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III DOMINANZSTREBEN UND DIE FURCHT VOR EINKREISUNG in:

Lutz Unterseher

Militärmacht China, page 69 - 100

Auf dem Weg zur Hegemonie?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4550-3, ISBN online: 978-3-8288-7602-6, https://doi.org/10.5771/9783828876026-69

Tectum, Baden-Baden
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DOMINANZSTREBEN UND DIE FURCHT VOR EINKREISUNG III Dauerkonflikt: Konkurrenz mit den USA Systemkonkurrenz und hegemoniale Ansprüche Es ist trivial, die Konkurrenz und Konfrontation Chinas mit den USA zu dem internationalen Großkonflikt unserer Zeit und wahrscheinlich auch der kommenden Dekaden zu erklären. Es geht offenbar um die Hegemonie auf Erden (Rudolf 2019). Es ist an der Zeit, in diesem Zusammenhang von einem neuen Kalten Krieg zu sprechen (Ferguson 2020). Noch vor wenigen Jahren bezog sich dieser Term allerdings auf die Konfrontation zwischen den USA und dem in die zu großen Fußstapfen der Sowjetunion tretenden Russland. Doch diese Konfliktlinie erscheint nun weit weniger relevant. Der Konflikt zwischen den USA und China hat viele Hintergründe und Facetten, die an dieser Stelle nicht entfaltet werden sollen und können. Es mag ein Hinweis auf wesentliche Systemunterschiede und eine machtpolitisch relevante Asymmetrie genügen: Da ist auf der einen Seite China, ein Land unter der Herrschaft einer kleinen Partei-Elite beziehungsweise ihres Führers, ein Überwachungs- und Unterdrückungsstaat ohne Freiheit der Medien oder des kulturellen Ausdrucks, mit einer staatlich – eher indirekt als direkt – gelenkten Marktwirtschaft großer, zunehmender Leistungskraft und beträchtlicher Attraktivität für die Bevölkerung. Da sind auf der anderen Seite die USA, ein kulturell lebendiges, demokratisch verfasstes Land mit bewährter Gewal- 71 tenteilung, auf die allerdings – sowie auch auf die freie Presse – der derzeitige Präsident bedrohliche Anschläge verübt hat. Dazu ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, das bei mangelnder wohlfahrtsstaatlicher Regulierung faschistoiden Bürgerprotest samt Feindbildern generiert. Die Asymmetrie besteht darin, dass einerseits die politische Führung der Vereinigten Staaten, republikanische Präsidenten mehr – demokratische weniger, es über die Dekaden hinweg unternommen hat, die an der negativen Leistungsbilanz ihres Landes erkennbaren, durch ansehnliche Wachstumsraten verdeckten strukturellen Schwächen der Wirtschaft durch forcierte militärische Rüstung zu kompensieren, um Welthegemon zu bleiben. Und dass andererseits, zur Freude unserer Vulgärmarxisten, die chinesische Führung unbeirrt auf die Entwicklung der ökonomischen Basis gesetzt hat – aus der „sich dann alles ableiten“ würde. Zum Beispiel auch der Status der ersten Militärmacht dieser Welt. Es wurde bereits artikuliert: Unter der Bedingung, dass die chinesische Wirtschaft auch längerfristig schneller wächst als die bereits überflügelte amerikanische, ist auch bei relativ bescheidenem Anteil der chinesischen Verteidigungsausgaben am Brutto-Inlandsprodukt deren Zunahme bis auf den Rang 1 nur eine Frage der Zeit. Diese Perspektive dürfte in Beijing ruhige Zuversicht bescheren – allerdings nur bei Verdrängung der Möglichkeit, das eigene System könnte von der Überkontrolle in Zerrissenheit umschlagen – und letztlich vielleicht gar instabiler werden als das des Kontrahenten, das sich vor dem Hintergrund seiner großen demokratischen Tradition von den durch faschistoiden Bürgerprotest gestützten Angriffen eines brandgefährlichen Egomanen erholen mag. Dauerkonflikt: Konkurrenz mit den USA 72 Geostrategie: Kalküle und Besorgnisse Abgesehen von den Aussichten für eine fernere Zukunft: Wie steht es mit der kurz- beziehungsweise mittelfristigen Perspektive, für die mit beträchtlicher amerikanischer Militärmacht gerade auch im östlichen Asien durchaus noch gerechnet werden muss? Auf der strategischen Ebene scheint die chinesische Führung den USA nicht Paroli bieten zu wollen – jedenfalls nicht im Sinne eines Sich-Einlassens auf ein Wettrennen um die glaubwürdigsten Kriegführungsoptionen. Dafür wird der regionalen Machtentfaltung vor allem mit konventionellen militärischen Mitteln deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht nur, um in der eigenen Region unbestrittene Dominanz zu genießen, sondern auch um die Freiheit zu haben, aus dieser Basis heraus ungehindert im globalen Maßstab operieren zu können. Die Erreichung dieses doppelten Ziels erscheint aus der Sicht der Zentrale in Beijing jedoch durchaus nicht unproblematisch. Besteht doch der Eindruck, der sich mitunter fast wie eine Obsession darstellt, dass der Widerpart in Washington eine Einkreisungspolitik betreibt, um Chinas Bewegungsspielraum nach Osten und Süden einzuschränken (Goldstein 2019 b: 3). Dieser Eindruck macht sich an der Tatsache fest, dass Nachbarländer, die gleichsam „am anderen Ufer“ der Randmeere liegen, mit den USA verbündet sind oder sich zumindest verbesserter Beziehungen zu der pazifischen Großmacht erfreuen. Es sind dies Japan und Südkorea (Gelbes und Ostchinesisches Meer), Taiwan (Ost- und Südchinesisches Meer) sowie die Philippinen und Vietnam (Südchinesisches Meer). Weniger als relevante Größen erscheinend, aber doch auch von China Geostrategie: Kalküle und Besorgnisse 73 zu berücksichtigende weitere Anrainer des Südchinesischen Meeres: Malaysia und das Sultanat Brunei. Im Hintergrund des Einkreisungsringes werden außerdem noch Australien und Indien gesehen (ebd.). Die Befürchtungen werden noch dadurch verstärkt, dass Washington Großverbände der U.S. Navy, die als Verbindungsglieder der geostrategischen Einkreisungskette wahrgenommen werden können, vor Ort präsent hält, um – auf den alten Rechtsgrundsatz der „Freiheit der Meere“ pochend – das globale Gewicht der Vereinigten Staaten unmittelbar spürbar zu machen. Einzelne US-Kriegsschiffe zeigen ihre Flagge gar in Gewässern, für welche China die Hoheit beansprucht. Die umstrittenen Inselgruppen Wir weisen hier nur kurz auf den Streit um die unbewohnten Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer hin, die Japan 1972 seiner Verwaltung unterstellt hat, und auch auf den um eine von China erklärte Flug-Kontrollzone, ebenfalls in diesem Seegebiet. Dabei fällt eine gewisse Scheu der chinesischen Seite auf, den Konflikt konsequent zu eskalieren. Dies mag mit dem beträchtlichen Potential der japanischen Streitkräfte zusammenhängen, über größere Distanz Kampfkraft zu entfalten (siehe weiter unten). Ein weitaus bedeutenderer Brennpunkt des Geschehens ist seit mehreren Dekaden das Südchinesische Meer, in dem es zwei Inselgruppen gibt, nämlich die Spratly- und die Paracel- Inseln, auf die jeweils mehrere Anrainer Ansprüche erheben (BBC 2016 a; BBC 2016 b; Wang 2005). Diese Eilande haben nicht nur wegen der dort entdeckten bzw. vermuteten Rohstoffvorkommen (Erdöl und Erdgas) be- Dauerkonflikt: Konkurrenz mit den USA 74 sondere Bedeutung, sondern auch im regionalstrategischen Sinne: und zwar ganz besonders für China. Die wichtigsten Handelswege der Volksrepublik laufen nämlich durch das Südchinesische Meer: die nach Afrika, Arabien und Europa. Deswegen die – völkerrechtswidrige – chinesische Position, das Südchinesische Meer möglichst zum mare nostrum zu erklären (Perlez 2016). Die Paracel-Inseln liegen im nördlichen Teil des Südchinesischen Meeres, werden von Vietnam beansprucht, wurden jedoch bereits 1974 von chinesischen Streitkräften eingenommen sowie in einem vorsichtigen, aber sich beschleunigenden Prozess zu einer Basis mit Flugabwehrraketen und Startbahnen für Kampfflugzeuge gemacht. 2014 hat dort ein chinesisches Unternehmen Erdölvorkommen entdeckt. Die Spratly-Inseln, südöstlich der Paracel-Gruppe gelegen, sind ein Ensemble von über 100 kleinen Eilanden, Riffen und Atollen. In ihrem Bereich werden substanzielle Öl- und Erdgasvorkommen vermutet. Gegenwärtig sind die Inseln unter sechs Staaten aufgeteilt, die dort Kontrolle ausüben: Vietnam (mit dem größten Anteil), China, Taiwan und den Philippinen, die auf den Spratlys jeweils Militärstützpunkte unter-halten, während Malaysia und Brunei nur eher symbolisch präsent sind: nämlich mit Leuchtfeuern für die Schifffahrt. Plausible Spekulation: Gäbe es die maritimen Machtdemonstrationen der Vereinigten Staaten nicht, könnte es durchaus sein, dass der Prozess der Inbesitznahme und Militarisierung des Südchinesischen Meeres durch die Volksrepublik China noch um einiges weiter vorangeschritten wäre. Die umstrittenen Inselgruppen 75 Ost und Süd: Anrainer unter Druck? Die Einkreisung Chinas: Nüchtern betrachtet Von einer Einkreisung Chinas im engeren Sinne lässt sich wohl kaum sprechen. Dazu müsste nämlich gehören, dass die Staaten, durch welche die Führung der Volksrepublik ihr Land unmittelbar beengt sieht, untereinander (wir denken an Japan, Südkorea, Taiwan, die Philippinen und Vietnam) – generell und insbesondere auch in militärischer Hinsicht – Kooperationsverhältnisse eingegangen sind. Dies ist aber nicht der Fall. Zwischen Japan und Südkorea etwa besteht vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der japanischen Besatzung und der Unfähigkeit der Regierung in Tokio, diese angemessen aufzuarbeiten, ein über die Dekaden hinweg getrübtes und aktuell wieder einmal recht problematisches Verhältnis (Sakaki 2019). Taiwan (Republic of China) ist nach Kriterien der Vereinten Nationen ein Nicht-Staat und scheint außenpolitisch alles zu vermeiden, das den begehrlichen großen Bruder provozieren könnte: zum Beispiel auch eine militärische Kooperation mit anderen Staaten des „Ringes“. Die Philippinen sind hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt: Demokratie- und Menschenrechtsprobleme, Terrorismus. Ihre Zusammenarbeit in Südostasien bezieht sich ausschließlich auf die Förderung von Wirtschaft und innenpolitischer Stabilität – und zwar durch die Mitgliedschaften in APEC (asiatisch-pazifische Wirtschaftsgemeinschaft) und ASEAN (Verband südostasiatischer Nationen). 77 Letzteres gilt auch für Vietnam, das sich im Übrigen durch sein „sozialistisches“ System mit Staatspartei und Wirtschaftslenkung von den anderen erwähnten Staaten fundamental unterscheidet. Letztlich ist die Perzeption von Einkreisung also dadurch bedingt, dass die Glieder der Kette als je einzelne besondere Beziehungen zu den USA unterhalten und im Übrigen – historisch und von den politisch-ökonomischen Interessen her – die Volksrepublik als Herausforderung sehen. Vor diesem Hintergrund legitimiert sich die Frage danach, ob sich diese Staaten als je einzelne mit ihren insbesondere auch militärischen Potentialen der Volksrepublik so darstellen, dass sie ernst genommen und gegebenenfalls mit Machtmitteln in die Schranken gewiesen werden müssen. Es ist also zumindest kursorisch zu sondieren, mit welchen relevanten Gewichten es China in seiner östlichen und südlichen Nachbarschaft zu tun hat und wie die Perspektiven möglicher Konfrontationen aussehen könnten. So geraten Japan, Südkorea,Taiwan und Vietnam in unsere besondere Aufmerksamkeit, wobei dem „kleineren China“ ein eigener Abschnitt gewidmet sein soll. Die Philippinen bleiben hier ausgeblendet: militärisch eine quantité négligeable, allerdings – vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte – ein potenzieller „Träger“ von Basen USamerikanischer Luft- und Seestreitkräfte. Gleichwohl ist in diesem Kontext zu notieren, dass die Philippinen trotz relativer militärischer Schwäche, aber auf die Unterstützung Washingtons bauend, nicht nur ihre Präsenz auf den Spratly-Inseln, sondern – im Widerstreit mit Beijing – auch Nutzungsrechte von Öl- und Gasvorkommen im Gebiet des Scarborough-Korallenriffs beanspruchen, welches östlich der Paracel-Inseln liegt (Heydarian 2020). Ost und Süd: Anrainer unter Druck? 78 Die kleinen Riesen Japan: Es ist ein Land mit parlamentarischem System westlicher Prägung – bei Fortbestand traditioneller Orientierungen in Gesellschaft und Politik. Sein Wirtschaftspotential erscheint durch das chinesische deklassiert: rangiert doch das BIP – kaufkraftbereinigt – auf Platz 4 der Weltrangliste, hinter der Volksrepublik, den USA und Indien. Doch ist es, bei Überalterung seiner Bevölkerung (von fast 127 Millionen) und einer tendenziellen Verknöcherung sozialer Strukturen, immer noch ein Quell technologischer Innovation. Die Insellage Japans macht es für etwaige Invasionsunternehmungen vom asiatischen Festland her kaum erreichbar – jedenfalls nicht für chinesische, deren technische Mittel mangels Reichweite und Umfang gegenwärtig und auf absehbare Zeit dafür nicht geeignet erscheinen. Die „Japanischen Selbstverteidigungskräfte“, die sich ausschließlich aus Freiwilligen rekrutieren, deren Ausbildungsstand hoch ist, umfassen derzeit knapp 250.000 Personen in Uniform. Hinzu kommt eine schnell aufrufbare Reserve von etwa 56.000 (IISS 2019: 276 ff). Die militärische Führung verfügt über eine nationale Satelliten-Kapazität mit 11 derzeit aktiven Erdtrabanten für Zwecke der Kommunikation und Aufklärung. Die Landstreitkräfte haben über 150.000 Soldatinnen und Soldaten unter ihren Fahnen. Die Gliederung sieht einen kleineren Teil an schweren bzw. mechanisierten Verbänden und einen etwas größeren an leichter, beweglicher Infanterie vor sowie dazu noch eine substanzielle Komponente luftmobiler Truppen. Abgesehen von einer Unterausstattung mit Infanterie- Kampffahrzeugen darf die Ausrüstung als angemessen und modern gelten. Der neueste Kampfpanzer zum Beispiel liegt Die kleinen Riesen 79 technologisch deutlich über dem chinesischen Gegenstück. Im Übrigen ist die Ausstattung mit Hubschraubern aller Art üppig: ein weiteres Indiz für Modernität. Mit ihrer Beweglichkeit und Feuerkraft erscheinen diese Landstreitkräfte durchaus geeignet, etwaige Landeversuche auf den Hauptinseln, wenn denn die Möglichkeit dazu bestünde, erfolgreich abzuwehren. Die Seestreitkräfte, mit einem Personalumfang von gut 45.000, verfügen über 20 dieselelektrische U-Boote moderneren Zuschnitts als die chinesischen Entsprechungen sowie 49 größere Überwasser-Kampfschiffe mit leistungsfähiger Sensorik und Lenkwaffenausstattung: deutlich über 50 Prozent des PLAN-Bestandes. Diese Streitmacht umfasst neben Zerstörern und Fregatten auch zwei Kreuzer und vier Hubschrauberträger, welch Letztere sich der Umrüstung auf den Betrieb mit senkrecht startenden Flugzeugen empfehlen (naheliegend: der Multirollentyp F-35B sowie der V-22 für Transport- und Verbindungszwecke, beide US-amerikanischer Provenienz). Und nicht zu übersehen: Eine starke Marineluftwaffe widmet sich der U-Jagd, der Seeraumüberwachung sowie der elektronischen Aufklärung bzw. Kampfführung. Alles in allem erscheint diese Streitmacht, im Verein mit Langstreckenjägern der Luftwaffe, gut geeignet, etwaige maritime Bedrohungen schon weit entfernt von den Inseln zu bekämpfen sowie die vitalen Seehandelswege von und nach Japan zu sichern. Die Luftstreitkräfte haben einen Personalbestand von ca. 47.000 und verfügen über fast 550 Kampfflugzeuge. Darunter sind etwa 190 schwere Jäger US-amerikanischer Herkunft (F-15): mit großem Aktionsradius und auf den neuesten technischen Stand gebracht. Die Mehrzahl der Flugzeuge, darunter Varianten eines Typs landeseigener Entwicklung, ist stärker der Luft-Boden/See-Rolle zur Schiffsbekämpfung sowie zur Unter- Ost und Süd: Anrainer unter Druck? 80 stützung der Heeresverbände gewidmet. Beachtlich: Über 100 Stealth-Multirollen-Maschinen des US-Typs F-35 befinden sich im Zulauf! Ebenfalls verfügt diese Teilstreitkraft über eine starke Komponente luftgestützten Radars für weitreichende Überwachungsaufgaben sowie eine nennenswerte Luftbetankungskapazität. Der Gesamteindruck rundet sich durch den Hinweis auf die Tatsache, dass die Luftverteidigung, über die fliegende Komponente hinaus, eine starke bodengestützte Abwehr besitzt: Mit AN/TPY-2-Frühwarn-Radaranlagen, PATRIOT- PAC-3 sowie auf Zerstörern stationierten SM-6 und SM-3-Abwehrraketen hat Japan enorme Verteidigungsfähigkeiten (multi layer) gegen ballistische Raketen aufgebaut. So erscheint, vor allem auch wenn noch der Aspekt der Nutzung des Heimvorteils berücksichtigt wird, der Luftschirm über Japan als eindrucksvoll. Eine zusätzliche Sicherung – über jene hinaus, die von den Selbstverteidigungsstreitkräften generiert wird – verspricht die seit Ende des Zweiten Weltkrieges andauernde Stationierung von US-Truppen in Japan. Es geht gegenwärtig um einen Präsenzbestand von ca. 54.000 – mit begrenzten Kräften der U.S. Army, einer Division Marine-Infanterie und beträchtlichen Kontingenten der Navy und der Air Force. Hervorzuheben ist hier, dass gerade das relativ kleine Element des Heeres mit seinen leistungsfähigen Mitteln weitreichender Luftverteidigung (gegen luftatmende Luftfahrzeuge wie auch ballistische Raketen), vor allem aber die Abwehrsysteme der U.S. Navy in besonderem Maße zum Schutz Japans beitragen (AEGIS Ashore, SM-6, SM-3 gegen Raketen aus dem „Westen“). Ansonsten sind die US-Kräfte, in einem engeren militärischen Sinn, zum Schutz Japans kaum erforderlich. Vielmehr geht es den USA um politischen Einfluss und eine Basis für die Machtprojektion in der Region. Die kleinen Riesen 81 Für den sehr unwahrscheinlichen Fall einer nuklearen Bedrohung Japans ließe sich allerdings eine gewisse Rückversicherung durch die US-amerikanische strategische Abschreckung (extended deterrence) konstruieren. Erscheint diese doch vor allem dann – unter Vorbehalten – glaubwürdig, wenn vor Ort US-Truppen involviert sind. Südkorea: Auch hier gibt es US-Truppen, nämlich in der Grö- ßenordnung von etwas unter 30.000 Soldatinnen und Soldaten, die Formationen der Army, der Marines und der Luftwaffe zugehören. Auch hier gilt, cum grano salis, was über die amerikanischen Kräfte in Japan im Hinblick auf ihre militärisch-politische Funktion gesagt wurde. Was den nuklearen Schirm der USA anbelangt, ist die Einschätzung analog. Das parlamentarische System Südkoreas (ROK: Republic of Korea), erst vor etwa drei Dekaden gelang die Emanzipation von autoritärer beziehungsweise militärischer Herrschaft, erscheint stabil und lebendig. Die Streitkräfte des Landes, eine gut ausgebildete Wehrpflichtarmee mit einem starken professionellen Kern, haben einen Präsenzumfang von etwa 625.000 Personen in Uniform. Hinzukommen ca. 3 Millionen Reservisten (IISS 2019: 283 ff, Knight/Unterseher 2020: 44 ff): als qualitativ hochwertiger Personalersatz oder zwecks Auffüllung angemessen ausgerüsteter, gekaderter Kampfverbände (zumeist leichte Infanterie). Aus einer Gesamtbevölkerung von nur etwas über 50 Millionen wird also, einschließlich der Reserven, eine Streitmacht generiert, die sich quantitativ mit der chinesischen gleichsam auf Augenhöhe befindet (und im Übrigen in ihrer Leistung die nordkoreanische Massenarmee deutlich deklassiert). Wie auch in Japan verfügt die militärische Führung über nationale Erdsatelliten zu Kommunikationszwecken. Aufklärungssatelliten stehen vor der Inbetriebnahme. Ost und Süd: Anrainer unter Druck? 82 Die präsenten Landstreitkräfte haben einen Umfang von fast 500.000 Köpfen. Der kleinere Anteil der Kampfverbände ist (schwer) gepanzert beziehungsweise mechanisiert, mit hochmodernem Gerät (Panzer, Infanterie-Kampffahrzeuge, Panzerartillerie) ausgestattet. Der größere Anteil entfällt auf leichte, hochbewegliche Infanterie: den Geländebedingungen auf der Koreanischen Halbinsel angepasst. Im Übrigen wird die operative Mobilität durch eine üppige Ausstattung mit Hubschraubern aller Art gefördert. Beeindruckend ist auch die Ausstattung des Heeres, und zwar in zunehmender Zahl, mit hochpräzisen Kurzstreckenraketen (Reichweiten: 100 km plus) – offenbar für konventionelle Entwaffnungs- und Enthauptungsschläge vorgesehen. (Diese Kampfmittel sind sicherlich ein Indikator besonderer militärischer Potenz. Sie verleiten allerdings in bestimmten Bedrohungslagen zu Präemptionskalkülen, was der Krisenstabilität nicht förderlich ist.) Die maritimen Kräfte, mit uniformiertem Personal im Umfang von etwa 70.000, haben eine starke Küstenschutz- Komponente und verfügen darüber hinaus über 16 moderne dieselelektrische U-Boote (z. T. mit Außenluft-unabhängigem Zusatzantrieb!) sowie 26 größere Überwassereinheiten, darunter zwei Kreuzer, mit fortgeschrittenster Sensorik und Lenkwaffenausstattung. Außerdem noch zu notieren: Marine-Infanterie mit fast 30.000 Soldatinnen und Soldaten mit der dazugehörigen leistungsfähigen Landungsflotte sowie eine starke Marineluftwaffe vor allem für Zwecke der U-Jagd und Aufklärung. Die Luftstreitkräfte, mit einem Personalumfang von ca. 65.000, verfügen – nebst fliegenden Radarplattformen und Betankungsmaschinen – über fast 500 taktische Kampfflugzeuge (im Durchschnitt leichter als die japanischen), die zum kleineren Teil für die Luftjagd und zum deutlich größeren für die Luft-Boden-Rolle vorgesehen sind. Das Material – meist US- Die kleinen Riesen 83 amerikanischer Herkunft, aber auch aus landeseigener Produktion – ist zu geringerem Anteil älterer Provenienz, allerdings mit up-dates, und in klarer Mehrzahl modern bis hochmodern. Die Beschaffung von F-35 hat begonnen. Die bodengestützte Luftverteidigung schließlich ist quantitativ relativ stark und mit älterem wie neuerem US-amerikanischem Gerät unterschiedlicher Reichweiten ausgestattet, darunter auch das System PATRIOT. Seit 2017 sind zudem THAAD-Systeme (Terminal High Altitude Area Defense) installiert worden – mit Lenkwaffen und einer Sensorik, die im Hinblick auf die Bekämpfung ballistischer Flugkörper über den PATRIOT-Standard hinausreichen. Der Gesamteindruck legt nahe, dass Südkorea – es ist ohnehin zu einer standfesten konventionellen Verteidigung gegenüber dem Norden befähigt (Knight/Unterseher 2020: 63 ff, 78 ff) – das Potential besitzt, etwaigen militärischen Einmischungsversuchen Chinas im Falle von Turbulenzen um das Regime in Pjöngjang offensiv zu begegnen. Auch flankierende Operationen der PLAN samt chinesischer Seelandungskräfte könnten wahrscheinlich, den Heimvorteil nutzend, erfolgreich abgewiesen werden. Es ist also zumindest gegenwärtig und auf absehbare Zeit anzunehmen, dass die Volksrepublik China, neben Japan, auch die Republic of Korea militärisch-politisch kaum unter Druck setzen könnte. Vietnam: Verglichen mit Japan und Südkorea ist die vietnamesische Volksrepublik, mit einer Bevölkerung von ca. 97 Millionen, ein armes Land. Das kaufkraftbereinigte Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf lag nämlich 2018 auf Rang 129 in der Welt, während die beiden Erstgenannten die Plätze 31 und 32 hielten (IWF 2019 b). Gleichwohl hat das real-sozialistische Regime es verstanden, auch vor dem Hintergrund einer sich entwickelnden Ost und Süd: Anrainer unter Druck? 84 Wirtschaft, eine relativ eindrucksvolle Streitmacht zu unterhalten: eine Armee, die stolz auf ihre Siege über die französischen Kolonialtruppen, die Vereinigten Staaten, das Pol-Pot-Regime in Kambodscha sowie die erfolgreiche Abwehr des darauf folgenden massiven chinesischen Überfalls zurückblicken kann. Gegenwärtig verfügen die vietnamesischen Streitkräfte über militärisches Personal im Umfang von über 480.000 (IISS 2019: 314 ff). Der professionelle Kern dieser Truppe ist relativ klein. Es gilt die allgemeine – allerdings recht selektiv gehandhabte – Wehrpflicht. Hinzukommen etwa 5 Millionen Reservisten: der kleinere Teil als Personalersatz und zur Auffüllung gekaderter Verbände der regulären Streitmacht, der weitaus größere als Basis einer landesweiten Milizorganisation mit örtlichen oder regional beweglichen Einsatzformationen. Die Landstreitkräfte haben eine Personalstärke von über 410.000. Deren relativ geringer Anteil an schweren Verbänden ist zumeist mit veralteter sowjetischer sowie chinesischer(!) Technik ausgerüstet. In jüngster Zeit wurde allerdings eine begrenzte Anzahl moderneren russischen Geräts beschafft. Die Masse der Kampfverbände besteht jedoch aus leichten Infanteriedivisionen mit angemessener Ausstattung an Mitteln indirekten Feuers und für die Panzer- bzw. die Flugabwehr. Auch die aus der Reserve zu bildenden Verbände entsprechen diesem Muster. Es besteht offenbar vor dem Hintergrund knapper Mittel kein besonderer Ehrgeiz, es mit einem modernen Gegner angriffsweise aufzunehmen – wohl aber der Wille, die eigenen Stärken in der Defensive auszuspielen: wie auch früher schon. Die Seestreitkräfte Vietnams haben, einschließlich 27.000 Marine-Infanteristen (mit Landefahrzeugen nur für taktische Operationen kürzerer Reichweite), eine Kopfstärke von ca. 40.000. Deren Schutz der Küstengewässer ist mit etwa 70 Einheiten, Korvetten und kleineren Fahrzeugen, zahlenmäßig durch- Die kleinen Riesen 85 aus eindrucksvoll. Doch gibt es nur wenige größere Plattformen für Operationen größerer Reichweite. Allerdings zeigt die neuerliche Beschaffung von 6 U-Booten und 4 Fregatten (alle Lenkwaffenträger) in Russland, dass hier ein Schwerpunkt der Modernisierung gesetzt wird. Die plausible Annahme: Der Griff Chinas nach der Kontrolle über das Südchinesische Meer, einschließlich der erwähnten Inselgruppen, soll offenbar nicht einfach hingenommen werden. Dasselbe Motiv gilt wohl auch für die Leistungssteigerung der Luftstreitkräfte, die mit einer Kopfstärke von etwa 30.000 über eine quantitativ erhebliche bodengestützte Luftverteidigung sowie mehr als 70 taktische Kampfflugzeuge sowjetischrussischer Herkunft verfügen. Nach einem Modernisierungsschub besteht diese Flotte nun überwiegend aus leistungsfähigen Jagdbombern größerer Reichweite. Als Nation ist die vietnamesische Volksrepublik durch das mächtige China kaum mit militärisch flankiertem politischem Druck erpressbar. Doch erscheint die Macht Beijings insbesondere auch im Südchinesischen Meer als so erdrückend, dass ein isoliertes Vietnam längerfristig keine Chancen hätte, seine Interessen in diesem Gebiet zu behaupten. In diesem Zusammenhang ist von beträchtlicher Relevanz, dass die USA 2016 ihr Waffenembargo gegenüber Vietnam aufgehoben haben und dass südkoreanische sowie indische Rüstungsunternehmen dieses Land als Markt entdeckt haben (ebd.: 317). Ost und Süd: Anrainer unter Druck? 86 Republic of China: Leichte Beute? Eine prekäre Situation? “The United States as a whole must understand that although Taiwan is the easiest place to provoke Mainland China, it is also the place where the U. S. is most at risk. It is precisely that China has the most real cards against the U. S. provocation in the Taiwan Strait region, and China has the strongest will and capacity to defend the core interests of the country. This is not a joke …“ (zit. n. Goldstein 2020 a: 2). Dieses Zitat stammt aus einem Leitartikel der in Beijing erscheinenden Global Times vom 25. Dezember 2019. Der Autor wird nicht genannt, was auf eine offiziöse Quelle hinweist. Hierzu will passen, dass seit dem Mai 2020 der Begriff „friedliche Wiedervereinigung“ (mit Taiwan) aus dem volkschinesischen Sprachgebrach par ordre de mufti verschwunden ist (Sanger et al. 2020). Tatsächlich ist Taiwan das am meisten exponierte Glied der von Beijing vermuteten „Einkreisungskette“, die mangels politischer Verbindung der einzelnen Glieder untereinander freilich gar keine Kette im eigentlichen Wortsinne bildet. Die Republic of China steht seit Jahren unter wachsendem Druck, sich vermittels einer föderalen Konstruktion mit der Volksrepublik zu vereinigen und damit den „Fehler“ ihrer Gründung gegen die Machtübernahme der Kommunisten im Jahre 1949 rückgängig zu machen. Das verlockende Motto des Zusammenschlusses: „Ein Land – zwei Systeme“. 87 Dieses aber wurde spätestens mit dem eisernen Griff nach der Autonomie Hongkongs, der sich in dem auf dem Volkskongress vom Mai 2020 eingebrachten „Sicherheitsgesetz“ manifestierte (sieben Wochen später in Kraft), auf das Gründlichste desavouiert: ist doch eigentlich die relative Selbständigkeit der ehemaligen britischen Kronkolonie bis zum Jahre 2047 völkerrechtlich garantiert (Kornelius 2020). Taiwan, oder „Formosa“: die wunderschöne Insel, ist eine stabile parlamentarische Demokratie westlichen Stils mit „Zutaten“ nach den Ideen Sun Yat-sens, des geistigen Vaters des republikanischen Chinas (außer Exekutive, Legislative, Judikative auch „Prüfung und Kontrolle“: also regelgerechte Beamtenauswahl und Rechnungshof). Dieses freiheitliche System hat sich – analog zu dem Geschehen in Südkorea – von autoritären Anfängen erfolgreich emanzipiert. Die politischen Orientierungen gegenüber dem „Festland“ pendeln zwischen (etwas) größerer Annäherung oder aber Abgrenzung. Das Konzept einer föderalen Lösung dürfte allerdings nach den Ereignissen um Hongkong noch weniger mehrheitsfähig sein als bereits zuvor. Taiwan ist eine relativ wohlhabende Nation – lag doch 2018 das kaufkraftbereinigte Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf (IWF 2019 b), wie wir bereits wissen, auf dem 18. Platz der weltweiten Rangliste (Deutschland: 19), während die Volksrepublik in diesem Zusammenhang (noch) eher abgeschlagen rangierte (78). Auch der Human Development Index (HDI) würde den Inselstaat relativ weit vorne sehen, doch die Weltbank weist einen entsprechenden Wert nicht aus(!), da die Republic of China nicht Mitglied der Vereinten Nationen ist. So hat die taiwanesische Statistik es unternommen, diese Lücke zu schließen. Danach lag der Inselstaat vor einigen Jahren in der entsprechenden Rangliste auf dem 21. Platz (Lin Shu-yuan/Manbo Chang Republic of China: Leichte Beute? 88 2014). Wir erinnern uns: Nach neueren Erkenntnissen der Weltbank liegt die Volksrepublik aber nur auf Platz 85. Zur militärischen Lage Es wird behauptet, dass Taiwan – als eines der Ergebnisse der Aufrüstung der Volksrepublik – eine militärisch leichte Beute geworden sei: jedenfalls wenn die USA sich aus dem Konflikt heraushielten. Da wird etwa angedeutet, dass die zahlreichen konventionellen PLA-Präzisionslenkwaffen kürzerer und mittlerer Reichweite die Luftverteidigungskräfte der Insel mit einem geballten Schlag so lähmen könnten, dass die PLAA-Formationen schnell jene Herrschaft über den angestrebten Landungszonen erlangen würden, die für eine erfolgreiche Invasion erforderlich ist (Goldstein 2020 a: 3 ff). Damit ist impliziert, der rotchinesische Griff nach der Insel könne so schnell erfolgen, dass Washington – vor die Perspektive gestellt, für seinen Schützling mit allen Risiken massiv eskalieren zu müssen – sich am Ende mit dem fait accompli abfinden würde. So einfach ist die Sache aber nicht. Ein Blick auf die militärische Situation aus „Inselsicht“ macht verständlich, dass die politischen Führer Taiwans die Autonomie ihres Gemeinwesens, selbst ohne eventuelles Eingreifen der USA, nicht in unmittelbarer, großer Gefahr sehen. Die Verteidigungsausgaben betrugen 2018 (ohne Militärpensionen und Ausgaben für die Liegenschaften) etwa 1,8 Prozent des Brutto-Inlandsproduktes. 1994 lag der entsprechende Wert noch bei 3,8 Prozent. Mit dieser Tendenz ist angezeigt, dass sich die Politiker in Taipeh durch die Herausforderung der Volksrepublik keineswegs zu einem kostspieligen, die zivile Entwicklung hemmenden Rüstungswettlauf verleiten ließen. Zur militärischen Lage 89 Die Verteidigungsausgaben sollen wohl nur noch im Maßstab des BIP-Wachstums zunehmen: bis 2027 von 11,34 Millionen (2020) auf 13,1 Millionen US Dollar (konstant/nominal). Zwar haben sich die USA im Taiwan Relations Act von 1979 zur Rüstungshilfe verpflichtet: “The United States shall provide Taiwan with arms of a defensive nature“ (zit. n. IISS 2019: 307), doch hat Präsident Reagan der Führung in Beijing 1982 zugesagt, diese Festlegung restriktiv zu handhaben. Dies und die generelle internationale Isolierung der Insel – nur sehr wenige andere Nationen haben Waffenhilfe geleistet – führten dazu, dass eine eigene Rüstungsproduktion aufgebaut wurde, die auf Gebieten, auf denen Hochtechnologie sich wirklich auszahlt, modernstes Gerät zu erstaunlich niedrigen Preisen liefert. Wenn gerüstet wird, dann offenbar mit Augenmaß. Im Laufe der Jahre hat es sich ergeben, dass Washington das Versprechen gegenüber Beijing zunehmend als weniger bindend ansah. Taiwan wurde zu einem wesentlichen Rüstungskunden der USA. Diese Entwicklung erreichte mit der gegen die Volksrepublik gerichteten Politik der Trump-Administration einen vorläufigen Höhepunkt: Der Lieferung von über 100 M1(Abrams)-Panzern, 66 brandneuen F-16 Jagdbombern und der Modernisierung von bereits vorhanden älteren Versionen dieses Typs (145 Maschinen) steht nun nichts mehr im Wege. Der Inselstaat mit einer Bevölkerung von fast 24 Millionen hat Freiwilligen-Streitkräfte mit einem Umfang von ca. 163.000 Soldatinnen und Soldaten. Die – gut ausgebildete – Reserve ist, mit einer Kopfstärke von fast 1,66 Millionen sehr beachtlich (ebd.: 307 ff). Die Landstreitkräfte umfassen 88.000 Militärpersonen. Auffällig ist eine relativ starke Komponente von luftmobilen Spezialkräften mit angemessenem Hubschraubertransport. Wobei sich diese Transportkomponente durch 90 moderne Kampfhubschrauber mit Lenkwaffenausstattung ergänzt findet. Republic of China: Leichte Beute? 90 Bei den terrestrischen Kräften gibt es ein Übergewicht der schweren bzw. mechanisierten Verbände. Allerdings können diese im Krisenfall nicht aus der Reserve vermehrt werden, die leichteren Kräfte (Infanteriebrigaden) aber wohl: und zwar um das Dreieinhalbfache. Die Ausrüstung der schweren Verbände ist älterer USamerikanischer Herkunft (allerdings beträchtlich modernisiert). Ein Fünftel davon wird allerdings, wie erwähnt, durch sehr kampfkräftige Abrams-Panzer ersetzt. Bemerkenswert ist im Übrigen, dass eine neue Radpanzerfamilie (8X8) aus heimischer Produktion, über 400 vorhanden, weitere 250 im Zulauf, ebenfalls als Ersatz älterer US-Ausrüstung die mechanisierten Brigaden, aber wohl auch einige der Infanterie in ihrer Durchsetzungskraft steigern soll. Diese leichte Panzerfamilie, mit Versionen als Jagdpanzer, Infanterie- Kampffahrzeug oder -Träger sowie als Mörserplattform, ist das direkte Pendant des rotchinesischen ZBL-08/ZTL-11-Konzepts, hat aber etwas vorteilhaftere Leistungsdaten. Ebenfalls von Interesse: Die Zahl der Mittel indirekten Feuers – Geschütze, Salvenwerfer, Mörser – übersteigt die der Kampfpanzer um mehr als das Vierfache. Dies, und die Tatsache des Überwiegens relativ schneller leichter Kampfverbände im Krisenfall, passt zu dem plausiblen Rezept, etwaigen feindlichen Landungsversuchen mit Feuerkraft und der Möglichkeit optimaler Allokation von Truppen zu begegnen: so, dass den zahlenmäßig durchaus nicht eindrucksvollen Marines der PLAN jeweils stärkere Verteidigerkräfte gegenüberstehen würden. Zur Küstenverteidigung durch die Landstreitkräfte gehören darüber hinaus auch mobile Abschussrampen für Anti- Schiff-Lenkflugkörper aus landeseigener Produktion, die sich durch hohe Präzision und Reichweiten bis etwa 150 km auszeichnen. Hinzukommt eine reiche Ausstattung mit Mitteln Zur militärischen Lage 91 der Flugabwehr kürzerer Reichweite (Kanonen- und Raketensysteme). Die Seestreitkräfte haben einschließlich der Marine-Infanterie (mit 10.000) eine Personalstärke von 40.000. Sie verfügen über 2 U-Boote niederländischer Herkunft (ca. 30 Jahre alt, aber auf modernem Stand) sowie 2 noch ältere zu Ausbildungszwecken. 8 weitere sind geplant (aus landeseigener Produktion). Hinzukommen 4 Kreuzer und 22 Fregatten: Diese sind aus neuerer und älterer US-amerikanischer sowie aus landeseigener und französischer Produktion (im letzteren Fall handelt es sich um Stealth-Plattformen). Sämtlich sind sie mit leistungsfähigen Lenkwaffen ausgerüstet. Es handelt es sich bei jenen zur Bekämpfung von Schiffen um die Flugkörper, die auch beim Küstenschutz der Landstreitkräfte eingesetzt werden. Ebenfalls zu Zwecken des Küstenschutzes hat die Flotte 44 weitere – kleinere – Einheiten, die mit den etwa 160 Patrouillenbooten der paramilitärischen Coast Guard kooperieren, welche nicht dem Verteidigungsministerium untersteht und eine Personalstärke von über 11.500 hat. Die Marine-Infanterie verfügt über 8 größere und immerhin fast 50 kleinere Landungsschiffe. Womit sich die Frage stellt, ob für den Fall der Fälle an Einsätze größerer Kommandos auf dem Festland gedacht ist: etwa um die Regimetreue der dortigen Bevölkerung zu testen. Das Bild rundet sich durch den Hinweis auf eine kleine, aber leistungsfähige Marineluftwaffe, hauptsächlich für die U- Jagd. Die Luftstreitkräfte, mit 35.000 Soldatinnen und Soldaten unter ihren Fahnen, verfügen über ca. 480 Kampfflugzeuge. Gegenüber älteren US-Modellen haben moderne Maschinen die Mehrheit. Da sind 60 französische Mirage 2000 in der Jagdrolle und 145 Jagdbomber vom Typ F-16, die, wie gesagt, mit US‑Hilfe auf den neuesten Stand gebracht werden, sowie über 130 in der Leistung vergleichbare Chung Kuo (F-CK-1) aus Republic of China: Leichte Beute? 92 landeseigener Produktion. Die 66 von den USA zu liefernden F-16 der neuesten Version sollen einen Teil der älteren amerikanischen Modelle ersetzen. Die Jagdbomberflotte trägt u. a. auch die erwähnte Anti-Schiff-Lenkwaffe. Eingesetzt werden diese Kräfte auf der Basis von Lage-Informationen, die eine leistungsfähige Komponente fliegender Radarplattformen liefert. Last, but not least sticht das „Air Defence and Missile Command“ dieser Teilstreitkraft hervor. In ihm ist zum einen eine auf neueres US-Gerät (PATRIOT/PAC-3 gegen Luftfahrzeuge bzw. ballistische Raketen) sowie landeseigene Neuentwicklungen (Tien Kung I, II, III) gestützte strategische Luftverteidigung sowie zum anderen ein wachsendes Potential (heimische Massenproduktion ab 2018) von Präzisionslenkwaffen gegen Land- und Seeziele organisatorisch zusammengefasst. Die Reichweite dieser Waffen (Hsiung Feng III-Serie) kann zwischen 400 km und 1.500 km variieren. Da es sich nicht um ballistische Flugkörper handelt, sind sie schwer abzufangen. Der generelle Eindruck ist, dass die Streitmacht der Republic of China keineswegs leicht aus den Angeln zu heben ist. Den in der Anzahl durchaus begrenzten Strike-Mitteln der PLA stehen auf der Insel solche zur wirksamen Präemption gegenüber, was allerdings Probleme der Krisenstabilität aufwirft (siehe auch das Beispiel „Südkorea“). In der Hauptsache aber ist zu verzeichnen, dass Taiwan in der Abwehr stark ist und offenbar bei der Anlage seiner Verteidigung den Heimvorteil systematisch nutzt, was die Härtung (Verbunkerung) wichtiger Komponenten der Infrastruktur und der Streitkräfte beziehungsweise deren Beweglichmachung einschließt. Der Hauptvorteil liegt allerdings in der Insellage, der bedeutet, dass „anreisende“ Landekräfte mindestens 200 km zurücklegen müssen, was 7 bis 12 Stunden dauern dürfte: eine Zeit, in der die entsprechenden Formationen und ihre Begleit- Zur militärischen Lage 93 kräfte die wunderschönsten Ziele bieten. Wobei die Aufmarschzonen der Landekräfte vermutlich bereits Tage zuvor durch die Fernaufklärung erkannt würden. Darin, dass ein schnelles fait accompli nicht zu erreichen sein dürfte, kann eine beträchtliche Abschreckungs- oder besser: Abhalte-Wirkung gesehen werden. Vor dem Hintergrund der hochentwickelten technologisch-industriellen Basis der Inselrepublik dürfte diese Wirkung auch längerfristig zu erhalten sein. Republic of China: Leichte Beute? 94 Variablen: Indien – Russland Ein Blick auf das Verhältnis Chinas zu zwei Staaten, denen im Sinne von Machtfaktoren, als jedenfalls besonders zu berücksichtigende Variablen, beträchtliche Relevanz zukommt: Russland und Indien – Länder, die beide Grenzen mit der Volksrepublik haben und die beide Atommächte sind. Andere an das Reich der Mitte grenzende Länder bleiben ausgeblendet: die Mongolei, die mittelasiatischen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Afghanistan, das südlich davon gelegene Pakistan sowie Nepal und Bhutan. Auch Nordkorea, das sicherlich Beijings spezieller Aufmerksamkeit bedarf, allerdings im Sinne eines Sorgenkindes (Knight/Unterseher 2020). Indien Die Bevölkerung Indiens ist fast so groß wie die der Volksrepublik und dürfte diese im Umfang während der kommenden Dekade zumindest einholen. Seine Wirtschaft befindet sich im langfristigen Aufschwung. Wegen der Vorteile eines Billiglohnlandes mit leistungsfähiger Wissenschaftselite nimmt das Gewicht des Landes, der größten Demokratie auf Erden, auf den globalen Märkten immer mehr zu. Die Streitkräfte dieser Atommacht rangieren im Hinblick auf die Kopfstärke, mit über 1,4 Millionen militärischem Personal, auf dem zweiten Platz hinter der PLA. Mit internationa- 95 ler Hilfe, und gestützt auf eine landeseigene, noch entwicklungsbedürftige Rüstungsindustrie, wird diese Streitmacht modernisiert. Dabei hat sich der Kreis der engeren Kooperationspartner erweitert (IISS 2019: 231). Neben Russland, dem alten Partner, sind mittlerweile auch europäische Länder sowie die USA in deren Kreis vertreten. Die USA sind in jüngster Zeit sogar zum wichtigsten Rüstungslieferanten Indiens aufgestiegen Indien ist seit 2017 Mitglied der „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“ (SOZ), die 2001 von Russland und China gegründet wurde, der auch mittelasiatische Staaten angehören und die sich als erklärt nicht-militärischer Zusammenschluss Aufgaben der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung gestellt hat. Die Mitgliedschaft Indiens, der Beitritt geschah erst nach längerem Zögern, mag dazu beitragen, etwaige Konkurrenzen mit China zu entschärfen. Zugleich erscheint Indien damit eingebunden und auf einen nachrangigen Platz verwiesen. Jedenfalls wird das Land nicht zu den unmittelbaren Nutznießern der „neuen Seidenstraße“ gehören, die nach dem Muster ihrer historischen Vorläuferin bekanntlich weiter nördlich verlaufen soll (Birjukow 2019). Ein größerer Zusammenstoß der beiden Kolosse, wer immer ihn auslösen würde, wäre in hohem Maße riskant und entbehrt plausibler Szenarien. Wohl aber ist es im Juni 2020 im Himalaya, angesichts immer noch ungeklärter Grenzfragen, zu einem erneuten brachialen Statusgerangel gekommen (Gettleman et al. 2020). Die Unruhe, die es in dieser Hinsicht in der Vergangenheit gab, wird es wahrscheinlich auch in Zukunft geben. Gut denkbar und im Übrigen gefährlicher ist auch, dass es im Indischen Ozean zu Konfrontationen kommen mag, die Eskalationsgefahren in sich bergen könnten. Sehen wir dort doch auf der einen Seite China, das in diesem Gebiet weitere Stütz- Variablen: Indien – Russland 96 punkte für seine Marine errichten möchte und das den „Indik“ und dessen Kontrolle als zentral ansieht, weil über ihn die wichtigen Handelswege nach Afrika, Arabien und Europa verlaufen. Und sehen wir auf der anderen Seite Indien, dessen Marine den Indischen Ozean aus nationalistischen Gründen und auch des Handels wegen als mare nostrum betrachtet – ganz so wie China seine Randmeere. Dabei bleibt zu notieren, dass die indische Kriegsmarine, als Ergebnis von Rüstungsprogrammen der letzten Jahre, in der Lage sein dürfte, dem chinesischen Widerpart vor Ort zumindest punktuell Paroli zu bieten. Konkret: Die indische Marine verfügt derzeit über 15 dieselelektrische U-Boote neuerer Technologie und 28 größere Überwassereinheiten: vor allem Lenkwaffenzerstörer und Fregatten (IISS 2019: 268 f). Russland “We are now helping our Chinese partners to create a missile attack warning system. This is a very serious thing, which will increase the defense capability of the People’s Republic of China in a fundamental way“ (zit. n. Goldstein 2020 b: 2). Dies ist ein Zitat aus einer Rede, die Präsident Putin Anfang Oktober 2019 auf der chinesisch-russischen „Waldai“-Konferenz hielt. Die Hilfe seiner Militärtechnologen steht in einer Linie mit der früheren Unterstützung Moskaus für die Streitkräfte des Reiches der Mitte. Man hilft dort aus, wo man selbst international präsentable Expertise hat und wo der chinesischen Rüstungsindustrie selbige noch fehlt: Man denke in diesem Kontext etwa an die Lieferung schwerer Jagdbomber oder die Russland 97 Kooperation bei der Entwicklung von Flugabwehrraketen gro- ßer Reichweite (S-400 und deren Abkömmlinge), die – auch – gegen ballistische Raketen verwendbar sind! Aber warum gerade die generöse Unterstützung beim Aufbau eines Raketenwarnsystems? Offenbar ist dieses als Schutz vor etwaigen Angriffen US-amerikanischer Flugkörper gedacht, also gegen einen Staat gerichtet, der von Russland auf der nuklearstrategischen Ebene und von China in einem ganzheitlichen Sinne als Konkurrent, oder besser gesagt: Gegner, gesehen wird. China wird damit größere Sicherheit vor einem entwaffnenden „Erstschlag“ geboten, womit übrigens sein Konzept einer Minimalabschreckung bestärkt würde. Auch Russland könnte von einem solchen chinesischen System profitieren: würde sich doch – bei Datenaustausch – die Sicherheit seines Riesenraumes im Osten erhöhen (ebd: 5 f). Und warum die Partnerschaft generell? Die entsprechende Motivlage ist sehr komplex. Da ist zunächst der Aspekt, dass die politischen Systeme der beiden Partner artverwandt sind: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“ Vielleicht sieht man sich gar in einer gemeinsamen Mission, nämlich demokratische Systeme zugunsten autoritärer oder gar totalitärer weltweit zurückzudrängen. Hinzukommt, dass Russlands Wirtschaft schwächelt. Es gibt wesentliche Strukturdefizite, und die Weltmarktsituation für russische Rohstoffe ist äußerst ungünstig. Erwartet werden also im Gegenzug für die gezielte Rüstungshilfe Investitionen und eine langfristig kalkulierbare, verlässliche Abnahme insbesondere von Erdöl. In Moskau scheint man auch erkannt zu haben, dass „der Bär den großen Drachen umarmen“ muss, um diesen von etwaigen Expansionsgelüsten gen Norden abzuhalten: von Argwohn getragene Beschwichtigungstaktik also. Die sowjetischrussischen Bemühungen einer dichteren Besiedelung Sibiriens Variablen: Indien – Russland 98 sind nämlich weitgehend gescheitert. Russland hat nur etwa ein Zehntel der Bevölkerung Chinas, und seine Streitkräfte haben nur den halben Umfang der PLA. So bietet sich denn das leere, aber rohstoffreiche Sibirien für eine „Überflutung“ von Süden her geradezu an. Gegenwärtig fragen sich erst wenige Moskauer Analytiker, wie die Partnerschaft aussehen wird, wenn man wegen der technologischen Fortschritte Chinas nichts Interessantes mehr zu bieten hat (ebd. 3 f). Russland 99

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References

Abstract

A detailed analysis of China's military power puts it in the context of the country's growing economic potential and the function as a stabilizer of the Communist Party's rule. The armed forces, with all relevant elements, are presented with their current strengths and deficits – along with a careful look at their technological and strategic perspectives: from the ground forces to activities related to cyber war and outer space. This serves as a basis for a discussion of China's relations vis-à-vis the USA and its neighbours across the adjacent seas. Not only the level of nuclear armaments, but also the question of an eventual encirclement of China is being dealt with: the latter as a means to curb Beijing's strife for hegemony.

Zusammenfassung

Eine detaillierte Analyse der militärischen Macht Chinas stellt diese in den Kontext der wachsenden wirtschaftlichen Leistungskraft des Landes und der Funktion einer Stabilisierung der totalitären Herrschaft der Kommunistischen Partei. Die Streitkräfte werden in all ihren Elementen auf Stärken und Schwächen sowie auf ihre technologischen und strategischen Perspektiven hin untersucht: von den Landstreitkräften bis zu Cyberwar- und Weltraumaktivitäten. Dies dient als Grundlage für die Diskussion des militärpolitischen Verhältnisses zu den USA und den Anrainern der chinesischen Randmeere. Dabei geht es sowohl um die Ebene nuklearer Rüstung als auch um die Frage einer etwaigen Einkreisung Chinas, um dessen Streben nach Hegemonie zu konterkarieren.