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Kapitel 5 – Beispiel der Folgenutzung nach erfolgreicher Brachflächensanierung: Das Gelände der ehemaligen Kokerei Hassel in:

Katharina Kühn

Brachflächenrecycling, page 83 - 88

Verringerung der Neuflächeninanspruchnahme am Beispiel der ehemaligen Kokerei Hassel

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4476-6, ISBN online: 978-3-8288-7507-4, https://doi.org/10.5771/9783828875074-83

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 88

Tectum, Baden-Baden
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83 Kapitel 5 – Beispiel der Folgenutzung nach erfolgreicher Brachflächensanierung: Das Gelände der ehemaligen Kokerei Hassel Der Strukturwandel prägte vor allem das Ruhrgebiet. Gelsenkirchen liegt mitten in der Metropolregion Ruhr und weist heutzutage viele zuvor durch den Bergbau genutzte Brachflächen auf. Ein aktuelles Beispiel, wo die Flächensanierung bereits fast abgeschlossen und die letzten gestalterischen Maßnahmen umgesetzt werden sowie die Folgenutzung festgelegt ist, ist in Gelsenkirchen die Fläche der ehemaligen Kokerei Hassel. Die lange brach liegende Fläche im Stadtteil Hassel wurde unter dem Motto „Einst Kokerei, über viele Jahre verlassene Industriebrache, demnächst grüner Stadtteilpark“ saniert (Laufs, 2015, o. S.). Damit soll der Rückzug der Montanindustrie der Stadt Gelsenkirchen – und vor allem dem aufstrebenden Stadtteil Hassel – eine neue Grünfläche bescheren. Die Sanierungsarbeiten sind derzeit weitestgehend abgeschlossen, sodass momentan die planerischen und gestalterischen Arbeiten im Vordergrund stehen. Im Frühjahr 2020 soll die ehemalige Brachfläche der Kokerei nun nach abgeschlossener Sanierung der Stadt Gelsenkirchen übergeben und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Denn der Gesellschaft soll wieder das zur Verfügung gestellt werden, was die Industrie ihr genommen hat (vgl. Interviews mit Herrn Pentos (Stadt Gelsenkirchen), Herrn Kopke (RAG Montan Immobilien AG), Herrn Vent (ECOSOL Nord-West GmbH), Anlage 1). 5.1 Gestaltungsplan „Wohnen, Freizeit und Energiegewinnung sind die wesentlichen Bestandteile“, die die Zukunft ehemaligen Industriebrachfläche prägen sollen (Laufs, 2015, o. S.). Die Erschließung des Wohngebietes ist in naher Zukunft geplant. Damit erfolgt auf dem Gelände der ehemaligen Kokerei Hassel eine Kombination aus den Folgenutzungen Erholung, Freizeit, Wohnen und Landwirtschaft. Vor allem durch die Folgenutzung als Wohnraum wurde das aufgegriffen, was unter aktuellen Gesichtspunkten von der heutigen Gesellschaft gefordert und gebraucht wird (vgl. Interview mit Herrn Pentos (Stadt Gelsenkirchen), Anlage 1). Der Weg zu dieser kombinierten Folgenutzung war jedoch auch mit erheblichen Aufwand verbunden. Einen gemeinsamen Konsens der unterschiedlichen Behördenvertreter hinsichtlich des Gestaltungsplanes zu erarbeiten, stellte sich anfangs als Herausforderung dar (vgl. Interview mit Herrn Pentos (Stadt Gelsenkirchen), Anlage 1). 5.2 Sanierung Durch den jahrzehntelangen Betrieb der Kokerei Hassel ist die Fläche an vielen Stellen stark mit Schadstoffen kontaminiert. Aus diesem Grund war zunächst eine Sanierung der Fläche erforderlich, um den Gestaltungplan auf der Fläche umzusetzen. Ein entsprechendes Konzept, welches die notwendigen Arbeitsschritte und Sanierungsmaßnahmen dokumentiert, ist der Abschlussbetriebsplan (näher dazu Kap. 5.2.1). Dieser wurde von der RAG Montan Immobilien GmbH, 84 Kapitel 5 – Beispiel der Folgenutzung die Eigentümerin der Fläche ist, eingereicht und von der Bezirksregierung Arnsberg sowie der Stadt Gelsenkirchen geprüft und zugelassen. Die RAG Montan Immobilien AG beauftragte die ECOSOIL Nord-West GmbH, nachdem diese den Zuschlag des Ausschreibungsverfahrens erhalten hatte, als Bauunternehmen, die daraufhin ihre Arbeiten aufnahmen (vgl. Interview mit Herrn Vent (ECOSOIL Nord- West GmbH), Anlage 1). Neben den bereits genannten Aspekten war es auch aus städtischer Sicht eine Sanierung der Fläche von besonderer Bedeutung. Brachflächen verstärken immer ein schlechtes Image einer Kommune („Schandfleck im Stadtgebiet“), sodass die Sanierung der Fläche eine Aufwertung aus stadtplanerischer Sicht bedeutet. Hassel gilt in Gelsenkirchen in den letzten Jahren als ein aufstrebender Stadtteil, aufgrund dessen ein Flächenrecycling dieser Fläche den Stadtteil weiter positiv in den Vordergrund rücken sollte. Es war zudem Wille der Politik aufgrund der oben genannten Ausführungen, diese Fläche zu recyceln und damit für die Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen (vgl. Interview mit Herrn Pentos (Stadt Gelsenkirchen), Anlage 1). 85 5.2 Sanierung 5.2.1 Abschlussbetriebsplanverfahren Gemäß § 69 Abs. 2 BBergG endet die Bergaufsicht für die Fläche der ehemaligen Kokerei nach Durchführung eines Abschlussbetriebsplanes zu dem Zeitpunkt, in dem nach allgemeiner Erfahrung nicht mehr damit zu rechnen ist, dass durch den Betrieb Gefahren für Leben und Gesundheit Dritter eintreten. Der Abschlussbetriebsplan wurde mit dem Ziel der Beendigung der Bergaufsicht für diese Fläche eingereicht. Neben dem Ausschluss von Gefahren, muss darüber hinaus nach § 55 Abs. 2 BBergG die Wiedernutzbarmachung der Oberfläche sichergestellt sein, hinsichtlich dessen dies durch die Umnutzung der Fläche gemäß dem Gestaltungs- und Rekultivierungsplan gewährleistet wurde. Zudem wurde ein Sanierungsplan im Rahmen des Abschlussbetriebsplanverfahrens erstellt, indem die Sanierungsmaßnahmen festgelegt wurden. 5.2.2 Sanierungsmaßnahmen Um die Fläche wiedernutzbar und für die Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen, waren umfangreiche Sanierungsmaßnahmen notwendig, die im Sanierungsplan dokumentiert wurden. Wie bereits in Kapitel 4 erläutert, wird grundsätzlich zwischen Sicherungs- und Dekontaminationsmaßnahmen unterschieden. Unter Berücksichtigung der betroffenen Schutzgüter, der geforderten Schutzund Sanierungsziele, der vorliegenden Bodenkontaminationen als auch des festgelegten Nutzungskonzeptes wurde sich dafür entschieden, zwei Flächen, in denen tiefreichende Bodenverunreinigungen nachgewiesen werden konnten, bereitzustellen, um weiteres verunreinigtes Aushubmaterial von anderen Arealen der Flächen auf ihnen einzubauen und später durch eine Oberflächenabdichtung zu sichern. 86 Kapitel 5 – Beispiel der Folgenutzung Diese sogenannten Sicherungsbauwerke (s. Abb. 11) wurden auch in der gestalterischen Umsetzung des Nutzungskonzeptes berücksichtigt, indem sie als etwas 10 m hohe Pyramiden modelliert wurden und sich somit in das gestalterische Konzept wirkungsvoll einfügen. Abbildung 11: Sicherungsbauwerk auf der Kokerei Hassel (Stadt Gelsenkirchen, 2016). Die Umsetzung dieser Sanierungsmaßnahmen verlief fast komplikationslos und wurde nur von einigen Inkonvenienzen beeinträchtigt. Dazu gehörte unter anderem Kampfmittelbeseitigung, Vandalismus, Anwohnerbeschwerden sowie weitere Restriktionen in Bezug auf den Denkmalschutz von Gebäuden. Eine weitere Problemstellung ergab sich aus der Tatsache, dass auf dem Gelände der ehemaligen Kokerei Hassel weiterhin fremdgenutzte Leitungstrassen bestehen, deren Betreiber auch in Zukunft aufgrund der rechtlichen Gegebenheiten diese nutzen darf, sodass dies sowohl bei der Planung als auch Umsetzung beachtet werden musste. Allerdings können die aufgetretenen Unannehmlichkeiten aufgrund der Komplexität eines Recyclingprozesses sowie vor dem historischen Hintergrund dieser Fläche weder 87 5.2 Sanierung als außergewöhnlich noch unvorhersehbar eingestuft werden (vgl. Interviews mit Herrn Pentos (Stadt Gelsenkirchen), Herrn Kopke (RAG Montan Immobilien GmbH), Herrn Vent (ECOSOIL Nord- West GmbH), Anlage 1). Abschließend lässt sich festhalten, dass das Brachflächenrecycling des Geländes der ehemaligen Kokerei Hassel von allen beteiligten Akteuren trotz der Herausforderungen als ein gelungenes Beispiel für die Sanierung eines Altstandortes bewertet werden kann (vgl. Interviews mit Herrn Pentos (Stadt Gelsenkirchen), Herrn Kopke (RAG Montan Immobilien GmbH), Herrn Vent (ECOSOIL Nord- West GmbH), Anlage 1). 88 Kapitel 5 – Beispiel der Folgenutzung

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Abstract

As part of the German Sustainability Strategy, the Federal Government has set a nationwide goal for the reduction of land use. The effects on the natural functions of the soil, the economic structure of a municipality and the impact on the society are often underestimated. The revitalization of now unused urban areas in particular has a great potential. This publication provides a basis for a more in-depth discussion and supports impulses for a resource-conserving use of land and the practical implementation based on the project of the former Hassel coking plant, so that the needs of future generations can be satisfied.

Zusammenfassung

Die Bundesregierung hat im Rahmen der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie das Ziel ausgegeben, die Inanspruchnahme von Flächen zu reduzieren. Die Auswirkungen auf die natürlichen Funktionen des Bodens, die wirtschaftliche Struktur einer Kommune und die soziale Spaltung der Gesellschaft werden häufig unterschätzt. Insbesondere die Revitalisierung von Brachflächen stellt ein großes Potenzial dar. Die Publikation bietet eine Diskussionsgrundlage für eine vertiefte Auseinandersetzung und unterstützt Anstöße für einen ressourcenschonenden Umgang mit Flächen sowie die praktische Umsetzung anhand des Projekts der ehemaligen Kokerei Hassel, damit auch für künftige Generationen die Befriedung ihrer Bedürfnisse gewährleistet ist.