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Wesensmerkmale und Charakter in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 5 - 6

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-5

Tectum, Baden-Baden
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Wesensmerkmale und Charakter Durch welche Merkmale kennzeichnete sich das Wesen dieser komplexen Persönlichkeit letztlich aus? Für Maximilian war die Ehre seiner Person, des Heiligen Römischen Reiches und seines Hauses das höchste Gut, für dessen Wahrung er jedes Opfer auf sich zu nehmen schien. Der Kaiser hatte von Anbeginn seiner Herrschaft große Ideen und Visionen im Sinn. Die Verwirklichung der meisten seiner ambitionierten Vorhaben sollte ihm jedoch verwehrt bleiben. Er wäre gerne „der größte Kaiser nach Karl dem Großen“ geworden. Mit Sicherheit besaß Maximilian eine ganze Reihe unterschiedlichster, völlig gegensätzlicher, Wesensmerkmale, die bei ihm, je nach Situation, in Erscheinung traten.8 So konnte er etwa als freigiebiger und einnehmender Charmeur, aber eben auch als geradezu unerbittlicher Erpresser auftreten. Entsprechend den Gegebenheiten zeigte er sich von kraftstrotzender Tollkühnheit oder von zögerlich abwartender Zurückhaltung. Mal gab er sich als weitsichtiger Diplomat, mal als unnachgiebiger Kriegstreiber. Das stark ausgeprägte Charisma des Kaisers fand auf zumeist sehr konträre Weise seinen Ausdruck. Aufgeschlossene Leutseligkeit, emotionale Anteilnahme oder entrückte Unnahbarkeit konnten bei ihm in rascher Folge wechseln. Ein ganz wesentlicher Teil seiner Persönlichkeit waren wohl auch Zustände von Melancholie, die ihn zeitlebens begleiten sollten. Typische Charaktermerkmale dieses Habsburgers, die seine Umgebung immer wieder mit Erstaunen wahrnahm, waren zweifellos seine intelligenten und phantasievollen Einfälle. Zeitgenossen rühmten nicht von ungefähr dessen Klugheit und waren von der Tiefe seiner Fragestellungen überrascht. Maximilian selbst war durchaus von seinem Sendungsbewußtsein und seiner geschichtlichen Bedeutung überzeugt. Das vorrangige politische und dynastische Streben 8 Hermann Wiesflecker: Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, Bd. 1: Jugend, burgundisches Erbe und Römisches Königtum bis zur Alleinherrschaft 1459-1493, München 1971, S. 20-22 5 des Kaisers, das er letztlich verfehlen sollte, bestand nach Erwerbung des burgundischen Erbes in der Wiederherstellung eines Universalkaisertums ganz im Sinne der hochmittelalterlichen Kaiseridee.9 Unabdingbar verbunden mit diesem Ziel des Monarchen und letztlich auch nicht umsetzbar war die Rückgewinnung Reichsitaliens, also jener Gebiete, in denen die deutschen Kaiser des Hochmittelalters Lehnsherren diverser Territorien waren. Teil des „Regnum Italicum“ waren seit alters her etwa die Herzogtümer Mailand, Parma und Modena gewesen. Erst Maximilians Enkel, Kaiser Karl V., sollte es dank der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen vergönnt sein, zahlreiche Reichsrechte in Italien wiederherzustellen.10 Unbestritten ist es das Verdienst Maximilians, die Fundamente für das habsburgische Weltreich geschaffen zu haben, das nach weiteren territorialen Zugewinnen in den nachfolgenden Jahrhunderten bis zum Ende der Habsburgermonarchie im 20. Jahrhundert Bestand haben würde.11 9 Wie Anm. 8, S. 25-29, S. 34 10 Ebd., S. 36 11 Hollegger: Maximilian I., S. 269 Wesensmerkmale und Charakter 6

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.