Einleitung in:

Boris Hogenmüller

Melchioris Cani Relectio de sacramentis in genere, page 1 - 10

Einleitung, Text und Übersetzung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4485-8, ISBN online: 978-3-8288-7518-0, https://doi.org/10.5771/9783828875180-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Die erste als Druck vorliegende Schrift des berühmten spanischen Dominikanertheologen Melchior Cano (1506/09–1560) ist die 1550 in Salamanca erschienene Relectio de sacramentis in genere, die zusammen mit Canos zweiter Relectio de sacramento poenitentiae von Andrés de Portonario gedruckt worden ist. Obgleich sie, ihrem Umfang nach zu urteilen, lediglich 54 Doppelseiten umfasst1, ist ihre theologisch-historische Bedeutung aufgrund der darin enthaltenen kritischen Diskussion der im 16. Jahrhundert vielfach behandelten Sakramentenlehre nicht zu leugnen. Zu bestätigen scheint dies insbesondere, dass sich gerade auch das Konzil von Trient mit derselben Thematik explizit auseinandergesetzt hat, dessen Dekrete, hervorgegangen aus der siebten Sessio am 3. März 15472, Cano bei der Ausgestaltung des fünften Kapitels der Relectio mehrfach zur Bestätigung angeführt hat. In der Editio princeps der beiden Relectiones sind Canos Texten zudem zwei kürzere Schreiben als Prolog vorgeschaltet. Das erste, von Andrés de Portonario, dem Drucker des Buches, verfasst, datiert auf den 17. März 1550. Darin rühmt sich Portonario im ersten Teil voller Stolz als ‚famoso impresor‘3, findet jedoch im zweiten Teil des Dokuments auch für Cano aufgrund dessen Eloquenz in der Disputation (in disputando præ cæteris eloquentia), die einem Cicero gleichkäme, überaus anerkennende Worte (ipsum prorsus Ciceronem audisse, aut perlegisse videaris). Das zweite Schreiben wiederum ist eine kurze, dem akademischen Usus entsprechende Dedikationsepistel4 des Buches an den Leser (Ad lectorem) von Alfonso Martínez. In dieser lobt der Verfasser Cano als purae et liberae veritatis amator und hebt den Wert des vorliegenden Buches für den Theologen besonders hervor (tu vir theologe si cupis ad theologiae veritatis desideratos amplexus compendio pervenire, … lege et relege). 1 Juan Belda Plans spricht von 60 Seiten in der von Serry 1792 in Padua besorgten Ausgabe, die früheren Editionen variieren in der Seitenanzahl aufgrund des jeweiligen Buchformates, vgl. dazu Belda Plans (2013) 62. 2 Vgl. Belda Plans (1983) 652; ders. (2013) 65. 3 Ibid. 60. 4 Zur Tradition der Dedikationsepistel im 16. und 17. Jahrhundert vgl. Enenkel (2008) 35–47; zu Canos Widmung der loci Hogenmüller (2017) 125–143. 1 Hervorgegangen war Canos Relectio über die Sakramente aus seinen Vorlesungen im akademischen Jahr 1546/1547 an der Universität von Salamanca. In diesen hatte sich Cano als Nachfolger des 1546 verstorbenen Francisco de Vitoria und somit ‚catedrático de Prima de la Facultad de Teología‘ mit dem Vierten Sentenzenbuch (De doctrina signorum) des Petrus Lombardus und der darin enthaltenen Sakramentenlehre auseinandergesetzt. Die Relectio selbst wurde wohl im Frühsommer5 1547 im Beisein der Mitglieder der Fakultät an der Universität von Salamanca gehalten und hiernach zur Veröffentlichung leicht überarbeitet.6 Dass sich Canos Relectiones in der Folge einer großen Resonanz erfreuten, wird durch die zahlreichen Drucke während des 16. Jahrhunderts belegt. Bereits7 in den Jahren 1558 und 1563 erschienen in Alcalá zwei neue Ausgaben der beiden Relectiones, 1580 erfolgte die letztmalige Publikation der Schriften in Mailand als Einzelveröffentlichung, ehe sie, zusammengefasst mit Canos bedeutendstem Werk De locis theologicis8, seit 1605 als Teil der Opera omnia nachgedruckt worden sind.9 Neben den beiden Relectionen liegen aus Canos Werk noch folgende weitere kleinere Schriften vor, die aus Gründen der Vollständigkeit hier kurz genannt seien: Tradado de la Victoria de sí mismo (Valladolid 1550); Parecer de Fr. Melchor Cano sobre la guerra con el Papa Paulo IV (1556) und La censura de Melchor Cano y Domingo de Cuevas al Catacismo y otros escritos de Carranza (1559).10 Im Gegensatz zu Canos monumentalen Werk De locis theologicis, das über Jahrhunderte hinweg die neuzeitliche systematische Theologie bestimmte und dadurch immer wieder in den Fokus wissenschaftlicher Auseinandersetzung geriet, ist eine Beschäftigung mit dessen Relectiones zunächst kaum erfolgt. Erst im 20. Jahrhundert sind einige wissenschaftliche Traktate in Form 5 Juan Belda Plans [(1983) 652] vermutet als Zeitpunkt der Vorlesung Mai oder Juni 1547, ohne jedoch vollkommene Sicherheit zu beanspruchen: „(…) podríamos concluir que probablemente debió pronunciarla en mayo o junio.“ 6 Vgl. Lynch (2017) 174: „Cano’s relectio on the sacraments in genere was given in the summer of 1547, directly after the promulgation in March of the same year of the seventh session of the Council, which dealt with the efficacy of sacraments.” 7 Die ebenfalls von de Portonario gedruckte zweite Ausgabe aus dem Jahr 1555 enthält lediglich die Relectio de sacramento poenitentiae. 8 Die Erstausgabe erfolgte nach Canos Tod im Jahr 1563 in Salamanca auf Veranlassung des Großinquisitors von Spanien, Fernando de Valdés y Salas, dem der Dominikaner das unvollendete Werk übereignet und dediziert hatte, vgl. Belda Plans (2006) LXXXV–LXXXIX; Hogenmüller (2017) 125–143. 9 Vgl. dazu Caballero (1871) 371–372; Gutiérrez (1951) 836–838 Anm. 1448. Belda Plans (2006) LXXXVI. 10 Vgl. dazu Lang (1925) 7; Belda Plans (1982) 27; Körner (1994) 71–75. Einleitung 2 von Artikeln, Dissertationen und Zulassungsarbeiten11 zu verzeichnen, die sich den Relectiones explizit12 widmen13 und als Beginn einer Neuausrichtung innerhalb der Forschung zu verstehen sind. Dass noch immer ein unverändert starkes Interesse14 an den Vertretern der ‚Schule von Salamanca‘ und damit verbunden an Melchior Cano und dessen Relectiones besteht, wird durch die jüngst digital erschienene textkritische Edition der Relectio de sacramento poenitentiae im Rahmen des am Frankfurter Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte angesiedelten Projektes „Die Schule von Salamanca. Eine digitale Quellensammlung und ein Wörterbuch ihrer juristisch-politischen Sprache“ unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Duve und Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann im Jahr 2019 bestätigt.15 Das vornehmliche Ziel dieses Projektes ist es, die lateinischen Texte der Autoren der ‚Schule von Salamanca‘ nach Kollationierung der Textbefunde digital zugänglich zu machen und somit die Voraussetzung für weitere Forschung zu schaffen. Vor dem Hintergrund des Frankfurter Forschungsprojektes und orientiert an dessen Intention soll mit der hier vorliegenden Arbeit ein kleiner Beitrag zum besseren Verständnis der theologischen Tätigkeit des Dominikaners geleistet und damit verbunden eine weitere Lücke in der Forschung zur ‚Schule von Salamanca‘ und einem ihrer bedeutenden Vertreter geschlossen werden. 11 Im deutschsprachigen Raum sei an dieser Stelle die 2006 an der Universität Würzburg eingereichte Zulassungsarbeit „Melchioris Cani relectio de sacramentis in genere – Text, Übersetzung und Einleitung“ von Elisabeth Heimbeck erwähnt, die neben einer textkritischen Edition eine deutsche Übersetzung von Canos Relectio de sacramentis in genere bietet. 12 Dass die Relectiones in verschiedenen Kapiteln und Überblicksdarstellungen kurze Erwähnung fanden, soll nicht bestritten werden. Relevante Einzelveröffentlichungen sind jedoch nicht zu verzeichnen. 13 Vgl. Gonzales (1945) 477–495; A. Belda (Pamplona 1981); Belda Plans (1983) 651–661; A. Belda (1985). 14 Vgl. dazu in der Bibliographie dieser Arbeit die Rubrik „Weiterführende Literatur“. 15 Juan Belda Plans plant im Frühjahr 2020 die Publikation einer spanischen Edition der Relectio de sacramento poenitentiae. Einleitung 3 Melchior Cano OP (1506/09–1560) Das genaue Geburtsdatum des Autors ist noch immer unzureichend geklärt. Geboren wohl am Epiphaniefest des Jahres 150916 (oder 1506)17 in Tarancón in der Diözese Cuenca18 wuchs Melchior Cano als Sohn des Juristen Fernando Cano und dessen Frau Maria Delgado del Valle19 in besseren Verhältnissen auf. Mit 15 Jahren trat er im Jahr 1524 in den Dominikanerorden ein und begann drei Jahre später ein Studium der Theologie und Philosophie in Salamanca und Valladolid. Seine akademischen Lehrer waren Diego de Astudillo und der hoch angesehene Francisco de Vitoria, dem Cano nach einigen Zwischenstationen20 1546 als Inhaber des theologischen Lehrstuhles in Salamanca nachfolgen sollte. In den beiden ersten Studienjahren der Jahre 1546/47 und 1547/48 behandelte Cano in seinen Vorlesungen das Vierte Sentenzenbuch des Petrus Lombardus, woraus im Anschluss die beiden Relectiones (de sacramentis in genere, 1548; de sacramento poenitentiae, 1549) hervorgegangen sind. Von Kaiser Karl V. am 30. Dezember 1550 als Konzilsberater nominiert21, nahm der Dominikaner am zweiten Teil des Konzils von Trient (1551/52) aktiv22 teil. Die Ernennung zum Bischof der Kanarischen Inseln durch Papst Julius III. (1553) wies Cano zurück, verzichtete hiernach auf seine Professur in Salamanca (1553/54) und zog sich in den Konvent Piedrafita bei Avila zurück. 1554 erfolgte die Ernennung zum Rektor des San Gregorio-Kol- 1. 16 Vgl. zur Diskussion des Geburtsortes Pérez Ramírez (1984) 95–128; zur Diskussion des Geburtsjahres Caballero (1871) 183–189; dazu Belda Plans (2006) XXXIII; ders. (2013) 2. 17 Juan Belda Plans gab sein Buch zu Canos 500. Geburtstag heraus, spricht jedoch von seinem Tod im Alter von knapp 52 Jahren [Belda Plans (2006) LXIV und (2013) 33]. 18 Vgl. Lang (1925) 2. Dem gegenüber tritt Juan Sanz y Sanz (1959) dafür ein, dass Cano in Pastrana, wo dessen Vater ab 1510 als Jurist tätig war, geboren ist. Dieses Datum scheint allerdings aufgrund einer Verwechslung falsch zu sein, vgl. Körner (1994) 71 Anm. 6. 19 Vgl. Caballero (1871) 43. 20 Cano lehrte seit 1533 im Konvent San Gregorio in Valladolid Philosophie, ab 1536 dort auch Theologie, 1542 wurde er zum Professor für Philosophie an die Universität Alcalá de Henares ernannt. 21 Die Gründe dafür liegen wohl gerade in Canos Arbeiten über die Sakramente (1546/1547: Relectio de sacramentis in genere; 1547/1548: Relectio de sacramento poenitentiae), denen die nachfolgenden Sessionen des Konzils gelten sollten, vgl. Körner (1994) 72. 22 Aus den Konzilsakten geht hervor, dass sich Cano in den Beratungen über die Eucharistie, die Buße und zur Frage des Opfercharakters der Heiligen Messe zu Wort meldete, vgl. dazu Körner (1994) 72. Einleitung 4 legs in Valladolid und die Wahl zum Prior von St. Esteban in Salamanca 1557. Die im gleichen Jahr erfolgte Wahl zum Ordensprovinzial wurde aufgrund nicht näher zu bestimmenden Vorbehalten zunächst nicht durch Papst Paul IV. bestätigt.23 Nach der Wahl Pius IV. zum Papst wurde Cano von allen Vorwürfen freigesprochen und erhielt nach seiner erneuten Wahl zum Ordensprovinzial 156024 die endgültige päpstliche Bestätigung. Aus Rom zurückgekehrt, verstarb Melchior Cano überraschend im Alter von 51 Jahren im Kolleg Petrus Martyr in Toledo am 30. September25 1560.26 Über die genaue Ursache seines Todes wie auch über die exakte Lage seines Grabes ist aus den Quellen bedauerlicherweise nichts Genaueres zu erfahren. Die literarische Gattung der Relectio und deren Tradition im 16. Jahrhundert Als literarische Gattung ist die Relectio oder Repetitio eine besondere Art der Festvorlesung, die an der Universität von Salamanca im 16. Jahrhundert in Erscheinung getreten ist und die Intention verfolgte, den Lehrstoff eines gesamten akademischen Jahres in einem systematisch ausgearbeiteten Abschlussvortrag27 zusammenzufassen. Gehalten wurde dieser von den ‚graduados‘ oder den ‚catedráticos titulares‘ meist im Frühjahr gegen Ende der ersten Hälfte des akademischen Jahres, das mit dem 18. Oktober begann und am 24. Juni endete, in Gegenwart der gesamten Fakultät bzw. des Kollegs.28 Die zeitliche Länge einer solchen Vorlesung war exakt auf zwei Stunden begrenzt und wurde mit 2. 23 1556 wurde Cano nach Rom berufen – wohl aufgrund einiger Äußerungen, die das Missfallen Papst hervorgerufen hatten. Cano jedoch verzögerte die Abreise und besuchte Rom erst im Jahr 1560. 24 Unrühmlich ist Canos Auftreten am 21. Mai 1559 während der Vollstreckung des Urteils der Spanischen Inquisition (Autodafé) in Valladolid, in deren Rahmen er die Predigt hielt, vgl. dazu Townsend (1846) 453–458. 25 Nach einer Angabe in der 14. Vindicatio in der Ausgabe von H. Serry (Padua 1714) starb Cano am 6. November 1560. 26 Zum Todesort vgl. Caballero (1871) 43. Zu Canos Biographie vgl. die ausführliche Darstellung bei Lang (1925) 2–12; Körner (1994) 71–73; Belda Plans (2000) 501– 618; ders. (2013) 2–33; Doskey (2018) 14–51; Hogenmüller (2018) 2–9. 27 Vgl. Schnepf (1992) 2. 28 Vgl. dazu den Eintrag im Diccionario Enciclopédico Bd. 10 (Madrid 81983) 674: „En el leguaje académico de los siglos XV y XVI, se daba el nombre de relectiones o repeticiones a las disertaciones, conferencias o lecciones extraordinarias que pronunciaban los graduados y catedráticos en sus facultades o universidades, reminiscencias lejanas de las cuestiones muy disputadas, en las cuales se solía insistir sobre 2. Die literarische Gattung der Relectio und deren Tradition im 16. Jahrhundert 5 Hilfe einer Klepshydra bemessen, wie verschiedene Handschriften belegen. Die strikte zeitliche Eingrenzung verlangte von den Vortragenden besondere Präzision und Vorbereitung, schränkte sie aber bisweilen in der Darstellung ein.29 Aus eben diesem Grund erfolgte die Vorlesung ohne Aussprache und Unterbrechung durch das Auditorium. Anerkannt wurde diese Praxis durch die Satzung der Universität von Salamanca, die die Lehrstuhlinhaber dazu verpflichtete, einmal pro Jahr eine solche Relectio zu halten. Bei Nichtbeachten der Verpflichtung wurde eine Geldstrafe in Höhe von 10 Dobla, was ca. 3650 Maravedís entspricht, verhängt.30 Da es sich bei diesen Relectiones vordergründig um Vorträge handelt, die zunächst nicht zur späteren Publikation vorgesehen waren, liegen nur wenige handschriftliche Zeugnisse aus Mitschriften von Studenten vor, die wohl aufgrund ihrer Bedeutung und Aktualität an der Universität von Salamanca überliefert worden sind.31 Mit Francisco de Vitoria (1483 bis 1546) änderte sich die Praxis jedoch wahrnehmbar. Obgleich Vitoria zu seinen Lebzeiten kaum etwas veröffentlicht hat, erlangte er vor allem durch die in Salamanca gehaltenen Relectiones Berühmtheit. Von diesen sind 13 erhalten, eine Drucklegung erfolgte allerdings erst nach Vitorias Tod postum unter dem Titel Relectiones theologicae zunächst in Lyon 1557 und acht Jahre später 1565 in Salamanca.32 Vitorias Kollege Domingo de Soto (1494 bis 1560), der etwa zeitgleich mit diesem in Salamanca lehrte, hielt in seiner Zeit in Salamanca elf Relectiones, die größtenteils handschriftlich überliefert worden sind. Die Relectionen De ratione tegendi et detegendi secretum und De eleemosyna wurden jedoch noch zu seinen Lebzeiten in Salamanca 1541 und 1545 gedruckt.33 Die beiden Relectionen, die Melchior Cano als Nachfolger Vitorias im ersten und zweiten Jahr seiner Zeit in Salamanca gehalten hat, wurden ebenfalls noch zu dessen Lebzeiten und mit dessen ausdrücklichen Billigung veröffentlicht. Möglicherweise hat Cano noch zwei weitere Relectiones in den Studilos puntos principales de las lecciones ordinarias (…).” Vgl. auch Caballero (1871) 61. 29 Vgl. Domingo de Soto Relectio de sensibus sacrae scriptura, ms. 1757 fol. 53r. 30 Vgl. dazu die Darstellung bei Martín de la Hoz (1984) 433–435. 31 Die frühesten handschriftlichen Zeugnisse sind drei Relectiones von Pedro Martínez de Osma (gest. 1480) und eine weitere von Matías de Paz (gest. 1517). 32 Vgl. Belda Plans (2000) 313–398. 33 Vgl. dazu Martín de la Hoz (1984) 440. Juan Belda Plans [(2013) 62] hingegen vertritt die Ansicht, dass weder Vitoria noch Soto zu ihren Lebzeiten ihre Relectiones drucken ließen. Zu Soto im Allgemeinen vgl. ders. (2000) 399–500. Einleitung 6 enjahren 1548/1549 und 1549/1550 verfasst, allerdings sind weder Thema noch sonstige Notizen überliefert worden.34 Juan de la Peña (1513 bis 1565), der zwischen 1559 und 1565 als catedrático in Salamanca fungierte, hielt aller Wahrscheinlichkeit nach vier Relectiones, von denen zwei35 tradiert worden sind.36 Die beiden weiteren Vorlesungen sind verloren gegangen.37 Von Canos wohl berühmtesten Schüler Domingo Báñez (1528 bis 1604), der zweifelsohne als einer der bedeutendsten Theologen der ‚Schule von Salamanca‘ gilt und von 1577 bis zu seinem Ruhestand und damit verbunden seinem Rückzug in den Konvent San Andres de Medina del Campo 1601 dort lehrte, liegt als Druck lediglich die Relectio de merito et augmento charitatis aus dem Jahr 1590 vor. Alle weiteren sind ebenso verloren.38 Die Gliederung der Relectio De Sacramentis in Genere Wie für Petrus Lombardus ist auch für Cano die Stelle Lk 10,33, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, die Grundlage der thematischen Auseinandersetzung in der Relectio. Christus ist der wahre Samariter, der die Menschen nach ihrem Sündenfall aufnimmt und durch seine Heilmittel heilt (Christus Iesus, revera Samaritanus, hoc est, custos unicus ipse noster, … medicinas adhibuerit spiritales, quibus peccatorum omnium vulneribus mederetur). Diese Heilmittel aber sind die Sakramente (has medicinas sacramenta). Der Vortrag gliedert sich dabei in fünf Teile (quinque praecipue partibus): I. Die Definition eines Sakraments (De definitione sacramenti) II. Die Frage nach der Heilsnotwendigkeit des Glaubens an Christus (De necessitate fidei Christi ad salutem) III. Die Heilsnotwendigkeit der Sakramente (De necessitate sacramentorum ad salutem) IV. Die Frage, welche Sakramente die Gnade verleihen (De sacramentis causantibus gratiam) 3. 34 Vgl. dazu Belda Plans (2013) 60. Zu den Relectionen ders. (1983) 651–661 und (2000) 572–588. Interessant erscheint, dass Cano in seiner Relectio de sacramentis in genere darauf verweist, weitere derartige Festvorlesungen halten zu wollen, die sich nicht mit den beiden überlieferten Themen decken. 35 Aus dem Jahr 1561 ist die Relectio de merito Christi erga nos und deren Fortsetzung aus dem Jahr 1562 erhalten geblieben. 36 Vgl. Martín de la Hoz (1984) 434 Anm. 6. 37 Vgl. Belda Plans (2000) 762–765. 38 Ibid. 779–793. 3. Die Gliederung der Relectio De Sacramentis in Genere 7 V. Die Unterscheidung zwischen den Sakramenten des Alten und des Neuen Bundes (De discrimine inter nova et vetera sacramenta) Ad I.) Beginnend mit der Frage, was ein Sakrament ist, stellt Cano die gültige Definition dar (definiemus sacramenti nomen) und präzisiert diese durch das Nennen von Beispielen, die ihr scheinbar widersprechen. Auf dieser Grundlage werden die angeführten Widersprüche zurückgewiesen. Ad II.) Im zweiten Teil wird die Frage nach der Heilsnotwendigkeit des Glaubens an Christus behandelt (sine fide unius mediatoris Iesu Christi, quam sacramenta designant, neminem fuisse salutem consecutum). Zu diesem Zweck werden Schlussfolgerungen mit affirmativen Zeugnissen angeführt, die zu der Aussage führen, dass der katholische Glaube heilsnotwendig ist. Mögliche Einwände werden im Anschluss genannt und entkräftet, wonach die Glaubensnotwendigkeit in weiteren Schlussfolgerungen bewiesen wird. Erneut aufkommende Gegenmeinungen werden umgehend entkräftet. Ad III.) Der dritte Teil ist der Frage nach der Heilsnotwendigkeit der Sakramente (sacramenta ad salutem necessaria) gewidmet. Nach der bekannten Praxis der Disputation nennt Cano zunächst die Argumente, die der These widersprechen, um im Anschluss die Zeugnisse der Befürworter der Lehre von der Heilsnotwendigkeit der Sakramente anzuführen. Ad IV.) Der vierte Teil wiederum beschäftigt sich mit den Fragen, welche Sakramente das Heil verleihen und auf welche Weise (quaenam sacramenta hanc salutem effecerint). Canos Unterteilung nach sind dabei fünf Positionen zu erwägen: a.) Die Sakramente als dispositive Ursachen der Gnade, die eine Prägung hinterlassen, die Gnade jedoch selbst nicht bewirken können (sacramenta esse causas dispositivas gratiae ex eo, quod producunt characterem, vel ornatum nescio quem videlicet qualitates interius disponentes. Nam sacramenta gratiam ipsam efficere, iudicant impossibile) b.) Die Sakramente als äußerliche dispositive Ursachen (sacramenta esse quidem causas dispositionis, sed extrinsecus appositas) c.) Die Sakramente als akzidentielle Ursachen (sacramenta non esse causas per se gratiae, sed per accidens). d.) Die Sakramente als Mittelursachen (sacramenta virtute supernaturali recepta, ipsam etiam qualitatem, quae gratia est, attingere instrumentalique actione facere). e.) Die Sakramente als Ursachen, die den göttlichen Willen bewegen (sacramenta censent causas esse gratiae veluti motivas divinae voluntatis). In sechs Schlussfolgerungen (conclusiones) werden die einzelnen Positionen widerlegt, in der sechsten wird darüber hinaus dargelegt, dass die Sakramente mehr als reine Ursachen sind. Besonders hervorzuheben sind darin die beiden Aussagen, dass Gott durch Christi Menschlichkeit als Werkzeug die Menschen erlöst hat und die Sakramente Werkzeuge der Vollendung der Erlösung sind. Die Sakramente sind moralische Mittelursachen, welche die Gnade enthalten und dem, der würdig Einleitung 8 empfängt, durch die Wirksamkeit des Blutes Christi verleihen (nostra sacramenta et continere gratiam et eam suscipientibus digne conferre: Continere … ut causa moralis … et sacramenta, quae continent sanguinem Christi, continere … gratiam, et remissionem peccatorum. … sacramentum confert gratiam, pretium sanguinis applicans, et haec est illa sacramentorum virtus). Folglich vermochten die Sakramente des Alten Bundes nicht die Gnade und das Heil zu bewirken, da sie vor der Passion Christi angewendet wurden (sacramenta veteris legis salutem et gratiam in virtute passionis Christi efficere non valebant). Ad V.) Der fünfte und abschließende Teil wird der Unterscheidung zwischen den Sakramenten des Alten und denen des Neuen Bundes gewidmet (quo proprie discrimine sacramenta nova a veteribus separentur). Dabei beruft sich Cano mehrfach auf die Beschlüsse des Konzils von Trient (ex Concilio Tridentino, sessione septima). Die Heiligung (sanctificatio) durch Gott als Gemeinsamkeit aller Sakramente dient letztlich als Beweis für die Verleihung der Gnade und der Rechtfertigung. Text und Übersetzung Die Grundlage des lateinischen Textes und damit der vorliegenden Übersetzung ist die Erstausgabe der Relectio de sacramentis in genere, die 1550 zu Canos Lebzeiten und mit dessen Einwilligung in Salamanca 1550 von Andrés de Portonario gedruckt worden ist. Die Entscheidung für die Wahl des ersten Druckes als Textgrundlage ergab sich aus dem Vergleich mit späteren Nachdrucken, die in der Textbeschaffenheit bisweilen erhebliche Unterschiede aufwiesen. Die dort gefundenen Textvarianten trugen zu keiner Verbesserung des Textbefundes bei, sondern entstellten diesen bisweilen markant. Zurückzuführen ist die offensichtliche Verschlechterung in vielen Fällen auf falsche Auflösungen von Ligaturen, in einigen jedoch auch auf bewusste, häufig falsche Eingriffe in die syntaktische Struktur des Textes, die letztlich zu inkorrekten Sinnzusammenhängen geführt haben. Nachhaltig bestätigt wurde dieser Eindruck durch Kollationieren des Textes der Editio princeps und der Druckausgabe von 1563. Diese stimmt in wesentlichen Teilen mit der Ausgabe von 1550 überein und unterscheidet sich nur in Marginalien. Die Orthographie der Editio princeps wurde in der vorliegenden Ausgabe bewusst weitgehend beibehalten, wobei jedoch Abkürzungen des lateinischen Textes in der deutschen Übersetzung zur Verbesserung der Lesbarkeit im Fließtext aufgelöst bzw. in den Fußnotentext aufgenommen worden sind. Die Bezifferung der Stellenangaben wurde übernommen und bisweilen im deutschen Text korrigiert bzw. konkretisiert. Die Zeichensetzung der lateinischen 4. 4. Text und Übersetzung 9 Version entspricht dem ursprünglichen Text der Ausgabe Salamanca 1550. Zitate von Bibelstellen sind im lateinischen Text kursiv gedruckt. Im deutschen Text werden sie nach den einschlägigen Zitationsregeln kenntlich gemacht. Ebenfalls kursiv gedruckt sind die Titel der zitierten Werke im Übersetzungstext. Zur Vereinheitlichung jedoch wurden bewusst die lateinischen Titel beibehalten. Die Verweise auf die Konzilstexte unter Bezug auf die zweisprachige Ausgabe von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann (DH) dienen lediglich der Orientierung des Lesers, weder der lateinische noch der deutsche Wortlaut sind dieser entnommen. Die Unterschiede insbesondere zum lateinischen Text der Ausgabe von DH ergeben sich aus der Textvorlage der Relectio. Gleiches gilt für die Verweise auf die Texte und Übersetzungen der von Cano angeführten Kirchenväter wie auch der Bibelstellen, die sich von der Textgrundlage der Einheitsübersetzung häufig unterscheiden. Die Übersetzung der Relectio selbst orientiert sich am Wortlaut der Textvorlage der Editio princeps. Dem Umstand, dass es sich bei der Relectio ursprünglich um einen mündlichen Vortrag handelte, der vor der Veröffentlichung wahrscheinlich kaum redigiert bzw. abgeändert wurde, ist es geschuldet, dass die deutsche Übersetzung an manchen Stellen sperrig klingt. Auf eine Glättung des Sprachduktus des ursprünglich lateinischen Textes in der deutschen Übersetzung ist bewusst verzichtet worden, um den Eindruck des ursprünglichen Vorlesungsstils beizubehalten. Einleitung 10

Chapter Preview

References

Abstract

The third volume of the "Opera omnia Melchioris Cani" covers Cano's first "Relectio de sacramentis in genere". Melchor Cano held this important lecture in the early summer of 1547 as a professor at the University of Salamanca, as a ceremonial lecture at the end of the academic year. The subject itself offers a highly interesting example of sacramental theology, which was widely discussed in the 16th century, in particular at the Council of Trent. First printed in 1550, the lecture was intensively studied until the 19th century.

In addition to a general introduction to the author and the topic, a text-critical Latin edition including a German translation is offered here for the first time.

Zusammenfassung

Der dritte Band der „Opera omnia Melchioris Cani“ widmet sich Canos erster „Relectio de sacramentis in genere“. Diese bedeutende Vorlesung hielt Melchior Cano im Frühsommer des Jahres 1547 als Lehrstuhlinhaber an der Universität von Salamanca als Festvorlesung zum Abschluss des akademischen Jahres. Die Thematik selbst bietet ein höchst interessantes Beispiel für die im 16. Jahrhundert vielfach diskutierte Sakramentenlehre, die insbesondere auf dem Konzil von Trient mit Nachdruck behandelt worden ist. 1550 erstmals gedruckt, wurde die Vorlesung bis ins 19. Jahrhundert hinein intensiv rezipiert.

Neben einer generellen Einführung in Autor und Thematik wird erstmalig eine textkritische lateinische Edition mit deutscher Übersetzung geboten.