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2. Alphabetisierung und Grammatikvermittlung in:

Petra Schappert

Mit Dramagrammatik zu grammatikalischer Kompetenz, page 9 - 12

Eine empirische Untersuchung im Rahmen von Alphabetisierungskursen für Erwachsene

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4464-3, ISBN online: 978-3-8288-7488-6, https://doi.org/10.5771/9783828874886-9

Tectum, Baden-Baden
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9 2. Alphabetisierung und Grammatikvermittlung Die Buchstabeneinführung im Rahmen der Alphabetisierung spielt für diese empirische Untersuchung keine entscheidende Rolle, wohl aber die zugrunde liegende Schriftunerfahrenheit der Kursteilnehmenden. Zu Beginn der Datenerhebung war die Basis-Alphabetisierung bereits abgeschlossen, sodass während der Grammatikeinheiten keine neuen Buchstaben eingeführt werden mussten. Die Schrift konnte, wenn auch in begrenztem Rahmen, genutzt werden. Aufgrund dieser Grundgegebenheiten der empirischen Untersuchung wird nicht auf Details der Didaktik der Alphabetisierung bzw. insbesondere der Buchstabeneinführung eingegangen, wenngleich auch bei der Grammatikvermittlung methodisch und didaktisch berücksichtigt wird, dass es sich bei der Zielgruppe um Erwachsene handelt, die immer noch im Prozess des Schriftspracherwerbs sind. Diese Gruppe kann nicht wie eine „normale“ Anfänger-Lerngruppe behandelt werden. Im Folgenden werden daher andere wichtige Aspekte angesprochen, die sich aus den Lernvoraussetzungen und dem Alphabetisierungsprozess der Gruppe ergeben und die relevant sind für die niederschwellige Vermittlung von Grammatikkenntnissen in einem Alphabetisierungskurs. Das Konzept für einen bundesweiten Alphabetisierungskurs des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sieht auch für Integrationskurse mit Alphabetisierung die Vermittlung von Grammatik vor (vgl. Feldmeier 2015). Besonders betont wird, dass sich die Auswahl der Grammatikinhalte an den konkreten Handlungsbedürfnissen der Kursteilnehmenden orientieren solle. Grammatikphänomen und gewähltes Thema sollen eng miteinander verknüpft sein, da die Verwendbarkeit der Inhalte im Alltag als pragmatisches Prinzip angestrebt werde. 10 Schappert: Mit Dramagrammatik zu grammatikalischer Kompetenz „Im Sinne der Teilnehmer- und Handlungsorientierung sind die zu behandelnden grammatischen Inhalte zunehmend mit der Bewältigung authentischer, kommunikativer Aufgaben in der Öffentlichkeit, im Privat- und Berufsleben sowie im Bildungsbereich zu verknüpfen“ (Feldmeier 2015, 71). So sollen die Kursteilnehmenden dazu befähigt werden, das im „Schutzraum“ des Alpha-Kurses Erlernte auch außerhalb des Sprachkurses erfolgreich anzuwenden.6 Da das angestrebte Ziel des Integrationskurses mit Alphabetisierung das Erreichen des Niveaus A2.2 nach dem „Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen“ (GER) ist, bestimmt dieses jedoch vor allem die Auswahl der Grammatik-Inhalte. Es stellt sich die Frage, wie Grammatikkenntnisse sinnvoll, effektiv und nachhaltig vermittelt werden können, wenn die Kursteilnehmenden mitten im langwierigen Prozess des Schriftspracherwerbs sind. Diese schriftunerfahrenen Lernenden können schriftsprachliche Materialien nicht bzw. nur in geringem Maße nutzen. Vermittlung, Üben und Festigung von Grammatikinhalten erfolgt daher schwerpunktmäßig auf mündlichen Wegen – was bezogen auf die notwendige Behaltensleistung eine große Herausforderung darstellt.7 6 Dieser Forderung wird durch die Adaption des Dramapädagogik- bzw. Dramagrammatikkonzeptes nach Schewe und Even Rechnung getragen. Folglich werden die Kursteilnehmenden keine fiktiven Rollen übernehmen, sondern dürfen in den meisten Fällen sich selbst spielen. Die Methoden der Dramapädagogik/grammatik dienen außerdem hier nicht dazu, sich mit literarischen Textvorlagen auseinanderzusetzen und als Grundlage für theatrale Umsetzungen zu nutzen. Die Spielszenen bilden reale Situationen aus dem Alltag ab und wollen somit bei der Bewältigung dieser Situation im Leben außerhalb des Kursraums helfen. Zur Abgrenzung des Einsatzes der Dramagrammatik in dieser Arbeit von den allgemein gültigen Prinzipien und Zielsetzungen der Dramapädagogik/grammatik siehe Kapitel 4 und zur praktischen Umsetzung siehe Kapitel 7.3.2.1 ff. 7 Aus diesen Grundvoraussetzungen ergeben sich auch weitreichende Konsequenzen für die Anwendung der Methoden der Dramapädagogik/-grammatik. Die Lehrkraft kann sich weniger im Hintergrund halten, sondern fungiert öfter als Vorbild oder Vor- und Mitspieler. Anstatt des Einsatzes von Schrift müssen andere Vermittlungswege gewählt werden, Kognitivierungsphasen/Einordnungsphasen anders gestaltet werden. Auch sollte die geistige Belastbarkeit der Teilnehmenden im Blick behalten und für Entspannungsphasen gesorgt werden. Mehr dazu ebenfalls in den Kapiteln 4 und 7.3.2.1 ff. sowie in Kapitel 5. 11 2. Alphabetisierung und Grammatikvermittlung Im Rahmen der Alphabetisierung gibt es verschiedene didaktische Ansätze, die auch auf die Grammatikvermittlung als Teil der Alphabetisierung übertragbar sind. So gibt es den Ansatz, „den Sprachlernweg von schriftlichen Übungen zur mündlichen Sprache bei der Arbeit mit schriftunerfahrenen Lernenden umzukehren und die mündliche Erarbeitung des Sprachmaterials konsequent den schriftlichen Übungen voranzustellen“ (Mempel/ Ochs/Schramm 2013, 50). Begründet wird dieser Ansatz mit der These, dass schriftliches Unterrichtsmaterial für diese Lerngruppe keine Hilfe darstelle, sondern „ein eigener Lerngegenstand [ist], dessen Aneignung erst dann gelingen kann, wenn der Schriftspracherwerb auf mündlich verständlichem Material aufbaut“ (ebenda, 50). Feick/Schramm 2016 sprechen auf S. 217 sogar von einem „Lernhemmnis“ in Bezug auf schriftliche Unterrichtsmaterialien und plädieren dafür, „weitestgehend schriftfreie Verfahrensweisen der Sprachvermittlung einzusetzen“ (ebenda, 217). Nach diesem Ansatz erfolgt zunächst der Aufbau mündlicher Kompetenz als Basis, bevor mit dem Erwerb der Schriftsprache begonnen wird. Als mögliche Methoden nennen die Autorinnen die Methode des Total Physical Response, die audiolinguale Methode mit pattern drills oder aber dramapädagogische Verfahren (vgl. Feick/Schramm 2016, 217– 218). Methodisch nahe an dramapädagogischen Verfahren sind handlungsorientierte und prozessbasierte Ansätze, die die Autorinnen ebenfalls nennen. Im Vordergrund stehen bei diesen Methoden die Orientierung an den Handlungsbedürfnissen der Lernenden. Laut den Autorinnen sind gerade diese Ansätze besonders gut geeignet, um den Teilnehmenden Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Außerdem seien sie förderlich für die Lernmotivation und garantierten unter anderem „den nachhaltigen Lernerfolg“ (Feick/Schramm 2016, 221), nicht zuletzt durch die „lebensnahe[n] Schriftsprachhandlungs- und Interaktionssituationen als Lernanlässe (…)“ (ebenda, 221) und durch den Einbezug „[der] den Kursraum umgebende[n| Alltagswelt in den Unterricht (…)“ (ebenda, 222).

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Abstract

How do you teach grammar successfully and sustainable? Petra Schappert presents drama grammar as a method to teach basic grammar skills in literacy courses in German as a foreign language and tests it in an empirical research setting in the areas of effectiveness, sustainability and acceptance. The method is contrasted with the communicative method and sees itself as the further development of it. The study took place in a literacy language course of German as a foreign language for adults. The description and interpretation of the collected data is complemented with detailed lesson plans and information about drafting lessons using this method. Petra Schappert has many years of experience in teaching and in teacher training.

Zusammenfassung

Wie vermittelt man Grammatikkenntnisse erfolgreich und nachhaltig? Petra Schappert stellt die Dramagrammatik als Methode zur niederschwelligen Grammatikvermittlung in Alphabetisierungskursen in Deutsch als Fremdsprache vor und erprobt sie in einer empirischen Untersuchung auf Effektivität, Nachhaltigkeit und Akzeptanz. Kontrastiert wird die Methodik mit der kommunikativen Methode, als deren Fortentwicklung sie sich auch versteht. Die Untersuchung fand in einem Integrationskurs für Erwachsene mit Alphabetisierung statt. Flankiert wird die Darstellung und Auswertung der Untersuchung mit detaillierten Schilderungen der Unterrichtsstunden, die die Methodik konkret erlebbar machen, und mit wichtigen Hinweisen zur Unterrichtsgestaltung in einem dramapädagogischen Kontext. Petra Schappert verfügt über eine langjährige Unterrichtserfahrung im Bereich Fremdsprachen und ist in der Lehrerausbildung tätig.