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Schlussbetrachtung in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 141 - 142

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-141

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Schlussbetrachtung In den großen politischen Konstellationen seiner Zeit hatte Maximilian durchaus das richtige Gespür. Ihm war bewußt, dass am Ausgang des 15. Jahrhunderts das Reich in einem Spannungsfeld stand. Das Verschwinden des Byzantinischen Kaiserreiches mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 und die Etablierung der Habsburger in Burgund ab 1477 programmierte künftige Auseinandersetzungen für das politisch-territoriale Gebilde „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ in der Mitte Europas mit den Osmanen einerseits sowie mit Frankreich andererseits praktisch vor. Gegen die sich ankündigende türkische Gefahr kam allerdings ein Feldzug wegen Geldmangels nie zustande. Die Kriege mit Frankreich musste der Habsburger im Grunde stets defensiv führen, da die Franzosen seit 1494 in Italien präsent waren und die militärischen Kräfte des Kaisers vor Ort in einer Reihe von Stellvertreterkriegen mit sich verändernden Fronten sowie wechselnden Verbündeten aufgezehrt wurden. Am Ende der fast ein Vierteljahrhundert in Anspruch nehmenden Kämpfe Maximilians in Italien stand der Friede von Brüssel im Jahre 1516, mit dem die traditionellen Rechte des Reiches in Oberitalien endgültig ad acta gelegt wurden.337 Der besonders bei den Stadtbürgern wegen seiner volkstümlichen Leutseligkeit beliebte Monarch brachte durch geschickte Fortsetzung der von seinem Vater begründeten Heiratspolitik dem Haus Habsburg eine solide Grundlage für dessen künftige europäische beziehungsweise weltweite Geltung ein. Die Annäherung des Kaisers an die spanischen Königreiche im Zuge der Heiligen Liga sollte denn auch langfristige dynastische Perspektiven eröffnen. Aus der spanischen Doppelheirat im Jahre 1495, der Vermählung der einzigen ehelichen Kinder Maximilians, Philipps des Schönen und Margarethes, mit den Thronerben der katholischen Könige, Juana und Juan, resultierten 337 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 476, S. 483-484 141 letztlich eben jene Ansprüche auf das spanische Erbe. Ähnlich weitreichende Folgen für die Dynastie der Habsburger sollte auch die sogenannte Wiener Doppelhochzeit des Jahres 1515 haben. Die tatsächlichen Eheschließungen seiner Enkel, der Erzherzogin Maria und des Erzherzogs Ferdinand, mit den Erben Ungarns, Anna und Ludwig aus dem Hause Jagiello, hat der Kaiser allerdings nicht mehr erlebt. Daß sich das Jagiellonen-Projekt dereinst zu einem so großen Erfolg für sein Haus entwickeln würde, konnte Maximilian zu jenem Zeitpunkt freilich noch nicht ahnen.338 Die habsburgischen Erblande rundete Maximilian durch kleinere Eroberungen sowie bemerkenswerte diplomatische Schachzüge ab und sorgte für die systematische Weiterentwicklung einer geordneten Administration in den österreichischen Territorien zwischen Rhein und Leitha. In der Reichspolitik gelang es ihm jedoch nicht, entscheidende Impulse zur Stärkung einer richtungsweisenden Zentralgewalt durchzusetzen. Maximilian I., „Erwählter Römischer Kaiser“, war – unabhängig von seinen Erfolgen und Mißerfolgen – zweifellos eine der faszinierendsten Gestalten jener Epoche des Umbruchs am Beginn der Neuzeit. Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger, Visionär und Träumer.339 338 Wie Anm. 337, S. 485, S. 487-488 339 Ebd., S. 496-497 Schlussbetrachtung 142

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.