XIII. Was verstehe ich unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre heute, nach 65 Jahren akademischer Lehre? in:

Rudolf Richter

Theoretische Volkswirtschaftslehre, page 85 - 88

Eine persönliche Kurzfassung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4510-7, ISBN online: 978-3-8288-7549-4, https://doi.org/10.5771/9783828875494-85

Tectum, Baden-Baden
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85 XIII. Was verstehe ich unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre heute, nach 65 Jahren akademischer Lehre? Ich verstehe sie heute folgendermaßen: Theoretische Volkswirtschaftslehre handelt vom Wohlstand der Nationen, seinen Ursachen und seiner Verteilung auf die Einzelnen. Sie ist deshalb eine Wissenschaft, die sich mit den materiellen Interessen der Einzelnen und ihrer inneren Dynamik befasst – einem theoretischen Problem komplex dynamischer Anpassungsfähigkeit, das sich allenfalls durch geeignete computergestützte Rechenbeispiele128 illustrieren lässt oder durch historische Erfahrungen129 begründet werden kann, nicht jedoch durch Lösungen ökonometrisch gestützter dynamischer Modelle.130 Letztlich haben wir keinen handfesten Beweis der Widerspruchsfreiheit und Stabilität der realen Wirtschaft.131 Wirtschaftstheorie steht insofern auf ideologisch schwankendem Boden. Wer das Fach vertritt, muss ideologisch Farbe bekennen: Nach meinem ‚konservativ-liberalen‘ Verständnis (Rödder 2019), ist Theoretische Volkswirtschaftslehre der erklärenden Teil der Volkswirtschaftslehre – einer Realwissenschaft, die die Verfügung der Einzelnen einer freien Gesellschaft über knappe Güter 128 Vgl. Miller und Page (2007). 129 Zum Beispiel der Zusammenbruch des zentral gesteuerten Großsystems der UdSSR im Vergleich zu den enormen Erfolgen zentral gesteuerter Kleinsysteme vom Typ der „Aktiengesellschaft“ (‚Corporation‘). 130 Weil es im Unterschied zur Physik in der Ökonomik keine festen Koeffizienten gibt vom Typ der Gravitation g = 9,798 m/s2. Abgesehen davon siehe auch Kirman (2016). 131 Vgl. Kirman (2016). 86 und deren Tausch über offene und freie Märkte zum Gegenstand hat. Auch Keynes und die ‚Keynesianer‘ denken in diesem Stil. Was sie bezweifeln (und ich auch früher bezweifelte) ist, dass Vollbeschäftigung ohne staatliche Interventionen realisiert werden kann. Unabhängig davon ist Ökonomik ein eminent politisches Fach, denn das wirtschaftliche Glück oder Unglück der Einzelnen hängt in starkem Maße von den Entscheidungen derjenigen ab, die auf den sozialen Rahmen der nationalen Wirtschaften Einfluss haben. Das sind die Politiker und intellektuellen Führungskräfte (voran die ‚öffentlichen Intellektuellen‘132) aller Nationen. Um gedankliche Ordnung in das Gewirr des nationalen und internationalen Wirtschaftslebens zu bringen, greifen wir sowohl auf Ansätze der Rechtswissenschaft (1.) als auch der Naturwissenschaft (2.) zurück, und zwar (1.) auf die Grundsätze des Naturrechts (David Hume (1739/40133), (2a) auf das ökonomische Kreislaufmodell, das auf die Entdeckung des Blutkreislaufs zurückgeht (François Quesnay 1759) und (2b) auf das Konzept des Gleichgewichts auf allen Gütermärkten, dem Newtons Himmelsmechanik zugrunde liegt (Léon Walras 1874). Es gibt allerding keine Antwort auf das Problem der Ungewissheit der Zukunft. Ansätze dazu liefern Keynes (1936) und Vertreter der Neuen Institutionenökonomik.134 So weit die „formalistische“ Auffassung der Wirtschaftstheorie. Sie erklärt freilich nur den Austausch von Gütern in einem „sozialen Vakuum“. Im Wirtschaftsleben spielen jedoch auch in- 132 Z. B. Karl Marx; zum Thema ‚öffentliche Intellektuelle‘ vgl. Posner (2001). 133 Zur Anwendung der Grundsätze des Naturrechts in der Wirtschaftspolitik vgl. Eucken (1975), Richter (2018b) und Richter (2014). 134 Vgl. Überblick in Richter (2016a). 87 formelle Normen eine wichtige Rolle. Der „substantivistischen“ Auffassung (Polanyi 1944) folgend werden – wenn auch langsam die formalen Ansätze um soziokulturelle Rahmenbedingungen erweitert (so z. B. von North 1990 und anderen Vertretern der Neuen Institutionenökonomik135). Die vorherrschende nationale Kultur wird berücksichtigt (die national weitervererbte sittliche Gesinnung der Einzelnen).136 Arrow (1974, 26) hebt die nationale Kultur als eine zusätzliche „unsichtbare Institution“ hervor und fährt fort „Gemeinwesen haben in ihrer Entwicklung stillschweigende Übereinkommen über ihr Verhalten untereinander entwickelt […], die wesentlich sind für das Überleben des Gemeinwesens oder zumindest beträchtlich zu ihrer Funktionstüchtigkeit beitragen.“ Er schreibt: Vertrauen untereinander „ist ein wichtiges Gleitmittel einer Gesellschaft. Es ist extrem effizient; es erspart viel Ärger, wenn man sich auf das Wort eines anderen einigermaßen verlassen kann (Arrow 1974, 23; Fukuyama 1995, 14). Wir nennen heute das System informeller Regeln das „Sozialkapital“ einer Wirtschaft (Richter und Furubotn 2010). Empirische Forschungen zur Entwicklung von „Sozialkapital“ liefern Arbeiten von Ethnologen wie Henrich (2016). In der modernen Wirtschaftstheorie und ihren Prognosemodellen spielt leider die scheinbar „revolutionsfeste“ formalistische Auffassung die führende Rolle. Die empfindlichere substantivistische Auffassung tritt zurück. Sie sollte zumindest bei der Analyse und dem Entwurf internationaler Organisationen beachtet werden.137 135 Richter (2005) und Kap. 1 in Richter (2015). 136 Paqué (2018, 297–300). 137 Richter (2016b).

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Abstract

Theoretical economics is the foundation of political economics. Its meaning lies in the area between private exchange and public coercion. In summary: control of individual behavior by coercion or control by free bargaining. It is, basically, a problem of rhetoric’s, not of science. To participate in the debate requires knowledge of the relevant arguments such as the theories of Walras or Keynes, Marx or Lenin. Boned up school knowledge does not help much.

Zusammenfassung

Was versteht man unter Theoretischer Volkswirtschaftslehre? Eine Antwort in einem Satz ist unmöglich. Jedenfalls spielt die Verfügung der Einzelnen über knappe Güter und Dienste eine Rolle. Die Antwort liegt im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Zwang (Politik) oder freiwillig eingegangenen Schuldverhältnissen (Tausch). Knapp zusammengefasst: Die Steuerung des Verhaltens Einzelner in einer Welt voller Ungewissheit per Kommando oder durch frei verhandelten Tausch. Worum es im Einzelnen geht, ist ein rhetorisches Problem. Wer mitreden will, muss die vorherrschenden Denkfiguren kennen – wie die Theorien von Walras oder Keynes, von Marx oder Lenin, um sie argumentativ einsetzen zu können. Mit reinem Paukwissen ist es nicht getan.