Content

8. Jesus Christus – Vergewisserungen in:

Roland Mierzwa

Künstlerische, philosophische und theologische Archäologie zum "religionslosen Christentum" nach Dietrich Bonhoeffer, page 161 - 174

Namen, die was sagen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4279-3, ISBN online: 978-3-8288-7186-1, https://doi.org/10.5771/9783828871861-161

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Jesus Christus – Vergewisserungen Wenn über Jesus Christus gesprochen wird, dann gibt es unterschiedliche Akzente. Die Reich-Gottes-Verkündigung zum Beispiel wird dem historischen Jesus zugerechnet. Hingegen ist der Sohn-Gottes-Titel eine Zuschreibung an Jesus, die von der jungen christlichen Gemeinde gemacht wurde. Dazu ist unterschiedliches zu sagen. Reich-Gottes-Verkündigung des historischen Jesus Die Forschung ist sich über das „Dass“ der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu einig, nicht aber in Bezug auf das „Was“. Sprachgebrauch Nach Ludger Schenke ist die basileia als „Königreich“ zu lesen. Es ist ein fest umrissener Raum, ein Gebiet von einem bestimmten Herrscher (vergl. Gäckle, 2018, 46f.). Hier „Königsherrschaft“ zu übersetzen ist zu unpräzise. Die Basileia in Jesu Verkündigung umschreibt einen Vollendungszustand, der dann eintreten wird, „wenn Gott allein und unbestritten als König herrscht und keine Macht ihm diese Herrschaft streitig macht“ (Strotmann, 2015, 100). Dieser Heilsraum ist nicht statisch, „sondern eine dynamische Wirklichkeit, die schon in der Gegenwart erfahrbar ist, sich immer weiter ausdehnt und schließlich die ganze Welt umgreifen wird“ (dies., 101). Man soll durch die Übersetzung nicht dazu verleitet werden, sich das „Königreich Gottes“ als irdischen Staat der Neuzeit vorzustellen, mit Wachposten usw. Dieser Heilsraum ist ein Raum von dem „alle gottwidrigen Mächte und Kräfte ausgeschlossen sind“ (Gäckle, 2018, 54). 8. 8.1. 8.1.1. 161 Wie Jesus die „Basileia Gottes“ vor dem Hintergrund des jüdischen Verständnishorizontes verstand „Jesus lebte wie sein Lehrer Johannes der Täufer ebenfalls in der Vorstellungswelt der Apokalyptik. Auch er erwartete das Ende der gegenwärtigen Geschichte und das Hereinbrechen einer neuen Weltzeit, in der nur noch Gott allein herrschen und alle Mächte des Bösen besiegt sein werden (…). Auch er ging von einem großen Gericht am Ende der Zeit aus und dachte in Dualismen: hier die Herrschaft des Satans – da die Königsherrschaft Gottes. Allerdings identifizierte Jesus die dämonischen Mächte nie mit einer tatsächlich existierenden imperialen Macht (wie z.B. Dan 7-12) oder mit den Nichtjuden an sich (wie z.B. PsSal 17,3), sparte also die menschliche Welt aus. (…) Eher ungewöhnlich für apokalyptische Literatur war jedoch die Gewissheit Jesu, dass die ›basileia Gottes‹ nicht nur unmittelbar bevorsteht, sondern schon begonnen hat, also schon in die gegenwärtige Weltzeit eingebrochen ist und sie zu verändern beginnt. Trotzdem war das paradoxe, typisch jesuanische ›Schon‹ und ›Noch nicht‹ der Gottesherrschaft keine Erfindung Jesu, sondern knüpfte an Vorstellungen an, die sich u.a. in Liturgien und Gebeten des zeitgenössischen Judentums finden. (…) Neu war jedoch Jesu Überzeugung, das zukünftige, die ganze Welt umfassende Königreich sei dabei, sich schon in der Gegenwart durchzusetzen“ (Strotmann, 2015, 103). Das zukünftige und schon gegenwärtige Königreich Gottes in der Verkündigung Jesu Man kann sich auf kein Jesuslogion beziehen, wodurch belegt werden könnte, dass das Reich Gottes unlösbar mit der Person Jesu verbunden ist und wo die „zukünftige Gottesherrschaft … in Wort und Tat, in der Person Jesus bereits Wirklichkeit“ und „in seiner Person bereits gegenwärtig“ ist (Zitate von Klappert in: Gäckle, 2018, 59; s.a. 127). „Eine pauschale Deutung des Wirkens Jesu als Verwirklichung, Herbeiführung, Aktualisierung, Vorabschattung, Antizipation, Dämmerung, Anbruch oder Einstand der ›basileia‹ (abweichend vom Original lateinische Schreibweise R.M.) oder gar als realized eschatology und Verge- 8.1.2. 8.1.3. 8. Jesus Christus – Vergewisserungen 162 genwärtigung der Zukunft lässt sich von den Evangelien her nicht belegen“ (ders., 59f.; s.a. 132). Gegenwärtigkeit des Gottesreiches Die Wachstumsgleichnisse werden als Beispiele für die Gegenwärtigkeit des Gottesreiches genannt. Dazu gehören das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (Mk 4,26-29) oder das Gleichnis vom Senfkorn (Mk 4,30-32). Die Pointe der Gleichnisse vom Senfkorn (Mk 4,30-32; Lk 13,18f.) oder vom Sauerteig (Mt 13,33) liegt in der Kraft und Unaufhaltsamkeit des einmal begonnenen Prozesses, wo der Anfang gemacht ist und das Reich Gottes sich nun unaufhaltsam die Bahn bricht (vergl. Wilk, 2012). Dabei lässt sich eine organische Verwandtschaft des „Anfangs“ (Senfkorn) und der Staude (Reich Gottes) kaum erahnen (vergl. Gäckle, 2018, 83). Deshalb darf man auch nicht so einfach die „basileia“ mit der Kirche identifizieren und daraus abgeleitet einen Wachstum der „basileia“ mit dem Wachstum der christlichen Kirche in Verbindung bringen (vergl. ders., 81). „Die Gegenwärtigkeit des Königreiches Gottes betonen schließlich auch Jesusworte, die das Drängende der basileia in den Vordergrund stellen und ein entsprechend entschlossenes und schnelles Handeln in der Gegenwart fordern. Hierzu gehören die Gleichnisse vom Gastmahl (Lk 14, 26-24 par Mt 22,1-14 par EvThom 64), vom Schatz im Acker und von der Perle (Mt 13,44-46; EvThom 109.76). Der Gastgeber des Festmahls kann nicht warten, bis alle Geladenen wirklich Zeit haben und frei sind von ihren Verpflichtungen. Wenn Gott zum Fest ruft, müssen die Geladenen kommen, ansonsten feiert er ohne sie (Lk 14,16-24 par). Noch radikaler erscheint die angemessene Reaktion auf das Auffinden von Schatz und Perle, nämlich sofort alles zu verkaufen, um diese Schätze zu erwerben. Auch hier gehören Gegenwärtigkeit und Zukünftigkeit des Gottesreiches zusammen, ein eschatologisches Verständnis fehlt jedoch“ (Strotmann, 2015, 106f.). a) 8.1. Reich-Gottes-Verkündigung des historischen Jesus 163 Zukünftigkeit des Gottesreiches Von der Zukünftigkeit des Gottesreiches spricht die zweite Vaterunserbitte: „dein Reich komme“ (Lk 11,2/Mt 6,10). Es ist eine beharrliche Bitte um die baldige und endgültige Durchsetzung dieses Reiches als Heilsraum. „Die Rede vom Kommen des Reiches ist wahrscheinlich eine Innovation Jesu, was ein gewichtiges Argument für die Authenzität ist“ (Gäckle, 2018, 53). „Die Zukünftigkeit des Gottesreiches begegnet uns auch in den ersten drei, wohl auf Jesus selbst zurückgehenden Seligpreisungen der lukanischen Fassung (Lk 6,20f.), die den Armen, Hungernden und Weinenden das Reich Gottes verheißen“ (Strotmann, 2015, 107). Gegenwärtigkeit und Zukünftigkeit des Reiches Gottes „Auf Grund der dargestellten Quellenlage ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Jesus die Gegenwärtigkeit des Gottesreiches isoliert ins Zentrum seiner Verkündigung gerückt hat“. Trotz herrschender Herrschaftsverhältnisse und familiarer Verwerfungen „konnte er in den kleinen, unscheinbaren Anfängen seiner Exorzismen und Heilungen, seiner Mahlsgemeinschaften, ja in der Schöpfung selbst die Gegenwärtigkeit der basileia spüren und sie anderen erfahrbar machen. Jesus war auch kein gottvergessener Macher, der glaubte, aus eigener Kraft die Welt verändern zu können. Er lebte aus einer inneren Gewissheit heraus, dass Gott selbst sein Königreich in allerkürzester Zeit herbeiführen und vollenden werde. Die in der Gegenwart sich Bahn brechende Herrschaft Gottes war nur den Anfang, (…)“ (dies., 108f.). Die behandelten Texte liefern keine überzeugenden Beweise für einen apokalyptischen Jesus. Und dennoch ist es unwahrscheinlich, dass Jesus sich vollständig von den apokalyptischen Vorstellungen seines Lehrers, Johannes des Täufers, entfernt haben soll. Und wenn die junge Christengemeinde apokalyptische Vorstellungen vom Reich Gottes hatte, dann wird sie das nicht ganz vorbei an Jesus entwickelt haben (vergl. dies., 109). b) c) 8. Jesus Christus – Vergewisserungen 164 Das Königreich als gesellschaftlicher Gegenentwurf zur erfahrenen irdischen Herrschaft Für die Hörer Jesu war Jesu Rede vom Reich Gottes weder ein theologisches, noch ein spirituelles Königreich, „sondern eine Metapher für eine umfassende Wirklichkeit, die im Gegensatz steht zu jeder menschlichen Herrschaft und zur erfahrenen empirischen Wirklichkeit, die von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod geprägt war (…)“ (dies., 110) Adressaten und Adressatinnen der Reich Gottes Verkündigung (vergl. dies., 110-113) – Menschen mit sozioökonomischen Defiziten: Arme, Hungernde, Chancenlose etc. – Kinder – Besessene, Kranke, Behinderte – Menschen mit moralischen Defiziten: Zöllner, Prostituierte – Im Zentrum, quasi als Bürger und Bürgerinnen des Gottesreiches, stehen Menschen, die in den irdischen Gesellschaften am Rande stehen, übersehen und ausgegrenzt werden, Menschen, die materielle, psychische, physische und soziale Not leiden (vergl. dies., 113) Erwartungen an diejenigen, die ins Reich Gottes eintreten wollen (vergl. Wilk, 2012) – „Sie müssen die Zuschauerperspektive aufgeben und im eigenen Leben umsetzen, was Jesus verkündet (…)“; – Es gilt sich von selbstsüchtigen Begierden zu befreien (vergl. Mk 9, 43-47) und von Bindungen, wie sie vom Reichtum ausgehen, zu lösen (vergl. Mk 10,25; Mt 6,24) Metaphern für das Reich Gottes – Festmahl ist als schöne Metapher für das Königreich Gottes (vergl. Gäckle, 2018, 48ff.) von ihm gebraucht worden. Es ist eine Herausforderung in einer Welt des Hungers und stets bedrohlicher Nahrungsknappheit. Die Speisung der Hungernden weist auch darauf hin (vergl. Strotmann, 2015). 8.1.4. a) b) c) 8.1. Reich-Gottes-Verkündigung des historischen Jesus 165 – Wenn er sagte: „Bei euch aber soll dies nicht sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der erste sein will, soll Sklave aller sein“, dann spricht er gegen anma- ßendes und imperiales Herrschen (vergl. dies., 114f.). Den „Weisen und Verständigen“ bleibt verborgen, worum es Jesus bei der Reich- Gottes-Verkündigung geht (vergl. Wilk, 2012). – Das Reich Gottes ist eine Gabe des Heils, die man empfängt, wenn man offen wie die Kinder ist, diese Gabe zu empfangen (vergl. Mk 10,14f.) (vergl. Gäckle, 2018, 63f.). Diese Gabe des Heils kann also schon jetzt „bereits gegenwärtig gesucht, empfangen und besessen werden“ (ders., 73) – wird ganz aber erst eschatologisch sichtbar/ offenbar (vergl. ders., 130). Bilder und Metaphern des Gerichts „Auffallend oft besteht das Gericht in der Jesusüberlieferung in einem selbstverschuldeten und selbstgewählten Ausschluss vom Königreich Gottes. Besonders Personen, die sich weigern den letzten radikalen Schritt auf die basileia hin zu tun, müssen mit dieser Konsequenz rechnen. Das gilt für die Eingeladenen im Gleichnis vom Gastmahl (Lk 14,16-24 par EvThom 64), die sich mit >wichtigeren< Dingen entschuldigen, ebenso wie für den reichen Jüngling (Mk 10,17-23 par), der sein Vermögen nicht loslassen kann, oder für diejenigen, die erst noch ihre Familienangelegenheiten regeln wollen, bevor sie Jesus nachfolgen (Lk 9,57-62 par). Als Selbstausschluss dürfte auch das Wort vom Völkergastmahl (Lk 13,28f. par Mt 8,11) zu verstehen sein, wie überhaupt die Einlassworte (…). Dem selbstgewählten Ausschluss werden in den genannten Überlieferungen nicht selten Menschen gegenüber gestellt, die ursprünglich nicht für das Königreich Gottes vorgesehen waren bzw. die sich die Eingeladenen als Gäste nicht vorstellen können“ (Strotmann, 2015, 116f.). „Fazit: Festzuhalten ist mit Theißen/Merz (246), dass die Gerichtspredigt Jesu wie die des Täufers ihre AdressatInnen verunsichern will. Im Licht des anbrechenden Gottesreiches ist ganz Israel vor Gott schuldig geworden. Niemand, auch nicht die frommsten und gerechtesten Judäer und Judäerinnen können sich von vornherein und selbst- 8.1.5. 8. Jesus Christus – Vergewisserungen 166 gewiss sicher sein, im Gericht gerettet zu werden und in das Königreich Gottes einzugehen. Ärgerlich ist die jesuanische Gerichtspredigt auch für gut situierte Menschen und solche mit entsprechendem gesellschaftlichen und politischen Einfluss, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Menschen, die an unterschiedlichsten Defiziten leiden und bisher unterprivilegiert waren, ja sogar Sündern und Sünderinnen, das Reich Gottes zugesagt wird. (Absatz herausgenommen R.M.) Die Gerichtspredigt Jesu zielt jedoch selbst in ihrer härtesten Variante (z.B. das Weisheitswort LK 11,49-51 par) nicht auf die Verunsicherung an sich, sondern durch die Verunsicherung hindurch auf die Umkehr ihrer AdressatInnen. Wie grundsätzlich jeder Gerichtsprophet Israels, einschließlich Johannes des Täufers, will auch Jesus durch die Ansage des Gerichts dieses gerade verhindern und die AdressatInnen zur Umkehr von ihrem bisherigen Lebensweg bewegen. Und schließlich noch ein Letztes: die Gerichtsbilder, die Jesus benutzt, sind zwar bedrohlich, bleiben aber in der Schilderung von Strafen sehr zurückhaltend“ (dies., 118). Wie und wo kann man sich das Reich Gottes heutzutage vorstellen (vergl. dazu Zager, 2002, 71-83 und 123, Punkt 4) Wenn man ernst macht mit den Vorstellungen von „Raum“ und „Festmahl“ beim Reich Gottes, dann ist für mich ein vorzüglicher Anknüpfungspunkt für heute greifbare Anfänge des Reich Gottes die Sozialkirche Gaarden (St. Matthäus in Kiel). Sie beherbergt die Kieler Tafel und ein „Lädchen“, in dem gespendete Kleidung und kleine Haushaltsgeräte kostenlos mitgenommen werden können. Während der Öffnungszeiten der Kieler Tafel sind Ehrenamtliche und die Pastorin Ragni Mahajan anwesend und haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Menschen. Die Stadtmission „stadt.mission.mensch“ ist mit im Boot der Angebotspalette der Sozialkirche. Dadurch werden auch das Café sowie soziale und kulturelle Veranstaltungen in der Sozialkirche möglich. Im Café werden Speisen und Getränke zu einem günstigen Preis angeboten; es besteht die Möglichkeit zur professionellen Beratung. Jeden ersten Freitag im Monat gibt es Livemusik – der Eintritt ist frei, Getränke werden zu kleinen Preisen angeboten. Und es findet re- 8.1.6. 8.1. Reich-Gottes-Verkündigung des historischen Jesus 167 gelmäßig eine Andacht im Raum der Stille statt. Darüber hinaus findet ein Stammtisch für Menschen mit Assistenzbedarf hier Heimat. Die Bingo-Nachmittage sind sehr beliebt, bei Jung und Alt, sie kosten nichts und dennoch sind schöne Preise, die gespendet wurden, zu gewinnen. Dadurch bestehen in der Sozialkirche Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose. Zur Sozialkirche Gaarden finden unterschiedlichste Menschen den Weg, nicht nur Arme oder Menschen aus anderen Religionen und Kulturen, auch Straffällige oder psychisch Kranke. Anmerkungen zum Sohn-Gottes-Titel Unser Blick auf Jesus Christus ist in großen Sätzen über Jesus Christus gefangen Manchmal frage ich mich, ob unser Blick auf die Menschen gefangen ist durch große Sätze über Jesus Christus beziehungsweise eine zu verherrlichende Sprache. Das Sprechen und Deuten von Jesu Leben, Tod und Auferstehung wird durch Lehrsätze mit einem so hohen Wahrheitsanspruch betrieben, so dass der Effekt auftritt, dass so, wie Jesus Christus in seiner Art und Weise sprach, lebte und handelte ganz exklusiv als der Sohn Gottes erkannt und interpretiert wird – aber eigentlich ist er „nur“, jetzt in dem vom Sozialethiker A. Rich (1984) gewählten Begriff, ein „Prototyp“ dafür, wie tiefer Glauben Großes möglich macht. Dadurch dass der Blick auf Jesus durch ein extrem verherrlichendes Sprechen umklammert wird, herrscht ein zu ausschließender Blick auf das Attribut „Sohn“ oder „Tochter Gottes“, so dass andere Menschen in der Geschichte nicht mehr als Söhne oder Töchter Gottes erkannt und verstanden werden, die aber auch im Himmel an der Seite Gottes sitzen. „(…) ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder (ergo: Töchter und Söhne)….“ (Gal 3,26). Ich frage mich, ob die in der Christologie erfolgende Differenzierung zwischen der WESENSgleichheit Jesu mit dem Vater und eine Gottessohnschaft/Gottestochterschaft der GNADE nach sinnvoll argumentativ zu vollziehen ist, wenn der „exklusive“ Sohn Gottes und die anderen Söhne und Töchter Göttes durch den Glauben der Gestalt nach gleich sein werden. 8.2. 8.2.1. 8. Jesus Christus – Vergewisserungen 168 Es ist durchaus realistisch anzunehmen, dass es Menschen gibt, die auch ein ebenso wie Jesus Christus barmherziges, von Liebe durchtränktes, spirituelles, zutiefst gerechtes Leben führen, dass sie Jesus Christus gleich sind. Ich vermute sehr stark, dass es neben Jesus Christus, man muss nur ganz genau hinschauen, auch Menschen gibt, die in ihren Lebens- und Grundvollzügen umfassend transparent auf Gott hin sind. Und es können Menschen sein, die Lahme zum Gehen bringen, Blinde zum Sehen bringen und Tote auferwecken – „Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch grö- ßere als diese tun; (…)“ (Joh. 14,12). Einem von der Angst durch und durch ergriffenen Menschen wieder die Freiheit zum Leben zu schenken, ist so als würde man einen Lahmen wieder zum Gehen bringen. Wie stark dürfen wir die von Jesus Christus berichteten Ereignisse physisch denken, um das mit der metaphorischen Sprache in der Bibel Gemeinte über Gebühr einzuengen beziehungsweise auszugrenzen. Es gibt Menschen, die Arzt im originären Sinne sind, ohne den Arztberuf auszuüben. Man kann auch die Wunder, die Menschen heute vollbringen, erkennen lernen, wenn man weg kommt von der engführenden Interpretationsfolie – das Ereignis ist biologisch, naturwissenschaftlich, soziologisch nicht erklärbar. Weil man das Wort Wunder nicht gern in Mund nimmt wird von Spontanheilungen gesprochen und doch sind es Wunder, angetippt durch Heilimpulse von Ärzten und Pflegekräften und liebevollen Besuchen. Und war es nicht ein Wunder der Nächstenliebe, als im Jahreswechsel 2015/2016 so viele Menschen sich für die Flüchtlinge engagierten – vergleichbar der Sättigung der 5000 durch die wunderbare Brotvermehrung? Sohn Gottes ist man, wenn ich die Hinweise in der Bibel richtig deute, nicht „attributfrei“. Es gehört zu der Identifizierung von jemanden als Sohn und Tochter Gottes eine Qualitätsaussage von sich selbst zeigenden Leben, sich bewährenden Leben, von einem besonderen persönlichen Fingerabdruck in den zwischenmenschlichen Bezügen hinsichtlich Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Treue zu Gott dazu. Ich möchte nicht ein Junktim formulieren – hier wäre der Junktim-Gedanke fehl am Platz. Aber es muss doch mit jemanden für Gott erfahrbar bleiben, dass jener (also Gottes Sohn und Tochter Gottes) bei seinen Grundvollzügen auf der Erde so ist, was das göttliche Handeln qualitativ ausmacht, so wie es uns in der Bibel berichtet wird. Er muss 8.2. Anmerkungen zum Sohn-Gottes-Titel 169 dabei das menschliche allzu menschliche Mittelmaß transzendieren. Gott wird jemanden wohl nicht als Gottes Sohn oder Tochter Gottes annehmen, der das in der Bibel berichtete „Göttliche“ des Lebens verrät oder nachlässig darauf Bezug nimmt. Ohne grenzenlose Liebe wird wohl kaum Gott jemanden als Sohn oder Tochter Gottes annehmen. Fehlende Liebe ist eine ganz entscheidende Scheidemarke (1 Kor 13) mit der sich jemand herauskatapultiert aus den Kreis der Söhne und Töchter Gottes. Und Liebe ist wahrlich nichts Einfaches, wenn sie sich bewähren muss. Ich vermute ganz stark, dass Jesus Christus nicht der einzige Sohn, die einzige Tochter Gottes gewesen ist (vergl. hier den Hinweis auf die feministische Diskussion zur Christologie in Westeuropa und Nordamerika, insbesondere zu D. Sölle in: Zager, 2002, 116), dass es auch noch andere Menschen gab, die genauso wie er in ihrem Leben transparent auf Gott gewesen sind, dass sich wieder noch weitere Wunder ereigneten durch das Eingreifen dieser Menschen – man darf halt nur nicht enggeführt auf die Vorgänge auf dieser Erde durch die alles dominierende „Erzählung“ von Jesus Christus schauen. Man muss auch die Geschichten von den anderen Menschen, die auf dieser Erde weilten, erzählen, damit deutlich wird, dass es über Jesus Christus hinaus auch noch ein im Angesicht Gottes zutiefst gelingendes Leben auf dieser Erde gibt. Ich denke an die Diakonisse, deren Liebe sich in unendlich viel Langmut und Treue zur geschundenen Existenz zeigt und dadurch dem gebrochenen Menschen wieder Lebensmut und Zukunftsschritte schenkt. Ich denke an den Diakon der zutiefst gerecht bei Mobbingfällen dazwischen geht und der dann ganz ohne Eitelkeit und Selbstherrlichkeit sich über gelungene Gerichtsprozesse für Mobbingopfer freut. Sohn Gottes oder Tochter Gottes – es gab und gibt Menschen, die um der gerechten Sache verunglimpft und verfolgt wurden, die in die Enge getrieben einen sehr schmerzvollen Leidensweg gehen mussten und gekreuzigt wurden. 8. Jesus Christus – Vergewisserungen 170 Ist nur Jesus Christus auferstanden? Die Auferstehung von Jesus Christus war nur möglich, weil er ein durch und durch auf Gott hin transparentes Leben führte. Seine tiefste Barmherzigkeit, seine Liebe, seine unbestechliche Gerechtigkeit, sein durch die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht besetzbarer Lebenswandel unter dem Lichte Gottes, seine Freiheit vor teuflischen Versuchungen waren so stark, dass Gott die Spur seines Lebens über den Tod hinaus weitergehen ließ. Die praktischen Aussagen seines Lebens zur Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und zur Freiheit waren so stark transparent auf Gott hin, so dass die Jünger glaubten, dass der gewaltsame Tod seiner Gestalt nichts anhaben konnte – obwohl am Kreuz hingerichtet, begleitete er sie über den Tod hinaus. Das ist die Auferstehung Jesu Christi. Das bringt das Bild „Unterwegs nach Emmaus“ von Janet Brooks-Gerloff gut zum Ausdruck. Es macht die verklärte Gestalt des präsenten und gegenwärtigen Auferstandenen sehr gut deutlich. Und ist nur Jesus Christus von den Toten auferstanden, gezeichnet mit den Wundmalen. Wie denken wir Auferstehung beziehungsweise stellen wir uns Auferstehung vor, gezeichnet mit Wundmalen? Könnte nicht auch eine Auferstehung bei einem zutiefst gerechten und barmherzigen Menschen vorliegen, der nach Monaten der Folter, seelisch tot und im Gehirn neurobiologisch mit einer Furchtnarbe gekennzeichnet aus einem Folterkeller auftaucht und nach 10 Jahren der langsamen Auferstehung wieder ganz frei mit Liebe zwischenmenschliche Beziehungen gestaltet, wieder beglückt die Vögel im Wald zwitschern hören kann und wieder ganz uneigennützig aktiv ein Helfender ist? Auf welche Auferstehung vom wem warten wir, bis wir uns eingestehen, dass es ein Sohn oder eine Tochter Gottes ist? Und ist die Auferstehung von einer selbstbewussten, gerechten, attraktiven und fürsorglichen Frau im Mittelalter vorstellbar, die Opfer der Hexenverbrennung wurde und deren Asche in alle Winde verstreut wurde? Oder ist die Auferstehung des gerechten Mannes vorstellbar, der von der Militärjunta in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts verschwunden gelassen und über dem Meer herabgeworfen wurde und beim Aufprall auf das Meer in Stücke zerrissen wurde? Und ist die Auferstehung der leidenschaftlichen und unbeugsamen Christin mög- 8.2.2. 8.2. Anmerkungen zum Sohn-Gottes-Titel 171 lich, die von Boko Haram geköpft wurde? Kann das Vorbild der Auferstehung Jesu hier den Blick verengen auf die mögliche und vielleicht stattgefundene Auferstehung dieser Menschen? Kann die Auferstehung darin bestehen, dass andere Menschen, den Leib beziehungsweise die Gestalt dieser Menschen nach ihrem Tod anzogen und das Zeugnis des Lebens dieser Menschen in ihrem Leben weiterführten, die praktischen Aussageintentionen und Ausrufezeichen der zu Tode Gekommenen verlebendigten und unter den Menschen weitertrugen? Ist es Auferstehung, wenn Worte, Zeugnisse, Lebensbeispiele uns weiterhin umtreiben und uns den Weg ins Leben weisen (vergl. Zager, 2002, 123)? Auferstehung – das ist für mich dann, wenn das Lebenszeugnis einer Person mit seinem Tod nicht am Ende ist und durch andere über den Tod hinaus in der Geschichte der Menschheit Gestalt annimmt, so als würde der Verstorbene noch leben – durch erinnert werden (vergl. Slenczka, 2018). Es sind mehr Söhne und Töchter Gottes als nur Jesus Christus auferstanden. Es werden nur diese Ereignisse nicht erzählt, nicht tradiert und daher sind sie uns nicht bewusst. Wir sind zu sehr auf diese exklusive Auferstehungsgeschichte von Jesus Christus mit unserer Aufmerksamkeit konzentriert und können es uns, weil sie so exklusiv erzählt wird, nicht mehr vorstellen, dass sich weiterhin Auferstehungsereignisse unter uns ereignen. Wäre dies der Fall, dann würde man leichter an die Auferstehung glauben. Literaturverzeichnis GÄCKLE, Volker: Das Reich Gottes im Neuen Testament. Auslegungen – Anfragen – Alternativen, Göttingen 2018 RICH, Arthur: Wirtschaftsethik. Grundlagen in theologischer Perspektive, Gütersloh 1984 SLENCZKA, Notger. Wir werden erinnert. Warum die Frage nach dem leeren Grab überflüssig ist, S. 32-34 in: zeitzeichen 4/2018 STROTMANN, Angelika: Der historische Jesus: Eine Einführung, Paderborn 2(2015) THEIßEN, Gerd/MERZ, Annette: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, S. 221-255, Göttingen 4(2011) 8.3. 8. Jesus Christus – Vergewisserungen 172 WILK, Florian: Drängen auf allen Ebenen. Das Evangelium vom Reich Gottes in der Jesusüberlieferung. (Nikolaus Walter zum 80. Geburtstag) Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2012) in: http://www.rpi-loccum.de/material/ausaetze/ theo_wilk abgerufen am 17.5.2018 ZAGER, Werner: Bergpredigt und Reich Gottes, Neukirchen-Vluyn 2002 8.3. Literaturverzeichnis 173

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der Gedanke des „religionslosen Christentums“. Die Ausführungen dazu sind allerdings fragmentarisch. Deswegen unternimmt dieses Buch künstlerische, philosophische und theologische Tiefenbohrungen bei Persönlichkeiten, um Gedankengut freizulegen, das für die inhaltliche Anreicherung des Gedankens eines „religionslosen Christentums“ von Bedeutung sein kann. Folgende Persönlichkeiten werden in Einzelstudien analysiert: Enrique Dussel, Erich Fromm, Martin Luther King, Jan Koblasa, Jesus Christus, Jürgen Moltmann, Karl Rahner, Arthur Schopenhauer, Anthony Shaftesbury, Tzvetan Todorov und Johann Hinrich Wichern.