III Zwei Fabeln. Am Südkreuz. Nummer 15 oder Ninos Traum in:

Arthur Engelbert

Realtà e finzione - Realität und Fiktion, page 87 - 107

Il mondo di Nino Indaimo - Die Welt des Nino Indaimo

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3855-0, ISBN online: 978-3-8288-6585-3, https://doi.org/10.5771/9783828865853-87

Tectum, Baden-Baden
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87 AM SÜDKREUZ Als die automatische Tür sich öffnet, hopsen Alexander und Petra hinaus. Während Alexander gleich abhebt und auf einem der nächsten Masten Position bezieht, schaut Petra noch für einen Moment zurück. Sie kann die inneren Stimmen der Senkrechten, die sich gern rechtwinklig in der S-Bahn zusammenfalten, deutlich hören. Heute gab es einen ganz interessanten Monolog über die Zukunft der Stadt, den sie mitverfolgt hatte. Sie hat nichts gegen die Senkrechten, obwohl diese gegenüber Tieren sehr unangenehm werden können. Oft werden es sich die beiden nicht mehr erlauben, in Abteile der S-Bahn einzusteigen und mitzufahren. Zwar tuen die mitfahrenden Senkrechten so, als sähen sie das Taubenpaar nicht, lange kann das jedoch nicht mehr gutgehen. Es ist auf jeden Fall besser, zukünftig draußen auf dem Dach mitzufahren, morgens in die Stadt hinein und abends wieder zurück. Wie alle Vögel haben Tauben einen hervorragenden Blick aus der Luft und von der Erde aus. Von oben können sie das Straßen- und Schienennetz in den Städten studieren, von unten bekommen sie mit, was auf der Hauptebene einer 88 Stadt los ist. Alexander schaut auf die Bahnhofsuhr. Es ist 5 Uhr 40. Um diese Zeit kann man sich auf die Zeitangaben der Züge noch verlassen; sie fahren punktgenau wie ein Vogelpick. Alexander bemerkt, dass Petra immer noch in Gedanken versunken ist. Er macht sich schon seit längerem ein wenig Sorgen um sie. Man darf sie niemals aus den Augen verlieren. In den letzten Jahren hat sich so vieles so schnell verändert. Vor allem beunruhigt ihn, dass Metropolen wie Berlin nicht nur ungeheuer wachsen, sondern dass diese auch für Vögel immer attraktiver werden. Sie waren sowieso in der Überzahl. Allerdings muss man bei der Rückkehr der Vögel in die versteinerten Orte auch aufpassen. Denn auch die großen Raubvögel sind wieder unter ihnen. Zwar gibt es schon seit vielen Jahren Habichte und Eulen, nun aber sind Steinadler und andere Arten dabei. Alexander hat bei dem vorletzten Vogelzug in den Süden eine Nachricht mit den Singvögeln geschickt. Zu einer von Petra konzipierten Eingreifgruppe, den sogenannten Argonauten auf dem Tafelberg in Südafrika. Auf dieser kleinen Vogelfamilie lastet alle Hoffnung der Schwarmintelligenz, da sie bereit sein werden, wenn es an der Zeit ist, das Experiment der Vögel zu organisieren. Es geht um die Idee der elektrodynami- 89 schen Magnetkraft. Alexander hat die Argonauten um Hilfe gebeten, weil er sich ernsthaft Sorgen um Petra macht. Er weiß, allein kann er sie nicht mehr beschützen. Alexander denkt noch immer in den Kategorien einer Brieftaube. Über Generationen hinweg hat sich das so ergeben. Aber die Vogelwelt hat sich sprunghaft verändert. Und er schaut hinab zu Petra, die den ein- und aussteigenden Fahrgästen Platz gemacht hat. Petra ist der Kopf dieser neuen Welt. Sie hat ihm gesagt, es sei ganz einfach, die Lebensuhr auszuschalten. Man müsse nur darauf kommen. Petra schaut zu Alexander hinauf. Sie weiß, dass er immerzu in Alarmbereitschaft ist. Er hat nach und nach ein Bewusstsein für die Gefahr bekommen, in der sie schweben. Vögel sind nicht wie die Senkrechten. Der Unterschied ist die Sprache. Sie hört die Leute in Selbstgesprächen und Monologen an sich vorbeiziehen. Manche haben auch diese akustischen Knöpfe auf den Ohren. Sie mag Geräusche. Das ist ihre Schwäche. Sie bildet sich sogar ein, die Geräusche der Leute mit den Walkmans zu verstehen. Sie kann Straßenlärm von Musik unterscheiden. Das fällt auch nicht schwer, weil der Krach, den die Krähen neuerdings veranstalten, sowieso unerträglich geworden ist. Sie würde gern einmal solche akusti- 90 schen Knöpfe tragen. Seitdem sie eine Ahnung hat, wie die Sprache der Menschen funktioniert, liebt sie Schallplatten, Radios und iPods. Zu ihrem Geburtstag hat Alexander sogar einen Platz für sie in der Philharmonie ergattert. Das war taubenrein, viel besser als die überall zu habenden Open-Air-Konzerte, die oft zu laut sind für ihre feinen Taubenohren. Sie wundert sich, warum die zusammengefalteten Senkrechten einerseits lange still sitzen müssen, um die Veranstaltungen in den Opern, Theatern oder Lichtspielhäusern anzuhören und andererseits wieder mit akustisch-visuellen Geräten munter durch die Gegend laufen. Was aber ist der mobile oder immobile Körper der Senkrechten gegenüber den der fliegenden Vögel? Sind Vögel nicht im Vorteil? Und dabei schaut sie wieder zu Alexander hinauf, der ihre Gedanken wohl erraten kann. Mit nur zwei, drei Flügelschlägen ist Petra darauf aufmerksam geworden, was es mit der Sprache der Menschen auf sich haben könnte. Das ereignete sich fast zur gleichen Zeit, als sie ihre und Alexanders Taubenuhr angehalten hat. Der Auslöser war Gabriel. Gabriel, so hieß der strohdumme Papagei des französischen Sprachforschers Jean-François Champollion. Dieser Papagei war der Schlüssel für ihre 91 Entdeckung. Gabriel konnte zwar schön in der Menschensprache daherreden, plapperte aber einfach nur nach, was er mitbekam. Und er hörte eine Menge neuer Dinge um sich herum. Denn Champollion, der ihn besaß, entzifferte vor seinen Augen die ägyptischen Hieroglyphen. Dieser Einfaltspinsel von einem Papagei hatte ihr die Augen geöffnet. Was ist, so fragt sie sich, wenn auch die Menschen die Sprache nur wie dieser Papagei nutzen? Das Bewusstsein der Senkrechten funktioniert doch auch nur wie eine Sprachmaschine. Der Geist ist in dieser Maschine nie richtig angekommen. Seit dem Sturz der Titanen und dem Fall der abtrünnigen Engel in unserer aller Frühzeit hat der Geist einen Schaden erlitten. Davon hat er sich bis heute nicht erholt. Der Geist ist zwar auf die sich senkrecht erhebenden Menschen übergegangen, dort aber nie richtig heimisch geworden. Er ist ein Fremder, zumal ein verletzter, in diesem Körper geblieben. Warum ist der Geist in die Senkrechten und nicht in die Seele der Vögel eingefahren? Darüber hat sie viel gegrübelt. Im Grunde genommen haben die sprechenden Maschinen einen Fehler. Die Menschen sind unvollständig und ergänzen ihren Mangel durch Instrumente, Maschinen und Technologien. Es ist wie bei einem Flaschengeist. Sie überträgt gern das 92 Bild des Flaschengeistes auf das seelenlose Bewusstsein der Senkrechten. Der Geist ist in den menschlichen Körpern gefangen. Sie glaubt, dass er allein unfähig ist, einen Ausgang bzw. Ausweg aus diesem Gefäß zu finden. Es scheint, als habe die Natur sich selbst eine Falle gestellt, so vereinfacht sie ihre Überlegungen. Gabriel, der nachplappernde Papagei von Champollion hat Petra darauf aufmerksam gemacht, dass alle Lebewesen sprechen können. Aber sie benötigen den dazugehörigen Geist. Den hat die Natur nur einmal zu vergeben. Wäre der Geist wieder frei, könnte er machen, was er wolle. Darauf setzt Petra schon seit Generationen. Sie weiß, dass der Geist f liegen und schweben möchte. Er braucht uns Vögel, so denkt Petra, sie hebt vom Boden ab und landet neben Alexander auf dem Mast. Beide schauen sie auf den Bahnsteig. Dann gibt Alexander das Zeichen zum Aufbruch. Sie f liegen zur Voßkuhle, einem alten Freilichttheater, welches aber aufgrund gefährlicher Funde für die Senkrechten gesperrt ist. Als sie ankommen, begrüßt sie der Rat der Tiere. Petra setzt sich auf einen Pfahl inmitten der Anwesenden. Langsam wird es ruhig. Der alte Habicht Sesam ist mit seinen Enkelkindern gekommen, die mit gezielten Flügelschlägen 93 und Drehungen um die eigene Achse Petras Worte in die Sprache der Vögel übersetzen werden, als würde der Wind zu ihnen sprechen und ihren Gedanken Auftrieb geben. Sesam und Alexander schauen erwartungsvoll auf Petra, die sich freundlich umschaut und ihre Rede beginnt. Liebe kunterbunte Federtiere, schön, dass ihr gekommen seid. Es ist soweit. Wir fliegen im kommenden Frühjahr eine andere Route, zunächst geht es nach Südfrankreich, in die Camargue. Dort sammeln wir uns in kleinen Scharen und erhalten Instruktionen der Argonauten vom Tafelberg für unsere Reise. Von Südfrankreich geht es sogleich weiter zu einem noch unbekannten Atoll vor dem kleinen Erdteil Australien, der mitten im Meer liegt. Alles ist vorbereitet. In Australien haben wir gute Freunde. Das ist für die Zeit nach dem Experiment wichtig. Doch davon ein anderes Mal mehr. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Habt Ihr Fragen? Schon ganz unruhig waren die Krähen, die neunmalschlauen Dickschädel und legten gleich los, als würden sie im Chor sprechen: Wir trauen Dir nicht. Du hast eine große Idee verraten. Jetzt sind es nur noch wir Flieger. Alle anderen Tiere haben in Deinem Plan keinen Platz mehr. Du willst uns verführen. Töten macht doch Sinn. Wir Tiere fressen alles, auch Tiere. 94 Einige von uns kommen mit dem mörderischen Blick auf die Welt. Das hat auch sein Gutes. Denn so erhalten wir das Gleichgewicht des Lebens und erfinden auch immer neue Nischen, in denen wir unsere Art weiter entwickeln. Du willst die Gesetze der Natur verändern. Das ist eine Anmaßung. Das weißt Du genau. Mit dieser Rede ereifern sich die Krähen immer lauter werdend im Chor. Petra hört aufmerksam zu. Sie kennt alle Argumente gegen ihren Plan und hat die passenden Antworten darauf. Deshalb beschränkt sie sich heute auf das Wesentliche und spielt ihren Triumpf aus: Schaut mit euren Augen von oben, seht die Erde um euch herum. Wir sind gefallene Engel. Das ist unsere Vorgeschichte, die uns zu Zugvögeln gemacht hat und davon hängt auch unsere zukünftige Bestimmung ab, denn wir sind als Wandervögel noch längst nicht am Ziel. Unsere Arme heben uns in die Lüfte. Der Äther ist unser Reich und wir fangen an, das langsam besser zu verstehen. Ich schlage ein Experiment vor. Wir werden auf dem Atoll vor Australien unsere alte Rolle als Engel aller Lebewesen wieder annehmen. Wir sind die Boten einer neuen Zeit. Aber wie sollen wir das erreichen?, wirft die alte Eule neben ihr ein. 95 Es wird alles gut, beginnt Petra von Neuem. Wir haben die Unterstützung ganzer Bienenvölker und in einer kleinen Forschergruppe Samen für Lichtpflanzen entwickelt. Davon werden wir uns ernähren. Ich hatte nicht mit so viel Unterstützung gerechnet, ich denke vor allem an die Hilfe der Argonauten. Auch bei den Wassertieren rumort es. Stellt Euch das Atoll wie ein kleines Paradies vor, das wir nach unseren Bedürfnissen umgestalten werden. Du hast gut reden. Wir kennen keinen schönen Ort auf diesem Trabanten, wandten, wie zu erwarten, die Geier ein. Sag, warum richten wir unsere Plätze nicht in den großen Städten ein? Dort gibt es genug Abfall für alle. Wir könnten sogar ein Bildungsprogramm für die vielfach Gebogenen und horizontal Kriechenden von uns Lebewesen entwickeln. Töten ist überflüssig, wenn es nur genug zu essen gibt. Außerdem haben wir die Struktur der Städte aus der Luft abgebildet. Wir wissen mittlerweile, wie die Metropolen funktionieren. Und überhaupt: Wir vermissen bei Dir die Kampfeslust. Wir verlangen, dass die Schlachthöfe sofort abgeschafft werden. Die Senkrechten verstehen nur die Sprache der Gewalt. Besonders gefährlich sind die, die es angeblich gut mit uns meinen und alle unsere Bewegungen systematisch aufzeichnen. 96 Außerdem sind sie schrecklich empfindlich, wie die Attacke mit der Vogelgrippe gezeigt hat. Die Senkrechten sollten vernichtet werden, dann können wir wieder ungestört unsere Kreise ziehen. Einige aus dem Rat der Vögel applaudieren dazu. Nein, und nun erhebt Petra ihre wohltönende Stimme, ich sage Nein, aber ich meine ein tierisches Ja. Wir werden ein Experiment des Friedens starten. So etwas kennt die Welt bisher noch nicht. Unsere Kunst zu fliegen, ist noch nicht zu Ende gedacht. Unser Bewusstsein ist federleicht, wir werden mit weniger Nahrung höher fliegen, weiter schauen und einige von uns werden Eier legen, aus denen Engel hervorschlüpfen werden. Wir sind dazu bereit. Lasst uns das Experiment gemeinsam durchführen. Wir sehen uns im Frühjahr in der Camargue wieder. Damit beendet Petra unter zustimmendem Gepiepe die Versammlung. 97 NUMMER 15 ODER NINOS TRAUM Hausnummern sind Zauberformeln, denkt Nino. Dabei schaut er auf das abgerundete Doppelhaus. Es fällt auf, weil es sich durch zwei ineinander geschobene Rundbauten, die mit Stroh gedeckt sind, von den Nachbarhäusern unterscheidet. Dabei wirkt es wesentlich afrikanischer als alle anderen Gebäude ringsum. Nino befindet sich in der Pine Road Nr. 15 in Orchards, einem Stadtteil in Johannesburg. Etwas hat ihn magisch hierher gezogen. Nun sieht er sich bestärkt. Ihm kommt das Haus bekannt vor. Er weiß, dass hier Gandhi viele Jahre gelebt hat. Sein Freund und Lebensgefährte, der deutsche Architekt Kallenbach, hat dieses Landhaus 1907 entworfen. Ein Jahr danach sind beide hier eingezogen. Gandhis Wohnraum ist ein Konzepthaus, genannt ein Kraal. Es greift seine Experimente zur Askese und meditativen Selbstfindung auf. Deutlich wird das an einem Detail. In früherer Zeit führte eine Leiter zu dem entrückten, höher gelegenen Schlafraum, in dem Gandhi von einem gewaltlosen Staat träumte. Die zweite Ebene entrückt den Träumenden. Nummer 15 hat aber als Bauform keine Schule gemacht. Während 98 sich Nino umsieht, gehen ihm diese Gedanken durch den Kopf. Wie gelange ich in den Garten? Mit einem festen Blick auf das Nummernschild verändert Nino seine Körpergröße. Nun ist er nur noch 15 Zentimeter groß. Skalieren ist hier nicht ungefährlich. Denn er ist in Südafrika. Da muss man aufpassen, auf wilde Tiere und räuberische Menschen. Mit einem Satz springt er durch das Torgatter und macht sich auf den Weg hinter das Gebäude. Tatsächlich gibt es ihn noch, den spirituellen Hinterhof. Nino spürt gleich dessen Vibration. Sein kleiner Magen erschauert. Obwohl er seine Körpergröße zu jeder Zeit verändern kann, solange er sich in dem magischen Radius des Hauses aufhält, ist ihm doch mulmig zumute. Was befindet sich im Erdreich unter ihm? Soll er sich noch mehr verkleinern, um in eines der kleinen Maulwurflöcher hineinzusteigen? In alten Märchen wird dies oft so gemacht. Aber Nummer 15 ist ein modernes Märchen. Darauf muss er sich einlassen. Wenn er sich konzentriert, gibt es auch einen Weg und Mittel zu herauszubekommen, was dort unten los ist. Seine Körpergröße schränkt seine Phantasie keineswegs ein. Er nimmt Maß und lässt einen rechteckigen Raum, der sich gut einen Meter unterhalb des Gartens befindet, scannen, eine Art modernes Röntgen- 99 bild machen, genau gesagt erstellt er mit seinen elektrisierten Fingern ein Hologramm. Nino befördert diesen unterirdischen Raum nach oben in den Garten. Nun steht er mitten in seinem Hologramm. Er ist ziemlich erstaunt von dem lebendigen Gewimmel um ihn herum. Was willst Du von uns? Die Stimme scheint von überall herzukommen. Ich will mit Dir reden, entgegnete Nino. Worüber willst Du mit uns reden, vernimmt er erneut. Er kann der Stimme keinen spezifischen Ort zuordnen. Ich möchte mit Dir über Häuser sprechen, sagte Nino. Meinst Du über Termitenbauten? Nein, über Wohnräume. Jedes Mal, wenn ich eine fremde Stadt aufsuche, kenne ich bereits jemanden, der dort drinnen lebt. Häuser haben Gesichter. Sie schauen mich fragend an. Was Du beschreibst, entzieht sich unserer Kenntnis. Denn wir sind Einheiten, die keine Gestalt annehmen, wie Du sie kennst. Vor allem sind wir Gärtner, verbunden mit einem uns ernährenden Pilz. Um diesen Pilz bauen wir unseren Organismus. Unser Wohnraum ist ein Nest, in dem wir leben. Dort richten wir auch die große Kammer ein, in der unser Königspaar lebt. Wir gehören zu einer Art, die endlos viele Kammern mit einer stabilen Temperatur von 30 Grad Celsius hervorbringt. Durch ein Belüftungssystem gleichen 100 wir die Schwankungen des Tages und der Nacht aus. Ein Bauchredner, denkt Nino, während er zuhört. Eine Million Untertanen, die mit dem Bauch reden. Diese sozial geschulten Insekten sprechen mit ihrem Darm. Termiten sind koordiniert. Sie legen Pilzgärten an, von denen sie sich ernähren; sie bauen ein weit verzweigtes Tunnelsystem, das horizontal und vertikal von ihrem Nest abgeht, damit sie ihren Garten mit Grundwasser bewässern und sich mit weiteren Rohstoffen versorgen können. Hat der Termitenbau überhaupt ein Gesicht, fehlt seiner Gestalt nicht ein Haupt, welches sich über seine Teile erhebt? Ich weiß nicht, erklärt sich Nino nun deutlicher, warum wir Menschen Häuser bauen. Aber wenn ich das Gewimmel der in den Städten lebenden Menschen überdenke, gleichen sie einem gewaltigen Termitenbau. Das meine ich, wenn ich Dich nach dem Grund des Wohnens frage. Drollig, Du bist lustig mit deinen Fragen. Wir haben den Eindruck, Du suchst einen Schutzraum. Häuser sind Kammern, die gebaut werden, um einen Raum zu bilden. Nein, entgegnet Nino, ich bin auf der Suche nach einem Haus wie dieses hier. Um zu leben, brauche ich urbane Räume, in denen ich mich aufhalte. Deshalb will ich mit Dir über Häuser sprechen. 101 Natürlich können wir auch über Hütten reden, fügt Nino noch hinzu. Wir sollten das, was uns voneinander trennt, in Gedanken ergänzen, hob die Stimme erneut an. Meinst Du nicht auch? Deshalb möchten wir mehr über deine fixen Ideen wissen. Sind Häuser für Dich Modelle, d.h. interaktive Bausteine für einen Staat? Nino greift die Fragen auf: Ich will Dir drei Beispiele geben, eines kennst Du schon. Das ist Gandhis Haus. Die beiden anderen Häuser, die mich angesehen haben, bevor ich Ihnen wirklich gegenüberstand, befinden sich in Berlin und Tokyo. Das Berliner und das Japanische Haus weichen im Aussehen und ihrer Funktion stark voneinander ab. Als ich das erste Mal vor dem Brechthaus in Berlin stand, wurde mir das langgestreckte Berliner Zimmer in seinen Funktionen bewusst. Ich konnte vor meinem inneren Auge sehen, dass Berthold Brecht und seine Lebensgefährtin, Helene Weigel, im zweiten Hinterhof auf der Terrasse gegessen haben. Man kann diese Altbauwohnungen auch heutigen Zwecken anpassen. Was Innenhöfe oder Fassaden zur Straßenseite aber zukünftig sein werden, weiß ich nicht. Wohnungen sind Gärten für uns Lebewesen. Häuser sind für mich 102 rätselhafte Zellen. Sie stellen Fragen nach dem Sinn von Gemeinschaften. Können Städte mehr sein als eine Ansammlung von Häusern? Können wir von Dir lernen, einen urbanen Termitenbau zu entwickeln? Interessant, wirft das kollektive Gegenüber ein und fügt ermunternd hinzu: Wir möchten mehr über dein zweites Beispiel erfahren. Was hat es mit den japanischen Kammern auf sich? Ist das japanische Haus nicht auch bloß so ein Landhaus, wie das afrikanische Haus Nummer 15? Wie unterscheidet es sich von dem Berliner Haus, welches mit seinen geschachtelten Innenhöfen und der gestalteten Frontseite in der Tradition des europäischen Stadthauses steht? In dem Berliner Zimmer, fährt Nino fort, bewohnt der Bürger ein urbanes Element. Wohnen ist eine soziale Errungenschaft. Denn man wohnt miteinander, man wohnt in Nachbarschaften. Es gibt eine Kultur des urbanen Gefüges, die ihre Elemente durch unterirdische Kanäle und nicht sichtbare Versorgungszentren miteinander verbindet. Wohnen ist eine geistige Fähigkeit, während die Infrastruktur eine technische Leistung ist. In Tokyo dagegen pulsiert das urbane Netzwerk und schnürt sich immer mehr zusammen. Die Idee des japanischen Hauses findet im Gebilde der Stadt wieder. Die Verknappung eines 103 einzelnen Elementes, wie wir es vom japanischen Standardhaus kennen, wird auf den öffentlichen und privaten Raum übertragen. Tokyo experimentiert mit Termitenbauten. Mit zwei Handgriffen kann das japanische Haus, ein perfekter Kastenbau, den Be dürf nissen seiner Bewohner angepasst werden. Man schläft auf Futons, isst auf dem Boden und lebt immer in den gleichen Räumen, aufgestützt auf Stelzen und geöffnet zum Garten. Das japanische Haus ist die Quintessenz aller Wohnräume. Die Ökonomie des japanischen Hauses ist ein Ausdruck der Tradition und eine Abgrenzung zum Lebensraum der Natur. Begreift man die prinzipielle Vereinfachung des Wohnens, hat das japanische Haus eine Ökonomie, die allen anderen Häuserkulturen fehlt. Tokyo baut sich ständig um, kreiert immer neue Kammern, die die Einfachheit des japanischen Landhauses zu einer urbanen Idee verdichten und den Mangel an Freiräumen in einen Überschuss an Lebensraum verwandeln. Wohin dieser ständige Umbau führt, weiß man gegenwärtig nicht zu sagen. Außer, dass das Prinzip des Umbauens dem Termitenbau ähnelt, diesem aber zugleich auch widerspricht, weil er ständig umgeformt wird. Die Weiterentwicklung des japanischen Hauses ist also eine nicht nachlassende urbane Um- 104 schichtung. Während weltweit die Verdichtung und Verkleinerung ein Markenzeichen des digitalen Raumes ist, verkürzt sich die Lebenszeit eines Gebäudes in Tokyo von Generation zu Generation. Es scheint so, als würde der menschliche Maßstab im urbanen Raum aufgegeben. Bald werden alle 5 Jahre neue Bauten entstehen. Fragst Du mich nach dem Gesicht, das ich schon kannte, bevor ich in Tokyo ankam, muss ich gestehen, dass ich nur das Geisha-Haus in der Altstadt aus der Literatur und aus frühen Agentenfilmen kannte. Dennoch finde ich das japanische Haus in seiner Vielgestaltigkeit überall in Tokyo wieder. Es gibt die heilige Zahl 7. Das japanische Haus hat keine prominente Adresse wie Nummer 15 in Johannesburg oder Nummer 125 in der Chausseestraße in Berlin. Das individuelle Gesicht verschwimmt, wird undeutlich und die Idee des Wohnens erhält den urbanen Stempel des Übergangs. Das japanische Haus ist mobil. Was sagst Du da? Du übertreibst, in unserem Nest leben nur ein Drittel der Menschen von Tokyo. Wir Termiten sind soziale Insekten, die sich zu einer höheren Lebensform entwickelt haben. Unser bauliches Prinzip ist ein genetischer Befehl. Sind die urbanen Elemente mehr in Bewegung und stärker miteinander verbunden, werden wir vielleicht ein- 105 mal Frieden schließen. Der Frieden ist eine treibende Kraft. Er bricht mit der Unruhe. Städte wie Tokyo sind uns dennoch artverwandt. Eine höhere Form des Wohnens verlangt auch einen anderen Organismus. Das Gemeinsame des Gemeinschaftlichen wird gestärkt werden. Ist das alles, was Du uns zu sagen hast? Ja, aber ich habe noch eine persönliche Frage, rückt Nino mit der Sprache raus. Warum lebst Du in diesem Garten? Wir verstehen deine Frage, aber Du müsstest schon selbst auf die Antwort kommen. Dein Hologramm ist bloß ein Nachbau unserer Welt; wir können deinen virtuellen Raum jeder Zeit sprengen und Dich zerstören. Das Kriegerische in uns ist mit der Verteidigung des Raumes, der Eroberung neuer Räume verbunden. Diese aber gibt es kaum noch, eigentlich gab es sie nie. Was allein zählt, ist die Verwandlung des Raumes. Die Bewegung aus sich heraus verbindet die Idee des Wohnens mit einem Pilz, den wir als Schatz des Friedens hüten. Die Stimme des Termitenbaus wurde dröhnend, ein Datensturm erfasst Nino. Gegen den sich drehenden Pilz kann Nino nichts ausrichten. Er steht im Epizentrum eines Zusammensturzes. Das holografische Bild ist verschwunden. Mit einem Schlag hat ihn der Sog unwiderstehlich in die Lüfte gehoben. Seine Wun- 106 dersprüche verhallen als Verwünschungen. Ein Stern am Himmel mehr, murmelt Nino und reibt sich die Augen, als er aufwacht.

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Zusammenfassung

Dieses Buch handelt von Begegnungen, die die gewohnte Lebensbahn verändern. Das kann auf der Straße, im Grunde genommen überall geschehen. Ein Passant geht eiligen Schrittes vorüber. Wo will er hin? Was hat er Dringliches zu tun? Und dann kippt von einem Moment zum nächsten die Situation. Bin ich das nicht selbst? Niemand würde Nino mit mir verwechseln. Wir sind zu verschieden. Sehen ganz anders aus. Er spricht italienisch. Ich deutsch. Wir kommen aus zwei unterschiedlichen Kulturen. Dennoch geschieht von Augenblick zu Augenblick etwas Ähnliches. Obwohl Nino Tänzer ist und ich ein Autor bin, arbeiten wir an den gleichen, unsere Kultur übergreifenden Ideen. Wir transportieren unsere Lieder und Geschichten von einem Land ins andere und entdecken dabei, wo unser Platz ist. Verstehen können wir uns selbst nur auf Umwegen. Wir brauchen den anderen, der uns den Spiegel vorhält.