Content

3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess in:

Marcel Dagenbach

"Ewiger Trost und gute Hoffnung", page 35 - 186

Die Eschatologie des zweiten vor dem Hintergrund des ersten Thessalonicherbriefs

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4461-2, ISBN online: 978-3-8288-7483-1, https://doi.org/10.5771/9783828874831-35

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 2Thess 1,3–12: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes119 3 a Εὐχαριστεῖν ὀφείλομεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ ὑμῶν, b ἀδελφοί, c καθὼς ἄξιόν ἐστιν, d ὅτι ὑπεραυξάνει ἡ πίστις ὑμῶν e καὶ πλεονάζει ἡ ἀγάπη ἑνὸς ἑκάστου πάντων ὑμῶν εἰς ἀλλήλους, 4 a ὥστε αὐτοὺς ἡμᾶς ἐν ὑμῖν ἐγκαυχᾶσθαι ἐν ταῖς ἐκκλησίαις τοῦ θεοῦ ὑπὲρ τῆς ὑπομονῆς ὑμῶν καὶ πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς διωγμοῖς ὑμῶν καὶ ταῖς θλίψεσιν b αἷς ἀνέχεσθε, 5 a ἔνδειγμα τῆς δικαίας κρίσεως τοῦ θεοῦ εἰς τὸ καταξιωθῆναι ὑμᾶς τῆς βασιλείας τοῦ θεοῦ, b ὑπὲρ ἧς καὶ πάσχετε, 6 a εἴπερ δίκαιον παρὰ θεῷ ἀνταποδοῦναι τοῖς θλίβουσιν ὑμᾶς θλῖψιν 7 a καὶ ὑμῖν τοῖς θλιβομένοις ἄνεσιν μεθʼ ἡμῶν, ἐν τῇ ἀποκαλύψει τοῦ κυρίου Ἰησοῦ ἀπʼ οὐρανοῦ μετʼ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ 8 a ἐν πυρὶ φλογός, b διδόντος ἐκδίκησιν c τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν d καὶ τοῖς μὴ ὑπακούουσιν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ, 9 a οἵτινες δίκην τίσουσιν ὄλεθρον αἰώνιον ἀπὸ προσώπου τοῦ κυρίου 3. 3.1 3.1.1. 35 b καὶ ἀπὸ τῆς δόξης τῆς ἰσχύος αὐτοῦ, 10 a ὅταν ἔλθῃ b ἐνδοξασθῆναι ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ c καὶ θαυμασθῆναι ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν, d ὅτι ἐπιστεύθη τὸ μαρτύριον ἡμῶν ἐφʼ ὑμᾶς, e ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ. 11 a Εἰς ὃ καὶ προσευχόμεθα πάντοτε περὶ ὑμῶν, b ἵνα ὑμᾶς ἀξιώσῃ τῆς κλήσεως ὁ θεὸς ἡμῶν c καὶ πληρώσῃ πᾶσαν εὐδοκίαν ἀγαθωσύνης καὶ ἔργον πίστεως ἐν δυνάμει, 12 a ὅπως ἐνδοξασθῇ τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ ἐν ὑμῖν, καὶ ὑμεῖς ἐν αὐτῷ, b κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. 3 a Wir sind es Gott schuldig, stets für Euch zu danken, b Brüder, c wie es angemessen ist, d dass Euer Glaube stark wächst e und die Liebe zueinander bei jedem Einzelnen von Euch allen. 4 a Deshalb rühmen wir uns Euretwegen in den Gemeinden Gottes für Eure Geduld und Glauben in all Euren Verfolgungen und Bedrängnissen, b die ihr ertragt, 5 a Anzeichen des gerechten Gerichtes Gottes dafür, dass ihr des Reiches Gottes für würdig erachtet seid, b für das Ihr auch leidet, 6 a So gewiss es gerecht ist bei Gott den Euch Bedrängenden mit Bedrängung zu vergelten, 7 a und Euch den Bedrängtwerdenden Aufatmen mit uns zusammen, bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel mit den Engeln seiner Macht. 8 a In flammendem Feuer b gibt er denen Bestrafung c die Gott nicht kennen d und die dem Evangelium unseres Herrn Jesu nicht gehorchen, 9 a welche als Strafe ewiges Verderben leiden werden, weg vom Angesicht des Herrn 119 Die kolometrischen Darstellungen in dieser Arbeit trennen sowohl Teilsätze als auch syntaktisch dazugehörige präpositionale Wendungen, sowie Anreden voneinander ab. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 36 b und von der Herrlichkeit seiner Stärke, 10 a wenn er kommt b verherrlicht zu werden unter seinen Heiligen c und bewundert zu werden unter allen zum Glauben gekommenen, d - denn geglaubt worden ist unser Zeugnis an Euch e an jenem Tag. 11 a Dafür beten wir auch immer für Euch, b damit unser Gott Euch der Berufung für würdig ansieht c und vollende allen guten Willen der Rechtschaffenheit und das Werk des Glaubens mit Macht, 12 a Auf dass verherrlicht werde der Name unseres Herrn Jesus Christus in Euch, und ihr in ihm, b gemäß der Gnade unseres Gottes und Herrn Jesus Christus. Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegen zwei Satzreihen vor, die im Folgenden beschrieben werden. 2Thess 1,3–10 Die erste Satzreihe besteht aus 14 Teilsätzen. Diese werden durch die Konjunktionen καθὼς (3c), ὅτι (3d), καὶ (3e/4b/7a/8d/9b/10c), ὥστε (4a), εἴπερ (6a), ὅταν (10a) und ὅτι (10d) verbunden. Das gemeinsame Substantiv ἡ πίστις (3d/4a) schafft Kohäsion. δικαίας (5a), δίκαιον (6a), ἐκδίκησιν (8b) und δίκην (9a) erzeugen einen weiteren Zusammenhalt, wie auch τῆς δόξης (9b) und ἐνδοξασθῆναι (10b), τοῖς θλίβουσιν/θλῖψιν und τοῖς θλιβομένοις, τοῖς πιστεύσασιν (10c) und ἐπιστεύθη (10d). Verbindung schaffen weiterhin auch Formulierungen mit jeweils identischem Anfang: ἐν τῇ ἀποκαλύψει (7a), ἐν πυρὶ φλογός (8a) und ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ (10e), sowie auch ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ (10b) und ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν (10c). Hierzu gehören auch τοῖς μὴ εἰδόσιν (8c) und τοῖς μὴ ὑπακούουσιν (8d). Die Präposition ἀπὸ stellt ein Bindeglied zwischen 9a und 9b dar. 3.1.1.1 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 37 Folgendes Schema liegt vor: 3 (3a.b.c) + 2 (3d.e) + 2 (4a.b) + 2 (5a.b) + 2 (6a, 7a) + 2 (7a, 8a) + 3 (8b.c.d) + 2 (9a.b) + 3 (10a.b.c) + 2 (10d.e). Dabei schert 10d aus – hier ist eine Parenthese zu beobachten. 10a und e umfassen die anderen Verse – in 10e klingen zudem die Anfangsworte von 7a, 8a wieder an. Das Partizip διδόντος (8b) signalisiert einen neuen Gedankeneinsatz, ihm folgen Ergänzungen (8b-9b), die die Bestrafung präzisieren. Ein erster Zielpunkt liegt in V.4b. Weitere Zielpunkte sind die VV. 7a.9a.b, der Höhepunkt zeigt sich in V.10a.e. 2Thess 1,11–12 Die zweite Satzreihe besteht aus vier Teilsätzen. Diese werden durch die Konjunktionen ἵνα (11b), καὶ (11c) und ὅπως (12a) verbunden. ἀξιώσῃ (11b) und πληρώσῃ (11c) – jeweils im Aorist Konjunktiv – führen zu zusätzlicher Verknüpfung. In 11a wirken Εἰς ὃ und πάντοτε περὶ ὑμῶν120 als Gliederungssignal, was die Satzreihe abgrenzt und die briefliche Fürbitte einleitet. Höhepunkte/Zielpunkte sind die Verse 11b und 12a, das vorliegende Schema ist 3 (11a.b.c) + 2 (12a.b). Auffällig für den gesamten untersuchten Abschnitt ist die „eigentümliche, kettenartige Verknüpfung der Satzglieder“121, d.h. die Wiederaufnahme von Worten im nächsten Vers oder in den nächsten Versen, d.h. es besteht eine starke Verknüpfung der Satzteile in 2Thess 1,3–12. Manche Ausleger sprechen von einem „Satzungeheuer“122, „ein[em] Ungetüm von Satzbildung“123 oder von einer „verquickte[n] und unbequeme[n] Periode“124. Zudem lässt sich „eine gewisse Armut der Ausdrucksweise“ erkennen.125 2Thess 1,3–12 enthält eine Periode (5–10) und besteht aus drei Satzreihen (3–4, 5–10, 11–12). 120 Ebenso in 2Thess 1,3. Nach dem Proömium folgenden Abschnitt 2,1–12 beginnt die Wendung in 2,13 den darauf folgenden Abschnitt. πάντοτε περὶ ὑμῶν ist fast identisch auch im Proömium von 1Thess (1,2) zu finden, ebenso in 1Kor 1,4. Vgl. auch Kol 1,3 und Eph 5,20. 121 Bornemann, Thessalonicherbriefe, S. 328. 122 Friedrich, Thessalonicher, S. 258. 123 Holtzmann, Thessalonicherbrief, S. 98. 124 Wrzoᴌ, Echtheit, S. 92. 125 Vgl. Bornemann, Thessalonicherbriefe, S. 464. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 38 Stilistische Analyse Nach Trilling herrscht im 2Thess ein „plerophorische[r] Stil“ vor.126 In 2Thess 1,3–12 existieren einige Merkmale eines überschwänglichen, reich angefüllten Textes. Komposita: 1,3: ὑπεραυξάνει 1,4: ἐν ὑμῖν ἐγκαυχᾶσθαι 1,5: εἰς τὸ καταξιωθῆναι 1,10: ἐνδοξασθῆναι Adjektivische Verbindungen: 1,5: τῆς δικαίας κρίσεως127 1,9: ὄλεθρον αἰώνιον Substantivische Verbindungen: 1,7: μετ᾿ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ 1,9: ἀπὸ τῆς δόξης τῆς ἰσχύος αὐτοῦ 1,11: εὐδοκίαν ἀγαθωσύνης 1,11: ἔργον πίστεως ἐν δυνάμει Häufung von πᾶς: 1,3: Εὐχαριστεῖν ὀφείλομεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ ὑμῶν 1,3: ἑνὸς ἑκάστου πάντων ὑμῶν εἰς ἀλλήλους 1,4: ἐν πᾶσιν τοῖς διωγμοῖς ὑμῶν 1,10: πᾶσαν εὐδοκίαν Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 1,3: ὑπεραυξάνω 1,3: Εὐχαριστεῖν ὀφείλομεν 126 Trilling, Untersuchungen, S. 58. 127 Hier ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob Pleropherie vorliegt: Röm 2,5: δικαιοκρισία. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 39 1,5: ἔνδειγμα128 1,7: μετ᾿ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ 1,9: ὄλεθρον αἰώνιον 1,10: ἐνδοξάζομαι129 1,10: θαυμασθῆναι ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν 1,10: τὸ μαρτύριον ἡμῶν 1,11: ἀξιώσῃ τῆς κλήσεως 1,11: εὐδοκίαν ἀγαθωσύνης 1,12: ἐνδοξάζομαι 1,12: κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ 2Thess 1,3.4 Εὐχαριστεῖν ὀφείλομεν kann man als „auffällige Wendung[…]“130 und speziellen Stil bezeichnen. 2Thess 1,5–10 Neben jeweils einmal vorkommenden Stilmerkmalen wie Ellipse (1,6), Pleonasmus (1,8a: ἐν πυρὶ φλογός), Litotes131 (1,8 c.d) und Parenthese (1,10: ὅτι ἐπιστεύθη τὸ μαρτύριον ἡμῶν ἐφʼ ὑμᾶς) ist besonders das sehr häufige Auftreten des parallelismus membrorum auffällig:132 6a-7a; 8b.c; 9a.b; 10b.c. Hier ist „eine gewisse Breite und Schwerfälligkeit der Ausdrucksweise“133 ersichtlich. Der p.m. wird hier fast nur im eschatologischen Kontext angewendet, im Gegensatz zum Proömium des 1Thess (VV.2a.b-3a), wo er ohne eschatologischen Inhalt ist. Der 128 Im Corpus Paulinum ist das Synonym ἔνδειξις zu finden (Röm 3,25f. in Verbindung mit weiteren Parallelen: …εἰς ἔνδειξιν τῆς δικαιοσύνης… πρὸς τὴν ἔνδειξιν τῆς δικαιοσύνης αὐτοῦ ἐν τῷ νῦν καιρῷ, εἰς τὸ εἶναι αὐτὸν δίκαιον καὶ δικαιοῦντα τὸν ἐκ πίστεως Ἰησοῦ.; 2Kor 8,24; Phil 1,28). 129 Sonst z.B. im Corpus Paulinum oder in Joh: δοξάζω. 130 Vgl. Trilling, Untersuchungen, S. 60. 131 Vgl. Blass, Grammatik, S. 425: Litotes findet sich vor allem in der Apg und bei Paulus; Z.B. Röm 10,16 mit Parallele zu 2Thess: Ἀλλ᾿ οὐ πάντες ὑπήκουσαν τῷ εὐαγγελίῳ. 132 Trilling, Untersuchungen, S. 52: „Parallelismen, meist synonyme, seltener synthetische, am sparsamsten antithetische, enthält der Brief in einer verblüffenden Zahl.“ 133 Bornemann, Thessalonicherbriefe, S. 463. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 40 Stil des 1Thess wird an dieser Stelle für die Akzentuierung und Pointierung der eschatologischen Aussagen des 2Thess verwendet. In 2Thess 1,6a.7a ist ein antithetischer Parallelismus vorhanden, ansonsten sind nur synonyme Parallelismen vorzufinden. Der parallelismus membrorum kommt häufig in der Weisheitsliteratur und in der hebräischen Dichtung vor, tritt aber auch in der LXX und im NT auf.134 Trilling sieht an dieser Stelle „hebraisierenden Stil“135. Die Vielzahl an synonymen Parallelismen spricht für eine alttestamentlich inspirierte Sprache. Diese Sprache benutzt auch Paulus an vielen Stellen, wenn auch nicht in solcher Dichte.136 Die VV6a;7a beinhalten ein Wortspiel (τοῖς θλίβουσιν ὑμᾶς θλῖψιν καὶ ὑμῖν τοῖς θλιβομένοις ἄνεσιν μεθʼ ἡμῶν). Sprachlich wird evident, dass ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ an das Ende von V.10 gesetzt wird, in eine exponierte Lage mit einigen zwischen ὅταν ἔλθῃ und ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ eingeschobenen Satzteilen. Zudem wird ersichtlich, dass 7a und 8a (ἐν τῇ ἀποκαλύψει, ἐν πυρὶ φλογός) auch auffällig positioniert und sprachlich durch das ἐν miteinander verbunden sind – ebenso mit V.10: ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ. Beachtenswert sind zudem VV. 8c.d (τοῖς μὴ εἰδόσιν/τοῖς μὴ ὑπακούουσιν) und ἐνδοξασθῆναι ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ und ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν (V.10). Von den 25 Verben des gesamten Abschnittes 2Thess 2,4–12 sind sechs Partizipien. Paulus bevorzugt in seinen Briefen finite Verben – diese dominieren hier klar.137 134 Blass, Grammatik, S. 420f.: „[Der synonyme] Parallelismus ist das besondere Kennzeichen der hebr. Poesie; er wird von der LXX nicht nur nachgestaltet, sondern auch selbständig gebildet. Im NT ist der Parallelismus in der Form durchaus griechisch, Einflüsse vom AT liegen nur beim synonymen Parallelismus vor; seine Beliebtheit bei einigen Verfassern erklärt sich aus der Vertrautheit mit der hebräischen Spruchdichtung.“ 135 Trilling, Thessalonicher, S. 39. 136 Vgl. Blass, Grammatik, S. 421: „Der von der LXX griechisch gefaßte atl Parallelismus hat auf Paulus nicht weniger Einfluß ausgeübt als der – oft schmuckreich gestaltete – Parallelismus griechischer Art, wie ihn auch der damalige heidnische Predigtstil aufwies.“ 137 Söding, Wege, S. 135: Bei Paulus treiben finite Verben den Gedanken voran. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 41 2Thess 1,11.12 In V.12a liegt ein Chiasmus vor: Ἰησοῦ ἐν ὑμῖν, καὶ ὑμεῖς ἐν αὐτῷ. In den VV. 11b.c, 12a ist jeweils ein synonymer parallelismus membrorum zu verzeichnen. Beschreibung der inneren Struktur138 2Thess 1,3–12 Nach den einleitenden Dankesworten in V.3f begegnet dem Leser eschatologisch geprägtes Vokabular in den VV.5–10, das sich entsprechend abhebt vom Beginn. V.5 könnte auch an V.4 anbinden, entwickelt sich aber eigenständig. Die VV.6a.7a beinhalten „bedrängen“ und “Bedrängnis“, die aufzeigen, dass der „eschatologische Zuspruch“ (VV.5–10) die Bedrängnisse und Verfolgungen aus V.4b ins rechte Licht rücken will, indem Ausblicke auf die Zukunft der Gemeinde und ihrer Bedränger gegeben werden. Die Eigenständigkeit des eschatologischen Zuspruchs wird durch einen recht geschlossenen Wortbestand demonstriert, der mit Wiederholungen und Anknüpfungen spielt. Es herrscht eine kettenartige Verknüpfung der Satzglieder vor (s.o.). V.11a signalisiert durch προσευχόμεθα πάντοτε περὶ ὑμῶν das Einsetzen eines neuen Abschnittes der brieflichen Fürbitte (11f.). Diese knüpft zugleich an V.3a an (Εὐχαριστεῖν ὀφείλομεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ ὑμῶν). Die Verbindung des ersten und dritten Teiles zeigt sich zudem im Adjektiv ἄξιος (3c) und im Verb ἀξιόω (11b). Der eschatologische Zuspruch wird durch die einleitenden Dankesworte und die briefliche Fürbitte gerahmt, was auch durch deren eschatologischen Anklänge unterstrichen wird. Das Substantiv „Glaube“ kommt in allen drei Teilen vor und dient als große Klammer des gesamten Textstückes. Im ersten Teil ist es der Glaube in den Verfolgungen und Bedrängnissen (4b.), im zweiten Teil der wiederkommende Herr, der zu denjenigen kommt, die das Zeugnis der Verfasser geglaubt haben (V.11c.d) und im dritten Teil das von Gott vollendete „Werk des Glaubens“ (V.11c). Das Proömium des 2Thess (1,3–12) lässt sich in drei Abschnitte auftei- 138 Die innere Struktur beschreibt die Verbindung der einzelnen Satzreihen in der Abfolge des Textes zu größeren Abschnitten. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 42 len. Der erste Abschnitt (1,3f.) beinhaltet die erste Danksagung. Darauf folgt als zweiter Abschnitt ein längerer eschatologischer Zuspruch. Der dritte Abschnitt, die briefliche Fürbitte für die Gemeinde (1,11f.), beendet das Proömium. Semantische Analyse 2Thess 1,3.4 Die Formulierung „zu danken schulden wir“ (3a) wird in 2Thess 2,13 wieder aufgenommen und ist singulär im NT, hat aber Parallelen bei den Apostolischen Vätern.139 Im Vergleich mit den Eingangseucharistien von 1Thess 1,2 und 1Kor 1,4 zeigt sich, dass „schulden wir“ in 2Thess hinzutritt – eine besondere Bedeutung liegt nahe. Der Gott zu erbringende Dank wird durch die Aussage „wie es angemessen ist“ (3c) qualifiziert und auf eine hohe Stufe gestellt. Das Verb „schulden“ muss nicht kühl und streng wirken.140 Vielmehr ist in Kombination mit „angemessen“ (3c) und „rühmen“ (4a) eine feierliche Sprache vorzufinden, die zwar nicht herzlich, aber gewinnend sein will und Respekt vor der Situation der Gemeinde ausdrücken soll. Die Verse 3d und 3e sind durch Worte aus demselben Wortfeld miteinander verbunden (ὑπεραυξάνει141 und πλεονάζει142). Hier wird deutlich, dass die Gemeinde im Glauben und in der Liebe zunimmt, was Grund der Dankespflicht des „Paulus“ vor Gott ist. Das paulinische Wortfeld „Glaube, Liebe, Hoffnung“ (1Kor 3,13; 1Thess 1,3; 5,8 in modifizierter Form) wird hier nicht bedient, die „Hoffnung“ wird erst in 2Thess 2,16 erwähnt.143 Glaube und Liebe als semantisches Paar sind auch in 1Thess 3,6 zu finden, wo der zurückkehrende Timotheus Paulus vom Glauben und von der Liebe der Gemeinde berichtet. Der „Glaube“ findet seine 3.1.1.2 139 Barn 5,3 (Verfasst 130/131 n.Chr.): ὑπερευχαρστεῖν οφείλομεν τῷ κυρίῶ, ὅτι; Barn 7,1: ᾧ κατὰ πάντα εὐχαριστοῦντες ὀφείλομεν αἰνεῖν.; 1Cl 38,4 (Verfasst in den 90er Jahren des 1. Jh.): ὀφείλομεν κατὰ πάντα εὐχαριστεῖν. 140 Trilling, Thessalonicher, S. 44 hört hier einen entsprechenden Klang. 141 Vgl. 2Kor 7,15. 142 Vgl. 1Kor 3,12. 143 Berger, Exegese, S. 153: „So sind der paulinischen Verbindung von Glaube, Hoffnung und Liebe vorgegeben die Verbindung von Glaube und Liebe (im Sinn einer Folgeverhältnisses) und von Glaube und Hoffnung.“ 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 43 Präzisierung in V.4a, indem er von „Geduld“ flankiert sich in „Verfolgungen“ und „Bedrängnisse“ bewähren muss, die „ertragen“ (4b) werden und sich so im Vertrauen auf Gott konkretisiert. θλῖψις kann äu- ßere Bedrängnisse und Drangsale bedeuten oder auch geistiger Druck und Trübsal. Durch die Voranstellung von διωγμός legt „Paulus“ äußere Bedrängnisse und Verfolgungen nahe, was durch den Straf- und Belohnungszusammenhang in 1,6ff. unterstrichen wird. Die beiden Worte könnten – wie weitere Worte eines in 2Thess 1,3–12 vorkommenden Wortfeldes – aus einer gemeinsamen ähnlichen Situation christlicher Gemeinden stammen (vgl. folgende Seite). Das ähnliche Wortfeld und die gemeinsame Situation zeigt sich in folgendem, von Berger adaptierten144 und um 2Thess ergänzten Schaubild: A Trübsal (+ Verb) – B Verfolgung – C Freude (+ Verb) – D Versuchung (+ Verb) mit Synonym („schütteln“, bildlich) – E Versucher, Satan, Teufel -F „das Wort annehmen“ – G (treu) bis in den Tod + Gefängnis – H Heiliger Geist – J (moralisch) stärken – K Glaube (+ Verb) Mk 4,16f. A B C F Lk 8,13 C D F K Offb 2,10 A D E G Lk 22,31ff. D E G J K 1Petr 4,12f. A C D H 2Kor 8,2 A C D 1Thess 1,6f. A C F H K 1Thess 3,2–7 A C F H K 2Thess 1,3–12 A B „F“145 K Berger schlussfolgert: „Durch den Aufweis dieses semantischen Feldes wird als typische Situation greifbar die Versuchung zum Abfall vom Glauben [Vgl. 2Thess 2,3], die sich aus Trübsal und Verfolgung um des Glaubens willen ergibt. Die sprachliche Gemeinsamkeit ist ein Indiz dafür, daß die Lage der Gemeinden weithin ähnlich war und daß 144 Vgl. Berger, Exegese, S. 143. 145 V.10. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 44 die verschiedenartigen Gemeinden sich auch in der theologischen Deutung ihrer gemeinsamen Frontstellung einig waren.“146 2Thess 1,5–10 Die Verfolgungen und Bedrängnisse aus V.4a sind „Anzeichen des gerechten Gerichts“, verweisen darauf, sind gleichsam erlebbare Bestätigung. „Daß das Gericht «gerecht» sein wird, liefert das Stichwort, das den Verfasser zur Auslegung dieser Gerechtigkeit in V 6 hinsteuern läßt.“147 Dort und in den Folgeversen zeigt sich ein negatives Ende für die Bedränger und eine positive Aussicht für die Bedrängten. Semantisch wird eine andere Gerechtigkeit als in Röm 1,17 und 3,22 beschrieben, wo sie allein aus dem Glauben begründet ist. 2Thess offeriert eine richtende, strafende und ausgleichende Gerechtigkeit Gottes. Röm 2,6ff. und 3,5f. kennen – in anderem Kontext – ebenso den Gerichtsgedanken in Zusammenhang mit der Gerechtigkeit – nach den Werken wird der Mensch gerichtet werden (Röm 2,6).148 Der Glaube nimmt zwar in 2Thess als Schlüssel zum Heil eine prominente Rolle ein, steht aber nicht im direkten Zusammenhang mit „Gerechtigkeit“. Auffällig ist, dass Paulus κρίσις (V.5a) ansonsten nie verwendet – stattdessen κρίμα.149 καταξιόω macht klar, dass die Gemeinde des Reiches Gottes „für würdig erachtet wird“. Sie „leidet“ (5c) für dieses Reich in Form von Bedrängnissen, wie das Verb „ertragen“ (4b) klar macht. Das „Reich Gottes“ (5a) tritt sehr häufig im NT auf, auch im Corpus Paulinum wird das Reich an einigen Stellen beschrieben. 1Thess 2,12 benennt es, wenn auch im Satzgefüge „Gott“ und „Reich“ nicht direkt beieinander stehen. Das Reich Gottes wird in 2Thess 1,5 als Ort der Belohnung für Leiden beschrieben und, so legt es der Text nahe, in den Folgeversen mit „Aufatmen“, „Angesicht des Herrn“ sehen und in seiner „Herrlichkeit“ leben gekennzeichnet. V.6a: ἀνταποδοῦναι („vergelten“) ist ein Synonym zu „Strafe geben“ im V.8b und δίκην τίσουσιν im V.9a. So wird klar, an welche Art 146 Vgl. Berger, Exegese, S. 143. 147 Trilling, Thessalonicher, S. 49. 148 Vgl. Theobald, Römerhof, S. 136. 149 In 1Thess findet sich lediglich ὀργη. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 45 von Vergeltung gedacht ist – „ewiges Verderben“ (1,9). Die Verse 6a und 7a sind durch das Verb „bedrängen“ inhaltlich miteinander verknüpft, zudem klingt V.4b wieder an (“Bedrängnisse“ und damit auch „Verfolgungen“). So wird das Nomen ἄνεσις (7a) in seiner Bedeutung klarer – nach Bedrängnis und Leiden erfolgt „Aufatmen“. Die Kontrastierung θλῖψις und ἄνεσις schafft eine lebendige Verbindung des Textes. „Der Verfasser wählt [mit ἄνεσις] kein theologisch hochbefrachtetes Wort, sondern eines, das in irdischen Situationen wurzelt und eine tiefe Sehnsucht anspricht.“150 Die „Offenbarung des Herrn Jesus“ erfolgt „vom Himmel“ her und „mit Engeln seiner Macht“ (7a), so hat diese einen eschatologischen und sichtbaren Charakter. 2Thess 1,7 findet in 1Thess 3,13 inhaltlich eine ähnliche Stelle: Die „Offenbarung“ „mit Engeln“ verbunden mit der „Parusie“ „der Heiligen“. Die „Heiligen“ im ersten Brief sind ein Synonym für die „Engel“.151 ἀπʼ οὐρανοῦ (V.7a) findet sich im synonymen Zusammenhang mit ἄνεσιν μεθʼ ἡμῶν (V.7a) auch in 1Thess (4,16f.: ἀπ᾿οὐρανοῦ; 17 σὺν κυρίῳ ἐσόμεθα).152 Die Worte „in flammendem Feuer“ (8a) zeigen das Gericht über die Erde an, wie es u.a. LXX Jes 66.15f oder 1Kor 3,13 beschreiben. „Strafe“ sollen „die Gott nicht Kennenden“ und „dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht Gehorchenden“ erhalten. In beiden Fällen sind die paganen Bedränger angesprochen, die den Adressaten zu schaffen machen. Auf die Bedränger weist ähnliches Vokabular (6a: vergelten; 8b: Strafe geben), deren heidnischer Hintergrund wird durch den Kontext und 1Thess 4,5 und LXX Jer 10,25 bestätigt. Mit dem „Evangelium nicht gehorchen“ sind keine Juden gemeint, diese kommen in 2Thess nicht vor, zudem zeigt die Gesamtschau des Briefes eine Frontstellung gegen die pagane und römische Welt. Das „ewige Verderben“ (1,9) konkretisiert sich in der Gottferne, fern vom Kyrios Jesus, wie 9a.b nahelegen – weg vom „Angesicht des 150 Trilling, Thessalonicher, S. 52. 151 Vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 199f. Dort ausführliche und überzeugende Argumentation und Forschungsdarstellung. 152 Interessant auch: Mt 13,41: … τοὺς ἀγγέλους αὐτοῦ, … ἐκ τῆς βασιλείας …τοὺς ποιοῦντας τὴν ἀνομίαν; Mt 16,27: μετὰ τῶν ἀγγέλων αὐτοῦ καὶ τότε ἀποδώσει; Mt 25,31: Ὅταν δὲ ἔλθῃ … οἱ ἄγγελοι μετ᾿ αὐτοῦ; Mk 8,38: ὅταν ἔλθῃ ….. μετὰ τῶν ἀγγέλων τῶν ἁγίων. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 46 Herrn“ und von der „Herrlichkeit seiner Stärke“.153 Die Gläubigen hingegen werden im Gegensatz dazu seine „Verherrlichung“ unter sich erleben und ihn „bewundern“ und damit sehen können (10b.c). V.10a greift die „Offenbarung des Herrn“ aus V.7a inhaltlich wieder auf. ἐνδοξασθῆναι aus V.10b kommt in V.12a nochmals vor, wo die Adressaten Ziel der Verherrlichung sind. Dies weist darauf hin, dass „seine Heiligen“ aus V.10b mit der Gemeinde identisch sein könnten. V.10c.d sind mittels πιστεύω verbunden, was die Gläubigen in V.10 näher spezifiziert: Es geht um den Glauben an „unser Zeugnis“, d.h. die Worte des „Paulus“, die das paulinische Erbe in seiner Sicht für den „Tag des Herrn“ in relevanter Weise aktualisieren – wie das auffällig gesetzte „an jenem Tag“ deutlich macht. ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ schafft eine semantische Verbindung zu den VV.7a (ἐν τῇ ἀποκαλύψει) und 8a (ἐν πυρὶ φλογός) und zeigt so den eschatologischen Heils- und Unheilsrahmen des Zeugnisses der Verfasser auf. 2Thess 1,11.12 „Dafür“ (11a), für das Bestehen „an jenem Tag“, für die Vollendung der „Berufung“ und des „Werkes des Glaubens“ (11b.c) richten „Paulus“ und seine Gefährten ihr Gebet an Gott. Der Herr vollendet „machtvoll“ (11c), was 7a ins Gedächtnis ruft – die „Engel seiner Macht“, die sichtbar mit dem Herrn erscheinen werden. Die Verherrlichung des „Namens“ des Herrn in den Gläubigen und der Gläubigen in ihm bedeutet die künftige und ewige Gemeinschaft mit Jesus Christus. Der zukünftige Aspekt wird durch die „Herrlichkeit“ des Herrn in V.9b und „verherrlicht werden“ unter den Seinen in V.10b unterstrichen, die Gemeinschaft in 2,1 („Versammeln bei ihm“). 153 VV.9a.b(10a) weisen biblische Phraseologie auf, die in LXX Jes 2,10.19.21 zu finden ist: ἀπὸ προσώπου τοῦ φόβου κυρίου καὶ ἀπὸ τῆς δόξης τῆς ἰσχύος αὐτοῦ. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 47 Pragmatik 2Thess 1,3–12 Das Schicksal der Gläubigen und Ungläubigen („Glaube“ und “unserem Zeugnis glauben” vs. „Gott nicht kennen”, „dem Evangelium nicht gehorchen”), der Bedrängten und der Bedränger, wird in vielfältiger Weise gegenübergestellt (Strafe, Verderben, Gottferne, Bedrängnis, Leid vs. Aufatmen beim Herrn; „fern von Herrlichkeit und Angesicht des Herrn“ vs. „unter Heiligen verherrlicht werden“). Die jetzt gepeinigten Gläubigen werden die Ruhe bei Gott erreichen, die peinigenden Ungläubigen hingegen fern von ihm gepeinigt sein. Es liegt eine stärkende Schrift vor, die Gerechtigkeit verspricht. „Paulus“, „Silvanus“ und „Timotheus“ wollen mit ihrer zu Beginn des Briefes ausgewiesenen Autorität und paulinischen Authentizität als Verfasser des 1Thess,154 sowie ihrem motivierenden Dank (V.3) die Gemeinde in ihren „Bedrängnissen und Verfolgungen“ stärken. Interessanterweise benutzen weder 1Thess noch 2Thess im Präskript das Nomen ἀπόστολος zur Unterstreichung der Autorität der Verfasser,155 was der frühen Datierung des 1Thess geschuldet sein könnte. Der 2Thess übernahm dann diese Formulierung. Mittels der im Neuen Testament einzigartigen Wendung Εὐχαριστεῖν ὀφείλομεν und den Worten καθὼς ἄξιόν ἐστιν wird der stärkende Dank besonders unterstrichen. Er bekommt so den Klang einer feierlichen Verbeugung vor der Gemeinde. Die Bedrängnisse und das Leid der Gemeinde werden vielfach hervorgehoben,156 denselben aber die Macht Gottes und Jesu, des Herrn 3.1.1.3 154 Vgl. 1Thess 2,7: δυνάμενοι ἐν βάρει εἶναι ὡς Χριστοῦ ἀπόστολοι. Dazu Schreiber, 1Thessalonicher, S. 140: „Dass sich auch die Briefverfasser zu den Aposteln zählen, wird ohne jeden Nachdruck vorausgesetzt. […] »Apostel« sind die speziellen Gesandten im Dienst des erweckten Christus, die auf der Basis des Evangeliums neue Christus-Gemeinden gründeten. Dann können auch Silvanus und sogar Timotheus problemlos unter diesen Begriff subsumiert werden.“ 155 Anders Röm, 1Kor, 2Kor, Gal, Eph, Kol, 1Tim, 2Tim, Tit. Ohne ἀπόστολος: Phil, Phlm, Heb. 156 διωγμοῖς, θλίψεσιν (beide 4b), ἀνέχεσθε (4b), πάσχετε (5b), τοῖς θλίβουσιν ὑμᾶς θλῖψιν (6a), τοῖς θλιβομένοις (7a). 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 48 durch oftmalige Nennung ihrer Namen und ihrer intervenierenden Macht entgegengestellt.157 Mittels vielfältiger Beschreibung der göttlichen Eingriffe, die neben Heil und Aufatmen für die Gemeinde zusammen mit den Verfassern (V.7) auch Strafe für die Bedränger bringen, soll die Gemeinde beruhigt, getröstet und im rechten Glauben stabilisiert werden. Die Ungläubigen und Bedränger werden „ewiges Verderben“ (V.9) erlangen, wobei die Bedränger mit den „Gott nicht Kennenden und dem Evangelium nicht Gehorchenden“ gleichgesetzt werden. Insofern ist zu vermuten, dass die von außen kommenden Bedränger158 die Gemeinde wegen ihres Glaubens verfolgen. Gegenüber den „Gott nicht Kennenden“ werden die Adressaten im Proömium und in 2Thess 2,1–12 mit eschatologischen Informationen versorgt, sie werden damit zu „Wissenden“ und durch die Vertiefung und Profilierung ihres eschatologischen Fundus auch kognitiv im Glauben gestärkt. Die Hörer und Leser des Briefes sollen Geduld und Glauben in Verfolgungen und Bedrängnissen beibehalten und dies auch weiterhin zum Maßstab nehmen, damit die Verfasser einen Grund haben, sich der Gemeinde „zu rühmen“ (V.4: ἐγκαυχᾶσθαι). Geduldig ertragenes Leid gilt als Versicherung des Reiches Gottes, die Bedrängten werden am Ende siegen, die Bedränger hingegen verlieren. Es ist also die Absicht der Verfasser, dass die Gemeinde am Glauben festhält. Das Gebet der Verfasser um Vollendung (V.11f.) zeigt, dass diese bislang noch nicht erreicht wurde. Der rechte Glaube wird als heilsrelevant dargestellt, der Glaube an sich unterstrichen.159 Der angemessene Glaube zeigt sich dabei im Zeugnis der Verfasser, welches wiederum im Kern das apostolische Zeugnis des 157 16fache Nennung von „Gott”, “Jesus”, “Herr” einschließlich entsprechender Pronomen; Göttliche Interventionen: ἐν τῇ ἀποκαλύψει (7a), ὅταν ἔλθῃ (10a), ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ (10e) – κρίσεως (5a), βασιλείας τοῦ θεοῦ (5a), ἄνεσιν (7a); δυνάμεως αὐτοῦ (7a), τῆς ἰσχύος αὐτοῦ (9b), ἐν δυνάμει (11c); ἀπὸ τῆς δόξης (9b), ἐνδοξασθῆναι (10b), θαυμασθῆναι (10c), ἐνδοξασθῇ (12a); Strafe (7x): ἀνταποδοῦναι (6a), διδόντος ἐκδίκησιν (8b), δίκην τίσουσιν (9a), ὄλεθρον αἰώνιον (9a) – ἀπὸ προσώπου τοῦ κυρίου (9a), ἀπὸ τῆς δόξης τῆς ἰσχύος αὐτοῦ (9b), ἐν πυρὶ φλογός (8a). 158 Tatsächliche Verfolgungen (V.4: διωγμοῖς) von innen sind kaum vorstellbar, auch weil anzunehmen ist, dass Bedränger aus der Gemeinde offen benannt werden könnten. 159 Sechsfach: ἡ πίστις ὑμῶν (3d), πίστεως (4a), ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ (10b), ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν (10c), ἐπιστεύθη (10d), ἔργον πίστεως (11c). 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 49 Paulus in sich birgt (V.10: ὅτι ἐπιστεύθη τὸ μαρτύριον ἡμῶν ἐφ᾿ ὑμᾶς). Der rechte Glaube ist im paulinischen Erbe zu finden, das „Paulus“ tradiert und an dem es festzuhalten gilt. Die sprachliche auffällige Setzung von ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ (V.10) in einer exponierten Lage, verbunden mit ἐν τῇ ἀποκαλύψει, ἐν πυρὶ φλογός (7a und 8a), die auch prominent platziert und sprachlich durch das ἐν miteinander verbunden sind,160 zeigt die Wichtigkeit der eschatologischen Aussagen für die Verfasser. Dies wird durch ἐνδοξασθῆναι ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ und ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν (V.10) nochmals betont. Der Autor zeigt die sich in Bälde zeigende Wirklichkeit auf, schärft somit besonderes „Wissen“ ein und stärkt damit den Glauben der Adressaten. V.7 macht deutlich, dass die Apokalypse durch ihre machtvolle Engelbegleitung sichtbar sein wird. Im V.10 wird also ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ herausgestellt und gleich zweimal in Verbindung mit dem Glauben gebracht. Der Satzbeginn von V.10 (ὅταν ἔλθῃ) verbindet die Strafbeschreibung in V.8f. ebenfalls mit ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ. Der Brief will also aussagen, dass es sich lohnt, auf der richtigen und zugleich mächtigeren Seite zu stehen. τὸ μαρτύριον ἡμῶν weist dabei den Weg. Die Gemeinde soll auf das Zeugnis der Verfasser eingeschworen werden, das in untrennbarem Zusammenhang mit der Erlangung des Heils „an jenem Tag“ steht, was dann später in 2,14 bestätigt wird. Die noch festzumachende Berufung (1,11) zeigt den Ernst der Lage an. 1Thess 1,2–10: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 2 a Εὐχαριστοῦμεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ πάντων ὑμῶν b μνείαν ποιούμενοι ἐπὶ τῶν προσευχῶν ἡμῶν, ἀδιαλείπτως 3 a μνημονεύοντες ὑμῶν τοῦ ἔργου τῆς πίστεως καὶ τοῦ κόπου τῆς ἀγάπης καὶ τῆς ὑπομονῆς τῆς ἐλπίδος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἔμπροσθεν τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν, 3.1.2 160 Vgl. Proömium 1Thess (1,10): ἐκ τῶν οὐρανῶν, ἐκ [τῶν] νεκρῶν, ἐκ τῆς ὀργῆς τῆς ἐρχομένης. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 50 4 a εἰδότες, b ἀδελφοὶ ἠγαπημένοι ὑπὸ [τοῦ] θεοῦ, c τὴν ἐκλογὴν ὑμῶν, 5 a ὅτι τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν οὐκ ἐγενήθη εἰς ὑμᾶς ἐν λόγῳ μόνον ἀλλὰ καὶ ἐν δυνάμει καὶ ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ [ἐν] πληροφορίᾳ πολλῇ, b καθὼς οἴδατε c οἷοι ἐγενήθημεν [ἐν] ὑμῖν διʼ ὑμᾶς. 6 a Καὶ ὑμεῖς μιμηταὶ ἡμῶν ἐγενήθητε καὶ τοῦ κυρίου, b δεξάμενοι τὸν λόγον ἐν θλίψει πολλῇ μετὰ χαρᾶς πνεύματος ἁγίου, 7 a ὥστε γενέσθαι ὑμᾶς τύπον πᾶσιν τοῖς πιστεύουσιν ἐν τῇ Μακεδονίᾳ καὶ ἐν τῇ Ἀχαΐᾳ. 8 a ἀφʼ ὑμῶν γὰρ ἐξήχηται ὁ λόγος τοῦ κυρίου οὐ μόνον ἐν τῇ Μακεδονίᾳ καὶ [ἐν τῇ] Ἀχαΐᾳ, b ἀλλʼ ἐν παντὶ τόπῳ ἡ πίστις ὑμῶν ἡ πρὸς τὸν θεὸν ἐξελήλυθεν, c ὥστε μὴ χρείαν ἔχειν ἡμᾶς d λαλεῖν τι. 9 a αὐτοὶ γὰρ περὶ ἡμῶν ἀπαγγέλλουσιν b ὁποίαν εἴσοδον ἔσχομεν πρὸς ὑμᾶς, c καὶ πῶς ἐπεστρέψατε πρὸς τὸν θεὸν ἀπὸ τῶν εἰδώλων d δουλεύειν θεῷ ζῶντι καὶ ἀληθινῷ 10 a καὶ ἀναμένειν τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐκ τῶν οὐρανῶν, b ὃν ἤγειρεν ἐκ [τῶν] νεκρῶν, c Ἰησοῦν τὸν ῥυόμενον ἡμᾶς d ἐκ τῆς ὀργῆς τῆς ἐρχομένης. 2 a Wir danken Gott stets für Euch alle, b Euch erwähnend in unseren Gebeten, unablässig 3 a gedenkend Eures Werkes des Glauben und Eures Mühens der Liebe und Eurer Geduld in der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus vor Gott, unserem Vater. 4 a Kennend, b von Gott geliebte Brüder, c Eure Erwählung, 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 51 5 a denn unser Evangelium ereignete sich bei Euch nicht nur im Wort, sondern auch in Kraft und im heiligen Geist und in großer Fülle, b ihr wisst ja, c wie wir uns verhalten haben unter Euch euretwegen. 6 a Und Ihr seid unsere Nachahmer geworden und die des Herrn, b und habt das Wort in großer Bedrängnis mit der Freude des heiligen Geistes angenommen. 7 a so dass Ihr ein Vorbild geworden seid den Glaubenden in Mazedonien und Achaia. 8 a Denn von Euch ist das Wort des Herrn erklungen nicht nur in Mazedonien und Achaia, b sondern an jedem Ort ist die Kunde Eures Glaubens an Gott ausgegangen, c so dass wir keinen Bedarf haben, d etwas zu sagen. 9 a Denn sie selbst berichten im Hinblick auf uns, b was für einen Eingang wir bei Euch gefunden haben, c und wie ihr Euch hingewendet habt zu Gott, weg von den falschen Göttern, d zu dienen dem lebendigen und wahren Gott 10 a und zu erwarten seinen Sohn aus den Himmeln, b den er von den Toten auferweckt hat, c den uns rettenden Jesus d aus dem kommenden Zorn. Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegen vier Satzreihen vor, die im Folgenden beschrieben werden. 1Thess 1,2.3 Die erste Satzreihe besteht aus drei Teilsätzen. Diese werden durch die Konjunktion καὶ (3a) verbunden. Höhepunkt ist V.3a (ἔμπροσθεν τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν). Das Substantiv θεός (V2a; 3a) kreiert Zusammenhalt, genau wie die Adverbien πάντοτε und ἀδιαλείπτως. 3.1.2.1 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 52 1Thess 1,4.5 Die zweite Satzreihe – markiert durch die pointierte Anrede „von Gott geliebte Brüder“ (V.4a) – besteht aus vier Teilsätzen. Diese werden durch die Konjunktionen ὅτι (5a), ἀλλὰ (5a), καὶ (5a) und καθὼς (5b) verbunden. Die polysyndetische Reihung in V.5a bewirkt Verbindung (καὶ ἐν δυνάμει καὶ ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ ἐν πληροφορίᾳ πολλῇ). 1Thess 1,6.7.8 Die dritte Satzreihe besteht aus sechs Teilsätzen, die durch die Konjunktionen καὶ (6a.7a.8a), ὥστε (7a.8c), γὰρ (8a) und ἀλλὰ (8b) verknüpft sind. Die Wendung ἐν τῇ Μακεδονίᾳ καὶ ἐν τῇ Ἀχαΐᾳ tritt zweimal auf und hält so die VV. 7a; 8a zusammen. V.7a stellt den Höhepunkt dar. 1Thess 1,9.10 Die vierte Satzreihe besteht aus vier Teilsätzen, verbunden durch die Konjunktion καὶ (9c.d; 10a). Das Substantiv θεός (V9c.d) schafft Zusammenhalt. Verbindung erzeugen auch Formulierungen mit jeweils identischem Anfang: ἐκ τῶν οὐρανῶν (10a), ἐκ [τῶν] νεκρῶν (10b) und ἐκ τῆς ὀργῆς (10d). Stilistische Analyse 1Thess 1,2.3 V.2a weist eine auf Alliteration auf: πάντοτε περὶ πάντων. In V.3a ist eine polysyndetische Reihung festzuhalten, die zugleich drei substantivische Verbindungen enthält. Als Stilmerkmal kommt der „parallelismus membrorum“ vor (2a.b-3a). 1Thess 1,4.5 V.5a enthält eine polysyndetische Reihung. Auffällig ist dort auch das gehäufte ἐν. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 53 1Thess 1,6.7.8 In den Versen 7.a und 8.a tritt jeweils die Wendung ἐν τῇ Μακεδονίᾳ καὶ ἐν τῇ Ἀχαΐᾳ auf. 1Thess 1,9.10 Stilistisch bemerkenswert sind die Verse 10a.b.d aufgrund derselben Präposition, zudem jeweils im eschatologischen Zusammenhang (siehe mit Präposition ἐν im Proömium des 2Thess!): ἐκ τῶν οὐρανῶν, ἐκ [τῶν] νεκρῶν und ἐκ τῆς ὀργῆς. Festzuhalten für den gesamten Abschnitt 1Thess 1,2–10 ist auch eine bemerkenswerte Anzahl von Präpositionen (26x – analog des Proömiums in 2Thess). Hervorzuheben ist, dass Substantive und Adjektive vor Verben und Adverbien dominieren. Es liegt somit mehr ein Nominal- als Verbalstil vor.161 Von den insgesamt 25 Verben sind neun Partizipien – diese Dominanz finiter Verben ist typisch für Paulus. Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 1,8: ἐξήχηται 1,9: ἀναμένω 1,10: ἐκ τῆς ὀργῆς τῆς ἐρχομένης Beschreibung der inneren Struktur 1Thess 1,2–10 Ist im ersten Abschnitt (V.2f.) von der Trias „Werk des Glaubens“, „Mühe in der Liebe“ und „Geduld in der Hoffnung“ zu lesen, so wird in 4f. die Tetrade der Verkündigung durch das „Wort“ und ἐν δυνάμει καὶ ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ [ἐν] πληροφορίᾳ πολλῇ beschrieben. Die Verben οἶδα (VV.4a; 5b) und γίνομαι (V.5a.c) sind ein Grund für den Zusammenhang von V.4f. Der zweite Teil des Proömiums zeigt durch die Formulierung εἰδότες, ἀδελφοὶ ἠγαπημένοι ὑπὸ [τοῦ] θεοῦ und der veränderten Thematik, dass ein neuer Abschnitt beginnt. Eine mehrmaliges, Einheit stiftendes Vorkommen von Worten ist auch im 161 Vgl. Ebner, Exegese, S. 94. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 54 Abschnitt 1,6–8 zu beobachten: γίνομαι (VV.6a; 7a), ἐν τῇ Μακεδονίᾳ καὶ ἐν τῇ Ἀχαΐᾳ (VV.7a; 8a) und λόγος (VV.6a; 8a). Zudem tragen Worte aus demselben Bedeutungsspektrum wie μιμητής (V.6a) und τύπος (V.7a) sowie ἐξηχέω (V.8a) und ἐξέρχομαι zur Kohäsion bei. αὐτοὶ γὰρ (V.9a) leitet den letzten Abschnitt ein. Die alle Teile verbindende Klammer zeigt sich in eschatologischen Aussagen (V.3a, V.4c, V.6b und V.10a.b.c). Das Proömium des 1Thess besteht aus vier Teilen. Der erste Teil lässt sich als „briefliche Danksagung“ bezeichnen (1,2f.). Der darauffolgende Teil (1,4f.) beschreibt das Wissen um die Erwählung der Adressaten. Der dritte Teil zeugt von der Annahme des Wortes trotz Bedrängnis, verbunden mit dem daraus folgenden Vorbildcharakter für die umgebenden Gemeinden (1,6–8). Der vierte Teil (1,9f.) beschreibt die erfolgte Hinwendung der Gemeinde zu Gott (V.9) und eröffnet einen eschatologischen Ausblick. (V.10) Semantische Analyse 1Thess 1,2.3 μνημονεύοντες (3a) kommt aus dem demselben Wortfeld wie μνείαν (2b) und verknüpft die beiden Verse. V.2b wird somit präzisiert, der Gebetsinhalt deutlich. Unter anderem wird die „Geduld in der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus“ angesprochen, was eschatologisch zu verstehen ist und von 1Thess 1,10 her gelesen werden kann. 1Thess 1,4.5 „Unser Evangelium“ (5a), die Verkündigung des Paulus und seiner Mitstreiter, ereignet sich nicht nur im „Wort“, sondern u.a. auch im Vorbild (5c), dies unterstreicht 6a („Nachahmer“). 1Thess 1,6.7.8 Die Ortsangabe ἐν τῇ Μακεδονίᾳ καὶ ἐν τῇ Ἀχαΐᾳ schafft eine Verbindung der VV.7a; 8a. V.7a wird präzisiert: Das Vorbild der Gemeinde zeigt sich in deren Weitergabe des Wortes des Herrn und des Glaubens. 3.1.2.2 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 55 1Thess 1,9.10 Die kontrastierenden Begriffe „Götzenbilder“ (V.9c) und „lebendiger und wahrer Gott“ (V.9d) zeigen den Adressaten grundlegende Oppositionen auf. ῥυόμενον (10c) und ἐκ τῆς ὀργῆς (10d) sind ebenfalls konträr gesetzt und ergänzen die eschatologischen Folgen aus dem in V.9 beschriebenen Handeln. ὀργη wird in 1Thess 2,16 wieder verwendet und ist dort klar auf die Juden bezogen. Hier in V.9 sind Hinweise gegeben, dass der Zorn „Götzendiener“ betrifft, die Adressaten also ursprünglich heidnische religiöse Praktiken vollzogen. Der „kommende Zorn“ weist auf das künftige Gericht Gottes hin. Pragmatik Die Verfasser, versehen mit apostolischer Autorität (2,7), loben die Gemeinde unter anderem durch ihre positive Darstellung vor Gott. Die jüngeren Entwicklungen der Gemeinde werden im Licht des Glaubens und des Evangeliums gedeutet und die fruchtbare Annahme der Missionierung durch Paulus herausgestellt. Mit den schmeichelnden Worten des Proömiums soll die noch frische Beziehung zur Gemeinde gestärkt werden. Das Wort und seine vielfältige Verkündigung wird deutlich in seiner Wichtigkeit herausgestellt.162 Die Pragmatik zu Beginn des 1Thess unterscheidet sich deutlich vom Proömium des 2Thess, wo Mahnung und Trost einhergehen und der Verfasser den Schwerpunkt auf die strafende und ausgleichende Gerechtigkeit Gottes legt. 2Thess 1,3–12 und 1Thess 1,2–10: Diachrone Analyse Strukturell fußt die Danksagung des 2Thess auf der Danksagung des 1Thess, sie hat ihren Platz im Proömium. Die Vokabel εὐχαριστέω findet sich in den jeweils zwei Danksagungen (2Thess 1,3; 2,13; 1Thess 1,3; 2,13), dabei entspricht die Dankesformel im Proömium des 1Thess in etwa der zweiten Danksagung des 2Thess und nicht der im 3.1.2.3 3.1.3 162 τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν (5a), ἐν λόγῳ (5a), τὸν λόγον (6b), τύπον (7a), ὁ λόγος τοῦ κυρίου (8a), ἐξήχηται (8a: ἐξελήλυθεν (8b), λαλεῖν τι (8d), ἀπαγγέλλουσιν (9a). 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 56 Proömium.163 Neben einem fast deckungsgleichen Eingangssatz (2Thess 3a und 1Thess 2a) gibt es weitere Parallelen, oft in der Struktur versetzt: 1Thess 1Thess 3d.e: ὅτι ὑπεραυξάνει ἡ πίστις ὑμῶν καὶ πλεονάζει ἡ ἀγάπη ἑνὸς ἑκάστου πάντων ὑμῶν εἰς ἀλλήλους, 4a: ὥστε αὐτοὺς ἡμᾶς ἐν ὑμῖν ἐγκαυχᾶσθαι ἐν ταῖς ἐκκλησίαις τοῦ θεοῦ ὑπὲρ τῆς ὑπομονῆς ὑμῶν 3a: μνημονεύοντες ὑμῶν τοῦ ἔργου τῆς πίστεως καὶ τοῦ κόπου τῆς ἀγάπης καὶ τῆς ὑπομονῆς τῆς ἐλπίδος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἔμπροσθεν τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν, 4c: καὶ ταῖς θλίψεσιν αἷς ἀνέχεσθε 6a: τοῖς θλίβουσιν ὑμᾶς θλῖψιν 7a: καὶ ὑμῖν τοῖς θλιβομένοις ἄνεσιν μεθʼ ἡμῶν, 6b: δεξάμενοι τὸν λόγον ἐν θλίψει πολλῇ μετὰ χαρᾶς πνεύματος ἁγίου, 7a: ἐν τῇ ἀποκαλύψει τοῦ κυρίου Ἰησοῦ ἀπʼοὐρανοῦ μετʼ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ 11c: καὶ πληρώσῃ πᾶσαν εὐδοκίαν ἀγαθωσύνης καὶ ἔργον πίστεως ἐν δυνάμει, 10a: καὶ ἀναμένειν τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐκ τῶν οὐρανῶν, 5c: ὅτι τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν οὐκ ἐγενήθη εἰς ὑμᾶς ἐν λόγῳ μόνον ἀλλὰ καὶ ἐν δυνάμει καὶ ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ [ἐν] πληροφορίᾳ πολλῇ Diese und weitere Beobachtungen in dieser Arbeit zeigen, dass die Inhalte von 1Thess sowohl z.T. an ähnlicher Stelle in 2Thess, als auch verteilt über den Brief zu finden sind. Im eschatologischen Vergleich der beiden Danksagungen sticht hervor, dass in 2Thess die in 1Thess erwähnte „Hoffnung“ fehlt. Dies ist erwähnenswert, die klassische paulinische Trias wird nicht vollständig ausgeführt.164 Spricht 1Thess 1,3 von den „Werken des Glaubens“ und mit jeweils im NT einzigartigen Wendungen von der „Mühe in der Liebe“ und der „Geduld in der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus“, so weist 2Thess 1,3 lediglich den „Glauben“ und die „Liebe“ auf. Dafür kennt 2Thess 1,11 das „Werk des Glaubens“. Die Hoffnung findet sich dann später im Brief (2,16: ἐλπίδα ἀγαθὴν) – dort auch vertiefte Gedanken dazu (s.u.). 163 1Thess 1,2: Εὐχαριστοῦμεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ πάντων ὑμῶν; 2Thess 2,13 – zweite Danksagung (εὐχαριστεῖν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ ὑμῶν). 164 Vgl. neben 1Thess 1,3 auch 1 Kor 13,13. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 57 Die Verfasser gedenken in 1Thess 1,3 der „Geduld“ der Gemeinde „in der [eschatologischen] Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus vor Gott“. Das Verb μνημονεύω ist auch in 2Thess 2,5 zu beobachten, ebenso im eschatologischen Zusammenhang, allerdings mit anderem Bezug – statt der Verfasser soll sich die Gemeinde erinnern. Der Begriff „Geduld“ (ὑπομονῆς) wird erstmals in 2Thess 1,4 eingeführt und dann im Gegensatz zu 1Thess nicht auf die Hoffnung auf Christus bezogen – dies dann erst in 3,5 – sondern auf „Verfolgungen“ und „Bedrängnisse“ der Gemeinde. In 1Thess kommen nur in 1,6 Bedrängnisse vor, von Verfolgungen ist überhaupt gar keine Rede. Im Proömium des 1Thess wird die Annahme des Wortes trotz „Bedrängnis“ beschrieben (1,6), in 2Thess findet sich solch ein expliziter Zusammenhang nicht, wenn auch Stellen mit λόγος in 2Thess (2,2.15; 3,1) eine schwierige Situation nahelegen. Die Gemeinde ist „Nachahmer“ der Verfasser geworden (1Thess 1,6), dies wird auch in der zweiten Danksagung des 1Thess erwähnt (2,14). Beide Verse sprechen auch von „Bedrängnis“ bzw. „erleiden“ – 2Thess kennt diesen Zusammenhang nicht.165 In 2Thess treten die Verfolgungen zu den Bedrängnissen hinzu und weisen durch die sprachliche Steigerung auf eine im Vergleich zur Gemeinde in 1Thess verschlechterte Lage hin. Dies legt die Vokabel διωγμός nahe, die im Gegensatz zur offeneren Formulierung θλίψις tatsächliche Verfolgungen anspricht.166 Die Dankesverpflichtung des „Paulus“ aus 2Thess 1,3, die auch V.4 miteinbezieht, unterstreicht die verschärfte Situation. Verstärkt wird die Dankesformulierung durch die Worte καθὼς ἄξιόν ἐστιν (1,3). Auch ἐγκαυχάομαι (V.4) verdeutlicht das von der Gemeinde Auszuhaltende. θλῖψις tritt zweimal auf in 2Thess (1,4.6). Einmal ist es die Gemeinde, die aktuell betroffen ist, einmal sind es die Bedränger, die zukünftig bedrängt werden und Vergeltung erfahren.167 1Thess benutzt die Vokabel an drei Stellen (1,6; 3,3.7) – die Bedrängnis betrifft zweimal die Gemeinde und einmal die 165 Dafür 2Thess 3,9: ἀλλ᾿ ἵνα ἑαυτοὺς τύπον δῶμεν ὑμῖν εἰς τὸ μιμεῖσθαι ἡμᾶς. – 2Thess 2,5 beschreibt lediglich das Leiden der Gemeinde (πάσχετε). 166 Metzger, Katechon, S. 49: „Vermutlich handelt es sich um lokale Übergriffe oder ähnliche Schwierigkeiten.“; Vgl. ebd. S. 81–90. 167 2Thess 1,6: ἀνταποδοῦναι; Vgl. 1Thess 3,9: ἀνταποδοῦναι – allerdings mit anderer Sinnrichtung. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 58 Verfasser.168 2Thess hebt auf die Tatsache ab, dass die Bedrängnis auch auf die Bedränger kommen wird. Der Bestrafungsgedanke unterstreicht nochmals die verschärfte Verfolgungssituation. In 1Thess 2,16 findet sich die „Juden“ (V.14) betreffend ein ähnlicher Gedanke der Bestrafung von bedrängenden Gegnern, allerdings bedrängten sie nicht die Thessalonicher, sondern die Gemeinden in Judäa (V.14) bzw. die Verfasser (V.15). Im Unterschied zu 2Thess hat der Zorn sie schon erreicht, was wohl am ehesten mit „eine[m] [bereits geschehenem] innergeschichtlichen Gericht […] über einige Juden […]“ zu deuten ist, „aber keineswegs ein endgültiges Urteil über Israel ausspricht“169. Juden sind in 2Thess nicht gemeint, da es nicht naheliegt, sie in der Formulierung „die Gott nicht kennen“ zu vermuten. 1Thess 4,5 weist zudem eine ähnliche Formulierung auf, die auf Heiden abzielt. Grundsätzlich ist zu sagen, dass eindeutige Hinweise auf die hinter den „Verfolgungen und Bedrängnissen“ (2Thess 1,4) stehenden Menschen fehlen. Unter 3.2.3.4 („Antirömische Spitzen“) soll untersucht werden, ob Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit dahinterstehen könnten. 1Thess 2,14 gibt einen möglichen Anhaltspunkt für die Deutung der Verfolgung in 2Thess. Hervorzuheben ist hier zum einen, dass sowohl in der ersten Danksagung des 2Thess (1,4) als auch in der zweiten Danksagung des 1Thess (2,14) die „Gemeinden Gottes“ erwähnt werden. Zum anderen geht es in beiden Fällen kontextuell um Verfolgungen. Das Leid der Gemeinde in 2Thess 1,5 durch Verfolgungen (V.4) findet eine Entsprechung in 1Thess 2,14 (ἐπάθετε), dort wurde die Gemeinde von „Stammesgenossen“ verfolgt. Diese Art von Verfolgung in 1Thess war wohl durch die Hinwendung der ehemaligen Paganen zu einer monotheistischen Gottesvorstellung bedingt, die mit dem Bekenntnis zum Messias Jesus verbunden war. Sie störten damit das religiöse und gesellschaftliche Leben in Thessaloniki und erlitten infolgedessen Nachteile.170 Unter 3.4.6 soll Hinweisen nachgegangen werden, dass auch in 2Thess ein Konflikt mit religiösen und zudem von Herrschern geförderten Kulten chiffriert beschrieben sein könnte. Der 168 θλίβω: 2Thess 1,6f. (Gemeinde und Bedränger werden bedrängt); 1Thess 3,4 (Verfasser werden bedrängt). 169 Schreiber, 1Thessalonicher, S. 163. 170 Vgl. Hoppe, Thessalonikerbrief, S. 173f.; zu Vorkommnissen in Ephesus vgl. Apg 19,22–40. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 59 2Thess läge in diesem Sinn auf der Linie des 1Thess, der ja ebenso Kritik sowohl gegen Kulte (1,9) als auch römischen Herrschaftsanspruch mitschwingen lässt.171 Insofern spricht manches dafür, dass es Analogien zwischen den Verfolgungen in beiden Briefen gibt. Es könnten also griechische Mitbürger gemeint sein, die der Gemeinde zusetzten. Verfolgende Juden (1Thess 2,14–16) sind unwahrscheinlich, weil die Bedränger als Gott-nicht-Kennende charakterisiert werden (2Thess 1,8).172 Ausgehend von den Verfolgungen und Bedrängnissen entwickelt sich in 2Thess 1,5–10 ein eschatologischer Zuspruch, der das Gericht und Reich Gottes einführt, verbunden mit der Schilderung des Schicksals der Bedränger und der Zukunft der bedrängten Gemeinde. Die Verfolgungen und Bedrängnisse sind ἔνδειγμα des „gerechten Gerichtes Gottes“ (V.5). Dessen Folge ist, dass die Gemeinde des Reiches Gottes für würdig erachtet wird. Diese Deutung der Bedrängnisse der Gemeinde weist 1Thess nicht auf. Interessanterweise kennt der Römerbrief eine ähnliche Wendung: δικαιοκρισίας τοῦ θεοῦ (Röm 2,5). Im dortigen Kontext finden sich in V.9 auch die Worte θλῖψις καὶ στενοχωρία (vgl. 2Thess 1,4) und ὀργη (V.5.8), allerdings in einem anderem Zusammenhang. Die Gemeinde soll offensichtlich getröstet und gestärkt werden, indem ihr die strafende und ausgleichende Gerechtigkeit Gottes gezeigt und das ihr zu schaffen machende Leid gar sublimiert wird. Im Corpus Paulinum wird nur in 2Thess 1,5 das Leid der Gläubigen in Zusammenhang mit dem „Reich Gottes“ gebracht. Ein ähnlicher Gedanke – ohne das „Reich Gottes“ – zeigt sich in Röm 8,17. 2Thess 1,7–9 beschreiben das richtende Handeln des κύριος Ἰησοῦς – in 1Thess ist es Gott, der richtet. Hier ist also eine Verschiebung auf den Herrn Jesus Christus zu verzeichnen. Daraus ist entweder zu schlussfolgern, dass christologische Entwicklungen zu verzeichnen sind oder aber, so kann man unter Heranziehung der Ergebnisse der zeit- und religionsgeschichtlichen Untersuchungen in dieser Arbeit 171 Vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 272–277. 172 Von einer Ausschließlichkeit des Christus-Zeugnisses in 2Thess ist nicht auszugehen, wie sie aus dem Prolog des JohEv in 1,18 ansatzweise herausgelesen werden kann (vgl. dazu Theobald, Anfang, S. 63). Im Gegensatz zum JohEv, der an einigen Stellen explizit die „Juden“ erwähnt, werden diese in 2Thess nicht benannt. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 60 vermuten, dem „Herr-Sein“ der Kaiser bewusst der wahre, richtende und endgültig siegende Herr entgegengestellt wird. Im Proömium des 1Thess findet sich lediglich in V.10 ein eschatologischer Ausblick, der eine Grundlage für die Entfaltung des eschatologischen Zuspruchs des 2Thess gewesen sein könnte. In beiden Briefen wird die Thematik „Gericht“ und „Parusie“ bereits im Proömium vorbereitet und inhaltlich verbunden. Hier liegt eine eschatologische Parallele vor. Ist in 1Thess 1,10 von „seinem Sohn“ zu lesen, der „aus den Himmeln“ erwartet wird und vom kommenden Zorn rettet, so kommt der „Herr“ in 2Thess „vom Himmel“ (1,7). „Vom Himmel“173 findet sich dafür in 1Thess 4,16 im eschatologischen Kontext der „Parusie“ (V.15). Im gesamten 2Thess findet sich die Sohnes-Bezeichnung für den „Herrn“ nicht. Es fällt vielmehr die oftmalige Verwendung des Kyrios- Titels auf. Denkbar ist, dass so dem Auftreten Jesu ein machtvolleres Attribut zugeschrieben werden soll, welches die umfassenden Herrschaftsansprüche der Römer, speziell ihrer Kaiser, negieren soll. (Vgl. 3.2.3.3) Der „von den Toten erweckte“ Sohn – und damit ein Rückbezug zur Kreuzigung und Auferstehung – findet sich nicht im Proömium des 2Thess.174 Die einzige bereits realisierte eschatologische Aussage in 2Thess ist in 2,16 zu finden (δοὺς παράκλησιν αἰωνίαν καὶ ἐλπίδα ἀγαθὴν ἐν χάριτι). Die Partizip Aorist-Formen ἀγαπήσας und δοὺς verweisen „nicht in erster Linie auf eine dauernde Haltung Gottes, sondern auf einen durch Gott (wohl in der Vergangenheit) erwiesenen Akt der Liebe – das Christusereignis?“175 Eingeleitet wurde der eschatologische Abschnitt in 1Thess mit dem gliedernden αὐτοὶ γὰρ.176 In 2Thess ist dieses Phänomen nicht zu beobachten (2Thess 3,7 in anderem Zusammenhang). 1Thess beschreibt die Rettung „aus dem kommenden Zorn“. ῥύομαι kommt im Proömium des 2Thess nicht vor, dafür in 3,2. Die Rettung soll dort vor den „üblen und bösen Menschen“ geschehen – wiederum ein Hinweis für eine konkrete Verfolgungssituation. Dabei wird nicht eindeutig, sondern chiffriert gesprochen. Das lässt römische 173 Vgl. Röm 1,18. 174 Sohn-losigkeit auch in den Pastoralbriefen – aber auch Phil, Tit, Phlm. 175 Nicklas, Thessalonicherbrief, S. 172. 176 1,9; 2,1; 3,3; 5,2 verwenden αὐτοὶ γὰρ auch im eschatologischen Zusammenhang. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 61 Verfolgung vermuten, da diese in einem Brief nicht offen besprochen werden konnte, ohne sich in große Gefahr zu manövrieren. ὀργή kommt in 2Thess nicht vor, dafür dreimal in 1Thess und stets in eschatologischer Bedeutung: 1,10 (Rettung der Gemeinde vor Zorn); 2,16 (Zorn über Juden); 5,9 (Gemeinde zur Rettung, nicht zum Zorn bestimmt). In beiden Briefen tritt Gott als Richter auf, der Menschen nicht nur Heil zukommen lassen wird, sondern auch Zorn bzw. Vergeltung. Der Zorn aus 1Thess wird in 2Thess ausführlich als Strafgericht Gottes beschrieben, um das Schicksal der Feinde der Gemeinde zu schildern. So soll die Gemeinde aufgebaut und auf den rechten Glauben hingearbeitet werden, welcher durch das Ergreifen des Zeugnisses der Verfasser (V.10) garantiert ist.177 In 2Thess unterstreichen formelhaft klingende Begriffe wie δικαίας κρίσεως178 (1,5) und ὄλεθρον αἰώνιον (1,9) die Ausmalung des Zornes Gottes aus 1Thess. Dabei wird zwar der Begriff ὀργή aus 1Thess nicht verwendet, es finden sich aber typische Elemente des biblischen Zorns bzw. Zorngerichts: z.B. das Eingreifen Gottes in die Geschichte, der Tag des Herrn, die endgültige Durchsetzung von Gottes Gerechtigkeit und die Umkehrung der Verhältnisse.179 In 1Thess wird der Zorn am Ende des Proömiums eingeführt, in 2Thess das Strafgericht Gottes im Mittelteil des Vorworts beschrieben, was die Wichtigkeit für die Argumentation des „Paulus“ anzeigt. Im Gegensatz zum 1Thess ist der „Herr Jesus“ der Ausführende der Strafe und der Vergeltung, was einerseits auf christologische Verschiebung hindeuten könnte, andererseits auf ausdrückliche Opposition gegen falsche „Herren“, möglicherweise die gottgleich dargestellten Kaiser. Ausführlich und über 1Thess hinausgehend wird in 2Thess illustriert, wie das Schicksal der Bedränger aussehen wird. Die Bedränger (1,6) werden im selben Kontext genannt wie diejenigen, die „Gott nicht kennen“ (V.8) und „dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen“180 – sie scheinen identisch zu sein. Aus 1Thess 4,5 ist eine ähnliche Formulierung (τὰ ἔθνη τὰ μὴ εἰδότα τὸν θεόν) aus dem Kon- 177 Der rechte Glaube scheint bedroht zu sein, so die Parole in 2,2. 178 Vgl. Joh 5,30; 7,24; Offb 16,7; 19,2. 179 Zur Ausprägung des Zorns vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 112. 180 Vgl. Röm 10,16: ὑπήκουσαν τῷ εὐαγγελίῳ.; Wendung „Evangelium unseres Herrn Jesu“ nur in 2Thess. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 62 text der Heiligung der Gemeinde (V.3: ὁ ἁγιασμὸς ὑμῶν181) bekannt, die der „Unzucht“ (V.3) und „Begierde“ der Heiden entgegenstehen soll. Die ausführliche Schilderung des Schicksals der Bedränger in 2Thess weist auf eine ernste Verfolgungssituation hin, die die Gemeinde nach Gerechtigkeit dürsten lässt. 2Thess führt weiter aus, dass die gottfernen Bedränger „Strafe“ (V.8.9) ἐν πυρὶ φλογός182 und ewiges Verderben (V.9183) erleiden werden, fern vom Herrn. Interessant ist hier 1Thess 5,3: λέγωσιν· εἰρήνη καὶ ἀσφάλεια, τότε αἰφνίδιος αὐτοῖς ἐφίσταται ὄλεθρος. „Verderben“, wenn auch nicht mit dem Prädikat „ewig“ belegt, also für diejenigen, die sich in trügerischer Sicherheit wähnen. Hier liegt höchstwahrscheinlich ein verdeckter Angriff auf falsche quasi-religiöse Heilsaussagen der römischen Herrschaft vor.184 2Thess greift dies durch ὄλεθρον auf. Der Begriff εἰρήνη taucht in auffälliger Weise zweimal in einem Vers des 2Thess auf (3,16; vgl. 3.5). Die Verkündigung des “Paulus“ hat Parallelen in 1Thess 1,5.7.9 und 2,16. 1Thess kennt zwar die Wichtigkeit des Evangeliums der Verfasser bezüglich des Eschatons (wenn auch anders formuliert in 1,9 und 2,16), spitzt dies aber bei weitem nicht so zu wie 2Thess 1,10. In 1Thess 5,2 wird der “Tag des Herrn“ beschrieben, in 2Thess 1,10 trifft man die Formulierung „an jenem Tag“ an. Ergänzend ist zu sagen, dass in 2Thess 2,2 ἡ ἡμέρα τοῦ κυρίου zu finden ist, zudem in 1Thess 5,4.8 ἡμέρα im eschatologischen Sinn. Der eschatologische „Tag“ ist also in beiden Briefen von großer Bedeutung. Besonders auffällig und ohne Parallele in 1Thess ist die glanzreiche und bewunderte Ankunft des Herrn in 2Thess 1,10. Der Gedanke, dass der Herr auch kommt, um „bewundert zu werden“ unter allen Gläubigen, zielt auf die Sichtbarkeit der Endereignisse ab. Es könnte wiederum als Subtext eine antirömische Spitze gegen die vom Volk bewunderten und verherrlichten Herrscher mitschwingen.185 Der Herr 181 Vgl. 2Thess 2,13: ὅτι εἵλατο ὑμᾶς ὁ θεὸς ἀπαρχὴν εἰς σωτηρίαν ἐν ἁγιασμῷ πνεύματος καὶ πίστει ἀληθείας. 182 Vgl. 1Kor 3,13: ἡ γὰρ ἡμέρα δηλώσει, ὅτι ἐν πυρὶ ἀποκαλύπτεται· καὶ ἑκάστου τὸ ἔργον ὁποῖόν ἐστιν τὸ πῦρ [αὐτὸ] δοκιμάσει.; Vgl. Heb 1,7: οὺς λειτουργοὺς αὐτοῦ πυρὸς φλόγα; Vgl. Jud 7: πυρὸς αἰωνίου δίκην ὑπέχουσαι. 183 Der Begriff παράκλησιν αἰωνίαν (2Thess 2,16) stellt das Gegenteil zum „ewigen Verderben“ dar. 184 Vgl. die Darstellung bei Schreiber, 1Thessalonicher, S. 272–277. 185 Vgl. Offb 13.3; P.Lond. 6 (datiert auf 41 n. Chr.). 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 63 kommt, um „unter seinen Heiligen“ (1,10) verherrlicht zu werden. Hier sind mit den „Heiligen“ die „Glaubenden“ gemeint.186 1Thess kennt den Begriff „Heilige“ noch nicht für die Christen, sondern für die „Engel“ (vgl. 1Thess 3,13).187 2Thess ist hier – trotz Ansätzen in 1Thess 3,13 (ἐν ἁγιωσύνῃ) und 1Thess 4,3.4.7 (ὁ ἁγιασμὸς ὑμῶν; ἐν ἁγιασμῷ) – weiter in der begrifflichen Entwicklung. Interessant ist, dass in den Folgeversen des 2Thess (1,11f.) ein Gebetstext in Form einer brieflichen Fürbitte folgt und 1Thess 3,11–13 ein ebensolcher ist. Beachtlich über die Eingangseucharistie des 1Thess (V. 3.10) hinausgehend ist auch die Hervorhebung des Glaubens, auch im eschatologischen Kontext: V.3: ὅτι ὑπεραυξάνει ἡ πίστις ὑμῶν V.4: ὑπὲρ τῆς ὑπομονῆς ὑμῶν καὶ πίστεως V.10: ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν188, ὅτι ἐπιστεύθη τὸ μαρτύριον ἡμῶν ἐφ᾿ ὑμᾶς (Zweimal „Glauben“ in einem Vers) V.11: καὶ πληρώσῃ πᾶσαν εὐδοκίαν ἀγαθωσύνης καὶ ἔργον πίστεως ἐν δυνάμει Dies unterstreicht die Wichtigkeit des rechten Glaubens, gerade hinsichtlich der letzten Dinge, die, wie es vor allem die Parole in 2,2 zeigt, nicht mehr in rechter Weise gesehen werden. Die Wendung „Fern vom Angesicht des Herrn“ (2Thess 1,9) kennt 1Thess nicht,189 diese ist aber so oder in ähnlicher Weise im NT zu finden, allerdings nie in diesem negativen eschatologischen Sinn.190 186 Vgl. Trilling, Thessalonicher, S. 60. 187 Vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 200: „Das Fehlen dieser Bezeichnung im ältesten Brief, dem 1Thess, darf man jedoch nicht überbewerten, da die Entwicklung christlichen Sprachgebrauchs erst am Anfang steht und auch hier von der »Heiligkeit« (1Thess 3,13) bzw. »Heiligung« (4,3.4.7) der Gemeinde die Rede ist.“; In späteren Briefen (1Kor, 2Kor, Röm, Phil, Phlm) bezeichnet Paulus die Gläubigen als „Heilige“. 188 Der entgrenzende Bezug auf alle Glaubenden ist auffällig – dazu Schreiber, 2Thessalonicher, S. 115: „Die nachpaulinische Perspektive erkennt in dem Adjektiv »alle« bereits eine größere Bewegung von »Vertrauenden«, die wächst und sich ausbreitet und zu der sich auch die realen Hörer zählen dürfen.“ 189 Vgl. auch 1Thess 2,17 (ὸ πρόσωπον ὑμῶν ἰδεῖν) und 3,10 (ὸ ἰδεῖν ὑμῶν τὸ πρόσωπον). 190 Apg 3,20: ἀπὸ προσώπου τοῦ κυρίου; 2Kor 3,18: ἀνακεκαλυμμένῳ προσώπῳ τὴν δόξαν κυρίου. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 64 „Fern von der Herrlichkeit seiner Stärke“ (1,9) findet in 1Thess keine Entsprechung.191 Für die bedrängte Gemeinde sieht 2Thess in V.7 „Aufatmen“ (ἄνεσιν192) vor – mit „Paulus“ und seinen Gefährten. Im Proömium des 1Thess tritt der Gedanke der Ruhe, zusammen mit den Verfassern, nicht auf. Die Betonung des Aufatmens zeigt die im Vergleich zu 1Thess verstärkte Verfolgungssituation. Eine Parallele zur gemeinsamen Zukunft (1,7: „mit uns“) ist in 1Thess 4,17 gegeben. Der Zusatz „mit den Engeln seiner Macht“ (1,7) fehlt im Proömium des 1Thess, 1Thess 3,13 bezeugt dafür „mit allen seinen Heiligen“. In 1Thess sind mit den „Heiligen“ mit Sicherheit „Engel“ gemeint und keine Gläubigen.193 Insofern ist hier eine Parallele gegeben, die möglicherweise für 1Thess eine unmissverständliche Lesart vorgibt – es könnten irrtümliche Vorstellungen bezüglich der Gläubigen und ihrer Rolle bei der Parusie auftreten. Im Gegensatz zu 1Thess 3,13 (ἐν τῇ παρουσίᾳ) und zum gesamten 1Thess, in dem weder ἀποκάλυψις noch ἀποκαλύπτω benutzt wird, zieht der 2Thess den Begriff ἐν τῇ ἀποκαλύψει heran.194 Dadurch wird auf die unmissverständliche Sichtbarkeit der endzeitlichen Errettung abgehoben, die auch durch die Verherrlichung und Bewunderung des Herrn unter den Gläubigen „an jenem Tag“ in V.10 unterstrichen wird. Durch die Vokabeln ἀποκάλυψις (V.7) und ἀποκαλύπτω (2Thess 2,3.6.8 – dort für den Widersacher Gottes) und auch „Epiphanie“ (2Thess 2,8) kommt in 2Thess die wirkliche Sichtbarwerdung eines Geschehens deutlicher zum Ausdruck als bei “Parusie“. Die Bedeutung von Parusie ist zum einen vielschichtiger und unklarer und illustriert den sichtbaren Aspekt nicht deutlich genug.195 Mit den verständlicheren Begriffen wird klar, dass die Parusie noch nicht geschehen sein 191 1Thess 2,12: δόξα im positiven Sinn (τοῦ καλοῦντος ὑμᾶς εἰς τὴν ἑαυτοῦ βασιλείαν καὶ δόξαν.). 192 Im eschatologischen Sinn nur in 2Thess. 193 Vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 199f. Dort ausführliche und überzeugende Argumentation und Forschungsdarstellung. 194 Vgl. Röm 2,5; Röm 8,19: τὴν ἀποκάλυψιν τῶν υἱῶν τοῦ θεοῦ ἀπεκδέχεται. und 1Kor 1,7: τὴν ἀποκάλυψιν τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ (1Kor 1,8f. auch mit interessanten Parallelen zu 2Thess!). 195 Bereits Kern, 2Thess, S. 147f., sieht durch den Ausdruck ἐπιφανείᾳ τῆς παρουσίας αὐτοῦ (2Thess 2,8) ausdrücklich eine sichtbare Herrlichkeit gegeben. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 65 kann bzw. deutlich gesehen werden wird. Wird παρουσία im restlichen NT ausschließlich eschatologisch benutzt, so ist es gerade Paulus, der die Benutzung des Wortes variiert und auch menschliche, profane Dinge damit aussagt. Außer in den beiden Briefen an die Thessalonicher wird es nur noch in 1Kor 15,23 im eschatologischen Sinn verwendet. Der Paulus des 1Thess und der „Paulus“ des 2Thess sprechen bezüglich dieser Vokabel eine eindeutige und einheitliche Sprache – sie gebrauchen παρουσία nur im eschatologischen Sinn. 2Thess 2,1.8.9 kennen ebenso den Begriff der Parusie. Dieser wird, genau wie „Epiphanie“, auch für den Auftritt von Königen und Kaisern herangezogen.196 Durch die Einführung von ἀποκάλυψις (1,7) wird die Deutung der Begrifflichkeiten von Anfang an in eine entsprechende Richtung gelenkt. In 2Thess 1,11 kann man von der „Berufung“ (κλήσεως) der Gemeinde lesen, die wohl die „Erwählung“ (ἐκλογὴν) aus 1Thess 1,4 aufgreift. Der Unterschied besteht darin, dass in 2Thess dafür gebetet wird, dass die Gemeinde der Berufung für würdig erachtet wird. Es handelt sich also um eine noch von Gott festzumachende Berufung. In 1Thess hingegen scheint die Erwählung gewiss zu sein, sie wird mit dem Evangelium der Verfasser (V.5) und der Nachahmung (V.6) derselben durch die Gläubigen begründet. Der unterschiedliche Gebrauch der „Berufung“ in beiden Briefen ist auffällig. Die briefliche Fürbitte für die Gemeinde in 2Thess weist auf eine eingetretene Glaubensunsicherheit hin – die Gemeinde ist des Heils noch nicht sicher. Ein gebetsartiger Text, zudem auf eschatologische Dinge bezogen, fehlt im Proömium des 1Thess, findet sich aber in 1Thess 3,11–13. Das frühe Gebet in 2Thess stützt die Vermutung, dass die Gemeinde im (eschatologischen) Glauben Unsicherheiten aufweist, da ausdrücklich schon an dieser Stelle und damit vermehrt für sie gebetet wird. Hier ist wiederum ein Hinweis für eine verschärfte, konkrete Verfolgungssituation gegeben, da der Gebetstext gleich an den „Verfolgungstext“ samt Unterstreichung der Wichtigkeit des Zeugnisses der Verfasser anschließt. Die gefährliche Situation scheint mit einer Bedrohung des rechten Glaubens verbunden zu sein. Insgesamt gibt es neben der Fürbitte im Briefschluss drei briefliche Fürbitten in 2Thess, in 196 Vgl. Bauer, Wörterbuch, Sp. 1272. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 66 1Thess nur zwei (1Thess 3,11–13; 5,23f.). 2Thess 1,11 greift mit dem πάντοτε περὶ ὑμῶν sowohl die gebetsartigen Texte in 2Thess 1,3 als auch 1Thess 1,2 auf. Auch in der zweiten Danksagung des 2Thess erscheint die Formulierung (2,13). Ist in 1Thess die Erwählung der Gemeinde unmittelbar nach den einleitenden Dankesworten platziert, folgt diese in 2Thess erst nach dem eschatologischen Zuspruch. „Im Hinblick darauf “ (V.11) und damit auf die letzten Verse bezogen, beten die Verfasser für die Gemeinde. Der Gebetswunsch des „Paulus“ und seiner Gefährten ist es, dass die Gläubigen „der Berufung würdig gemacht werden“ und „aller guter Wille zur Güte“ und das „Werk des Glaubens“ vollendet wird. In 1Thess 1,3, allerdings mit Artikel, findet sich ebenso das Werk des Glaubens, dieses muss aber nicht erst „vollendet werden“ „in Kraft“. Die noch ausstehende Vollendung bringt dann laut 2Thess die Verherrlichung des „Namens des Herrn“197. Zwischenergebnis Proömien Im Folgenden soll nun ein in vier Kategorien unterteiltes Zwischenergebnis erstellt werden, um herauszustellen, was beide Briefe in eschatologischen Fragen gemeinsam haben, an welcher Stelle 2Thess den 1Thess auf eine veränderte Adressatensituation hin aktualisiert und transformiert und in welchen Abschnitten 2Thess genuine Inhalte anbietet oder auch Themen des 1Thess nicht erwähnt. Die erste Kategorie benennt Parallelen sprachlich-formaler und inhaltlicher Natur, die zweite Kategorie beschreibt die Aktualisierung und Transformation des paulinischen Erbes im Blick auf die neu zu bewältigende Situation der Adressaten. Die dritte Kategorie zeigt genuine eschatologische Inhalte des 2Thess auf, die 1Thess nicht anspricht. In 2Thess fehlende eschatologische Inhalte im Vergleich zu 1Thess stellen die vierte Kategorie dar. Parallelen: Im Proömium des 1Thess findet sich lediglich in V.10 ein eschatologischer Ausblick, der eine Grundlage für die Entfaltung des eschatologischen Zuspruchs des 2Thess gewesen sein könnte. In bei- 3.1.4 197 Vgl. 2Thess 3,6; 1Kor 1,2.10; 5,4; 6,11; Eph 5,20; Phil 2,9 – jeweils ohne den Gedanken der Verherrlichung. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 67 den Briefen wird die Thematik „Gericht“ (1Thess: ὀργη / 2Thess: κρίσις) und „Parusie“ bereits im Proömium vorbereitet und inhaltlich verbunden. Hier liegt eine eschatologische Parallele vor. Der Paulus des 1Thess und der „Paulus“ des 2Thess sprechen bezüglich παρουσία eine eindeutige und einheitliche Sprache – sie verwenden diese Vokabel nur im eschatologischen Sinn, im Gegensatz zum restlichen Corpus Paulinum, wo die Benutzung des Wortes variiert und damit auch menschliche, profane Dinge ausgesagt werden. In 2Thess 1,10 trifft man die Formulierung ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ an, die zwar nicht im Proömium des 1Thess zu finden ist, in ähnlicher Weise allerdings in 1Thess 5,2 (ἡμέρα κυρίου) und 5,4.8 (ἡμέρα). Sowohl 2Thess 1,10 als auch 1Thess 5,3 werden mit ὅταν eingeleitet. Der eschatologische „Tag“ ist also in beiden Briefen von großer Bedeutung. Die Proömien von 1Thess und 2Thess weisen auf „Verfolgungen“ hin (1Thess 1,6; 2Thess 1,4.6). 2Thess 1,6–9 beschreibt zukünftige Strafen für die die Gemeinde bedrängenden Gegner. Nicht im Proömium, allerdings in 1Thess 2,16 findet sich die verfolgenden „Juden“ (V.14) betreffend ein ähnlicher Gedanke der Bestrafung von bedrängenden Gegnern. Das Leid der Gemeinde in 2Thess 1,5 durch Verfolgungen (V.4) findet eine Entsprechung in 1Thess 2,14, wo die Gemeinde von „Stammesgenossen“ verfolgt wurde. Diese Art von Verfolgung in 1Thess war wohl durch die Hinwendung der Christen zu einer christlichen Gottesvorstellung bedingt, die damit das pagan-religiöse und gesellschaftliche Leben in Thessaloniki störten und dafür Nachteile erlitten, analog der Situation in Ephesus (vgl. Apg 19,22–40).198 Es ist anzunehmen, dass auch in 2Thess Konflikte mit der paganen Umwelt beschrieben werden, die „Gott nicht Kennenden“ (1,8) der Gemeinde zu schaffen machen. Die in 1Thess 2,15 beschriebenen Verfolgungen (der Verfasser) durch Juden, die Gott „nicht gefallen“, könnten zwar eine Parallele in 2Thess 1,8 haben. Die dortige Stelle (τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν) hat jedoch wiederum in 1Thess 4,5 eine wörtliche Entsprechung, wo die „Heiden“ angesprochen sind. Die auf die Juden bezogene Vokabel ἐκδιώκω in 1Thess 2,15, mit „heftig/hart verfolgen“ zu übersetzen, findet sich in den beiden Worten in 2Thess 1,4 (διωγμοῖς u. θλίψεσιν) in 198 Vgl. Hoppe, Thessalonikerbrief, S. 173f. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 68 veränderter Form wieder. Bestimmte Juden der damaligen Zeit werden in 1Thess mannigfaltig negativ beschrieben,199 in 2Thess allerdings gar nicht erwähnt, was auch die divergierenden Erfahrungshintergründe des Paulus und des Autors aufzeigt. Eine Verfolgung der Gemeinde in 2Thess durch Juden wie es die Gemeinden in Judäa oder Paulus und seine Gefährten erfahren haben, ist also unwahrscheinlich. Es ist darum an pagane Griechen zu denken, die sich in ihrem Kult gestört fühlten, oder auch an Römer, die sowohl mit heidnischen Kulten in Verbindung zu bringen waren, als auch mit ihrem aus christlicher Sicht blasphemischem Verehrungsgebaren sich auf Konfrontationskurs mit den Gläubigen befanden. Die chiffrierte Formulierung des 2Thess lässt Gemeindemitglieder oder Christen generell als Bedränger ausscheiden, vielmehr muss eine Gruppe dahinter stehen, bei denen eine offene Sprache gefährlich werden musste – dabei ist an die Römer zu denken. In beiden Briefen tritt Gott als Richter auf, der Menschen nicht nur Heil zukommen lassen wird, sondern auch Zorn bzw. Vergeltung. Zudem kennen beide Schreiben die Wichtigkeit des Evangeliums der Verfasser bezüglich des Eschatons (wenn auch anders formuliert in 1Thess 1,5.7.9 und 2,16). Aktualisierung und Transformation des paulinischen Erbes: Die Verfolgungen der Gemeinde (διωγμοῖς ὑμῶν) treten in 2Thess zu den Bedrängnissen (ταῖς θλίψεσιν) hinzu und weisen durch die sprachliche Steigerung auf eine schlimmere Situation der Gemeinde als in 1Thess hin. Es scheint eine konkretere Situation vorzuliegen, das legt die Vokabel διωγμός nahe, die im Gegensatz zur offeneren Formulierung θλίψις, tatsächliche Verfolgungen anspricht.200 Die Dankesverpflichtung des „Paulus“ aus 2Thess 1,3, die durch die Worte καθὼς ἄξιόν ἐστιν (1,3) verstärkt wird und auch V.4 miteinbezieht, unterstreicht neben ἐγκαυχάομαι (V.4) die verschärfte Situation. 199 Eine angemessene und exegetische Missverständnisse für heutige Leser ausräumende Deutung der problematischen Aussagen über die „Juden“ in 1Thess 2,14– 16 bietet Schreiber, 1Thessalonicher, S. 158–167. 200 Metzger, Katechon, S. 49: „Vermutlich handelt es sich um lokale Übergriffe oder ähnliche Schwierigkeiten.“; Vgl. ebd. S. 81–90. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 69 Der Zorn aus 1Thess wird in 2Thess ausführlich als Strafgericht Gottes beschrieben, um das Schicksal der Bedränger der Gemeinde zu schildern. So sollen die Gemeinde und der rechte Glaube gestärkt werden, welcher durch das Ergreifen des Zeugnisses der Verfasser (V.10) garantiert ist. 1Thess kennt zwar die Wichtigkeit des Evangeliums der Verfasser hinsichtlich der letzten Dinge, spitzt dies aber bei weitem nicht so zu wie 2Thess 1,10. Daraus und aus der ausführlichen Beschreibung der Zukunft der Ungläubigen lässt sich schließen, dass die Bedrohungssituation in 2Thess größer und der wahre Glaube – jetzt in der Tradition des vom Verfasser vermittelten Paulus – noch wichtiger und dringlicher ist. In 2Thess unterstreichen formelhaft klingende Begriffe wie δικαίας κρίσεως201 und ὄλεθρον αἰώνιον die Ausmalung des Zornes Gottes aus 1Thess. Dabei wird zwar der Begriff ὀργή aus 1Thess nirgends verwendet, es finden sich aber typische Elemente des biblischen Zorns bzw. Zorngerichts (Eingreifen Gottes in die Geschichte, Tag des Herrn, endgültige Durchsetzung von Gottes Gerechtigkeit, Umkehrung der Verhältnisse).202 In 1Thess wird der Zorn am Ende des Proömiums eingeführt, in 2Thess wird das Strafgericht Gottes im Mittelteil desselben beschrieben und so die nach Gerechtigkeit schreiende Situation der Adressaten des 2Thess unterstrichen. In 1Thess 5,3 ist das „Verderben“ erwähnt, wenn auch nicht mit dem Prädikat „ewig“ belegt. Verderben soll über diejenigen kommen, die sich in trügerischer Sicherheit wähnen. Hier liegt höchstwahrscheinlich ein verdeckter Angriff auf falsche Heilsaussagen der römischen Herrschaft vor.203 2Thess greift dies durch ὄλεθρον (2Thess 1,9) und den Sohn des Verderbens (2,3) auf. 1Thess beschreibt die Rettung „aus dem kommenden Zorn“, der auf das Gericht Gottes hinweist. ῥύομαι kommt im Proömium des 2Thess nicht vor, dafür in 3,2. Die Rettung soll dort vor den „üblen und bösen Menschen“ geschehen – wiederum ein Hinweis für eine konkrete Verfolgungssituation – dabei wird nicht offen, sondern chiffriert gesprochen. Das lässt römische Verfolgung vermuten, da darüber in einem Brief nicht eindeutig gesprochen werden konnte. 201 Vgl. Joh 5,30; 7,24; Offb 16,7; 19,2. 202 Zur Ausprägung des Zorns vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 112. 203 Vgl. Darstellung bei Schreiber, 1Thessalonicher, S. 272–277. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 70 Im Gegensatz zum 1Thess ist der „Herr Jesus“ der Ausführende der Strafe und der Vergeltung, was auf christologische Verschiebung hindeutet und zugleich eine Positionierung gegen falsche „Herren“, naheliegender Weise die gottgleich dargestellten Kaiser, mitschwingen lässt. In 2Thess 1,11 ist von der „Berufung“ der Gemeinde lesen, die wohl die „Erwählung“ aus 1Thess 1,4 aufgreift. In 2Thess wird dafür gebetet, dass die Gemeinde der Berufung für würdig erachtet wird, diese also gleichsam von Gott noch zu bestätigen ist. In 1Thess hingegen scheint die Erwählung gewiss zu sein, sie wird mit dem Evangelium der Verfasser (V.5) und der Nachahmung (V.6) der Verfasser durch die Gläubigen begründet. Das Beten für die Gemeinde in 2Thess deutet auf eine eingetretene Glaubensunsicherheit hin. Die Gemeinde ist des Heils noch nicht gewiss, was durch folgende Beobachtung gestützt wird: Der Gebetswunsch des „Paulus“ und seiner Gefährten ist es unter anderem, dass das „Werk des Glaubens“ vollendet wird (2Thess 1,11). In 1Thess 1,3, findet sich ebenfalls das „Werk des Glaubens“, dieses muss aber nicht erst „vollendet werden“ „in Kraft“. Beiden Briefen ist zunächst gemein, dass sie eine gemeinsame Zukunft der Verfasser und der Gemeinde beim Herrn versprechen (2Thess 1,7; 1Thess 4,17). Für die bedrängte Gemeinde sieht 2Thess in V.7 „Aufatmen“ (ἄνεσιν) vor. Im Proömium des 1Thess tritt der Gedanke der Ruhe, zusammen mit den Verfassern, nicht auf. Die Betonung der Ruhe zeigt wiederum die verstärkte Verfolgungssituation, die ein Aufatmen der Gemeinde dringend nötig macht. Beide Briefe schreiben vom Glauben im Proömium. Auffällig und über die Eingangseucharistie des 1Thess (V.3.10) hinausgehend ist das vermehrte Vorkommen und die damit verbundene Hervorhebung des Glaubens in 2Thess 1,3.4.10.11, auch im eschatologischen Kontext. Dies unterstreicht die Wichtigkeit des rechten Glaubens, gerade hinsichtlich der letzten Dinge, die, wie es vor allem die Parole in 2,2 zeigt, nicht mehr in rechter Weise gesehen werden. Durch die vielfache Verwendung des Wortfeldes „Glauben“ wird dieser gewissermaßen beschworen, die Gemeinde in die von „Paulus“ gewünschte Richtung gelenkt. 3.1 Proömium (2Thess 1,3–12 u. 1Thess 1,2–10) 71 Genuine eschatologische Inhalte des 2Thess: Die Verfolgungen und Bedrängnisse sind ἔνδειγμα des „gerechten Gerichtes Gottes“ (2Thess 1,5), dessen Folge es ist, dass die Gemeinde des Reiches Gottes „für würdig erachtet“ wird. Diese Deutung der Verfolgung der Gemeinde erwähnt 1Thess nicht. Die Adressaten sollen offensichtlich getröstet und gestärkt werden, indem ihnen die strafende und ausgleichende Gerechtigkeit Gottes gezeigt und das ihr zu schaffen machende Leid gar sublimiert wird. Im Corpus Paulinum wird ausschließlich in 2Thess 1,5 das Leid der Gläubigen in Zusammenhang mit dem „Reich Gottes“ gebracht, für das sie leiden (V.5). Besonders auffällig und ohne Parallele in 1Thess ist die glanzreiche und unter den Gläubigen bewunderte Ankunft des Herrn in 2Thess 1,10. 1Thess 4,16f. beschreibt zwar das Kommen des Herrn, geht aber nicht in die Richtung des 2Thess. Der Gedanke, dass der Herr auch kommt, um „bewundert zu werden“ unter allen Gläubigen, zielt auf die Sichtbarkeit der Endereignisse ab und es wird wiederum eine antirömische Spitze gegen die vom Volk bewunderten und verherrlichten Herrscher beinhaltet sein. Im Gegensatz zum gesamten 1Thess, in dem weder ἀποκάλυψις noch ἀποκαλύπτω benutzt werden, findet sich in 2Thess 1,7 die Wendung ἐν τῇ ἀποκαλύψει. Dadurch wird auf die unmissverständliche Sichtbarkeit der endzeitlichen Errettung abgehoben, die auch durch die Verherrlichung und Bewunderung des Herrn unter den Gläubigen „an jenem Tag“ in V.10 unterstrichen wird. Durch die Vokabeln ἀποκάλυψις (V.7), ἀποκαλύπτω (2Thess 2,3.6.8 – dort für den Widersacher Gottes) und ἐπιφάνεια (2Thess 2,8) kommt in 2Thess die wirkliche Sichtbarwerdung eines Geschehens deutlicher zum Ausdruck als bei παρουσία.204 Hier wird klar gemacht, dass die Parusie noch nicht geschehen sein kann (2Thess 2,2 als bereits geschehene Parusie gedeutet) bzw. deutlich gesehen werden wird. Ein gebetsartiger Text, zudem auf eschatologische Dinge bezogen, fehlt im Proömium des 1Thess, findet sich aber im Zusammenhang mit eschatologischen Dingen in 1Thess 3,11–13. Das frühe Gebet in 2Thess stützt die Vermutung, dass die Gemeinde in 2Thess (eschatologisch) unsicher ist, da ausdrücklich schon an dieser Stelle und damit 204 Vgl. Kern, 2Thess, S. 147f. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 72 vermehrt für sie gebetet wird. Hier ist wiederum ein Hinweis für eine verschärfte, konkrete Verfolgungssituation gegeben, da der Gebetstext gleich an den „Verfolgungstext“ samt Unterstreichung der Wichtigkeit des Zeugnisses der Verfasser anschließt. Die gefährliche Situation scheint mit Bedrohung des rechten Glaubens verbunden zu sein. „Im Hinblick darauf “ (V.11: Εἰς ὃ), „nämlich, daß alles für die Adressaten zum guten Ausgang gelange, von dem die Rede war“205, beten die Verfasser für die Gemeinde. In 2Thess fehlende eschatologische Inhalte: 1Thess 1,10 spricht von Jesus als dem vom Himmel kommenden Sohn, der vor dem bevorstehenden Zorn rettet. Im gesamten 2Thess findet sich die Sohn-Bezeichnung für den „Herrn“ nicht. Es fällt vielmehr die oftmalige Verwendung des Kyrios-Titels auf. Denkbar ist, dass so dem Auftreten Jesu ein machtvolleres Attribut zugeschrieben werden soll, welches die umfassenden Herrschaftsansprüche der Römer, speziell ihrer Kaiser, übertrumpfen soll. Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) Das nun folgende „Eschatologische Hauptstück“ 2Thess 2,1–12 findet keine Strukturparallele in 1Thess. Die zentrale Bedeutung des genuinen Abschnittes erfordert es aber unbedingt, den Text zu bearbeiten. Auf diese Weise sollen aus den nicht aus 1Thess bekannten Inhalten in besonderer Weise die Aussageabsichten des Autors und die offensichtlich veränderte geschichtliche Situation der Gemeinde erkannt werden. Die sich unterscheidende Lage wird dabei so gut wie möglich rekonstruiert werden. 1Thess 4,13–5,11 muss dabei besondere Beachtung finden, da aus den vorliegenden Worten eine nahe Erwartung der Parusie Christi herauszulesen ist, 2Thess 2,1–12 hingegen die Erwartung weiter in die Zukunft zu schieben scheint. 3.2 205 Trilling, Thessalonicher, S. 62. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 73 Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 1 a Ἐρωτῶμεν δὲ ὑμᾶς, b ἀδελφοί, c ὑπὲρ τῆς παρουσίας τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ ἡμῶν ἐπισυναγωγῆς ἐπʼ αὐτὸν 2 a εἰς τὸ μὴ ταχέως σαλευθῆναι ὑμᾶς ἀπὸ τοῦ νοὸς b μηδὲ θροεῖσθαι, μήτε διὰ πνεύματος μήτε διὰ λόγου μήτε διʼ ἐπιστολῆς ὡς διʼ ἡμῶν, c ὡς ὅτι ἐνέστηκεν ἡ ἡμέρα τοῦ κυρίου· 3 a Μή τις ὑμᾶς ἐξαπατήσῃ κατὰ μηδένα τρόπον. b ὅτι ἐὰν μὴ ἔλθῃ ἡ ἀποστασία πρῶτον c καὶ ἀποκαλυφθῇ ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας, ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας, 4 a ὁ ἀντικείμενος b καὶ ὑπεραιρόμενος ἐπὶ πάντα c λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα, d ὥστε αὐτὸν εἰς τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ καθίσαι e ἀποδεικνύντα ἑαυτὸν ὅτι ἐστὶν θεός. 5 a Οὐ μνημονεύετε b ὅτι ἔτι ὢν πρὸς ὑμᾶς c ταῦτα ἔλεγον ὑμῖν 6 a καὶ νῦν τὸ κατέχον οἴδατε b εἰς τὸ ἀποκαλυφθῆναι αὐτὸν ἐν τῷ ἑαυτοῦ καιρῷ. 7 a τὸ γὰρ μυστήριον ἤδη ἐνεργεῖται τῆς ἀνομίας· b μόνον ὁ κατέχων ἄρτι c ἕως ἐκ μέσου γένηται. 8 a καὶ τότε ἀποκαλυφθήσεται ὁ ἄνομος, b ὃν ὁ κύριος [Ἰησοῦς] ἀνελεῖ τῷ πνεύματι τοῦ στόματος αὐτοῦ c καὶ καταργήσει τῇ ἐπιφανείᾳ τῆς παρουσίας αὐτοῦ, 3.2.1 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 74 9 a οὗ ἐστιν ἡ παρουσία κατʼ ἐνέργειαν τοῦ σατανᾶ ἐν πάσῃ δυνάμει καὶ σημείοις καὶ τέρασιν ψεύδους 10 a καὶ ἐν πάσῃ ἀπάτῃ ἀδικίας τοῖς ἀπολλυμένοις, b ἀνθʼ ὧν τὴν ἀγάπην τῆς ἀληθείας οὐκ ἐδέξαντο c εἰς τὸ σωθῆναι αὐτούς. 11 a καὶ διὰ τοῦτο πέμπει αὐτοῖς ὁ θεὸς ἐνέργειαν πλάνης b εἰς τὸ πιστεῦσαι αὐτοὺς τῷ ψεύδει, 12 a ἵνα κριθῶσιν πάντες b οἱ μὴ πιστεύσαντες τῇ ἀληθείᾳ c ἀλλὰ εὐδοκήσαντες τῇ ἀδικίᾳ. 1 a Wir aber bitten Euch, b Brüder, c im Hinblick auf die Parusie unseres Herrn Jesus Christus und unser Versammeln bei ihm, 2 a dass Ihr nicht ins Wanken geratet in der vernünftigen Überlegung, b und Euch nicht erschrecken lasst, weder durch einen Geist, noch durch ein Wort, noch durch einen Brief, wie durch uns, c als ob der Tag des Herrn da sei. 3 a Es täusche Euch niemand auf keinerlei Weise! b Denn wenn nicht kommt der Abfall zuerst c und offenbart wird der Mensch der Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens, 4 a der Widersacher b und sich über alles Erhebende, c was Gott oder Heiligtum genannt wird, d so dass er sich selbst in den Tempel Gottes setzt, e und sich selbst zum Gott einsetzt. 5 a Erinnert Ihr Euch nicht, b dass, als ich noch bei Euch war, c dies Euch gesagt habe? 6 a Und jetzt kennt Ihr das Aufhaltende b so dass er erst offenbart wird in seiner Zeit. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 75 7 a Allerdings betätigt sich das Geheimnis der Gesetzlosigkeit bereits, b nur bis der es jetzt Aufhaltende c aus der Mitte genommen ist. 8 a Und dann wird der Gesetzlose offenbart, b den der Herr Jesus töten wird durch den Hauch seines Mundes c und beseitigen wird durch die Erscheinung seiner Parusie. 9 a Dessen Parusie ist entsprechend der Wirkkraft des Satans in jeglicher Machttat und Zeichen und Wundern der Lüge 10 a und in jeglicher Täuschung der Ungerechtigkeit der Verlorengehenden, b weil (sie) die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, c durch die sie gerettet werden sollten. 11 a Und deshalb schickt ihnen Gott die Macht des Irrtums, b so dass sie glauben der Lüge, 12 a damit alle gerichtet werden, b die nicht geglaubt haben der Wahrheit, c sondern Gefallen hatten an der Ungerechtigkeit. Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegen fünf Satzreihen vor, die im Folgenden beschrieben werden. 2Thess 2,1.2 Die erste Satzreihe besteht aus drei Teilsätzen. Eine Verbindung zwischen denselben entsteht durch die Konjunktionen καὶ (1c), μηδὲ (2b), μήτε (2b) und ὅτι (2c). Die Präposition εἰς stellt ein Bindeglied zwischen 1c und 2a dar. Das gemeinsame Substantiv κύριος (1c; 2c) schafft weitere Verknüpfung. Der Höhepunkt ist in 2c zu sehen. 3.2.1.1 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 76 2Thess 2,3.4 Die Satzreihe setzt sich aus fünf Teilsätzen zusammen. Kohäsion erzeugen die Konjunktionen ὅτι (3b; 4e), ἐὰν (3b), καὶ (3c; 4b) und ὥστε (4d). Auch das gemeinsame Substantiv θεός (4c.d.e) trägt dazu bei. Zielpunkt ist 4d.e 2Thess 2,5.6.7 Die Satzreihe besteht aus sechs Teilsätzen und wird durch die Konjunktionen ὅτι (5b), καὶ (6a), γὰρ (7a) und ἕως (7c) verbunden. Das Verb κατέχω (6a; 7b) kreiert weiteren Zusammenhalt. Die Präposition εἰς bindet 6a.b aneinander. Höhepunkt ist 7c. Als Schema zu beobachten ist 5 (5a.b.c; 6a.b) + 3 (7a.b.c). 2Thess 2,8.9.10 Die Satzreihe wird aus sechs Teilsätzen geformt, dabei tragen die Konjunktion καὶ (8a.c; 10a), das Adjektiv πᾶς (9a; 10a) und das gemeinsame Substantiv παρουσία (8c; 9a) zur Verbindung bei. Die Präpositionen ἀντί und εἰς halten 10a.b.c zusammen. Ein Ruhepunkt ist 8c, Zielpunkt 10c. Als Schema beobachtbar ist 3 (8a.b.c) + 2 (9a; 10a) + 2 (10b.c). 2Thess 2,11.12 Die letzte Satzreihe konstituiert sich aus fünf Teilsätzen. Für Verbindung sorgen die Konjunktionen ἵνα, ἀλλά (12a.c) und das gemeinsame Verb πιστεύω (11b; 12b). Die Präposition εἰς trägt zur Verkettung von 11a.b bei. Ein Ruhepunkt zeigt sich in 11b, der Zielpunkt in 12c. Als Schema zu beobachten ist 2 (11a.b) + 3 (12a.b.c). Stilistische Analyse 2Thess 2,1.2 Der Wortschatz ist variabel mit wenigen Wiederholungen. Substantive dominieren vor Verben, somit liegt eher ein beschreibend statischer als ein dynamischer Text vor, was durch zwei substantivische Verbindungen 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 77 unterstrichen wird. Von vier Verben sind zwei Infinitive, ein Partizip liegt nicht vor. 1c und 2a.b weisen jeweils einen synonymen parallelismus membrorum auf. 2Thess 2,3.4 Es ist ein Wortschatz mit recht wenigen Wiederholungen zu konstatieren. Das Verhältnis von Substantiven und Verben ist nahezu ausgeglichen, bei leichter durch drei substantivische Verbindungen verdeutlichter Dominanz der Nomen. Bei neun Verben gibt es vier Partizipien und einen Infinitiv, die finiten Verben sind also leicht in der Überzahl. 3a beinhaltet eine Litotes und in 3c ist ein parallelismus membrorum vorhanden. 3b.c ist als Ellipse zu bezeichnen, da der mit ἐὰν μὴ eingeleitete Bedingungssatz nicht zu Ende geführt wird. 2Thess 2,5.6.7 Der Wortschatz ist vielfältig und kennt kaum Wiederholungen. Neun Verben und drei Substantive illustrieren eine große Dynamik des Textes. Drei Partizipien und ein Infinitiv führen dazu, dass die infiniten Verben leicht dominieren. In 7c wird mit ἐκ μέσου γένηται eine Metapher verwendet. 2Thess 2,8.9.10 Die gewählten Wörter sind abwechslungsreich, Wiederholungen finden sich selten. Substantive (17) dominieren vor Verben (sieben), somit liegt eher ein beschreibend statischer als ein dynamischer Text vor, was durch acht substantivische Verbindungen deutlich unterstrichen wird. Von sieben Verben sind zwei infinit, was der paulinischen Vorliebe für finite Verben entspräche. 8b.c weist einen synonymen Parallelismus auf. 2Thess 2,11.12 Der Fundus an Wörtern weist sehr wenige Wiederholungen auf. Sechs Substantive und Verben halten sich annähernd die Waage. Bei fünf Verben gibt es zwei Partizipien und einen Infinitiv. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 78 Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 2,2: σαλευθῆναι ὑμᾶς ἀπὸ τοῦ νοὸς 2,2: ἀπὸ τοῦ νοὸς 2,3: μηδένα τρόπον 2,3: ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας 2,7: μυστήριον… τῆς ἀνομίας 2,7: ἐκ μέσου γένηται 2,8: τῇ ἐπιφανείᾳ τῆς παρουσίας αὐτοῦ 2,9: ἐνέργεια τοῦ σατανᾶ 2,9: τέρασιν ψεύδους 2,10: τὴν ἀγάπην τῆς ἀληθείας 2,11: πέμπει αὐτοῖς ὁ θεὸς 2,11: ἐνέργειαν πλάνης 2,11: πιστεῦσαι αὐτοὺς τῷ ψεύδει 2,12: εὐδοκήσαντες τῇ ἀδικίᾳ Beschreibung der inneren Struktur 2Thess 2,1–12 Vor 2Thess 2,1–12 befindet sich das Proömium des Briefes, welches mit einer brieflichen Fürbitte endet (1,11f.). ἡ ἡμέρα τοῦ κυρίου (2,2) knüpft an das Proömium an (1,10: ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ), genau wie weitere sprachliche und inhaltliche Parallelen. Das Proömium dient auch der Einleitung des „Eschatologischen Hauptstücks“, welches mit dem auch aus 1Thess 4,1 und 5,12 bekannten Gliederungssignal Ἐρωτῶμεν δὲ ὑμᾶς, ἀδελφοί beginnt. Die Substantive παρουσία (1c; 8c; 9a), κύριος (1c; 2c; 8b), ἀνομία (3c; 7a; zudem 8a mit Adjektiv ἄνομος), θεός (4c.d.e; 11a), ἐνέργεια (9a; 11a; zudem 7a mit Verb ἐνεργέω), ψεῦδος (9a; 11b), ἀδικία (10a; 12c) und ἀλήθεια (10b; 12b), sowie die Verben ἀποκαλύπτω (3c; 6b; 8a), κατέχω (6a; 7b) und πιστεύω (11b; 12b) schaffen einen beachtlichen Zusammenhalt, der die Einheit des „Eschatologischen Hauptstücks“ eindrucksvoll unterstreicht. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 79 Semantische Analyse 2Thess 2,1.2 Die „Parusie unseres Herrn Jesus Christus“ wird in Verbindung mit ἐπισυναγωγή (2,1), dem „Versammeln“ der Adressaten beim Herrn, formuliert. So wird klar, dass beides Ereignisse in der Zukunft sind, die in engem Zusammenhang stattfinden werden. Auch der „Tag des Herrn“ wird ein zukünftiger sein, entgegen der falschen Parole, er sei schon da (2c). Die Perfektform von ἐνίστημι zeigt ein abgeschlossenes Ereignis an. In der Übersetzung von ἐνέστηκεν sind sich die Ausleger trotz der eindeutigen grammatikalischen Gegebenheit nicht einig. Einige Exegeten befürworten statt „ist bereits da“ die Formulierung „steht unmittelbar bevor“, wohl auch weil ein bereits gegenwärtiger Tag des Herrn doch für alle sichtbar sein müsste.206 Die Perfektform lässt allerdings kaum eine andere Wahl und eine präsentisch-eschatologische Deutung der Parole, die aus einseitig interpretierten paulinischen Gedanken entstanden ist, löst das Problem der mangelnden Sichtbarkeit auf (vgl. 3.2.2). Die Wendung „Tag des Herrn“ ist eine „intertextuelle Referenz auf den Prätext 1 Thess 5,1–10“, was „auch vom Gesamtkonzept des 2 Thess her nahe [liegt], der sich als ganzer auf 1 Thess bezieht.“207 Der Tag des Herrn ist also in 2Thess analog zu 1Thess zu deuten, d.h. als Tag des Gerichts, der in Bälde über die ihn nicht Kennenden hereinbricht, den Gläubigen aber Rettung bringt. Die Verben σαλεύω und θροέω treten beide im eschatologischen Zusammenhang in Mt 24,6.29 und Mk 13,7.25 auf. In der markinischen Apokalypse ist somit zusammen mit ἐπισυνάγω (Mk 13,27) die dritte Begriffs-Parallele zu finden. 2Thess 2,3.4 Der „Abfall“ (3b), so legt es der synchrone Zusammenhang nahe (2.3a), ist ein Abfall vom Glauben, der bereits in der Gegenwart der 3.2.1.2 206 Zur schwierigen Übersetzung von ὡς ὅτι ἐνέστηκεν ἡ ἡμέρα τοῦ κυρίου· und dem dazugehörigen Stand der Forschung vgl. Trilling, Thessalonicher, S. 78–80 und Schreiber, 2Thessalonicher, S. 142–148. 207 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 145. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 80 Adressaten beginnen kann und wahrscheinlich mit einem Abkommen vom paulinischen Weg zu verbinden ist (1,10; 2,14). Zum Substantiv ἀποστασία (“Abfall“) gibt es in der LXX wenige Belege,208 am interessantesten ist LXX 1Makk 2,15. An dieser Stelle wird berichtet, wie Beamten des Königs Antiochos IV. Epiphanes Juden zum Abfall von Gott und Opfern für fremde Götter zwingen wollten. Epiphanes plünderte und entweihte zuvor den jüdischen Tempel (1Makk 1,17ff.). Der „Mensch der Gesetzlosigkeit“, der „Sohn des Verderbens“ (3c), der „Widersacher“ (4a) ist ein Mensch, der sich als Anti-Gott gebärdet, was sich darin offenbart, dass er sich über alles Heilige erhebt (4b.c) und den Tempel usurpiert (4d). Ein möglicher Hintergrund des sich überhebenden Widersachers zeigt sich in LXX 2Makk 5,23 und im dortigen Kontext. Vers 21 beschreibt Antiochos Epiphanes, der sich nach der Plünderung des Jerusalemer Tempels mit „Überheblichkeit“ (ὑπερηφανία) und „Hochmut des Herzens“ (μετεωρισμός τῆς καρδίας) hervortut. Hier ist wiederum ein Hinweis auf Antiochos gegeben, der eine Matrix für den Widersacher und Gesetzlosen in 2Thess sein könnte. Aber auch LXX Dan 11,36f., wo dieser König wiederum beschrieben wird, zeigt sich als semantische Parallele, wenn auch für „überheben“ ὑψόω statt ὑπεραίρω verwendet wird. Der in 2,4 beschriebene „Tempel Gottes“ wird der Jerusalemer Tempel sein.209 Nur dort konnte ein „sich selbst zum Gott Einsetzender“ (4e) symbolträchtig und sichtbar wahrgenommen werden. Ferner weist „die Formulierung ho naos tou theou (»der Tempel Gottes« […]) mit dem bestimmten Artikel sowohl bei naos als auch bei theos darauf hin, dass mit dem Tempel des (einen) Gottes im vorliegenden Kontext speziell der Tempel in Jerusalem gemeint ist“210. Der „Leib“ als Tempel Gottes (1Kor 6,19) erschließt sich hier kaum als passendes Bild, die Gläubigen (2Kor 6,16; Eph 2,21) ebenso wenig. Malherbe sieht Antiochus IV. Epiphanes als Hintergrund und „Paulus“ nutze lediglich die apokalyptische Sprache des Daniel-Buches.211 208 LXX Jos 22,22; LXX 2Chr 29,19; LXX 1Makk 2,15; LXX Jer 2,19. 209 Vgl. Trilling, Thessalonicher, S. 86; Anders Metzger, Katechon, S. 101, allerdings wenig überzeugend: Aufgrund der Formulierung πάντα λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα sei nicht nur der jüdische Tempel im Blick, sondern „alle Heiligtümer“. 210 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 162. 211 Vgl. Malherbe, Thessalonians, S. 420. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 81 Nun stellt neben besagtem König mit Sicherheit auch Caligula eine Skizze für den Widersacher dar, da dieser die Verehrung als Gott anstrebte und eine Statue seiner selbst im Jerusalemer Tempel aufstellen lassen wollte.212, dies aber nicht mehr erlebte (vgl. 3.2.3.2). In 2Thess 2,4 wird demnach und in Abwägung einiger Argumente der Jerusalemer Tempel angedacht sein. 2Thess 2,5.6.7 Der „Katechon“ (6a) ist mit „das Aufhaltende“ zu übersetzen, das den „Gesetzlosen“ (8a) noch zurückhält. Dieser Gesetzlose wird „zu seiner Zeit“ „offenbart werden“ (6b.8), d.h. die Kontrolle liegt bei Gott. Als zusammengehörig muss das sich bereits betätigende „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ (7a) und der „Gesetzlose“ (8a) betrachtet werden. Der „Katechon“ tritt in V.7 als Maskulinum auf. „Der Aufhaltende“ muss „aus der Mitte genommen werden“ (7c), also verschwinden, so dass der Gesetzlose offenbart werden kann (8a). 2Thess 2,8.9.10 Apg 2,23 spricht von den „Gesetzlosen“, die Jesus haben „töten“ lassen, d.h. von den Römern. In 2Thess wird nun der „Gesetzlose“ von Jesus „getötet werden“. Jesus wird ihn in göttlicher Vollmacht allein „durch den Hauch seines Mundes“ und durch die „Erscheinung seiner Parusie“ umbringen (8c). „Dessen“, also des Gesetzlosen Parusie erfolgt „in der Wirkkraft des Satans“ (9a). Er scheint also mit satanischen Kräften ausgerüstet zu sein, kann Zeichen und Wunder vollbringen, belügt und täuscht die Menschen (9a.10a). 2Thess 2,11.12 Die „Liebe zur Wahrheit“ (10b) nicht anzunehmen, bedeutet der Lüge und nicht der Wahrheit zu glauben (11b; 12b), und dementsprechend nicht gerettet zu werden (10c). V.13f. zeigt dann auf, was der Glaube an die Wahrheit bedeutet und wie Rettung geschehen kann. In der Annahme des Evangeliums des „Paulus“ liegt das Heil. 212 Vgl. Philon, Legatio, 203. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 82 Pragmatik „Paulus“ richtet eine Bitte an die Adressaten (2,1). Sie sollen sich in keiner Weise von anderen Meinungen und Aussagen täuschen und irritieren lassen, die suggerieren, dass der „Tag des Herrn bereits da sei“213 (2,2). Die mehrfache Nennung von entsprechenden Verben (2,2f.: σαλεύω, θροέω, ἐξαπατάω) zeigt, dass zumindest ein Teil der Gläubigen erheblich verunsichert und mit falschen Aussagen bezüglich der letzten Dinge konfrontiert ist. Höchstwahrscheinlich verstanden einige Mitglieder der Gemeinde und andere Christen den 1Thess so, als ob dessen eschatologische Ankündigungen im 4. und 5. Kapitel schon einige Jahre nach Verbreitung des Briefes Realität werden müssten, die Gegenwart des Herrn Jesus und sein Tag also bereits „jetzt“ in Fülle vorhanden seien. Auch Röm 8 und 2Kor 5,17 sind mögliche Beispiele von paulinischen Texten die früher oder später entsprechend interpretiert werden konnten – vorausgesetzt diese Texte sind „Paulus“ bzw. den Adressaten schon bekannt, was sich nicht sicher nachweisen lässt. Ausgehend von dieser „neuen Interpretation des Motivs vom «Tag des Herrn», die der Vorstellung den Gerichtscharakter nimmt und damit die Wachsamkeit der Gemeinde, d.h. die Abgrenzung gegenüber der paganen Welt, abschwächt und aufhebt“ wird „[e]ine Assimilation bestimmter Kreise innerhalb der paulinischen Gemeinde an die städtische Gesellschaft […] möglich. 2Thess stellt sich kritisch gegen diese Auslegung der Paulus-Überlieferung und zeigt durch seine eigene Argumentation, wie eine richtige Auslegung der eschatologischen Tradition des Paulus aussehen sollte.“214 Diese Arbeit zeigt an vielen Stellen die bewusste Herausstellung der Sichtbarkeit zur Widerlegung der Parole in 2Thess 2,2. Kritik an den römischen Machthabern und damit teilweise verbundenen Kulten (s.u.) schwingt dabei mit und weist auf die potentiellen Verfolgungen und Bedrängnisse durch die pagane Umwelt hin, die der Gemeinde zu schaffen machten. Dieser Druck, zusammen mit allzu präsentisch-eschatologischen Vorstellungen, konnte leicht zu einer von „Paulus“ 3.2.1.3 213 Zur strittigen Frage der Deutung – liegt ein bereits eingetretenes oder kurz bevorstehendes Ereignis vor – vgl. die Darstellung des Forschungsstandes bei Schreiber, 2Thessalonicher, S. 142–148. 214 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 148. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 83 nicht gewünschten Anpassung an die Gesellschaft führen. Die Kombination von Parusie und Zusammenführung der Gemeinde mit Jesus Christus (2,1) unterstreicht, dass der Tag des Herrn noch nicht gegenwärtig sein kann. Verstärkt wird diese Aussage durch einen eschatologischen Fahrplan der Dinge, die noch erfolgen müssen, bevor Jesus Christus erscheint. 2,7 zeigt auf, dass das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ schon wirksam sei – den Adressaten wird so klar gemacht, dass die die Offenbarung des Gesetzlosen aufhaltende Kraft bereits wirkt und noch „aus der Mitte“ genommen werden muss. Die Umstände der Gemeinde sind schon deutlich negativ beeinflusst, die Lüge ist bereits am Werk und die Gemeinde kann erkennen, da sie den „Aufhaltenden“ kennt. Der „Abfall“ (V.3) wird subtil als aktuell glaubensbedrohend ins Spiel gebracht. Die Gemeinde soll im rechten Glauben gestärkt werden, der ihnen durch „Paulus“ nähergebracht wird, welcher wiederum die zu glaubende „Wahrheit“ (VV.10.12) des echten, von ihm so verstandenen Paulus übermittelt. Die Erinnerung der Adressaten an Worte ihres Paulus (2,5), die Versorgung mit Wissen (V.6), auch um das Ende der täuschenden, gottwidrigen Kräfte (V.8), soll den Gläubigen ein Gefühl der Sicherheit geben, die Gemeinde beruhigen und sie an der von „Paulus“ verkündeten ursprünglichen Wahrheit festhalten lassen. Diese besagt, dass der Tag des Herrn, das Gericht Gottes und die Parusie des Herrn zukünftig und unübersehbar kommen werden. Der Verweis auf die mündliche Verkündigung stärkt die pseudepigraphe Konstruktion. Diese Wahrheit, so kann man es im Umkehrschluss herauslesen, wird auch die Gemeinde retten und vor einem negativen Gericht bewahren (2,10.12). Es lohnt sich also der Wahrheit zu folgen. Im Folgevers unseres Abschnittes 2,1–12 wird dann die Rettung angesprochen, zu der die Angeschriebenen „erwählt“ wurden. Diese sollen an den in Wort und Brief übermittelten Überlieferungen festhalten (2,15 in Anspielung auf 2,2), die „ewigen Trost“ und „gute Hoffnung“ versprechen (2,16). 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 84 Diachrone Analyse Nun liegt in 1Thess, wie bereits erwähnt, kein strukturparalleler Text zu 2Thess 2,1–12 vor, dennoch sollen unter Berücksichtigung des 1Thess eschatologische Parallelen sprachlich-formaler und inhaltlicher Natur beschrieben werden. Die Aktualisierung und Transformation des paulinischen Erbes hinsichtlich der neu zu bewältigenden Situation der Adressaten soll genauso im Blick sein wie genuine eschatologische Inhalte des 2Thess, die 1Thess nicht anspricht. Parallelen: Die „Parusie unseres Herrn Jesus Christus“ (2,1) ist auch in 1Thess zu finden – 1Thess 2,19, 3,13 und 5,23 sprechen davon. 1Thess 4,15 beschreibt ebenso die „Ankunft des Herrn“, in 1Thess 4,17 folgt dann ein Analogon zu ἐπισυναγωγή (2Thess 2,1), nämlich die ἀπάντησις mit dem Herrn, die dazu führt, dass die Gläubigen „immer bei ihm sein werden“. Der „Tag des Herrn“ (2,2) ist auch in 1Thess 5,2 anzutreffen, der eschatologische „Tag“ zudem in 1Thess 5,4.8. In 1Thess 5,2 kommt der Tag des Herrn „ὡς κλέπτης ἐν νυκτὶ“, es wird aber keine zeitliche Nähe seines Kommens ausgedrückt. 1Thess 4,13– 17 legen freilich nahe, dass die Parusie noch in der Generation und Zeit des Paulus kommen wird. Dies schließt 2Thess 2,1–12 nicht aus, auch wenn noch einige Dinge vor der Parusie geschehen sollen. Der 2Thess spricht die aktuell bedrängte Gemeinde an, der „Aufatmen“ (1,7) beim Kommen des Herrn versprochen wird. Somit ist die Parusie in nicht allzu ferner Zukunft zu erwarten. 1Thess 5,3 beschreibt, wie die Anhänger der Aussage εἰρήνη καὶ ἀσφάλεια unentrinnbares „plötzliches Verderben“ am Tag des Herrn erfahren werden. Das „Verderben“ der Menschen, die an die trügerischen Sicherheiten des Imperium Romanum glauben, könnte sich auch in 2Thess 2,10–12 widerspiegeln, es ist von τοῖς ἀπολλυμένοις die Rede, die nicht gerettet werden (2,10), weil sie den Täuschungen und Lügen des Bösen erlegen sind. Ob und inwiefern die römischen Herrscher Elemente des Widergöttlichen sind, wird im Abschnitt 3.2.3.2 untersucht werden. Aktualisierung und Transformation des paulinischen Erbes: Eine Parallele besteht im „Tag des Herrn“ (2Thess 2,2; 1Thess 5,2), der für die 3.2.2 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 85 herrschenden Römer (1Thess 5,3: „εἰρήνη καὶ ἀσφάλεια“) Verderben bringen wird. 2Thess 2,1–12 könnte ebenso auf das Imperium Romanum hinweisen und die für die Gemeinde damit verbundenen negativen Erfahrungen aufgreifen. 2Thess 2,8 kennt den Gedanken der Zerstörung des Bösen bei der Parusie des Herrn, der „Gesetzlose“ wird getötet werden. Die genannten Beobachtungen konkretisieren das aus 1Thess 1,10 bekannte Zorngericht Gottes und aktualisieren wahrscheinlich die Ausführungen in 1Thess 5,2f. Die beiden Untersuchungen zum Katechon und Widersacher (3.2.3.1 und 3.2.3.2) sollen den Vermutungen dieses Abschnittes nachgehen. Genuine eschatologische Inhalte des 2Thess: Einzig 2Thess schreibt von einem gegenwärtigen „Tag des Herrn“, den manche irrtümlicherweise annehmen. 2Thess korrigiert diese falsche Parole und weist auf zuvor noch zu geschehende Dinge hin. 2Thess will mit der Nennung des „Tages des Herrn“ an 1Thess 5,1–10 erinnern. 1Thess ist als Prätext des 2Thess zu sehen und es sind vielerlei intertextuelle Bezüge zu erkennen. So auch hier, was durch die auffällige dritte Nennung einer auf das Eschaton bezogenen Vokabel nach „Parusie“ und „Versammeln bei ihm“ (2,1) unterstrichen wird. Ein plötzlich eintretender Tag des Herrn, wie ihn 1Thess 5,1–10 beschreibt, erfordert Wachsamkeit. „Sozialgeschichtlich bedeutet Wachsamkeit eine sichtbare Abgrenzung gegenüber der paganen städtischen Umwelt und ihrer Kultur, eine innere und äußere Distanz gegenüber den Werten, Normen und »Heilsoptionen« der städtischen Gesellschaft, was die Identität der jungen Gemeinde in Thessaloniki ausmachte und bestärkte.“215 Ein bereits gegenwärtiger Tag des Herrn stünde also den Aussagen des 1Thess entgegen, Wachsamkeit wäre nicht mehr notwendig, ein künftiges Endgericht nicht mehr zu erwarten. Vielmehr läge es dann nahe, „von der dauerhaften Präsenz des Christus bei seinen Gemeinden auszugehen.“216 Eine derartige Gegenwart Christi klingt in diversen Paulinen auch an (z.B. 1Thess 5,5; Röm 8; 2Kor 5,17). Der futurische Aspekt, die zukünftige Erwartung wird aber stets unterstrichen. 215 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 145. 216 Ebd., S. 146. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 86 Der verunsicherten Gemeinde lässt „Paulus“ Worte zukommen, die seiner Ansicht das Erbe des Paulus angemessen interpretieren. Der „Tag des Herrn“ wird noch kommen, die Parusie sichtbar und deutlich erfolgen. „Paulus“ „argumentiert mit einer apokalyptisch geprägten Messias-Vorstellung, die Kritik an den als widergöttlich bewerteten politischen Verhältnissen der Gegenwart impliziert und als Folgerung eine scharfe Abgrenzung gegenüber der städtischen Gesellschaft fordert (2Thess 1,5–10 und 2,3–12).“217 Diese Arbeit beleuchtet römische Machtansprüche und „Heilsoptionen“, sowie vorherrschende Mysterienkulte, allen voran die Eleusinischen Mysterien, in die viele Kaiser eingeweiht waren (vgl. 3.4.6). Dies können gesellschaftliche Phänomene sein, zu denen laut „Paulus“ im Sinne des Paulus Abstand nötig ist. Eine gnostische Deutung, die aufgrund des Empfangs der Gnosis eine bereits geschehene Auferstehung annimmt und dies mit Libertinismus in Verbindung bringt, scheidet aus, nicht zuletzt deshalb, weil keine weiteren gnostische Lehren im Brief vorkommen.218 Eine gespannte Naherwartung anzunehmen („Es ist soweit“) ist zunächst gut denkbar. Die Deutung eines bereits eingetretenen Tages des Herrn, dessen Annahme fehlende Wachsamkeit und mangelnde Distanz zur Gesellschaft mit sich bringt, lässt sich allerdings besser mit den anderen Aussagen des Briefes in Einklang bringen. Die Adressaten mussten an zwei Fronten kämpfen – einerseits machten ihnen Verfolgungen und Bedrängnisse durch die im Sinn des 2Thess ungläubige Umwelt zu schaffen (2Thess 1,4–12; 3,2f.). Die lokalen Verfolgungen und Benachteiligungen lassen sich dabei aufgrund des Andersseins der Christen und deren geringe Anpassung an die pagane Gesellschaft begründen. Andererseits droht ihnen in den Augen des „Paulus“ ein „Abfall“ des Glaubens, indem die Adressaten die Traditionslinie des Apostels verlassen und auf andere Deutungen hören, die sich ebenso als paulinisch ausgeben (vgl. 2Thess 2,2.15; 3,14). Dieser Abfall zeigt sich darin, der Verführung, sich der von kaiserlicher Macht und römischen Heilsoptionen durchzogenen Gesellschaft anzupassen, nachzugeben, um ein konfliktfreieres Leben führen zu können. Die nach bisherigem Ausbleiben der Parusie auftauchende Parole, der Tag des Herrn sei bereits 217 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 147. 218 Vgl. dazu die Argumentation von Trilling, Untersuchungen, S. 125f. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 87 angebrochen, mit der logischen Konsequenz eines nicht mehr stattfindenden Gerichts geht damit einher, verstärkt das im Sinne des Paulus unerwünschte Verhalten oder begründet es. Ein solches Denken greifen – so legt es der 2Thess nahe – einige Gläubige auf und lassen die im Sinn des Paulus so wichtige Distanz zur kaiserlichen und blasphemisch anmutenden Propaganda und den quasi-religiösen Angeboten missen. Die Parusie und der Tag des Herrn aus 1Thess finden sich auch in 2Thess 2,1–12. Einen eschatologischen Fahrplan der vorher geschehenden Dinge kennt 1Thess aber nicht.219 2Thess besagt u.a., dass zuerst noch der „Abfall“ kommen (2,3) und der „Widersacher“ (2,4) erscheinen muss und zeigt so auf, dass die aufgeworfene Parole aus 2,2 nicht zutreffen kann. Der ἀντικείμενος wird auch als ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας und υἱὸς τῆς ἀπωλείας bezeichnet (2,3), der sich über Gott erhebt, sich in den „Tempel Gottes“ setzt, sich gar als Gott ausgibt (2,4). Eine solche Gestalt ist nicht aus dem 1Thess bekannt, im Übrigen in dieser Zuspitzung auch nicht im NT zu finden. Die Deutung dieses „Widergottes“ ist in 3.2.3.2 zu finden. Die satanische παρουσία des „Gesetzlosen“ (2,9) ist nicht präsent in 1Thess. Dort wird Parusie nur für das Erscheinen des Herrn Jesus Christus verwendet. Der „Widersacher“ wird „offenbart werden“ (2Thess 2,6) bzw. „sich offenbaren“ (2,8). Die Verwendung von παρουσία und ἀποκαλύπτω für das Erscheinen des Bösen ist einzigartig im Vergleich zu 1Thess, genaue wie die den Widersacher aufhaltende Kraft, τὸ κατέχον/ὁ κατέχων (2Thess 2,6f.; vgl. 3.2.3.1). 2Thess 2,8 beschreibt den richtenden κύριος Ἰησοῦς – in 1Thess ist es Gott, der richtet (s.o.). Hier ist also wiederum eine Verschiebung auf den Herrn Jesus Christus zu beobachten. Daraus ist zu schlussfolgern, dass christologische Entwicklungen zu verzeichnen sind, oder aber bewusst dem „Herr-Sein“ der Kaiser der wahre, richtende und endgültig siegende Herr entgegengestellt wird. In 2Thess fehlende eschatologische Inhalte: Nun wurde einleitend zum Kapitel 3.2 erwähnt, dass 1Thess 4,13–5,11 eine Naherwartung der Parusie Christi vertrete. Diese Annahme bestätigt sich aus dem gesamten 219 Einen Ablauf der Parusie bietet 1Thess 4,13–17. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 88 Kontext, vor allem aber aus 4,15. Ausgelöst wurden die eschatologischen Hinweise wohl von verunsicherten Gemeindemitgliedern, die ob der ausbleibenden Parusie und der bereits gestorbenen Brüder und Schwestern in Unruhe gerieten und nach Antworten verlangten. Auf den ersten Blick scheint 2Thess von einer drängenden Erwartung des wiederkommenden Herrn abzuweichen, da 2Thess 2,1–12 der Parusie verschiedene Ereignisse vorausgehen lässt (V.3: Abfall und Erscheinen des gesetzlosen Menschen; V.4: Okkupation des Tempels durch den Widersacher). Auch eine mögliche Interpretation von 2,2 als Warnung vor einer Parole, die den Tag des Herrn als kurz bevorstehend erwartet, stünde einer Naherwartung eher entgegen. Die seitherige diachrone Analyse des eschatologischen Hauptstücks hat allerdings gezeigt, dass 2Thess 2,2 auf die fälschliche Annahme eines bereits geschehenen Tages des Herrn abzielt und somit mit diesem Vers nicht beabsichtigt, die Parusie weiter in die Zukunft zu verschieben. Der beschriebene „Abfall“ und der auftretende „Mensch der Gesetzlosigkeit“ (V.3), sowie die Besetzung des Tempels durch denselben könnten laut „Paulus“ durchaus in der Generation der Adressaten stattfinden. Die bedrängte Gemeinde soll ja offensichtlich mit den Ausführungen des 2Thess getröstet und im paulinischen Glauben stabilisiert werden. Au- ßerdem wird ein Ende der Drangsale verbunden mit einer Zukunft beim Herrn in den Raum gestellt. Es sind wohl die damaligen „Thessalonicher“ angesprochen, die gerettet werden und das Ende der Bedränger erleben sollen, das lässt sich aus dem 2Thess herauslesen (v.a. 1,7– 10). Im Unterschied zu 1Thess aber werden eine nahe Parusie bzw. ein naher Tag des Herrn nicht eindeutig vermittelt. Der Autor beabsichtigt eben zuvorderst die falsche Parole abzuwehren, die einen bereits eingetretenen Tag des Herrn annimmt. Die Adressaten sollen wachsam bleiben, Distanz zur paganen Umwelt wahren und die sichtbaren Vorzeichen der noch ausstehenden und von allen wahrzunehmenden Parusie zur gegebenen Zeit erkennen. Bereits sichtbar waren Anzeichen des Abfalls sowie das schon wirkende „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“. Die Parusie kann also immer noch zu Lebzeiten der Adressaten geschehen. Die Situation der Gemeinde in 1Thess war u.a. von Unsicherheit aufgrund bereits vor der Parusie entschlafener Christen geprägt, auf die Paulus mit der Zusicherung einer nahen Vereinigung mit dem Herrn, zusammen mit den Verstorbenen reagiert. In der Gemeinde, 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 89 die 2Thess adressiert, nehmen einige Christen – so legt es der Text nahe – einen bereits eingetretenen Tag des Herrn an, vermutlich eine Reaktion auf die bislang ausgebliebene Parusie. Hier ist „Paulus“ also in anderer Weise gefragt und er muss dem Erscheinen des Herrn Jesus Dinge vorausgehen lassen und die Sichtbarkeit des Eschatons deutlich machen. So kann er die „Thessalonicher“ auf den richtigen Weg bringen und ihre Wachsamkeit bewahren. Die Parusie freilich beschreibt er dennoch als nahe, wenn auch weniger greifbar als in 1Thess. Keinesfalls wird diese in eine ferne Zukunft verschoben. Zeit- und religionsgeschichtlicher Hintergrund Zur Erhellung des zeit- und religionsgeschichtlichen Hintergrundes erfolgen nun Exkurse zum „Katechon“, zum „Widersacher“, zu Kaisern und ihrer gottgleichen Verehrung und zu möglicherweise in 2Thess enthaltenen Verbalspitzen gegen die herrschenden und aus christlicher Sicht sich religiös problematisch gebärdenden Römer. Die beiden ersten Themen beziehen sich auf 2Thess 2,1–12 und damit auf einen Text, der keine Strukturparallele in 1Thess findet. Dennoch legt es sich aus der Lektüre des 2Thess nahe, dass die Deutung dieser zunächst rätselhaften Begriffe für die Profilierung des 2Thess aus eschatologischer Sicht genau so entscheidend ist, wie der genuine Text des eschatologischen Hauptstücks insgesamt. Ausgehend von der zu erhärtenden Vermutung, dass in diesen Begrifflichkeiten ein Zusammenhang mit dem Imperium Romanum mitschwingen könnte, knüpfen die letzten beiden Themen, die den gesamten 2Thess in den Blick nehmen, teilweise an Deutungsversuche des Katechons und des Widersachers an. Die Gesamtschau des behandelten zeit- und religionsgeschichtlichen Hintergrundes kann für die Herausarbeitung der Aussageabsichten des „Paulus“ von entscheidender Bedeutung sein. Katechon Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob der Katechon eine Wirklichkeit der Adressaten ist, also beispielsweise ein Mensch ihrer Zeit, schließlich sollen diese „das Aufhaltende“ kennen (2,6). Hier ist jedoch Vor- 3.2.3 3.2.3.1 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 90 sicht geboten, eine 1:1 Gleichsetzung mit einer historischen Figur, auch beim „Widersacher“, muss nicht in der Intention des Schreibens liegen.220 Dennoch: Die Ausführungen des 2Thess bieten „durch das apokalyptische Personeninventar ein Rätselpotential, das für die kritische Wahrnehmung der politisch-gesellschaftlichen Umwelt sensibilisieren will: Wer ist der „Widersacher“, wer der „Aufhaltende“? Wo ist die „Gesetzlosigkeit“ jetzt schon am Werk?“221 An dieser Stelle ist festzuhalten, dass in dieser Arbeit keine umfassende Studie des „Katechon“ betrieben werden soll.222 Eine Möglichkeit wäre es, beim Katechon an Gott zu denken. Zwar ist aus biblisch-theologischer Sicht anzunehmen, dass Gott selbst den Verlauf der endzeitlichen Ereignisse in seiner Hand hält, dennoch kann er dazu menschliche und/oder satanische Kräfte benutzen, wie die Bibel zeigt.223 Auch in 2Thess zeigt sich Gott als Herr der Geschichte, indem er sowohl die Zeit des Katechon (2,7) als auch die Offenbarung des Gesetzlosen (2,6.8) limitiert. 2Thess 2,7 zeigt auf, dass der Katechon entfernt werden wird. Dies kann unmöglich auf Gott zutreffen. Insofern ist es plausibel, den „Katechon“ in der Welt selbst zu identifizieren. Dabei ist zu beachten, dass der Katechon trotz seiner aufhaltenden Kraft einen negativen Faktor darstellt, da das Gericht für 2Thess ein positives Hoffnungsgut verkörpert und die Gemeinde in einer Zeit der Bedrängnis lebt.224 Paulus oder andere positive Kräfte als aufhaltende Kraft scheiden daher aus. „Angesichts des apokalyptischen Sitzes im Leben in gesellschaftlich-politischer Bedrohung […] [ist] eine politische Deutung erwägenswert, die im „Widersacher das römische Imperium (den Kaiser, die Kultur), im „Aufhaltenden“ den politischen Widerstand dagegen 220 Gegen geschichtliche Deutung z.B.: Trilling, Thessalonicher, S. 94–102; Müller, Thessalonicher, S. 260; Donfried, Issues, S. 104. 221 Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 447. 222 Geschichte der Auslegung des „Katechon“ exemplarisch bei: Trilling, Thessalonicher, S. 94–105; Metzger, Katechon, S. 15–47; Bornemann, Thessalonicherbriefe, S. 400–459. 223 Vgl. z.B. Judas, dessen satanisches Handeln gewissermaßen zum Heil führt. Vgl. dazu Theobald, Widersacher, S. 188: „Dort, wo der Teufel mittels seiner „Agenten“ scheinbar seinen höchsten Triumph feiert – in der Vernichtung Jesu–, muss er tatsächlich die entscheidende Niederlage einstecken.“ 224 Vgl. Metzger, Katechon, S. 291. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 91 (z.B. Aufstände, Bürgerkriege) entdeckt.“225 Im Widersacher das Kaisertum zu sehen klingt nachvollziehbar, der politische Widerstand als Katechon dagegen weniger, da ὁ κατέχων (2,7) personalisiert wird und dieser „aus der Mitte genommen wird“.226 Weitaus wahrscheinlicher aufgrund der zugleich sächlichen und männlichen Bezeichnung der aufhaltenden Kraft und der logischen Entsprechung und Verbindung ist es, das Kaisertum allgemein und einen bestimmten Kaiser bzw. den Kaiser allgemein als „Katechon“ zu sehen.227 Das Imperium würde somit das Gericht Gottes verzögern, das der Gemeinde Aufatmen bescheren soll. Zwar wird die Obrigkeit in Röm 13,1–8 überwiegend positiv gedeutet, damit auch die damalige Herrschaft Neros.228 Die neronische Verfolgung um 64 n. Chr. hingegen wird dieses Bild zerstört haben. Katechon und Widersacher sind analog angelegt – beide werden allgemein und personalisiert benannt („Geheimnis der Gesetzlosigkeit/ Gesetzloser und „das Katechon/der Katechon“).229 Zudem wird die jeweilige Person vernichtet bzw. „aus der Mitte“ genommen werden. Dies kann darauf hinweisen, dass der Gesetzlose in gewisser Verbindung zum Katechon steht und dessen Züge aufweist.230 Es ist anzunehmen, dass der Autor des 2Thess davon ausgeht, dass die Gemeinde die Parusie des Herrn erleben wird. Die Bedrängnis der Gemeinde soll mit der Offenbarung Jesu beendet sein, sie soll zusam- 225 Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 447. 226 Zur Deutung dieser Stelle: Metzger, Katechon, S. 291f.: „Da das Ende des Imperiums und das Ende des jetzt herrschenden Kaisers nicht abzusehen sind, lässt die Formulierung offen, wie das Reich sein Ende finden wird. Die Wendung ἐκ μέσου γένηται lässt also bewusst verschiedene Verständnismöglichkeiten zu, da es sich um eine wirkliche Prophezeiung handeln dürfte.“; Vgl. zur Offenheit des Endes Dobschütz, Thessalonicherbriefe, S. 282: „über das Wie der Beseitigung sagt sie nichts aus“; Vgl. zur Prophezeiung auch Bornemann, Thessalonicherbriefe, S. 369: „Auf welche Weise dies gegenwärtige Hemmnis hinweggenommen wird, ob durch Tod und Gewaltsamkeit, ist aus dem Audruck ἐκ μέσου γίνσεθαι nicht zu schliessen.“; Vgl. zur Formulierung auch LXX Ez 14,8f. und 1Kor 5,2. 227 Vgl. Dobschütz, Thessalonicherbriefe, S. 280: „an die Stelle des Sächlichen tritt ein Persönliches; beide werden sich also zueinander verhalten wie Prinzip und dessen Träger, Gewalt und deren Repräsentant.“ 228 Zur Datierung vgl. Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 288: Röm entstand 56 n. Chr.; Herrschaft Neros von 54 bis 68 n. Chr. 229 Vgl. Dobschütz, Thessalonicherbriefe, S. 280. 230 Vgl. Metzger, Katechon, S. 287. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 92 men mit den „Verfassern“ Ruhe finden (1,7). Ein Hinweis, dass diese Ruhe in einer fernen Zukunft erreicht wird, findet sich nicht im Brief. In dieser Logik müsste zumindest die aufhaltende Kraft (2,6: τὸ κατέχον; 2,7: ὁ κατέχων) ein Phänomen der damaligen Zeit sein. „Gerade weil der ganze Textabschnitt II Thess 2,1–12 nicht auf Spekulation angelegt ist, sondern der Beruhigung der Gemeinde231 dienen soll, wäre es kontraproduktiv, den retardierenden Faktor unbestimmt zu lassen, da dieser die Stütze der Argumentation darstellt.“232 Beim „Widersacher“ (2,4) und Anti-Gott an ein Phänomen der damaligen Zeit zu denken, ist nicht zwingend, freilich durchaus denkbar. Zudem ist zu berücksichtigen, dass 2Thess apokalyptisch durchdrungen ist und deshalb auch hier gilt: „Mit der Fiktion der Vorzeitlichkeit hängt es zusammen, daß die Apokalyptiker häufig die Geschichte der Vergangenheit bis auf ihre Gegenwart in Form von Weissagungen darstellen. Immer folgt darauf eine Weissagung des Endes, auf der das Schwergewicht liegt. Denn die Gegenwart des wirklichen (nicht des fiktiven) Autors ist immer die letzte Zeit.“233 Das heißt nun nicht, dass der Tempel bereits besetzt oder der Widersacher gar vernichtet wäre. Beim „Katechon“ hingegen ist es gut denkbar, dass er in der Gegenwart der Leser auftritt – genau wie das Geheimnis der Gesetzlosigkeit schon am Werk ist (2Thess 2,7), welches er bislang noch aufhält. Eine entscheidende Frage ist, warum „Paulus“ den „Katechon“ nicht näher bezeichnet und nicht auflöst, wer oder was dahinter steht. Die Gemeinde weiß angeblich um die Antwort (2,6). Eine solch chiffrierte Sprechweise – übrigens auch beim „Widersacher“ – lässt kaum einen anderen Schluss zu, als sich vor einer anderen Macht schützen zu müssen, da man bei offener Ausdrucksweise verfolgt werden würde. „Nur wenn Rom das Katechon ist,234 wird verständlich, warum der Autor die entscheidende Stütze seines Arguments nicht offen benennt: Die kryptische Redeweise dient der Sicherheit der Gemeinde. […] Zu- 231 Hoppe, 2Thess, S. 307: „stabilisierende[r] Zuspruch an die Gemeinde.“; Ebd. S. 313: „Sicherheit vermitteln“; Ebd. S. 317: Heilvergewisserung, Stabilisierung. 232 Metzger, Katechon, S. 276. 233 Vielhauer, Philipp und Strecker, Georg, Apokalypsen und Verwandtes, Einleitung, in: Schneemelcher, Apokryphen, S. 495. 234 Katechon als Imperium Romanum bereits bei Tertullian, apologeticum 32 und Hippolyt, Daniel IV, 21. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 93 gleich fördert diese Redeform den Zusammenhalt der Gemeinde, da sie nur den Eingeweihten verständlich ist.“235 Die auf Rom bezogene Deutung ist also durchaus wahrscheinlich.236 Einen konkreten Kaiser benennt er dabei nicht. Eine Möglichkeit des Katechon wäre Kaiser Nero. Sein Vorgänger Claudius (Regierungszeit 41 bis 54 n. Chr.) machte sich durch sein Judenedikt im Jahr 49 n. Chr. einen unrühmlichen Namen. Unter Nero (Herrschaft von 54 bis 68 n. Chr.) wurden dann zu Beginn seiner Ägide vermutlich das claudische Edikt und weitere Anordnungen aufgehoben.237 Neros Mutter Agrippina vergiftete laut Cassius Dio seinen Vorgänger Claudius, dessen Frau sie war.238 Nero zeigt sich im Anschluss an seine eher die negativen Kräfte aufhaltenden Handlungen nach und nach als Feind, tötet seine Mutter Agrippina 59 n. Chr.239 und ließ Christen grausam sterben, um Ihnen die Schuld am Brand Roms zuschieben zu können240 – auch Paulus und Petrus erlitten gemäß christlicher Überlieferung unter ihm den Märtyrertod.241 Nero wäre als Katechon denkbar – ob real oder als Matrix von „Paulus“ intendiert – allerdings schwierig zu belegen. In Neros sich nach und nach entwickelnder Grausamkeit könnte man das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ (2Thess 2,7) schon am Werk sehen und die Worte, dass der „Katechon“ „aus der Mitte genommen wird“ (2,7) auf den Sturz Neros, seine Vertreibung und seinen Selbstmord 68 n. Chr. beziehen – sei es als echte Prophezeiung nach dem Tod des Paulus 64 n. Chr. oder als vaticinium ex eventu nach dem Tod des Nero 68 n. Chr. 235 Metzger, Katechon, S. 290. 236 Nicklas, Thessalonicherbrief, S. 150 hält in seinem aktuellen Kommentar die Deutung auf das Imperium Romanum nicht zuletzt wegen ihrer frühen Verbreitung für wahrscheinlich. 237 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 56; Sueton, Nero 33: „Viele seiner Verfügungen und Beschlüsse erklärte er für ungültig, so als habe sie jemand getroffen, der vollkommen irre gewesen sei.“ 238 Vgl. Cassius Dio 61, 34,2–4. 239 Vgl. Sueton, Nero 34. 240 Vgl. Tacitus, Ann. 15,38–44 und Cassius Dio 62, 16–18. 241 Seit einigen Jahrzehnten zeigt Forschung ein etwas positiveres Bild des Nero. Es wird erkannt, dass nach seinem Tod teilweise einseitige Darstellungen seines Lebens und Handelns entstanden, die auch spätantike und frühchristliche Autoren entsprechend beeinflusst haben Vgl. dazu exemplarisch Reuter, Nero, S. 12–21 und Schubert, Nero, S. 343–351. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 94 Das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ ist bereits wirksam, es wird aber solange aufgehalten, bis der Katechon „aus der Mitte“ genommen wird (2Thess 2,7). Eine Möglichkeit der Deutung wäre das Motiv des (durch Tod) aufgehaltenen bösen Herrschers. Dieses zeigt sich nach Antiochos Epiphanes (vgl. 2Makk 9) bereits im Tod des König Herodes, in der Absetzung und in der Verbannung den Tod findenden Herodes Antipas, im Straftod des Herodes Agrippa (vgl. Apg 12,23242), in Caligulas Tod243, in Claudius Ableben und dann eben in Neros Selbstmord.244 Vespasian scheidet in dieser Argumentation als „Katechon“ aus, da das Motiv des „aus der Mitte genommen Werdens“ (2Thess 2,7) viel eher auf die gewaltsamen Tode der vorherigen Kaiser oder den Tod eines dieser Kaiser passen würde. Auch als Widersacher ist er kaum denkbar. All diese Männer und ihr Schicksal sind Möglichkeiten des schon wirksamen Geheimnisses der Bosheit. Die Herrscher fanden den Tod, durch das römische System selbst, durch göttliche (Apg 12,23) oder menschliche Tötungseingriffe oder durch Selbstmord. Eine weitere Entwicklung der Bosheit wurde also immer verhindert. Erst wenn der „Katechon aus der Mitte genommen wird“, kann sich diese ganz entfalten. Ein göttliches Strafgericht oder ein normaler Tod scheiden als Deutung des Katechon aus – sie können im Gegensatz zu einem System nicht aus der Mitte genommen werden. Insofern ist einzig und allein an das römische Imperium zu denken. Dieses hält sich immer wieder in seiner eigenen Bosheit auf und ist zugleich, solange es herrscht, die aufhaltende Kraft der vollen Entfaltung des Bösen, des gesetzlosen Menschen. Der Widersacher zeigt sich dann in seiner satanischen Parusie, wenn das römische Imperium am Ende ist. Nach Erwartung des „Paulus“ sollte das nicht in allzu ferner Zukunft geschehen, schließlich erwartet er die Rettung der adressierten Gemeinde und aller Gläubigen, welche laut erst ihm nach Erscheinen des Bösen geschehen konnte. Möglicherweise hoffte er, dass der Tod des Nero bereits die Vollendung des göttlichen Planes einläutet. Die julisch-claudische Dynas- 242 Vgl. auch Josephus, Altertümer, S. 629f. 243 Vgl. ebd., S. 590–592 und Sueton, Caligula, 58. 244 Vgl. zudem die stattliche Anzahl an gewaltsamen Todesfällen in der engeren Familie des julisch-claudischen Kaiserhauses bei Aschauer, Nero, 278–285. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 95 tie von Augustus bis Nero würde dann verschwinden, „aus der Mitte genommen“ werden. Die Deutung des Katechon auf das Imperium Romanum scheint plausibel. Das Imperium in Gestalt von Petronius und später dann einigen Prätorianern hält Caligula auf, der sich als Gott sah und sein Standbild im Jerusalemer Tempel aufstellen wollte. Er gebärdete sich als ein Vorbild des Widersachers und ist wohl die Verdichtung aller Vorerfahrungen des Autors. Widersacher Folgender Ansatz aus dem 19. Jahrhundert scheint durchaus verfolgenswert: „Die kirchengeschichtliche Deutung des ἄνομος auf bestimmte Personen oder Grössen wie Muhammed, den Papst, Luther, Napoleon, die sogen. reichsgeschichtliche auf allgemeinen Atheismus ohne persönliche Spitze, die endgeschichtliche, die diesen Abfall, eventuell mit einem persönlichen Führer, etwa dem wiedererstehenden Antiochos Epiphanes […], erst am Ende der Welt erwartet, lassen wir bei Seite. Nur die zeitgeschichtliche Deutung hat wissenschaftliches Recht. Alle biblische Weissagung ist so gut wie die außerbiblische durch die Zeitumstände und deren Beurtheilung von Seiten der Autoren bestimmt […] Und II Th 2 6 f ist das Geheimnis der Gesetzwidrigkeit schon in Thätigkeit, und unlängst hat man das Hemmende kennen gelernt.“245 Zweifelsohne muss eine geschichtliche Erfahrung hinter den Aussagen des 2Thess zum Gesetzlosen stehen. Hier sind vergangene, noch bekannte oder auch aktuelle Erfahrungen denkbar. Eine 1:1- Identifizierung mit einer konkreten Person erscheint dabei unwahrscheinlich, da zu banal und dem satanischen Gepräge nicht genügend. Es ist eher an eine Figur zu denken, die Züge einer oder mehrerer bekannter Personen trägt. Die Figur des sich gegenüber Gott erhebenden und sich zu Gott machenden Widersachers (2Thess 2,4) ist mit einiger Sicherheit im sich „frevelnd überhöhenden Herrscher[…]“ in Ez 28,1– 10 vorgegeben.246 Ez 28 beschreibt den Tod des Herrschers durch Fremdeinwirkung – eine interessante Analogie zum gewaltsamen Tod 3.2.3.2 245 Schmiedel, Thessalonicher, S. 38f. 246 Vgl. Karrer, Thessalonicherbrief, S. 119; Dan 11,36f.; Ez 28,2; Jes 14,13 f. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 96 Caligulas, Claudius und Neros. Auch Dan 11,36f. LXX/Θ ist hier einschlägig. Antiochos IV. Epiphanes, der sich am Tempel in Jerusalem verging und sich über jeden Gott stellen wollte, klingt in 2Thess 2 nach.247 Weiter würden Dan 8,24f.,248 9,27,249 11,31 und 12,11 sowie LXX 2Makk 9,8–12 und die semantische Untersuchung von 2Thess 2,1–12 (s.o.) die Annahme einer Antiochos-Matrix unterstützen. Auch Kern sieht Antiochos als „Vorbild“ oder „Typus“ des Antichristen.250 Die Tempelschändung des Antiochus251 wurde dann von Caligula überboten, der Statuen seiner Selbst im Jerusalemer Tempel aufstellen wollte. Er erlebt 41 n. Chr. ohne Verwirklichung dieser Pläne einen gewaltsamen Tod. Gemäß Philon ist Caligulas Tod Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit.252 Betrachtet man eine zeitgenössische Quelle, Philons Legatio ad Gaium, so ergeben sich einige Parallelen zu 2Thess 2,3f. – Tabelle nach Karrer, Thessalonicherbrief, S. 122:253 Motive aus 2Thess 2,3f. Vgl. die Skizze Gaius Caligulas in Philon, leg. 3 Der Mensch der Gesetzlosigkeit (ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας κτλ.) Gaius war von seinen frühen Taten an ein Meister in gesetzlosem Tun (30: ἐν ἀνομίαις) 4 […] der sich erhebt über alles und jeden, der Gott oder Heiligtum heißt (ὑπεραιρόμενος ἐπὶ πάντα λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα) Er überhöhte sich über die Kulte (σεβασμοῖς) von Halbgöttern und Göttern (93). so dass er sich in den Tempel Gottes setzt (ὥστε αὐτὸν εἰς τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ καθίσαι) Er beabsichtigte, ein Bild seiner Person im Tempel254 Jerusalems aufstellen zu lassen (203) 247 2 Makk 6,2: Der zweite jüdische Tempel diente um 167 v. Chr. zeitweilig als Zeusheiligtum (Antiochos IV). 248 LXX Dan 8,24f. 249 LXX Dan 9,27: καὶ ἐπὶ τὸ ἱερὸν βδέλυγμα τῶν ἐρημώσεων ἔσται ἕως συντελείας, καὶ συντέλεια δοθήσεται ἐπὶ τὴν ἐρήμωσιν. 250 Kern, 2Thess, S. 155.157. 251 Vgl. auch Roh, Thessalonicherbrief, S. 40: „In der Folge dieser Plünderung [durch Antiochos IV Epiphanes 170 v. Chr.] wurde im Jahr 167 v. Chr. der Kult des Olympischen Zeus anstelle des Jahwekultes im Jerusalemer Tempel eingeführt und der jüdische Jahweglauben für Jerusalem und Judäa verboten, wobei im Tempel selbst, auf einem neu errichteten Altar, Schweine geschlachtet und geopfert wurden.“; Letzteres auch bei Josephus, Altertümer, 12.5.4. 252 Vgl. Philonis Alexandrini, Legatio, 107. 253 Griechische Zitate und Belegstellen an Philon, Legatio, Hg. Smallwood, E. Mary angepasst. 254 Bei Philon, Legatio ἱερόν, in den Parallelen bei Josephus, Bello II 184f. und ant. XVIII 261 ναός. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 97 und auf sich gerichtet zeigt, dass (er) Gott ist (ἀποδεικνύντα ἑαυτὸν ὅτι ἐστὶν θεός) Er, der doch Mensch war (ἄνθρωπος 118; 347; vgl. ἄνθρωπος 2Thess 2,3) suchte vom Himmel Besitz zu ergreifen (347) und beharrte darauf, „ich (Caligula) sei Gott“ (θεὸν…εἶναί με 353). Der „Einfluss der Caligula-Erinnerung auf die Skizze des 2Thess“255 ist nicht von der Hand zu weisen. „Freilich wandelt sich die Erinnerung zu mythischer Erwartung, und der apokalyptische Dualismus steigert sie“256. Nun ist denkbar, dass sich zu Antiochos und Caligula auch ein konkretes Pendant zum Zeitpunkt des Schreibens gesellt. Biblische Weissagungen sind oft „durch die Zeitumstände und deren Beurteilung von Seiten der Autoren bestimmt“.257 Hier ist zunächst an Nero zu denken. Nero als Vorbild des Widersachers? Der „Widersacher“ wird als satanisch bezeichnet (2,9). „[R]ömische Kaiser [wurden] in urchristlichen Texten mit Satan oder Beliar in Verbindung gebracht“258 – so z.B. in Offb 13 und Ascensio Iesaiae259, beide vermutlich nach 2Thess verfasst. Offb 13,2.12 (tödliche Wunde, die wieder heil ist) und Ascensio Iesaiae 4,2f.260 (Muttermörder und Mörder eines Apostels) weisen auf Nero bzw. Nero redivivus hin. Das 5. Buch der OrSib, auf den Nero redivivus gedeutet, legt Argumente für 255 Karrer, Thessalonicherbrief, S. 123. 256 Karrer, Thessalonicherbrief, S. 123; Ebd., S. 101: „Der Autor schildert den Widersacher Gottes unter Einfluss von (für ihn noch frischen) Erinnerungen an Caligula und steigert merklich die Christologie, indem er bekannte Gottesaussagen des 1Thess auf Christus überträgt.“ 257 Schmiedel, Thessalonicher, S. 38f. 258 Roh, Thessalonicherbrief, S. 101. 259 Vgl. Müller, C. Detlev G., Apokalypsen und Verwandtes, Die Himmelfahrt des Jesaja, in: Schneemelcher, Apokryphen, S. 548. 260 Ebd., S. 552: „Und nachdem es mit ihr zu Ende gekommen ist, wird Beliar, der große Fürst, der König dieser Welt, der sie beherrscht hat, seit sie besteht, herabkommen, und er wird aus seinem Firmament herabsteigen in der Gestalt eines Menschen, eines ungerechten Königs, eines Muttermörders, was eben dieser König ist, – 3. die Pflanzung, die die zwölf Apostel des Geliebten gepflanzt haben, wird er verfolgen, und von den Zwölfen wird einer in seine Hand gegeben werden.“ 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 98 ihn als Widersacher in die Waagschale. Er macht sich Gott gleich (V.28–34), dafür schickt ihm Gott einen König, der ihn töten soll, bevor Gottes Gericht über alle Menschen stattfinden wird (OrSib 5,93– 110). Dies alles weist auf die Sage des Nero redivivus hin, da die Texte kaum Nero zu seinen Lebzeiten meinen können. Gemäß H. Giesen stammen die OrSib V aus den Jahren 71–74 n. Chr.261 Andere Ausleger plädieren für die Entstehung des Buches zwischen 80 und 130 n.Chr.262 Kern datiert den 2Thess unter Bezug auf die Legende des Nero redivivus nach dem Sturz Neros und vor der Zerstörung des Tempels – also zwischen 68–70 n. Chr.263 Er sieht den wiedererwarteten Nero als Widersacher an und begründet dies mit einigen Argumenten, die aber nicht alle überzeugen können. So sind nicht alle genannten Quellen eindeutig zu interpretieren, zudem benötigt eine „Legende“ eine gewisse Zeit, sich aus bloßen „Gerüchten“ zu entwickeln. Somit wird die Datierung 68–70 n. Chr. basierend auf der Nero-Sage fraglich.264 Die Offenbarung des Johannes würde für Nero als Widersacher sprechen – vorausgesetzt das erste bzw. auch zweite Tier dort ist mit Nero redivivus gleichzusetzen. Ein Vergleich zeigt viele inhaltliche Übereinstimmungen zwischen 2Thess und Offb bezüglich des Widersachers/Antichristen – dabei ist keines der Schreiben eine Vorlage des anderen.265 Vespasian als Vorbild des Widersachers? Vespasian würde aufgrund der ihn und seinen Aufstieg begleitenden Evangelien, der von ihm mit verantworteten Zerstörung des Tempels und der mit ihm verbundenen Messiaserwartungen natürlich gut zu den Schilderungen des 2Thess passen.266 Vespasian aufgrund von 261 Vgl. Giesen, Offenbarung, S. 388. 262 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 121. 263 Vgl. Kern, 2Thess, S. 145–214. 264 Vgl. ebd.; Kritisch auch Müller, Offenbarung, S. 299: Es „ergibt sich, daß die Erwartung des Nero redivivus, der gestorben ist und aus der Unterwelt wieder auftaucht, in den zeitgenössischen Texten kaum oder nur ganz vereinzelt zu belegen ist.“ 265 Vgl. Schmiedel, Thessalonicher, S. 42. 266 Vgl. 3.2.3.3. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 99 Messiaserwartungen als „Widersacher“ zu identifizieren ist aber deshalb unwahrscheinlich, da der ἀντικείμενος sich als Gott ausgibt, nicht als Messias- oder Christusgestalt. „Widergott“ trifft die Intention des 2Thess besser als „Antichrist“.267 Zudem waren Vespasian die Divinisierungstendenzen der Römer fremd, ein weiterer Grund, ihn nicht als Vorbild heranzuziehen. Titus als Vorbild des Widersachers? Auch Titus, der Zerstörer des Tempels könnte dem Autor Inspiration gewesen sein. In diesem Fall würde die beruhigende Wirkung des 2Thess entfallen, da die Parusie unmittelbar bevorstehen muss. Für ihn würde die von Sueton beschrieben Annahme des Volkes sprechen, dass Titus ein zweiter Nero sei.268 Natürlich ist auch daran zu denken, dass der Autor lediglich apokalyptische Motive aufnimmt, um die eigene Eschatologie zu stützen. Hier ist z.B. an Dan 11,36ff. oder an die Synoptiker mit dem „Gräuel der Verwüstung“ (Mt 24,15; Mk 13,14) zu denken. Dies würde allerdings die Überzeugungskraft der Argumente abschwächen, so z.B. beim Jerusalemer Tempel (vgl. 3.2.1.2 und 4.5.4). Nachdem nun im Fall des Katechon deutlich wurde, dass in 2Thess 2 das Imperium Romanum angesprochen ist, sollen nun zwei Abschnitte folgen, die eine weitere mögliche Durchdringung des 2Thess hinsichtlich antirömischer Aussagen genauer untersuchen. Zunächst sollen die römischen Kaiser hinsichtlich ihres zumindest vom Volk zugeschriebenen Anspruches betrachtet werden, Göttern sehr ähnlich oder gar ein Gott zu sein. Kaiser und ihre gottgleiche Verehrung Die schon zuvor bestehende Verehrung von Herrschern als „Retter“ (σωτήρ) oder „Wohltäter“ (εὐεργέτης269) im griechischen Raum wurde seit dem 2. Jahrhundert vor Chr. auch im Herrschaftsbereich der Römer für Feldherren und Statthalter übernommen und ging schluss- 3.2.3.3 267 Metzger, Katechon, S. 1. 268 Vgl. Sueton, Titus 7. 269 Vgl. Lk 22,25. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 100 endlich zum Kult der Kaiser über.270 Dabei „kann [man] allgemein sagen, daß […] [die Kaiser] sich mit wenigen Ausnahmen (Caligula z.B.) als Menschen sahen und nicht für Götter hielten.“271 Augustus (geb. 63 v.Chr., 14 n. Chr. eines natürlichen Todes gestorben), Kaiser von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr.: „Augustus scheint sich, zumindest in der Anfangsphase seiner Herrschaft, wohl aus innenpolit. Gründen gegen seine Vergöttlichung durch die Römer zu Lebzeiten gewehrt und den Kult seiner Person durch die Griechen nur in modifizierter Form akzeptiert zu haben“.272 In Thessaloniki sei Augustus „zusammen mit seinem Adoptivvater Caesar durch religiöse Kulte verehrt […]“ und „noch zu Lebzeiten des Augustus [sei] ein Tempel gebaut und Münzen hergestellt […]“ worden.273 Zu Anfang der Regierungszeit des Augustes seien Münzen im Umlauf gewesen, die „auf der Vorderseite Iulius Caesar mit Lorbeerkranz und der Umschrift „Theos“, auf der Rückseite Octavian mit der Umschrift Thessalonikeon“ zeigten.274 An dieser Stelle ist zu bemerken, dass die im Corpus Paulinum auffälligen Präskripte in 1 und 2Thess hier Parallelen haben. Auffällig ist die bei Paulus einzigartige Bezeichnung der Adressaten als „Gemeinde der Thessalonicher“ (τῇ ἐκκλησίᾳ Θεσσαλονικέων ἐν θεῷ) und eben nicht wie zu erwarten „in Thessaloniki“. Die grammatikalischen Parallelen in Verbindung mit der Herausstellung Gottes und des Kyrios lassen an einen Bezug auf diese Münze, zumindest auf den römischen Anspruch an sich, denken. Allerdings ist diese Annahme nicht weiter zu belegen. Augustus war es auch, der die pax romana 270 Bendlin, Art. Herrscherkult, Sp. 1692f.: „Sowohl die Ehrung des einzelnen als »Retter« (Soter) oder »Wohltäter« (Euergetes) im Rahmen des Kultes für die trad. Götter als auch seine Verehrung als Gott durch die hell. Kleinstaaten finden ihre Fortsetzung im Kult für die röm. Feldherren und Statthalter seit dem frühen 2. Jh. v. Chr. Nach ihrer Intention sind hiervon zu scheiden die in der Nachfolge der kultischen Verehrung Alexanders d. gr. stehenden dynastischen Kulte für die Herrscher der hell. Diadochenreiche zu Lebzeiten und nach ihrem Tod, wobei die Divinisierung des jeweiligen Herrscherhauses als machtvoller symbolischer Faktor der Herrschaftslegitimation und -sicherung anzusehen ist. Von beiden Varianten führt die Linie zum Kult der Kaiser im griech. Osten des Röm. Reiches.“ 271 Klauck, Umwelt II, S. 171. 272 Bendlin, Art. Herrscherkult, Sp. 1693; Vgl. Sueton, Augustus 52 f. 273 Roh, Thessalonicherbrief, S. 28f. 274 Ebd.; Donfried, Issues, S. 89. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 101 brachte. „Denn seit der Beendigung der jahrelangen verheerenden Bürgerkriege […] wurde der Princeps (und später seine kaiserlichen Nachfolger) [wohl] als Bringer einer neuen Friedenszeit und eines neu aufblühenden Goldenen Zeitalters gefeiert“275. Die pax romana wird also seit der frühen Kaiserzeit propagiert und manifestiert sich auch in der Ara Pacis Augustae (9 v. Chr. geweiht), die „eine symbolische Sinndeutung der politischen Verhältnisse [liefere], indem sie die Friedenszeit des Augustus mit der im römischen Pantheon dafür zuständigen Göttin Pax verbinde[…].“276 Nicht alle Menschen im römischen Reich profitieren davon und „die pax romana [wurde] durch militärische Überlegenheit und Unterwerfung erreicht.“277 Lukas opponiert gegen den gefeierten Retter Augustus, indem er die wahre Rettung benennt278 und den echten Frieden bekundet.279 Auch andere ntl. Schriften kann man so verstehen, exemplarisch sei das Johannesevangelium benannt.280 Der Titel Augustus (Σεβαστός: Der Erhabene, Verehrungswürdige) wurde seit Kaiser Augustus allen Kaisern verliehen – im Jahr 29 v. Chr. wurde Augustus in die Nationalgötter Roms eingereiht, 31 n. Chr. wurde ihm die Bezeichnung „Sebastos“ zugeschrieben281 Weiter ist von ihm zu lesen: „Die Vorsehung […] hat in Fürsorge und Großmut unser Dasein mit dem höchsten Schmucke gekrönt, da sie Augustus […] uns sandte als Heiland […]. Die Epiphanie des Kaisers [Augustus] hat die Hoffnungen (und Gebete) der Vorzeit überschwenglich erfüllt. […] Für den Kosmos aber begann mit dem Geburtstag des Gottes (Augustus) die Reihe der Evangelienfeste, die ihm zu Ehren gefeiert werden.“282 Tiberius (Tiberius Iulius Caesar Augustus) war römischer Kaiser von 14 bis 37 n. Chr.: Er wurde von Augustus adoptiert, ließ sich unter an- 275 Schreiber, 1Thessalonicher, S. 273. 276 Ebd. 277 Ebd. 278 Vgl. Lk 1,47.69.77; 2,11.30; 3,6; Vgl. auch Apg 4,12; 5,31; 13,23.26.47; 16,17; 28,28. 279 Vgl. Lk 1,79; 2,14.29; 7,50; 8,48; 10,5f.; 19,38.42; 24,36; Apg 10,36. 280 Vgl. z.B. Joh 4,42; 14,27. 281 Vgl. Stauffer, Rom, S. 27. 282 Ebd., S. 31 – Übersetzung von OGIS Nr. 458; Vgl. auch Josephus, Bello 4, 10, 6. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 102 derem als Zeus darstellen und wurde auch auf dem Götterthron gezeigt, den „traditionellen Lituus, das sakrale Majestätssymbol und Wahrzeichen des Sacrum Imperium“ in der Hand habend, welches „eine Beleidigung des jüdischen Monotheismus“ darstellt.283 Caligula, auch bekannt als Gaius Caesar Augustus Germanicus, (geboren 12 n. Chr., gestorben 41 n. Chr.), von 37 bis 41 n. Chr. Kaiser, sah sich vermutlich als Gott,284 zudem wollte er der Überlieferung nach 40 n. Chr. als Vergeltungsmaßnahme für die jüdische Zerstörung eines von der griechischen Minderheit errichteten Altars in der judäischen Stadt Jamnia eine sehr große Statue seiner selbst als Zeus285 im Jerusalemer Tempel aufstellen,286 stirbt jedoch ohne Verwirklichung dieser Pläne, da etliche Männer unter der Führung des Tribuns Cassius Chaerea ihn zuvor töteten.287 Caligula war gemäß Josephus ein Mann einer „wahnsinnigen Grausamkeit“ gegen Juden und jedermann und zeigte willkürliche Züge.288 Er wollte sich gar bereits zu Lebzeiten als Gott verehren lassen.289 Caligula könnte also eine Art Matrix für den „Widersacher“ aus 2Thess sein, der sich „in den Tempel setzt“ und ein „Mensch der Gesetzlosigkeit“ ist. Claudius (geb. 10 v. Chr., † 54 n. Chr.), auch Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus genannt, regierte von 41 bis 54 n. Chr. Bekannt ist er auch aufgrund seines Judenediktes im Jahr 49 n. Chr., welches die Vertreibung der Juden aus Rom zur Folge hatte.290 Claudius förderte die Mysterien von Eleusis (s.u.).291 Er hatte vermutlich eine Neigung zur Selbstapotheose.292 Es ist anzunehmen, dass Claudius einen ge- 283 Vgl. Stauffer, Rom, S. 35. 284 Vgl. Josephus, Altertümer, S. 574f. und Philonis Alexandrini, Legatio, 353. 285 Vgl. Philonis Alexandrini, Legatio, 346. 286 Vgl. u.a. Philonis Alexandrini, Legatio, 203; Josephus, Bello 2,10. 287 Josephus, Altertümer, S. 590–592. 288 Vgl. ebd., S. 574ff. 289 Vgl. Sueton, Caligula, 22,2f. 290 Vgl. Sueton, Claudius 25,4: „Iudaeos impulsore Chresto assidue tumultuantis Roma expulit.“ 291 Vgl. ebd., 25,5: „contra sacra Eleusinia etiam transferre ex Attica Rornarn conatus est“. 292 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 48. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 103 waltsamen Tod fand und vergiftet wurde,293 woran Josephus aber gewisse Zweifel anmeldet.294 Nero, auch bekannt als Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, geb. 37 n. Chr., gestorben 68 n. Chr., war von 54 bis 68 n. Chr. Kaiser. Er wurde wahrscheinlich mit traditionellen Gottheiten auf eine Stufe gestellt,295 auf Münzen als Gott bezeichnet und Heiland, Segnender und „Lord of the whole cosmos“ genannt.296 Dabei ging er nach Eusebius „gegen die Verehrung des Gottes des Alls“, gegen die „fromme[…] Verehrung Gottes“ vor.297 Nero wurde „für die Welt erhofft“ und „gutes göttliches Wesen der Welt und Anfang alles Guten“298 gefeiert. Hier wäre denkbar, dass 2Thess 2,16 mit der „guten Hoffnung“ diesen Anspruch überbieten will. „Die Beschreibung des „Menschen der Bosheit“ in 2,1–11 ist nach Meinung mancher Forscher vom Nero redivivus-Mythos beeinflusst, einer „urbanen Legende“, die in der Zeit nach dem Tode Kaiser Neros im Jahr 68 n. Chr. weit verbreitet war.299 Nero brachte sich selbst um und kam damit einer drohenden Tötung nach seiner Entmachtung zuvor.300 Gemäß dem 1. Clemensbrief wurden Petrus und Paulus getötet und weitere Christen erlitten Verfolgung und Tod.301 Die christliche Tradition der ersten Jahrhunderte nimmt an, dass beide Apostel während der Verfolgung der Christen durch Nero 64 n. Chr. gewaltsam umkamen.302 293 Vgl. Tacitus, Annalen, XII, 66f. Tacitus lebte von ca. 58 bis 120 n. Chr.; Sueton, Claudius, 44,2. 294 Vgl. Josephus, Altertümer, S. 659. 295 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 64. 296 Tajra, Martyrdom, S. 9. 297 Eusebius, Kirchengeschichte, S. 145f. 298 Vgl. The Oxyrhynchus Papyri (POxy) 7, 1021: ὁ δὲ τῆς οἰκουμένης καὶ προσδοκηθεὶς καὶ ἐλπισθεὶς / Αὐτοκράτωρ ἀποδέδεικται, ἀγαθὸς δαίμων δὲ τῆς οὐκου ̣μένης [ἀρ]χ ̣ὴ̣ ὤν τ ̣ε πάντων ἀγαθῶν Νέρων Καῖσαρ. Deutsche Übersetzung in eigenen Worten. 299 Vgl. Carson, Einleitung, S. 650; Sueton, Nero 40,2; Tacitus, Historien II,8. 300 Vgl. Sueton, Nero 48–50. 301 Vgl. 1Clem 5. 302 Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte, S. 146; Acta Pauli, Übersetzungen, S. 123. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 104 Vierkaiserjahr 69 n. Chr.: In diesem Jahr erhoben Galba, seit 68 Nachfolger Neros, Otho, Vitellius und Vespasian Anspruch auf den Kaisertitel. Vespasian setzte sich schließlich durch. Vespasian, geboren 9 n. Chr., gestorben 79 n. Chr., war von 69 bis 79 n. Chr. Kaiser. Er war der erste Kaiser der flavischen Dynastie, die 69 bis 96 drei römische Kaiser stellte – neben Vespasian Titus und Domitian. Sueton und Tacitus erzählen von einigen Zeichen für den Aufstieg Vespasians.303 Auch von wundersamen Heilungen eines Blinden und eines Lahmen, die Vespasian selbst vollbracht haben soll, berichten diese.304 Dabei sind Parallelen zu den Heilungsgeschichten Jesu zu beobachten. Flavius Josephus, später eng mit den Flaviern verbunden, weissagte Vespasian sein künftiges Kaisersein.305 Es ist interessant, dass es vermutlich „schon während des Jüdischen Krieges Umdeutungen der jüdischen Messiaserwartung auf Vespasian“306 gab: „Was sie aber am meisten zum Krieg aufstachelte, war eine zweideutige Weissagung, die sich ebenfalls in den heiligen Schriften fand, dass in jener Zeit einer aus ihrem Land über die bewohnte Erde herrschen werde. Dies bezogen sie auf einen aus ihrem Volk, und viele Weise täuschten sich in ihrem Urteil. Der Gottesspruch zeigt vielmehr die Herrscherwürde des Vespasian an, der in Judäa zum Kaiser ausgerufen wurde.“307 Gesetzt den Fall, dass der 2Thess nach dem Tod des Paulus verfasst wurde, könnte eine entsprechende Messiaserwartung und Kaiserpropaganda die Gläubigen verwirrt haben, schließlich war die Parusie noch nicht geschehen. Zudem ist Paulus tot, dessen Verkündigung – so kann man sie verstehen – eine mit seiner Person verbundene Naherwartung beinhaltete (1Thess 4,15ff.; 5,1–11). Im Gegensatz zu seinen Vorgängern nach Augustus (Caligula, Claudius, Nero) starb Vespasian eines natürlichen Todes.308 Es ist denkbar, dass sich das Motiv des „aus der Mitte genommen Werdens“ des „Katechons“ (2Thess 2,7) auf die gewaltsamen Tode der Kaiser 303 Vgl. Sueton, Vespasian 5,1–7 und Tacitus, Historien, 4,82. 304 Vgl. Sueton, Vespasian 7; Tacitus, Historien, 4,81f. 305 Vgl. Josephus, Bello 3,8,9; Sueton, Vespasian, 5,6. 306 Roh, Thessalonicherbrief, S. 124. 307 Josephus, Bello 6,5,4 (S. 55). 308 Vgl. Sueton, Vespasian 24. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 105 oder den Tod eines dieser Kaiser bezieht. Vespasian als „Katechon“ schiede dann aber aus. Vespasian schien zudem ein bodenständiger Mann zu sein, der sich anders als seine Vorgänger eher lustig machte über Vergöttlichungen seines Kaisertums.309 Domitian, Kaiser von 81–96 n. Chr., forderte vermehrt religiöse Loyalität (Kaiserkult), was zur endgültigen Isolierung der Christen vom Judentum und damit zur Feststellung ihrer Illegalität führte. Er wurde 96 n. Chr. ermordet. Ergebnis Der gottgleiche Anspruch der Kaiser zeigt sich also in vielfältiger Weise. Im Fall des Augustus, Kaiser von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr., offenbart sich dies in Thessaloniki durch religiöse Kulte, Tempelbau und Münzen. In den Präskripten der beiden Briefe an die Thessalonicher findet sich die grammatikalisch von anderen Paulusbriefen abhebende und mit einer Münzaufschrift korrespondierende Anrede τῇ ἐκκλησίᾳ Θεσσαλονικέων. Ein Bezug auf diese Münzen, zumindest den für christliche Ohren ungeheuren römischen Gottheitsanspruch, ist zumindest denkbar. Die Bezeichnung des Oktavian auf Münzen um das Jahr 40 n. Chr. als „Sohn Gottes“ unterstreichen den Anspruch der Römer310 (Vgl. 2Thess 2,3: ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας). Augustus beförderte ferner die pax romana und wurde als Friedensbringer gefeiert. Beides stand in Verbindung mit der römischen Göttin Pax. (s.u.) Der Titel Augustus (Σεβαστός) wurde seit Kaiser Augustus allen Kaisern verliehen. Bei Σεβαστός lässt sich an 2Thess 2,4 denken: λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα. Allerdings wird nicht ausgesagt, dass der „Widersacher“ sich mit dem Σεβαστός-Titel schmückt. Vielmehr erhebt er sich gerade gegen alles „was angebetet wird“. 309 Sueton, Vespasian 23. 310 Hier ist zu beachten, dass die Einwohner der Provinzen die Kaiser überwiegend mehr vergöttlichten, als diese es wünschten oder forderten, mit Ausnahme von Caligula, der eine gottgleiche Verehrung seiner Person bestärkte, Divinisierungen aber kaum zugesprochen bekam. Vgl. zu den verschiedenen Kaisern Klauck, Umwelt II, S. 49–60. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 106 Augustus wurde überdies als Heiland bezeichnet, sein Kommen als Epiphanie. Mit den Epiphaniefesten wurde der Begriff Evangelium verbunden. Tiberius, Kaiser von 14 bis 37 n. Chr. ließ sich als Gott darstellen, auch Caligula, von 37 bis 41 n. Chr. Kaiser, sah sich als Gott. Er wollte er 40 n. Chr. eine Statue seiner selbst als Zeus im Jerusalemer Tempel aufstellen. Claudius, regierte von 41 bis 54 n. Chr., förderte die Mysterien von Eleusis (s.u.) und hatte vermutlich eine Neigung zur Selbstapotheose. Nero war von 54 bis 68 n. Chr. Kaiser und wurde u.a. als Gott und Heiland bezeichnet und ging gegen andere Verehrungen von Göttern vor. Er wurde als „die Erwartung und Hoffnung der Welt“ gefeiert (vgl. „gute Hoffnung“ in 2Thess 2,16) und veranlasste eine grausame Christenverfolgung nach dem Brand Roms. Mit dem Aufstieg Vespasians, von 69 bis 79 n. Chr. Kaiser, verbinden sich Zeichenund Wundergeschichten, die stark an das Handeln Jesu erinnern. Mit seinem Antritt verbanden sich Messias-Erwartungen. Die Kaiser wurden also im Erfahrungshorizont der Gemeinde und des „Paulus“ gottgleich verehrt und traten entsprechend auf. Statuen, Tempel, Münzen, Feste, Inschriften und Feiertage – die Gemeinden im römischen Reich waren tagtäglich umgeben von römischem Kult und quasi-religiösem Ausdruck römischer Macht. Zudem gibt es einige Hinweise, die dafür sprechen, dass der 2Thess den unerhörten Anspruch der Kaiser an sich aufgreift. Diesen Hinweisen soll nun nachgegangen werden. Antirömische Spitzen Nachfolgend soll erörtert werden, welche möglichen antirömischen Spitzen sich im 2Thess, aber auch im Prätext 1Thess verbergen könnten. Der Titel κύριος tritt 22mal im relativ kompakten 2Thess auf (1Thess 24mal). „The people in the eastern Mediterranean used the term to refer to the Roman emperors from Augustus on.“311 Auffällig ist hier auch βασιλεία. 2Thess 1,5 spricht im Kontext von Verfolgungen vom „Reich Gottes“. 1Thess 2,12 erwähnt den Begriff des 3.2.3.4 311 Donfried, Issues, S. 88. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 107 Reiches/der Königsherrschaft ebenso. Apg 17,7 zeigt passend dazu beispielhaft die widerstreitenden Konzepte der Christen und Römer auf. Die Begriffe παρουσία und ἐπιφάνεια, in 2Thess 2,8 gar in einer Wortverbindung erwähnt (2Thess 2,8), greifen Vokabeln der römischen Politik auf.312 Der sich satanisch gebärdende „Gesetzlose“ wird durch den Kyrios Jesus und dessen Parusie und Epiphanie zerstört. 1Thess 4,15.17 benutzt Parusie und den politisch aufgeladenen Terminus ἀπάντησις.313 παρουσία ist kein alttestamentlich-jüdischer, „sondern ein profaner, hellenistischer Begriff aus dem politischen Bereich“314, den Paulus für das Kommen des Herrn benutzt.315 (Vgl. diese Bearbeitung) Im Zusammenhang mit der Parusie des Herrn verwendet 2Thess 1,10 θαυμάζω, was neben dem sichtbaren Aspekt der Parusie auf den Kaiser abzielen wird,316 zumal in Kombination mit ἐνδοξάζομαι. 1Thess 5,3 kündigt gar Verderben für die Menschen an, die den römischen Versprechungen von „Friede und Sicherheit“ folgen (εἰρήνη καὶ ἀσφάλεια). Der Begriff εἰρήνη taucht in bemerkenswerter Weise zweimal in 2Thess 3,16 auf. Die seit Augustus propagierte pax romana wird entsprechend kommentiert und negativ bewertet. Auch εὐαγγέλιον ist im römischen Sprachgebrauch, wenn auch im Plural, geläufig317 und kommt sechsmal in 1Thess (1,5; 2,2.4.8.9; 3,2) und zweimal in 2Thess vor (1,8; 2,14). Das Evangelium des Paulus, „mit dem [..] [er] die römischen Provinzhauptstädte und Kolonien (Philippi, Thessalonich, Korinth, Ephesus) und dann Rom selbst „evangelisiert“, und das „nicht von der Mannbarkeit oder der Genesung des Kaisers, sondern von Tod und Auferweckung Jesu von Nazaret [handelt]“, „muss gerade in den ersten Regierungsjahren Neros […], in denen der Gedanke des Goldenen Zeitalters, das – ohne Schwert und Blut – Friede und Wohlfahrt für die Menschen bringt, lebhaft propagiert wird […], wie eine Antibotschaft gewirkt haben.“318 312 Vgl. Donfried, Issues, S. 87.103; Harrison, Imperial Authorities, S. 56–59. 313 Vgl. Cicero, Ad Atticum 8.16.2; 16.11.6; Harrison, Imperial Authorities, S. 59f.; Roh, Thessalonicherbrief, S. 52; Peterson, Art. ἀπάντησις, Sp. 380. 314 Roh, Thessalonicherbrief, S. 51. 315 Vgl. ebd., S. 51. 316 Vgl. P.Lond. 6 (datiert auf 41 n. Chr.); Offb 13,3. 317 Donfried, Issues, S. 89: „a term current in the empire“. 318 Ebner, Stadt, S. 159. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 108 Die Worte δόξα und δοξάζω treten oftmals in beiden Briefen auf (1Thess 2,6.12.20; 2Thess 1,9; 2,14; 3,1) und können als Gegenprogramm zur Doxa der Kaiser gesehen werden. Eine lediglich andeutende oder vorsichtige Wortwahl zum römischen Herrschaftsgebaren ist durchgängig im NT zu beobachten.319 Dies geschieht sicher, um Repressalien zu vermeiden. Hier wäre exemplarisch das Markusevangelium zu nennen, welches „[d]en ‚Evangelien‘ vom Herrschaftsantritt der Flavier […]320 […] [den] ‚Anfang des Evangeliums von Jesus Christus‘ (Mk 1,1) entgegengestellt.“321 Auch die Offenbarung des Johannes kritisiert den römischen Staatsapparat und setzt ihn mit einem satanisch gelenkten Tier gleich.322 Interessant ist zudem folgende Beobachtung: „Wird gemäß römischer Tradition jede große Eroberung durch einen Triumphzug demonstriert, so vergleicht Paulus seine Missionsanstrengungen in 2Kor 2,14323 mit einem großen Triumphzug. In diesem ist jedoch nicht er, sondern Christus der Triumphator, der ihn, Paulus, mitführt. Paulus verbreitet nur den guten Duft, ist also der Weihrauch [2Kor 2,14], der im römischen Hofzeremoniell dem Kaiser vorangetragen wird.“324 Im apokryphen 1. Clemensbrief findet sich ebenfalls verdeckte Kritik an den römischen Herrschern (1. Clem 5.6). Der Kaiseranspruch und die antirömischen Spitzen passen gut zum (un-)freiwilligen Verhalten der Bürger Thessalonikis, die den Rö- 319 Vgl. beispielhafte Darstellung bei Ebner, Stadt, S. 159–161; zum Corpus Paulinum vgl. z.B. Barclay, Empire, S. 368ff, der allerdings den Bezug zu Rom kritisch sieht. 320 Vgl. Josephus, Bello 4, 10, 6; Vgl. ebd. 4,11.1. 321 Ebner, Anfängen S. 56; Vgl. Hoppe, Art. Herrscherkult, Sp. 40: „Texte wie Lk 2,8– 14 od. Mt 2,1–12 [jeweils Geburtsgeschichten] lassen sich herrscherkritisch lesen, wobei der letztgenannte deutlich die hellenistisch-oriental., v. röm. Kaisern wie Caligula od. Nero rezipierte Herrscherverehrung kontrastiert. Der gezielt gewählte Begriff εὐεργέτης Lk 22,25 ist ebenfalls eine unverhohlene Anspielung auf die Selbstansprüche der Ptolomäerfürsten“; ähnlich lässt sich das Motiv der Proskynese in Mt 4,9f. u. Lk 4,7f. [beide Male Versuchung Jesu durch den Teufel] als Antwort auf die Politik Caligulas …u. das Ende des Herodes Agrippa in Apg 12,20–23 als eine Kritik am H. verstehen“. 322 Vgl. Ebner, Anfängen, S. 56. 323 2Kor 2,14 (Übersetzung Hermann Menge): „Gott aber sei gedankt, der uns in Christus (= im Dienste Christi) allezeit (wie) in einem Triumphzug mit sich einherführt und den Wohlgeruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten offenbart (d.h. wahrnehmbar aufsteigen läßt)!“ 324 Ebner, Einheit, S. 36. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 109 mern gesteigerte Loyalität erwiesen,325 ein Verhalten das aber auch Philippi und andere Städte betraf.326 Es ist festzuhalten, dass im Rahmen der Pseudepigraphie auch die Adressatenangabe eine Fiktion darstellt, ein konkreter Bezug auf die Thessalonicher daher mit Unsicherheiten behaftet ist. Ergebnis Hervorzuheben ist folglich der Titel κύριος, der auch für römische Herrscher benutzt wurde, auch βασιλεία ist einschlägig. Die Begriffe παρουσία und ἐπιφάνεια greifen Vokabeln der römischen Politik auf, ebenso ἀπάντησις (1Thess).327 Das römische Versprechen der pax romana wird durch die auffällige Verwendung des Begriffes „Frieden“ konterkariert. Auch εὐαγγέλιον und δόξα/δοξάζω treten oftmals in beiden Briefen auf und können als Gegenprogramm zu den Kaisern gesehen werden. Aus der Summe der Beobachtungen kann man rückschließen, dass 2Thess gegen den römischen Machtanspruch anschreibt. Die Parole aus 2,2 besagt einen bereits da seienden Tag des Herrn, der einigen Gläubigen die von Paulus intendierte Wachsamkeit und Distanz zur Gesellschaft und deren Heilsoptionen abgehen lässt. „Paulus“ schärft den Adressaten durch seine im Text mitschwingenden Spitzen gegen die herrschende Elite den wahren Status ihres Herrn ein, welcher über allem steht. Wachsamkeit und Distanz sollen aufrechterhalten werden, auch gegen Widerstände, Nachteile und Bedrängnisse. Hier könnte man fragen, warum dies nicht eindeutiger geschieht. Eine lediglich andeutende oder vorsichtige Wortwahl zum römischen Herrschaftsgebaren ist durchgängig im NT zu beobachten (z.B. 2Kor; Mk; Offb). Dies geschieht, um Repressalien zu vermeiden. In beiden Briefen an die Thessalonicher treten also Begriffe auf, die gebündelt betrachtet einen Bezug zu der aus christlicher Sicht problematischen Darstellung der Kaiser ergeben. Für diese Arbeit ist vor allem die Tatsache bedeutsam, dass auch der 1. Brief an die Thessalonicher, der Prätext des 2Thess, Formulierungen und Worte benutzt, die eine klare Distanz zu römischen Ansprüchen aufbauen. 325 Vgl. Harrison, Imperial Authorities, S. 327; Donfried, Issues, S. 95f. 326 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 113–116. 327 Vgl. Peterson, Art. ἀπάντησις, Sp. 380. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 110 Paulustexte unter politischen Aspekten, explizit und ausschließlich auf das Imperium Romanum bezogen, zu lesen, findet Kritik durch John M.G. Barclay.328 So will er beispielsweise das Argument der vorsichtigen Formulierung der paulinischen Kritik an Rom dadurch entkräften, indem er schlicht die anzunehmenden Gefahren einer offenen Schreibweise negiert, bagatellisiert oder postuliert, dass, wenn von Rom gesprochen wurde, dies auch in nachvollziehbaren „Symbolen“ wie „Babylon“ für Rom in Offb geschah.329 Gerade die Offb nutzt dann mit der Zahl 666 allerdings einen Code für den Kaiser, wie allgemein angenommen wird.330 Zudem gibt es Hinweise, dass Eide der Loyalität gegenüber dem Kaiser geschworen werden mussten und dies von den lokalen Obrigkeiten auch beachtet wurde.331 Apg 17,7 erwähnt explizit „Anordnungen des Kaisers“, die verboten zu behaupten, „ein anderer sei König“. Den Stadtpräfekten in Thessaloniki jedenfalls wurden Verstöße gemeldet, so das 17. Kapitel der Apostelgeschichte. Barclay ist sicher beizupflichten, wenn er darauf hinweist, dass in erster Linie der geschriebene Text gälte und keine Annahmen zwischen den Zeilen, zudem Paulus nicht die römischen Herrscher ins Zentrum stellen wolle und auch positiv über Rom schreiben könne.332 Die Vielzahl an möglicherweise auf Rom bezogenen politischen Termini in den Paulusbriefen, explizit auch in der Thessalonicher-Korrespondenz und dort in 2Thess 2,1–12 vermutlich auf die herrschende Klasse gemünzten Aussagen, lassen die Annahme als statthaft erscheinen, dass antirömische Spitzen in 2Thess zumindest mitschwingen. Generell ist der frühjüdisch-apokalyptische Hintergrund in 2Thess, so zeigt es diese Studie, deutlich präsent. Dieser verbindet sich gerade in 2Thess 2,1–12 mit Kritik am Imperium Romanum und setzt dieses in einen eschatologischen und satanischen Kontext. 328 Vgl. Barclay, Empire, S. 363–387. Dort ist ausführlich Literatur vornehmlich aus dem angelsächsischen Raum zu finden, darunter eine große Zahl von Vertretern gerade einer politischen und antirömischen Kolorierung vieler Paulusbriefe, beispielhaft sei N.T. Wright genannt (vgl. Barclay, Empire, S. 368). 329 Vgl. ebd., S. 380–383. 330 Vgl. z.B. Giesen, Offenbarung, S. 316–318. 331 Vgl. Donfried, Cults, S. 343. 332 Vgl. Barclay, Empire, S. 383.385f. 3.2 Eschatologisches Hauptstück (2Thess 2,1–12) 111 „Zweite Danksagung“ 2Thess 2,13f.: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 13 a Ἡμεῖς δὲ ὀφείλομεν εὐχαριστεῖν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ ὑμῶν, b ἀδελφοὶ ἠγαπημένοι ὑπὸ κυρίου, c ὅτι εἵλατο ὑμᾶς ὁ θεὸς ἀπαρχὴν εἰς σωτηρίαν ἐν ἁγιασμῷ πνεύματος καὶ πίστει ἀληθείας, 14 a εἰς ὃ [καὶ] ἐκάλεσεν ὑμᾶς διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἡμῶν εἰς περιποίησιν δόξης τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ. 13 a Wir aber sind es Gott schuldig, immer für Euch zu danken, b von Gott geliebte Brüder, c dass Euch erwählt hat Gott als Erstlingsgabe zur Rettung in der Heiligung durch den Geist und im Glauben der Wahrheit, 14 a wozu er Euch auch berufen hat durch unser Evangelium zur Gewinnung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus. Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegt eine Satzreihe vor, die im Folgenden beschrieben wird. 2Thess 2,13.14 Die Satzreihe besteht aus drei Teilsätzen. Diese werden durch die Konjunktionen ὅτι (13c) und καὶ (13c.14a) verbunden. Das gemeinsame Substantiv θεός (13a.c) schafft eine weitere Verbindung. V13c, die Erwählung als Erstlingsfrucht, stellt den Höhepunkt dar. Stilistische Analyse 2Thess 2,13.14 Der Wortschatz ist variabel mit sehr wenigen Wiederholungen. Unter den fünf Verben findet sich ein Partizip. Paulus bevorzugt finite Verben. Ἡμεῖς δὲ (V.13a) ist auffällig an den Anfang gestellt. Als Stilmerk- 3.3 3.3.1 3.3.1.1 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 112 male liegen eine Metapher/Personifikation (2,13: ἀπαρχή) und ein synonymer parallelismus membrorum vor: 2,13c.14a Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 2,13: πίστει ἀληθείας Beschreibung der inneren Struktur 2Thess 2,13f. Vor der zweiten Danksagung, die an das Vokabular der ersten Danksagung (1,3f.) anknüpft, erfolgt das „Eschatologische Hauptstück“ (2,3– 12), zugleich Beginn des ersten Hauptteils des Briefes. Die ἀδελφοὶ ἠγαπημένοι ὑπὸ κυρίου dienen als Gliederungssignal. ἀδελφός stellt ein solches in 2Thess dar (1,3; 2,1.13.15; 3,1.6.13), so auch nach der zweiten Danksagung in 2,15: Ἄρα οὖν, ἀδελφοί αἱρέω (13c) und καλέω (14a), sowie das Substantiv κύριος (13b; 14a) bedingen die Verbindung der Verse 13 und 14. Semantische Analyse 2Thess 2,13.14 Das auffällig gesetzte „Wir aber“ in V.13 setzt die Adressaten zusammen mit „Paulus“ und seinen Gefährten von den Gott fern stehenden in 2Thess 2,10–12 ab. Der Dank für die Adressaten nimmt diese „in die durch die Abgrenzung entstehende spezifische Gemeinschaft mit Gott hinein“333 Als Synonyme treten αἱρέω (V.13c) und καλέω (V.14a) auf. V.14 verdeutlicht so die Erwählung als „Erstlingsgabe“ in V.13. Röm 16,5 erwähnt Epänetus, der als „Erstlingsgabe“ der Provinz Asien beschrieben wird. 1Kor 16,15 nennt wiederum das Haus der Stephanas, welches „Erstlingsgabe“ in der Provinz Achaia ist, folglich zuerst bekehrt wurde. Ist also im Corpus Paulinum eine Person oder Gruppe „Erstlingsgabe“, so steht dies im Zusammenhang mit einer Ortsangabe und dem Auxiliarverb εἰμί. 2Thess benutzt jedoch keine 3.3.1.2 333 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 198. 3.3 „Zweite Danksagung“ 113 Ortsangabe und das Verb καλέω.334 Der Erwählungszusammenhang, der alttestamentliche Konnex des Gott zustehenden ersten und besten Teils einer Ernte oder einer Herde335 und „[d]ie Anwendung des aus der paulinischen Tradition bekannten Begriffs auf die Adressaten in 2 Thess macht ihre besondere Bedeutung vor Gott deutlich.“336 Zudem liegt es nahe, dass die Adressaten noch zur ersten Generation von Christen gehören, die von Paulus missioniert wurden. Diese werden nun von „Paulus“ angeschrieben und an die Ursprünge, an das Erbe des Apostels erinnert. Die Deutung, die Adressaten als Erstbekehrte aller Christen im paulinischem Missionsgebiet zu sehen, ist eher unplausibel, da gemäß Apg 16,11–40 Philippi die erste Gemeinde war, die Paulus gründete, gefolgt von Thessaloniki, Korinth und Ephesus (vgl. Apg 17–19). Philippi als erste durch Paulus gegründete Gemeinde wird durch Phil 4,15 wahrscheinlicher. Das Wortfeld αἱρέω (V13c)/καλέω (V.14a), σωτηρία (V.13c), εἰς περιποίησιν (V.14a), sowie τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ (V.14a) ist in 1Thess 5,9 zu finden: ὅτι οὐκ ἔθετο ἡμᾶς ὁ θεὸς εἰς ὀργὴν ἀλλ᾿ εἰς περιποίησιν σωτηρίας διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ. Im dortigen Kontext wird deutlich, dass sich die Gläubigen von ihrer Umwelt distanzieren sollen, um gerettet zu werden. Der „Glaube an die Wahrheit“ (13c) erweist sich in der Annahme des Evangeliums des „Paulus“ und seiner Mitstreiter (14a), welches dazu beruft, die „Herrlichkeit“ des Herrn zu gewinnen (14a). Dies insinuiert „an jenem Tag“ zu den Aufatmenden zu gehören, sich bei ihm zu versammeln (1,7.10; 2,1). Die „Heiligung durch den Geist“ bedeutet Abgrenzung von der gottlosen Gesellschaft, wie sie 2,10–12 beschreibt. Nur so geschieht „Rettung“ (13c.10c). Pragmatik Insgesamt unterstreicht der Abschnitt die Korrektur der falschen Parole aus 2,2 und die Intentionen, die „Paulus“ mit seinem Brief den Gläubigen vermitteln will. Der Apostel würde sagen: Der Tag des Herrn wird erst 3.3.1.3 334 In diese Richtung geht Offb 14,4 mit dem Verb ἀγοράζω und ohne Ortsangabe. Vgl. auch Jak 1,18. 335 Z.B. Ex 23,19; 34,26; Dtn 12,6. 336 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 200. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 114 noch kommen und bis dahin ist höchste Vorsicht geboten, ein Einlassen mit den römischen Heilsoptionen und der paganen Umwelt birgt Gefahren. Der Dank des „Paulus“ („Wir aber“) zielt auf die Abgrenzung zur paganen Umwelt ab, hebt die Adressaten in die besondere Beziehung zu Gott hinein und intendiert durch die Wendung „durch unsere Verkündigung“, den Bezug zum ursprünglichen Paulus zu stärken. Die nochmalige Verwendung von ὀφείλω im Zusammenhang mit Dank für die Gemeinde in V.13a knüpft an die Eingangseucharistie an, in der mittels einer verbalen Verbeugung vor der Gemeinde (V.3) unter anderem deren Glaube honoriert wurde. Hier wird nun die Gemeinde als ἀπαρχή bezeichnet, was deren besonderen Status unterstreichen und sie gegen unpaulinische sowie pagane Tendenzen immunisieren soll. Wiederum wird der Glaube hervorgehoben (V.13: πίστει ἀληθείας). Der Gemeinde wird in V.13f. ihr besonderes Verhältnis zu Gott aufgezeigt: erwählt, berufen, geliebt, Erstlingsgabe im Sinn einer besonderen Bedeutung vor Gott, zudem vermutlich zur ersten und eigentlich um den rechten Glauben wissenden Generation gehörend, zur Rettung und Erlangung der Herrlichkeit bestimmt. Die Krönung des besonderen Verhältnisses zu Gott, das ewige Teilhaben an der Herrlichkeit des Herrn Jesu, wird aber nur durch den „Glauben an die Wahrheit“ und „unsere Verkündigung des Evangeliums“ garantiert. 1Thess 2,13–16: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 13 a Καὶ διὰ τοῦτο καὶ ἡμεῖς εὐχαριστοῦμεν τῷ θεῷ ἀδιαλείπτως, b ὅτι παραλαβόντες λόγον ἀκοῆς παρʼ ἡμῶν τοῦ θεοῦ c ἐδέξασθε οὐ λόγον ἀνθρώπων d ἀλλὰ καθώς ἐστιν ἀληθῶς λόγον θεοῦ, e ὃς καὶ ἐνεργεῖται ἐν ὑμῖν f τοῖς πιστεύουσιν. 14 a Ὑμεῖς γὰρ μιμηταὶ ἐγενήθητε, b ἀδελφοί, 3.3.2 3.3 „Zweite Danksagung“ 115 c τῶν ἐκκλησιῶν τοῦ θεοῦ τῶν οὐσῶν ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, d ὅτι τὰ αὐτὰ ἐπάθετε καὶ ὑμεῖς ὑπὸ τῶν ἰδίων συμφυλετῶν καθὼς καὶ αὐτοὶ ὑπὸ τῶν Ἰουδαίων, 15 a τῶν καὶ τὸν κύριον ἀποκτεινάντων Ἰησοῦν καὶ τοὺς προφήτας b καὶ ἡμᾶς ἐκδιωξάντων c καὶ θεῷ μὴ ἀρεσκόντων καὶ πᾶσιν ἀνθρώποις ἐναντίων, 16 a κωλυόντων ἡμᾶς b τοῖς ἔθνεσιν λαλῆσαι c ἵνα σωθῶσιν, d εἰς τὸ ἀναπληρῶσαι αὐτῶν τὰς ἁμαρτίας πάντοτε. e ἔφθασεν δὲ ἐπʼ αὐτοὺς ἡ ὀργὴ εἰς τέλος. 13 a Und deshalb danken auch wir Gott unablässig, b dass ihr empfangen habt das Wort Gottes durch unsere Mitteilung c ihr es angenommen habt nicht als Wort von Menschen, d sondern wie es in Wahrheit ist, als Wort Gottes, e das auch wirkt in Euch, f den Glaubenden. 14 a Ihr also seid Nachahmer geworden, b Brüder, c der Gemeinden Gottes, die in Judäa in Jesus Christus leben, d da dasselbe auch ihr erlitten habt von den eigenen Stammesgenossen wie auch sie von den Juden, 15 a die den Herrn Jesus getötet haben und die Propheten b und uns verfolgt haben c und Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich gestimmt sind, 16 a uns daran hindern, b den Heiden zu verkünden, c damit sie gerettet werden, d so dass sie das Maß ihrer Sünden vollmachen zu allen Zeiten. e Gekommen ist aber über sie der Zorn am Ende. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 116 Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegen drei Satzreihen vor, die im Folgenden beschrieben werden. 1Thess 2,13 Die erste Satzreihe besteht aus vier Teilsätzen. Verbindung schaffen die Konjunktionen ὅτι (13b), ἀλλὰ (13d) und καθώς (13d). Die gemeinsamen Substantive θεός (VV13a.b.d), λόγος (VV13b.c.d) und ἄνθρωπος (VV13c;) tragen zur Verknüpfung bei. Ein Ruhepunkt ist V.13f. (τοῖς πιστεύουσιν). 1Thess 2,14 Die zweite Satzreihe besteht aus zwei Teilsätzen. Verbindung schaffen die Konjunktionen ὅτι (14d), καθώς (14d) und γὰρ (14a). 1Thess 2,15.16 Die dritte Satzreihe besteht aus fünf Teilsätzen. Verbindung entsteht durch die Konjunktionen καὶ (15a.b.c), ἵνα (16c) und δὲ (16e). Der Höhepunkt ist in V.16d zu sehen: εἰς τὸ ἀναπληρῶσαι αὐτῶν τὰς ἁμαρτίας πάντοτε. Stilistische Analyse 1Thess 2,13.14.15.16 In V.13 ist eine Antithese zu beobachten (Menschenwort – Gotteswort), zudem ein synthetischer parallelismus membrorum: V.13b.c.d.e V.14c weist eine Metonymie auf (Gemeinde Gottes = Gemeindemitglieder). In V.15c liegt eine Litotes vor (θεῷ μὴ ἀρεσκόντων). Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 2,14: συμφυλέτης 2,15: ἀνθρώποις ἐναντίων 3.3.2.1 3.3 „Zweite Danksagung“ 117 Beschreibung der inneren Struktur 1Thess 2,13.14.15.16 V.13a zeigt durch die Wortwahl eine Verbindung zur ersten Danksagung auf. Das „Wort“ ist von großer Bedeutung. V.13b.c.d beinhalten jeweils das „Wort“, dabei wird das „Menschenwort“ dem göttlichen Wort gegenübergestellt. Der zweite Abschnitt (V.14) zeigt in V.14a.b Gliederungssignale: Ὑμεῖς γὰρ… ἀδελφοί. μιμηταὶ ἐγενήθητε weist wiederum auf das Proömium des 1Thess hin (1,6) und handelt von Verfolgungen durch „Mitbürger“ (14d) und Juden. Der dritte Abschnitt bezieht sich ausschließlich auf „die Juden“, deren feindliches Handeln und dessen endgültige Folgen. Das „Wort“ (V.13f.) und „λαλέω“ (V.16b) rahmen zusammen mit Ausdrücken, die immer fortwährende Zeitfolgen ausdrücken (V.13a: ἀδιαλείπτως; V.16d: πάντοτε; V.16e: εἰς τέλος) die zweite Danksagung. Diese besteht aus drei Teilen, V.13, V.14 und V.15f. Semantische Analyse 1Thess 2,13.14.15.16 λόγον ἀκοῆς (13b) und λόγον θεοῦ (13d) werden synonym verwendet, λόγον ἀνθρώπων (13c) dazu antonym. Die „Kunde“ des Paulus ist demzufolge als Gottes Wort zu sehen. Die Thessalonicher sind „Nachahmer…der Gemeinden Gottes in Judäa“ geworden, indem sie ebenso verfolgt wurden, allerdings von den „eigenen Stammesgenossen“, d.h. den paganen Griechen. Weitere semantische Oppositionen zeigen sich in den „Glaubenden“ (13f.) und „Gott nicht Gefallenden“ (15c) und in den Gegensätzen „zu den Heiden reden, damit sie gerettet werden“ (V.16b.c) und „allen Menschen feindselig“ (V.15c), sowie „gerettet werden“ (V.16c) und „Zorn“/ „Auffüllen der Sünden“ (V16d.e). V.15c beschreibt „die Juden“, „die Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich gestimmt sind“, was „zwei geläufige Stereotype hellenistischer Judenpolemik […] [aufgreift]: Asebie und Misanthro- 3.3.2.2 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 118 pie“337 und wahrscheinlich von Paulus nur deshalb so formuliert wird, weil die Heidenmission blockiert wurde. Das „Sündenmaß“ zu allen Zeiten vollmachen bezieht sich ursprünglich auf die Heiden in der frühjüdischen Tradition, was jetzt aufgrund der Verhinderung der Verkündigung des Evangeliums an dieselben von Paulus umgekehrt wird.338 „Gekommen ist aber über sie der Zorn am Ende“ spricht ein innergeschichtliches Gericht an, keine ewige Verdammnis.339 Pragmatik Den „Verfassern“ des Briefes ist es ein Anliegen, dass die Gemeinde ihr Wort als „Wort Gottes“ (V.13) angenommen hat. Die Wirksamkeit des Wortes zeigt sich überdies im Ertragen des Leides, das durch „Landsmänner/Stammesgenossen“ zugefügt wird (V.14). „Die Juden“ (VV.14– 16) werden in deutlicher Weise als Ursache des Leides für die „Gemeinden Gottes“ (V.14) in Judäa genannt. Das Handeln der Juden und die missbilligende bis strafende Haltung Gottes dazu werden umfangreich ausgebreitet. Die Gegenüberstellung von Gotteswort und Menschenwort (V.13), von Glaubenden und Gott nicht Gefallenden (VV.13.15), von Rettung und Unheil sowie Menschenfreundlichkeit und Menschenfeindlichkeit (VV.15.16) beabsichtigt die eindeutige Positionierung der Gemeinde auf der Seite Gottes. 2Thess 2,13f. und 1Thess 2,13–16: Diachrone Analyse In beiden Briefen findet sich an recht ähnlicher Stelle (2Thess 2,13f. und 1Thess 2,13–16) eine zweite Danksagung. Die Wortwahl – bei der ersten Danksagung noch recht identisch – differiert jedoch stärker (vgl. jeweils V.13a). Das ὀφείλομεν aus 2Thess 1,3 wird in 2,13 wieder aufgegriffen.340 πάντοτε περὶ ὑμῶν tritt in 2Thess 1,3.11 und ähnlich auch 3.3.2.3 3.3.3 337 Schreiber, 1Thessalonicher, S. 161. 338 Vgl. ebd., S. 163. 339 Vgl. ebd., S. 163–166. 340 24x im NT, elfmal bei Paulus, aber nur in 2Thess (zweimal) Zusammenhang mit Dank. 3.3 „Zweite Danksagung“ 119 in 1Thess 1,2 wieder auf. 1Thess benutzt in der zweiten Danksagung aber das seltene ἀδιαλείπτως.341 2Thess 2,13b nutzt mit dem ἀδελφοὶ ἠγαπημένοι ὑπὸ κυρίου eine Formulierung aus der ersten Danksagung des 1Thess (1,4). Hervorzuheben ist die Veränderung der Gottesbezeichnung – κύριος statt θεὸς. θεὸς umschließt allerdings κύριος in 2Thess 2,13, deshalb ist dort von einer synonymen Anwendung beider Bezeichnungen auszugehen. Der Erwählungsgedanke aus 1Thess 1,4 (τὴν ἐκλογὴν ὑμῶν) findet in 2Thess 13c.14a Widerhall, allerdings mit anderem Vokabular (εἵλατο342 und ἐκάλεσεν). In der zweiten Danksagung von 1Thess fehlt der Erwählungsgedanke. Hier sieht man recht anschaulich, wie Briefelemente der beiden Briefe zum einen parallel stehen und zum anderen versetzt sind. Festzuhalten ist auch, dass kurz vor der zweiten Danksagung des 1Thess in 2,12 eine Parallele zu 2Thess 2,14 auftaucht, die die Berufung zur Herrlichkeit betrifft: 2Thess 2,14 εἰς ὃ [καὶ] ἐκάλεσεν ὑμᾶς διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἡμῶν εἰς περιποίησιν δόξης τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ. 1Thess 2,12 … τοῦ καλοῦντος ὑμᾶς εἰς τὴν ἑαυτοῦ βασιλείαν καὶ δόξαν. Zudem: 2Thess 2,14 εἰς ὃ [καὶ] ἐκάλεσεν ὑμᾶς διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἡμῶν εἰς περιποίησιν δόξης τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ. 1Thess 1,4f. εἰδότες, ἀδελφοὶ ἠγαπημένοι ὑπὸ [τοῦ] θεοῦ, τὴν ἐκλογὴν ὑμῶν, 5 ὅτι τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν οὐκ ἐγενήθη εἰς ὑμᾶς ἐν λόγῳ μόνον ἀλλὰ καὶ ἐν δυνάμει καὶ ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ [ἐν] πληροφορίᾳ πολλῇ, καθὼς οἴδατε οἷοι ἐγενήθημεν [ἐν] ὑμῖν δι᾿ ὑμᾶς. Hier ist identisches Vokabular vorhanden, das in der Struktur verschoben wird. So können – wie bei ähnlichen Stellen auch – paulinische Worte und paulinisches Gedankengut für die Intentionen des „Paulus“ eingesetzt werden. Die Gemeinde wird in 2Thess 2,13c als erwählte Erstlingsfrucht (ἀπαρχή) beschrieben (vgl. Röm 8,23; 11,16; 16,5; 1Kor 15,20.23; 16,15 341 3x 1Thess, 1x Röm, sonst nirgends im NT. 342 εἵλατο (αἱρέω) nur 2x im NT: Phil, Hebr, allerdings nicht in diesem Sinn. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 120 – nur Röm 16,5 und 16,15 mit ähnlichem Sinn wie 2Thess,343 die anderen Stellen sind z.B. auf Christus bezogen). Über 1Thess hinausgehend wird ausgeführt, dass Gott die Gemeinde als Erstlingsgabe erwählt hat. Auch die Erwählung „durch das Evangelium der Verfasser“ (2Thess 2,14), die zum „Erlangen der Herrlichkeit“ führt, fehlt in der zweiten Danksagung des 1Thess. Es finden sich allerdings vergleichbare Ausdrücke in 1Thess 2,13.16, die die Verkündigung der Verfasser als bedeutend für die Heilsvermittlung darstellen. Die Annahme des Wortes der Verfasser (1Thess 2,13: ἐδέξασθε) ist in Verbindung mit dem eschatologischen V.16 heilsrelevant (ἵνα σωθῶσιν). 2Thess 2,10 greift dies auf (οὐκ ἐδέξαντο εἰς τὸ σωθῆναι αὐτούς). πιστεύω steht in 1Thess 2,13 in indirektem eschatologischen Bezug, wenn man die Verfolgungen in V.14f. einbezieht und ist auf die gläubige Gemeinde gemünzt (VV. 14–16). 2Thess 2,11f. kennt zweimal πιστεύω, jeweils im eschatologischen Kontext, allerdings auf Ungläubige bezogen. Die beiden Stellen in 2Thess 2,11f. bilden den Gegenpol zum zweifach erwähnten Glauben der Gemeinde in 2Thess 1,10. 2Thess verwendet πιστεύω ausschließlich im eschatologischen Kontext, 1Thess nur an zwei von fünf Stellen.344 1Thess 2,14 beschreibt, dass die Gläubigen „Nachahmer“ der Gemeinden Gottes qua Leiden geworden sind. Das Wort μιμητής kommt im NT nur im Corpus Paulinum vor, davon zweimal in 1Thess (1,6: Nachahmer der Verfasser; 2,14: Nachahmer der Gemeinden Gottes). In 1Thess wurden die Gläubigen bereits Nachahmer durch Bestehen in Bedrängnissen, die anderen Stellen im Corpus Paulinum 345 fordern dazu auf, Nachahmer zu werden. 2Thess 3,7.9 beinhalten in nicht-eschatologischem Kontext μιμέομαι – die Gemeinde soll „Paulus“ und seine Mitstreiter nachahmen. „Gemeinden Gottes“ kennt auch 2Thess 1,4, ebenso im eschatologischen Kontext von Verfolgungen. In 2Thess fehlt allerdings der Zusatz zu den Gemeinden: „in Judäa“. 1Thess 2,14 beschreibt weiter Leid der Gemeinde, das durch „Stammesgenossen“ verursacht wurde. 343 Vgl. auch Jak 1,18 und Offb 14,4. 344 1Thess 1,7; 2,4.10 nicht eschatologisch; 2,13 in einem eschatologischen Kontext, 4,14 eschatologisch. 345 1Kor 4,16; 11,1; Eph 5,1; Hebr 6,12. 3.3 „Zweite Danksagung“ 121 2Thess erwähnt in der zweiten Danksagung nichts davon. An anderer Stelle ist zwar von Verfolgungen die Rede (V.4), konkrete Zuweisungen zu ethnischen oder sonstigen Gruppen fehlen dagegen. Die Verfolgenden „kennen Gott nicht“ und „gehorchen dem Evangelium nicht“ (2Thess 1,8). 2Thess 1,5 greift nach den Verfolgungen von V.4 das πάσχω von 1Thess 2,14 auf. Dabei steht das Leid im Zusammenhang mit den Verfolgungen, wird jedoch auf das Reich Gottes bezogen. Die Gemeinden Gottes „in Judäa“ leiden gemäß 1Thess 2,14 unter den „Juden“, die „Jesus“ und die „Propheten“ getötet haben346. Die „Juden“ werden in 2Thess an keiner Stelle erwähnt. Ohne Parallele in 2Thess sind auch die Aussagen in 1Thess 2,15, dass die Juden „uns“, also Paulus und seine Gefährten verfolgt haben. 2Thess 1,4 beschreibt „Verfolgungen“ der Gemeinde, von Juden ist freilich keine Rede. Die Juden werden in 1Thess 2,15 als „Gott nicht gefallende“ und „allen Menschen feindselige“ beschrieben. 2Thess 1,8 kommt dem am Nächsten (τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν), hat aber in 1Thess 4,5 eine wörtliche Entsprechung, in der die „Heiden“ angesprochen sind. Der Begriff „Mensch“ wird in 1Thess oft negativ oder im negativen Kontext dargestellt (2,4.6.13.15; 4.8), in 1Thess 2,15 auch im eschatologischen Zusammenhang. In 2Thess (2,3; 3,2) wird der „Mensch“ ausschließlich negativ und im eschatologischen Zusammenhang beschrieben. 1Thess 2,16 führt – ohne Parallele in 2Thess – aus, dass die Juden die Verfasser gar an der Verkündigung des Evangeliums an die Heiden „hindern“ würden. Der Aspekt der Rettung aus 1Thess 2,16 (ἵνα σωθῶσιν) taucht in 2Thess 2,13c auf (εἰς σωτηρίαν). Ist dieser Aspekt in 1Thess auf die Heiden bezogen, so in 2Thess 2,13 auf die Gemeinde. 2Thess 2,10 hingegen kennt das Verb „retten“ im Zusammenhang mit einer ungläubigen Gruppe, die allerdings nicht als Heiden bezeichnet werden, sondern im Unbestimmten bleiben. Hindern die Juden die Verfasser in 1Thess an der Rettung der Heiden, so ist es in 2Thess der satanische „Gesetzlose“, der die Ungläubigen die Liebe zur Wahrheit nicht anneh- 346 ἀποκτείνω im Corpus Paulinum nur in 1Thess im Zusammenhang mit Jesus – Röm 11,3 aber: τοὺς προφήτας σου ἀπέκτειναν. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 122 men lässt, was folglich deren Rettung hintertreibt. Sofern die Juden gemeint wären, könnten sie auch explizit benannt werden. Bei nicht benannten Römern wäre offensichtlich, dass die verdeckte Formulierung Gefahren für die Gemeinde abwendet. Ohne Parallele ist ferner die Aussage in 1Thess 2,16, dass die Juden durch die Behinderung der Evangelisierung der Heiden „ihre Sünden auffüllen“. Aufgrund des Verhaltens der Juden, so 1Thess 2,16, ist der Zorn über sie „in vollem Maß/bis zum Äußersten hereingebrochen“. φθάνω benutzt 1Thess im eschatologischen Zusammenhang auch in 4,15. Der Aspekt des „Zorns“ aus 1Thess 2,16 kommt in der zweiten Danksagung des 2Thess nicht vor. Er wird aber an anderen Stellen ausführlich (2Thess 1,6 bis 2,12), wenn auch nicht mit diesem Wort behandelt und in keiner Weise auf die Juden bezogen. Vom Zorn aus 1Thess 2,16 ist in 1Thess 5,9 wieder zu lesen. Viele Worte aus 1Thess 5,8f. finden in 2Thess 2,13c.14a Erwähnung. „Erwählt“ Gott zur Rettung in 2Thess 2,14, so „bestimmt“ er dazu in 1Thess 5,9: 2Thess 2,13a.14 13 c ὅτι εἵλατο ὑμᾶς ὁ θεὸς ἀπαρχὴν εἰς σωτηρίαν ἐν ἁγιασμῷ πνεύματος καὶ πίστει ἀληθείας, 14 a εἰς ὃ [καὶ] ἐκάλεσεν ὑμᾶς διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἡμῶν εἰς περιποίησιν δόξης τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ. 1Thess 5,8f. ἡμεῖς δὲ ἡμέρας ὄντες νήφωμεν ἐνδυσάμενοι θώρακα πίστεως καὶ ἀγάπης καὶ περικεφαλαίαν ἐλπίδα σωτηρίας· 9 ὅτι οὐκ ἔθετο ἡμᾶς ὁ θεὸς εἰς ὀργὴν ἀλλ᾿ εἰς περιποίησιν σωτηρίας διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ 1Thess taucht also in 2Thess an verschiedenen Stellen auf. 2Thess scheint sich an verschiedenen Stellen des 1Thess zu „bedienen“, um die eigenen Aussagen paulinisch zu unterfüttern und so in eine veränderte Situation hineinzusprechen. In der zweiten Danksagung des 2Thess fehlen in eschatologischer Hinsicht im Vergleich zur zweiten Danksagung des 1Thess das erlittene Leid der Gemeinde durch „Stammesgenossen“, die Verfolgung der Verfasser durch Juden und der „endgültige“ Zorn Gottes über „die Juden“. 3.3 „Zweite Danksagung“ 123 Zwischenergebnis zweite Danksagung Parallelen: Zwar fehlt in der zweiten Danksagung von 1Thess der Erwählungsgedanke, wie ihn 2Thess 2,13f. aufweist (εἵλατο und ἐκάλεσεν), 1Thess 1,4 beinhaltet diesen jedoch, allerdings mit anderem Vokabular (τὴν ἐκλογὴν ὑμῶν). Aber auch 1Thess 2,12 spricht von der Berufung zur Herrlichkeit. Die Erwählung „durch das Evangelium der Verfasser“ (2Thess 2,14), die zum „Erlangen der Herrlichkeit“ führt, kennt die zweite Danksagung des 1Thess nicht, allerdings das Proömium in 1,5. Zudem existieren ähnliche Worte in 1Thess 2,13.16, die die Verkündigung der Verfasser als bedeutend für die Heilsvermittlung darstellen. Die Annahme des Wortes der Verfasser (1Thess 2,13) ist in Verbindung mit dem eschatologischen V.16 heilsrelevant. 2Thess 2,10 greift dies auf. Beide Briefe verbinden demzufolge die Erwählung und Berufung mit dem Zeugnis der Verfasser, 2Thess macht dies aber deutlicher. 1Thess 2,14 beschreibt, dass die Gläubigen „Nachahmer“ der Gemeinden Gottes qua Leiden in Verfolgung geworden sind. 2Thess führt diesen Gedanken in der zweiten Danksagung nicht aus, die „Gemeinden Gottes“ sind jedoch in 2Thess 1,4 zu finden, auch im eschatologischen Kontext von Verfolgungen, in denen die Gemeinde sich bewährt hat. In beiden Briefen kann man von Heiden bzw. Ungläubigen lesen, denen droht, nicht gerettet zu werden (1Thess 2,16; 2Thess 2,10). Beide Schreiben weisen auf den Aspekt der Rettung der Gemeinde hin (1Thess 5,8f.; 2,13). Die σωτηρία kann eventuell eine Anspielung auf die Götter sein, die einem nach antiken heidnischen Glauben Rettung geschenkt haben – Götter wurden wegen der ihnen zugeschriebenen „Soteria“ auch in Mysterien verehrt.347 Zudem wurde die Göttin Artemis gemäß Pausanias mit dem Beinamen „Soteria“ versehen.348 In Apg 19,23–40 ist vom Kult der weitläufig verehrten Artemis die Rede, dessen wirtschaftliche Wertschöpfung von der paulinischen Verkündigung gefährdet wird.349 Dies führte zu Aufruhr in Ephesus. Es könnten 3.3.4 347 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 22. 348 Vgl. Pausanias, Beschreibung 1.40.2; 2.31.1; 3.22.12. 349 Kurz darauf folgt Milet in Apg 20,15ff. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 124 demnach zudem wirtschaftliche Gründe sein, die die Verfolgungen der Gemeinde begründen. Aktualisierung und Transformation des paulinischen Erbes: Die Gemeinde ist in 2Thess 2,13c als erwählte Erstlingsgabe (ἀπαρχή) beschrieben. Der Gemeinde wird so ihr exklusiver Status vor Augen geführt, was sie gegen andere Angebote des Glaubens immunisieren soll. Der Begriff „Mensch/Menschen“ wird in 1Thess oft negativ bzw. im negativen Kontext dargestellt (2,4.6.13.15; 4.8), in 1Thess 2,15 auch im eschatologischen Zusammenhang. In 2Thess (2,3; 3,2) werden Menschen als der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ bzw. als die „bösen Menschen“ ausschließlich ungut und im eschatologischen Zusammenhang beschrieben. Das lässt sich durch schlimme Erfahrungen mit der Gesellschaft erklären. πιστεύω steht in den zweiten Danksagungen des 1 und 2Thess jeweils im eschatologischen Bezug. In 1Thess 2,13 ist die gläubige Gemeinde gemeint (VV. 14–16). 2Thess 2,11f. kennt zweimal πιστεύω, jeweils im eschatologischen Kontext, allerdings auf Ungläubige bezogen. Die beiden Stellen in 2Thess 2,11f. bilden den Gegenpol zum zweifach erwähnten Glauben der Gemeinde in 2Thess 1,10. 2Thess verwendet πιστεύω ausschließlich im eschatologischen Kontext, 1Thess nur an zwei von fünf Stellen. 2Thess ist also der rechte Glaube in eschatologischen Fragen besonders wichtig und stellt bewusst die Ungläubigen, die Gemeinde bedrängenden Menschen, welche bestraft werden sollen, der gläubigen, zu belohnenden Gemeinde gegenüber. Ein solches Schema weist eindeutig auf eine gefahrvolle Situation der Gemeinde hin. In der Danksagung des 2Thess spricht der Verfasser vom Handeln Gottes an den Adressaten, welches allerdings mit „dem Glauben an die Wahrheit“ (2,13) zusammenhängt. Genuine eschatologische Inhalte des 2Thess: Hindern die Juden in 1Thess die Verfasser an der Rettung der Heiden, so ist es in 2Thess 2,10 der satanische „Gesetzlose“, der die Ungläubigen die „Liebe zur Wahrheit“ nicht annehmen lässt, und damit deren Rettung verhindert. In 2Thess fehlende eschatologische Inhalte: 1Thess 2,14 beschreibt Leid der Gemeinde, das durch „Stammesgenossen“ verursacht wurde (s.o.). 2Thess erwähnt in der zweiten Danksagung nichts davon. An anderer 3.3 „Zweite Danksagung“ 125 Stelle ist zwar von Verfolgungen die Rede (V.4), konkrete Zuweisungen zu ethnischen oder sonstigen Gruppen fehlen aber. Die Verfolgenden „kennen Gott nicht“ und „gehorchen dem Evangelium nicht“ (2Thess 1,8). Diese Stelle, der Gesamtkontext des 2Thess und die Untersuchungen dieser Studie weisen auf einen paganen Hintergrund und das römische Herrschaftssystem – beide waren zudem miteinander verknüpft. Ohne direkt ersichtliche Parallele in 2Thess sind auch die Aussagen in 1Thess 2,15, dass die Juden „uns“ verfolgt haben. 2Thess 1,4 beschreibt „Verfolgungen“ der Gemeinde, von Juden jedoch ist keine Rede. Die Juden werden in 1Thess 2,15 als „Gott nicht gefallende“ und „allen Menschen feindselige“ beschrieben. 2Thess 1,8 kommt dem am Nächsten (τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν) hat aber in 1Thess 4,5 eine wörtliche Entsprechung, dort sind die „Heiden“ angesprochen. Ohne Widerhall in 2Thess ist die Aussage in 1Thess 2,16, dass die Juden durch die Behinderung der Evangelisierung der Heiden „ihre Sünden auffüllen“ und die Verfasser gar „hindern“ das Evangelium zu verkünden. Der Aspekt des Zorns aus 1Thess 2,16 kommt in der zweiten Danksagung des 2Thess nicht vor. Es wird aber an anderen Stellen ausführlich eine strafende Gerichtssituation beschrieben (2Thess 1,6–2,12), allerdings ohne Hinweis auf die Juden. Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) Der Vers 2Thess 2,15 wird hier aufgeführt, da 2Thess 2,15–17 eine Einheit bildet. Die eigentliche briefliche Fürbitte besteht aber nur aus 2Thess 2,16f., deshalb wird V.15 im Folgenden, einschließlich der diachronen Analyse, nicht in die Untersuchung miteinbezogen. Dasselbe gilt für die Einheit 2Thess 3,1–5. So wird 3,1f. nicht bearbeitet, da es sich um eine Bitte um das Gebet der Gemeinde handelt und nicht um die briefliche Fürbitte für die Gemeinde. Es sollen an dieser Stelle nur strukturparallele Texte der beiden Briefe miteinander verglichen werden. 3.4 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 126 2Thess 2,16f.: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 16 a Αὐτὸς δὲ ὁ κύριος ἡμῶν Ἰησοῦς Χριστὸς καὶ [ὁ] θεὸς ὁ πατὴρ ἡμῶν b ὁ ἀγαπήσας ἡμᾶς c καὶ δοὺς παράκλησιν αἰωνίαν καὶ ἐλπίδα ἀγαθὴν ἐν χάριτι, 17 a παρακαλέσαι ὑμῶν τὰς καρδίας b καὶ στηρίξαι ἐν παντὶ ἔργῳ καὶ λόγῳ ἀγαθῷ. 16 a Er selbst aber, unser Herr Jesus Christus und Gott unser Vater, b der uns geliebt hat c und uns ewigen Trost und gute Hoffnung in Gnade gegeben hat, 17 a tröste Eure Herzen b und stärke in jedem gutem Werk und Wort! Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegt eine Satzreihe vor, die im Folgenden beschrieben wird. 2Thess 2,16.17 Die Satzreihe besteht aus vier Teilsätzen. Verbindung wird durch die Konjunktion καὶ (V.16a.c.17b) hergestellt, ebenso durch das Substantiv παράκλησις (V.16c) und das dazu passende Verb παρακαλέω (V.17a). V.17b stellt den Höhepunkt dar. Stilistische Analyse 2Thess 2,16.17 Von vier Verben sind zwei Partizipien – Paulus bevorzugt finite Verben. Der Wortschatz ist variabel mit wenigen Wiederholungen. Hervorzuheben ist das an den Anfang des Satzes gestellte Αὐτὸς δὲ (V.16a), das eine besondere Betonung bewirkt. 3.4.1 3.4.1.1 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 127 Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 2,16: παράκλησιν αἰωνίαν 2,16: ἐλπίδα ἀγαθὴν 2,17: λόγῳ ἀγαθῷ Beschreibung der inneren Struktur 2Thess 2,16.17 Αὐτὸς δὲ ist in den beiden Briefen an die Thessalonicher das Signal zum Einsetzen der brieflichen Fürbitte (1Thess 3,11; 5,23; 2Thess 2,16; 3,16). Die briefliche Fürbitte ist aus einem Guss, was sich im versübergreifenden Vokabular zeigt (V.16c: παράκλησις, ἀγαθός – V.17a: παρακαλέω, ἀγαθός). Semantische Analyse 2Thess 2,16.17 „Er aber“ (16a) ist in auffälliger Weise an den Satzanfang gestellt und nennt im Gegensatz zur strukturparallelen Stelle in 1Thess 3,11 den Kyrios zuerst, was dessen wichtiger Rolle im 2Thess auch im eschatologischen Bereich entspricht. Gott hat die Adressaten „geliebt“ und „ewigen Trost und gute Hoffnung in Gnade“ gegeben (16b.c). „Ewiger Trost“ soll eine zukünftige Verheißung sein, die den Gläubigen bereits gnadenhaft geschenkt ist. Das wird durch die korrespondierende Formulierung „ewiges Verderben“ (1,9a) und die „Erwählung…zur Rettung“ (2,13c) und dem „Erlangen der Herrlichkeit“ (2,14a) nahegelegt. Der „ewige Trost“ hebt die Gemeinde also von ihrer paganen und bedrängenden Umgebung ab und schenkt ihr positive Perspektiven. Zudem trägt die „gute Hoffnung“ „[…] zu[r] Identität [der Adressaten] bei, die sie gegenüber ihrer Umwelt abgrenzt (1Thess 4,14).“350 Diese hat entweder „keine Hoffnung“, so 1Thess, oder die Mitmenschen „glauben der Lüge“ (2,11b). Die Wendung „gute Hoffnung“ findet sich im griechischen Sprachgebrauch und bezeichnet vor allem eine positive Zukunftserwartung nach dem Tod (vgl. 3.4.6). „Paulus“ wird diesen 3.4.1.2 350 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 212. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 128 Aspekt mitschwingen lassen und die wahre Hoffnung aufzeigen. 2Thess gibt mögliche Antworten für diese Hoffnung: Reich Gottes, Gericht (1,5), Aufatmen und Versammeln beim Herrn (1,7; 2,1) und Erlangen der Herrlichkeit (2,14). Zu V.17 bemerkt Schreiber passend: „Mit Werk und Wort [V.17] ist umfassend das richtige, angemessene, »gute« christliche Sprechen und Handeln gemeint, das grundlegend dafür ist, dass die eigene Identität in paulinischer Tradition bewahrt und aktuell gelebt wird.“351 Pragmatik Die Zuwendung Gottes spielt eine große Rolle und zeigt die pragmatische Stoßrichtung der Bestärkung in schwierigen Zeiten an: ὁ ἀγαπήσας ἡμᾶς, δοὺς παράκλησιν αἰωνίαν und ἐλπίδα ἀγαθὴν ἐν χάριτι (V.16). Die ermutigenden Worte werden durch den Wunsch des Trostes und der Stärkung für die Gemeinde unterstrichen: παρακαλέσαι und στηρίξαι (V.17). Der auffällige Auftakt Αὐτὸς δὲ unterstützt die Herausstellung der Hilfe des Herrn. Die Nennung des „ewigen Trostes“ (V.16) korrespondiert mit dem „ewigen Verderben“ aus 2Thess 1,9 und zeigt so die Absicht des „Paulus“: Festigung der Gemeinde gegen die Feinde, welche sie bedrängen. Der Verweis auf „Werk und Wort“ zeigt auf, dass gutes Sprechen und Handeln gefragt ist. Normierend hierfür, zieht man den vorhergehenden V.15 heran, sind die „Überlieferungen“, in denen die fiktiven Thessalonicher „unterwiesen“ wurden. In eindeutiger Weise werden so die Worte des Paulus in Erinnerung gerufen, die Adressaten zur Konstanz in dieser apostolischen Tradition bewegt. 3.4.1.3 351 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 214. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 129 2Thess 3,3–5: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 3 a Πιστὸς δέ ἐστιν ὁ κύριος, b ὃς στηρίξει ὑμᾶς c καὶ φυλάξει ἀπὸ τοῦ πονηροῦ. 4 a πεποίθαμεν δὲ ἐν κυρίῳ ἐφʼ ὑμᾶς, b ὅτι ἃ παραγγέλλομεν c [καὶ] ποιεῖτε d καὶ ποιήσετε. 5 a Ὁ δὲ κύριος κατευθύναι ὑμῶν τὰς καρδίας εἰς τὴν ἀγάπην τοῦ θεοῦ καὶ εἰς τὴν ὑπομονὴν τοῦ Χριστοῦ. 3 a Treu aber ist der Herr, b der Euch stärken c und behüten wird vor dem Bösen. 4 a Wir vertrauen aber im Herrn auf Euch, b dass, was wir anordnen c ihr auch tut d und tun werdet. 5 a Der Herr aber lenke Eure Herzen zur Liebe Gottes und auf das geduldige Erwarten Christi. Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegen zwei Satzreihen vor, die im Folgenden beschrieben werden. 3.4.2 3.4.2.1 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 130 2Thess 3,3 Die erste Satzreihe besteht aus drei Teilsätzen. Die Teilsätze sind mittels der Konjunktion καὶ (VV.3c) verbunden. Zielpunkt ist V.3c. 2Thess 3,4 Die zweite Satzreihe besteht aus vier Teilsätzen. Die Teilsätze sind mittels der Konjunktionen καὶ (4c.d), δὲ (VV.4a) und ὅτι (V.4b) verbunden. Das gemeinsame Verb ποιέω (4b.c) schafft weiteren Zusammenhalt. 2Thess 3,5 Die dritte Satzreihe besteht aus einem Teilsatz. Stilistische Analyse Es gibt zwei substantivische Verbindungen in V.5a. Von acht Verben ist keines Partizip – Paulus favorisiert finite Verben. V.5a benutzt eine Metapher: κατευθύναι ὑμῶν τὰς καρδίας. Auffällig ist die Stellung von. Πιστὸς δέ ἐστιν ὁ κύριος (V.3a). Ein Wortspiel begegnet in 2Thess 3,2.3: πίστις (3,2) und Πιστὸς (3,3) – direkt hintereinander stehend. Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 3,4: Zusammenhang von παραγγέλλω und ποιέω Beschreibung der inneren Struktur 2Thess 3,3.4.5 Der zweite Abschnitt V.4 steht eigenständig zwischen dem ersten und dem dritten Abschnitt, da er weder Zuspruch (V.3) noch eine briefliche Fürbitte (V.5), sondern die Erwartung der Verfasser an die Gemeinde enthält: zu tun, was sie geboten haben. στηρίζω (3b) und φυλάσσω (3c) sind ähnliche Vokabeln, die den Zusammenhalt des ersten Abschnittes bestärken. Der κύριος stellt die große Klammer zwi- 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 131 schen allen drei Abschnitten dar (VV.3a; 4a; 5a). Die briefliche Fürbitte besteht aus drei Teilen (VV.3; 4; 5). Semantische Analyse 2Thess 3,3.4.5 Die Voranstellung des Πιστὸς δέ ἐστιν ὁ κύριος zeigt die Opposition des „treuen Herrn“ gegenüber den „bösen Menschen“ (3,2). 2Kor 1,18 (πιστὸς δὲ ὁ θεὸς) setzt Gott an ähnlicher Stelle ein. In 2Thess ist es demnach ausdrücklich der Kyrios, der „vor dem Bösen“ bewahren wird. 3,2 zeigt die Rettung vor den „üblen und bösen Menschen“ an, die nicht glauben. Es bietet sich daher an, hier Gemeinsamkeiten zu sehen. Die Untersuchungen zum Katechon, Widersacher und zum Imperium Romanum legen nahe, dass hier das römische Herrschaftssystem und – so ergibt es sich aus 3,5 – auch die pagane Umwelt angesprochen ist. Die Bewahrung vor dem Bösen ist im Bewahren des rechten Glaubens gegeben, den die Verfasser vorgeben (u.a. V.4). Die Adressaten sollen geduldig auf Christus warten (3,5) – die Parusie ist noch nicht eingetroffen. Die Parole aus 2,2 trifft also nicht zu und es gilt dementsprechend Distanz gegenüber der der Wahrheit und dem Evangelium des Paulus nicht folgenden Gesellschaft zu wahren, auch gegen bedrängende Widerstände. Dies schärfen „Paulus“ und seine Genossen den Empfängern des 2Thess in 3,4 nochmals ein. Pragmatik Der Herr/Gott/Christus (VV.3.4.5) wird stark hervorgehoben durch die Nennung seiner Namen, seiner positiven Eigenschaften und helfenden Eingriffe in die Belange der Gemeinde. Seine Stärke, die vor dem Bösen bewahrt, wird durch die zuversichtlichen Aussagen des „Paulus“ unterstrichen. Die Gemeinde wird so darin bestärkt, die Forderungen des „Paulus“ nachhaltig zu befolgen (V.4). Das wahre paulinische Erbe erweist sich in Wachsamkeit und damit einhergehender Distanz zur Gesellschaft, auch wenn dies „Verfolgungen und Bedrängnisse“ mit sich bringen sollte. Die Verfasser sprechen die briefliche Fürbitte aus, dass die Adressaten auf „die Liebe zu Gott und auf das 3.4.2.2 3.4.2.3 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 132 geduldige Warten auf Christus“ ausgerichtet sind. Die Gemeindeglieder sind am richtigen Herrn, nur er wird sie retten. 1Thess 3,11–13: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 11 a Αὐτὸς δὲ ὁ θεὸς καὶ πατὴρ ἡμῶν καὶ ὁ κύριος ἡμῶν Ἰησοῦς κατευθύναι τὴν ὁδὸν ἡμῶν πρὸς ὑμᾶς 12 a ὑμᾶς δὲ ὁ κύριος πλεονάσαι b καὶ περισσεύσαι τῇ ἀγάπῃ εἰς ἀλλήλους καὶ εἰς πάντας καθάπερ καὶ ἡμεῖς εἰς ὑμᾶς, 13 a εἰς τὸ στηρίξαι ὑμῶν τὰς καρδίας ἀμέμπτους ἐν ἁγιωσύνῃ ἔμπροσθεν τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν ἐν τῇ παρουσίᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ μετὰ πάντων τῶν ἁγίων αὐτοῦ, [ἀμήν]. 11 a Er selbst aber, unser Gott und Vater und unser Herr Jesus, lenke unseren Weg zu Euch. 12 a Euch aber der Herr lasse wachsen b und überreich werden in der Liebe zueinander und zu allen, ebenso wie wir zu Euch Liebe haben, 13 a um zu stärken Euch die Herzen, tadellos zu sein in Vollkommenheit vor unserem Gott und Vater bei der Parusie unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen, Amen! Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegen zwei Satzreihen vor, die im Folgenden beschrieben werden. 1Thess 3,11.12.13 Die erste Satzreihe besteht aus einem Satz, die zweite Satzreihe aus drei Teilsätzen. Diese sind verbunden durch die Konjunktionen δὲ (V.12a), καὶ (VV.12b; 13a) und καθάπερ (V.12b). Das gemeinsame Substantiv ὁ κύριος (VV. 12a; 13a) bewirkt weitere Verbindung. Höhepunkt ist V.13a. 3.4.3 3.4.3.1 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 133 Stilistische Analyse 1Thess 3,11.12.13 Typisch für Paulus ist der Schwerpunkt auf finiten Verben statt Partizipien, so auch hier (4:0). Der Wortschatz ist variabel mit sehr wenigen Wiederholungen. Die Verknüpfung von Wörtern und Sätzen erfolgt durch acht Konjunktionen, davon ist eine koordinierend, eine koordinierend kontinuativ, eine koordinierend korrelativ und fünf sind koordinierend kopulativ (καί). Eine Metapher liegt in V.11 vor: κατευθύναι. Auffällig ist die Stellung von Αὐτὸς δὲ (V.11), ὑμᾶς δὲ (V.12) und die Auslassung von „wir zu Euch Liebe haben“ (V.12). V.12 weist zudem einen Pleonasmus auf: πλεονάσαι καὶ περισσεύσαι. Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 3,13: τῇ παρουσίᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ μετὰ πάντων τῶν ἁγίων αὐτοῦ Beschreibung der inneren Struktur 1Thess 3,11.12.13 Die briefliche Fürbitte in 1Thess 3,11–13 setzt sich aus zwei Abschnitten zusammen. Im ersten Abschnitt sprechen die Verfasser eine Bitte für sich selbst aus (V.11a), die den Besuch der Gemeinde zum Ziel hat. Der zweite Abschnitt beschreibt den Gebetswunsch der Verfasser mit der Intention, die Adressaten für die Parusie des Herrn vorzubereiten. Es bestehen dennoch einige Bindungen zwischen beiden Abschnitten. So fällt die jeweilige Benutzung des Aorist Optativs auf, Ausdruck der Bitten an den Kyrios (V.11: κατευθύναι; V12a: πλεονάσαι; V12b: περισσεύσαι). Die Verse 11a und 13a rahmen die briefliche Fürbitte mittels ähnlicher Wendungen: ὁ θεὸς καὶ πατὴρ ἡμῶν καὶ ὁ κύριος ἡμῶν Ἰησοῦς (V.11a) und τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν ἐν τῇ παρουσίᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ (V.13a). 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 134 Semantische Analyse 1Thess 3,11.12.13 Die Thessalonicher, so die briefliche Fürbitte, sollen wachsen in der Liebe (12b.c). Zwar hat Timotheus Gutes vom „Glauben“ und der „Liebe“ der Angeschriebenen erzählt, dennoch besteht noch Potential (VV.10.12). Zudem will Paulus die Liebe der Verfasser zu ihren Anvertrauten ausdrücken (12b). „Tadellos sein“ vor Gott bei der Parusie bedeutet, dass der „Herr“ die Gemeinde stärkt und ihr hilft „Vollkommenheit“ zu erreichen (13a). Die Ankunft des „Herrn Jesus“ erfolgt mit „allen seinen Heiligen“, womit seine Engel gemeint sind.352 Pragmatik Die Adressaten können aus den Worten des „Paulus“ herauslesen, dass ihm das Wachstum in der Liebe besonders am Herzen liegt (V.12). Die untadelige „Heiligkeit“ (V.13) hinsichtlich der Parusie scheint ebenso noch ausbaufähig zu sein, deshalb ist es erklärter Wunsch des 2Thess, dass die „Herzen“ von Gott gestärkt werden (V.13). 2Thess 2,16f; 3,3–5 und 1Thess 3,11–13: Diachrone Analyse Offensichtlich orientiert sich die briefliche Fürbitte in 2Thess 2,16f. am ersten Satz des gebetsartigen Textes in 1Thess 3,11–13. Nur in den beiden Briefen wird Αὐτὸς δὲ im Gebetszusammenhang benutzt (1Thess 3,11; 5,23; 2Thess 2,16; 3,5.16). In 1Thess ist Αὐτὸς δὲ zugleich ein Gliederungssignal. Das gewünschte Lenken des Weges zur Gemeinde (V.11) und die Bitte um Wachstum in der Liebe (V.12) findet sich nicht in 2Thess 2,16, letzteres allerdings in einer sehr knappen brieflichen Fürbitte in 3,5 im eschatologischem Kontext des geduldigen Wartens auf Christus. Das dort befindliche ὑπομονή hat in den Thessalonicherbriefen stets eine eschatologische Konnotation: 3.4.3.2 3.4.3.3 3.4.4 352 Vgl. Schreiber, 2Thessalonicher, S. 199f. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 135 1Thess 1,3: τῆς ὑπομονῆς τῆς ἐλπίδος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ 2Thess 1,4: ὑπὲρ τῆς ὑπομονῆς ὑμῶν καὶ πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς διωγμοῖς ὑμῶν καὶ ταῖς θλίψεσιν αἷς ἀνέχεσθε 2Thess 3,5: ὑπομονὴν τοῦ Χριστοῦ κατευθύναι kommt außer in Lk 1,79 nur jeweils einmal in 1 und 2Thess vor. In 2Thess hat es – wie einige potentiell aus 1Thess übernommene Vokabeln – einen anderen Sinngehalt. In 1Thess soll der Weg der Verfasser gelenkt werden,353 in 2Thess die Herzen der Gläubigen zur Liebe und zum geduldigen Warten auf Christus. Der kurze gebetsartige Text (3,5) bringt einen in den brieflichen Fürbitten des 1Thess so nicht direkt vorhandenen Aspekt, nämlich das „geduldige Warten auf Christus“. Dieser Aspekt, über den Wunsch nach wachsender Liebe in beiden Briefen hinausgehend, wird durch die fürbittenden Worte in den Vordergrund der Absicht der Verfasser gestellt. In 2Thess finden sich im Gegensatz zu der einen brieflichen Fürbitte des 1Thess drei derartige Texte (1,11f., 2,16f., 3,5). In allen drei Fürbitten in 2Thess spielen eschatologische, die Parusie betreffende Dinge eine große Rolle. Dies scheint ein Hauptaugenmerk der Verfasser zu sein. Die auffällige Zahl der brieflichen Gebete für die Adressaten im recht kurzen 2Thess spricht für persönliche Anteile in 2Thess, die diesem oft abgesprochen werden.354 Es ist eine besondere Sorge des Verfassers um die Gemeinde herauszuhören, der so den Bezug zu Paulus, wie er ihn interpretiert, stärken will. Nicht im Gebet des 1Thess vorkommend ist V.16c mit den Wendungen „ewiger Trost“ und „gute Hoffnung“. Auf den Ausdruck παράκλησιν αἰωνίαν trifft man im NT nur in 2Thess, dieser stellt eine semantische Opposition zu 2Thess 1,9 dar (ὄλεθρον αἰώνιον). Das Adjektiv αἰώνιος wiederum findet sich nicht in 1Thess, wohl aber in anderen Paulinen.355 παράκλησις wird in 2Thess 2,16 mit eschatologischem Bezug benutzt, in 1Thess 2,3 nicht. Beachtenswert ist „das ge- 353 Lk: Lenken der Füße auf einen Weg des Friedens. 354 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 36: „Die häufig konstatierte Kälte im Stil von 2Thess […] ist ein recht subjektiver Eindruck.“ 355 ζωὴ αἰώνιος: Röm 2,7; 5,21; 6,22f.; Gal 6,8. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 136 prägt und formelhaft erscheinende ἐλπἰς άγαθή in 2,16“356 – die „gute Hoffnung“.357 (Vgl. 3.4.6) Wörtliche Parallelen zu 2Thess 2,16 (ἐλπίδα ἀγαθὴν) gibt es keine im NT, allerdings einige Stellen, die eine positive Hoffnung beschreiben.358 Zusammen mit dem „ewigen Trost“ aus demselben Vers359 ist hier sowohl an ein Hoffnungsgut/ein Objekt der Hoffnung zu denken, als auch an einen Hoffnungsakt.360 Durch den korrespondierenden gegensätzlichen Begriff ὄλεθρον αἰώνιον aus 2Thess 1,9 bekommt die Aussage in 2,16 eine mehr zukünftige Stoßrichtung, da das Verderben in der Zukunft liegt.361 Es liegt also sowohl präsentische, als auch futurische Eschatologie vor, wobei keine nähere Präzisierung im Vers selbst oder unmittelbar davor oder danach stattfindet. Bei Paulus fallen Hoffnungsakt und Hoffnungsgut durchaus an einigen Stellen zusammen,362 er unterscheidet „nicht grundsätzlich zwischen dem ‚Hoffen‘ und ‚Erhofften“363. Zudem liegt kein einheitlicher Hoffnungsbegriff bei ihm vor.364 Bei der „Hoffnung“ und dem „Trost“ könnte es sich um das Gericht handeln, das bereits sicher feststeht und im Leiden der Gemeinde schon Vorzeichen in die Welt sendet (2Thess 1,5). Das Gericht erscheint sozusagen als Vergewisserung der Heilszusage, „im Dienste des ekklesialen Heils“.365 Die Parusie ist in 2Thess 2,8 mit dem Gericht ver- 356 Nebe, Hoffnung, S. 217. 357 Vgl. Bauer, Wörterbuch, Sp. 510f.: ἐλπίς: Hoffnung, Aussicht, Erwartung; Gegenstand der Hoffnung; Hoffnungsgut. 358 Corpus Paulinum: Röm 5,2; Gal 5,5; Kol 1,5.23.27; 1Thess 1,3: ὑπομονῆς τῆς ἐλπίδος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ; 1Thess 5,8: ερικεφαλαίαν ἐλπίδα σωτηρίας·; Tit 1,2; 2,13; Tit 3,7; Hebr 7,19; Andere Schriften: Apg 24,15; 26,6; 28,20; 1Petr 1,3; 1Petr 1,21; 1Joh 3,3. 359 Dobschütz, Thessalonicherbriefe, S. 302: „beide Ausdrücke volltönend im schwungvollen Gebetsstil“. 360 Spes quae speratur und spes qua speratur. 361 Vgl. Otzen, Hoffnung, S. 285: παράκλησιν αἰωνίαν καὶ ἐλπίδα ἀγαθὴν als jeweils zukünftige Begriffe, letzteren als „Epexegese“ des ersteren; Anders z.B. Dobschütz, Thessalonicherbriefe, S. 302, der im ersten Begriff Gegenwart und im zweiten Zukunft sieht. 362 Vgl. Nebe, Hoffnung, S. 170 u.a. 363 Ebd., S. 22. 364 Vgl. ebd., S. 169. 365 Vgl. Hoppe, 2Thess, S. 317. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 137 bunden, was bei Paulus nicht üblich ist,366 wohl kennt er aber die Vorstellung eines Gerichts.367 Auffällig ist, dass sich die Hoffnung weder hier, noch an anderer Stelle in 2Thess auf dem zurückliegenden Kommen Jesu oder seiner Auferstehung begründet. Allerdings sagt 2Thess 2,13–17 insgesamt bereits realisiertes Heil aus. Zudem ist in 1Thess 1,10 realisierte Eschatologie in Form des auferweckten Jesus bereits vorhanden, 2Thess müsste dies nicht mehr anführen. καρδία findet sich sowohl in 2Thess 2,17 (im Anschluss an V.16) und 3,5 als auch in 1Thess 3,13 im eschatologischen Kontext.368 In 2Thess 3,5 wird auf das „geduldige Warten auf Christus“ abgezielt, in 1Thess 3,13 auf die Parusie. In 2Thess 3,5 sollen die Herzen gelenkt, in 2Thess 2,17 und 1Thess 3,13 gestärkt werden. κατευθύνω aus dem Gebetszusammenhang des 2Thess 3,5 taucht dabei im Gebetszusammenhang von 1Thess 3,11 auf, allerdings nicht auf die Herzen, sondern auf den „Weg“ der Verfasser zur Gemeinde bezogen. Es zeigt sich, dass die Gebetsabschnitte 2 Thess 2,16f.; 3,5 und 1Thess 3,11–13 sprachlich eng miteinander verschränkt sind. Eine interessante Beobachtung liegt in der Parallele von 1Thess 3,12 und 2Thess 1,3 – in beiden Fällen folgt im Satz danach ein eschatologischer Bezug (1Thess: Parusie – 2Thess: Verfolgungen, Bedrängnisse, in den Folgeversen dann Parusie): 2Thess 1,3 d ὅτι ὑπεραυξάνει ἡ πίστις ὑμῶν e καὶ πλεονάζει ἡ ἀγάπη ἑνὸς ἑκάστου πάντων ὑμῶν εἰς ἀλλήλους, 1Thess 3,12 a ὑμᾶς δὲ ὁ κύριος πλεονάσαι b καὶ περισσεύσαι τῇ ἀγάπῃ εἰς ἀλλήλους καὶ εἰς πάντας καθάπερ καὶ ἡμεῖς εἰς ὑμᾶς Im Gebet des 2Thess fehlt die „Parusie“, von der man in 1Thess 3,13 liest. Dafür findet sich das „geduldige Warten auf Christus“ (τὴν ὑπομονὴν τοῦ Χριστοῦ), was eschatologisch zu verstehen ist. Auch 366 1Kor 15, 23f.: Eine Art Gericht nachgelagert; 2Kor 5,10: Richterstuhl, Gericht (βῆμα), allerdings nicht in Zusammenhang mit Parusie, eher nach dem Tod des einzelnen Menschen. 367 Vgl. u.a. Röm 2,5f.; 5,9; 1Thess 1,10; 5,9 – jeweils ὀργη, 1,10 mit ἀναμένειν τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐκ τῶν οὐρανῶν, was wohl mit der Parusie gleichsetzen ist. 368 καρδία: Dreimal 1Thess, davon nur einmal im Gebetszusammenhang, zweimal 2Thess (2,17; 3,5) – jeweils im Gebetszusammenhang und auch jeweils im Zusammenhang mit dem Thema „Liebe“. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 138 beim Briefschluss (2Thess 3,16–18/1Thess 5,23–28) fehlt in 2Thess die Parusie. Dies könnte an der vermuteten Intention des 2Thess liegen, mit der eigentümlichen Dopplung des „Friedens“, die römischen Herrschaftsansprüche in die Schranken zu weisen (s.o.). 1Thess 3,13 spricht vom „untadelig sein in Heiligkeit369 vor370 unserem Gott und Vater“ bei der Parusie. 2Thess greift dies in inhaltlich verwandter Weise an anderer Stelle auf (1,11). Das Erscheinen des Herrn μετὰ πάντων τῶν ἁγίων αὐτοῦ kommt in der brieflichen Fürbitte des 2Thess nicht vor, dafür in 1,6 in synonymer (μετ᾿ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ), in 1,10 in anderer Bedeutung (ἐνδοξασθῆναι ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ). Das Stärken der Herzen in 1Thess 3,13 wird in 2Thess 2,17 aufgegriffen (vgl. auch 2Thess 3,3 und Briefschluss), allerdings nicht im Zusammenhang mit der Parusie, aber mit dem „ewigen Trost“ und der „guten Hoffnung“ – in beiden Briefen also im eschatologischen Zusammenhang. Zwischenergebnis Briefliche Fürbitte Parallelen: ὑπομονή hat in den Thessalonicherbriefen stets eine eschatologische Konnotation, nämlich in 1Thess 1,3; 2Thess 1,4 und 3,5. 1Thess 3,13 spricht vom „untadelig sein in Heiligkeit vor unserem Gott und Vater“ bei der Parusie. 2Thess 1,11 greift dies außerhalb der Danksagung mit anderen Worten auf. Auch das Kommen des Herrn „mit allen seinen Heiligen" (1Thess 3,13) kommt im Gebet des 2Thess nicht vor, dafür in 1,6 in synonymer (μετ᾿ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ), in 1,10 in anderer Bedeutung (ἐνδοξασθῆναι ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ). In beiden Briefen trifft man καρδία im Gebetszusammenhang und im eschatologischen Kontext (2Thess 2,17 im Anschluss an V.16; 3,5: 1Thess 3,13). 3.4.5 369 ἁγιωσύνη – nur im Corpus Paulinum: Röm 1,4 (im eschatologischen Zusammenhang der Auferstehung Jesu von den Toten), 2Kor 7,1. 370 ἔμπροσθεν – eschatologisch im Corpus Paulinum: 2Kor 5,10 (vor dem Richterstuhl Christi), 1Thess 1,3; 2,19. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 139 Aktualisierung und Transformation des paulinischen Erbes: 2Thess beinhaltet im Gegensatz zur einen brieflichen Fürbitte des 1Thess drei gebetsartige Texte (1,11f., 2,16f., 3,5).371 In allen drei Texten in 2Thess spielen eschatologische Inhalte eine große Rolle. „Paulus“ hat große Sorge bezüglich der Gemeinde, was die letzten Dinge betrifft. So stellt 1,11f. die „Berufung“ in einen noch unvollendeten Zusammenhang und thematisiert so die Unsicherheit der Gemeinde im Glauben, auch im Bezug zur Parole, die fälschlicherweise behauptet, der Tag des Herrn sei schon da – in anderen Worten: „die Berufung“ sei endgültig vollzogen. 2,16f. ermutigt zum Leben im Sinn des Paulus und markiert mit der Wendung „gute Hoffnung“ den wahren Anker der Adressaten. In der heidnischen Umwelt jedenfalls, zu der Distanz einzuhalten ist, findet sich keine gute Hoffnung. 3,5 wiederum weist auf das „geduldige Warten auf Christus“ (3,5) hin, was eschatologisch zu verstehen ist und hinsichtlich 2,2 besagt, dass der Tag des Herrn noch nicht gekommen, vielmehr auf ihn zu warten sei. In 1Thess sind mit den „Heiligen“ mit Sicherheit „Engel“ gemeint und keine Gläubigen. Dies wird in 2Thess 1,6 aufgegriffen. In 2Thess 1,10 stellen die „Heiligen“ die „Glaubenden“ dar. Genuine eschatologische Inhalte des 2Thess: Nicht im Gebet des 1Thess vorkommend ist V.16c („ewiger Trost und gute Hoffnung“). Der Ausdruck παράκλησιν αἰωνίαν ist die semantische Opposition zu 2Thess 1,9: Bei der „Hoffnung“ und dem „Trost“ könnte es sich um das Gericht handeln, das bereits sicher feststeht und im Leiden der Gemeinde schon Vorzeichen in die Welt sendet (2Thess 1,5). Das Gericht erscheint sozusagen als Vergewisserung der Heilszusage, „im Dienste des ekklesialen Heils“372 und eröffnet den Weg zur Gemeinschaft mit dem Herrn (1,7; 2,1). Die Parusie ist in 2Thess 2,8 mit dem Gericht verbunden, was bei Paulus nicht üblich ist, wohl kennt er aber die Vorstellung eines Gerichts. Die Bedrängnisse der Gemeinde lassen „Paulus“ zu dieser einzigartigen Verbindung von Parusie und Gericht kommen. 371 Briefschlüsse jeweils auch mit Gebetswunsch: 1Thess 5,23(f.); 2Thess 3,16. Hier ist nur in 1Thess ein eindeutiger Bezug zur Parusie gegeben. 372 Vgl. Hoppe, 2Thess, S. 317. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 140 In 2Thess fehlende eschatologische Inhalte: Interessant ist, dass die Hoffnung weder hier noch an anderer Stelle in 2Thess auf dem zurückliegenden Kommen Jesu oder seiner Auferstehung begründet ist. Allerdings begründet 2Thess 2,13–17 insgesamt bereits realisiertes Heil, wenn auch noch in nicht vollendeter Form. Zudem ist in 1Thess 1,10 realisierte Eschatologie bereits vorhanden, 2Thess müsste dies als in enger Verbindung stehendes Schreiben nicht mehr anführen. Motivgeschichtlicher Hintergrund: ἐλπἰς άγαθή (2Thess 2,16) Außerbiblische Parallelen Eleusinische Mysterien Eine außerbiblische Parallele könnte sich in den Eleusinischen Mysterien finden,373 die mindestens seit Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. bezeugt sind und vermutlich jahrhundertelang die Mysterien schlechthin blieben.374 Einleitend ist zu sagen, dass die Quellenlage zu den Mysterien von Eleusis dürftig ist und somit Unsicherheiten bleiben, auch wenn die im folgenden Abschnitt zitierten Forscher zu ähnlichen Darstellungen kommen. Die Mysterien galten zwei Göttinnen, der Korngöttin Demeter und ihrer Tochter Persephone.375 Mutter und Tochter sind die Hauptgestalten der Eleusinischen Mysterien376 und würden dort als ein einziges göttliches Wesen verstanden.377 Persephone ist eine griechische Unterwelts- und Naturgottheit und Gemahlin des Hades.378 Sie sei als Herrscherin des Totenreichs auf Denkmälern dargestellt379 und u.a. in Korinth und in den Provinzen Achaia (in Aigion und Patrai) und Mazedonien (u.a. Philippi) verehrt worden.380 Über Eleusis habe sich der 3.4.6 a.) 373 Vgl. Nebe, Hoffnung, S. 76. 374 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 10: „modelhafte[n] für die antike Welt“. 375 Vgl. ebd., S. 12. 376 Vgl. Bräuninger, Art. Persephone, Sp. 945. 377 Vgl. ebd., Sp. 969. 378 Vgl. ebd., Sp. 944. 379 Vgl. ebd., Sp. 956. 380 Vgl. ebd., Sp. 961ff. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 141 Kult von Demeter und Persephone über die ganze griechische Welt verbreitet.381 Eleusis ist eine antike Küstenstadt rund 20km nordwestlich von Athen und Kultstätte der Demeter,382 und wohl „der Mysterienort der Antike schlechthin“.383 ἔλευσις bedeutet „Ankunft“.384 Die Mysterien seien von der Polis Athen organisiert und vom „König“, dem archon basileus, beaufsichtigt worden – dieser wurde jährlich gewählt, so Burkert.385 An den Mysterien von Eleusis nahmen vor allem Griechen, später dann auch Römer der Oberschicht und einige Kaiser teil. Zu besonderen Gelegenheiten hätten sich die Mysten in Athen versammelt und seien „in einer Prozession zu dem Heiligtum der Demeter“ gewandert.386 „Im Feuerschein der Kulthöhle“, so Auffarth, „erfuhren sie das Geheimnis der Mysterien in zwei Stufen, zunächst als Mystai (Verschlossene), dann nach Jahresfrist als Epoptai (Sehende). Den Eingeweihten versprachen die Mysterien ein seliges Leben nach dem Tod. […]“ Metaphern der Mysterien wie […] die Schau der Wahrheit im Feuer der Höhle wurden geläufig.“387 „Tausende von Mysten“ hätten jährlich die Mysteriennacht in Eleusis besucht,388 um durch die Göttin die „Gewähr einer ‹besseren Hoffnung› für das Dasein nach dem Tode“389 zu haben. Im „Telesterion“ (Weihehaus; Halle der Initiationen: 381 Vgl. Bräuninger, Art. Persephone, Sp. 968. 382 Vgl. Auffarth, Art. Eleusis, Sp. 585. 383 Ebner, Stadt, S. 252. 384 Gebrauch siehe Bauer, Wörterbuch, Sp. 506, u.a. ActPaul, Kor 2,3 auch im Sinne von „wiederkommen“, im NT zwar eschatologisch, aber nicht auf Parusie bezogen. Vgl. Apg 7,52; Lk 21,7 D; 23,42; Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1248.: „Mag der Name auch vorgriechischen Ursprungs sein, jedes griechische Ohr muß bei dem Namen Eleusis an ‚das Land der Ankunft‘ denken, unverständlich zunächst für den Fremden und Profanen, aber nicht für den Mysten, der weiß von wessen Ankunft den Eleusiniern Segen auf Segen erwachsen ist.“ 385 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 12.41. 386 Vgl. Auffarth, Art. Eleusis, Sp. 585. 387 Vgl. ebd. 388 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 47. 389 Ebd., S. 12: „Auch Dionysos-Kult kennt Mysterienweihen mit geheimen, persönlichen Ritualen mit dem Versprechen seligen Lebens im Jenseits“; Jessen, Otto, Art. Eleusiana 1, in: Paulys Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft Halbband 10 (1905), Sp. 2329.: „Der Kult dieser alten Göttin [Demeter Eleusinia] […] erhielt […] in Eleusis seine Ausgestaltung und Vertiefung nach der […] teils agrarischen, teils auf das Leben nach dem Tod bezüglichen Richtung.“ 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 142 große Halle für Tausende von Mysten) habe dann der Hierophant „das Heilige“ „gezeigt“.390 Ziel der Mysterien sei ein seliges Leben nach dem Tod – „wer die Mysterien [habe], dem [wurde angeblich] ein besseres Dasein im Jenseits garantiert.“391 Demeters Segen würde „den Frommen nach dem Tod in ein Reich des Friedens und der Seligkeit“ führen392 und hätte damit auch eschatologische Relevanz. „Ein Kult der “ habe „sich zwar früh schon in Griechenland weit ausgebreitet, doch ohne die speziellen Mysterien, die […] eben nur an dem Ort stattfinden konnten, den die Göttin selbst erwählt hatte.“393 Für Persephone gilt auch die Bezeichnung Κόρη oder Δήμητρος Κόρη, ihr Heiligtum wird Κοράγιον genannt und befand sich in Mantineia.394 Eine in Mantineia (50km südwestlich von Korinth) zwischen 64– 61 v. Chr. verfasste Inschrift könnte unter Umständen auf eine Verbindung zwischen dem Ausdruck ἐλπἰς άγαθή und dem Kore-Kult, sprich Eleusis hinweisen.395 Die Inschrift beschreibt eine gewisse Nikippa, eine angesehene und fromme Frau, die sich durch Großzügigkeit gegenüber den „Koragoren“ und der Göttin Kore selbst ausgezeichnet und den Tempelbau unterstützt habe. Aus der Inschrift lässt sich schließen, dass Nikippa verstorben und ihr ein gutes Andenken u.a. auf Tafeln im Tempel zu gewähren sei. Der redlichen Dienerin der Göttin werden „gute Hoffnungen“ bezüglich der nun kommenden Dinge zugesprochen. Die Inschrift lässt den von Cumont vermuteten Zusammenhang zwischen dem Demeter-Persephone-Kult und dem Ausdruck ἐλπὶς ἀγαθή zwar als möglich erscheinen,396 der Plural („gute Hoffnungen“) versieht diese Annahme jedoch mit Unsicherheiten. 2Thess kennt nur den Singular, weist jedoch auf ein Leben nach diesem Leben hin. „Pau- 390 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 12. 391 Vgl. ebd., S. 27. 392 Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1247. 393 Burkert, Mysterien, S. 41. 394 Vgl. Bräuninger, Art. Persephone, Sp. 945. 395 Vgl. Cumont, Lux, S. 240: „cette expression […] qui est traditionelle chez les écrivains grecs, parait empruntée au rituel même d'Éleusis“; Otzen, Hoffnung, S. 284; Inscriptiones Graecae Vol. V, 2, ed. Hiller v. Gaertringen (1913) Nr. 265, pag. 53. 396 Cumont, Lux, S. 240. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 143 lus“ verbindet die „gute Hoffnung“ mit Gnade (2,16), die Mantineia- Inschrift vor allem mit Verdiensten. Kaiser und Mysterien Augustus397 (Herrschaft 31 v.–14. n. Chr.) ließ sich vermutlich in die Mysterien von Eleusis einweihen.398 Caligula (Herrschaft von 37–41 n. Chr.) habe zumindest den Isiskult gefördert, der in Rom erst unter seiner Herrschaft definitiv Anerkennung fand.399 In seiner Zeit entstand auf dem Marsfeld der bedeutendste Isis-Tempel.400 Der Isiskult ließ angeblich „Götter in Statuen wohnen […], die eines ‹Hauses› […] bedürfen“401. Möglicherweise ist der Isis-Kult mit seinen ägyptischen Wurzeln Vorläufer und Ursprung der Mysterien von Eleusis.402 Claudius403 (Herrschaft von 41 bis 54 n. Chr.) förderte die Mysterien von Eleusis.404 Nero (Herrschaft von 54 bis 68 n. Chr.) ließ sich interessanterweise wahrscheinlich nicht weihen.405 Vespasian (Herrschaft von 69 bis 79 n. Chr.) pflegt mittelbaren Kontakt mit dem Kult. Die Heilung eines Blinden steht im Zusammenhang mit dem Gott Serapis, der Bea1.) 397 Geb. 63 v. Chr. als Gaius Octavius; † 19. August 14 n. Chr. 398 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1255; Bereits Caesar, Adoptivvater des Augustus, nahm gemäß Cassius Dio 51, 4, 1 an den Mysterien „der beiden Göttinnen“ teil. 399 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 10. 400 Vgl. ebd., S. 43; Tacitus, Historien, S. 708: Caligula errichtete den Tempel für Isis und Serapis. 401 Burkert, Mysterien, S. 42. 402 Vgl. ebd., S. 44f. 403 Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus (vor seinem Herrschaftsantritt Tiberius Claudius Nero Germanicus; * 10 v. Chr.; † 54 n. Chr.). 404 Vgl. Sueton, Claudius 25,5: „contra sacra Eleusinia etiam transferre ex Attica Rornarn conatus est“. 405 Vgl. Sueton, Nero 34: „Als er eine Reise durch Griechenland unternahm, wagte er es auch nicht, an den Eleusinischen Mysterien teilzunehmen, von denen Menschen, die gegen die Götter gefrevelt haben, und auch solche, die gegen die Menschen ein Verbrechen begangen haben, ausgeschlossen werden, wie der Herold verkündet.“ 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 144 züge zu den Eleusinischen Mysterien hat.406 Hadrian407 (Herrschaft von 117–138 n. Chr.) habe sich wiederum in die Mysterien von Eleusis einweihen lassen,408 genau wie Marc Aurel (Herrschaft von 161 bis 180 n. Chr.).409 Auch Commodus (Herrschaft von 180 bis 192 n. Chr.) habe die Geheimnisse erfahren.410 Viele Kaiser waren also wahrscheinlich in die Mysterien eingeweiht und/oder förderten sie. Zur Zeit des Paulus war Claudius ein Förderer, Nero hingegen nicht. Die Mysterien von Eleusis waren unter den Herrschenden verbreitet, so kamen deren für Christen teils problematischer und gottgleicher Herrschaftsanspruch und dem christlichen Wahrheitsanspruch entgegenstehende religiöse Überzeugungen in einer unseligen Personalunion zusammen. Römische Göttin Spes „[D]ie Verehrung der Spes [war] unter dem Prinzipat [27 v. Chr–284 n. Chr.] Bestandteil der Loyalitätsreligion“411. „In der Kaiserzeit“ trat Latte folgend „die Spes als Spes augusta in besondere Beziehung zum Kaiserhaus […] [und] ihr Kult […] [sei zu] eine[r] Ausdrucksform jener Loyalitätsreligion [geworden], die für die offizielle Religiosität der Zeit bezeichnend ist.“412 „Häufig figuriert Elpis auf Billon- und Kupfermünzen der römischen Kaiserzeit“413, u.a. bei Claudius (41–54 n. Chr.) und Domitian (Kaiser von 81–96 n. Chr.). „Manche sog. Elpistiker haben offensichtlich die Hoffnung als Lebensprinzip der Welt definiert […], und mit der Regierungszeit des röm. Kaisers konnten sich (»eschatologische«) Hoffnungen verbinden“, so Nebe.414 Münzdarstelb.) 406 Vgl. Tacitus, Historien, IV, 81: Serapis war der Gott, der einen Blinden zu Vespasian geschickt haben soll, der diesen dann heilte; Ebd. S. 708: „Der Eumolpide Timothes (Eumolpiden: eleusinisches Priestergeschlecht, das jahrhundertelang die Hierophanten [Priester] für die Mysterien von Eleusis in Attika stellte) und der ägyptische Priester Manetho überlegen den Mischcharakter des Gottes.“ 407 Hadrian: Geb. 76 n. Chr., gestorben 138 n. Chr. 408 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1255f.: Hadrian 125 n. Chr. zum Mysten geweiht, 129 n. Chr. zum Epopten. 409 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1257. 410 Vgl. ebd. 411 Nebe, Hoffnung, S. 40. 412 Vgl. Latte, Art. Spes, Sp. 1635. 413 Waser, Art. Elpis, Sp. 2455f. 414 Nebe, Art. ἐλπίς, S. 998. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 145 lungen der Elpis gab es auch in der Heimat des Paulus, Tarsos.415 Die „Spes“ wird oft ausdrücklich als „bona Spes“ bezeichnet.416 Dieser Beiname kommt wohl in der Literatur und auf Gefäßen vor.417 Ein Zusammenhang mit 2Thess scheint möglich. Zum einen durch die Verwendung des Singulars („gute Hoffnung“), zum anderen durch die eschatologische Dimension, die sich im Kontext einer mit den römischen Kaisern verbundenen Göttin ergibt. Schriftsteller Platon (428/427 v. Chr.–348/347 v. Chr.), der bedeutende griechische Philosoph, benutzt die Wendung in seinem Werk Phaidon. Phaidon ist benannt nach dem Philosophen Phaidon, der als Erzähler eines wohl fiktiven Gesprächs zwischen Sokrates und seinen Freunden auftritt. Es handelt von der „Frage nach dem richtigen, dem guten Leben“, wobei es bezüglich der Thematik doch unterschiedliche Ansichten in der Forschung gibt.418 Unsterblichkeit jedenfalls ist ein großer Punkt, der in der Dialogform des Phaidon vielfach verhandelt wird. Sokrates, Lehrer des Platons und Phaidons, wurde 399 v. Chr. tatsächlich zum Tode verurteilt und führt vor seinem Ableben die angebliche philosophische Diskussion, über die nun Platons Schrift post mortem berichtet. Handlungsort ist die Stadt Phleius in Griechenland. Im ersten Teil des Dialoges ist Sokrates angehalten, seine Hoffnung vor dem bevorstehenden Tod zu begründen, wenn doch auch die Möglichkeit bestünde, dass Unsterblichkeit nicht existiere. In einem „philosophischen Credo (63b–69e)“ antwortet er auf den angefragten „Zusammenhang zwischen seinem philosophischen Leben und seinem Sterben“419. Erst der Tod, so Sokrates, bringe die Trennung von Körper und Seele, der dieser im Leben hinsichtlich des Erlangens von „Wissen“ „Reinem“ und dem „Wahren“ meist im Weg steht.420 Phaidon 67 schließt an: c.) 415 Vgl. Waser, Art. Elpis, Sp. 2455f.; Vgl. Nebe, Hoffnung, S. 239f.: „Allerdings stammen die von Tarsos erst aus späteren Jahren […] (3. Jh. n. Chr.). Doch könnten derartige Münzen durchaus schon früher in Umlauf gewesen sein.“ 416 Vgl. Wissowa, Art. Spes, Sp. 1295. 417 Vgl. Latte, Art. Spes, Sp. 1635. 418 Vgl. Platon, Phaidon, XIIf. 419 Ebd., XX. 420 Ebd., 66f. (S. 25–31). 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 146 οὐκοῦν, ἔφη ὁ Σωκράτης, εἰ ταῦτα ἀληθῆ, ὦ ἑταῖρε, πολλὴ ἐλπὶς ἀφικομένῳ οἷ ἐγὼ πορεύομαι, ἐκεῖ ἱκανῶς, εἴπερ που ἄλλοθι, κτήσασθαι τοῦτο οὗ ἕνεκα ἡ πολλὴ πραγματεία ἡμῖν ἐν τῷ παρελθόντι βίῳ γέγονεν, ὥστε ἥ γε ἀποδημία ἡ νῦν μοι προστεταγμένη μετὰ ἀγαθῆς ἐλπίδος γίγνεται καὶ ἄλλῳ ἀνδρὶ ὃς ἡγεῖταί οἱ παρεσκευάσθαι τὴν διάνοιαν ὥσπερ κεκαθαρμένην. Übersetzung nach Zehnpfennig:421 Nun, sagte Sokrates, wenn das wahr ist, mein Freund, dann besteht ja große Hoffnung für den, der dort ankommt, wohin ich jetzt gehe, daß er dort, wenn überhaupt irgendwo, in hinreichendem Maß das erwerben wird, worum wir uns im vergangenen Leben so viel Mühe gemacht haben; so daß die mir nun befohlene Reise mit guter Hoffnung unternommen werden kann, auch für jeden anderen Menschen, der glaubt, sein Denken so eingerichtet zu haben, daß es rein ist. Die „gute Hoffnung“ steht also im Kontext des Lebens nach dem Tod. Grund für die Hoffnung ist laut Text die bevorstehende und befreiende Trennung von Körper und Seele, sowie ein „reines“ Denken der Menschen vor dem Tod. „Rein“, so kann man den Text verstehen (66f.), heißt befreit von körperlich bedingten Begierden aller Art. Als „Begierden“ können dabei unter anderem „Liebesverlangen“, „Ängste“, „Erwerb von Gütern“, „Kriege, Zwietracht und Kämpfe“ gelten. 2Thess allerdings begründet an keiner Stelle die „gute Hoffnung“ mit der Trennung von Körper und Seele und macht hinzu den gnadenhaften Aspekt der Hoffnung stark (2,16). Ähnlich Platon berührt die „gute Hoffnung“ bei „Paulus“ jedoch ein jenseitiges Leben, wobei, so ist vorsichtig aus einer anderen paulinischen Schrift zu schließen, auch die im hiesigen Leben vorhandene Körperlichkeit nicht oder in anderer Weise vorhanden sein wird (Vgl. 1Kor 15). Cicero (106–43 v. Chr.), der wohl in seiner Jugend in Eleusis die Initiation erfahren hat,422 verfasste sein Werk De legibus im Anschluss an De re puplica. Handelte Letzteres über den besten Staat, so De Legibus über die besten Gesetze. Cicero schrieb seine Ausführungen vermutlich zwischen 51 und 46 v. Chr., veröffentliche diese aber selbst nie.423 In Dialogform zwischen Marcus Tullius Cicero, dessen Bruder Quintus Cicero und Titus Pomponius Atticus, einem Freund, werden Ciceros Gedanken deutlich gemacht. Im zweiten Buch des Werkes werden religiöse Gesetze behandelt, die der römischen Tradition folgen. Quintus 421 Vgl. Platon, Phaidon, S. 29. 422 Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1255. 423 Vgl. Büchner, Rechtlichkeit, S. 134–147. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 147 bittet Marcus „Gesetze über die Religion“ vorzulegen (II, 17), dieser kommt dem dann in den folgenden Gesprächen umfangreich und detailliert nach. Er führt unter anderem aus, dass nur vom römischen Staat anerkannte Götter verehrt werden sollen, „neue und fremde Götter“ hingegen nicht (II, 19.25). Zudem sollen die geforderten „heiligen Handlungen“ vollzogen werden (II,19). Marcus erwähnt schließlich „die nächtlichen Opfer der Frauen“, die, so legt es der Text nahe, genau wie „feierliche öffentliche Opfer“ nicht vom „Gesetz“ gedeckt waren (II, 35). Konsequenterweise müssten also die nächtlichen Feiern aufgehoben werden – Atticus und Marcus wollen allerdings bei den Mysterien, in die sie selbst eingeweiht sind – die Eleusinischen in Athen – „eine Ausnahme“ machen (II, 36). Dass nun von den Eleusinischen Mysterien gesprochen wird, zeigen die Erwähnung des „Iaccus“, der eine bedeutende Rolle in Eleusis spielt, sowie der Eumolpiden, eines eleusinischen Priestergeschlechtes, sowie der benannte Ort Athen, dem Sitz der Mysterien (II 35f.) Die Ausnahme, die von sittsamen Vollzügen, von Feiern für Frauen bei Tageslicht und der Einweihung derselben in den Ritus begleitet sein soll (II, 37), wird folgendermaßen begründet: [36] Atticus: Excipis credo illa quibus ipsi initiati sumus. Marcus: Ego vero excipiam. Nam mihi cum multa eximia divinaque videntur Athenae tuae peperisse atque in vitam hominum attulisse, tum nihil meilus illis mysteriis, quibus ex agresti immanique vita exculti ad humanitatem et mitigati sumus, initiaque ut appellantur ita re vera principia vitae cognovimus, neque solum cum laetitia vivendi rationem accepimus, sed etiam cum spe meliore moriendi. Übersetzung nach Büchner:424 Atticus: Du machst eine Ausnahme, glaube ich, mit jenen, in die wir selbst eingeweiht sind. Marcus: Ja, ich werde mit ihnen eine Ausnahme machen. Denn dein Athen scheint mir vieles Außerordentliche und Göttliche hervorgebracht und in das Leben der Menschen eingeführt zu haben, vor allem aber nichts Besseres als jene Mysterien, durch die wir aus einem wilden und unmenschlichen Leben zur Menschlichkeit gebildet und gemildert worden sind, durch die wir die »Anfänge«, wie sie geheißen werden, in Wahrheit aber die Grundlagen des Lebens kennengelernt und nicht nur mit Freude den Sinn des Lebens empfangen haben, sondern auch mit besserer Hoffnung den des Sterbens. Bevor die Eleusis-Anhänger „zur Menschlichkeit gebildet“ wurden, so beschreibt es Cicero, führten sie ein „wildes und unmenschliches Leben“. Die „bessere Hoffnung“, die nun Inhalt des neuen Lebens ist, 424 Vgl. Cicero, Rechtlichkeit. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 148 wird mit einer eschatologischen Konnotation versehen und bezieht sich auf den „Sinn des Sterbens“, den die in die Mysterien Eingeweihten neben dem „Sinn des Lebens“ als „Grundlagen des Lebens“ empfangen haben. Der „Sinn des Sterbens“ wird nicht näher ausgeführt, es liegt aber nahe, dass die „bessere Hoffnung“ auf ein gegenüber anderen Menschen positiveres Schicksal nach dem Tod hinweist. Cicero spricht also im Zusammenhang der Eleusinischen Mysterien von einer „besseren Hoffnung“. Diese Formulierung ist der „guten Hoffnung“ in ihrer Bedeutung ähnlich, eine genaue wörtliche Entsprechung ist allerdings nicht zu verzeichnen. Interessant sind der Konnex zu Eleusis und der eschatologische Zusammenhang. Julian Apostata (4. Jh. n. Chr.),425 „der sich heimlich in Eleusis einweihen ließ“426, schrieb einen Hymnus „An die Mutter der Götter“ (Orat. V). Darin befasst sich der römische Kaiser mit der Göttin Kybele, der „Mutter der Götter“, die im Lateinischen auch als Magna Mater bezeichnet wird. Er beschreibt den Eintritt der Göttin in die italienische Welt im 3. Jh. v. Chr.427 Dabei benutzt er eine ungewöhnliche Konzeption, die das Ziel hat, neoplatonische Gedanken mit dem Kybele-Kult zu verschränken.428 Verfasst wurde das Werk vermutlich in Pessinus in Phrygien um 362 n. Chr.429 In den Schlussworten seiner Hymne „An die Mutter der Götter“ kommt er zu folgendem Ausspruch: καὶ τὸ τοῦ βίου πέρας ἄλυπον τε καὶ εὐδόκιμον μετὰ τῆς ἀγαθῇς ἐλπίδος τῆς ἐπὶ τῇ παρ᾿ ὑμᾶς πορείας. und des Lebens Ende sei ohne Kummer und auch ehrenvoll mit guter Hoffnung hinsichtlich der Reise zu Euch [Göttern].430 Julian benutzt im 4. Jh. n. Chr. die „gute Hoffnung“ und setzt sie mit dem Ende des Lebens in Verbindung. Der Mensch, auf dem Weg zu den Göttern, kann guter Hoffnung sein, wenn er, so kann man die Zeilen zuvor interpretieren, die „Lehren der Götter“ kennt, „Wissen über 425 Flavius Claudius Iulianus (geb. 331 o. 332 n. Christus; gest. 363 – von 360–363 n.Chr.), römischer Kaiser. 426 Otzen, Hoffnung, S. 283. 427 Vgl. Julian, Oration, S. 439. 428 Vgl. ebd., S. 439. 429 Vgl. ebd., S. 441. 430 Eigene Übersetzung in die deutsche Sprache. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 149 die Götter“ hat und ihnen in rechter Weise dient.431 Es wird allerdings der Kybele-Kult beschrieben, der zudem modifiziert wird. Eine Verbindung des Begriffs zu Eleusis kann folglich nicht nachgewiesen werden. ἐλπἰς άγαθή im Judentum Ein Grabstein aus der Zeit Augustus (Wende 1.Jh. v. Chr./1. Jh. n. Chr.) zeigt, dass die Wendung auch im Judentum gebräuchlich war.432 Eine dreißigjährige Frau mit Namen Rachel lässt über eine Inschrift sagen: …έλέους ελπίδα αγαθὴν εγώ προσδέχομαι. Sammelbuch Griechischer Urkunden aus Ägypten, Hgg. Preisigke; Bilabel, 3. Bd., 1. Hälfte, Berlin – Leipzig 1926, S. 77, Nr. 6650: ᾽Αστ‹ε›οὶ καὶ ξε‹ῖ›νοι, κατακλαύσατε πάντες ῾Ραχῆλινm σώφρονα, πασιφίλην, ὡς (τριάκοντα ἐτῶν). Μὴ με μάτην πενθῖτε κενάς – εἰ δ᾽ ὀ‹λ›ίγον ζῆσα χρόνον κεριμένον, ἀλλὰ ἐλέους ἐλπίδα ἀγαθὴν433 ἐγὼ προσδέχομαι. Καὶ ᾽Αγαθοκλῆς, ὡς (ἐτῶν) λη. Eigene Übersetzung: Bürger und Fremdlinge, haltet ein ganz und gar, Rachel, die Keusche, die von allen Geliebte, etwa 30 Jahre alt. Nicht mich umsonst beklagt kraftlos – auch wenn ich nur wenig gelebt habe und eine beschwerliche Zeit, erwarte ich trotzdem der Barmherzigkeit gute Hoffnung. Und Agathokles, wie Jahre… Rachel, eine jüdische Frau, lebte kurz – sie wurde laut Inschrift nur etwa 30 Jahre alt – und unter nicht leichten Umständen. Die Verstorbene, so wird vermittelt, hat dennoch die „gute Hoffnung“ auf Barmherzigkeit. Sie hofft also auf ein gutes Weiterleben nach dem Tod, daher soll keiner sie deshalb beklagen. 2Thess 2,16 weist die „gute Hoffnung in Gnade“ auf, eine zumindest ähnliche Formulierung. Die Thessalonicher hatten es zudem schwer, lebten unter Verfolgungen. Je nach Auslegung der Inschrift gibt es also durchaus inhaltliche Parallelen. d.) 431 Vgl. Julian, Oration, S. 502. 432 Vgl. Preisigke, Friedrich (Hg.), Sammelbuch Griechischer Urkunden aus Ägypten, Bd. 3/1, Berlin u.a. 1926, S. 77, Nr. 6650. 433 2Thess 2,16: ἐλπίδα ἀγαθὴν ἐν χάριτι. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 150 Philon von Alexandrien434, ein jüdischer Philosoph und herausragender Vertreter der jüdisch-hellenistischen Literatur, nahm 39/40 n. Chr. als älterer Mann435 an einer jüdischen „Gesandtschaft zu Caligula“ teil und verfasst daraufhin sein Werk Legatio ad Gaium, eine Schmährede gegen Gaius, sprich den Kaiser Caligula. In diesem Werk zeigt Philon u.a. feindseligen Handlungen des Herrschers gegen Juden auf, z.B. die geplante Aufstellung eines großen Abbildes seiner selbst im Jerusalemer Tempel436 und berichtet über die Reise zu Caligula. Er beschreibt die Unruhen in Alexandria, wobei sich allein die Juden dem Anspruch des Kaisers widersetzt hätten, der sich selbst als Gott darstellt habe.437 Im 29. Kapitel wird die drohende Tempelschändung durch Caligula thematisiert, der eine Zeus-Statue in das Heiligtum stellen will.438 Die Bewohner Alexandrias sind erschüttert und verzweifelt. Die Gesandten, die Caligula aufsuchen, überlegen aber zu kämpfen, ihn zu töten und sehen es als ehrenvoll an, für die Verteidigung des Gesetzes zu sterben. Sie lassen dann aber davon ab, da sie Nachtteile für ihre jüdischen Genossen befürchten.439 Möglicher Kritik am Verhalten der Gesandten begegnen diese mit Verweis auf die Schriften und das Gesetz. Hierbei wäre folgende positive Konsequenz zu erwarten: καὶ οἱ νόμοι τοῖς ἐντυγχάνουσι μὴ χείλεσιν ἄκροις ἐλπίδας ἀγαθὰς δημιουργοῦσιν (Legatio, 195) und die Gesetze machen den mit äußersten Lippen Fürbittenden gute Hoffnungen Möglicherweise seien die vorhandenen Schwierigkeiten ein Test für das jüdische Volk, ob es sich mutig verhalte und die Dinge angemessen ertrage, so der Text weiter.440 Es gelte „Hoffnung“ auf die „Rettung Gottes“ zu leben, der schon oft aus schlimmen Situationen gerettet habe.441 In 2Thess 2,16 wird die „gute Hoffnung“ beschrieben, 2,13 und der Brief im Gesamten zeigt den rettenden Gott auf. Das Gesetz als 434 Geboren ungefähr 10–20 v.Chr., gestorben ca. 40–50 n. Chr. 435 Vgl. Philon, Legatio, 1. 436 Vgl. ebd., 203. 437 Vgl. ebd., 115–120. 438 Vgl. ebd., 188.191. 439 Vgl. ebd., 192–194. 440 Vgl. ebd., 196. 441 Vgl. ebd. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 151 hoffnungsstiftender Faktor wird nicht erwähnt, wenngleich die Leiden der Thessalonicher „Zeichen des gerechten Gerichtes Gottes“ (1,5) sind. Im Gegensatz zu Philon, der „die Gesetze“ als Quelle der „guten Hoffnungen“ sieht, weist 2Thess auf den Herrn Jesus und Gott hin, die Ursprung der „guten Hoffnung“ seien. Zudem ist in 2Thess eine eschatologische Dimension zu erkennen, im betreffenden Abschnitt der Legatio hingegen nicht. Die Verbindung zu Philon, der auch im Plural von „guten Hoffnungen“ spricht, ist allein aus diesen Beobachtungen eher schwach. Die Ausführungen zu Caligula (vgl. 3.2.3.2 Widersacher) weisen allerdings auf weitere mögliche Verbindungen hin. In der Schrift „De Iosepho“, Teil einer exegetischen Schriftenreihe zum Pentateuch, schreibt Philon über das Leben des aus dem Alten Testament bekannten Josef. Dieser wird als Typus des Staatsmannes dargestellt, was auch der eigentliche Titel „Lebensbeschreibung des Staatsmannes, oder über Joseph“ nahelegt. Im 17. und 18. Kapitel wird die Geschichte der Traumdeutung des Joseph im Gefängnis erzählt. Der Oberbäcker, motiviert durch die erfolgte positive Deutung des Traumes des Obermundschenkes, „erzählt in trügerischem Vertrauen auf die guten Hoffnungen des anderen seinen Traum“442. Hier wird die Formulierung wiederum im Plural verwendet und ist auf den versprochenen guten Ausgang des Traumes des Mitgefangenen bezogen. Im Vergleich zu 2Thess liegt also ein anderer Kontext vor. In der Gesamtschau aller angeführten Belege lässt sich sagen, dass die „gute Hoffnung“ als geprägte Wendung bezeichnet werden kann, die oft mit dem Leben nach dem Tod und einer jenseitigen Welt verbunden ist, aber auch andere Kontexte kennt. Mit Eleusis lassen sich die Worte nicht mit Sicherheit verbinden, da die Mantineia-Inschrift zwar am Ende eschatologisch geprägt ist, jedoch im Plural von „guten Hoffnungen“ kündet. Cicero ist zwar ein Eleusis-Anhänger, spricht aber lediglich von einer „besseren Hoffnung“. Julian Apostata schien Anhänger der Eleusinischen Mysterien zu sein, schreibt von der „guten Hoffnung“, weist allerdings auf den Kybele-Kult hin. Bei Platon, 442 Philon, Ueber Joseph, S. 177. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 152 möglicherweise ein Kenner der Mysterien, vielleicht auch in diese eingeweiht,443 treten diese im Singular auf und sind auf ein Leben nach dem Tod bezogen. Im Judentum kommt wiederum die „gute Hoffnung“ im Singular wie im Plural vor. Die Inschrift für die verstorbene Rachel hat einen eschatologischen Hintergrund, die Stellen bei Philon nicht. Interessant ist die römische Göttin Spes, die zugleich als „gute Hoffnung“ (bona spes) bezeichnet wird und mit eschatologischen Erwartungen in Verbindung gebracht werden kann. Mit Sicherheit kann also nur gesagt werden, dass „Paulus“ die „gute Hoffnung“ aus Gott herausstellt und er damit, mit konkretem Bezug zu anderen religiösen Vorstellungen oder nicht, jegliche anders begründete Hoffnung überbietet. Auffällig bleibt, dass die „gute Hoffnung“ oder verwandte Formulierungen wenn auch zum Teil nur marginale Verbindungen zu Eleusis oder zu in die Mysterien eingeweihten Autoren aufweist. Motivgeschichtlicher Hintergrund: Mögliche gemeinsame Motivkomplexe der Eleusinischen Mysterien und 2Thess Nach der „guten Hoffnung“, die möglicherweise, wenn auch mit Unsicherheiten behaftet, im Zusammenhang der Eleusinischen Mysterien zu vermerken ist, sollen nun weitere potentielle Überschneidungen im Sinn gemeinsamer Motivkomplexe zwischen 2Thess und den Mysterien in Eleusis untersucht werden. 2Thess 1,8 beschreibt, dass der Herr sich im „flammenden Feuer“ (ἐν πυρὶ φλογός) offenbart, um die zu bestrafen, die seinem Evangelium nicht gehorchen (τοῖς μὴ ὑπακούουσιν). Die Figur des Daduchos tritt bei den Lenaien auf, Festspielen im antiken Griechenland zu Ehren des Gottes Dionysos, der mit dem Iakchos in Eleusis gleichzusetzen ist (vgl. unten). Der Daduchos „hält die Fackel“ (κατέχων λαμπάδα) und die Kultteilnehmer wurden wohl οἱ ὑπακούοντες genannt.444 „Im 3.4.7 443 Vgl. Otzen, Hoffnung, S. 283. 444 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1230. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 153 Anaktoron [„Herrenhaus“] von Eleusis“ habe „ein großes Feuer“ gebrannt445 und in der Weihenacht wären Feuer, Lichterglanz, Feuerschein und Fackeln präsent gewesen.446 Im Laufe der Nacht habe „sich das Anaktoron [geöffnet] und Flammen“ hätten aufgeleuchtet, „in deren Schein der Hierophant einen heiligen Gegenstand“ präsentiert habe „und mit lauter Stimme das Mysteriengeheimnis“ verkündet[…]“447 hätte. Kore wird auf einem Sarkophag neben der einzuweihenden Person mit Fackeln gezeigt, "das Feuer“ habe „alle Unreinheit der Mysten vernichten“ sollen.448 Im Telesterion sei die Plutosgeburt ὑπὸ πολλῶι πυρι dargestellt worden.449 Auch ein Bild des Iakchos, eine in den Mysterien von Eleusis verehrte Gottheit, trägt laut Pausanias eine Fackel.450 Der eleusinische Iakchos sei mit Dionysos gleichgesetzt worden.451 Nun ist hier einschränkend einzuwenden, dass in 2Thess vom „Feuer“ die Rede ist, in den hier angeführten Stellen aber oft von „Fackeln“. Aus diesem Grund wird ein Bezug unwahrscheinlicher. 2Thess 2,10.12 beschreiben diejenigen, die die „Liebe zur Wahrheit“ sich nicht zu eigen machen, die der „Lüge“ statt der „Wahrheit“ Glauben schenken. 2Thess 2,13 spricht von der Erwählung zur Errettung durch den „Glauben an die Wahrheit“. Passend dazu die Mysterien: „Im Feuerschein der Kulthöhle“, so Auffarth, hätten die Menschen „das Geheimnis der Mysterien in zwei Stufen [erfahren], zunächst als Mystai (Verschlossene), dann nach Jahresfrist als Epoptai (Sehende). Den Eingeweihten“ seien durch „die Mysterien ein seliges Leben nach dem Tod“ versprochen worden und „Metaphern der Mysterien wie […] die Schau der Wahrheit im Feuer der Höhle“ seien bekannt gewesen.452 Hier ist zu konstatieren, dass das Motiv des „Schauens“ (der Wahrheit) in 2Thess keinerlei Rolle spielt, vielmehr ist der „Glaube an die Wahrheit“ essentiell. In Eleusis konnte jeder Bewerber zur Weihe kommen,453 in 2Thess bedarf es der Erwählung bzw. Berufung durch 445 Klauck, Umwelt I, S. 91; Vgl. Burkert, Mysterien, S. 79. 446 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1243. 447 Klauck, Umwelt I, S. 91f. 448 Deubner, Feste, S. 78. 449 Vgl. Hopfner Art. Mysterien, Sp. 1211.1243; Vgl. auch Deubner, Feste, S. 85. 450 Vgl. u.a. Pausanias, Beschreibung 1.2.4. 451 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 90. 452 Auffarth, Art. Eleusis, Sp. 585. 453 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 93. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 154 Gott und deren Bestätigung, um gerettet zu werden (2Thess 1,11; 2,13). 2Thess 2,8 beschreibt die „Epiphanie seiner Parusie“ und meint damit Jesus Christus. Der Gott Iakchos, alljährlicher Gast in Eleusis, feierte laut Hopfner dort seine alljährliche Epiphanie.454 Auch Epiphanien des Dionysos, der mit Iakchos gleichzusetzen ist, wurden wohl gefeiert.455 Es lag angeblich am Hierophanten, „die heiligen Dinge (τὰ ἱερά) durch Vorzeigen sichtbar zu machen (φαίνεσθαι) […], [hier] die geschnittene Ähre.“456 In 2Thess 2,7 kann man vom „Mysterium…der Gesetzlosigkeit“ lesen. Der Begriff μυστήριον erscheint häufig im Zusammenhang mit Eleusis. Burkert berichtet: „Wenn die Athener Einweihung feiern im Eleusinischen Fest, zeigen sie den Epopten das große, wunderbare, vollkommenste, das epoptische Geheimnis des Ortes, im Schweigen eine geschnittene Ähre“.457 Und er zeigt einen „Hierophant […] [der] bei Nacht in Eleusis unter einem großen Feuer die großen, unsagbaren Mysterien vollzieh[e]“.458 Natürlich ist hier zu bedenken, dass eine apokalyptische Herkunft des „Mysteriums“ ebenso zu bedenken ist. In 2Thess 2,13 ist von der Erwählung der Gläubigen als „Erstlingsgabe“ zu lesen (ὅτι εἵλατο ὑμᾶς ὁ θεὸς ἀπαρχὴν εἰς σωτηρίαν ἐν ἁγιασμῷ πνεύματος καὶ πίστει ἀληθείας). In diesem Satz verknüpfen sich „Erstlingsgabe“ und „Wahrheit“. Der Begriff „Erstlingsgabe“ spielt laut Forschung in Eleusis eine Rolle. So enthalte eine Anweisung für den Hierokeryx („Herold des Heiligen“) das Wort ἀπαρχή.459 „Das Heiligtum [habe es sich] leisten [können], ‹Erstlingsopfer› (aparchai) von Athen, ja von der ganzen Welt in Anspruch zu nehmen.“460 Die 454 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1228–1230. 455 Vgl. ebd., Sp. 1229; Burkert, Mysterien, S. 90: Eleusinischer Iakchos ohne weiteres mit Dionysos gleichgesetzt. 456 Ebner, Stadt, S. 255. 457 Burkert, Mysterien, S. 76. 458 Vgl. ebd. 459 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1232. 460 Burkert, Mysterien, S. 26; Vgl. Bräuninger, Art. Persephone, Sp. 971: ἐπαρχή (=ἀπαρχή) „an die eleusinische Trias Demeter, Kore, Pluton [Gott der Unterwelt, entspricht weitgehend dem Gott Hades] wird in einer Urkunde über die Ausrichtung eines Lenäenopfers erwähnt; Burkert, Mysterien, S. 42: Lampon, ein Seher, setzt sich im 5. Jh. v. Chr. für die Ansprüche von Eleusis ein, indem er ein Gesetz über zustande bringt. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 155 mögliche inhaltliche Parallele schwächt sich dadurch etwas ab, dass der Begriff in 2Thess metaphorisch und nicht im Literalsinn benutzt wird. In 2Thess 3,16 kommt das Wort „Frieden“ gleich zweimal in auffälliger Doppelung vor („der Herr des Friedens, gebe Euch seinen Frieden“). Von den sogenannten σπονδοφόροι wurde angeblich den Mysten in Eleusis der „Gottesfrieden“ angekündigt461 und „das Verkündigen des eleusinischen Gottesfriedens“ sei „das Geschäft der Κήρυξες, eines alten Priestergeschlechts in Athen, welches sich von Hermes ableitete“, gewesen.462 2Thess 1,10 bekundet, dass der Herr Jesus komme, um „unter allen zum Glauben gekommenen bewundert zu werden“ (θαυμασθῆναι). In Eleusis wird „die im heiligen Schweigen geerntete Ähre“463 als „bewundernswerte“ (θαυμαστὸν) bezeichnet. Hippolyt schreibt in den Refutatio omnium haeresium 5,8, 39: ᾽Αθηναῖοι μυοῦντες ᾽Ελευσίνια καὶ ἐπιδεικνύντες τοῖς ἐποπτεύουσι τὸ μέγα θαυμαστὸν καὶ τελειότατον ἐποπτικὸν ἐχεῖ μυστήριον.464 2Thess 1,3 führt den angemessenen Dank für die Gemeinde auf (καθὼς ἄξιόν ἐστιν). In 1,11 ist vom Gebet der Verfasser die Rede, dass Gott die Gemeinde „würdig mache der Berufung“ (ἵνα ὑμᾶς ἀξιώσῃ τῆς κλήσεως). Die Wendung ἀξίων ἐποπτων habe sich auf den Auszug des Heldes Triptolemos der Eleusinischen Mysterien bezogen.465 ἄξιον μυστηρίων finde sich in einem Gebet an Demeter.466 In 2Thess wird „Sohn“ lediglich für den „Sohn des Verderbens“ (2,3) verwendet. 1Thess 1,10 bezeichnet Jesus Christus als „Sohn“. In Eleusis habe der Hierophant in der Nacht gerufen: „einen heiligen Sohn hat die Herrin geboren, Brimo den Brimos.“467 Der homerische Hymnos besage, dass Demeter ein kleines Königskind in der Flamme 461 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1235f. 462 Benseler, Schulwörterbuch, S. 435f. 463 Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1240. 464 Hippolytus, Refutatio. 465 Vgl. Hopfner, Art. Mysterien, Sp. 1245. 466 Ebd., Sp. 1249. 467 Burkert, S. 76. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 156 des Herdes468 verberge, um es unsterblich zu machen. Darauf stifte sie die Mysterien.469 Laut Quellenlage, die allerdings nicht zuletzt aufgrund der Arkandisziplin der Mysterien kein sicheres Bild der Vorgänge in Eleusis zu vermitteln vermag, kann sich ein ungefähres Wortfeld ergeben, das wohl im Zusammenhang des geheimen Kultes zu verzeichnen war: „Feuer/Fackel“, „Mysterium“, „οἱ ὑπακούοντες“ (Kultteilnehmer), „Wahrheit“, „Epiphanie“, „Erstlingsgabe“, „Sohn“, „Frieden“ und „würdig“. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass in 2Thess 2,3–13 viele dieser Worte vorkommen (2,3: „Sohn“; 2,7: „Mysterium“; 2,8: „Epiphanie“; 2,10.12: „Wahrheit“; 2,13: „Erstlingsgabe“). Der Abschnitt 1,3–11 ist der zweite Schwerpunkt des Vorkommens (1,3.11: „würdig“ bzw. „angemessen“; 1,8: „flammendes Feuer“ und „τοῖς μὴ ὑπακούουσιν“; 1,10: „bewundert werden“). Es zeigten sich also einige Übereinstimmungen zwischen den Mysterien und 2Thess, wobei diese auf zwei Abschnitte im Brief verteilt sind. In der Summe liegt zum einen zwar eine beachtliche Zahl von ähnlichen Worten vor, zum anderen muss man aber sehen, dass es nur relativ späte und nicht sehr ausführliche Quellen gibt. Aus diesen Gründen ist ein Bezug zu den Mysterien möglich, allerdings nicht ausreichend belegbar. Die unter 3.4.6 und 3.4.7 angeführten Argumente, die den Bezug des 2Thess zu Eleusis schwächen, sind ebenso in die Waagschale zu legen und machen einen Zusammenhang des Briefes und des Kultes unwahrscheinlicher. Ergebnis 3.4.6. und 3.4.7 Die „gute Hoffnung“ und „gute Hoffnungen“, so hat die Untersuchung des motivgeschichtlichen Hintergrundes ergeben, treten in antiken Schriften und Kontexten immer wieder auf. Es ist anzunehmen, dass „Paulus“ vielfältigen Kontakt mit diesem Begriff hatte. Der Wendung eignet in 2Thess 2,16 ein formelhafter Klang. Es ist anzunehmen, dass „Paulus“ hier gegen falsche Hoffnungen und Heilsversprechen an- 468 Vgl. ebd., S. 82: Isis-Kult: Fackel in der Hand, mit Fackeln, in der Nacht könnte dem auf dem Eleusinischen Herd in der Mysteriennacht entsprechen. 469 Vgl. ebd., S. 26.84f. 3.4 Briefliche Fürbitte (2Thess 2,15–17; 3,1–5 u. 1Thess 3,11–13) 157 schreiben will. Im Verbund mit 2Thess 1,9 („ewiges Verderben“) ist auch an eine Warnung oder Bestärkung der Gemeinde zu denken. Eine Warnung, sich nicht auf die Umwelt einzulassen – Wachsamkeit und Distanz ist gefragt, der Tag des Herrn ist noch nicht da! (2,2) – und eine Bestärkung, dass die Bedränger auf dem falschen Weg sind. Die Bedrängnisse der Gemeinde könnten sich in zweifacher Weise zeigen, was sich aber nicht deutlich genug belegen lässt. Zum einen waren die Versprechen der Mysterien seit langem bekannt, länger als die christliche Botschaft. Eine Loslösung von alten Denkmustern war schwierig, ein Rückfall durchaus im Bereich des Möglichen. In der Antike schien zudem eine mehrfache Mitgliedschaft in verschiedenen Religionsgemeinschaften unproblematisch zu sein, diverse Formen der Verehrung von Göttern standen nebeneinander.470 Demeter, eine Protagonistin in Eleusis wurde zudem in Thessaloniki, Korinth und Athen verehrt,471 neben der allgemeinen Bekanntheit der Mysterien ein Hinweis, dass die Christen in Thessaloniki und Umgebung zumindest mit Eleusis konfrontiert waren. Zum anderen konnte das Verweigern der Teilnahme an den Mysterien gesellschaftliche Nachteile bringen, z.B. da Christen mit ihrer Botschaft die mit Mysterien verbundenen Geschäfte störten. Auch die Verquickung der Kulte mit der herrschenden Elite bis zu den Kaisern hinauf mochte die Mysterien für die Gemeinde bedrohlich machen, schließlich war bei Widerstand mit Repressalien zu rechnen. Die „gute Hoffnung“ geht nur von Jesus Christus und Gott aus. Eine andere Hoffnung, die „Paulus“ nicht gutheißen kann, wird durch den Eleusis-Kult, die Göttinnen Elpis/Spes und Demeter sowie die römische Loyalitätsreligion vermittelt. „Paulus“ schreibt aus Vorsicht vor den Römern und Denunziationen in chiffrierter Weise und führt seine Polemik deshalb nicht eindeutiger aus. Dieses Vorgehen ist schon aus 1Thess 5,3 bekannt („Frieden und Sicherheit“). Dort liegt höchstwahrscheinlich ein verdeckter Angriff auf die quasi-religiöse Aufladung der römischen Herrschaft vor, die eng mit dem römischen Pantheon verbunden war.472 Ähnliche Polemik gegen heidnischen und römischen Glauben und Herrschaftsansprüche, sowie gegen falsche Versprechen, 470 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 11. 471 Vgl. Otzen, Hoffnung, S. 285: „Spuren der Demeterverehrung“. 472 Vgl. auch Darstellung bei Schreiber, 1Thessalonicher, S. 272–277. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 158 lässt sich sowohl aus 1 und 2Thess, als auch aus dem weiteren NT herauslesen.473 Zu beachten ist auch 1Thess 4,13, dort werden Menschen beschrieben, die „keine Hoffnung haben“. Dies könnte mit den Ergebnissen hier korrespondieren. Die „gute Hoffnung“, so ergab die Untersuchung, ist bei Schriftstellern vieler Jahrhunderte, im Zusammenhang mit Kaisern und der Göttin Spes und auch im Judentum zu beobachten. Die gängige Formulierung durchdrang das antike Leben. Ein möglicher Zusammenhang mit den Eleusinischen Mysterien wird durch weitere, wenn auch nicht eindeutige Wort-Parallelen etwas wahrscheinlicher. Ob „Paulus“ allerdings sich bewusst auf die Eleusinischen Mysterien bezieht, ist nicht hinreichend belegbar. Nicht zuletzt wegen des strengen Schweigegebots sind die Inhalte der Mysterien nur ansatzweise bekannt. So kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob und wie die Eleusinischen Mysterien Einfluss auf den 2Thess genommen haben. Die über die „gute Hoffnung“ hinausgehenden sprachlichen Beobachtungen können nicht ausreichend belegen, dass „Paulus“ die Sprache der Eleusinischen Mysterien benutzt. In jedem Fall positioniert „Paulus“ die christliche Botschaft und die von Gott gnadenhaft geschenkte „gute Hoffnung“ gegen alle anderen Heilsversprechen. Briefschluss (2Thess 3,16–18 u. 1Thess 5,23–28) 2Thess 3,16–18: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 16 a Αὐτὸς δὲ ὁ κύριος τῆς εἰρήνης δῴη ὑμῖν τὴν εἰρήνην διὰ παντὸς ἐν παντὶ τρόπῳ. b ὁ κύριος μετὰ πάντων ὑμῶν. 17 a Ὁ ἀσπασμὸς τῇ ἐμῇ χειρὶ Παύλου, ὅ ἐστιν σημεῖον ἐν πάσῃ ἐπιστολῇ· b οὕτως γράφω. 3.5 3.5.1 473 Z.B. Kyrios; Parusie; Epiphanie; Basileia; Doxa; Eirene; Euangelion – kommen oft vor in 2Thess; 1Thess 1,9.10. 3.5 Briefschluss (2Thess 3,16–18 u. 1Thess 5,23–28) 159 18 a Ἡ χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ μετὰ πάντων ὑμῶν. 16 a Er aber der Herr des Friedens gebe Euch den Frieden allezeit auf alle Weise. b Der Herr sei mit Euch allen! 17 a Der Gruß meiner, des Paulus Hand, das ist das Zeichen in jedem Brief, b so schreibe ich. 18 a Die Gnade unsere Herrn Jesus Christus mit Euch allen. Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegen drei Satzreihen vor, die im Folgenden beschrieben werden. 2Thess 3,16 Die erste Satzreihe besteht aus zwei Teilsätzen. Das gemeinsame Substantiv ὁ κύριος (VV.16a.b) und das gemeinsame Adjektiv πᾶς (VV.16a.b) schaffen eine weitere Verbindung. Ruhepunkt ist V.16b (ὁ κύριος μετὰ πάντων ὑμῶν.). 2Thess 3,17.18 Die zweite Satzreihe besteht aus zwei Teilsätzen, die dritte Satzreihe aus einem Satz. Stilistische Analyse 2Thess 3,16.17.18 Substantive und Adjektive dominieren vor Verben und Adverbien, somit liegt eher ein beschreibend-statischer als ein dynamischer Text vor,474 was durch zwei substantivische Verbindungen unterstrichen wird (V.16a; 18a). Zu beobachten sind drei Verben und kein Partizip. 3.5.1.1 474 Vgl. Ebner, Exegese, S. 94. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 160 Paulus präferiert finite Verben. Der Wortschatz ist variabel mit auffälligen Wiederholungen. Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 3,17: Verbindung von σημεῖον und ἐπιστολή Beschreibung der inneren Struktur 2Thess 3,16.17.18 Der erste Abschnitt (V.16a.b) hebt sich inhaltlich und vom Wortbestand her deutlich vom zweiten Teil des Briefschlusses ab. In V.16 ist eine briefliche Fürbitte zu lesen, V.17 soll den Brief mittels handschriftlicher Vermerke des Paulus authentisch machen. Der dritte Abschnitt (V.18a) ist als Gnadenformel zu sehen. Das Adjektiv πᾶς tritt in jedem Vers auf, was den drei eigenständigen Abschnitten zusammen mit dem Kyrios-Titel auch ein Stück Einheit gibt. Die Verse 16b und 18a rahmen den Briefschluss – der Kyrios μετὰ πάντων ὑμῶν. Semantische Analyse 2Thess 3,16.17.18 Αὐτὸς δὲ ὁ κύριος τῆς εἰρήνης (V.16a) findet sich fast wörtlich in 1Thess 5,23 wieder – statt ὁ κύριος wird ὁ θεὸς verwendet. „Der Wechsel zum »Herrn« entspricht [zum einen] der christologischen Konzentration von 2 Thess […], die die Beziehung der Gemeinden zu ihrem Herrn als wesentliches Element ihrer Identität profiliert“475, zum anderen soll der wahre Herr, nämlich Jesus Christus hervorgehoben werden. „Der erbetene »Friede« […] umfasst politischen und sozialen Frieden und ganzheitliches Wohlergehen, das nur Gott bzw. sein Repräsentant, der erhöhte kyrios, schenken kann (vgl. Joh 14,27).“476 Nur der „Herr des Friedens“ ist bevollmächtigt, diesen allumfassenden Frieden zu geben. 3.5.1.2 475 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 261. 476 Ebd. 3.5 Briefschluss (2Thess 3,16–18 u. 1Thess 5,23–28) 161 V.17a (Ὁ ἀσπασμὸς τῇ ἐμῇ χειρὶ Παύλου) beinhaltet eine Wendung, die sich in 1Kor 16,21 und Kol 4,18 wiederfindet und einen eigenhändigen Gruß zur Legitimierung des Schreibens ausdrücken soll. Pragmatik Durch den Gebrauch der ungewöhnlichen Formulierung ὁ κύριος τῆς εἰρήνης δῴη ὑμῖν τὴν εἰρήνην wird klar, dass der Frieden nur beim wahren Herrn zu finden ist und nicht etwa bei den römischen Herrschern oder in Kulten. Bemerkenswert ist die Häufung von πᾶς in den Versen 16–18. Dies verdeutlicht den allumfassenden Anspruch des Briefes und des von den „Verfassern“ vermittelten Herrn. Wiederum macht sich die Stellung von Αὐτὸς δὲ bemerkbar, die die Wichtigkeit des Inhaltes der brieflichen Fürbitte in V.16 aufzeigt. Den Adressaten soll „Frieden“ in allen Bedrängnissen gegeben sein. Mittels der eigenhändigen Unterschrift und dem Hinweis, dass diese „in jedem Brief “ zu finden sei soll die pseudepigraphe Konstruktion abgesichert werden, der Verfasser setzt alles daran, dass das Schreiben seinen Weg gehen kann und so das paulinische Denken konserviert, aktualisiert und transformiert wird. 1Thess 5,23–28: Synchrone Analyse Kolometrische Darstellung des Textes 23 a Αὐτὸς δὲ ὁ θεὸς τῆς εἰρήνης ἁγιάσαι ὑμᾶς ὁλοτελεῖς, b καὶ ὁλόκληρον ὑμῶν τὸ πνεῦμα καὶ ἡ ψυχὴ καὶ τὸ σῶμα ἀμέμπτως ἐν τῇ παρουσίᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ χριστοῦ τηρηθείη. 24 a πιστὸς ὁ καλῶν ὑμᾶς, ὅς καὶ ποιήσει. 25 a Ἀδελφοί, προσεύχεσθε [καὶ] περὶ ἡμῶν. 26 a Ἀσπάσασθε τοὺς ἀδελφοὺς πάντας ἐν φιλήματι ἁγίῳ. 27 a Ἐνορκίζω ὑμᾶς τὸν κύριον b ἀναγνωσθῆναι τὴν ἐπιστολὴν πᾶσιν τοῖς ἀδελφοῖς. 3.5.1.3 3.5.2 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 162 28 a Ἡ χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ μεθʼ ὑμῶν. 23 a Er aber, der Gott des Friedens, heilige Euch durch und durch, b und unversehrt euer Geist und eure Seele und euer Leib mögen untadelig bei der Parusie unseres Herrn Jesus Christus bewahrt werden. 24 a Treu ist der Euch beruft, der es auch tun wird. 25 a Brüder, betet auch für uns! 26 a Grüßt die Brüder alle mit dem heiligen Kuss! 27 a Ich beschwöre Euch beim Herrn, b dass vorgelesen wird der Brief allen Brüdern. 28 a Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit Euch! Syntaktische Analyse Satzreihenanalyse Es liegen fünf Satzreihen vor, die im Folgenden beschrieben werden. 1Thess 5,23.24 Die erste Satzreihe besteht aus drei Teilsätzen. Verbunden werden die Sätze durch die Konjunktionen δὲ (V.23a) und καὶ (V.23b). Höhepunkt ist V.23b. 1Thess 5,25.26 Die zweite Satzreihe besteht aus einem Satz, ebenso die dritte Reihe. 1Thess 5,27.28 Die vierte Satzreihe besteht aus zwei Teilsätzen. Höhepunkt ist V.27b. Die fünfte Satzreihe besteht wiederum aus einem Satz. 3.5.2.1 3.5 Briefschluss (2Thess 3,16–18 u. 1Thess 5,23–28) 163 Stilistische Analyse 1Thess 5,23–28 Der Wortschatz ist variabel mit wenigen Wiederholungen. Von acht Verben ist ein Verb Partizip – Paulus favorisiert finite Verben. V.23b enthält eine polysyndetische Reihung (καὶ ὁλόκληρον ὑμῶν τὸ πνεῦμα καὶ ἡ ψυχὴ καὶ τὸ σῶμα). Auffällig ist die Stellung von Αὐτὸς δὲ (V.23) und πιστὸς ὁ (V.24) jeweils am Satzanfang. Hapaxlegomena bzw. einzigartige Wendungen im NT: 5,23: ὁλόκληρος und παρουσία 5,23: Wortfeld πνεῦμα καὶ ἡ ψυχὴ καὶ τὸ σῶμα 5,23: ὁλοτελής 5,23: ἀμέμπτως 5,23: τηρέω und παρουσία 5,27: ἐνορκίζω Beschreibung der inneren Struktur 1Thess 5,23–28 Die einzelnen Abschnitte unterscheiden sich inhaltlich. Der erste (V.23a; 24a) und der zweite Abschnitt (V.25a) haben die größte Verwandtschaft, da es jeweils um Fürbitten geht, zum einen für die Adressaten, zum anderen für die Verfasser. Der dritte (V.26a), vierte (V.27a.b) und der fünfte Abschnitt (V.28a) stehen jeweils für sich. Semantische Analyse 1Thess 5,23–28 Der „Gott des Friedens“ bringt allumfassenden Frieden. Hier ist ein überbietender Bezug zu 5,3 denkbar – der Friede Gottes ist weitaus größer als der Frieden der Römer. Dort ist vom Ausspruch „Frieden und Sicherheit“ zu lesen, der die römischen Herrschenden anvisierte. V.23b greift 3,13 wieder auf. Die „Heiligung“ spielt bereits in 4,3 eine Rolle und disqualifiziert unchristliches Verhalten der paganen Um- 3.4.2.2 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 164 welt. “Geist, Seele und Leib“ der Gläubigen, so der Wunsch des Paulus, sollen bewahrt werden (23b), der ganze Mensch ist also angesprochen. V.24a kennzeichnet Gott als „treu“ und als seine Berufung wahrmachend. 1Thess 2,12 und 4,7 machen deutlich, worin die Berufung besteht – in sein „Reich und seine Herrlichkeit“ einzugehen und zur „Heiligung“ bestimmt, nicht zur Unreinheit wie die Heiden. Pragmatik Die „Verfasser“ wünschen sich, dass die Adressaten von Gott geheiligt, sie „unversehrt“ und „untadelig“ und „bewahrt“ werden bei der Parusie des Herrn. Die Dringlichkeit dieses Wunsches wird durch die auffällige Satzeinleitung Αὐτὸς δὲ unterstrichen. Die unbedingte Treue des berufenden Herrn hinsichtlich der Bewahrung für die Parusie wird herausgestellt (V.24: πιστὸς ὁ καλῶν ὑμᾶς, ὃς καὶ ποιήσει.). Durch die Verwendung von Ενορκίζω (V.27) drückt Paulus die Wichtigkeit seines Wunsches aus, den Brief „allen Brüdern“ vorzulesen. Der Inhalt des Briefes wird so auf eine hohe Stufe gestellt. 2Thess 3,16–18 und 1Thess 5,23–28: Diachrone Analyse Der Briefschluss des 2Thess hat einen ähnlichen Beginn wie der des 1Thess. Statt Αὐτὸς δὲ ὁ θεὸς τῆς εἰρήνης (1Thess 5,23) findet sich Αὐτὸς δὲ ὁ κύριος τῆς εἰρήνης. Beide Formulierungen sind jeweils einzigartig im NT. Auffällig ist, dass sich in 2Thess statt ὁ θεὸς ὁ κύριος findet. Die Formulierung κύριος τῆς εἰρήνης trifft man nur in 2Thess an, ὁ θεὸς τῆς εἰρήνης hingegen auch in anderen Paulinen (Röm 15,33; 16,20; 1Kor 14,33; 2Kor 13,11). Hinzu kommt die Beobachtung, dass „der Herr des Friedens“ der Gemeinde „Frieden“ geben möge, was in 1Thess fehlt. Beim Kyrios-Titel könnte man zum einen an christologische Verschiebungen (späterer Zeit) denken, in Verbindung mit der auffälligen Friedens-Dopplung aber auch an antirömische Spitzen (pax romana477/friedenbringende Kaiser). Die antirömische Deutungsmög- 3.4.2.3 3.5.3 477 Vgl. Gottlieb, Art. Pax Romana, Sp. 1074: Pax romana ausgehend von Pax Augusta – p.r. u.a. Vorstellung von Dauer, Blüte sowie Expansion durch Kriege – Störer der p.r. waren neben äußeren Feinde alle, welche diesen Identität stiftenden Zu- 3.5 Briefschluss (2Thess 3,16–18 u. 1Thess 5,23–28) 165 lichkeit wird unterstützt durch die eigenartig eingeschobene Segensformel ὁ κύριος μετὰ πάντων ὑμῶν (2Thess 3,16b), eine nur in 2Thess vorkommende Formulierung. Bei dieser taucht der Kyrios, genau wie der „Friede“, ebenfalls im selben Vers wieder auf. Die römischen Herrscher wollen also als Herrscher wahrgenommen werden, die „Frieden“ vermitteln. 2Thess 3,16 besagt, dass der Herr den „Frieden“ διὰ παντὸς ἐν παντὶ τρόπῳ geben soll. Hier könnte ein Hinweis auf eine Überbietung des römischen Friedens gegeben sein (vgl. 1Thess 5,3478), der eben nicht immer und auf alle Weise, für alle Lebensbereiche gegeben werden kann. In 1Thess 5,23 folgen nun im Gegensatz zum Friedenswunsch des 2Thess Wünsche, dass der Gott des Friedens die Gemeinde auf die Parusie vorbereite. Diese fehlen sowohl im Briefschluss des 2Thess als auch im gesamten 2Thess.479 Die im V.24 beschriebene Treue Gottes, der die von ihm berufene Gemeinde retten wird, weist das Ende von 2Thess nicht auf, wohl aber 2Thess 3,3. Der Berufungsgedanke aus 1Thess 5,24 (ὁ καλῶν ὑμᾶς) findet sich in Form diesen Verbes in 2Thess 2,14 (ἐκάλεσεν ὑμᾶς διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἡμῶν). Unterschied: Berufen durch Gott vs. Berufen durch das Evangelium der Verfasser. Dies unterstreicht die durch stand beeinträchtigten: Aufständische, religiöse Abweichler, jede Art innerer Opposition. 478 Vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 274f: Mittels der Aufnahme einer Vielzahl von Begriffen, die die römische Macht ausmachen, wird die Herrschaft Roms relativiert; Ebd., S. 275: „Implizit enthält die Distanzierung gegenüber den römischen Werten pax und securitas eine politische Relativierung der Weltherrschaft Roms. Im Hintergrund steht dabei die Frage nach dem Weltbild und der bestimmenden politischen und religiösen Kräfte. Nimmt man neben eirēnē und asphaleia auch die politische Semantik der Begriffe parousia, apentēsis und kyrios (4,15.17), weiter von basileia (2,12) und euangelion (1,5; 2,2.9) wahr, zeigt das eschatologische Weltbild des Briefes eine kritische Haltung gegenüber den politischen Verhältnissen seiner Zeit. Es stellt einen Gegenentwurf zur Welterklärung der römischen Führungselite dar, indem es, theologisch betrachtet, die umfassende Geschichtsmacht Gottes hervorhebt, der das baldige Ende der Weltzeit und damit auch der politischen Macht Roms herbeiführt. Wie in der apokalyptisch geprägten jüdischen Eschatologie unterscheidet er zwischen seinen Getreuen, die in die vollendete Gemeinschaft mit ihm gelangen, und den anderen, denen das »Verderben« bevorsteht […] Alle politisch-kosmische Macht ist allein im Gott Jesu Christi, dem Gott Israels, verankert – und nicht im Kaiser Roms als irdischem Stellvertreter der römischen Götter. Die bewusste Wahrnehmung dieser Einsicht dient der Identitätsbildung der Gemeinde“. 479 In diese Richtung aber 2Thess 1,11f., 2,16f., 3,5. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 166 „Paulus“ ausgedrückte immense Wichtigkeit des zweiten Briefes an die Thessalonicher, der ein gewichtiges Pfund in die Waagschale der rechten und vor allem im eschatologischen Bereich (s.o.) relevanten Interpretation des paulinischen Erbens legen will. Interessant bei der Untersuchung des eschatologisch gefärbten Verses 24, der sich im Briefschluss von 2Thess nicht findet, sind folgende Beobachtungen: 2Thess 3,1–4 1 a Τὸ λοιπὸν προσεύχεσθε, b ἀδελφοί, c περὶ ἡμῶν, d ἵνα ὁ λόγος τοῦ κυρίου τρέχῃ e καὶ δοξάζηται καθὼς καὶ πρὸς ὑμᾶς, 2 a καὶ ἵνα ῥυσθῶμεν ἀπὸ τῶν ἀτόπων καὶ πονηρῶν ἀνθρώπων· b οὐ γὰρ πάντων ἡ πίστις. 3 a Πιστὸς δέ ἐστιν ὁ κύριος, b ὃς στηρίξει ὑμᾶς c καὶ φυλάξει ἀπὸ τοῦ πονηροῦ. 4 a πεποίθαμεν δὲ ἐν κυρίῳ ἐφʼ ὑμᾶς, b ὅτι ἃ παραγγέλλομεν c [καὶ] ποιεῖτε d καὶ ποιήσετε. 1Thess 5,22–25 22 a ἀπὸ παντὸς εἴδους πονηροῦ ἀπέχεσθε. 23 a Αὐτὸς δὲ ὁ θεὸς τῆς εἰρήνης ἁγιάσαι ὑμᾶς ὁλοτελεῖς, b καὶ ὁλόκληρον ὑμῶν τὸ πνεῦμα καὶ ἡ ψυχὴ καὶ τὸ σῶμα ἀμέμπτως ἐν τῇ παρουσίᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ χριστοῦ τηρηθείη. 24 a πιστὸς ὁ καλῶν ὑμᾶς, ὅς καὶ ποιήσει. 25 a Ἀδελφοί, b προσεύχεσθε [καὶ] περὶ ἡμῶν. Zum einen also fällt die im Corpus Paulinum nur in den Thessalonicherbriefen befindliche Aufforderung zum Gebet für die Verfasser auf, zum anderen weitere Anspielungen bzw. Wortparallelen im Kontext. 2Thess 3,4 (καὶ ποιεῖτε καὶ ποιήσετε) arbeitet mit verschobener Bedeutung zu 1Thess 5,24 – von Gott auf die Glaubenden. Wichtig ist in eschatologischer Sicht auch die Veränderung des Genus beim „Bösen“. Ist in 1Thess noch das Neutrum zu verzeichnen, wird das Böse in 2Thess mit maskulinem Genus versehen (V.3c: mask. Singular) und damit personifiziert (vgl. auch V.2: mask. Plural). Hier scheint eine konkretere Bedrohung, ein konkreteres Feindbild vorzuliegen, bzw. es soll eben auf einen Menschen (V.3) oder Menschen 3.5 Briefschluss (2Thess 3,16–18 u. 1Thess 5,23–28) 167 (V.2) hingewiesen werden. Dies sind sowohl Hinweise auf stärkere Verfolgungen, als auch mögliche Hinweise auf den „Widersacher“ oder den „Katechon“. Die bösen Menschen in 2Thess 3,2 sind zugleich die ungläubigen Menschen (vgl. auch 1,8; 2,10–12). Das Gebet der Gemeinde für die Verfasser bzw. für Verfasser und für die Gemeinde soll vor den „üblen und bösen Menschen retten“ (3,2). 1Thess benutzt „retten“ (ῥύομαι) nur in Bezug auf die Rettung vor dem kommenden (wohl göttlichen) Zorn (1,10), in 2Thess muss die Rettung bereits jetzt erfolgen, was die Dringlichkeit der Situation verdeutlicht. 1Thess 5,24 weist einen Zuspruch für die Gemeinde auf: Gott lässt die Berufung wahr werden. Ein solcher Zuspruch ist nirgends im 2Thess zu finden. Das Verb καλέω kennt aber 2Thess 2,14, ist dort aber eher Parallele zu 1Thess 2,12. In 2Thess 3,1 und 1Thess 5,25 zeigt sich jeweils die briefliche Aufforderung zum Gebet für die Verfasser, zudem finden sich weitere Wortparallelen im Kontext. Ist 1Thess am Ende des Briefes die Parusie und die Sicherheit der Errettung besonders wichtig, so 2Thess die Herausstellung des (wahren) Friedens und des (wahren) Herrn. Der Brief, so „beschwört“ Paulus die Leser und Hörer des 1Thess, soll in allen Gemeinden vorgelesen werden. Solch eine Aufforderung ist 2Thess fremd. Ist von einem „Brief “ in 1Thess einmal zu lesen, so in 2Thess viermal (2,2.15 – jeweils im eschatologischen Kontext; 3,14.17). Der „Brief “ hat also eine besondere Bedeutung in 2Thess – die Botschaft des 2Thess ist von dringlicher Wichtigkeit. Anzumerken ist, dass nur 2Thess ein Beglaubigungszeichen des Paulus in Form eines handschriftlichen Grußes mit dem Zusatz οὕτως γράφω besitzt. Ein Zeichen der Beglaubigung ist auch aus 1Kor 16,21 und Kol 4,18 bekannt, allerdings ohne den besagten Zusatz. Am Ende der beiden Briefschlüsse findet sich eine bis auf ein Wort völlig deckungsgleiche Gnadenformel, mit einer im Corpus Paulinum einzigartigen Satz- und Wortstellung:480 2Thess 3,18 Ἡ χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ μετὰ πάντων ὑμῶν. 1Thess 5,28: Ἡ χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ μεθ᾿ ὑμῶν. 480 Vgl. Röm 16,20: Ἡ χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ μεθ᾿ ὑμῶν.; 1Kor 16,23: ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ μεθ᾿ ὑμῶν.; Phil 4,23: Ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ μετὰ τοῦ πνεύματος ὑμῶν.; Phlm 25: Ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ μετὰ τοῦ πνεύματος ὑμῶν. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 168 Zwischenergebnis Briefschluss Parallelen: Die im V.24 beschriebene Treue Gottes, der die von ihm berufene Gemeinde retten wird, kommt am Ende von 2Thess nicht vor, wohl aber in 2Thess 3,3. Der Berufungsgedanke aus 1Thess 5,24 (ὁ καλῶν ὑμᾶς) findet sich in Form diesen Verbes in 2Thess 2,14 (ἐκάλεσεν ὑμᾶς διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἡμῶν). Der Unterschied der beiden Briefe besteht darin, dass die Gemeinde in 1Thess durch Gott berufen ist, in 2Thess durch das Evangelium der Verfasser. Dies unterstreicht die durch „Paulus“ ausgedrückte immense Wichtigkeit des zweiten Briefes an die Thessalonicher, der sich stark im Kampf um das paulinische Erbe engagiert. Aktualisierung und Transformation des paulinischen Erbes: Auffällig ist, dass sich in 2Thess 3,16 statt ὁ θεὸς wie in 1Thess 5,23 das Substantiv ὁ κύριος findet. Die Formulierung κύριος τῆς εἰρήνης trifft man nur in 2Thess an, ὁ θεὸς τῆς εἰρήνης hingegen auch in anderen Paulinen. Hinzu kommt die Beobachtung, dass „der Herr des Friedens“ der Gemeinde „Frieden“ geben möge, was in 1Thess fehlt. Beim Kyrios-Titel könnte man zum einen an christologische Verschiebungen späterer Zeit denken, in Verbindung mit der auffälligen Friedens-Dopplung ist es in diesem Fall wahrscheinlicher, dass sich dahinter antirömische Spitzen und Aussagen oder auch Spitzen gegen die römische Göttin Pax oder die Eleusinischen Mysterien verbergen, die beide mit dem Kaisertum verbunden waren. Die antirömische Deutungsmöglichkeit wird unterstützt durch die eingeschobene Segensformel ὁ κύριος μετὰ πάντων ὑμῶν (2Thess 3,16b), die wiederum den Kyrios und den „Frieden“ erwähnt. 2Thess 3,16 besagt, dass der Herr den „Frieden“ διὰ παντὸς ἐν παντὶ τρόπῳ geben soll. Hier könnte ein Hinweis auf eine Überbietung des römischen Friedens gegeben sein, der eben nicht immer und auf alle Weise für alle Lebensbereiche gegeben werden kann. 1Thess 5,22 fordert dazu auf, das Böse zu meiden. In 2Thess scheint eine konkretere Bedrohung, ein konkreteres Feindbild vorzuliegen, bzw. es soll eben auf einen Menschen (V.3) oder Menschen (V.2) hingewiesen werden. Dies sind sowohl Hinweise auf Verfolgungen, als auch mögliche Hinweise auf den „Widersacher“ oder den „Ka- 3.5.4 3.5 Briefschluss (2Thess 3,16–18 u. 1Thess 5,23–28) 169 techon“. Die bösen Menschen in 2Thess 3,2 sind die ungläubigen Menschen. 2Thess 3,4 (καὶ ποιεῖτε καὶ ποιήσετε) weist eine verschobene Bedeutung zu 1Thess 5,24 auf – in 1Thess 5,24 ist es Gott, der die Berufung wahrmachen wird, in 2Thess 3,4 sind es die Glaubenden, die die Anordnungen der Verfasser realisieren sollen. An beiden Stellen ist aber ein eschatologischer Kontext gegeben, in dem Gott als Bewahrer der Gemeinde dargestellt wird. Ist 1Thess am Ende des Briefes die Parusie und die Sicherheit der Errettung besonders wichtig, so in 2Thess die Herausstellung des (wahren) Friedens und des (wahren) Herrn. Ist von einem Brief in 1Thess lediglich einmal zu lesen, so in 2Thess viermal (2,2.15 – jeweils im eschatologischen Kontext; 3,14.17). Der „Brief “ hat also eine besondere Bedeutung in 2Thess – die Botschaft des 2Thess ist von dringlicher Wichtigkeit. In 2Thess fehlende eschatologische Inhalte: In 1Thess 5,23 folgen im Gegensatz zum Friedenswunsch des 2Thess die umfassenden Wünsche, dass der Gott des Friedens die Gemeinde auf die Parusie vorbereite. Diese fehlen so sowohl im Briefschluss des 2Thess als auch im gesamten 2Thess. In diese Richtung gehen aber 2Thess 1,11f., 2,16f. und 3,5. Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung Die verschiedenen Beobachtungen zum Verhältnis der eschatologischen Inhalte der beiden Briefe anhand der Untersuchung der strukturparallelen Texte sollen nun thematisch gebündelt werden. Parallelen: Gericht/Zorn In beiden Briefen wird die Thematik „Gericht“ (1Thess: ὀργη / 2Thess: κρίσις) und „Parusie“ bereits im Proömium vorbereitet und inhaltlich verbunden. In beiden Briefen tritt Gott als Richter auf, der Menschen nicht nur Heil zukommen lassen wird, sondern auch Zorn bzw. Vergeltung. 3.6 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 170 Verderben In 1Thess 5,3 ist das „Verderben“ erwähnt, wenn auch nicht wie in 2Thess mit dem Prädikat „ewig“ belegt. Verderben soll über diejenigen kommen („Frieden und Sicherheit), die sich in trügerischer Sicherheit wähnen. Hier liegt höchstwahrscheinlich ein verdeckter Angriff auf falsche Heilsaussagen der römischen Herrschaft vor.481 2Thess greift dies durch ὄλεθρον (2Thess 1,9) und den „Sohn des Verderbens“ (2,3: ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας) auf. Tag In 2Thess 1,10 trifft man auf die Formulierung ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ, die zwar nicht im Proömium des 1Thess zu finden ist, allerdings in 1Thess 5,2 (ἡμέρα κυρίου) und 5,4.8 (ἡμέρα). Der eschatologische „Tag“ ist also in beiden Briefen von großer Bedeutung. Verfolgungen Die Proömien von 1Thess und 2Thess weisen auf „Verfolgungen“ hin (1Thess 1,6; 2Thess 1,4.6). 2Thess 1,6–9 beschreibt zukünftige Strafen für die Gemeinde bedrängende Gegner. In 1Thess 2,16 findet sich die verfolgenden „Juden“ (V.14) betreffend ein ähnlicher Gedanke zur Bestrafung von bedrängenden Gegnern. Leid der Gemeinde durch Verfolgungen Das Leid der Gemeinde in 2Thess 1,5 (πάσχετε) durch Verfolgungen (V.4) findet eine Entsprechung in 1Thess 2,14 (ἐπάθετε). Dort wird berichtet, dass die Gemeinde von „Stammesgenossen“ verfolgt wurde. Diese Art von Verfolgung in 1Thess war wohl durch die Hinwendung der Christen zu einer christlichen Gottesvorstellung bedingt, die damit das pagan-religiöse und gesellschaftliche Leben in Thessaloniki störten und dafür Nachteile erlitten.482 Es gibt Hinweise, dass auch in 2Thess ein Konflikt mit religiösen und zudem von Herrschern geförderten 481 Vgl. Darstellung bei Schreiber, 1Thessalonicher, S. 272–277. 482 Vgl. Hoppe, Thessalonikerbrief, S. 173f. 3.6 Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung 171 Kulten chiffriert beschrieben sein könnte, auch wenn dies mit Unsicherheiten behaftet ist (vgl. 3.4.6 und 3.4.7). Der 2Thess läge in diesem Sinn auf der Linie des 1Thess, der sowohl heidnische Praktiken als auch römischen Herrschaftsanspruch negativ thematisiert. Insofern spräche manches dafür, ähnliche Verfolgungen anzunehmen. Bewährung in Bedrängnissen 1Thess 2,14 beschreibt, dass die Gläubigen „Nachahmer“ der Gemeinden Gottes qua Leiden in Verfolgung geworden sind. 2Thess kennt diese Gedanken in der zweiten Danksagung nicht, die „Gemeinden Gottes“ sind aber in 2Thess 1,4 zu finden, auch im eschatologischen Kontext von Verfolgungen, in denen die Gemeinde sich bewährt hat. ὑπομονή im eschatologischen Kontext ὑπομονή hat in den Thessalonicherbriefen stets eine eschatologische Konnotation: 1Thess 1,3: τῆς ὑπομονῆς τῆς ἐλπίδος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ 2Thess 1,4: ὑπὲρ τῆς ὑπομονῆς ὑμῶν καὶ πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς διωγμοῖς ὑμῶν καὶ ταῖς θλίψεσιν αἷς ἀνέχεσθε 2Thess 3,5: ὑπομονὴν τοῦ Χριστοῦ Treue Gottes Die in 1Thess 5,24 beschriebene Treue Gottes, der die von ihm berufene Gemeinde bewahren wird, kommt am Ende von 2Thess nicht vor, wohl aber in 2Thess 3,3. Antirömische Spitzen Sowohl in 1Thess, als auch in 2Thess finden sich zahlreiche „Antirömische Spitzen“ (siehe u.a. 3.2.3.4). Gemeinsame Zukunft beim Herrn Beiden Briefen ist gemein, dass sie eine gemeinsame Zukunft der Verfasser und der Gemeinde beim Herrn versprechen (2Thess 1,7: ἄνεσιν 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 172 μεθ᾿ ἡμῶν; 2,1: ἐπισυναγωγή; 1Thess 4,17: πάντοτε σὺν κυρίῳ ἐσόμεθα). Parusie Der Paulus des 1Thess und der „Paulus“ des 2Thess sprechen bezüglich παρουσία eine eindeutige und einheitliche Sprache – sie verwenden diese Vokabel nur im eschatologischen Sinn, im Gegensatz zum restlichen Corpus Paulinum, wo die Benutzung des Wortes variiert und auch menschliche, profane Dinge damit aussagt werden. In beiden Briefen wird zudem die Parusie in nicht allzu ferner Zukunft erwartet – es sind jeweils die damaligen Adressaten angesprochen (1Thess 4,13–17; 5,12; 2Thess 1,7; 2,1–12). Zustand der Gemeinde bei Parusie 1Thess 3,13 spricht vom „untadelig sein in Heiligkeit vor unserem Gott und Vater“ bei der Parusie. 2Thess greift dies an anderer Stelle in anderen Worten auf (1,11). Erwählung Zwar fehlt in der zweiten Danksagung von 1Thess der Erwählungsgedanke, wie ihn 2Thess 2,13f. kennt (εἵλατο und ἐκάλεσεν), 1Thess 1,4 beinhaltet diesen jedoch mit anderem Vokabular (τὴν ἐκλογὴν ὑμῶν). Die Erwählung durch das Evangelium der Verfasser (2Thess 2,14), die „zum Erlangen der Herrlichkeit“ führt, fehlt ebenso in der zweiten Danksagung des 1Thess. Allerdings spricht1Thess 2,12 von der Berufung zur Herrlichkeit. In 1Thess 2,13 (λόγον ἀκοῆς παρ᾿ ἡμῶν τοῦ θεοῦ) und 2,16 (τοῖς ἔθνεσιν λαλῆσαι ἵνα σωθῶσιν) finden sich Formulierungen, die die Verkündigung der Verfasser als bedeutend für die Heilsvermittlung darstellen. Die Annahme des Wortes der Verfasser (1Thess 2,13: ἐδέξασθε) ist in Verbindung mit dem eschatologischen V.16 heilsrelevant (ἵνα σωθῶσιν). 2Thess 2,10 greift dies auf (οὐκ ἐδέξαντο εἰς τὸ σωθῆναι αὐτούς.). Beide Briefe verbinden also die Erwählung und Berufung mit dem Zeugnis der Verfasser, 2Thess macht dies aber deutlicher und geht weiter, indem er die Bindung an Paulus 3.6 Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung 173 an unterschiedlichen Stellen betont (s.o.), um die in seinen Augen rechte Auslegung des paulinischen Erbes zu gewährleisten. Rettung In beiden Briefen kann man von Heiden bzw. Ungläubigen lesen, denen droht, nicht gerettet zu werden (1Thess 2,16; 2Thess 2,10). Beide Schreiben weisen auf den Aspekt der Rettung der Gemeinde hin (1Thess 5,8f.; 2,13: εἰς σωτηρίαν). Die σωτηρία kann eventuell eine Anspielung auf die Götter sein, die einem nach antiken heidnischen Glauben Rettung geschenkt haben – Götter wurden wegen der ihnen zugeschriebenen „Soteria“ auch in Mysterien verehrt.483 Zudem wurde laut Pausanias die Göttin Artemis mit dem Beinamen „Soteria“ versehen.484 Aktualisierung und Transformation des paulinischen Erbes: Stärkere Verfolgung Die Verfolgungen der Gemeinde treten in 2Thess zu den Bedrängnissen hinzu und weisen durch die sprachliche Steigerung auf eine dramatischere Lage der Gemeinde im Vergleich zu 1Thess hin. Es scheint eine konkretere Situation vorzuliegen, das legt die Vokabel διωγμός nahe, die im Gegensatz zur offeneren Formulierung θλίψις tatsächliche Verfolgungen anspricht. Die Dankesverpflichtung des „Paulus“ aus 2Thess 1,3, die durch die Worte καθὼς ἄξιόν ἐστιν (1,3) verstärkt wird und auch V.4 miteinbezieht, unterstreicht neben ἐγκαυχάομαι (V.4) die verschärfte Situation. Frühe briefliche Fürbitte als Zeichen der stärkeren Verfolgung Ein gebetsartiger Text, zudem auf eschatologische Dinge bezogen, fehlt im Proömium des 1Thess, findet sich aber im Zusammenhang mit eschatologischen Dingen in 1Thess 3,11–13. Die frühe briefliche Fürbitte in 2Thess stützt die Vermutung, dass die Gemeinde in 2Thess (escha- 483 Vgl. Burkert, Mysterien, S. 22. 484 Vgl. Pausanias, Beschreibung 1.40.2; 2.31.1; 3.22.12. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 174 tologisch) unsicher ist, da ausdrücklich schon an dieser Stelle und damit vermehrt für sie gebetet wird. Hier ist wiederum ein Hinweis für eine verschärfte, konkrete Verfolgungssituation gegeben, da der Gebetstext umgehend an den „Verfolgungstext“ samt Unterstreichung der Wichtigkeit des Zeugnisses der Verfasser anschließt. Die gefährliche Situation scheint mit der Bedrohung des rechten Glaubens verbunden zu sein. „Im Hinblick darauf “ (2Thess 1,11) und damit auch für den positiven Ausgang „jenen Tages“, beten die Verfasser für die Gemeinde. Drei briefliche Fürbitten mit eschatologischem Inhalt In 2Thess finden sich im Gegensatz zu dem einen Gebet des 1Thess drei Fürbitten (1,11f., 2,16f., 3,5). In allen drei Texten in 2Thess spielen eschatologische, die Parusie betreffende Dinge eine große Rolle. „Paulus“ hat also große Sorge bezüglich der Gemeinde, was die letzten Dinge betrifft und will zudem der falschen Parole vor allem mit der ersten und dritten brieflichen Fürbitte die in seinem Sinn recht ausgelegte paulinische Lehre entgegenstellen. Verderben für herrschende Römer Eine Parallele besteht im „Tag des Herrn“ (2Thess 2,2; 1Thess 5,2), der für die herrschenden Römer (1Thess 5,3: „εἰρήνη καὶ ἀσφάλεια“) Verderben bringen wird, genau wie für alle, die dem Evangelium nicht gehorchen (2Thess 1,8). 2Thess 2,1–12 weist ausführlich, so ergeben es die beiden Abschnitte zum Katechon und Widersacher, auf das Imperium Romanum und ihre Herrscher hin, die ihr Ende finden werden. Zorn aus 1Thess als ausführliches Strafgericht Der Zorn aus 1Thess wird in 2Thess ausführlich als Strafgericht Gottes beschrieben, um das Schicksal der Bedränger der Gemeinde zu schildern. So soll die Gemeinde aufgebaut und auf den rechten Glauben hingearbeitet werden, der durch das Ergreifen des „Zeugnisses“ der Verfasser (V.10) garantiert ist.485 1Thess kennt zwar die Wichtigkeit des Evangeliums der Verfasser hinsichtlich der letzten Dinge, spitzt 485 Der rechte Glaube scheint bedroht zu sein, so die Parole in 2,2. 3.6 Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung 175 dies aber bei weitem nicht so zu wie 2Thess 1,10. Daraus und aus der ausführlichen Beschreibung der Zukunft der Ungläubigen kann man schließen, dass die Bedrohungssituation in 2Thess größer und der wahre Glaube noch wichtiger und dringlicher ist. In 2Thess unterstreichen formelhaft klingende Begriffe wie δικαίας κρίσεως486 und ὄλεθρον αἰώνιον die Ausmalung des Zornes Gottes aus 1Thess. Dabei wird zwar der Begriff ὀργή aus 1Thess nirgends verwendet, es finden sich jedoch typische Elemente des biblischen Zorn bzw. Zorngerichts: So z.B. das Eingreifen Gottes in die Geschichte, der Tag des Herrn, die endgültige Durchsetzung von Gottes Gerechtigkeit und die Umkehrung der Verhältnisse.487 Konkretisierung der Parusie Besonders auffällig und ohne Parallele in 1Thess ist die glanzreiche und unter den „Heiligen“, d.h. Gläubigen, bewunderte Ankunft des Herrn in 2Thess 1,10. 1Thess 4,16f. beschreibt zwar das Kommen des Herrn, geht aber nicht in die Richtung des 2Thess. Der Gedanke, dass der Herr auch kommt, um „bewundert zu werden“ unter allen Gläubigen, zielt auf die Sichtbarkeit der Endereignisse ab, die für jeden wahrnehmbar hereinbrechen werden. So wird damit klar gegen die Parole aus 2,2 opponiert, die besagt, der Tag des Herrn sei schon da. Nebenbei wird im „Bewundern“ eine antirömische Spitze gegen vom Volk bewunderte und verherrlichte Herrscher mitschwingen.488 ἀποκάλυψις als Begriff für Parusie Im Gegensatz zum gesamten 1Thess, in dem weder ἀποκάλυψις noch ἀποκαλύπτω benutzt wird, weist 2Thess 1,7 den Begriff ἐν τῇ ἀποκαλύψει auf. Dadurch wird auf die unmissverständliche Sichtbarkeit der endzeitlichen Errettung abgehoben, die auch durch die Verherrlichung und Bewunderung des Herrn unter den Gläubigen „an jenem Tag“ in V.10 unterstrichen wird. Durch die Vokabeln ἀποκάλυψις (V.7), ἀποκαλύπτω (2Thess 2,3.6.8: Widersacher Gottes) und 486 Vgl. Joh 5,30; 7,24; Offb 16,7; 19,2. 487 Zur Ausprägung des Zorns vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 112. 488 Vgl. Offb 13.3; P.Lond. 6 (datiert auf 41 n. Chr.). 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 176 ἐπιφάνεια (2Thess 2,8) kommt in 2Thess die wirkliche Sichtbarwerdung eines Geschehens deutlicher zum Ausdruck als bei παρουσία.489 Hier wird klar gemacht, dass die Parusie noch nicht geschehen sein kann (2Thess 2,2 als bereits geschehene Parusie gedeutet) bzw. deutlich gesehen werden wird. Bedeutendere Rolle des Glaubens In beiden Briefen tritt der Glaube im Proömium auf. Auffällig und über die Eingangseucharistie des 1Thess (V.3.10) hinausgehend sind das vermehrte Verkommen und die damit verbundene Hervorhebung des Glaubens, auch im eschatologischen Kontext, in 2Thess 1,3.4.10.11. 2,14 zudem verknüpft die Berufung der Gemeinde zur „Herrlichkeit“ mit der Vermittlung des Evangeliums des „Paulus“, der seinerseits intendiert, die Gläubigen fest an den Apostel zu binden – ein wichtiges Ziel seines pseudepigraphischen Schreibens. Insgesamt wird also die Wichtigkeit des rechten Glaubens unterstrichen, gerade hinsichtlich der letzten Dinge, die, wie es vor allem die Parole in 2,2 zeigt, nicht mehr in rechter Weise gesehen werden. Die falsche Vorstellung des bereits gegenwärtigen Tages des Herrn, die vielen die notwendige Wachsamkeit und Distanzierung zur Gesellschaft abhandenkommen lässt, setzt der Gemeinde zu. Vor allem quasi-religi- öse römische Heilsaussagen, eventuell auch Mysterienkulte, so beschreibt es diese Arbeit, sind Beispiele, die die Gläubigen in den Augen des Verfassers meiden sollten. Durch die vielfache Verwendung des Wortfeldes „Glauben“ wird die Gemeinde gleichsam beschworen, sich der Aussagen des Apostels zu erinnern. „Paulus“ hilft dieser Erinnerung auf die Sprünge, in dem er das Erbe in seinem Sinn deutet, den Adressaten übermittelt und zugleich alternative Deutungen in einen Unheilskontext stellt. Ausschließlich negative Darstellung des Menschen im eschatologischen Kontext Der Begriff „Mensch“ wird in 1Thess oft negativ oder im negativen Kontext dargestellt (2,4.6.13.15; 4.8), in 1Thess 2,15 auch im eschato- 489 Vgl. Kern, 2Thess, S. 147f. 3.6 Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung 177 logischen Zusammenhang. In 2Thess (2,3; 3,2) werden der „Mensch“ (ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας) bzw. die „Menschen“ (πονηρῶν ἀνθρώπων) nur negativ und im eschatologischen Zusammenhang beschrieben. Das lässt sich gut durch negative Erfahrungen mit der Gesellschaft erklären. „Herr des Friedens“ Auffällig ist, dass sich in 2Thess 3,16 das Substantiv ὁ κύριος statt ὁ θεὸς wie in 1Thess 5,23 findet. Die Formulierung κύριος τῆς εἰρήνης verwendet nur 2Thess, ὁ θεὸς τῆς εἰρήνης hingegen auch andere Paulinen.490 Hinzu kommt die Beobachtung, dass „der Herr des Friedens“ der Gemeinde „Frieden“ geben möge, was in 1Thess fehlt. Beim Kyrios-Titel könnte man sowohl an christologische Verschiebungen späterer Zeit denken, als auch – in Verbindung mit der auffälligen Friedens- Dopplung – an dahinter stehende Spitzen gegen die religiös aufgeladene römische Herrschaft einschließlich der römische Göttin Pax. Die antirömische Deutungsmöglichkeit wird unterstützt durch die eigenartig eingeschobene Segensformel ὁ κύριος μετὰ πάντων ὑμῶν (2Thess 3,16b), eine nur in 2Thess vorkommende Formulierung. Bei dieser taucht der Kyrios, genau wie der „Friede“, ebenfalls umgehend im selben Vers wieder auf. 2Thess 3,16 besagt, dass der Herr den „Frieden“ διὰ παντὸς ἐν παντὶ τρόπῳ geben soll. Hier könnte ein Hinweis auf eine Überbietung des römischen Friedens vorliegen, der eben nicht immer und auf alle Weise für alle Lebensbereiche vermittelt werden kann. „Der Böse/die Bösen“ 1Thess 5,22 fordert dazu auf, das Böse zu meiden. In 2Thess verändert sich das Genus. Ist in 1Thess noch das Neutrum zu verzeichnen, wird das Böse in 2Thess mit maskulinem Genus versehen (3,3c) und damit personifiziert (vgl. auch 3,2). Hier scheint eine konkretere Bedrohung, ein konkreteres Feindbild vorzuliegen, bzw. es soll eben auf einen Menschen (V.3) oder Menschen (V.2) hingewiesen werden. Dies sind 490 Röm 15,33; 16,20; 1Kor 14,33; 2Kor 13,11. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 178 sowohl Hinweise auf Verfolgungen, als auch mögliche Hinweise auf den „Widersacher“ oder den „Katechon“. Die bösen Menschen in 2Thess 3,2 sind zugleich die ungläubigen Menschen (vgl. auch 1,8; 2,10–12). Berufung durch Evangelium der Verfasser Den Berufungsgedanken aus 1Thess 5,24 (ὁ καλῶν ὑμᾶς) weist auch 2Thess 2,14 auf (ἐκάλεσεν ὑμᾶς διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἡμῶν). Der Unterschied der beiden Briefe besteht darin, dass die Gemeinde in 1Thess durch Gott berufen ist, in 2Thess beruft Gott durch das Evangelium der Verfasser. Dies unterstreicht die durch „Paulus“ ausgedrückte immense Wichtigkeit des zweiten Briefes an die Thessalonicher und macht den Unterschied zu 1Thess aus, indem ein anderer Standpunkt deutlich wird: Die Sicherung des rechten Verständnisses des Apostels und die Ablehnung anderer Interpretationen. Keine Verfolgung durch Juden (2Thess) Die in 1Thess 2,15 beschriebenen Verfolgungen durch Juden, die Gott „nicht gefallen“ (θεῷ μὴ ἀρεσκόντων), scheinen zunächst ein Pendant in 2Thess 1,8 zu haben: „die Gott nicht kennen“ (τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν). τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν findet allerdings in 1Thess 4,5 eine wörtliche Entsprechung, wo eben die „Heiden“ angesprochen sind. Es kommen also nur pagane Griechen, die sich in ihrem Kult gestört fühlten, in Frage, auch im Zusammenhang mit Römern, die mit heidnischen Kulten in Verbindung zu bringen waren. Die chiffrierte Art und Weise des 2Thess lässt Gemeindemitglieder oder Christen generell als Bedränger ausscheiden, vielmehr muss eine mächtige Gruppe dahinter stehen, bei der die Verwendung einer offenen Sprache riskant war. Hier ist insbesondere an die herrschenden Römer zu denken, eventuell auch in Verbindung mit Mysterienkulten, die z.T. mit der römischen Elite verquickt waren. Rettung vor bösen Menschen 1Thess beschreibt die Rettung der Gläubigen (τὸν ῥυόμενον ἡμᾶς) aus dem kommenden Zorn (1,10), der auf das Gericht Gottes hinweist. 3.6 Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung 179 ῥύομαι kommt zwar im Proömium des 2Thess nicht vor, dafür in 3,2. Die Rettung der Verfasser (ῥυσθῶμεν) soll dort vor den „üblen und bösen Menschen“ geschehen – aktuell, nicht erst im Eschaton – wiederum ein Hinweis für eine konkrete Verfolgungssituation – dabei wird nicht offen, sondern chiffriert gesprochen. Das lässt römische Verfolgung vermuten, da diese in einem Brief nicht eindeutig besprochen werden konnte. „Herr Jesus“ als Ausführender der Strafe Im Gegensatz zum 1Thess ist der „Herr Jesus“ der Ausführende der Strafe und der Vergeltung, was einerseits auf christologische Verschiebung hindeuten könnte, andererseits auf ausdrückliche Opposition gegen falsche „Herren“, naheliegender Weise die gottgleich dargestellten Kaiser. Unsichere Berufung In 2Thess 1,11 kann man von der „Berufung“ (κλήσεως) der Gemeinde lesen, die wohl die „Erwählung“ (ἐκλογὴν) aus 1Thess 1,4 aufnimmt. In 2Thess wird allerdings dafür gebetet, dass die Gemeinde der Berufung für würdig erachtet wird, in 1Thess hingegen scheint die Erwählung sicher zu sein, sie wird mit dem Evangelium der Verfasser (V.5) und der Nachahmung (V.6) der Verfasser durch die Gläubigen begründet. Das Beten für die Gemeinde in 2Thess weist auf eine eingetretene Glaubensunsicherheit hin. Die Gemeinde ist des Heils noch nicht sicher, was durch folgende Beobachtung gestützt wird: Der Gebetswunsch des „Paulus“ und seiner Gefährten ist es unter anderem, dass das „Werk des Glaubens“ vollendet wird (2Thess 1,11). 1Thess 1,3 kennt ebenso das „Werk des Glaubens“, dieses muss aber nicht erst „vollendet werden“ „in Kraft“ (2Thess 1,11). Die noch nicht sichere Berufung wird auch auf die Parole in 2,2 hinweisen – der Tag ist eben noch nicht da, das Ziel des Glaubens noch nicht erreicht. Satanischer „Gesetzloser“ als Verhinderer der Rettung der „Ungläubigen“ Hindern laut den Worten des Paulus die Juden in 1Thess die Verfasser an der Rettung der Heiden, so ist es in 2Thess 2,10 der satanische „Ge- 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 180 setzlose“, der die Ungläubigen die „Liebe zur Wahrheit“ nicht annehmen lässt und folglich deren Rettung verhindert. Bezöge sich dies auf Juden, könnten diese auch explizit benannt werden. Im Fall von nicht benannten Römern wäre offensichtlich, dass Gefahren für die Gemeinde abgewendet werden sollen. Wichtigkeit des Briefes Ist 1Thess am Ende des Briefes die Parusie und die Sicherheit der Errettung besonders wichtig, so ist es in 2Thess die Herausstellung des (wahren) Friedens und des (wahren) Herrn. Der Brief, so „beschwört“ Paulus die Leser und Hörer des 1Thess, soll in allen Gemeinden vorgelesen werden. Solch eine Aufforderung ist 2Thess fremd. Allerdings ist von einem „Brief “ in 1Thess einmal zu lesen, in 2Thess hingegen viermal (2,2.15 – jeweils im eschatologischen Kontext; 3,14.17). Der „Brief “ hat also eine besondere Bedeutung in 2Thess – die Botschaft des 2Thess ist von dringlicher Wichtigkeit und will entscheidend zur Festigung der paulinischen Tradition beitragen. Genuine eschatologische Inhalte des 2Thess: Gemeinde als Erstlingsfrucht Die Gemeinde ist in 2Thess 2,13c als erwählte Erstlingsgabe (ἀπαρχή) beschrieben, was deren besonderen Status unterstreichen und sie gegen unpaulinische und pagane Tendenzen immunisieren soll und zugleich an den Anfang der paulinischen Mission zurückbinden will. „Aufatmen“ (ἄνεσιν) Für die bedrängte Gemeinde sieht 2Thess in V.7 „Aufatmen“ vor. Im Proömium des 1Thess tritt der Gedanke der Ruhe, zusammen mit den Verfassern, nicht auf. Die Betonung der Ruhe zeigt wiederum die verstärkte Verfolgungssituation, die ein Aufatmen der Gemeinde dringend nötig macht. 3.6 Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung 181 Leiden als Zeichen des Gerichtes in 2Thess Die zu ertragenden Verfolgungen und Bedrängnisse sind ἔνδειγμα des „gerechten Gerichtes Gottes“ (2Thess 1,5) dessen Folge es ist, dass Gott die Gemeinde seines Reiches „für würdig erachtet“. Diese Deutung der Verfolgung der Gemeinde geht über 1Thess hinaus. Die Gläubigen sollen offensichtlich getröstet und gestärkt werden, indem ihr die strafende und ausgleichende Gerechtigkeit Gottes gezeigt und das ihr zu schaffen machende Leid sublimiert wird. Im Corpus Paulinum wird das Leid der Gläubigen nur in 2Thess 1,5 in Zusammenhang mit dem „Reich Gottes“491 gebracht, „für das sie leiden“ (V.5).492 „Ewiger Trost“ und „gute Hoffnung“ in 2Thess Nicht im Gebet des 1Thess vorkommend ist der „ewige Trost und die gute Hoffnung“ aus 2Thess 2,16. Der Ausdruck παράκλησιν αἰωνίαν stellt die semantische Opposition zu ὄλεθρον αἰώνιον in 2Thess 1,9 dar. „Ewiger Trost“ soll eine zukünftige Verheißung sein, die den Gläubigen bereits gnädig geschenkt ist. Er hebt sie von ihrer paganen und bedrängenden Umgebung ab und schenkt ihr positive Perspektiven. Die „gute Hoffnung“ „[…] zu[r] Identität [der Adressaten] bei, die sie gegenüber ihrer Umwelt abgrenzt (1Thess 4,14).“493 Diese hat entweder „keine Hoffnung“, so 1Thess, oder die Menschen „glauben der Lüge“ (2Thess 2,11b). Die Wendung „gute Hoffnung“ findet sich im griechischen Sprachgebrauch und bezeichnet vor allem eine gute Zukunftserwartung nach dem Tod (vgl. 3.4.6). „Paulus“ wird diesen Aspekt mitschwingen lassen und die wahre Hoffnung aufzeigen. 2Thess gibt mögliche Antworten für diese Hoffnung: Reich Gottes, Gericht (1,5), Aufatmen und Versammeln beim Herrn (1,7; 2,1) und Erlangen der Herrlichkeit (2,14). 491 Röm 14,17; 1Kor 4,20; 15,24; Kol 4,11. 492 Parallele zu Röm: Ein ähnlicher Gedanke – ohne das „Reich Gottes“ – findet sich in Röm 8,17: εἴπερ συμπάσχομεν ἵνα καὶ συνδοξασθῶμεν. 493 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 212. 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 182 „Heilige“ als Glaubende In 2Thess 1,10 stellen die „Heiligen“ die „Glaubenden“ dar.494 1Thess kennt den Begriff „Heilige“ noch nicht für die Christen, sondern für die „Engel“ (vgl. 1Thess 3,13). 2Thess ist hier weiter in der begrifflichen Entwicklung. Eschatologischer Fahrplan Einen ausführlichen eschatologischen Fahrplan der vor der Parusie geschehenden Dinge wie 2Thess 2,1–12 kennt 1Thess nicht. 1Thess 4,13–17 beschreibt lediglich den Ablauf des Erscheinens des Herrn. Widersacher, der sich als Gott ausgibt Der ἀντικείμενος wird auch als ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας und υἱὸς τῆς ἀπωλείας bezeichnet (2,3), der sich über Gott erhebt, sich in den „Tempel Gottes“ setzt, sich gar als Gott ausgibt (2,4). Eine solche Gestalt ist nicht aus dem 1Thess bekannt und im Übrigen in dieser Zuspitzung auch nicht im weiteren NT zu finden. „Katechon“ als den Widersacher aufhaltende Kraft 2Thess 2,6f. weist auf eine den Widersacher aufhaltende Kraft hin, τὸ κατέχον/ὁ κατέχων, eine im NT einzigartige Figur. Parusie des Bösen Die παρουσία des „Gesetzlosen“ (2,9) ist 1Thess fremd, dort wird Parusie lediglich für das Erscheinen des Herrn Jesus Christus verwendet. Der „Widersacher“ wird „offenbart werden“ (2Thess 2,6) bzw. „sich offenbaren“ (2,8). Die Verwendung von παρουσία und ἀποκαλύπτω für das Erscheinen des Bösen ist singulär im gesamten NT. 494 Vgl. Trilling, Thessalonicher, S. 60. 3.6 Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung 183 Kyrios Jesus als Richter 2Thess 2,8 beschreibt den richtenden κύριος Ἰησοῦς – in 1Thess ist es Gott, der richtet (s.o.). Aus dieser Verschiebung auf den Herrn Jesus Christus ist entweder zu schlussfolgern, dass christologische Entwicklungen zu verzeichnen sind und/oder bewusst dem „Herr-Sein“ der Kaiser der wahre, richtende und endgültig siegende Herr entgegengestellt wird. In 2Thess fehlende eschatologische Inhalte: Keine Sohn-Christologie in 2Thess 1Thess 1,10 spricht von Jesus als dem vom Himmel kommenden Sohn, der vor dem bevorstehenden Zorn rettet. Im gesamten 2Thess findet sich die Sohnes-Bezeichnung für den „Herrn“ nicht, es fällt vielmehr die oftmalige Verwendung des Kyrios-Titels auf. Es ist denkbar, dass so dem Auftreten Jesu ein machtvolleres Attribut zugeschrieben werden soll, welches die umfassenden Herrschaftsansprüche der Römer, speziell ihrer Kaiser, zu übertrumpfen vermag. Der υἱὸς τῆς ἀπωλείας (2,3), der ein Gegenmodell zu 1Thess 1,10 und 5,5 zu sein scheint, und dessen Skizzierung sich aus negativen Erfahrungen mit Antiochus und Caligula bedingt, unterstreicht dies noch. Keine Verfolgung durch „Stammesgenossen“ in 2Thess 1Thess 2,14 beschreibt Leid der Gemeinde, das durch „Stammesgenossen“ verursacht wurde (s.o.) 2Thess erwähnt in der zweiten Danksagung nichts davon. An anderer Stelle ist zwar von Verfolgungen die Rede (V.4), konkrete Zuweisungen zu ethnischen oder sonstigen Gruppen fehlen aber. Die Verfolgenden „kennen Gott nicht“ und „gehorchen dem Evangelium nicht“ (2Thess 1,8). Keine Verfolgung durch Juden in 2Thess Ohne direkt ersichtliche Parallele in 2Thess sind auch die Aussagen in 1Thess 2,15, dass die Juden die Verfasser verfolgt haben. 2Thess 1,4 beschreibt „Verfolgungen“ der Gemeinde, von Juden ist aber keine Re- 3. Profilierung der Eschatologie des 2Thess anhand der strukturparallelen Texte des 1Thess 184 de. Die „Juden“ werden in 1Thess 2,15 als „Gott nicht gefallende“ und „allen Menschen feindselige“ beschrieben495 2Thess 1,8 kommt dem am Nächsten (τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν) hat aber in 1Thess 4,5 eine wörtliche Entsprechung, indem die „Heiden“ angesprochen sind. Ohne Widerhall in 2Thess ist die Aussage in 1Thess 2,16, dass die Juden durch die Behinderung der Evangelisierung der Heiden „ihre Sünden auffüllen“ und die Verfasser gar „hindern“, das Evangelium zu verkünden. Wegen des Verhaltens der Juden, so 1Thess 2,16, ist der Zorn über sie „in vollem Maß/bis zum Äußersten hereingebrochen“. Der Aspekt des Zorns aus 1Thess 2,16 kommt in der zweiten Danksagung des 2Thess nicht vor. Es wird aber an anderen Stellen ausführlich eine strafende Gerichtssituation beschrieben (2Thess 1,6 bis 2,12), freilich ohne Hinweis auf die Juden, die an keiner Stelle in 2Thess erwähnt werden. „Hoffnung“ ist in 2Thess nicht mit realisierter Eschatologie verknüpft: Interessant ist, dass die Hoffnung weder hier noch an anderer Stelle in 2Thess mit dem zurückliegenden Kommen Jesu oder seiner Auferstehung begründet wird. Allerdings weist 2Thess 2,13–17 wohl insgesamt bereits realisiertes Heil auf. In 1Thess 1,10 liegt die Rettung in der Zukunft, der Grund dafür ist aber in der Auferweckung Jesu gelegt. 2Thess müsste den Triumph als in enger Verbindung stehendes Schreiben nicht mehr anführen. 495 Vgl. dazu Schreiber, 1Thessalonicher, S. 161: „Stereotype entstammen Diskursen der hellenistischen Welt“, zudem seien nur die Mission der Heiden behindernde Juden der damaligen Zeit angesprochen. 3.6 Thematische Bündelung der eschatologischen Profilierung 185

Chapter Preview

References

Abstract

This volume examines the structurally parallel texts of 1 and 2 Thessalonians from an eschatological perspective. This helps a better understanding of the literary relationship of the two letters and to prove 1 Thessalonians as a pre-text of 2 Thessalonians. A dense structure of connections between corresponding sections becomes visible and enables new approaches to the intention of the author of 2 Thessalonians.

Among the motifs whose contemporary and religio-historical background is examined, the Eleusinian Mysteries are particularly mentioned. Not least from the connotations of "anti-god" and "adversary", Dagenbach concludes a composition between 66 and 70 AD – uncommonly early for a pseudepigraph.

Zusammenfassung

Der vorliegende Band untersucht die strukturparallelen Texte der beiden Thessalonicherbriefe unter eschatologischen Aspekten. Dies hilft, das literarische Verhältnis der beiden Schreiben besser zu verstehen und den 1Thess als Prätext des 2Thess zu erweisen. Ein dichtes Gefüge von Verbindungen zwischen den korrespondierenden Abschnitten wird sichtbar und ermöglicht neue Zugänge zur Intention des Verfassers des 2Thess.

Unter den Motiven, deren zeit- und religionsgeschichtlicher Hintergrund untersucht wird, finden die Eleusinischen Mysterien besondere Erwähnung. Nicht zuletzt aus den Konnotationen von „Anti-Gott“ und „Widersacher“ schließt Dagenbach für den 2Thess auf die für ein Pseudepigraph frühe Abfassungszeit zwischen 66 und 70 n. Chr.