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1 Einleitung in:

David Rüschenschmidt

Neue Politische Theologie, page 1 - 16

Johann Baptist Metz und sein Denken im Horizont einer intellektuellen Gründung der Bundesrepublik

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4387-5, ISBN online: 978-3-8288-7372-8, https://doi.org/10.5771/9783828873728-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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1 1 Einleitung „Er war einer der ganz großen Theologen des 20. Jahrhunderts.“2 Das war die einhellige Meinung, die sich in den ersten Nachrufen verdichtete, nachdem Johann Baptist Metz am zweiten Dezember 2019 im Alter von 91 Jahren verstorben war. Sein Weltrang wurde einerseits mit seiner intellektuellen Offenheit etwa gegenüber der „Frankfurter Schule“3 begründet, andererseits mit dem großen Einfluss seiner „neuen Politischen Theologie.“4 Dass ihm diese Bedeutung als einer der wichtigsten und einflussreichsten Theologen nach dem Zweiten Vatikanum zukam, war bereits 25 Jahre zuvor unbestritten. Bei der Verleihung der Ehrenpromotion der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien führte der damalige Dekan Johann Reikerstorfer aus: Unsere Universität darf heute einen außergewöhnlichen Theologen in die Reihe ihrer Ehrendoktoren aufnehmen. Als Begründer einer neuen Politischen Theologie konnte er die theologische Landschaft wie kaum ein anderer inspirieren und prägen. Seine Anregungen wurden weltweit rezipiert und haben sich auch über die Grenzen der Kirchen hinaus Gehör verschafft.5 2 So formuliert von Main, Andreas: Der Mitleidende. Nachruf auf Johann Baptist Metz, Deutschlandfunk, 03.12.2019, online abgerufen über https://www.deutschlandfunk.de/nachruf-auf-johann-baptist-metz-der-mitleidende.886.de.html?dra m:article _id=464903, zuletzt am 03.12.2019. 3 Ebd. 4 Ebd. 5 Reikerstorfer, Johann: Laudatio anlässlich der Ehrenpromotion von Prof. DDr. Johann Baptist Metz, gehalten am 15.12.1994, in: Ders.: Vom Wagnis der Nichtidentität. Johann Baptist Metz zu Ehren (=Religion – Geschichte – Gesellschaft Bd. 11), Münster 1998, S. 173 – 179, hier S. 173. 2 „Der bedeutendste Rahnerschüler“,6 neben Rahner inspiriert von Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Walter Benjamin,7 dürfe als einer der „maßgebendsten und einflussreichsten Theologen unserer Zeit“ bezeichnet werden, so Reikerstorfer.8 Die ZEIT schrieb über ihn, er sei „einer der großen friedlichen Revolutionäre und neben Hans Küng der prominenteste deutsche Linkskatholik“, sowie „einflussreicher Gegenspieler des Papstes“ Benedikt XVI.9 Jürgen Habermas, ein langjähriger Freund von Metz, schrieb ihm eine „Empfindlichkeit für das Unabgegoltene des vergangenen Leidens Unschuldiger“ zu, „das aus menschlicher Kraft allein nicht wieder gut gemacht werden kann.“10 Das theologische Programm, das mit seinem Namen verknüpft ist, firmiert unter der Bezeichnung „neue Politische Theologie“ und entstand ab etwa 1966, in Ansätzen und ohne dieses Label auch schon einige Jahre früher.11 Bereits zu dieser Zeit galt Metz als „Kirchenrebell“ und als einer der „bedeutendsten katholischen Theologen jüngerer Generation“.12 Diese neue Politische Theologie in der Ideengeschichte der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre bildet den Gegenstand dieser geschichtswissenschaftlichen Untersuchung. 6 Ebd. 7 Vgl. ebd. sowie u.a. Buchholz, René: Religion als Unterbrechung, in: feinschwarz. Theologisches Feuilleton, 03.08.2018, online abgerufen über https://www.feinschwarz.net/religion-als-unterbrechung/, zuletzt am 02.08.2019. 8 Reikerstorfer: Laudatio, S. 173 – 174. 9 Metz, Johann Baptist: Nur um Liebe geht es nicht, in: Die ZEIT 16/2010, online abgerufen über http://www.zeit.de/2010/16/Mystik-Gerechtigkeit, zuletzt am 14.03.2016. Die Bezeichnung als „Linkskatholik“ ist allerdings nicht im eigentlichen Sinne zutreffend. 10 Habermas, Jürgen: Brief an Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag, in Janßen, Hans-Gerd/Prinz, Julia D.E./Rainer, Michael J. (Hrsg.): Theologie in gefährdeter Zeit. Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag (=Religion – Geschichte – Gesellschaft Bd. 50), S. 159 – 161, hier S. 159. 11 Der Aufweis zur Periodisierung erfolgt in der Untersuchung (Kap. 5.4). Der Terminus ist im Laufe seiner nunmehr beinahe fünfzigjährigen Geschichte in verschiedenen Schreibweisen aufgetreten. Metz selbst hat in dem Band „Zum Begriff der neuen Politischen Theologie“ diese Schreibweise für seine Theologie festgelegt. So wird der Terminus „neue Politische Theologie“ hier übernommen, auch für solche Zeiten, in denen Metz‘ theologisches Programm noch nicht so und in dieser Schreibweise betitelt wurde. Vgl. Metz, Johann Baptist: Zum Begriff der neuen Politischen Theologie 1967 – 1997, Mainz 1997. 12 Vgl. o.V.: Wie Hochhuth, in: Der SPIEGEL 1968, S. 83, und die Autorenvorstellung zu dem Artikel von ihm: Politische Theologie, in: Neues Forum 157 (1967), S. 13 – 17, hier S. 13. 3 1.1 Der Gegenstand: Neue Politische Theologie im Horizont einer „intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“ Im Hinblick auf soziale und kulturelle sowie politische Entwicklungsprozesse erweisen sich die 1960er und frühen 1970er Jahre als eine Zeit voller dynamischer sowie teils gegenläufiger Tendenzen, die auch das religiöse Feld erfasst hatten. Diese sind zu Schlagwörtern wie Säkularisierung, Modernisierung, Pluralisierung, Demokratisierung geradezu geronnen.13 Daneben war auch ein neues Verhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit eine bedeutende Veränderung der politischkulturellen Verfassung. In der zeithistorischen Forschung hat die These an Konjunktur gewonnen, dass in dieser Zeit im weiteren Sinne qualitativ bedeutsame Transformationsprozesse stattfanden, die zu einer Umprägung und Umgestaltung der „alten“ Bundesrepublik der 1950er Jahre führten. Mit Blick auf die Kritische Theorie14 und die „Frankfurter Schule“ war etwa die Rede von einer „intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“,15 Jens Hacke sprach von einer „liberalkonservativen Begründung“ derselben durch Intellektuelle aus dem Schülerkreis Joachim Ritters,16 Hans-Ulrich Thamer, Franz-Werner Kersting und Jürgen Reulecke veranstalteten eine Tagung zur „zweiten Gründung“,17 während Edgar Wolfrum eine „zweite formative Phase der 13 Und bedürfen als solche stets weiterer Überprüfung, wie beispielsweise an der „Säkularisierung“ bereits gezeigt worden ist. Vgl. u.a. Großbölting, Thomas: Religionsgeschichte als „Problemgeschichte der Gegenwart“. Ein Vorschlag zu künftigen Perspektiven der Katholizismusforschung, in: Damberg, Wilhelm/ Hummel, Karl-Josef (Hrsg.): Katholizismus in Deutschland. Zeitgeschichte und Gegenwart (=Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B, 130), Paderborn 2015, S. 169 - 185; Eitler, Pascal: „Gott ist tot – Gott ist rot“. Max Horkheimer und die Politisierung der Religion um 1968, Frankfurt/New York 2009; Pollack, Detlef: Säkularisierungstheorie, online abgerufen über http://docupedia.de/zg/S%C3%A4kularisierungstheorie, zuletzt am 17.06.2019. 14 Die „Kritische Theorie“ der ersten Generation (Horkheimer, Adorno) müsste m.E. stärker gegenüber späteren Philosophen, v.a. Habermas, abgegrenzt werden. Das passiert auch bei Pascal Eitler in zu geringem Maße. 15 Albrecht, Clemens/Behrmann, Günter C./Bock, Michael et al. (Hrsg.): Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt a. M./New York 1998. 16 Hacke, Jens: Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberalkonservative Begründung der Bundesrepublik, Göttingen 2006. 17 Kersting, Franz-Werner/Reulecke, Jürgen/Thamer, Hans-Ulrich (Hrsg.): Die zweite Gründung der Bundesrepublik. Generationswechsel und intellektuelle Wortergreifungen 1955 – 1975 (=Nassauer Gespräche der Freiherr-Vom-Stein-Gesellschaft Bd. 8), Stuttgart 2010. 4 Bundesrepublik“ für diese Zeit erkennt.18 Auch in massenmediale Diskurse hat diese Rede Einzug gehalten, beispielsweise in der Neuen Zürcher Zeitung: „Die ‚Kritische Theorie‘ von Adorno und Horkheimer hat die zweite, die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik mitbestimmt.“19 Für eine solche Annahme einer zweiten oder intellektuellen Gründung der Bundesrepublik ergeben sich zwei unterschiedliche Ausgangspunkte, zwischen denen abgewogen werden muss. Man kann mit einem engeren Verständnis davon ausgehen, dass nur solche Protagonisten,20 Gruppen und Netzwerke einen Beitrag zur zweiten Gründung der Bundesrepublik geleistet haben, die auch tatsächlich mit der Intention antraten, das Staatswesen demokratisch zu „unterfüttern“ und entsprechend staatstragende Wirkung zu entfalten. Von einem solchen Begriff geht vor allem Jens Hacke aus und grenzt sich damit gegen die Verbuchung einer „intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“ auf das Konto der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie ab, die stärker im „Geist der Kritik und der Vergangenheitsbewältigung“ gestanden hätten.21 Diese Arbeit geht von einem weiter gefassten Verständnis einer zweiten Gründung der Bundesrepublik aus, welches auch nichtintentionale Prozesse unter diesen Begriff zu subsumieren vermag, sofern sich denn ein Beitrag zu einer qualitativen Aufwertung der politischen Kultur im Vergleich zur Adenauerzeit ex post ergibt. Die Formulierung von Gesellschaftskritik und die Konfrontation der Gesellschaft mit der NS-Vergangenheit und der Shoah können dabei durchaus als 18 Wolfrum, Edgar: Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006, S. 187. 19 Güntner, Joachim: Das große Nein ist passé. Was von der Frankfurter Schule übrig ist, in: Neue Züricher Zeitung vom 19. März 2016, online abgerufen über http://www.nzz.ch/feuilleton/was-von-der-frankfurter-schule-uebrig-ist-dasgrosse-nein-ist-passe-ld.8666, zuletzt am 20. März 2016. 20 Diese Arbeit bedient sich des generischen Maskulinums unter dem Eingeständnis, damit den Anforderungen einer geschlechtergerechten Sprache nicht immer gerecht zu werden. Sofern es der Sache nach richtig ist, sind Frauen und solche Personen, die sich nicht einem eindeutigen Geschlecht zuordnen lassen, immer miteingeschlossen. Mit Blick auf die Untersuchungsfelder – Intellektuelle, Theologen, Akademiker in den 1960er Jahren – muss man feststellen, dass es sich in der Tat auch meistens um männerdominierte Kreise gehandelt hat. Theologinnen, weibliche Intellektuelle und Professorinnen waren in dieser Zeit tatsächlich in der verschwindenden Minderheit, die auch nicht explizit im Fokus der Arbeit stehen. Vor dem Hintergrund der umständlichen und wenig lesefreundlichen Alternativen – Binnen-I-Konstruktionen, *-Konstruktionen, Misch- und Partizipialformen – wurde sich deswegen für diese Variante entschieden. 21 Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit, S. 13. 5 solche Beiträge verstanden werden. Dieses Verständnis ist allerdings im dritten Kapitel noch ausgiebiger zu entfalten und zu begründen. Ob und inwiefern Notwendigkeit besteht, die neue Politische Theologie in einer solchen intellektuellen oder zweiten Gründung der Bundesrepublik zu betrachten und in diesen Kontext einzuordnen, ist die Leitfrage dieser Arbeit. Dazu seien jene Thesen formuliert, deren Verifikation oder Falsifikation im Hauptteil der Arbeit stattfindet: Die neue Politische Theologie bildet einen Ansatz einer progressiven Theologie, welche die Herausforderungen „der Moderne“ an die Religion und die Theologie, beispielsweise veränderte gesellschaftliche Verhältnisse, Erkenntnisse der Wissenschaften, vor allem der Naturwissenschaften und der Anthropologie sowie der Philosophie, anzunehmen bestrebt war und dem kategorischen Anathema der Kirchen gegenüber allem, was sozialistisch oder kommunistisch anmutete, kritisch gegen- überstand. Sie war, unter Rückgriff auf heterogene theologische und philosophische Einflüsse und mit einem sensiblen Gespür für zeitgenössische Entwicklungen ausgestattet, bestrebt, die „Hominisierung“ der Welt durch eine „Humanisierung“ zu ergänzen. Aus dem Motiv der Humanisierung heraus fordert die neue Politische Theologie auch mit Blick auf die Gesamtgesellschaft einen im Vergleich zur Adenauer-Republik veränderten, nicht verschwiegenen, sondern anamnetisch-solidarischen Umgang mit Leiden in der Geschichte allgemein und mit den Opfern nationalsozialistischer Verbrechen im Besonderen. Nach methodischen Überlegungen, die noch in der Einleitung ihren Platz finden, folgen zunächst kurze begriffliche und begriffsgeschichtliche Erläuterungen zum Terminus der „Politischen Theologie“. Sodann richtet sich der Blick darauf, was denn unter einer zweiten Gründung, intellektuellen Gründung oder zweiten formativen Phase zu verstehen sei, bevor sich ein Abschnitt der Arbeit den Rahmenbedingungen des Untersuchungsgegenstandes widmet – wie zeigt sich der gesellschaftliche Kontext, in welchem akademischen Umfeld konstituierte sich die neue Politische Theologie und welche Tendenzen in der Theologie ermöglichten und begünstigten ihre Entstehung? Diese Aspekte werden unter Begriff „Bedingungen der Möglichkeit“ neuer Politischer Theologie subsumiert.22 Daran schließt sich der Hauptteil der Arbeit an, 22 Der Topos von den „Bedingungen der Möglichkeit“ geht ursprünglich auf Immanuel Kant zurück, der diese Wendung zunächst auf die Frage nach Erkenntnis bezog. Vgl. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, hrsg. von Ingeborg Heidemann, Stuttgart 1993, S. 165. Sie hat dann Einzug gehalten in philosophische und 6 eine ideengeschichtliche Untersuchung der neuen Politischen Theologie hinsichtlich ihres Platzes im Orchester der progressiven gesellschaftlichen Tendenzen zwischen 1963 und 1977, inklusive exkursorischer Überlegungen zu einer sinnvollen Periodisierung der neuen Politischen Theologie. Mit einem resümierenden Fazit, das im Hinblick auf die Leitfrage und die daran angeführten Hypothesen zu formulieren ist, und einem Ausblick endet diese Untersuchung. 1.2 Methodische Annäherung Das Erkenntnisinteresse der Arbeit ist zunächst ein zeitgeschichtliches, nämlich hinsichtlich Transformationsprozessen in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre, und richtet sich darauf, wie die neue Politische Theologie als Modus der Reflexion über Gesellschaft und Kultur zu diesen in Beziehung steht.23 Dazu müssen zwei Dinge geleistet werden: Zunächst ist die Frage zu klären, was unter diesen Transformationsprozessen, die jüngst unter den bereits genannten Schlagworten „intellektuelle Gründung“, „zweite Gründung“ und „zweite formative Phase“ subsumiert worden sind, zu verstehen ist und welche Rolle den Intellektuellen in diesem Kontext zukommt. Dazu ist auf Ergebnisse der neueren Forschung zurückzugreifen. Danach geht es darum, eine Art intellektuelles Profil der neuen Politischen Theologie zu entwerfen, um festzustellen, ob und inwiefern diese in eine „intellektuelle“ oder „zweite Gründung“ eingeordnet werden muss. Hinsichtlich dieses zweiten Aspektes betritt die Arbeit das Terrain der Ideengeschichte bzw. der „Intellectual History“ im disziplinären Rahmen der Geschichtswissenschaft, in Abgrenzung zu Theologie- und Philosophiegeschichte als theologische bzw. philosophische Disziplin oder als Bestandteil der Politikwissenschaft,24 aber auch in Kontrast zu älteren Tendenzen der älteren „Geistesgeschichte“, indem nun geisteswissenschaftliche Diskurse als eine Art geflügeltes Wort, bspw. prominent bei Heidegger, Martin: Sein und Zeit, Tübingen 171993, S. 12. 23 Damit ist eine deutliche Abgrenzung zu jeder Theologie vorgenommen, die im Literalsinn Rede oder Lehre von Gott sein will. Wird der Begriff der Kirchengeschichte allerdings so weit gefasst wie von Hubert Wolf, der Geschichte allgemein als locus theologicus bestimmt, ließe sich die Arbeit im weiteren Sinne auch dieser Disziplin zurechnen. Vgl. dazu Wolf, Hubert: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Kirchengeschichte? Zur Rolle und Funktion des Faches im Ganzen katholischer Theologie, in: Kinzig, Wolfram/Leppin, Volker/Wartenberg, Günther (Hrsg.): Historiographie und Theologie, Leipzig 2004, S. 53 – 65. 24 Vgl. Stollberg-Rilinger, Barbara: Einleitung, in: Dies (Hrsg.): Ideengeschichte (=Basistexte Bd. 6), Stuttgart 2010, S. 8 – 42, hier S. 10. 7 „Geistesprodukte mit sozio-ökonomischen“ und „kulturellen Gegebenheiten“ in Beziehung gesetzt werden.25 Verwendet man den Terminus Ideengeschichte, stellt sich sogleich die Frage, was denn unter einer solchen Idee zu verstehen bzw. was darunter nicht zu verstehen sei. Die Arbeit geht nicht von Ideen im Sinne von zeitlich unabhängigen Gebilden aus, die zu verschiedenen Zeiten verhandelt wurden, wie dies etwa Vertreter der älteren Ideengeschichte taten (Friedrich Meinecke, Arthur O. Lovejoy).26 Stattdessen befasst sie sich mit spezifischen, zentralen Motiven in der neuen Politischen Theologie, die ihrerseits Wandlungen durchlaufen hat. Um der neuen Politischen Theologie als Gegenstand dieser Arbeit in größtmöglichem Maße gerecht zu werden, entscheide ich mich gegen eine monomethodische Herangehensweise und favorisiere einen Methodenpluralismus und methodischen Eklektizismus, der allerdings auch nicht beliebig und daher kurz zu begründen ist. Einen methodologisch-ideengeschichtlichen Ansatzpunkt bilden die Überlegungen von Vertretern der Cambridge School für Ideengeschichte, vor allem von Quentin Skinner. Demnach müsse die Ideengeschichte einerseits versuchen zu vermeiden, durch zu starke Fokussierung auf den Kontext den ideellen Gehalt der Quellen zu reduzieren, da man so Gefahr laufe, Kenntnis über Ursachen einer Handlung mit Verstehen der Handlung selbst zu vermengen und damit auch die eigentliche Leistung und Neuartigkeit der Idee zu verkennen.27 Andererseits erscheine es ebenfalls als unangemessen, die Quellentexte so zu betrachten, als könnten sie allein für sich sprechen ohne Berücksichtigung der kontextuellen Einbettung.28 Als Erstes ergibt sich also für diese Arbeit unter Anlehnung an die Cambridge School die Notwendigkeit einer Kontextbestimmung der neuen Politischen Theologie in ihren ersten beiden Phasen der Entwicklung, und dann eine Untersuchung von Begriffen, Kategorien und Motiven. Zwei Aspekte, welche die Arbeit aufzunehmen versucht, gehen sodann über die Überlegungen von Skinner und anderen hinaus. 25 Gallus, Alexander: Intellectual History mit Intellektuellen und ohne sie, in: Historische Zeitschrift 288 (2009), S. 139 – 150, hier S. 141. 26 Vgl. Weber, Ralph/Beckstein, Martin: Politische Ideengeschichte. Interpretationsansätze in der Praxis, Paderborn 2013, S. 15. 27 Vgl. Skinner, Quentin: Meaning and Understanding in the History of Ideas, in: History and Theory 8, 1/1969, S. 3 – 53, hier S. 44 – 45. 28 Vgl. ebd., S. 3 – 4. 8 Es stellt sich die Aufgabe, Einflüsse, Grundmotive, Entwicklungen und Transformationen im Denken von Johann Baptist Metz in der untersuchten Zeit zwischen etwa 1963 und 1977 selbst nachzuvollziehen und offenzulegen. Zweitens sind vergleichende Perspektiven notwendig, um der Annahme der Cambridge School Rechnung zu tragen, dass auch abstrakte philosophische Äußerungen als Interventionen in zeitgenössischen Diskursen angesehen werden können.29 Zu der ideengeschichtlich-kontextualistischen Annäherung gemäß methodologischen Überlegungen Quentin Skinners tritt eine biographisch akzentuierte und damit autorzentrierte Perspektive, da mit Johann Baptist Metz ein eindeutiger Urheber und Vordenker der neuen Politischen Theologie auszumachen ist. Wie beispielsweise auch das Verständnis von Thomas Hobbes‘ Leviathan ohne Einbezug seiner Bürgerkriegserfahrungen zumindest schwerer zu verstehen ist,30 vermögen auch biographische Betrachtungen seiner Vita die Theologie Metz‘ in gewissem Maße zu erhellen. Auch Metz selbst hat in biographischen Selbstauskünften seine bayrische Herkunft, Kriegserfahrungen als Jugendlicher und die Eindrücke der bewegten Jahre um 1968 als relevant herausgestellt.31 Die Zusammenhänge von Lebensgeschichte und Denken sind gleichwohl vermittelt, nicht direkt und unmittelbar. Die Arbeit umfasst zudem Aspekte einer Geschichte der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster wie auch Elemente einer Geschichte der wissenschaftlichen Theologie in ihren Ausformungen der Nachkriegszeit. Diese können allerdings lediglich schlaglichtartig und nur mit der spezifischen Perspektivierung vor dem Hintergrund einer „zweiten, 29 Den Postulaten der Cambridge School und von Quentin Skinner hinsichtlich der Kontingenz der ideengeschichtlichen Untersuchungsgegenstände und deren ausschließlich auf ihre eigene Zeit begrenzte Aussagekraft stehe ich allerdings skeptisch gegenüber. Es wäre durchaus vorstellbar, dass ein philosophischer Autor in der Geschichte durchaus das Ansinnen hatte, überzeitliche Probleme zu verhandeln oder eben nicht vorhatte, politische Beiträge zu liefern. Die explizite Wendung zur Gesellschaft, die Metz vollzieht, rechtfertigt aber, ihn auch so zu verstehen. Skinners Annahmen über die mangelnde Aussagekraft für heutige Probleme teile ich zwar nicht, sie sind aber hinsichtlich des Ziels, einen Entwurf des intellektuellen Profils der neuen Politischen Theologie zu entwerfen, nicht von Relevanz. 30 Dieses Beispiel nennen Weber/Beckstein: Politische Ideengeschichte, S. 20. 31 Vgl. Metz, Johann Baptist: Produktive Ungleichzeitigkeit, in: Habermas, Jürgen (Hrsg.): Stichworte zur „Geistigen Situation der Zeit“ Bd. 2, Frankfurt a. M. 1979, S. 529 - 538.; ders.: Ein Biographischer Durchblick. „Worin ich mich nicht geändert habe“ [1996], in: Ders.: Zum Begriff der neuen Politischen Theologie, S. 207 – 211. Zutreffend warnt allerdings Tiemo Rainer Peters vor einer allzu dominanten Fixierung auf die Biographie. Vgl. das Gespräch mit Tiemo Rainer Peters im Anhang. 9 intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“ erhellt werden, insofern sie die Entstehung und Ausprägung der neuen Politischen Theologie bedingten. Dieser methodologische Eklektizismus wird hier deshalb angewandt, um eine ganzheitliche und zielführende Erschließung des so vielschichten Phänomens der neuen Politischen Theologie zu ermöglichen, was ein methodischer Purismus und eine sklavische Klammerung an eine exklusive Methode nicht in suffizientem Maße zu leisten in der Lage wären. 1.3 Quellenlage und Forschungsstand Die Quellenlage erscheint als reichhaltig, denn theoretisch können alle Verlautbarungen von den Protagonisten einer neuen Politischen Theologie als Quelle dienen, und zumindest die zentralen Monographien und Aufsätze wurden für diese Arbeit konsultiert. Wegen der starken Verknüpfung der neuen Politischen Theologie mit dem Theologen und Hochschullehrer Johann Baptist Metz steht vor allem dessen Œuvre im Fokus, und zwar in der Zeit bis etwa 1977. Vor allem die programmatischen und zentralen Schriften von Metz, der jeweils in den Monographien „Theologie der Welt“ (1968) und „Glaube in Geschichte und Gesellschaft“ (1977) Ergebnisse vorhergehender, z.T. auch schon in publizistische Form gegossener Überlegungen nochmals zusammenfasste, sind von zentraler Bedeutung einer Verortung der neuen Politischen Theologie. Ferner sind zahlreiche Aufsätze von Johann Baptist Metz relevant, beispielsweise sein Beitrag für die Festschrift von Ernst Bloch oder der für seine Theologie zentrale Text in dem von Helmut Peukert herausgegebenen Band „Diskussion zur ‚politischen Theologie‘“.32 Anhand dieser Quellen sind, unter teilweisem Rückgriff auf noch ältere Schriften wie seine theologische Dissertation über „Christliche Anthropozentrik“, die Entwicklung der neuen Politischen Theologie von den frühen 1960er bis in die späten 1970er Jahre, ihre zentralen Motive und Ideen zu einem intellektuellen Profil zusammenzufügen. Hinsichtlich der theologischen und philosophischen Einflüsse sind auch Schriften aus dem Umfeld der Kritischen Theorie, vornehmlich von Horkheimer und Adorno sowie Walter Benjamin von Interesse. 32 Metz, Johann Baptist: Gott vor uns. Statt eines theologischen Arguments, in: Unseld, Siegfried (Hrsg.): Ernst Bloch zu ehren. Beiträge zu seinem Werk, Frankfurt 1965, S. 227 – 242; sowie Metz, Johann Baptist: „Politische Theologie“ in der Diskussion, in Peukert, Helmut (Hrsg.): Diskussion zur „politischen Theologie“, Mainz 1969, S. 267 – 301 10 Johann Baptist Metz hat auch sehr konkret in zeitgenössische Diskussionen und Debatten interveniert. Von diesen Eingriffen werden seine Rolle im christlich-marxistischen Dialog und dementsprechend die in diesem Kontext entstandenen Beiträge sowie seine Tätigkeit im Rahmen der Würzburger Synode untersucht, deren vielbeachtetes Grundlagendokument „Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in unserer Zeit“33 maßgeblich aus seiner Feder stammt. Solche Theologien, die im weiteren Sinne dem Kontext einer Rezeptionsgeschichte oder der Nachbarschaft der neuen Politischen Theologie zuzuordnen sind, wie etwa die Ansätze von Jürgen Moltmann, explizit marxistisch gewendete Befreiungstheologien sowie Werke von Dorothee Sölle, Hellmut Gollwitzer oder Giulio Girardi, gehören nicht direkt und im engsten Sinn zur neuen Politischen Theologie und finden deswegen keine nähere Betrachtung.34 Dorothee Sölle, Helmut Gollwitzer und Jürgen Moltmann sind außerdem in dieser Hinsicht bereits als protestantische „kirchliche Intellektuelle“ untersucht worden.35 Für eine kurze Untersuchung der Geschichte der „Wiege“ der neuen Politischen Theologie konnten ferner Akten der Katholisch-Theologischen Fakultät eingesehen und ausgewertet werden, die sich im Archiv der Westfälischen Wilhelms-Universität befinden. Einige dieser Akten oblagen jedoch zum Zeitpunkt der Untersuchung noch der Sperrfrist. Mit einigen Zeitzeugen wurden Gespräche geführt, die zur Vollständigkeit eines Bildes der Fakultät im Hinblick auf die neue Politische Theologie und zur Einordnung dieser hilfreich waren.36 Die neue Politische Theologie, wie sie von Johann Baptist Metz geprägt worden ist, hat keine akademische „Schule“ im eigentlichen Sinne ausgebildet. Gleichwohl ist sie in der Theologie und auch der Philosophie umfangreich rezipiert worden. Auf diese Arbeiten kann nicht im Detail eingegangen werden. Allerdings seien solche genannt, welche die 33 Metz, Johann Baptist: Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit, in: Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland: Offizielle Gesamtausgabe I, Freiburg 1976, S. 84 – 112. Formell 34 Vgl. dazu auch die in Kap. 1.4 vorgenommenen Eingrenzungen. 35 Kroll, Thomas: Der Linksprotestantismus in der Bundesrepublik Deutschland der 1960er und 1970er Jahre. Helmut Gollwitzer, Dorothee Sölle und Jürgen Moltmann, in: Ders./Reitz, Tilman (Hrsg.): Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland. Verschiebungen im politischen Feld der 1960er und 1970er Jahre, Göttingen 2013, S. 103 – 122. 36 Zu den Gesprächspartnern zählten der Metz-Schüler und Assistent Dr. Tiemo Reiner Peters OP, Rahners ehemaliger Assistent Heribert Wöstmann, der Pfarrer von St. Lamberti Dr. Ludger Winner, der bei Metz und Rahner studiert hat, sowie Johann Baptist Metz selbst. Das Gespräch mit Peters ist im Anhang in Gänze abgedruckt. 11 theologischen und philosophischen Querverbindungen der neuen Politischen Theologie analysieren, selbst politisch-theologische Konzepte entwickeln und solche, die sich einer „intellektuellen“ oder „zweiten „Gründung“ der Bundesrepublik äußern. Aus theologischer Perspektive hat Karsten Kreutzer die Verbindung zwischen Karl Rahners und Baptist Metz‘ Theologie untersucht und bei letzterem seit 1965 eine „Absetzbewegung“ gegen seinen Lehrer festgestellt.37 Zahlreiche weitere Studien haben sich darum bemüht, die Zusammenhänge zwischen der Kritischen Theorie und der neuen Politischen Theologie herauszuarbeiten bzw. erstere aus der Perspektive der letzteren zu erschließen. Der spanische Fundamentaltheologe José Antonio Zamora arbeitet das gemeinsame Motiv zwischen Adorno und Metz heraus, eine Hoffnung auf Veränderung mit der anamnetischen Solidarität zu den Leidenden in der Geschichte zusammenzubringen.38 Ebenso hat der Theologe und Metz-Schüler Jürgen Kroth ein „Kapitel Negativer Theologie“ unter Anschluss an Adorno verfasst.39 Auch der Theologe Jan Heiner Tück hat Verbindungen zwischen Walter Benjamin und Theodor Adorno zur neuen Politischen Theologie herausgearbeitet, allerdings stärker deskriptiv als selbst im Horizont der neuen Politischen Theologie stehend.40 Vor allem der Metz-Schüler Jürgen Manemann, Philosoph und Theologe, hat in seiner Dissertation noch politische Theologie „betrieben“, später die neue Politische Theologie zu einer Politischen Philosophie weiterentwickelt und sie auch analytisch-deskriptiv aus interdisziplinären Perspektiven erschlossen: Zuletzt etwa in einem interdisziplinär konzeptionierten Sammelband zur Politischen Theologie mit Beiträgen von Philosophen, Theologen, Soziologen und Politikwissenschaftlern, jedoch ohne geschichtswissenschaftliche Perspektive.41 Michaela und Thilo Rissing haben eine 37 Kreutzer, Karsten: Transzendentales versus hermeneutisches Denken. Zur Genese des religionsphilosophischen Ansatzes bei Karl Rahner und seiner Rezeption durch Johann Baptist Metz, Regensburg 2001, S. 366. 38 Zamora, José Antonio: Krise – Kritik – Erinnerung. Ein politisch-theologischer Versuch über das Denken Adornos im Horizont der Krise der Moderne, Münster 1995. 39 Kroth, Jürgen: Die Grenzen der Vernunft. Zu einem Kapitel Negativer Theologie nach Theodor W. Adorno, Norderstedt 2011. 40 Tück, Jan-Heiner: Theologie und Theodizee bei Johann Baptist Metz. Ambivalenz der Neuzeit im Licht der Gottesfrage, Paderborn 2001. 41 Obgleich geschichtliche Perspektiven zu einer vertieften Durchdringung und Erschließung durch Philosophie und Theologie einen Beitrag im Sinne einer Hermeneutik nach Gadamer leisten könnten. Vgl. Manemann, Jürgen/Kajewski, Marie- 12 Monographie zur „Politischen Theologie“ vorgelegt, in denen sie zunächst Carl Schmitts Politische Theologie als Folge der Freund-Feind- Unterscheidung erschließen und deren Negation in Jacques Derridas Philosophie der Freundschaft zuletzt mit Metz‘ neuer Politischer Theologie in Zusammenhang setzen.42 Es sind also bereits einige Forschungen angestellt worden, die das Verhältnis der neuen Politischen Theologie von J. B. Metz zu Karl Rahner als theologischer und zu Autoren der Kritischen Theorie als sozialund geschichtsphilosophischer Bezugsgrößen erschließen, dabei aber entweder selbst Politische Theologie „betreiben“ oder die Beschreibungen aus theologischer oder sozialphilosophischer Disziplin unternehmen und sich damit in ihrem Erkenntnisinteresse von jenem der Intellectual History unterscheiden. In der jüngeren Vergangenheit sind zwar Fragen nach Religion und Konfession in der bundesrepublikanischen Geschichte und Gegenwart wieder in den Fokus der gesellschaftswissenschaftlichen, nicht zuletzt auch zeithistorischen Forschung gerückt.43 In diesen, die eher Entwicklungen in gesellschaftlichen Breitenschichten betrachten, ist die neue Politische Theologie allerdings eher randständig geblieben. Im Band von Thomas Kroll und Tilman Reitz sind zwar Beiträge zur Politisierung der Religion und zum Linksprotestantismus vertreten, die „katholische“ Variante der politisch bezogenen Theologie, die neue Politische Theologie, findet allerdings keine Berücksichtigung.44 Die neue Politische Theologie scheint in der Intellectual History der Bundesrepublik somit bisher noch kaum wahrgenommen zu sein.45 Mit Forschungen zu Christine (Hrsg.): Politische Theologie und Politische Philosophie, Baden-Baden 2016. 42 Rissing, Michaela/Rissing, Thilo: Politische Theologie. Schmitt – Derrida – Metz. Eine Einführung, München 2009. 43 Vgl. u.a. Damberg, Wilhelm: Soziale Strukturen und Semantiken des Religiösen im Wandel. Transformationen in der Bundesrepublik 1949 – 1989, Essen 2011; ders./Hummel, Karl-Josef (Hrsg.): Katholizismus in Deutschland. Zeitgeschichte und Gegenwart (=Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B. 130), Paderborn 2015. Großbölting, Thomas: Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945, Göttingen 2013; ders. (Hrsg.): Religion in der Bundesrepublik Deutschland, in: Damberg/Hummel (Hrsg.): Katholizismus in Deutschland, S. 169 - 185; Hey, Bernd (Hrsg.): 1968 und die Kirchen, Bielefeld 2008. 44 Vgl. Kroll, Thomas/Reitz, Tilman (Hrsg.): Intellektuelle in der Bundesrepublik Deutschland. Verschiebungen im politischen Feld der 1960er und 1970er Jahre, Göttingen 2013. 45 Die einschlägigen Arbeiten zu den 1960er und 1970er Jahren sind Albrecht: Die intellektuelle Gründung; Geppert, Dominik/Hacke, Jens (Hrsg.): Streit um den Staat. 13 Walter Dirks und Eugen Kogon sind allerdings Anfänge gemacht, den Linkskatholizismus, mit dem die neue Politische Theologie in Zusammenhang stand, zu erschließen.46 Vor allem in Pascal Eitlers Arbeiten sind Verbindungen der Kritischen Theorie, insbesondere von Max Horkheimer, zur Theologie, auch zur neuen Politischen, gezogen worden. Eitler zeigt, dass „Religionsgeschichte“ im Hinblick auf die 1960er und 1970er Jahre durchaus auch politikhistorisch von Interesse ist. Er spricht in seiner Dissertation von einer „Religionsgeschichte als Politikgeschichte“ insofern, als die Grenzen zwischen der politischen und religiösen Sphäre zu erodieren begannen, die „Grenze zwischen Politik und Religion massiv an Homogenität und Stabilität verlor“.47 Luzide lotet Eitler in seiner Dissertation und in weiteren Publikationen die Verwischung der semantischen Grenzen zwischen Politik und Religion „um 1968“, wie sein eigenes Periodisierungsangebot lautet,48 aus und wählt den Philosophen Max Horkheimer dazu als Zentrum. Die zentralen theologischen Gehalte und Intellektuelle Debatten in der Bundesrepublik, Paderborn 2008; Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit; Kersting/Reulecke/Thamer (Hrsg.): Die zweite Gründung der Bundesrepublik; Zuletzt hinsichtlich konservativer Intellektueller Liebold, Sebastian/Schale, Frank (Hrsg.): Neugründung auf alten Werten? Konservative Intellektuelle und Politik in der Bundesrepublik, Baden-Baden 2017. Beispielhaft für ältere Forschungen zu Intellektuellen um 1968 vgl. Negt, Oskar: Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht, Göttingen 1995. 46 Vgl. Brunner, Benedikt/Großbölting, Thomas/Große Kracht, Klaus et al. (Hrsg.): „Sagen, was ist.” Walter Dirks in den intellektuellen und politischen Konstellationen Deutschlands und Europas, Bonn 2019. 47 Eitler, Pascal: „Gott ist tot – Gott ist rot“, S. 13. Vgl. ferner ders.: Konziliare Aufbrüche und kontestative Umbrüche: Die Politisierung des Katholizismus um 1968. Eine diskurshistorische Perspektive, in: Fitschen, Klaus: Die Politisierung des Protestantismus. Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland während der 1960er und 70er Jahre, Göttingen 2011, S. 249 – 271; ders: „Auferstehung als Aufstand“: Die Gewaltfrage und die Politisierung der Religion um 1968, in: Kersting/Reulecke/Thamer (Hrsg.): Die zweite Gründung der Bundesrepublik, S. 153 – 171; ders.: „Umbruch“ und „Umkehr“: Der christlich-marxistische Dialog um „1968“, in: Hey (Hrsg.): 1968 und die Kirchen, S. 249 – 268; ders.: „Wende zur Welt?“ Die Politisierung der Religion in der Bundesrepublik Deutschland 1968, in: Cahn, Jean-Paul: Religion und Laizität in Frankreich und Deutschland im 19. Und 20. Jahrhundert (=Schriftenreihe des Deutsch-Französischen Historikerkomitees Bd. 5), Stuttgart 2008, S. 137 – 150; ders.: Politik und Religion. Semantische Grenzen und Grenzverschiebungen in der Bundesrepublik Deutschland 1965 – 1975, in: Frevert, Ulrike (Hrsg.): Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, (Historische Politikforschung Bd. 1) Frankfurt a. M. 2005, S. 268 – 303. 48 Eitler: „Gott ist tot – Gott ist rot“, S. 341 – 351. 14 Denkweisen der neuen Politischen Theologie,49 wie sie Johann Baptist Metz entwickelt hat, deren kritisch-theoretische Anleihen und ihre ideengeschichtliche Einbettung werden in der stark auf die dynamischen Semantiken fokussierten Arbeit allerdings nicht vollständig erschlossen. So bleiben offene Fragen nach dem eigentlich geistigen Profil der Politischen Theologie, danach, welche philosophisch-theologischen Inhalte für sie zentral waren, wie sie sich entwickelte und woher sie Inspirationen und Anleihen nahm. Der stark auf Semantik ausgerichtete Fokus von Pascal Eitlers Arbeiten,50 erschließt damit nicht vollständig die ideellen Gehalte und Zusammenhänge, welche hinter den Fragen nach Semantiken und Akteuren unterbeleuchtet bleiben. Diese Akzentuierung der Untersuchungen Eitlers ist in hohem Maße verdienstvoll insofern, als sie Fragen nach politischer Religion und Theologie mit Blick auf die „Dynamischen Zeiten“ (Axel Schildt) der Bundesrepublik ins Blickfeld der Zeitgeschichte rückt. Die weitere Erhellung der intellektuellen, geistigen, theologischen und philosophischen Gehalte, die sich hinter diesen semantischen Grenzverschiebungen verbargen, sowie deren Interdependenzen und Wirkungen erscheint so weiterhin als zeithistorisches und ideengeschichtliches Forschungsdesiderat. 1.4 Eingrenzungen Ein räumliches Zentrum der neuen Politischen Theologie ist die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Münster, ihr Einfluss war aber im gesamten deutschsprachigen theologischen Raum wichtig, innerhalb dessen sich theologische und intellektuelle Diskurse zutrugen. Diese beiden Aspekte können allerdings lediglich impressionistisch behandelt werden. Eine sicher lohnenswerte Perspektive wäre auch die ausgiebige Behandlung des Verhältnisses von neuer Politischer Theologie und der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung, welches diese Arbeit aber nicht zu untersuchen bestrebt ist. Dies dürfte dann zum Gegenstand einer Rezeptionsgeschichte der neuen Politischen Theologie gehören, die hier unberücksichtigt bleiben muss. Zu einer solchen Rezeptionsgeschichte müssten auch die akademischen Schüler von Johann Baptist Metz sowie die theologische und philosophische Kritik an einer neuen Politischen Theologie zählen. Auch diese können in der vorliegenden Arbeit keine Betrachtung finden. Wegen der engen 49 Als deren Vertreter er Karl Rahner nur bedingt zutreffend anführt. 50 Ebd., S. 18 – 25. 15 Verknüpfung der neuen Politischen Theologie mit ihrem geistigen Urheber Johann Baptist Metz sind es vornehmlich seine Schriften, die die zentralen Quellen der Arbeit darstellen. Der untersuchte Zeitraum ist in seinen Grenzen nicht eindeutig zu fixieren – er beginnt in den 1960er Jahren, etwa mit dem Ruf Johann Baptist Metz‘ auf den neu gegründeten ordentlichen Lehrstuhl für Fundamentaltheologie im Jahre 1963 und einer frühen Orientierung zur Welt. Bei der Darstellung des theologischen Profils kann aber ein Blick in die vorhergehenden Jahre nicht ausbleiben. Der beobachtete Zeitraum erstreckt sich bis in die Mitte der 1970er Jahre und endet etwa mit dem Erschienen von Metz‘ grundlegendem Werk „Glaube in Geschichte und Gesellschaft“.51 Damit können zwei Phasen – Begründung und frühe Entwicklung (1) sowie Etablierung und Weiterentwicklung (2) – von Metz‘ neuer Politischer Theologie als abgeschlossen angesehen werden. In der zweiten Phase gewann die explizite Thematisierung von Auschwitz als Chiffre für die nationalsozialistische Diktatur an Bedeutung, die implizit aber schon seit den 1960er Jahren seine theologischen Gedanken prägte.52 Das Programm einer neuen Politischen Theologie ist unmittelbar mit der Person Johann Baptist Metz verknüpft, fand aber gleichwohl breite Rezeption, eine große Schar von Anhängern und Weiterentwicklungstendenzen, beispielsweise Bemühungen einer Theologie „von unten“, einer feministischen Theologie, einer Black Theology, einer Theologie der Hoffnung (Moltmann) und diverser befreiungstheologischer Spielarten, die sich nicht selten explizit marxistischen Analysekategorien bedienten. All diese Tendenzen, die mehr oder weniger in der neuen Politischen Theologie einen geistigen Vorläufer haben, können in dieser Arbeit ebenso wenig berücksichtigt werden wie die konservative Kritik an der Politischen Theologie der Metzschen Prägung. 51 Metz, Johann Baptist: Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz 1977. 52 Vgl. seinen Beitrag Politische Theologie, in: Neues Forum, 157 (1967), S. 13 – 17, hier S. 17.

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Zusammenfassung

Johann Baptist Metz (1928–2019) reflektierte in seinem Programm einer neuen Politischen Theologie kritisch die gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse seiner Zeit. Er entwickelte Karl Rahners anthropozentrische Theologie weiter, kombinierte Ernst Blochs Philosophie mit alttestamentlicher Apokalyptik und versuchte im Dialog mit dem Sozialismus eine Humanisierung der Welt zu fördern, welche die bloße „Hominisierung“ derselben ergänzen müsse. Nicht zuletzt aber kreiste sein Denken um das Leid in der Geschichte, kulminierend in der Shoah, über die – im Sinne Walter Benjamins und Theodor Adornos – kein politisch-theologisches Denken hinweggehen dürfe. Als vielbeachteter Theologe und engagierter, kritischer Intellektueller intervenierte er in kirchlichen und gesellschaftlichen Debatten seiner Zeit. Dadurch lässt er sich in den Horizont einer „zweiten“, einer „intellektuellen Gründung“ der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahren einordnen.