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Kaiser-Papst-Plan, neue Heilige Liga, Reichstag zu Trier/Köln 1512 und „Dreieinigkeit“ in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 107 - 112

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-107

Tectum, Baden-Baden
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Kaiser-Papst-Plan, neue Heilige Liga, Reichstag zu Trier/Köln 1512 und „Dreieinigkeit“ Als Papst Julius II. im September 1511 lebensbedrohlich erkrankte, sah der Kaiser die Möglichkeit gekommen, den Ereignissen eine Wendung zu geben. Er beabsichtigte ernsthaft, sich des Papststuhles zu bemächtigen. Maximilian musste bei einem derart ambitionierten Vorhaben mit reichlich Widerstand rechnen. Die schismatischen Kardinäle des Pisaner Konzils, das nicht als solches gezählt wird, sondern nur als Synode und sich ohnehin bald ergebnislos auflösen würde, ermunterten ihn, sich mit ihren Stimmen als Gegenpapst aufstellen zu lassen. Im Geltungsbereich der deutschen und französischen Kirche, so die Idee, hätte der Habsburger auch politisch seinen Einfluss geltend machen können. Das Papsttum hätte dem Kaiser gewiss einen entscheidenden Machtanspruch innerhalb der Reichskirche eingeräumt, wobei der freie Zugriff auf Kirchengelder zweifellos verlockende Wirkung gehabt haben dürfte.264 Auch die noch ausstehende Kaiserkrönung hätte sich dann leicht arrangieren lassen. Nie konnte Maximilian dem Pontifex die massive und beharrliche Störung seiner Pläne verzeihen. Um die Tiara zu erlangen, wäre der Habsburger sogar bereit gewesen, „… niemals mehr eine nackte Frau zu berühren“265, wie er scherzhaft seiner Tochter Margarethe schrieb. Doch es sollte anders kommen. Der Papst kam wieder zu Kräften und der Plan Maximilians war damit obsolet geworden. Um den Kaiser endgültig und für alle Zukunft von dieser verwegenen Idee abzubringen, scheute Julius fortan kein politisches oder finanzielles Mittel, denn die Vorstellung eines Schismas erfüllte den Papst mit Furcht.266 Beeinflusst durch den klugen Rat seiner Tochter Margarethe und das Verhandlunsgeschick König Ferdinands von Aragón, sollte es 264 Hollegger. Maximilian I., S. 212-213 265 Brief Maximilians an seine Tochter Margarethe vom 18. September 1511, zit. nach: Wiesflecker-Friedhuber: Quellen zur Geschichte Maximilians I., S. 193 266 Wie Anm. 264, S. 213-214 107 schließlich gelingen, den Kaiser für eine neue Heilige Liga mit dem Papst zu gewinnen, die die Vertreibung der Franzosen aus Mailand und Italien zum Ziel hatte und am 4. Oktober 1511 geschlossen wurde, wobei Maximilian formal erst am 19. Juni 1512 die Liga von Cambrai verliess und diesem Bündnis beitrat. Neben dem Heiligen Stuhl gehörten auch Venedig, Aragón, England und die Eidgenossen dieser antifranzösischen Allianz an.267 Über päpstliche, aragonesische und englische Vermittlung konnte der Habsburger Anfang April 1512 einen einjährigen Waffenstillstand mit der Signorie schliessen – eine wichtige Voraussetzung für seinen Beitritt zur Heiligen Liga. Am 11. April 1512 schließlich kämpften kaiserliche Landsknechte und Franzosen bei Ravenna das letzte Mal Seite an Seite gegen ein vereint kämpfendes Heer des Papstes und des Königs von Aragón, wo mit 20.000 Toten die blutigste Schlacht des ganzen Krieges geschlagen wurde. Obgleich die französischen Truppen einen vollständigen Sieg davongetragen hatten, gelang es ihnen letztlich nicht, Norditalien langfristig zu halten. Bald darauf, im Mai jenen Jahres, vertrieb ein vereinigtes Heer aus Eidgenossen und Venezianern die Franzosen aus der Lombardei. Maximilian indes blieb überzeugt davon, dass das Bündnis mit Frankreich am ehesten geeignet gewesen wäre, die italienische Frage zu lösen, wenn Ludwig XII. den Kaiser uneingeschränkt unterstützt hätte.268 Bereits Ende Februar 1512 war es Maximilian gelungen, einen zwischenzeitlich notwendig gewordenen Reichstag einzuberufen, der vom 16. April bis 10. Juli jenen Jahres zunächst in Trier und dann ab 19. Juli bis 26. August in Köln tagte. Dieses Mal konnte der Kaiser zwar den Vorschlag für die Einrichtung eines kaiserlich-ständischen Reichsregiments mit acht Räten durchsetzen, das während seiner Abwesenheit die Regierung führen, den Landfrieden sichern und Steuern einwerben sollte, doch letzten Endes wurde dieser Beschluss nicht in die Tat umgesetzt. Die Reichsstände hätte die Etablierung eines solchen Reichsregiments dazu verpflichtet, politische Mitverantwortung zu übernehmen, was nicht wirklich in deren Sinne war.269 Die wohl wesentlichste und zukunftsweisende Neuerung dieses Reichstages war 267 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 204 268 Ebd., S. 207 269 Seyboth (Bearb.): Deutsche Reichstagsakten, S. 99, S. 103 Kaiser-Papst-Plan, neue Heilige Liga, Reichstag zu Trier/Köln 1512 und „Dreieinigkeit“ 108 mit Sicherheit die Einführung von zehn Reichskreisen, wobei deren volle Etablierung freilich noch Jahre in Anspruch nahm. Es war hierbei vorgesehen, dass innerhalb dieser Kreise ein Hauptmann sowohl für die äußere Landesverteidigung, als auch für den inneren Landfrieden sowie für die Vollstreckung von Kammergerichtsurteilen zuständig sein sollte. Die Aufstellung eines stehenden Heeres, ein besonderes Anliegen des Kaisers, scheiterte auch dieses Mal wieder am lebhaften Widerspruch der Reichsstände. In den folgenden Jahren versuchte Maximilian vergeblich, Reichstage einzuberufen, da die Stände wenig Bereitschaft zeigten, hier aktiv mitzuwirken.270 Im August 1512 trafen die Gesandten der Ligamächte in Mantua zusammen, um Mittel- und Oberitalien nach Abzug der Franzosen eine neue Ordnung zu geben. Das Herzogtum Mailand ging wieder an das Haus Sforza und die Medici erhielten Florenz zurück. Parma und Piacenza, einstige Reichslehen, nahm sich der Papst. Der Kaiser, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in Köln aufhielt, dachte daran, sich Gebiete der Signorie in Venetien anzueignen, musste aber bald erkennen, dass die Venezianer nicht gewillt waren, auch nur den kleinsten Teil ihres Territoriums abzutreten. So war es kaum verwunderlich, dass sich die Beziehungen des Habsburgers zu Venedig trotz Waffenstillstand nicht wesentlich gebessert hatten.271 Um im Namen des Kaisers und durch Vermittlung des Papstes dennoch einen möglichst dauerhaften Frieden mit Venedig auszuhandeln, was sich als vergeblich erweisen sollte, wurde Maximilians Vertrauter, der Hof- und Erzbischof Matthäus Lang von Wellenburg, Anfang November 1512 nach Rom entsandt. Bei dieser Gelegenheit schwor Lang im Auftrag seines kaiserlichen Herrn nochmals in aller Form dem Schisma von Pisa ab. Zugleich bestätigte er am 19. November um vier Uhr morgens feierlich den Beitritt des Habsburgers zur Heiligen Liga und unterzeichnete einen Friedens- und Bündnisvertrag mit dem Pontifex. Julius II. empfing Lang mit allen Ehren, denn er benötigte die Autorität des Kaisers im Kampf gegen das Schisma, da er nichts mehr fürchtete als die Aufstellung eines möglichen Gegenpapstes.272 270 Ebd., S. 100-102 271 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 104-105 272 Ebd., S. 108-109, S. 111 Kaiser-Papst-Plan, neue Heilige Liga, Reichstag zu Trier/Köln 1512 und „Dreieinigkeit“ 109 Um die Jahreswende 1512/13 schien die Lage für den Habsburger zunächst nicht ungünstig zu sein. Frankreich war über die Alpen zurückgeworfen, der Papst und die spanischen Königreiche waren eng mit Maximilian verbündet. Englands König, Heinrich VIII., half dem Kaiser mit großzügigen Darlehen und entsandte zur Unterstützung der Heiligen Liga Truppen an die französische Küste. Venedig war durch den Waffenstillstand gebunden und von daher isoliert.273 Mit dem Tod Julius II. im Februar 1513 und der Wahl des friedfertigen, aber kränklichen Leo X. zum Pontifex wurden der Heiligen Liga Kraft und Nachdruck genommen und sie löste sich schließlich im Oktober 1515 wieder auf. Julius hatte durch ein Jahrzehnt hindurch das abendländische Staatensystem entscheidend mitgestaltet. Maximilian befand sich stets in Opposition zu diesem Mann, dennoch kam ihm der Tod des Papstes zu jenem Zeitpunkt eher ungelegen. Auf Grundlage der jüngsten Vereinbarungen des Habsburgers mit Venedig, hätte Julius dem Kaiser eine wertvolle Stütze gegenüber der Signorie sein können. Die Absicht Maximilians, eventuell selbst Papst werden zu wollen, fand bei der Wahl eines Nachfolgers auf dem Stuhl Petri zwar Erwähnung, wurde aber letztlich zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Erwägung gezogen. Zumindest reichte der Einfluss des Kaisers aus, einen Venezianer oder Franzosen verhindern zu können.274 Mit dem neuen Papst kündigte sich bald eine grundlegende Veränderung der Machtverhältnisse an. Leo X. war vorrangig darum bemüht, die Mächte Europas zu versöhnen. Sein Ziel war der allgemeine Frieden und er beabsichtigte, die christlichen Staaten gegen die Osmanen zu mobilisieren. Der Republik Venedig gedachte er hierbei als „Bollwerk Italiens“ einen besonderen Status zukommen zu lassen. Diese neue Situation bewirkte aber eher das Gegenteil und führte – sehr zum Leidwesen Leos – letztlich dazu, dass sich die Signorie rasch mit ihrem einstigen Verbündeten Frankreich zusammenfand und im März 1513 ein neues Schutzund Trutzbündnis gegen Kaiser und Papst schloss. Nach dem Urteil Ferdinands von Aragón war das unbeirrbare Beharren Maximilians auf Isolation Venedigs wohl der Hauptgrund für den Seitenwechsel der Venezianer.275 273 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 260, S. 262-263 274 Wie Anm. 273, S. 223, S. 225, S. 227 275 Hollegger: Maximilian I., S. 203 Kaiser-Papst-Plan, neue Heilige Liga, Reichstag zu Trier/Köln 1512 und „Dreieinigkeit“ 110 Bereits im April 1513 vereinbarten der Kaiser und die Könige von Aragón und England als Antwort auf das neue französisch-venezianische Bündnis in Mecheln einen Beistandspakt für den Kriegsfall, die sogenannte Liga von Mecheln, die mit Hilfe Maximilians diplomatisch erfahrener Tochter Margarethe zustande kam. Dieser Zusammenschluss war quasi eine Neuauflage des „großen Planes“ zur Niederwerfung Frankreichs aus dem Jahre 1496. Der Kaiser, der ausgefallene, mitunter auch blasphemische Vergleiche durchaus schätzte, bezeichnete dieses Bündnis zwischen den drei Monarchen als „Dreieinigkeit“276, das dazu auserkoren sei, den „teuflischen“ französischen König in die Hölle zu schicken. Ferdinand von Aragón scherte aus dieser Allianz jedoch bald wieder aus, da er unter größter Geheimhaltung mit dem französischen König Ludwig XII. in Verhandlung trat und einen Waffenstillstand mit ihm schloss, noch ehe ein neuer Waffengang der Bündnispartner mit Frankreich begonnen hatte.277 Dieses geheime Abkommen sollte allerdings nur für die Pyrenäengrenze Geltung haben und nicht für Italien. Mit größter Wahrscheinlichkeit wollte Ferdinand mit dieser Vorgehensweise seine Eroberungen im Königreich Navarra sichern, das im Jahre 1512 in einen nach Spanien und einen nach Frankreich orientierten Teil zerfallen war. Zugleich bestand sein Ziel aber auch darin, Ludwig aus Italien fernzuhalten. Ein Angriff gegen Frankreich von Süden her war aufgrund des Ausscherens Ferdinands nun nicht mehr möglich. Maximilian sah sich angesichts des in Aussicht stehenden spanischen Erbes genötigt, dieses unerwartete Handeln des Königs von Aragón zu tolerieren.278 Als Ludwig XII. aufgrund des Zwiespaltes unter seinen Feinden einen Überfall auf die Lombardei wagte, gelang es den mit dem Habsburger verbündeten Eidgenossen im Alleingang die Franzosen am 6. Juni 1513 bei Novara in der Region Piemont zu schlagen. Frankreichs König musste Italien wieder räumen. Wider Erwarten trat daraufhin der wankelmütige aragonesische König ohne Zögern auf die Seite des Kaisers und der Eidgenossen, um Italien gemeinsam zu ver- 276 Die Dreieinigkeit, also „ein Gott in drei Personen“, ist abgeleitet aus der Trinitätslehre basierend auf der Heiligen Schrift, die von Gott als Vater, Sohn und Heiligem Geist spricht. 277 Wie Anm. 275, S. 203-204 278 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 130-131 Kaiser-Papst-Plan, neue Heilige Liga, Reichstag zu Trier/Köln 1512 und „Dreieinigkeit“ 111 teidigen. Während Truppenkontingente Ferdinands und der Schweizer in Italien die Stellung hielten, traf Maximilian im August 1513, unweit der Festung Thérouanne bei Artois, mit Englands König Heinrich VIII. zusammen, um gemeinsam gegen Ludwig XII. in den Kampf zu ziehen.279 Der Habsburger hätte die englische Armee – rund 30.000 Mann – wesentlich lieber zu weiträumigen Feldzügen im Inneren Frankreichs, vorzugsweise gegen Paris, eingesetzt, als für einen mühsamen Festungskrieg. Die vereinigten Heere der Engländer und Kaiserlichen unter Führung Maximilians konnten bei der Belagerung von Thérouanne mit Erfolg den französischen Verpflegungsnachschub sperren, so dass den Franzosen ein Entsatz der Festung nicht gelang und diese in die Hände der Truppen Heinrichs und Maximilians fiel. Zum letzten Mal in seinem Leben sollte der Kaiser hier die Genugtuung eines Sieges erleben, noch dazu an einem Ort, in dessen Nähe er einst seinen ersten Schlachtensieg errungen hatte.280 Eine weitaus gravierendere Niederlage bereiteten die Eidgenossen den Franzosen im sogenannten „Dijonerzug“ vom September 1513. Hier gelang den Schweizern ein erfolgreicher Feldzug gegen die Stadt Dijon in Hochburgund, die bereits nach wenigen Tagen der Belagerung kapitulieren musste. Im Friedensvertrag – dem Frieden von Dijon -, der am 13. September zustande kam, wurden alle Forderungen der Eidgenossen erfüllt. Frankreich verzichtete auf Mailand, Cremona sowie Asti und hatte eine Kriegsentschädigung in Höhe von 400.000 Sonnenkronen (französische Goldmünzen) zu begleichen. Mit diesem, wie Maximilian meinte, „erkauften“ Frieden zogen die verbündeten Schweizer zurück in ihre Heimat. Den Kaiser ergriff der Übermut, denn er glaubte, Frankreich nun endlich bezwingen zu können. Der von ihm anvisierte und stets wiederkehrende Plan eines „Marsches auf Paris“ sollte auch dieses Mal reines Wunschdenken bleiben.281 279 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 226-227 280 Hollegger: Maximilian I., S. 204 281 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 131-132 Kaiser-Papst-Plan, neue Heilige Liga, Reichstag zu Trier/Köln 1512 und „Dreieinigkeit“ 112

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.