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5 Politik und Partizipation in:

Waldemar Vogelgesang, Luisa Kersch

Eifeljugend heute, page 127 - 154

Leben in der urbanisierten Provinz

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3885-7, ISBN online: 978-3-8288-6646-1, https://doi.org/10.5771/9783828866461-127

Tectum, Baden-Baden
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127 5 Politik und Partizipation Medienwirksame Schlagworte wie Politikmüdigkeit und Politikverdrossenheit Jugendlicher lösen in der öffentlichen Diskussion immer wieder Irritationen aus. Denn sie legen den Schluss nahe, Politik sei für Jugendliche kein Thema mehr, ja mehr noch, sie würden dem demokratischen System jegliche Loyalität und Unterstützung verweigern. Die Frage ist: Handelt es sich bei diesen Einschätzungen um zutreffende Beschreibungen des jugendlichen Politikverhaltens oder um Pauschalisierungen und Vereinfachungen, die vielleicht mehr über die Urheber dieser Äußerungen aussagen, als über ihre jugendlichen Adressaten? Vorurteilslosigkeit und Differenzierungsfähigkeit sind gefordert. Wer sie aufbringt, wird eine – für manche vielleicht überraschende – Beobachtung machen: Jugendliche sind heutzutage weder politikmüde noch politikverdrossen, sondern ihr Politikverständnis ist differenziert und fügt sich keiner einfachen Denkschablone. Weder das soziale Umfeld noch die ökologische Umwelt ist ihnen gleichgültig. Dieses Schlüsselergebnis unserer Untersuchungen deckt sich auch mit den Befunden der 17. Shell Jugendstudie: „Das politische Interesse ist bei den Jugendlichen in Deutschland inzwischen wieder deutlich gestiegen.“133 Neben dem politischen Interesse der jungen Menschen sollen auch die unterschiedlichen Partizipationsformen ausführlich betrachtet werden, die im Rahmen der Analyse von Jugend und Politik bedeutend sind. Gemeint ist hiermit in erster Linie die Art und Weise, durch die Jugendliche in das demokratische und soziale Gemeinwesen involviert sind. Unterschiedliche politische und soziale Beteiligungsformen gilt es in diesem Zusammenhang zu beleuchten. Dabei wird sichtbar werden, dass Jugendliche dazwischen keine klare Grenze ziehen, sondern in ihrem auf die gesamte Lebenswelt bezogenen Politikverständnis sind beide Partizipationssphären miteinander verflochten. Dass dieses erweiterte Politikverständnis auch jugendkulturell beeinflusst oder durch die Mitgliedschaft in bestimmten Szenen sogar geprägt werden kann, soll durch einen kleinen Exkurs am Beispiel der Hardcore-Szene verdeutlicht werden. 133 Schneekloth 2015, S. 158. 128 5.1 Politisches Interesse: Ausprägung und Trendwende Fragen nach dem politischen Interesse der Jugend sind angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen und des Fortbestands eines demokratischen Systems von außerordentlicher Bedeutung.134 Sie ermöglichen eine Abbildung der Themengebiete, denen junge Menschen ihr persönliches Interesse widmen und nehmen so eine richtungsweisende Funktion für zukünftige demokratische Prozesse ein.135 Um einen ersten Überblick über das Politikinteresse der jungen Eifelbewohner zu gewinnen, stellten wir ihnen zu Beginn die Frage: „Interessierst Du Dich ganz allgemein für Politik?“ Die Beantwortung erfolgte anhand der vier Kategorien „stark interessiert“, „interessiert“, „weniger interessiert“ und „gar nicht interessiert“. Wie das politische Interesse unter den Jugendlichen verteilt ist und welchen Einfluss dabei den Sozialmerkmalen zukommt, ist nachstehender Tabelle zu entnehmen. Tabelle 10: Interesse an Politik nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Allgemeines Interesse an Politik stark interessiert interessiert wenig interessiert gar nicht interessiert gesamt 8 41 40 11 Geschlecht Jungen 13 44 35 8 Mädchen 3 37 46 14 Alter 14-17 J. 6 36 43 15 18-21 J. 9 47 36 8 22-25 J. 11 40 40 9 Bildung niedrig 7 29 50 14 mittel 5 36 46 13 hoch 10 47 35 8 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Die Analyse der Daten zeigt recht anschaulich, dass auch in unserer Studie keine Anhaltspunkte für ein fehlendes politisches Interesse der jungen Menschen in der Eifel vorhanden sind: Fast die Hälfte aller Befragten (49%) gibt an, „interessiert“ oder sogar „stark interessiert“ am politischen Geschehen zu sein. Der Kategorie „wenig interessiert“ haben sich 40% zuordnet und nur eine Minderheit von 11% sagen, dass sie „gar nicht interessiert“ an politischen Themenstellungen sind. Dass sich ganz offensichtlich eine Trendwende in der Politikorientierung junger Menschen vollzogen hat, zeigt sich auch im Vergleich zu den Befunden der 134 Vgl. Almond/Verba 1963. 135 Vgl. Tenscher/Scherer 2012. 129 Jugendbefragung aus dem Jahr 2000. Damals haben nur 27% der Jugendlichen bekundet, sich für Politik zu interessieren.136 Allerdings ist das politische Interesse nicht bei allen Jugendlichen gleich verteilt, wie die Aufschlüsselung nach sozial-demografischen Merkmalen in Tabelle 10 verdeutlicht. Während das Alter einen eher geringen Einflussfaktor auf das politische Interesse junger Menschen darstellt – mit der Volljährigkeit ist nur ein vergleichsweise leichter Anstieg zu verzeichnen –, schlagen Geschlecht und Bildungsniveau stärker zu Buche. Zum einen korreliert die Höhe des Bildungsstands positiv mit der Anteilnahme an politischen Fragestellungen: Nach wie vor sind es primär Jugendliche aus den höheren Bildungsschichten, die sich als politisch interessiert bezeichnen. Zum anderen ergeben sich auch zwischen Jungen und Mädchen prägnante Differenzen, denn das politische Interesse ist bei den männlichen Befragten deutlich ausgeprägter als bei ihren weiblichen Altersgenossen. Ähnliche Befunde sowie einen Erklärungsansatz für dieses Phänomen bietet die 17. Shell Jugendstudie: „Männliche Jugendliche zeigen sich häufiger politisch interessiert als weibliche Jugendliche. [...] Eine gängige Hypothese hierzu lautet, dass Frauen Machtstrukturen, die weniger durch Gemeinsamkeit und soziale Anerkennung, sondern primär durch persönliche Härte und die Fähigkeit, sich im Konkurrenzkampf gegen andere durchzusetzen, gekennzeichnet sind, eher ablehnend gegenüberstehen.“137 Neben den Sozialmerkmalen Geschlecht, Alter und Bildung sind wir bei der Analyse der Daten auf weitere Größen gestoßen, die Einfluss auf das politische Interesse der Jugendlichen in der Eifel nehmen. So besteht eine enge Beziehung zwischen der Mitarbeit in Verbänden, Vereinen oder Einrichtungen der Jugendarbeit und der Aufgeschlossenheit für politische Fragen, zudem haben Jugendliche mit einer starken Glaubensbindung ein größeres Interesse an Politik. Ein weiterer Indikator, der auf das politische Interesse Einfluss nimmt, sind die unterschiedlichen Kontrollüberzeugungen der Jugendlichen. Gemeint sind damit Vorstellungen, die angeben, wie stark der Einzelne innen- oder außengeleitet ist, also bei der Erklärung von bestimmten Ereignissen oder der Planung von bestimmten Aktivitäten eher selbst- oder eher fremdbestimmt handelt. Die Korrelationsanalyse weist eine hoch signifikante Beziehung aus, die sich folgendermaßen zusammenfassen lässt (vgl. Abb. 37): Während Vgl. Vogelgesang 2001, S. 221. Schneekloth 2015, S. 161. 130 60% der Jugendlichen mit internen Kontrollvorstellungen Interesse an politischen Themen zeigen, sind es bei den Jugendlichen mit externen Kontrollvorstellungen nur 38%. Exakt umgekehrt ist das Verhältnis in den Kategorien „weniger interessiert“ (35% zu 46%) und „gar nicht interessiert“ (5% zu 16%). Es scheint, als ob auch bei den Jugendlichen diejenigen, die ‚mitten im Leben’ stehen und glauben, dass das Erreichen ihrer Ziele erst einmal von ihnen selbst abhängt, das politische Umfeld sorgfältig sondieren. Politisches Interesse, Informationsbeschaffung, Meinungsbildung und -äußerung gehen bei ihnen Hand in Hand. Diejenigen jedoch, die glauben, dass das Schicksal oder ‚die da oben’ ohnehin über ihren Kopf und gegen ihren Willen entscheiden, weisen mehrheitlich stark apolitische Züge auf. Abbildung 37: Interesse an Politik in Abhängigkeit von „Kontrollüberzeugungen“ (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Das Politikinteresse der Jugendlichen ist keine Konstante, so ein erstes Fazit, sondern von mehreren Bedingungsfaktoren abhängig. Von einem generellen Desinteresse an politischen Themen und Ereignissen zu sprechen, ist aber unangemessen. Im Gegenteil, junge Menschen scheinen wieder stärker am politischen Geschehen interessiert zu sein. Die Längsschnittbeobachtungen der Shell Jugendstudien liefen ebenfalls Anhaltspunkte für eine Repolitisierung der Jugend: Intern Teils-Teils Extern Kontrollüberzeugungen interessiert weniger interessiert gar nicht interessert Grad des Interesses 131 „Die Trendwende hatte sich bereits in den Shell Jugendstudien der Jahre 2006 und 2010 abgezeichnet. Inzwischen interessieren sich junge Menschen für Politik wieder auf dem Niveau von Mitte der 1990er Jahre. Insgesamt hatten die Jugendlichen vor allem ab den 1990er Jahren an politischem Interesse verloren. In den 1980er Jahren, zu deren Beginn die öffentliche Debatte stark von der Antiatomkraft- und der Friedensbewegung geprägt war, bis kurz nach der Wende mit der Maueröffnung von 1989 und der sich daran anschließenden deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 hatten die damaligen Shell Jugendstudien ein politisches Interesse zwischen 55% für 1984 und 57% für 1991 gemessen. Dieses Niveau ist aktuell noch nicht wieder erreicht. Der Absturz in den 1990er Jahren bis zum Tiefpunkt im Jahr 2002 mit nur noch einem Drittel der Jugendlichen, die Interesse an Politik bekundeten, scheint inzwischen aber überwunden zu sein.“138 5.2 Politikbezogene Themenfelder Während die Frage nach dem politischen Interesse lediglich als ein recht allgemeiner Indikator für den Politikhabitus der Jugendlichen angesehen werden kann, ist die Analyse ihrer politikbezogenen Themenfelder sehr viel aussagekräftiger. Um das Interesse der jungen Menschen an konkreten politischen Themengebieten eruieren zu können, stellten wir ihnen daher die Frage: „An welchen politischen Themen hast Du Interesse?“ In der nachstehenden Tabelle sind die Themenfelder entsprechend der Häufigkeit der Nennungen in eine Rangreihe gebracht und nach den Sozialmerkmalen der befragten Jugendlichen nochmals unterschieden (vgl. Tabelle 11). Das dabei sichtbar werdende inhaltliche Spektrum und die hohe Zustimmungsrate sind einmal mehr Indikatoren dafür, dass von einem wachsenden Desinteresse der Jugend an politischen Fragen nicht gesprochen werden kann. Im Gegenteil, die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen ist politisch aufgeschlossen und glaubt daran, dass „die kleinen und die großen Fragen”, wie dies ein Befragter (Florian, 19 Jahre) formuliert hat, „immer noch am besten in einer Demokratie gelöst werden können.“ Bildungsfragen (58%), das aktuelle Tagesgeschehen (55%), Arbeit und Arbeitslosigkeit (55%), Umwelt- und Tierschutz (55%) sowie Atomenergie (53%) sind diejenigen Themengebiete, an denen die jungen Eifelbewohner das größte Interesse zeigen; ähnliche Befunde ergaben sich auch bereits in der vorangegangenen Untersuchung im Jahr 2000. Auch hier wird deutlich, dass persönlicher Bildungserfolg und der Wunsch nach einem angemessenen Arbeitsplatz zu den Hauptanliegen der jugendlichen Befragten zählen. Schneekloth 2015, S. 158. 132 Erwerbstätigkeit steht für sie dabei, wie bereits deutlich wurde, für einen sicheren Arbeitsplatz und eine sinnvolle Beschäftigung, nicht notwendigerweise aber für eine Karriere mit sozialem Aufstieg. Tabelle 11: Interesse an politischen Themen nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Neben der Konzentration auf arbeitsweltbezogene Themen interessieren sich junge Eifeler auch stark für das tagesaktuelle Geschehen. Zugleich lässt sich ein erhöhtes Bewusstsein für umweltpolitische Themen identifizieren: Über die Hälfte der Befragten bekundet persönliches In- Interesse an politischen Themen Bildung Arbeit/ Arbeitslosigkeit Aktuelles Tagesgeschehen Umweltund Tierschutz Atomenergie Friedenspolitik Wirtschaftsund Finanzpolitik Gesundheitspolitik gesamt 58 55 55 55 53 44 41 39 Geschlecht Jungen 54 56 59 48 56 44 51 30 Mädchen 63 54 52 64 51 43 30 49 Alter 14-17 J. 54 47 51 64 59 44 31 35 18-21 J. 63 61 54 51 53 46 48 43 22-25 J. 57 60 66 47 45 39 47 40 Bildung niedrig 42 65 45 46 45 35 27 41 mittel 50 56 49 59 51 40 37 42 hoch 60 52 61 55 56 48 45 36 Interesse an politischen Themen Gleichberechtigung von Mann und Frau Familienpolitik Dritte Welt / Entwicklungsländer Migration/ Ausländer Innere Sicherheit Barrierefreiheit/ Integration Behinderter Parteipolitik Sonstiges gesamt 38 36 36 31 24 23 15 3 Geschlecht Jungen 21 28 25 32 30 17 23 3 Mädchen 57 45 47 29 18 29 9 2 Alter 14-17 J. 38 36 32 32 22 19 15 1 18-21 J. 44 36 44 35 27 30 19 6 22-25 J. 28 37 30 22 22 17 13 0 Bildung niedrig 43 36 18 18 22 22 6 3 mittel 40 36 31 27 23 25 19 1 hoch 35 34 41 35 26 21 18 2 133 teresse für ökologische Problematiken. Allerdings nimmt dieses jedoch mit steigendem Alter deutlich ab. Betrachtet man nun in einem weiteren Schritt die politischen Themenfelder, an denen junge Menschen ein vergleichsweise geringes Interesse zeigen – etwa Parteipolitik (15%), Barrierefreiheit/Integration behinderter Menschen (23%) sowie innere Sicherheit (24%) –, lässt dies auf ein deutliches Präferenzmuster hinsichtlich des allgemeinen politischen Interesses schließen. Diejenigen Themenfelder, die sich substanziell und konkret auf die unmittelbare Lebenswelt der Jugendlichen auswirken, wie die bereits ausgeführten Aspekte Arbeit, Bildung und Umweltschutz, haben eine höhere Relevanz für ihre persönliche Lebensgestaltung und zählen in der Folge eher zu ihren Interessensgebieten. Themenstellungen wie Parteipolitik oder Barrierefreiheit hingegen, die für das tägliche Leben der meisten jungen Menschen keine unmittelbare Bedeutung haben oder ihnen zu abstrakt erscheinen, erhalten dementsprechend niedrigere politische Aufmerksamkeitsraten. Auch die Auswertung hinsichtlich sozio-demographischer Merkmale ergibt weitere Besonderheiten, die noch genauer ausgeführt werden sollen. Auf den ersten Blick zu konstatieren ist zunächst einmal eine positive Korrelation zwischen dem Bildungsstand der Befragten und der Ausprägung des persönlichen Interesses an politischen Themenstellungen. In anderen Worten: In der Mehrzahl der Fälle zeigen diejenigen Jugendlichen mit einem höheren Bildungsniveau auch ein gesteigertes, umfangreicheres Interesse an Politik. Allerdings ist an dieser Stelle auch auf eine zu diesen Befunden genau gegenläufige Entwicklung hinzuweisen. Die Themenfelder Arbeit und Arbeitslosigkeit bilden Ausnahmen, denn sie erhalten mit steigendem Bildungsniveau der Befragten sinkende Zustimmungswerte. Die Vermutung liegt nahe, dass Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsniveau ihre schlechteren Arbeitsmarktchancen durchaus realistisch einschätzen und vor diesem Hintergrund sich politische Rahmenbedingungen wünschen, die ihre berufliche Zukunft sichern helfen. Besser gebildete Jugendlichen vertrauen dagegen stärker auf ihr persönliches Wissen und Können, um in der Arbeitswelt zu bestehen, und erachten deshalb staatlich flankierende Maßnahmen als nicht so wichtig. In Bezug auf geschlechtsspezifische Besonderheiten lässt sich das Politikinteresse der jungen Eifelbewohner ebenfalls differenzieren, denn die Auswertung der Zustimmungswerte ergibt teilweise deutliche Unterschiede hinsichtlich des Antwortverhaltens der weiblichen und männlichen Befragten. Während Themengebiete wie Arbeit und Beschäftigung, Friedenspolitik und das aktuelle Tagesgeschehen bei beiden Ge- 134 schlechtern gleichermaßen Anklang finden, weicht das politische Interesse in anderen Fällen merklich voneinander ab. So gilt die Aufmerksamkeit der jungen Männer in besonderem Maße der Partei-, Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie der inneren Sicherheit – Themenfelder, für die sich hingegen nur ein deutlich geringerer Prozentsatz der befragten Mädchen interessiert. Deren Interesse liegt hingegen verstärkt in den Bereichen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, Gesundheit, Familie und Entwicklungsländer. Auch wenn es vielleicht zu voreilig scheint, in diesem Zusammenhang von ‚typisch weiblichen’ oder ‚typisch männlichen’ politischen Themengebieten zu sprechen: Die Unterschiede sind deutlich und lassen Rückschlüsse auf geschlechtsspezifische Interessenschwerpunkte zu. Denn vor allem männliche Jugendliche zeigen sich interessiert an ‚klassischen’ parteipolitischen Fragestellungen sowie den Sektoren Zivilschutz, Sicherheit und Wirtschaft, wohingegen das Interesse der weiblichen Jugendlichen wesentlich häufiger auf soziale, helfende Themengebiete ausgerichtet ist. Dieser Zusammenhang, der auch bei Erwachsenen nachgewiesen werden kann, verweist auf die Wirkmächtigkeit klassischer Geschlechtsrollenmuster.139 Auch hinsichtlich der Altersstruktur der befragten Jugendlichen zeichnen sich Unterschiede im Antwortverhalten ab. Das politische Interesse der jungen Menschen in der Eifel scheint seine höchste Ausprägung im Alter zwischen 18 und 21 Jahren zu haben, in den anderen Altersklassen sind jeweils etwas geringere Werte zu verzeichnen. Weiterhin wird deutlich, dass auch die Gruppe der jüngsten Befragten ein reges Interesse an spezifischen politischen Bereichen aufweist. Insbesondere in Bezug auf umweltpolitische Thematiken (Atomenergie, Umwelt, Tierschutz) zeigen sich hier die höchsten Zustimmungswerte. Dass hingegen das Interesse an wirtschafts- und finanzpolitischen sowie arbeitsbezogenen Aspekten erst mit der Volljährigkeit deutlich ansteigt, ist angesichts der persönlichen Biographien der Jugendlichen kaum verwunderlich. Aufgrund der bereits geschilderten Ausdehnung der Schulzeit ist ein großer Teil der Minderjährigen noch nicht auf unmittelbare Weise von arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen betroffen. Neben der Frage nach allgemeinen politischen Themenstellungen gibt die Betrachtung lokalpolitischer Aspekte einen vertiefenden Einblick in ein politisches Interessensfeld junger Menschen, das ihre unmittelbare räumliche Umgebung in direkter Weise betrifft. Auch hier sind die genannten Themen nach der Häufigkeit zustimmender Nennungen geordnet und sozialstatistisch differenziert dargestellt. Vgl. Bieber 2011, S. 259f. 135 Tabelle 12: Interesse an lokalpolitischen Themen nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Deutlich wird, dass besonders die Stadt- und Ortsentwicklung (60%) für einen großen Anteil der Jugendlichen von zentraler Wichtigkeit sind. Mit einigem Abstand folgen Treffpunkte für Jugendliche (52%), Sportund Bolzplätze (49%), der öffentliche Nahverkehr (41%) und Jugendzentren (40%). Bauvorhaben an Schulen (33%) und Fahrradwege (31%) werden im Spektrum lokalpolitischer Themen eher weniger genannt. Die Befunde betonen einmal mehr die bereits zuvor konstatierte Spezifität jugendlichen Politikinteresses: Insbesondere Fragen, die die eigene Gemeinde unmittelbar betreffen und sich in der Folge spürbar auf die individuelle Lebensqualität auswirken, kommt eine wesentliche Bedeutung zu. Die Mitbestimmung über soziale und freizeitliche Aktionsräume gewichten die jungen Eifelbewohner ähnlich stark wie das Thema Mobilität, das im Hinblick auf die Teilhabe an städtischen Kontexten eine besondere Brisanz erhält. Allerdings ergeben sich auch hier deutliche Differenzen hinsichtlich Alter, Geschlecht und Bildungsstand. Es sind in erster Linie die höher gebildeten Jugendlichen, die sich in stärkerem Maße für infrastrukturelle und allgemeine Fragen der Ortsentwicklung begeistern können. Dass sie dabei vor allem der öffentliche Nahverkehr und schulbezogene Bauvorhaben interessieren, scheint gerade vor dem Hintergrund ihres durch den Schulbesuch in der Stadt erweiterten Handlungsspielraums wenig verwunderlich. Sie richten ihren Fokus nicht nur auf dörfliche Beteiligungskontexte, sondern sind auch häufiger an überregionalen Themenstellungen interessiert. Junge Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau hingegen bekunden ein etwas stärkeres Interesse in Bezug Interesse an lokal-politischen Themen Stadt- /Ortsentwicklung Treffpunkte für Jugendliche Sportplatz / Bolzplatz Öffentlicher Nahverkehr Jugendzentren Bauvorhaben an Schulen Fahrradwege Sonstiges gesamt 60 52 49 41 40 33 31 3 Geschlecht Jungen 62 50 58 36 33 31 33 4 Mädchen 58 54 39 46 48 35 29 1 Alter 14-17 J. 48 66 59 33 51 39 35 4 18-21 J. 66 47 45 47 38 32 28 2 22-25 J. 72 32 36 48 23 22 29 2 Bildung niedrig 48 54 44 26 41 22 30 4 mittel 63 55 55 38 43 25 35 4 hoch 60 49 47 46 48 38 30 2 136 auf soziale Begegnungs- und Treffpunkte im Dorf selbst. Sie sind insgesamt in ihrem Wohnort auch fester verwurzelt, wie die Analyse ihrer ausgeprägten Bleibeorientierung noch zeigen wird. Während Genderdifferenzen bei der Frage nach allgemeinen politischen Interessensgebieten deutlich zutage getreten sind, können bei der lokalpolitischen Agenda nur leichte Nuancierungen festgestellt werden. So lassen sich bei den Mädchen Präferenzen für die Themengebiete Jugendzentren und Treffpunkte sowie öffentlicher Nahverkehr identifizieren, während sich Jungen stärker für sportbezogene lokalpolitische Felder interessieren. Auch die Differenzierung nach Altersklassen demonstriert: Jugendliche wählen die für sie bedeutsamen Schwerpunktthemen in starker Abhängigkeit von den Bedürfnissen ihres Lebensalters und ihren individuellen Zukunftsplänen. Dementsprechend interessieren sich jüngere Generationen häufiger für lokale Sport- und Freizeitangebote sowie Jugendzentren, während auf der Agenda der Älteren vor allem infrastrukturelle Aspekte und Fragen der Ortsentwicklung weit oben stehen. 5.3 Formen der Partizipation Nachdem der Fokus zunächst in Richtung des allgemeinen und regionalen Politikinteresses der Landjugendlichen gelegt wurde, sollen in einem nächsten Schritt diejenigen Partizipationsformen betrachtet werden, mit denen die jungen Menschen ihren Anliegen Ausdruck verleihen und in deren Rahmen sie aktiv mitwirken können. Dabei wird nicht nur die politische Beteiligung im engeren Sinne berücksichtigt, sondern auch ehrenamtliche Engagementformen, denen sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit widmen. Zunächst einmal wollten wir von ihnen wissen, in welcher Form sie sich politisch engagieren. Dabei wird unterschieden zwischen zwei Dimensionen politischer Beteiligung: Verfasste beziehungsweise institutionalisierte Partizipation (etwa die Beteiligung an Wahlen, die Übernahme eines politischen Amtes und die Mitarbeit in Parteien) und nicht verfasste legale Partizipation. Dazu zählen politische Aktivitäten mit offenen Zugangs- und Rahmenbedingungen, z.B. Leserbriefe an eine Zeitung schreiben oder die Beteiligung an Unterschriftensammlungen. Von diesen zu unterscheiden sind illegale politische Partizipationsformen. Hierbei handelt es sich bspw. um die Teilnahme an einem wilden Streik oder die Besetzung von Häusern und im Extremfall um politisch motivierte Gewalthandlungen gegen Sachen oder Personen. Um die Akzeptanz der einzelnen politischen Teilnahme- und Aktionsformen in Erfahrung zu bringen, stellten wir den Jugendlichen die 137 Frage: „Man kann sich auf verschiedene Weise politisch engagieren. Was kommt für Dich in Frage und was nicht?“ In der Abbildung 38 sind die zustimmenden Nennungen („ja“) – nach Häufigkeiten geordnet – aufgelistet. Die Antworten der Jugendlichen zeigen, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit keineswegs um Demokratieflüchtlinge oder gar -feinde handelt, wie manchmal in der öffentlichen Debatte zu hören ist, sondern sie versuchen einen ‚eigenen politischen Weg’ zu finden und zu gehen. Abbildung 38: Politische Engagementformen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zunächst ist festzuhalten, dass der eigene Weg kein Sonderweg jenseits der demokratischen Ordnung ist. Denn die häufigsten Nennungen (84%) fallen nach wie vor auf die Kategorie ‚zur Wahl gehen’, d.h. sich auf die klassische Weise an der Mehrheitsbildung in einer repräsentativen Demokratie zu beteiligen.140 Was junge Menschen in der Eifel aber 140 Auch im 2000 Jugendsurvey wurde diese politische Beteiligungsform mit 89% am häufigsten genannt; vgl. Vogelgesang 2001, S. 239. 1 6 6 6 9 9 9 10 14 14 17 19 23 26 39 42 84 Sonstiges Bloggen/politische Wikis Zu politischen Themen twittern Bei gewaltsamen Aktionen mitmachen Online-Petitionen unterzeichnen Brief/E-Mail an Abgeordnete schreiben Sich im Jugendparlament beteiligen In einer Partei mitarbeiten Engagement in örtlichen Gruppen Leserbriefe an eine Zeitung schreiben Online-Kommentare verfassen Besuch von politischen Veranstaltungen An Demonstrationen teilnehmen An Streiks teilnehmen An Unterschriftenaktionen teilnehmen Bestimmte Waren nicht mehr kaufen Zur Wahl gehen 138 besonders schätzen, ist eine Ausweitung direkter Partizipationsformen, um ihren politischen Auffassungen Gehör und Geltung zu verschaffen. Ihr stärker aktionsorientiertes politisches Handeln zielt dabei auf Themen und Probleme, die sie unmittelbar betreffen, und denen sie auch, wie bereits erwähnt, im politischen Diskurs besondere Aufmerksamkeit schenken. Auf der Beteiligungsskala der Jugendlichen weit oben stehen bspw. politisch motivierte Partizipationsformen, die sich in das alltägliche Leben integrieren lassen: So benennen 42% der Befragten etwa den bewussten Boykott bestimmter Waren als eine von ihnen genutzte Möglichkeit des politischen Handelns. Aber auch die Teilnahme an Unterschriftenaktionen (39%), Streiks (26%) und Demonstrationen (23%) erfreut sich bei den Jugendlichen einer gewissen Beliebtheit. In diesen Beteiligungsformen junger Eifeler kommt auch ein starker Protestcharakter zum Ausdruck. Sie lieben die spontane Aktion, die sich gegen ganz konkrete Ereignisse oder Probleme wendet. Längerfristige Bindungen und Festlegungen, wie sie für die Mitarbeit in Parteien (10%) oder Jugendparlamenten (9%) charakteristisch sind, finden deutlich weniger Zuspruch. Dabei besteht vor allem zu den etablierten Parteien eine große Distanz. Weniger als 2% der Befragten sind Mitglied in einer politischen Partei resp. deren Jugendorganisationen. Auch ihren Repräsentanten begegnet man mit äußerster Skepsis und glaubt sich nicht von ihnen vertreten. Dies hat u.a. auch zur Folge, dass das politische Interesse Jugendlicher und ihr Engagement in den klassischen politischen Organisationen immer weiter auseinanderklaffen. Obwohl die private Nutzung des Internets für die Freizeitgestaltung der jungen Menschen eine zunehmend wichtige Bedeutung gewinnt, gibt allerdings nur eine Minderheit die politische Instrumentalisierung von Weblogs, Wikis oder Twitter (6%) als eine von ihnen gewählte Partizipationsform an. Damit zielen unsere Befunde in eine ähnliche Richtung wie eine vom Forschungsverbund DTJ/TU Dortmund durchgeführte Studie zur Bedeutung des Internets für die politische Teilhabe junger Menschen, nach der bislang nur 9% der Jugendlichen auch im Internet politisch aktiv werden.141 Zwar ist der Umgang mit den kommunikativen Möglichkeiten des Internets zur Aneignung von Informationen, wie wir an anderer Stelle nachweisen konnten142, für viele Jugendliche ein regelmäßiger Bestandteil ihres informationsbezogenen Medienhandelns, jedoch werden Online-Plattformen mit einem höheren Aktivie- Vgl. Begemann et al. 2011, S. 26f; ähnlich: Wagner 2014, S. 175f. 142 Siehe hierzu Kap. 4.2.3. 139 rungsgrad bisher noch recht selten genutzt, um sich über gesellschaftlich und politisch relevante Themen auszutauschen. Gering ist ebenfalls die Zustimmungsrate zu politisch motivierten Gewaltanwendungen (6%). Gegenüber der im 2000er Jugendsurvey festgestellten Zahl, hat sich der Anteil mehr als halbiert, wenn auch die sozialstrukturellen Komponenten der Jugendlichen, die Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung bejahen, gleichgeblieben sind: „Eine Minorität von Jugendlichen (13%) ist bereit, an gewaltsamen politischen Aktionen teilzunehmen. Es handelt sich dabei um meist jüngere, männliche Jugendliche mit niedriger Schulbildung, geringem Selbstvertrauen und einer pessimistischen Zukunftssicht. Um ihre Interessen durchzusetzen und sich Anerkennung zu verschaffen, scheuen sie offensichtlich auch vor Gewaltanwendung nicht zurück. Der Weg ins gesellschaftliche Abseits scheint vorgezeichnet, wenn ihnen keine Hilfe zuteil wird.“143 Neben der politischen Beteiligung spielen auch Freiwilligentätigkeiten eine wichtige Rolle bei der Betrachtung der allgemeinen jugendlichen Engagementbereitschaft. In Bezug auf unsere Datenanalyse umfasst der Begriff ‚ehrenamtliches Engagement’ dabei insbesondere diejenigen sozialen und gesellschaftlichen Aktivitäts- und Beteiligungsformen, die von den Jugendlichen innerhalb und außerhalb von Schulen, Vereinen, Organisationen oder Interessensgruppen ausgeübt werden.144 Die Antwortverteilung auf unsere initiale Frage: „Übst Du eine ehrenamtliche Tätigkeit aus?“ offenbart zunächst einmal eine rege Beteiligung der jungen Eifelbewohner an ehrenamtlichen Kontexten: 40% der Befragten geben an, sich freiwillig zu engagieren (vgl. Tabelle 13). Dabei ergeben sich hinsichtlich des Geschlechtes der Jugendlichen nur marginale Unterschiede. Die Auswertung zeigt bei Jungen (41%) und Mädchen (38%) ähnlich hohe Zustimmungswerte. Auch die Differenzen zwischen den Alterskohorten sind eher gering, wobei allerdings in der Altersklasse der 22- bis 25-Jährigen eine Abnahme des ehrenamtlichen Engagements um fast 10% zu verzeichnen ist. Die vermehrte Beteiligung junger Menschen bis zum 21. Lebensjahr dürfte dabei vor allem auf den Faktor Zeit zurückzuführen sein: Während sich Jungen und Mädchen neben der Schule noch verstärkt engagieren können, fehlt ihnen im weiteren Le- Vogelgesang 2001, S. 240. Vgl. Tenscher/Scherer 2012. 140 bensverlauf mit dem Eintritt ins Berufsleben häufig der zeitliche Spielraum dazu.145 Tabelle 13: Ehrenamtliches Engagement nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Ausübung einer ehrenamtlichen Tätigkeit Ja Nein gesamt 40 60 Geschlecht Jungen 41 59 Mädchen 38 62 Alter 14-17 J. 41 59 18-21 J. 42 58 22-25 J. 33 67 Bildung niedrig 28 72 mittel 40 60 hoch 42 58 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Neben dem Alter der Befragten spielt vor allem das Bildungsniveau bei der Betrachtung der ehrenamtlichen Beteiligung eine Rolle. Denn während 42% der jungen Menschen mit einer hohen Bildung ein freiwilliges Engagement angeben, liegt die entsprechende Quote bei denjenigen mit einem niedrigen Bildungsstand bei nur 28%. Es scheinen also neben den Jüngeren gerade die Jugendlichen in höheren Bildungspositionen zu sein, für die eine persönliche Beteiligung für die Allgemeinheit, ganz gleich in welcher Form, besonders bedeutsam ist. Unterschiede zeigen sich aber nicht nur bei der Differenzierung nach sozio-demographischen Merkmalen, sondern auch im Hinblick auf die Mitgliedschaft und Mitwirkung in bestimmten sozialen Institutionen. Um detailliertere Informationen bezüglich der Engagementformen der Jugendlichen zu erhalten, stellten wir ihnen noch eine Anschlussfrage, bei deren Beantwortung sie die Möglichkeit hatten, aus einer vorgegebenen Liste von Mitwirkungsfeldern eine Auswahl zu treffen resp. auch anderen Tätigkeitsbereiche zu nennen (vgl. Abb. 39). Auch hier zeigt sich: Es ist in erster Linie der jeweilige lebensweltliche Nahraum, der in ähnlicher Weise wie beim Politikhabitus für die Freiwilligenarbeit der Jugendlichen in der Eifel prägend ist. Mit 67% ist die Mitwirkung in Vereinen der unangefochtene Spitzenreiter unter den freiwilligen Beteiligungsformen der jungen Menschen auf dem Land. Ob Sport, Musik oder Kultur, die hohe Relevanz von Vereinen für das Dorf spiegelt sich deutlich in den jugendlichen Beteiligungskontexten Vgl. Schneekloth 2015, S. 195. 141 wider. Auch das ausgeprägte Engagement in Rettungsdiensten oder bei der freiwilligen Feuerwehr (28%) sowie in der Kirchengemeinde und in kirchlichen Gruppen (25%) lässt auf eine enge Verbindung zwischen ehrenamtliche Tätigkeit und dem dörflichen Lebensraum schließen. Überregionale Gruppierungen hingegen, zu denen Parteien, Hilfsorganisationen wie Greenpeace oder Amnesty International sowie Gewerkschaften zählen, werden von den jungen Menschen nur wenig frequentiert. Jenseits aller durchaus vorhandenen Differenzierungen kann aber festgehalten werden: Die jungen Menschen in der Eifel zeigen für viele Bereiche ihres sozialen Umfelds Anteilnahme und wirken hier auch in unterschiedlichsten Formen und Funktionen mit. Abbildung 39: Ehrenamtliche Engagementbereiche (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Nicht aus den Augen verlieren sollte man aber auch diejenigen Jugendlichen in der Eifel, die sich nicht ehrenamtlich engagieren. Mit 60% sind dies deutlich über die Hälfte der Befragten. Um auch differenziertere Informationen über sie zu erhalten, stellten wir die Frage: „Was hält Dich vom ehrenamtlichen Engagement ab?“ Um zusätzlich Bedeutungsverlagerungen abbilden zu können, wurde auch ein Vergleich der Daten aus den Jahren 2000 und 2011 vorgenommen (vgl. Abb. 40). 67 28 25 20 16 14 9 4 3 3 1 142 Abbildung 40: Ehrenamtshindernisse – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Obgleich die Zeitrestriktion, die bereits im Jahr 2000 von den Jugendlichen als häufigster Hinderungsgrund angegeben wurde, auch im Jahr 2011 einen Großteil der jungen Menschen von einer ehrenamtlichen Beteiligung abhält, zeichnen sich in einigen anderen Punkten merkliche Veränderungen ab. Deutlich weniger Zustimmung erhält bspw. die Aussage: „Ich habe keine Lust, mich zu engagieren“ (34% zu 25%), während zugleich das Statement: „Mich hat noch niemand gefragt“ (68% zu 57%) zunehmend als Grund genannt wird. Ergänzt um den Befund, dass zudem der Anteil an Jugendlichen, die sich in ihrem Interesse an ehrenamtlichen Fragestellungen nicht ernst genommen fühlen (34% zu 41%), gestiegen ist, wird deutlich: Die Bereitschaft zum Engagement für das Gemeinwesen ist bei jungen Menschen sehr wohl vorhanden, wird allerdings gedämpft von der Befürchtung mangelnder Akzeptanz und Anerkennung. Hiermit eng verbunden ist zudem der Befund, dass viele Jugendliche bei der ‚Ehrenamtssuche’ einen eher passiven Habitus an den Tag legen und sich eine offensive Ansprache und eine konkrete Bitte um Unterstützung von den Verantwortlichen wünschen (57% zu 68%). Was die Jugendlichen hier ansprechen, ist ein wesentlicher Bestandteil des ‚neuen Ehrenamts’, dessen stärkere Ausrichtung auf die Bedürfnisse 14 21 34 28 34 53 57 57 82 13 17 25 29 41 48 57 68 85 Mache keine Arbeit umsonst Traue ich mir nicht zu Keine Lust, mich zu engagieren Keine Anerkennung Wird nicht ernst genommen Noch keine Gedanken darüber gemacht Kein Angebot, das mich interessiert Mich hat noch niemand gefragt Keine Zeit (wegen Schule/Ausbildung/Beruf) 2000 2011 143 und Wünsche der Helfer und Unterstützer vielfältige Ansatzmöglichkeiten zur Rekrutierung potentieller Ehrenamtsinteressierter eröffnet.146 Abschließend ist festzuhalten, dass sich sowohl das politische Interesse und Engagement als auch die Freiwilligenarbeit der Jugendlichen stark an lebensweltbezogenen Handlungsfeldern orientieren. Sie finden in erster Linie im Kleinen und Alltäglichen statt und sind auf den lokalen Raum konzentriert, ohne dass damit globale Themen und Problemlagen völlig an Bedeutung verlieren würden. Freiräume zu erobern – und manchmal auch regelrecht zu besetzen – sowie auf unkonventionelle Art Unterstützung für ihre Interessen zu finden, sind für die jungen Menschen in der Eifel dabei genauso legitime Strategien, wie zur Wahl zu gehen. Jedoch präferieren sie ganz eindeutig unverbindliche und spontane politische Ausdrucksweisen und Engagementformen, in denen neben Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten immer auch Kommunikation, Geselligkeit und Spaß eine wichtige Rolle spielen. Der lange Schatten der Erlebnisgesellschaft erstreckt sich ganz offensichtlich auch auf das jugendliche Politik- und Engagementverständnis. Ihr Politikbild und ihr Beteiligungsstil sind gleichsam jugendkulturell überformt. Ein markanter Ausdruck dieser Entwicklung ist auch die globalisierungskritische Attac-Bewegung, deren öffentliche Demonstrationen ein 21-jähriger Szeneaktivist (Ulli) sehr plastisch als „nachhaltige Happenings“ charakterisiert hat. Dass dieses neue ‚szenische Politikverständnis’ dabei sehr stark in transkulturelle Kommunikationsnetzwerke eingebunden ist, konnten wir in einer Studie zur ‚kommunikativen Vernetzung der globalisierungskritischen Bewegung’147 zeigen. 5.4 Interferenz lebensweltlicher und jugendkultureller Beteiligung In der Diskussion um politische Beteiligung und Bildung ist es eine wichtige Frage, in welchem Verhältnis mikropolitische und makropolitische Prozesse und Strukturen zueinanderstehen. Der Tenor ist dabei, dass prosoziale Haltungen und Engagementformen nicht gleichgesetzt werden können mit politischer Partizipation und auch nicht zwangsläufig zu einer politischen Kompetenzsteigerung führen. Als Hauptgründe werden die verstörende Wirkung von politischen Interessenskonflikten und divergierende Muster intersubjektiver Anerkennung ge- Vgl. Olk 1989. 147 Vgl. Hepp/Vogelgesang 2005. Vgl. Krappmann 2000. 144 nannt. Im Bourdieuschen Duktus könnte man auch sagen: ‚Ehrenamtskapital’ ist danach nicht in ‚politisches Kapital’ transferierbar, da soziale und politische Handlungsräume gleichsam ein Eigenleben führen. Mithin kann Freiwilligenarbeit nicht als eine Form politischer Bildung angesehen werden, da Demokratie-Lernen wesentlich auf der Ausbildung von Konfliktkompetenz basiert, um mit komplexen, problembehafteten und unsicheren Handlungssituationen umzugehen. Dass die Grenze zwischen der politischen und sozialen Sphäre vielleicht doch etwas durchlässiger ist, als gemeinhin in der politischen Bildungsdiskussion angenommen wird, hat Gerhard Schulze schon vor längerer Zeit in seiner Arbeit ‚Politisches Lernen in der Alltagserfahrung’ deutlich gemacht. Für das ehrenamtliche und soziale Engagement Jugendlicher jedenfalls ist konstitutiv, dass es sich um ein ‚teamartiges Verhallten’ handelt, durch das man ‚etwas bewirken’ kann und wo man auch ‚lernt, mit Konflikten umzugehen’. Dies sind neben dem Motiv: ‚Man erhält Anerkennung’ die am häufigsten genannten Gründe, warum sich Jugendliche für das Gemeinwesen einsetzen. Wenn wir den zivilen Umgang mit Kontroversen als Basisaktivität politischen Lernens und Handelns erachten, dann kann diese Konfliktkompetenz, die sowohl kognitive als auch emotionale und pragmatische Fähigkeiten enthält, auch in Ehrenamtskontexten erlernt werden. Oder in den Worten einer 19-jährigen Zahnarzthelferin (Laura), die sich in einer lokalen Arbeitsgruppe für die Integration von Migranten einsetzt: „Hier fliegen manchmal schon richtig die Fetzen, wenn da die unterschiedlichen Vorstellungen aufeinanderprallen, wie wir unsere Arbeit koordinieren sollen und wie wir am effektivsten helfen können.“ Die zunehmende Verzahnung von sozialen und politischen Feldern deutet darauf hin, dass sich das Politikverständnis von Jugendlichen verändert. Angesprochen ist eine Bedeutungsverschiebung hin zu einem ‚erweiterten Politikbegriff’, der den sozialen und lebensweltlichen Handlungskontext miteinschließt – eine Entwicklung, die sich erst in der jüngeren Vergangenheit verstärkt abzeichnet und für die wir auch bei den jugendlichen Eifelern Anhaltspunkte gefunden haben. Noch vor wenigen Jahren hat Klaus Farin völlig zu Recht konstatiert: „Die Jugend definiert offenbar zahlreiche Begriffe anders als wir. ‚Politik’ wird von ihnen selten als Prozess und Chance der Gestaltung ihres eigenen Lebens gesehen, sondern auf Partei- und Regierungspolitik reduziert, auf etwas Unangenehmes oder zu- Vgl. Honneth 1994. Vgl. Schulze 1977. 145 mindest Abstraktes, welches auf für Jugendliche unerreichbaren und undurchschaubaren Ebenen stattfindet.“ Versucht man angesichts dieser Veränderungen unsere Forschungsbefunde zum Thema Jugend, Politik und Partizipation auf Kernaussagen zu reduzieren, dann ist festzuhalten: Wir haben im Eifelsurvey aus dem Jahr 2011 – entgegen dem immer wieder propagierten Stereotyp vom unpolitischen Jugendlichen – keine Hinweise für ein ausgeprägtes öffentliches Desinteresse und Rückzugsverhalten gefunden. Allerdings vollzieht sich die Partizipation Jugendlicher am Gemeinwesen, und darauf gilt es nochmals mit Nachdruck hinzuweisen, meist jenseits der institutionalisierten Wege der Politik und zunehmend im lebensweltlichen Kontext des sozialen Nahbereichs. Ob die damit einhergehende Entgrenzung des Politischen auch verstärkt politische Partizipationsformen in den klassischen verfassten Politikinstitutionen stimuliert, bleibt abzuwarten. Dass aber auch im Ehrenamtskontext politisches Lernen im Sinne konstruktiver Konfliktbewältigung möglich ist, scheint offensichtlich. Um allerdings den nächsten Schritt zu vollziehen und sich aktiv an politischer Gremienarbeit zu beteiligen, dürfte es ganz wesentlich davon abhängen, dass die Akteure auf den politischen Großbühnen ihre Glaubwürdigkeit wieder zurückgewinnen. Denn Politik wie überhaupt die öffentlichen Einrichtungen können die Beteiligungs- und Leistungsbereitschaft von Jugendlichen mobilisieren. Es wird ihnen jedoch nicht gelingen, wenn sie nur die Einfügung in die vorgegebenen Strukturen fordern. Konservative Appelle werden nicht wirken. Politik kann darüber hinaus auch nicht mobilisieren, wenn sie selbst das Bild vermittelt, dass der Homo Politicus nur eine spezialisierte Ausprägung des Homo Oeconomicus ist. Gerade junge Menschen wollen gefordert werden – von Politikern, die selbst etwas von sich fordern. Prosoziale Motivationen werden am Modell gelernt: Dies gilt auch für die Politik. Die moralischen Ansprüche an Politik sind gestiegen, dies ist der positive Kern der so genannten Parteienverdrossenheit. Den moralischen Anspruch jugendlichen Lebens wird letztlich nur aktivieren können, wer deutlich macht, dass die Gesellschaft aktive Jugendliche als Ergänzung oder Korrektur von Marktmechanismen und institutionellen Regelungen braucht. Aber vielleicht gibt es Formen der politischen Selbstaktivierung – auch oder gerade von Jugendlichen –, die wir bisher noch nicht wahrgenommen oder nicht richtig verstanden haben? Könnte es sein, dass die ver- Farin 2001, S. 215. Vgl. Eckert 1994, S. 16. 146 änderten Lebensbedingungen der heutigen jungen Generation die Ausbildung eines neuen Politikverständnisses forciert haben, das mit den traditionellen Vorstellungen von Interessensartikulation und politischer Partizipation nur schwer zu fassen ist? Könnte es sein, dass die diagnostizierte Politikdistanz, die sich ja primär auf alltagsferne Zusammenhänge bezieht, ihrem gewandelten Politikbild nicht genügend Rechnung trägt? Könnte es sein, dass ihr politisches Orientierungsverhalten, das sich stets im Spannungsfeld von Anpassung und Selbstentfaltung positioniert, neue Distinktionslinien und Strategien der Abgrenzung gesucht (und gefunden) hat, die viel stärker durch die Diversivität und Exklusivität jugendkultureller Stile und Szenen geprägt sind? Diesen offenen Fragen nachzugehen und dafür die geeigneten theoretischen Konzepte und empirischen Instrumente zu entwickeln, dürfte eine der wichtigen Aufgaben der künftigen Jugendforschung sein. Dabei sind die sozialen und symbolischen Praktiken und Institutionen, die von intermediären Gruppen bis zu tradierten Brauchformen reichen, auf ihre integrierenden – und manchmal auch desintegrierenden – Funktionen hin zu untersuchen. Entsprechend diesem Bezugsrahmen lassen sich aktuelle Formen partizipativen und ehrenamtlichen Engagements, aber auch das noch (oder wieder) gepflegte Jugendbrauchtum, nicht nur als Orte jugendkultureller und geselligkeitsstiftender Lebensweise interpretieren, sondern gerade in ländlichen Regionen auch als Gegenentwicklung zur Entsolidarisierung der modernen urbanen Lebensweise und als Gegenbewegung zur Entritualisierung und Entstrukturierung der Adoleszenz. Zu prüfen ist auch, inwiefern sie als Ressource und Aktionsfeld jugend- und alltagspolitischen Handelns anzusehen sind und zwar im Sinne des von Anthony Giddens entwickelten Konzepts der „Politik der Lebensführung“ , nach dem alle Arten von Entscheidungsfindungen zum Lebensstil, zu Wert- und Interessenpräferenzen bis zu existentiellen Lebensfragen als politisch gelten. Zwar gibt es keinen Königsweg, wie diese Form der Entgrenzung des Politischen und der Politisierung des Privaten der Jugend eruiert werden sollte. Soviel steht aber fest: Aus einer soziologischen ‚arm chair position’ kommen sie nicht in den Blick. Vielmehr muss der Forscher, nicht selten im Stile eines Ethnologen, die lebensweltliche und partizipative Praxis vor Ort aufspüren, um gleichsam eine fremde (jugendpolitische) Welt in unserer (alltagspolitischen) Welt sichtbar zu machen. Vgl. Lorig/Vogelgesang 2008. Vgl. Giddens 1997. 147 5.5 Exkurs: Die Hardcore-Szene als politisierte Jugendkultur Beispielhaft für das Eintauchen in eine fremde Lebenswelt mit ihren eigenen symbolischen Ausdrucksformen, Geselligkeitskontexten, Netzwerkstrukturen und nicht zuletzt ethisch-politischen Grundhaltungen können Forschungen in der Hardcore-Szene angesehen werden.155 Auch in unserer Forschungsgruppe haben wir diese jugendkulturelle Formation seit Anfang der 2000er Jahre mehrmals ethnographisch untersucht. Geleitet wurden unsere szenischen Vorort-Erkundungen dabei von folgender Maxime: „Im Gegensatz zur quantitativen Forschung, die Häufigkeit und Verbreitung von bereits bekannten Merkmalen und Zusammenhängen ermittelt, also eher eine Vermessung sozialer Realität vornimmt, ist für die ethnographische Forschung kennzeichnend, dass bisher Unbekanntes, Fremdes oder auch Übersehenes für den wissenschaftlichen Diskurs entdeckt, offengelegt und erschlossen wird.“156 Da wir auch bei unseren Recherchen in den ländlichen Regionen der Eifel auf jugendliche Hardcore-Anhänger gestoßen sind, sollen im Folgenden die zentralen Aspekte ihrer kulturellen und sozialen Praxen vorgestellt werden, wobei ein besonderer Akzent auf die szenetypischen ethisch-moralischen und politisch-missionarischen Haltungen und Handlungen gelegt wird. Entstanden ist der musikalische ‚hardcore style’ Anfang der 1980er Jahre in den US-amerikanischen Metropolen und ihren Vororten. Bereits wenige Jahre später erreicht die Musikrichtung über Großbritannien auch Deutschland. Anfänglich stark im Punk verwurzelt, lässt sich die Hardcore-Szene von Beginn an als Gegenbewegung und Abgrenzung zum Lebensstil und Habitus ihrer Ursprungsszene beschreiben. Der selbstzerstörerischen und nihilistischen No-Future-Einstellung der Punks wurde ein positiver, lebensbejahender Gegenentwurf bewusst und durchaus provokativ entgegengesetzt. Als gemeinsamer Nenner fungiert hierbei eine kritische, linke Haltung im Sinne eines Überbaus zur Punkszene. Dieser Überbau hat den Anspruch, undifferenzierte Gesellschaftskritik in konkrete Aktivitäten zu überführen: „Gegen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus wird zum Dreigespann, auf dem Hardcore aufbaut, ganz gleich wie stark nun 155 Vgl. Calmbach 2007; Adler et al. 2007. 156 Schulze-Krüdener/Vogelgesang 2002, S. 88. 148 mit der autonomen Linken verwoben. Andere Selbstverständlichkeiten […] bilden sich heraus, je mehr Hardcore in einzelne Sparten zerfällt.“157 Authentizitätswahrung und Abgrenzung sind hierbei wichtige Antriebskräfte der Szeneentwicklung. Anfangs musikalisch dem Drei-Akkord-Schema des Punkrock verhaftet, entstehen spätestens seit Ende der 1980er Jahre weitere Subgenres. Inhaltliche Fokussierungen und neue musikalische Ausdrucksformen lassen die Szene in der Folgezeit zu einem komplexen Gebilde heranreifen. Dabei reicht die musikalische Bandbreite von ‚Metalcore‘, der sich der musikalischen und inhaltlichen Stilsprache des Metals bedient, über politisch fokussierten, aggressiven ‚Crustcore‘ bis zum selbstreflexiven Umgang mit persönlichen Empfindungen im ‚Emo-core‘. Die Abgrenzung zu anderen Subgenres und die Generierung stilistischer Eigenheiten kann dabei als ein dynamisches Konstitutionsmoment der Szene gesehen werden. Neben den musikalischen Ausdifferenzierungen spielen stilistische Partikularismen eine gewichtige Rolle. Symbolische Signets und stilsprachliche Elemente zeigen Zugehörigkeit und verweisen auf innerszenisch angeeignetes Wissen. Als Beispiel für ein symbolisch aufgewertetes Stilelement kann das ‚schwarze X‘ auf dem Handrücken gelten, das von drogenfreien Szenegängern oftmals vor Konzerten aufgetragen wird. Ursprünglich war das aufgemalte X ein Erkennungsmerkmal für Barbedienstete in den USA, denen es verboten war, Alkohol an Minderjährige auszuschenken. Dieses X wurde im Sinne einer Selbst-Stigmatisierung in ein positives Zeichen umgedeutet, um freiwilligen Verzicht und Zugehörigkeit zu symbolisieren und ist auch heute noch auf Hardcore-Konzerten anzutreffen. Wie auch andere, verwandte „Aufklärungs-Szenen“158 gehört die Hardcore-Szene in Deutschland zu den kleinen Szenen. Es wird gegenwärtig von ca. 100.000 Szenegängern ausgegangen, wobei seit Anfang der 2000er Jahre und durch die zunehmende Popularität musikalischer Subgenres, wie z.B. des ‚Metalcores‘, ein Anstieg der Szenegröße wahrscheinlich ist. Der Altersdurchschnitt im Szenekern liegt bei etwa Mitte zwanzig, wobei ein Großteil der Hardcore-Szenegänger zwischen 21 und 25 Jahre alt ist. Nur etwa ein Fünftel der Szenegängerinnen sind weiblich; Tendenz steigend.159 Die Szene weist zudem eine starke regionale Dynamik auf und artikuliert sich phasenartig. 157 Büsser 1996, S. 19. 158 Hitzler et al. 2001, S. 225. 159 Vgl. Schulze 2013. 149 Dass viele zeitgenössische Jugendkulturen über intern geteilte ‚geheime Bildungsprogramme‘ und charakteristische Merkmale verfügen, wurde bereits angesprochen160, und gilt auch für die Hardcore-Szene: Sie ist ein Forum ethisch-praktischer Selbstbildung, in der eine bestimmte Lebensauffassung und -führung sozialisiert wird. Diese macht nicht an der Szenegrenze und auch nicht an nationalen Grenzen halt, sondern weist über den Szenerahmen hinaus weit in den Alltag der Szenegänger hinein und erhebt einen universellen Geltungsanspruch, den es auch jenseits der Szenewelt einzulösen gilt. Konstituierend für die Hardcore-Szene sind dabei drei ethische Universalismen und ihre spezifischen Leitideen, verbunden mit dem Anspruch, diese Universalismen auch zu leben und das meint in einem ganz direkten Sinn, sie durch individuell-vorbildhaftes Handeln in der Alltagswelt umzusetzen. Diese sind der Lebensstil des ‚Straight Edge‘, verbunden mit der ethischen Leitidee der puritanischen Selbstkontrolle und Selbstverantwortung, der ‚Vegetarismus/ Veganismus‘ und seine Leitidee der Schöpfungsverantwortung sowie das Gestaltungsprinzip des ‚Do-It-Yourself‘, verknüpft mit der Leitidee, eine selbst gestaltete lokale und globale Lebenswelt zu schaffen. Der Straight Edge-Lebensstil, dem sich etwa ein Fünftel der Szenegänger in Deutschland zuordnen, entstand parallel zu den Anfängen der Hardcore-Szene. Aufbauend auf einen Songtext der Washingtoner Band Minor Threat, bedeutet Straight Edge die strikte Ablehnung jeglicher Form von Drogen und Verzicht auf promiskuitive sexuelle Ausschweifungen, resultierend aus der Kritik am übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsum der Punk-Szene. Motivation und Ziel der Straight Edge-Lebenseinstellung ist, durch klares Denken und Kontrolle Verantwortung über das eigene Leben zu gewinnen. Es wird davon ausgegangen, dass die positive Veränderung des individuellen Lebens die Voraussetzung für die Veränderung der Gesellschaft ist. Kontrolle und puritanische Selbstinszenierung nehmen dabei die Doppelrolle eines positiven Gegenentwurfs gegen die konsumorientierte Mainstream-Kultur und gegen die nihilistische Lebenseinstellung der eigenen Herkunftskultur, des Punks, ein. Der Widerstand dieser unkonventionellen Form der Rebellion bedient sich der Methode der multiplen Abstinenz: Die performativ entscheidende Rolle spielt, was eben nicht getan wird. Unter der Prämisse, dass die Welt in einem emanzipatorisch-progressiven Sinne veränderbar ist, sollen die eigenen Energien und Potenziale zur Veränderung des Umfeldes genutzt werden, wozu ein ‚klarer Kopf‘ nach Ansicht der Straight Edger auch außerhalb des Szenerahmens die Voraussetzung ist. Missionarisch nach außen getragen und inszeniert werden 160 Siehe hierzu Kap. 4.2.4. 150 die Straight Edge-Ideale durch entsprechende Slogans wie ‚Drug free Youth‘, ‚It‘s ok not to drink‘ etc. auf T-Shirts, Aufnähern und Buttons. Das bereits erwähnte schwarze X dient hier vor allem als stilistisches Erkennungszeichen und wird oft auf Konzerten als Distinktionsmerkmal auf den Handrücken aufgetragen. Ähnlich wie die Straight Edge-Lebenseinstellung ist auch die vegetarische oder vegane Ernährungsweise ein ethischer Universalismus der Hardcore-Szene, der weit über die innerszenischen Grenzen hinaus den täglichen Lebenswandel der Szenegänger beeinflusst. Der Verzicht auf Fleisch oder im Veganismus auf jegliche Tierprodukte wird innerszenisch geteilt und diskutiert, der Geltungsanspruch des ethisch motivierten Fleischverzichts ist aber global. Besonders in der Hardcore-Szene ist der Anteil an Vegetariern und Veganern sehr hoch: Über die Hälfte aller Szenegänger bezeichnen sich als Vegetarier oder Veganer.161 In diesem Zusammenhang ist ebenfalls auffallend, dass sich knapp 10 Prozent zu den Tierbefreiern rechnen. Dementsprechend werden die engagierten Hardcore-Szenegänger als „Tierrechtler“ und nicht nur als „Tierschützer“ einzuschätzen.162 Es zeigt sich hier eine doppelte Intentionalität und Aktivität: In den Ernährungsgewohnheiten äußert sich einerseits radikale Kritik an Tierausbeutung und Kapitalismus, wobei der Protest am eigenen Körper und szeneintern beginnt, andererseits ist der Werteanspruch aber universalistisch. Noch deutlicher als im Straight Edge-Lebenswandel zeigt sich im Veganismus die Entgrenzung innerszenisch geteilter Werte. Neben der Aufklärung in der Szene, z.B. durch Infostände auf Konzerten, engagieren sich viele Hardcore-Szenegänger auch außerhalb der Szene in Tierrechtsorganisationen wie PETA, Animal Peace oder der Antispeziesistischen Aktion. Dazu äußert sich eine befragte Szenegängerin folgendermaßen: „Die politische Lebenseinstellung ist nicht auf den Plattenspieler beschränkt, auf den man gerade mal eine Platte mit politischen Texten legt, das ist sehr vieles. […] Das ist das politische Arrangement überhaupt, das man auf Demonstrationen geht. Veganismus ist ja auch eine Art von Protest mit dem man ganz konkret zeigen will, dass es auch anders geht. Ich denke, das ist schon ziemlich wichtig in der heutigen Gesellschaft, dass das Leute durchsetzen“ (Anna, 19 Jahre). Der dritte ethische Universalismus der Hardcore-Szene ist das Prinzip des Do It Yourself. Ausgehend von Szeneaktivitäten wird der Massenkultur ein Gegenentwurf entgegengestellt, eine Kultur des Selberma- 161 Vgl. Calmbach 2007, S. 177. 162 Vgl. Schwarz 2005, S. 76. 151 chens. Demonstrative Produktion und Selbstermächtigung sind das Movens des Do It Yourself-Prinzips mit dem Ziel, eine Kultur und kulturelle Objekte unabhängig von kommerziellen Strukturen und eine Alternative zur gängigen Kulturproduktion zu schaffen.163 Eine gewichtige Rolle spielt dabei die Grundüberzeugung der Szene, dass Hardcore ‚mehr als Musik‘ ist und der damit verbundene Versuch, eine Lebenswelt der Eigeninitiative und Selbstorganisation aufzubauen. Auffallend ist, dass die Szeneorganisation selbst vom Do It Yourself-Prinzip geprägt ist und gleichzeitig Räume für Eigenaktivitäten öffnet. Jeder Szenegänger kann sich theoretisch und praktisch das szeneintern geteilte Wissen aneignen und aktiv an seiner Herstellung teilnehmen. Die selbstbestimmte Gestaltung der Harcore-Lebenswelt findet auf verschiedenen Ebenen statt. Markante Aktivitäten sind hierbei die Organisation von Touren und Konzerten in Eigenregie, der eigenhändige und kreative Gestaltungsstil von Tonträgern und Magazinen (sogenannte Fanzines) sowie die Ebene des Do It Yourself als Marktprinzip und szenische Eigenökonomie. Bei der Konzertorganisation – oftmals in selbstverwalteten Räumen und Jugendzentren – zeigt sich der Do It Yourself-Ethos in der direkten Kommunikation mit Bands und unabhängigen Agenturen, eigens betriebener Werbung und Flyer-Gestaltung und der bewussten Aufhebung der Trennung von Publikum und Band, die den Konzertrahmen öffnet, damit sich durch Mitsingen und Tanzen aktiv am Geschehen beteiligt werden kann. Subjektives Handeln wird in gemeinschaftliche Kontexte eingebunden und das Konzertevent zur organisierten, eigenwilligen Performanz. Auch in der Gestaltung von Fanzines und Tonträgern überwiegt die Handarbeit und bewusst zur Schau gestellte Fehlerhaftigkeit. Dem Unkommerziellen und der Kreativität wird hierbei eine besondere Wertschätzung entgegengebracht, deren Voraussetzung ein spezifisches Expertenwissen der Szeneinhalte ist. In der Gestaltung der Tonträger zählt der Einsatz minimaler Kosten bei maximaler Eigenverantwortung: Im Prozess eines kreativen und emotional besetzten Sich-zu- Eigen-Machens werden alte Verpackungen, Pappen und Stoffe zweckentfremdet und umgestaltet. Do It Yourself als Marktprinzip drückt sich des Weiteren im Tausch von Tonträgern aus, wobei Tauschnormen und Wertigkeiten innerhalb der Szene fair ausgehandelt und balanciert werden müssen. Ziel ist dabei der Aufbau eigener Marktstrukturen und Distributionskanäle und eine weitest gehende Ablösung von gängigen kapitalistischen Strukturen außerhalb des Szenekontextes. Im Tonträgertausch kommt auch deutlich der transnationale Cha- 163 Vgl. Calmbach/Rhein 2007. 152 rakter der Szene zum Ausdruck: Es existiert ein globales Tauschsystem und die Tauschorganisation verläuft über interszenische, globale Netzwerke. Ein Szenegänger beschreibt dies auf folgende Art und Weise: „Ich kenne Leute aus Amerika, Singapur, Australien, Frankreich, Schweden, also schon global angesiedelt. Indem man mit diesen Leuten in Kontakt tritt, sei es durch Plattentausch oder dass man solche Internet-Communities aufsucht. Man weiß, was dort von statten geht, wie die Szene dort aussieht. Sie bekommen einen Eindruck von uns und man verbreitet Bands und Ideen. Das finde ich sehr wichtig, dass eben ein funktionierendes Netzwerk besteht, denn ohne geht es einfach nicht“ (Lars, 21 Jahre). Die vorgestellten ethischen Universalismen werden global und innerszenisch geteilt, gleichzeitig kommt es aber zu globalen Szenekooperationen und Anknüpfungstendenzen. Auch hier ist es sinnvoll, den Blick auf die verschiedenen Ebenen der Wertediffusion und universalistischen Ansprüche zu richten: Ausgehend von lokalen Szeneaktivitäten kommt es zu einer transnationalen Umsetzung der politischen Ideale auch über den Szenekontext hinaus. Das Internet nimmt auch für die Hardcore-Szene mittlerweile eine wichtige Relaisfunktion zwischen internen und externen Kommunikationsflüssen ein. Als Beispiel für szeneinternen Austausch wäre die Internet-Community ‚www.poisonfree.com‘ zu nennen. Auf dem Message-Board diskutieren hier Hardcore-Szenegänger über verschiedenste szenerelevante Inhalte. Neben Musikdiskussionen und Konzertwerbung wird szenerelevantes Wissen über Stile, Locations bis hin zu veganen Kochrezepten geteilt und weitervermittelt. Durch die Szenedarstellung vermittels Fotos, Videos, Flyern und Szenereports wird die über Kleidung, Tattoos oder bestimmte Frisuren kommunizierte Stilsprache transnational ausgetauscht, angeeignet und oftmals mittels Bricolage mit der eigenen lokalen Stilsprache vermengt und weiterentwickelt. Neben Fanzines haben sich vor allem Web 2.0-Plattformen und szeneinterne Blogs zu einer äußerst relevanten Verbindung von lokalem und globalem Szenehandeln ausgeweitet. Als weiteres Beispiel für einen universalistischen Werteanspruch kann die Überschreitung innerszenischer und verstärkt auch nationaler Grenzen in den geteilten Werten der Hardcore-Szenegänger und der Antifa- Bewegung dienen. Antifaschistisches Engagement wird innerhalb der Szene propagiert und getreu dem politischen Anspruch emanzipatorischer Kritik wertgeschätzt, außerhalb der Szene beteiligen sich über 20 Prozent bei antifaschistischen Aktionen, Kundgebungen und Demonstrationen. Verstärkt erfolgt der Informationsaustausch auch hier über das Internet. Kollektive wie z.B. ‚Vegan uprising‘ verknüpfen explizit Veganismus, Antifaschistische Arbeit und die Organisation von Hardcore- 153 Konzerten miteinander. Auf ihrer Homepage (http://veganuprising.jimdo.com) wird aufbauend auf einer Einbettung in den Szenekontext ein Engagement in anderen Gemeinschaften und Gruppen mit ähnlichen Werten und Idealen verfolgt und umgesetzt. So können im Onlineshop neben Tonträgern von Hardcore-Bands auch Kleidungsstücke und Öffentlichkeitsmaterial mit antifaschistischen Slogans bestellt und Informationsbroschüren zu Veganismus erworben werden. Auch wurde in den letzten Jahren innerhalb der Szene auf zunehmende Unterwanderungsversuche rechter Bands und Gesinnungen reagiert und der national konnotierten Besetzung von Hardcore und Vegan-Straight- Edge beispielsweise mit der Kampagne ‚Good Night White Pride‘ ein deutliches Zeichen entgegengesetzt. Mittlerweile transnational etabliert, kann auch diese Kampagne als ein Beispiel für szeneintern geteilte Diskussionen mit szeneextern geteilter antifaschistischer Arbeit gelten. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Hardcore-Szene eine musikbezogene Jugendkultur repräsentiert, bei der nicht nur ein transnationaler Stil- und Personenaustausch zu beobachten ist, sondern für die zudem ein auf globale Geltung ausgerichtetes Werteverständnis konstitutiv ist. Aus dem Punk entstanden, stützt sie sich seit Beginn auf universalistische Normen, die es intraszenisch zu teilen und im Sinne einer ‚kosmopolitische Tugendlehre‘ in der (Welt-)Gesellschaft zu verankern gilt. Die sowohl lokal als auch global agierende Hardcore-Szene mit ihren ethischen Universalismen und transnationalen Vernetzungen lässt sich als Prototyp einer ‚glokalen Jugendkultur‘ charakterisieren. Die Szene dient den jugendlichen Anhängern als Lern- und Experimentierfeld zur Aneignung und Demonstration universalistischer Werte und als eine Arena, in der ethische Normen lebensweltnah praktiziert und eine alternative, über die Szenegrenzen hinausweisende, Lebensführung eingeübt werden kann. Auf lokaler Ebene findet die ethisch-normative Selbstsozialisation im Szenekontext statt. Von hier ausgehend überschreiten sie dann aber anhand der aufgezeigten Leitideen und Kooperationen Szenegrenzen und zunehmend auch nationale Grenzziehungen. Auf der Grundlage geteilter ethischer Normen und Werte kommt dem eigenen Körper und dem verantwortungsvoll gelebten Alltag eine Vorbildfunktion zur gesellschaftlichen Veränderung zu, wie die ethischen Universalismen des Straight Edge-Lebensstils und vor allem des Veganismus zeigen. Szenen und gesellschaftliche Gruppierungen mit ähnlichem Wertehorizont fungieren zudem als transnationale Anknüpfungspole zur praktischen – und kosmopolitischen – Verwirklichung gemeinsam geteilter Ideale: Was szeneintern erlernt wird, wird auch szeneextern im Verbund mit Gleichgesinnten umgesetzt.

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References

Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.