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4 Freizeit, Medien, Jugendeinrichtungen in:

Waldemar Vogelgesang, Luisa Kersch

Eifeljugend heute, page 75 - 126

Leben in der urbanisierten Provinz

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3885-7, ISBN online: 978-3-8288-6646-1, https://doi.org/10.5771/9783828866461-75

Tectum, Baden-Baden
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75 4 Freizeit, Medien, Jugendeinrichtungen Nachdem im vorhergehenden Kapitel die Bedeutung von Bildung umfassend dargestellt wurde und Schlagworte wie ‚Qualifikationsmentalität‘ und ‚Work-Life-Balance‘ schon eine starke Verbindung zwischen Bildungszeit und Freizeit andeuteten, soll im Folgenden der Freizeitbereich in seiner ganzen Breite analysiert werden. Hier wird nicht nur bei den Freizeitaktivitäten, sondern auch beim Mediengebrauch und beim Besuch von Jugendeinrichtungen der hohe Stellenwert von informellen Bildungsformen zutage treten. Dass der Trend zu verlängerten Schulund Ausbildungszeiten zu Veränderungen der zeitlichen und thematischen Handlungsoptionen im Freizeitbereich führt, hat vor allem Reinders mit dem Konzept des „Bildungs- und Freizeitmoratoriums“69 idealtypisch veranschaulicht. Die Grenzen zwischen diesen beiden Moratorien sind allerdings fließend, da Prozesse informeller Bildung überwiegend im Freizeitrahmen stattfinden und auch die Sozialisationskontexte Schule, Peergruppe, Familie und Medien in einem Wechselwirkungsverhältnis zueinander stehen.70 Die Jugendlichen stehen mithin vor der Herausforderung, die jeweiligen Angebote und Erwartungsmuster in ein „integriertes Moratorium“71 zu übertragen. Oder wie dies ein 19-Jähriger (Karsten) aus dem Eifelort Waxweiler auf den Punkt gebracht hat: „In der Freizeit musst du es irgendwie schaffen, Lernen und Leben miteinander zu kombinieren.“ Ob und in welcher Form die Jugendlichen dies bewältigen, wird nachfolgend näher untersucht. 4.1 Freizeitaktivitäten Zu den zu analysierenden Freizeitaktivitäten der Jugendlichen im Eifelkreis zählen nicht nur die Formen und Orte der Freizeitgestaltung, sondern auch die Mitgliedschaft in Institutionen und die Teilnahme an Bräuchen. Von ebenfalls großem Interesse für die Forschergruppe war es, die Freizeitzufriedenheit zu erheben und dadurch möglicherweise auf bestimmte Defizite im Freizeitangebot aufmerksam zu machen. In diesem Zusammenhang werden von den Jugendlichen auch Verbesserungsvorschläge gemacht, die sich konkret auf das Freizeitangebot im Wohnort beziehen. 69 Vgl. Reinders 2006. 70 Vgl. Hurrelmann 2001; Harring 2011. 71 Reinders 2006, S. 102. 76 4.1.1 Formen und Orte der Freizeitgestaltung Näher dargestellt sind zunächst einmal die nichtmedialen Freizeitmuster. Um Genaueres dazu in Erfahrung zu bringen, stellten wir den im Landkreis Bitburg-Prüm befragten Jugendlichen ganz allgemein die Frage: „Was machst Du in Deiner Freizeit“? Bei der Beantwortung konnten sie sich an einer Liste von Aktivitäten orientieren und jeweils mit „oft“, „selten“ oder „nie“ antworten. Geordnet nach der Häufigkeit der Nennungen und bezogen auf die Kategorie „oft“, wurde folgende Präferenzbildung bei den freizeitbezogenen Verhaltensweisen sichtbar. Abbildung 26: Freizeitaktivitäten – 2000 und 2011 im Vergleich (Antwortkategorie: „oft“; Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die am häufigsten genannte Freizeitaktivität der Jugendlichen in beiden Befragungswellen ist das „Treffen mit Freunden“ – ein Befund, der auch in vielen anderen Jugendstudien immer wieder nachgewiesen wird. So findet sich bspw. auch in der 17. Shell Jugendstudie der Hinweis, dass „Jugendliche […] vor allem die Geselligkeit in ihrem Freizeitverhalten betonen. ‚Sich mit Freunden treffen‘ ist bei ihnen mit einem Anteil von mehr als drei Vierteln (77%) die häufigste der genannten Beschäftigungen.“72 Allerdings hat es in dem von Jugendlichen so geschätzten peer- 72 Leven/Schneekloth 2015, S. 116. 5 12 15 17 19 22 25 36 40 41 45 49 52 87 13 10 44 33 21 37 26 23 47 70 39 51 41 89 Ins Jugendhaus gehen Konzerte besuchen Discos besuchen In Kneipen gehen Sportveranstaltungen besuchen Shopping/Einkaufsbummel Künstlerisch-musische … Etwas mit der Familie unternehmen Mofa/Motorrad/Auto fahren Auf Parties gehen Nichtstun/Faulenzen/Chillen Lernen für Schule/Ausbildung Sport treiben Freunde treffen 2000 2011 Erhebungsjahr 77 kulturellen Kontext eine nachhaltige Verlagerung der damit verbundenen Handlungsmuster gegeben: Während das regelmäßige Treffen mit Freunden und Cliquen nichts von seiner Intensität und Bedeutung eingebüßt hat, ist dagegen die Party-, Kneipen- und Disco-Häufigkeit deutlich rückläufig. Als Hauptgründe nennen die Jugendlichen Interessensverschiebungen, neue Erlebnis- und Kommunikationskontexte, wie sie vor allem durch das Internet entstanden sind, und Zeitknappheit. Dass die zur Verfügung stehenden zeitlichen Ressourcen dabei vermehrt auch während der Freizeit für Bildung und Qualifizierung eingesetzt werden, wurde bereits angesprochen und findet Bestätigung in dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte der jungen Eifeler (49%) angab, regelmä- ßig in der Freizeit für Schule und Ausbildung zu lernen. Eine hohe Wertschätzung im Freizeitraum erfahren bei den Jugendlichen in der Eifel auch sportliche Betätigungen. Deutlich wird dies zum einen an der gestiegenen Rate (von 41% auf 52%) derjenigen, die regelmäßig Sport treiben. Zum anderen hat sich das Feld sportlicher Aktivitäten erheblich ausgeweitet. Denn neben dem klassischen Vereinssport finden bei der Eifeljugend vermehrt auch sportive Betätigungen aus dem Fun- und Fitnessbereich wie bspw. Skaten, Mountain-Biking oder Parcouring Anklang, die dem selbstorganisierten, szenischen oder kommerzialisierten Freizeitbereich zuzuordnen sind. Für entsprechende Aktivitäten gibt es oftmals im Wohnort keine Angebote, was die Jugendlichen zunehmend zu ‚Sport- und Freizeitpendlern‘ macht. Ähnliches gilt auch für die vereinsgebundenen Sportarten, zumal wenn es sich nicht um die klassischen Angebote wie Fußball, Tennis oder Tischtennis handelt, sondern um neue Trendsportarten, die ebenfalls nur in größeren Gemeinden oder Städten anzutreffen sind. Angesichts der demographischen Entwicklung und der sich weiter öffnenden Schere zwischen dem klassischen und dem fun-orientierten Sportensemble haben es die dörflichen Traditionsvereine immer schwerer, junge Mitglieder zu rekrutieren. Aufmerksam zu machen ist noch auf ein in der neueren Jugendforschung kaum untersuchtes freizeitliches Handlungsfeld, auf das wir in den ländlichen Erhebungsregionen – auch im Eifelraum – gestoßen sind: Brauchformen. Denn über zwei Drittel (70%) der befragten Jugendlichen gaben an, Brauchformen nicht nur zu kennen, sondern auch aktiv an ihnen teilgenommen zu haben resp. immer noch an ihnen teilzunehmen. Auffallend ist weiterhin die große Zahl von Handlungsmustern, Ereignissen und Anlässen, die Jugendliche mit Bräuchen in Verbindung bringen. So finden sich in den Antworten auf die offene Brauchfrage über 50 verschiedene Nennungen. Das Spektrum reicht dabei von der Eierlage der Junggesellensodalität in Schönecken, Mailehenversteigerungen und 78 dem Verbrennen der Hettestang über die unterschiedlichsten Fastnachts-, Mai- und Kirmesbräuche bis hin zu den verschiedenen kirchlich geprägten Brauchformen (Klappern, Sankt Martin, Heilige Drei Könige). Aber auch zeitgenössische Aktivitäten und Events – etwa Brunnenfeste, Halloweenpartys und diverse andere Spaßfeten –, die jedoch in der Regel über keinerlei historische Wurzeln oder Traditionen verfügen, werden Brauchformen zugerechnet. Auch wenn über ihren Stellenwert im Freizeitraum der Jugendlichen und im Kontext ihrer kulturellen Praxisformen noch differenziertere Forschungen notwendig sind, soviel ist bereits jetzt offenkundig, sie sind ein relevanter Teil im Ensemble jugendeigener Kommunikations-, Gruppen- und Erlebnismuster im ländlichen Raum. Zudem können sie gerade in kleineren Orten regelrecht den Charakter von Eingliederungsritualen annehmen. Die erhöhte Ortsbindung und Bleibeorientierung der jugendlichen Brauchanhänger ist ein deutlicher Indikator hierfür. 4.1.2 Freizeittypen und sozialstrukturelle Differenzierungen Um die Freizeitaktivitäten der Jugendlichen hinsichtlich sozialstruktureller Merkmale noch etwas näher aufschlüsseln zu können, empfiehlt es sich, die Vielfalt von Handlungen und Kontexten in diesem Bereich zu größeren Komplexen zusammenzufassen. Dazu wurde ein statistisches Verfahren, die Faktorenanalyse, verwandt, die folgende dimensionale Struktur des jugendlichen Freizeitraums sichtbar werden ließ: • Faktor 1 („Geselligkeit/Vergnügen“) enthält die meisten Items. Allen gemeinsam ist eine kommunikative Komponente, denn gerade die hier genannten Lokalitäten dienen vornehmlich dem Treffen von Peers bzw. Freunden, dem Austausch mit und Kennenlernen von Altersgenossen. Weiterhin stehen die hier vereinigten Aktivitäten für eine selbstorganisierte Freizeit, in der die Jugendlichen aktiv und in informellen Gruppen ihre freie Zeit gestalten. Dass das gesellige und kommunikative Freizeiterleben sich auch auf die Motorisierung und das Mobilsein bezieht, zeigt sich an der Zugehörigkeit des Items „Mofa/Motorrad/Auto“ zu dieser Dimension. • Faktor 2 („Sport/Erlebnis“) beinhaltet sowohl die aktive als auch die passive Seite des Sports. Einerseits wird selbst Sport betrieben, andererseits werden Sportveranstaltungen besucht. Die Sportbegeisterung, die für diesen Freizeittypus charakteristisch ist, erstreckt sich dabei auf vereinsgebundene und selbstorganisierte sportliche Aktivitäten in gleicher Weise. • Faktor 3 („Kultur/Bildung“) enthält „künstlerisch-musische Betätigungen“ und „Lernen“. Hier stehen eher ästhetische, kulturelle und intellektuelle Aspekte im Vordergrund. Diese können zwar auch im 79 Verein oder in anderen Institutionen stattfinden, sind aber meist selbstorganisiert. Die auf der Basis der Faktorenanalyse gewonnenen Freizeitdimensionen wurden in einem nächsten Auswertungsschritt zu additiven Indizes aggregiert. Nach ihrer Rekodierung, die sich am Einteilungsprinzip gleich großer Quantile orientierte, ergibt sich folgende Häufigkeitsverteilung: Über die Hälfte (52%) der Jugendlichen entfallen auf den Geselligkeitstypus, d.h. sie verbringen ihre Freizeit vornehmlich im Kreis alters- und sozialhomogener Gruppen. Für jeweils etwas mehr als ein Drittel stehen sportliche (41%) oder kulturelle Aktivitäten (34%) im Zentrum ihrer Freizeitgestaltung. Tabelle 3: Dimensionen der Freizeit nach sozio-demographischen Merkmalen (Antwortkategorie: „öfter“; Angaben in Prozent) Dimensionen der Freizeit Geselligkeit/Vergnügen Sport/Erlebnis Kultur/Bildung gesamt 52 45 34 Geschlecht Jungen 54 54 26 Mädchen 51 36 43 Alter 14-17 J. 25 53 35 18-21 J. 75 40 39 22-25 J. 74 37 25 Bildung niedrig 48 36 20 mittel 49 41 28 hoch 56 50 42 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Dieses Ergebnis darf aber nicht dahingehend interpretiert werden, dass Jugendliche ausschließlich auf einen Typus von Freizeit fixiert sind. Vielmehr handelt es sich dabei um Aktivitätskerne, um die andere freizeitliche Verhaltensweisen gruppiert werden, die allerdings in der Regel nicht die gleiche Wertschätzung erfahren. Das Faktum, dass es sich bei der Jugendfreizeit um ein mehrdimensionales aber fokussiertes Aktivitätsspektrum handelt, ist auch bei der Untersuchung der sozio-demographischen Merkmale der jugendlichen Freizeitakteure zu berücksichtigen. Im Einzelnen lassen sich diesbezüglich für die Eifeljugend folgende Differenzierungen im Freizeitraum nachweisen: Die Freizeitdimension „Geselligkeit/Vergnügen“ ist stark altersabhängig und erfährt mit der Volljährigkeit einen regelrechten 80 Quantensprung. Demgegenüber schlagen Geschlechts- und Bildungseinflüsse hier kaum zu Buche. Der Freizeithabitus „Sport/Erlebnis“, der auf stärker körperzentrierte und außeralltägliche Aktivitäten verweist, findet sich eher bei Jungen als bei Mädchen – ein Befund, der auch darauf verweist, wie eng Maskulinität, Körperlichkeit und Risikoverhalten nach wie vor miteinander verbunden sind.73 Allerdings sind die Formen körperlicher und sportiver Expressivität stark altersabhängig, denn ihr Kurswert sinkt mit steigendem Alter. Gegenläufig hierzu ist allerdings die Bildungsabhängigkeit, denn mit steigendem Bildungsniveau steigt auch die Sportbegeisterung. Auch bezüglich des Freizeitmusters „Kultur/Bildung“ lassen sich für die einzelnen Sozialfaktoren markante Unterschiede ausmachen. So sind die weiblichen Jugendlichen deutlich kultur- und bildungsbeflissener als ihre männlichen Altersgenossen. Neben dem Alter ist auch das Bildungsniveau ein starker Einflussfaktor. Der Zusammenhang ist linear und hoch signifikant und lässt sich auf die Formel bringen: Bildung erzeugt kulturelles Interesse. Auch das Alter spielt hier eine Rolle, wenn auch eine deutlich geringere. Denn es sind die 14- bis 21-Jährigen, die etwa gleich häufig im kulturellen Freizeitsegment vertreten sind, während bei den älteren Jugendlichen die Vorliebe für kulturelle und bildungsbezogene Freizeitaktivitäten spürbar nachlässt. Aufs Ganze gesehen gilt, dass bei den Jugendlichen in der Eifel ‚Freizeittypen‘ und ‚Sozialtypen‘ auf vielfältige Weise miteinander verschränkt sind, wobei Geschlechts-, Alters- und Bildungsvarianzen deutlich stärker ins Gewicht fallen als regionsbezogene Differenzen. 4.1.3 Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen Angesichts der bereits mehrfach angesprochenen Individualisierungstendenzen in der jüngeren Vergangenheit, die nicht zuletzt auch im jugendlichen Freizeitverhalten durch einen Anstieg selbstorganisierter Outdoor- und kommerzialisierter Indoor-Aktivitäten nachweisbar sind, wird immer wieder die Befürchtung geäußert, dass diese Entwicklung einseitig zu Lasten formell organisierter Freizeitformen geht. Um uns möglichst neutral an diese Thematik anzunähern, stellten wir den Jugendlichen zunächst die Frage: „Bist Du Mitglied in einem Verein, einem Verband, einem Fanclub?” 73 Vgl. Niekrenz/Witte 2011; Raithel 2011. 81 Tabelle 4: Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) 2000 2011 Sportverein 36 51 Musikverein 16 18 Freiwillige Hilfsorganisation 13 16 Kirchliche/Religiöse Gruppe 8 16 Jugendverband 4 5 Fanclubs 5 5 Politische Organisationen 3 3 Mitgliedschaft insgesamt 55 71 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Aus den Antworten der Jugendlichen wird eine klare Präferenzordnung sichtbar: Die bei weitem beliebteste Einrichtung, in der Jugendliche ihre Freizeit verbringen, ist der Sportverein. Rund die Hälfte aller Mitgliedschaften (51%) entfallen hierauf. Mit deutlichem Abstand folgen Mitgliedschaften in Musikvereinen (18%), freiwilligen Hilfsorganisationen (16%) oder kirchlichen Gruppen (16%). Die geringste Resonanz finden Jugendverbände (5%), Fanclubs (5%) und politische Jugendorganisationen (3%). Des Weiteren ist zu konstatieren, dass die Mehrzahl der Jugendlichen – und zwar 71% – einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit in Vereinen oder vereinsähnlichen Einrichtungen verbringen, wobei ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen ist. Denn im Vergleich zur Situation im Jahr 2000 haben bei den institutionalisierten Freizeit- und Engagementformen vor allem Vereine und ehrenamtliche Einrichtungen an Zuspruch gewonnen, wobei prozentual Sportvereine und kirchlich-religiöse Gruppen den größten Mitgliederzuwachs zu verzeichnen haben. Trotz wachsender Konkurrenz im Freizeitangebot bieten Sportvereine ganz offensichtlich immer noch für die Mehrzahl der Jugendlichen in der Eifel attraktive Betätigungsfelder, um ihren Interessen, Hobbies sowie Bewegungsund Wettkampfbedürfnissen nachzugehen. Auf drei interessante Entwicklungen ist in diesem Zusammenhang aufmerksam zu machen: • Neben den traditionellen Sportvereinen – und hier vor allem den Fußballclubs – etablieren sich neue Vereine wie etwa Dartclubs oder Karate-Dojo-Zentren, die in ihrem Selbstverständnis ebenfalls Sportvereine sind. • Über die Hälfte der ‚Vereinsjugendlichen‘ ist nicht nur in einem Verein aktiv, wobei sich die Mehrfachmitgliedschaft ebenso auf Sportvereine wie auf andere Vereinstypen beziehen kann. 82 • Wer als Jugendlicher einem Sportverein beitritt, zeigt auch eine gewisse Bereitschaft, in dem Verein Verantwortung zu übernehmen. In diesem Punkt gibt es aber ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. Denn es ist in erster Line die Landjugend, für die Sportvereine ein partizipatorisches Lernfeld darstellt – eine Feststellung, die auch andernorts bestätigt wird: „Jugendliche in Stadt und Land sind gleichermaßen in Sportvereinen organisiert, allerdings übernehmen sie auf dem Land häufiger Funktionen und Ämter. Mitgliedschaft und Engagement im ländlichen Raum sind enger miteinander verknüpft.“74 Eine Differenzierung nach Sozialmerkmalen lässt ebenfalls Unterschiede bei der Vereins- und Gruppenpräferenz erkennen. Tabelle 5: Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Mitgliedschaft in Gruppierungen und Vereinen Sportverein Hilfsorganisation Musikverein Kirchliche Gruppe Fanclub Politische Organisation Jugendgruppe Jugendverband gesamt 50 16 18 16 13 3 20 5 Geschlecht Jungen 54 19 15 16 18 5 23 6 Mädchen 47 12 21 16 7 2 18 4 Alter 14-17 J. 62 17 17 28 12 2 27 8 18-21 J. 44 15 20 8 13 4 19 2 22-25 J. 39 13 16 3 12 6 9 3 Bildung niedrig 34 13 11 7 19 3 15 7 mittel 49 18 21 18 15 4 25 4 hoch 55 14 18 17 9 3 20 5 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Bezüglich des Geschlechts ist festzustellen, dass Jungen sich häufiger in freiwilligen Hilfsorganisationen – etwa den Jugendabteilungen der Feuerwehr – engagieren, wobei es sich bei diesem Typus von Institution traditionell um eine Männerdomäne handelt. Auch sind sie häufiger Mitglied in einer Jugendgruppe oder einem Fanclub. Mädchen geben dagegen nur in einer Freizeiteinrichtung den Ton an: dem Musikverein. Sportvereine – und mit einer sehr viel geringeren Frequenz Jugendverbände und politische Organisationen – erfreuen sich bei männlichen und weiblichen Jugendlichen in etwa gleich großer Beliebtheit. Die Mitgliedschaftsrate in Vereinen und Gruppierungen ist auch altersabhän- 74 Tully/Schippan 2014, S. 204. 83 gig und zwar nimmt sie tendenziell mit zunehmendem Alter ab. Sportvereine – und auch kirchliche Gruppen sowie Jugendgruppen – sind hiervon stark betroffen. Lediglich die politischen Institutionen verzeichnen einen leichten Zuwachs durch ältere Jugendliche. Auch hinsichtlich des Bildungsniveaus der jungen Eifeler lassen sich Unterschiede feststellen, wenn auch nicht für alle Vereins- resp. Gruppentypen. Auffallend ist, dass die Bildungshöhe positiv mit der Vereinszugehörigkeit und der Mitwirkung in einer kirchlichen Gruppe korreliert. Insgesamt ist festzuhalten, dass viele Jugendliche in der Eifel – nicht zuletzt aufgrund ihrer Mehrfachmitgliedschaften – im Wortsinne ‚Vereinsmeier’ sind. Aber ihr Vereinsinteresse ist dabei nicht nur auf den Wohnort beschränkt. Dies gilt auch für viele andere Freizeitaktivitäten, die vor allem am Wochenende eher in Städten – auch außerhalb des Landkreises Bitburg-Prüm – aufgesucht werden. Auch wenn schwer zu entscheiden ist, ob die Freizeitangebote innerhalb und außerhalb des Ortes in einem Ergänzungs- oder eher in einem Konkurrenzverhältnis zueinanderstehen, die jungen Menschen in der Eifelregion erleben die räumliche Auffächerung der Freizeit als Steigerung ihrer Lebensqualität und als Einbettung in einen erweiterten Lebensraum. Wie vor diesem Hintergrund die Zufriedenheit – und mögliche Defizite – mit dem Freizeitangebot im Wohnort eingeschätzt werden, soll im Folgenden noch etwas eingehender untersucht werden. 4.1.4 Freizeitzufriedenheit und Defizite im Freizeitangebot Nachdem im Fragebogen die unterschiedlichsten Aspekte des Freizeitbereichs – angefangen von einem Überblick über die verschiedenen Aktivitätsmuster bis hin zu spezifischen Teilnahmeformen an Bräuchen – angesprochen worden waren, baten wir die Jugendlichen um ein Gesamturteil. Dazu stellten wir ihnen zunächst folgende Frage: „Wenn Du ganz allgemein an Deine Freizeit denkst, wie zufrieden bist Du mit dem bestehenden Angebot in Deinem Wohnort?” Auch wenn subjektive Einschätzungen dieser Art immer mit einem gewissen Vorbehalt zu betrachten sind, da sich das Antwortverhalten zwischen prägenden (positiven oder negativen) Einzelerfahrungen und bilanzierenden Gesamturteilen bewegen kann, kommt ihnen dennoch eine wichtige Indikatorfunktion zu. Und die ist im Falle der Bewertung des Freizeitangebots recht eindeutig (vgl. Abb. 27): Waren im Jahr 2000 noch fast drei Viertel (72%) der Eifeljugendlichen mit dem Freizeitangebot zufrieden, so ist im Jahr 2011 die Zufriedenheitsquote unter ein Drittel (29%) gesunken. 84 Abbildung 27: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Verändert sich dieses negative Meinungsbild, so die Anschlussüberlegung, wenn man die einzelnen freizeitbezogenen Zufriedenheitsausprägungen nach den Sozialmerkmalen der Jugendlichen näher differenziert? Tabelle 6: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Freizeitzufriedenheit sehr zufrieden zufrieden eher unzufrieden ganz unzufrieden gesamt 6 23 39 32 Geschlecht Jungen 7 25 38 30 Mädchen 5 20 41 34 Alter 14-17 J. 8 24 43 25 18-21 J. 5 16 38 41 22-25 J. 2 32 35 30 Bildung niedrig 12 17 33 38 mittel 7 19 39 34 hoch 4 25 42 29 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Das Ergebnis ist einigermaßen überraschend, denn zwischen der Einschätzung der Freizeitzufriedenheit durch die befragten Jugendlichen 12 6 60 2325 39 3 32 0% 20% 40% 60% 80% 100% 2000 2011 Erhebungjahr Sehr zufrieden Eher zufrieden Eher unzufrieden Sehr unzufrieden Grad der Zufriedenheit 85 und ihren verschiedenen sozio-demographischen Merkmalen bestehen keine signifikanten Unterschiede. Ganz gleich, ob man die Zufriedenheits- resp. Unzufriedenheitsraten nach Geschlecht, Alter oder Bildung differenziert, die zu Tage tretenden Differenzen sind minimal. In seltener Einmütigkeit bewerten die Jugendlichen aus der Eifel das ihnen zur Verfügung stehende Freizeitangebot als unzureichend. Wenn überhaupt größere Unterschiede im Zufriedenheitsniveau vorkommen, dann in Abhängigkeit davon, in welcher Verbandsgemeinde die befragten Jugendlichen wohnen. Abbildung 28: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot nach Verbandsgemeinden (Antwortkategorien: „sehr zufrieden“ und „zufrieden“; Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Die höchste Zufriedenheitsrate findet sich in Arzfeld (37%), die geringste in Speicher (15%). In den Städten des Landkreises schwankt die entsprechende Quote zwischen 36% in Bitburg und 28% in Kyllburg. Die Ergebnisse stehen damit – auf den ersten Blick – im Widerspruch zu einem in der Jugendfreizeitforschung immer wieder festgestellten Befund: „Erwartungsgemäß betrachten Jugendliche aus Städten und größeren Gemeinden (mit gewöhnlich besserem Angebot) die 86 Freizeitmöglichkeiten vergleichsweise positiver als diejenigen aus kleineren Wohnorten.“75 Um diesen Zusammenhang zu überprüfen, wäre eine weitere Aufspaltung der einzelnen Verbandsgemeinden nach differenzierteren Ortsgrößenklassen notwendig, was allerdings aufgrund der kleinen Fallzahlen keine verlässlichen Aussagen mehr zulässt. Allerdings ist in den qualitativen Gesprächen mit Jugendlichen, die aus kleineren Dörfern stammen, immer wieder darauf verwiesen worden, dass Freizeitangebote hier absolute Mangelware sind. Daraus den Schluss zu ziehen, dass die Jugendlichen aus der Eifel sich mit einem reduzierteren Freizeitangebot zufriedengeben, scheint uns aber unangemessen. Dies zeigt sich zum einen darin, dass sie sehr konkrete Vorschläge im Rahmen der quantitativen Befragung gemacht haben, wie das Freizeitangebot in ihrem Wohnort attraktiver gestaltet werden könnte. Tabelle 7: Verbesserungsvorschläge für das Freizeitangebot im Wohnort (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zum anderen haben wir Hinweise dafür gefunden, dass das Angebotsdefizit durch eine erhöhte Mobilität kompensiert wird. So stellten wir den Jugendlichen zu ihrem Freizeitverhalten u.a. auch die Frage: „Wo verbringst Du am Wochenende überwiegend deine Freizeit?” Unterteilt nach der regionalen Herkunft der Jugendlichen, ergibt sich dabei folgende Antwortverteilung: Zwischen Stadt- und Landjugendlichen bestehen deutliche Unterschiede hinsichtlich der am Wochenende präferierten Freizeitorte. Während über drei Viertel (77%) der in der Stadt lebenden Jugendlichen hier auch überwiegend ihre Freizeit verbringen, sind es bei den Eifeljugendlichen nur etwas mehr als die Hälfte (52%). 75 Traube 1995, S. 13. Jugendtreffs, Jugendräume 19 Sportangebote 10 Disco, Kino 10 Spezielle Angebote für Jugendliche unter 18 6 Kulturelle Angebote (Festival, Museum) 5 Verbesserte Mobilität/ÖPNV 4 Geschäfte 3 Grillflächen, Parkanlagen 2 87 Die andere Hälfte verbringt ihre Freizeit am Wochenende fast ausschließlich außerhalb des Wohnorts, wobei sich ein linearer Zusammenhang zwischen Wohnortgröße und Freizeitmobilität nachweisen lässt. Die freizeitliche Mobilität der Jugendlichen erstreckt sich dabei in etwa anteilig auf Nachbardörfer, Kleinstädte in ihrer Umgebung sowie Trier und andere Großstädte. Wie sehr die wohnortübergreifende Freizeitgestaltung zu einem festen Bestandteil des Jugendalltags in der Eifel geworden ist und mit welcher Routine und Selbstverständlichkeit entsprechende Aktivitäten von den jungen Menschen in ihren ‚mobilen Alltag’ integriert werden, ist auch in den Porträtstudien, die Bettina Bartzen für ihren Bildband Jugend in der Eifel durchgeführt hat, deutlich geworden: • „Sinspelt gefällt mir. Auch wenn hier nicht so viele in meinem Alter wohnen. […] Mein größtes Hobby ist Gardetanzen. Ich bin in der Gardetanzgruppe Neuerburg und trainiere in Sinspelt eine Tanzgruppe. Die Garde- und Showtänze zeigen wir dann in der Fastnachtszeit auf Kappensitzungen in der Umgebung. Einmal im Jahr haben wir die ‚bach to foasicht‘-Party. Da kommen über 1.000 Leute aus der ganzen Region, um sich nochmal an Fastnacht zu erinnern. Ich liebe Tanzen seit dem dritten Lebensjahr. Außerdem bin ich im Nachbarort im Tennisverein“ (Lena, 17 Jahre).76 • „In Preischeid gibt es nichts für Jugendliche. Seit 13 Monaten habe ich den Führerschein der Klasse S. Wenn man so abgelegen wohnt, ist das sehr praktisch mobil zu sein. Sogar zum Einkaufen muss man 25 Kilometer fahren. […] Karneval ist meine Leidenschaft. Man kann mit jedem lachen, tanzen und Spaß haben. Jedes Jahr bauen alle Mitglieder des Karnevalsvereins ‚Schluckauf Jucken‘ einen Karnevalswagen. In meiner Freizeit gehe ich auch Kartfahren oder Bowlen. Au- ßerdem bin ich im ‚BDM-Young e.V.‘, der Jugendgruppe für Landwirte“ (Selina, 17 Jahre).77 • „Ich möchte nicht in der Stadt wohnen. Auch Trier wäre mir zu weit weg. Denn hier kenne ich meine Leute. Mit den Eifelern kann man viel Spaß haben. Sie sind so wie ich. Wir sind eine Clique von rund zwölf Leuten, die ich teilweise noch von meiner Kindheit kenne. Wir verbringen jedes Wochenende gemeinsam. Manchmal fahren wir nach Belgien oder Bitburg zum Gokartfahren oder Bowlen. Im Sommer zelten wir häufig, wo es schön ist“ (Thomas, 18 Jahre).78 76 Bartzen 2012, S. 70. 77 Ebd., S. 98. 78 Ebd., S. 120. 88 Auch wenn es hinsichtlich bestimmter Freizeitmöglichkeiten noch Nachholbedarf gibt – in ländlichen Regionen durchweg ausgeprägter als in der Stadt –, so ändert das kaum etwas daran, dass Freizeit für die Jugendlichen nicht nur Erlebnismittelpunkt ist, sondern wie in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich treten hier ihre veränderten Teilhabechancen zu Tage. Die gewandelten Rahmenbedingungen des Jugendalters, insbesondere die Verlängerung der Ausbildungszeit, der späte Berufseintritt, die starke Bindung an Gleichaltrigengruppen und nicht zuletzt die wachsende Mobilität bilden die Voraussetzung dafür, dass sich Jugendliche heute auf dem Freizeitmarkt beinah nach Belieben bedienen können. Allerdings schrumpft das ihnen zur Verfügung stehende Zeitreservoir. Waren es Mitte der 1980er Jahre noch fünf Stunden, die ihnen täglich zur freien Verfügung standen, so sind es gegenwärtig unter vier, wie neuere Zeitbudgetstudien zeigen.79 Gründe dafür sind die wachsenden Anforderungen in der Schule bedingt durch Schulzeitverkürzung, die Zunahme von Ganztagsschulen, eine steigende Zahl von Terminen sowie der Druck, online aktiv zu sein. Aber trotz der zeitlichen Restriktionen nutzen Jugendliche die zur Verfügung stehende freie Zeit für eine große Bandbreite von Aktivitäten, sie erleben ihre Freizeit in einer hohen Intensität und schätzen sie vielfach über alles. „Freizeit ist mein Leben”, dieser Ausspruch eines 16-Jährigen (Fabian) im Rahmen der Projektvorgespräche ist vielleicht nicht auf alle Jugendlichen übertragbar, aber er signalisiert den außerordentlich hohen Stellenwert, den sie – vor allem in der ersten Phase der Jugend – der Freizeit zuschreiben. 4.2 Mediennutzung Während die bisherigen Analysen ausschließlich auf nichtmediale Freizeitformen ausgerichtet sind, wird im Weiteren schwerpunktmäßig auf die Mediennutzung der Jugendlichen Bezug genommen, die ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Freizeitgestaltung spielt. Denn junge Menschen wachsen heute in einer Umwelt auf, die wie nie zuvor von Medien geprägt ist. Bereits eine oberflächliche Betrachtung der Beziehung zwischen Alltagswelt und Medienalltag lässt erahnen, wie gravierend sie die soziokulturelle Umgebung verändert haben und wie sehr sie zum Inbegriff universell verfügbarer Konsum- und Kulturgüter geworden sind. Überall gibt es Fernsehgeräte, Radios, DVD-Player, Zeitschriften, Bücher und Kinos. Aber es sind vor allem Computer, Internet und Mobiltelefone, die mittlerweile fester Bestandteil der Lebenswelt geworden 79 Vgl. Deinet/Krisch 2009; BAT-Stiftung für Zukunftsfragen 2013. 89 sind – und dies keineswegs nur bei der jungen Generation. „Einem kulturgeschichtlichen Trend folgend“, so kommentierte Hans-Dieter Kübler bereits Anfang der 1980er Jahre diese Entwicklung, „schreitet die Veralltäglichung der Massenmedien ständig voran. Immer unauffälliger und individualistischer fügen sie sich in die Lebenswelt des Einzelnen und der Familien ein, immer unentbehrlicher und unausweichlicher machen sie sich dadurch.”80 Wie sehr dies auch für die Jugend in der Eifel zutrifft, ist nachfolgend näher dargestellt. 4.2.1 Umfang und Muster des Mediengebrauchs „Wie oft nutzt Du folgende Medien in Deiner Freizeit?” Diese Frage sollte Aufschluss über die medialen Freizeitpräferenzen der jungen Menschen geben. Hierzu wurden die in der Region Befragten gebeten, sich anhand einer Liste von unterschiedlichen Medien zu ihrer Nutzungsfrequenz zu äußern, wobei die Spannweite von „täglich/mehrmals pro Woche” über „einmal pro Woche/mehrmals pro Monat” und „einmal pro Monat/seltener” bis hin zu „nie” reichte. Abbildung 29: Mediennutzung – 2000 und 2011 im Vergleich (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). 80 Kübler 1983, S. 43. 88 2 18 14 87 9 22 83 31 42 66 87 0 2 8 11 12 23 22 36 47 83 79 89 Handy/Smartphone Kino Spielkonsolen Video/DVD Internet Zeitschriften Bücher Computer Zeitung (Web-)Radio CD/MP3 Fernsehen Erhebungsjahr 90 Die Ergebnisse verdeutlichen eine nachhaltige Verschiebung und Umschichtung im jugendlichen Medienalltag. Während sich bei den klassischen Medien – und zwar vom Fernsehen über die Buchlektüre bis zum Kinobesuch – kaum oder nur geringe Veränderungen in der Nutzungsfrequenz zeigen, ist es im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie zu einem rasanten Anstieg gekommen. Denn Computer, Internet und Handy haben sich in kaum mehr als einer Dekade im Medienalltag von Jugendlichen fest etabliert, wobei vor allem ihre Konvergenz in Form von multifunktionalen und mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablets sie zu den neuen Leitmedien in einer zunehmend digitalisierten Lebenswelt gemacht haben. Die Nutzung dieser neuen Medien durch die jungen Eifeler unterscheidet sich im Übrigen nicht von derjenigen der gesamtdeutschen Jugend und zwar ganz gleich, um welche Region es sich dabei handelt.81 In unserem Landjugendsurvey aus dem Jahr 2000 wurde dagegen noch eine regelrechte digitale Spaltung zwischen städtischen und ländlichen Lebensräumen sichtbar: „Auffällig sind die zum Teil sehr großen Nutzungsunterschiede zwischen Stadt- und Landjugendlichen. Selbst wenn das regionale Gefälle bei der Nutzung der neuen Medien zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Bildungsungleichheit zurückgeführt werden kann, so erweist sich insgesamt der ländliche Raum doch als erheblicher Benachteiligungsfaktor. Vor allem die jugendlichen Surfer sind hier noch deutlich unterrepräsentiert. Während in der Stadt sechs von zehn das Internet nutzen, ist es auf dem Land nicht einmal jeder Vierte.“82 Die Angleichung der Nutzerquote zwischen Stadt- und Landjugendlichen darf aber nicht den Blick dafür verstellen, dass das Internet heute für alle Jugendlichen eine sehr viele größere Bedeutung hat als noch Anfang der 2000er Jahre. An der noch zu erörternden Vielfalt der Online- Aktivitäten wird dies besonders deutlich. 4.2.2 Mediennutzung in sozio-demographischer Perspektive Bei einer exemplarischen Betrachtung der Nutzungsdaten einiger ausgewählter Medien, differenziert nach sozio-demographischen Merkmalen, lassen sich eine Reihe von Gemeinsamkeiten aber auch von Unterschieden zwischen den Jugendlichen ausmachen. 81 Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2015, S. 29f.; Leven/ Schneekloth 2015, S. 120f. 82 Eisenbürger/Vogelgesang 2002, S. 34. 91 Tabelle 8: Mediennutzung nach sozio-demographischen Merkmalen (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) Medienformate Fernsehen CD/MP3 Zeitungen Spielkonsolen Computer Internet Mobiltelefon gesamt 87 66 31 18 83 87 88 Geschlecht Jungen 87 64 33 31 85 89 82 Mädchen 87 68 30 5 82 86 95 Alter 14-17 J. 91 66 22 27 85 88 85 18-21 J. 83 66 38 10 82 85 93 22-25 J. 88 66 38 13 83 87 87 Bildung niedrig 88 68 21 26 75 77 86 mittel 87 64 26 23 75 83 88 hoch 87 67 38 13 89 92 89 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zunächst einmal fällt auf, dass audio-visuelle und auditive Medien – hier repräsentiert durch Fernsehen und CDs resp. MP3 hören – kaum nennenswert hinsichtlich der Sozialmerkmale der Befragten variieren. Ganz gleich ob Jungen oder Mädchen, Jüngere oder Ältere, Niedrigoder Hochgebildete, was sie in ihrem Medienverhalten eint, ist eine hohe und relativ konstante Nutzungshäufigkeit dieser Medien. Auch bezüglich des Mobiltelefons, das mittlerweile zum medialen Alltagsbegleiter avanciert ist, sind die Unterschiede nur minimal. Lediglich bei den Mädchen ist die Nutzungsfrequenz noch etwas höher als bei den Jungen (95% zu 82%). Kurz und prägnant hat ein Waldorfschüler in den qualitativen Interviews den Stellenwert des Handys im Jugendalltag auf den Punkt gebracht: „Es gehört halt einfach mit dazu“ (Ian, 15 Jahre). Mit Blick auf die Gleichaltrigen geht es bei dem täglichen Handygebrauch vor allem um die Aufrechterhaltung und Koordination von Peer-Beziehungen, aber auch um die Präsentation des Mobiltelefons als Modeaccessoire und Lifestyle-Objekt. Es ist letztlich seine Multifunktionalität und lebensweltliche Durchdringung, auf die in der Jugend- und Medienforschung immer wieder verwiesen wird: „Während für die Kommunikation mit den Eltern überwiegend die Telefonfunktion genutzt wird, umfassen die im Kontext der Gleichaltrigenbeziehungen realisierten kommunikativen Praktiken mit dem Mobiltelefon sämtliche multimediale Funktionen sowie die damit verbundenen Kommunikationsformen – angefangen vom Versenden von Kurznachrichten über das Erstellen, 92 Verschicken und Speichern von Fotos, Musik- und Videoclips bis hin zur Auswahl von Logos, Bildern und Klingeltönen, über die jeweils persönliche Beziehungsansichten, aber auch Bemühungen um soziale Zuordnung und Abgrenzung artikuliert werden.“83 Die bei der Handynutzung aufgedeckten unterschiedlichen Nutzungsformen sind ein Hinweis darauf, dass Medien nur scheinbar die großen Gleichmacher im Jugendalter sind. So ist etwa das Lesen von Büchern nach wie vor eine Domäne der Mädchen. Ihre Nutzungsfrequenz ist in der Antwortkategorie „täglich/mehrmals pro Woche” doppelt so hoch wie die ihrer männlichen Altersgenossen (30% zu 15%). Des Weiteren ist die Lesebereitschaft auch in ausgeprägter Weise bildungsabhängig. Vor allem die Jugendlichen mit einem hohen Bildungsstatus zählen zu den Intensivlesern – ein Befund, der sich auch bei der Zeitungslektüre zeigt. Es sind nämlich vornehmlich Gymnasiasten und Studenten, die zu den regelmäßigen Zeitungslesern zählen. Real- und Hauptschüler finden sich dagegen deutlich seltener in der jugendlichen Zeitungsleserschaft, und zwar sowohl was die Regelmäßigkeit als auch die Intensität der Lektüre betrifft. Allerdings ist die beim Bücherlesen sichtbar geworden Differenz zwischen Jungen und Mädchen bei der Zeitungslektüre nicht mehr nachweisbar. Die Gründe hierfür liegen, wie in den Gesprächen mit den Jugendlichen deutlich wurde, einerseits in der Tagesaktualität und Lebensweltnähe der Berichterstattung, auch wenn bei der Themenauswahl (z.B. Sport, Kultur und Mode) die Genderdifferenz eine wichtige Rolle spielt. Andererseits wissen junge Menschen – und zwar unabhängig vom Geschlecht – ganz offensichtlich die Crossmedialität der Zeitungskanäle zu schätzen. Denn Zeitungen erscheinen heute nicht mehr nur als Printausgabe, sondern neben der gedruckten Fassung werden sie auf ganz unterschiedliche Arten offeriert: als iPad-App, ePaper, Mobil-Angebot oder als Online-Ausgabe. Die Internetaffinität der Jugendlichen scheint somit auch beim Zeitungsinteresse Spuren zu hinterlassen. Vorsichtig optimistisch ist deshalb die Zeitungsforschung bezüglich dem wieder erwachten Interesse der jungen Menschen am Medium Zeitung, wie eine Reichweitenanalyse aus dem Jahr 2013 verdeutlicht: „Im Vergleich zur reinen Printreichweite gewinnen die Zeitungen mit der crossmedialen Gesamt-Nettoreichweite aus Print und Online 55 Prozent bei den jungen Lesern zwischen 14 und 83 Schulz 2011, S. 159. 93 29 Jahren. Die Zunahme um 55 Prozent bedeutet 3,2 Mio. zusätzliche Leser in der Altersgruppe 14 bis 29 Jahre.“84 An der Entwicklung, dass die Zeitung auch von Jugendlichen verstärkte online gelesen wird, lässt sich ablesen, wie sehr Internet und digitale Medien in der jugendlichen Lebenswelt allgegenwärtig sind. Dies war für die Generation der 14- bis 25-Jährigen, die wir in dem Jugendsurvey im Jahr 2000 untersucht haben, noch keine Selbstverständlichkeit. Insgesamt nutzte damals nur etwas mehr als ein Drittel (36%) den Computer täglich bzw. mehrmals die Woche und nur 12% hatten die Möglichkeit, regelmäßig ins Internet zu gehen, wobei auch markante Unterschiede bezüglich Geschlecht, Alter, Bildung und Wohnortgröße zu verzeichnen waren. In unserer Wiederholungsstudie aus dem Jahr 2011 hat sich dieses Bild deutlich verändert. Über vier Fünftel der in der Eifel beheimateten Jugendlichen nutzen den Computer und das Internet regelmäßig und fast alle haben Zugang zu diesen Medien, so dass von einer Vollversorgung gesprochen werden kann. Die seinerzeit in der bekannten Medienthese der ‚digitalen Spaltung’ zum Ausdruck gebrachte ungleiche Verteilung von Medienkompetenzen, lässt sich heute in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten, auch wenn hinsichtlich des formalen Bildungsniveaus der jugendlichen Computer- und Internetnutzer noch ein Gefälle zu verzeichnen ist. Allerdings beruht dieses weniger auf einer Beschäftigung mit diesen Medien insgesamt, als vielmehr auf einer Differenz im Hinblick auf die Art und Weise der Nutzung. Denn es gibt schon seit einiger Zeit Anzeichen dafür, dass sich hinter der vordergründigen Angleichung des Computer- und Internetzugangs sozial differentielle inhaltliche Verwendungen etabliert haben, die unter dem Begriff „digitale Ungleichheit“85 gefasst werden. Bei den nachfolgend erörterten Nutzungsformen von Computer und Internet gilt es diesen Sachverhalt im Blick zu behalten. 4.2.3 Art und Inhalte der Computer- und Internetnutzung Da die Nutzung von Computer und Internet eng miteinander verflochten und davon auch immer mehr Bereiche des alltäglichen Lebens betroffen sind, wurde bezogen auf beide digitale Medien den Jugendlichen die Frage gestellt: „Wie oft nutzt Du Computer und Internet für folgende Anwendungen/Tätigkeiten?“ Im Fragebogen wurde ihnen dazu eine Liste mit Standardanwendungen vorgegeben, bei denen sie auch nach Intensitätsabstufungen („täglich/mehrmals die Woche“, „einmal pro Woche/mehrmals pro Monat“, „einmal pro Monat/seltener“ und 84 ZMG 2013, S. 5. 85 Vgl. Kutscher 2010. 94 „nie“) differenzieren konnten. Die folgende Rangreihe bildet dabei die regelmäßige Nutzungsstruktur ab, d.h. sie basiert auf den Anwendungen, die von den befragten Jugendlichen täglich oder mehrmals die Woche ausgeführt werden. Abbildung 30: Inhalte und Intensität der Computer- und Internetnutzung (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Ein erheblicher Anteil der von Computer und Internet ausgehenden Faszination gründet ganz offensichtlich in dem Umstand, dass beide Medien sehr unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten bieten. Versucht man dieses facettenreiche Profil inhaltlicher Anwendungen zusammenzufassen, dann kristallisieren sich vier Aktivitätsbereiche heraus: Kommunikation, Information, Unterhaltung und kommerzielle Nutzung. Zwar chattet über die Hälfte der jungen Eifeler auch regelmäßig oder tauscht sich über E-Mails aus, aber in der kommunikativen Dimension ragt vor allem der Zugriff auf soziale Netzwerke heraus. Fast drei Viertel nutzen die sogenannten Social Media, also interaktive Austauschplattformen wie Facebook, Twitter oder WhatsApp, regelmäßig. Mittlerweile ist eine breite Infrastruktur entstanden, die es den jungen Nutzern erlaubt, sich auf unterschiedliche Arten kommunikativ zu vernetzen, Fotos, Videos oder Musik hochzuladen, Bewertungen zu Produkten oder Dienstleistungen zu schreiben oder sich auf Online-Ausbil- 3 6 9 9 22 24 30 31 46 51 55 55 72 Erotik Online-Banking Online-Shopping Internet-Telefonie Literatursuche Spiele Surfen Nachrichten/Aktuelles Musik/Filme/Serien Informationssuche Chatten E-Mails Soziale Netzwerke 95 dungsportalen über das regionale und überregionale Angebot an Ausbildungsstellen zu informieren. Auch in den qualitativen Interviews, die wir mit Jugendlichen aus der Region geführt haben, war die Bandbreite der Nutzung von sozialen Medien ein zentrales Thema. Um nur zwei Beispiele zu zitieren: „Schmink-Videos auf YouTube, Party-Bilder auf Instagram, ein cooles Profil auf Facebook, das sind für mich ganz normale Sachen, wenn ich ins Internet gehe“ (Lara, 20 Jahre). Auch auf den Austausch zwischen Gruppen, die soziale Medien als Kontaktplattform verwenden, wurde immer wieder verwiesen: „Über WhatsApp werden halt Verabredungen mit Freunden gemacht und so über das Übliche gequasselt. Ich bin auch in einer Schulgruppe drin, also jetzt von unserer Klasse, und da wird nur über Zeugs aus der Schule geschrieben. […] Meine Konfirmation ist bald. Und da bin ich auch in zwei Gruppen, eine für die Mitarbeiter und eine für die Konfirmanden. Da sprechen wir dann Termine ab und so“ (Sophie, 14 Jahre). Bei dieser Art der kommunikations- und beziehungsorientierten Nutzung des Internets gibt es auch kaum größere Unterschiede hinsichtlich der Sozialmerkmale der Jugendlichen. Einzig das regelmäßige Chatten ist stark altersabhängig und erfreut sich bei den Teens einer deutlich größeren Beliebtheit als bei den Twens (14- bis 17-Jährige: 72%; 18- bis 21-Jährige: 50%; 22- bis 25-Jährige: 29%). Die zweithäufigste Nutzungsvariante der IT-Medien lässt sich unter dem Oberbegriff ‚Information’ zusammenfassen. Im Einzelnen handelt es sich dabei um die mehr oder weniger gezielte Suche nach Informationen, die im Internet über Suchmaschinen schnell verfügbar sind und in der Regel kostenlos genutzt werden können. Auch Nachrichten über das aktuelle Geschehen werden von 31% der Jugendlichen regelmäßig über das Internet abgerufen, wobei der Anteil sogar auf über 60% steigt, wenn man die Antwortkategorie „einmal pro Woche/mehrmals pro Monat“ noch mit berücksichtigt. Dass das Internet für das Kommunikationshandeln von Jugendlichen – auch im Kontext des Politischen – zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist auch in anderen Studien nachgewiesen worden: „Jugendliche interessieren sich […] für ein breites Themenspektrum, dem sie in den Medien nachgehen. Hier verfolgen sie vor allem jugendkulturelle Themen, die in ihrem Alltag von Bedeutung sind. Jugendliche sind keineswegs ‚politikverdrossen‘, sondern interessieren sich durchaus für politische und gesellschaftlich relevante Themen. Das Internet ist für Jugendliche eine wichtige Quelle, die einen nahezu unerschöpflichen Fundus an Informationen bietet. Welches internetfähige Gerät (z.B. Smart- 96 phone oder heimischer Computer) sie für die Informationssuche im Netz heranziehen, ist abhängig von Thema, Recherchezweck und Situation.“86 Hinsichtlich der sozialen und persönlichen Merkmale der Jugendlichen lässt sich allerdings feststellen, dass es bei der Suche nach Informationen im Internet deutliche Unterschiede zwischen ihnen gibt. So steigt mit zunehmendem Alter die Häufigkeit, nach Informationen zu suchen, deutlich an. Fast zwei Drittel (64%) der 22- bis 25-Jährigen gibt an, das Internet regelmäßig für die Informationssuche zu nutzen. Bei den 14- bis 17-Jährigen sind es lediglich etwas mehr als ein Drittel (38%). Dies gilt auch für die nachrichtenbezogene Internetnutzung. Hier greifen Jüngere ebenfalls seltener auf entsprechende Zeitungs- und Informationsportale zurück als Ältere (14 bis 17 Jahre: 22%; 18 bis 21 Jahre: 34%; 22 bis 25 Jahre: 43%), wobei aber ganz allgemein das Interesse Jugendlicher für politische und gesellschaftliche Themen sich erst mit dem Eintritt ins Wahlalter stärker ausprägt.87 Auch der Bildungshintergrund der Jugendlichen ist von erheblichem Einfluss, wenn es um die Frage der Nutzung des Internets als Informationsquelle im Alltag geht. Denn bildungsferne Jugendliche geben sehr viel seltener an, regelmäßig im Internet nach Informationen zu suchen als Höhergebildete (Hauptschüler: 35%; Realschüler: 43%; Gymnasiasten/Studierende: 60%). Zudem ist die Bildungsauswirkung auf die Internetnutzung auch daran abzulesen, dass mit steigendem Bildungsniveau das Surfverhalten im Internet planvoller, bewusster und zielorientierter stattfindet. Die hier sichtbar werdenden bildungs- und altersbezogenen Unterschiede bei der informationsbezogenen Nutzung des Internets machen deutlich, dass es sich hierbei um eine Kulturtechnik handelt, die erlernt werden will. Vor diesem Hintergrund ist der Appell der 17. Shell Jugendstudie mit Nachdruck zu unterstützen: „Daher ist es eine medienpädagogische und -politische Aufgabe von gesellschaftlichen Institutionen – hier steht vor allem die Schule im Mittelpunkt –, mit altersgerechten Inhalten und Reflexionsmöglichkeiten dafür zu sorgen, dass die Heranwachsenden Gelegenheit bekommen, sich diese Dimension des Internets anzueignen.“88 Die dritte Form der Computer- und Internetnutzung beinhaltet Aktivitäten, die sich in die Kategorie ‚Unterhaltung’ einordnen lassen. Es handelt sich dabei um die Antwortmöglichkeiten „Musik/Filme/Serien“, 86 Schorb 2013, S. 1. 87 Vgl. Gaiser et al. 2013. 88 Leven/Schneekloth 2015, S. 144. 97 „Spiele“ und „Erotik“, die darunter gefasst werden können. Auffällig ist dabei, dass Jugendliche, die das Internet vorrangig als Medium der Unterhaltung nutzen, ebenfalls häufiger in sozialen Netzwerken unterwegs sind und auch häufiger mit Freunden und Bekannten chatten. Im Blick auf die Sozialmerkmale der Nutzer sind weitere Differenzierungen zu beobachten. So fällt auf, dass vor allem bezüglich des Geschlechts Unterschiede bestehen. Deutlich treten sie zum Beispiel beim sogenannten Gaming zutage. Während bei den Mädchen nur jedes Zehnte regelmä- ßig am Computer und/oder im Internet spielt, ist es bei den Jungen fast jeder Vierte (10% zu 36%). Seit drei Jahrzehnten sind Gimmicks und Simulationen, Adventures, Strategie- und Sportspiele zu einer festen Spielgröße im Freizeitbudget der Jugendlichen geworden.89 Aber deren graphische, tontechnische, kreative und sportive Möglichkeiten üben vor allem auf Jungen eine besondere Faszination aus, was in der jüngeren Vergangenheit in der männlich dominierten Sozialwelt der Computerspieler zur Ausbildung einer eigenständigen E-Sport-Fraktion geführt hat.90 Jungendominiert ist auch die Nutzung von erotischen und pornographischen Inhalten im Internet. Während bei den weiblichen Befragten weniger als 1% angeben, solche Webseiten regelmäßig aufzurufen, sind es bei den männlichen 6%. Noch deutlicher sind die Unterschiede, wenn es um die Frage geht, ob solche Angebote überhaupt genutzt werden. Hier beträgt der Anteil der Jungen 41%, derjenige der Mädchen lediglich 5%. Dass angesichts der leichten Verfügbarkeit und der Quantität der Verbreitung von pornographischen Inhalten im Internet immer wieder Befürchtungen über negative Auswirkungen auf die junge Generation ge- äußert werden, ist aus der Sicht besorgter Eltern naheliegend und auch nachvollziehbar. Aber die häufig sehr emotional geführten öffentlichen Debatten um die verwahrlosende Wirkung von Hardcorepornografie werden den Motivlagen und Wirkungen des jugendlichen Pornokonsums nicht gerecht. Im Rahmen einer interdisziplinär ausgerichteten Fachtagung, die unter dem Titel ‚Pornografisierung der Gesellschaft’ im Jahr 2010 in Köln stattfand, ist diese Diskrepanz deutlich zum Ausdruck gebracht worden: „Zwar war von Seiten der geladenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selten die Rede von negativen Auswüchsen des Pornografiekonsums, umso mehr wurde aber mahnend auf die mediale Öffentlichkeit gezeigt, deren Moralpaniken um die sexuelle Verwahrlosung der Jugend […] jeglicher wissenschaftli- 89 Vgl. Wimmer 2013. 90 Vgl. Vogelgesang 2010. 98 chen Grundlage entbehren. Die ‚Generation Porno‘ gebe es im eigentlichen Sinne nicht und zeichne ein unzutreffendes Bild von den Heranwachsenden unserer Zeit, denn gerade heute sei für die Mädchen und Jungen Liebe der zentrale Beweggrund für sexuelles Handeln. Wenn man überhaupt von einer ‚Generation Porno‘ sprechen möchte, dann nur in der Weise, dass diese Generation wie kaum eine andere zuvor mit expliziter Pornografie und pornografisch assoziierten Medieninhalten aufwächst.“91 Speziell im Blick auf das Internet ist noch auf Verwendungen aufmerksam zu machen, bei denen kommerzielle Zwecke im Mittelpunkt stehen. Sie betreffen vor allem das Konsumverhalten und Bankgeschäfte. Um entsprechende Web-Aktivitäten bei den Jugendlichen in Erfahrung zu bringen, wurden im Fragebogen zwei Anwendungsformen vorgeben: „Online-Shopping“ und „Online-Banking“. Was die Online-Käufe betrifft, machen nur 12% der jungen Eifeler dies regelmäßig, aber immerhin 78% haben schon einmal einen Kauf oder Verkauf über das Internet getätigt. Allerdings ist das Online-Kaufverhalten stark abhängig davon, wie alt die Jugendlichen sind und welchen Bildungsgrad sie haben. Der Zusammenhang ist hoch signifikant und linear: Je älter sie sind, desto vertrauter sind sie auch mit dem Konsummarkt des Internets (14 bis 17 Jahre: 70%; 18 bis 21 Jahre: 83%; 22 bis 25 Jahre: 88%). Aber diese Vertrautheit setzt auch Kenntnisse voraus über die rechtlichen Rahmenbedingungen entsprechender geschäftlicher Online-Aktivitäten – eine Form kommerzieller Medienkompetenz, die aber unter niedrig gebildeten Jugendlichen deutlich weniger verbreitet ist als unter höher gebildeten (niedrige Bildung: 65%; mittlere Bildung: 77%; höhere Bildung: 84%). Insgesamt ist aber zu konstatieren, dass bei den Jugendlichen der Einkauf per Mausklick boomt und die Zahl derjenigen, die noch nie etwas online erworben haben, schrumpft – ein Trend, der auch durch andere Studien bestätigt wird „Drei Viertel der 16- bis 17-Jährigen stöbern online. Die Suchliste wird von Büchern, Musik und Filmen angeführt, gefolgt von PC- Spielen, Elektronik-, Sport- und Fashionartikel. Entsprechend des gewohnten Schemas recherchieren Jungen stärker nach PC- Spielen, Elektronik- und Sportartikel, während sich Mädchen eher für Modeartikel und Schreibwaren interessieren.“ Zur kommerziellen Nutzung des Internets zählen auch Online-Bankgeschäfte. Hier sind die Jugendlichen aus der Eifel allerdings wesentlich zurückhaltender als beim Online-Handel. Nur 25% haben auf diesem 91 Jünger 2011, S. 75. 92 Walther-Mappes/Tjarks 2013, S. 11. 99 Weg ihre Bankangelegenheiten schon einmal erledigt und nur 6% tun dies regelmäßig – und zwar unabhängig vom Geschlecht und Bildungsstand. Allerdings spielt das Alter eine nicht unerhebliche Rolle bei der Akzeptanz von Online-Banking. So haben bei den 22- bis 25-Jährigen schon über die Hälfte (54%) Erfahrungen mit onlinebezogenen Bankgeschäften, bei den 18- bis 21-Jährigen sind es 30% und bei den 14- bis 17- Jährigen lediglich 5%. Eine im Auftrag des Deutschen Bankenverbandes von der Gesellschaft für Konsumforschung im Jahr 2015 durchgeführten Befragung von 14- bis 24-Jährigen kommt zu vergleichbaren Ergebnissen: „Jugendliche und junge Erwachsene sind bei ihren Bankgeschäften traditioneller, als oft behauptet. Eine große Mehrheit von 63 Prozent gibt an, noch nie Online-Banking genutzt zu haben. Gleichzeitig geben 84 Prozent an, eine Bankfiliale in der Nähe sei ihnen wichtig oder sogar sehr wichtig. […] Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass Jugendliche in Sachen Geld und Banken mehr von ihren Eltern mitbekommen, als gedacht. Zwar gibt die große Mehrheit an, mehrmals täglich im Internet zu surfen, fast jeder besitzt ein Smartphone. Die Bankgeschäfte werden aber trotzdem eher in der Filiale um die Ecke erledigt – ebenso, wie die meisten Eltern es vorleben.“ 4.2.4 Fantum und jugendkulturelle Szenen Wenn in der jüngeren Vergangenheit ein Phänomen die jugendliche Lebenswelt verändert hat, dann ist es die Fülle, Vielfalt und Transität von jugendkulturellen Vergemeinschaftungen.94 Auch das jugendliche Fantum – und zwar von der Teeniebegeisterung für die Popgruppe Tokio Hotel über die Fußballanhänger von Borussia Dortmund bis zu den leidenschaftlichen Yu-Gi-Oh-Sammlern – kann als eine Form szenischer Vergemeinschaftung beschrieben werden. Die Objekte der Fangemeinschaften stellen dabei Erlebnis-, Kommunikations- und Identitätsressourcen dar, die leicht zugänglich sind, problemlos angeeignet werden können und als Projektionsfläche für eigene Wünsche und Bedürfnisse dienen. Lothar Mikos akzentuiert diesen Aspekt, wenn er feststellt: „Film-, Fernseh-, Pop- und Sportstars, Filmgenres, Motorräder und Fußballclubs müssen in diesem Zusammenhang als offene Texte gesehen werden, denen die Fans einen symbolischen Wert zuschreiben.“95 93 Wirtschaftswoche 2015, S. 7. 94 Vgl. Vogelgesang/Kersch 2016. 95 Mikos 2010, S. 116. 100 In einer ersten Annäherung an das Phänomen Fantum und Szenemitgliedschaft stellten wir in unserer Untersuchung den Jugendlichen folgende Frage: „Man kann Fan oder Anhänger von etwas sein. Wie ist das bei Dir? Fühlst Du Dich einer bestimmten Szene oder Gruppe zugehörig?“ 24% haben die Frage bejaht, das bedeutet, etwa ein Viertel der jungen Eifeler entwickelt eine besondere Begeisterung für bestimmte Fanformen und fühlt sich als Teil einer entsprechenden Fangemeinschaft. Die sozialstrukturelle Analyse des jugendlichen Fantums weist dabei kaum Unterschiede hinsichtlich des Alters (14 bis 17 Jahre: 26%; 18 bis 21 Jahre: 21%; 22 bis 25 Jahre: 25%) und Bildungsniveaus (Hauptschüler: 29%; Realschüler: 21%; Gymnasiasten/Studenten: 25%) auf, aber große Differenzen bezüglich des Geschlechts (Jungen: 36%; Mädchen: 12%) aus. Es ist die Fußballbegeisterung der männlichen Eifeljugend, die regelrecht zum Kristallisationspunkt von Fangruppierungen wird. Besonders deutlich wird dies, wenn man das weite Feld des jugendlichen Fantums und seine szenischen Ausprägungen etwas genauer eingrenzt. Entsprechend wurden die Jugendlichen mittels einer offenen Frage gebeten, die Fanszene(n) zu benennen, in die sie in besonderer Weise involviert sind. Am häufigsten genannt werden bestimmte Musikszenen und Fan-Communities von Fußballvereinen, die aber, wie bereits erwähnt, fast ausschließlich von Jungen dominiert werden. Insgesamt entfallen auf das Fan- und Szenespektrum jedoch über 30 verschiedene Nennungen, die von Gaming, Fitness, Cosplay über Motorsport und Tuning bis zur Mitgliedschaft in Öko- und Handwerkergruppierungen reichen. Um die Praktiken und Bedeutungen des Fantums und der Szenemitgliedschaft weiter aufzuschlüsseln, haben wir noch zusätzlich die Frage gestellt: „Was heißt es für Dich, Anhänger oder Fan zu sein?” Ordnet man die Antworten nach der Häufigkeit der Nennungen, zeigt sich eine Rangreihe, wobei nur die Jugendlichen berücksichtigt werden, die sich in der Selbsteinschätzung auch als Fan einstufen (vgl. Abb. 31). Wie zu erwarten steht an erster Stelle der Attribute, die einen Fan von einem Nicht-Fan unterscheiden, die „regelmäßige Beschäftigung“ (77%) mit dem Fanobjekt. Kenntnis und Vertrautheit damit sind geradezu konstitutiv für das Fantum. Als nächstes nennen die jugendlichen Szeneanhänger „mit anderen darüber reden“ (76%). Dies ist ebenfalls ein typisches Merkmal von Fantum, da die begehrten Personen, Gruppen oder Medienformate Erfahrungen und Erlebnisse vermitteln, über die man sich mit Gleichgesinnten auch verständigen möchte. Die Fanobjekte sind also sowohl Gesprächsanlass als auch Gesprächsgegenstand. Sie stiften darüber hinaus kommunikative Bezüge zwischen den Fans, 101 die in eine feste Gruppen- oder Cliquenstruktur münden und Vertrautheit, Nähe und Freundschaft nach sich ziehen können. Auch „ein besonderes Wissen“ (59%) ist eine wichtige Ressource innerhalb der Kommunikation in der Fanszene. Sie unterstreicht den eigenen Expertenstatus, verschafft Geltung und Anerkennung und festigt zudem durch ihre Abgrenzungsfunktion gegenüber der Erwachsenenwelt resp. anderen Fangemeinden die Gruppenzugehörigkeit. Abbildung 31: Praktiken und Bedeutungsdimensionen des Fantums (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Des Weiteren verweisen die Antwortmöglichkeiten „sich damit identifizieren“ (57%) und „sich einer Szene zugehörig fühlen“ (56%) auf eine starke Bindung an das Fanobjekt sowie die Fangruppe. Fantum wird von den Jugendlichen ernst genommen und ist ein aktiver Prozess der jugendlichen Identitätsbildung und Gemeinschaftserfahrung. Die Objekte der Verehrung – und hier insbesondere Fußballvereine und Popikonen – werden vielfach zu Idolen stilisiert, in denen sich die gesamte Fangruppe wiedererkennt. Der Besuch von entsprechenden Events oder das regelmäßige Treffen in Fanzirkeln machen es auch notwendig, „Zeit und Geld zu investieren“ (46%). Hand in Hand damit geht bei etwas weniger als einem Drittel der jugendlichen Szenemitglieder das „Sammeln von Fanartikeln“ (31%) und das „Lesen von Szenezeit- 30 31 46 56 57 59 76 77 Szenezeitschrift lesen Fanartikel sammeln Zeit und Geld investieren Sich einer Szene zugehörig fühlen Sich damit identifizieren Besonderes Wissen Mit Anderen darüber reden Regelmäßige Beschäftigung 102 schriften“ (30%). Es sind nicht zuletzt dies die Kriterien, die auf den inneren Kreis der Fangemeinschaften verweisen. Denn für jugendliche Fanszenen sind durchaus unterschiedliche Aneignungspraktiken konstitutiv, die auch mit divergierenden Erfahrungen, Kompetenzen und Zugehörigkeitsformen einhergehen. Versucht man vor dem Hintergrund unserer Jugendstudien und mit Bezug auf die aktuelle Forschungslage eine Systematisierung des zeitgenössischen jugendkulturellen Fantums und seiner Praxisformen, dann offenbart der dabei sichtbar werdende eigenwillige Habitus und die soziale Verortung folgende Strukturmerkmale, die als analytisch-kategoriales Raster für die heutige Jugendkultursphäre insgesamt angesehen werden können: • Nach Angaben einschlägiger Forschungen96 schwankt die Anzahl von Jugendkulturen zwischen 150 und 200, wobei die Zahl ihrer Anhänger große Unterschiede aufweist. Auch wenn eine exakte empirische Quantifizierung des jugendkulturellen Feldes kaum möglich ist, so ist davon auszugehen, dass seit Mitte der 2000er Jahre der HipHop mit einer Anhängerzahl von etwa einer Million zum Mainstream in der deutschen Jugend- und Musikszene zählt (‚Pluralisierung’). • Jugendkulturen unterliegen ständigen Differenzierungen und Aufspaltungen. Aus der Rockszene haben sich die Stilrichtungen des Cog, Punk, New Wave und Heavy Metal abgespalten. Die Metal- Kultur ihrerseits hat sich zwischenzeitlich ebenfalls in mehrere Untergruppierungen wie Black Metal, Dark Metal und Doom ausdifferenziert. Die Abspaltung von Subszenen wird regelrecht zum Kampfmittel zur Sicherung von Identität und Autonomie. Man kann deshalb auch von einem Mainstream der Minderheiten sprechen (‚Diversifizierung’). • Auch wenn sich eine große Anzahl von Jugendlichen einer Szene zugehörig fühlen, ihre Anbindung und Identifikation mit der Szene – und bisweilen auch mehreren Szenen – ist dabei jedoch unterschiedlich intensiv. Drei Typen des Fantums lassen sich unterscheiden: der Novize, der Tourist und der Freak. Sie markieren einerseits gestufte Formen szenengebundenen Wissens und andererseits – wenn auch nicht zwangsläufig – Karriereabschnitte innerhalb einer Szene (‚gestufte Szenebindung’). • Es sind vor allem die jugendlichen Szeneveteranen, die ihr Wissen und ihre Stilhoheit auch sehr prononciert als Konfrontations- und Abgrenzungsstrategie gegenüber Erwachsenen einsetzen. In spielerisch-aufreizender Lässigkeit demonstrieren sie die ungleiche Vertei- 96 Vgl. Farin 2001; Richard/Krüger 2010. 103 lung vor allem von Medienkompetenzen. Gerade ihre Leichtigkeit und Virtuosität in der visuellen Wahrnehmung – und zwar von den Bilderspektakeln der Musikclips bis zu den virtuellen Welten der Computerspiele – verdeutlichen, dass der Umgang mit Medien und ihren Inhalten sich immer weiter auseinander entwickeln, denn selbst aufgeschlossene und wohlmeinende Erwachsene können diese medialen Produkte nicht in ihre alltagsästhetischen Schemata transponieren; Ratlosigkeit, Verwirrung und Empörung sind dann nicht selten die Folge (‚intergenerational-asymmetrische Wahrnehmungsstile und Medienkompetenzen‘). • Jugendkulturen sind Formationen auf Zeit, deren Leben und Überleben aufs Engste mit ihrer Stilexklusivität verknüpft sind. Deren Verlust ist gleichbedeutend mit einer Entzauberung und Auflösung ihrer Identität und hängt wie ein Damoklesschwert über allen jugendkulturellen Stilgemeinschaften. In dem Maße nämlich, wie ihre Szenesymbole – z.B. die XXL-Klamotten, Baseballkappen und Turnschuhe (Sneakers) bei den HipHop-Fans – von vielen aufgegriffen werden, inflationieren sie und werden schließlich für ihren Zweck untauglich. Jugendkulturen als gemeinschaftliche Lebensentwürfe scheitern nicht einfach an der Unrealisierbarkeit ihrer Konzepte, sondern blühen und welken mit den Konjunkturen ihrer Symbole und Karrieren ihrer Protagonisten. Ein markanter Einschnitt in der Grunge-Szene war bspw. der Freitod ihres Idols Kurt Cobain von der Gruppe Nirvana im Jahr 1994 (,Kampf um Exklusivität und Distinktion‘). • Mit der Expansion des Jugend- und Medienkulturmarktes zu Beginn der 1980er Jahre und der freien Wählbarkeit von kulturellen Mustern und Gruppierungen verlieren klassenkulturell orientierte Stilbildungsprozesse an Bedeutung. Nicht mehr die Verankerung von jugendlichen Lebensformen in der herkunftsspezifischen ‚parent culture’ ist bestimmend für die heutigen Jugendkulturen und -szenen, sondern viel eher modische Stilbasteleien, die als postmoderne, identitätsstiftende Bezugspunkte tendenziell allen Jugendlichen verfügbar sind. Während Punks und Popper untrennbar mit ihrer Herkunftskultur verbunden sind – dem Arbeitermilieu und dem Bürgertum –, gibt es etwa bei den Techno-Anhängern keine Schichtabhängigkeit mehr (‚Interessengebundenheit anstelle von Herkunftsabhängigkeit‘). • Stile, Rituale und Symbole in Jugendkulturen enthalten Hinweise auf höchst unterschiedliche Körperbilder und körperbezogene Erlebnisformen. Jede Jugendkultur schreibt sich gleichsam auf ihre Weise in den Körper ein und hinterlässt dort Spuren. So wird z.B. in der Heavy Metal-Szene der aggressive Körper inszeniert, bei den 104 Techno-Fans ist er Ekstasemedium und die Grufties gestalten ihn zu einem morbiden Protestzeichen um (‚Körperkult und Körperkultivierung‘). • Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse der Gegenwart setzen auch jugendkulturelle Gemeinschaften vermehrt in Bewegung. Zu beobachten sind dabei verstärkt Tendenzen der „Glokalisierung von Jugendkulturen.“97 Diese manifestieren sich einerseits in einer stilistischen Öffnung gegenüber neuen kulturellen Ästhetiken und ihrer Einlagerung in die originären Codes und Symboliken, ohne dass andererseits die spezifisch lokalen Szene- und Stilcharakteristika aufgegeben werden. So finden sich beispielsweise im Hip- Hop durch die bewusste Vermischung von westlichen mit südamerikanischen Musikelementen neue, translokale Musikgenres, die jedoch auch weiterhin durch den lokalen Kontext mitgeprägt werden. Nicht möglich wären diese Formen der Transnationalisierung jugendkultureller Ausdrucksformen ohne die Nutzung besonderer Medienangebote und Kommunikationsformen. Vor allem das Web 2.0 ist zu einer kommunikativen Plattform par excellence geworden, die durch den Austausch in szenespezifischen Online-Communities sowohl die Globalisierung als auch die Mediatisierung von Jugendkulturen forciert (‚Jugendkulturen als populärkulturelle deterritoriale Gemeinschaftsnetzwerke‘). • Durch Fixierungen, Übersteigerungen und Radikalisierungen kann es auch zu problematischen Entwicklungen innerhalb von bestimmten Jugendkulturen und -gruppen kommen. Zu den Konfliktszenen zählen gegenwärtig Skinheads, Autonome, Hooligans, Satanisten, Faschos, die sogenannte identitäre Bewegung und bestimmte migrantische Gruppierungen, für die aggressive Männlichkeit und Gewalt die dominanten Ausdrucksmittel sind. Hinzu kommen rigide Macht-, Unterwerfungs- und Bestrafungsrituale, die den Ausstieg zu einem hohen persönlichen Risiko machen (‚deviante Jugendszenen‘). Zusammenfassend gilt es Folgendes festzuhalten: Mit der Anerkennung der Jugend als eigenständige Lebensphase setzt zeitgleich die Erkenntnis ein, dass ihre Lebenswirklichkeit durch eigene Formen kultureller Performanz und sozialer Zugehörigkeit geprägt ist. Entsprechend sind seit über 100 Jahren Jugendkulturen und ihre sub- und fankulturellen Varianten fester Bestandteil der gesellschaftlichen Wirklichkeit und wissenschaftlicher Erforschung. Von der Wandervogel- und Scoutbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts über die Beat- und Halbstarken- 97 Vgl. Lorig/Vogelgesang 2011, S. 382. 105 generation in den 1950er Jahren bis zu den digitalen Jugendkulturen in der Gegenwart lässt sich ein stilistisch-schillernder und habituell-facettenreicher Bogen jugendspezifischer Ausdrucks- und Gesellungsformen nachzeichnen. Hier findet der in der Jugendsoziologie besonders herausgestellte und hinlänglich ausgewiesene Trend zur Separierung und Segregation von altershomogenen Gruppen als immer bedeutungsvoller werdende informelle Sozialisationsinstanzen eine Fortsetzung und stilvolle Steigerung. Sie repräsentieren einerseits „Identitätsmärkte“98, wo Jugendliche frei vom Routine- und/oder Anforderungscharakter ihrer sonstigen Rollenverpflichtungen Selbstdarstellungsstrategien erproben und einüben, sich gleichsam im Gruppen-Spiel und Gruppen-Spiegel ihrer personalen wie sozialen Identität vergewissern können. Andererseits sind sie aber auch „Kompetenzmärkte“99, auf denen differenzierte kulturelle Wissensbestände und Fähigkeitsbündel erworben werden. So zeigt sich etwa, dass die Teilnahme in so unterschiedlichen Gemeinschaften wie der Hardcore-, Skatebord- oder LAN-Szene in erheblichem Maße Wissen und Können erfordert und mannigfaltige Kompetenzen voraussetzt, welche sich zum Teil als alltäglich und beruflich anschlussfähig, zum Teil aber auch als sehr spezifisches kulturelles Sonderwissen und -können darstellen. Trotz der qualifikatorischen Entgrenzung und der zunehmenden Verankerung der jugendkulturellen Stilpolitik in der mediatisierten Gegenwartsgesellschaft lassen sich die alltäglichen ‚style wars’ der jugendlichen Anhänger einer bestimmten Fan- und Jugendkultur als symbolisch vermittelte Unabhängigkeitserklärungen verstehen. Dabei zeigen die jugendkulturellen Akteure auch meist sehr demonstrativ, zu welcher Gruppierung sie gehören. Hinzu kommt, dass sie eigene Locations und Events haben, für die eine hohe Erlebnisdichte charakteristisch ist. Hier ist Emotion pur erlebbar, ganz im Unterschied zur verwalteten, geplanten und rationalitätsbestimmten Erwachsenenwelt. Des Weiteren verdeutlichen jugendkulturelle Gesellungsformen, dass die Individualisierung des heutigen Lebens nicht zwangsläufig in eine Vereinzelung mündet und keineswegs als Verfallsprozess sozialer Bindungen begriffen werden muss, sondern sie sind gleichsam der Prototyp neuer Formen posttraditionaler Geschmacks- und Stilgemeinschaften mit je eigenen sozialen, kulturellen, symbolischen und ästhetischen Praktiken. 98 Vgl. Vogelgesang 2014. 99 Vgl. Schnoor/Pfadenhauer 2009. 106 Auch wenn viele Jugendkulturen nach wie vor primär urbane Phänomene sind, ihre Mediatisierung beheimatet sie auch zusehends in ländlichen Regionen wie der Eifel. 4.3 Besuch von Jugendeinrichtungen Zu den Grundeinsichten der Jugendpädagogik zählt die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche für ihre Entwicklung selbst verfügte und aneigenbare Räume benötigen. Sozialökologisch ausgerichtete Untersuchungen konnten in diesem Zusammenhang eine quartiers- und regionsbezogene Treffpunktstruktur nachweisen, deren Kernelemente aus örtlichen Gelegenheitsstrukturen (z.B. Bushäuschen, Ruhebänke in Parkanlagen, Hinterhöfe, öffentliche Plätze), kommerziell ausgerichteten Orten (Schwimmbäder, Discos, Spielsalons, Kneipen etc.) und pädagogischen Einrichtungen (etwa Freizeitheime, Jugendzentren, Häuser der Jugend, Jugendtreffs) bestehen. Vor allem diesen letzten Typus haben wir in unserer Studie etwas näher beleuchtet. 4.3.1 Besuchsfrequenz und Sozialmerkmale der Besucher Um die Besuchshäufigkeit von Jugendeinrichtungen festzustellen, wurden die Jugendlichen in der Eifel zunächst einmal gefragt, wie häufig sie in einen Jugendtreff oder ein Jugendhaus gehen. Als Antwortmöglichkeiten konnten sie wählen zwischen „oft“, „selten“ oder „nie“. Zu Vergleichszwecken werden auch die entsprechenden Häufigkeitsangaben aus dem 2000er Jugendsurvey mitberücksichtigt. Die Antwortverteilung macht deutlich (vgl. Abb. 32), dass gegenwärtig die in den Wohnorten vorhandenen offenen oder pädagogisch betreuten Jugendtreffpunkte lediglich noch für rund ein Fünftel (22%) der in der Eifelregion lebenden Jugendlichen relevante Freizeitorte darstellen, wobei 5% angeben, hier „oft“ und 17% „selten“ hinzugehen. Zudem ist ein deutlicher Rückgang in der Besuchsfrequenz seit dem Jahr 2000 zu beobachten. Vor allem die Zahl der regelmäßigen Besucher hat sich in diesem Zeitraum mehr als halbiert (von 13% auf 5%) – eine Entwicklung, die Jugendeinrichtungen mehr und mehr zu einem Minderheitenphänomen im jugendlichen Treffpunktensemble werden lassen, worauf auch in anderen Studien verwiesen wird. Nach Angaben des 2. Kinderund Jugendberichts Rheinland-Pfalz beispielsweise besuchen nur 8,7% der Schülerinnen und Schüler einen Jugendfreizeittreff bzw. ein Jugendzentrum.100 In der Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2015 liegt die Besu- 100 Vgl. Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugendliche und Frauen 2015, S. 256. 107 cherrate von entsprechenden Einrichtungen mit 4% sogar auf dem letzten Platz im Ranking der Freizeitaktivitäten.101 Und in der niedersächsischen Landesjugendstudie von 2010 ist bisher mit 2,3% die niedrigste Quote von Besuchern von Jugendhäusern gemessen worden.102 Abbildung 32: Besuch von Jugendeinrichtungen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Jugendstudien (2000 und 2011). Die Hauptgründe hierfür werden in einer veränderten Besucher- und Bedürfnisstruktur gesehen. In den Gesprächen mit Jugendpädagogen und Leitern von Jugendeinrichtungen ist darauf immer wieder verwiesen worden: „Beim Kindertreff und Teenietreff ist die Nachfrage nach wie vor hoch. Im Teenietreff ist sie sogar eher etwas steigend. Im offenen Jugendbereich haben wir einen starken Rückgang. Es ist also nicht nur so, dass die Nachfrage am Nachmittag, wo jetzt Schule ist, weggebrochen ist, sondern auch im Abendbereich. Wir haben versucht, Gründe herauszufinden, und da gibt es bestimmt eine ganze Menge von. Das fängt schon damit an, dass Kommunikation ganz stark über die sozialen Netzwerke wie Facebook läuft, so dass man sich mit seinem Gegenüber gar nicht mehr 101 Vgl. Leven/Schneekloth 2015, S. 113. 102 Vgl. Stein 2013, S. 115. 2000 2011 Erhebungsjahr Oft Selten Nie Besuchshäufigkeit 108 treffen muss, um zu kommunizieren. Es ist ja von zu Hause auch wunderbar möglich“ (Leiter einer Jugendeinrichtung). Weitere Ursachen werden vor allem in der fortschreitenden Verschulung der Jugendphase gesehen, deren Auswirkungen sich nicht zuletzt auch im Rückgang der Besucherzahlen von Jugendeinrichtungen niederschlagen: „Ich glaube, dass die Jugendlichen heute sehr viel Freizeit vorbestimmt bekommen. Man kann zwar sagen, dass Schüler nicht so stöhnen sollen, aber ich finde mittlerweile, dass für Schüler ab einem gewissen Alter, vor allem wenn es in die Oberstufe geht, schon sehr viel Zeit verplant ist und sie wesentlich mehr auf Punktejagd und Noten aus sind, als es vor Jahren der Fall war. Das war damals vielen total egal, was da in der Schule gelaufen ist. Mittlerweile kämpfen sie darum, bessere Leistungen zu bekommen. Schule hat einen ganz anderen Stellenwert in der Zeitund Wochenplanung bekommen als es früher mal der Fall war. Und das ist der Grund, warum abends in Jugendeinrichtungen so wenig los ist“ (Jugendpflegerin). Auch wenn diese Feststellungen zutreffend sind, sollten daraus nicht vorschnelle Schlussfolgerungen über den Stellenwert von pädagogischen Einrichtungen im jugendlichen Freizeitraum gezogen werden. Bereits eine etwas differenziertere – auf die Sozialmerkmale der Befragten bezogene – Analyse lässt nämlich durchweg signifikante Unterschiede zu Tage treten, die höchst aufschlussreich sind im Hinblick auf eine detailliertere und profundere Frequenz- und Profilanalyse der Jugendhausbesucher (vgl. Tabelle 9). Aufgrund der geringen Fallzahlen wurden die beiden Antwortmöglichkeiten „oft“ und „selten“ in einer Kategorie („ja“) zusammengefasst. Pädagogische Jugendeinrichtungen sind eine Jungendomäne, so könnte man das Geschlechtergefälle in diesem Punkt zusammenfassen. Denn der Jungenanteil liegt sowohl bei der allgemeinen Besuchsrate als auch bei der Besuchsintensität deutlich über dem der Mädchen. Noch markanter sind die Unterschiede jedoch im Hinblick auf das Alter der Jugendlichen. Es sind vor allem die jüngeren Altersjahrgänge, die am häufigsten Jugendeinrichtungen frequentieren. Immerhin 32% der 14- bis 17-Jährigen verbringen einen Teil ihrer Freizeit hier. Mit der Volljährigkeit und der damit verbundenen Motorisierung sinkt die Attraktivität von Jugendeinrichtungen jedoch zunehmend. Auch das Bildungsniveau hat einen, wenn auch deutlich schwächeren, Einfluss auf den Jugendzentrumsbesuch. Es sind Realschüler, die sich hier etwas häufiger einfinden als Hauptschüler und Gymnasiasten. 109 Tabelle 9: Sozio-demographische Struktur der Besucher von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) Besuch von Jugendeinrichtungen ja nein gesamt 23 77 Geschlecht Jungen 25 75 Mädchen 19 81 Alter 14-17 J. 32 68 18-21 J. 19 81 22-25 J. 9 91 Bildung niedrig 22 78 mittel 26 74 hoch 20 80 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Berücksichtigt man in diesem Zusammenhang allerdings die Befunde aus dem Jugendsurvey 2000, so scheinen Bildungsunterschiede bei den Besuchern von pädagogischen Jugendtreffpunkten doch deutlich an Relevanz verloren zu haben. Damals wurde noch ein erheblicher Unterschied festgestellt: „Zwischen dem Bildungsniveau der Befragten und dem Jugendzentrumsbesuch besteht ein starker Zusammenhang. Jugendliche mit hoher Bildung sind nämlich deutlich unterrepräsentiert, während die anderen Bildungsgruppen das Angebot der Jugendhäuser eher für sich in Anspruch nehmen.“103 Ob damit dem in der Jugendarbeit immer wieder postulierten kompensatorischen Charakter von Jugendeinrichtungen heute noch die Bedeutung zukommt wie in der Vergangenheit, darf angesichts der bildungsmäßigen Angleichung der Besucherstruktur bezweifelt werden. Was der renommierten Jugendpädagoge Werner Thole noch für die Situation der Adressatinnen und Adressaten von Jugendeinrichtungen im Jahr 2000 diagnostiziert hat, kann für die jungen Menschen in der Eifelregion in dieser Form nicht mehr bestätigt werden: „Sicherlich besuchen auch heute noch vornehmlich ‚marginalisierte‘, handlungs- und körperorientierte ‚bildungsferne‘ Kinder und Jugendliche auf ihrer ‚Suche nach Gemeinsamkeit‘ Jugendfreizeiteinrichtungen und Jugendzentren. Viele Besucher von ‚klassischen‘ Jugendzentren und Jugendclubs gehören unwider- 103 Vogelgesang 2001, S. 84. 110 sprochen zu den Verlierern der gegenwärtigen Modernisierungsprozesse.“104 4.3.2 Regionale Unterschiede in der Besuchsfrequenz Da die Nutzung von Jugendeinrichtungen immer auch angebotsabhängig ist, wird im Weiteren eine Aufgliederung der Besucherraten nach den einzelnen Verbandsgemeinden des Eifelkreises vorgenommen. Dabei werden erhebliche Unterschiede sowohl in der Nutzungshäufigkeit als auch der Nutzungsintensität sichtbar. Abbildung 33: Besuchsintensität von Jugendeinrichtungen in den einzelnen Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wie bereits erwähnt, besuchen im gesamten Landkreis im Durchschnitt 22% der hier lebenden Jugendlichen eine Jugendeinrichtung. Deutlich über dieser Quote liegen die Raten in Speicher mit 30% sowie Bitburg- Land und Irrel mit jeweils 26%. In den Verbandsgemeinden Kyllburg (24%), Prüm (20%) und Neuerburg (19%) sowie der Stadt Bitburg (24%) entsprechen die Besucherraten in etwa dem Mittel für den gesamten Kreis. Abgeschlagen auf dem letzten Platz des kreisbezogenen Besucher-Rankings liegt die Verbandsgemeinde Arzfeld, in der nur 11% der 104 Thole 2000, S. 187. Verbandsgemeinden Selten Oft Besuchsintensität 111 Jugendlichen ein Jugendtreff oder ein Jugendhaus aufsuchen. Allerdings ist das Verhältnis zwischen regelmäßigen („oft“) und gelegentlichen („selten“) Nutzern hier fast ausgeglichen, während es etwa in Speicher 1 zu 2,5, in Bitburg 1 zu 5 und in Kyllburg 1 zu 11 ist. Erwähnenswert ist noch, dass es offensichtlich eine jugendliche Kerngruppe gibt, die in pädagogisch unterstützten Einrichtungen ihre Freizeit verbringt, wobei auch hier zum Teil erhebliche regionale Unterschiede zu verzeichnen sind. In den Verbandsgemeinden Bitburg-Land und Speicher stufen sich immerhin noch 10% bzw. 8% der befragten Jugendlichen als Regelbesucher ein, während die entsprechende Rate in den anderen Regionen des Kreises nur zwischen 2% und 5% liegt. Zu Recht verweisen allerdings Jugendpädagogen immer wieder darauf, dass man Frequenzraten nicht zum Maßstab der Beurteilung der Infrastruktur sowie der Leistungen der institutionell offenen Jugendarbeit machen darf: „Es gibt Kinder und Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen auf solche öffentlich zur Verfügung gestellten Räume nicht kontinuierlich angewiesen sind; deswegen kommt ja auch immer nur ein Teil der Jugendlichen in die Jugendhäuser. Manche kommen auch nur wechselnd und sporadisch. Außerdem hat ein Jugendhaus auch eine Ausstrahlung auf das Quartier und damit auch für jene Jugendliche, die es nicht direkt aufsuchen. Dies alles begründet, dass Jugendhäuser für alle da und prinzipiell für alle erreichbar sein müssen, auch wenn sie tatsächlich nur von einigen genutzt werden.“105 Wir haben vor allem in den persönlichen Gesprächen mit den Jugendlichen noch näher in Erfahrung bringen wollen, warum sie keine Jugendtreffpunkte besuchen. Die Antworten waren sehr offenherzig und reichten vom fehlenden Interesse über unzureichendes Wissen, was in Jugendeinrichtungen angeboten wird, bis zu ungünstigen Öffnungszeiten und dem zunehmend jüngeren Publikum, mit dem man keine gemeinsamen Berührungspunkte habe. Auf die Verjüngung der Besucher wurde bereits verwiesen, was aus Sicht der älteren Jugendlichen zur Folge hat, dass die örtlichen Jugendtreffs und ihre Angebote unattraktiv werden – eine Entwicklung, die auch in den Expertengesprächen bestätigt wurde: „Der Altersdurchschnitt der Jugendhausbesucher ist bei uns kontinuierlich gesunken, so dass heute vermehrt Kinder im Grund- und Hauptschulalter zum neuen Stammpublikum in unserer Jugendeinrichtung geworden sind. Für die Älteren sind 105 Böhnisch/Münchmeier 1987, S. 235. 112 dadurch Jugendtreffunkte – und zwar ganz gleich welcher pädagogischen Ausrichtung – nicht mehr aktuell und interessant“ (Jugendpädagoge). Aber es wurde auch auf einen Zusammenhang zwischen dem Besuch von Jugendeinrichtungen und dem Standort aufmerksam gemacht. Dabei ging es zum einen um Fragen der Erreichbarkeit und Verkehrsanbindung, zum andern ganz allgemein darum, ob am Wohnort überhaupt Jugendeinrichtungen vorhanden sind. Dass dies in Rheinland- Pfalz vor allem in ländlichen Gebieten keineswegs mehr flächendeckend der Fall ist, belegen auch die Angaben im 2. Kinder- und Jugendbericht: „40,8% der Jugendlichen geben an, nicht in ein Jugendzentrum zu gehen, weil es keines gibt.“106 Dass auch im Eifelkreis von den Jugendlichen Angebotsdefizite im jugendpädagogischen Bereich moniert werden, zeigt sich an der Antwortverteilung auf die Frage: „Welche Verbesserungsvorschläge hast Du für das Freizeitangebot in Deinem Wohnort?“ Nimmt man als Prozentuierungsbasis nur diejenigen Jugendlichen, die mindestens einen Verbesserungsvorschlag gemacht haben, dann entfallen auf das Fehlen von Jugendtreffs und Jugendräumen mit 19% die meisten Nennungen.107 Auch wenn weitere Wünsche – und zwar von neuen Sportanlagen bis zur Ausweisung von Grillflächen – von ihnen angeführt werden, dann ist doch augenscheinlich, dass der größte Nachholbedarf im Freizeitbereich in der Schaffung lokaler Jugendeinrichtungen gesehen wird. Differenziert nach dem Geschlecht zeigt sich, dass sich dies tendenziell mehr Mädchen (22%) als Jungen (16%) wünschen. Aber sehr viel mehr Erklärungskraft als das Geschlecht hat das Alter der Jugendlichen. Denn der Zusammenhang ist hoch signifikant und bestätigt die bereits festgestellte Entwicklung einer zunehmenden Verjüngung der Besucherstruktur von Jugendtreffpunkten: Es sind nämlich in erster Linie die 14- bis 17-Jährigen (26%), die eine Jugendeinrichtung in ihrem Wohnort vermissen, und weniger die 18- bis 21-Jährigen (16%) und kaum von Relevanz sind entsprechenden Überlegungen noch für die 22- bis 25-Jährigen (8%). Wenn es um den Wunsch der Jugendlichen nach mehr Jugendeinrichtungen geht, kommt neben den Sozialmerkmalen Geschlecht und Alter auch der Wohnregion eine wichtige Rolle zu. Ablesbar ist dies an den unterschiedlich großen Anteilen von Jugendlichen in den einzelnen Ver- 106 Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugendliche und Frauen 2015, S. 256. 107 Siehe hierzu Kap. 4.1.4. 113 bandsgemeinden, die sich für die Schaffung neuer Jugendtreffpunkte aussprechen. Abbildung 34: Wunsch nach mehr Jugendeinrichtungen differenziert nach Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wie bereits ausgeführt, haben sich im gesamten Erhebungsgebiet des Eifelkreises 19% der Befragten für die Schaffung neuer resp. zusätzlicher Jugendeinrichtungen ausgesprochen. Nimmt man diese Quote als Bezugspunkt, dann wird aus Sicht der Jugendlichen in den Verbandsgemeinden Speicher (28%), Bitburg-Land (25%) und Irrel (24%) der größte Nachholbedarf gesehen. In der Stadt Bitburg (14%) sowie in den Verbandsgemeinden Prüm (13%) und Arzfeld (12%) verweisen dagegen die hier wohnenden Jugendlichen deutlich seltener auf das Fehlen von entsprechenden Einrichtungen. Bemerkenswert an diesen Einschätzungen ist, dass der Wunsch nach mehr Jugendtreffs und Jugendräumen in der Verbandsgemeinde am größten ist, in der auch die Besuchsrate am höchsten ist (Speicher mit 30%). Völlig anders stellt sich die Situation in der Gemeinde Arzfeld dar. Hier wurde nicht nur der niedrigste Besucheranteil (12%) gemessen, sondern auch die geringste Wunschquote nach mehr Jugendeinrichtungen festgestellt. Solche starken Unterschiede zwischen Angebots-Nachfrage-Relationen deuten darauf hin, dass die Tradition und Kultur der Jugendpädagogik in den einzelnen Verbandsgemeinden sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. 12 13 14 20 22 24 25 28 Arzfeld Prüm Bitburg Kyllburg Neuerburg Irrel Bitburg-Land Speicher 114 Folgende Schlussfolgerung, die an das Matthäus-Prinzip erinnert, ist naheliegend: Von attraktiven Jugendtreffpunkten fühlen sich die Jugendlichen angesprochen und wünschen sich eine Erweiterung und Extensivierung des Angebots. Aber es gibt auch Gemeinden – und hierfür scheint die Situation in Arzfeld bezeichnend zu sein –, in denen Jugendeinrichtungen als Auslaufmodell wahrgenommen werden, an deren Reaktivierung die Jugendlichen nicht mehr so recht glauben. 4.3.3 Jugendeinrichtungen als ‚Wohlfühlfaktor’ Die festgestellten Unterschiede in der Nutzung und Wahrnehmung von Jugendeinrichtungen sind ein Indiz für die Berücksichtigung von ‚Standortfaktoren’ und ein Hinweis auf die Bedeutung von regional differenzierten Maßnahmen zur Unterstützung jugendpädagogischer Angebote vor Ort. Hier stoßen allerdings die Auswertung und Berichterstattung von Jugendsurveys an ihre Grenzen. Denn trotz einer nach dem Zufallsprinzip generierten Stichprobe, wie sie auch unserer Jugendbefragung zugrunde liegt, werden die Fallzahlen unterhalb der Aggregatebene von Verbandsgemeinden so klein, dass verlässliche Aussagen nicht mehr möglich sind. Dies hat zur Konsequenz, dass die örtlichen Besonderheiten und Varianzen von kleinräumigen Einheiten durch die Datenzusammenfassung verlorengehen resp. nicht mehr empirisch abgebildet werden können. Trotz dieser auswertungstechnischen Beschränkungen lässt sich aber im Blick auf die Wahrnehmung und Wertschätzung von Jugendeinrichtungen ganz allgemein feststellen, dass sie für die jugendlichen Besucher auch eine Art ‚Wohlfühlfaktor‘ darstellten. Dieser Eindruck wurde uns zum einen in den Gesprächen mit den Jugendlichen, die wir in verschiedenen Jugendtreffs geführt haben, immer wieder bestätigt. Zum anderen finden sich auch in den Daten der Surveystudie Hinweise auf positive Auswirkungen. Setzt man nämlich den Jugendeinrichtungsbesuch in Beziehung zur Einschätzung der örtlichen Freizeitangebote, dann wird ein signifikanter Zusammenhang sichtbar, der sich auf die Formel bringen lässt: Wer in Jugendtreffpunkte geht, ist mit dem Freizeitangebot in seinem Wohnort zufriedener als derjenige, der dies nicht tut (vgl. Abb. 35). Zudem ist das Antwortverhalten der Jugendlichen im Blick auf die Rolle von Jugendtreffs in ihrem Freizeitpotpourri in sich recht konsistent. Dies lässt sich auch am Beispiel der ‚Freizeitwunschliste‘ belegen. Denn diejenigen, die das Fehlen von Jugendeinrichtungen bemängeln, sind mit dem bestehenden Freizeitangebot deutlich unzufriedener als diejenigen, die einen entsprechenden Wunsch nicht äußerten. Am faktischen wie 115 am gewünschten Angebot an Jugendeinrichtungen ist mithin ein deutlicher, positiver Ausstrahlungseffekt auf den gesamten Freizeitraum ablesbar. Abbildung 35: Freizeitzufriedenheit in Abhängigkeit vom Besuch von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Aber diese Wirkung ist nicht auf den Freizeitbereich beschränkt, sondern scheint die Grundbefindlichkeit von jungen Menschen insgesamt zu tangieren. Denn das Aufsuchen von Jugendeinrichtungen hinterlässt ganz offensichtlich auch im subjektiven Wohlbefinden Spuren, wie die Ergebnisse einer Zusammenhangsanalyse zwischen ‚Jugendeinrichtungsbesuch‘ und ‚Lebenszufriedenheit‘ verdeutlichen (vgl. Abb. 36). Die Beziehung ist statistisch signifikant und belegt, dass die Rate von Jugendlichen, die mit ihrem Leben hoch zufrieden sind, bei den Besuchern von Jugendtreffpunkten höher ist als bei denjenigen, für die solche Einrichtungen und Angebote in der Freizeit keine Rolle spielen (40% zu 29%). Einschränkend ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es sich hier nicht um einen kausalen Zusammenhang handelt. Denn aus der Lebenszufriedenheits- und Lebensqualitätsforschung108 wissen wir um die 108 Vgl. Zapf 1972. Ja Nein Besuch von Jugendeinrichtungen Zufrieden Eher unzufrieden Sehr unzufrieden Freizeitzufriedenheit 116 Vielzahl und Vielfalt von Bedingungen, die in der subjektiven Selbsteinschätzung zu einem Wirkungsgeflecht verschmelzen. Trotzdem dürfte in einem Index für das Wohlbefinden von Jugendlichen der Besuch von Jugendeinrichtungen einen positiven Niederschlag finden. Sie bilden einen Mikrokosmos für die unterschiedlichsten Aktivitäten, Projekte und Erfahrungen, wobei das Treffen mit netten Leuten für die Jugendlichen mit Abstand der wichtigste Grund ist, wie auch die Ergebnisse des 2. Kinder- und Jugendberichts in Rheinland-Pfalz verdeutlichen.109 Abbildung 36: Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit vom Besuch von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Aber Treffpunkte und Jugendhäuser, und daran gilt es abschließend mit Nachdruck zu erinnern, sind nicht nur soziale Anlaufstellen für Jugendliche, sondern auch deren Integrations- und Ortsbindungsfunktion sollte nicht unterschätzt werden. Denn die jugendliche Selbstgestaltung dieser Räume stellt ein Gegengewicht zur organisierten Freizeit dar, in der Eigeninteressen lebensweltnah verwirklicht werden können. Dass diese nicht mit Bildungs-, Hilfs- und Beratungsangeboten überfrachtet 109 Vgl. Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugendliche und Frauen 2015, S. 261. Ja Nein Besuch von Jugendeinrichtungen Hoch Mittel Niedrig Lebenszufriedenheit 117 werden sollten, zählt heute zum Selbstverständnis einer alltags- und subjektorientierten Jugendarbeit: „Dass Jugendarbeiter immer mehr begreifen, dass für Jugendliche die Räume und Gelegenheiten entscheidend sind und nicht so sehr die pädagogisch arrangierten Interaktionen, die in diesen Räumen stattfinden und dass Jugendliche in der Regel auch mit diesen Räumen umzugehen wissen, zählt wohl zu den aufregendsten Beobachtungen, die gegenwärtig in der Jugendarbeit zu machen sind.”110 4.4 Offener Jugendtreff in A-Dorf – eine Geschichte des Scheiterns? Auch wenn in der Jugendarbeit die Verwaltung und Gestaltung von Jugendräumen durch Kinder und Jugendliche eine lange Tradition hat, so ist trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Aneignung entsprechender Räume in eigener Regie die praktische Umsetzung und Dauerhaftigkeit immer mit Risiken verbunden, nicht zuletzt auch wegen der Frage, wie die ‚Generationennachfolge‘ in diesen Einrichtungen gelöst wird. Unbestritten sind offene Jugendtreffs wichtige Bestandteile der kommunalen Infrastruktur für Kinder und Jugendliche. Aber sie sind keine pädagogischen Freiräume, in denen jeder tun und lassen kann, was er möchte, sondern durch die Jugendarbeit und Jugendpflege unterstützte und begleitete räumliche Angebote, die von Heranwachsenden in Eigen- und Mitverantwortung genutzt werden können. Intendiert ist, „durch die Initiierung offener Jugendarbeit Beziehungen und Kontakte von jungen Menschen untereinander zu fördern und diesen Raum zu geben, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten.“111 Jenseits der Erwachsenenwelt soll den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geboten werden, mit ihren eigenen Lebensentwürfen zu experimentieren und ihre eigenen Vorlieben und Interessen zu artikulieren. Dazu zählen sowohl Formen der Geselligkeit, also zusammenzusitzen und einfach miteinander zu reden, wie auch eigene kulturelle Bedürfnisse zu befriedigen (z.B. Organisation von Rock-Konzerten, Film- Abenden etc.). Gefördert werden soll dadurch letztlich auch ein partizipativ-demokratisches Grundverständnis und eine auf die eigene Lebenswelt ausgerichtete Verantwortung und Bindung: „Die aktive Mitarbeit im Jugendraum bedeutet dabei für viele Jugendliche eine Stütze sozialer Identität und ermöglicht das Böhnisch/Münchmeier 1987, S. 226. 111 Dinges 2005, S. 8. 118 Einüben demokratischen Verhaltens. Sie weckt darüber hinaus häufig das Interesse bei den Jugendlichen, sich auch in anderen Bereichen des Gemeindelebens zu engagieren. Dies fördert letztlich die Identifikation mit der eigenen Gemeinde und beugt durchaus auch der vielfach vorschnell proklamierten Konsumhaltung und mangelndem Interesse Jugendlicher am eigenen Lebensumfeld vor.“112 Dass diese anspruchsvollen pädagogischen Ziele bisweilen deutlich hinter den Nutzungsformen und -motiven von offenen Jugendeinrichtungen zurückbleiben, wurde im Rahmen einer Regionalstudie deutlich, die wir im Jahr 2014 in einer Nachbargemeinde des Eifelkreises durchgeführt haben. Das Untersuchungsdorf – im Folgenden A-Dorf genannt – liegt ebenfalls im Großraum Trier nicht unweit der luxemburgischen Grenze. Es hat zum Erhebungszeitpunkt etwas mehr als 1.000 Einwohner. Davon sind etwa 80 im Alter von 10 bis 20 Jahren, d.h. sie zählen zu jenen Alterskohorten, die potenziell als Besucher von Jugendtreffs in Frage kommen. Allerdings haben wir bereits in der Pilotphase des Projekts erfahren, dass der im Ort vorhandene Jugendraum seit einiger Zeit nicht mehr genutzt wird. Dieser Hinweis hat uns neugierig gemacht und dazu veranlasst, uns etwas genauer mit der Geschichte und dem Werdegang des offenen Jugendtreffs in A-Dorf zu beschäftigen. Den folgenden Ausführungen liegen mehrere qualitative Interviews mit Dorfbewohnern zugrunde, die mittelbar oder unmittelbar in die Jugendarbeit im Ort involviert sind oder dies früher einmal waren. 4.4.1 Geschichte des Jugendraums Der Jugendraum wurde Ende der 1990er Jahre von einer kleinen Gruppe A-Dorfer Jugendlicher gegründet. Da damals der Wunsch nach einem Jugendraum im Dorf sehr stark war, wurde ihnen schließlich ein Raum von 20 bis 22 Quadratmeter zur Verfügung gestellt, den sie in Eigeninitiative renovierten. Der Jugendraum befindet sich noch immer in der alten Schule in A-Dorf. Die Jugendlichen kannten sich untereinander von klein auf und waren eng befreundet. Dies wirkte sich positiv auf ihren Zusammenhalt aus und förderte die Bereitschaft, Verantwortung für den von ihnen neu gestalteten Raum zu übernehmen. Es wurde ein Putzplan eingeführt, der Sauberkeit und Ordnung garantieren sollte. Der aufgestellte Plan wurde in den meisten Fällen eingehalten, so dass es diesbezüglich nur selten zu Schwierigkeiten kam. Das Interesse der Jugendlichen war in der Periode von 1999 bis 2009 so groß, dass der 112 Dinges 2005, S. 6. 119 Raum zeitweise bis zu dreimal abends in der Woche geöffnet hatte.113 Der Jugendraum wurde nicht ausschließlich von A-Dorfer Jugendlichen genutzt, sondern zeitweise auch von Jugendlichen aus umliegenden Orten. Hin und wieder kamen Interessierte und Freunde aus Nachbardörfern und hielten sich dort gemeinsam mit den einheimischen Jugendlichen auf.114 Der Schlüssel zum Raum wurde von einem Elternteil „verwaltet“. Basierend auf Vertrauen, mussten sie diesen abholen und auch wieder zurückbringen.115 Die Jugendliche waren somit nicht vollkommen auf sich gestellt. Sie hatten eine Ansprechperson, an die sie sich wenden konnten, und es galt, gewisse Regeln und Absprachen zu befolgen, die für eine klare Struktur sorgten. Viele Jugendlichen feierten ihre Geburtstage dort, bei denen alle willkommen waren. Es war generell Usus, dass nicht nur die eingeladenen Gäste mitfeiern durften, sondern jeder Teenager aus A-Dorf, der an diesem Tag Interesse hatte, sich im Jugendraum aufzuhalten, war auch Partygast. Festzuhalten ist, dass es sich damals um eine funktionierende Gruppe junger Leute in A-Dorf handelte, die den offenen Jugendtreff eigenständig und gewissenhaft leiteten. Als diese ein Alter von Mitte 20 erreicht hatten, verabschiedeten sie sich allmählich aus der Jugendraum-Clique und kümmerten sich um Nachfolger für den Raum. Sie hatten die Absicht, dass der Jugendraum weiter bestehen bleibt, und dass nun die jüngere Generation in ihre Fußstapfen tritt. Auch die jüngere Gruppe von A-Dorfer Jugendlichen engagierte sich, um den Jugendraum aufrecht zu erhalten. Sie führten den offenen Treff wie bisher weiter, und es entstanden keinerlei größere Schwierigkeiten bei dem „Generationenwechsel.“116 Viele Jahre lang gab es danach keine gravierenden Probleme hinsichtlich des Jugendraums und dessen Nutzung. Seit 2011 jedoch besuchten immer weniger Jugendliche den offenen Treff. Dabei stehen den Jugendlichen mittlerweile drei Räumlichkeiten in der alten Schule in A-Dorf zur Verfügung, die mit einem modernen Equipment ausgestattet sind. Es befinden sich vor Ort beispielsweise ein Kicker, ein Billardtisch, eine Wii-Spielkonsole, eine Musikanlage und darüber hinaus eine Theke.117 Dennoch geriet der Jugendraum allmählich ins Abseits. Als Hauptgrund wurde in den Gesprächen – und zwar gleichermaßen von Jugend- 113 Vgl. Transkriptband 2014, Interview 16, Z. 23, 30. 114 Ebd., Interview 3, Z. 380. 115 Ebd., Interview 16, Z. 31f. 116 Ebd., Interview 20, Z. 101. 117 Ebd., Interview 10, Z. 28f. 120 lichen und Erwachsenen – angegeben, dass es die zweite Generation der für den Jugendtreff in A-Dorf verantwortlichen Jugendlichen versäumt hat, sich rechtzeitig um die Nachfolge zu kümmern. Oder in den Worten einer älteren Dorfbewohnerin, die sich jahrelang um die örtlichen Belange des Jugendraums mit gekümmert hat: „Die Stabübergabe haben die diesmal nicht hinbekommen.“118 Die hier angesprochene Schwierigkeit bei der „Stabübergabe“ verweist auf ein klassisches Problem bei der Verwaltung von Jugendräumen durch den Dorfnachwuchs: Kontinuitätssicherung bei der Nachfolgeregelung. Denn unsere Erfahrungen und Ergebnisse aus vergleichbaren Dorfstudien bestätigen, dass dies nicht ausschließlich in A-Dorf der Fall ist, sondern auch in anderen Gemeinden ein Problemfeld darstellt. Die älteren Jugendlichen, die sich irgendwann zu alt für den Jugendraum fühlen, ziehen sich aus verschiedensten Gründen zurück. Verwiesen wird auf die fehlende Zeit in Folge von Ausbildung oder Arbeitsstelle oder einfach das Interesse an anderen Dingen und Freizeitaktivitäten: „Die Jugendlichen interessieren sich nicht mehr dafür, sie haben andere Interessen; irgendwann ist man halt auch aus dem Alter raus“120, so ein ehemaliger Jugendraumbesucher aus A-Dorf. Wenn die „Älteren“ gehen und keine „Neuen“ nachrücken, die den Jugendraum weiterführen, kommt es oftmals zu einem Einschnitt.121 Der erste Generationenwechsel verlief ohne Probleme, beim zweiten Wechsel kam es zu einem Bruch, d.h. es hat sich unter den A-Dorfer Jugendlichen niemand mehr gefunden, der für den Jugendraum Verantwortung übernehmen wollte. Seit über zwei Jahren steht der Raum mittlerweile leer und deutliche Spuren von Schimmelbildung sind bereits erkennbar. Um dies zu ändern und den Raum „wiederzubeleben“, wurden seit dem Jahr 2012 etliche Versuche gestartet, damit der offene Treff zukünftig wieder von jugendlichen A-Dorfern genutzt wird, die ihre Freizeit dort unter Gleichaltrigen verbringen möchten: „Das Bemühen ist groß,“122 umschreibt eine alteingesessene A-Dorferin die vielfältigen Anstrengungen, die hierzu unternommen wurden. Das gesteckte Ziel wurde aber nicht erreicht, wie die folgenden Ausführungen zeigen. 118 Transkriptband 2014, Interview 20, Z. 71f. 119 Vgl. Vogelgesang 2006, S. 97f. 120 Transkriptband 2014, Interview 3, Z. 306ff. 121 Ebd., Interview 20, Z. 9ff. 122 Ebd., Interview 16, Z. 682ff. 121 4.4.2 ‚Rettungsversuche’ Zahlreiche Reaktivierungsversuche hinsichtlich des Jugendraums blieben in den letzten zwei Jahren ohne Erfolg. So auch der letzte Versuch der ehemaligen Jugendlichen aus A-Dorf, die junge Generation durch eine Silvester-Party zur Teilnahme am Jugendtreff zu motivieren. Zum Jahresende 2014 und im Hinblick auf das 15-jährige Bestehen des Jugendtreffs organisierten die ehemaligen Jugendraumbesucher eine Silvester-Party, um die momentane Situation der Nichtnutzung des Raums zu ändern. Ziel und Zweck der Party sollte sein, das Interesse der Jugendlichen zu wecken, damit diese den Jugendraum zukünftig übernehmen und wie in den Jahren zuvor auch eigenständig führen. Alle ehemaligen Besucher wurden schriftlich eingeladen, ihre potenziellen Nachfolger durch Plakate im Dorf informiert und willkommen gehei- ßen. Darüber hinaus wurden mündliche Einladungen an die Jugendlichen aus A-Dorf ausgesprochen. Letztlich wurden alle Kommunikationskanäle genutzt, um auf die Silvester-Party aufmerksam zu machen. Des Weiteren war eine After-Show-Party für den Neujahrstag angedacht. Diese After-Show-Party sollte die Möglichkeit bieten, neue Bekanntschaften unter den Jugendlichen zu schließen, verbunden mit einer gemeinsamen Aufräumaktion. Die ehemaligen Jugendraumnutzer erhofften sich davon, dass sich die Jugendlichen, die sich teilweise gar nicht kannten, „näher kommen“ und die Chance nutzen würden, Kontakte zu schließen. Damit das Ganze mit einem Anreiz für die Jugendlichen verbunden ist, stand zur Debatte, die restlichen Getränke vom Vorabend an der After-Show-Party kostenlos für alle Teilnehmer zur Verfügung zu stellen. Das Treffen am 1. Januar sollte aber keineswegs als eine reine Aufräumaktion verstanden werden, vielmehr sollte es einen gewissen Eventcharakter haben, von dem man sich eine rege Teilnahme der Jugendlichen erhoffte. Außerdem wurde in Erwägung gezogen, die studentischen Teilnehmer der Forschungsgruppe aufgrund des geringen Altersunterschiedes ebenfalls mit einzubinden. Das Resultat der Silvester-Party war für die Veranstalter, die die Hoffnung hatten, den Jugendraum durch dieses Vorhaben zum Jahreswechsel zu reaktivieren, recht ernüchternd. Zu der Fete erschienen trotz schriftlicher und mündlicher Einladungen nur sehr wenige. Zudem nahm lediglich ein „neuer“ Jugendlicher, der zuvor noch nie im Jugendtreff war, an der Silvester-Party teil. Die wenigen anderen Jugendlichen, die der Einladung zur Party folgten, waren nicht zum ersten Mal da. Es konnten demnach keine neuen Jugendrauminteressierten – und zwar weder unter den im Ort geborenen noch unter den zugezogenen Ju- 122 gendlichen – erreicht werden, die künftig Interesse an der Nutzung des Raums haben könnten. Da wider Erwarten die Silvester-Party erfolglos blieb, ist das Angebot der Jugendbetreuerin der zuständigen Verbandsgemeinde, als Koordinatorin der Jugendlichen zu fungieren, gegenstandslos geworden. Diese hatte sich dazu bereit erklärt, die Jugendlichen zu „coachen“ und sie in den ersten Wochen und Monaten bei der Organisation des Jugendraums zu unterstützen, falls Interesse an einer Reaktivierung bestünde. Dadurch hätte zumindest für die erste Zeit eine Ansprechperson zur Verfügung gestanden, die die Jugendlichen mit Rat und Tat hätte betreuen können. Aufgrund der wiederholten Nachfrage von Jugendlichen und Eltern, ob die Geburtstage der Kinder im Jugendraum gefeiert werden können, machte die Jugendbetreuerin des Weiteren den Vorschlag, einen Nutzungsvertrag zu erstellen. Dieser sollte Regelungen beinhalten, so dass klar ist, wer die Verantwortung im Rahmen der Feier für den Raum trägt. Dadurch könnte der Raum zumindest für diesen Zweck und bei Bedarf genutzt werden, ohne dass es im Anschluss zu Problemen kommen würde. Denn es kam in früheren Jahren bereits vor, dass der Raum unaufgeräumt und schmutzig nach einer Geburtstagsfeier hinterlassen wurde und von Unbeteiligten gereinigt werden musste: „Es ist schon passiert, dass dort ein Geburtstag gefeiert wurde, und wir sind da rein, und ich habe fast geweint. Und der Geburtstagsjunge meinte: ‚Das war ich nicht‘. Dann haben wir mit drei Frauen zwei Tage lang dort unten sauber gemacht“123, so die Erfahrung einer A-Dorfer Bürgerin. Da in der Vergangenheit einige Schwierigkeiten mit dem Feiern von Geburtstagen im Jugendraum einhergingen, sollte ein solcher Nutzungsvertrag die Möglichkeit bieten, diese zukünftig zu verhindern, da mit dem Vertrag auch feste Zuständigkeiten geregelt werden sollten. Darüber hinaus bemühten sich von Anfang bis Mitte des Jahres 2014 bereits zwei A-Dorfer Bürgerinnen, den Jugendraum „wiederzubeleben.“124 Die Jugendlichen wurden durch das Verteilen von Flyern im Dorf informiert und in den offenen Jugendtreff eingeladen. Insbesondere die Altersstufen zwischen 10 und 13 Jahren sollten angesprochen werden. Vier bis fünf Monate lang haben die beiden Frauen versucht, die Besucherintensität zu steigern – ebenfalls vergebens. Obwohl der Jugendtreff einmal die Woche geöffnet hatte und auch ein paar Kinder das 123 Transkriptband 2014, Interview 16, Z. 44ff. 124 Ebd., Interview 10, Z. 25ff. 123 Angebot wahrgenommen haben, hat sich nichts Greifbares im Hinblick auf den Jugendraum und dessen Reaktivierung entwickelt: „Die Teenager haben sich beschnuppert, konnten aber nichts miteinander anfangen; Langeweile war die Folge.“125 Es entstand keine engere Beziehung unter den Jugendlichen. Ferner wurde versucht, die Jugendlichen in A-Dorf über die Vereine anzusprechen und sie zu einer Teilnahme am offenen Treff zu motivieren. Insbesondere in den Vereinen, die viele junge Mitglieder haben, wie beispielsweise im Musik- und Sportverein sowie der Feuerwehr, wollte man an die Jugendlichen appellieren. Doch auch auf diese Weise konnte kein Draht zu ihnen hergestellt werden, um gemeinsam nach einer Lösung für den Jugendraum zu suchen. Auch genauere Erkenntnisse über das Interesse der Heranwachsenden konnten nicht gewonnen werden. Anhand der qualitativen Befragungen wurde jedoch deutlich, dass das Bemühen um die Reaktivierung des Jugendraums seitens der älteren Generationen sehr groß ist. Die angesprochene jüngere Generation von Jugendlichen hat hingegen kein Interesse daran, einen Neustart zu wagen, so dass die bisherigen ‚Rettungsversuche’ des Jugendtreffs ohne Erfolg blieben. 4.4.3 Zukunftsaussichten Die Zukunftsperspektive des Jugendraums in A-Dorf ist düster, so die Quintessenz der Interviews mit den Dorfexperten. Mehrere Gründe werden dafür verantwortlich gemacht. Immer wieder wird darauf verwiesen, dass der Zusammenhalt unter den Jugendlichen nicht mehr so stark ist wie früher. Sie kennen sich teilweise nur flüchtig oder auch gar nicht. Auch das Verhältnis untereinander hat sich gewandelt. Es ist anonymer geworden und nicht mehr eng und vertraut wie noch vor 15 Jahren, als der Jugendraum gegründet wurde.126 Dies wiederum liegt unter anderem daran, dass sich die Wege der Jugendlichen trennen, sobald sie auf weiterführende Schulen gehen. Manche besuchen Schulen in Trier oder in benachbarten Klein- und Mittelzentren. Die Clique, die den Jugendraum gründete, verbrachte nicht nur ihre Freizeit zusammen, sondern auch den Schulalltag, wodurch das Verhältnis enger war. Dies hat sich grundlegend geändert. Die Schulsituation hat darauf erheblichen Einfluss. Ein Mitglied der ‚Rettungscrew‘ des A-Dorfer Jugendraums hat die zeitliche Beanspruchung der Heranwachsenden durch den Besuch weiterführender Schulen und vielfältige freizeitliche Interessen 125 Transkriptband 2014, Interview 10, Z. 31. 126 Ebd., Interview 10, Z. 17ff. 124 und damit einhergehende negative Auswirkungen auf die Nutzung von Jugendeinrichtungen sehr differenziert und pointiert zum Ausdruck gebracht: „Viele Jugendliche sind durch Schule, Vereine und Hobbys zeitlich voll ausgelastet. Vor allem Ganztagsschulen beanspruchen sehr viel Zeit. Dadurch kommen sie erst am späten Nachmittag nach Hause, gehen dann noch ihren Hobbys oder anderen Interessen nach. Dies kann zum Beispiel bedeuten, dass sie in Vereinen aktiv sind, was wiederum ihre freie Zeit nach der Schule reduziert. Die Mitgliedschaft in Vereinen führt dazu, dass sie neben der Schule zeitlich ausgelastet sind. Somit steht den Jugendlichen nur noch wenig freie Zeit zur Verfügung, in der sie sich im Jugendtreff aufhalten könnten. Auf Grund schulischer und privater Verpflichtungen sind nur die Wenigsten dazu bereit, darüber hinaus noch eine zusätzliche Verantwortung zu übernehmen oder Dienste einzuhalten, wie beispielsweise den Putzdienst im Jugendraum.“127 Außerdem sei die Nähe zur Stadt mit den Jahren immer verlockender geworden: „Viele Jugendliche in A-Dorf orientieren sich nach Trier.“128 Heutzutage sind Sie entweder bereits durch den Standort der weiterführenden Schulen in Trier und haben in Folge dessen dort Freunde und Vereine, in denen sie aktiv sind, oder sie nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel und fahren mit dem Bus ins Zentrum der Stadt. Anders als früher sind die Jugendlichen heute mobil. Zumindest ab dem 18. Lebensjahr verfügen viele über eine Fahrerlaubnis und sind in Besitz des PKW-Führerscheins, wenn auch nicht alle zwingend über ein eigenes Auto verfügen. Auch dies war früher nicht der Fall: „Zu meiner Zeit, als ich in dem Alter war, da gab es für mich halt nichts Anderes. Da war Trier nicht so interessant gewesen. Da hat sich alles hier im Dorf abgespielt. Aber heutzutage fahren sie mit dem Bus nach Trier und hier im Dorf ist tote Hose“,129 so die Schilderung eines ehemaligen Jugendtreffbesuchers im Interview. Die Stadt an sich reizt die Jugendlichen insbesondere im Teenageralter mit vielen Angeboten, die das Dorf, beziehungsweise das Leben auf dem Land, nicht bieten kann. Die genannten Faktoren führen dazu, dass sich das Interesse der Jugendlichen an der Nutzung des Jugendraums in A-Dorf in den letzten Jahren drastisch reduziert hat. Wenn überhaupt, besteht gegenwärtig lediglich noch Interesse daran, den Raum für das Feiern von Geburtstagen 127 Transkriptband 2014, Interview 22, Z. 211ff. 128 Ebd., Interview 5, Z. 484ff. 129 Ebd., Interview 3, Z. 318ff. 125 der Jugendlichen zur Verfügung zu stellen. Sollte es dazu kommen, wäre der bereits angesprochene Nutzungsvertrag äußerst ratsam, damit zukünftig keinerlei Probleme mehr im Anschluss an eine Feier entstehen. Ein weiterer ausschlaggebender Faktor, der sich erschwerend auf die Reaktivierung des Jugendtreffs auswirkt, ist die existierende Feuchtigkeit und der damit verbundene Schimmelbefall in den Räumlichkeiten. Das Mauerwerk müsste zunächst professionell saniert werden, bevor der Raum wieder betreten werden darf. Dies wäre mit erheblichem Aufwand und vor allem mit hohen Kosten verbunden. In dem Zustand, in dem sich der Raum momentan befindet, ist ein Aufenthalt nicht zu verantworten, da der Schimmelbefall an den Wänden ein Gesundheitsrisiko darstellt. „Wenn das Interesse natürlich größer wäre,“ so die Vermutung eines A-Dorfer Bürgers, „dann würde auch jeder hier im Dorf dahinter stehen, wenn der Jugendraum generalsaniert würde, damit man ihn wieder bedenkenlos für die Jugendlichen öffnen könnte.“130 Dennoch bleibt die Frage offen: Wie teuer ist die Sanierung der Räumlichkeiten und wer trägt die entstehenden Kosten? Das mangelnde Interesse der A-Dorfer Jugendlichen und damit verbunden die nicht vorhandene Nachfrage nach einem offenen Treff sowie der gesundheitsgefährdende Schimmelbefall an den Wänden bilden die Hauptargumente, die Schließung oder Umnutzung der Räumlichkeiten zu empfehlen. Die Chancen, den Jugendraum in näherer Zukunft zu reaktivieren, sind sehr gering. Daraus resultierend wäre es ratsam, eine effiziente Umnutzung stärker in Erwägung zu ziehen. Allerdings müsste zunächst einmal das Problem mit der Feuchtigkeit behoben werden. Zu berücksichtigen gilt dabei das Entstehen hoher Kosten im Rahmen der Sanierung. Angesichts der dargestellten Probleme, die in den Experteninterviews zum Thema Jugendraum sehr deutlich angesprochen wurden, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr schwierig sein dürfte, bei den Jugendlichen wieder Interesse für den Jugendraum zu wecken. Um den weiteren Verfall der Räumlichkeiten zu stoppen, hat die Gemeinde zwischenzeitlich die Sanierung vorangetrieben und die Nutzung einer örtlichen Freizeitgruppierung von Musikern übertragen. Was in A-Dorf sichtbar wurde, bestätigt den allgemeinen Trend, auf den wir auch im Eifelkreis gestoßen sind: In der heutigen Zeit existieren immer weniger Jugendräume, beziehungsweise gehen immer mehr Prob- 130 Transkriptband 2014, Interview 3, Z. 340f. 126 leme mit der Aufrechterhaltung von Jugendräumen einher. Die Einschätzung eines Bürgers aus A-Dorf hat diesbezüglich schon eher resignierenden Charakter: „Das mit den Jugendräumen, das hat sich, glaube ich, überlebt.“131 Bei der Ursachensuche für den Besucherrückgang von Jugendtreffpunkten spielen zum einen demographische Veränderungen eine Rolle: Es gibt heute deutlich mehr ältere als jüngere Menschen. Dies hat zur Folge, dass die Anzahl von potenziellen Jugendtreffbesuchern erheblich gesunken ist – eine Tendenz, die sich fortsetzen wird. Aber neben der quantitativen Dimension kommt zum anderen auch qualitativen Veränderungen in der jugendlichen Lebensgestaltung eine wichtige Erklärungsfunktion zu, um den zunehmenden Bedeutungsverlust von Jugendeinrichtungen zu verstehen. Denn im Vergleich zu den 1980er und 1990er Jahren haben sich in der Gegenwart Alltagsgestaltung und Lebensplanung von jungen Menschen – auch in ländlichen Regionen – grundlegend gewandelt. Die Zunahme von schulischen und privaten Verpflichtungen wird stetig größer und dadurch kommt es zwangsläufig zu einer Reduzierung der zur Verfügung stehenden freien Zeit, was immer mehr Jugendliche auch – oder gerade – vom Besuch eines Jugendtreffs abhält.132 Kritisch zu fragen ist deshalb, wie viel Zuspruch Jugendräume in ländlichen Regionen künftig noch haben werden. Soviel steht aber bereits heute fest: Ihre Hochzeit scheint vorbei zu sein. 131 Transkriptband 2014, Interview 30, Z. 284. 132 Ebd., Interview 3, Z. 371.

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References

Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.