Einleitung in:

Matthias Michael Wieser

Vom Transhumanismus zum technischen Staat, page 1 - 6

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4423-0, ISBN online: 978-3-8288-7433-6, https://doi.org/10.5771/9783828874336-1

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 19

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 Einleitung Im Silicon Valley in Kalifornien, dem Zentrum des modernen Hightech-Kapitalismus, hat sich in den 1990ern die kalifornische Ideologie manifestiert. Hier ist die amerikanische Gegenkultur des Hippietums mit der Hightech-Industrie zusammengewachsen. Möglich wurde dies, indem eine staatskritische und individualistische Haltung dabei half, die politischen und kulturellen Differenzen zu überbrücken. Auch wenn die Industrie im Silicon Valley über Jahrzehnte massiv vom amerikanischen Verteidigungshaushalt finanziell gefördert wurde, sehen sich die großen IT-Unternehmen zunehmend in Konkurrenz zum Staat. Sie verfolgen, erfüllt vom Geist des Silicon Valley, disruptive Geschäftsmodelle und möchten staatliche Regulierung durch den Einsatz von Technologie unterminieren. Es ist ein zentraler Aspekt der kalifornischen Ideologie, der Meinung zu sein, die Probleme der Welt besser als staatliche Einrichtungen lösen zu können.1 Gerade in diesem Milieu der Hightech-Pioniere konnten transhumanistische Ideen hervorragend gedeihen, weil dort ein extrem starker Glaube an den technologischen Fortschritt und dessen positive Effekte vorherrscht. Der Transhumanismus ist eine in Deutschland noch relativ unbekannte Bewegung, welche die ‚Verbesserung‘ und ‚Überwindung‘ des Menschen durch den Einsatz von Technologie propagiert. Die damit verbundenen Ideen stoßen in Kontinentaleuropa noch überwiegend auf Skepsis und Ablehnung. Dennoch sind Elemente des Transhumanismus in der Populärkultur (Spielfilme, Serien, Literatur, Computerspiele) schon allgegenwärtig.2 In den USA haben sich transhumanistische Vorstellungen weitaus mehr etabliert, zwar nicht in Form einer Massenbewegung, jedoch in den Köpfen der kalifornischen Hightech-Elite.3 Wenn Transhumanisten wie Ray Kurzweil, Chefingenieur von Google, nicht gerade den baldigen Beginn des Zeitalters der technologischen Singularität propagieren, sin- 1 Vgl. Barbrook und Cameron, „The Californian Ideology“, 363 ff. 2 Vgl. Lohmann, „Transhumanismus als Spiel“; Sanders, „Echte Menschen? Posthumanistische Spuren in populären Serienkultur und ihrer filmischen Vorgeschichte“. 3 Vgl. Wagner, Robokratie. Google, das Silicon-Valley und der Mensch als Auslaufmodell, 63. 2 nieren sie über ‚Mind-Uploading‘, Gehirnsimulationen, Möglichkeiten der Gentechnik oder die informationstechnischen Erweiterungen des Menschen. In den transhumanistischen Vorstellungen und der kalifornischen Ideologie lassen sich viele Gemeinsamkeiten finden; neben einem liberalen und progressiven Selbstbild, vor allem der Glaube, dass es für jedes Problem eine technische Lösung gibt. Es gibt Bestrebungen, den Transhumanismus als philosophische Strömung zu etablieren, beispielsweise von Max More oder Nick Bostrom. Es existiert allerdings keine Übereinkunft hinsichtlich eines politischen Programms. Über die Differenzen verschiedener Richtungen des zeitgenössischen Transhumanismus hinweg, lässt sich ein Hang zu einem ausgeprägten Individualismus und Liberalismus feststellen, gepaart mit einem ungebrochenen Fortschrittsoptimismus und einer Ablehnung von autoritären sozialen Ordnungen. Uneinigkeit herrscht über die Rolle des Staates als regulatives Korrektiv. Transhumanisten verstehen ihr Programm als eine Erweiterung des Humanismus und beziehen sich positiv auf rationales Denken, Freiheit, Toleranz und Demokratie.4 Stefan L. Sorgner, einer der wenigen deutschsprachigen Philosophen, der sich selbst positiv auf den Transhumanismus bezieht, versichert uns: „Transhumanisten bejahen die liberale-demokratische Grundordnung und legen damit gro- ßen Wert auf die Normen Freiheit und Gleichheit“5. Entgegen dem individualistischen und teilweise staatskritischen Selbstverständnis der Transhumanisten möchte ich der Frage nachgehen, ob deren zugrundeliegende Denkweise technokratische Züge trägt. In diesem Zusammenhang halte ich die 1961 von Helmut Schelsky in Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation gestellte Diagnose einer neuen Form von Staatlichkeit für relevant. An die Stelle von persönlichen Herrschaftsverhältnissen, politischen Normen und Gesetzen tritt eine Sachgesetzlichkeit der wissenschaftlich-technischen Zivilisation. In diesem Zustand etabliert sich ein neues Grundverhältnis von Menschen zu Menschen, bei der der Sachzwang den politischen Volkswillen ablöst: der technische Staat.6 Das Topos des technischen Staates sollte im Angesicht des Transhumanismus erneut thematisiert werden. Leistet der Transhumanismus einer Weltanschauung Vorschub, in der klassische Politik, im Sinne 4 Vgl. Bostrom, „The Transhumanist FAQ. A General Introduction“, 4. 5 Sorgner, Transhumanismus, 30. 6 Vgl. Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 449. 3 von eventuell langwierigen Aushandlungsprozessen und politischen Kompromissen, immer mehr als ungerechtfertigtes Hindernis für die beste technische Lösung erscheint? Begünstigt der Transhumanismus gar eine Tendenz zu einer Expertenherrschaft, also einem neuen technischen Staat? Diese Arbeit ist in vier Kernkapitel gegliedert. Zunächst soll in einer Begriffsklärung ein theoretischer Rahmen für die nachfolgenden Schritte geschaffen werden. Darin wird in die grundlegenden Auffassungen des Transhumanismus eingeführt, erste Differenzierungsangebote vorgestellt und eine Abgrenzung zu der Strömung des Posthumanismus gezogen. Anschließend wird festgehalten, was unter Renaissance-Humanismus zu verstehen ist, da der Transhumanismus meist in der einen oder anderen Form darauf zurückgreift. Er stellt sich in seine Tradition und/oder postuliert seine Überwindung. Danach wird das Phänomen der kalifornischen Ideologie erläutert, da der zeitgenössische Transhumanismus besser unter dessen Berücksichtigung zu verstehen ist. Als weitere Vorbereitung für die Diskussion der zentralen Fragestellung dieser Arbeit, wird im zweiten Kapitel zunächst der Begriff der Technokratie entfaltet werden und in einen Gegensatz zur Demokratie gesetzt. Dann werden die Thesen zum technischen Staat von Schelsky dargestellt, die einen zentralen Stellenwert in dieser Arbeit einnehmen und die Grundlage für die abschließende Diskussion bilden sollen. Der Abschnitt zur Technokratie endet mit der Rezeption der damaligen Kritiker von Schelsky und der Frage nach der Aktualität der Thesen zum technischen Staat. Im dritten Kapitel sollen die verschiedenen Formen des Transhumanismus genauer charakterisiert und analysiert werden. Wie noch zu zeigen ist, kann der Transhumanismus in vielfältigen Formen auftreten. Deshalb ist es vorteilhaft, sich einen zumindest groben Überblick über die (Vor-)Geschichte des Transhumanismus zu verschaffen. Dazu werden exemplarisch zwei Protagonisten, welche ihre transhumanistischen Vorstellungen jeweils mit einem entgegengesetzten politischen Verständnis verbanden, vorgestellt. Zum einen J. D. Bernal, welcher Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Großbritannien wirkte und proto-transhumanistische Vorstellungen mit sozialisti- 4 schen Auffassungen verband. Zum anderen Max More, der den libertären7 Extropianismus begründete, mit dem der Transhumanismus um 1990 zu einem vorläufigen Höhepunkt kam. Desweitern geben die offiziellen Gründungsdokumente der World Transhumanist Association einen Zugang zu repräsentativen und strömungsübergreifenden Positionen, welche eng mit dem Akademiker Nick Bostrom verbunden sind. Das Kapitel schließt mit einem vorläufigen Resümee über die verschiedenen politischen Formen des Transhumanismus. Hinter den Ausführungen steht die Frage, ob es einen weltanschaulichen bzw. ideologischen Wesenskern des Transhumanismus gibt, aus dem sich die politischen Positionen der Protagonisten ableiten lassen, diese lediglich akzidentiellen Charakter haben oder abhängig von historischen Umständen sind. Ausgehend von dem erarbeiteten Material soll im vierten Kapitel diskutiert werden, ob dem Transhumanismus eine technokratische Denkweise zugrunde liegt. Dazu wird das aufbereitete Material über den Transhumanismus mit der Theorie von Schelsky interpretiert und eingeordnet. Darüber hinausgehend wird nach einer gemeinsamen philosophischen Fundierung von Technokratie und Transhumanismus gefragt. Dazu wird auf das Begriffsschema der menschlichen Grundtätigkeiten von Hannah Arendt zurückgegriffen und ein Interpretationsangebot gegeben. In reflektierender Absicht soll die Interpretation des Transhumanismus durch die Thesen vom technischen Staat wiederum mit verschiedenen Einwänden konfrontiert werden. Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst, um ein Antwort auf die Frage nach dem technokratischen Transhumanismus zu finden. In einem Ausblick wird die Idee der technologischen Singularität weiterführend thematisiert. Auch wenn die Ideen der Transhumanisten anthropologische Fragestellungen geradezu provozieren, sollen diese vernachlässigt werden. Es ist auch nicht die Absicht der vorliegenden Arbeit, die Vorstellungen der Transhumanisten auf Realisierbarkeit hin zu über- 7 Mit libertär ist hier der Libertarianismus gemeint, eine politische Strömung, die überwiegend in den USA anzutreffen ist. In einer ersten Annäherung kann diese als radikaler Wirtschaftsliberalismus übersetzt werden. Technoprogressive Positionen, die sich in Abgrenzung dazu entwickelt haben, werden der Vollständigkeit wegen erwähnt, aber nicht analysiert, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. 5 prüfen, sondern die Theorie anhand ihres politischen bzw. technokratischen Gehalts einzuordnen. Die Debatte um Human Enhancement8 soll mit dieser Thesis um eine neue Perspektive erweitert werden. 8 Human Enhancement ist ein Begriff aus der angelsächsischen Debatte, der im Prinzip ein Oberbegriff für Transhumanismus darstellt. Auch wenn nicht jeder Befürworter von Human Enhancement ein Transhumanist sein muss, werden diese beiden Begriffe in dieser Arbeit synonym verwendet. (Weiterführend Woyke, „Human Enhancement und seine Bewertung – eine kleine Skizze“, 21 ff.)

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Abstract

Transhumanists propagate the possibility of physically and mentally 'enhancing' and 'overcoming' the human race by using technology and science. In doing so, they present a liberal self-conception that is supposedly compatible with democratic structures. In contrast to this line of thought, this thesis shows that transhumanist ideology inherently carries technocratic features. To this end, it draws on Helmut Schelsky's theories on the technical state. In 1961, Schelsky affirmatively diagnosed an emerging technocracy of the scientific civilization. According to this argument, the universalization of the scientific method transforms negotiable issues into undeniable constraints and thus gradually dissolves classical parliamentary democracy. This thesis shows that contrary to its liberal self-conception, contemporary transhumanism reproduces Schelsky's basic technocratic ideas.

Zusammenfassung

Transhumanisten propagieren die Möglichkeit der ‚Verbesserung‘ und ‚Überwindung‘ des Menschen durch den Einsatz von Technologie und Wissenschaft. Dabei treten sie mit einem liberalen Selbstverständnis auf, welches kompatibel zu demokratischen Strukturen sein soll.

Dem entgegengesetzt wird in dieser Arbeit die These vertreten, dass die transhumanistische Ideologie immanente technokratische Züge trägt. Dazu werden die Thesen von Helmut Schelsky zum technischen Staat rekapituliert, der 1961 affirmativ eine aufkommende Technokratie in der wissenschaftlichen Zivilisation diagnostizierte. Nach Schelsky verwandle die Universalisierung der wissenschaftlichen Methode verhandelbare Streitfragen in unbestreitbare Sachzwänge und löse damit die klassische parlamentarische Demokratie schleichend auf. In dieser Arbeit wird gezeigt, dass der gegenwärtige Transhumanismus, entgegen seinem liberalen Selbstverständnis, die technokratischen Grundüberlegungen von Schelsky reproduziert.