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Zu These 6: Wertobjekte und Wertäquivalente (meistens Geld) erscheinen im Ereignisfeld einander immer gleich groß gegenübergestellt. in:

Rainer Lippert

Mit Marx zur Marktwirtschaft?, page 125 - 128

Eine Neuerung der Marx’schen Arbeitswerttheorie

3. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3917-5, ISBN online: 978-3-8288-6667-6, https://doi.org/10.5771/9783828866676-125

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 82

Tectum, Baden-Baden
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125 zu thEsE 6: Zu These 6: Wertobjekte und Wertäquivalente (meistens Geld) erscheinen im Ereignisfeld einander immer gleich groß gegenübergestellt. Grundsätzlich gilt, dass in einer Gesellschaft der Umfang aller Wertobjekte gleich groß ist dem Umfang der gesamten dafür gebotenen Wertäquivalente. Diese Aussage gilt bezogen auf die wirksamen Preise für sämtliche Tauschvorgänge im Ereignisfeld, die zu einem Zeitpunkt stattfinden. Die Aussage kann, ohne Frage, nicht für die vorhandenen Geldmengen und die vorhandenen potenziellen Wertobjekte im Ereignisfeld gelten, denn die Preissummen aller potenziellen Wertobjekte sind zunächst nur Ausdruck von Ansprüchen. Ob diese Ansprüche durchgesetzt werden können, wird erst später entschieden. Ein Ereignisfeld im hier gemeinten Sinne soll der Wirkungsbereich eines einheitlichen Währungssystems sein. Gleich großer Wertumfang von Wertobjekt und Wertäquivalent auch bei Marx Das Statement zum gleich großen Wertumfang von Wertobjekten und Äquivalenten entspricht den Vorstellungen von Marx, auch wenn er diesen Sachverhalt nicht in der Art formuliert hat: „Das erwähnte Verhältnis (das gesellschaftliche Verhältnis Wert; Anm. des Autors) ist das Verhältnis einer Ware zu einer anderen Ware, mit der sie ausgetauscht wird, bzw. allgemein gesprochen das Verhältnis einer Ware zu einer bestimmten Menge Geld, gegen das sie getauscht wird. Der Wert wird erst im Austausch der Waren konstituiert.“ [6] Daraus ergibt sich bereits per Definition, dass ein Überhang auf einer der beiden Seiten nicht existieren kann. Die Menschen erzeugen diesen Zustand mit jeder ihrer ökonomischen Aktivitäten sozusagen „automatisch“. Prinzipiell kann formuliert werden, dass ein Überhang an Wertobjekten gegenüber den bereitgestellten Wertäquivalenten unmöglich ist, weil die für Wertobjekte notwendige gesellschaftliche Anerkennung als solche für diese „überzähligen“ Parts fehlen würde. Diese „Wertobjektanteile im Überhang“ könnten höchstens Anteile sein, die potenzielle Käufer nur als gut, wichtig, schön usw. sehen, dies aber nicht gesellschaftlich relevant durch Bezahlung zum Ausdruck bringen. Bei den Äquivalenten zu den Wertobjekten sieht es etwas anders aus, wenn es dabei um Geld geht. Das Wertattribut des Geldes ist ein Versprechen auf Wertobjekte, das von Banken, der EZB (Euro) bzw. vom Staat gegeben wird. Sollten die potenziellen Käufer einer Gesellschaft mehr Geld von der zugesagten Werthöhe her erhalten, als Wertobjekte vom Wertumfang her gesehen vorhanden wären, dann würde das in einer Gesellschaft mit nicht fixen Preisen zu Preiserhöhungen führen, da die Nachfrage nach praktisch allen Produkten steigen würde. Damit wäre nach kurzer Zeit wieder 126 Lippert eine Übereinstimmung vom Geld- und Wertobjektumfang gegeben. Die Preisangaben der Wertobjekte würden verändert werden, aber die Geldmengen würden weiterhin für gleiche prozentuale Anrechte auf Wertobjekte stehen. Ganz sicher gibt es weitere Auswirkungen, die hier aber nicht untersucht werden sollen. Dieser Effekt kann jedoch nur auftreten, wenn die überschüssige Geldmenge im Verbraucherbereich wirksam wird. In einer Gesellschaft, in der die Preise nicht einfach verändert werden dürfen (Planwirtschaft, z. B. DDR) würde aber ein bei den Bürgern generierter Geldüberschuss Mangelerscheinungen hervorrufen. Wertgleichheit von Wertobjekt und Äquivalent auch beim Handel auf dem Basar Diese Wertgleichheit von Wertobjekt und dafür gebotenem Äquivalent trifft auch auf das Basargeschehen zu und ebenso auf den direkten Warentausch, selbst wenn durch das Feilschen einer der Tauschpartner sich übervorteilt sehen sollte. In einem gedanklichen Szenario, das gut zur damaligen Situation in der DDR passt, möchte ein Handwerker eine Familienfeier ausrichten. Dazu muss er verschiedene Lebensmittel einkaufen. Ein Lebensmittelhändler benötigt einen Schreibtisch. Beide kennen sich und finden die Idee gut, die Waren (da diese nur stofflicher Natur sind, kann diese gängige Formulierung hier in Annäherung genutzt werden) miteinander zu tauschen (Bild 6). Der Lebensmittelhändler errechnet als Wert seiner Waren 540 Mark. Der Handwerker errechnet 650 Mark für seinen Schreibtisch. Der Lebensmittelhändler versucht, seine Produkte als Gegenwert für den Schreibtisch, also für 650 Mark, abzugeben. Der Handwerker ist nicht bereit, seinen „Sachwert“ von 650 Mark als Äquivalent für die Lebensmittel allein zu akzeptieren. Er lässt sich aber dazu überreden, 595 Mark zu akzeptieren. Der Lebensmittelhändler kann seinen ursprünglichen Anspruch auf Gegenleistung nicht durchsetzen. Aber mit 595 Mark liegt er immer noch deutlich über seinem errechneten Anspruch auf Gegenleistung von 540 M, den er aber dem Handwerker nicht verraten hat. Er wird den Tausch als Gewinn sehen, der Handwerker sieht ihn als Verlustgeschäft, das er sich aber durchaus einmal leisten kann. Wenn die beiden im privaten Bereich tauschen und keinen Wertausgleich über Geld vornehmen, ist die Werthöhe, auf die sie sich einigen, völlig egal, diese könnte ebenso gut 2000 Mark betragen – ein solcher Preis wäre für die Ökonomie der Gesellschaft nicht relevant. Geschieht der Tausch aber sichtbar für die Gesellschaft, indem z. B. eine Rechnungslegung erfolgt, dann wäre der Wert der Produkte für die Gesellschaft von Bedeutung. Denn solch ein Tausch beträfe den Gesamtumfang aller in der Gesellschaft gehandelten Wertobjekte und Finanzmittel, die Steuern, Versicherungen, Abschreibungen und Erbschaften. Das für die beiden ökonomisch relevante Ergebnis lautet 595 Mark für die Lebensmittel und 595 Mark für den Schreibtisch. Der Wert des Schreibtisches würde damit von 650 Mark auf 595 Mark gesenkt und der Wert der Lebensmittel von 540 Mark auf 595 Mark angehoben. So kann wiederum formuliert werden: Der Umfang an Wertobjekten, ausgedrückt in Werteinheiten, und der Umfang an dafür bereitgestellten Äquivalenten, ebenfalls ausgedrückt in Werteinheiten, sind im Ereignisfeld immer gleich groß (Bild 7.1). Wie diese Gleichheit herbeigeführt wird, ist aber nicht spürbar auf der gesellschaftlichen 127 zu thEsE 6: Ebene. Basis der Wertgrößen sind auch beim Naturalienhandel die Werte der Arbeitskräfte. Doch auch bei solchen Tauschvorgängen wirken weitere Faktoren auf die letztendlich realisierten Wertgrößen ein. Inflationsgeld, überschüssige potenzielle Wertobjekte und der Zeitraum Objekte, Aktivitäten und Ideen, die über den Umfang an Wertäquivalenten hinaus auf dem Markt bereitgestellt werden, sind keine Wertobjekte im ökonomischen Sinne. Sie werden nicht als relativ nützlich im ökonomischen Sinne anerkannt. Somit werden diese nur potenziellen Wertobjekte nicht in gesellschaftliche Wertverhältnisse einbezogen, denn sonst müssten dafür ebenfalls ökonomisch relevante Äquivalente (Geld, andere Wertobjekte, Arbeitsleistungen) abgegeben werden (Bild 7.2). Geld, das über den Umfang an Wertobjekten, ausgedrückt in Preisen, hinaus zum Bezug von Wertobjekten wie technischen Geräten, Literatur, Veranstaltungen, Patenten usw. zur Verfügung gestellt wird (also ohne dass dafür Wertobjekte vorhanden wären), wäre im ökonomischen Sinne kein wirkliches Wertäquivalent bzw. Stellvertreter-Wertobjekt, sondern Inflationsgeld24. Inflation ist nicht die Erscheinung, dass Preise zum Ausgleich des Geldüberhangs angehoben werden. Inflation ist ein Geldüberhang durch Geldüberschuss gegenüber den dafür gebotenen Wertobjekten. Wenn Inflationsgeld generiert wird, entspricht das einer Geldentwertung. Durch die Anhebung von Preisen kann eine Inflation gemindert bzw. vollständig beseitigt werden. (Das gilt aber nur für den Fall, dass das Inflationsgeld für den ökonomischen Austausch verfügbar ist, z. B. über höhere Löhne. Geldüberhang im relativ selbständigen Finanzsektor wird anders „verarbeitet“.) (Bild 7.3): „Inflation entsteht demnach nur, wenn die nachfragewirksame Geldmenge schneller wächst als die realen Produktionsmöglichkeiten.“ [18] Anm. des Autors: Die umgangssprachlich genutzte Definition ist unter dem Stichwort „Inflation“ zu finden: „Eine Inflation ist ein Prozess anhaltender Preisniveausteigerungen, die über eine gewisse Marge hinausgehen.“ Zum Begriff „Geldüberhang“ muss etwas weiter ausgeholt werden: Was ist Geld, das über den Umfang der Wertobjekte hinaus bereitgestellt wird? Das gesellschaftliche Verhältnis Wert wird nur für einen kurzen Moment aufgebaut. Damit wird nur ein extrem geringer Anteil an allen Wertobjekten als reale Wertobjekte gehandelt. Der überwiegende Teil verbleibt als potenzielle Wertobjekte. Genauso sieht es bei den Geldmitteln aus. Nur ein kleiner Anteil an allen für reale Käufe zur Verfügung stehenden Geldmitteln wird zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich genutzt. Der überwiegende Teil verbleibt zunächst als potenzielles Zahlungsmittel bei potenziellen Käufern. Das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt an wirklichen Wertobjekten und an wirklichen Wertäquivalenten auf dem Markt gehandelt wird, widerspiegelt folglich in keiner Weise die reale ökonomische Situation eines beliebigen Landes, denn der überwiegende 24 Inflationsgeld Die hier beschriebene Situation traf insbesondere auf die DDR zu. Es gab einen großen Geldüberhang bei den Bürgern, der nicht durch höhere Preise ausgeglichen werden konnte, da die Preise diktiert und dabei zu niedrig angesetzt wurden. 128 Lippert Teil der potenziellen Wertobjekte wird gegen potenzielle Geldmengen in einem überschaubaren Zeitraum getauscht werden. Der Begriff Inflation sollte dieser Situation bei potenziellen Wertobjekten und beim Geld als potenzielle Wertäquivalenz gerecht werden. Das könnte dadurch geschehen, dass die Wahrscheinlichkeit für die Transformation eines bestimmten Umfangs an potenziellen Wertobjekten in reale Wertobjekte und eine entsprechend wahrscheinlich umgesetzte Geldmenge in die Betrachtungen der ökonomischen Situationen bezüglich der Inflation einbezogen wird. Bezugsbasis sollte ein hinreichend langer Zeitraum sein. Das könnte ein Monat oder ein Jahr sein. In der DDR wirkten der Überhang an potenziellen Wertobjekten (Ladenhüter) und der Geldüberhang (Mangelwaren) über sehr lange Zeiträume parallel und beide Seiten wuchsen immer weiter (Bild 7.4). Es war abzusehen, dass in denkbaren Zeiträumen die störenden überschüssigen Geldmengen (zu erkennen am Mangelwarenumfang) nicht für den Tausch gegen reale Wertobjekte hätten genutzt werden können.

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Zusammenfassung

Der Zusammenbruch der UdSSR um 1990 markierte nach allgemeiner Auffassung auch den Triumph der freiheitlichen Wirtschaftsordnung über das sozialistische Planwirtschaftsmodell. Die genauen Gründe hierfür sind nicht leicht auszumachen. Allein die Fülle an unterschiedlichen Theorien zur Erklärung des sowjetischen Zerfalls legt den Schluss nahe, dass es ein komplexes Zusammenspiel mannigfaltiger Faktoren war, die den kommunistischen Gedanken als eine praktische Wirklichkeit nicht überdauern ließ. Rainer Lippert fügt der wissenschaftlichen Diskussion einen weiteren, wertvollen Ansatz hinzu. Seine neue und zeitgemäße Überarbeitung der weltberühmten Theorie erweitert Marx’ klassischen Arbeitswertbegriff und beweist, dass dieser nur ein Spezialfall eines viel allgemeineren Wertbegriffes ist. Durch Lipperts Erweiterung der Marx'schen Arbeitswerttheorie lässt sich nicht nur der entscheidende Konstruktionsfehler planwirtschaftlicher Modelle benennen: Aus dem Überführen der Marx’schen Grundprämisse in eine allgemein lebenswirklichere Form gelingt ihm auch in schlüssiger Weise die zentrale Argumentation für die freie Marktwirtschaft.