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Zu These 1: Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis. in:

Rainer Lippert

Mit Marx zur Marktwirtschaft?, page 15 - 16

Eine Neuerung der Marx’schen Arbeitswerttheorie

3. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3917-5, ISBN online: 978-3-8288-6667-6, https://doi.org/10.5771/9783828866676-15

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 82

Tectum, Baden-Baden
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15 zu thEsE 1: Zu These 1: Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Es steht außer Frage, dass Wert ein gesellschaftliches Verhältnis ist. Friedrich Engels sagt: „Die Ökonomie handelt nicht von Dingen, sondern von Verhältnissen zwischen Personen und in letzter Instanz zwischen Klassen; diese Verhältnisse sind aber stets an Dinge gebunden und erscheinen als Dinge.“ [2] Die folgenden zwei Aspekte sollen hervorgehoben werden: 1. Gesellschaftliche Verhältnisse entstehen mit den Beziehungen, die die Menschen untereinander eingehen. Gesellschaftliche Verhältnisse sind an die Menschen gebunden. Gesellschaftliche Verhältnisse können entfremdet vom Menschen, also objektiv, erscheinen. Ihrem Wesen nach sind sie aber an das menschliche Bewusstsein gekoppelt – wie ein Haus an das Material, aus dem es besteht. Im Philosophischen Wörterbuch, Bd. 1, lesen wir: „Die gesellschaftlichen Verhältnisse können nicht von den praktisch handelnden Menschen getrennt werden. Indem die Menschen materielle Güter produzieren und sich auf allen Gebieten des Lebens zueinander verhalten, erzeugen sie auch ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese sind jedoch nicht passive Erzeugnisse der praktischen mensch lichen Tätigkeit. Sie sind zugleich deren Produkt und Voraussetzung; die gesellschaftlichen Verhältnisse sind notwendige Formen, in denen sich die praktische menschliche Tätigkeit vollzieht, und sie bestimmen deren Richtung, Tempo und Charakter. Folglich sind alle Auffassungen, die den gesellschaftlichen Verhältnissen eine von den Menschen und der menschlichen Tätigkeit unabhängige Existenz zuschreiben, … von vornherein verfehlt.“ [3] Wenn der Wert aIs ökonomische Kategorie ein gesellschaftliches Verhältnis darstellt, dann müssen notwendigerweise sämtliche Merkmale, die das Wesen eines gesellschaftlichen Verhältnisses ausmachen, auch auf den Wert zutreffen: Wert ist ein Element der Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse. 2. Die ökonomische Entwicklung ist Bestandteil der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit. Gesellschaftliche Verhältnisse existieren in vielen Einzelverhältnissen Die ökonomischen Momente sind als Bestandteile der gesellschaftlichen Entwicklung auch Teil der geschichtlichen Entwicklung. Denn die Ökonomie ist nur der abstrakte Begriff für eine Vielzahl gesellschaftlicher und damit geschichtsbestimmender Bedingungen, Verhältnisse und Prozesse im wirtschaftlichen Bereich der Gesellschaft. Zur geschichtlichen Entwicklung schreibt F. Engels weiter an J. Bloch: 16 Lippert „Zweitens aber macht sich die Geschichte so, dass das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ergebnis – hervorgeht, die selbst wieder als Produkt einer, als Ganzes, bewusstlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen. Aber daraus, dass die einzelnen Willen – von denen jeder das will, wozu ihn Körperkonstitution und äußere, in letzter Instanz ökonomische Umstände (entweder seine eigenen persönlichen oder allgemein-gesellschaftliche) treiben – nicht das erreichen, was sie wollen, sondern zu einem Gesamtdurchschnitt, einer gemeinsamen Resultante verschmelzen, daraus darf doch nicht geschlossen werden, dass sie = 0 zu setzen sind. Im Gegenteil, jeder trägt zur Resultante bei und ist insofern in ihr einbegriffen.“ [4] Jeder trägt zur Resultante bei – dies gilt nach Engels für die geschichtlichen, d. h. für die gesellschaftlichen Prozesse. Denn Geschichte im hier gemeinten Sinne ist gesellschaftliche Geschichte, in der die Einzelbedingungen, -verhältnisse und -prozesse jeweils als durchschnittliche Größen – eben als Resultanten – wirksam werden. Konkret wirken aber nur die Einzelprozesse, -verhältnisse und -bedingungen. Diese erscheinen lediglich in der Gesamtheit als Durchschnitt, weil das Bewusstsein den Durchschnitt aus den Einzelteilen bildet. Der Durchschnitt selbst wirkt nur in Ausnahmefällen direkt in der Realität, z. B. dann, wenn ein gesellschaftliches Verhältnis Wert etabliert wird, das nur mit sich selbst den Durchschnitt bildet. Das trifft u. a. auf die Wertbildung bei der Auktion von einmaligen Kunstwerken zu. Gilt aber die oben getroffene Aussage, dass jeder zur Resultante beiträgt, für die gesellschaftlichen Verhältnisse, so gilt sie notwendigerweise ebenso für den Wert als ökonomische Kategorie. Denn der Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das zwischen Menschen wirkt. Damit sind Bewusstseinsprozesse am Wert beteiligt. Wert hat folglich ideelle Anteile. Da der Wert zwischen(!) den Menschen wirkt, muss er auch einen Anteil besitzen, der über die ideellen Bereiche dieser Menschen hinausragt und als gesellschaftliches Element auf der gesellschaftlichen Ebene wirkt. Dieser Anteil des Wertes ist ein objektiver Anteil. Er wirkt zwar nicht unabhängig von den Bewusstseinsprozessen, aber außerhalb dieser, also objektiv. Der durchschnittliche Wert wiederum kann somit nicht als solcher existieren, sondern er wird von den Menschen aus allen jeweils relevanten Einzelwertbeziehungen ermittelt.

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Zusammenfassung

Der Zusammenbruch der UdSSR um 1990 markierte nach allgemeiner Auffassung auch den Triumph der freiheitlichen Wirtschaftsordnung über das sozialistische Planwirtschaftsmodell. Die genauen Gründe hierfür sind nicht leicht auszumachen. Allein die Fülle an unterschiedlichen Theorien zur Erklärung des sowjetischen Zerfalls legt den Schluss nahe, dass es ein komplexes Zusammenspiel mannigfaltiger Faktoren war, die den kommunistischen Gedanken als eine praktische Wirklichkeit nicht überdauern ließ. Rainer Lippert fügt der wissenschaftlichen Diskussion einen weiteren, wertvollen Ansatz hinzu. Seine neue und zeitgemäße Überarbeitung der weltberühmten Theorie erweitert Marx’ klassischen Arbeitswertbegriff und beweist, dass dieser nur ein Spezialfall eines viel allgemeineren Wertbegriffes ist. Durch Lipperts Erweiterung der Marx'schen Arbeitswerttheorie lässt sich nicht nur der entscheidende Konstruktionsfehler planwirtschaftlicher Modelle benennen: Aus dem Überführen der Marx’schen Grundprämisse in eine allgemein lebenswirklichere Form gelingt ihm auch in schlüssiger Weise die zentrale Argumentation für die freie Marktwirtschaft.