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Thesen und Empfehlungen in:

Jürgen Handke

Handbuch Hochschullehre Digital, page 11 - 18

Leitfaden für eine moderne und mediengerechte Lehre

3. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4495-7, ISBN online: 978-3-8288-7530-2, https://doi.org/10.5771/9783828875302-11

Tectum, Baden-Baden
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11 Thesen und Empfehlungen Mit einer Reihe von Thesen lässt sich ein Handlungsrahmen für das Gelingen einer zukunftsweisenden Digitalisierung der Lehre definieren. Darauf aufbauend lassen sich zusätzlich einige Empfehlungen zur Umsetzung eines ‚Digitalisierungsplans‘ aussprechen. These 1: Digitalisierung ist zum Normalfall geworden. Ohne den Ausführungen in Kapitel I vorgreifen zu wollen, kann bereits an dieser Stelle konstatiert werden, dass die technologische Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten die Welt dramatisch ver- ändert hat, sodass moderne Technologien heute nicht nur integraler Bestandteil der modernen Arbeitswelt, sondern auch Teil unseres Alltags geworden sind. These 2: Digitale Lehr- und Lernszenarien verbessern die Hochschullehre. Auch diese These kann nahezu als ‚Common Sense‘ behandelt werden. Mit vernünftig umgesetzten Digitalisierungsmaßnahmen lässt sich nicht nur ein enormer inhaltlicher und didaktischer Mehrwert ‚erwirtschaften‘, sondern es lassen sich zahlreiche Probleme der Hochschullehre lösen (vgl. Handke, 2014a:114). These 3: Learning is not just Video! (dt. Lernen besteht nicht nur aus Videoschauen.) Diese These, die auf Englisch noch prägnanter zur Geltung kommt als auf Deutsch, wird mittlerweile in vielen Foren und Diskussionen geteilt [INT11]: „Videos können Freiräume schaffen, ohne Frage, aber die Lehre revolutionieren können sie nicht. Weil Lehre weit mehr ist als ein Buch, als ein Video, als ein Professor, als eine Vorlesung oder eine Übung. Videos sind so wenig Lehre wie es Texte in Büchern sind.“ (D. Herzberg, 2014) Und auch eigene Studien bestätigen diese These mittlerweile ohne Zweifel (Handke, 2017a). Nur beherzigt wird das zumeist nicht. Die Digitalisierungsbemühungen vieler Akteure erschöpfen sich oft in der Erstellung von Lehrvideos verbunden mit der Hoffnung, dass so eine neue Lernkultur entstehen kann. Dies – so eine Kernaussauge dieses Buches – funktioniert so einfach nicht. These 4: Didactics/Pedagogy must drive Technology and not vice versa! (dt. Die Didaktik muss die Technologie führen und nicht umgekehrt.) Leider verpufft auch diese – wiederum auf Englisch griffigere – These an vielen Hochschulen und zentralen Institutionen. Technologische 12 Thesen und Empfehlungen Maßnahmen stehen nach wie vor im Zentrum vieler Bemühungen um eine Modernisierung der Lehre, die Didaktik hechelt oft ziellos hinterher. Erst wenn es uns gelingt, neue didaktische Szenarien und Lehrmethoden in den Vordergrund unserer Aktivitäten zu stellen und die Technologie entsprechend daran zu orientieren, werden unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sein. Neue Technologien werden benötigt und müssen funktionieren. Sie dürfen aber nicht zur Grundlage unserer Aktivitäten werden. These 5: Die Digitalisierung der Lehre gelingt nur mit einem neuen Mindset. Um eine weitreichende und nachhaltige Digitalisierung der Lehre zu erreichen, benötigen wir nach meiner Erkenntnis ein neues Mindset. Wie kaum eine andere Nation stehen wir Deutschen uns selbst im Weg. Wir haben, wie im EU-Survey „Index of Readiness for Digital Lifelong Learning“ 2019 ermittelt, unter den 27 EU-Nationen die größte Skepsis gegenüber Digitalisierung [INT20], wir tun uns schwer mit einer Kultur des Scheiterns, und im Bereich Lehre sind wir vielfach nicht bereit zu kooperieren oder zu teilen. Wir haben große Probleme, den Erfolg anderer in der Lehre anzuerkennen und verstecken uns nur allzu gern hinter den immer zuerst genannten Risiken und Gefahren. Und schließlich gibt es noch den Datenschutz als immer willkommene Ausrede, doch alles beim Alten zu belassen. Erst mit einer offeneren Haltung und nicht nur mit leeren Worthülsen wird uns eine nachhaltige Digitalisierung der Lehre gelingen. Diese Thesen bilden in der Folge den Rahmen für eine digitale Lehr- und Lernkultur und für die Schaffung einer neuen Ausgangslage, in der Inhaltsvermittlung und Inhaltserschließung 13 Thesen und Empfehlungen schwerpunktmäßig online erfolgen und zusätzliche flankierende Elemente den Lehr- und Lernprozess begleiten. Zu diesen Thesen kommen nun noch vier Empfehlungen, mit denen die Treiber der Digitalisierungsbemühungen die entsprechenden Maßnahmen einleiten können. Doch wer sind die Treiber? Dass weder eine Abstimmung ‚mit den Füßen‘ durch die Präferenzen der Lernenden noch ein ‚freiwilliges‘ Bekenntnis zur Digitalisierung seitens der Lehrenden Auslöser für weitreichende Digitalisierungsbemühungen sind, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. So heißt es im Bericht der Europäischen Kommission: „In der Hochschullehre besteht eine Kultur des Konservativismus, die geändert werden muss.“ (European Commission. 2014:11).3 Somit kann die Digitalisierung nur durch politische Maßnahmen im Zusammenspiel mit den Hochschulleitungen zum Erfolg geführt werden, und dabei spielt die folgende Empfehlung die zentrale Rolle:4 Empfehlung 1: Entwickeln Sie eine neue Wertschätzung für die Lehre! Mit dem derzeitigen krassen Missverhältnis zwischen Forschung und Lehre, das in den ungleichen Förderbeträgen für Exzellenzinitiativen zum Ausdruck kommt, aber auch in den geringen Zeitkontingenten, 3 Originalzitat: There remains a culture of conservativism within European higher education which needs to change. 4 Ein neuer, ungewollter, „Treiber“ hat sich während der Anfertigung dieser Auflage des Buches herauskristallisiert: Die Not. Bedingt durch die „Corona-Krise“ sehen sich viele Institutionen gezwungen, ihre Lehre weitestgehend zu digitalisieren. Wir werden an verschiedenen Stellen des Buches auf die dadurch entstehenden Probleme, aber auch auf die Lösungen eingehen (siehe auch Abschnitt I.2). 14 Thesen und Empfehlungen die Hochschullehrer für die Lehre aufwenden wollen und können, wird die Digitalisierung der Lehre nicht gelingen. Bevor Lehrende sich nicht auch durch ihre Lehre und nicht nur durch ihre Forschung profilieren können, ist eine flächendeckende Digitalisierung ohne Not unwahrscheinlich. Empfehlung 2: Verteilen Sie die Lasten auf viele Schultern! Digitalisierung gibt es natürlich nicht zum Nulltarif, ganz im Gegenteil: Für die Erstellung eines einzelnen Online-Kurses ist ein nicht unerheblicher Aufwand erforderlich, und es entstehen Kosten im sechsstelligen Eurobereich. Versucht man zu sparen, sind die Erfolge so dürftig wie die vieler Massive Open Online Courses (vgl. Handke, 2014c). Doch muss jede Hochschule alles selbst machen? Ganz sicher nicht, das würde den ohnehin knappen Finanzrahmen vollständig sprengen. Stattdessen sollten sich die Hochschulen zusammenschließen, um die Kosten auf viele Schultern zu verteilen. Mit hochschulübergreifenden digitalen Materialpools, die frei zugängliche digitale Bildungsmaterialien mit selbst erzeugten digitalen Komponenten kombinieren, kann der Kostendruck erheblich gelindert werden: Hochschulen werden so gleichzeitig zu Anbietern und zu Nutzern der digitalen Lehrangebote. Doch Appelle, wie z. B. von der zuständigen Bundesministerin „Bitte arbeiten Sie hochschul- und länderübergreifend zusammen!“ (Karlizcek, 2019), die ich uneingeschränkt teile, sind leider bisher verhallt. Zusätzlich bedarf es der Kooperation und Kollaboration unter den Lehrenden selbst (These 5: Ein neues Mindset). Dazu gehört die Zusammenarbeit von Fachkollegen innerhalb einer Hochschule und darüber hinaus, idealerweise sogar innerhalb ganzer Fachgesellschaften. Warum sollte sich nicht eine Fachgesellschaft dazu durchringen, die digitalen Elemente für einen Grundkurs für ihr Fachgebiet gemeinsam zu entwickeln und allen Interessenten bereitzustellen? Die Prä- 15 Thesen und Empfehlungen senzphasen vor Ort bleiben ja nach wie vor in den Händen der lokalen Hochschullehrer, sodass trotz einer gemeinsamen Grundlage immer noch genügend Spielraum für die individuelle Ausrichtung bleibt. Empfehlung 3: Sorgen Sie für mehr Lehr-/Lerneffizienz durch neue Präsenzformate! Sind die benötigten Lehr- und Lernmaterialien erst einmal digitalisiert und von entsprechender Qualität, macht es wenig Sinn, die Präsenzlehre so durchzuführen wie bisher. Mit einer vorgeschalteten digitalen Selbstlernphase erhält zum Beispiel die darauf folgende Präsenzphase in derartig invertierten Szenarien eine neue Lehr- und Lernqualität, in der nicht mehr die frontale Inhaltsvermittlung im Zentrum steht, sondern durch permanente Dozent-Student-Interaktion die Möglichkeit geschaffen wird, individuelle Hilfestellungen zu geben, Forschungsfragen gemeinsam zu lösen, Kompetenzen zu trainieren, zu diskutieren, kurz, die Inhalte auf neue Art und Weise zu vertiefen. Empfehlung 4: Haben Sie keine Angst vor neuen Lehr- und Lerntechnologien! Was auf den ersten Blick völlig unproblematisch erscheint, hat sich als große Hürde entpuppt. Viele Lehrende verfügen schlicht nicht über das technische Know-How, neue Lehr- und Lerntechnologien gewinnbringend einzusetzen. Sie sind weder neugierig genug noch bereit, neue Dinge auszuprobieren, und auch die entsprechenden Weiterbildungsangebote verpuffen zumeist. So ist die Forderung der Europäischen Kommission zwar nachvollziehbar, nur bei der Umsetzung hapert es erheblich: 16 Thesen und Empfehlungen „Lehrkräfte […] müssen die Fähigkeiten und das Wissen erlangen, die verschiedenen Lehr- und Lerntechnologien für ihre Zwecke einzusetzen.“ (European Commission, 2014:11).5 Wir müssen also, und das ist der Kern der vierten Empfehlung, die Ängste vor neuen Lehr- und Lerntechnologien abbauen, Lehrende „brauchen [vor allem Medienkompetenz], damit Digitalisierung sinnvoll in didaktische Modelle integriert wird und nicht zum Selbstzweck wird.“ (Stampfl, 2014). Oder wie aus dem bereits genannten EU-Survey von 2019 hervorgeht: „The educators themselves require better digital education“ [INT20:53]. Diese Thesen und Empfehlungen werden an diversen Stellen dieser Anleitung erneut aufgegriffen und z. T. sogar erweitert, um uns unseren Handlungsrahmen und den notwendigen Spielraum stets vor Augen zu halten. 5 Originalzitat: “Teaching staff […] must be equipped with the skills and knowledge to allow them to fully utilize the range of new teaching tools.” 17 Thesen und Empfehlungen

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References

Abstract

For years, the digitalisation of higher education scenarios has been an important topic at universities, but has not yet been properly implemented. Driven by the challenges of the Corona crisis, ideas for implementation are suddenly urgently needed.

With this guide, Prof. Dr. Jürgen Handke shows ways in which the digitalisation of higher education can be managed. Starting from general problems of traditional higher education, he shows with several examples how to overcome the problems of traditional teaching with innovative digitisation concepts and to use them in such a way that significant added value is created through the interaction of well-accepted analogue concepts with digital content delivery formats.

Zusammenfassung

Schon seit Jahren ist die Digitalisierung der Lehre ein wichtiges Thema an den Hochschulen, hatte sich in der Anwendung aber noch nicht richtig durchgesetzt. Getrieben durch die Herausforderungen der Corona-Krise sind Ideen zur Umsetzung plötzlich dringend notwendig.

Mit dieser Anleitung zeigt Prof. Dr. Jürgen Handke Wege auf, wie der Einstieg in die Digitalisierung gelingen kann. Ausgehend von Problemen der Hochschullehre diskutiert er die Möglichkeiten anhand von konkreten Beispielen. Es gilt, mit klugen Digitalisierungskonzepten die Probleme der klassischen Lehre zu überwinden, sodass schließlich im Zusammenspiel von bewährten analogen Konzepten und digitalen Inhaltsvermittlungsformaten signifikante Mehrwerte entstehen.