory of Unemployment Reconsidered, Oxford: Blackwell. 13 und Unternehmungen) bei vollständiger Voraussicht unter der Nebenbedingung (NB) des Einkommens e der einzelnen Haushalte bzw. des technischen Wissens π der einzelnen Unternehmungen. Was den Nutzen U der Einzelnen angeht, genügt es, wie V. Pareto (1927, Kap. III) gezeigt hat, mit ordinalem statt wie noch Walras mit kardinalem Nutzen zu rechnen – d. h. mit zweistelligen Relationen (Güterbündel A ist entweder „gleichwertig“ oder „besser als“ B) – was sich mithilfe von Indexzahlen ausdrücken lässt (Pareto: „Ophelimitäts-Indices“). Zur Mathematik vgl. Takayama (1974, Kap. 2). Wir unterteilen nun die Gesellschaft in Haushalte und Unternehmungen. Was die Haushalte betrifft, verfügt jeder über ein gewisses Einkommen e. Es gibt (sagen wir) zwei Konsumgüter Nr. 1 und Nr. 2, für die der einzelne Haushalt sein ganzes Einkommen e ausgibt, sodass e =p1 x1 + p2 x2 Wie viel kauft er von jedem Gut? Wir nehmen an, so viel, dass er seinen Nutzen U (x1, x2) maximiert, was fraglos eine stark vereinfachende, wenn nicht wirklichkeitsfremde Annahme ist. Anders ausgedrückt, der jeweilige Haushalt wählt also dasjenige Güterbündel (x1, x2) der Güter Nr. 1, Nr. 2, das seinen Nutzen maximiert – gegeben sein Einkommen – oder im mathematischen Lingo „unter der Nebenbedingung seines Einkommens e“. Das mathematische Problem lautet dann: Max U =U (x1, x2), NB e = p1 x1 + p2 x2. 14 Die weitere Rechnung ergibt, dass sich im Nutzenmaximum des Haushalts die Grenznutzen der Güter wie ihre Preise verhalten: δU/δx2 : δU/δx1 = p2 : p1 21 Für die Unternehmung lautet der mathematische Ansatz analog: Die Unternehmung maximiert ihren Gewinn unter der Nebenbedingung ihrer Produktionsfunktion π: Max G = p1 y1 + p2 y2 NB π (y1, y2) = 0 Mit dem Resultat, dass sich im Gewinnmaximum die Grenzproduktivität der einzelnen Güter (der „Produktionsfaktoren“) Nr.1 und Nr.2 auch wie ihre Preise verhalten: (δ π/ δy1) / (δ π/ δy2) = p1 /p2 Die Optimierungsüberlegung erlaubt uns also, auf die relativen Preise der beiden gehandelten Güter zu schließen. Im Allgemeinen Gleichgewicht sind (wenn es existiert) alle relativen Preise (d. h. die realen Austauschverhältnisse aller Güter) bekannt. Die Höhe der in Geldeinheiten ausgedrückten absoluten Preise (p1, p2) können wir bestimmen, wenn wir den in Geldeinheiten ausgedrückten Preis eines Gutes22 exogen vorgeben. Da uns die Gleichgewichtswerte der relativen Preise bekannt sind, kennen wir auch alle übrigen, in Geldeinheiten ausge- 21 In Worten: „Die Grenznutzen der Güter verhalten sich wie ihre Preise.“ 22 Bei Walras den Geldpreis des „numéraire“. 15 drückten Preise (dazu mehr weiter unten).23 So weit der elementare Gedankengang der „Mikroökonomik“. Ohne Frage ist der Denkstil der Newton’schen Himmelsmechanik für Ökonomen sehr hilfreich, wenn auch nicht der „goldene Weg“ der Ökonomik. Der Grund dafür ist beschämend einfach: Newtons Himmelsmechanik – die Marginalanalyse generell, die Grenzproduktivitätstheorie der Entlohnung insbesondere – setzt vollkommene Voraussicht voraus, und zwar „vollkommen“ im Sinne der Vorhersehbarkeit aller relevanten stochastischen Variablen samt ihren statistischen Eigenschaften.24 Aber eben gerade „vollkommene“ Voraussicht hat der Ökonom nicht. Sie widerspräche dem typischen ökonomischen Problem, das Frank Knight in seinem Werk „Risk, Uncertainty and Profit“ (1921) herausgestellt hat – dem Problem unvorhersehbarer Ereignisse. Keynes, der in Cambridge über Wahrscheinlichkeit promoviert hatte, greift genau das Problem auf. Er bemerkt dazu, „there is no scientific basis on which to form any calculable probability whatever. We simply do not know.“25 Ökonomik ist im Unterschied zur Physik keine ‚ergodische‘ Wissenschaft.26 Das spezifische Problem der Ökonomik – die Organisation einer Wirtschaft im Kleinen wie im Großen – besteht gerade darin, zu erklären, wie es der rationale Mensch schafft, mit den Ungewissheiten des Lebens in unserer nicht-er- 23 Ausführliche Darstellung vgl. Schumann (1992), Richter (1990). 24 Im Extrem von J.K. Arrow (1953) in seiner Zeit-Zustands-Theorie dargestellt. 25 Keynes (1937 [1973]), 114. 26 Wikipedia: „Streng ergodisch wird ein System dann genannt, wenn die Zeitmittel und Scharmittel mit der Wahrscheinlichkeit eins zum gleichen Ergebnis führen.“ Ich veranschauliche mir den Begriff damit, dass wir die stochastischen Variablen und deren Wahrscheinlichkeitsverteilungen nicht kennen. (Keynes 1937/1973, 114). 16 godischen Welt fertig zu werden. Es ist ein zentral gesellschaftliches Problem, auf das David Hume mit den oben zitierten Sätzen hingewiesen hat. Seine Lösung verlangt gesellschaftliche Verhaltensgrundsätze von der Art der drei Grundsätze des Naturrechts – und mehr noch: die Organisation sozialer Institutionen wie private und öffentliche Haushalte, Unternehmungen, Märkte und „gutes Benehmen“ à la Burke (vgl. Richter 2016, 131–154). Wenn wir aber eine Volkswirtschaft als ein komplexes, anpassungsfähiges System verstehen und annehmen, dass es in der Lage ist, sich von selbst an neue, unvorhergesehene Ereignisse anzupassen, dann stören Interventionen einer Zentralstelle nur den gesellschaftlichen Anpassungsprozess. Insbesondere problematisch ist, dass der vermutete Anpassungsprozess an das neue Gleichgewicht (nach einer Störung) in der Regel weder sofort noch stetig abläuft, sondern verzögert und zyklisch. Im Deutschland der Jahre 1882 bis 1914 (als es noch keine Konjunkturpolitik gab) dauerte so ein Zyklus ungefähr sechs Jahre.27 Für den Ausbruch der internationalen Finanzkrise von 2008/09 gibt es unterschiedliche Erklärungen. Ich folge der Erklärung von Wallison (2009), die der Eucken’schen Sichtweise nahekommt. Wallison28 sieht die Ursache der Finanzkrise in der affordable housing policy der US-Regierung. Im Kern handelte es sich dabei um eine, den Staat scheinbar nichts kostende Sozi- 27 Als in Deutschland der Goldstandard galt, d. h. keine Politik zur Stabilisierung der Währung praktiziert wurde! Ein Zyklus dauerte in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland zusammen durchschnittlich ungefähr fünf Jahre, siehe Burns und Mitchell (1947, 79, Tafel 16). 28 Wallison (2015). Vgl. dagegen Wallison (2009). 17 alpolitik der US-Regierung, und zwar durch Aufweichung des Grundsatzes der persönlichen Haftung (durch eine Form des „soft budgeting“). Für die Funktionstüchtigkeit des Kapitalismus sind jedoch alle drei Grundsätze des Naturrechts von Bedeutung. Wird auch nur einer von ihnen verletzt, kollabiert der Kapitalismus wie ein Kartenhaus. Dass ausgerechnet die USA, die zuvor jahrelang den Kommunismus mit großen Opfern an Blut und Geld bekämpft haben, einen der Stützpfeiler des Kapitalismus sabotierten, illustriert, auf was für klapprigen Füßen unser Wohlstand steht. Hinzu kommt, dass wegen der nahezu vollständigen Freigabe des internationalen Kapitalverkehrs die amerikanische (für die USA) sozialpolitisch begründete Aufweichung der Voraussetzungen für die Hypothekenvergabe weltweite Folgen hatte. Ben Bernanke, damaliger Präsident des Federal Reserve System, zögerte nicht, der Kritik von Milton Friedman und Anna Schwartz (1963) an der restriktiven Geldpolitik der Fed während der Weltwirtschaftskrise zu folgen. Er „öffnete die Schleusen“ der Fed, obgleich 2007 eine andere internationale Währungsordnung bestand als 1929. Gold war jetzt kein Währungsmetall mehr.29 Vielmehr herrschte ein internationaler Papierstandard mit dem US-Dollar als Leitwährung,30 – der allerdings nicht den frühen Ideen von Knut 29 Bernanke half sich mit der von ihm so bezeichneten Politik des „quantitative easing“. Er pumpte Zentralbankgeld in einem ihm geeignet erscheinenden Volumen in die Wirtschaft, indem er einfach Wertpapiere von den Geschäftsbanken aufkaufte. Das machte weitestgehend Schule, auch für die EZB. Es ist klar, dass solch eine Politik die üblichen Instrumente der Kapitalmarktsteuerung lahmlegt – was ganz im Sinne von Keynesianern wie Minsky (1996) ist. Nicht mehr die Kapitalisten mit ihren Eigenmitteln, sondern der Staat mit seinen Staatsschuldtiteln wettet jetzt auf Erfolg oder Misserfolg der Anlagen. 30 Thomas Fuster, „Mit dem Dollar leben lernen“, in: NZZ, 17.12.2018. 18 Wicksell (1898) entsprach, welcher an geeignete internationale Vereinbarungen dachte.31 Während im internationalen Goldstandard die Goldproduktion die Kaufkraft des Geldes beeinflusste, tut das jetzt die Notenpresse der USA. Die (nahe) Nullzinspolitik der Fed schlägt deshalb voll auf alle Länder ohne Kapitalverkehrskontrollen durch – darunter diejenigen der Eurozone. Der Geldmarktzins fällt als Steuerungsinstrument nationaler Geldpolitik aus – auch in den Staaten der Eurozone. Mario Draghi durchschaute das sofort und schwenkte nach seiner Ernennung zum Präsidenten der Europäischen Zentralbank voll auf die amerikanische Geldpolitik ein. Am 26. Juli 2012 äußerte er vor der Presse den berühmten Satz: „Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.“32 Die sozialen Konsequenzen dieser Politik waren für die Euromitglieder die gleichen wie für die USA. Für die USA war Bernankes Politik eine gute Antwort, für die Deutschen dagegen absolut nicht, und zwar wegen ihrer sehr anderen Spar- und Anlagegewohnheiten.33 Die Frage stellt sich, warum unsere auf 31 Knut Wicksell (1898), Geldzins und Güterpreise, Jena, 177–179: „[…] der Regulator der Warenpreise würde dann erst recht der Bankzins sein, indem er nicht mehr wie heute durch die Zufälligkeiten der Edelmetallproduktion und -konsumtion […] eingeengt wäre, sondern in durchaus freier, nur durch das Zielbewusstsein der Geldanstalten vorgeschriebener Weise sich bewegen würde.“ Wicksell übersah dabei das Problem staatlicher Währungsinterventionen. Vgl. dazu Blanchards Argument für Kapitalverkehrskontrollen unter https://blog.tagesanzeiger.ch/never mindthemarkets/index.php/40311/kapitalverkehrskontrollen-taugenmehr-als-kooperation/, 1.6.2020. 32 Hervorhebung durch den Verf. Vgl. im Übrigen R. Richter (2017c). 33 Wenn auch immer noch besser als der völlige Verlust ihrer Bankeinlagen, die in Deutschland nicht so wie in den USA vom Staat garantiert werden. 19 soziale Wohlfahrt bedachte Regierung ihre Bürger nicht rechtzeitig auf die sehr anderen Verhältnisse in einer Welt des internationalen Papierstandards mit flexiblen Wechselkursen und freiem internationalen Kapitalverkehr hingewiesen hatte. Man hätte sie zumindest rechtzeitig zu einer Änderung ihrer Anlagegewohnheiten bewegen können, auch wenn das wegen der starken Pfadabhängigkeit34 deutscher Spargewohnheiten keine einfache Sache gewesen wäre. Im Effekt legte Bernanke mit seiner Geldpolitik den (privaten) Kapitalmarkt lahm – ganz im Sinne von Minsky (1986, 173), der für eine Politik des „Big Government“ plädierte, um so Störungen durch Finanzspekulationen zu vermeiden. Minsky behauptet: „[B]ig Government capitalism is more stable than small government capitalism: this is shown by both the experience of the past century and by an economic theory that allows for financial institutions. This greater stability is because of the impact of government deficits as a contra cyclical phenomenon in stabilizing profits.“ (Minsky 1986, 292) 34 North (2005), 21.

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References

Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.