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6 Glaubensbindung und kirchlich-religiöse Praxis in:

Waldemar Vogelgesang, Luisa Kersch

Eifeljugend heute, page 155 - 174

Leben in der urbanisierten Provinz

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3885-7, ISBN online: 978-3-8288-6646-1, https://doi.org/10.5771/9783828866461-155

Tectum, Baden-Baden
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155 6 Glaubensbindung und kirchlich-religiöse Praxis Die Beziehung Jugendlicher zu Religion und Kirche fügt sich keiner einfachen Denkschablone. Denn die bereits mehrfach angesprochenen tiefgreifenden Individualisierungsprozesse haben in Verbindung mit der Auflösung des kirchlichen Religionsmonopols ! und der wachsenden Bedeutung von alternativen Sinnanbietern einen Markt des Religiösen ! entstehen lassen, der junge Menschen wie nie zuvor in eine Wahl- und Entscheidungssituation versetzt, auch in Religions- und Sinnfragen „ihre persönliche Linie“ finden zu müssen, wie dies eine 17-Jährige (Svenja) sehr anschaulich umschrieben hat. Diese Aussage markiert den Ankerpunkt, vor dessen Hintergrund die Glaubensbindung und religiöse Praxis Jugendlicher zu betrachten ist. Näher untersucht werden in diesem Zusammenhang vor allem drei Bereiche des kirchlich-religiösen Habitus junger Menschen in der Eifel: Konfession, Kirchenbindung und Religiosität. 6.1 Konfessionszugehörigkeit In einer ersten empirischen Annäherung an das Verhältnis Jugend und Religion haben wir die Konfessionszugehörigkeit näher untersucht. Dazu stellten wir den Jugendlichen zunächst ganz allgemein die Frage: „Welcher Religionsgemeinschaft gehörst Du an?“ Tabelle 14: Konfessionszugehörigkeit nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Konfession katholisch evangelisch andere keiner gesamt 86 5 2 7 Geschlecht Jungen 84 5 1 10 Mädchen 88 6 2 4 Alter 14-17 J. 87 7 1 5 18-21 J. 90 4 1 6 22-25 J. 80 6 2 13 Bildung niedrig 74 11 2 13 mittel 89 4 1 6 hoch 87 5 2 6 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). ! Vgl. Hahn 2008. ! Vgl. Zinser 1997. 156 Die überwiegende Mehrzahl der jungen Eifeler, nämlich 86%, sind katholisch, 5% sind evangelisch, 2% gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an und 7% sind konfessionslos. Bei den Jugendlichen, die sich zu einer anderen religiösen Gemeinschaft bekennen, handelt es sich zum einen um jugendliche Muslime zumeist türkischer Herkunft, zum anderen um Aussiedlerjugendliche, die freikirchlichen Gemeinden angehören. Ihre adventistische religiöse Identität, die wir im Kontext eines anderen Forschungsprojektes (‚Jugendliche Aussiedler – zwischen ethnischer Diaspora und neuer Heimat’) näher untersucht haben, scheint dabei allerdings Prozesse konfessioneller Indoktrinierung und sozialer Schließung zu forcieren, die gerade für junge Menschen höchst problematisch sein können. !! Sozialstrukturelle Einflüsse sind vor allem bei den Jugendlichen evident, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören. Bezüglich des Geschlechts ist auffällig, dass der Anteil der Konfessionslosen unter den Jungen (10%) mehr als doppelt so groß ist wie bei den Mädchen (4%). Auch steigt der Anteil der konfessionslosen jungen Menschen in der Eifel mit dem Alter, wobei vor allem die 22- bis 25-Jährigen (13%) überproportional häufig nicht – resp. nicht mehr – konfessionell gebunden sind. Des Weiteren ist ein Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Konfessionslosigkeit nachweisbar. Es sind hier in erster Linie Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsniveau (13%), die im Unterschied zu ihren Altersgenossen mit einer mittleren (6%) und höheren (6%) Bildung keiner Glaubensgemeinschaft angehören. Auch wenn Personenmerkmale in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die Konfessionslosenrate nehmen, ist darüber hinausgehend zu erwähnen, dass die für die Eifeljugend festgestellte Größenordnung von 7% weit unter derjenigen der Erwachsenen liegt, deren Quote für Westdeutschland auf der Grundlage des ALLBUS-Surveys mit 17% angegeben wird.167 6.2 Religiöse Selbsteinschätzung und Glaubensüberzeugungen Neben der Konfessionszugehörigkeit resp. Konfessionslosigkeit zählt die Frage nach der religiösen Selbsteinschätzung zu den Standardthemen in der soziologischen Religionsforschung. Dabei wird zunächst nicht danach unterschieden, um welche Religionsgemeinschaften und Glaubensformen es sich dabei handelt. Vielmehr interessiert das subjektive Empfinden einer mehr oder weniger ausgeprägten ‚religiösen Mu- !! Vgl. Vogelgesang 2006. !" Vgl. Müller et al. 2013, S. 134. 157 sikalität’, wie dies einer der Gründungsväter der deutschen Soziologie, Max Weber, vor über 100 Jahren einmal formuliert hat. Um die religiöse Selbsteinstufung der Eifeler Jugendlichen zu messen, stellten wir ihnen folgende Frage: „Als wie religiös würdest Du Dich einschätzen?“ Auch hier wird aus Vergleichsgründen Bezug genommen auf die Ergebnisse der 2000er Befragung. Abbildung 41: Religiöse Selbsteinschätzung – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die Antwortverteilung verweist auf eine Entwicklung in zwei Ebenen. Zum einen stufen sich etwas weniger Jugendliche als „nicht religiös“ ein. Zum anderen – diese Tendenz ist deutlich ausgeprägter – ist die Rate der Jugendliche, die fest im Glauben verwurzelt sind, rückläufig. Nach Sozialmerkmalen differenziert, bestätigen sich die auch im 2000er Survey festgestellten Zusammenhänge: Mädchen sind eher an Religion interessiert als Jungen, Jüngere eher als Ältere und Höhergebildete eher als Niedriggebildete.168 Aber trotz dieser Unterschiede in den einzelnen Sozialkategorien ist für die Mehrzahl der jungen Menschen ein gewisses religiöses Fundament gegeben, auch wenn dabei zunächst einmal offen bliebt, welche Glaubensvorstellungen und religiösen Praktiken gerade 168 Vgl. Vogelgesang 2001, S. 164f. Erhebungsjahr Religiös Weniger religiös Nicht religiös Religiosität 158 bei Jugendlichen vorherrschen, die sich selbst als nicht besonders religiös wahrnehmen. Unsere Vermutung ist, dass darin weniger ein Bedeutungsverlust christlicher Religiosität zum Ausdruck kommt, sondern eher eine Umorientierung resp. Neuausrichtung der religiösen Orientierung sichtbar wird. Bereits in der 2000er Studie ist eine ausgeprägte Kluft zwischen der Alltags- und Sinndimension im Religionsverständnis der Jugendlichen deutlich geworden. Die Ergebnisse der aktuellen Studie bestätigen diese Entwicklung. Ablesbar ist zunächst einmal die gesunkene alltagspraktische Relevanz des Religiösen an der Antwortverteilung zu dem Statement: „Mein Glaube hilft mir bei der Lebensgestaltung weiter.“ Abbildung 42: Alltagsrelevanz des Glaubens (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Nur ein Drittel der Jugendlichen sieht in der Religion noch eine lebensweltliche Orientierungsinstanz, die überwiegende Mehrheit dagegen greift in ihrer Lebensplanung und -gestaltung nicht mehr auf bestimmte Glaubensinhalte und Moralvorschriften zurück. Religion hat für die jungen Menschen ganz offensichtlich immer weniger eine Ratgeberfunktion – eine Feststellung, die durch die Ergebnisse auf die Frage: „Welchen Einfluss haben Religion und Glauben auf Dein alltägliches Handeln?“ bestätigt wird. Nur 9% der Jugendlichen bekunden „einen gro- Trifft zu Teils-teils Trifft nicht zu 159 ßen Einfluss“, 43% „einen geringen Einfluss“ und 48% sagen „keinen Einfluss“. Es drängt sich förmlich die Frage auf: Ist der Rückgang der Alltagsrelevanz religiöser Normen und Lebensweisen gleichbedeutend mit einer Ablehnung der Religion insgesamt? Ist die Jugend also – auch in der Eifel – in toto religionsferner oder gar areligiös geworden? Dass diese Pauschaldiagnose nicht zutreffend ist, deutete bereits die hohe Quote von zwei Dritteln der Jugendlichen an, die sich als mehr oder weniger religionsaffin einstufen. Auch die Ergebnisse eines Kontrollitems („Für mich ist Religion und Glaube ein alter Hut bzw. uninteressant“) bestätigen mehrheitlich eine religiöse Grundausrichtung und Verortung der jungen Eifelbewohner: Denn nur 34% bejahen diese Aussage („stimme zu“), 25% sind eher indifferent („teils-teils“) und 41% lehnen sie ab („stimme nicht zu“). Religion ist also nach wie vor ein Thema, mit dem sich ein Großteil der befragten Jugendlichen beschäftigt und dem sie auch Bedeutung beimessen. Diese Bedeutungszuweisung machen sie aber immer weniger an ihrer unmittelbaren Lebenssituation fest, wie es den Anschein hat, sondern religiöse Themen und Reflexionen weisen für sie gerade darüber hinaus. Hier deutet sich im Selbstverständnis der jungen Menschen eine Verlagerung und ein Eigenwert des Religiösen an, der jenseits der Alltagsgeschäftigkeit liegt, und auf die ureigene Funktion aller Glaubensvorstellungen zielt: der Bewältigung von Kontingenzerfahrungen. Besonders deutlich wird dies bei der Frage nach der Endlichkeit oder Unendlichkeit der menschlichen Existenz. Auf die entsprechende Frage: „Glaubst Du an ein Leben nach dem Tod?“ haben die Jugendlichen wie folgt geantwortet: 45% glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, 18% glauben nicht daran und 37% sind unentschieden. Bei dieser menschlichen Schicksalsfrage wird Religion zur Sinnressource schlechthin, mithin ist davon auszugehen, dass die zustimmenden und zum Teil wohl auch die „weiß nicht“-Antworten auf eine religiöse Orientierung der Mehrzahl der befragten jungen Eifeler verweisen. Allerdings bleibt bei der Jenseits-Frage erst einmal offen, welche Variante von Transzendenzvorstellung hier angesprochen wurde. Aufgrund der konfessionellen Zusammensetzung der Eifeljugend ist aber davon auszugehen, dass es sich größtenteils um eine christliche Anschauung und Jenseitsvorstellung handelt – eine Annahme, die durch Korrespondenzen dieser Frage mit anderen Aspekten der Kirchlichkeit und Religiosität bestätigt wird. So besteht bspw. eine enge Beziehung zwischen Religionsnähe und dem Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. 160 Abbildung 43: Glaube an Leben nach dem Tod in Abhängigkeit von der Religiosität (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wer dem Christentum verbunden ist, so die Schlussfolgerung, glaubt auch daran, dass der Tod und die Auferstehung Jesu Christi Sinnbild für die eigene Erlösung und den Eingang ins Reich Gottes sind. Wer dagegen nicht kirchlich-religiös verwurzelt ist, geht eher davon aus, dass mit dem Tod auch unwiderruflich das Ende des menschlichen Seins einhergeht. Allgemein formuliert: Inner- und außerweltliche Überzeugungen nehmen bei den Jugendlichen unmittelbar und ausdrücklich Einfluss auf ihre Todes- und Weiterlebensvorstellungen. Sie haben zudem – gerade bei den christlich Engagierten und Interessierten – auch eine hohe Verbindlichkeit, Konstanz und Handlungsrelevanz. 6.3 Religiöse Praktiken und Kirchenbindung Die religionswissenschaftliche Forschung ist sich weitestgehend einig, dass die Konfessionszugehörigkeit nicht zwangsläufig mit einer ausgeprägten Kirchenbindung einhergeht. Im Gegenteil, gerade die beiden großen christlichen Kirchen spüren die physische Abwesenheit der jungen Leute schon seit Längerem.169 Die Frage ist, ob der Abwärtstrend ! Vgl. Barz 1992. Religös Weniger religiös Gar nicht religiös Religiöse Selbsteinschätzung Ja Weiß nicht Nein Jenseitsglaube 161 und der Vertrauensverlust gegenüber den Kirchen anhalten oder ob sich hier Veränderungen nachweisen lassen. Als Indikatoren sind hierfür bestimmte religiöse Praktiken wie etwa Gottesdienstbesuch, Messdienertätigkeit oder die Teilnahme an kirchlichen Festen ebenso von Bedeutung wie die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde. Als wichtigster Faktor wird in diesem Zusammenhang immer wieder der Kirchgang genannt – ein Sachverhalt, der uns dazu veranlasst hat, die Aufmerksamkeit in der Auswertung insbesondere darauf zu lenken. Den jugendlichen Bewohnern im Eifelkreis stellten wir dazu folgende Frage: „Wie häufig gehst Du zum Gottesdienst?“ Ein Vergleich mit den Ergebnissen aus der 2000er Studie verdeutlicht, dass die Kirchgangshäufigkeit nochmals etwas gesunken ist und sich auf einem niedrigen Niveau einzupendeln scheint. Abbildung 44: Gottesdienstbesuch – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Betrachtet man sich das Zahlenwerk etwas genauer, dann ist das Augenmerk auf mehrere Aspekte zu lenken. Zunächst einmal ist evident, dass in dem untersuchten Zeitraum die Rate der ‚regelmäßigen Gottesdienstbesucher‘ leicht rückläufig ist (2000: 28%; 2011: 22%) und diejenige der ‚Gottesdienstabstinenten‘ in geringem Umfang zugenommen hat (2000: 13%; 2011: 16%) – zwei Tendenzen, die verdeutlichen, dass die R e g e l m ä ß i g / j e d e W o c h e E i n m a l i m M o n a t M e h r m a l s i m J a h r E i n m a l i m J a h r N i e Gottesdiensbesuch 2000 2011 Erhebungsjahr 162 Jugend in der Eifel den Weg in die Kirche immer seltener findet. Die überwiegende Mehrheit aber ist der Gruppe der ‚unregelmäßigen Kirchgänger‘ zuzuordnen. Sie zeichnet sich durch eine sehr lockere und anlassbezogene Haltung gegenüber dem Kirchenbesuch aus, wie auch in den vertiefenden Gesprächen mit den Jugendlichen sehr deutlich wurde: „Zum Heiraten gehört für mich auch die kirchliche Trauung“ (Dana, 16 Jahre). Oder: „Wenn ein Mensch gestorben ist, soll die Gemeinschaft, in der er gelebt hat, würdevoll von ihm Abschied nehmen. Das könnte ich mir ohne ein christliches Begräbnis nur schwer vorstellen“ (Adrian, 22 Jahre). Oder: „Was die Kirchen im sozialen und humanitären Bereich leisten, ist unverzichtbar“ (Sven, 18 Jahre). Auf das kirchliche Ritual- und Dienstleistungsangebot in besonderen Lebenssituationen legen viele Jugendliche ganz offensichtlich noch einen großen Wert – ein Befund, der in vergleichbarer Weise auch für Erwachsenen gilt, wie wir in einer Regionalstudie im Landkreis Trier-Saarburg nachweisen konnten. " Nicht übersehen werden darf aber in diesem Zusammenhang, dass es in der Jugendphase zu deutlichen Frequenzverschiebungen im Gottesdienstbesuch kommt. Der Zusammenhang ist hoch signifikant und lässt sich als altersabhängige ‚lineare Erosionsgerade‘ beschreiben. Denn während bei den 14- bis 17-Jährigen noch 35% regelmäßig, d.h. einmal pro Woche oder wenigstens einmal im Monat, in die Kirche gehen, sinkt die entsprechende Quote bei den 18- bis 22-Jährigen auf 16% und bei den 23- bis 25-Jährigen gar auf 7%. Auch diese Entwicklung unterstreicht, dass der Gottesdienstbesuch immer häufiger zu einer punktuellen Angelegenheit wird. Die Vermutung liegt nahe, dass es auch für die eher kirchenfernen Jugendlichen die Wendepunkte des Lebens sind, die sie durch das kirchliche Zeremoniell ‚gerahmt‘ sehen möchten. Auch die Längsschnittperspektive lässt erkennen, dass dies kein neuer Trend ist, sondern ein Strukturmerkmal der Kirchenbindung von Jugendlichen insgesamt: Kirche ist für sie nach wie vor eine unverzichtbare rituelle Ressource und sozial-karitative Hilfs- und Serviceeinrichtung. Aber in dieser eher instrumentellen Haltung erschöpft sich ihr Kirchenbezug nicht. Kirchen sind für sie auch Glaubensinstitutionen, allerdings finden deren hierarchische Strukturen, liturgische Formen und moralischen Forderungen bei den Jugendlichen wenig Zustimmung. Obwohl sich die Mehrheit zu einer Konfession bekennt, fühlt sich nur eine Min- 170 Vgl. Vogelgesang et al. 2015, S. 115f. 163 derheit von knapp einem Viertel (23%) mit der Institution Kirche noch stärker verbunden. Im Jahr 2000 lag die Quote noch bei knapp einem Drittel (32%). Die Aufschlüsselung nach Sozialmerkmalen legt ein bereits bekanntes Strukturmuster im religiösen Habitus junger Menschen offen: Es sind eher männliche Jugendliche mit einer niedrigen Schulbildung, die mit Erreichen der Volljährigkeit sich verstärkt von der Kirche abwenden. Tabelle 15: Verbundenheit mit der Kirche nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Verbundenheit mit der Kirche stark weniger stark überhaupt nicht gesamt 23 48 29 Geschlecht Jungen 23 45 32 Mädchen 23 51 26 Alter 14-17 J. 27 52 21 18-21 J. 22 45 33 22-25 J. 15 45 40 Bildung niedrig 11 40 49 mittel 22 49 29 hoch 26 49 25 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wie sehr die ‚Amtskirche‘ bei den Jugendlichen an Boden verloren hat, ist auch in den Tiefeninterviews sichtbar geworden. Sie ist in ihrer Wahrnehmung, wie eine kleine Auswahl von kritischen Äußerungen zeigt, „viel zu hausbacken“ (Karsten, 16 Jahre), „altmodisch“ (Sylvia, 21 Jahre), „langweilig“ (Ruth, 24 Jahre), „ewig gestrig“ (Sarah, 19 Jahre) oder „Lichtjahre weg von dem, was Jugendliche bewegt“ (Gunnar, 17 Jahre). Jedoch handelt es sich bei vielen Jugendlichen keineswegs um eine Fundamentalopposition zur Kirche, sondern um eine Art kritischer Distanz. Dies zeigt sich u.a. darin, wie die Jugendlichen auf die Frage: „Wie müsste Deiner Meinung nach ein lebendiger Gottesdienst aussehen?“ geantwortet haben. Fasst man das große Spektrum von Einzelnennungen kategorial zusammen, dann sind es vor allem vier Aspekte, die ihrer Meinung nach eine Messfeier interessanter und ansprechender machen würden: progressivere Musik (38%), größere Nähe zum Alltagsgeschehen (29%), stärkere An- und Einbindung der Gemeinde (12%) und intensiverer Bezug zur jugendlichen Lebenswelt (11%). Dabei sind es in erster Linie diejenigen, die (noch) kirchlich interessiert und engagiert 164 sind, die sich in dieser Weise äußern. Es sind ganz offensichtlich sehr konkrete Erfahrungen und Fragen, an denen sich die Kritikbereitschaft entzündet. Gerade weil man, so die etwas paradoxe Schlussfolgerung, die Kirche für wichtig erachtet, will man sie ändern. Negativ formuliert: Wenn das Band zur Kirche und Konfession einmal gerissen ist, dann ist es sehr schwer wiederherzustellen. Die kritisch-skeptische Grundhaltung, die viele Jugendliche gegenüber Klerus und Kirche äußern, ist aber weder bezogen auf ihre Altersgruppe noch historisch ein neues Phänomen. Denn auch die meisten Erwachsenen sehen sich als ‚Kirchenskeptiker‘, d.h. sie sind zwar durchaus kirchlich-institutionell interessiert und engagiert, demonstrieren aber der Institution gegenüber eine – mehr oder weniger ausgeprägte – kritische Haltung. " Wirft man einen Blick in die Vergangenheit, dann zeigt sich, dass eine gewisse oppositionelle Haltung gegenüber der Kirche und ihren Würdenträgern, die sich im Habitus ‚gläubiger Kirchenkritik‘ verdichtet, schon immer ein integraler Teil des Selbstverständnisses vor allem der katholischen Laien war. Neu ist nur, dass sich diese oppositionelle Haltung – auch unter Jugendlichen – immer mehr ausbreitet, an Kontur und Intensität gewinnt und sich in einem teilweise sehr selbstbewusst vorgetragenen Anspruch auf eine eigene, individuelle, vom kirchlichen Lehramt unabhängige, religiöse Kompetenz äußert – eine Entwicklung, die man durchaus als Teil eines größeren, für spätmoderne Gesellschaften typischen Prozesses verstehen kann, der auch als „Selbstermächtigung des religiösen Subjekts“ " beschrieben wird. 6.4 Religion als Privatsache Für die Mehrzahl der Jugendlichen sind Glaubensfragen also keineswegs obsolet geworden, wie immer wieder behauptet wird. Im Gegenteil, Religion ist für sie – vor allem als existentielle Sinninstanz – von Bedeutung und nimmt in ihrem Leben einen wichtigen Platz ein, auch wenn sie dies vermehrt für sich behalten. Denn im Kontext der Untersuchung ihrer Religiosität sind wir auf eine Differenz zwischen Selbstund Fremdwahrnehmung gestoßen, die uns überrascht hat und Anlass war, in einer kleinen qualitativen Folgestudie den Gründen hierfür genauer nachzuspüren. Ausgangspunkt bildeten die Antworten auf folgende religionsbezogene Aussage, um deren Beurteilung wir die Jugendlichen gebeten haben: „Ich glaube, dass viele Jugendliche insge- " Vgl. Terwey 2003. " Gebhardt 2003, S. 7. 165 heim viel stärker an Religion beziehungsweise Glaubensfragen interessiert sind, als es den Anschein hat.“ Abbildung 45: ‚Verdecktes’ Interesse an Religion (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Damit sollte nochmals das Thema ‚religiöses Interesse‘ aufgegriffen und gleichsam in seiner Potentialität noch etwas näher bestimmt werden. Was sich bei der Analyse der persönlich-existentiellen Glaubensvorstellung bereits nachweisen ließ, wird durch die Einschätzung der Fremdreferenz noch bekräftigt: Religion ist für die Jugendlichen nach wie vor ein Thema – und ein unterschätztes dazu, wie es scheint. Denn fast zwei Drittel der Befragten sind ganz oder doch zum Teil der Meinung, dass das Interesse an Religion bzw. Glaubensfragen größer ist, als dies üblicherweise in der Öffentlichkeit angenommen wird. In dieser Auffassung herrscht im Übrigen unter den Jugendlichen weitestgehend Konsens. Denn während bei fast allen anderen Religionsfragen Geschlechts-, Alters-, Bildungs- und Konfessionsunterschiede bestehen, wird die religi- öse Haltung der anderen – und in diesem Zusammenhang vor allem ihre unzureichende Wahrnehmung und inadäquate Bedeutungszumessung – recht einheitlich eingeschätzt. Dies ist ein starker Indikator dafür, dass es auch unter den Jugendlichen eine Form von „unsichtbarer Reli- Trifft sehr zu Trifft zu Teils-Teils Trifft eher nicht zu Trifft gar nicht zu 166 gion“ " gibt, die sich dem direkten empirischen Zugriff möglicherweise entzieht. Auch die Antwortverteilung auf die Frage: „Wie häufig betest Du?“ scheint diesen Trend zu bestätigen, denn 14% der Jugendlichen haben darauf mit „regelmäßig“ geantwortet, 47% mit „gelegentlich“ und nur 39% mit „nie“. Auch wenn dies starke Indizien für eine zunehmende Privatisierung und Individualisierung religiöser Erfahrungen und Einstellungen sind, so dürfte sich darin auch eine Art religiöser Schweigespirale manifestieren. Man wähnt sich in einer Defensivposition und vermeidet es – vor allem unter religiös Desinteressierten –, seine Glaubensüberzeugungen anzusprechen. Wer also das gesellschaftliche Umfeld in hohem Maße als religionsfern wahrnimmt, wofür sich in neueren religionssoziologischen Studien zahlreiche Hinweise finden lassen, der reagiert darauf verstärkt mit kommunikativer Zurückhaltung, um nicht den Eindruck zu erwecken, zu einer immer kleiner werdenden Minderheit zu gehören, zur Nachhut einer gesellschaftlichen Entwicklung, die von Kirche und Religion wegführt. Was Elisabeth Noelle-Neumann in ihrer These von der „Schweigespirale“ " als allgemeinen Mechanismus der öffentlichen Meinungsbildung – aber auch Meinungsunterdrückung – charakterisiert hat, wonach die Exponier- und Gesprächsbereitschaft von Personen stark von dem Eindruck beeinflusst wird, ob die eigenen Anschauungen von einer Mehrheit oder einer Minderheit geteilt werden und ob sie in der Gesellschaft an Unterstützung gewinnen oder verlieren, scheint sich auch im religiösen Kontext zu bewahrheiten. Wie sehr die religiöse Schweigespirale sich in die Jugendmentalität bereits eingespurt hat, belegt die folgende Auswahl von qualitativ-schriftlichen Stellungnahmen zur Frage: „Ich glaube, dass Jugendliche insgeheim viel stärker an Religion und Glaubensfragen interessiert sind, als es den Anschein hat“, um die wir mehrere Schulklassen nach Abschluss der quantitativen Erhebung gebeten haben: • „Ich glaube schon, viele sagen es nicht, dass sie daran interessiert sind, weil sie sich vielleicht vor ihren coolen Freunden, die es absolut nicht interessiert, schämen. Sie haben vielleicht Angst, dass sie von ihnen nicht mehr so akzeptiert werden, wie sie sind, wenn sie zugeben, dass sie an Religion und Glaubensfragen interessiert sind“ (Maithe, 16 Jahre). • „Viele Jugendliche, denke ich mal, glauben an Gott, wollen dies aber nicht in aller Öffentlichkeit zugeben, weil sie Angst haben, von den " Vgl. Luckmann 1991. " Vgl. Noelle-Neumann 1996. 167 anderen ausgelacht zu werden. Deshalb trauen sie sich nicht, sich zu ihrer Religion zu bekennen. Die Angst, ausgelacht zu werden, liegt größtenteils daran, dass die Kirche ein schlechtes Image hat als Langweileranstalt“ (Sven, 16 Jahre). • „Ich persönlich glaube an gar nichts, weder an Gott noch an sonst irgendwen oder irgendwas. Was jetzt andere Jugendliche darüber reden, weiß ich nicht; es ist mir auch eigentlich egal. Dennoch fällt mir auf, dass im Religionsunterricht sich einige Leute anders geben als sonst. Es könnte also schon sein, dass einige zwar sagen, dass sie an nichts glauben und Gott für Schwachsinn halten, es aber eigentlich gar nicht so meinen und sich in Wirklichkeit mehr Gedanken darübermachen als es den Anschein hat. Ich mache mir auch Gedanken darüber, ob es Gott gibt, ob es einen Himmel gibt usw.; ich weiß es auch nicht, es ist eben eine Glaubensfrage. Ich glaube zwar nicht an Gott, was sich aber durchaus mal ändern kann, aber ich denke, dass man durchaus aus der Bibel lernen kann“ (Alexander, 17 Jahre). • „Viele trauen es nicht zuzugeben, dass sie insgeheim doch an eine Existenz Gottes glauben. Ich kann das auch aus eigener Erfahrung berichten: Als wir in der Schule ein öffentliches Gebetstreffen in der Pause veranstalteten, gab es überraschend viele Schüler, die neugierig vor der Tür standen und beratschlagten, ob sie sich trauen sollten mitzumachen. Die meisten sind wieder gegangen, aber es war immerhin Interesse da, und am Musiksaal, in dem wir waren, kommt man nicht von alleine vorbei, da er im zweiten Obergeschoss liegt. Es sind zwar viele, aber keineswegs alle, auf die diese Aussage zutrifft. Die meisten sind wohl auf der Suche nach etwas, das ihrem Leben Sinn geben kann. Schule und Schlafen kann ja nicht alles sein. Manche versuchen diesen Sinn in Partys zu finden, aber das geht auf die Dauer auch nicht gut. Die Jugendlichen suchen etwas, das Perspektive geben kann” (Jessica, 17 Jahre). Die Äußerungen der Jugendlichen sind zum einen beeindruckende Beispiele dafür, dass künftig die religiöse Spurensuche verstärkt auch unterhalb der öffentlichen Aufmerksamkeitsschwelle erfolgen sollte. Manche Befürchtungen über die Abkehr der heutigen Jugend von der Religion dürften vor diesem Hintergrund eher Resultat einer sehr vordergründigen Beobachtung sein und kaum ihrem versteckten religiösen Potenzial Rechnung tragen. In diese Richtung deuten auch die Rückmeldungen auf die Frage: „Hast Du schon einmal über einen Kirchenaustritt nachgedacht?“ Nur ein Prozent hat diesen Schritt vollzogen, 20% ziehen ihn immerhin in Betracht, für die Mehrheit der Jugendlichen ist dies aber kein Thema. Auch ‚Austrittsgeneigte‘ bringen hierdurch weniger eine religiöse Distanzierung zum Ausdruck als vielmehr eine massive Kir- 168 chenkritik, wie die entsprechenden Korrespondenzanalysen zeigen. Zudem sind diese Zahlen und Zusammenhänge mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren, da Absichtserklärungen keineswegs mit feststehenden Entscheidungen gleichgesetzt werden dürfen. Im Gegenteil: „Überlegungen, aus der Kirche auszutreten, signalisieren in der Regel keine schroffe Abwendung von der Kirche. Alle Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass nur ein Bruchteil derjenigen, die bereits einen Kirchenaustritt erwogen haben, zum Austritt fest entschlossen sind. Im Allgemeinen ist nur jeder Zehnte, der bereits mit dem Gedanken gespielt hat, die Konfessionsgemeinschaft zu verlassen, fest entschlossen, diesen Schritt zu vollziehen. Diese Relation zeigt sich übereinstimmend bei Katholiken und Protestanten. In der überwältigenden Mehrheit der Fälle bleiben die Überlegungen in der Schwebe, werden nicht vollzogen, aber auch nicht mit einem definitiven Beschluss beendet, in der Konfessionsgemeinschaft zu bleiben.“ " 6.5 Signaturen der Jugendreligiosität in der Gegenwart Die individualisierten Lebensverhältnisse spätmoderner Gesellschaften haben auch die Glaubensformen Jugendlicher nachhaltig verändert, so lautet die Quintessenz unserer jugend- und religionssoziologischen Forschungen der letzten zwei Jahrzehnte. Die Herausforderungen der heutigen Zeit, die der englische Soziologe Anthony Giddens auf die griffige Formel gebracht hat: „Man hat keine Wahl, außer zu wählen“176, sind auch im religiösen Habitus allgegenwärtig und von einer Jugendlichen genauso prägnant charakterisiert worden: „Was ich glaube und wie ich meine Religion lebe, ist meine ganz private Sache“ (Sarah, 19 Jahre). Was hier zum Ausdruck gebracht wird, sind Formen religiöser Autonomisierung, für die wir in unserer Forschungsgruppe auch die Bezeichnung ‚religiöse Selbstermächtigung’ gewählt haben. Hierbei handelt es sich aber keineswegs um ein Spezifikum jugendlicher Religiosität, sondern um einen generationenübergreifenden Transformationsprozess des Religiösen, der aber im Umgang junger Menschen mit Religion sozusagen wie unter einem Vergrößerungsglas sichtbar wird. In unseren Forschungen sind wir auf sechs Aspekte gestoßen, an denen sich die Entwicklung hin zu einer wachsenden religiösen Selbstermächtigung ablesen lässt: • Im Blick auf die gegenwärtige Jugendreligiosität zeigt sich zunächst einmal, dass die Frage nach der Existenz einer wie auch immer gearteten transzendenten Wirklichkeit einen hohen Stellenwert hat: „Die " Institut für Demoskopie Allensbach 2000, S. 66. "! Giddens 1998, S. 49. 169 Neigung, auf ein Jenseits zu blicken, […] messbar etwa an dem Glauben an ein Leben nach dem Tod, findet man unter Jugendlichen relativ weit verbreitet. Je nach Fragestellung und Erhebungsmethode kann man diesen Glauben etwa bei der Hälfte bis zwei Drittel der Jugendlichen nachweisen.“177 Allerdings entkoppeln Jugendliche den Jenseitsglauben zunehmend von ihrem Diesseitsalltag. Denn die Bedeutung des Glaubens machen sie immer weniger an ihrer unmittelbaren Lebenssituation fest, vielmehr weisen religiöse Themen und Fragestellungen gerade über sie hinaus. Hier deutet sich im Selbstverständnis vieler Jugendlicher eine Verlagerung und ein Eigenwert des Religiösen an, der jenseits der Alltagsgeschäftigkeit liegt, und auf die ursprüngliche Funktion aller Glaubensvorstellungen zielt: die Bewältigung von Kontingenzerfahrungen (‚Betonung der Ursprungsbedeutung des Religiösen: Bewältigung von Kontingenzerfahrungen‘). • Die beiden großen christlichen Kirchen haben weiter an Boden verloren. Allerdings spüren sie die physische – und religiös-moralische – Abwesenheit der jungen Leute schon seit Längerem. Jedoch handelt es sich bei vielen Jugendlichen keineswegs um eine Fundamentalopposition, sondern ihr institutionelles Desinteresse zeigt sich in unterschiedlichen Formen, die von Nichtbeachtung und Ignoranz über kritische Distanz und gläubige Kirchenkritik bis zu instrumentellen Haltungen – und zwar in dem Sinne, dass Kirchen als Ritualdienstleister für bestimmte bedeutsame Lebenssituationen angesehen werden –, reichen können. Auffällig ist, dass Kirchenferne und Kirchenkritik nicht zwangsläufig zum Kirchenaustritt führen. Vielmehr bleiben die Überlegungen unabgeschlossen, d.h. der Kirchenaustritt wird als Option gesehen, die aber nur in den seltensten Fällen in eine definitive Entscheidung mündet. Auch – oder gerade – unter den kirchenskeptischen Jugendlichen findet sich die Vorstellung, dass sich die Kirche ändern muss. Wird die Kirchenmitgliedschaft jedoch formal aufgekündigt, dann ist es sehr schwer, den Bezug zur Konfession und Institution wieder herzustellen (‚Kirchenferne und Kirchenkritik‘). • In spätmodernen Gesellschaften ist durch die Verschränkung von Individualisierungs-, Mobilitäts-, Migrations- und Mediatisierungsprozessen ein Markt von Religionen entstanden. Jeder hat, wenn er denn möchte, die Möglichkeit, sich hier über die unterschiedlichsten Sinnstiftungsofferten zu informieren und davon Gebrauch zu machen. Ob buddhistische Meditation, schamanistische Ekstasetechnik- "" Gensicke 2006, S. 205. 170 en oder fernöstlicher Reinkarnationsglaube, immer mehr Menschen praktizieren einen überaus individuell geprägten, auswählenden Religionsvollzug, wobei gerade Jugendliche christliche und nichtchristliche Glaubensüberzeugungen und Ritualpraktiken in souveräner Manier miteinander kombinieren. Wenn „Patchwork-Religiosität als Zeichen religiöser Produktivität“178 zu werten ist, die mit der Auflösung homogener Frömmigkeitsstile und kirchlicher Kulturen zugunsten vielfältiger religiöse Praktiken und Spiritualitätsformen einhergeht, dann liefern vor allem religionsaffine Jugendkulturen wie etwa die Gothic-Szene179 reichlich Anschauungsmaterial für höchst eigenwillig zusammengebastelte Glaubenskreationen und religiöse Expressionsformen (‚Pluralisierung und Collagierung‘). • Der Formenwandel des Religiösen als Folge einer zunehmenden Individualisierung des Glaubens hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die soziale Organisation von Religion. Denn in den traditionellen Kirchen- und Gemeindestrukturen, die zwar nach wie vor weiter fortbestehen, lassen sich privatistische und synkretistische Glaubensformen nur schwer beheimaten. Als geeigneter – und anschlussfähiger – erweisen sich szenenartig organisierte Sozialformen, die gleichzeitig offener und thematisch fokussierter sind, eine lockere Verbundenheit in einem Netzwerk ermöglichen und deren Mitgliedschaft jederzeit aufkündbar ist. Für religiöse Szenen wie etwa die von Frère Roger gegründete Taizé-Bewegung oder die jugendkulturell beeinflusste Community der Jesus Freaks180 aber auch die immer projektförmiger und erlebniszentrierter konzipierte Arbeit der katholischen Vereins- und Verbandsjugend gilt: In ihnen kann man seine individuellen und aktuellen religiösen und sozialen Bedürfnisse ausleben, ohne sich dauerhaft binden zu müssen. Da in religiösen Szenen – wie im Übrigen in allen anderen Szenen181 auch – die Gemeinschaftsbildung und -bindung sehr fragil sind, hat sich in ihnen ein neuer einheitsstiftender Veranstaltungstypus etabliert: das Event. Wie sehr in den letzten Jahren der Trend zur Eventisierung der Religion zu neuen Veranstaltungsformen und einer wachsenden Resonanz insbesondere im Jugendbereich geführt hat, zeigen etwa die Diözesanjugendfestivals Jugend + Kirche + X, die europäischen Jugendtreffen von Taizé und nicht zuletzt die Katholischen Weltjugendtage, wobei wir vor allem das XX. Treffen der katholischen Weltjugend in Köln " Hempelmann 2003, S. 8. " Vgl. Schmidt/Neumann-Braun 2005. Vgl. Illigen 2010. Vgl. Gebhardt 2000. 171 im Sommer 2005 mit unserer Forschungsgruppe182 in allen seinen Facetten empirisch-ethnographisch untersucht haben (‚Verszenung und Eventisierung’). • Hand in Hand mit dem steigenden Zuspruch der Szenen- und Event- Religion und der zunehmenden Souveränität im Umgang mit der Institution Kirche und ihrer überkommenen Ritualpraxis geht die Sehnsucht und Suche nach einer authentischen Spiritualität einher. Eine in diesem Sinne lebendige religiöse Erfahrung ist eine ganzheitliche, multisensitive und erlebnishafte, ein spontanes religiöses Glücksempfinden, das vor allem bei Jugendlichen immer häufiger im Rahmen von spektakulären, medial aufgeladenen und körperbezogenen religiösen Veranstaltungen gemacht wird. Es ist das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Erlebnisreize, dass sie aus anderen Zusammenhängen kennen und das sie auf religiöse Kontexte übertragen, um unter ihresgleichen eine Art von gefühlter Religion mit bisweilen ekstatischen Einschlägen zu erleben – Transferhoffnungen auf die alltägliche kirchliche Religionspraxis eingeschlossen. Denn das, was etwa die Teilnehmer auf dem Weltjugendtag erlebt haben, wünschen sich viele auch für den Gemeindegottesdienst. Auch dieser soll zum spirituell berührenden ästhetischen Erlebnis werden und in seiner performativen Struktur Züge einer eigenen religiösen Jugendkultur annehmen, die sich in Gemeinschaft, eigener Sprache, körperlicher Expressivität und Musik ausdrückt (‚Spiritualisierung und Ästhetisierung‘). • Ob Kirchenferne oder Kirchenkritik, Pluralisierung oder Collagierung, Verszenung oder Eventisierung, Spiritualisierung oder Ästhetisierung, die genannten Trends und Entwicklungen in der heutigen religiösen Wirklichkeit besitzen keinen ausschließlich jugendspezifischen Charakter. Sie kennzeichnen vielmehr die religiösen Praktiken in allen Generationen, auch wenn sie in den Formen jugendlicher Religiosität in akzentuierter Weise in Erscheinung treten. Es gibt jedoch ein Element im religiösen Habitus der Jugendlichen, über das sie exklusiv verfügen und das sie auch bewusst und gezielt als Distinktionsstrategie gegenüber der Religiosität etwa ihrer Eltern einsetzen: die jugendkulturelle Durchdringung ihrer religiösen Expressivitätsformen. Vor allem der Weltjugendtag entpuppte sich hier als eine wahre Fundgrube für Bricolage- und Crossover-Strategien. Feiern und Beten, das waren dabei die beiden Pole resp. Sphären, die sich in immer neuen Konstellationen und Mischungsverhältnissen durchdrungen haben. Für diese Interferenz von religiösen und jugendkul- Vgl. Forschungskonsortium WJT 2007. 172 turellen Elementen haben wir den Begriff der „symbiotischen Religiosität“183 gewählt. Zum Ausdruck gebracht wird damit die stimmungsmäßige Aufladung eines religiösen Handlungsfeldes, denn für die beteiligten Jugendlichen war der Weltjugendtag eine Religionsparty im Megaformat. In souveräner Manier demonstrierten sie, dass religiöse Erfahrungen und Partymachen durchaus zueinander passen können. Zudem fand auf dem Weltjugendtag eine regelrechte Verschmelzung von sakralen und profanen Symbolen und Handlungsräumen statt (‚symbiotisch-coole Religionskultur‘). Abschließend ist festzuhalten, dass das gewachsene Autonomiebewusstsein der heutigen jungen Generation – und zwar weitestgehend unabhängig von städtischen oder ländlichen Lebenswelten – zu einer Lockerung und Loslösung von traditionellen kirchlich-religiösen Bindungen einerseits und einer Subjektivierung und Privatisierung des Religiösen andererseits geführt hat. Des Weiteren haben wir auch Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Jugendliche christliche und nichtchristliche Glaubensüberzeugungen und Daseinsdeutungen miteinander kombinieren. Dass sie neue Glaubensinhalte ausschließlich in alternativen religiösen Gruppen wie Sekten oder im Okkultismus finden, können wir allerdings nicht bestätigen. Denn gerade ihre Bindung an okkulte Praktiken wie Tischrücken, Pendeln oder Kartenlegen ist locker und temporär und steht eher in einer Komplementärbeziehung zum christlichen Glauben und weniger in einem Substitutionsverhältnis. Der dominante religiöse Bezugspunkt bleibt für sie das christliche Weltbild. Das bedeutet, für die Sinndeutung der Welt und die Sinnfindung der eigenen Existenz ist der christliche Glaube für viele Jugendliche unverzichtbar. Aber er hat Konkurrenz bekommen, denn alte Gewissheiten im Verhältnis von Jugend, Religion und Kirche sind durch die gleichzeitige Präsenz von alternativen Sinnwelten und Deutungsangeboten ins Wanken geraten. Auch wenn wir diese Frage nicht näher untersucht haben, so gibt es doch Anhaltspunkte dafür, dass Jugendliche christliche und nichtchristliche Glaubensüberzeugungen und Daseinsdeutungen miteinander kombinieren. Beispielsweise hat Carsten Wippermann in seiner religionssoziologischen Jugendstudie herausgefunden, dass es den jugendlichen Christen als reinen Typus realiter gar nicht gibt: „Von den Christen haben 28% gleichzeitig auch eine ‚deistische Weltauffassung‘, dass man das Wirken Gottes in der Welt wenig spürt und Gott sich nicht mit jedem Menschen persönlich befasst. […] Damit hängt zusammen, dass auch 15% der jugendl- Vgl. Vogelgesang 2008. 173 ichen Christen zugleich der Auffassung sind, ihr Leben werde letztlich durch die Gesetze der Natur bestimmt. […] Ähnlich viele sind von der Vorstellung eines ‚ewigen Kreislaufs‘ und der ‚Reinkarnation‘ überzeugt.“184 Diese Form religiöser Collagierung oder Patchwork-Orientierung dürfte im Übrigen durchaus auch für viele der von uns befragten glaubensorientierten Jugendlichen von Belang sein. Allerdings bleibt für sie das christliche Weltbild, so unsere These, der religiöse Fokus. Elemente aus anderen Glaubenssystemen und Weltanschauungen werden eher peripher und temporär angelagert und können somit als eine Art individuell gestalteter Religionsergänzung angesehen werden. Um diese Fragen weiter aufzuklären und empirisch zu fundieren, sind vertiefende biographische und längsschnittorientierte religionssoziologische Jugenduntersuchungen adäquate Zugangsstrategien. Wippermann 1998, S. 238.

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References

Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.