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8 Empirischer Teil in:

David Funk

Jugend und Europa, page 55 - 74

Auswirkungen internationaler Begegnungen auf die Identifikation Jugendlicher mit Europa

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4466-7, ISBN online: 978-3-8288-7489-3, https://doi.org/10.5771/9783828874893-55

Tectum, Baden-Baden
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55 8 Empirischer Teil Im empirischen Teil dieser Arbeit werden die aus der theoretischen Betrachtung abgeleiteten Hypothesen geprüft. In Kapitel 8.1. wird das Forschungsdesign vorgestellt, Kapitel 8.2. widmet sich den entwickelten Messinstrumenten. Hierauf folgt in Kapitel 8.3. die deskriptive und in 8.4. die Inferenzstatistik. Kapitel 8.5. wird die Ergebnisse noch einmal übersichtlich zusammenstellen, woran sich die Diskussion der Ergebnisse in Kapitel 8.6. anschließt. 8.1 Das Forschungsdesign Die Untersuchung ist in einem quasi-experimentellen Design angelegt. Dies hat einerseits den Vorteil, dass auf Jugendbegegnungen zurückgegriffen werden kann, die auch unabhängig von der Forschung an ihnen durchgeführt werden. Hierdurch werden, entsprechend der Fragestellung, tatsächliche Projekte auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Andererseits muss der Nachteil in Kauf genommen werden, dass, wie in den meisten sozialwissenschaftlichen Studien, keine Randomisierung der Verteilung von Experimental- und Kontrollgruppe vorgenommen werden kann. Es muss davon ausgegangen werden, dass durch den Umstand, dass keine speziell für die Untersuchung konstruierte Situation gegeben ist und Jugendbegegnungen von der Entwicklung einer starken Gruppendynamik leben, erhebliche unkontrollierbare Störfaktoren auftreten. Dieser Problemstellung wird durch Konstanthaltung begegnet (vgl. Stein 2014: 140). So wurde als Kontrollgruppe die Teilnehmergruppe einer Jugendfreizeit ohne Begegnungscharakter ausgewählt, die bis 56 auf den fehlenden interkulturellen Kontakt konzeptionell eine hohe Ähnlichkeit mit den Projekten der Experimentalgruppe aufweist.38 Der Ablauf der Untersuchung war folgendermaßen aufgebaut: Vor der Teilnahme an den jeweiligen Projekten wurden beide Gruppen mit einem Fragebogen befragt (t0). Die Teilnehmer der Jugendbegegnungsgruppe wurden dem Treatment »Intergruppenkontakt« ausgesetzt, die Jugendfreizeitgruppe nahm an einem Projekt ohne Intergruppenkontakt teil. Unmittelbar nach Abschluss der Projekte wurden sowohl die Teilnehmer der Jugendbegegnungen (Experimentalgruppen) als auch die Teilnehmer der Jugendfreizeit (Kontrollgruppe) erneut befragt (t1). Um kontrollieren zu können, ob mögliche Effekte langfristiger Natur sind beziehungsweise Effekte mit einiger Verzögerung auftreten, wurde circa einen Monat nach der zweiten Messung (t1) eine dritte Messung durchgeführt (t2). Befragung vor Maßnahme Treatment: Intergruppenkontakt Erste Befragung nach Maßnahme Zweite Befragung nach Maßnahme Experimentalgruppe t0 X t1 t2 * Kontrollgruppe t0 - t1 t2 Tabelle 1: Darstellung des Forschungsdesigns. *Die zweite Befragung nach der Maßnahme wurde für alle Projekte, die durch die EVEA ausgerichtet wurden, durchgeführt, nicht aber für die Schülerbegegnung der Albrecht Dürer Schule. Der größte Teil der Befragungen wurde mittels eines Online- Fragebogens auf der Plattform »EFS Survey/Unipark« durchgeführt, lediglich die Befragung eines Teils der Experimentalgruppe, nämlich die Teilnehmer der Schülerbegegnung der Albrecht Dürer-Schule, wurde mittels eines Befragungsbogens realisiert. Der Grund hierfür 38 Die Jugendfreizeit des Evangelischen Kirchenkreises Trier (im folgenden EKKT) war nach dem übergeordneten Thema »Respekt und Toleranz« ausgerichtet. 57 lag in einem komplizierten datenschutzrechtlichen Verfahren, durch welches der Einsatz des Online-Fragebogens nicht möglich war; durch den Rückgriff auf Papierfragebögen war außerdem keine dritte Messung möglich, da diese in die Ferienzeit gefallen wäre. Der Papierfragebogen konnte gegenüber der Onlineversion deutlich reduziert werden, da die Unterscheidung zwischen freiwilliger und nicht freiwilliger Teilnahme lediglich für H4 relevant ist. Der Einsatz eines Online- Fragebogens ist dadurch begründet, dass die Teilnehmer so bereits weit im Vorfeld zur Durchführung ihres jeweiligen Projekts an der Befragung teilnehmen konnten und der Aufwand eines Rückversands für die Teilnehmer entfällt. Gegen die Durchführung zu Beginn des Projekts sprach, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits erste Gruppenprozesse eingesetzt haben. Die Teilnahme an beiden Erhebungen war freiwillig; die Daten wurden in anonymisierter Form verarbeitet. Die Einladungsschreiben zur Befragung t0 mit den Zeitpunkten aller weiteren Befragungen erhielten die Teilnehmer mindestens zwei Wochen vor Beginn des jeweiligen Projekts mit den sonstigen Teilnahmeunterlagen per Post; die Teilnehmer der Gruppe ADS bearbeiteten die Papierfragebögen zwei Wochen vor Beginn der Schülerbegegnung in einer dafür eingeräumten Schulstunde. Am Zeitpunkt t0 der EVEA- Gruppen und der EKKT-Gruppe wurde eine E-Mailadresse abgefragt, sodass sich die Teilnehmer an die weiteren Befragungszeitpunkte t1 und t2 auf Wunsch erinnern lassen konnten; hiervon machten beinahe alle Befragten Gebrauch. Für t1 wurde die erste Erinnerung zwei Tage nach Rückkehr und die zweite Erinnerung sieben Tage später versendet, für t2 wurde die erste Erinnerung 30 Tage nach Rückkehr verschickt, die zweite wiederum sieben Tage später. Die Befragung t1 wurde bei der Gruppe ADS drei Tage nach Rückkehr abermals im Rahmen einer Schulstunde durchgeführt. Tabelle 2 zeigt die Antwortraten für alle Gruppen. In der Experimentalgruppe I (EVEA) nehmen von 84 eingeladenen Begegnungsteilnehmern nur 44 Prozent an der Befragung teil, nur 39 Prozent beenden die Befragung. Auch die weitere Panelsterblichkeit fällt in dieser Gruppe recht hoch aus. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe (EKKT), weist eine ähnlich hohe Panelsterblichkeit auf, allerdings nehmen initial mehr eingeladene Teilnehmer (58 Prozent) an der Befragung teil, und immerhin beendete die Hälfte der eingeladenen Teilnehmer die Studie. Die Teilnehmer der EVEA-Gruppe und der EKKT-Gruppe 58 erhielten einen Brief, in dem die geplante Studie erläutert und um die Teilnahme gebeten wurde. Zusätzlich wurde die geplante Studie bei der EKKT-Gruppe im Rahmen eines Vorbereitungstreffens vorgestellt und persönlich um die Teilnahme gebeten. Die hohe Panelsterblichkeit lässt sich dadurch erklären, dass die Motivation trotz der drei Befragungszeitpunkte einzig auf der Mitwirkung an der Studie selbst beruhte und keine weiteren Motivationsmechanismen eingesetzt wurden. Die sehr hohe Antwortrate (92 beziehungsweise 82 Prozent) der Experimentalgruppe II (ADS) ist dadurch zu erklären, dass während des Schultages jeweils ein Zeitfenster zur Bearbeitung der Fragebögen eingeräumt wurde. Die fehlenden Fälle entstanden hier krankheitsbedingt. Experimentalgruppe I EVEA Experimentalgruppe II ADS Kontrollgruppe EKKT t0 t1 t2 t0 t1 t2 t0 t1 t2 eingeladen 84 37 37 39 39 - 112 65 65 Befragung begonnen 37 (44%) 21 (57%) 16 (43%) 36 (92%) 32 (82%) - 65 (58%) 39 (60%) 24 (37%) Befragung beendet 33 (39%) 17 (45%) 14 (38%) 36 (92%) 32 (82%) - 56 (50%) 34 (52%) 19 (29%) (t0+t1)* 16 30 32 (t0+t1+t2) 13 - 18 Tabelle 2: Antwortraten für alle Gruppen. Quelle: eigene Darstellung. *Nur Datensätze, für die mindestens Daten für die Zeitpunkte t0 und t1 vorhanden sind, wurden in die Analyse einbezogen. Die Experimentalgruppe I (EVEA) setzt sich aus Teilnehmern mehrerer Projekte der Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen zusammen. Eingeladen wurden hierbei alle Teilnehmer, die (a) an einem Projekt teilnahmen, an dem mindestens Jugendliche aus zwei verschiedenen europäischen Ländern teilnehmen und (b) sich über die deutsche Sektion der EVEA angemeldet hatten. Durch Bedingung (b) soll sichergestellt werden, dass die Experimentalgruppe eine möglichst große Ähnlichkeit mit der Kontrollgruppe aufweist und gleichzeitig keine Störfaktoren wie beispielsweise europabezogene politi- 59 sche Stimmungen39 die Messung beeinflussen. Es wird davon ausgegangen, dass die Teilnehmer der EVEA und der Kontrollgruppe freiwillig an dem jeweiligen Projekt teilnahmen. Experimentalgruppe II (ADS) besteht aus den Teilnehmern einer binationalen Begegnung, die im Fahrtenkonzept der Schule festgeschrieben ist und die Teilnahme somit verpflichtend ist. Der grundlegende Unterschied zwischen beiden Experimentalgruppen besteht also darin, dass die Teilnehmer der Experimentalgruppe I freiwillig an der Begegnung teilnahmen, während dies bei den Teilnehmern der Experimentalgruppe II nicht vorausgesetzt werden kann. Ansonsten ist die Gestaltung der Projekte weitestgehend analog. 8.2 Messinstrumente Im Folgenden werden die Operationalisierungen der Konstrukte beschrieben, die in dieser Arbeit untersucht werden. Die Messungen erfolgen über vier- bis siebenstufige Rating-Skalen, die in den einzelnen Konstrukten genauer erläutert werden. Der höchste Skalenwert drückt dabei eine maximale Zustimmung aus, der niedrigste Skalenwert maximale Ablehnung. Eine Übersicht über alle Items und deren Zusammenfassung in Skalen befindet sich im Appendix. 8.2.1 Europäische Identifikation Der im Zentrum angenommene Effekt europäischer Jugendbegegnungen liegt in der Erhöhung der Identifikation mit Europa. Wie in Kapitel 3.1. gezeigt, sind Identifikationsprozesse in weiten Teilen durch das Fühlen einer affektiven Verbundenheit zu einem Bezugsobjekt vermittelt. Diese wird durch eine direkte Abfrage der Verbundenheit mit Europa operationalisiert. Als Nebenaspekte werden die Indikatoren kognitive Auseinandersetzung mit Europa und empfundene politische Legitimität in Items umgesetzt. Eine Übersicht zu den Items für das Konstrukt Europäische Identifikation findet sich in Tabelle 3. 39 Als Beispiel: bei einer Messung, die luxemburgische Jugendliche inkludiert, müsste aufgrund der stark europazentrierten luxemburgischen Politik davon ausgegangen werden, dass die Messung zu anderen Ergebnissen führt als die an deutschen Jugendlichen. 60 Indikator Formulierung Skalierung Quelle affektive Verbundenheit Ich fühle mich verbunden mit... Europa. 1 (gar nicht) – 5 (sehr stark) Schmidt-Denter et al. 2005: 30f., modifiziert kognitive Auseinandersetzung Würdest du sagen, dass du an europäischen Themen sehr interessiert, ziemlich interessiert, nicht sehr interessiert oder gar nicht interessiert bist? 1 (sehr interessiert) – 4 (gar nicht interessiert) EUROBAROMETER 84.1 2016, modifiziert empfundene politische Legitimität Die Auflösung der EU würde mich freuen. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 33, modifiziert Tabelle 3: Formulierung der Items im Konstrukt Europäische Identifikation. Analog zur affektiven Verbundenheit mit Europa wird die affektive Verbundenheit mit Deutschland operationalisiert, um die Annahme, dass keine negative Korrelation zwischen beiden Identifikationen besteht, prüfen zu können. Das dazugehörige Item wird in Tabelle 4 dargestellt. Indikator Formulierung Skalierung Quelle affektive Verbundenheit Ich fühle mich verbunden mit... Deutschland. 1 (gar nicht) – 5 (sehr stark) Schmidt-Denter et al. 2005: 30f., modifiziert Tabelle 4: Formulierung des Items im Konstrukt Deutsche Identifikation. 61 8.2.2 Toleranz Der Pfad Intergruppenkontakt → Rekategorisierung in eine gemeinsame Gruppe verläuft, wie in Kapitel 4 gezeigt, über den Mediator Verringerung von Vorurteilen. Es kann angenommen werden, dass gleichzeitig mit der Verringerung von Vorurteilen die Toleranz steigt. Insofern ist es sinnvoll, die Erhöhung von Toleranz direkt zu messen, da sie als Konterpart der Bildung von Vorurteilen einen vermittelnden Effekt auf die anschließenden Prozesse hat.40 Toleranz wird im Rahmen dieser Arbeit in Anlehnung an die Skala von Schmidt-Denter et al. (2005: 33) operationalisiert. Diese wurde, wie in Tabelle 5 dargestellt, für Jugendliche angepasst und erweitert. Abbildung 8: Typische Übung (Das Band/Metalog) zur Etablierung eines Wir- Gefühls im Rahmen von internationalen Jugendbegegnungen. 40 Zur Diskussion über die Konzeptualisierung von Toleranz siehe Kapitel 3.3. 62 Indikator Formulierung Skalierung Quelle Skala Toleranz α= 0.84 Toleranz Kultur Ich kann Menschen tolerieren, die einer Kultur angehören, die mir fremd ist. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 13, modifiziert Toleranz Religion Ich kann Menschen tolerieren, die eine Religion haben, die nicht meine eigene ist. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 13, modifiziert Toleranz Nationalität Ich kann Menschen tolerieren, die aus einem Land kommen, über das ich nicht viel weiß. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 13, modifiziert Toleranz Weltanschauung Ich kann Menschen tolerieren, die eine Weltanschauung haben, der ich nicht zustimmen kann. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) Schmidt-Denter et al. 2005: 13, modifiziert Toleranz Werteempfinden Ich kann Menschen tolerieren, die eine Idee von Gerechtigkeit haben, der ich nicht zustimmen kann. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Toleranz andere Meinungen Ich kann Menschen tolerieren, die eine andere Meinung haben, ohne sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Tabelle 5: Formulierung der Items im Konstrukt Toleranz. 63 8.2.3 Persönlichkeitsdimensionen In Kapitel 4.3. wird diskutiert, inwiefern Teilnehmer von interkulturellen Begegnungen eine besondere Persönlichkeitsstruktur aufweisen und inwiefern hierdurch eine Stichprobenverzerrung in Form einer Selbstselektion ausgelöst wird. Diese Annahme wird im Rahmen dieser Arbeit durch das Big Five Inventory geprüft. In der Abwägung des Umfangs versus Messgenauigkeit fiel die Entscheidung auf das Instrument BFI-SOEP (Schupp/Gerlitz 2008), dessen Skalen zwar nur ein Cronbachs α zwischen .53 und .74 aufweisen41, dem aber durch die Prüfung der konvergenten Validität zum BFI-25 eine ausreichende Validität nachgewiesen wurde (Schupp/Gerlitz 2005: 24). 8.2.4 Intensität des Intergruppenkontakts Es besteht die Annahme, dass der Outcome einer Kontaktsituation, die unter den in Kapitel 4.1. diskutierten Bedingungen stattfindet, davon abhängt, wie intensiv sich der Kontakt gestaltet. Hierzu werden drei Items operationalisiert, die zu erwartende Dimensionen der Intensität von Intergruppenkontakt in den Fokus nehmen. Diese sind in Tabelle 6 dargestellt. Indikator Formulierung Skalierung Quelle Skala Intensität α= 0.62 Erlernen einer fremden Sprache Ich konnte einige Worte einer fremden Sprache lernen. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Lernen über eine fremde Kultur Ich konnte etwas über eine fremde Kultur lernen. 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Schließen von Freundschaften Ich habe Freunde unter den Menschen aus anderen Ländern gefunden 1 (stimmt gar nicht) – 5 (stimmt völlig) eigenes Item Tabelle 6: Formulierung der Items im Konstrukt Intensität. 41 In der eigenen Messung α zwischen .47 und .69. 64 8.2.5 Häufigkeit von interkulturellem Intergruppenkontakt Zur Überprüfung, ob die Anzahl von Intergruppenkontakten in der Vergangenheit Auswirkungen auf die Toleranz der Teilnehmer hat, muss zusätzlich die Häufigkeit von intergruppalen Kontaktsituationen operationalisiert werden. Das entsprechende Item wird in Tabelle 7 gezeigt. Indikator Formulierung Skalierung Quelle Häufigkeit Intergruppenkontakt Wie oft waren bei den Jugendfreizeiten, an denen du teilgenommen hast, Teilnehmergruppen aus anderen Ländern dabei? 1 (gar nicht), 2 (einmal), 3 (zweimal), 4 (dreimal), 5 (viermal) 6 (mehr als viermal) eigenes Item Tabelle 7: Formulierung des Items im Konstrukt Häufigkeit von interkulturellem Intergruppenkontakt. 8.3 Deskriptive Statistik Dem inferenzstatistischen Teil vorangestellt sei ein Überblick über die einzelnen Gruppen der gezogenen Stichproben und die deskriptive Beschreibung der erhobenen Daten. 8.3.1 Demographische Merkmale Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe I (EVEA) sind zum Messzeitpunkt to im Mittel 17.56 Jahre alt, die hohe Standardabweichung (SD=5.2) kommt dadurch zustande, dass das Teilnehmerspektrum der Organisation recht hoch gestreut ist. Die Geschlechter der Gruppe sind gleichverteilt, ein sehr hoher Anteil strebt einen höheren Schulabschluss an. Alle Teilnehmer besitzen die deutsche, ein Teilnehmer hat zusätzlich die luxemburgische Staatsbürgerschaft. Die Versuchspersonen der Experimentalgruppe II (ADS) sind durchschnittlich 15.53 Jahre alt. Da die Gruppe aus einer Jahrgangskohorte einer Schule zusammengesetzt ist, ist die Standardabweichung (SD=.68) sehr gering. Ein Drittel der Teilnehmer ist weiblich, zwei Drittel männlich. In dieser Gruppe besitzen deutlich mehr Teilnehmer 65 (36.7 Prozent) neben der deutschen eine weitere Staatsbürgerschaft.42 Die Teilnehmer der Kontrollgruppe (EKKT) sind im Durchschnitt 15.77 Jahre alt, die Standardabweichung (SD=3.91) kommt durch verschiedene Untergruppen der Jugendfreizeit zustande. Etwa die Hälfte der Teilnehmer ist weiblich, ein Drittel männlich, die verbleibenden Teilnehmer machten keine Angabe. Der größte Anteil der Versuchsgruppe besucht ein Gymnasium, ein weiterer großer Anteil die Realschule, ungefähr 15 Prozent sind Hauptschüler oder haben sonstige Schulform angegeben. Zwei Teilnehmer gaben an, neben der deutschen Staatsbürgerschaft eine weitere (russische, ohne Angabe) zu besitzen. Die demographischen Daten sind überblickshalber in Tabelle 8 dargestellt. Experimentalgruppe I Experimentalgruppe II Kontrollgruppe Alter 17.56 (SD=5.2) 15.53 (SD=0.68) 15.77 (SD=3.91) Geschlecht männlich weiblich n/a 43.8% 43.8% 12.5% 66.7% 33.3% - 32.3% 51.6% 16.1% Schulform Hauptschule Realschule Gymnasium sonstige - 6.3% 93.8% - - 100% - - 6.5% 29.0% 54.8% 9.7% Staatsbürgerschaften deutsche sonstige 100% 6.3% 100% 36.7% 100% 6.5% Tabelle 8: Demographische Merkmale. N: EVEA=16, ADS=30 EKKT=31. 42 Folgende Staatsbürgerschaften wurden angegeben: türkische, marokkanische, pakistanische, thailändische, brasilianische und kroatische 66 8.3.2 Europäische Identifikation Aus dem zu allen drei Messzeitpunkten erhobenen Indikator »affektive Verbundenheit zu Europa« wurden zwei Veränderungsmaße folgendermaßen berechnet: Yaffektive Verbundenheit zu Europa t1 - Yaffektive Verbundenheit zu Europa t0 = Y Veränderungsmaß Europa t0 t1 Yaffektive Verbundenheit zu Europa t2 - Yaffektive Verbundenheit zu Europa t0 = Y Veränderungsmaß Europa t0 t2 Das erste Veränderungsmaß drückt die Progression der affektiven Verbundenheit mit Europa von Messzeitpunkt t0 nach t1 aus und misst damit die intraindividuellen Veränderungen vor und nach dem Treatment aus. Das zweite Veränderungsmaß arbeitet analog und misst, ob Veränderungen über einen längeren Zeitraum auftreten. Das Veränderungsmaß nimmt einen positiven Wert an, wenn die affektive Verbundenheit mit Europa steigt, und einen negativen, wenn diese sinkt. Der Skalenwert 0 repräsentiert somit Gleichheit der affektiven Verbundenheit mit Europa an beiden Messzeitpunkten. In der Experimentalgruppe I (EVEA) beträgt der Anstieg für den von t0 nach t1 0.33 (SD=0.72), von t0 nach t2 0.46 (SD=.88). In der Experimentalgruppe II (ADS), für die nur Messerwerte von t0 und t1 vorliegen, beträgt der Anstieg 0.48 (SD=1.42). In der Kontrollgruppe ist eine diametrale Entwicklung zu verzeichnen: So weist das erste Veränderungsmaß (t0 → t1) den Wert -0.23 (SD=1.03) auf, das zweite Veränderungsmaß (t0 → t2) den Wert -.83 (SD=.78). Die Veränderungen sind in Abbildung 8 dargestellt. Abbildung 9: Veränderungsmaß für die Mittelwerte für die Identifikation mit Europa in den verschiedenen Testgruppen. Min. N: EVEA=13, ADS=27, KG=18. -1 -0,8 -0,6 -0,4 -0,2 0 0,2 0,4 0,6 Veränderungsmaß der Identifikation mit Europa t0 → t1 t0 → t2 KG EVEA ADS EVEA + ADS 67 Der Mittelwert des negativ gepolten Indikators kognitive Auseinandersetzung fällt, wie in Tabelle 9 gezeigt, in Experimentalgruppe I von t0 nach t1 und sinkt weiter zu t2. Gleichzeitig steigt der Mittelwert der Kontrollgruppe, der ohnehin einen höheren Basiswert (t0) aufweist, deutlich an und erreicht zum Messzeitpunkt t2 wieder ungefähr den Ausgangswert. Auch der Indikator empfundene politische Legitimität ist negativ gepolt; ein niedriger Skalenwert beschreibt also auch hier eine hohe Ausprägung der Empfindung politischer Legitimität der Europäischen Union. Von Messzeitpunkt t0 nach t1 fällt der Skalenwert in der Experimentalgruppe I stark ab (das Legitimitätsempfinden erhöht sich also), während er in der Kontrollgruppe ansteigt. Indikator Experimentalgruppe I EVEA Kontrollgruppe EKKT t0 t1 t2 t0 t1 t2 kognitive Auseinandersetzung 2.50 (SD=.89) 2.38 (SD=.96) 2.25 (SD=.75) 2.97 (SD=1.20) 3.26 (SD=1.25) 2.91 (SD=.92) empfundene politische Legitimität (-) 1,56 (SD=1.15) 1,14 (SD=.363) - 1,39 (SD=.61) 1,54 (SD=.78) - Tabelle 9: Mittelwerte für weitere Indikatoren für Veränderung der Identifikation mit Europa. Min. N: EVEA=14, KG=24. 8.3.3 Toleranz In Bezug auf die Skala Toleranz, die aus sechs Items gebildet wird und ein Cronbachs α=0.84 aufweist, zeigt sich bei Durchsicht der Daten, dass Experimentalgruppe I und Kontrollgruppe beide den Basiswert (t0) 3.83 aufweisen, sich der Mittelwert zum Zeitpunkt t1 in der Experimentalgruppe mit 4.12 aber stärker erhöht hat als in der Kontrollgruppe (3.99). Die Standardabweichungen finden sich in Tabelle 10. 68 Indikator Experimentalgruppe I EVEA Kontrollgruppe Ev. Kirchenkreis Trier t0 t1 t0 t1 Skala Toleranz α= 0.84 3.83 (SD=.39) 4.12 (SD=.51) 3.83 (SD=.81) 3.99 (SD=.67) Tabelle 10: Mittelwerte der Skala Toleranz für t0 und t1. N: EVEA=13, KG=23. 8.3.4 Persönlichkeitsdimensionen Die Daten der BFI-Skalen Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Offenheit und Neurotizismus für die Experimentalgruppe I (EVEA) und die Kontrollgruppe sind in Abbildung 9 in Form eines Boxplots abgetragen. Dieser zeigt für die Skalen Gewissenhaftigkeit und Offenheit divergente Mediane zwischen den Gruppen. Ansonsten sind keine Abweichungen augenfällig. Inwiefern für diese oder für andere BFI-Skalen tatsächlich ein signifikanter Unterschied zwischen Experimentalgruppe I und der Kontrollgruppe besteht, wird an späterer Stelle im Rahmen der Inferenzstatistik geprüft. Abbildung 10: Boxplot-Vergleich der einzelnen Skalen des Big Five Inventorys für EVEA und Kontrollgruppe. 0 1 2 3 4 5 6 7 EVEA KG EVEA KG EVEA KG EVEA KG EVEA KG Au sp rä gu m g Gewissenhaftigkeit Extraversion Verträglichkeit Offenheit Neurotizismus 69 8.3.5 Identifikation Deutschland und Korrelation Deutschland – Europa Analog zu dem in Unterkapitel 8.3.2 vorgestellten Veränderungsmaß für Europa wurde auch für die affektive Verbundenheit mit Deutschland ein Veränderungsmaß errechnet. Die Experimentalgruppen weisen für dieses einen Mittelwert von .95 (SD=1.08; N=42) auf, dieser drückt eine gestiegene affektive Verbundenheit aus, während der Mittelwert der Kontrollgruppe bei -0.27 (SD=.92; N=26) liegt. Zwischen der »affektiven Verbundenheit mit Europa« und der »affektiven Verbundenheit mit Deutschland« besteht in beiden Gruppen eine positive Korrelation (Experimentalgruppe r=.640; Kontrollgruppe r=.396); diese werden im nächsten Kapitel auf Signifikanz geprüft. 8.4 Inferenzstatistik Das folgende Kapitel wird sich zunächst dem Umgang mit der recht kleinen Stichprobe der freiwilligen Teilnehmer von europäischen Begegnungen (Experimentalgruppe I/EVEA) widmen, um anschließend die in Kapitel 7 aufgestellten Hypothesen zu prüfen. 8.4.1 Umgang mit der kleinen Stichprobe Wie in Kapitel 8.1 dargestellt, liegen für die Stichprobe der freiwilligen Teilnehmer von europäischen Jugendbegegnungen für die Messreihe t0→t1 lediglich 16, für die Messreihe t0→t1→t2 sogar nur 13 Datensätze43 vor. Fan (2001: 276) weist darauf hin, dass die statistische Signifikanz überabhängig von der Größe der gezogenen Stichprobe ist. Hierdurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines β-Fehlers bei kleinen Stichproben enorm; obgleich gleichzeitig auch vermieden werden muss, dass durch einen α-Fehler eine Nullhypothese fälschlicherweise abgelehnt wird. Zwar ist statistische Signifikanz als Größe der Irrtumswahrscheinlichkeit auch bei kleinen Stichproben relevant, die Effektgröße ist aber nicht minder wichtig: Fan und Konold (2010: 448) nehmen an, dass ein „unter der Gegebenheit einer kleinen Stichprobe die Annahme eines zufälligen Auftretens eines bedeutsamem (mittleren oder sogar großen) Effektes nicht glaubwürdig“ [übersetzt] sei. Insofern wird im Rahmen dieser Arbeit, wie von Fan und Konold (2010) impliziert, ein kombiniertes Prüfverfahren angewendet, dass neben der statistischen Signifikanz auch die praktische Signifikanz in 43 Dies entspricht 19 beziehungsweise 15 Prozent der eingeladenen Teilnehmer. 70 Form der Effektstärke mit einbezieht. Die im Folgenden angewandte Irrtumswahrscheinlichkeit wird unter der Bedingung, dass mindestens ein mittlerer Effekt vorliegt (d>|0.5|), auf α=.10 festgelegt. Ansonsten gilt das konventionelle Konfidenzintervall von α=.05. 8.4.2 Hypothesentestung Zur inferenzstatistischen Prüfung der Hypothesen H1 bis H4 sowie H7.2 werden gepaarte und ungepaarte Zweistichproben-t-Tests verwendet, für die Hypothesen H5 und H6 werden Regressionsanalysen verwendet. Die für beide Verfahren vorausgesetzte Intervallskalierung der verwendeten Likert-Skalen wird hierbei angenommen (vgl. Bortz/Schuster 2010: 23). Hypothese H7.1 wird durch einen bivariaten Korrelationstest geprüft. Hypothese H1 Anhand mehrerer ungepaarter Zweistichproben-t-Tests wurde die Signifikanz der Veränderung des Aspekts affektive Verbundenheit mit den in Kapitel 8.3.2. vorgestellten Veränderungsmaßen geprüft. Im Vergleich mit der Kontrollgruppe als Referenz weisen Experimentalgruppe II und die Gesamtheit der Treatmentgruppen eine signifikante Steigerung der affektiven Verbundenheit mit Europa auf. Experimentalgruppe I weist ebenso eine Steigerung auf; diese ist auf dem 10- Prozent-Niveau gepaart mit einer mittleren Effektstärke44 (d=.61) signifikant. Gleiches gilt für die langfristige Veränderung, die Effektstärke liegt hier bei .67. Die statistischen Werte sind in Tabelle 11 abgetragen. 44 Die Effektstärkemaße werden im Folgenden nach Cohen (1988) angegeben. 71 EG I KG EG II KG EG I+II KG t0→t1 (*) ** ** M .33 -.23 .48 -.23 .43 -.23 t (df) -1.87 (39) -2.08 (51) -2.30 d .61 .57 .57 t0→t2 (*) M .46 -.83 - - - t (df) -1.949 (35) - d .67 - - Tabelle 11: t-Test für die Veränderungsmaße I und II. N: EI=15; EII=27 KG=26. (*) p < .10, ** p < .05. Bezogen auf den Aspekt kognitive Auseinandersetzung ist der negativ gepolte Skalenwert in Experimentalgruppe I zu den Zeitpunkten t1 (p=.036, d=.76) und t2 (p=.042, d=.76) signifikant niedriger als in der Referenzgruppe, gleichzeitig besteht ein mittlerer Effekt. Der Unterschied zum Messzeitpunkt t0 ist nicht signifikant (p=.176). Für den Aspekt politische Legitimität sinkt der negativ gepolte Skalenwert der Experimentalgruppe I signifikant (p=.039), die Effektstärke liegt bei d=.-72. Es besteht also für alle geprüften Aspekte ein signifikanter Unterschied zur Referenzgruppe. Die Nullhypothese für Hypothese H1 wird folglich abgelehnt. Allerdings muss angemerkt werden, dass die posthoc berechneten Teststärken aufgrund der geringen Stichprobengröße lediglich zwischen .62 und .44 liegen; hierdurch besteht die Notwendigkeit, trotz der durchgehend mindestens mittleren Effekte die Hypothese an einer größeren Stichprobe erneut zu prüfen. 72 Hypothese H2 Beide Gruppen wiesen zum Zeitpunkt t0 den gleichen Mittelwert (M=3.83) auf. Für die Experimentalgruppe I besteht eine signifikante (p=.044) Steigerung des Skalenwertes auf der Skala Toleranz gepaart mit einem großen Effekt (d=.88). In der Kontrollgruppe besteht keine signifikante Steigerung (p=.25). Hieraus ergibt sich die Ablehnung der Nullhypothese. Die Teststärke liegt trotz der kleinen Stichprobe (N=36) für H2 bei .83. Hypothesen H3.1 und H3.2 Für die einzelnen Skalen wurden t-Tests durchgeführt. Hierbei ergibt sich, dass lediglich die Skala Offenheit einen Unterschied zwischen Experimentalgruppe I und Referenzgruppe auf einem Signifikanzniveau von α=.10 (p=.083) aufweist. Die Effektstärke liegt für diese Skala bei d=.55; hierdurch wird der Unterschied, wie in Kapitel 8.4.1. erläutert, im Sinne einer Tendenz interpretiert und die Hypothese H3.1 bestätigt. Die Mittelwerte der Skala Verträglichkeit weisen für die Experimentalgruppe keine statistisch signifikante Differenz auf (p=.413), auch eine praktische Signifikanz ist kaum gegeben (d=.26) insofern muss die Nullhypothese für H3.2 beibehalten werden. Hypothese H4 Die Hypothese H4 war von der Bestätigung der Hypothese H1 abhängig. Zur Prüfung wurden die Mittelwerte des Veränderungsmaßes (t0 → t1) für die Experimentalgruppe I und Experimentalgruppe II mittels eines t-Tests verglichen. Der Unterschied zwischen den Mittelwerten ist weder signifikant (p=.709) noch kann die Effektstärke als Indikator für das Vorliegen eines Zusammenhangs dienen (d=.12). Daraus folgt, dass für H4 die Nullhypothese beibehalten werden muss. Hypothesen H5 und H6 Die Ergebnisse der zur Überprüfung der Hypothesen H5 und H6 verwendeten Regressionsanalysen finden sich in Tabelle 12. In Hinblick auf Hypothese H5 besteht ein statistisch und praktisch signifikanter (p=.011, f=.40) positiver Effekt von Erfahrung mit interkulturellen Gruppen auf Toleranz. Somit kann die Hypothese H5 bestätigt werden. Gleiches gilt auch für Hypothese H6: Sie kann durch die Regressionsanalyse bestätigt werden und weist einen sehr großen Effekt auf (f=.66, p=.050). 73 Tabelle 12: Regressionsanalysen für Hypothesen H5 und H6. f = Effektstärke. Hypothesen H7.1 und H7.2 Hypothese H7.1 wird mithilfe einer bivariaten Korrelationsanalyse geprüft. Für die Gesamtheit der Treatmentgruppen besteht eine hoch signifikante (p<.001) positive Korrelation (Pearsons r=.64) zwischen dem Veränderungsmaß (t0→t1) Europa und dem Veränderungsmaß (t0→t1) Deutschland, wobei beide Veränderungmaße Werte größer Null aufweisen. Insofern kann die Hypothese, dass keine negative Korrelation besteht, bestätigt werden. Auch für die Kontrollgruppe besteht eine positive Korrelation (r= .40, p=.045), allerdings weisen hier beide Veränderungsmaße einen negativen Wert auf. Modell für: H5 Toleranz H6 Verbundenheit zu Europa Variable: Erfahrung mit interkulturellen Gruppen Konstante Intensität des Intergruppenkontakts Konstante b .18 3.31 .52 -1.62 SE .067 .208 .234 .894 β .37 - .55 t 2.67 15.88 -1.81 2.21 p .011 <.001 .050 .097 95% CI LL .04 2.89 .001 -3.59 UL .31 3.72 1.03 .35 R2 .136 .306 F (p) 7.11 (.011) 4.86 (.050) f .40 .66 N 47 13 74 Zur Prüfung von Hypothese H7.2 wurde ein Zweistichproben t-Test durchgeführt. Es besteht eine Differenz in den Mittelwerten der Treatmentgruppe und der Kontrollgruppe, dies allerdings auf einem nicht signifikanten Niveau (p=.16). Die Effektstärke beläuft sich auf d=.36, was einem mittleren Effekt entsprechen würde. Zwar kann die Hypothese H7.2 somit nicht bestätigt werden, dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass deswegen davon ausgegangen werden darf, dass die Nullhypothese wahr ist. Die post-hoc-Analyse der Teststärke ergibt mit .29 einen sehr geringen Wert, die Wahrscheinlichkeit eines β-Fehlers liegt im Umkehrschluss bei 71 Prozent. 8.5 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse Es konnte gezeigt werden, dass die Teilnahme an europäischen Jugendbegegnungen einen positiven Einfluss auf die Identifikation mit Europa (H1) und auf die Toleranz (H2) von Jugendlichen hat. Als Einflussfaktor auf die Erhöhung von Toleranz konnte die Häufigkeit von Intergruppenkontakten bestätigt werden (H5), als Einflussfaktor für die europäische Identifikation die Intensität des Intergruppenkontakts (H6). Die Untersuchung der Persönlichkeitsstruktur von Jugendlichen, die an Jugendbegegnungen teilnahmen und solchen, die nicht an Jugendfreizeiten teilnahmen ergab, dass lediglich in der Dimension Offenheit für neue Erfahrungen eine leichte Tendenz der Teilnehmer von Jugendbegegnungen zu höheren Werten vorliegt (H3.1). Für alle anderen Dimensionen, auch nicht für die als unterschiedlich angenommene Dimension Verträglichkeit (H3.2), liegen keine signifikanten Unterschiede vor. Die Hypothese, dass Jugendliche, die nicht freiwillig an einer Jugendbegegnung teilnehmen, eine höhere positive Veränderung ihrer Identifikation mit Europa aufweisen als solche, die freiwillig teilnehmen (H4), muss zurückgewiesen werden. Ausgehend von der Hypothese, dass keine negative Korrelation zwischen europäischer und nationaler Identifikation besteht, zeigte sich, dass sogar eine stark positive Korrelation zwischen beiden Identifikationen vorliegt (H7.1) Abweichend hiervon konnte nicht bestätigt werden, dass Teilnehmer von Jugendbegegnungen nach der Teilnahme eine höhere nationale Identität aufweisen; dies obwohl die Entwicklung für beide Identifikationen positiv verläuft (H7.2). Allerdings ist dies unter dem Gesichtspunkt, dass die Wahrscheinlichkeit für einen β-Fehler bei 71 Prozent liegt, nicht hinreichend, um die Nullhypothese anzunehmen.

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References

Abstract

In the study Jugend und Europa, a model of the effects of intergroup contacts in international youth exchanges is developed on the basis of theorems derived from Allport’s contact hypothesis. The effects of international youth work programmes in which European topics are approached from different angles are compared in the study. Exchanges in the context of school and non-formal settings as well as youth camps approaching intercultural topics without exchange were considered. The factors and conditions that are relevant for the development of a European identity and an active European Citizenship are portrayed. Furthermore, the impacts on the formation of tolerance and personality through international youth exchanges is investigated. Repeatedly conducting surveys over time allowed to identify both short- and long-term impacts.

Zusammenfassung

Die Studie Jugend und Europa entwickelt auf Basis der von Allports Kontakthypothese abgeleiteten Theoreme ein Modell zur Wirkung von Intergruppenkontakt in internationalen Jugendbegegnungen. Sie vergleicht Wirkungen von Angeboten der internationalen Jugendarbeit, die sich europäischen Themen von verschiedenen Seiten nähern: Einbezogen wurden sowohl Jugendbegegnungen im non-formalen und im schulischen Kontext sowie Maßnahmen, die sich interkulturellen Fragestellungen ohne Begegnung nähern. Es wird gezeigt, welche Bedingungen und Faktoren auf die Genese einer Europäischen Identität und der Herausbildung einer aktiven Europäischen Bürgerschaft wirken. Gleichzeitig wird die Herausbildung von Toleranz und die Entwicklung der Persönlichkeit durch internationale Jugendbegegnungen untersucht. Durch mehrere Befragungszeitpunkte konnten sowohl kurzfristige als auch langfristige Wirkungen ermittelt werden.