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3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt in:

Roland Mierzwa

Strukturelle Gewalt überwinden, page 75 - 138

Mit der Reich Gottes-Theologie auf dem Weg zu einer geschwisterlichen Gesellschaft

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4451-3, ISBN online: 978-3-8288-7472-5, https://doi.org/10.5771/9783828874725-75

Tectum, Baden-Baden
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Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt Das Reich Gottes ist im Werden, es gibt tatsächlich eine Bewegung – ganz anders als es G. Thomas sieht (vgl. ders., 2013, 18f.) -, die in die offene Interaktivität, in das fortwährende Gebären, in die Beziehungsleidenschaft Gottes kooperativ einschwenkt. Die Bewegung ist cokreativ mit dem sich verändernden Gott beim Gestalt-werden-lassen des Reiches Gottes31. Die Bewegung „beeindruckt“ und „infiziert“ und „verwandelt“ Gott durch das, was durch die Bewegungen in Liebe und Gerechtigkeit sowie in empathischer und zärtlicher Beziehungshaftigkeit für das Werden des Reiches Gottes eingebracht wird. Die Bewegungen zeigen Gott ist dynamisch zu denken und damit auch das Reich Gottes. In der intensiven Beziehungskultur zwischen dem im Werden begriffenen Gott32 und den sich in den Bewegungen in Liebe, Barmherzigkeit, Lebensmut, Gerechtigkeit und Hoffnungen33 engagierten Menschen verwandeln sich Gott und die Menschen so, dass das Reich Gottes erst werden kann, ein vielleicht „anderes“ Reich Got- 3. 31 Claus Petersen verweist darauf, dass der Gott primär adjektivisch und nicht personal zu verstehen sei (vgl. ders., 2005, 97f.). 32 Ein Beispiel für den im Werden zu begreifenden Gott ist jenes, dass der „ganz alte“ Gott Menschenopfer forderte, später dann zu einem Gott geworden ist, der sich nur noch Tieropfer wünschte und schließlich dann als Gott nur noch das „Brot- Brechen“ akzeptierte. Und jetzt, bleibt Gott da stehen? Vielleicht ist es nun ein Gott, der keine Opfer mehr will und sich stattdessen tiefste, dichteste, hingebungsvollste, liebende Beziehungshaftigkeit wünscht, wo es gar nicht mehr darauf ankommt, dass Brot gebrochen wird und wo er sich unter einer beziehungshaften Verwobenheit wandelt, natürlich ohne seine Identität als Gott der Liebe, der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit jemals zu verlieren. 33 Den Christen in der Zivilgesellschaft, wie sie sich in den Weltsozialforen versammelt, ist eine gewisse Ungeduld im Bitten um das Reich Gottes zu eigen. Sie nehmen das Leiden dieser Schöpfung und der sozialen und persönlichen Welten intensiver wahr und sind von daher beunruhigt über eine allzu gelassene Geduld der Hoffnung. Sie hegen nicht eine Hoffnung, die täuscht, vertröstet und um die Fülle des Lebens hier und jetzt betrügt (vgl. Whitaker, 2007 und Schröder, 2015). 75 tes, wie es von Theologen in der Vergangenheit theologisch gedacht wurde. Ohne die Beziehung Gottes zu den Menschen in den Bewegungen der Zivilgesellschaft und den Kontrastgesellschaften wird das Reich Gottes nicht so phantasievoll, so originell und so innovativ möglich sein, wie es nachfolgend dargestellt wird. Menschen tragen durch ihre eigene Aktivität in der Beziehung zu Gott dazu bei, dass sich das Reich Gottes weiterentwickelt und die Erde sich auf Solidarität, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wandelt. Das, was im Reich Gottes als Liebe und Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sichtbar wird ist nicht allein von den Impulsen Gottes abhängig. Die Mit- Tätigkeit der Menschen in der Zivilgesellschaft, in den Basisgemeinden usw. gibt der Gestalt von Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit erst ihr Aroma, ihr Antlitz, ihre konkrete Gestalt, ihren Duft und ihr Gefüge eines Netzwerkes, ohne dass die Menschen in der Zivilgesellschaft, den Basisgemeinden, in den „Kirchen“ das Reich Gottes dadurch „machen“, seine „Schöpfer“, „Architekten“ und „Bauleute“ wären (vgl. Thomas, 2013, 23). Die nachfolgenden Ausführungen zeigen, das Reich Gottes kommt inmitten aller Bemühungen – „wirklich, punktuell, unscheinbar und doch mächtig“ (Thomas, 2013, 26). Die Christen bei diesen nachfolgend erwähnten Bemühungen sind nahe bei dem „Konzept“ des „Religionslosen Christentum“ (vgl. Mierzwa, 2019b). Diese respektieren einen Pluralismus, in dem „religionslose“ Vertreter*innen anderer Religionen aufeinander zugehen, sich gegenseitig beeinflussen und wo keine absolute Manifestation des Göttlichen besteht, sondern eine Vielfalt an Metaphern davon (vgl. Keller, 2008/2013, 52). Die Metapher vom Reich Gottes/Königtum Gottes darf ja auch nicht so gelesen werden, dass sich eine Gemeinschaft sammelt und dann von anderen abgrenzt (vgl. Gerber, 2013, 70). Die „Religionslosen Christen“ wissen bei ihren Bemühungen für das Reich Gottes darum, wir sind von den Lebensprozessen anderer (religionsloser) Religionen berührt. In diesem Zusammenhang – nämlich dem Streben nach dem Reich Gottes – gehört auch das Wissen religionsloser Christen darum, dass das Christentum seine Potentiale nur dann entfalten kann, wenn es sich auf Beziehungen zu anderen (religionslosen) Religionen einlässt, in einen interaktiven Prozess mit offenen Ausgang einsteigt und liebst Gemeinschaft in Verletzlichkeit mit anderen (religionslosen) Religionen pflegt. Das Reich Gottes ist also keine 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 76 sich nur exklusiv aus dem christlichen Kosmos entwickelnde Angelegenheit, wie die Beiträge in dem von Link-Wieczorek (2013a) herausgegebenen Sammelband nahelegen. Hingegen macht Claus Petersen deutlich, dass der Reich-Gottes-Glauben überall latent zu vermuten ist. Er äußert sich auch in den Zeugnissen verschiedenster Religionen und Kulturen „in unserer Gegenwart und in der Geschichte der Menschheit“ (ders., 2005, 101). Deswegen wird sich der Reich-Gottes-Gedanken und damit das Reich Gottes nur dann ganz und vollständig entfalten, wenn alle (religionslosen) Religionen im Dialog sind, diesen Gedanken (gemeinsam) weiterentwickeln und zu einem praktischen gemeinsamen Thema der gesamten Menschheit machen. Mehr und mehr vernetzte Gespräche sind angesagt, als ein sich abgrenzendes und voneinander unterscheidend-sich-scheidendes Christentum (vgl. ders., 2005, 141f.). Zivilgesellschaft Wenn der Blick auf die Zivilgesellschaft gelenkt wird, dann nicht nur deswegen, weil (religionslose) Christen Teil der Zivilgesellschaft sein können, weil mit Sebastian Franck (hier im Buch) und Karl Rahner (vgl. Mierzwa, 2018b, 140–143) mit anonymen Christen in der Zivilgesellschaft zu rechnen ist und weil mit Paul Tillich „wirklicher Atheismus keine menschliche Möglichkeit ist, denn Gott ist dem Menschen näher als der Mensch sich selbst“ (vgl. Tillich bei: Eberhardt, 1969/2007, 88, Anm. 14). Schließlich bemerkt Claus Petersen noch, dass „jeder“ Mensch seinen Platz resp. seine Lebensaufgabe im Reich Gottes erkennen und ausfüllen kann (vgl. ders., 2005, 103f.). Die Bildung von (verbindlicher) Gemeinschaft durch die Vernetzung in der Zivilgesellschaft unter dem Vorzeichen von Gerechtigkeit, Solidarität und Gewaltlosigkeit verändert bereits das Gesamtgefüge und ruft zugleich Widerstand hervor (vgl. den Widerstand des Staates bei der Friedenssteuerinitiative, bei den Kirchenasyltätigkeiten sowie beim dem Ringen um die Gemeinnützigkeit von Attac und campact). Es wird deutlich, dass ein Nerv getroffen wird, dass durch dieses Engagement strukturelle Gewalt offengelegt wird. Durch Einschüchterung und Ächtung, durch Techniken des Ausschlusses oder der Ignoranz, 3.1. 3.1. Zivilgesellschaft 77 sollen Menschen an der Partizipation an der Zivilgesellschaft abgeschreckt werden bzw. verhindert werden, sich den neuen Gemeinschaften im Rahmen der Zivilgesellschaft anzuschließen. Aus der Zivilgesellschaft wird dagegen die „Feindesliebe“ gesetzt. Dabei ist innerhalb der Zivilgesellschaft die „Feindesliebe“ kein heroischer Akt eines Einzelnen, sondern gar nicht so selten eine Selbstverständlichkeit einer von Christus oder von anderen Zeugen der Gewaltfreiheit, der Liebe und Solidarität mit den Armen her geprägten Gemeinschaft. Zu dieser „Feindesliebe“ gehört, dass – mit Richtern, Politikern und Reichen gesprochen wird; – ein Status- und Milieugrenzen überwindender Dienst am Nächsten erfolgt; – gemeinsam gegessen wird; – und Vergebung geübt wird (vgl. hier Engelke, 2019, 427). Die Zivilgesellschaft wird sich immer wieder fragen lassen müssen, wo sie noch mit einem Quäntchen am gegenwärtigen Gefüge „struktureller Gewalt“ „Mitspielerin“ ist und durch eigene Beteiligung das gegenwärtige Gefüge aufrechterhält. Und die Zivilgesellschaft wird sich fragen lassen müssen, inwiefern z.B. die „imperiale Lebensweise“ weltanschaulich und ideologisch abgesichert wird (vgl. hier die kritischen Rückfragen von Kathrin Hartmann [2015] in diesem Zusammenhang). Und man muss sich fragen, ob Agenten und Agentinnen der Zivilgesellschaft zu einem gewissen Grade noch „Herr“ und „Herrin“ sind (vgl. die kritischen Rückfragen zu den Institutionen/Personen im Bereich des Mikrokreditwesens bei Kathrin Hartmann [2012, 317ff.] und bei Abhijit V. Banerjee/Esther Duflo [2015, 208ff.] und wo deutlich wird, dass hier gar nicht so selten die Akteure des Mikrokreditwesens so sehr das Sagen über das Leben der Armen haben, so dass es wieder zu einer neuen Form von Gewalt kommt). 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 78 Religionsloses Christentum34 Dietrich Bonhoeffer argumentierte sehr stark „gegen eine Verbannung des Reich-Gottes-Begriffes aus der gelebten Wirklichkeit“ (Enns, 2013, 44; vgl. DBW 12, 265 und 267) und argumentierte infolgedessen dafür, dass die Kirche die Aufgabe der Weltgestaltung habe. „Wer (…) das Reich Gottes liebe, (so Bonhoeffer R.M.), liebe es ganz als Gottes Reich auf Erden, weil er sich und die Welt gerade so als Schöpfung begreife“ (Enns, 2013, 44f. Herv. i. Orig.; vgl. DBW 12, 268). So gehört im Kontext des Reich-Gottes-Gedankens eine notwendige Weltzugewandtheit der Kirche dazu. Reich Gottes liegt nicht im Reich der Ideen/Utopien (vgl. DBW 12, 269), sondern mitten in der Geschichte. Ein ganz und gar dieser Welt zugewandtes Leben ist für ihn möglich und nötig, ohne allerdings dabei in einen übermütigen gesellschaftspolitischen, programmatischen Aktionismus zu verfallen, um das Reich Gottes „zu machen“ (vgl. Enns, 2013, 46; s.a. Petersen, 2005, 99); das Reich Gottes ist allein von Gott zu erwarten (vgl. DBW 12, 270). Was er dann zum „religionslosen Christentum“ sagt bedeutet dann dafür eine partielle Distanzierung von der realen Kirche. Das „Daseinfür-andere“ rsp. die Weltzugewandtheit im „Dasein-für-andere“ ist nur möglich, wenn man gewissermaßen aus dem von der Kirche angebotenen realen Setting auszieht (vgl. Mierzwa, 2018b, 131–140). Bonhoeffer machte im Hinblick auf die Pastoren den Vorschlag, dass nicht exklusiv im Dienst der Kirche gearbeitet werden solle, sondern dass diese ganz gewöhnlichen Berufen nachgehen und im Ehrenamt die Aufgaben des Pastors erfüllen sollten (vgl. DBW 8, 560)35. Ein Beispiel dafür sind die „Kleinen Schwestern Jesu“, die in der Küche eines Hotels arbeiten oder in der Müllsammelanlage des „Grünen Punktes“ und da Stress und Müdigkeit teilen, aber auch an diesen Orten für Gottes Wort eintreten, Seelsorge betreiben und Freundschaften knüpfen. Siehe aber auch das Leben der französischen Jüdin Simone Weil, ge- 3.2. 34 Etwas überarbeitete und ergänzte Ausführungen aus Mierzwa (2019b, 11f.) 35 Es ist auch interessant, dass D. Sölle diesen Aspekt von D. Bonhoeffer zitiert, wenn sie über Kirche und Reich Gottes nachdenkt (vgl. dies., 1997, 194). 3.2. Religionsloses Christentum 79 wissermaßen das Leben einer „Religionslosen Jüdin/Religionslosen Christin“ (vergl. hier Schrupp, 2009)36. Im Horizont der Bonhoefferschen Denkfigur vom „Religionslosen Christentum“ (vgl. Dramm, 2002; Hofstetter, 2006), die im „Für-andere-Da-sein“ bzw. im „Dasein-für-andere“ sich konkretisiert, zeigen Ausführungen zur Implementierung von Solidarität (vgl. Mierzwa, 2017, 75–118), dass die Kirche sehr stark eine Kirche sein kann, die für andere da ist. Auch Christen, die z.T. nicht eng an die Kirche gebunden sind und sich z.B. bei Attac, dem Weltsozialforum, ÄRZTE OHNE GRENZEN oder den Gewerkschaften engagieren, sind Repräsentanten eines Religionslosen Christentums. Manche vertreten die Auffassung: Man muss nicht Mitglied der Kirche sein, um Christ zu sein (vgl. hier auch z.B. Antje Schrupp zu Simone Weil, 2009, 8 sowie Sr. Bärbel Westphal in: Mierzwa, 2017b, 69). Entscheidend ist für sie, dass etwas getan, dass Solidarität gestiftet wird. Es werden keine doktrinären Glaubenssätze und Glaubensformeln ritualisiert bekannt. Ihnen ist wichtig, dass sie durch ihr solidarisches Zeugnis transparent auf Gott hin sind. „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40) – diese Bibelstelle wird innerhalb des Religionslosen Christentums verstärkt. Aber (doktrinäre) dogmatische Glaubenssätze zu transportieren ist ihnen fremd. Implizit – im jeweiligen solidarischen Engagement – wird die Sinnspitze des Christentums, das Liebesgebot, realisiert. Mit ihrem solidarischen Engagement ist immer zugleich mitgemeint, ohne es ausdrücklich zu formulieren, dass sie als Christen handeln. Religionslose Christen sehen Gott in allen Dingen – auch in den wertschätzenden, gewaltfreien und achtsamen Bündnissen der Menschen für eine solidarischere Welt, selbst wenn dabei nicht ausdrücklich auf Gott hin kommuniziert, aber implizit das mit der Gottesrealität Gemeinte hier ausgesprochen wird. Es wird gebetet mit den Füßen (beim Gehen) und den Händen (beim 36 Im Horizont von Jesus, Ragaz und Bonhoeffer kann Ute Pfeiffer (vgl., dies. 2017, 191f.) nicht das Wagnis und die Ungesichertheit der Nachfolge entsprechend der Reich-Gottes-Botschaft antreten obwohl sie das Dasein-für-Andere von D. Bonhoeffer schon gut verstanden hat, wenn sie feststellt, dass man auf den „Marktplätzen“ als Christ zu finden sein müsste, auch mal an einer Demonstration gegen „Rechts“ dabei sein sollte und sich nicht zu schade sein müsste, die Taschen der Nachbarin vom Einkauf in den fünften Stock zu tragen (vgl. dies., 190). 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 80 Arbeiten). Anthropologische Grundvollzüge sind für sie von Gottes Geist durchdrungen, weil sie mit Hoffnung dabei sind. Religionsloses Christentum ist durch eine intrinsische Motivation zu charakterisieren – es ist ihm weitestgehend fremd, dass äußere Anreize geschaffen werden müssen, damit es zum solidarischen Handeln kommt. Religionslose Christen lassen sich wohl ein gutes Wort gefallen, aber dass es jemanden mit „Richtlinienkompetenz“ geben muss, der orientiert, ist ihnen fremd. Religionsloses Christentum sieht jenseits von Kirche Zivilgesellschaft, Kontrastgesellschaften (vgl. Hütter, 1993, 162–181; Mierzwa, 2017, 235f., Anm. 70), Basisgemeinden/-gemeinschaften (vgl. L. Boff, 1980; Gundert, 2013; Buchgruppe Offene Arbeit, 2014) und die Vineyard-Bewegung (vgl. Imhof, 2017) als für die Lebensgestaltung förderlich an, ohne dabei eherne institutionalisierte „Erhaltungsordnungen“ definieren zu wollen. Mittels Zivilgesellschaft, Kontrastgesellschaften, Basisgemeinschaften und der Vineyard-Bewegung arbeitet Religionsloses Christentum an einer partiellen „Dekonstruktion“ der Gesellschaft, damit mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft herrscht, größerer Frieden besteht und mehr Entfaltungsräume für ein „gutes Leben“ erschlossen werden können. Damit soll nicht destabilisiert, jedoch mit Blick auf das Gedeihen einer solidarischeren und gerechteren Gesellschaft mit Liebe interveniert werden. Mit dem Aufkommen des Religionslosen Christentum läuft das Zeitalter der Kirche ab. Mit der Einschätzung von L. Ragaz hält das Religionslose Christentum das Prinzip Kirche für überlebt. Für das Religionslose Christentum „ist die Welt in ihren vielfältigen Bewegungen (…) der eigentliche Ort Gottes“ (vgl. Böhm, 1988, 157). Das Religionslose Christentum weiß darum, „Gott gibt sich nicht mit sakralen Wirklichkeitssegmenten zufrieden, sondern beansprucht die ganze, ungeteilte Welt“ (ders.). Das Religionslose Christentum sieht mit den Einsichten von L. Ragaz, dass die Kirchen sich als ein Hindernis für den Weg Gottes in die Welt erweisen können und Gottes geschichtliche Dynamik absorbieren (vgl. hier bei: Böhm, 1988, 157). 3.2. Religionsloses Christentum 81 Basisgemeinschaften/Basisgemeinden Mit den Basisgemeinden/Basisgemeinschaften wird deutlich, das Reich Gottes kommt nicht von oben, von reisenden Diplomaten und mächtigen Politikern, sondern „durch gewöhnliche Männer und Frauen“ (Sölle, 1981, 43). Diese gewöhnlichen Menschen handeln aus einem Gott-Vertrauen „in einer mächtigen kreativen, Leben gebenden Art“ (dies., 44) und werden dadurch zu Co-creatoren. Sie sind nicht so ohnmächtig, wie manche Theologen über den überstark wundermächtig gezeichneten Jesus Christus herausstellen wollen (vgl. dies., 45). Basisgemeinschaften/Basisgemeinden sind auch Nachfolgegruppen, die „prophetisch das vorleben und dafür kämpfen, was dem ganzen Volk heilvoll wäre“. Sie haben eine „stellvertretende, vorwegnehmende und einübende“ Funktion; sie üben keine Ersatzfunktion für andere Gestalten der Kirche aus (vgl. Duchrow u.a., 2006, 468). Die Basisgemeinschaften, wenn sie denn auf dem Weg zum Reich Gottes sein wollen, haben eine ganz spezifische Spiritualität. Diese Spiritualität, zunächst einmal negativ abgrenzend, findet nicht in geistlichen Sonderbezirken mit realitätsfernen Übungen und Riten statt, im übrigen aber die Welt laufen lässt. Diese Spiritualität ist auch keine Praxis nachhinkender Therapie zur Aufarbeitung pastoraler Frustration, also eine Art Durchhaltemystik. Die Spiritualität im Horizont der RG-Theologie denkt grundsätzlich geschichtlich; sie weiß darum, „daß die vollkommene Gottesnähe erst in der Zukunft des Reiches Gottes geschenkt wird. Die Spiritualität hat deshalb eine indikativische und eine prophetische Dimension. Sie ist mit dem Erreichten und Bestehenden nie zufrieden; sie verliert den übergreifenden Horizont der besseren Möglichkeiten nicht aus den Augen und setzt sie der Wirklichkeit als Alternativen gegenüber, die im Handeln eingeholt werden wollen. Dieser Drang nach dem stets Vorneliegenden ist aber nur dann gefahrlos für Mensch und Gesellschaft möglich, wenn er gelebt wird in der Erfahrung der eigenen Aufgehobenheit in der umfassenden Güte Gottes. Das Bewußtsein, bei aller Anstrengung die Welt doch nicht vollständig erlösen zu müssen, ist der geeignete spirituelle Boden, im Vertrauen auf die biblischen Verheißungen neue Wege der Praxis in die Zukunft einschlagen zu können. Die Spiritualität (…) hat den Charakter einer Öffnung und Wegweisung. Sie ist weniger darauf aus, hin- 3.2.1. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 82 ter sich gelassenes Terrain zu sichern oder eine privatistisch fühlende geistliche Zufriedenheit zu erzeugen, als vielmehr neue Bereiche auszuspähen und künftige Wandlungsmöglichkeiten zu erschließen“ (Böhm, 1988, 247). Christliche Basisgemeinschaften in Deutschland üben „Gastfreundschaft“ mit Migranten und Migrantinnen und spenden damit Hoffnung, wie etwa Brot & Rosen in Hamburg. Oder sie stellen pädagogisch anspruchsvolles Holzspielzeug her und engagieren sich für den Frieden, wie etwa die Basisgemeinde Wulfshagenerhütten (bei Kiel); sie betreibt Inklusion beim Arbeitsplatzangebot für Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance hätten. Oder es werden Aktion mit Information für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie miteinander verknüpft, wie beim Lebenshaus Schwäbische Alb durch den Rundbrief/Newsletter, der publiziert wird (vgl. Schmid, 2008). Die Offene Arbeit Erfurt (vgl. Buchgruppe Offene Arbeit, 2014) war und ist für ein Gemeindeleben auf Augenhöhe einerseits bekannt, aber auch dafür, mit Menschen in Kontakt zu stehen, die sich an den Rändern der Gesellschaft aufhalten. – Basisgemeinde Wulfshagenerhütten „Die Basisgemeinde Wulfshagenerhütten ist mit vielen anderen Christen gewiss, dass Gottes Reich eine Verheißung für diese Erde ist. Sie lebt im Miteinanderteilen und versucht, Arbeit und Leben nach Gottes Willen auszurichten. (Absatz herausgenommen R.M.) Die Frage nach Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen und die ganze Schöpfung hatte die Mitglieder des Anfangs in einer Kirchengemeinde in Kornwestheim bei Stuttgart zusammengeführt. Sie suchten zunächst nach Lösungen für Symptome von Ungerechtigkeit in Staat, Gesellschaft und Welt, wie sie z.B. in der atomaren Bedrohung, in der Armut der Länder der ‚Dritten Welt‘ und in der zunehmenden Arbeitslosigkeit in ihrer Stadt sichtbar waren. Teils christlich, teils nicht, teils politisch, teils sozial engagiert waren sie getrieben von der Frage nach Alternativen zur Schaffung eines besseren Lebens für alle Menschen. (Absatz herausgenommen R.M.) Sie erinnerten sich und entdeckten neu, dass in biblischen und bereits gelebten urchristlichen Traditionen (z.B. Apg 2 und 4) ein ganzheitlicher und auf Heilung ausgerichteter Lebenszu- 3.2. Religionsloses Christentum 83 sammenhang erkennbar ist. Das urchristliche Miteinanderteilen aller Gaben war das (vorweg-)gelebte Modell einer Gesellschaftsform, die Hoffnung machte und viel in Bewegung brachte (...):“ (Basisgemeinde Wulfshagenerhütten, 1998). (…) „1975 entstanden erste Wohngemeinschaften in mehreren Häusern in Kornwestheim und Umgebung, in denen Alte und Junge, ‚Kranke‘ und ‚Gesunde‘, Alleinstehende, Familien und Kinder zusammen wohnten. Was hier entstand, war der Versuch Gemeinde zu werden, wie sie im Neuen Testament auf den Spuren Jesu erkennbar ist: Ohne oben und unten, ohne Privateigentum, ohne die Zurückstellung von Frauen und Kindern und ohne die Ausgrenzung von Armen und Schwachen. (….) (Absatz herausgenommen R.M.) Die Mitglieder jenes Anfangs wollten mit ihrem eigenen Leben feststellen, ob ein Leben in der Art der ersten Christen unter den Bedingungen der heutigen Welt möglich sei. Sie hatten miteinander die Gewissheit, dass das Evangelium, wenn es ganz gelebt wird, auch heute jene Kraft und Dynamik in sich hat, die der Welt aus ihren zunehmenden Sackgassen helfen kann. Sie teilten miteinander den Glauben, dass das Reich Gottes kommen und Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen und die ganze Schöpfung bringen wird. (…) Die Gemeindesonntage wurden in den Gemeindehäusern der Kirchengemeinden in Kornwestheim und Umgebung gefeiert“ (dies.). Zu den Anfängen gemeinsamer Arbeit gehörten Kleinumzüge und Haushaltsauflösung, aber auch eine Nähstube, die Änderungsund Flickarbeiten machte. Das lebendige Zeugnis der Ganzhingabe von Brüdern einer Bruderhofgemeinschaft aus England und den USA hat die Basisgemeinde auf ihrem Weg sehr bewegt. 1982 wurde den Mitgliedern der Basisgemeinde deutlich, „dass jetzt ein neuer Schritt anstand: Das ganze Heraustreten aus den bisherigen Berufen, Häusern und Sicherheiten in die Verbindlichkeit eines neuen Lebenszusammenhangs“ (dies.). Man begab sich auf die Suche nach einem Ort, wo sie alle gemeinsam wohnen, leben und arbeiten konnten. „Alle, die diese neue Verbindlichkeit an einem neuen Ort leben wollten, kündigten nacheinander ihre Arbeitsstellen.“ 1983 kam es zum Umzug nach Schleswig-Holstein – zunächst in ein ehemaliges Kinderheim. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 84 Wesensmerkmale des Zusammenlebens wurden wesentlich beibehalten: Gemeinsamer Tagesablauf, „das Leben in Geschwisterlichkeit, das Gestalten überschaubarer Wohngruppen, die gemeinsame Kindererziehung, ein gemeinsames Wirtschaften in völliger Gütergemeinschaft und das Mitarbeiten in Küche, Büro, Hausmeisterei usw.“ (dies.). Sie bekamen Kontakt zu einem biologisch anbauenden Landwirt des Nachbardorfes. „Völlig ohne Geld und auf gegenseitiges Vertrauen gegründet arbeiten wir auf seinen Feldern mit und erhalten soviel vom Ertrag der Ernte, wie wir brauchen“. Die Bruderhöfe boten der Basisgemeinde den Verkauf ihrer Produkte an. So konnte mit ihrer Hilfe ein Kundennetz aufgebaut werden, dass für die eigene Produktion und den Vertrieb von dem selbst hergestellten Holzspielzeug bedeutsam ist. Zeitsprung: 1990 wurde mit dem Aufbau einer Basisgemeinde am Prenzlauer Berg begonnen 1992 mit dem Aufbau einer Basisgemeinde in der Ukraine. Und heute – dazu einige Hinweise in Stichworten: Gelebter Glaube Die Bibel ist die Grundlage des gegenwärtigen Gemeinschaftslebens. Es wird alles geteilt: Kraft, Zeit und Geld. Es gibt eine Gebets- und Gesangsstunde vor dem Mittagessen. Alle, die dort leben, sind aus der verfassten Kirche ausgetreten. Gottvertrauen zieht sich wie ein roter Faden durch das gemeinsame Leben – auch in atemberaubend riskanten Situationen (vgl. Gundert, 2013). Wider die Diktatur des Eigentums „Konkret bedeutet das für uns, dass wir kein privates Eigentum oder private Einkünfte besitzen. Über unser Gemeinschaftseigentum entscheiden wir gemeinsam. Wer sich der Gemeinschaft anschließt bringt sein Vermögen bzw. seine Schulden ein. Es bestehen keine materiellen Voraussetzungen (wie Eintrittsgelder o.ä.) für ein Mitleben in der Gemeinschaft, dadurch wird auch ärmeren Menschen der Eintritt möglich. Bei unserem einfachen Lebensstil besteht auch kein Anreiz, diese Offenheit auszunutzen. Da unsere Güter gemeinsam genutzt werden 3.2. Religionsloses Christentum 85 (so haben wir insgesamt z.B. nur 2 PKW für ca. 60 Menschen) brauchen wir weniger – die Fülle des Lebens entsteht ohnehin aus der Gemeinschaft und der Freude an- und miteinander. Dieser einfache Lebensstil setzt uns in große Freiheit, auch unsere Arbeit zuerst nach menschenwürdigen und schöpfungsgemäßen und erst dann nach ökonomischen Kriterien zu gestalten“. (Meyer-Stromfeldt, 2011). Gemeinschaftsleben „Auch die Aufnahme neuer Menschen in die Gruppe liegt hier ganz in den Händen Gottes. Muss in anderen Gemeinschaften vor dem Beitritt oftmals erst ein hoher Geldbetrag eingezahlt werden, so wird in der Basisgemeinde in Gesprächen und während einer Probezeit geprüft, ob die oder der Interessierte von Gott gesandt wurde. Christ zu sein, ist keine Voraussetzung, um in die Gemeinschaft einzusteigen – wohl aber die Bereitschaft, sich dem Leben und der christlichen Lehre zu öffnen. Wer für immer bleiben will, legt nach mehreren Jahren ein Gelübde ab – für die Gemeinde, für den Weg ‚in der Nachfolge Jesu‘. Das bedeutet auch, eigene Interessen, Neigungen und Wünsche zugunsten der Gemeinschaft zurückzustellen und beispielsweise in dem Bereich zu arbeiten, in dem das Kollektiv Unterstützung braucht. Statt individueller Selbstverwirklichung steht in der Basisgemeinde Wulfshagenerhütten das Folgen von Gottes – nicht selten unergründlichen – Wegen im Vordergrund. (Absatz herausgenommen R.M.) Zeiten für Rückzug und Privates gibt es denn auch wenig. Die Abende werden oft zusammen verbracht, man diskutiert, sieht einen Film oder musiziert. Familien und Alleinstehende leben in kleineren Gruppen zusammen, teilen Küche, Bad, Wohnzimmer und das tägliche Leben. Gearbeitet wird gleich nebenan, in der Werkstatt, der Küche oder anderen Bereichen“ (Gundert, 2013). Soziales Engagement Es gibt die monatliche Mahnwache vor dem Atomkraftwerk vor Brokdorf, infolge der Katastrophe von Tschernobyl von 1986. In der Holzproduktion finden 20 Angestellte aus der Region Platz, unter ihnen viele Langzeitarbeitslose und andere Menschen, die in der konventio- 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 86 nellen Wirtschaft keinen Platz finden. Für das Spielzeug werden ausschließlich einheimische Hölzer verwendet und das Spielzeug ist so konzipiert, dass es nicht zum Konsum verführt (vgl. Gundert, 2013). Man engagiert sich im Internationalen Versöhnungsbund – deutscher Zweig. Geschäftspartner werden ausgeschlossen, die die betriebliche Mitbestimmung in ihren Betrieben zu verhindern versuchen. Ökologisches Engagement Es wird neben den schon erwähnten einheimischen Hölzern für die Produktion des Holzspielzeuges auch auf ökologisch verträgliches Büromaterial geachtet. Es werden ökologisch und sozial verträgliche Versicherungsgesellschaften ausgewählt. Es gibt einen regionalen, ökologischen und fairen Einkauf für die Gemeinschaft. Auch die Energieversorgung ist ökologisch (z.B. Photovoltaikanlage) (vgl. Meyer-Stromfeldt, 2011). „Die Vernetzung mit Gemeinschaften außerhalb der eigenen Glaubensrichtung ist wenig ausgeprägt, doch es gibt Kontakte zu anderen christlichen Gemeinschaften, zu Dependancen in Berlin und Ungarn sowie zur Basisgemeinde in Südamerika. Die Gemeinschaft ist Mitglied im Diakonischen Werk und im europäisch-friedenskirchlichen Netzwerk ‚Church and Peace‘“ (Gundert, 2013). – Brot & Rosen Aus dem Internet ist aus der Selbstdarstellung37 zu erfahren. „Angestoßen wurden wir von Erfahrungen in unserem Alltag (…) der zunehmenden menschlichen Isolierung und Leistungsorientierung in unserer Gesellschaft, der Erfahrung der Begrenztheit von ‚Sozialarbeit‘ und Diakonie angesichts wachsender Armut, dem Bedürfnis nach aktiver Friedensarbeit und gelebtem Pazifismus in unserer Welt, der Vision von einem gemeinsamen und einfacheren Lebensstil, der Sehnsucht nach einer ganzheitlichen Verbindung von ‚Aktion und Kontemplation‘ im Alltag“. „Unsere Vision wurde inspiriert durch das persönliche Kennenlernen verschiedener christlicher Gemeinschaften in den USA. Dort er- 37 http://www.brot-und-rosen.de/ueber-uns.2.0.html abgerufen am 4.11.2017 3.2. Religionsloses Christentum 87 lebten wir eine einmalige Kombination von (…) sozialem Dienst, politischer Aktion und gemeinsamen Leben. Gemeinschaften wie ‚The Catholic Worker‘, die ‚Open Door Community‘ und ‚Sojourners‘ nehmen Obdachlose und Flüchtlinge in ‚Häusern der Gastfreundschaft‘ auf; sie teilen mit ihnen ihre Mahlzeiten, Zeit, Geld, veranstalten Mahnwachen, Suppenküchen und Gottesdienste; mit Kriegsopfern aus den armen Ländern gehen sie gemeinsam gegen Militarismus auf die Straße. Zusammen mit den ‚MitbewohnerInnen von der Straße‘ prangern sie die wachsende Obdachlosigkeit öffentlich an. Die Gemeinschaften haben ein lebendiges Gebetsleben, Gottesdienste und Feste. Bewusst als christliche Gemeinschaft lebend, versuchen sie, ‚eine neue Gesellschaft innerhalb der alten‘ (Peter Maurin) aufzubauen. Unsere Vision ist von Erfahrungen im Mitleben in diesen und anderen Gemeinschaften geprägt“ (Absätze herausgenommen R.M.). „Im direkten Dienst an unseren Nächsten wollen wir mit Menschen arbeiten, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Wir wollen dabei auf Gebieten arbeiten, in denen der ‚Sozial‘-Staat Menschen Grundbedürfnisse vorenthält und Menschenrechte verletzt. Das Asylrecht in Deutschland ist weitgehend abgeschafft. Flüchtlinge werden ihrer Rechte beraubt, deportiert oder in die Illegalität gedrängt. Für diese Menschen ist unser ‚Haus der Gastfreundschaft‘ offen – wir nehmen sie unabhängig von ihrem sozialrechtlichen Status und ohne bürokratische Hürden auf. Sie finden bei uns ein Zuhause auf Zeit, um durchatmen zu können und neue Perspektiven zu entwickeln. So leben Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen unter einem Dach und teilen den Alltag miteinander. Alle helfen im Haushalt, kochen, putzen oder kaufen ein. Wir teilen Freud und Leid, essen gemeinsam, hören einander zu und feiern Feste.“ (…)„Unseren Lebensunterhalt bestreiten wir durch Teilzeitarbeit außerhalb des Hauses und legen unser Einkommen zusammen. Wie bemühen uns, einfach und mit wenig Geld zu leben. Weitere Menschen teilen als sogenannte Freiwillige für eine Weile unser Leben und arbeiten im Haus mit. Unsere Entscheidungen in der Gemeinschaft treffen wir per Konsens. Wir halten gemeinsame Morgenandachten, feiern Hausgottesdienste und sprechen über biblische Texte. (…) Wir sind freundschaftlich verbunden mit ähnlichen Gemeinschaften in Europa und den USA.“ 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 88 „Über die praktische Solidarität mit den Menschen in unserem Haus engagieren wir uns in der Hamburger Flüchtlingsarbeit. Wir arbeiten im ‚Café Exil‘ mit, wo wir Flüchtlinge bei ihrem Gang zur Ausländerbehörde beraten und begleiten. Wir treten für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ein. Als PazifistInnen lehnen wir jegliche Gewalt und Rüstung ab. Wir beteiligen uns an Demonstrationen und gewaltfreien Aktionen. Regelmäßig laden wir zu Diskussionsabenden in unser Haus ein“ (Absätze herausgenommen R.M.). Aus dem Rundbrief sind vertiefende Informationen ergänzend zu dieser Selbstdarstellung zu entnehmen. Pazifismus: Brot & Rosen wendet sich gegen Rüstungsexporte (vgl. z.B. Nr. 88/Juni 2018, 7), insbesondere Kleinwaffenexporte, unterstützt die „Lebenslaute“-Aktion gegen die Ausbildung von Drohnenpiloten am Fliegerhorst Jagel in Schleswig-Holstein (vgl. Nr. 85/Oktober 2017, 1.4ff.), ist auch dafür Kriegsdienstverweigerung als Asylgrund anzuerkennen (vgl. Nr. 84/Juli 2017, 7) oder beteiligt sich an einer Aktionswoche in Büchel gegen Atomwaffen (vgl. Nr. 93/Herbst 2019, 1). Solidarische Ökonomie: Seit ungefähr 1999 holt Brot & Rosen bei einem Biomarkt die Reste ab und kauft dort darüber hinaus viele Lebensmittel ein. Sie wollen damit einen Beitrag zu einer menschengerechten Wirtschaft leisten und sich gerade kritisch von Bio-Supermärkten absetzen, die z.B. Bio-Fertigprodukte in den Umlauf bringen (vgl. Nr. 85/Oktober 2017, 1.7). Und seit 20 Jahren lässt die Gemeinschaft ihren Rundbrief bei einem von der Genossenschaftsbewegung geprägten Druckereibetrieb herstellen. Der Betrieb wird in Selbstverwaltung geführt, es wird zu gleichen Löhnen gearbeitet und es gibt keine vordefinierten Hierarchien. Die Druckerei strebt in Richtung Gemeinwohl-Ökonomie – versucht also gerade nicht materielles Wachstum, Gewinnstreben und Wettbewerb in den Mittelpunkt ihres Strebens zu stellen (vgl. Nr. 83/März 2017, 1.6). Gastfreundschaft zu Flüchtlingen: Das Gastfreundschaftskonzept des Hauses steht im Dienst des Hoffnung-Schenkens, des Barmherzigkeit- 3.2. Religionsloses Christentum 89 Übens, dem einfach-willkommen-Heißen gegen eine Praxis, wo die Bedürftigen/die Flüchtlinge therapeutisch, pädagogisch und wohlfahrtsstaatlich als „Fall“ behandelt werden (vgl. Nr. 82/Dezember 2016, 6). Durch die freundliche und herzliche Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen konnte bei jenen Ängstlichkeit abgebaut werden (vgl. Nr. 84/Juli 2017, 2). Brot & Rosen nahm kritisch Stellung zur Afghanistan-Politik der Bundesregierung im Jahr 2017 und stemmte sich gegen die Abschiebepraxis. Die Position war: Afghanistan ist kein sicheres Herkunftsland (vgl. Nr. 84/Juli 2017, 1f., 4 und 6). Deswegen warb Brot & Rosen auch für eine Unterschriftenaktion von Pro Asyl (vgl. Nr. 83/März 2017, 4). Bei dem Flüchtlingsengagement kennt Brot & Rosen die Einzelfallhilfe, damit nachhaltig geholfen werden kann, damit Flüchtlinge in ihrer Heimat Fuß fassen können (vgl. Nr. 84/Juli 2017, 4). Im September 2018 solidarisierte sich Brot & Rosen mit den Flüchtlingen durch das Abdrucken einer Rede gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung im Mittelmeer (vgl. Nr. 89/2018, 1 und 7). Breites Aktivitätsspektrum: Das Aktivitätsspektrum ist sehr weit. Mitglieder von Brot & Rosen saßen gegen Atommüll auf der Straße, sangen vor den Abschiebegefängnis politische Lieder, starteten die mittlerweile jährlichen europäischen Catholic-Worker-Treffen, nahmen (mit schmerzhaften Erfahrungen) Obdachlose auf, engagierten sich im Medibüro [u.a. medizinische Arbeit mit Menschen ohne Krankenversicherung] usw. (vgl. Nr. 82/Dezember 2016, 5; Nr. 88/Juni 2018, 3). Spiritualität: Die Kraft für ihr Handeln bekommen die Mitglieder von Brot & Rosen nicht nur durch die aktiv gelebte Konsens- und Tischgemeinschaft, sondern auch durch ihre Spiritualität. So beteiligte sich Brot & Rosen am Hamburger Kreuzweg 2017 oder 2019 (vgl. Nr. 83/ März 2017, 3 und Nr. 92/Sommer 2019, 1 und 7) oder an einem Requiem für die Toten an den EU-Grenzen (vgl. Nr. 81/Oktober 2016, 6). Sie teilen das spirituelle Leben mit anderen Gemeinschaften, wie dem Laurentiuskonvent in Wethen. Es werden Hausgottesdienste mit Bibelgesprächen veranstaltet. Von Montag bis Freitag halten sie ein kurzes Morgengebet (vgl. Nr. 81/Oktober 2016, 3). Aber sie experimentierten auch mit ungewöhnlichen Gottesdiensten und Andachtsformen. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 90 Reich Gottes: Ein Gast von Brot & Rosen stellt fest, dass Akzeptanz und Teilen hier Programm sind (vgl. Nr. 86/Dezember 2017, 5). Es wird mit Marginalisierten Gemeinschaft gelebt, ohne z.B. vergleichsweise privilegiert zu sein wie die Menschen in der Sozialarbeit (vgl. Nr. 86/Dezember 2017, 6). Für eine wertschätzende Kultur des Respektes beim Umgang mit Bettlern wird geworben (vgl. Nr. 86/Dezember 2017, 7). Man weiß bei Brot & Rosen, dass man an den großen Stellschrauben nicht drehen kann (vgl. Nr. 90/Winter 2018/19, 2). Es besteht eine Kultur des Dienens: „Jeder hat seine Aufgabe – und Kochen gehört natürlich auch dazu“ (Nr. 90/Winter 2018/19, 6). Auch das gemeinsame Mahl prägt die Gemeinschaft, täglich sowie bei der alljährlichen Brot & Rosen-Kaffeetafel in Haus und Garten (vgl. Nr. 93/Herbst 2019, 2). „Kirchen“ Nachfolgend Impressionen von einigen „Kirchen“, die sich Gemeinden als egalitären Gemeinschaften annähern, Gemeinschaften des Teilens und der Fürsorge, der Solidarität und Barmherzigkeit sind. Es sind Gemeinschaften/Gemeinden, wo sehr stark Liebe und gegenseitige „Pflege“ ausgeübt wird, auch zwischen unterschiedlichen sozialen Statusgruppen. Aber diese „Kirchen“ sollen nicht romantisch verklärt dargestellt werden. So weiß der Autor aus Gesprächen, dass in einigen Vesperkirchen „gläserne“ Wände bestehen, die übergreifende Begegnung zwischen den Milieus nicht so real ist, wies es in einigen Veröffentlichungen dargestellt wird. Und dennoch muss man festhalten, dass bei den Vesperkirchen eine erbarmende Sammlung von zum Teil „Zerstreuten, Ausgestoßenen und Sündern“ erfolgt (vgl. Link-Wieczorek, 2013b, 9). – Sozialkirche Wie und wo kann man sich das Reich Gottes heutzutage vorstellen (vergl. dazu Zager, 2002, 71–83 und 123, Punkt 4)? Wenn man ernst macht mit den Vorstellungen von „Raum“ und „Festmahl“ beim Reich Gottes, dann ist für mich ein vorzüglicher Anknüpfungspunkt für heu- 3.2.2. 3.2. Religionsloses Christentum 91 te greifbare Anfänge des Reiches Gottes die Sozialkirche Gaarden (St. Matthäus in Kiel). Sie beherbergt die Kieler Tafel und ein „Lädchen“, in dem gespendete Kleidung und kleine Haushaltsgeräte kostenlos mitgenommen werden können. Während der Öffnungszeiten der Kieler Tafel sind Ehrenamtliche und die Pastorin Ragni Mahajan anwesend und haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Menschen. Die Stadtmission „stadt.mission.mensch“ ist mit im Boot der Angebotspalette der Sozialkirche. Dadurch werden auch das Café sowie soziale und kulturelle Veranstaltungen in der Sozialkirche möglich. Im Café werden Speisen und Getränke zu einem günstigen Preis angeboten; es besteht die Möglichkeit zur professionellen Beratung. Jeden ersten Freitag im Monat gibt es Livemusik – der Eintritt ist frei, Getränke werden zu kleinen Preisen angeboten. Und es findet regelmäßig eine Andacht im Raum der Stille statt. Darüber hinaus findet ein Stammtisch für Menschen mit Assistenzbedarf hier Heimat. Die Bingo-Nachmittage sind sehr beliebt, bei Jung und Alt, sie kosten nichts und dennoch sind schöne Preise, die gespendet wurden, zu gewinnen. Dadurch bestehen in der Sozialkirche Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose. Zur Sozialkirche Gaarden finden unterschiedlichste Menschen den Weg, nicht nur Arme oder Menschen aus anderen Religionen und Kulturen, auch Straffällige oder psychisch Kranke. – Werkstattkirche Aus dem Internet ist zur Werkstattkirche zu erfahren: „Die Werkstattkirche in der Gießener Nordstadt ist keine Kirche im herkömmlichen Sinn wie andere Kirchen in Städten und Dörfern. Die Werkstattkirche ist etwas ganz Neues und bisher Einzigartiges: Sie ist eine Werkstatt, in der vieles versucht und ausprobiert werden kann und soll. Zweimal im Monat ist hier eine richtige Reparaturwerkstatt, der Reparaturtreff “. Von 2014 bis 2019 wurden deutlich über 1000 erfolgreiche Reparaturen durchgeführt – durch sechs bis acht Reparateure, mit ganz spezifischen Spezialbereichen. Es werden gängige Geräte wie Staubsauger, Toaster, Lampen, Wasserkocher, CD-Player und Drucker wieder in Stand gesetzt. Das spart Entsorgungskosten, Material und Energie für die Herstellung von Neugeräten (vgl. Gießener Allgemeine 26.08.2019). Die Werkstattkirche ist aber auch „eine Musikwerkstatt, 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 92 eine Tanzwerkstatt, eine Lernwerkstatt, eine Spielwerkstatt und was der Dinge mehr sind wofür man Werkstätten braucht“ (https://jugend werkstatt-giessen.de/willkommen-der-werkstattkirche abgerufen am 07.10.2019). Sie war zum Beispiel „Musikwerkstatt“ als sie zu einem BHAJAN-Konzert zum Mitsingen einlud – Bhajan heißt teilen, teilen die Musik, den Klang und darüber zur Begegnung zu finden (vgl. Gie- ßener Allgemeine 30.03.2018). Sie war „Friseurwerkstatt“, als die Friseurmeister der „Barber Angels Brotherhood“ Obdachlosen und Bedürftigen kostenlos die Haare schnitten. Das neue gepflegte Äußere kann helfen, sich selbst wieder mehr wertzuschätzen und mehr Selbstwertgefühl zu entwickeln. Die „Barber Angels“ arbeiten dabei ausschließlich in Motorradclub-ähnlicher Lederkluft, um die Hemmschwelle für die Kunden herabzusetzen (vgl. Jasmin Mosel in: Gießener Anzeiger 04.02.2019). Die Werkstattkirche ist dabei vor allem auch eine Nordstadt-Werkstatt „- ein Ort für die Menschen im Gemeinwesen Nordstadt – und das ganz unabhängig von Religion und anderen Zugehörigkeiten: Eine Menschen-Werkstatt-Kirche“ (https://jugendwe rkstatt-giessen.de/willkommen-der-werkstattkirche abgerufen am 07.10.2019). Die Werkstattkirche ist, darauf legen auch Bärbel Weigand und Pfr. i.R. Christoph Geist ganz besonderen Wert, kein Gotteshaus, sondern ein Menschenhaus „und gerade deshalb ist sie Kirche. Menschen brauchen Häuser, Gott – und davon sind wir zutiefst überzeugt – braucht das nicht. Dieses Menschenhaus Werkstattkirche ist nicht mehr und nicht weniger Gotteshaus als alle anderen Menschenhäuser auch. Und Gottesdienste sind nicht nur die Veranstaltungen, in denen wir im traditionellen Sinne beten, singen, hören und reden. Gottesdienste sind alle Zusammenkünfte von Menschen, die geprägt sind von dem, was sich unser Gott für die Menschen wünscht und warum er seinen Sohn zu den Menschen geschickt hat, dass wir miteinander in Frieden und Glück zusammenleben, einander dazu verhelfen, uns darüber freuen und dankbar sind“ (https://jugendwerkstatt-gi essen.de/willkommen-der-werkstattkirche abgerufen am 07.10.2019). Aber es gibt noch mehr, dass zum guten Zusammenleben beiträgt – eine Band, eine Theater-AG oder eine Hausaufgabenhilfe. Hier bringen sich auch Arbeitslose ein. Eine Frau aus der Nordstadt stellte fest: Durch die Werkstattkirche sind wir zu Mitmachbewohnern geworden (vgl. Christoph Hoffmann in: Gießener Allgemeine vom 18.10.2018 3.2. Religionsloses Christentum 93 unter https://www.giessener-allgemeine.de/giessen/gerechter-geist-11 915635.html abgerufen am 02.10.2019). Die „Mitmachmenschen“ der Werkstattkirche Manchmal werden die Koordinatoren der Werkstattkirche gefragt: „Wie viele Teilnehmer habt ihr denn?“ Früher haben sie geantwortet: „Die Bezeichnung Teilnehmer passt so nicht zu unserer Arbeit“. Sie haben dann lieber von „Freiwilligen“ gesprochen oder auch von „Ehrenamtlichen“. Aber zufrieden waren sie mit diesen Bezeichnungen eigentlich auch nicht. Sie fanden allerdings auch keine bessere Bezeichnung. Dieses Problem haben sie nun nicht mehr. Die ganz neue Wortschöpfung „Mitmachmenschen“ ist nicht nur wie geschaffen, sondern ist in unserer Arbeit und für „unsere Leute“ entstanden. Eine Frau, die in der Werkstattkirche „mitmacht“, hat den Verantwortlichen in einer Rückmeldung geschrieben: „Im Nordstadt-Netz (der Werkstattkirche) sind wir zu Mitmachbewohnern geworden“. „Mitmachbewohner“ oder etwas allgemeiner ausgedrückt „Mitmachmenschen“ sind aktiv, beteiligen sich und sind Teil geworden in dem „Mitmachmenschen“-Netz. Sie konsumieren nicht einfach soziale Angebote, sondern bringen sich ein, übernehmen kleine Aufgaben und Verpflichtungen in der Werkstattkirche, in der Nachbarschaft für andere und dabei nicht zuletzt für sich selbst. Denn etwas tun, was jemand anderes braucht, macht mein eigenes Leben sinnvoll und wertvoll. Ich kann erleben, dass ich gebraucht werde. Ich gewinne neues Selbstbewusstsein. Ich esse nicht nur mit beim wöchentlichen gemeinsamen Mittagstisch in der Werkstattkirche. Ich helfe auch bei der Vorbereitung und beim Kochen oder ich bringe anschließend Essen zu jemanden, die/der nicht kommen kann. Ich kaufe für jemanden ein, ich kümmere mich um Kinder, wenn die Eltern nicht da sein können. Ich lese jemanden etwas vor oder leiste einfach nur Gesellschaft gegen das Alleinsein. Manche „Mitmachmenschen“ der Werkstattkirche arbeiten auch in unserem Reparatur-Treff mit oder machen kleine Arbeiten in Wohnungen anderer, schleppen Möbel, wenn jemand umziehen muss, tapezieren und streichen. Menschen so und für vieles andere in Bewegung zu bringen, ist ein wichtiges Ziel unserer Arbeit in der Werkstattkirche und wir staunen immer wieder, was unsere „Mitmachmenschen“ alles können 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 94 und schaffen (überarbeitete schriftliche Information von Pfr. i.R. Christoph Geist vom 8.10.2019). Wie kommt die Werkstattkirche bei den Menschen an, wie wirkt sie und was bewirkt sie? Dazu eine von C. Geist zusammengestellte Zitatensammlung Mir gefällt an der Werkstattkirche schon der Name, weil „werken“ drin steckt. Hier bekommt jeder Vertrauen und Wertschätzung, und sei es nur ein Lächeln, ein Nicken, ein Grinsen, hier ist eine so unterschiedliche Mischung und jeder wird ernst genommen, für mich ist das gelebter Glaube…und das ist kein Schmus! Man wird gefragt, ob man Hunger hat und etwas zu essen braucht. Ich wurde bedingungslos aufgenommen und ich wurde für den Reparaturtreff ausgesucht, ich, das Arschloch, der Looser! Ich wurde bedingungslos aufgenommen, die Menschen sind näher aneinander gerückt, ich kenne eine Tür mehr und es tun sich immer noch Türen auf. In meinem Leben hat sich vieles verändert: Ich bin ruhiger geworden, habe medizinische Betreuung, Krankheit wird anerkannt, habe Pflege, bekomme Unterstützung ohne Fragen, und einen Tritt in den Arsch wenn’s sein muss, ich habe jemanden zum Reden. Hier ist die Familie die ich nie hatte. So gut ging es mir noch nie in meinem Leben. Udo, Mitte 50, alleinstehend, gesundheitlich stark beeinträchtigt An der Werkstattkirche gefällt mir alles: gemeinsames Kochen, der Umgang mit den Kindern, Hilfestellung und Begleitung der Kinder,dass man die Räume für den Geburtstag benutzen kann, die Schlagzeugspieler, die Krach machen dürfen, das Backen der Weihnachtsplätzchen war Klasse, der Reparaturtreff, der „harte Kern“, der hier entstanden ist. Die tolle Geburtstagsfeier für Michi mit Blaskapelle. Hier werden Menschen geachtet und jeder ist wertvoll. Dass die Kinder hier nach der Schule ankommen können und etwas zu essen bekommen. Es wird gefragt, ob man Hunger hat. Manchmal gibt es Kleidung oder Schuhe oder Haushaltswäsche, die gespendet wurde. Hier ist eine Anlaufstelle bei Not und Hunger. Ich komme gerne her, werde geachtet und geschätzt, es stabilisiert mich, da ich allein lebe, bin ich froh über Kontakt. So kann ich auch den anderen etwas geben. Angelika, 60, alleinstehend mit Familienanbindung, berufstätig Die Werkstattkirche ist ein Kirchengebäude, in dem Leben ist, Schlagzeug gespielt wird, Kinder betreut werden, jeder gefragt wird „hast du Hunger“, bedingungslos jeder kommen kann. Es tauchen Menschen aller Art auf, die normalerweise nie die Nähe der Kirche gesucht hätten. Geburtstage werden gefeiert, die Räume für Veranstaltungen genutzt, der Stadtarchivar kümmert sich um die Geschichte des Viertels. Diese Menschen bekommen in der Werkstattkirche und ihrem Netzwerk etwas, was sie lange nicht mehr hatten: Anerkennung, Wertschätzung, Sorge, Essen, Interesse, Zuwendung, Achtung, Hausbe- 3.2. Religionsloses Christentum 95 suche, ein Bett im Hospiz, eine Trauerbegleitung, Kleidung oder Hauswäsche oder Dinge die gespendet wurden uvm. Mein Engagement in dem Nordstadtnetz ist mein Gottesdienst. In der Werkstattkirche wird Kirche spürbar. Noch konkreter und glaubwürdiger kann doch Kirche nicht werden Cora, 65, alleinstehend, Rentnerin Am besten gefällt mir am Nordstadt-Netz das Zusammenspiel der Menschen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten, das Rausholen aus der Einsamkeit, hier ist ein Ort der großen Verlässlichkeit, es gibt Hilfe für fast alles, besonders im Notfall, hier könnte ich mich hinwenden, wenn mit mir was ist. Hier werden Kontakte hergestellt, es wird zugehört, hier ist kein „Schaulaufen“ sondern Ehrlichkeit. Es treffen sich Menschen, die noch Interessen haben. Man muss sich nicht schämen, wenn man zur „Tafel der Werkstattkirche“ gehört. Es wird nicht auf Menschen herabgeschaut, alle sind angenommen. Es begegnen sich fremde Menschen, kleine Grüppchen entstehen, oft gibt es auch PC -Kontakte oder Facebook. In meiner Wohnung ist kein Leben, dann gibt es schwarze Löcher, hier ist Leben. Wir sind empfindliche Menschen, die im Leben mehr einstecken mussten, als sie Taschen haben, oft ein langes Tränental. Wir brauchen viel Zeit, Geduld, Ausdauer und Zuverlässigkeit. In unserem Stadtteil leben viele Bewohner, die durch Behörden, Institutionen, Politik das Gefühl bekommen haben „ überflüssig“ zu sein, Vertrauen ging verloren, sie haben sich aus Gemeinschaften zurückgezogen. Im Nordstadt-Netz sind wir zu „Mitmachbewohnern“ geworden. Christa, 60, alleinstehend, gesundheitlich beeinträchtigt Was ich an der Arbeit des Nordstadt-Netzes schätze ist das Konkrete. Also die konkrete Hilfe beim Ausfüllen eines Lohnsteuerjahresausgleiches, die Nutzung einer Waschmaschine, das Food-sharing, usw. Hier ist eine wichtige Anlaufstelle für Menschen, die in unserem reichen Land an Mangel leiden. Es gibt viele Menschen, die im Nordstadt-Netz direkte Hilfe bekommen und diese Menschen sind oft nicht einfach. Die Hemmschwelle, sich an eine offizielle Institution zu wenden, ist oft sehr groß, der menschliche Kontakt zur Werkstattkirche ist da einfacher. Marion, 55 alleinstehend, berufstätig Am besten gefallen mir am Nordstadt-Netz die menschlichen Menschen, hier gibt es immer ein offenes Ohr und auch bei schwierigen Sachen wird gelacht, das tut gut. Hilfe wo immer sie benötigt wird, es gibt ein Gefühl dazu zu gehören. Hier gibt es Anlaufstellen für angeknickte und kaputte Seelen, Lachen öffnet die Herzen, man hat wieder Ziele, Enttäuschungen werden aufgefangen, es ist menschlich und herzlich. Ich wollte nie, nie mehr eine Kirche betreten, jetzt gefällt mir, dass hier die Kirche anders genutzt wird und so viel Konkretes dabei rumkommt. Ich traue mich wieder und ehrlichen Umgang miteinander kann ich aushalten. Rosi, 55 alleinstehend, berufstätig 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 96 Ich lebe alleine und bin durch meine Erkrankung sehr eingeschränkt. Durch die Werkstattkirche konnte ich Kontakte zu anderen Bewohnern aus der Nordstadt knüpfen. Darüber bin ich sehr froh. Hier gibt es keine Schwelle zu überwinden. Du reichst mir die Hand und ich kann entscheiden, ob ich sie nehme. Bine, 53, alleinstehend, berufstätig Auf der Suche nach Kontakten in museumsferne Schichten der Bevölkerung erwies sich die Werkstattkirche als wahrer Glücksfall. Sie ist eine Anlaufstelle, die lange Erfahrung in der Stadtteil und Gemeinwesenarbeit hat. Die Ansprechpartner dort wissen eigentlich in fast jeder Lage Rat, können eigene Erkenntnisse beisteuern und – was für uns das wichtigste war – sie ermöglichten uns durch ihr umfangreiches Personennetzwerk, zu den Menschen in der Nordstadt Kontakt zu bekommen. Das war eine unglaubliche Erleichterung und Hilfe für unser Projekt. Dr. Ludwig Brake, 63, (Leiter des Stadtarchivs) „Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Dazu sind viele nötig, die auch ein Haus brauchen, um zu geben und zu nehmen, sich kennen zu lernen, auszutauschen, Mut zu machen. Anja, 56, alleinstehend, seelisch stark beeinträchtigt, Werkstatt für Behinderte Die Freundlichkeit und Herzlichkeit in der Werkstattkirche tut mir gut. Ich fühle mich willkommen und habe die Möglichkeit bekommen, Kontakte zu anderen zu knüpfen. Durch ihre vielfältigen Ideen, Menschen zusammen zu bringen, erhält und bringt die Werkstattkirche Menschlichkeit in den Stadtteil. Dagmar, 60, alleinstehend Das Nordstadt-Netz holt Menschen aus der Einsamkeit. Hier wird etwas getan ohne Gegenleistung zu erwarten. Hier hat keiner Angst. Im Nordstadt-Netz bin ich sozialer geworden. Wo man mich braucht fasse ich mit an. Ich würde gerne noch mehr machen. Clemens, 40, berufstätig Am besten an der Werkstattkirche gefällt mir, dass es sie gibt! Dass man zusammen sein kann und keiner alleine ist. Das Nordstadt-Netz bringt die Menschen vor die Tür und bringt sie in Kontakt, sie merken, dass es Spaß macht sich zu treffen oder nicht stur aneinander vorbei zu gehen. Ich bin einfach bereit anderen zu helfen. Weil ich finde, dass Menschen sich untereinander helfen müssen. Ich treffe neue Leute, bekomme eine neue Sicht auf Dinge, wir reden, bieten Hilfe an und bekommen welche, ich werde um Rat und Tat gefragt, Leute bleiben vor meinem Haus stehen und reden mit mir, ich bin bekannt im Viertel. Ralf, 54, Rentner, gesundheitlich stark beeinträchtigt 3.2. Religionsloses Christentum 97 Ich suchte nach einer Aufgabe, die meinem Leben weiterhin Struktur und Sinn geben sollte. In der Werkstattkirche habe ich sie gefunden: die Aufgabe, Dinge zu reparieren, die noch nicht weggeworfen werden sollen, sprach mich als Elektrotechniker an. Aber mit jedem Reparaturtreff änderte sich mein Blick auf die Dinge und vor allem auf die Menschen dort. Klar, wir reparieren Sachen, die zum Wegwerfen zu schade sind – oft aus ideellen Gründen – meist aber, weil die Leute gar nicht das Geld haben, Neues zu kaufen. Die Werkstattkirche gibt mir immer wieder Denkanstöße – über unsere Konsumund Wegwerfgesellschaft, über Menschen in unserer Nachbarschaft, die vom Leben in irgendeiner Weise benachteiligt sind. Ich selbst bin ein sehr offener und sozial eingestellter Mensch, die WK hat mich mit der Realität in diesem Stadtteil direkt konfrontiert. Die Werkstattkirche ist für viele Menschen ein sozialer Treffpunkt geworden: sie werden mit Respekt behandelt, mit ihren Problemen ernst genommen, man kümmert sich und hört zu, hilft … und … und … und …bereitet was zu Essen vor. Tim, 62, Rentner Ich gehe gerne in die Werkstattkirche, weil die Leute dort geduldig und freundlich sind und weil ich dort Menschen begegne, mit denen ich mich unterhalten und etwas unternehmen kann. Wichtig ist, dass man eine Aufgabe hat und mit anderen zusammen etwas macht. Schön, wenn man gebraucht wird. Werner, 44, seelisch stark beeinträchtigt Als Vater finde ich gut, dass mein Sohn Menschen kennt, die ihn schätzen und die seine Fertigkeiten abrufen. Er kann sich entfalten und sich in seinem Tun bestätigt fühlen. Er empfängt Anregungen, die er aufgreifen kann. Dass Werner am Leben in der Werkstattkirche teilnimmt, gibt seinem Leben auch Struktur für gemeinsames Tun. Vater von Werner, 75 Die Werkstattkirche ist in der Gießener Nordstadt eine Institution, die für alle Bewohner attraktiv ist. Es gibt für jeden etwas. Jeder kann sich ehrenamtlich beteiligen. Wer Unterstützung braucht, findet sie hier ohne Vorbedingungen, sei es im Haushalt, bei Umzügen oder Lebenskrisen. In der Werkstattkirche gibt es eben keine Fälle, sondern nur Menschen. Keine andere Institution ist so dicht bei den Bewohnern der Nordstadt, von denen jeder vierte auf Sozialleistungen angewiesen ist. Barbara, 63, alleinstehend, Rentnerin, gesundheitlich stark beeinträchtigt 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 98 – Vesperkirchen Für Verantwortliche und Gäste der Vesperkirchen lassen diese „den biblischen Traum vom Anbruch des Reiches Gottes Realität werden“ (Dorner, 2016, 401 und 420). In den 10 theologischen Grundsätzen der Vesperkirchenarbeit aus der Broschüre „Gemeinsam an einem Tisch“ wird der Zusammenhang zwischen dem Kommen des Reiches Gottes und der Realität der Vesperkirchen hergestellt (vgl. Dorner, 2016, 26). In der theologischen Vertiefung verweist Dorner darauf, dass das gemeinsame Mahl als Bild für das Reich Gottes steht (vgl. ders., 2016, 61). Dabei ist entscheidend, was die Inhalte der Mahlgemeinschaft sind: „Nähe, Kommunikation, Sinnenfälligkeit, Erfahrung der Güte Gottes, Dank, Verwandlung u.a.m.“ (Zitat in: ders., 2016, 61). Vesperkirchen werden umgebaut – anstatt Kirchenbänke füllen nun Esstische den Kirchenraum, wo ein stark verbilligtes Essen angeboten wird. „Eine Kontrolle der Bedürftigkeit findet nicht statt, aber Menschen, die es sich leisten können, werden gebeten, einen solidarischen Beitrag zu bezahlen“ (Schulz, 2011, 283). In den Vesperkirchen wird die Gelegenheit zum Gespräch gegeben, durch Seelsorger oder auch manchmal durch Sozialarbeiter. „Im Winter 2009/2010 findet an 23 Veranstaltungsorten in Baden- Württemberg eine Vesperkirche statt. Einige Vesperkirchen werden ökumenisch durchgeführt. Die Aktionen sind geprägt durch eine starke Unterstützung ehrenamtlich Aktiver. In der Regel müssen die Aktionen sich, bis auf den Personaleinsatz von Diakoniepfarrerinnen oder Diakonen, durch Spenden tragen. Dies gelingt, denn das kirchliche Engagement mit der Vesperkirche kommt in der Öffentlichkeit gut an. Bis ins Jahr 2009 ist die Angebotspalette der Vesperkirchen stark ausgeweitet (….): Neben der Mahlzeit wird Raum zum Aufenthalt (Zeitung lesen, miteinander spielen, Unterhaltungen) angeboten, aber auch zum Schlafen. Es findet eine medizinische und sogar tierärztliche Versorgung statt. Darüber hinaus gibt es Beratungsangebote, eine Spielecke für Kinder, das kostenlose Angebot von Friseurinnen und Friseuren, kulturelle Angebote, Gottesdienste, Vorträge und Diskussionen und schließlich die täglichen Andachten zum Abschluss der Vesperkirche“ (Schulz, 2011, 284). 3.2. Religionsloses Christentum 99 Dieses „spirituelle“ Element bei den Vesperkirchen wird von den Gästen überraschend positiv aufgenommen. So berichtet Dorner (2016) aus seinen exemplarischen Untersuchungen bei Vesperkirchen in Nürtingen und Schwenningen: „Kein Gesprächsteilnehmer äußert, dass er sich von der Verkündigung in der Vesperkirche unter Druck gesetzt fühlt. Das ‚Wort zum Tag‘ wird also nicht als Instrument zur ‚Zwangsmissionierung‘ erlebt. Man gewinnt vielmehr den Eindruck, dass gerade diejenigen, die sich selber als religiös oder kirchlich distanziert beschreiben, die aussagekräftigsten Feedbacks zur verkündigenden Seite der Vesperkirche geben. Sie können entweder ganze Inhalte wiedergeben, sind erstaunt, dass sie mit ‚Vorfreude‘ darauf warten oder erfinden für das ‚Wort zum Tag‘ z.T. alternative Bezeichnungen, wie z.B. ‚Besinnungsrede‘ oder ‚Denkanstoß‘“ (ders., 415). Gegenwärtig führen mehr als 50 überwiegend evangelische Gemeinden in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen Projekte unter dem Namen Vesperkirche durch (vgl. Wikipedia vom 24.10.2019). Eine Idee hinter den Vesperkirchen ist, dass sich Menschen begegnen, die es sonst nicht tun. Indem ein Ort angeboten wird, wo sie zusammenkommen können, kann ein Anfang gemacht werden, miteinander zu leben. Also gerade die materielle Hilfe ist nicht das Zentrum der Idee Vesperkirchen, sondern das Miteinander, die Begegnung und Akzeptanz (vgl. Schulz, 2011). Eine Untersuchung zeigt „die Vesperkirchen vereint die Welten von Akademikerinnen, Alleinerziehenden, Arbeitslosen, Armen, Beziehern von Sozialgeld/Hartz-IV, jugendlichen Bundesfreiwilligen mit Abitur, Berufsschülern ohne Ausbildungsvertrag, Einsamen, Erzieherinnen, Ingenieuren, Müttern von Kindern mit einer Behinderung, Müttern mit schulpflichtigen Kindern, Menschen mit seelischen Erkrankungen, Nutzerinnen des Kleiderladens der Diakonie, Patienten der ambulanten Pflege, (…)“ usw. (Dorner, 2016, 392). Diese Begegnung wird als spannend und faszinierend erlebt. „Die Anwesenheit von wohlhabenderen Menschen lässt ärmere Gäste Normalität erleben“ (ders., 392). Die Gäste sehen bei den Vesperkirchen eine „Realität“ von tatsächlicher Tischgemeinschaft der Unterschiedlichen und nicht nur ein „symbolisches Vorleben“. Diese Konvienz wird auch im 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 100 Überwinden von Grenzen zwischen Gesunden und Kranken deutlich (vgl. ders., 393). Indem die Vesperkirchen eine Mahnung darstellen, dass den „Armen“ noch nicht ausreichend Hilfe in den Kommunen zuteilwird, erregen sie Ärger bei vielen in den Kommunen Beschäftigten (vgl. Schulz, 2011, 287). Gastwirte beklagen Umsatzeinbußen, weil „Leute im Anzug für einen Euro in der Kirche Essen gehen“ (Zitat in: Schulz, 2011, 287). Vesperkirchen provozieren diese Kritik, weil sie „gerade die Begegnung der Menschen aus allen Schichten und Lebenslagen in den Mittelpunkt (stellen R.M.), soziale Bedürftigkeit sehr weit (fassen R.M.) und Interessierte ausdrücklich einlädt“ (Schulz, 2011, 288). Es werden „neue“ Ehrenamtliche durch die Vesperkirchen angezogen, weil die Chance auf unvergessliche Erlebnisse besteht, eindrückliche Erfahrungen vom Kirchen-Raum gemacht werden, ein besonderer Gemeinschaftssinn erlebt wird, die Herausforderungen und der Genuss einen erquicken. Dieses können viele soziale Einrichtungen und die bisherige Angebotspalette des Gemeindelebens in den Kirchen nicht bieten (vgl. Schulz, 2011, 291). Es kann aber auch sein, dass Ehrenamtliche aus anderen Bereichen durch das „Erlebnis Vesperkirche“ einen Motivationsschub für ihre kontinuierliche Arbeit an anderer Stelle erhalten. In der alltäglichen Praxis der Vesperkirchen wird „Seelsorge“ als Kompetenz der Laien entdeckt (vgl. Dorner, 2016, 393). Es wird kritisiert, dass Vesperkirchen „das Milieu“ anziehen und es infolgedessen zu einer „Beeinträchtigung des Umfeldes“ kommt (vgl. Schulz, 2011, 294f.). Erscheinungsformen der Armut, Einsamkeit und ihre Auswirkungen unter Armut (z.B. Alkoholkonsum) usw. werden nun sichtbar – und das wurde bei den Vesperkirchen nun zum Ärgernis (vgl. dies., 295). Betroffenheit durch das sichtbar-Werden von Armut kann schwer auszuhalten sein. Mit den Vesperkirchen wird Armut öffentlich gemacht (vgl. Dorner, 2016, 399). „Menschen in Armut sollen ‚in den Blick‘ genommen werden, Vesperkirchen haben eine politische Funktion, weil ‚sie Armen eine Stimme verleihen‘ und für sie ‚Partei ergreifen‘, indem sie für ‚politische Reformen eintreten‘(…)“ (ders., 399). „Der Vorwurf des Unpolitischen (…) trifft (…) auf die Vesperkirche Nürtingen nicht zu, da die Mitarbeiter es sich wünschen, dass von 3.2. Religionsloses Christentum 101 ihrer Vesperkirche ein politischer Denkanstoß ausgeht. (…) Für Ehrenamtliche von Vesperkirchen erschöpft sich deren Funktion ‚nicht in der helfenden Geste des barmherzigen Samariters‘“ (Dorner, 2016, 399). Aber die Mitarbeiter der Vesperkirchen werden sich frei machen lernen müssen, zwischen „richtigen“ und „falschen“ Gästen zu unterscheiden, damit die Vesperkirchen wirkliche Begegnungsstätten bleiben können (vgl. ders., 395). Es wird als große Chance zu erkennen gelernt werden müssen, wenn die „einen“ Gäste die Bereitschaft aufbringen, sich zu Anderen zu setzen (vgl. ders., 396). Darin wird sich zeigen, dass es keine reservierten und keine hinteren Plätze gibt (vgl. ders., 401). Indem die Vesperkirchen es möglich machen, dass Gäste andere zum Essen einladen können, sogar teilweise unbekannte Gäste – tragen sie sehr stark zur Teilhabe bei (vgl. ders., 400). Vesperkirchen sind gelungen, weil von den Gästen von einer lebhaften Verschränkung von Essen und Reden berichtet wird. Diese sind dabei für einige so genuss- und lustvoll wie ein Gasthaus- oder Kneipenbesuch (vgl. Dorner, 2016, 397). Und das Essen und gemeinsame Gespräch wird als genuin kulturelles Ereignis betrachtet (vgl. ders., 398). „Für einen Teil der Gäste ist das, was sie in der Vesperkirche erleben tatsächlich Abendmahl bzw. Kommunion“ (Dorner, 2016, 417). „Hinzu kommt dann noch eine zweite Gruppe von Gästen, die aus unterschiedlichen neutestamentlichen, ekklesiologischen, autobiographischen oder ganzheitlichen Aspekten mit der Vesperkirche einen so hohen Grad an Emotionalität verbindet, dass der Übergang zwischen liturgischem Essen (gottesdienstlichem Essen) und geselligem Essen als fließend erachtet wird“ (ders.)38. 38 Mit dieser „Entdeckung“ kommt man auch einer am Reich-Gottes-Gedanken orientierten Mahlfeier im Sinne der Ausführungen von Claus Petersen näher, weil hier eine „opferfreie Mahlfeier“ deutlich wird (vgl. ders., 2005, 123–125). 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 102 – Kirchenasyl-Kirchen Mit dem Kirchenasyl wird von Christen Widerstand gegen unmenschliche Gesetze geleistet. Kirchenasyle sind eine heilsame Bewegung. Es soll dadurch die Demokratie und der Rechtsstaat gestärkt werden, so Heinrich Bedford-Strohm (vgl. Lucassen, 2017). Weil die Flüchtlinge im Kirchenasyl das Pfarrhaus, das Gemeindezentrum nicht verlassen dürfen, weil sie sonst die Abschiebung riskieren, müssen Gemeindemitglieder für sie einkaufen, Behördengänge erledigen, Ärzte finden, die bereit sind zu kommen. Es werden Deutschkurse gegeben und mit Kindern Freizeitangebote realisiert. Mit dem Kirchenasyl machen die Gemeinden die Erfahrung, dass der Zusammenhalt der Gemeinde wächst und die Gemeindemitglieder wissen und schmecken, wie sich gelebte Solidarität anfühlt. „Der Zweck eines Kirchenasyls ist Zeitgewinn. Während die Flüchtlinge in der Kirche sicher wohnen, laufen zum Beispiel Fristen ab, während denen die Menschen abgeschoben werden können“ (Kampf, 2014). Auch wird mit dem Kirchenasyl, das ist bei traumatisierten Flüchtlingen wichtig, Zeit gewonnen, damit noch einmal gründlich der Sachstand für einen glückenden Asylantrag geprüft werden kann. Mit der Kirchenasylbewegung wird auch auf den Skandal hingewiesen, dass Deutschland durch Waffenlieferungen Konflikte möglich machte und verschärfte und damit die Asylproblematik in dem Ausmaß eigentlich erst richtig mitverursacht hat (vgl. Wagenseil im Interview mit Pastorin Fanny Dethloff, 2014). Martin Dutzmann, Vertreter der Evangelischen Kirche bei der Bundesrepublik Deutschland und der EU sprach im März 2015 davon, dass das Kirchenasyl ein Akt des zivilen Ungehorsams bleibt, „um in einem Härtefall eine humane Lösung zu finden“. Gisela Nuguid, Leiterin der Ökumenischen Arbeitsstelle für Migration und Asyl beim Evangelisch Lutherischen Kirchenkreis Hamburg Ost stellte klar, dass entgegen anderer Vermutungen, es den Kirchen mit dem Kirchenasyl nicht um Systemkritik gehe (vgl. Ringstorff, 2015). 3.2. Religionsloses Christentum 103 Vernetzte Alternativbewegungen39 Blickt man zurück zu den Anfängen der Alternativbewegung der 70er und 80er Jahre dann entdeckt man den Netzwerkgedanken als hierarchiefreies Gegenmodell gegen eine oft hierarchisch organisierte Gesellschaft in ihren Teilsystemen. Huber (1980) machte auf die Vielfalt der Strömungen aufmerksam, die sich in der Alternativbewegung fanden. Sie war damals eine Minderheitenbewegung. Aber sie brachten Impulse ein für die zentralen Probleme der Gesellschaft und sie waren „eine lebendige Minderheit, (die R.M.) scheintote Mehrheiten durchaus zum Tanz bitten (konnte R.M.)“. Heute haben wir eine aus der Alternativbewegung hervorgegangene Zivilgesellschaft, die durch Vernetzung als „neue“ Sozialstruktur, Arbeiten (Solidarische Ökonomie), Macht (NGO’s) und Kultur (Ökologische Dörfer) verändert. Dazu zählen auch Attac (vgl. Mierzwa, 2017, 77–85)40, das Weltsozialforum (vgl. Mierzwa, 2017, 85–89)41, Ärzte ohne Grenzen (vgl. Mierzwa, 2017, 84–94), die „neue Bewegung“ der Theologie der Befreiung, die sich vor dem Weltsozialforum versammelt, der „Internationale Versöhnungsbund“ (vgl. Wink, 2000; Internationaler Versöhnungsbund/Deutscher Zweig, 2014) oder die Erdcharta-Bewegung (vgl. Boff, 2010, 209–229). Die vernetzte Zivilgesellschaft ist nicht exklusiv an die Stadt gebunden. Mit ihr verwoben sind Ökodörfer, Bildungsstätten auf dem 3.3. 39 Für Hintergrundwissen zur Vernetzungs-Theorie wurden konsultiert: Apprich, 2015; Häußling, 2015 40 Es ist insofern mit Blick auf das Reich Gottes kontraproduktiv, wenn bei Teilen der Attac-Bewegung eine unsolidarische Streitkultur konstatiert, ein verbreitetes Misstrauen erkannt und wenig Empathie für die Gruppenstimmung und ihr Gegenüber aufgebracht wird (vgl. Mierzwa, 2017, 85 auf der Grundlage von Sander, 2016). 41 Zum Weltsozialforum 2018 vergleiche Berichte aus dem Internet (vgl. http://weltso zialforum.org/news.wsf .2018 .39/; …2018.57/; ….2018.34/; ….2018.62/; … 2018.56/; …2018.54/). So wird bemerkt: „Im Allgemeinen herrschte während des WSF 2018 ein Klima des Friedens, der Wertschätzung von Unterschieden und des gegenseitigen Respektes“. Ein Beitrag von Tadzio Müller (vgl. http://weltsozialforu m.org/news.wsf.2018.57/) weist auf eine zurückgehende Mobilisierung, eine zurückgehende Vernetzung und eine geringere Relevanz des Weltsozialforums in der Zivilgesellschaft hin. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 104 Lande oder pionierhafte Orte der solidarischen Ökonomie, die sich in Dörfern ansiedeln. Die vernetzte Zivilgesellschaft hat eine digitale Basis. Auch auf Plattformen (wie Facebook) wird die Zivilgesellschaft zum Teil „organisiert“. Die „Sharing Economy“ (z.B. airbnb) ist mit den Aktivitäten der Zivilgesellschaft verwoben. Campact ist hier in besonderer Weise zu erwähnen, insofern sie als Online-Kampagnen-Plattform viel Engagement vernetzte und initiierte. Es gibt aber auch eine entgegengesetzte Entwicklung. Die vernetzte Zivilgesellschaft, in der das Reich Gottes wächst und die sich auf das Reich Gottes hin zubewegt, ist auch in gewissen Ausdrucksformen von einer Post-Digitalität geprägt. Es wird auf die „Wochenmärkte“ der Städte und Dörfer gegangen und nicht im Netz bestellt. Es werden Feste und Kulturveranstaltungen in der Zivilgesellschaft als Widerstand gegen die Kommerzialisierung der sozialen Sphäre über das Web 2.0 gefeiert. Es gibt einen vernetzten globalen Superkörper der Zivilgesellschaft, der nicht mehr zentral gesteuert wird und der auch etwas von einem Reich Gottes hat, insofern Solidarität geübt wird, für eine gute Meinung zu Fragen des Friedens und der (ökologischen) Gerechtigkeit mobilisiert wird, kleine Projekte nun zur Realisierung kommen können, wo gemeinsame Feste gefeiert werden oder wo auch gemeinsame Veranstaltungen gut organisiert werden können und zustande kommen und worüber man in einer Form am Gesamtzusammenhang teilnimmt, dass noch Fragen, Hoffnungen und Träume vom Reich Gottes lebendig bleiben (zur Formulierung des letzten Teils vgl. bei: Sölle, 1994, 94). Insofern trägt dieser „Superkörper“ der Zivilgesellschaft dazu bei, dass sich die Gesellschaft nicht auflöst resp. dass es nicht zu einer Implosion des Sozialen kommt. Links im Internet oder auf den Homepages der NGO’s, Querverweise in den Rundbriefen oder etwa gemeinsame Aufrufe zeigen mit wem und bei welcher Gelegenheit die Zivilgesellschaft sich untereinander austauscht. Es wird hier eine starke Vernetzung deutlich. Demonstrationen, aber auch private Feste können Orte sein, an denen eine Kommunikation im Horizont des Reiches Gottes stattfindet und infolgedessen das Reich Gottes „netzwerkartig“ gefestigt wird. Gemeinsam aufgesuchte Begegnungsstätten (z.B. Kirchentag, Weltso- 3.3. Vernetzte Alternativbewegungen 105 zialforum, Jahrestagung des „Internationalen Versöhnungsbundes – Deutscher Zweig“, Ostermarschorte etc.) sind eine weitere Begegnungsstruktur zur wechselseitigen Kontaktaufnahme innerhalb der Zivilgesellschaft, wodurch Inhalte und Aktivitäten in Bezug auf das Reich Gottes sich festigen können. Beobachtet man z.B. die Diskussion zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) und schaut man, wo dieser Aspekt (mit bestimmten Argumenten) vertreten wird (vgl. z.B. Akademie Solidarische Ökonomie, Attac, WIDE-Debattierclub), dann zeigt sich, dass durch die Zivilgesellschaft die Diffusion dieser neuen Idee unterstützt wurde. Man kann das Konzept des BGE, wenn es ein emanzipatives-solidarisches BGE ist, als etwas betrachten, das die Ausbreitung der imperialen Lebensweise in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen aufhält (vgl. Korn, 2019, 136) und damit indirekt einen Beitrag zum Werden des Reiches Gottes liefert. Das Netzwerk der Zivilgesellschaft ist „größer“ und „breiter“ zu vermuten, als es die formale Mitgliedschaft in den NGO’s, Vereinen, Initiativen andeutet. Dadurch ist das Ausmachen von „Zentren“ und „Peripherien“ nicht immer ganz leicht. Und damit ist auch das „Reich Gottes“ (auf Erden) komplexer, als man es vermeintlich vermuten kann. Je „stärker“ die Relationen in der vernetzten Zivilgesellschaft sind, in denen Vertrauen, Solidarität, Fürsorge und Verbindlichkeit herrschen, desto „mehr“ Reich Gottes ist hier auszumachen. Mit der „Stärke“ der Relationen können „räumliche“ und „zeitliche“ Distanzen überbrückt werden und dadurch das Reich Gottes „größer“ werden. „Stärke“ der Relationen, das meint, dass hier „Flüchtigkeit“, „Punktualität“, „Instrumentalität“ abgenommen haben und „Wechselseitigkeit“/Reziprozität, „Achtsamkeit“, „Wertschätzende Kommunikation“ etc. zugenommen haben. Strukturelle Konfigurationen – wie etwa die vernetzte solidarische Landwirtschaft oder die ökologischen Dörfer -, die eine stärkere Erreichbarkeit für Menschen ermöglichen, die aus dem „kapitalistischen“ System aussteigen wollen, tragen zum Werden des Reiches Gottes bei. Durch die Vernetzung der Zivilgesellschaft werden „Identitäten“, „Menschwerdungen“, „handlungsfähige Akteure“ im Sinne des Reich- 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 106 Gottes-Projektes hervorgebracht. Und dadurch „steigt“ das Potential für Interventionsmöglichkeiten im Sinne des Reich-Gottes-Gedankens. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass durch die Vernetzung in der Zivilgesellschaft, vereinzelte und relativ isolierte „Punkte“ bzw. „Impulse“ für das Werden des Reiches Gottes in die Zone der Relevanz für das Werden des Reiches Gottes gehoben wurden und daher dazu beigetragen werden konnte, dass sie nun Auswirkungen auf die Umwelt haben. Durch die vernetzte Zivilgesellschaft könnte ein Drift für die von U. Duchrow u.a. (vgl. 2006, 469) anvisierten sozial, ökonomisch und kulturell zusammengehörigen Einheiten zwischen Stadt und Land entstehen. Es könnten über die vernetzte Zivilgesellschaft lokal-regionale Wirtschafts- und Sozialstrukturen entstehen als Basis einer neuen lebensdienlichen Wirtschafts- und Sozialstruktur, die eine Alternative von unten gegen die Strukturen wären, die auf Globalisierung, Weltmarktdiktat, Wachstumszwang und damit einhergehende strukturelle Gewalt setzen. Die vernetzte Zivilgesellschaft von „biblisch Frommen“, von „erleuchteten Heiden“, von „anonymen Christen“ jenseits von „Konfessionalismus“ und „Religionszugehörigkeit“, in sichtbarer Liebe, in sichtbarem Leiden sowie „sittlichen Früchten“ stellt gewissermaßen die „ecclesia spiritualis“ im Sinne von Sebastian Franck dar. Auch wenn Sebastian Franck nicht darüber urteilen möchte, wer zum Reich Gottes zählt, so kann doch der Hinweis auf sittliche Werke, aufrichtige Gerechtigkeit, ein gelassenes Ringen um eine bessere Welt, tiefe Friedfertigkeit und Toleranz sowie eine unbeugsame Liebe in der Zivilgesellschaft eine Spur bedeuten, hier das anbrechende Reich Gottes auszumachen. 3.3. Vernetzte Alternativbewegungen 107 Strategien Dem Neoliberalismus/Kapitalismus die Geschäftsgrundlage entziehen (Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung bzw. Solidarische- Ökonomie-Bewegung) Mit der Gemeinwohl-Ökonomie und der Solidarischen Ökonomie erfolgt ein Umbau unserer (ökonomischen) Handlungsrationalitäten. Damit zeigt sich das Kommen des Reiches Gottes. Bei den Menschen in der Gemeinwohl-Ökonomie und der Solidarischen Ökonomie ist eine Freude zu spüren, weil sie „einen ganz neuen Möglichkeitshorizont im komplexen Geflecht menschlichen Lebens und Handelns“ (Thomas, 2013, 28) entdeckt haben. Das gehört auch zum Kommen des Reiches Gottes. Die vielen Publikationen zur Solidarischen Ökonomie zeigen, dass hier die großformatige moralische Planwirtschaft irritiert wird; es wird das „kleine Detail“ im Auge behalten, zuweilen das bescheidene Experiment (vgl. hier Thomas grundsätzlich zum Reich Gottes-Kommen in 2013, 28). Im Rahmen der Gemeinwohl- Ökonomie und der Solidarischen Ökonomie lohnt sich auch die kleine Differenz, der kleine Unterschied wird riskiert – und so kommt das Reich Gottes. Solidarische Ökonomie42 Eine solidarische Wirtschaft „darf erstens nicht aus den sozialen (und ökologischen) Beziehungen ‚entbettet‘ werden, sie muss als ‚Wirtschaft in Beziehung‘ gestaltet sein – und zwar so, dass alle Teile des Ganzen und das Ganze leben können. Zweitens müssen die Beziehungen solidarisch und partizipatorisch, in vollem Sinn demokratisch sein, also nicht hierarchisch, nicht unterdrückerisch, nicht ausbeutend“ (Duchrow u.a., 2006, 283). „Die Kernidee der Solidarischen Ökonomie ist Kooperation statt Konkurrenz und Sinn vor Gewinn“ (Embshoff/Müller-Plantenberg/ Giorgi, 2016/2017). Das wird besonders deutlich in der Solidarischen 3.4. 3.4.1. 42 Nachfolgende Ausführungen sind überarbeitete Überlegungen aus Mierzwa (2017, 225–229) 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 108 Landwirtschaft, vor allem am Beispiel des Kattendorfer Hofes (vgl. Althaus, 2019, 4–7). Beim solidarischen Wirtschaften bleibt das breite Bedürfnisspektrum des Menschen nicht unbeantwortet. Es werden Anerkennungsund Sinnerfahrungen möglich. Darüber hinaus entstehen Räume sozialer Resonanz (vgl. Voß, 2015c, 25; s.a. 191f.). Im Rahmen der Solidarischen Ökonomie erfolgt die Inklusion von Minderheiten, Benachteiligten, Arbeitslosen, Flüchtlingen sowie Migrant*innen. Eine Diskriminierung wegen Geschlecht, Behinderung, Religion, Aussehen etc. wird vermieden (vgl. Embshoff/Müller-Plantenberg/Giorgi, 2016/2017). Beim solidarischen Wirtschaften wird eine Absolutheit des privaten Eigentums ausgeschlossen. Wenn es Formen des privaten Eigentums gibt, dann nur so, dass sie im öffentlichen Interesse reguliert sind und die Früchte allen zugänglich gemacht werden würden. Ökonomische und politische Entscheidungen sollen den durch die Wirtschaftsaktivität Betroffenen überantwortet werden (Stakeholders an der Stelle von Shareholders). Gemeinwesen- oder Stadteilunternehmen weisen eine starke Stakeholder-Orientierung auf, wobei neben Produzenten und Arbeitskräften auch Kunden, Klienten, Bewohner usw. im Blick sind (vgl. Birkhölzer, 2006, 68). Gemeingüter müssen vergesellschaftet werden. Eine solidarische Wirtschaftsweise steht gegen flankierende militärische Maßnahmen zur Durchsetzung eines Wirtschaftsmodells. Das kapitalistische (neoliberale) Wirtschaftsmodell hat eine aggressive Seite. Hier setzt das solidarische Wirtschaften andere Akzente (vgl. Haydt/Pflüger/Wagner, 2003). Und eine solidarische Ökonomie kann, wie in Italien, die Macht der Mafia aushebeln, wenn sie z.B. in solidarischen Genossenschaften gegen die Schutzgelderpressungs-Ökonomie vorgeht (vgl. Giorgi, 2015). Bei einer solidarischen Wirtschaftsweise sind die Waren nicht gleich. Es werden sehr wohl Entscheidungen getroffen, ob die angebotenen Waren funktional sind, man sich umweltfreundlich fortbewegen kann oder auch das Angebot keinen Schaden an der Gesundheit anrichtet bzw. der Gesundheit dienlich ist. Es herrscht kein Kapitalismus pur, wo Investoren Geld hätten und nun mehr Geld durch den Verkauf von Waren erreichen wollten. Beim solidarischen Wirtschaften geht es 3.4. Strategien 109 nicht um eine maximale Gewinnerzielung. In der solidarischen Wirtschaftsweise sind nicht alle Waren gleich und so bestehen Anfragen an den Sinn von Rüstungsproduktion und erst recht Rüstungsexporte. Und unter einer solidarischen Wirtschaftsweise ist es auch nicht gleichgültig, was mit der Ware geschieht, nachdem sie erst einmal verkauft bzw. an wen sie verkauft wurden. Deswegen gibt es einen Widerstand gegen den Militarismus in der Gesellschaft beziehungsweise einer Gewaltkultur in den (Unterhaltungs-)Medien. Eine solidarische Wirtschaftsweise kann auf eine aggressive Werbung weitestgehend verzichten (vgl. I.L.A. Kollektiv, 2019, 92), die künstliche Bedürfnisse weckt und so den kompensatorischen Konsum erst ermöglicht. Es geht bei einer solidarischen Wirtschaftsweise um echte Bedarfe, den tatsächlichen Nutzen der Produkte und nicht um einen Profit mit x-beliebigen Produkten. Unter einer solidarischen Wirtschaftsweise werden Produkte und Dienstleistungen angeboten, auch wenn sie keinen großen Gewinn versprechen, aber „sinnvoll“ sind. Eine solidarische Wirtschaftsweise geht solidarisch mit der Armutsfrage um. Nationen sollten nicht durch Prestigeinvestitionen finanziell ausbluten und mittelbar Armut verursachen. Mit einer solidarischen Wirtschaftsweise wird Armut bekämpft. Beim solidarischen Wirtschaften dient die Arbeit nicht der Kapitalakkumulation; es zählt nicht die Ausbeutbarkeit der Arbeit. Mit den Überlegungen zu einer solidarischen Ökonomie ist die Degrowth-Bewegung verbunden (vgl. Voss, 2015a, 21; 2015c, 79ff.). Über die Solidarische Landwirtschaft, die Teil der Solidarischen Ökonomie ist, wird auf eine Emanzipation von der durch Agrarkonzerne beherrschten Lebensmittelindustrie abgezielt. Hier wird kooperativ mit Biobäuer*innen angebaut und die Ernte im Voraus finanziert. Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen grundsätzlichen Vorbemerkungen? Unter einer solidarischen Wirtschaftsweise können eher lebenswichtige Güter und Dienstleistungen (z.B. für humanitäre Einsätze) angeboten werden; der Gebrauchswert steht im Mittelpunkt. Durch einen ressourcenbewussten Lebensstil/Konsum können Ressourcenkriege reduziert bzw. die Koppelung von Rüstungsexporten mit der Sicherung von Rohstoffnachschub gelockert werden. Eine solidarische Wirtschaftsweise fördert „Kleinstrukturen“ (kleine, lokale Betriebe, Genossenschaften) in der Ökonomie und bekämpft unmittelbar eine drückende Armut in der Gesellschaft; die Ernährungssouveränität 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 110 lässt sich hier eher verwirklichen. Die „Sorgearbeit“ erhält in einer solidarischen Wirtschaftsweise einen systemisch signifikanten Stellenwert, so dass sie für beide interessant wird und von beiden Geschlechtern eher ein Mix aus Erwerbsarbeit, Ehrenamt und Sorgearbeit realisierbar sein wird. In der Arbeit erfahren die Menschen Achtung, Wertschätzung und Respekt. Wertschätzung der Arbeit spielt beim solidarischen Wirtschaften eine große Bedeutung – durch eine angemessene Bezahlung, durch gute Arbeitsbedingungen, durch Spielräume für die Mitgestaltung der Arbeit, durch selbstbestimmte Handlungsräume usw. Eine solidarische Wirtschaftsweise, die die Bedürfnisse der Menschen wirklich befriedigt, würde sehr viel stärker einen Beitrag zum Aufbau demokratischer Strukturen leisten. Am Beispiel des Fair Trade- Handels, der gewissermaßen ein Zwischenschritt zu einer „Solidarischen Ökonomie“ darstellt, wird deutlich, dass Kleinbauern der sogenannten „Dritten Welt“ nicht nur Rohstofflieferanten in der globalen Wertschöpfungskette sein dürfen (vgl. S. Mayer, 2006, 152f.; vgl. auch die Kritik an dem Fairtrade-Siegel durch Ndongo Sylla bei Wilke, 2019, 18). „Ziel und Zweck des Wirtschaftens ist es, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Gesunde Nahrungsmittel, Wohnen, Mobilität, medizinische Versorgung, Information und Lernen, Kultur und Kunst, Geselligkeit, Freundschaft, Anerkennung, Konvivialität, Kontakt zur Natur und Erholung sind Bedürfnisse, die allen Menschen gemeinsam sind“ (Embshoff/Müller-Plantenberg/Giorgi, 2016/2017). Der Weg zu einer solidarischen Wirtschaftsweise ist nicht „machtbesetzt“ (Kapital), verzichtet auf eine intensive Lobbyarbeit, arbeitet mit kleinräumlichen Common-Projekten und setzt auf die Werbung durch das bessere Argument in demokratischen Verfahren (vgl. zu den Ausführungen insgesamt Rätz/Paternoga/Mahler, 2014; Voß, 2015c). Eine solidarische Wirtschaftsweise greift nicht auf Bestechung zurück bzw. baut nicht auf Korruption auf (vgl. Roth, 2014). „Die Solidarische Ökonomie wächst zum Teil mit der Strategie der Erdbeerpflanzen – wie es ein Vertreter der Sozialgenossenschaft SOLCO in Mantova (Italien) einmal erklärte: Wenn eine Erdbeerpflanze ausgewachsen ist, wird sie nicht größer, sondern sie bildet Ableger, neue Pflanzen, die bald ihrerseits Ableger bilden – bis sie den ganzen Hügel bedecken. Die Initiativen wollen nicht ‚groß werden‘, sondern sie vermehren sich 3.4. Strategien 111 und verbreiten ihre Erfahrung, ihr Wissen, ihre Methoden. Dadurch konzentriert sich nicht sämtliche Infrastruktur in den Städten, sondern Arbeitsplätze und Dienstleistungen werden breit verteilt (…)“ (Embshoff/Müller-Plantenberg/Giorgi, 2016/2017). Solidarisches Wirtschaften muss in einem kritischen Bewusstsein erfolgen: So können demokratische Verfahren Gerechtigkeit verhindern (vgl. Voß, 2015c, 36), regionales Wirtschaften kann sehr stark in die globale Ökonomie eingebunden sein und umweltunverträglich erfolgen (vgl. dies., 39f.). Solidarisches Wirtschaften dürfte kein Handlungsfeld für „Heldentaten“ sein; es sollten Irrtum, Umweg und Scheitern in Betracht gezogen werden (vgl. dies., 41f.). Auch wenn solidarisches Wirtschaften in Nischen stattfindet, zunächst vorwiegend nur „Insellösungen“ anbietet, so sollte ein gesamtpolitisches Bewusstsein nicht verloren gehen und der soziale Kampf nicht aus den Augen geraten (siehe hier dies., 43ff.). Solidarische Strukturen, wie das Genossenschaftswesen, leben nur davon, dass mitgemacht wird bzw. eine gelebte Praxis des Miteinanders besteht (vgl. dies., 66). Solidarisches Wirtschaften ist ein Wirtschaften mit Empathie für Probleme, unter denen andere leiden. Indem solidarisches Wirtschaften mit Empathie vollzogen wird, ergeben sich „belastbare“ zwischenmenschliche Bindungen, die gegenüber einer/m top-down-Ökonomie, -Recht und -Geld nachhaltiger und stärker sind. Die mit Empathie gestifteten zwischenmenschlichen Bindungen durch die „Solidarische Ökonomie“ zeichnen sich durch Austausch und Kooperation aus, ganz entgegen jener „Ökonomie“, die bisher Ohnmacht und Verlustangst hervorrief (vgl. hier I.L.A. Kollektiv, 2019, 94). Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung– Jan. 2016 (www.christian-felber.at/schaetze/gemeinwohl.pdf)/201843 Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein entscheidender Impuls, um den „gierigen“ Kapitalismus bzw. die Kultur der Gier auszutrocknen (vgl. Duchrow, 2013, 238–254): Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung umfasst mittlerweile drei- ßig Fördervereine von Schweden bis Chile. Mehr als 2300 Unterneh- 43 Ein Teil der Ausführungen wurde schon publiziert in: Mierzwa, 2018a, 16–20. Alle Zitate von Christian Felber. Hervorhebungen wurden herausgenommen. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 112 men unterstützen die Bewegung offiziell. Und immer mehr Gemeinden machen sich auf den Weg der Umsetzung. So hat, eine jüngere Meldung, die Stadt Stuttgart vier Kommunalbetriebe gemeinwohlbilanziert. Auch Greenpeace, als ungefähr 500. Organisation, legt mittlerweile eine Gemeinwohl-Bilanz vor (vergl. Felber, 2018, 7). Die Gemeinwohl-Ökonomie beruht auf den Grundwerten Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen. Das sind nicht nur Voraussetzungen, damit menschliches Zusammenleben gelingt, sie motivieren auch Menschen zu einem guten Handeln und machen glücklich. Was Gemeinwohl ist kann nur über einen demokratischen Diskussions- und Entscheidungsprozess „definiert“ werden. Die Gemeinwohl-Matrix 5.0 ist das Ergebnis eines demokratischen Verständigungsprozesses und Prozess des Erfahrungsaustausches – ohne Eliten und Expertokratien (vergl. Felber, 2018, 35–39). „Der rechtliche Anreizrahmen für die Wirtschaft wird umgepolt von Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation. Unternehmen werden für gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit belohnt“. Der wirtschaftliche Erfolg wird an gelingender Bedürfnisbefriedigung, steigender Lebensqualität und einem je größeren Gemeinwohl gemessen. Unternehmen mit einer guten Gemeinwohl-Bilanz erhalten rechtliche Vorteile – z.B. niedrigere Steuern, geringere Zölle, günstigere Kredite sowie eine Vorrang beim öffentlichen Einkauf und bei Forschungsprogrammen und vieles mehr. Dadurch werden ethische, ökologische und regionale Produkte und Dienstleistungen billiger. Finanzielle Überschüsse dürfen nicht für Investitionen an Finanzmärkten verwendet werden, dürfen nicht für feindliche Aufkäufe anderer Unternehmen eingesetzt werden, nicht an Personen ausgeschüttet werden, die nicht im Unternehmen mitarbeiten und auch nicht für Parteispenden genutzt werden. „Da Gewinn nur noch Mittel, aber kein Ziel mehr ist, können Unternehmen die aus ihrer Sicht optimale Größe anstreben. Sie müssen nicht mehr Angst haben, gefressen zu werden und nicht mehr wachsen, um größer, stärker oder profitabler zu sein als andere. Alle Unternehmen sind vom allgemeinen Wachstums- und wechselseitigen Fresszwang erlöst“. 3.4. Strategien 113 „Durch die Möglichkeit, entspannt und angstfrei die optimale Größe einzunehmen, wird es viele kleine Unternehmen in allen Branchen geben. Da sie nicht mehr wachsen wollen, fällt ihnen die Kooperation und Solidarität mit anderen Unternehmen leichter. (…) Die Unternehmen bilden zunehmend eine solidarische Lerngemeinschaft, die Wirtschaft wird zu einer Win-win-Anordnung“. „Die Einkommens- und Vermögensungleichheiten werden in demokratischer Diskussion und Entscheidung begrenzt: die Maximal- Einkommen auf zum Beispiel das Zehnfache des gesetzlichen Mindestlohns; Privatvermögen auf zum Beispiel zehn, zwanzig oder drei- ßig Millionen Euro; das Schenkungs- und Erbrecht auf zum Beispiel 500 000 Euro pro Person; bei Familienunternehmen auf zum Beispiel zehn Millionen Euro pro Kind. Das darüber hinaus gehende Erbvermögen wird über einen Generationenfonds als „Demokratische Mitgift“ (…) an alle Mitglieder der Folgegeneration verteilt: gleiches „Startkapital“ bedeutet höhere Chancengleichheit. Die genauen Grenzen sollen von einem Wirtschaftskonvent demokratisch ermittelt werden“. „Bei Großunternehmen gehen ab einer bestimmten Größe (zum Beispiel 250 Beschäftigte) Stimmrechte und Eigentum teil- und schrittweise an die Beschäftigten und die Allgemeinheit über. Die Öffentlichkeit könnte durch direkt gewählte ‚regionale Wirtschaftsparlamente‘ vertreten werden. (…)“. „Die ‚Aufsichtsräte des Souveräns‘ müssen hohe Qualifikationsanforderungen sowohl in Unternehmensführung als auch in Ethik und Gemeinwohl-Kunde erfüllen“ (Felber, 2018, 100). Es gibt „Demokratische Allmenden“, Gemeinschaftsbetriebe im Bildungs-, Gesundheits-, Sozial-, Mobilitäts-, Energie- und Kommunikationsbereich. „Eine wichtige Demokratische Allmende ist die Demokratische Bank. Sie dient wie alle Unternehmen dem Gemeinwohl und wird wie alle Demokratischen Allmenden vom demokratischen Souverän kontrolliert und nicht von der Regierung. Ihre Kernleistungen sind sichere Vollgeld-Konten, Zahlungsverkehr, ethische Sparanlagen und Kredite sowie die Beteiligung an regionalen Gemeinwohl-Börsen. (…)“. Die „Demokratischen Allmenden“ werden durch einen Daseinsvorsorge-Konvent definiert. Bei diesen „demokratischen Allmenden“ wird das Leitungsgremium (Vertreter*innen der Behörden, der Beschäftigten, der Nutzer*innen sowie eine(n) Gender-Beauftragte(n) 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 114 und eine(n) Zukunftsanwalt*wältin) direkt demokratisch gewählt. Wichtige Fragen dürfen von den Eigentümer*innen selbst entschieden werden. In konkreten sehr wichtigen Fragen der Daseinsvorsorge wird eine Kooperation von Bevölkerung und städtischer Verwaltung organisiert (vergl. Felber, 2018, 112–114). „Nach dem Vorschlag von (…) Keynes wird eine Globale Währungskooperation errichtet mit einer globalen Verrechnungseinheit (…) für den internationalen Wirtschaftsaustausch. Auf lokaler Ebene können Regiogelder die Nationalwährung ergänzen. Um sich vor unfairem Handel zu schützen, initiiert die EU eine Fair-Handelszone („Gemeinwohl-Zone“), in der gleiche Standards gelten oder die Zollhöhe sich an der Gemeinwohl-Bilanz des Hersteller-Unternehmens orientiert. Langfristziel ist eine globale Gemeinwohl-Zone als UN-Abkommen.“ „Der Natur wird ein Eigenwert zuerkannt, weshalb sie nicht zu Privateigentum werden kann“. Die Gemeinwohl-Ökonomie setzt auf Suffizienz (vgl. Dohmen, 2018). „Wirtschaftswachstum ist kein Ziel mehr, hingegen die Reduktion des ökologischen Verbrauchs/Fußabdrucks von Personen, Unternehmen und Staaten auf ein global nachhaltiges Niveau. (…)“ (Felber). „Die Regel-Erwerbsarbeitszeit wird schrittweise auf ein mehrheitlich gewünschte(s R.M. korrigiert) Maß von zum Beispiel 20 bis 30 Wochenstunden reduziert“. Dadurch soll Zeit für Ehrenamt, Care-Arbeit und Muße sein. „Jedes zehnte Berufsjahr ist ein Freijahr und wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen finanziert. Menschen können im Freijahr tun, was sie wollen“. „Die repräsentative Demokratie wird ergänzt um Elemente direkter und partizipativer Demokratie und weiterentwickelt zu souveräner Demokratie (…). Der Souverän erhält ‚Souveränitätsrechte‘ wie zum Beispiel: die Verfassung schreiben und ändern; eine konkrete Regierung wählen, abwählen und korrigieren; selbst Gesetze initiieren und beschließen; Grundversorgungsbereiche – Geld, Energie, Wasser – selbst kontrollieren; internationale Verträge in Auftrag geben und abstimmen“. Noch ausführlicher in: Felber (2018, 137 und 139). Durch dieses neue Lösungsangebot werden für den Souverän umfassende Mitbestimmungs- und Kontrollrechte reserviert. Der Souverän gibt 3.4. Strategien 115 grundlegende Richtungsentscheidungen für alle Politikfelder vor (vergl. Felber, 2018, 140); er ist maßgeblich derjenige, der Gesetze auf den Weg bringt und entscheidet (vergl. ders., 150). „Alle zwanzig Bausteine der Gemeinwohl-Ökonomie sollen in einem breiten Basisprozess durch intensive Diskussion ausreifen, bevor sie in einen direkt gewählten Wirtschaftskonvent eingespeist und mit anderen Alternativen diskutiert werden. Der Konvent bereitet die Alternativen für die finale Entscheidung auf. Die finalen Varianten werden vom demokratischen Souverän systemisch konsensiert. (…). Zur Vertiefung der Demokratie können weitere Konvente einberufen werden: Bildungs-, Medien-, Daseinsvorsorge-, Demokratiekonvent …“ (ausführlicher in: Felber, 2018, 146–149). Eine durch die Europäische Menschenrechtskonvention abgesicherte direkte Demokratie soll die nun intensiven Einflussmöglichkeiten des Souverän auf Sachfragen und Gesetze abstützen (vergl. Felber, 2018, 153 und 155). Schon erstrittene Grund-, Menschen- und Minderheitenrechte dürfen durch den Souverän nicht angetastet werden. Das ist durch eine Verfassung sicherzustellen (vergl. ders., 156). Schon die Möglichkeit eines aktiv werdenden Souveräns wird die konkrete Arbeit des Parlaments und der Regierung umsichtiger und Gemeinwohl-orientierter und nachhaltiger und friedvoller machen (vergl. ders., 157). „Um die Werte der Gemeinwohl-Ökonomie von Kind an vertraut zu machen und zu praktizieren, muss auch das Bildungswesen gemeinwohlorientiert aufgebaut werden. Das verlangt eine andere Form von Schule mit anderen Inhalten, z.B. Gefühlskunde, Wertekunde, Kommunikationskunde, Demokratiekunde, Naturerfahrungskunde, Körpersensibilisierung und Kunsthandwerk“. Es sind andere Führungsqualitäten gefragt – sozial verantwortliche Menschen, mitfühlende und empathische Menschen und Menschen, die Mitbestimmung als Gewinn betrachten sowie nachhaltig denken und handeln. Es zählen in der Gemeinwohl-Ökonomie Werte: Menschenwürde, Gerechtigkeit und Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitbestimmung (vgl. Dohmen, 2018) Zu ökologischen Aspekten in der Gemeinwohl-Ökonomie: Der Ansatz weist auf eine Senkung des Ressourcenverbrauchs, auf eine Nullemission, auf eine ökologische und soziale Bilanz der Produkte, 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 116 die von einem Öko-Konto der jeweiligen Personen abgebucht wird, auf eine Abkehr vom Wachstumsparadigma (bzw. eine „andere“ Wachstumsvorstellung), auf einen Lebensstil, der den Kindern und Enkeln die Freiheit gewährt, denselben Lebensstil zu wählen, auf einen komfortablen öffentlichen Verkehr usw. hin (vergl. Felber, 2018, 211–215). Von entwicklungspolitischer Bedeutung ist der Hinweis auf das erste ökofaire Textillabel Österreich – „Göttin des Glücks“ (GDG) –, das 2005 gegründet wurde. „Die Kleider werden bei Craft Aid (CA), Handelspartner von EZA Fairer Handel, auf Mauritius genäht. Als dauerhafte Kooperationspartnerin von EZA kann GDG damit auf eine lückenlose, zertifizierte, ökofaire Produktionskette zugreifen – (…)“ (Felber, 2018, 166). „CA hat heute 180 MitarbeiterInnen in den Sparten Zucker, Blumen und Kleidung, die Hälfte sind Menschen ‚mit besonderen Bedürfnissen‘. Alle MitarbeiterInnen werden morgens von zu Hause abgeholt und nach der Arbeit wieder zurückgebracht. Der neunstündige Arbeitstag ist von drei Pausen unterbrochen, die von allen eingehalten werden. Überstunden gibt es keine, bezahlt wird das 1,5-Fache des auf Mauritius üblichen Monatslohnes in der Textilbranche. Alle MitarbeiterInnen sind kranken- und unfallversichert, zudem gibt es für alle ein Banksparbuch, auf dem die spätere Pension angespart wird. Jeden Montag kommt eine ÄrztIn in die Forma, von der sich jede/r gratis untersuchen lassen. Neben der freien Meinungsäußerung haben die MitarbeiterInnen die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge zu machen“ (ders., 166). Saatgutbanken für Kleinbauern in Indien oder Bewegungen für eine öffentliche Wasserversorgung gehören zur Gemeinwohl-Ökonomie (vgl. Dohmen, 2018). Die bei Fischer vorgetragenen Kritikpunkte (vgl. 2019, 66–69) möchte ich an dieser Stelle nicht wiedergeben, weil die Publikation von Felber (2018) darauf reagiert hat. Dienende Solidarität Schon Leonhard Ragaz hatte im Zuge seiner Überlegungen zum Reich Gottes die Vorstellung von einen „dienenden“ Solidarität. „Das Dienen versucht in ein rechtes Verhältnis zu den Mitmenschen zu kommen und 3.4.2. 3.4. Strategien 117 die Gesellschaftsstrukturen dementsprechend richtig zu gestalten“ (Jäger, 1968, 230). Heinz Bude spricht in seinem Buch „Solidarität – die Zukunft einer großen Idee“ (2019) das Teilen, als ein wesentliches Element gelebter Solidarität an. Und er argumentiert für ein „drittes Wir“, wo die Solidarität nicht auf die „exklusive“ Peer Group beschränkt bleibt (vgl. ders., 2019, 143f.)44 und der Andere in seiner Andersartigkeit ganz akzeptiert wird. Und er macht deutlich, dass im solidarischen Handeln in einem gewissen Maße ein „selbstvergessenes“ Moment enthalten ist. Solidarisches Handeln wird dann aber auch notwendig sein, um gemeinsam am großen Ganzen zu arbeiten. Es erfolgt aus der Erkenntnis, „dass wir bis in den letzten Winkel der Welt voneinander abhängig sind“. Er sieht keine Kollektive mehr, auf die sich die Solidarität beziehen könnte. Aber er sieht, dass „die kleinen Lebenswelten den Ausschlag geben“. Dort macht man die Erfahrung, dass auf Solidaritätsimpulse von einem selbst irgendwann Solidaritätsantworten kommen. Wie man diese Art von Solidarität charakterisieren kann macht am besten Ulrich Duchrow deutlich, wenn er die sozioökonomische und politische Alternative des Reiches Gottes im „gegenseitigen Dienst“ sieht (vgl. ders., 2013, 102–104). So möchte ich daher in Anschluss an Duchrow von einer „dienenden Solidarität“ sprechen, die die angemessene Antwort auf die von Bude gesuchte Form von Solidarität darstellt. Dienen wird als konkretes gesellschaftliches Gegenmodell verstanden, wo Ausbeutung und unterdrückende Herrschaft abgeschafft sind. Alle sind Geschwister. Dabei wird die patriarchale Struktur des Hauses transformiert. Die prinzipielle Gleichheit aller erhält eine Lebendigkeit durch den gegenseitigen Dienst. Dieser Ansatz konfrontiert das legalisierende Rauben (der Reichen), wodurch diese ja nahezu nicht in das Reich Gottes hineinkommen können. Diese Praxis des „gegenseitigen Dienstes“ ist eine Praxis von unten. Nur von dort kann das Reich Gottes aufgebaut werden (vgl. ders., 105). Wer dem Reichtum dient kann nicht in diese „dienende Solidarität“ hineinfinden (vgl. ders., 107f; 109 zum Reichen und Lazarus). Grenzenlose Reichtumanhäufung verhindert es, in die Beziehung zum Nächsten einzutreten (vgl. ders., 112). 44 Er sieht auch in der Zivilgesellschaft Peer Group ähnliche Verhältnisse (vgl. S. 144). 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 118 Dienende Solidarität ist eine Solidarität mit den Gaben, die jedem und jeder gegeben sind. Dienende Solidarität ist eine Solidarität, die achtsam mit den Blessuren umgeht, die Menschen im Leben davongetragen haben. Dienende Solidarität, weil sich der Verwundbarkeit der Lebewesen angenommen wird (vgl. Bude, 2019, 140). Dienende Solidarität ist keine „ehrgeizige“ Solidarität, die sich in der Welt-Zivilgesellschaft die besten Plätze unter den Solidarität-Leistenden sichert (vgl. hier bei Bude, 2019, 143–145). Und in dem Gesamtkonzert des Solidaritätsengagements einer NGO darf es keine Eckund Randplätze geben. Dienende Solidarität bedeutet auch sich für die „Geringsten“ einzusetzen, z.B. die Dalits (vgl. Metropolit Kuriakose Mor Theophilose, 2013). Dienende Solidarität, d.h. eine Solidarität ohne moralischen Zwang (vgl. Bude, 2019, 11), weil man spürt, was im Augenblick hilft (vgl. hier ders., 22). Dienende Solidarität findet in einem Zusammenspiel vieler bzw. in einem fröhlichen Wechsel des „Dienens“ statt, „bei dem niemand Regie führt“ (vgl. ders., 25). Dienende Solidarität entsteht erst dann, weil „Abhängigkeiten begrüßt, Verbindungen gepflegt und Verpflichtungen beherzigt werden“ (vgl. ders., 40). Mit der dienenden Solidarität werden Lebensformen des Teilens und der Anteilnahme unterstützt; sie erfolgt aus der Ahnung eines Gemeinsamen (vgl. ders., 41). Dienende Solidarität ist vor allem deswegen, weil aus der Gemeinde/Gemeinschaft Wärme strömt, „die anregt und die Herzen belebt“ (vgl. Durkheim bei: Bude, 2019, 41). Dienende Solidarität ist das Merkmal einer solidarischen Ökologie des alltäglichen Miteinanders, von der aus man die Grammatik lernt, um dann Ausgleich, Teilen und wechselseitige Verantwortung in der Gesellschaft buchstabieren zu können. 3.4. Strategien 119 Kultur des „Weniger“/„Armutsfrömmigkeit“45 Die Texte zum Reich Gottes im Neuen Testament werten das Kleine auf, sprechen den einzelnen Menschen in seinen Handlungsmöglichkeiten an (vgl. Gerber, 2013, 73). Eine Handlungsmöglichkeit im Horizont des Reiches Gottes mit kleinen Schritten kann der Weg der „Armut“ sein, wie es Leonhard Ragaz aufzeigte. Auch Ulrich Duchrow spricht bei verschiedenen Gelegenheiten, wo er von einer Befreiungstheologie für Europa spricht, davon, dass wir im Norden zu einem Weg des „Weniger“ finden müssen (s.a. ders., 2013, 109). Gegenwärtig legt auch Karoline Mayer ein Zeugnis gelebter Armut ab. André Gorz, der die lateinamerikanische Befreiungstheologie rezipierte, entdeckte in der Konsequenz für sich einen „armen“ Lebensstil. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie rezipierte den Reich Gottes Gedanken sehr stark. Ebenfalls Hildegard Goss-Mayr hat anscheinend die Einstellung, dass das Einnehmen eines Lebens in Armut dazu beiträgt, die strukturelle Gewalt zu überwinden (vgl. Engelke, 2019, 166). Auch Simone Weil entschied sich für einen Weg des Verzichts in Solidarität mit anderen Menschen. Und Traugott Jähnichen weist auf Dorothee Sölle hin, die den Wert der „neuen Armut“46 als alternative und lebensdienliche Lebensform in der christlichen Tradition entdeckte (vgl. ders., 2008, 9). Diese Armutshaltung kommt nicht aus dem Nichts. So weist Sabine Zöllner (2016) darauf hin, dass eine Haltung der Dankbarkeit gegenüber destruktiven Impulsen wie Neid und Gier immunisiert und diese stehen bekanntlich einer Armutshaltung im Wege. Sie schreibt: 3.4.3. 45 Vgl. hier noch einmal die Vergewisserung durch Claus Petersen auf die Armut, die nach Jesus in das Reich Gottes führt (2005, 29–30). Gott will nicht, dass man sich in einen Zustand des „Elends“ versetzt. Aber er will ein bewusst einfaches Leben. Es sollte eine Armut in der Form einer nicht-asketischen Lebensweise sein (vgl. ders., 53). 46 Dorothee Sölle. Neue Armut, S. 159–163 in: Hans-Eckhard Bahr/Reimer Gronemeyer (Hg.): Anders leben – überleben, Frankfurt/Main 1978 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 120 „Vielleicht könnten die Impulse, die das neue Interesse an Dankbarkeit in die Gesellschaft einbringt, das Denken ein wenig von dem Wunsch nach Mehr und Weiter hinlenken zur Zufriedenheit“ (dies., 105). Dankbarkeit ist ein „religionsaffines Gefühl“ (dies., 109), dem im Horizont des christlichen Glaubens Taten folgen sollten (vgl. dies., 109). Weil dankbare Menschen eher erkennen „dass sie (als Menschen R.M.) miteinander auf eine mysteriöse und wundersame Weise verbunden seien in einem weitreichenden transzendenten Kontext“ (dies., 100) sind sie eher bereit zu einer Haltung der Armut und zu einer Kultur des Weniger zu finden. Und „Dankbarkeit für das Vorhandene könnte (…) wichtig werden um einen Ressourcen schonenden Umgang zu etablieren“ (dies., 107). An anderer Stelle gibt es weitere wichtige Hinweise, von denen es zu berichten gilt, weil sie einen Beitrag leisten, um zu verstehen, wie es zu einer Armutshaltung kommen kann. So berichtet Marcel Hunecke (2013), dass ein hoher Selbstwert die Widerstandskraft gegen den Konsumdruck erhöht. Mit einem gestärkten Selbstwert der Person besteht eine Widerstandskraft „gegenüber kompensatorischen und demonstrativen Formen des Konsums“ (ders., 22). Weiter: „Ein hoher Selbstwert macht den Einzelnen unabhängiger von sozialen Vergleichsprozessen und steigert die individuelle Autonomie. Hiermit kann sich der Einzelne leichter gegen Erwartungen abgrenzen, die von seinen sozialen Bezugsgruppen an ihn herangetragen werden“ (ders., 22). Wenn weniger das Bedürfnis besteht, Zugehörigkeit und Rang der eigenen Person durch Formen von materiellem Wohlstand zu symbolisieren, sinkt der Konsumdruck. Die Selbstakzeptanz hinsichtlich sozialer, leistungsbezogener und physischer Aspekte ist bei Personen mit einem hohen Selbstwert sehr ausgeprägt. Indem sie Stärken in spezifischen Bereichen der Persönlichkeit wahrnehmen fällt es ihnen leichter Schwächen in anderen Bereichen der Persönlichkeit zu akzeptieren (vgl. ders., 23). Menschen mit vergleichsweise mehr flow-Erfahrungen in ihrem Leben weisen ein höheres Selbstwertgefühl auf (vgl. Csikszentmihalyi, 2014, 81). Eine Achtsamkeitskultur kann bei Personen die Überzeugung stärken „materiell genug zu haben“ (vgl. Hunecke, 2013, 31). „Die Achtsamkeit begrenzt das Streben nach immer mehr materiellem Besitz und öffnet den Blick für andere, nicht selbstbezogene Werte“ (ders., 3.4. Strategien 121 31f.). Wenn die Achtsamkeitskultur auf das Bewusstsein hinlenkt, Teil eines großen übergreifenden Ganzen zu sein, wird der Wert des Einfachen wieder ganz neu entdeckt. Man braucht dann weniger, wird das Wenige dankbarer genießen und mehr schätzen können (vgl. Petersen, 2005, 106). Wenn man so etwas wie einen Gesamt-Sinn in dem eigenen Leben erkennt, zu einem Lebensthema findet (vgl. Tausch, 2004, 90), wird es eher möglich in Armut zu leben (vgl. Leonhard Ragaz, Sr. Karoline Mayer oder Hildegard Goss-Mayr). Wenn es nun eher möglich geworden ist im Leben aus einer zufälligen Aneinanderreihung von Lebensereignissen herauszufinden, dann kann man eine Armutshaltung eher durchhalten. Eine Armutshaltung ist vor allem dann möglich, wenn die Menschen sich frei machen von stressinduzierten Denkmustern, wie Macht und Gier, und den Blick frei bekommen für Bedürfnisse und Werte wie Mitgefühl und Sinn. Ohne ein narzisstisches Defizit wird keine ständige Steigerung, kein unbegrenztes Wachstum gebraucht (vgl. Maaz, 2012, 22). Der nicht-narzisstische Mensch braucht nicht die Droge des mehr-Habens, um darüber aufgewertet und bewundert zu werden (vgl. ders., 34). Die narzisstische Kompensation (für frühen Mangel an Liebe und Bestätigung) braucht hingegen Konsum, Besitz, Verbrauch, kleinen Wohlstand, Animation und Aktion, um das seelische Defizit aufzufüllen, um aber dennoch niemals vom seelischen Bedürfnisschmerz erlöst zu werden (vgl. ders., 61, 191 und 201). Der nicht-narzisstische Mensch braucht nicht das „gefüllte Haus“, sondern erfreut sich am „gefüllten Herzen“. Der nicht-narzisstische Mensch hat nicht das Bedürfnis mit demonstrierten Wohlstand etc. „dazuzugehören“, an die gesellschaftlichen Bedingungen sich anzupassen im Interesse der Kompensation narzisstischer Defizite (vgl. ders., 51; s.a. 60f.). Der nicht-narzisstische Mensch braucht nicht Obrigkeiten, die Konsum und Wohlstand versprechen (vgl. ders., 62). Dass die narzisstisch strukturierten Menschen zu diesem Weg in die „Armutsfrömmigkeit“ finden, aus ihren „Süchten“ aussteigen, von den „Drogen“ Auto, Flugreisen, Macht durch Geldvermögen etc. lassen, wird erst möglich sein, wenn sie eine grundsätzliche Kapitulation des bisherigen Verhaltens akzeptieren. „Dies aber wird in den allermeisten Fällen erst demjenigen möglich, 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 122 der richtig ‚in der Gosse liegt‘. Erst das reale Ende der Abwehr und die tatsächliche Lebensbedrohung schaffen eine Chance zur Einsicht und Veränderung“ (ders., 65). Eine gelebte Armutsfrömmigkeit kann aber auch eher gelingen, wenn Narzissten durch eine Gruppenbindung eingehegt werden, wo der Gruppengeist sich solidarischen Projekten widmet, wobei jeder abwechselnd zur Geltung kommt und Anerkennung erfährt, strukturell (im Gruppenzusammenhang) entschiedene Projekte zur gelebten Armut „nötigen“, ohne allerdings dabei in einem Wettstreit um die besseren Projekte zu stehen und mit der in der Gruppe gelebten Armutsfrömmigkeit nicht ein großartiges Ziel oder ein besonderes Alleinstellungsmerkmal angestrebt wird (angeregt durch die Ausführungen auf den Seiten 108f.). Eine Gruppenbindung bzw. ein soziales Netzwerk, welches es möglich macht, die narzisstischen Masken abzulegen, „das falsche Leben zu beenden und mit Schmerz und Trauer zu dem authentischen Kern zu finden, so unentfaltet oder beschädigt er auch sein mag“ (ders., 207), kann zu einem Ablassen von der narzisstischen Kompensation beitragen. Mit einer nicht-narzisstischen mentalen Verfassung ist für Menschen auch der Weg gehbar, den Juliet B. Schor (2010/2016) aufzeigt. Diese weist noch darauf hin, dass veränderte Arbeitszeitmuster zu einem veränderten Konsum führen. Kürzere Arbeitszeiten führen zu niedrigeren Einkommen und das wiederum zu einem abnehmenden Konsum: Es wird an rohstoffintensiven Urlaubsaktivitäten gespart; es wird geruhsameren, weniger rohstoffintensiven Aktivitäten nachgegangen; es wird eher selbst das Essen zubereitet, als in das Restaurant gegangen; es wird auf weniger energieintensive, dafür aber zeitaufwendigere Verkehrsmittel umgestiegen; es besteht Zeit Gemüse selber anzubauen; es werden kleinere Häuser gekauft (vgl. 137). Mit weniger Arbeitszeit ist mehr Zeit für solche Aktivitäten, die Freude machen und wodurch man an Güter kommt, die finanziell günstiger sind – Marmeladen, Strickpullover etc. Auch die Zeit, die man für Nähen, Reparieren und Renovieren hat, macht ein günstigeres Leben möglich. Man braucht nicht viel Arbeitszeit, um Geld zu verdienen, um neue (teure) Produkte zu kaufen oder (zusätzliche) Dienstleistungen nachzufragen (vgl. 139). Natürlich dürfen „teure“ Produkte nicht grundsätzlich verworfen werden. Wo das „teure“ Produkt durch Reparatur und Runderneuerung langlebig bleibt, macht „teurer“ Konsum einen 3.4. Strategien 123 Sinn, weil das langfristig die Ausgaben für den Konsum senkt (vgl. 156 zu „slow spending“). Auch gehört es zum „slow spending“, wenn Zeit und Emotionen, Persönlichkeit und Individualität, Bedürfnisklärung mit der Anschaffung von Produkten verwoben werden, so dass dadurch das seltenere Vergnügen des Konsums kompensiert wird, weil das Produkt evtl. teurer ist, wenn es z.B. eine Maßanfertigung ist. Es besteht eine Wechselwirkung. Je mehr man sich selbst versorgen kann, desto weniger Geld muss man sich über ein großes Arbeitszeitvolumen erarbeiten. Und je mehr man das Arbeitszeitvolumen reduziert, desto stärker entsteht ein Spielraum für eine geruhsamere, zeitintensive Selbstversorgungs-Tätigkeit (vgl. 140). Dort, wo das umgesetzt wird, verlangsamt sich der Lebensstil/das Lebenstempo, was wiederum „umweltverträglicher“ ist. Eine wirklich solidarische Grundhaltung führt zu einer Einstellung, die nicht am materiellen Wohlstand orientiert ist. Der solidarische Mensch hat ein subjektives Wohlbefinden ohne eine „Haben“-Haltung (vgl. Hunecke, 2013, 36). Der solidarische Mensch handelt in dem Bewusstsein, dass ein Streben nach materiellem Wohlstand einer kooperativen Haltung im Prinzip gegensätzlich gegenübersteht. Eine Armutshaltung ist schwer dauerhaft in einer individualistisch ausgerichteten Lebensführung durchzuhalten. Es bedarf einer Gemeinschaft, die das Leben trägt. Ein Leben in Armut ist in soziale Interaktion einzubetten, damit es dauerhaft durchgehalten werden kann. Die Armutshaltung wird da „christlich“, wo der Mensch frei wird von Formen der „angstvoll-egoistischen Selbstbehauptung“ (Zitat in: Jähnichen, 2008, 5), wo einhergehend mit der Armutshaltung „Stolz und Selbstgefälligkeit“ (Zitat in: Jähnichen, 2008, 9) von einem abfallen, wo das Streben nach „Statussymbolen und Privilegien der Gesellschaft“47 bei einem verschwindet und ein vergleichendes Leistungsdenken (auch bei der Armutsfrömmigkeit) zurückgelassen wird. Leonardo Boff verweist darauf, dass unter dem Leben mit dem Konzept des „Buen Vivir“/„bien vivir“ eine „Ethik des Genug“ enthalten ist (vgl. Ulrich, 2015, 251). „Bien vivir“ umfasst „Genügsamkeit“. Diese Haltung der „Genügsamkeit“ ist verschränkt mit einer Ethik der 47 So wie die kleinen Schwestern Jesu die Armutsfrömmigkeit praktizieren ist es eine Armutshaltung ohne Statussymbole und Privilegien. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 124 Achtsamkeit. Für Paulo Suess ist gutes Leben (Kawsay Sumak) eine Utopie, die sehr nahe an der Utopie des Reiches Gottes ist (vgl. Ulrich, 2015, 256). Wir werden dieses Konzept des „Buen Vivir“/„bien vivir“ erst für uns entdecken müssen, wobei L. Boff mit ähnlichen Worten wie M.L. King darauf hinweist: „Das alte, kranke System stirbt nur langsam, das neue, im Entstehen begriffene wird nur unter Mühen geboren“ (Zitat in: Ulrich, 2015, 253). Kultur der Gewaltlosigkeit in Gemeinden Gemeinschaftliches Leben in der Verbundenheit mit Jesus ist Voraussetzung für ein Friedenszeugnis, das Jesus entspricht (vgl. Engelke, 2019, 381). Als Einzelner würde man unvermeidlich vor der Herausforderung stehen, ein Heiliger/eine Heilige werden zu müssen (vgl. ders.), so Daniel Berrigan. Ja es ist sogar zu fragen, ob man bei dem singulären individuellen heroischen Akt der Feindesliebe man sich so sehr mit sich selbst beschäftigen würde, dass man mit den Worten von M. Luther sich in sich selbst verkrümmt, also in eine Sündhaftigkeit hineinrauscht (vgl., ders., 270). Eine andere Stimme zur Bedeutung von Gemeinschaft und Gemeinde: Die Wirklichkeit des Leibes Christi ist in keinem Einzelnen präsent, „jedoch zwischen zwei oder drei seiner Glaubenden mit ihnen“ (Engelke, 2019, 382). Monologhafte Lebenssicherung und -behauptung beruht auf Gewalt (vgl. ders., 383). Für Egon Spiegel „erfüllt allein die Gemeinde die strukturellen Voraussetzungen für eine konsequente Verwirklichung des Gewaltlosigkeitsethos“ (ders., 383). „Eine gewaltfreie Gemeinde ist allein durch ihre Existenz bereits ein Politikum (…). Sie wirkt in den politischen Raum hinein und zielt darauf, ‚das auf Gewalt bauende Gesellschaftssystem überflüssig werden zu lassen‘ (Spiegel…)“ (ders., 383). Von den kleinen neuen Gemeinden/Gemeinschaften nimmt nach E. Spiegel zuallererst der mit und durch Jesus gelebte Friede seinen Anfang (vgl. ders., 290), indem in den Gemeinden der „Dualismus von Knecht und Herr, bekannt und fremd, bzw. erwählt und nicht erwählt, Mann und Frau (…)“ in einem Wettbewerb der Liebe untereinander fortwährend aufgelöst wird (vgl. ders., 316). 3.4.4. 3.4. Strategien 125 Mit Gemeinden, die nicht Gemeinden einer „reichen Kirche“ sind, wo Dialog, Dienstbereitschaft (vgl. Engelke, 2019, 158) untereinander und freiwillige Gütergemeinschaft bestehen, entstehen alternative Konzepte der Lebensbejahung und neue Lebensmöglichkeiten. Hildegard Goss-Mayr weist besonders auf die Bereitschaft zum Teilen und der freiwilligen Gütergemeinschaft als Kennzeichen der neuen Gemeinschaft hin. „Privat- und Staatskapitalismus widersprechen radikal dem Schalom-Konzept“. Initiativen zur Gemeinnutzung und -verwaltung sind zu entwickeln (vgl. ders., 159). Von Gemeinden, die die Gewalt durch die Liebe Jesu überwinden, entstehen neue Formen des Zusammenlebens, „Gewaltfreiheit und Gemeinschaftlichkeit bedingen sich gegenseitig“ (ders., 158). Wenn Feinde von Anfang an einbezogen werden, zur Umkehr aufgerufen und eingeladen werden, ermöglicht das einen Umwandlungsprozess, der auf die gesamte Gesellschaft sich auswirkt – das machen Jean Goss und Hildegard Goss-Mayr deutlich (vgl. ders., 384). Kultur der Inklusion Die Tischgemeinschaft, bei der das Reich Gottes anbricht, ist eine inklusive Tischgemeinschaft. Es sind alle eingeladen, auch diejenigen, die auf der Straße und an den Zäunen stehen. Es wurden dabei von Jesus für traditionelle Juden/Jüdinnen Grenzen des Erträglichen überschritten. Die aus der Tischgemeinschaft heraus gelebte „inklusive“ Gemeinde kann der Einstieg in eine in ihrem gesamten Gemeindeleben und in ihren Gemeindestrukturen „inklusive“ Gemeinde sein, was dann wiederum eine positive Wirkung in der Gesellschaft haben wird. Inklusion ist dann anfanghaft gelungen, wenn die Menschen aufhören ein „Fall“ zu sein, aufhören „Betreute“ zu sein und als ganzer Mensch gelten. Den Weg der Inklusion zu gehen, das bedeutet „mentale“ Barrieren gegenüber z.B. Alkoholikern, körperlich und geistig Behinderten, HIV-Positiven, ehemaligen Strafgefangenen, Wohnungslosen etc. abzubauen. Und man wird sich eingestehen müssen, dass es neben Momenten der Freude, auch viele anstrengende Momente gibt. Inklusion braucht Geduld und Ausdauer und auch ein wenig Glück (vgl. Pfeiffer, 2017, 43–64; s.a. Rosenberger, 2014 und Gutiérrez, 1986, 147f.). 3.4.5. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 126 Gerechtes Recht Fernando Enns überlegt, ob die Visionen des hebräischen „schalom“ sich eigentlich viel eher in der Rede vom Reich Gottes wiederfindet. Und so geraten im Horizont von dem Reich Gottes, in der Verbindung mit der schalom-Utopie Recht (mischpat), Rechtlichkeit (tsedeq) und Gerechtigkeit (tsedkah) in den Blick (vgl. Enns, 2013, 38). Und so fragt er sich später, ob sich die traditionellen Zentren kirchlicher Institutionen und theologischer Wissenschaft, die zumeist in der komfortablen Situation einer Nähe zu den politischen Machzentren sich befinden, vor der von der Opposition oder von den Rändern/Grenzräumen eingebrachten Rede vom Reich Gottes fürchten, weil sie nicht mit der „richtenden“ Dimension dieser Rede allzu konkret konfrontiert werden möchten (vgl. ders., 2013, 46f.). Die Gerichtsdimension des Reiches Gottes ist nicht allein endzeitlich/zukünftig auszudeuten, schon gegenwärtige Rechtsprechung ist ein Bestandteil des Prozesses des Werdens des Reiches Gottes. „Das Recht ist vielmehr zugleich ein Beruf aller Bürgerinnen und Bürger“ (Huber, 2015, 141)48 – und daher auch der Zivilgesellschaft. Es gehört zur Verantwortung der Zivilgesellschaft „sich für eine Verbesserung des Rechts einzusetzen, wenn (diese R.M.) gegebene Regelungen nicht mehr für zureichend (hält R.M.)“ (ders., 141). Die Zivilgesellschaft macht eindrücklich deutlich, dass die Rechtstheorie nicht von der Ethik befreit werden darf. Kleine Schwester Patrizia Maria (aus Deutschland) problematisiert ein deutsches Recht, dem es an Ethik mangelt, z.B. ein Visumsrecht, das brutal und ungerecht ist oder eine Gerechtigkeit, die sich nur auf die letzte Tat des Stehlens bezieht, aber nicht sieht, wessen Menschen alles „beraubt“ werden, so dass sie zum Stehlen genötigt waren (vgl. Nachrichten der kleinen Schwestern Jesu, 2019, 20–23). Die Zivilgesellschaft macht auch immer wieder deutlich, dass mit dem Recht nicht die Gerechtigkeit verleugnet werden darf. Sie tritt unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten mit der Aufmerksamkeit für die Schwächeren für ein besseres Recht ein. Das zeigt sich an den Aktivitä- 3.4.6. 48 Wolfgang Huber: Rechtsethik, S. 125–193 in: Wolfgang Huber/Torsten Meireis/ Hans-Richard Reuter (Hg.): Handbuch der Evangelischen Ethik, München 2015 3.4. Strategien 127 ten zum Lieferkettengesetz (vgl. hier https://www.oxfam.de/unsere-arb eit/themen/lieferkettengesetz bzw. https://www.bund.net/themen/ttipceta/lieferkettengesetz). Die Zivilgesellschaft verweist darauf, dass die Rechtsprechung sich nicht gegen die Menschenrechte verfehlen darf (vgl. Mierzwa, 2018a, 27–33). Die Zivilgesellschaft vertritt ein „Prozessrecht“. Recht ist kulturell, gesellschaftlich und ethisch im Werden. Wie sich Kulturen und Gesellschaften und deren ethische Standards weiterentwickeln, auch durch/ infolge eine/r aktive/n Zivilgesellschaft, wandelt sich das Recht. Von den historischen Friedenskirchen sind Initiativen entstanden, Gewalt im Recht zu überwinden. Das trug zu einem Neuansatz im Zivil-, Strafund Sozialrecht bei: „Anstelle der Verhängung von Strafen soll wiederherstellende Gerechtigkeit geübt werden“, so Engelke F. Enns referierend (vgl. 2019, 385). Eine Gewissenskultur (vgl. Mierzwa, 2019a), für die die Zivilgesellschaft auch steht, hat Einfluss darauf, wie eine Rechtsordnung sich fügt. Die Zivilgesellschaft erörtert rechtsethische Fragen anders als traditionelle und/oder orthodoxe Dialoge in Theologie und Philosophie. Sie ist Träger*in eines mit Empathie unterfütterten Diskurses. Dadurch wird z.B. das Phänomen Gewalt „anders“ in Bezug auf die Rechtsprechung verhandelt (vgl. hierzu Mierzwa, 2019c, 2–34). Die Zivilgesellschaft bringt scheinbar unerschütterliche Rechtsvorstellungen ins Wanken, wie zum Beispiel beim Eigentumsrecht (vgl. die Impulse zur Gemeinwohlökonomie bei: Felber). Die Zivilgesellschaft hinterfragt, zum Beispiel gegenüber Indigenen oder bei Fabrikarbeitern*innen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, ob Verträge dem Gebot der Fairness genügen und ob es den Beteiligten möglich war, den Verträgen aus freier Entscheidung einzuwilligen (vgl. Hartmann, 2015 und Klein, 2015)49. 49 Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren, München 2015; Naomi Klein (Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Helmut Dierlamm): No Logo. Der Kampf der Global Players um Marktmacht – Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern, Frankfurt am Main 2015 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 128 Die Zivilgesellschaft hinterfragt mit ihren rechtsethischen Interventionen und Innovationen das Gewaltmonopol des Staates – zum Beispiel deutlich werdend an der Diskussion um eine Friedenssteuer (vgl. Mierzwa, 2019a) oder die Sanktionspraxis unter Hartz IV gegen- über psychisch Erkrankten. Der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung Claus Petersen weist darauf hin, dass mit dem konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ein Impuls erfolgte, damit Reich-Gottes-Themen zur Sache und zum eigentlichen Anliegen der Kirche hätten werden können, aber nicht wirklich in ihr griffen (vgl. ders., 2005, 68). Er sieht nicht so sehr die Kirche, sondern hingegen Hunderte, wenn nicht Tausende Nichtregierungsorganisationen, die für Gerechtigkeit, für den Frieden, für den Schutz des Lebens und unsere natürliche Mitwelt arbeiten (vgl. ders., 75). „Unendlich viele einzelne Menschen und namenlose Kleingruppen haben sich nicht die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen zum obersten Ziel gesetzt, sondern fühlen sich dem Wohl ihrer Mitmenschen und ihrer Mitwelt verpflichtet“ (ders., 75f.). Wenn man seine Ausführungen zum Handeln im Horizont des Reiches-Gottes-Gedankens liest (vgl. Petersen, 2005, 107–115), dann tauchen einige Aspekte davon im friedenstheologischen Lesebuch „Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens“ (Kirchenamt der EKD, 2019) auf – z.B. zu den Rüstungsexporten (vgl. Scheffler auf den Seiten 357ff.); aber es fallen auch einige Aspekte unter den Tisch – z.B. die Feststellung: „Niemand ist mehr gezwungen, sich durch Steuerzahlungen an Rüstung und Kriegsvorbereitungen zu beteiligen“ (Petersen, 2005, 111) oder seine Ausführungen zur „Ehrfurcht vor dem Leben“ (vgl. ders., 112). Und einige Argumentationen entfernen sich von dem Anliegen des Konziliaren Prozesses – wenn z.B. nukleare Abschreckung als eine heute noch ethisch verantwortbare Option dargestellt wird (vgl. Werkner im Lesebuch auf Seite 153). 3.4.7. 3.4. Strategien 129 Eine neue Gesellschaft (als innergeschichtlicher Ausdruck des Reiches Gottes) jenseits von Staaten und Kirche(n) und kapitalistischen Unternehmen und der bürgerlichen Gesellschaft Handeln im Horizont des Reiches Gottes, das bedeutet sich nicht auf die Rettung kirchlicher Strukturen und Organisationen zu konzentrieren. Sie werden sich relativieren und auflösen, wo sie Abschottung und Abgrenzung produzieren. In ihrer „Körpersprache“ werden kirchliche Strukturen und Organisationen mit Blick auf das Reich Gottes in die Bedeutungslosigkeit geraten, wenn sie nicht das Leben derer teilen, die an den Rändern der Gesellschaft sich aufhalten (vgl. Duchrow u.a., 2006, 477). Wo die Kirche einem „Konstantinismus“ (vgl. Sölle, 1982b, 186 und 205; Engelke, 2019, 20ff.) verhaftet ist, wird sie sich nicht auf das Reich Gottes zubewegen können (vgl. auch Duchrow u.a., 2006, 479)50. Handeln im Horizont des Reiches Gottes bedeutet eine Auflockerung der nationalstaatlichen Identität bei den Menschen und zugleich eine stärkere Verortung in der Zivilgesellschaft, wenn dadurch eher im Interesse der Menschenrechte, der Solidarität und der Gerechtigkeit gehandelt werden kann. Wenn die nationalstaatliche Identität zu einem Hindernis für die Solidarität mit den Armen (vgl. Sölle, 1996, 149–161) wird und Umschlagplatz für Unterdrückungsprozesse ist, dann ist es mit Blick auf das Reich Gottes bedeutsam subversiv hinsichtlich staatlicher Vorgaben zu sein (vgl. hier Bloomquist, 2015), wenn diese dazu beitragen, dass Arme getötet/gemordet werden (vgl. Duchrow, 2013). M. Gandhi erachtete eine „Verdorflichung“ Indiens als zukunftsfähiges Entwicklungsmodell. In der „Solidarischen Ökonomie“ – das zeigt der Vergleich mit dem „Wachstum“ den Erdbeerpflanzen – werden auch kleinräumliche ökonomische Lösungen als zukunftsfähig betrachtet. K. Dörner weist mit dem Konzept des „Dritten Sozialraumes“ auf die Notwendigkeit der „Verdorflichung“ der Städte hin (vgl. Mierzwa, 2017, 75ff.). Und Martin Luther King sieht die „Vergötterung des Großen“ – die sich ja bei Narzissten findet – als im Gegensatz zum 3.5. 50 Es sind Sölle und Engelke zusammenzuführen, wenn man die ganze Weite des Aspektes „Konstantinismus“ verstehen will. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 130 Handeln auf das Reich Gottes hin stehend. Ulrich Duchrow (u.a.) erinnert an die „Gemeinschaften vor Ort“, die nicht mit der „obrigkeitlichen-territorialen Struktur“ der Orts- und Pfarrgemeinden identisch sind. Diese waren Gemeinschaften, an denen man solidarisch Mensch werden konnte und wieder werden könnte (vgl. dies., 2006, 466). Hier sehe ich die Realität des Reiches Gottes – es wird Strukturen aufweisen, wodurch Nähe (vgl. Mierzwa, 2014, 477ff.), Beziehungshaftigkeit und die Vielfalt der „kleinen“ lebensweltlichen und ökonomischen Lösungen Realität werden können. Auch ist der Hinweis von Jäggi auf E.F. Schumacher (1979) beachtenswert, wonach ein Zusammenhang von Einfachheit und Gewaltlosigkeit besteht. In lokalen Gemeinschaften kommt Gewalt weniger oft vor als in größeren Kollektiven. „Große (korrigiert R.M.), zentralisierte und bürokratisierte Institutionen reagieren im Allgemeinen weniger sensibel auf Ungerechtigkeiten als lokale und informelle Einrichtungen“ (Jäggi, 2018, 141). Die Gemeinwohl-Ökonomie und die „Solidarische Ökonomie“ machen deutlich, dass nur diese Wege Wege zu einem guten Leben darstellen können. Die kapitalistische Wirtschaftsweise führt in die Todeszone (vgl. Duchrow, 2013; Engelke, 2019) und damit weg vom Reich Gottes. Privateigentum wird nur noch als „funktionales“ Privateigentum zugelassen – wo es nicht mehr im Dienst am guten Leben (für den Nächsten) ist, da verliert es seine Berechtigung (vgl, Lk 16,19– 31 das Gleichnis vom Reichen und Lazarus; zu Ragaz bei: Böhm, 1988, 154; s.a. Petersen, 2005, 114). Impulse im Horizont des Reich-Gottes-Gedankens zu Diskussionen zur Stadt im Wandel Reich Gottes, d.h. vor allem, dass in Raum und Zeit sich tatsächlich etwas hoffnungsvoll verändert. Deswegen ein paar Gedanken für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung, anhand einer konkreten Herausforderung, die aber auch für Herausforderungen in anderen Städten beachtenswert sein können. Irgendwann einmal soll das Gelände der DIAKO-Flensburg eine neue Gestaltung erfahren, weil das Krankenhaus an diesem Platz nicht mehr weiterentwickelt wird – hier könnten zukunftsfähige Impulse für die Stadtentwicklung gesetzt werden. Es 3.5.1. 3.5. Eine neue Gesellschaft 131 gibt viele Überlegungen in der Vergangenheit und Gegenwart, wie eine menschenfreundliche, Gemeinschaft stiftende und ökologische Stadt aussehen könnte, die in der Neugestaltung des Areals ihren Niederschlag finden könnten. – „Verdorflichungsgedanke“ nach M. Gandhi Im Rahmen seiner Überlegungen zur „Verdorflichung“ Indiens wollte M. Gandhi das lokale Handwerk stärken. Im Zuge der Diskussion zur Transition-Town-Bewegung (Stadt-im-Wandel-Bewegung) kommt es nicht nur zu einer Stärkung des lokalen Handwerks (Repair-Cafés) sondern zur Initiative hinsichtlich Umsonst- und Tausch-Läden. Bei der Bebauung des Areals könnte für eine solche Infrastruktur Platz bereitgehalten werden. – Dritter Sozialraum nach K. Dörner K. Dörner brachte mit dem Dritten Sozialraum eine territoriale Gestaltung der Stadt in die Diskussion, wodurch es den Menschen eher möglich wird, sich als „Wir“ zu erfahren. Es soll hier eine Solidarität organisiert werden, in der ALLE im Stadtteil lebenden Menschen miteinbezogen werden. Dazu braucht es Räumlichkeiten, um sich versammeln und zusammenfinden zu können. Aber es braucht auch Räumlichkeiten, wo so etwas wie ein „Runder Tisch“ dieses Zusammenfinden organisieren und managen kann. – Fahrradfreundliche Stadt Kopenhagen Kopenhagen hat viel unternommen, damit Fahrradfahren eine gern genutzte Mobilitätsalternative geworden ist. Damit Flensburg zu einer fahrradfreundlicheren Stadt wird, könnte beim Neubau auf dem Areal auf diebstahlsichere Kellerräume und Abstellmöglichkeiten für Fahrräder (auch Lastenfahrräder) geachtet werden. – Sozialkirche Gaarden (St. Matthäus in Kiel)/ Vesperkirchen/Einsamkeitsministerium Indem das Krankenhaus auf dem Areal verschwindet, verliert die Anstaltskirche zum Teil ihre Funktion Anstaltskirche für das Kranken- 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 132 haus zu sein. Hier könnten Impulse von den Vesperkirchen und den Sozialkirchen für eine „Neuerfindung“ der Anstaltskirche ausgehen. Man könnte bei der Neubebauung des Areals etwa darauf achten, dass u.a. geeignete Räumlichkeiten/Infrastruktur für die Flensburger Tafel geschaffen werden, die Möglichkeit für einen Mittagstisch in der Form besteht, dass auch Arme ihn besuchen könnten, eine Kleiderkammer besteht, dann aber auch vielleicht noch Räumlichkeiten für eine noch nicht gegründete Arbeitsloseninitiative bestehen. Die Seelsorge wird entsprechend neu aufgestellt werden müssen – zum Beispiel, um eine Antwort auf die Einsamkeitserfahrungen von sozial Benachteiligten zu finden. Die Praxis ohne Grenzen könnte ein Teil der Gesamt-Infrastruktur „Sozialkirche DIAKO“ werden. – Gemeinwohl-Ökonomie nach C. Felber/Solidarische Ökonomie Auf dem Holm und auf der Großen Straße sind große Summen bei den Mieten von Geschäftsräumen notwendig, so dass Geschäfte mit ökofairen Textilien und ökofairen Produkten sehr teuer verkaufen müssen. Damit diese Produkte bezahlbar bleiben könnte eine Geschäftsinfrastruktur zu günstigen Konditionen als genossenschaftliches Konstrukt die Chance eröffnen, damit diese Produkte eine bessere Verbreitung finden. – Zero-Waste-Bewegung (Müllvermeidungsbewegung)/ Plenitude-Ökonomie nach J. B. Schor Ein Leben mit weniger Müll sollte möglich sein in diesem neu bebauten Areal. Dazu müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Mehr Möglichkeiten zum Kompostieren auf dem Gelände, praktische Vorratskammern, um die Möglichkeiten zum selber Einmachen zu eröffnen und nicht verführerisch große Mülleimer. Dies ist auch im Sinne der Plenitude-Ökonomie. Zur Plenitude-Ökonomie kann auch gehören, wie bei der Basisgemeinschaft Brot-und-Rosen, auf den Dächern eigene Bienenstöcke stehen zu haben. 3.5. Eine neue Gesellschaft 133 – Car-Sharing-Bewegung (Auto-Teilen-Bewegung) In einem gewissen Umfang wird es bedeutsam sein, wenn den Bewohnern*innen des Areals ein Car-Sharing-Angebot auf E-Mobilität-Basis gemacht wird. Vor dem Hintergrund des praktikablen Car-Pools der Basisgemeinde Wulfshagenerhütten scheint ein Fahrzeugpool von ca. 30–40 Autos/Transportern für die neu entstandenen Wohneinheiten ausreichend. – Transition-Town-Bewegung (Stadt-im-Wandel-Bewegung) Auf diese Bewegung wurde weiter vorne schon hingewiesen. Aber zwei Impulse aus dieser Bewegung scheinen mir noch sinnvollerweise bei der Planung dieses Areals beachtenswert zu sein. Das urbane Gärtnern sollte auf diesem Areal möglich sein. Und es sollte so etwas wie einem gemeinsamen Pool von Werkzeugen geben, der von einem/r Hausmeister*in verwaltet wird. Die Refinanzierung sollte über einen Mietbetrag bzw. ein Gehalt für den Hausmeister/die Hausmeisterin, das über die Nebenkosten umgeschlagen wird, ermöglicht werden. Impulse im Horizont des Reich-Gottes-Gedankens zur Weiterentwicklung von christlichen Gemeinschaften/ Gemeinden Christliche Gemeinden/christliche Gemeinschaften können viele Impulse von vorangegangen Ausführungen zum Reich Gottes mitnehmen. Dem Reich Gottes Gedanken wird man am ehesten gerecht, indem man nicht an einer Reich Gottes Theologie herumbastelt und ein feingeschliffenes gedankliches Experiment vollzieht, sondern tatkräftig zupackt (vgl. L. Ragaz), sich aufmacht für Frieden und Solidarität mit den Armen einzutreten, tatsächlich eine Gemeinschaft des Dienens ist und in gewissen Umfang eine Armutsfrömmigkeit/eine Kultur des Weniger in den Grundvollzügen realisiert, also von der „Haben-Kultur“ des Bürgertums abweicht. Hier möchte ich unter dieser Perspektive auf die Diakoniegemeinschaft der evangel.-luth. Diakonissenanstalt zu Flensburg (DG) schauen und diese daraufhin betrachten und befragen, 3.5.2. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 134 wo schon das Reich Gottes beginnt und wo noch Entwicklungspotentiale bestehen. Schon beginnendes Reich Gottes – Die DG ist eine dienende Gemeinschaft: Es werden verunfallte Mitglieder in der alltäglichen Lebensführung unterstützt, bis sie wieder selbständig das Leben führen können. Es werden Hausmeisterdienste bei Mitgliedern gemacht, wenn diese nicht technisch begabt sind oder aus Altersgründen nicht mehr dazu in der Lage sind. Die alten Mitglieder werden im Pflegeheim besucht und evtl. mit dem Rollstuhl zum Gottesdienst gebracht. Und es werden auch Bankangelegenheiten geregelt, wenn das aus Altersgründen nicht mehr selbstständig möglich ist. – Auch in das Außenverhältnis hinein ist die DG eine dienende Gemeinschaft, etwa wenn bei einem Trauerfall Beistand geübt wird oder wenn sozial Schwachen auf den Wegen durch die Behörden und bei der Wohnungssuche Beistand gegeben wird. – Und es wird teilweise geteilt, indem zum Beispiel einem armen Mitglied der DG ein Urlaub finanziert wird, indem die Ausstattung für die Wohnung zum Teil zur Verfügung gestellt wird oder indem die wissenschaftliche Arbeit eines Mitgliedes gesponsert wird. Jede Schwester und jeder Bruder spendet regelmäßig und viele Mitglieder spenden zusätzlich sehr großzügig. – Es ist bei vielen Schwestern und Brüdern zu erkennen, dass sie nicht am Mammon hängen. – Eine Beziehungsleidenschaft wird sehr stark gelebt, die verschränkt ist mit einer Beziehungsleidenschaft mit Gott. – Und es ist nicht in der DG der Zynismus zu entdecken, den man häufig in der Gesellschaft gegenüber den Armen trifft. Es wird eingetreten gegen den Zynismus gegenüber Hartz IV Empfängern. – Mit dem Elisabeth-Clausen-Fonds will die Gemeinschaft erreichen, dass für Kinder Armut weniger spürbar ist und keine Exklusionserfahrungen gemacht werden. So werden neue Turnschuhe finanziert, damit befreit am Sportunterricht teilgenommen werden kann. Und es wird eingegriffen, wenn bei Kindern droht, dass sie aus finanziellen Gründen nicht an Klassenfahrten teilnehmen können. 3.5. Eine neue Gesellschaft 135 – In Pniel, dem Versammlungshaus und Sitz der DG, wurde ein Deutschkurs für Flüchtlinge angeboten. Es wurde ermutigt, indem kleine Schritte des Weiterkommens Wertschätzung erhielten. Das Lernen war immer schön, weil die Teilnehmer freiwillig kamen (vgl. Sr. Irja Petermann im Rundbrief der DG Nr. 18/April 2016, 12). – Die DG unterhält einen Sternenfriedhof für tot- und fehlgeborene Kinder. Es ist ein Platz für ein Grab. Bei finanzschwachen Eltern finanziert die Diakoniegemeinschaft die Bestattung und das Anbringen eines Sternes an Stelen. – Seit 2014 unterstützt die DG das Nkoaranga-Hospital (Arusha/ Tansania) in Afrika. Hier engagiert sich die DG nicht nur finanziell, sondern auch mit persönlichen Einsatz vor Ort. Hilfsgüter werden gesammelt, in Container verpackt und verschickt sowie Renovierungsarbeiten vor Ort durchgeführt. Es ist eine Entwicklung zu einer Freundschaft zu spüren. – Die Diakoniegemeinschaft unterstützt für ein Internat (Indien [Lakshmipur]) den Bau eines neuen Jungen- und eines neuen Mädchenhauses mit Schlafräumen, Mensa, Küche, Toiletten und Waschräumen (Sr. Anne Mette in Rundbrief der DG NR. 14/Juli 2015, 12f.). – Damit hört/hörte das Engagement nicht auf: Mitglieder der DG sind zum Teil in der Zivilgesellschaft engagiert, gestalten das Gemeinwesen und beleben den Kulturraum. Sie sind Lesepaten an einer Grundschule und unterstützen so die Integrationsarbeit, sie sind in der Praxis ohne Grenzen aktiv und realisieren so die „Vorrangige Option für die Armen“, sie betätigen sich als Mitarbeiter in der Bahnhofsmission und leben so lebendige Barmherzigkeit, versuchen sich mit sozialethischen Themen aus der „Perspektive von unten“ in die politische Arbeit einzubringen oder unterstützen die Arbeit von campact, weil sie eine lebendige Zivilgesellschaft wollen. – Einige treten ganz im Sinne der Bergpredigt für die (absolute) Gewaltfreiheit und die bedingungslose (Feindes)Liebe ein. – Einige kaufen sehr engagiert ökologisch- und Fairtrade-bewusst ein. 3. Mit dem Reich Gottes-Gedanken gegen die strukturelle Gewalt 136 – Die Grabsteine für das denkmalgeschützte eigene Gräberfeld der Diakoniegemeinschaft sind nicht aus Kinderarbeit. – Frauen haben eine starke, selbstbewusste und emanzipierte Position in der DG. Wo man beispielsweise noch nicht auf dem Weg zum Reich Gottes ist – Das Auto wird zwar in der DG gern genutzt, aber es werden so oft wie möglich Fahrgemeinschaften gebildet. – Dazu gehört, dass man Produkte wie das Smartphone (und kein Fairphone) nutzt, die auf Konfliktrohstoffen (Coltan) basieren und wo auch Kindersoldaten involviert sind. – Ein (teilweise) klimaschädliches Urlaubsverhalten fällt auf. – Und es führen auch einige ein sehr bürgerliches Leben, eher mit einer Kultur des „Habens“ und mit wenigen Anzeichen für eine Kultur des „Weniger“ bzw. eine Armutsfrömmigkeit. – Mit den Worten von Martin Luther King sind einige mehr vorsichtig als mutig und wagen sich hinter der einschläfernden Sicherheit bunter Kirchenfenster nicht zu rühren. – Mit Sebastian Franck ist auch darauf hinzuweisen, dass einige sehr starke „Konfessionalisten“ sind. – Obwohl der Weg zum Reich Gottes umgesetzt wird kennt die Gemeinschaft auch das verbale Entgleisen, den bösen Impuls, die gewalthaltige Handlung und es wird der faire Austausch missachtet. – Bei der politischen Positionierung gibt es Haltungen, die dem Weg zum Reich Gottes nicht dienlich sind – z.B. Rüstungsexporte pauschal befürworten, weil es Arbeitsplätze sichert oder keine durchgängige Sympathie gegenüber Asylanten. – Manche der DG stellen noch nicht hinreichend den Zusammenhang zwischen Armen und Reichen, zwischen Ohnmächtigen und Mächtigen, zwischen Rechtlosen und denen, die Menschenrechte verletzen sowie zwischen Opfern und Tätern her und interessieren sich wenig für die Verflechtungen hierbei und bestehende Strukturen der Unterdrückung, Schändung und Missachtung. Sie tragen daher nicht dazu bei, dies offenzulegen und den Dämon beim Namen zu nennen (vgl. D. Sölle). 3.5. Eine neue Gesellschaft 137

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References

Zusammenfassung

Eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Reich Gottes-Verkündigung führt uns nicht nur weg vom kirchlich organisierten Christentum und einem extrem „konfessionalistisch“ gedachten Christentum, sondern öffnet zugleich unseren Blick für „anonyme“ und „religionslose“ Christen sowie „erleuchtete Heiden“ (S. Franck). Diese sind in der Lage, zum Beispiel wenn sie sich in der Zivilgesellschaft engagieren und organisieren, strukturelle Gewalt zu überwinden und abzubauen. Mit dem Reich Gottes-Gedanken finden Menschen zu einer „dienenden Solidarität“ und zu einer „Kultur des Weniger“, wodurch ein Gegengewicht gegenüber der „imperialen Lebensweise“ aufgebaut wird. Der Anbruch des Reiches Gottes ist zu entdecken etwa in der Werkstattkirche, in der Sozialkirche, in der ev.-luth. Diakoniegemeinschaft zu Flensburg, aber auch in der Zivilgesellschaft, wo diese für ein gerechtes Recht eintritt.