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Bayerisch-pfälzischer Erbfolgekrieg, Reichstag zu Köln 1505 und Feldzug gegen Ungarn in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 87 - 90

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-87

Tectum, Baden-Baden
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Bayerisch-pfälzischer Erbfolgekrieg, Reichstag zu Köln 1505 und Feldzug gegen Ungarn Der nach dem Tod des Herzogs Georg von Bayern-Landshut im Dezember 1503 entbrannte bayerisch-pfälzische Erbfolgekrieg, der sich mit allen Schrecken bis in das Jahr 1505 hinziehen sollte, verwüstete weite Teile Bayerns, Süddeutschlands sowie der Pfalz und wurde von allen Beteiligten mit äußerster Härte und Grausamkeit geführt. Kurz vor seinem Tod hatte Georg, genannt der Reiche, da er keine männlichen Erben hatte, seinen Schwiegersohn, Ruprecht von der Pfalz, zu seinem Statthalter ernannt und dessen Nachkommen als Erben in Niederbayern eingesetzt. Albrecht IV., Herzog von Bayern-München war nicht gewillt, diese Regelung zu akzeptieren, da gemäß dem Wittelsbacher Hausvertrag bei Aussterben einer männlichen Linie alle Besitzungen an die jeweils andere Linie fallen sollten. Maximilian übernahm die Vermittlerrolle zwischen den in Streit geratenen Parteien und leitete im Namen des Reiches die gesamte Kriegsführung, erschien persönlich an der Donau und rückte in die Rheinpfalz bis nach Heidelberg vor. Der pfälzische Kurfürst, der sich mit der innerdeutschen, gegen den Habsburger gerichteten, Opposition verbunden hatte, kam nicht umhin, sich zu unterwerfen.226 Maximilians Sieg im bayerisch-pfälzischen Erbfolgekrieg, dem sogenannten Landshuter Erbfolgekrieg, führte ihn auf einen vorübergehenden Höhepunkt seiner Macht im Reich. Das Ansehen und die Reputation des Königs nach den schweren Niederlagen der vergangenen Jahre schienen damit wiederhergestellt zu sein. Jegliche Form der reichsständischen Opposition löste sich nun auf. Den Erbstreit zwischen Bayern und der Pfalz, der zugunsten der bayerischen Partei verlaufen war, beendete Maximilian auf 226 Reinhard Stauber: Der Landshuter Erbfolgekrieg-Selbstzerstörung des Hauses Wittelsbach?, in: Jörg Peltzer, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter, Alfried Wieczorek (Hrsg.): Die Wittelsbacher und die Kurpfalz im Mittelalter, Bd. 1, Regensburg 2013, S. 207-208 87 dem Kölner Reichstag am 30. Juli 1505 durch einen Schiedsspruch.227 Dem König lag daran, Sieger und Besiegte zu versöhnen sowie für alle Seiten nach Möglichkeit einen Ausgleich zu finden. Obgleich die Pfalz sich gegen Maximilian aufgelehnt hatte und damit ein eklatanter Verstoß gegen Reichsrecht vorlag, behandelte der König alle beteiligten Oppositionellen mit großer Milde. Er nahm sie wieder in Gnaden innerhalb des Reichsverbandes auf, wobei er das Kurfürstentum sogar an der Aufteilung des Erbes teilhaben ließ. Das Haupterbe fiel zwar dem Wittelsbacher Herzog Albrecht IV. in München zu, doch sollte sich, nach dem Willen des Königs, an den Grenzen seines österreichischen Erblandes keine einseitige Machtvergrößerung vollziehen. Maximilian erhob gegenüber dem Herzogtum Oberbayern, das er mit 10.000 Mann Hilfstruppen während des Krieges unterstützt hatte, territoriale Entschädigungsansprüche, um seine Unkosten zu decken. Der Habsburger forderte und erhielt neben Rattenberg, Kitzbühel und Kufstein im bis dato bayerischen Unterinntal das gesamte nordöstliche, bisher zu Bayern gehörende, Tirol, die Gebiete bei Mondsee und Sankt Wolfgang sowie Grenzgebiete im habsburgischen Schwaben.228 Auf dem Reichstag zu Köln, der zwischen Mitte Juni und Anfang August 1505 tagte, gab es neben der den Erbstreit beendenden Abgabe des Schiedsspruches durch Maximilian noch weitere Entscheidungen, wie etwa die überaus notwendig gewordene Wiederherstellung des allgemeinen Landfriedens, der den Schutz des Einzelnen zur Sache der öffentlichen Hand, also des Reiches und seiner Gerichte machte.229 Großes Verdienst des Königs war es, das Reichskammergericht, dessen Tätigkeit während der Kriegszeit geruht hatte, zumindest pro forma aufrechterhalten und damit gerettet zu haben. Anderen Verbesserungsvorschlägen – insbesondere einer weiterführenden Steuerreform – gingen die Reichsstände aus dem Weg und zogen sich auf hinhaltenden Widerstand zurück. Ohne gravierende Schwierigkeiten hingegen hatten die Stände in Köln dem Habsburger, der sich seit dem Preßburger Frieden von 1491 neben dem amtierenden ungarischen 227 Ludwig Holzfurtner: Die Wittelsbacher. Staat und Dynastie in acht Jahrhunderten, Stuttgart 2005, S. 128-129 228 Ebd., S. 129 229 Heil: Maximilian I. und das Reich, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 99-100 Bayerisch-pfälzischer Erbfolgekrieg, Reichstag zu Köln 1505 und Feldzug gegen Ungarn 88 König Wladislaw II. rechtmäßig „König von Ungarn“ nennen durfte, eine Truppenhilfe von 1000 Reitern und 4000 Fußknechten gegen Ungarn gewährt. Dort stellte man neuerdings das seinerzeit vereinbarte Erbrecht der Habsburger, sollte Wladislaw ohne männliche Erben sterben, gänzlich in Frage.230 Auf Unabhängigkeit ihres Königreichs drängende magyarische Magnaten unter Führung des ungarischen Aristokraten Johann Zápolya hatten auf dem Reichstag von Rákos, einem freien Feld in waldigem Gelände unweit von Pest, im Oktober 1505 den Antrag eingebracht, dass im Falle des Todes von Wladislaw, der zu jener Zeit schwer erkrankt war, ausschließlich ein geborener Ungar zum König gewählt werden dürfe. Auf Grund dieses Vorhabens schienen die habsburgischen Erbhoffnungen ernsthaft gefährdet zu sein. Maximilian war bereit, seinen Anspruch auf das ungarische Erbe, falls nötig, auch mit Waffengewalt geltend zu machen. Zwischen Mai und Juli 1506 zog der Habsburger die Donau aufwärts Richtung Preßburg und fiel in Mittelungarn ein. Angesichts des raschen Vorstoßes brach der Widerstand der Magnatenpartei innerhalb kurzer Zeit zusammen. Die Geburt eines ungarischen Thronerben, des Prinzen Ludwig, am 1. Juli 1506 machte die Thron- und Erbfolgefrage bis auf weiteres obsolet.231 Aus diesem Grund nahm der Habsburger das offerierte ungarische Friedensangebot umgehend an, zog sich aus dem bereits besetzten Preßburg zurück und vereinbarte mit Wladislaw im Frieden von Wien am 19. Juli 1506 einen geheimen ungarisch-österreichischen Doppelheiratsvertrag, in dem wechselseitige Heiraten zwischen den jeweiligen Thronfolgern beschlossen wurden. Dieser Kontrakt, der im Herbst des folgenden Jahres – erweitert zu einem umfassenden Heiratsund Freundschaftsvertrag – von beiden Seiten ratifiziert wurde, sollte den Hoffnungen Maximilians auf das ungarische Erbe neuen Auftrieb geben, zumal hier die Nachfolgerechte der Habsburger auf Ungarns Thron nochmals ausdrücklich erneuert wurden. Maximilian hatte damit seine wohl folgenreichste politische Schöpfung in die Wege geleitet, was er zu jenem Zeitpunkt freilich nicht im Geringsten ahnen konnte. Erst 1515 sollte nach jahrelangen, zähen Verhandlungen die längst ver- 230 Hollegger: Maximilian I., S. 162 231 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 267 Bayerisch-pfälzischer Erbfolgekrieg, Reichstag zu Köln 1505 und Feldzug gegen Ungarn 89 einbarte Doppelheirat zustandekommen. Die ungarische Frage war damit glücklich gelöst.232 232 Wie Anm. 231, S. 267-268 Bayerisch-pfälzischer Erbfolgekrieg, Reichstag zu Köln 1505 und Feldzug gegen Ungarn 90

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.