Content

IV EPILOG in:

Lutz Unterseher

Militärmacht China, page 101 - 106

Auf dem Weg zur Hegemonie?

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4550-3, ISBN online: 978-3-8288-7602-6, https://doi.org/10.5771/9783828876026-101

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
EPILOGIV Wille zur Hegemonie Die Chinesen waren schon immer da: ob als Betreiber von Restaurants mit einschlägigem Essen und – in manchen Ländern – von Wäschereien, ob als Vollstrecker im Auftrag der ominösen „Triaden“. Zudem: Wir denken in diesem Zusammenhang auch an den Import billigster Arbeitskräfte (Kulis) zum Zweck des Baus der transkontinentalen Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts. Nun sind sie überall – nicht mehr nur „Auslandschinesen“, sondern Vertreter ihres großartigen Vaterlandes: Studierende, Lehrende, Diplomaten, Unterhändler, Kaufleute, Ingenieure, Architekten, Ärzte, Planer, Manager, Industriespione, Geheimagenten, als Seeleute auf Handels- und Kriegsschiffen sowie im space suit im Weltall. Wenn die Volksrepublik sich weiter so entwickeln sollte wie bisher, mit Wohlstandswachstum und Stabilität, wobei eines das andere bedingt, wird ihre Wirtschaftskraft die der Konkurrenz auf dem Weltmarkt zunehmend hinter sich lassen. Und wie es sich bereits gegenwärtig andeutet: Die daraus resultierende Wirtschaftsmacht lässt sich in Kombination mit soft power sehr gut in politischen Einfluss ummünzen. Parallel dazu wird China sein militärisches Potential mehren – gleichsam als harte Währung nationaler Machtentfaltung. Anzunehmen ist, dass die Volksrepublik spätestens in etwa 15 Jahren, die USA deklassierend, die höchsten Rüstungsausgaben der Welt verzeichnen wird. Jedenfalls dann, wenn diese weiterhin im Maße des jeweiligen Wirtschaftswachstums zunehmen sollten. 103 Das große und wachsende Wirtschaftspotential Chinas, seine die Spitze anstrebende Militärmacht, die sich entwickelnde Omnipräsenz seiner Vertreter und die Politik der nach au- ßen konziliant sanften, aber letztlich knallharten Einflussnahme lassen nur einen Schluss zu: Es wird Hegemonie angestrebt, eine Dominanz globaler Relevanz (Erlanger 2020). Wille zur Hegemonie 104 Systemische Schwächen Es fragt sich allerdings, ob die Volksrepublik China, ein tendenziell totalitärer Staat, überhaupt für die Rolle des Hegemons geeignet ist. Hegemonie kann nämlich auf wie immer auch verbrämte schiere Macht, Geld und Waffen allein, nicht gegründet werden. Dies mögen die notwendigen Bedingungen sein. Doch in hinreichendem Maße geeignet ist ein Staat für diese Rolle wohl nur dann, wenn er seinen internationalen Einflussbereich auch kulturell an sich binden, wenn er Unterstützung und nicht bloße Folgsamkeit gewinnen kann. Nehmen wir zum Beispiel die Vereinigten Staaten von Amerika! Diese Nation hat sich immer als vergleichsweise offenes System präsentiert, wobei mitunter gar der Eindruck beträchtlicher Inkonsistenz entstand. So konnten Staaten unterschiedlichen politischen Zuschnitts an das Leitsystem gleichsam „andocken“. Da gab (und gibt) es zum einen, aus imperialem Interesse der USA, eine Öffnung gegenüber veritablen Diktaturen, beziehungsweise gar deren aktive Förderung, und da ist zum anderen die traditionelle Nähe zu Demokratien im Sinne einer Wertegemeinschaft. Hinzukommt, und das ist sehr wesentlich, die weltweite Vorbildfunktion der amerikanisch geprägten Zivilisation, des American way of life. Um dazu nur Stichworte zu nennen: das Ideal der Überflussgesellschaft, die moderne Freizeitkultur, standardisierte Ernährung und Kleidung, Popmusik sowie die mediale Beeinflussung der Massen durch „Hollywood“ (persönliche Notiz: „Dallas“ zum ersten Mal im jordanischen Fernsehen angeschaut). 105 Dabei traten die USA in die Fußstapfen des weltumspannenden Britischen Weltreiches, das mit der Verbreitung des Englischen (bzw. seiner Verstümmelungen) eine wichtige Voraussetzung für die Breitenwirkung „westlicher Zivilisation“ schuf. Selbst auf längere Sicht ist nur schwer vorstellbar, dass China in vergleichbarem Maße ein Quell weltweit relevanter Verhaltensorientierungen in Bezug auf Konsum oder Unterhaltung werden könnte. Doch gibt es über diesen Aspekt hinaus einen weiteren, schwerwiegenderen: Das rigide Systems Chinas scheint unüberwindliche Probleme damit zu haben, demokratische, „freiheitliche“ Gesellschaften einzubinden beziehungsweise mit diesen zu koexistieren. Ähnlich wie das Regime Putins, das die relative Freiheitlichkeit der Ukraine als potenziell ansteckende Krankheit empfindet und deswegen unermüdlich daran arbeitet, den Staat der „Kleinrussen“ zu destabilisieren (Etkind 2014), verhält sich auch die Führung in Beijing gegenüber dem aus ihrer Sicht „Systemwidrigen“. Schritt für Schritt wird die Demokratie Hongkongs demontiert und als solche bedroht. Taiwan erscheint nun, nach Jahren (gespielter?) Konzilianz nur noch als Objekt der Begierde: ein Gemeinwesen, das offen und brutal bedroht wird. Solcherlei Strategie dürfte dem Möchtegern-Hegemon kaum breite Unterstützung in der Welt sichern. Systemische Schwächen 106

Chapter Preview

References

Abstract

A detailed analysis of China's military power puts it in the context of the country's growing economic potential and the function as a stabilizer of the Communist Party's rule. The armed forces, with all relevant elements, are presented with their current strengths and deficits – along with a careful look at their technological and strategic perspectives: from the ground forces to activities related to cyber war and outer space. This serves as a basis for a discussion of China's relations vis-à-vis the USA and its neighbours across the adjacent seas. Not only the level of nuclear armaments, but also the question of an eventual encirclement of China is being dealt with: the latter as a means to curb Beijing's strife for hegemony.

Zusammenfassung

Eine detaillierte Analyse der militärischen Macht Chinas stellt diese in den Kontext der wachsenden wirtschaftlichen Leistungskraft des Landes und der Funktion einer Stabilisierung der totalitären Herrschaft der Kommunistischen Partei. Die Streitkräfte werden in all ihren Elementen auf Stärken und Schwächen sowie auf ihre technologischen und strategischen Perspektiven hin untersucht: von den Landstreitkräften bis zu Cyberwar- und Weltraumaktivitäten. Dies dient als Grundlage für die Diskussion des militärpolitischen Verhältnisses zu den USA und den Anrainern der chinesischen Randmeere. Dabei geht es sowohl um die Ebene nuklearer Rüstung als auch um die Frage einer etwaigen Einkreisung Chinas, um dessen Streben nach Hegemonie zu konterkarieren.