II Kultur muss lebendig sein. Zwischentext: Ist Vitalität noch eine zeitgemäße Kategorie? in:

Arthur Engelbert

Realtà e finzione - Realität und Fiktion, page 73 - 78

Il mondo di Nino Indaimo - Die Welt des Nino Indaimo

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3855-0, ISBN online: 978-3-8288-6585-3, https://doi.org/10.5771/9783828865853-73

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
73 ZWISCHENTEXT: IST VITALITÄT NOCH EINE ZEITGEMÄSSE KATEGORIE? Übertragung Sprachen sind für die kulturelle Identität bedeutsam. Gemeinhin identifiziert sich der Einzelne mit der Muttersprache und nimmt auch an, dass die Muttersprache mit dem Land und der Kultur verbunden ist. Aber zu bedenken ist, dass jede Sprache in eine andere Sprache übersetzbar ist. Gedanken sind transformierbar, während Poesie und Ästhetik des Ausdrucks an die Muttersprache gekoppelt sind. Unter diesem Gesichtspunkt der Übertragbarkeit ist die kulturelle Identität nicht notwendigerweise an die Muttersprache oder der Kultur eines Landes gebunden. Die Übertragbarkeit ist transkulturell gültig. Dass es hierbei zu Reibungsverlusten kommt, leuchtet ein. Es gibt keine allgemeingültige Universalsprache, obwohl die Einzelsprache Englisch gern dafür herhalten muss. Die Übertragbarkeit meint nur, dass es eine imaginäre Gesamtsprache gäbe, die allen anderen Sprachen zu Grunde liege bzw. umfasse. Im Unterschied zu Bildern, die zwar an Kontexte gebunden sein können, sind Muttersprachen bzw. Landes- 74 sprachen nicht verallgemeinerbar. Man sieht das sehr gut in diesem Buch. Es enthält einen deutschen und italienischen Teil, der von der Leserin und dem Leser die Kenntnis zumindest eine der beiden Sprachen verlangt, während die hier abgedruckten Bilder – unabhängig von Sprachen – allgemeinverständlich sind. Nach den vorangegangenen Überlegungen kann nun auch das Verhältnis von Realität und Fiktion besser verdeutlicht werden. Grob gesagt, überwiegt im ersten Teil bis zum Zwischentext die Realität gegenüber der Fiktion, während der zweite Teil von den zwei Fabeln geprägt ist. Darin äußert sich auch das Verhältnis von Autor und Freund. Im ersten Teil schreibt der Autor über den Freund, im zweiten Teil der Autor als Freund. Parallelität In diesem Abschnitt geht es um parallele Formen der Existenz. Parallelität ist ein Begriff, der auch auf das Leben innerhalb von einer und außerhalb von vielen Gesellschaften angewandt werden kann. Gewöhnlich hat der Begriff eine negative Konnotation. Damit ist gemeint, man lebe nebeneinander anstelle von mit- 75 einander. Die Präpositionen "neben" bzw. "mit" zeigen einen Unterschied an, der im Verhältnis des Zusammenlebens möglich ist. Es ist aber auch noch ein ganz anderes Verständnis von Parallelität möglich. Dieses knüpft an transkulturelle Gemeinsamkeiten an, wenn Personen aus verschiedenen Gesellschaften durch ähnliche Interessen oder Zielsetzungen gesellschaftliche Grenzen überscheiten. Nicht immer wissen sie davon. Die Unterschiede von Menschen innerhalb einer einzigen Gesellschaft werden meistens maßlos überschätzt. Dagegen sind die Übereinstimmungen mit Menschen in anderen Gesellschaften wenig bewusst. Der Autor und der Freund haben persönliche Kenntnisse voneinander. Sie haben sich durch gegenseitige Besuche kennengelernt und befreundet. Sie haben es gelernt, ihre unterschiedlichen Arbeitsfelder (Musik, Tanz und Kunst, Medien) zu akzeptieren und die Idee des anderen auf das eigene Lebensumfeld zu projizieren. Im Zeitalter der Postmoderne und der Globalisierung sind sie ihren eigenen, aber völlig unterschiedlichen, transkulturellen Projekten nachgegangen. Sie haben andere Länder bereist und andere Kontakte geknüpft und dadurch andere Netzwerke aufgebaut. Die Vergleichbarkeit des Gemeinsamen besteht nun darin, dass sie sich 76 von den eigenen gesellschaftlichen Bindungen gelöst und für andere Bereiche und Entwicklungen geöffnet haben. Dies basiert auf Weltzugewandtheit und der Arbeit mit Kleingruppen. Die parallele Form der Existenz vollzieht sich immer im Umfeld von Nachbarschaften bzw. Mitstreitern. Kurz, die parallele Existenz besteht aus vitalen Impulsen. Sie hinterlässt keine Spuren. Die vermeintliche Nachhaltigkeit, die gegenwärtig so oft für Beziehungen angeführt wird, ist zwar auch hier vorhaben, aber sie verpufft sozusagen wie die Luft zum Atmen. Sie ist ein selbstverständlicher Antrieb über den eigenen Horizont hinauszugehen, d.h. anderen eine Vorstellung zu vermitteln, wer man ist und woher man kommt. Die Spuren verwischen sich, weil man im Hier und Jetzt lebt und dabei erfährt, dass woanders andere Regeln vorherrschen. Die Begegnung mit dem Fremden erweitert und korrigiert die eigene Perspektive. Überkreuzung Über die Jahre hinweg wurden die zahlreichen Initiativen und Veranstaltungen reflektiert. Durch die Begegnung mit anderen Kulturkreisen ergeben sich konkrete Überkreuzungen von Innen und Außen, 77 d.h. der eigenen und der fremden Kultur. Diese Überkreuzungen wurden in eigene Projekte eingebracht und damit sichtbar gemacht. Schubweise verändert sich dadurch die eigene Sichtweise. Man erkennt parallele Formen der Existenz, und man ist im wahrsten Sinne des Wortes woanders anwesend. Im Ortsund Blickwechsel ist der eigene Körper das Medium. Auch die immateriellen Medien können ganz selbstverständlich einbezogen werden, aber sie sind sekundär. Was zählt, ist die persönliche Kommunikation. Hierdurch gewinnt die polyvalente gegenüber der singulären Identifikation an Bedeutung. Man kann auch sagen, dass ein transkulturelles Mitbewusstsein einschließlich eines neuen Gruppenbewusstseins entsteht. Vitale Kommunikation läuft also auf eine teilbare, mitteilbare Existenz hinaus. Die Mitteilung erfolgt auf der Ebene globaler Gleichwertigkeit. Und das Gemeinsame des Gemeinschaftlichen überwindet die Falle oberflächlicher Differenzierungen innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes. Überschritten wird damit die weltweite Provinzialität von singulären Gemeinschaften. Der Mythos der Unverwechselbarkeit ist sehr kleinlich gedacht. Dagegen behauptet sich ein Bewusst- 78 sein der Mehrfachübereinstimmung und Parallelität mit anderen Existenzen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dieses Buch handelt von Begegnungen, die die gewohnte Lebensbahn verändern. Das kann auf der Straße, im Grunde genommen überall geschehen. Ein Passant geht eiligen Schrittes vorüber. Wo will er hin? Was hat er Dringliches zu tun? Und dann kippt von einem Moment zum nächsten die Situation. Bin ich das nicht selbst? Niemand würde Nino mit mir verwechseln. Wir sind zu verschieden. Sehen ganz anders aus. Er spricht italienisch. Ich deutsch. Wir kommen aus zwei unterschiedlichen Kulturen. Dennoch geschieht von Augenblick zu Augenblick etwas Ähnliches. Obwohl Nino Tänzer ist und ich ein Autor bin, arbeiten wir an den gleichen, unsere Kultur übergreifenden Ideen. Wir transportieren unsere Lieder und Geschichten von einem Land ins andere und entdecken dabei, wo unser Platz ist. Verstehen können wir uns selbst nur auf Umwegen. Wir brauchen den anderen, der uns den Spiegel vorhält.