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4 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren in:

Andreas Lienkamp

Aufstand für das Leben, page 245 - 396

"Die Bremer Stadtmusikanten" und "Der Hauptmann von Köpenick" - Zum 200. Geburtstag des Grimm'schen und zum 90. des Zuckmayer'schen Märchens

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4383-7, ISBN online: 978-3-8288-7367-4, https://doi.org/10.5771/9783828873674-245

Tectum, Baden-Baden
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245 4 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Nicht nur zwischen den ‚Bremer Stadtmusikanten‘ und dem ‚Hauptmann von Köpenick‘, auch zwischen ihren Autoren gibt es eine ganze Reihe von lebensgeschichtlichen und inhaltlichen Parallelen: Alle drei tragen den Vornamen ‚Carl‘: Carl Zuckmayer an erster, Wilhelm Carl Grimm an zweiter und Jacob Ludwig Carl Grimm an dritter Stelle. Dann ist ihre geographische Herkunft zu nennen: Die Geburtsorte Hanau und Nackenheim liegen gerade einmal 47 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Die zeitliche Distanz scheint beträchtlich zu sein. Doch, so schreibt Zuckmayer, seine Großeltern, die alle vor der Mitte des 19. Jahrhundert geboren wurden, schlügen eine Brücke: Er habe also „noch Menschen gekannt, die beim Tod des alten Goethe schon Kinder waren – die geboren wurden, als Napoleon starb“ (Zuckmayer 19662013, 184), beide Zeitgenossen von Wilhelm und Jacob Grimm. Alle drei Schriftsteller sprechen natürlich den Dialekt ihrer Geburtsheimat, und, wenn sie Hochdeutsch reden, dann zeitlebens mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten hessischen beziehungsweise rhein-hessischen Akzent266. Sie verleben eine glückliche Kindheit267, die bei den Grimms jedoch abrupt endet, als der Vater früh verstirbt268. Da 266 „Ich bin […] mehr Rheinhesse als Rheingauer.“ (Zuckmayer 1970, in: ders. 1995, 127) 267 Schoof nennt Steinau, wo die Brüder von 1791 bis 1798 leben, ihr „Kindheitsparadies“ (Schoof [Hrsg.] 1961, 23 f.). Und Zuckmayer schreibt: „[…] ich habe eine glückliche Kindheit gehabt […] es ist eine kühne Behauptung, aber alles andere wäre gelogen“ (Zuckmayer 19662013, 162 f.). 268 „Die Kindheit der Geschwister erscheint umrahmt von einer kleinen, familiären Welt der Sicherheit, von einem bürgerlichen Idyll, das sich bald auflösen sollte.“ (Seitz 1984, 10) 246 Lienkamp: Aufstand für das Leben ist Jacob gerade einmal 11 und Wilhelm noch keine 10 Jahre alt. Bei Carl ist es der Erste Weltkrieg, mit dessen Beginn er aufhört, Kind beziehungsweise Jugendlicher zu sein. Alle drei sind im christlichen Glauben erzogen worden: die Grimms „durch That und Beispiel streng reformirt“ (Grimm, J. 1831, 148), aber im Geist der Toleranz (vgl. Martus 2017, 18, 25 f.)269, Zuckmayer katholisch – „das war bei uns selbstverständlich“ (Zuckmayer 19662013, 180). Im Alter knüpft Zuckmayer eine späte Freundschaft mit dem evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth (* 1886 † 1968), von dem er schreibt: „Nie hat mich ein lebender Mensch, vielleicht mit Ausnahme von Albert Einstein, so sehr davon überzeugt, und zwar durch sein pures Dasein, daß Gottesglaube vernünftig sei.“ (Zuckmayer 1970, in: ders. 1995, 243) Als Jugendliche beziehungsweise junge Männer erfasst sie eine Art Abhängigkeit. Martus berichtet von den Grimms, dass sie die knappe Zeit, die ihnen in Kassel neben dem ausgefüllten Schulalltag verbleibt, mit der „Befriedigung ihrer ‚Bücher- und Lesesucht‘“ verbringen, „wie man ihr Verhalten damals nannte“ (Martus 2017, 53). Sie jagen geradezu nach Büchern, laufen von Trödlern zu Antiquaren und lassen keine Buchauktion aus. Was zu teuer ist, wird exzerpiert. Zu Beginn lesen sie noch alles kreuz und quer (vgl. ebd.). Als Studenten in Marburg, unter dem Einfluss der Romantik, verändert sich ihr Lektüreverhalten radikal, weg von einer bloß konsumierenden Vielleserei, die auch vor Trivialliteratur nicht haltmachte, hin zu einer Lesekultur, für die damals etwa der Schlegelkreis steht, „eine der avanciertesten literarischen Gruppen“ der Zeit (ebd. 66). Auch Zuckmayer hat sich in seiner Jugend „unheilbar, rettungslos“ verliebt: „in die Sprache, das Wort, den Klang der Sätze, die Dichtkunst. Las heimlich. was ich irgend ergatterte – im Bett, auf dem Clo, unterm Schreibtisch.“ (Zuckmayer 19301986, 30) Er berichtet von einer gewaltigen Leidenschaft, die ihn während des Ersten Weltkriegs wie ein Rausch gepackt habe: „ein Heißhunger, ein unstillbarer Drang, eine Gier nach Wissen, Bildung, Erkenntnis, Lernen, Begreifen, Verstehen“ (Zuckmayer 19662013, 283). Er versucht, „durch geradezu unmäßiges Lesen, Verschlingen, Durchackern von Büchern aller Art“ 269 „Das bedeutete, sie wuchsen in einer Atmosphäre strengen Bibelglaubens und schlichter Lebensführung auf, in einer Umgebung, der Pflichterfüllung, Sittlichkeit und Recht höchste Werte waren und in der die Idee von Freiheit und Selbstverantwortung die Auffassung des Zusammenlebens in der kirchlichen und politischen Gemeinschaft bestimmte.“ (ebd. 9 f.) 247 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren das durch den Krieg Versäumte nachzuholen (ebd. 283 f.). Aber bei aller Gier sei es doch kein blindes In-sich-Hineinstopfen gewesen: „Ich betrieb meine Lektüre systematisch. Ich wollte die Verblödung, die Zurückgebliebenheit durch den Krieg, wirklich überlisten. […] Bald hatte ich den Spitznamen ‚der lesende Leutnant‘“ (ebd. 284 f.). Bücher sind den dreien so wichtig, dass sie einen Großteil ihres Geldes dafür verwenden. „Das Wort war uns wichtiger als das tägliche Brot. Wenn wir nichts zu fressen hatten, lebten wir von Weltanschauung, und wir konnten uns, mangels Geld für Alkohol, an Begeisterung vollsaufen.“ (Zuckmayer 1937, in: ders. 1995, 132) Alle drei studieren auf Druck beziehungsweise dringenden Wunsch der Väter Jura270. Die Brüder in Marburg (Jacob von 1802 bis 1805, Wilhelm von 1803 bis 1806), Zuckmayer in Frankfurt am Main (1918/19), allerdings unterschiedlich lange sowie mit mehr oder weniger großer Begeisterung und Zielstrebigkeit271. Jacob verabschiedet sich nach einigen Semestern von den Rechtswissenschaften und erklärt seinem Mentor Savigny, dass er sich fortan mit der Geschichte der Poesie und Literatur beschäftigen wolle (vgl. Martus 2017, 115). In seiner Selbstbiografie schreibt er, dass er nach der Rückkehr aus Paris, wo er von Februar bis September 1805 bei Savigny wissenschaftlich gearbeitet hat, nach einigen vergeblichen Versuchen, in Kassel eine bezahlte Arbeit zu finden, im November des Jahres eine Stelle beim Sekretariat des Kriegscollegs antreten könne. Dann wolle er alle freie Zeit „dem studium der literatur und dichtkunst des mittelalters“ zuwenden (Grimm, J. 1831, 155; vgl. ebd. 156)272. Nur Wilhelm schließt seine akademischen Bemühungen im Frühjahr 1806 mit dem Staatsexamen ab, wird aber auch nie als Jurist arbeiten. Ein Grund ist, dass am 1. November 1806 die 270 Jacob sagt über sich und seinen Bruder, dass sie beide in Marburg Rechtswissenschaft studieren, „durch nichts zu ihr hingezogen, als weil der vater schon, der selbst jurist war, es so gemeint oder angeordnet hatte“ (Grimm, J. 18601879, 167; vgl. ders. 1869, 490, aber auch ders. 1831, 151). Zuckmayer schreibt: „[…] mein Vater hatte zunächst auf diesem Studienzweig bestanden, als Grundlage für alle späteren Möglichkeiten“ (Zuckmayer 19662013, 315). 271 „[…] keinem von uns beiden, die wir mit ernst und eifer studierten, hat die erworbne rechtskenntnis hernach zu irgend einer stellung im lande verholfen“ (Grimm, J. 18601879, 167). 272 In seinem 1869 erstmals erschienenen ‚Lebensabriß‘ schreibt er emphatischer von „vaterländischen Forschungen“, denen er nun alle Kraft widmen wolle, vom „deutsche[n] Studium“, das ihm Hauptaufgabe werden und bleiben müsse (Grimm, J. 1869, 490). 248 Lienkamp: Aufstand für das Leben Franzosen einmarschieren, 1807 das Königreich Westphalen etablieren, dort mit der neuen Verfassung und deren 45. Artikel den ‚Code Napoléon‘ einführen273 und damit sein Studium entwerten. Der zweite Grund ist, dass auch er immer weniger an einer juristischen Karriere interessiert ist, sein Augenmerk vielmehr ebenfalls auf die Erforschung mittelalterlicher Literatur richtet (vgl. Seitz 1984, 17 und 123)274. Zuckmayer spricht von den „unsagbar langweiligen Kollegs über römisches Recht und klassische Volkswirtschaft“, die er in Frankfurt schon nach kurzer Zeit schwänzt, um in seiner „kleinen, schlechtgeheizten Bude in Sachsenhausen an dramatischen Versuchen“ zu arbeiten (Zuckmayer 19662013, 315). „Universität? Was konnte sie uns sein? Erweiterte Schule, lebensfeindlich, daseinsfremd, weltenfern vom wirklichen, notwendigen Leben. Das trugen wir in uns wie einen Elementarstoff. Was dazu nicht stimmte, was dem nicht blutsverwandt war, war falsch und galt nicht mehr. Man macht nicht vier Jahre Krieg mit, um dann auf Phrasen hereinzufallen.“ (Zuckmayer 19301986, 30 f.) Er wechselt bald nach Heidelberg und studiert dort Literatur- und Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie, unter anderem bei Max Weber (* 1864 † 1920), später dann Biologie (vgl. Nickel/Weiß 1996, 40), ohne klares Studienziel und ohne es in einer Fakultät allzu lange auszuhalten. „Ich wollte an Geistes- und Bildungsgut an mich reißen, was möglich war, ohne mich zu einer bestimmten Disziplin entschließen zu können. […] Im zweiten Heidelberger Jahr rief mich die Annahme meines Dramas ‚Kreuzweg‘ nach Berlin, und damit was das Studium für mich zu Ende.“ (Zuckmayer 19662013, 356) Die wichtigste Gemeinsamkeit ist wohl ihre ausgeprägte Vorliebe für Sprache und Literatur, die bei allen dreien weit über das Deutsche hinausreicht. Auch zwischen dem Grimm’schen Interesse an Märchen und dem Zuckmayer’schen am Theater gibt es eine besondere Übereinstimmung. In 273 „Der Code Napoleon soll vom 1. Januar 1808 an, das bürgerliche Gesetzbuch des Königreichs Westphalen seyn.“ (zit. nach Martus 2017, 118) 274 So schreibt Wilhelm 1831: „Ich habe stets die Schmach gefühlt, welche in der fremden Herrschaft lag; an harten unerträglichen Einrichtungen, an Ungerechtigkeiten aller Art fehlte es nicht“ (Grimm, W. 1831, 172). Seinen Beitrag sieht er darin, sich von den Rechtswissenschaften ab- und der „lange vergessene[n] Literatur“ zuzuwenden. Denn „man suchte nicht bloß in der Vergangenheit einen Trost, auch die Hoffnung war natürlich, daß diese Richtung zu der Rückkehr einer anderen Zeit etwas beitragen könne“ (ebd.). 249 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren einer „kleinen persönlichen Confession“, die Letzterer 1938 niederschreibt, spricht er von der „Notwendigkeit der dramatischen Kunst“, die „in ihrer unmittelbaren Wirkung von Mensch zu Mensch, im lebendigen Theater, durch keine noch so lebens- oder kunstnahe technische Ersatzform“ abgelöst werden könne (Zuckmayer 1955, in: ders. 1997, 135). Das trifft auch auf das erzählte oder vorgelesene Märchen zu, wie die Szene am Bett der sterbenskranken Liesken zeigt. Es ist die unmittelbare Begegnung von realen Menschen, die keine Konserve ersetzen kann. 275 Alle drei sind schriftstellerisch äußerst produktiv. Vieles davon wird gedruckt beziehungsweise in Zuckmayers Fall auch aufgeführt. Trotzdem erleben sie Phasen der materiellen Entbehrung (vgl. u. a. Grimm, J. 1831, 151 f., 156, 161; Zuckmayer 19662013, 381). Die Grimms überstehen nur knapp die „drohende Proletarisierung“ durch den frühen Verlust des Vaters Philipp Wilhelm Grimm (Denecke, L. 1990a, 179) und müssen auch danach noch längere Zeit äußerst sparsam leben. Zuckmayer erfährt Hunger und Elend im Ersten Weltkrieg, dann vor allem Anfang der 1920er in Berlin und 1940 in New York. Alle drei leben und wirken längere Zeit in der Spreemetropole: Jacob von 1841 bis 1863, Wilhelm von 1841 bis 1859 und Zuckmayer 275 Ich danke Frau Julia Eltner vom SPIEGEL-Verlag, Abteilung Rechte und Lizenzen, für die freundliche Genehmigung zum Abdruck des Titelbildes. Abbildung 42: Jakob Grimm (62), Daguerreotypie von Hermann Biow aus dem Jahr 1847 (Ausschnitt) Abbildung 44: Carl Zuckmayer (58), © DER SPIE- GEL 37/1955 Abbildung 43: Grimm (61), Daguerreotypie von Hermann Biow aus dem Jahr 1847 (Ausschnitt) 250 Lienkamp: Aufstand für das Leben von 1920 bis 1933. Sowohl Jacob (1842) als auch Zuckmayer (1967) werden in späteren Lebensjahren Mitglieder des Ordens ‚Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste‘, den Zuckmayer auch betont „‚Pour le Mérite‘, Friedensklasse“ nennt (Zuckmayer 19761995, 319), und besuchen aus wichtigem Grund die Frankfurter Paulskirche: der eine als Abgeordneter (1848), der andere, als er den Goethe-Preis entgegennimmt (1952). Alle drei durchleben sehr unruhige, revolutionäre, unterdrückerische und kriegerische Jahre, in denen sich Zensur, Bespitzelung und Bücherverbrennungen ereignen. Jacob und Wilhelm sind noch kleine Kinder, als die Französische Revolution von 1789 ausbricht, „deren Folgen das europäische Machtgefüge bis in ferngelegene Kolonien, doch in Hessen kaum etwas ändern“ (Grass 2015, 9). Zunächst wenigstens. Die Brüder erleben in ihrer Jugend den Machtaufstieg Napoleons, die Unterwerfung Europas, die Befreiungskriege, in ihren reiferen Jahren dann die Auswirkungen der 1830er und 1848/49er Revolutionen. Bei Carl Zuckmayer sind es der Erste Weltkrieg, die Revolution von 1918 sowie die Nazi-Diktatur und der Zweite Weltkrieg mit ihren verheerenden Folgen, die sein Leben prägen. Nicht nur die Hauptpersonen, auch unsere drei Autoren sind in diesen Zeiten für das Leben und für die Verwirklichung humaner Lebensbedingungen aufgestanden, haben aus ihrem Gewissen und aus ihrer Überzeugung heraus Stellung bezogen, was unter den jeweiligen Herrschaftsverhältnissen nicht folgenlos bleiben konnte. Besonders Jacob Grimm und Carl Zuckmayer, zum Teil aber auch Wilhelm Grimm, mussten Erfahrungen von rigiden persönlichen Einschränkungen, von Missachtung, Ausweisung und Exil machen – Erfahrungen, die sie mehr oder weniger mit den Figuren ihrer hier besprochenen Märchen teilen. Es handelt sich durchweg um politisch motivierte Konsequenzen, die sie – durch deutsche Herrscher veranlasst und durch Mitbürger exekutiert – zu tragen hatten. Da sowohl für die Brüder Grimm als auch für Zuckmayer Sprache und Heimat von großer Bedeutung sind, schließen thematische Abschnitte zu diesem Komplex die beiden folgenden Unterkapitel 4.1 und 4.2 ab. Das ganze Kapitel zeigt immer wieder Haltungen und Positionen der drei Schriftsteller auf, aus denen beachtenswerte Botschaften abgeleitet werden können, die nach wie vor hohe Aktualität und Brisanz besitzen. 251 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren 4.1 Jacob und Wilhelm Grimm Die Brüder sind „bekennende Monarchisten und zeitlebens den ‚Democraten‘ gegenüber skeptisch eingestellt“ (Martus 2017, 9). Die meiste Zeit ihres Lebens teilen beide einen Konservativismus, der sich nicht gegen Reformen an sich, wohl aber gegen alle schnellen Veränderungen sperrt, und seien diese auch noch so dringlich: „Denn in den Augen der Grimms mangelt es Revolutionären oder Besatzern, die die Verhältnisse im Nu verändern, an der Tugend der Beständigkeit, die ihre Kraft aus dem historischen Bewusstsein für die Widerstandskraft von ‚Sitten‘ und ‚Gebräuchen‘ gewinnt.“ (ebd. 115) Dennoch zeigen sie sich Neuerungen gegenüber durchaus offen, wie Jacob am 5. Februar 1815 an Savigny durchblicken lässt: „Für eine practische Wiedereinführung des meisten dessen, was wir bei unsern Vorfahren herrliches oder löbliches erkennen, in unser Leben selbst bin ich gar nicht; das Heutige ist anders, muß anders sein und kann nicht wieder zurück“ (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 192). Ihren Blick richten sie in die Vergangenheit, „um in der zerbrechenden alteuropäischen Welt die kulturellen Fundamente einer neuen Zeit zu finden“ (Martus 2017, 11). Nach Martus wollen die Brüder weder Stillstand noch Rückschritt noch Umsturz, sondern „Stabilität im Wandel“ (ebd. 401). Ihre ausgiebige wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Mittelalter kann leicht als rückwärtsgewandt oder rückständig missverstanden werden. Wilhelm stellt dazu Ende 1844 klar: „Wir erforschen das deutsche altertum276 nicht, um in eine Zeit zurückzuführen, die längst in dem Strome der Geschichte untergegangen ist; wir erforschen es, um die Gegenwart, der wir unsere Kräfte, Liebe und Sorge schuldig sind, wahrhaft zu erkennen und durch diese Erkenntnis zu fördern“ (Grimm, W., zit. nach Martus 2017, 441)277. 276 „Das ‚Altertum‘ wurde in diesem Konzept nicht als zeitliche Dimension gesehen, sondern als reinere Urform des bis zur Gegenwart Bestehenden und Bleibenden, des unter dem Begriff ‚Volk‘ supranational gefaßten allg.[emein] Menschlichen.“ (Denecke, L. 1990a, 172) 277 Schon 1831 schreibt Wilhelm: „Das Mittelalter zu erforschen, um es in der Gegenwart wieder geltend zu machen, wird nur der beschränktesten Seele einfallen; allein es beweis’t auf der andern Seite gleiche Stumpfheit, wenn man den Einfluß abwehren wollte, den es auf Verständniß und richtige Behandlung der Gegenwart haben muß.“ (Grimm, J. 1831, 173) 252 Lienkamp: Aufstand für das Leben Diese Haltung, so Martus, mache die Grimms zu den „modernsten Traditionalisten ihrer Zeit“ (Martus 2017, 9; vgl. ebd. 208). Allerdings ist ihre idealistische Idee vom Monarchen noch ganz von der Romantik geprägt. Er soll seinem Volk in Liebe begegnen, nicht als autoritärer Gewaltherrscher; er soll das einigende Band verkörpern, welches das Volk zusammenhält, nicht diesem feindlich gesinnt gegenüberstehen. Alle ständischen Verfassungen in Deutschland hätten zwar einen negativen Nutzen, denn sie hemmten Missbräuche. „Der eigentliche Segen geht allerdings erst von der reinen Liebe des Fürsten zu seinem Lande aus.“ (Grimm, J. 1838, 15) Dies schreibt Jacob, nachdem er seitens des Hannoveraner Königs Ernst August I. (* 1771 † 1851) am eigenen Leib das exakte Gegenteil erleben musste, nämlich „unerträgliche Tyrannei“, wie er selbst sagt (Grimm, J., zit. nach Seitz 1984, 143; siehe Abschnitt 4.1.4). „Den Brüdern Grimm […] schwebte, bei aller erklärten Freiheitsliebe, eine durch Verfassungsrecht gezähmte Fürstenherrschaft vor. Weder wollten sie sich mit den Liberalen gemein machen, denen mit der ersehnten Einheit des Vaterlandes die Gewerbe- und Handelsfreiheit immer wichtiger wurde, noch mit Democraten, die jegliches Fürstentum abschaffen wollten. Ganz zu schweigen von den frühen Socialisten, die schrecklich-schöne Utopien in Umlauf brachten.“ (Grass 2015, 109) So bekennt sich Jacob noch 1848 in der Frankfurter Paulskirche zur Monar chie und zum Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. (* 1795 † 1861): „Ich bin aufrichtig dem Königthum zugethan; es gibt hochherzige Könige, und der König, dem ich diene, ist des edelsten Menschengefühls voll, er hat jederzeit Deutschlands Wohl gewollt und wird nie etwas anderes wollen“ (Grimm, J., in: Stenographischer Bericht, Bd. 2, 1848, 1311). Da irrt Jacob. In seiner Loyalität gegenüber dem Regenten, der ihn und seinen Bruder nach dem Göttinger Eklat nach Berlin geholt hat, zeichnet er ein viel zu positives Bild des Herrschers. Friedrich Wilhelm interessiert sich noch nicht einmal für die Not in Berlin. Ihm hatte Bettina von Arnim 1843 eine 600 Seiten starke Schrift unter dem Titel ‚Dies Buch gehört dem König‘ gewidmet. In dessen Schlussteil ist ein „zum Himmel schreiender Armutsbericht“ abgedruckt (Grass 2015, 109; vgl. Arnim, B. v. 1843, 537–598), der „das wachsende Elend vor den Toren seiner Hauptstadt“, insbesondere in der Armen-Colonie vor dem Hamburger Tor, dokumentiert (Grass 2015, 152). Aber „was kümmerte ihn die Not der brotlosen Weber“ (ebd. 109), 253 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren „Invaliden und rachitischen Kinder“ (ebd. 152)? Ebenso wenig kümmert ihn, anders als die Grimms, die Zukunft Deutschlands. „An“ ihrer „Vorstellung von der Funktion der Monarchen hielten die Brüder Grimm zeitlebens fest. Um so enttäuschter waren sie, da sie die Wiederherstellung des Kaiserreichs als repräsentative Instanz für den deutschen Nationalstaat nicht erlebt haben. Die Treue zu der romantischen Idee der Monar chie schloß jedoch nicht […] liberale Gesinnung und eine gewisse Aufgeschlossenheit der Brüder gegenüber republikanisch-demokratischen Grundsätzen aus. Diese Tendenzen nahmen im Lauf der Jahre zu und traten besonders dann hervor, wenn es galt, die Individualität und Freiheit des einzelnen zu schützen.“ (Seitz 1984, 132; vgl. Martus 2017, 444) Darum interessieren sich beide nicht nur für das Altertum, sondern auch für die Politik der Gegenwart. So nimmt Jacob „nicht nur an allen geistigen und wissenschaftlichen, sondern auch an den politischen Ereignissen und Entwicklungen seiner Zeit den lebhaftesten Anteil, ja, er wurde einmal in seinem Leben, wenn auch in temperierter Form, zum politisch Verfolgten, zum kämpferischen Zeugen für Gewissensfreiheit und bürgerliches Rechtsgefühl, und in seinem Alter wurde er ins Frankfurter Parlament des Jahres 48 gewählt“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 250). Ereignisse, die wir uns noch näher anschauen werden. Germanistik und Politik sind für die Grimms nicht zwei voneinander isolierte Bereiche, zumal aus ihrer Sicht auf beiden Felder dieselben Grundhaltungen vonnöten sind: „Treue und Vertrauen, Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe“ als unverzichtbare Tugenden der Wissenschaft und Elemente der politischen Kultur (Martus 2017, 402). Diese Position teilt auch Zuckmayer, wie er am 7. Juni 1938 am Grab seines guten Freundes Ödön von Horváth (* 1901 † 1938) in Paris untermauert: „Wir, die wir zurückbleiben und weiterleben, erneuern vor Deinem stummen Angesicht unser Gelübde, das am Anfang jeden Kunstschaffens und am Ende jeder Prüfung steht: der Wahrheit zu dienen. Mag sie auch heute weit verbannt scheinen und kaum noch ein glimmendes Licht in einer gro- ßen Finsternis – so wird doch Menschenatem nicht aufhören, es wieder und wieder zu entfachen – dem Tag entgegen – dem Tag einer zukünftigen, einer freien und edleren Welt.“ (Zuckmayer 1938, in: ders. 1995, 216) 254 Lienkamp: Aufstand für das Leben Zuckmayer sieht seine Aufgabe als Künstler, ähnlich wie die Brüder Grimm, nicht nur darin, „so gut er es versteht, der deutschen Sprache zu dienen“, wie er Cäsar von Arx (* 1895 † 1949) in einem undatierten Brief aus dem Jahr 1938 schreibt (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 259). Darüber hinaus bestehe der auch von ihm zu erfüllende Auftrag jeden Kunstschaffens darin, „der Wahrheit zu dienen“, wie er bei der Bestattung Horváths gelobt. Mit Schiller, der auch Wilhelm und mehr noch Jacob sehr am Herzen liegt, geht Zuckmayer noch einen Schritt weiter. Im Jahr der französischen Revolution schreibt dieser in seinem Gedicht ‚Die Künstler‘: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird die Gesunkene sich heben!“ (Schiller 1789, 301) Dies rufe er den Künstlern zu, so Zuckmayer, und feuere sie an, als „vorbildhafte und gewaltlose Erzieher des Volkes […] an allem irdischen Geschehen“ mit innerer Anteilnahme mitzuwirken (Zuckmayer 1959, in: ders. 1997, 54). Schiller selbst konkretisiert acht Jahre später, was es heißt, die Dignitas humana zu bewahren: „Würde des Menschen. Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, Habt ihr die Blösse bedeckt, giebt sich die Würde von selbst.“ (Schiller 17971969, 33) Es bringt nichts, große Reden über die Erhabenheit der menschlichen Natur zu schwingen. Vielmehr gilt es, die basalen Bedürfnisse, nach Nahrung, Wohnung und Kleidung, zu befriedigen und insgesamt menschenwürdige Lebensbedingungen herzustellen. Dazu gehört unbedingt auch der freie Zugang zur Erwerbsarbeit, wie der ‚Köpenick‘ lehrt. Auch für Jacob und Wilhelm sind Humanität und Gerechtigkeit, liebende Ehrfurcht vor jedem einzelnen Leben und Zivilcourage hohe Werte, die sie selbst in ihrem wissenschaftlichen, literarischen, journalistischen und politischen Schaffen umzusetzen versuchen: 255 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren „‚Gerecht gestimmt‘ zu sein, gegenüber Zeitaltern und Völkern, Denkmälern und Erscheinungen, Dingen und Menschen, ist der Brüder Grimm immerwährendes Bestreben. Hier liegt ihr unvergänglicher Beitrag zu einer Humanität, die nicht nur das Humanitäre als ethisches Ideal, sondern das Gesamt-Menschliche in seiner wechselseitigen Beziehung zum Welt-Ganzen, das heißt: zum Göttlichen, umschließt, den kreatürlichen Zusammenhang wieder herstellend, die liebende Ehrfurcht vor jedem einzelnen Leben als Leitstern und Grundlage allen Handelns anerkennend, und in deren Throner he bung unsre einzige Hoffnung, Friedenshoffnung, Zukunftshoffnung versammelt ist.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 255) Gerechtigkeit braucht Klugheit, Augenmaß und Tapferkeit, wenn sie Wirklichkeit werden soll, das wußte schon die antike Lehre von den Kardinal-, das heißt zentralen oder Kerntugenden (vgl. Weisheit 8,7). Dafür stehen die ‚Tiere‘ im Grimm’schen Märchen wie Wilhelm Voigt im ‚Köpenick‘. Wofür diese in ihrem überschaubaren Bereich kämpfen, dass gilt es auch im großen Maßstab der internationalen Politik umzusetzen, ein Parkett, das Jakob 1814 betritt: „[…] ich glaube auch“, so schreibt er mit der Weisheit des Alters, „dasz den menschen und ganzen völkern nichts anders frommt, als gerecht und tapfer zu sein; das ist das fundament der wahren politik.“ (Grimm, J. 18601879, 183) 4.1.1 Jacob und Wilhelm Grimms politische Tätigkeit zur Zeit des Wiener Kongresses Als die französischen Truppen auf dem Rückzug sind, Napoleon das alliierte Hauptquartier aber immer wieder zu hektischen Ausweichmanövern zwingt, ist Jacob trotzdem vom letztendlichen Sieg der Alliierten überzeugt. Dennoch, so Martus, sehe er viele negative Vorzeichen, was die künftige Neuordnung Deutschlands und Europas anbelange. „Die Mächtigen, stellt er immer wieder fest, fühlen nicht wirklich, was sie im Namen des Volkes zu tun haben. Das ‚Heiligste, Einfachste, das was der größte und beste Theil unseres Volkes klar will, wofür Hundertausende gestorben sind, steht so auf dem Spiel‘“ (Martus 2017, 234, und Grimm, J., zit. nach ebd.). Beim ‚Wiener Kongress‘, der vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 tagt, soll die Neuordnung Europas nach den Revolutions- und Befreiungs- 256 Lienkamp: Aufstand für das Leben kriegen erfolgen. Jacob Grimm nimmt daran als hessischer Legations sekre tär teil. Seine Hoffnung für die internationale Konferenz ist ein einiges deutsches Vaterland mit einem guten Grundgesetz, das die legitimen Ansprüche der Bevölkerung stärkt: „,Unsere bevorstehende deutsche Verfaßung wird hoffentlich den Rechten des Volks aufhelfen.‘“ (Grimm, J., zit. nach ebd. 242) Er übt deutliche Kritik an einem Entwurf der Brüder Marschall, den badischen und nassauischen Gesandten, die den Entschluss zu einem Deutschen Bund an den Beginn des geplanten Dokuments stellen278. Jacob will im Grundparagraphen der Verfassung, mit der man den ewigen alten Bund ja nicht neu begründe, sondern nur wiederaufleben lasse, lediglich festgehalten wissen, „1) daß jeder Deutsche frei, 2) daß jeder Deutsche gebunden ist, an sein Vaterland“ (Grimm, J., zit. nach Seybold 2012, 216; vgl. Martus 2017, 242). Diesen Freiheitsgedanken wird er später, im Revolutionsjahr 1848, als Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche wieder aufnehmen. Beim Kongress spielt diese Idee jedoch ebenso wenig eine Rolle wie überhaupt der Wunsch der Grimms nach einem einigen Staat: Preußen und Österreich, so Jacob, verfolgten nur ihre eigenen Interessen und verlören das wichtigste Ziel aus den Augen: die Einheit Deutschlands, die auch Russland und England nicht unterstützten (vgl. Martus 2017, 238). „Der Kongress tanzte auf seinen rauschenden höfischen Festlichkeiten und in den Hinterzimmern der Geheimdiplomatie nach dem Rhythmus der alten Adelsgesellschaft.“ (ebd. 240) Jacob ist tief enttäuscht über die politischen Intrigenspiele und den „verkehrten und undeutschen Gang und Geist des Kongresses“ (Grimm, J., zit. nach Seitz 1984, 20). Seinem Bruder schreibt Jacob am 8. Oktober 1814 aus Wien: „[…] vom Congreß ist nicht viel zu rühmen 1.) geschieht noch nichts 2.) was geschieht, heimlich, kleinlich, gewöhnlich und unlebendig, als wenn keine große Zeit nahbevorstünde. Auf diesem Weg entspringt aus jeder Frage wieder eine Vorfrage[ ] und aus der Vorfrage noch eine andere, worüber sie verzweifeln und sich immer mehr hineinwickeln, während daß die Grundlage von unserer Noth und Nothwendigkeit so klar da liegt, daß ordentlich die Stimme eines unschuldigen Kinds auftreten und das Rechte aussprechen sollte. Aber wie viel ist den schwachen und beschränkten Menschen, die 278 Karl Wilhelm Marschall von Bieberstein (1763–1817), badischer Bevollmächtigter beim Wiener Kongress, und Ernst Franz Ludwig Marschall von Bieberstein (1770–1834), Vertreter Nassaus. 257 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren oben an stehen, in den Wind geredet worden.“ (Grimm, J., in: Rölleke [Hrsg.] 2001, 366) Jacob setzt deshalb ganz auf das Volk, altgriech. ὁ δῆμος, ho dēmos, wie er Savigny aus Wien am 29. Oktober 1814 mitteilt: „Mit betrübtem Herzen komme ich auf die teure Sache unseres lieben Vaterlands zu sprechen; meine und so vieler Tausende treue Erwartungen brechen tagtäglich zusammen, und immer doch stärker wächst die halb tröstliche, halb bange Überzeugung, daß aus dem guten Volk und seiner Mitte alles gute und reine über uns ergehen muß und es aus den schlechten und schwachen, fast sämmtlich deutschvergessenen Großen und denen, die mitsprechen, nimmermehr kann. […] Jeder deutsche Stand und Untertan soll auf einerlei Art dienen und frei sein; das Volk ist gut, und auf seiner Güte sollte vertrauend das Haus gebaut werden.“ (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 180) Es fehlt nicht viel, aber er scheut noch immer davor zurück, ὁ δῆμος, ho dēmos, mit τό κρατός, tó kratós, das heißt mit Macht und Herrschaft über das Gemeinwesen zu kombinieren, sich von den Fürsten, Königen und Kaisern sowie der Staatsform der Monarchie zu verabschieden und der Demokratie zuzuwenden. Jacob zeigt sich nicht nur vom Verlauf, sondern auch vom Ausgang des Kongresses ernüchtert, enttäuscht, ja entrüstet (vgl. Seitz 1984, 132). Der vom Kongress geschaffene ‚Deutsche Bund‘ ist nicht mehr als ein lockerer Verband absolutistisch regierter Staaten. „[…] die einzige Möglichkeit war, einer kulturellen Identität Vorschub zu leisten, um auf diesem Umwege an das ersehnte politische Ziel zu gelangen. Ein großer Teil der Literatur des 19. Jahrhunderts steht unter dem Vorzeichen der verhinderten Nationwerdung.“ (Neuhaus 2017, 155) Das gilt auch für die Sammlungen der Brüder Grimm, einschließlich der ‚Kinder- und Haus- Märchen‘. Während des Kongresses veröffentlicht Jacob Artikel im ‚Rheinischen Merkur‘, dem von Görres herausgegebenen Periodikum, das seit dem 23. Januar 1814 erscheint, eine Auflage von dreitausend Exemplaren erreicht und 258 Lienkamp: Aufstand für das Leben „zu den einflussreichsten Blättern der Zeit“ gehört (Martus 2017, 246)279. In seinem Artikel ‚Aus Wien‘ vom 4. Januar 1815 sagt Jacob sehr deutlich, wohin der Blick zu wenden ist: „es soll jetzo mehr auf die Rechte der Völker, als der Fürsten gesehen werden.“ (Grimm, J. 4.1.1815, 3) Auch Wilhelm schreibt für das liberale Organ: Abbildung 45: Kopf des von Joseph Görres herausgegebenen ‚Rheinischen Merkur‘, hier die Nr. 205 vom 9. März 1815 mit dem Artikel von Wilhelm Grimm über ‚Die Stände-Versammlung in Hessen‘ An dieser Stelle ist vor allem sein anonym veröffentlichter, zweiteiliger Artikel vom 9. und 11. März 1815 über die Stände-Versammlung in Hessen hervorzuheben (siehe Abbildung 45), in dem er den politischen Entscheidungsträgern die „Wünsche und Bedürfnisse des Volkes“ verdeutlichen will (Grimm, W. 9.3.1815, 1). Natürlich ist, aus heutiger Sicht, das politische Modell einer Ständeordnung mit Prälatenstand, Ritterschaft, Städten und Bauernstand alles andere als demokratisch und zumal in einem säkularen Staatswesen überholt. Trotzdem sind hier schon zukunftsweisende Elemente einer demokratischen Kultur vorgezeichnet, die es näher zu betrachten lohnt. Wilhelm beginnt damit, dass er die bisherige „verkehrte Politik“ der Willkür und Unterdrückung verurteilt (ebd.) und das neue Verfassungsorgan begrüßt, das ähnlich einem Landtag funktionieren soll und aufgrund einer Bestimmung in der Wiener Schlussakte am 1. März 1815 279 Nach zwei Jahren wird das fortschrittliche Organ allerdings – wenig überraschend – von der preußischen Regierung als zu liberal wieder verboten. 259 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren eingeführt wurde. Es klingt wie eine Vorwegnahme von Artikel 20 I Satz 1 Grundgesetz – „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ –, wenn Wilhelm schreibt: „[…] die wahre Kraft des Regenten ist nur die sittliche Macht, die im Volke lebt“ (ebd.). Diese könne aber nur dort gedeihen, wo das Gefühl „selbstständiger Freyheit“ das Gemüt erhebe und stärke (ebd.). Als Repräsentanten der Stände seien alle verständigen Männer zugelassen280; Staatsbeamte und Rechtsanwälte seien nur als Berater, nicht als Abgeordnete zu empfehlen. Wilhelm schlägt weiterhin statt der bisherigen „todten“ formalen Entscheidungsprozesse, lebendige Diskussionen vor: Die „Stände sollen recht eigentlich die Sprecher, nicht die Schreiber des Volkes sein“ und die Erörterung in „möglichst freyer Behandlung[ ] und in lebhaftem Wechselstoß der Kräfte führen“ (ebd. 2). Das klingt wie das Plädoyer für eine demokratische Debattenkultur, zumal auch die Öffentlichkeit berücksichtigt werden soll. Hiermit ist Wilhelm seiner Zeit ebenfalls weit voraus: „Darum ist auch die Oeffentlichkeit bey solchen Verhandlungen vortheilhaft, wo das Volk selbst Zeuge der gepflogenen Berathschlagungen ist[ ] und zusieht, wie die Abgeordneten seine Rechte wahren, Welche ihren heiligsten Pflichten nachkommen und Welche sie dem Eigennutz oder der Menschenfurcht opfern.“ (ebd.) Wilhelm fordert des Weiteren regelmäßige Termine, zu denen der Fürst die Landstände einzuberufen hat, sowie deren Recht, „im Nothfall von selbst zusammen zu treten“ (ebd. 1). Sonst bestehe die Gefahr, dass ein Regent, dem das Organ lästig sei, von einer Einberufung absehe, wie dies das Beispiel des Königs von Westphalen Jérôme Bonaparte zeige. Die Stände haben das Recht, allgemeine Landesgesetze abzulehnen. Wiederum aus der Erfahrung der französischen Besatzungszeit, in der dieses Recht mit Dekreten und Ministerialinstruktionen umgangen worden sei, müsse ein solches willkürliches Vorgehen durch Setzung wirksamer Schranken verhindert werden (vgl. Grimm, W. 11.3.1815, 1). Im Anschluss daran packt Wilhelm ein ganz heikles Thema an, gegen das sich die meisten Herrscher mit aller Vehemenz zur Wehr setzen: das der öffentlichen Kontrolle über die Verwendung der Steuern. Darüber haben in Hessen die Landstände das Recht der Mitaufsicht. Es verstehe sich von selbst, so argumentiert Wil- 280 Von einem aktiven und passiven Frauenwahlrecht sind wir in Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch über ein Jahrhundert entfernt. 260 Lienkamp: Aufstand für das Leben helm, „daß dem mit der Revision beauftragten Ausschuß alle ihm nöthig scheinenden Aktenstücke und Belege zur schärfsten Prüfung vorgelegt werden[ ] und daß ihm die Behörden alle sonst erforderliche Auskunft geben.“ (ebd.) Das Endergebnis der Prüfung müsse vom Ausschuss unterschrieben und in gedruckter Form veröffentlicht werden (vgl. ebd.). Dann, so lässt sich der Gedanke weiterführen, würde das Volk sehen, wofür Gelder, die den Armen abgepresst werden, verschwendet werden. Eine weitere wichtige Forderung Wilhelms betrifft das Recht der Beschwerdeführung bei Veruntreuungen und Missbräuchen. Hier müsse eine gerichtliche Verfolgung und Sanktionierung möglich sein, denn Gesetze ohne Zwangsmittel seien unbrauchbar. Auch dem „Despotismus der Justizbeamten“ und der „Polizeygewalt“ müssten durch klare Bestimmungen Grenzen gesetzt werden. Vor allem brauche es ein „Grundgesetz“, nachdem niemand verhaftet werden dürfe, ohne innerhalb einer bestimmten Frist einem Richter vorgeführt zu werden (vgl. Art. 104 III GG)281. Des Weiteren setzt sich Wilhelm in diesem Beitrag für die gesetzliche Garantie der „Preßfreyheit“ ein. „Die Nachtheile sind gering, die Vortheile nicht zu berechnen.“ (Grimm, W. 11.3.1815, 2) Einschränkungen seien nur „in Rücksicht auf Religion und Sittlichkeit“ zulässig – „aus Gründen, die Jedem einleuchten“ (ebd.). Die Gründe selbst nennt Wilhelm nicht. Eigentlich ist ihm klar, dass zu seiner Zeit sehr verschiedene Interpretationen von Christentum und Moral nebeneinander existieren. Und warum gerade die Regierung prädestiniert sein soll, „eine vernünftige Aufsicht“ darüber zu führen und entsprechende Urteile zu fällen, wäre ebenfalls kritisch zu hinterfragen. Ziel seiner zwar anonymen, aber dennoch mutigen Intervention ist es, Missbräuchen zuvorzukommen und Vorkehr zu treffen, „daß die Schmach und Erniedrigung, die wir erlebt, nicht an unsern Kindern wiederkehre“ (ebd.). Und seinem Fürstenhaus, insbesondere dem damals regierenden reaktionären hessischen Kurfürsten Wilhelm I. (* 1743 † 1821), schreibt er abschließend ins Stammbuch: „[…] kein Fürstenhaus steht fest im neunzehnten Jahrhundert, das nicht in dem Gemüthe des Volkes seine Wurzeln geschlagen hat. Das aber wird ge- 281 Dazu führt Wilhelm aus: „Ist irgendwo ein Bedürfniß allgemein und lebhaft gefühlt, so ist es dieses, zumal bey uns, denen noch die Kriegsgerichte und Füsilladen[ ] und die zahllosen Verhaftungen zur angeblichen Erhaltung der öffentlichen Ruhe vor Augen schweben.“ (Grimm, W. 11.3.1815, 1) 261 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren schehen, wenn Bürger und Bauer[ ] und jedes Kind im Lande weiß, daß ein Zustand des Rechts und der Freyheit, nicht der Gewalt und Unterdrückung, zwischen ihm und seinem Regenten besteht“ (ebd.). Wenn die Regierung eine wohleingerichtete Verfassung treu befolge, dann müsse sie ihrerseits keinen Missbrauch der Freiheit durch das Volk fürchten. Der schon 71-jährige Landesherr solle seinen Lebensabend dazu nutzen, „die Wohlfahrt des Volkes dauernd zu begründen“. Aber ebenso nimmt Wilhelm seine Landsleute in die Verantwortung: Möge keiner „die goldene Gelegenheit dieser Zeit, die so nicht wiederkehrt, ungenützt verstreichen lassen; die Verantwortung vor Mit- und Nachwelt ist allzugroß, als daß sie leichtsinnig ausser Acht gelassen werden dürfte.“ (ebd.) Doch bei ebendiesem Wilhelm I. zeigt sich bald, nachdem er aufgrund der Restitution Hessen-Kassels am 21. November 1813 in sein Amt zurückkehrt, dass er „alle die alten Neigungen unversehrt zurückgebracht“ (Grimm, W. 17.4.1815, 3). Er verschließe sich gegen das „sehnsüchtige Verlangen einer lebendigeren Zeit“, aber „nicht minder gegen die Noth und Leiden seines Volkes“ (ebd.). „Tiefe Bitterkeit herrscht im Lande über die geringen Gehalte der Staatsdiener bei dem Reichthum des Landesherrn; über die Eigenmacht[,] mit der bedeutende Kassenüberschüsse[ ] und der Ertrag der engl. Subsidien, 1786 offiziel als Staatseigenthum erklärt, durchaus als Chatullvermögen behandelt wird. – Während bekannt ist, daß durch Vermittelung des allgemein verabscheuten Geheimraths Buderus von Karlshausen große Kapitalien dem Auslande vorgeschossen worden, bleibt der Kronprinz fast bloß auf die alte, knappe Appanage beschränkt, wird an jeder Besoldung geknausert, dem hart bedrängten Lande außer den gewöhnlichen Abgaben und der Tilgungssteuer[ ] vier Millionen Thaler abgefordert, und die Rückstände von 1809 bis 1813 werden mit g[r]ößter Strenge unter militairischen Exekutionen eingetrieben.“ (ebd. 4) Schon bald führt Wilhelm I. zudem die Zensur wieder ein, die in diesem Land schon auf eine traurige, 150-jährige Geschichte zurückblickt. Dazu gehört auch, dass er mit Befehl vom 10. Februar 1815 die schon 1780 eingerichtete ‚Censur-Anstalt‘ wieder einsetzt. Seine Polizei übernimmt quasi bruchlos die Rolle der französischen Geheimpolizei, die unter der Regie- 262 Lienkamp: Aufstand für das Leben rung König Jérômes das Volk misstrauisch überwacht hatte (vgl. ebd.; Martus 2017, 250, 271). Wilhelm fühlt sein Volk und auch sich selbst „zwischen althessischer Pedanterei und westphälischem gewandten Schleichwesen unbehaglich eingeschraubt“ (Grimm, W. 17.4.1815, 4). Qua Amt wird sein Bruder Jacob dann, ein Jahr nach Wilhelms Artikeln im ‚Rheinischen Merkur‘, am 19. April 1816 Mitglied der Zensurkommission282. In einer Denkschrift an die vorgesetzte Stelle legt er jedoch im Auftrag seiner Kollegen am 20. August 1816 die Sinnlosigkeit, Kostspieligkeit und Schädlichkeit der Zensur dar283 – wohl nicht gerade das, was seine Vorgesetzten von ihm erwartet haben. Auch als die zehn einflussreichsten Staaten des Deutschen Bundes mit den ‚Karlsbader Beschlüsse‘ zur Kontrolle der Öffentlichkeit und öffentlichen Meinung am 20. September 1819 das scharfe ‚Bundes- Preßgesetz‘ verabschieden, hält sich Jacob im Zweifel immer an die mildere hessische Regelung, wobei sowieso alles ‚durchwische‘, wie er einem Wiener Gelehrtenfreund im Oktober 1823 schreibt (vgl. Martus 2017, 271–274). Die Brüder verurteilen beide die Art und Weise, wie mit den Beschlüssen von Karlsbad versucht werde, Ruhe und Ordnung zu schaffen, als „völlig unangemessen“ (ebd. 277). Die Dinge, so Jacob, „haben sich gar nicht gut gekehrt“. Die Regierungen verfielen in „ein System von Furcht und Ängsten, Mißtrauen, Beschuldigungen und allen den kleinlichen und schädlichen Handgriffen der Polizei, die in der französischen und westphälischen Periode herrschten“ (Grimm, J., zit. nach Seitz 1984, 134). Seitz bewertet die Ergebnisse von Karlsbad als einschneidenden Vorgang: „Die Karlsbader Beschlüsse signalisierten die endgültige Wendung des Deutschen Bundes zur Restauration; sie legten das Verbot der Burschenschaften, die scharfe Kontrolle der Universitäten durch Überwachungskommissare und die umfassende Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch die Vorzensur aller Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren sowie die Nachzensur aller Bücher fest.“ (Seitz 1984, 136) 282 In seiner ‚Selbstbiographie‘ schreibt Jacob, dass ihm dieses Zensorische Nebenamt aufgebürdet worden sei (Grimm, J. 1831, 159). 283 Bereits am 4.2.1816 äußert sich Jacob Grimm in einem Brief an Achim von Arnim abfällig über das Verbot des freien Wortes durch die Regierenden, „weil es immer gut ist, wenn die guten frei reden, und weil die schlechten sich selber zu todt schwätzen“ (Grimm, J., in: Steig [Bearb.] 1904, 339). 263 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Am 28. Oktober 1815 ersucht Jacob um seine Entlassung aus dem diplomatischen Dienst. Der hessische Kurfürst Wilhelm I. hat jedoch vor, Jacob nach Frankfurt zum Bundestag zu entsenden, was dieser rundweg ablehnt. Erst am 14. April 1816 wird seiner Bitte stattgegeben, indem ihn der Regent, nicht wie erhofft zum Hofarchivar, sondern zum zweiten Bibliothekar ernennt, eine Stelle, auf die sich auch Wilhelm beworben hatte (vgl. Martus 2017, 259 f.). Der Jüngere ist seit 1814 Bibliothekssekretär und bleibt dies nun zwangsweise bis zum 2. November 1929 (vgl. Grimm, W. 1831, 180 f.). Beide werden damit weit unter ihren Fähigkeiten beschäftigt, was sich für sie nicht nur finanziell nachteilig auswirkt, sondern auch eine unerträgliche Missachtung ihrer Leistungen darstellt. 4.1.2 Das Wartburgfest, die Bücherverbrennung und die Zeit danach Als sich am 18. und 19. Oktober 1817 rund fünfhundert Studenten, immerhin ein Achtel aller damals an deutschen Universitäten Immatrikulierten, auf der Wartburg bei Eisenach treffen, um „gegen die nach dem Wiener Kongress von 1815 einsetzende Restauration in den Staaten des Deutschen Bundes und für die Bildung eines deutschen Nationalstaates mit einer einheitlichen Verfassung zu protestieren“ (Treß 2011, 434), stellt sich Jacob in einem Brief an seinen Freund Wigand hinter die Aktion: „Was auf der Wartburg geschehen ist, hat mir wohlgefallen, auch die Riemannische Rede besonders; es wird auch nicht ohne lebendige Frucht bleiben.“ (Grimm, J., zit. nach Martus 2017, 276) Die Ansprache des Burschenschaftlers Heinrich Herrmann Riemann (* 1793 † 1872), Student der evangelischen Theologie und Offizier während der Befreiungskriege, behandelt unter anderem auch das Scheitern der Hoffnung auf ein einiges Deutschland, womit er den Grimms „aus der Seele“ spricht (Martus 2017, 276). Anlass des Treffens ist zum einen der vierte Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig von 1813 und zum anderen die Dreihundertjahrfeier des Reformationsbeginns von 1517. Dazu werden Studenten sämtlicher protestantischer deutscher Universitäten zu einem Programm aus Gottesdiensten, politischen Reden und Fackelzügen von der federführenden Jenaer Burschenschaft eingeladen. Außerhalb der ‚offiziellen‘ Veranstaltung findet am Abend des 18. Oktober ein Fackelzug zum Wartenberg statt, auf dem dann neben Symbolen der Restauration (u. a. ein kurhessischer Perückenzopf) „insgesamt 28 Bücher 264 Lienkamp: Aufstand für das Leben und Schriften – nicht die Originale, sondern eigens angefertigte Attrappen – unter Schmährufen den Flammen übergeben wurden“ (Treß 2011, 435). Dies sind vor allem Werke, die sich für die adelige Kleinstaaterei beziehungsweise gegen die junge deutsche Nationalbewegung aussprechen. Das bekannteste ist August von Kotzebues (* 1761 † 1819) ‚Geschichte des deutschen Reiches, von dessen Ursprung bis zu dessen Untergange‘. Der Student Karl Ludwig Sand (* 1795 † 1820), der den Autor des Buches 1819 ermorden wird, steht mit am Scheiterhaufen. Auch diese Bücherverbrennung (wie die späteren von 1933) hat eine „antisemitische Dimension“ (ebd. 434), was Jacob vermutlich nicht bekannt ist, als er seine zustimmenden Aussagen zur Rede Riemanns formuliert: „Die Verbrennung des Buches ‚Germanomanie. Skizze zu einem Zeitgemälde‘, das 1815 vom deutsch-jüdischen Schriftsteller und Publizisten Saul Ascher (1767–1822) veröffentlicht worden war, erfolgte dann unter Ausruf eines antisemitischen Feuerspruchs. Dem Bericht von Hans Ferdinand Maßmann zufolge soll der Schmähruf gegen Ascher wie folgt gelautet haben: ‚Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und wollen unser Volksthum und Deutschthum spotten und schmähen!‘ Anhand des Begriffs ‚Germanomanie‘ hatte Ascher in seinem Buch die sich in der deutsch-patriotischen Bewegung radikalisierenden Ressentiments gegen Juden, Franzosen und Engländer problematisiert und als geistige Wegbereiter dieser Feindbilder u. a. Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und den Berliner Historiker Friedrich Christian Rühs kritisiert.“ (ebd. 435) Heinrich Heines späterer Vergleich zwischen dem Wartburg- und dem Hambacher Fest von 1832 spricht Bände: „Dort, auf Hambach, jubelte die moderne Zeit ihre Sonnenaufgangslieder und mit der ganzen Menschheit ward Brüderschaft getrunken; hier aber auf der Wartburg, krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und gethan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! […] auf der Wartburg […] herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der Viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts Anders war als Hass des Fremden, und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste, als Bücher zu verbrennen!“ (Heine 18401868, 163 f.) 265 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Trotz der offensichtlichen Parallelen ist Kästner zuzustimmen, dass eine Gleichsetzung der Autodafés von 1817 und 1933 eine „Frechheit ohne Beispiel“ wäre (Kästner 19581998, 642). Wie die Brüder Grimm zum Verbrennen von Büchern stehen, zeigen zwei biografische Ereignisse, die zugleich belegen, wie sehr die beiden mit der Welt der Literatur auch emotional verbunden sind. Ende Juni 1808 wird Jakob Grimm Privatbibliothekar des westphälischen Königs Jérôme Bonaparte und bleibt dies bis zum Ende des Königreichs im Jahr 1813. Als in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1811 das Kasseler Stadtschloss Feuer fängt, eilt Jacob sofort zum Ort des Geschehens. Wilhelm berichtet ihrer Tante Henriette Philippine Zimmer (* 1748 † 1815) mit Brief vom 26. November, dass der Brand nahe der Biblio thek ausgebrochen und Jacob mittendrin gewesen sei. „Er hatte, während alles um ihn herum brannte, noch sehr vieles eingepackt und gerettet, doch mußte er nun dem Rauch weichen, der ihn, wenn er länger geblieben wäre, erstickt hätte, es war schon so dunkel davon, daß er mit den Händen die Wand und den Ausgang suchen mußte.“ (Grimm, W., in: Schoof [Hrsg.] 1960, 137) Der ältere Bruder riskiert alles, um das kostbare literarische Inventar in Sicherheit zu bringen: „So groß ist die Macht der Bücher, dass Jacob für sie sogar sein Leben aufs Spiel setzt, als er beim großen Schlossbrand durch Feuer und Qualm irrt, um so viel wie möglich von der Bibliothek zu retten.“ (Martus 2017, 266) Sein Einsatz hat Erfolg: „die wenigsten bücher, was zu verwundern ist, giengen verloren“ (Grimm, J. 1831, 157). Als im Januar 1831 der König von Hannover ein Großaufgebot seiner Armee nach Göttingen entsendet, um die studentischen und bürgerlichen Proteste für eine Verfassung, für politische Partizipation und für eine Senkung der Steuern im Keim zu ersticken, drohen einige der nicht geflohenen Studenten damit, die Stadt und insbesondere die Bibliothek in Brand zu setzen. Wilhelm Grimm gehört zu denjenigen, die Wache stehen, um die Bücher bis zum Einmarsch der Truppen zu schützen. Dabei „zog er sich jene Lungenentzündung zu, die ihn fast das Leben gekostet hätte.“ (Martus 2017, 356) Jacob schreibt darüber am 21. Februar 1831 an Karl Lachmann (* 1793 † 1851): 266 Lienkamp: Aufstand für das Leben „an dem tag wo der hiesige in allem betracht widerwärtige aufruhr zu ende gieng, legte sich Wilhelm, der sich wahrscheinlich auf der letzten nachtwache in der bedrohten bibliothek stark erkältet hatte, nieder. […] mit einmal erfolgte husten und blutauswurf, ein gefährliches zeichen der lungenentzündung, sein leben schwebte in augenscheinlicher gefahr. der himmel erhörte aber unser flehen und liesz besserung eintreten“ (Grimm, J. 1831, zit. nach ders. 1879, 181). Das geschriebene Wort ist Lebensinhalt der beiden Wissenschaftler, den sie konsequenterweise auch unter Einsatz ihrer Gesundheit, ja ihres Lebens verteidigen. In der ‚Vorrede‘ zur ersten Ausgabe seiner 1819 publizierten ‚Deutschen Grammatik‘ ist Jacobs Kritik der Sprach-Reglementierung zugleich eine Kritik der gesellschaftlichen und politischen Gängelung (vgl. Martus 2017, 291), was deutlich wird, wenn man die (von mir) eingeklammerten Passagen beim Lesen überspringt. So wendet er sich gegen die „unsägliche Pedanterei“, mit der (im Unterricht gemäß den gängigen Werken) vorgegangen werde. Dadurch werde die „freie Entfaltung“ (des Sprachvermögens in den Kindern) „gestört“ (Grimm, J. 1819, IX). Dann bricht er eine Lanze für die kindlich gebliebenen Kinder und Jünglinge, für die wahren Dichter, für die einfachen Bauern, für Mädchen und Frauen und ihr unverdorbenes Wissen (vgl. ebd. X). Damit wertet Jacob „jene Teile der Gesellschaft auf, die von der kurfürstlichen Regierung gerade missachtet wurden“ (Martus 2017, 291). Ja, so fährt er fort, jeder Deutsche dürfe sich „eine selbsteigene, lebendige Grammatik nennen und kühnlich alle“ (Sprachmeister-) Regeln „fahren lassen“ (Grimm, J. 1819, XI). Das klingt ganz nach dem Kant’schen Aufruf, „Selbstdenker“ zu werden und „einen freien und selbsteigenen, keinen sklavisch nachahmenden Gebrauch von seiner Vernunft“ zu machen (Kant 1800, 26) – entsprechend dem Wahlspruch der Aufklärung: „sapere aude!284 habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant 1784, 35) Ein Programm, das sich sowohl die vier ‚Tiere‘ als auch Wilhelm Voigt zu eigen machen. Im Jahr 1815 schließen sich im Nachgang zum ‚Wiener Kongress‘ die souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands unter Einschluss Öster- 284 Wörtlich: Wage es, weise zu sein! 267 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren reichs zum ‚Deutschen Bund‘ zusammen. Ihrem zentralen, seit 1816 in Frankfurt tagenden Organ kann Jacob nichts Gutes abgewinnen. So schreibt er am 24. Juli 1832 an Savigny: „Die neuesten beschlüsse des bundestags, der sich noch durch nichts die liebe und achtung der Deutschen verdient hat, der nur droht, schilt und niederhält, aber durchaus keine anstalt zu väterlicher hülfe trifft und die nation auf keine weise emporzuheben weiß, machen einen traurigen tiefen eindruck. die erste folge ist, daß alle mäßigen, vernünftigen leute, denen der gemeine liberalismus ein eckel war, sich nun wieder auf die liberale seite neigen müssen.“ (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 371) Wer maßvoll und vernünftig ist, wie die Brüder Grimm, muss nun also liberal werden beziehungsweise sein. Wilhelm II., Sohn und Nachfolger Wilhelms I. als Kurfürst von Hessen-Kassel, knüpft bei seinem Amtsantritt im Jahr 1821 nahtlos an den Kontrollapparat seines Vorgängers an, allerdings verschlechtert der neue Regent die Lage nochmals. Die Kritik Jacobs richtet sich gegen die „unnötige Vermehrung der innern Polizei und Einmischung des Staats in alles“285. In einem späteren Brief an Sa vi gny schreibt Wilhelm, er glaube, dass Wilhelm II. jeden Tag für verloren halte, an dem „er sein Land nicht gekränkt, verletzt und heruntergebracht hat“286. Als die Brüder 1829, trotz ihrer Qualifikationen und „obwohl sie 23 beziehungsweise 15 Jahre als unterbezahlte Bibliothekare“ gearbeitet haben, bei der Nachfolge Johann Ludwig Völkels (* 1762 † 1829), des Kasseler Bibliotheksund Museumsdirektors, böswillig übergangen werden, ist ihre Geduld am Ende. Sie nehmen einen Ruf an die Bibliothek und Universität Göttingen im Königreich Hannover an und kehren dem Kurfürstentum Hessen und seinem absolutistischen Herrscher den Rücken. Jacob wird am 20. Oktober 1829 ordentlicher Professor und Bibliothekar an der Universität Göttingen (vgl. Grimm, J. 1831, 161). Dort hält er „Vorlesungen über deutsche Sprache, Rechtsalterthümer und Geschichte der Literatur“ (Grimm, J. 1869, 490). Wilhelm folgt am 10. November 1829 und wird zunächst zum Unterbibliothekar, am 18. Februar 1831 dann zum außerordentlichen und am 22. 285 Brief von Jacob Grimm an Savigny vom 20.8.1821 (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 299). 286 Brief von Wilhelm Grimm an Savigny vom 23.8.1831 (Grimm, W., in: ebd. 366). 268 Lienkamp: Aufstand für das Leben Juni 1835 zum ordentlichen Professor der Philosophie ernannt (vgl. Grimm, W. 18381881, 26)287. Zwar fühlen sie sich durch die Personalpolitik ihres hessischen Kurfürsten zurückgesetzt und in ihrem Gerechtigkeitssinn empfindlich getroffen, dennoch halten sie weiter an der in ihren Augen legitimen Institution der Monarchie fest. Allerdings schreibt Jacob im September 1830 an Savigny, dass die Fürsten „ihren alten gewohnheiten und neigungen einige gewalt antun und aufrichtig erkennen“ müssten, „daß die zeit unumschränkter Herrschaft vorüber ist, daß das volk eine andere sicherheit haben will, als die in dem privatcharakter eines sterblichen fürsten liegen kann.“ (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 360) Die einzige Arznei, die den politischen Gesundheitszustand verbessern könne, das steht auch für Wilhelm fest, ist eine Verfassung (Martus 2017, 361). Beide stehen hier schon unter dem Eindruck der Pariser Juli-Revolution von 1830, die in mehreren europäischen Staaten, so auch in Sachsen, Braunschweig, Kurhessen und Hannover hohe Wellen schlägt (vgl. Seitz 1984, 139). Zwar lobt Jacob noch immer an der Monarchie als Staatsform, dass sie in der Vergangenheit für eine gewisse Stabilität gestanden habe, aber er zeigt sich – wie sein Bruder – nun manchen neuen politischen Ideen gegenüber aufgeschlossener. Er sei jetzt, so Jacob in einem Brief an Savigny vom 29. September 1830, den „liberalen“, ja „den revolutionären Gesinnungen weniger abgeneigt“, je näher sie ihm rückten (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 358). Am 20. Dezember 1830 äußert sich Jacob in einem Brief an Hermann Hupfeld kritisch gegen zeitgenössischen Geschichtspessimisten und optimistisch über die jüngsten Revolutionsvorgänge: „Was mich anbelangt, ich glaube doch mehr an einen fortschritt des guten, vieles wurmstichige kann durch die ereignisse weggeschafft werden. Das revolutionäre würde man gern von sich halten, stände es nur im innern Deutschland kräftiger und beruhigender; es läszt sich doch unmöglich verkennen, 287 Jacob ist 1819 von der Universität Marburg zum Doktor der Philosophie sowie 1828 von der Universität Berlin und 1929 von der Universität Breslau zum Doktor beider Rechte ernannt worden (vgl. Grimm, J. 1831, 162). Wilhelm erhält wie sein Bruder 1819 das Doktordiplom der Philosophie durch die Marburger Universität (vgl. Grimm, W. 1831, 183). 269 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren dasz in Braunschweig, Hessen und Sachsen heilsames erreicht worden ist, im gewohnten gleise wäre gar nichts auszurichten gewesen, sondern es muszte in dieser etwas rauhen fractur geschrieben werden.“ (Grimm, J., in: Stengel 1895, Bd. 2, 260) Eine neue Phase des 19. Jahrhunderts, ja der Geschichte beginnt, und in dieser Zeit werden die Grimms zu ‚Helden‘, zu „Helden des Vormärz“ (Bleek 2012, o. S.). 4.1.3 Die ‚Göttinger Sieben‘ Nach dem Tod Wilhelms IV. (* 1765 † 1837), König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland sowie in Personalunion König von Hannover, endet im Jahr 1837 die britisch-hannoversche Personalunion. Ihm folgen auf der Insel seine Nichte Victoria (* 1819 † 1901) und auf dem Kontinent sein antiliberaler Bruder Ernst August. Dieser will „wieder zurück in die gute alte Zeit: als Regenten noch souverän entscheiden durften, als Könige noch echte Herrscher waren und Untertanen ihren Namen noch zu Recht trugen“ (Martus 2017, 381). Zu seinen ersten Amtshandlungen gehören zwei weitreichende Entscheidungen, die für große Empörung sorgen: Mit einem ersten Patent vom 5. Juli 1837 tritt er seine Herrschaft an, ohne die Stände einzubeziehen, und durch ein zweites Patent vom 1. November 1837 erklärt er die geltende Verfassung für ungültig, womit zugleich die alte Landes- und landständische Verfassung von 1819 wieder in Geltung tritt288. Das Königreich Hannover gehörte zu den liberaleren konstitutionellen Monarchien, seit der Vorgänger, Wilhelm IV., im Jahr 1833 das von Friedrich Christoph Dahlmann (* 1785 † 1860) und Johann Carl Bertram Stüve (* 1798 † 1872) entworfene (und von ihm selbst in einigen Punkten eigenmächtig geänderte) Staatsgrundgesetz in Kraft gesetzt hatte. 288 „Nachweislich hatte Ernst August noch vor seinem Regierungsantritt gegen die Verfassung Einspruch erhoben, weil mit ihr ohne seine Zustimmung monarchische Hoheitsrechte preisgegeben und u. a. die königlichen Domänen in eine Art faktisches Staatseigentum umgewandelt werden sollten.“ (Sellert 2012, o. Sp.) 270 Lienkamp: Aufstand für das Leben Abbildung 46: Staatsgrundgesetz. Grundgesetz für das Königreich Hannover nebst dem königlichen Patente, die Publikation desselben betreffend (Windsor Castle 1833, 3) „[…] es war keineswegs eine besonders freiheitliche oder demokratische Verfassung289, aber sie garantierte gewisse parlamentarische Grundrechte und schien im Licht der damaligen Epoche ziemlich liberal.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 260) Den neuen Herrscher stört insbesondere, dass die Landeskinder die konstitutionell verbriefte Legitimation besitzen, das Budget des Königreichs zu überwachen (vgl. Martus 2017, 385). Mit Blick auf die ersten Patente des Regenten spricht Jacob von „Acte[n] unmilder Gewalt“ (Grimm, J. 1838, 13). Letztlich handelt es sich um einen „monarchische[n] Staatsstreich“ (Nipperdey 2013, 376), der gleichzeitig den Eid der königlichen Bediensteten auf das Staatsgrundgesetz außer Kraft setzt290. „Darüber hinaus erging Mitte November eine Kabinettsverordnung, die von allen Beamten des Königsreichs, also auch den Professoren der Landesuniversität, die Einsendung eines Dienst- und Huldigungsreverses verlangte.“ (Seitz 1984, 140) Daraufhin erstellt Dahlmann, wie die mit ihm befreundeten Brüder Grimm Professor an der Philosophischen Fakultät, einen Widerspruch gegen den Verfassungsbruch des Königs, den er am 18. November 1837 Jacob zur Überarbeitung weiterleitet. Neben Dahlmann und den 289 Auch für Grass ist sie „eine Verfassung, die gewiß nicht als freiheitlich gelten konnte“ (Grass 2015, 72). 290 Ernst August I. schreibt: „Ist nun das bisherige Staats-Grundgesetz von Uns für aufgehoben erklärt, so ergiebt sich daraus von selbst, daß die sämmtlichen Königlichen Diener, von welchen Wir übrigens die pünctlichste Befolgung Unserer Befehle mit völliger Zuversicht erwarten, ihrer, auf das Staats-Grundgesetz ausgedehnten, eidlichen Verpflichtung vollkommen enthoben sind. Gleichwohl erklären Wir noch ausdrücklich, daß Wir dieselben von diesem Theile ihres geleisteten Diensteides hiemit entbunden haben wollen.“ (Ernst August I. 1837, 3) 271 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Grimms unterschreiben jedoch nur vier weitere von damals 41 ordentlichen Göttinger Professoren (vgl. Bleek 2012, o. S.)291: Wilhelm Eduard Albrecht (*  1800 † 1876), Heinrich Ewald (* 1803 † 1875), Georg Gottfried Gervinus (*  1805 † 1871) und Wilhelm Eduard Weber (*  1804 † 1891). Die Grimms, Dahlmann und Gervinus sind eng befreundet, die anderen drei sind gut mit Dahlmann und den Brüdern bekannt (vgl. ebd.). Tatsächlich hat nur Gervinus, da er erst 1835 nach Göttingen kam, einen leiblichen Eid auf die Verfassung geschworen. Diese sah zwar in § 161 vor, den Staatsdienern, die vor 1833 bereits im Amt waren, einen zusätzlichen Eid auf das Staatsgrundgesetz abzunehmen, aber König Wilhelm IV. hatte sich einseitig darüber hinweggesetzt und selbstherrlich angeordnet, dass die bisherige „Dienerschaft“ in jeder Hinsicht so angesehen werden solle, „als wäre sie auf die getreue Beobachtung des Grundgesetzes verpflichtet“ (Wilhelm IV., zit. nach Laufs 2006, 256). Adolf Laufs weist darauf hin, dass juristisch betrachtet die absolutistische Verfügung einen „grundgesetzlich gebotenen Eid, d. h. eine persönliche Selbstbindung aus freiem Willensentschluß“, ebenso wenig ersetzen konn- 291 Die ‚Göttinger Sieben‘ fühlten sich vor allem von ihren Kollegen aus der (evangelisch-)theologischen Fakultät schmerzlich verlassen: „Von den Theologen hingegen, den Bewahrern des Glaubens und der Gewissen, wäre am allerersten zu erwarten gewesen, daß sie, eingedenk lutherischer Freimüthigkeit und Standhaftigkeit, ihre Zornschalen kräftig ausgeschüttet und alle Blödigkeit des Zweifels dahin geworfen hätten. Es fehlte nicht an Beistimmung, aber an der Entschlossenheit[,] sie öffentlich zu bekennen.“ (Grimm, J. 1838, 30) Abbildung 47: Die ‚Göttinger Sieben‘. Lithographie von Carl Rohde aus dem Jahr 1837/38 (jeweils von links nach rechts, obere Reihe: Gervinus, Albrecht; mittlere Reihe: Ewald, Dahlmann, Weber; untere Reihe: Wilhelm und Jacob Grimm (Städtisches Museum Göttingen) 272 Lienkamp: Aufstand für das Leben te, wie das bloße Verbleiben im Dienst nach dem Jahr 1833 (Laufs 2006, 256). „Entscheidend ist vielmehr, daß auch die nicht erneut beeidigten Mitglieder der Sieben als Bürger und Beamte des konstitutionellen Königreichs Hannover der rechtswirksamen Verfassung von 1833 Treue schuldeten. Nicht ein fragwürdiger Als-ob-Eid, sondern die übernommenen Ämter begründeten das Recht und die Pflicht der Sieben zu ihrem Schritt. Ihre Pflichtverwahrung bedeutete den Vorbehalt der Gebundenheit an die trotz des königlichen Staatsstreichs unverändert fortgeltende Verfassung.“ (ebd.) In diesem Sinne empfinden sich die Sieben faktisch durch einen Eid an die Verfassung von 1833 gebunden, so dass ihnen das rechtsbrecherischen Ansinnen von König Ernst August I. mehr als impertinent erscheinen musste: „Die Zumutung dieses Eidbruchs war es, viel mehr als der eigentliche Inhalt der umgestürzten Verfassung, die dem Rechtsempfinden der Brüder Grimm unerträglich erschien. Es handelte sich für sie […] um eine reine Gewissensfrage. In ihrem politischen Denken und Empfinden waren die Grimms durchaus konservativ – was man ja nicht mit reaktionär verwechseln darf! –, aber in ihrem rechtlichen, moralischen, menschlichen Empfinden erwuchs ihnen gerade aus diesem Konservatismus, aus der Treue zum Erschaffenen und Erworbenen, eine unbedingte Standhaftigkeit der Gesinnung.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 260 f.) Am selben Tag noch, also am 18. November 1837, senden die sieben Professoren ihren Protest an das Kuratorium der Universität, also der der Hochschule vorgesetzten Behörde, „in deren Verpflichtung es lag, der Regierung ungesäumte Kunde dieses Hergangs zu hinterbringen“ (Grimm, J. 1838, 27): „Wenn […] die unterthänigst Unterzeichneten sich nach ernster Erwägung der Wichtigkeit des Falles nicht anders überzeugen können, als daß das Staatsgrundgesetz seiner Errichtung und seinem Inhalte nach gültig sei, so können sie auch, ohne ihr Gewissen zu verletzen, es nicht stillschweigend geschehen lassen, daß dasselbe ohne weitere Untersuchung und Vertheidigung von Seiten der Berechtigten, allein auf dem Wege der Macht zu Grunde gehe. Ihre unabweisliche Pflicht vielmehr bleibt, wie sie hiemit thun, offen zu erklären, daß sie sich durch ihren auf das Staatsgrundgesetz geleiste- 273 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren ten Eid fortwährend verpflichtet halten müssen […]. Sobald sie vor der studirenden Jugend als Männer erscheinen, die mit ihren Eiden ein leichtfertiges Spiel treiben, eben sobald ist der Segen ihrer Wirksamkeit dahin. Und was würde Sr. Majestät dem Könige der Eid unserer Treue und Huldigung bedeuten, wenn er von Solchen ausgienge, die eben erst ihre eidliche Versicherung freventlich verletzt haben?“ (Göttinger Sieben, zit. nach Hardtwig/Hinze 1997, 110 f.)292 Es sind somit vor allem drei Aspekte, die die Protestierenden, allesamt hoch angesehene Gelehrte, hier herausstreichen: Erstens fühlen sie sich in ihrem Gewissen weiterhin an den auf die Verfassung von 1833 (tatsächlich oder vermeintlich) geleisteten Eid gebunden. „Es steht nicht in der Macht des Königs“, so Jacob, „den einmal vor Gott ausgesprochenen (Eid) zu lösen. Er ist auf die Aufrechterhaltung des Grundgesetzes geleistet, und so lange dies nicht rechtsgültig aufgehoben ist, muß er unverbrüchlich sein.“ Der Eid sei schließlich auch dem Land geleistet (Grimm, J. 1838, 18). Zweitens würden sie als Eidbrecher keine glaubwürdigen Hochschullehrer mehr sein können. Und drittens wäre ein neuer Eid gegenüber ihrem König äu- ßerst labil, weil eine von Eidbrüchigen geleistete Beteuerung nichts mehr wert sei. Dahlmann gibt eine der drei Kopien an Gervinus, dieser eine von ihm angefertigte Abschrift an einen ihm nahestehenden Kollegen und dieser wiederum leiht sie für eine halbe Stunde einem befreundeten Studenten, der sie seinerseits zehn Kollegen diktiert (vgl. Bleek 2012, o. S.). Dann wird die Protestnote im Schneeballsystem weiter vervielfältigt und verteilt, so dass sie bald in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt ist. „Ohne dass die Professoren es beabsichtigt hatten, war aus ihrem internen Schreiben eine öffentliche Protestation geworden.“ (ebd.) Irgendwie gelangt der Text dann an die Presse, so dass es nicht lange dauert, bis der König von der Angelegenheit erfährt. In seiner Verteidigungsschrift macht Jacob deutlich, dass die Antwort der Sieben weder geheim gehalten werden konnte noch sollte. Man habe nur gegen eine „Gewaltmaßregel der Regierung“ Ein- 292 Sie erklärten weiterhin, „dass sie daher an Wahlen nach der vom König wieder in Kraft gesetzten altständischen Verfassung von 1819 nicht teilnehmen und die Beschlüsse einer nach dieser Verfassung gebildeten Ständeversammlung nicht anerkennen würden.“ (Bleek 2012, o. S.) 274 Lienkamp: Aufstand für das Leben spruch erhoben, und wenn der König sein Wort an seine Untertanen richte, so stehe es auch ihnen offen, darauf zu antworten und sich (öffentlich) zu verteidigen (Grimm, J. 1838, 27 f.). Ernst August I. reagiert, wie zu erwarten war. Er ordnet umgehend an, „hart gegen die ‚revolutionäre, hochverräterische Tendenz‘ vorzugehen“ (Laufs 2006, 257). So sind die Grimms, die bisher, wie wir sahen, Monarchisten waren, wenn auch verfassungsbejahende, liberale und kritische, durch ihren Akt zivilen Ungehorsams in den Augen ihres Königs nun Revolutionäre und Hochverräter. 4.1.4 Entlassung, Ausweisung, Exil und Neuanfang Die ‚Göttinger Sieben‘, wie sie bald überall heißen, werden, so Thomas Nipperdey (* 1927 † 1992), „[…] die Märtyrer und die Helden des Liberalismus. Die politische Rolle des Professors kam hier […] auf ihren Höhepunkt; das hat über die Paulskirche noch die nächsten Jahrzehnte geprägt. Zum erstenmal war Widerstand nicht von Radikalen, Literaten, jungen oder kleinen Leuten, sondern von einem Kernelement des bürgerlichen Establishments ausgegangen. […] Hier ging es nicht um eine Revolution im Namen des Naturrechts oder der Volkssouveränität, sondern um Widerstand gegen einen Staatsstreich, im Namen des Rechtes.“ (Nipperdey 2013, 376). Wie die Grimms sind auch die anderen Professoren keine Anhänger der radikal-demokratischen Ideen, wie sie beim Hambacher Fest verkündet wurden, sondern konstitutionell-royalistisch gesinnt, wie Jacob schreibt: „Ich fühle mich eingenommen für alles Bestehende, für Fürsten und Verfassungen.“ (Grimm, J. 1838, 12). Es ist sicher kein Zufall, dass in ihrem ‚Deutschen Wörterbuch‘ die Einträge ‚Demokratie‘ und ‚demokratisch‘ in dem von Wilhelm bearbeiteten Band D fehlen. Dennoch weisen die Brüder jede Form absolutistischer Willkür zurück. Sie unterstützen einen nationalstaatlichen Liberalismus (vgl. Sellert 2012, o. Sp.), der auch durch den Protest der ‚Göttinger Sieben‘ neuen Auftrieb und positives Ansehen erhält. „Denn sie hatten es gewagt, die Grenzen des bevormundenden absolutistischen Staatswesens zu überschreiten und sich einem König entgegenzustellen, der das Rad der Geschichte zurückdrehen wollte.“ (ebd.) Die 275 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren „aufrechten Sieben“ (Bleek 2012, o. S.) sind durch ihre bis heute vorbildliche Aktion „im moralischen Sinne zu einem Inbegriff und zeitlosen Symbol geworden: Für Protest und Widerstandsrecht, für Verfassungstreue und Verfassungskampf, für Meinungsfreiheit und Gewissensfreiheit, für Eidestreue und Zivilcourage, für den politischen Professor und die Freiheit der Wissenschaft, für die Autonomie der Universitäten gegen staatliche Bevormundung, kurzum, sie stehen für den Sieg der Freiheit über die Unfreiheit.“ (Sellert 2012, o. Sp.) Bevor die Ereignisse im Einzelnen berichtet werden und Jacob Grimm selbst ausführlicher zu Wort kommt, sei eine juristische Einschätzung von Adolf Laufs vorangestellt: „Die Gründe, auf welche sich die Amtsenthebung der Sieben stützte, standen in so offenkundigem Widerspruch zur konstitutionellen Verfassung von 1833, daß die Entlassungsreskripte [von König Ernst August I.; A. L.] willkürlich und darum nichtig waren. Denn die Sieben schuldeten nicht ‚einzig und allein‘ dem König als dem Dienstherrn, sondern daneben auch dem Staatsgrundgesetz Treue und Gehorsam. Das konstitutionelle Widerstandsrechts der Göttinger Professoren gründete auf Recht und Pflicht des einzelnen, für die verfassungsmäßige Ordnung des öffentlichen Lebens notfalls auch gegen die eigene Obrigkeit aufzutreten. Die Sieben führten keinen Kampf um die Macht, sondern setzten Amt und Freiheit ein für die positive Verfassungsordnung des Staates, dessen eben begründete Rechtspersönlichkeit das Gemeinwesen vom Monarchen abhob.“ (Laufs 2006, 258) Jacob Grimm selbst schildert die Vorgänge in seiner, im Januar 1838 im Exil verfassten, wegen der Zensur notgedrungen in Basel publizierten Rechtfertigungs- und Anklageschrift ‚Über meine Entlassung‘, die im April des Jahres erscheint. Sein Bruder arbeitet intensiv daran mit293, so dass sie eigentlich ein Gemeinschaftswerk darstellt. Dennoch möchte Wilhelm nicht als Co-Autor genannt werden, „da er nach der Entlassung mit seiner Familie noch in Göttingen lebt“ (Bleek 2012, o. S.) und vermutlich weitere 293 „Der jüngere der Brüder hatte, wie das Originalmanuskript zeigt, wesentlich an der Ergänzung und stilistischen Überarbeitung des Textes mitgewirkt“ (ebd.). 276 Lienkamp: Aufstand für das Leben Sanktionen fürchtet. Die Broschüre, „eine auf größtmögliche öffentliche Wirkung berechnete Polemik“ (Martus 2017, 400), wird nach Deutschland geschmuggelt und dort in Windeseile verbreitet (vgl. Seitz 1984, 142). Auch Friedrich Engels ersteht ein Exemplar. In seinem Brief aus Bremen an die Brüder Friedrich (* 1822 † 1895) und Wilhelm Graeber (* 1820 † 1895) vom 1. September 1838 teilt er diesen mit: „Ich habe neulich Jacob Grimms Verteidigungsschrift mir gekauft, sie ist ausgezeichnet schön und eine Kraft darin, wie man sie selten findet.“ (Engels 1838, in: ders. 1920, 3) Ohne vorherige Anhörung der Betroffenen294 entsendet der König den Befehlshaber des hannoverschen Landdragonerkorps, der am 14. Dezember 1837 dem Prorektor der Universität (Rektor ist der Landesherr selbst) die Urkunden mit der fristlosen Entlassung der sieben Professoren überbringt, die der Hochschulleiter selbst dann den Standhaften aushändigt. Sie hätten den ihm, dem König, „als ihren rechtmäßigen Landes- und Dienstherren schuldigen Gehorsam aufgekündigt, da sie in dem Wahne stehen, die Unterthanentreue nur in dem Falle“ eidlich geloben zu können, wenn das vom König aufgehobene Staatsgrundgesetz von 1833 „fortdauernd Gültigkeit und verbindliche Kraft hätte“. Und Ernst August I. schreibt weiter, ganz im Ton eines absolutistischen Herrschers: „Nach den heiligen von der göttlichen Vorsehung Uns auferlegten Pflichten können Wir Männern, welche von solchen Grundsätzen beseelt sind, die Verwaltung des ihnen verliehenen höchst einflußreichen Lehramtes unmöglich länger gestatten, indem Wir sonst mit Recht besorgen müßten, daß dadurch die Grundlagen der Staaten nach und nach gänzlich untergraben würden […].“ (Ernst August I., zit. nach Thiel 2012, 4). Jacob, Dahlmann und Gervinus wirft man zudem (fälschlicherweise) vor, die Protestschrift an eine englische oder französische Zeitung verschickt zu haben (vgl. Seitz 1984, 141 f.). „Durch mich“, so Jacob, „ist die Urkunde 294 Professoren sind für Ernst August I. sowieso nur „Federvieh der Tintenkleckser“ (zit. nach ebd.). Alexander von Humboldt (1769–1859) berichtet, dass ihm der König auf einer Berliner Abendgesellschaft im Jahr 1842 zu den sieben Göttinger Professoren sogar über den Tisch zugerufen habe: „Professoren, Tänzerinnen und Huren kann man überall für Geld wieder haben.“ (zit. nach ebd.; vgl. Martus 2017, 386) 277 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren sicher in kein öffentliches Blatt gelangt“ (Grimm, J. 1838, 33 Anm. *). Trotzdem verlieren die drei genau deswegen nicht nur ihr Professorenamt, sondern erhalten – ähnlich wie Wilhelm Voigt im ‚Köpenick‘ – zusätzlich eine polizeiliche Landesverweisung, gemäß der sie innerhalb von drei Tagen das Königreich Hannover verlassen müssen (vgl. Seitz 1984, 141). Bei Zuwiderhandlung droht die sofortige Festnahme (vgl. Laufs 2006, 257). „Wer möchte aber schuldlos im Kerker schmachten!“ (Grimm, J. 1838, 39) Zuckmayer verwendet – wie in seinem eigenen Fall – für die Ausweisung Jacobs das Wort „Austreibung“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 284, und ders. 19662013, 43), zieht also allein schon semantisch eine Parallele zwischen sich und dem älteren der Grimm-Brüder. Die von den Studenten geplanten Proteste werden im Keim erstickt: „[…] alle öffentlichen Ansammlungen wurden verboten. Die Obrigkeit setzte die Universitätspedelle in Alarmbereitschaft, verstärkte die Polizeipräsenz und zog vor der Stadt fast 300 Soldaten zusammen.“ (Bleek 2012, o. S.) Jacob findet es in höchstem Maße respektlos, dass seitens der Regierung öffentlich herausgestrichen werde, es seien überwiegend „Ausländer“ gewesen, die Widerstand geleistet hätten (vgl. Grimm, J. 1838, 30). Er fragt zu Recht empört zurück, ob denn die, „welche fünf, zehn, zwanzig Jahre im hannöverischen Lande gelebt und gewirkt haben, noch nicht Auswärtige zu heißen“ aufhören und ob denn „die außerhalb gebornen Unterzeichner der Protestation […] keine Liebe zu dem Lande verrathen, dessen Grundverfassung sie auf Gefahr ihrer Stellung hin zu hegen unternehmen“ (ebd. 31). Es bleibt dabei. Der Ältere der Grimm-Brüder muss das Land verlassen. „Jacobs – und einige Monate später auch Wilhelms – Exil hieß Kassel.“ (Seitz 1984, 24) Absolut enttäuschend ist für Jacob das Verhalten des Prorektors und der Dekane der Göttinger Universität, die auf Geheiß des Königs diesem am 30. November 1837 im Schloss Rothenkirchen ihre Aufwartung machen müssen und deren Deputation sich offenbar ohne jedes Mandat von Professoren, Fakultäten und Senat „nicht bloß von aller Gemeinschaft mit den sieben Protestierenden lossagt, sondern ihre Gesinnung öffentlich schmäht“ (Grimm, J. 1838, 38). Dieser unsägliche Kotau und Verrat gelangt in die Presse, wird auf diese Weise allgemein bekannt und seitens der Universität auch nicht dementiert. Allerdings fassen nun sechs weitere Professoren den Mut, in öffentlichen Blättern zu erklären, dass sie sich von dem schmach- 278 Lienkamp: Aufstand für das Leben vollen Rothenkircher Treubruch gegenüber den ‚Göttinger Sieben‘ distanzieren (vgl. ebd. 40): „Diese zweite Protestation zu Gunsten der bedrohten Constitution von 1833, ihrer Fassung nach schwächer als die erste, stärker hingegen, weil sie nach der schon ausgesprochenen Ungnade des Königs jener sich anzuschließen wagt, ist unsere schönste Ehrenrettung und ein herrliches Zeugnis für den Geist der Universität.“ (ebd. 41) Nicht der Göttinger ‚Alma Mater‘, die für die Sieben aufgehört hat, eine nährende, gütige Mutter zu sein; diese kann Jacob kaum meinen, sondern wohl eher der humanistischen Idee der Universität. Im Vorwort zum ersten Band des ‚Deutschen Wörterbuchs‘, das 1854 erscheint, schreibt er, dass ihnen, den „geächteten“ Göttinger Professoren, in dieser „zugleich drückenden und erhebenden lage“ neben den sechs zusätzlichen Hochschullehrern auch „die öffentliche Meinung schützend zur Seite getreten“ sei (Grimm, J. 1854, I). Jacob, der wie Dahlmann und Gervinus am 17. Dezember 1837 das Land verlässt, schildert in seiner Schrift die unfreiwillige Ausreise. Wie die vier ‚Tiere‘ in ihrem Märchen hat er stets treue Dienste geleistet und dafür nichts als Undank und Erniedrigung geerntet: „[…] die Gewalt nöthigte mich[,] ein Land zu räumen, in das man mich berufen, wo ich acht Jahre in treuem, ehrenvollem Dienste zugebracht hatte. ‚Gib dem Herrn eine Hand, er ist ein Flüchtling,‘ sagte eine Großmutter zu ihrem Enkel, als ich am 16[.] December die Grenze überschritten hatte. Und wo ward ich so genannt? In meinem Geburtslande, das an dem Abend desselben Tages ungern mich wieder aufnahm, meine Gefährten sogar von sich stieß.“ (Grimm, J. 1838, 3) Widerwillig, so Günter Grass, habe ihr Heimatland ihnen Asyl gewährt. Als Ort für den Grenzübertritt wird seitens der ‚Obrigkeit‘ Witzenhausen festgelegt. Den Lohnkutschern wird bei schwerer Strafe verboten, Studenten Pferde oder Wagen zu leihen. So legen am 16. Dezember 1837 rund 400 junge Männer die 25 Kilometer bis zur Landesgrenze zu Fuß zurück, um sich von ihren geschätzten Professoren zu verabschieden. Gegen Mittag erreichen die erste Kutsche mit Dahlmann und Grimm sowie die zweite mit Gervinus dann die Landesgrenze (vgl. Bleek 2012, o. S.; Grass 2015, 19). Was Zuckmayer über Jacob schreibt, gilt genauso auch für die beiden an- 279 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren deren Ausgewiesenen: „Hunderte von Studenten erwarteten ihn an der Werrabrücke, spannten ihm die Pferde aus und zogen seinen Wagen bis zum Schlagbaum, wo sie ihm eine enthusiastische Abschiedskundgebung bereiteten.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 262) Auch Jacob wird also wie die Landesflüchtigen im Bremer Märchen als Flüchtling betrachtet, und wir werden noch sehen, dass Zuckmayer, der in allergrößter Gefahr aus seiner, zum ersten Exil gewordenen, Wahlheimat fliehen muss, sich selbst ebenfalls als „Flüchtling“ bezeichnet (Zuckmayer 19662013, 101). Weil Jacob der Stimme seines Gewissens folgt, verliert er seinen Status als Professur und seinen Arbeitsplatz, sein Einkommen und sein Zuhause, er wird von seinen Bekannten und seiner Habe getrennt, wird aus geplanten und bereits begonnenen Arbeiten herausgerissen und – was ihn besonders schmerzt – von seinem Bruder und dessen Familie abgeschnitten (vgl. Grimm, J. 1838, 7 und 33 Anm. *). Manche der böswillig geschaffenen Probleme lassen sich lösen. Jacob kann bei seinem Bruder Ludwig Emil in Kassel unterkommen, ein Unterstützerverein, den Leipziger Buchhändler, Verleger und Finanziers ins Leben rufen, ersetzt den Entlassenen, die als Helden verehrt werden, bis zu einer Neuanstellung das ausbleibende Gehalt – auch wenn die Grimms die Spendenmittel nicht anrühren, sondern wissenschaftlichen Stiftungen zuleiten (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 262). Wilhelm folgt seiner (bereits am 3. Oktober abgereisten) Familie am 20. Oktober 1838 nach Kassel, weil auch ihn nichts mehr in Göttingen hält, sodass seine Familie, zu der auch Jacob gehört, wieder vereint ist. Trotzdem beginnt erneut eine Zeit der Unsicherheit. „Ende 1837 wußten die Brüder nicht, wie sich ihr Leben in Zukunft gestalten würde. Jacob trug sich noch Mitte 1838 mit dem Gedanken, Deutschland, seinem geliebten Vaterland, auf immer den Rücken zu kehren“ (Seitz 1984, 143). Denn „die Fürsten meinen einen gewissen parfümierten Monarchismus durchführen zu müssen, der nicht den leisesten und ehrlichsten Einspruch erträgt und aller Natur der menschlichen Empfindungen und Rechte Hohn spricht.“ (Grimm, J., zit. nach ebd.) Ganz in diesem Sinne schreibt Jacob am 15. Mai 1838 an Hupfeld: „Es hat sich in den letzten zehn oder fünfzehn jahren ein so überfeines, parfümirtes und unnatürliches System von monarchismus festgesetzt, das nicht den gesundesten kampf gestattet, and neulich von einem preußischen mi- 280 Lienkamp: Aufstand für das Leben nister, gegen welchen im ganzen königreich keine einzige stimme laut zu werden wagt, so widrig zur schau getragen wird, dass man ordentlich froh sein sollte, wenn durch unsere sache die unverjährbaren rechte der menschlichen natur, allem bösen, woher es auch komme, zu widerstreben, gestärkt und hervorgehoben werden.“ (Grimm, J., in: Stengel 1895, Bd. 2, 274) Der ältere Bruder kritisiert hier nicht nur in aller Schärfe den real existierenden Monarchismus, sondern macht sich zugleich für die Menschenrechte stark: insbesondere für die „unverjährbaren rechte der menschlichen natur, allem bösen, woher es auch komme, zu widerstreben“. Dazu gehören die Meinungs- und Pressefreiheit ebenso wie das Recht auf Widerstand (vgl. Art. 5 I und 20 IV GG). Manchen Verfolgten, die über Sibirien und Japan oder über Nordafrika und Brasilien in die Vereinigten Staaten fliehen mussten, so Zuckmayer, mag eine Landesverweisung aus dem Königreich Hannover, die dann im kurhessischen Exil endet, nicht als eine „ausgewachsene Emigration“ erscheinen. Aber er sieht völlig richtig, dass hierbei die Entfernung nicht das Entscheidende ist (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 246). Jacob meint es somit ernst, wenn er davon spricht, auf einmal „in unabsehbare Ferne“ verschlagen zu sein (Grimm, J. 1838, 7). Beide Brüder „mußten“, so Grass, ihre hessische Heimat, in der sie sich erzwungenermaßen und nicht recht erwünscht aufhalten, „als Fremde empfinden“ (Grass 2015, 193). Dazu passt Jacobs Eintrag zum Stichwort ‚Elend‘ im ‚Deutschen Wörterbuch‘: „urbedeutung dieses schönen, vom heimweh eingegebnen wortes ist das wohnen im ausland, in der fremde, und das lat. exsul, exsilium, gleichsam extra solum [außerhalb des Landes; A. L.] stehen ihm nahe. […] da nun fremde und verbannung weh thun und unglücklich machen, nahm elend nach und nach den begrif von miseria an und der ursprüngliche trat vor diesem endlich ganz zurück“ (DWB 3, 406, 409) Die Kunde über die Grimms (und die anderen fünf Göttinger) verbreitet sich in ganz Deutschland und darüber hinaus. Ein Ruf als Professoren an die Universität Marburg, an der sie studiert hatten, wird allerdings durch den Einspruch des hessischen Kurfürsten ebenso vereitelt (vgl. Seitz 1984, 143) wie eine Anstellung als Bibliothekare in Kassel „am Kleingeist der kurfürstlichen Regierung“ scheitert (Grass 2015, 74). Sie sind Personae non 281 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren gratae: eindeutig unerwünscht. Das Land Niedersachsen und dessen Hauptstadt Hannover haben als ‚Nachfolger‘ des Königsreichs den ‚Protestanten‘ erst über 160 Jahre später, dafür aber an prominenter Stelle, nämlich direkt vor dem Landtag, ein begehbares Bronzekunstwerk gewidmet: das Landesdenkmal ‚Die Göttinger Sieben‘. In der offiziellen Begleitbroschüre heißt es: „Die ‚Göttinger Sieben‘ sind noch heute für uns Vorbilder in ihrem persönlichen Mut, Rechtsüberzeugungen um der Freiheit willen zu verteidigen. Der Niedersächsische Landtag erinnert darum mit dem Denkmal der ‚Göttinger Sieben‘ nicht nur an ein bedeutendes Ereignis deutscher Verfassungsgeschichte, sondern bekennt sich damit zugleich zu den darin zum Ausdruck kommenden Bürgertugenden als tragende Grundlagen unseres Gemeinwesens. In diesem Sinne ist das Denkmal ein ‚Denkmal für Zivilcourage‘.“ (Der Präsident des Niedersächsischen Landtages [Hrsg.] 2009, 4) Geschaffen hat das großflächige Werk der Italiener Floriano Bodini (* 1933 † 2005), der den lebensgroßen Figuren absichtlich nicht das aus zeitgenössischen Darstellungen bekannte Aussehen verlieh. Vielmehr gab er ihnen die Gestalt von realen Personen, „in deren Verhaltensweisen er Parallelen zu den Charakteren der ‚Göttinger Sieben‘ fand“ (ebd. 7). So hat sich etwa Bodini in der Figur Jacob Grimms selbst porträtiert; Wilhelm trägt Züge seines Bruders Arturo. Auf dem Pferd im Hintergrund von Abbildung 48 ‚thront‘ König Ernst August I. Drei der sieben Professoren stehen außerhalb des angedeuteten Grenztors, im Raum der Freiheit, der zugleich Ort des Exils ist. Es sind die des Landes verwiesenen Gervinus, Jacob Grimm und Dahlmann (siehe Abbildung 49). Die anderen vier Professoren stehen innerhalb des Königreichs, ohne Amt und Gehalt und immer noch unter der Herrschaft des verfassungsbrüchigen Regenten. Wilhelm, der seinem Bruder bald folgen wird, steht zwar noch mit dem Rücken zur Landesgrenze, aber schon ganz in ihrer Nähe (siehe Abbildung 51). 282 Lienkamp: Aufstand für das Leben 295 295 Ich danke unserem Sohn Marvin Lienkamp für die Fotos vom Landesdenkmal ‚Die Göttinger Sieben‘ (Abbildung 48 bis Abbildung 51). Abbildung 49: Landesdenkmal ‚Die Göttinger Sieben‘ – Die ihres Amtes enthobenen und des Landes verwiesenen Professoren Gervinus, Jacob Grimm und Dahlmann (v. l. n. r.) (Foto: Marvin Lienkamp) Abbildung 48: Landesdenkmal ‚Die Göttinger Sieben‘ – Jacob Grimm, im Hintergrund auf dem Pferd König Ernst August I. (Foto: Marvin Lienkamp) Abbildung 50: Landesdenkmal ‚Die Göttinger Sieben‘ – Buch in der rechten Hand von Georg Gottfried Gervinus, einem der Vertriebenen (siehe Abbildung 49, links) (Foto: Marvin Lienkamp) Abbildung 51: Landesdenkmal ‚Die Göttinger Sieben‘ – Wilhelm Grimm; im Hintergrund rechts: sein Bruder Jacob (Foto: Marvin Lienkamp) 283 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Gervinus hält ein Buch in der Hand und scheint darin zu lesen oder vielmehr daraus vorzulesen. Der Text auf der linken Seite lautet: „Die Freiheit des Gewissens ist unverletzlich. Grundrechte des deutschen Volkes. 27 12 1848.“ Der Satz steht allerdings so nicht in den ‚Grundrechten des deutschen Volks‘ von 1848, wohl aber als Artikel 4 I im aktuellen deutschen Grundgesetz (wenn man die hier grau gesetzten Satzteile auslässt und das Wort „sind“ durch ein ‚ist‘ ersetzt): „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ Artikel V § 14 S. 1 in der Fassung von 1848 lautet hingegen: „Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit.“ (RGBl. 8tes Stück vom 28.12.1848, 52) Durch diesen Kunstgriff schlägt Bodini eine Brücke zwischen beiden Verfassungstexten. Auf der rechten Seite steht „Artikel II § 7. Jeder Deutsche hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern.“ Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre die oberste Zeile mit Artikel und Paragraf die Überschrift für das Folgende. Das passt aber nicht, wenn wir von der Grundrechte-Erklärung vom Dezember 1848 ausgehen, die ja auf der linken Buchseite genannt wird. In dem dort genannten Dokument ist die Meinungsfreiheit nämlich in Artikel IV § 13 geregelt (vgl. ebd.). Plausibel ist der Gedanke, dass der Künstler hier zwei verschiedene Aspekte anspricht, nämlich erst die Gleichheit, dann die Meinungsfreiheit: Abbildung 52: Art. 2 § 7 Grundrechte des deutschen Volks (ebd. 50) Dadurch stellt Bodini nun eine unmittelbare Verbindung her zwischen der „Protestation des Gewissens“ der Göttinger (Dahlmann, zit. nach Der Präsident des Niedersächsischen Landtages [Hrsg.] 2009, 4) und den Diskussionen um die Grundrechte in der Paulskirche von 1848, an denen sich auch Jakob Grimm, wie wir noch sehen werden, intensiv beteiligt. Der Kon- 284 Lienkamp: Aufstand für das Leben trast zwischen § 7 und dem nicht nur auf einem Pferd, sondern zudem noch auf einem Sockel platzierten Herrscher, was ganz seinem Selbstbild entspricht, könnte kaum größer ausfallen. Hinzu kommt, dass ein zweites Buch, das zu Füßen des Göttinger Professors Weber liegt, die Aufschrift trägt: „Nicolò Macchiavelli / Il Principe / 1532“ (deutsch: Der Fürst). In diesem ‚Klassiker‘ moderner politischer Philosophie geht er um den Erwerb, den Erhalt und den Ausbau von Macht in der Hand des Regenten. Was allein zählt, ist der Erfolg und dieser darf nach Macchiavelli (* 1469 † 1527) im Interesse der Staatsräson auch mit Gewalt, ja selbst mit Terror erkämpft werden. Dies könnte heißen, dass der Hannoveraner König, der ja vor Gewalt nicht zurückschreckt, sich als ein solcher Herrscher aufspielt, auch wenn er vermutlich in keiner Weise Macchiavellis hohen Ansprüchen an einen ‚Principe‘ genügt hätte. In Kassel angekommen, stehen Wilhelm und Jakob also wieder einmal vor der Frage, wie sie ihren Lebensunterhalt aus eigenen Kräften bestreiten sollen. Es ist ihre Freundin Bettina von Arnim, die alles ihr Mögliche, auch manches Unkonventionelle unternimmt und dabei nicht davor zurückscheut, ihrem in Preußen einflussreichen Schwager Savigny auf die Füße zu treten und sich direkt an den Kronprinzen zu wenden, um einen Ruf der Brüder nach Berlin zu erreichen. Savigny ist inzwischen Rechtsprofessor an der dortigen Universität, Staatsrat im preußischen Justizministerium sowie juristischer Privatlehrer des Kronprinzen, des späteren Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV., der große Sympathien für die Grimms hegt. Bettina hat Erfolg: Recht bald nach seinem Amtsantritt am 7. Juni 1840, nämlich noch im Herbst des Jahres, beruft der neue König ihre Freunde als Privatgelehrte in seine Hauptstadt, „finanziert aus königlichen Dispositionsmitteln“ (Grass 2015, 93). Schon seit der Göttinger Zeit, seit dem 7. Mai 1832, ist Jacob auswärtiges Mitglied der ‚Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften‘, ab dem 9. März 1841 sind dann beide ordentliche Mitglieder der Akademie296. Damit ist das Recht verbunden, an der von Wilhelm von Humboldt (* 1767 † 1835) gegründeten Universität Vorlesungen zu halten. Das ist ein Kompromiss. Eine offizielle Berufung zu Professoren erhalten sie mit Rücksicht auf den König von Hannover nicht. Des- 296 Zudem waren Jacob vom 22.6.1826 bis 12.4.1832 und Wilhelm vom 12.4.1832 bis 11.2.1841 korrespondierende Mitglieder der Akademie (vgl. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Historische Akademiemitglieder, http:// www.bbaw.de/die-akademie/akademiegeschichte/mitglieder-historisch/alphabe tische-sortierung?letter=G). 285 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren sen ungeachtet werden die neuen Gelehrten von ihren Studenten begeistert empfangen und „als Vertreter einer kompromißlos freiheitlichen Haltung“ gewürdigt (Seitz 1984, 25). Mit Brief vom 2. November 1840 an Jacob übermittelt der ‚Cultus-Minister‘ weiterhin den Wunsch des Königs, „dasz Sie nebst Ihrem Herrn Bruder in den Stand versetzt werden, die gro- ße und überaus schwierige Aufgabe, welche Sie sich in der Ausarbeitung eines vollständigen critischen Wörterbuchs der deutschen Sprache gestellt haben, hier in sorgenfreier Musze unter Benutzung in der Hauptstadt sich darbietender Hilfsmittel und Fördernisse [zu] lösen.“ (zit. nach Grass 2015, 92 f.) Auch wenn die Brüder sehr zu schätzen wissen, was der noch recht junge König für sie getan hat, so ist ihnen doch von Anfang an klar, dass sie nicht im Himmelreich gelandet sind, dass vielmehr auch in Preußen, wie Jacob am 16. November 1840 an Bettina von Arnim schreibt, „dem Recht und der Freiheit noch Kämpfe bevorstehen, ehe sie siegen“ (Grimm, J., zit. nach Martus 2017, 438). Hier, in ihrem neuen Domizil in der Nähe des Tiergartens, kann jetzt also das ‚Deutsche Wörterbuch‘ weiter gedeihen. Es soll, so Wilhelm beim Germanistenkongress in Frankfurt am Main im September 1846, „die deutsche Sprache umfassen, wie sie sich in drei Jahrhunderten ausgebildet hat: es beginnt mit Luther und schliesst mit Goethe.“ (Grimm, W. 1847, 508)297 Die Brüder hatten das Mammutprojekt nach ihrer Entlassung in Göttingen begonnen298, „eine Arbeit von geradezu sagenhafter Gründlichkeit und ingeniöser Stoffdurchdringung […]. Wilhelm, dem nicht Jacobs fast barbarische, physische Arbeitskraft verliehen war, übernahm davon nur den Buchstaben D, Jacob bearbeitete A, B, C, E und F. Bei der Arbeit an dem Artikel Frucht, dem 297 Die Nachfolger der Grimms haben sich nicht daran gehalten und auch spätere Autoren, wie z. B. Heine, berücksichtigt. 298 Jakob schreibt im ‚Vorwort‘ des ersten Bandes des ‚Deutschen Wörterbuchs‘: Als „im jahr 1837 könig Ernst August von Hannover die […] verfassung eigenmächtig umstürzte“ und „mit wenigen andern, die ihren eid nicht wollten fahren lassen (denn wozu sind eide, wenn sie unwahr sein und nicht gehalten werden sollen?), ich und mein bruder unserer ämter entsetzt wurden“, da „geschah uns von der weidmannschen buchhandlung der antrag, unsere unfreiwillige musze auszufüllen und ein neues, groszes wörterbuch der deutschen sprache abzufassen“ (Grimm, J. 1854, I). 286 Lienkamp: Aufstand für das Leben Wort der vollendeten Reife, starb Jacob Grimm, es war seine letzte Ernte.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 263). Bis dahin liegt aber noch ein langer Lebens- und Arbeitsweg vor ihm. Mithilfe des monatlichen Salärs, das ihnen die Verleger Salomon Hirzel und Karl August Reimer (* 1801 † 1858) seit Vertragsbeginn zahlten, zuzüglich der Einnahmen aus anderen Publikationen, konnten sie auf die Alimentierung durch den Leipziger Unterstützerverein verzichten. Mit dem großangelegten Lexikon verfolgen die Grimms nicht nur ein sprachwissenschaftliches, sondern auch ein politisches Ziel, nämlich das der deutschen Einigung. Schon dass ihnen „Männer von den Schweizerbergen bis zu der Ostsee, von dem Rhein bis zur Oder“ zuarbeiten (Grimm, W. 1847, 509), zeigt die seinerzeit grenzüberschreitende Stoßrichtung. Wilhelm spricht vom „hohen Werth der Sprache, die ein Volk noch zusammen hält, wenn andere Stützen brechen“ (ebd. 519). Darüber hinaus sei die Schriftsprache „das Gemeinsame, das alle Stämme verbindet“ (ebd. 512). Jacob nennt das Wörterbuch darum im ‚Vorwort‘ des ersten Bandes ein „vaterländisches werk“ (Grimm, J. 1854, LXVIII) und lädt abschließend alle ein: „Deutsche geliebte landsleute, welches reichs, welches glaubens ihr seiet, tretet ein in die euch allen aufgethane halle eurer angestammten, uralten sprache“ (ebd. LXVIII). Auf die Zeit im Königreich Hannover und die Landesverweisung sowie auf den Wechsel von Kassel nach Berlin zurückblickend, sagt Jacob 1860: „unsern schritt habe ich noch keinen augenblick bereut und wenn ich an Göttingen denke, preise ich Gott, dasz er mich von da, wo es jetzt unausstehlich ist[,] weggebracht hat.“ (Grimm, J. 18601879, 183) In Berlin hält er eine programmatische Antrittsvorlesung ‚Über die Altertümer des deutschen Rechts’, in der er sich mit dem Zusammenhang von Geschichte, Recht und Freiheit auseinandersetzt. So sehr er für seinen König mitunter Partei ergreifen kann, so sehr sieht er auch in Preußen „die Fehler und Mängel der Regierung, die ihm vor allem in der Person Friedrich Wilhelms IV. begründet schienen“ (Seitz 1984, 144). Jacob wirft ihm Antikonstitutionalismus und Hyperroyalismus vor (vgl. ebd. 145) und attestiert ihm eine „kindische Furcht vor der Repräsentativverfassung“, auf deren Grundlage allein „man stolz und ruhig leben kann“ (Grimm, J., zit. nach ebd. 146). Als die Germanisten 1846 ihre erste Versammlung abhalten, wählen sie als Tagungsort ganz bewusst nicht eine Residenz-, sondern mit Frankfurt am 287 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Main eine freie Reichsstadt. „Der tiefere Sinn der Versammlung war, vor der Kulisse des gärenden, zersplitterten Vaterlandes, die Demonstration eines liberal und demokratisch gefärbten Nationalismus, der die Einheit Deutschlands anstrebte.“ (Seitz 1984, 146) Zusammen mit Forschern auf den Gebieten des Rechts, der Geschichte und der Sprache nehmen auch Wilhelm und Jacob teil. Ludwig Uhland (* 1787 † 1862) schlägt Jacob als Vorsitzenden vor, der auch prompt per Akklamation gewählt wird, „nicht nur, weil er Jurist, Historiker und Philologe in einer Person war, sondern auch mit dem unausgesprochenen Akzent auf seiner Beteiligung am Göttinger Protest.“ (ebd.)299 Nach Einschätzung von Wilhelm Bleek gehen die ‚Göttinger Sieben‘ aufs Ganze gesehen als Sieger aus dem Verfassungskonflikt hervor. Ihr immer noch und immer wieder erinnerter Widerstand gegen die Willkür eines heute nahezu vergessenen Willkürherrschers gelte bis heute als ein Sinnbild staatsbürgerlicher Verantwortung und zivilen Mutes (vgl. Bleek 2012, o. S.): „Ihre Lauterkeit und die dramatischen Umstände ihres Protests machten die unbeugsamen Professoren zu nationalen Helden des deutschen Vormärz. In diesen gesinnungsfesten Männern sah das Bürgertum all jene Werte verkörpert, nach denen es strebte und deren es sich immer wieder aufs Neue vergewisserte: Recht und Gerechtigkeit, Ehre und Treue, Gewissen und Überzeugung, Mut und Verantwortungsgefühl. Kein Wunder, dass vier der Sieben – Albrecht, Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm – 1848 in die konstituierende Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gewählt wurden.“ (ebd.) Diese Versammlung und Jacobs Rolle darin werden nun Gegenstand der Untersuchung sein. 4.1.5 Jacob Grimm als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung Das geschichtsträchtige Jahr 1848 ‚beginnt‘ im Februar mit der Revolution in Paris. Aber nicht nur in der französischen Hauptstadt, auch in Berlin entlädt sich der Unmut der Bevölkerung in blutigen Straßenkämpfen, die 299 Jacob Grimm wird auch zum Vorsitzenden der zweiten, 1847 in der Hansestadt Lübeck abgehaltenen Germanistenversammlung gewählt (vgl. Grimm, J. 1869, 490). 288 Lienkamp: Aufstand für das Leben am 18. März das Zentrum beherrschen und viele Menschen das Leben kosten. In seiner wenige Tage später veröffentlichten Proklamation ‚An mein Volk und an die Deutsche Nation‘ vom 21. März bekennt sich Friedrich Wilhelm IV. dann überraschend zur Freiheit, zu gleichen politischen und bürgerlichen Rechten, zur deutschen Einheit und „zur Einführung wahrer constitutioneller Verfassungen“ (Friedrich Wilhelm IV. 1848, 2). Preu- ßen gehe fortan in Deutschland auf (vgl. ebd. 1). Auch wenn hinter diesen Beteuerungen wohl vor allem strategische Gründe stehen: Diese Proklamation hätte es ohne die März-Revolution nicht gegeben. Die Aufstände in Berlin und in anderen deutschen Städten geben der alten Forderung nach einem deutschen Nationalparlament einen deutlichen Schub. So wird für Anfang April 1848 ein Vorparlament einberufen, das die Wahl zu einer Nationalversammlung beschließt – das erste frei gewählte Parlament Deutschlands. Jacob Grimm wird nachträglich zum Abgeordneten dieser ‚deutschen constuirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main‘ gewählt300, die zum ersten Mal am 18. Mai in der Paulskirche tagt und nicht weniger als einen Staat zu gründen und diesem eine Verfassung zu geben hat301. Er nimmt vom 25. Mai bis zum 2. Oktober 1848 an den Sitzungen teil und liefert in dieser Zeit überaus wichtige Beiträge302. Man gibt ihm – und nur ihm – einen Ehrenplatz in der ersten Reihe direkt vor dem Rednerpult, womit die Versammlung ihre hohe Wertschätzung für den unbeugsamen Vorkämpfer der ‚Göttinger Sieben‘ und den Grandseigneur der Wissenschaft zum Ausdruck bringt. Den Wählern seines Bezirks teilt er in einem Artikel der ‚Allgemeinen Politischen Nachrichten‘ vom 25. Mai 1848 seine Position mit, für die er in der Paulskirche eintreten will: „Ich bin für ein freies, einiges Vaterland unter einem mächtigen König, und gegen alle republikanischen Gelüste“ (Grimm, J., zit. nach Hock 2016, o. S.). Immer noch steht er also trotz seiner liberalen Ansichten republikanischen Ideen ablehnend gegenüber, weil für ihn 300 „Jacob G.[rimm] wurde als Abgeordneter des 29. Wahlbezirks Essen, Altenessen, Steele, Borbeck, Werden, Kettwig und Mülheim/Ruhr im damaligen Rheinpreu- ßen nachgewählt und traf deshalb erst fünf Tage nach Eröffnung der Deutschen Nationalversammlung wieder in Ffm. ein.“ (Hock 2016, o. S.) 301 „Unter den 568 Mitgliedern befanden sich 319 Juristen und Verwaltungsbeamte, 104 Gelehrte, 38 Kaufleute, 1 Bauer, kein Arbeiter.“ (Martus 2017, 463) 302 Jacob Grimm spricht im Plenum insgesamt viermal und nimmt an 23 Abstimmungen teil (vgl. Seitz 1984, 151). 289 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren eine Republik ein „künstlich geschaffenes Konstrukt, etwas nicht historisch Gewachsenes“ wäre (Seitz 1984, 152). Für ihn muss sich – das gilt aber, wie wir sahen, für beide Brüder – alles langsam entwickeln, auch im Bereich des Politischen, dann kann es Wert haben. Allerdings könnte man ihm entgegenhalten, dass sich in Deutschland auch Verfassungen nicht so schleppend entfaltet haben, und dennoch kann er sie inzwischen aus voller Überzeugung gutheißen. Im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen stehen zwei besonders wichtige Interventionen Jacobs zu den ‚Grundrechten‘ in der neuen gesamtdeutschen Verfassung, die seiner Meinung nach nicht nur „eine Satzung des Rechts, sondern ein Bekenntniswerk“ darstellen soll (ebd.). Abbildung 53: Titel der Stenographischen Berichte über die ‚Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main‘ (Bd. 1, Frankfurt/M. 1848) Die erste seiner hier behandelten Eingaben beginnt mit einer überraschenden Aussage: „Zu meiner Freude hat in dem Entwurf des Ausschusses unserer künftigen Grundrechte die Nachahmung der französischen Formel ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘ gefehlt.“ (Grimm, J., in: Stenographischer Bericht, Bd. 1, 1848, 737) Mit diesem Satz beginnt der inhaltliche Teil der Begründung Jacob Grimms zugunsten seines Vorschlags für einen Artikel 1 der Grundrechte. In seinem Plädoyer setzt er sich dafür ein, den Begriff der Freiheit an die Spitze der Verfassung zu stellen. Nicht mit dieser hat er ein Problem, ganz im Gegenteil, wohl aber mit einem bestimmten Verständnis von Gleichheit und Brüderlichkeit, vielleicht auch mit der ganzen Parole sowie mit der französischen Revolution, für die sie steht. Grass meint, dass Jacob nur die Freiheit als Baustein einer zukünftigen Verfassung wirklich wichtig ist; „so brüderlich Jacob mit Wilhelm umging, so wenig hielt er von außerfamiliärer fraternité; und der égalité sah er sich, bei aller ihm eigenen Bescheidenheit, weit enthoben.“ (Grass 2015, 159) Ob dem wirklich so ist, wird nun zu prüfen sein. Dazu werden die drei Teile 290 Lienkamp: Aufstand für das Leben der Parole und Jacobs Haltung dazu zunächst je für sich und dann in ihrer Beziehung zu den anderen Begriffen betrachtet. Freiheit Schon von Beginn seiner wissenschaftlichen und politischen Tätigkeit an ist Freiheit für Jacob ein ganz zentraler Wert. So erläutert er seinem juristischen Lehrer Savigny in einem Brief vom 20. August 1821, dass für ihn eine gute Staatsverfassung die ist, die „nicht alles durchdringen, alles ausfüllen will, die nicht alles auf sich bezieht und sich allen menschlichen Dingen oben auflastet. Der Staat soll den Menschen für sich schalten lassen“ (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 299). Als die Brüder in Göttingen ihrem König Ernst August I. den Gehorsam versagen und ihm Widerstand leisten, indem sie sich weigern, ihrem Eid auf die Verfassung untreu zu werden, da „machen sie von ihrer Freiheit Gebrauch“ (Grass 2015, 224), ihrer Freiheit, das zu tun, was sie für richtig halten, was ihrem Gewissen und ihrer tiefsten Überzeugung entspricht. Interessant ist, dass Jacob dann in der erwähnten 31. Sitzung der konstituierenden Nationalversammlung, die am 4. Juli 1848 in der Paulskirche stattfindet, einen eigenen, auch in unserem Kontext wichtigen Antrag (mit der Nummer XXXIII.) einbringt. Er betrifft die „Grundrechte des deutschen Volks“, näherhin den ersten Artikel. Im Vorfeld entwirft er zunächst eine längere Fassung, die das Thema Freiheit mit dem der Sklavenbefreiung verbindet (siehe Abbildung 56). Wichtige Anstöße dazu stammen von Friedrich Wilhelm Carové, den die Grimms schon aus den 1810er Jahren kennen (vgl. Seybold 2012, 216 f.) und der auch zur Sammlung der KHM beigetragen hat (siehe Fußnote 176). Tatsächlich bringt Jacob dann aber eine Abbildung 54: Die Losung der Revolution auf einem französischen Franc aus dem Jahr 1957. Gemäß einer nachträglichen, aber schon frühen Interpretation entspricht die Farbe Blau der Liberté, Weiß der Égalité und Rot der Fraternité (eigenes Foto) 291 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren kürzere Fassung ein, die auf die Thematik der Sklavenbefreiung verzichtet. Möglicherweise fürchtete er um eine Mehrheit. Artikel 1 soll nach Jacobs Vorstellung wie folgt lauten: „Alle Deutschen sind frei und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.“ (Grimm, J., in: Stenographischer Bericht, Bd. 1, 1848, 729 und 737) Zu Gunsten seines Antrags wolle er nur wenige Worte vortragen: „[…] der Begriff von Freiheit ist ein so heiliger und wichtiger, daß es mir durchaus notwendig erscheint, ihn an die Spitze unserer Grundrechte zu stellen. Ich leite also aus dem Rechte der Freiheit noch eine mächtige Wirkung der Freiheit her, wie sonst die Luft unfrei machte, so muß die deutsche Luft frei machen.“ (ebd. 737) Jacob überträgt damit das Vorbild der freien Reichsstadt und des seit dem späten Mittelalter geltenden Grundsatzes ‚Stadtluft macht frei‘ auf den Verfassungsstaat, so dass schon der Aufenthalt auf dessen Territorium unmittelbar den personenrechtlichen Status verändert (vgl. Seybold 2012, 225). Vielleicht hatte Jacob ja, als er seine Intervention vorbereitete, das Märchen von den ‚Bremer Stadtmusikanten‘ im Kopf. Im ‚Rheinischen Merkur‘ vom 6. August 1814 beschreibt er das Erlebnis, wenn man „aus einer Fürsten- in eine freie Reichsstadt“ komme, etwa „aus Hannover nach Bremen“. Dort seien die Menschen „reiner, freyer und sich treuer geblieben“ (Grimm, J. 6.8.1814, 2). In seinem Buch ‚Deutsche Rechtsalterthümer‘ referiert Jacob eine Passage aus dem ‚Salischen Recht‘ (Lex Salica), und zwar aus dem Kapitel „De migrantibus“: „Si quis vero admigravit et ei aliquis infra XII menses nullus testatus fuerit, ubi admigravit securus (? frei) sicut alii vicini consistat.“ (48,2 [= 45,3]) (Grimm, J. 1828, 399) – „Wenn jemand aber hinzugekommen ist und ihm niemand innerhalb von zwölf Monaten eine [unter Zeugen geschehende Aufforderung, den Ort zu räumen,]303 gegeben hat, [ist er,] wo er hinzuge- 303 Dieser Zusatz in eckigen Klammern ist der Übersetzung von Heinrich Zoepfl entnommen (Zoepfl 1879, 205). Er geht von folgender Fassung des Urtextes aus: „Si vero quis migraverit et ei infra duodecim menses nullus testatus fuerit, securus sicut et alii vicini manent ille maneat.“ Seine Übertragung des Satzes lautet: „Zieht aber Jemand anderswohin und wird ihm innerhalb zwölf Monate keine unter Zeugen geschehende Aufforderung, den Ort zu räumen, so hat er nichts zu befürchten und kann wohnen bleiben, wie seine andern Nachbarn wohnen.“ (XLV. De migrantibus bzw. Von Ziehenden) 292 Lienkamp: Aufstand für das Leben kommen ist, sicher und bleibt [dort] wie die anderen Nachbarn.“ (eigene Übers.) Die Rechtsregel „die luft macht frei“, so Jacob, bewillige hier „dem ankömmling das recht der leute“, unter denen er sich niederlasse. Und er ergänzt: „Daß durch niederlassung unter freie jemals knechtschaft entsprungen sei, bezweifle ich.“ (ebd.) Jacob berichtet weiterhin von einem Fall, in dem die Knechtschaft „stillschweigends gelöst wurde, durch bloße niederlaßung unter freien […]. In diesem sinne macht die Luft auch frei. Wenn der herr binnen jahr und tag seinen knecht nicht zurückforderte, d. h. in der rechtssprache ihm nicht nachfolgte, so mußte er ihn ruhig sitzen laßen.“ Im Mittelalter habe dies ganz sicher für Städte gegolten, „welche Leibeigene in sich aufnehmen“ (ebd. 337). Nachdem Jacob seinen Vorschlag für einen neuen Artikel 1 im Plenarsaal begründet hat, gibt es ein „Bravo von vielen Seiten“ (Stenographischer Bericht, Bd. 1, 1848, 737). Daraufhin beantragt der Abgeordnete Wilhelm Jordan (* 1819 † 1904) eine sofortige Abstimmung per Akklamation, da aus seiner Sicht der Freiheitsgedanke gewiss würdiger als jeder andere sei, an der Spitze der Verfassung zu stehen. Der Versammlungspräsident Heinrich von Gagern (* 1799 † 1880), dem der Antrag Grimms inhaltlich offensichtlich missfällt, unterbindet jedoch ein solches Vorgehen. So wird erst elf Tage später in der 38. Sitzung am 15. Juli 1848 abgestimmt, ohne dass Jacob nochmals seine Argumente in Erinnerung rufen könnte. Erneut spielt von Gagern ein unsauberes Spiel (vgl. Seybold 2012, 229): Bevor er zum Votum aufruft, erwähnt er überflüssigerweise, dass sich der Verfassungsausschuss gegen die Annahme des Grimm’schen Antrags erklärt habe. Dieser lautet leicht abgeändert nun: „Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.“ (Grimm, J., in: Stenographischer Bericht, Bd. 2, 1848, 1063 ; siehe Abbildung 55) 293 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren 304 304 Die §§ 2–3 sind die von Carové angestoßenen. – Zuckmayer, der sich mit seiner Familie im Juli 1941 in Vermont niederlässt, erinnert in seinen Altersmemoiren an die erste Verfassung des nordöstlichen US-Bundesstaats aus dem Jahr 1777 (!), in der bereits „die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung aller Rassen und Religionsbekenntnisse“ deklariert worden sei (Zuckmayer 19662013, 584). Zum Begriff ‚Rasse‘ siehe Fußnote 308. „Als Artikel 1 vor Art. 1 des Entwurfs[,] der dann 2 würde[,] einzuschalten: Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen[,] macht er frei. Verbesserungsantrag von Jacob Grimm“ Abbildung 55: Jacob Grimms handschriftlicher Entwurf von Artikel 1 der Grundrechte, über den am 15. Juli 1848 in der Frankfurter Paulskirche abgestimmt wird (Bundesarchiv-Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte im Rastatter Re si denzschloss) „Artikel 1. § 1. Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei. § 2. Für deutschen Boden gelten auch deutsche Schiffe oder Schiffe unter deutscher Flagge segelnd, und welcher Sclave ihren Rand betritt[,] wird sofort frei. § 3. Kein Deutscher darf einen Sclaven halten, noch sich unmittelbar oder wissentlich mittelbar betheiligen bei Unternehmungen[,] die auf Sclavenhandel ausgehn oder nur mittelst Sclaven in Ausführung gebracht werden können. § 4. Wer diesem zuwider handelt und dessen durch ein Gericht überführt wird, geht der deutschen Bürgerrechte verlustig.“ Abbildung 56: Jacob Grimms handschriftlicher Entwurf für einen erweiterten Artikel 1 der Grundrechte von 1848, den er nicht einbringt und der folglich auch nicht zur Abstimmung kommt (Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, in: Seitz 1984, 165) 294 Lienkamp: Aufstand für das Leben Jacob verwendet hier den Begriff der „Knechtschaft“ nicht etwa aus Liebe zu altertümlichen Formulierungen, sondern als präzisen juristischen Oberbegriff für Sklaverei, Leibeigenschaft und andere Formen von Abhängigkeitsverhältnissen. „Boden“ meint einerseits Ackerboden, was darauf hindeutet, dass Leibeigenschaft gerade im ländlichen Raum vorherrscht. Mit „Boden“ ist aber vor allem das Staatsgebiet gemeint. Durch das bloße Betreten dieses Terrains werden Nichtdeutsche aus Jacobs Sicht frei, das heißt nicht bloß während ihres Verweilens in Deutschland, sondern für alle Zeiten: „Damit setzte er nicht nur die Geltung des Rechts des Herkunftslandes innerhalb des deutschen Gebietes außer Kraft, sondern das deutsche Recht verdrängte im Prinzip vollständig die Regelungen der fremden Rechtsordnung. Der Unfreie wäre anders als bei der Fiktion seiner Freiheit bei einem Statuswechsel innerhalb Deutschlands auch bei seiner Rückkehr in sein Herkunftsland Freier geblieben.“ (Seybold 2012, 224) Die Abstimmung fällt denkbar knapp aus. Für den Antrag stimmen 192 Abgeordnete, dagegen 205 Parlamentarier. Sieben Stimmen mehr und Grimms Formulierung hätte an oberster Stelle des 1848er-Grundrechtekatalogs gestanden! Wie seine Begründung zeigt, überträgt er den Grundsatz ‚Stadtluft macht frei‘, der so ja auch in Bremen galt, auf das ganze Land (vgl. ebd. 225). Im Unterschied zu der alten Regelung, bei der eine Frist von ‚Jahr und Tag‘ galt, will Jacob für das künftige Deutschland allerdings den Fortfall jeglicher Fristen, wie § 2 der Langfassung zeigt, wonach der Statuswechsel unverzüglich eintritt. Der zentrale (grund-)rechtliche Gedanke der ‚Bremer Stadtmusikanten‘, die Utopie der Freiheit, einschließlich der Brechung von Hörigkeit und Leibeigenschaft für alle, auch die Immigrierten, wäre also beinahe Bestandteil der ersten gesamtdeutschen Verfassung geworden. Jacob Grimm habe versucht, so Steffen Seybold, eine Mehrheit dafür zu gewinnen, das Recht der persönlichen Freiheit „verfassungsrechtlich abzusichern und damit Sklaverei und Leibeigenschaft für unzulässig zu erklären“ (ebd. 222). „Nicht staatsorganisationsrechtliche Artikel wären nach dem Willen Grimms an der Spitze der Verfassung von 1849 gestanden, sondern die Freiheit als Inbegriff der Grundrechte der Deutschen und aller Menschen. Während sie in der Verfassung des Deutschen Reichs von 1871 nicht festgelegt waren, 295 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren standen die ‚Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen‘ am Ende der Weimarer Reichsverfassung von 1919. Zu Recht bilden die Grundrechte nun den Anfang des deutschen Grundgesetzes, wie es sich für eine Verfassung gebührt, die nicht die Bürger als Mittel des Staats, sondern den Staat als Mittel seiner Bürger begreift.“ (ebd. 231) Im vierten Band des ‚Deutschen Wörterbuchs‘ gehört der Artikel ‚Freiheit‘ zu den letzten, die Jacob kurz vor seinem Tod noch fertigstellt. Darin findet er ein treffendes Bild für diesen „gegensatz zu knechtschaft und unterwürfigkeit“, das auch auf die vier Bremer Stadtmusikanten zutrifft: „der älteste und schönste ausdruck für diesen begrif war der sinnliche freihals, collum liberum, ein hals, der kein joch auf sich trägt“ (DWB 4, 111). Sein kurzer Artikel ‚Freiheitsgesetz‘ stellt – kommentarlos – einen zentralen Satz Kants aus dessen ‚Rechtslehre‘ an den Beginn: „oberhaupt des staats kann, nach freiheitsgesetzen betrachtet, kein anderer als das vereinigte volk sein“ (ebd. 114)305. Sollte Jacob damit zum Ausdruck bringen wollen, dass er den jeweiligen Regenten dem Volk unterordnet, oder, noch weitergehend, dass er sich nunmehr den Gedanken der Demokratie und Volkssouveränität zu eigen macht? Die „gewaltsame unterdrückung der freiheit“ ist für Jacob auf jeden Fall „Freiheitsmord“, also ein schweres Verbrechen (ebd.). Gleichheit „Die Menschen sind nicht gleich“, lautet Jacobs lapidare ‚Begründung‘ zum zweiten Teil des von ihm abgelehnten Leitspruchs der französischen Revolution (Grimm, J., in: Stenographischer Bericht, Bd. 1, 1848, 737). Wenn er, wie er in einem Brief an Savigny vom 29. September 1830 schreibt, mit Ungleichheit der Menschen „Eigentümliches, ihre individuellen Unterschiede“, meint (Seitz 1984, 139), so hat er natürlich Recht, denn die Menschen sind in dieser Hinsicht verschieden. Wenn er allerdings aus diesem Sein ein Sollen ableitet, wie in demselben Schreiben, so erliegt er einem naturalistischen Fehlschluss. Daraus, dass die Menschen unterschiedlich sind, lässt sich keine „scharfe[ ] Ungleichheit der Stände“, keine Rechtfertigung dafür ableiten, dass die einen befehlen und die anderen gehorchen 305 Im Original lautet der Satz: „Oberhaupt“ des Staats „(kann) nach Freiheitsgesetzen betrachtet, kein Anderer als das vereinigte Volk selbst sein“ (Kant 1793, 315). 296 Lienkamp: Aufstand für das Leben (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 358). Seitz erklärt Jacobs hier zu Tage tretende Haltung mit dem Einfluss der Romantik: „Aus dem Erlebnis der Individualität heraus lehnten die Romantiker das Schlagwort der Gleichheit ab. Ihrer Ansicht nach kann Freiheit nur entstehen, wenn die Verschiedenheit der menschlichen Naturen zu ihrem Recht kommt. Die Ungleichheit der Menschen ist naturgegeben und darf nicht durch ‚barbarische Gleichmacherei‘ […] gestört werden. […] Das Ziel dürfe […] nicht ‚Einerleiheit‘, sondern ‚organische Einheit in der Mannigfaltigkeit‘ sein“ (Seitz 1984, 139 f.). Diese Gedanken Joseph von Eichendorffs (* 1788 † 1857) fänden sich, so Seitz, auch in Jacobs Idealvorstellung einer politischen Gemeinschaft wieder (vgl. ebd. 140). Angesichts dessen ist es erstaunlich, wieso er es nicht schafft, individuelle Verschiedenheit einerseits und gleiche Würde und Rechte andererseits zusammenzudenken. Bei der Freiheit ist es ihm doch gelungen, ein gleiches Recht auf Freiheit für alle Menschen festzustellen, nicht nur für Deutsche. Bezogen auf diese schreibt Jacob in einem Brief an Wilhelm vom 29. Juli 1848, dass ihm die deutsche Einheit „das höchste“ sei und dass kein Deutscher dabei verliere, „denn einer soll wie der andere stehn“ (Grimm, J., in: Rölleke [Hrsg.] 2001, 745). Das kann nur eine rechtliche Gleichstellung meinen. In seiner Autobiografie berichtet er aus seiner Zeit am Lyzeum in Kassel, dass ihn dort ein Lehrer namens Cäsar „nach alter Sitte er anredete, während alle meine Schulkameraden aus der Stadt ein Sie bekamen“: „solche Ungleichheit […] sollte sich ein Lehrer nie erlauben, weil sie von allen schülern lebhaft wahrgenommen wird“ (Grimm, J. 1831, 150). Wenn er sich über die Ungerechtigkeit solcher Ungleichbehandlung empört, muss er – trotz aller sonstigen Verschiedenheit – von der Geltung einer grundlegenden Gleichheit der Menschen an Würde und Rechten ausgehen. Es gibt in diesem Zusammenhang eine interessante Anekdote. Mit dem ersten Teil der zweiten Ausgabe seiner ‚Deutschen Grammatik‘ aus dem Jahr 1822 verwendet Jacob nur noch die Kleinschreibung, das heißt, lediglich das Wort am Satzanfang (später dann auch das nicht mehr) sowie Namen werden großgeschrieben, denn, so seine Begründung, „die groszen Buchstaben heben die Neutralität und Gleichheit aller Wörter in dieser Re- 297 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren publik auf “ und „führen einen unbegründeten Adel ein“306 In dieser scherzhaft gemeinten Erklärung sieht Martus dennoch einen „politischen Hintersinn“ (Martus 2017, 295). In seiner Rede beim ersten Frankfurter Germanistenkongress Ende September 1846 geht Wilhelm darauf ein. Die gro- ßen Buchstaben aufzugeben sei doch das Natürlichste von der Welt und geschichtlich wohl begründet. Dennoch erschrecke man davor „wie vor einer Umwälzung der bestehenden Ordnung“ (Grimm, W. 1847, in: ders. 1881, 516). Das führt uns zu einer zweiten bedeutsamen Wortmeldung Jacobs in der Frankfurter Paulskirche. Er nimmt darin erneut zu den Grundrechten Stellung, diesmal zu Artikel II, § 6, der in der Fassung des Ausschusses lautet: „Alle Deutschen sind gleich vor dem Gesetze. Standesprivilegien finden nicht statt. Die öffentlichen Aemter sind für alle dazu Befähigten gleich zugänglich. Die Wehrpflicht ist für Alle gleich.“ (Stenographischer Bericht, Bd. 2, 1848, 1291) In der 52. Sitzung der ‚deutschen constituirenden National-Versammlung‘ am 1. August 1848 vertritt Grimm die These, dass „der Adel als bevorrechteter Stand aufhören müsse“. Der Adel werde „künftig aus Vorrechten heraustreten und in allen Standesbeziehungen jedem Andern gleich sein […]. Daß aber jene Vorrechte bestanden, haben wir bis auf die letzte Zeit oft mit Schmerzen erlebt.“ (Grimm, J., in: ebd. 1311) Dazu verweist er auf starke und schreiende Verletzungen zu Gunsten des Adels, die vorgekommen seien. Sein Antrag lautet deshalb wie folgt: „Aller rechtliche Unterschiede zwischen Adeligen, Bürgerlichen und Bauern hört auf, und keine Erhebung weder in den Adel noch aus einem niedern in den höheren Adel findet statt.“ (ebd.) Der Adel werde dann mit der Zeit von selbst erlöschen (vgl. ebd.). Auch dieser Antrag wird knapp abgelehnt, was von den mit ‚Nein‘ stimmenden Anwesenden durch Aufstehen von den Plätzen kundgetan wird. Obwohl mehrere Abgeordnete eine Zählung der Stimmen fordern, geht Sitzungspräsident von Gagern darüber hinweg (vgl. Stenographischer Bericht, Bd. 2, 306 Brief von Jacob Grimm an Karl Hartwig Gregor von Meusebach (1781–1847) vom 24.12.1822 (zit. nach Wendeler [Hrsg.] 1880, 6). 298 Lienkamp: Aufstand für das Leben 1848, 1346)307, wodurch Jacob erneut benachteiligt wird. Was aber deutlich wird und für unseren Zusammenhang wichtig ist: Er strebt die Abschaffung aller Standesprivilegien und die Herstellung rechtlicher Gleichheit an – ein klares Votum für Égalité. Ein halbes Jahr nach dem Tod Wilhelms hält Jacob auf Einladung der Berliner Akademie am 5. Juli 1860 eine Rede zum Gedenken an den Bruder, mit der er nicht nur dem Verstorbenen, sondern „der Brüderschaft überhaupt“ ein Denkmal setzt, wobei ihm die Brüderschaft, „sozusagen unter der Hand, zum Symbol und Kern menschlicher Gemeinschaft, zur sittlichen Grundlage der Gesellschaftsbildung erwuchs“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 285). Im Grunde greift er damit auf Johann Gottlieb Fichtes (* 1762 † 1814) Schrift ‚Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten‘ zurück. In der zweiten Vorlesung „Ueber die Bestimmung des Menschen in der Gesellschaft“ schreibt dieser, dass die soziale Anlage, der „gesellschaftliche Trieb“ des Menschen darauf ausgehe, andere „freie, vernünftige Wesen ausser uns zu finden[ ] und mit ihnen in Gemeinschaft zu treten; er geht nicht auf Subordination […], sondern Koordination aus.“ (Fichte 1794, 38) Wolle jemand oder wolle eine Gesellschaft die anderen „nicht frey sein lassen“, sondern sie „beherrschen“, dann stehe diese Person beziehungsweise die Gesellschaft noch nicht auf der Stufe der Menschheit, sondern auf jener der Sklaverei. „Wir sind selbst noch nicht zum Gefühl unsrer Freiheit und Selbsthätigkeit gereift; denn sonst müßten wir nothwendig um uns herum uns ähnliche, d. h. freie Wesen sehen wollen.“ (ebd. 39) Koordination freier, vernünftiger Wesen, statt Subordination und Herrschaft der einen über die anderen ist also die von Fichte angestrebte Gesellschaftsform. Darauf baut Jacob auf: „nicht die descendenten, erst die collateralen sind es, die einen stamm gründen, nicht auf sohnschaft sowol als [= sondern; A. L.] auf bruderschaft beruht ein volk in seiner breite“, sagt er in der gerade erwähnten Rede auf Wilhelm, bremst seinen Gedankengang aber gleich ab: „ich laufe gefahr mich in eine politische anwendung zu verlieren“ (Grimm, J. 18601879, 164). Genau diese Übertragung, die Jacob nur andeutet, ist jedoch hier für uns von Interesse. 307 Jacob stimmt anschließend dagegen, den bestehenden Adel abzuschaffen (vgl. Stenographischer Bericht, Bd. 2, 1848, 1346 und 1343). 299 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren „Die politische Anwendung, die Grimm nicht weiter ausführen wollte – weil sie ihm wohl selbstverständlich erschien – uns wird sie zur fundamentalen Bestätigung, ja zu einem neuen sittlichen Postulat, in einer Zeit, die Gefahr läuft, […] die einfachsten Grundwahrheiten zu vergessen. ‚Nicht auf Sohnschaft sowohl als auf Brüderschaft beruht ein Volk in seiner Breite.‘ Wir glauben, daß in diesen Worten der elementare Grundsatz aller echten Demokratie enthalten ist. Denn Brüderschaft bedeutet die natürliche Lebensund Geistesverbundenheit all derer, die einander ‚volle Zeitgenossen‘ sind, die das ganze Leben, wie es uns bestimmt ist, miteinander teilen, und die doch, in der freien Entfaltung ihrer Person und ihres Urteils, voneinander unabhängig sind und sich in gleichen Rechten und Pflichten begegnen dürfen.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 286 f.) Neben der politischen gibt es aber auch noch eine ethische Dimension seines Vergleichs zwischen Familie und Gesellschaft, auf die Grimm hinweist: „der vater vom sohne redend wird sich seiner gewalt über ihn stets bewust bleiben, der sohn[,] zeugnis vom vater ablegend[,] der gewohnten ehrfurcht nie vergessen. geschwister aber stehen [im Verhältnis; A. L.] untereinander, ihrer wechselseitigen liebe zum trotz, frei und unabhängig“ (Grimm, J. 18601879, 164). „Der Sohnschaft und ihrem Autoritätsverhältnis, dessen staatlicher Ausdruck Absolutismus oder Diktatur bedeutet, sind die Völker entwachsen, sobald ihnen politisches und geistiges Selbstbewußtsein eignet. Die Liebe zwischen Verwandten […] wäre auch in der weiteren Gemeinschaft zwischen Völkern und Rassen das einzige, zuverlässige Ferment, würde man nicht ihren Funken immer wieder gewaltsam ausstampfen.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 287)308 Gesellschaften, ja auch die Gemeinschaft der Nationen beruhen also – ja, man kann wohl in Jacobs Sinne sagen: sollten beruhen – auf einem egalitären, nicht auf einem hierarchischen Verhältnis ihrer Mitglieder untereinander, womit wir einen weiteren Beleg für die Gleichheitsidee im Werk Jacob Grimms vor uns hätten. 308 Der humangenetisch überholte Begriff der ‚Rasse‘ wird von Zuckmayer hier und auch sonst in einem nicht-rassistischen Sinn gebraucht. Vgl. den Gebrauch des Wortes in der ‚Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte‘ (Art. 2 und 16 I). 300 Lienkamp: Aufstand für das Leben Brüderlichkeit Auch einer auf die Gattung übertragenen Brüderlichkeit steht Jacob, wie wir sahen, ablehnend gegenüber. Die Menschen, so sagt er in der Frankfurter Paulskirche am 4. Juli 1848, seien im Sinne der Grundrechte keine Brüder; „vielmehr die Brüderschaft – denn das ist die bessere Uebersetzung – ist ein religiöser und sittlicher Begriff, der schon in der heiligen Schrift enthalten ist.“ (Grimm, J., in: Stenographischer Bericht, Bd. 1, 1848, 737) ‚Fraternité‘, so kann man ihm entgegenhalten, bedeutete aber auch damals nicht nur ‚Brüderschaft‘, wie ein zeitgenössisches Wörterbuch zeigt, sondern auch ‚Verbrüderung‘ und das damit verwandte Verb ‚fraterniser‘ so viel wie ‚brüderlich leben‘, ‚sich verbrüdern‘ (Nouveau Dictionnaire de Poche 1798, 111), und dies auch ganz ohne einen expliziten biblischen, wohl aber mit einem entscheidenden ethischen Hintergrund. Theodor Steinbüchel (* 1888 † 1949) weist 1920 darauf hin, dass auch nach theologisch-ethischer Vorstellung „die Durchsetzung des Ideals der Brüderlichkeit in einem Reiche Gottes innerhalb der Menschenwelt“ erfolgen solle (Steinbüchel 1920, 13; Hervorhebung von mir, A. L.): „In die Vaterunserbitte ‚Zu uns komme Dein Reich‘“ wüssten die Gläubigen „auch eingeschlossen das Gottesreich auf Erden und seine Verwirklichung in der Menschenwelt, das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, das Reich der Liebe und des gegenseitigen Dienens. Es bleibt ein Ziel für alle Generationen, aber alle sollen zu seiner Erreichung das beitragen, wozu sie Geist und Können befähigt.“ (ebd. 12; Hervorhebungen von mir, A. L.) Nehmen wir den Gedanken des Zitats von Jacob Grimm aus dem letzten Absatz des obigen Abschnitts zum Thema ‚Freiheit‘ wieder auf, so hieße das, dass die Mitglieder einer Gesellschaft ihr Leben frei und unabhängig, aber in wechselseitiger Liebe, sprich: in gegenseitiger Achtung als rechtlich Gleiche und im solidarischem Dasein für die beziehungsweise mit den Anderen, leben sollen. Das aber ist inhaltlich weitgehend deckungsgleich mit dem Begriff der Brüderlichkeit beziehungsweise dem der Solidarité, welcher schon zu Zeiten des revolutionären Frankreichs im Rahmen der Trias an die Stelle der Fraternité treten konnte. Möglicherweise steht hinter Jacobs öffentlich bekundeter Ablehnung der französischen Parole das Bedürfnis nach nationaler Abgrenzung, die Su- 301 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren che nach etwas Eigenem bei gleichzeitiger Ablehnung, Fremdes zu kopieren. Er wendet sich ja ausdrücklich gegen jede „Nachahmung“. Vielleicht sind es aber auch Terror und Guillotine, die bekanntlich die viel versprechenden Anfänge diskreditiert haben. „[…] bevor das Jahrhundert zur Neige geht, wird sich ‚der reifste Sohn der Zeit‘“, wie es bei Schiller heißt, „als der Meister des Schreckens erweisen, die Revolution wird ihre Kinder fressen, die symbolische Göttin der Vernunft an ihrer auf den nackten Frauenleib geschmierten Goldbronze ersticken“ (Zuckmayer 1959, in: ders. 1997, 53 f.). Darüber hinaus könnte Jacob durch die französische Besetzung seines Heimatlandes Kurhessen – er nennt sie eine „feindliche[ ] Occupation“ – voreingenommen sein (Grimm, J. 1831, 155). In eine Liste mit der Überschrift „Wichtigste Begebenheiten“ trägt Jacob im Jahr 1815 unter anderem ein: „1806 1. November. Einmarsch der Franzosen“, und dann, man spürt förmlich die mit einer gewissen Hähme gemischte Freude: „1813 September, October. Verjagen der Franzosen“ (Grimm, J. 1814/15, 108). Des Weiteren könnte er noch immer durch Erlebnisse während der Befreiungskriege und durch negative Erfahrungen im Zuge seiner (1814 und 1815 unternommenen) mühseligen und immer wieder durchkreuzten Versuche, gestohlene kostbare Bücher und Handschriften aus Paris zurückzuholen, so sehr verletzt sein, dass er den Wahlspruch der französischen Revolution, so nah er ihm doch eigentlich inhaltlich steht, nichts abgewinnen kann oder will. In einem Brief an Savigny vom 29. September 1830 formuliert Jacob sein „politisches Glaubensbekenntnis“ (Martus 2017, 351), nämlich, dass er es prinzipiell mit der Monarchie halte, da sie trotz ihrer Unvollkommenheit noch am besten für Ruhe und Sicherheit sorge, dass er aber gleichwohl das historische Recht der Verfassungsbewegung anerkenne. In deren Verlangen nach einer Konstitution liege „eine unabwendliche über uns alle herein bre chende gewalt, eine macht“ (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 358). Und er bekennt, dass er 1789 „zu Paris entschieden es mit den bürgern gehalten hätte, wie ich zu Luthers zeit dem glauben meiner väter abtrünnig und protestant geworden wäre“, denn Fürsten und Regierungen hätten die Zeit verkannt. Sie „haben immer nur verneint und nur eine unmäßige Furcht antag gelegt, sobald sie ihr system gefährdet glaubten, aber nie verstanden, das volk nationell zu begeistern […]. Abgaben, zölle sind auf das höchste gestiegen. Ich 302 Lienkamp: Aufstand für das Leben kann von Hessen reden[,] wo das treueste gutmütigste volk unverantwortlich gedrückt und verhöhnt worden ist und die Regierung schamlos verfuhr.“ (ebd. 359) Am 29. Juli 1848 tendiert Jacob in einem Brief, den er seinem Bruder aus Frankfurt sendet, noch stärker in Richtung Volksbeteiligung: „Ich wünsche wahrlich nicht den democraten den sieg, aber ein waches volkselement, das etwas durchgesetzt hat[,] und eine neue auferbauung des vaterlands und der bitte ich Gott den sieg zu verleihen“ (Grimm, J., in: Rölleke [Hrsg.] 2001, 745). Zwölf Jahre nach seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche, in der Jacob den Dreiklang der französischen Revolution noch schroff zurückwies, erscheint der von ihm verantwortete zweite Band des ‚Deutschen Wörterbuchs‘. Was den Wahlspruch ‚Liberté, Égalité, Fraternité‘ angeht, ist der Ton nun ein völlig anderer. Der Artikel ‚Brüderlichkeit‘ besteht zwar nur aus einem nichtssagenden Zitat von Friedrich Gottlieb Klopstock (* 1724 † 1803), aber dafür ist das Stichwort ‚Bruder‘ umso gehaltvoller. Vorweg sei gesagt, dass Jacob in Unterpunkt 5 des Lemmas ausdrücklich auf „die anwendung von bruder auf frauen“ hinweist (DWB 2, 418 f.); Frauen sind also mitgemeint, wenn er von ‚Brüdern‘ spricht. In Abschnitt 6 zitiert Jacob dann einen Auszug aus der von Schiller überarbeiteten Fassung seiner berühmten Ode ‚An die Freude‘, einer Version, die allerdings erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Schiller habe sich „vom ausbruch der französischen Bewegung“ angesteckt gefühlt, so Jacob in seiner Rede auf den Marbacher aus dem Jahr 1859, und er hebt hervor, dass „der allgemeine menschliche jubel, den die chöre des liedes ‚an die freude‘ anfachen, […] nie erlöschen“ werde (Grimm, J. 1859, in: ders. 1879, 389). 303 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren 1. Fassung von 1785 (Schiller 1786, 1) 2. Fassung von 1808 (Schiller 1808, 121) Jacob Grimm (DWB 2, 419) „Deine Zauber binden wieder, Was der Mode Schwert geteilt; Bettler werden Fürstenbrüder, Wo dein sanfter Flügel weilt.“ „Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng getheilt, Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt.“ „die schwester in dem leinwandsmieder, der bruder in dem ordensband; alle menschen werden brüder, wo dein (der freude) sanfter fittich weilt.“ Tabelle 9: Auszug aus Schillers Ode ‚An die Freude‘ in der ersten und zweiten Fassung sowie in einer Bearbeitung durch Jacob Grimm aus dem Jahr 1860 Jacob nimmt hier (siehe Tabelle 9) die letzten beiden Verse der ersten Strophe der späteren Schiller’schen Fassung und stellt diesen, ohne Quellenangabe, zwei vollkommen fremde Verse voran (wodurch sich der zweite und vierte Vers nicht mehr reimen). Dieser Einschub stammt aus dem vor 1808 von Christian Gottlob Otto (* 1763 † 1826) geschriebenen Lied ‚Im Kreise froher, kluger Zecher‘, das in viele Commers- und andere Liederbücher Eingang gefunden hat309, einmal auch unter dem sprechenden Titel ‚Gesang für Menschenfreunde‘ (Liederbuch 1834, 131). Die Strophen zwei bis vier dieses Liedes von Otto lauten: „Die Menschen sind hier alle Brüder, Und jeder ist mit uns verwandt, Die Schwester mit dem Leinwandmieder, Der Bruder mit dem Ordensband: Denn jeder Stand hat aufgehört, Wenn wir das letzte Glas geleert. Der Mann auf seinem Throne lebe Mit allem, was ihm angehört, Und unser Vaterland umschwebe Der Friedensengel ungestört! Der Mensch sey Mensch, der Sclave frey! Dann kommt die goldne Zeit herbey. Wem für der Menschheit edle Sache Ein gutes Herz im Busen schlägt, Wer gegen Feinde keine Rache, Und gegen Freunde Freundschaft hegt; Wer über seine Pflichten wacht, Dem sey dies volle Glas gebracht.“310 Hinter dieser Vermischung durch Jacob, der ‚seinen‘ Schiller kannte, könnte die Absicht stehen, unmissverständlich klar zu machen, dass dessen For- 309 Zuerst in ‚Neues Liederbuch für frohe Gesellschaften‘, Hamburg 1808, 91. Vgl. Hoffmann von Fallersleben 1869, 87, 186 f. 310 Liederbuch 1834, 131 f. 304 Lienkamp: Aufstand für das Leben mulierung „alle Menschen“ wirklich alle, also Männer und Frauen, umfasst. Es ist bestimmt ebenfalls kein Zufall, dass Jacob aus seinem gut gefüllten Zettelkasten an dieser Stelle ausgerechnet einen Auszug aus Lokmans (= Luqmān = Äsop) 17. Fabel als Beleg einfügt: „ich sahe einsma[h] ls einen schwar[t]zen menschen, welcher im wasser stund und sich badete, zu dem sag[e]te ich: ‚mein bruder‘“ (DWB 2, 419; Luqmān [d. i. Äsop] 1654, 186). So schreibt Jacob, an Schiller anknüpfend, in seinem Artikel weiter: „in weiterm sinne sind alle menschen, unter der vorstellung, dasz sie von éinem [Akzent = nur einem; A. L.] stammpaar entsprangen, brüder, welchen begrif der an sich schöne und tiefsinnige wahlspruch der freiheit, gleichheit, brüderlichkeit […] und ein untilgbarer menschlicher sinn überall hervorhebt“ (DWB 2, 419). Jetzt erst, mit großem zeitlichen Abstand, kann Jacob die revolutionäre französische Parole schön und tiefsinnig nennen. Sie ist so schön und tiefsinnig, dass die Europäische Union sie viele Jahre später, und zwar im Jahr 2000 – erweitert um die Titel Menschenwürde, Bürger- und justizielle Rechte – zur programmatischen Gliederung ihrer ‚Charta der Grundrechte‘ macht (siehe Abbildung 57). Abbildung 57: Die Titel der ‹ Charte des droits fondamentaux de l’Union européenne › (L’Union européenne 2012, 392; Zusammenschnitt von mir, A. L.) 305 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Doch zurück in das Jahr 1848. Äußerst unzufrieden über das in Frankfurt Erreichte, legt Jacob, wie zuvor schon Gervinus und Albrecht, am 2. Oktober 1848 sein Abgeordnetenmandat nieder und kehrt nach Berlin zurück (vgl. Martus 2017, 467 f.). Das Paulskirchenparlament hat zwar am 28. März 1849 die ‚Verfassung des deutschen Reiches‘ beschlossen und verkündet, ist aber nicht fähig, die Einzelstaaten dazu zu bringen, diese neue konstitutionelle Grundlage Deutschlands auch anzuerkennen. „Im April lehnte Friedrich Wilhelm IV. von Preußen seine Wahl zum deutschen Kaiser durch die Nationalversammlung ab. Die Annahme der Kaiserkrone hätte ihm bedeutet, sich an die Spitze der deutschen Revolution zu stellen, und dies, nachdem er die preußische Revolution inzwischen niedergeschlagen hatte. Preußen blieb Militär- und Polizeistaat mit Bevorzugung des Adels und Dreiklassenwahlrecht. In allen deutschen Staaten siegte die Reaktion über die Revolution. Als sich die Nationalversammlung im April 1849 auflöste, ohne die deutsche Einheit herbeigeführt zu haben, war auch Jacob Grimms große Hoffnung zusammengebrochen.“ (Seitz 1984, 154) Dennoch nimmt er noch am ‚Gothaer Nachparlament‘ vom 26. bis zum 28. Juni 1849 teil, einer privaten Zusammenkunft von 148 Abgeordneten der aufgelösten ‚Frankfurter Nationalversammlung‘. Hier treffen sich vor allem Liberale, die im März 1849 für den preußischen König als deutschen Kaiser gestimmt hatten. Gemessen an den Zielen Jacobs bleibt jedoch auch dieses Treffen erfolglos. Angesichts der öffentlichen Unruhen in Berlin im Zusammenhang mit dem Sturm auf das Zeughaus, das zentrale Militärdepot der Stadt, am 14. Juni 1848 holt der König immer mehr Soldaten in die Spreemetropole. Der eigentlich ebenfalls liberale Wilhelm unterstützt das Vorgehen der Reaktion gegen die „unruhe stifter“, die „rothen“ und den „pöbel“ (Grimm, W., zit. nach Martus 2017, 469). Auch mit der „republicanischen partei“ und dem „democratische[n] club“ hat Wilhelm nichts im Sinn (Martus 2017, 468), ebenso wenig mit einem allgemeinen Wahlrecht (vgl. ebd. 472). Er scheint nur seine Ruhe und seinen Frieden haben zu wollen und ist froh, dass dem revolutionären Treiben ein Ende gemacht wird. „Jacob jedoch blieb politisch zornig.“ (ebd.) Er kann sich nicht damit abfinden, dass die Opposition verfolgt, die Zensur durch das ‚Bundespressegesetz‘ vom 13. Juli 1854 wieder eingeführt und die dezidiert oppositionelle Presse verboten wird. Er kann sich auch nicht damit abfinden, dass politi- 306 Lienkamp: Aufstand für das Leben sche Organisationen durch das ‚Bundesvereinsgesetz‘, ebenfalls aus dem Jahr 1854, bekämpft werden, die Polizeibehörden der meisten deutschen Staaten geheim zusammenarbeiten, und die Möglichkeit politischer Teilhabe auf das Dreiklassenwahlrecht beschränkt wird. Über diese Zeit der Restauration oder besser Repression nach 1848 schreibt Jacob am 12. Januar 1851 an Karl August Koberstein (* 1797 † 1870), dass er in seinem ganzen Leben noch nie so betrübt und so niedergeschlagen gewesen sei, wie in dem zurückliegenden halben Jahr. Ein wenig Zuversicht blitzt aber auf: „Die Flamme des Rechts wird jetzt mit Gewalt ausgelöscht, und wer weiß, wann ihr Funke wieder ausbricht? Aber er wird schon einmal vorbrechen.“ (Grimm, J., zit. nach Seitz 1984, 166) Sieben Jahre später, 1863, wird Jacob in einem Brief an den ehemaligen Mitabgeordneten aus dem Frankfurter Paulskirchenparlament Georg Waitz dann deutlich radikaler: „Wie oft muss einem das traurige Schicksal unsers Vaterlandes in den Sinn kommen und auf das Herz fallen und das Leben verbittern. Es ist an gar keine Rettung zu denken, wenn sie nicht durch grosse Gefahren und Umwälzungen herbeigeführt wird … Es kann nur durch rücksichtslose Gewalt geholfen werden. Je älter ich werde, desto demokratischer gesinnt bin ich. Sässe ich nochmals in einer Nationalversammlung, ich würde viel mehr mit Uhland, Schoder311 stimmen, denn die Verfassung in das Geleise der bestehenden Verhältnisse zu zwängen, kann zu keinem Heil führen. Wir hängen an unsern vielen Errungenschaften und fürchten uns vor rohem Ausbruch der Gewalt, doch wie klein ist unser Stolz, wenn ihm keine Grösse des Vaterlands im Hintergrund steht.“ (Grimm, J., zit. nach Waitz 1863, 23 f.) In seiner ‚Rede über das Alter‘, die er 1860 mit 75 Jahren hält, hat Jacob diese seine Entwicklung bereits prophezeit: Mit dem Alter wachse und festige sich die freie Gesinnung. Die schon früh in ihm gekeimte „edle pflanze“ der Freiheit habe „im herzen des greises tief gewurzelt“ und werde ihn bis an sein Ende begleiten. „je näher wir dem rande des grabes treten, desto 311 Ludwig Uhland stand auf der Seite der Linken, also der Demokraten, trat für ein starkes Parlament und Volksbewaffnung als Gegenmacht gegen die Könige und Fürsten sowie für die Abschaffung des Adels ein. Adolph Gottlieb Ferdinand Schoder (1817–1852), zunächst eher liberal, näherte sich immer stärker der Linken, wollte, dass der Bundespräsident von den Regierungen vorgeschlagen und vom Parlament genehmigt werden muss, trat auch bei der Kaiserfrage 1849 für die Errichtung einer Präsidentschaft ein und gilt als der Vater der Grundrechte. 307 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren ferner weichen von uns sollten scheu und bedenken, die wir früher hatten, die erkannte wahrheit, da wo es an uns kommt, auch kühn zu bekennen.“ (Grimm, J. 18601879, 207) Das heißt natürlich nicht, dass man damit bis ins hohe Alter warten sollte. Wie unter anderem die Göttinger Protestation gezeigt hat, hat Jacob dies auch nicht gemeint. Es gebe viele Bereiche, in denen sich die Gelegenheit biete, eine „freie denkungsart zu bewähren“. Zu den besonders relevanten zählt Jacob dabei das Feld der Politik, „der einrichtung unseres öffentlichen wesens“ (ebd.). Dazu führt er aus: „wünschenswertheste Iandesverfassung aber erschiene ihm [, einem freigesinnten alten Mann, eine solche; A. L.], die es verstände[,] mit dem grösten schutz aller einen ungestörten und unantastbaren spielraum für jeden einzelnen zu schaffen und zu vereinbaren.“ (ebd. 207 f.) Kein Wort mehr von Fürsten oder Königen. Die Monarchie scheint für Jacob endgültig ausgedient zu haben. Er weiß natürlich sehr wohl, dass die zeitgenössischen Verhältnisse weit hinter dieser Wunschvorstellung zurückbleiben. „doch sollen uns jene ideale vorschweben als leitsterne und wer wollte dem alter den wahn abschneiden, dasz es sie schon am rande des horizonts aufschimmern sieht?“ (ebd. 208) 4.1.6 Haltung zu Deutschland Was Jacob 1831 über sein bis dahin veröffentlichtes Werk schreibt, gilt für beide Brüder und deren Studien insgesamt: „mir sind sie jederzeit vorgekommen als eine würdige, ernste Aufgabe, die sich bestimmt und fest auf unser gemeinsames Vaterland bezieht und die Liebe zu ihm nährt.“ (Grimm, J. 1831, 162 f.) Sprache und Literatur sind es, die eine Verbundenheit schaffen, welche die verschiedenen und getrennten deutschen Einzelstaaten übergreift. „Nulla vero alia re vinculum et necessitudo patriae aeque illustratur et in lucem profertur ac communione linguae“ – Durch nichts anderes aber wird das Band und die Verwandtschaft zur Heimat so erhellt und ins Licht hervorgeholt wie durch die Gemeinsamkeit der Sprache, so Jacob am 13. November 1830 in seiner Göttinger Antrittsrede ‚De desiderio patriae‘ (Grimm, J. 18301882, 413). Als Jacob und Wilhelm ihr Megaprojekt des ‚Deutschen Wörterbuchs‘ herauszugeben beginnen, schreibt Jacob im ‚Vorwort‘ zum ersten Band, unterzeichnet am 2. März 1854, dass er eine „erstarkte liebe zum vaterland und untilgbare begierde nach seiner festeren 308 Lienkamp: Aufstand für das Leben einigung“ beobachte, die sowohl den „aufschwung einer deutschen philologie“ als auch die „empfänglichkeit des volks für seine muttersprache“ bewegten (Grimm, J. 1854, III). Über fünf Jahre nach dem Scheitern der Hoffnungen, die sich mit dem Paulskirchen-Projekt verbanden, schöpft Jacob hinsichtlich des ins Stocken geratenen Einigungsprozesses wieder eine gewisse Zuversicht. Damit bleibt er schließlich seiner Haltung treu, auf die er sich in einem Brief an Savigny am 31. August 1809 selbst eingeschworen hat: „Was mich angeht, ich gebe keine Hoffnung, keinen Glauben an Deutschland auf und werde ihn nie fahren lassen“ (Grimm, J., in: Schoof [Hrsg.] 1953, 73). Die Zuneigung zu dem zerrissenen und unter seinen uneinigen, zum Teil absolutistisch regierenden Herrschern leidenden Deutschland ist bei Jacob und Wilhelm, wie bereits angedeutet, weder nationalistisch noch gar chauvinistisch motiviert. Im Gegenteil: Die Brüder Grimm, so Seitz, verbinden eine nationalpatriotische Einstellung, die sie mit vielen Intellektuellen ihrer Zeit teilten, mit einer „europäischen Weite ihrer wissenschaftlichen und kulturpolitischen Absichten“ (Seitz 1984, 92). Diese „Weite“ geht noch über Europa hinaus. Wilhelm schreibt an Achim von Arnim am 3. August 1810 aus dem seinerzeit französisch besetzten Kassel, dass nun, nachdem eine allgemeine Verwandtschaft aller Sprachen nicht mehr zu leugnen sei, es auch ganz natürlich sei, „eine Verwandtschaft aller Völker […] anzunehmen“ (Grimm, W., in: Steig [Bearb.] 1904, 64). In seiner Abhandlung ‚Über den Ursprung der Sprache‘ von 1851 entwickelt Jacob darüber hinausgehend die Utopie eines Zusammenfließens aller Menschensprachen: Ihm gehe es nicht um eine künstliche Weltsprache, so Zuckmayer. Was dem älteren Grimm vorschwebe, lasse „sich als eine aus gegenseitigem Kennen und Anerkennen, Berühren und Durchdringen, kurz: aus einer universalen Humanität künftiger Geschlechter erstehende, produktive Verständigung und gegenseitige Bereicherung, unter den Sprachen, Völkern, Rassen der Erde erahnen.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 283)312 312 Zum Begriff ‚Rasse‘ siehe Fußnote 308. 309 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren 4.2 Carl Zuckmayer Das Kaiserreich ist mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, den revolutionären Veränderungen sowie der Ausrufung und Gründung der Weimarer Republik, so scheint es, Geschichte. Zuckmayer und seine Freunde hatten sich nach diesem Neuanfang gesehnt und stehen von Anfang an auf seiner Seite: „Wir, die dem Kriegstod Entkommenen, hatten das Leben, als Realität, als vorwärtstragender Strom, als Hoffnung, jetzt erst gewonnen, und wir warfen den Ballast der Vergangenheit hinter uns: Weg damit! Es kommt die neue Zeit!“ (Zuckmayer 19662013, 308) Aber nicht alle denken so. Ein großer Teil des verbliebenen Militärs, der Industrie, der Großagrarier und der völkisch-nationalistisch denkenden Bevölkerung stemmt sich der ersten deutschen Demokratie mit Macht entgegen, manche greifen dabei zum Äußersten313. So kommt es zu „zu einer Kette von extremistischen Gewalttaten und Fememorden – den finsteren Vorzeichen der späteren Katastrophe“ (ebd. 306). Zuckmayer nennt in diesem Zusammenhang die Morde an wehrlosen Gefangenen, unter anderem an Rosa Luxemburg (* 1871 † 1919) und Karl Liebknecht (* 1871 † 1919) durch Angehörige der ‚Garde- Kavallerie-Schützen-Division‘, die brutale Niederschlagung der Münchener Räterepublik und Ermordung Gustav Landauers (* 1870 † 1919) sowie „die Duldung und das Treiben der reaktionären ‚Frei-Corps‘“ (ebd. 359). Wenn man die Täter fasst, werden sie oftmals „von teils verängstigten, teils sympathisierenden Richtern freigesprochen“ (Zuckmayer 1962, 3). Hinzu kommen als republikschädigende Faktoren die „Gleichgültigkeit des durchschnittlichen Bürgertums, die Ausbeutung der Notlage durch die Piraten der Baisse-Spekulation, die ihre eigenen Industrie- und Finanzbereiche errichteten, während die deutsche Wirtschaft und Währung ins Grundwasser sank“ (Zuckmayer 19662013, 359), und schließlich das Verhalten der Siegermächte, „mit dem sie der deutschen Republik, bevor sie wirklich existierte, das Grab schaufelten und ihren inneren Gegnern unwillentlich in die Hand spielten“ (ebd.). Dann wird am 24. Juni 1922 der deutsche Au- ßenminister Walter Rathenau (* 1867 † 1922) ermordet – „weil er Jude war“ 313 Die Nazis, so Remarque, hätten nie Erfolg haben können, wenn ihnen nicht „ausgeprägt nationalistische, militärische und industrielle Zirkel den „Rücken gestärkt“ hätten (Remarque 1944, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 68; vgl. ebd. 71). 310 Lienkamp: Aufstand für das Leben (ebd. 362). Am Abend des Begräbnistages trifft sich Zuckmayer mit seinen Freunden in einer Heidelberger Gastwirtschaft: „Draußen zogen Trupps von Burschenschaftern und anderen Randaleuren herum – zum ersten Mal hörten wir jene ‚Sprech-Chöre‘, von denen später, als Hitlers braune Banden die ‚nationale Erhebung‘ inszenierten, die deutschen Städte widerhallten: ‚Verreckt ist Walter Rathenau, / Die gottverdammte Judensau!‘ Wir saßen zusammen – ein kleiner, ernst entschlossener Kreis. Wir hörten die Stimmen der Mörder.“ (ebd. 363) Auch wenn es schon nach diesen wenigen Notizen ganz und gar nicht danach aussieht, so vertritt Glade dennoch die Ansicht, dass Zuckmayer nicht nur während dieser Phase, sondern sein Leben lang „natürlich […] von Grund auf ein unpolitischer Mensch gewesen“ sei (Glade 1980, 95). Dieser These werde ich in den folgenden Abschnitten nachgehen. 4.2.1 Erste Konfrontationen mit völkischen und nationalsozialistischen Kreisen Zuckmayer räumt ein, dass er zu Beginn der 1920er Jahre die braune Gefahr unterschätzt habe, während der später mit ihm freundschaftlich verbundene Carl Burckhardt (* 1891 † 1974) damals schon die Bedrohung „durch den Barbareneinfall von innen, das Anschwellen und dunkle Herauf quellen einer unheimlichen Flutgewalt“ erkannt habe (Zuckmayer 1961, in: ders. 1997, 224). Seine Freunde und er hingegen glaubten den „anschwellenden Marschtritt der dumpfen Liquidationskolonnen, die sich schon wachsend auf uns zu bewegten, […] verachten und weglachen zu können.“ (ebd. 225) Doch allmählich wird Zuckmayer bewusst, wie ernst die Lage bereits ist: Er steht auf für seine Überzeugung und stellt sich den lebensfeindlichen Mächten mutig entgegen. Zuckmayers Konflikt mit völkisch-nationalen und nationalsozialistischen Kreisen314 beginnt nicht erst mit dem ‚Hauptmann von Köpenick‘. Schon 314 „[…] die vielfältigen Theaterskandale um den ‚Fröhlichen Weinberg‘ (wurden) nicht allein vom traditionellen deutsch-völkischen Block und dem deutschen Korpsstudententum, sondern von Anfang an auch von den Nationalsozialisten angeheizt“ (Albrecht 1995, 11). 311 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren knapp sechs Jahre zuvor hatten sie ein Bühnenwerk aus seiner Feder „aufs heftigste angegriffen“ (Zuckmayer 1958, zit. nach Albrecht 1995, 11), und zwar das sensationell erfolgreiche Theaterstück ‚Der fröhliche Weinberg‘, das am 22. Dezember 1925 im ‚Theater am Schiffbauerdamm‘ in Berlin sowie am 23. Dezember 1925 am ‚Frankfurter Schauspielhaus‘ uraufgeführt und zum meistgespielten Drama der Weimarer Republik wird (vgl. Nickel/ Weiß 1996, 89). In der Hauptstadt steht es zweieinhalb Jahre auf dem Spielplan (vgl. Zuckmayer 19662013, 483). Über hundert Bühnen kaufen das Stück, das „die weltanschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus“ aufdeckt (Strasser 1996, 27)315. Mit diesem „Lustspiel“ schafft Zuckmayer es sogar, den immer beliebteren Kinos, Revuen und Kabaretts Konkurrenz zu machen. Als Dramatiker bedeutet es für ihn den Durchbruch: Es brachte „den Erfolg […] und Unabhängigkeit“ (Zuckmayer 19301986, 31). Die Entstehungszeit ist aber auch privat von großer Bedeutung: „Mitten in dieser Arbeit, genau in der großen Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt, lernte ich meine Frau kennen. Daß sie das war und bleiben werde, stand nach kurzer Zeit außer Zweifel. […] Sie hieß mit Mädchennamen Alice Henriette Alberta Herdan-Harris von Valbonne und Belmont – abgekürzt in Alice von Herdan.“ (Zuckmayer 19662013, 467 f.) Das umstrittene Drama, in dem der Dichter „den politischen Todfeind in seiner Komik aufs Korn“ nimmt (Zuckmayer 19761995, 206), ruft ein „mit Druckerschwärze, Stinkbomben, Gummiknüppeln und Schlagringen“ bewaffnetes „Heer von Gegnern auf den Plan“ (Zuckmayer 19662013, 59). „Um das Stück“, so Zuckmayer in seiner Autobiografie ‚Second Wind‘, „entbrannte ein Kampf, den zu entfesseln ich mir nie hätte träumen lassen, nämlich der erste große Kulturkampf zwischen den Nazis und den Andersdenkenden“ (Zuckmayer 19402014, 167). Nach der Premiere in den ‚Münchener Kammerspielen‘ fordert Joseph Stolzing-Cerny (* 1869 † 1942) am 11. Februar 315 Nachdem das Stück noch im Herbst 1925 von allen Berliner Bühnen abgelehnt worden war (vgl. Zuckmayer 19662013, 469), hatten nun, am Morgen des 23. Dezember 1925, einen Tag nach der Uraufführung, „dank nächtlicher Blitzberichte, mehr als hundert Bühnen das Stück telegraphisch erworben“ (ebd. 482). Das gleichnamige Buch erscheint im selben Jahr im Berliner Propyläen-Verlag. 312 Lienkamp: Aufstand für das Leben 1926 im ‚Völkischen Beobachter‘ vor allem die rechten Burschenschaften316 zur Gegenwehr auf: „Das Ganze ist eine geist- und witzlose Schweinerei. Import aus Berlin! Was kann aus Berlin Gutes kommen? Dem ärgsten Judennest Europas? D. h., Karl [sic] Zuckmayer ist kein Berliner, sondern Halbjude. Daher der Hang zum Schweinigeln. … Eine Frage an die Korpsstudenten Münchens: Laßt ihr euch die schamlose Verhöhnung der schlagenden Verbindungen durch den Halbjuden Zuckmayer gefallen?“ (Stolzing-Cerny, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 97; vgl. Albrecht 1995, 11) Der militant antisemitische Aufruf zeigt Wirkung. „Von geschlossenen Corporationen wurde gegen das Stück demonstriert, Stinkbomben geschmissen, Sprechchöre aufgeboten, es kam zu Keilereien und Verhaftungen in den Theatern.“ (Zuckmayer 19662013, 484) In der bayrischen Landeshauptstadt werden alle Vorstellungen von Nationalsozialisten gestört. Die Polizei verbietet das Stück „zur Vermeidung sich wiederholender Ruhestörungen“ (K. N. N—s 1926, 2). Merkwürdig sei, so der kritische Redakteur der ‚AZ am Morgen‘, dass das Verbot einen Tag nach dem „phrasenhaften […,] mehr als gehässigen“ und „mehr als drohend[en]“ Artikel Stolzing-Cernys im ‚Völkischen Beobachter‘ ausgesprochen wurde (ebd.). Der Münchener Stadtrat knickt ebenfalls ein und verbietet das Stück auf Antrag der NS- DAP-Ratsfraktion. Eine Wiederaufnahme in den Spielplan wird erst nach einigen drastischen Änderungen erlaubt (vgl. Nickel/Weiß 1996, 97; Albrecht 1995, 11 f.), welche die Direktion der Kammerspiele willfährig vornimmt, die sich damit zum „Exekutivorgan von Banausen“ erniedrigt habe, so M. H. in der ‚AZ am Morgen‘ (M. H. 1926, 1 f.). Der mit K. N. N—s zeichnende Autor der Zeitung317 weist zu Recht auf den Skandal hin, dass hier „die Entscheidung über Theaterdinge in die Hände von unkontrollierbaren Fanatikern“ übergegangen sei (K. N. N—s 1926, 2). 316 ‚Rechte Burschenschaften‘ ist kein Pleonasmus, da es in der Weimarer Zeit durchaus nichtschlagende demokratie- und republikfreundliche Studentenbewegungen gab, wie z. B. die Katholische Deutsche Studentenverbindung ‚K.D.St.V. Badenia zu Straßburg‘, in der starke, linksliberal orientierte Persönlichkeiten mitwirkten (vgl. Lienkamp 2018b, 574 f.). 317 Das Kürzel ist eine Anspielung auf den Redakteur des ‚Völkischen Beobachters‘ Joseph Stolzing-Cerny, der seine Artikel mit „J. St—g.“ unterzeichnet. 313 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Auch Joseph Goebbels (* 1897 † 1945) polemisiert gegen die Komödie und wird in Frankfurt am Main zudem handgreiflich. Am 8. September 1926 schreibt er voller Häme in sein Tagebuch: „Heute abend geht’s in das Kulturstück ‚Fröhlicher Weinberg‘. Mit den edelsten Absichten. Worauf ich mich freue!“ (Goebbels, in: Fröhlich [Hrsg.], Bd. 1/II, 2005, 130) Zwei Tage später vermerkt er dann das Ergebnis der von ihm mitinitiierten nationalsozialistischen Störaktion: „Stinkbomben wurden geworfen. Eine Panik entstand. Ich selbst wurde wegen Hausfriedensbruch an die Luft gesetzt. Aber so recht hat’s nicht geklappt. Es fielen nur [5] Frauen in Ohnmacht. Das Stück war einfach saumäßig. So etwas krönt man ihn [sic] Deutschland mit dem Kleistpreis.“ (ebd. 131)318 Goebbels ist klar, dass es sich nicht um ein harmlos-heiteres Stück handelt. ‚Der fröhliche Weinberg‘, so schreibt er in dem von ihm redigierten Organ ‚der Angriff ‘ vom 27. März 1931, sei vielmehr ziemlich bedenklich und politisch tendenziös, da er das Ziel verfolge, die völkische Bewegung lächerlich zu machen (vgl. Albrecht 1995, 13). Noch Ende 1932 zieht der ‚Völkische Beobachter‘ das Stück in den Schmutz, spricht von einem „schmierigen Elaborat“ und einem darin „spürbaren jüdischen Haß gegen die völkische Erneuerung“ (Völkischer Beobachter vom 13.10.1932, II. Beiblatt, zit. nach Strasser 1996, 79). Dreh- und Angelpunkt des Schauspiels, das Zuckmayer im Sommer 1925 schreibt und das in Rheinhessen im „berühmten“ Weinherbst 1921 spielt (Zuckmayer 19662013, 395), ist der gut situierte, früh verwitwete Winzer Jean Baptiste Gunderloch, der sich zur Ruhe setzen und deshalb die Hälfte seines Weinguts verkaufen möchte. Die andere Hälfte soll seine Tochter Klärchen erhalten, die von dem adligen Gustav Knuzius umworben wird, der – im schwarzen Cut auftretend – seinen Wunschschwiegervater bedrängt, schnellstmöglich in die Verlobung einzuwilligen. Der knorrige Gunder- 318 Zusätze in eckigen Klammern stammen von Fröhlich. “Goebbels and members of the Frankfurt am Main SA (Storm Troopers, the Nazi Party militia) disrupted the performance of the play on September 9, 1926 by throwing stink bombs and shouting insults at the actors. He boasted that ‘five women fainted,’ but he was himself physically escorted from the theatre and the performance resumed.” (Grange 1999, 2 Anm. 3) – „Auch in Frankfurt flogen immer wieder Stinkbomben im Schauspielhaus, wenn der ‚Fröhliche Weinberg‘ auf dem Spielplan stand. An den Störaktionen hier soll sich einmal auch Joseph Goebbels, der spätere NS-Propagandaminister, beteiligt haben. 1933, bald nach Hitlers ‚Machtübernahme‘, wurde ‚Der fröhliche Weinberg‘ verboten.“ (Hock 2009, [6]). 314 Lienkamp: Aufstand für das Leben loch will seine Zustimmung jedoch nur dann geben, wenn Knuzius nachweisen kann, dass Klärchen von ihm ein Kind erwartet, womit die Erbfolge gesichert wäre. Dieser allerdings scheint mehr Interesse an der üppigen Mitgift als an Gunderlochs Tochter zu haben. Und Klärchen selbst verspürt mittlerweile keinerlei Zuneigung mehr zu Knuzius, der sich ihr auf einer Hochzeit mit Hilfe von Alkohol genähert hatte. Obwohl sie ihn, in ihrem leicht angetrunkenen Zustand, am Anfang interessant findet, tut sie inzwischen alles, um Berührungen seinerseits, erst recht eine Schwangerschaft zu verhindern, ja sie will ihn lieber heute als morgen loswerden und wünscht ihm sogar den Tod: „Wenn dem nur sein steife Krage de Hals zudrücke deet! […] Eher beiß ich ihm die Gurgel durch, als daß ich mich noch einmal von ihm anrühre laß.“ (FW 1. Akt., 16 f.) Um ihre Ruhe zu haben, gaukelt sie ihm vor, in anderen Umständen zu sein, was auch funktioniert (vgl. FW 1. Akt, 23). In Wahrheit liebt sie nämlich nur Jochen Most, der als Rheinschiffer arbeitet. Als Knuzius dies aufgeht, fühlt er sich „in seiner Burschenehre gekränkt“ (FW 2. Akt, 33). Schon gegenüber Gunderloch hat er sich damit gerühmt, Coleurstudent gewesen zu sein, womit er seine besondere Ehrbarkeit unterstreichen wollte (vgl. FW 1. Akt, 10). Später spottet Jochen über dessen „angelaufenen Schnitt im Gesicht“ (FW 2. Akt, 34). Knuzius gehört offenbar zu einer der deutschnationalen bis rechtsextremen schlagenden Burschenschaften: „Zwölf Bestimmungsmensuren, zwo schwere Säbel! […] Ehrenvolle Narben!!“, brüstet er sich (FW 2. Akt, 41). Als er merkt, dass er bei der vermeintlich schwangeren Klärchen vorerst keine Chance mehr auf Körperkontakt hat, versucht er postwendend und hackenschlagend mit ihrer Freundin Babettchen Eismayer anzubandeln, obwohl er als ‚werdender Vater‘ noch immer eine Ehe mit der ‚Mutter‘ seines ‚Kindes‘ anstrebt (vgl. FW 2. Akt, 33 und 35). Im Schlussakt landet er dann, immer noch die Wirtstochter anhimmelnd, inzwischen volltrunken, taumelnd, lallend, flennend und ihr seine Schwangerschaft (!) bekennend – auf dem Misthaufen, „auf den er gehört“ (Zuckmayer 19402014, 168). Zuvor gibt er sich allerdings noch als „brutale Eroberernatur“ (FW 3. Akt, 53) und damit sein wahres Gesicht zu erkennen. Der sich in diesem Moment von ihm abwendenden Babettchen, die er noch packen will, ruft er zu: „Weib! Reiz mich nit! Mach mich nicht zum Urtier! Ich habe gewaltige Instinkte! […] Ich mach dich kalt, ich will deinen weißen Leib! Du Germanentochter!“ (FW 3. Akt, 54) Aber er ist schon zu betrunken, um Schlimmeres anzurichten. Schließlich schläft 315 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren er auf dem stinkenden Fäkalienberg ein, um dann am nächsten Morgen Gegenstand ungeheuren Gelächters zu werden. Er ist nicht nur völlig desorientiert, sondern „voll Mist und Stroh und schrecklich deformiert“ (FW 3. Akt, 65). Als er verzweifelt verlangt, dass man ihn doch ernstnehmen solle, brechen die Umstehenden erneut in Gelächter aus und bewerfen ihn sogar mit Fallobst (vgl. FW 3. Akt, 66). Für den so gedemütigten Knuzius gibt es aber überraschenderweise dennoch ein glückliches Ende. Nach seiner verbalen ‚Abrechnung‘ mit Vater und Tochter Gunderloch, die darüber jedoch erhaben sind, hält er um die Hand der Wirtstochter Babette an, die ihn in nüchternem Zustand merkwürdigerweise wieder attraktiv findet und zum Ehemann nehmen will. Seine öffentliche Ansprache an die junge Frau ist gespickt mit Vokabeln, die in jeder Goebbels-Rede ihren Platz fänden. Schmitz hat somit vollkommen Recht, wenn er den blaublütigen Knuzius einen „nationalsozialistischen Phraseur“ nennt (Schmitz 2000, 408): „Indem ich ohne Ansicht von Stand, Rang und Namen um ihre Hand anhalte, gedenke ich nicht nur die Erfüllung persönlicher Wünsche, sondern auch die Gesundung unseres Volkes im Hinblick auf seine Tugend, Wehrhaftigkeit, Sauberkeit, Pflichttreue und Rassenreinheit zu erstreben!“ (FW 3. Akt, 70) Dass Babettchen diesen Antrag unter dem Applaus der Anwesenden annimmt, verrät den ganzen Irrsinn der damaligen Zeit. Oder besser gesagt: Zuckmayer dokumentiert diesen Wahnwitz und warnt zugleich vor dessen Ausbreitung und Eskalation, wie er sich bereits in dem Rechtsruck bei den Reichstagswahlen im Mai 1924 andeutete. Dabei wurde die antisemitische ‚Deutschnationale Volkspartei‘ mit 19,5 Prozent zweitstärkste Partei mit einem Zugewinn von deutlich über 1,4 Millionen Stimmen. Hinzuzurechnen ist die ‚Nationalsozialistische Freiheitsbewegung‘, eine Listenvereinigung unter Beteiligung der NSDAP, für die weitere 6,5 Prozent der Wahlberechtigten votierten. Zusammen ergab dies 26 Prozent oder über 7,6 Millionen Wahlberechtigte. Bei der Abstimmung am 6. Juni 1920 waren es noch 15,1 Prozent für die DNVP beziehungsweise gut 4,2 Millionen Stimmen (vgl. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1933, 539). Die völkisch-nationalistisch-rechtsextremen Parteien haben also um rund 81 Prozent zugelegt! In der Tat ein Grund zu erheblicher Besorgnis! 316 Lienkamp: Aufstand für das Leben Der Wirt Eismayer, der zukünftige Schwiegervater des Phraseurs, beklagt sich gegenüber dem politisch rechts orientierten und zudem korrupten Standesbeamten Kurrle, dass es keine noblen Leute mehr gebe. Die Schuldfrage ist für ihn geklärt: „Das sind alles die traurigen Folgen der Revolution.“ (FW 3. Akt, 60) Zuckmayer karikiert hier die postfaktische Position ewiggestriger republikfeindlicher Kreise, welche die Novemberrevolution 1918/19 für alles (aus ihrer Sicht) Negative verantwortlich machten. Aber es kommt noch abstruser. Auch die in der Viehzucht Tätigen, so Eismayer, der auch als Schlachter fungiert, litten darunter, dass „die uns den Dolch in de Rücke gebohrt hawwe“ (FW 3. Akt, 60). Mit der ‚Dolchstoßlegende‘ hat die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) propagandistisch gesehen offenbar ganze Arbeit geleistet, so sehr, dass noch Anfang der 1930er Jahre die NSDAP und andere völkische Kreise von ihr profitieren konnten. Nach dieser Verschwörungstheorie sollen nicht die letzte OHL und ihr Chef, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (* 1847 † 1934), für die Kriegsniederlage des Deutschen Reiches verantwortlich sein, sondern die Sozialdemokraten, andere demokratische Kräfte sowie das Judentum. Sie hätten angeblich die ‚im Feld unbesiegten‘ deutschen Soldaten hinterrücks erdolcht. Wer „die“, wer „uns“ ist, muss auf diesem Niveau der ‚Argumentation‘ nicht näher bestimmt werden. In seinen Alterserinnerungen beschreibt Zuckmayer, wie er nach Kriegsende mit den anderen Überlebenden seiner Truppe die Rheinbrücke bei Kehl überquert. „Keiner dieser Soldaten hatte die Idee, daß wir durch einen ‚Dolchstoß in den Rücken‘ den Krieg verloren hätten. Das wurde den Menschen erst später eingeredet. Wir wußten, daß wir besiegt waren.“ (Zuckmayer 19662013, 299 f.) Eismayer raunt dem Vertreter der Staatsmacht abschließend noch zu: „Aber ma sagt ja, es soll bald wieder anders werde?“ Worauf der Angesprochene geheimnisumwoben erwidert: „Ja, es geht manches vor, was mancher nicht ahnt.“ (FW 3. Akt, 60) Auch dies ist eine Warnung Zuckmayers vor dem sich bereits zusammenbrauenden braunen Unheil. Über seine Figur Knuzius notiert Zuckmayer 1940: „[…] ich hatte nicht geahnt, wie sehr ich ins Schwarze getroffen hatte, nämlich mitten in die Eitelkeit der Nazis, die in dieser unsympathischen Gestalt ihre geheimsten Eigenschaften aufs krasseste enthüllt und persifliert sahen.“ (Zuckmayer 19402014, 168) Auf einer Ebene mit Knuzius’ Ideologie liegen auch die zahlreichen antijüdischen Äußerungen von politisch rechts orientierten Charakteren, die in die beiden ersten Akte eingestreut sind: 317 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren • Der deutschnational orientierte Weinhändler Vogelsberger sagt über seine jüdischen Konkurrenten Jakob Hahnesand und Löbsche Bär: „Die Judde stehn da beisamme und hecke Unheil“ (FW 1. Akt, 20). • Der lispelnde, etwas dümmliche Studienassessor Bruchmüller hält Löbsche Bär entgegen: „Das können Sie als Fremdrassiger überhaupt nicht beurteilen“, worauf ihm der Standesbeamte Kurrle beipflichtet (FW 2. Akt, 25), der von „Volksgesundheit“ schwadroniert (FW 3. Akt, 61). • Der Assessor legt nach: „Gehen Sie doch nach Zion, Sie unverschämter Mensch!“, was der Standesbeamte wiederum mit einem „Wacker, wacker“ quittiert. Bär fordert Kurrle daraufhin auf, dass er als Amtsperson diese „Hetzerei“ unterlassen solle (FW 2. Akt, 26). • Als Bruchmüller bei einem Auszählspiel verliert und eine Runde bezahlen soll, empört er sich: „Die Hebräer saugen mich aus!“ (FW 2. Akt, 28); • Chinajokkel, ein Veteran, stimmt zur Freude Bruchmüllers („Gib ihm! gib ihm!!“) und der Umstehenden („Druff! Uff die Judde!!“) ein judenfeindliches Lied an (FW 2. Akt, 29); Zuckmayers Regieanweisung spricht an dieser Stelle unmissverständlich von „Judenverfolgung“ (FW 2. Akt, 30)319. • Später hetzt der Veteran erneut: „Druff! Da sitze die Schieber!! Uff se! Haut se! Balbiert se! Kriegsgewinnler! Kapitaliste! Blutsauger!!“ (FW 2. Akt, 42) • Frau Rindsfuß, die Frau eines der nicht-jüdischen Weinhändler, muss noch nachlegen: „Ich kann auch die Juden nicht leiden, sie haben so was Tierisches.“ (FW 2. Akt, 30)320 319 Mit Brief vom 26.8.1972 gibt Zuckmayer dem Regisseur Carl Bengard (1910– 1978) einige grundsätzliche Hinweise zur Inszenierung des Stücks ‚Der fröhliche Weinberg‘. Wenn die Juden im Stück „verulkt und angepöbelt werden, muß schon etwas von der […] Gefährlichkeit und Bosheit spürbar sein, wie sie zwölf Jahre später so furchtbar zutage trat.“ (Zuckmayer 19721978, 162) 320 Wie eine Entgegnung auf diese antisemitische Äußerung klingt es, wenn Gunderloch später sagt: „E Stückelche Vieh stickt doch in jedem von uns drein!“ (FW 3. Akt, 67; vgl. Schmitz 2000, 401) 318 Lienkamp: Aufstand für das Leben Der propagierte Antisemitismus, so Zuckmayer in seinen Alterserinnerungen, „tat seine Wirkung, in dem er jedem Trottel den Genuss verschaffte, jemanden ‚unter ihm‘ zu verachten“ (Zuckmayer 19662013, 32). Der einzige, der im ‚Fröhliche[n] Weinberg‘ gegen die Situation, die gefährlich aus dem Ruder zu laufen droht, einschreitet, ist Gunderloch. Er erhebt sich, haut mit der Faust auf den Tisch und ruft in die Menge: „Schluß! Genug!! Laßt die Judde in Ruh! Sie sind zwar beschnitte, sonst aber Menschen wie wir.“ (FW 2. Akt, 30) Die sich widersprechenden Reaktionen von Bär und Hahnesand auf diesen ‚Aufstand‘ lassen offen, ob der Weingutbesitzer ein – , also ein Gerechter, ist oder ob es ihm nur ums Geschäft geht, für das er die beiden jüdischen Händler noch brauchen könnte (vgl. FW 2. Akt, 30). Das Publikum muss sich selbst ein Urteil bilden und sich für eine Position entscheiden. Für Zuckmayer ist Gunderloch auf jeden Fall ein „Prachtskerl“ (Zuckmayer 19721978, 163), was wir als eine rheinhessische Übersetzung von betrachten können. Zuckmayer gibt den politisch Naiven eine Hilfestellung, indem er, wir schrei ben das Jahr 1925, mit seinem Bühnenwerk auf die fortschreitende antijüdische Diskriminierung und Hetze hinweist, die ihn selbst acht Jahre später, als die Nazis sie nochmals erheblich verschärfen, zur Ausreise aus Deutschland zwingen werden. Was am Anfang und oberflächlich betrachtet wie ein simples Lustspiel daherkommt, entpuppt sich auf den zweiten Blick somit als scharfe Kritik an Antisemitismus321, Rassenideologie, Deutschnationalismus und rechtsextremen Gruppierungen. Ihre Vertreter, das macht Zuckmayer deutlich, sind gefährliche, „brutale Er obe rer natur[en]“, auch im politischen Sinne, die Jüdinnen und Juden verfolgen und dennoch – oder gerade deswegen – gesellschaftlich hofiert werden. In einem Interview aus dem Jahr 1976 unterstreicht Zuckmayer, dass ‚Der fröhliche Weinberg‘ ein „hochpolitisches Stück“ sei (Zuckmayer 19761977, 4). Es überrascht nicht, dass ein solches Werk einem Goebbels, den Nazis insgesamt und auch deutschnationalen Kreisen ein Dorn im Auge ist, zumal das 321 „Der Antisemitismus war natürlich der raffinierteste, weil wirksamste psychologische Schachzug der Nationalsozialisten, an den ihre Führer und Wegbereiter aber auch wirklich glaubten: denn man bilde sich nicht ein, daß je eine Propaganda Erfolg habe, von der ihre Initiatoren nicht selbst überzeugt sind.“ (Zuckmayer 19662013, 30) Ich würde ergänzen: daß je eine Propaganda langfristig Erfolg habe, … 319 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Schauspiel landesweit derart großen Zulauf hat und darüber hinaus mit dem wichtigsten Literaturpreis der Weimarer Republik, der höchsten literarischen Auszeichnung für junge Dramatiker, nämlich dem Kleistpreis dekoriert wird. Zuckmayers Freund Carlo Mierendorff (* 1897 † 1943) schreibt in einer Kritik, dass der Autor keine Geißel schwinge, sondern sich damit begnüge, „gewisse Zeitgenossen (unsterblich) lächerlich zu machen“. Aber die Getroffenen brüllten auf vor Wut (Mierendorff, zit. nach Zuckmayer 19662013, 483): „Dieses Gebrüll hallte durch ganz Deutschland322. Vor allem ging es von den damals [nach dem missglückten Hitler-Ludendorff-Putsch vom 8./9. November 1923; A. L.] schon wieder recht lautstarken Nationalsozialisten aus – sie fühlten sich in den komischen Figuren des Stücks, denen ich die alten und neuen, ‚völkischen‘ und antisemitischen Phrasen in den Mund gelegt hatte, mit Recht porträtiert, der ‚Völkische Beobachter‘ schäumte. Noch dazu waren sie empört, weil das Stück ihnen etwas wegnahm, was sie gepachtet zu haben glaubten: deutsche Landschaft, deutsches Volkstum ohne ‚Blutund-Boden‘-Geschwätz323. […] Der Krach um den ‚Fröhlichen Weinberg‘ war nicht einfach ein Schildbürgerkrawall gewesen, über den man sich hätte lustig machen können. Er hatte die bösen, unversöhnlichen Fratzen enthüllt, das verzerrte Gesicht einer nach Haß und Rache lüsternen Rückständigkeit, die im Begriff war, das deutsche Volk um seine beste und hoffnungsvollste Zeit zu betrügen, seiner freien Zukunft das Grab zu schaufeln. All das war schon damals im Gang – getarnt, verborgen, aber unablässig hetzend und wühlend. Wir spürten, wenn wir das auch noch nicht klar erkannten oder geglaubt hätten, daß wir auf Galgenfrist lebten, daß die gute Zeit, die jetzt vor uns lag, bedroht und bemessen war. Die Totenuhr tickte für die deutsche Republik, die gerade erst aus der Agonie des Notstandes erwacht 322 Auch in Österreich hetzt die völkische Presse. So erscheint beispielsweise im Salzburger ‚Landbündler‘ ein Artikel mit der Überschrift ‚Ein jüdischer Frechdachs‘, in dem Zuckmayer als „Judenstämmling“ und „Literaturhebräer“ tituliert und ihm Prügel androht wird, die er mehr als verdient habe (zit. nach Strasser 1996, 82 f.). 323 In ‚Des Teufels General‘ schwärmt Harras gegenüber Eilers von der flüssigen Sonne in seinem Glas: „Bist du mal durchs Moseltal gefahren und hast an den Hängen hinaufgeschaut – wo sich das alte Rebholz im nackten Schiefer hält? Tausend Jahre, mein Lieber. Tausend Jahre Leben, und Arbeit, und Volk. Ganz ohne Propaganda.“ (TG 1. Akt, 57) 320 Lienkamp: Aufstand für das Leben war. Die schlimmste Zeitflut war schon im Steigen – eines Tages würde sie uns bis zum Halse stehen. Um so dringlicher war es, was man jetzt machte, gut zu machen, und einen festen Stand zu gewinnen, bevor uns der Boden unter den Füßen weggespült würde. Jetzt hieß es, die Stunde zu nutzen und nichts zu vergeuden.“ (Zuckmayer 19662013, 483 f., 493) Der Schriftsteller zeigt damit, dass es auch ein politisches ‚Carpe diem‘ gibt (siehe Unterabschnitt 3.1.2.3 und Unterkapitel 5.7). Am 14. April 1929 druckt die ‚Vossische Zeitung‘ einen Beitrag, den Zuckmayer für die Jugendstunde des Berliner Rundfunks verfasst hatte. Unter der Überschrift ‚Palaver über Karl May‘ (* 1842 † 1912) singt der Autor nicht nur ein Loblied auf den Erfinder von Winnetou und Old Shatterhand, sondern auch auf deren Schöpfer, der, in den armseligsten Verhältnissen geboren, eine harte Kindheit und freudlose Jugend durchlebte, sich aber „über all seine Not und alle Hindernisse emporschaffte“ (Zuckmayer 1929, 26). Mit Bloch weiß sich Zuckmayer eins in der Sympathie für Mays Werk324, in dem Beduinentöchter und schwarze Sklaven befreit werden. „Wie großartig ist sein Kampf für den Indianer, sein Gefühl für die prachtvolle, noble und wehrlos zu Boden getretene Menschenrasse“325. Wenn der Lieblingsschriftsteller vieler Jugendlicher sich so für Unterdrückte eingesetzt hat, kann Zuckmayer möglicherweise auch sein junges Publikum, das vor dem Radio oder über der Sonntagszeitung sitzt, dazu motivieren, es ihm gleichzutun. Zuckmayer schließt mit dem Satz: „Ihr […] werdet später eine bessere Politik machen, auf der richtigeren Seite stehen, wenn ihr Old Shatterhands brennendes Rechtsgefühl und seine Liebe zu den roten Männern in euch aufgenommen habt. Howgh, ich habe gesprochen.“ (ebd. 27) Ersetzen wir einmal die Worte ‚In- 324 Bloch unterschreibt einen Brief an Zuckmayer mit dem Satz: „Nicht nur geeint in der Liebe zu Karl May. Ihr herzlich ergebener Ernst Bloch“ (Bloch in: Nickel/ Weiß 1995, 296). Zu der gemeinsamen Leidenschaft vgl. auch Zuckmayer 19662013, 354. 325 Zum Begriff ‚Rasse‘ siehe Fußnote 308. In seinem Artikel ‚Der Pionier als Leitbild‘ spricht er über die vordringenden brutalen Weißen, über das völlig sinnlose Abschlachten ganzer Stämme und erinnert daran, daß „unter den ‚fünf Nationen‘ des Ostens der einzig wirklich wirksame ‚Völkerbund‘ geschaffen wurde, den es wohl in der Welt gegeben hat und der einen jahrhundertelangen Friedenszustand zwischen kriegerischen Stämmen über weite kontinentale Ausdehnungen hin erzeugte, gebrochen erst durch die verheerende Einwirkung der französisch-englischen Kolonialkriege“ (Zuckmayer 1964, in: ders. 1997, 200). 321 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren dianer‘ und ‚rote Männer‘ durch ‚Jüdinnen und Juden‘ so bekommen die Sätze eine erhebliche zeitgeschichtliche Brisanz. Die Frage ist jedoch, wie viele junge Menschen zu dieser Transferleistung fähig und bereit waren. 4.2.2 Parteinahme für Erich Maria Remarques ‚Im Westen nichts Neues‘ Erich Maria Remarque, geboren in der Friedensstadt Osnabrück326, wird nach verschiedenen anderen Tätigkeiten, unter anderem als Volksschullehrer, Buchhalter und Korrespondent, der leitende Redakteur der Zeitschrift ‚Sport im Bild‘, die im deutschnational geprägten Hugenberg-Konzern erscheint. Ihm gelingt es zusammen mit seinem Vorgänger, aus der Sport- und Mode-Hochglanzillustrierten – gegen die Hauspolitik seines Verlegers – ein „Sprachrohr der führenden Literaten der Weimarer Republik“ zu machen (Schneider 1994, 19). Genau ein Jahrzehnt nach Kriegsende startet dann am 10. November 1928 in der ‚Vossischen Zeitung‘, die zum Berliner Ullstein-Verlag gehört, sein Fortsetzungswerk ‚Im Westen nichts Neues‘. Remarque schildert darin die Wirkung des Krieges auf einige Schülersoldaten, ihre Begegnung mit „Blut, Grauen, Vernichtung, Kampf und Tod“ (Remarque 1929, in: Eggebrecht 1994, 45). Das sei das Thema: „Junge Menschen, 18 Jahre alt [wie seinerzeit Zuckmayer; A. L.], die gerade angefangen hatten, das Leben zu erfahren, mussten plötzlich dem Tod ins Auge sehen. Wie würden sie es tun? Und was wären die Konsequenzen?“ (Remarque 1952/53, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 94)327. Er habe keine Geschichte des Krieges geschrieben, sagt Remarque. „Nur über die von allen erlebten Schauer, über das Grauen, über den verzweifelten, oft rohen Trieb der Selbsterhaltung, über die zähe Kraft des Lebens, das dem Tode und der Vernichtung gegenübersteht, habe ich gesprochen.“ (Remarque 1929, in: Eggebrecht 1994, 45) Sein Roman sei aber kein Text über die Kriegszeit, sondern eher ein „Nachkriegsbuch“, das zum ersten Mal die Frage stelle, ob die Menschen nicht eine seelische Verwundung davongetragen ha- 326 Die Europäische Kommission hat im März 2015 den Rathäusern in Osnabrück und Münster das Europäische Kulturerbe-Siegel als „Stätten des Westfälischen Friedens“ verliehen (https://ec.europa.eu/programmes/creative-europe/actions/ heritage-label/sites/munster-osnabruck_en). 327 Genauso beschreibt Remarque den Kern seines Buches auch in seinem Brief an Ian Hamilton (1853–1947) vom 1.6.1929 (Remarque 1929, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 55) sowie in einem Gespräch aus dem Jahr 1963 (ders. 1963, in: ebd. 121). 322 Lienkamp: Aufstand für das Leben ben, „daß sie im Krieg gewesen sind und alle ihre sogenannten sittlichen Grundsätze umschmeißen mußten?[ ] Man hat ihnen gesagt: ‚Du darfst nicht töten.‘ Aber man ihnen auch gesagt: ‚Du mußt gut zielen, damit du triffst.‘“ (Remarque 1963, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 121 f.) Er habe für eine Generation Verständnis wecken wollen, die mehr als jede andere Schwierigkeiten gehabt habe, nach „vier Jahren Tod, Kampf und Schrecken“ wieder ins zivile Leben zurückzufinden. Tausende und Abertausende hätten es nicht geschafft, auch weil sie nicht wussten, dass ihre Lethargie, ihr Zynismus, ihre Unstetigkeit, ihre Hoffnungslosigkeit, ihr Schweigen, ihr Gefühl, zerrissen und ausgeschlossen zu sein, daher kommen, dass „die erneuernde Kraft“ ihrer Jugend „im Krieg vergeudet“ worden sei (Remarque 1929, in: ebd. 56). Viele Menschen hätte jedoch durch das Buch aus der Gefahr der Selbstzerstörung wieder herausgefunden (vgl. ebd.). Allen, die den Krieg verherrlichen oder zu seinen Gunsten hetzen, musste diese Botschaft ein Dorn im Auge sein. Heftige gesellschaftliche Auseinandersetzungen sind die Folge. Zu den ersten Konsequenzen der Publikation gehört, dass der Hugenberg-Verlag Remarques Vertrag als leitender Redakteur nur zwei Tage nach Beginn des Vorabdrucks fristlos kündigt (vgl. Schneider 1994, 19). 323 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Abbildung 58: Erste Folge des Forsetzungsabdrucks von Erich Maria Remarques ‚Im Westen nichts Neues‘ in der Morgen-Ausgabe der ‚Vossischen Zeitung‘ vom 10. November 1928 (Kopf der Titelseite und Seite 10 ‚unterm Strich‘) Als die Druckfahnen für die Buchpublikation im Propyläen-Verlag, ein Imprint des Ullstein-Verlags, fertig gestellt sind, erhält Zuckmayer den Auftrag, schnellstmöglich eine Rezension für die seinerzeit meist gelesene deutsche Wochenschrift, die ‚Berliner Illustrirte Zeitung‘, zu verfassen328, die 328 Sie erscheint am 31.1.1929, nur zwei Tage nach der Veröffentlichung des Buches. Zu diesem Zeitpunkt sind sich die beiden nach Zuckmayers Aussage noch nicht begegnet: „Ich kannte Remarque nicht, wußte nichts von ihm. Nach Wochen erst trafen wir zusammen“ (Zuckmayer 19662013, 497). Drei Monate nach dem Erscheinen seiner Rezension (also im April 1929) lernen sie sich dann nach Zuckmayers Darstellung persönlich kennen: „Es war die Begründung einer Lebensfreundschaft.“ (Zuckmayer 19761995, 97) Schneider geht jedoch davon aus, dass 324 Lienkamp: Aufstand für das Leben ebenfalls im Ullstein-Verlag erscheint. Es sieht also ganz nach einer Werbestrategie aus, in die Zuckmayer eingebaut werden soll. Allerdings ist er nicht der Typ, der sich den Tenor einer Rezension vorschreiben ließe. Er habe erst zögernd zu lesen begonnen, dann „weiter und weiter, fieberhaft, ohne Pause, erschüttert, aufgewühlt, im innersten Herzen getroffen“ (Zuckmayer 19761995, 96). In dem Werk habe er ein Stück seines eigenen Lebens und Erlebens wiedergefunden (vgl. ebd.). Endlich habe einer „den trüben Nebelschleier des Vergessens aufgerissen, welcher sich über das Schicksal der Kriegsgeneration senkte, deren Gedächtnis nur von der falschen Seite wachgehalten wurde.“ (ebd.) In seiner Besprechung, die Ende Januar 1929 herauskommt, es ist die erste des Buches überhaupt, stellt sich Zuckmayer ganz hinter das Werk, welches das erste seiner Art sei, das Wahrheit gebe – „Wahrheit, reine gültige Wahrheit“ – und das alle anderen literarischen Auseinandersetzungen mit dem Weltkrieg als „Stückwerk“ erscheinen lasse (Zuckmayer 1929, in: ders. 1995, 98 f.). ‚Im Westen nichts Neues‘ sei bewusst als Bericht platziert worden, so Thomas F. Schneider (vgl. Schneider, in: Lüddemann 2019, 28). Tatsächlich handelt es sich aber um einen Roman. Vorweg heißt es: „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ (Remarque 19292018, 7) Diese selbstgestellte Aufgabe werde vom Werk, so Zuckmayer, „voll und ganz“ erfüllt (Zuckmayer 1929, in: ders. 1995, 98). Es gehöre „in die Schulstuben, die Lesehallen, die Universitäten, in alle Zeitungen, in alle Funksender, und das alles ist noch nicht genug“ (ebd. 97). Die Zahlen sprechen Bände: allein 1929 über eine Million verkaufte Bücher in Deutschland, Übersetzungen in alle europäischen Sprachen, eine Auflage von mehr als 300 000 Stück in der Vereinigten Staaten (vgl. Rogg 2008, 5). Das Buch tritt einen globalen Siegeszug an mit bis heute ca. 20 Millionen verkauften Exemplaren. Kein in deutscher Sprache geschriebener Roman ging häufiger über die Ladentheke. Zugleich handelt es sich um „den einzigen pazifistischen Bestseller zum Weltkrieg“, so Thomas F. Schneider (Schneider, zit. nach Lüddemann 2019, 28). sie schon um 1927 in Kontakt traten, „da Zuckmayer zu den Beiträgern für Sport im Bild in dessen Phase als ambitioniertes Kunst- und Literaturmagazin zählte“ (Schneider 1998, 543). 325 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Neben zahlreichen zustimmenden Äußerungen stehen scharfe Proteste: „In nationalkonservativen und monarchistischen Kreisen sowie in der Reichswehr wurde Remarque heftig attackiert […]. Dort warf man ihm vor, der Vorreiter einer pazifistischen Propaganda zu sein, die das ehrenhafte Gedenken der deutschen Soldaten im Weltkrieg in den Schmutz zog.“ (Rogg 2008, 5) Weil Remarque die Gewalt und Erbarmungslosigkeit des Krieges als sinnlos darstelle, sei sein Roman von einem erheblichen Teil der Bevölkerung „nicht nur als Provokation, sondern als öffentliche Gefahr eingeschätzt“ worden (ebd.). In seinem erst 1994 veröffentlichten Essay ‚Haben meine Bücher eine Tendenz‘, den er 1931/32 verfasst, äußert er sich scharf gegen die „Totschlägerei“ und das „Blutbad auf den Schlachtfeldern“: „Krieg ist zu allen Zeiten ein brutales Werkzeug der Ruhmgier und der Machtlust gewesen, immer in Widerspruch mit den Grundprinzipien der Gerechtigkeit, die allen moralisch gesunden Menschen innewohnen.“ (Remarque 1931/32, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 62) Der Autor sagt von sich, dass er immer dachte, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis er herausfand, „daß es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen, die nicht ganz vorne stehen.“ (Remarque 1963, in: ebd. 122) Und die Leute, die den Krieg woll- Abbildung 59: Titel der im Berliner Propyläen-Verlag 1929 publizierten Erstausgabe von Remarques Roman ‚Im Westen nichts Neues‘ (eigenes Foto) Abbildung 61: ‚Illustrierter Film-Kurier‘ Nr. 1501, 1930; Ausstellung des ‚Erich Maria Remarque Friedenszentrum‘, Osnabrück (eigenes Foto) Abbildung 60: Erich Maria Remarque, 1929 (in: Remarque 19292018, hinterer Einband, Ausschnitt) 326 Lienkamp: Aufstand für das Leben ten, erwarteten nicht, in ihm zu sterben (vgl. Remarque 1958, in: ebd. 106). Aber der Sinn des Krieges sei Töten – nicht Überleben (vgl. ebd.). Berechtigt sei Krieg lediglich als Selbstverteidigung und auch das nur ultima ratio (vgl. Remarque 1931/32, in: ebd. 64). Remarque weiß um die Aktualität seines Buches, sieht die Gefahr des Chauvinismus und die Flutwelle des Nationalismus, die Hass verbreite und rohe Gewalt predige (vgl. ebd.). Zwischenspiel: Am 4. September 1930, zehn Tage vor den Reichstagswahlen, erscheint in der Zeitschrift ‚Reclams Universums‘ ein ‚Aufruf an die Partei der Nichtwähler‘, den neben Gerhart Hauptmann, Ricarda Huch (* 1864 † 1947), Max Liebermann (* 1847 † 1935), Heinrich (* 1871 † 1950) und Thomas Mann, Max Planck (* 1858 † 1947), Ferdinand Sauerbruch (* 1875 † 1951), Eduard Spranger (* 1882 † 1963), Fritz von Unruh (* 1885 † 1970), Clara Viebig (* 1860 † 1952) und anderen auch Carl Zuckmayer unterzeichnet. Ziel des Appells ist, die über 25 Prozent der Wahlberechtigten, die bei den Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 nicht zur Urne gegangen sind, nun dazu zu bringen, „die verantwortungsbewußten Parteien“ zu stärken, um diese zu „wirklichen Machtfaktoren“ zu machen. „Diesmal greift ein! […] Der Reichstag muß ein neues Gepräge haben, dem die Intelligenz ihren Stempel aufdrückt.“ (zit. nach Nickel/Weiß 1996, 217) Zwar stieg die Wahlbeteiligung tatsächlich von 74,6 auf 81,4 Prozent. Dies ist allerdings nicht dem Weckruf der Prominenten zuzuschreiben. Denn Gewinnerinnen waren nicht die verantwortungsbewußten Parteien, nicht die Intelligenz, sondern die Nazis, die – wie bereits erwähnt – die Anzahl ihrer Stimmen von rund 810 Tausend auf rund 6,4 Millionen verachtfachten (vgl. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1933, 539). Das ist die neue politische Lage, in der Remarques Buch verfilmt wird und der Konflikt eskaliert. Unter der Regie von Lewis Milestone (* 1895 † 1980) entsteht in den Vereinigten Staaten der später mit dem Oscar ausgezeichnete Kinofilm ‚All Quiet on the Western Front‘329, der in synchronisierter Fassung unter dem Titel ‚Im Westen nichts Neues‘ am 4. Dezember 1930 329 Die Erstaufführung der US-amerikanischen Originalversion findet am 21.4.1930 in Los Angeles statt und wird „dort von Kritikern und Publikum gleichermaßen gefeiert“ (Rogg 2008, 8). Milestone erhält den ‚Oskar‘ für die beste Regie. 327 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren im Mozartsaal des Theaters am Berliner Nollendorfplatz seine deutsche Uraufführung erlebt330. „[…] die Uraufführung war ein gesellschaftliches Ereignis, an der unter anderen der preußische Innenminister Carl Severing und Kultusminister Adolf Grimme teilnahmen, auch Alfred Döblin, Carl Zuckmayer, Lion Feuchtwanger, Max Slevogt, George Grosz, Georg Kaiser und Egon Erwin Kisch sowie die drei ehemaligen Reichskanzler Wilhelm Marx, Hermann Müller und Philipp Scheidemann waren anwesend […]“ (Jacobsen 2005, 196). Für Matthias Rogg gehört er zu den herausragenden Filmen seiner Gattung, „ein Streifen, der Filmgeschichte geschrieben hat und auch nach fast 80 Jahren immer noch unter die Haut geht“ (Rogg 2008, 4). Film wie Buch waren in ihren ursprünglichen Fassungen dezidierte Antikriegswerke, haben aber beide durch Maßnahmen der (Selbst-)Zensur erheblich an Schärfe und Eindeutigkeit eingebüßt331. Was den Schnitten, Kürzungen und Änderungen nicht zum Opfer fiel, ist damals aber immer noch geeignet, die völkisch-nationalistischen Parteien und ihre Gefolgschaft zu provozieren, obwohl vermutlich kaum jemand aus ihren Reihen das Buch gelesen und noch viel weniger den Film gesehen haben. „Allein der Fakt der Verfilmung vermochte es, dass Goebbels […] Massenproteste organisieren konnte“ (Schneider 2018, 351)332. In der 19.00 Uhr-Vorstellung des 5. Dezember kommt es zum Eklat. Es ist, wie Hanns-Georg Rodek schreibt, der „erste generalstabsmäßig geplante physische Angriff auf die Demokratie der Weimarer Republik“ (Rodek 2010, o. S.). Dieser bestand darin, dass 330 Es existiert auch eine Stummfilmfassung. 331 Vgl. Schneider 1994, 11. Max Horkheimer (1895–1973) und Theodor W. Adorno (1903–1969) schreiben: „Der Prozeß, dem ein literarischer Text, wenn nicht in automatischer Vorausschau seines Herstellers, so jedenfalls durch den Stab von Lektoren, Herausgebern, Umarbeitern, ghost writers in- und außerhalb der Verlagsbüros unterworfen wird, überbietet an Gründlichkeit noch jede Zensur.“ (Horkheimer/Adorno 1984, 2) 332 Zuckmayer macht Goebbels Hass auf Remarque in seinem Drama ‚Des Teufels General‘ zum Thema, wenn Dr. Schmidt-Lausitz (der Goebbels ähnelt) den Schriftsteller als „jüdischen Volksvergifter“ beschimpft. Von Harras darauf hingewiesen, dass Remarque kein Jude sei, erwidert der Nazi: „Bei solchem Gesindel gibt es keinen Unterschied. Haßerfüllt Herr Remarque, von Ullstein! Wer mit Juden umgeht, ist selber ein Jude.“ (TG 1. Akt, 55) 328 Lienkamp: Aufstand für das Leben „[…] organisierte nationalsozialistische Banden – initiiert von Joseph Goebbels (zu dieser Zeit Berliner Gauleiter, Reichspropagandaleiter und Reichstagsabgeordneter der NSDAP)333, der vom Kinorang die schändlichen Ausfälle beobachtete – die ersten Vorführungen störten, Schlägereien anzettelten, Stinkbomben warfen, weiße Mäuse im Saal freiließen und mit pöbelnden Rufen wie ‚Juden raus‘ und ‚Hitler ist vor den Toren‘ andere Besucher provozierten“ (Jacobsen 2005, 196) Damit beginnt im Berliner Westen ein knapp einwöchiger Ausnahmezustand. Unter Goebbels Regie findet die erste große Massenmobilisierung der Nazis statt. „Unter den Provokateuren befanden sich Goebbels selbst und der Pfarrer Ludwig Münchmeyer, Reichstagsabgeordneter der NSDAP und ein ausgewiesener Antisemit. […] Der Skandal war von Goebbels inszeniert worden als Herausforderung der Demokratie. Ein Machtspiel, in dem der Antisemitismus als Mittel zum Zweck eingesetzt wurde. In seinen Tagebüchern vermerkt Goebbels unter dem 3. Dezember, daß beim Filmbesuch ‚den Eunuchen Mores beigebracht werden‘ soll. Die Stimmung war aufgeladen, der Haß systematisch geschürt, es ging nicht nur – wie die NS-Presse titelte – gegen die sogenannte ‚Remarque-Sudelei‘, sondern die verbalen und tätlichen Attacken richteten sich ausdrücklich auch gegen Juden, hier die sogenannten ‚Filmjuden‘, wobei vor allem Carl Laemmle, der Produzent des Films, denunziert wurde.“ (ebd. 196 f.) Die Nazis können einen ersten düsteren Erfolg verbuchen: Die Vorführung wird abgebrochen, und auch die folgende wird abgesagt. Was sie und ihre Verbündeten am Nollendorfplatz inszenierten, „[…] war erst der Auftakt eines Kinoterrors, der das Kampfgeschehen von der Leinwand auf die Straßen vor den Lichtspielhäusern verlagerte. Weitere Aufführungen wurden in den folgenden Tagen von SA-Gruppen sabo- 333 Goebbels lässt „am 5. Dezember Freikarten für den Film an SA-Männer, Parteimitglieder und Sympathisanten verteilen“ (Rogg 2008, 8). 329 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren tiert, Kinobesucher beschimpft oder am Betreten von Lichtspielhäusern mit Gewalt gehindert.“ (Rogg 2008, 8)334 Aufführungen können nur noch unter massivem Polizeischutz stattfinden, wobei man nicht immer weiß, auf welcher Seite Polizei und Staatsanwaltschaft eigentlich stehen335. Über Goebbels „Kohorten“ schreibt Remarque: „Ich sah mir die Demonstranten an. Niemand von ihnen war älter als zwanzig; niemand von ihnen konnte deshalb im Krieg 1914–1918 gewesen sein, – und niemand wußte, daß sie zehn Jahre später in einem Krieg sein würden und daß die meisten von ihnen tot sein würden, bevor sie die dreißig erreichten.“ (Remarque 1958, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 104) Nachdem Abend für Abend Tausende im Berliner Westen den Aufrufen zu Protestzügen gefolgt sind, notiert Goebbels am 10. Dezember 1930, triefend vor Selbstgefälligkeit und Arroganz, in sein Tagebuch: „Der Film wird morgen fallen. Wenn ja, dann haben wir einen Sieg errungen, wie er grandioser garnicht [sic] gedacht werden kann. Die n.s. [nationalsozialistische; A. L.] Straße diktiert der Regierung ihr Handeln. Das war eine Nervenprobe. Aber wir haben sie bestanden.“ (Goebbels, in: Fröhlich [Hrsg.], Bd. 2/I, 2005, 301) Am 11. Dezember befasst sich der Reichstag mit der Angelegenheit und verhängt für Berlin zum Ärger der Nazis und ihrer Presseorgane ein allgemeines Demonstrationsverbot. Trotzdem: Noch am selben Tag widerruft die ‚Film-Oberprüfstelle‘ auf Anträge der Regierungen von Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Bayern und Württemberg die Zulassung des Films. Hauptkritikpunkte der Klägerinnen sind die Gefährdung von Sicherheit und Ordnung, aber auch die Gefährdung des deutschen Anse- 334 „Hitlers SA, die Sturm-Abteilungen, rekrutierten sich aus den Unzufriedenen und Erfolglosen, den Ehrsüchtigen, den Neid und Haßerfüllten aller Schichten – zu Mord und Gewalttat bereit.“ (Zuckmayer 19662013, 450) 335 „Begünstigt wurde diese Gewalt der Straße durch die Tatenlosigkeit der Staatsanwaltschaft und vieler Polizisten, die dem rechtsstaatlichen System der Weimarer Republik reserviert gegenüberstanden.“ (Rogg 2008, 8 f.) Goebbels notiert am 6.12.1930 in sein Tagebuch: „Schon nach 10 Minuten gleicht das Kino einem Tollhaus. Die Polizei ist machtlos. Die erbitterte Menge geht tätlich gegen die Juden vor. Der erste Einbruch in den Westen. ‚Juden heraus!‘ ‚Hitler steht vor den Toren!‘ Die Polizei sympathisiert mit uns. Die Juden sind klein und häßlich.“ (Goebbels, in: Fröhlich [Hrsg.], Bd. 2/I, 2005, 298; Hervorhebung von mir, A. L.) 330 Lienkamp: Aufstand für das Leben hens in der Welt. Die Oberprüfstelle konzentriert sich auf den zweiten Verbotsgrund. Da sie diesen für gegeben erachtet, hält sie die Prüfung weiterer Verbotsgründe für überflüssig (vgl. Film-Oberprüfstelle 1930, 25). Goebbels triumphiert. Am 12. Dezember 1930 schreibt er im ‚Angriff ‘: „Der Schmachfilm ist verboten! Damit hat die nationalsozialistische Bewegung den Kampf gegen dieses jüdische Sudelwerk auf der ganzen Linie gewonnen. […] Daß der Kampf um den Film am Ende zu einer Prestigefrage zwischen der preußischen Regierung und der nationalsozialistischen Bewegung wurde, lag von vornherein in unserer Absicht. […] Die jüdische Presse faselt heute, die Filmoberprüfstelle habe sich dem Diktat der Straße gebeugt; das ist richtig und wieder nicht richtig. Denn diesmal wurde die Straße beherrscht von einem sittlichen Staatsgedanken, der sich hierbei nur derselben Mittel bediente, deren sich der internationale Marxismus seit Jahrzehnten zu bedienen pflegt. Es war ein Kampf um die Macht zwischen marxistischer Asphaltdemokratie und deutschbewußter Staatssittlichkeit. Und zum ersten Male haben wir in Berlin die Tatsache zu verzeichnen, daß die Asphaltdemokratie in die Knie gezwungen wurde. […] es blieb der Regierung nichts anderes übrig, als den Film verbieten zu lassen. Damit aber gibt sie zu, daß die nationalsozialistische Opposition — sie mag Kampfmittel angewandt haben, wie auch immer — im Recht war, und die deutsche Öffentlichkeit hat hierbei eine billige Gelegenheit, festzustellen, daß man dem Marxismus gegenüber, auch wenn man recht hat, nur etwas erreicht, wenn man mit der Faust auf den Tisch schlägt. […] Das Verbot ist also unser Verdienst. Wir haben es dem Marxismus abgezwungen. Wir haben die jüdische Asphaltgeistigkeit zum ersten Male in Berlin in ihre Schranken zurückgewiesen. Der Marxismus ist geschlagen und die roten Kaiser in Preußen sichtbar für die ganze Weltöffentlichkeit in die Knie gezwungen. Heute vermag man noch nicht zu übersehen, welche Folgen das für die rote Gewaltherrschaft in Preußen haben wird. […] Müssen wir noch im einzelnen darlegen, daß der Kampf auf der ganzen Linie weitergeht, und daß wir begründete Hoffnung haben, ihn einmal endgültig zu gewinnen, da wir ein erstes Mal den erbittert kämpfenden Gegner in die Knie gezwungen haben? Remarque ist beseitigt, aber es starrt noch von jüdischem Unrat in der gesamten deutschen Öffentlichkeit, hier gilt es auszumisten. Unser eiserner Besen heißt Kampf.“ (Goebbels 1930, in: ders. 1939, 40 ff.) 331 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Albrecht sieht in dieser Machtprobe der Nazis mit dem Staat auch ein Ablenkungsmanöver nach innen, eine erfolgreiche politische Beschwichtigung von „Wählern, Anhängern, Mitgliedern und Funktionären der Hitler-Bewegung“, deren Erwartungen nach dem Erfolg bei der Reichstagswahl im September 1930 in Richtung Putsch oder Regierungsbeteiligung enttäuscht worden waren und die jetzt von Goebbels auf ein „symbolisches Handeln wirksam umgelenkt“ werden (Albrecht 1984, 78 f.). Thomas F. Schneider resümiert treffend: „Die noch halbwegs demokratischen Insti tu tionen waren vor der Macht der Straße eingeknickt und hatte für die junge Demokratie selbst den ersten Sargnagel eingeschlagen.“ (Schneider 2018, 351)336 Heinz Pol(lack) (* 1901 † 1972) spricht in der ‚Vossischen Zeitung‘ ganz ähnlich vom „Druck des Straßenterrors“, woraufhin der Film verboten worden sei (Pol 1931, 2). Zuckmayer selbst schreibt in seinem ‚Geheimreport‘, dass die Nazis durch Störung von Vorführungen „in Verein mit Pöbelkundgebungen damals von einer schwächlichen Regierung das Verbot der Aufführung dieses Films erreicht“ hätten (Zuckmayer 19432002, 66). Zuckmayer ist zeitlebens sehr zurückhaltend, was politische Proklamationen angeht. Als aber die NSDAP immer stärker wird, gibt er seine Enthaltsamkeit auf und engagiert sich für die Verteidigung der Weimarer Re publik (vgl. Nickel/Weiß 1996, 217). Im ‚Preußischen Herrenhaus‘ hält Zuckmayer acht Tage nach dem Filmverbot, am 19. Dezember 1930, im Rahmen einer großen Versammlung des ‚Kampfausschusses gegen die Zensur‘ eine vielbeachtete, flammende Grundsatzrede337, in der er die Staatsorgane zu einer Machtdemonstration der Republik gegen ihre rechten Feinde aufruft und in der er sich mit Hitler und Goebbels anlegt, den „Herrn von Hirnschwund, Herzschwund“, wie Gerhart Hauptmann derartige Typen nennt (Hauptmann, zit. nach Zuckmayer 1962, in: ders. 1997, 169)338. Das Deutsch- 336 Preußens damaliger Innenminister Carl Severing (SPD) (1875–1952) schreibt in seinen Erinnerungen, dass es sich um „eine glatte Kapitulation vor der Nazistra- ße“ gehandelt habe (zit. nach Rodek 2010, o. J.). 337 Fast nebenbei bemerkt Zuckmayer, dass er sich als Kriegsteilnehmer „durch den Remarque-Film, auch durch seine amerikanische Fassung, keineswegs verletzt, sondern in vieler Hinsicht bestärkt und bestätigt“ fühle (Zuckmayer 1930, 2). 338 Der „Nachtalb […], der hinkende böse Zwerg, in Gestalt von Joseph Goebbels“ war Zuckmayer schon während seines Studiums in Heidelberg begegnet: Er richtete „seinen Neid und Haß besonders gegen uns“, so Zuckmayer, „die verändert 332 Lienkamp: Aufstand für das Leben land, das wie ihm auch vielen anderen seiner Generation seit den Kriegsjahren vor Augen stehe und für das er sich genau wie sie einsetze, „sieht ganz anders aus, wie sichs die Nachläufer des Herrn Hitler und die Schuljungen vom Nollendorfplatz vorstellen. […] In den Kreisen, zu denen ich heute spreche, aber auch in der Welt außerhalb unseres Landes herrscht kein Zweifel darüber, wer Deutschland wesentlicher repräsentiert, wer der größere Deutsche ist, Goethe oder Goebbels. […] wir Kriegsteilnehmen, die den Granaten entgangen sind, ohne vom Krieg zerstört zu werden, wir beanspruchen heute ohne falsche Bescheidenheit oder noble Zurückhaltung unseren Teil von Deutschland und vom deutschen Wesen: er ist größer und wichtiger als der, den die Sturmabteilungen Hitlers besetzt halten.“ (Zuckmayer 1930, 2) Die ‚Vossische Zeitung‘ bringt die komplette Rede am folgenden Tag auf ihrer Titelseite. Es handelt sich offensichtlich auch nach Einschätzung des Chefredakteurs nicht um ein Thema fürs Feuilleton, sondern um ein Politikum ersten Ranges, wie auch Zuckmayer gleich im ersten Satz deutlich macht: „Zensur oder Nicht-Zensur ist heute wie immer keine Frage des guten Willens, der Verständigung, sondern einzig und allein der politischen Macht. Weder durch unsere heutige Kundgebung noch durch irgendwelche andere Mittel geistiger Art werden wir diejenigen Kreise, deren politischer Machtwille das Verbot des Remarque-Films […] verursacht hat, zur Aufgabe ihrer Haltung und zur Einstellung ihres Kampfes bringen. Nur die deutsche Republik könnte in entschiedener und rücksichtsloser Ausübung ihrer Staatsmacht in konsequenter Treue zu einer deutschen republikanischen Idee[ ] den Terror gegen den Geist, die Unterdrückung der Wahrheit, die Vergeund voll neuen Antriebs [aus dem Ersten Weltkrieg; A. L.] Heimgekehrten: wir waren später die ersten Ziele seiner Verfolgung.“ (Zuckmayer 19662013, 353) Damals habe Goebbels sich noch zurückgehalten und bei dem jüdischen Germanisten Friedrich Gundolf (1880–1931) in den Kollegs gesessen (vgl. ebd.). Zuckmayer verehrt den „genialischen“ Gundolf. In seiner Heidelberger Studienzeit habe er keine seiner immer überfüllten Vorlesungen versäumt, aber die meisten wegen der nachmittäglichen Stunde und der „monotonen Intensität“ des Vortrags verschlafen und erst später „aus dem gedruckten Buch kennengelernt“ (ebd. 355). 333 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren waltigung geistiger und menschlicher Freiheit verhüten339. Dem Staat also gilt unser heutiger Appell, nicht den Staatsfeinden, gegen die wir mit Worten und Kundgebungen doch nichts ausrichten können. Von diesem Rednerpult gegen Hitler kämpfen zu wollen, hieße eine Handgranate mit einem Regenschirm zu parieren. Wir wollen den verantwortlichen Führern unseres Volkes zurufen: Wenn ihr noch da seid, dann zeigt euch! Wenn ihr noch lebt, dann kämpft! Wenn wir euch vertrauen sollen und mit unseren Mitteln für euch kämpfen, dann laßt uns nicht im Stich, wenn es um die entscheidendsten Dinge geht, dann beweist uns, daß es das gibt, was wir seit zwölf Jahren zu besitzen glaubten: eine freie deutsche Republik!“ (ebd. 1) Mit anderen Worten: Wenn die Republik jetzt nicht deutlich schwarz-rotgoldene Flagge zeigt, steuert Deutschland mit Hitler und Goebbels in ein System des Terrors, der Unterdrückung und der Vergewaltigung, das wiederum unweigerlich in einen grausamen Krieg und in das allgemeine Verderben führen wird: „Die Jungen, die heute Heil rufen zu Deutschlands Unheil, sind […] durch ein Buch oder durch einen Film oder durch eine wie immer geartete künstlerische Darstellung des gewesenen Krieges nicht zu belehren. Sie wollen auch gar nicht Krieg führen, sondern sie wollen Soldat spielen, aber sie begreifen nicht, daß sie damit die Gefahr eines Krieges beschwören, gegen den der von 1918 ein romantischer, frisch-fröhlicher Feldzug war. Einen Krieg […] der mechanischen, der abstrakten Vernichtung an sich, einen Krieg, der […] mit Deutschlands Untergang enden muß. Wer Deutschland liebt und wem Deutschland wirklich eine Heimat ist, der muß bis aufs Messer jede Richtung und jede Bewegung bekämpfen helfen, die bewußt oder unbewußt diesem Krieg, diesem Untergang des Abendlandes zusteuert.“ (ebd. 2) Das lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wenn die Formulierung „bis auf Messer“ nicht metaphorisch gemeint ist, fordert Zuckmayer 339 Im Rückblick auf die politischen Morde an Matthias Erzberger (1875–1921) und Walther Rathenau durch die nationalistisch-antisemitische terroristische ‚Organisation Consul‘ sagt Zuckmayer 1944 ganz Ähnliches: „Wir, die wir die Kreise kannten, aus denen die Mörder kamen, wußten, daß es nur eines gäbe, um mit ihnen fertig zu werden: rücksichtslose Bekämpfung, stärkste Exekutive und stärkste Repräsentation eines starken Staates.“ (Zuckmayer 1944, in: ders. 1995, 51). 334 Lienkamp: Aufstand für das Leben hiermit erstmals zum bewaffneten Kampf gegen die Feinde der Republik und des Friedens auf, die jahrelang „unter dem Schutz der freiesten Demokratie“ gegen diese toben und hetzen konnten (Zuckmayer 19662013, 29). Er will aber die staatsbürgerliche Verantwortung nicht einfach an die Staatsorgane abtreten. Stattdessen nimmt er sich ebenso wie seine Mitbürgerinnen und Mitbürger in die Pflicht, im Moment der Not der geschwächten Republik helfend zur Seite zu stehen. Abel Dorp schreibt Zuckmayer daraufh in in der ‚Weltbühne‘: „Sie haben neulich eine schöne Rede gegen die Reaktion gehalten. Sie haben gegen die minderentwickelten Lebewesen, die unser schönes Land verfinstern und in einen neuen Krieg hetzen, leidenschaftliche Worte gebraucht.“ (Dorp 1931, 38) In seinem ‚Geheimreport‘ notiert Zuckmayer, dass er sich bei der oben erwähnten Kundgebung gegen das Verbot des Remarque-Films, „bei der er persönlich gegen Herrn Dr. Goebbels auftrat und ihn ridikülisierte, dessen unversöhnlichen Hass zugezogen“ habe (Zuckmayer 19432002, 66). Insofern könne, so Albrecht, Zuckmayers „moralisch hochgeschätztes öffentliches und militantes Eintreten […] auch als Beitrag zur Vorgeschichte der späteren Emigration gelesen werden“, denn aus seiner Rede habe sich eine reale Gefährdung ergeben, vor der ihn auch seine Prominenz nicht habe schützen können (Albrecht 1984, 76). Veranstaltet von der ‚Deutschen Liga für die Menschenrechte‘ findet am 2. Februar 1931 im überfüllten Berliner ‚Bach-Saal‘ dann eine Massenkundgebung unter dem Titel ‚Remarque und die Wirklichkeit‘ statt340. In der Morgen-Ausgabe der ‚Vossischen Zeitung‘ berichtet darüber am folgenden Tag Heinz Pol(lack): Wenn das Filmverbot etwas Gutes gehabt habe, dann dass es alle politischen und künstlerischen Kräfte „zur Bildung einer Abwehrfront gegen die Faschisierung unseres öffentlichen Lebens wachgerufen“ habe (Pol 1931, 2). Remarque ist zwar nicht selbst anwesend, lässt aber überraschenderweise eine Stellungnahme verlesen, aus der Pol zitiert: „Ich habe lange nach einer Erklärung dafür gesucht, wie es möglich ist, daß Menschen, die den Krieg mitgemacht haben, schon heute […] so völlig ver- 340 Ich danke Herrn Kollegen Priv.-Doz. Dr. habil. Thomas F. Schneider, dem Leiter des ‚Erich Maria Remarque-Friedenszentrum‘ der Stadt und Universität Osnabrück, für den Hinweis auf diese Veranstaltung sowie für weitere Informationen in Sachen Remarque. 335 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren schiedener Ansicht über die Wirklichkeit des Krieges sein können. […] es muß mit aller Entschiedenheit dagegen Front gemacht werden, […] den Krieg zu verherrlichen und darum den grenzenlosen Jammer zu verkleinern, den er geschaffen hat.“ (Remarque, zit. nach Pol 1931, 2) Remarque zitiert auch aus seinem neuen Buch ‚Der Weg zurück‘, das mit dem Aufruf schließt: „Kameraden, wir leben. Das ist kein Glück nur – es ist eine Aufgabe. Eine Aufgabe, die wir von unseren toten Kameraden übernommen haben. Das Vermächtnis der Toten heißt nicht: ‚Rache!‘ – Es heißt: Nie wieder!“ (ebd.) Albert Einstein (* 1879 † 1955), Kurt Tucholsky (* 1890 † 1935) und Arnold Zweig (* 1887 † 1968) senden ebenfalls deutliche Worte. Neben Heinrich Mann, Käthe Kollwitz (* 1867 † 1945) und anderen spricht auch Zuckmayer, der, laut Pol, ein temperamentvolles Bekenntnis über seine Kriegserfahrungen ablegt. Jeder sei mit anderen Worten für dieselbe Sache eingetreten. „Für welche Sache? Zuckmayer hat es ausgesprochen: ‚Das neue Deutschland wird seinen Weg gehen, und koste es auch Kampf.“ (Zuckmayer, zit. nach Pol 1931, 2) Am 23. März 1931 beschließt der Deutsche Reichstag mit Datum vom 31. März das Gesetz zur Änderung des Lichtspielgesetzes, das so genannte ‚Lex Remarque‘. Der geänderte § 2 lautet nun: „Bildstreifen, gegen deren unbeschränkte Vorführung Versagungsgründe aus § 1 vorliegen, können zur Vorführung vor bestimmten Personenkreisen oder unter beschränkenden Vorführungsbedingungen zugelassen werden.“ (§ 2 Lichtspielgesetz – RGBl. Nr. 14 vom 8.4.1931, 127) Die Zulassung eines Films ist nach § 1 Lichtspielgesetz dann zu versagen, wenn dieser geeignet ist, „die öffentliche Ordnung oder Sicherheit zu gefährden, das religiöse Empfinden zu verletzen, verrohend oder entsittlichend zu wirken, das deutsche Ansehen oder die Beziehungen Deutschlands zu auswärtigen Staaten zu gefährden“ (§ 1 Lichtspielgesetz – RGBl. Nr. 107 vom 15.5.1920, 953). Am 8. Juni 1931 folgt die Filmprüfstelle Berlin in ihrer Entscheidung der Novelle des Lichtspielgesetzes. Eine nochmals um einige Szenen gekürzte Fassung von ‚Im Westen nichts Neues‘ wird unter strengen Restriktionen wieder zugelassen, das heißt, sie darf gemäß § 2 Lichtspielgesetz nur in geschlossenen Veranstaltungen bestimmter Organisationen gezeigt werden (vgl. Filmprüfstelle Berlin 1931, 1 f.). „Die Front 336 Lienkamp: Aufstand für das Leben der Kritiker hatte damit ihr Ziel erreicht und eine differenzierte Auseinandersetzung über die Sinndeutung des Weltkriegs unterbunden.“ (Rogg 2008, 9) Im gleichen Jahr flieht Remarque in die Schweiz, wie er 1962 in einem Gespräch schildert: „Im Jahre 1931 mußte ich Deutschland verlassen, weil mein Leben bedroht war. Ich war weder Jude, noch war ich politisch links eingestellt. Ich war dasselbe, was ich noch heute bin: ein militanter Pazifist.“ (Remarque 1962, in: Liepmann 1994, 112) Dass dies alles andere als ein Lippenbekenntnis ist, bestätigt Schneider, der unterstreicht, dass Remarque seine „Kriegsgegnerschaft zeitlebens mit Nachdruck und unerbittlicher Härte vertreten“ habe (Schneider 1994, 15)341. 4.2.3 Die Reaktion der Nazis auf den ‚Hauptmann von Köpenick‘ Zuckmayer setzt sich also nicht nur literarisch mit dem erstarkenden Rechtsextremismus auseinander, wie wir an seinen Ansprachen im Preußischen Herrenhaus vom 19. Dezember 1930 und im Berliner ‚Bach-Saal‘ am 2. Februar 1931 sehen konnten (siehe Abschnitt 4.2.2 sowie Unterkapitel 5.6). In einem Brief an Albrecht Joseph vom 15. Januar 1931 berichtet er zudem von einem geplanten Rededuell mit Goebbels, das im Berliner Sportpalast stattfinden soll: „Thema ‚Deutschlands Jugend – Deutschlands Erneuerung‘ und ‚Nationalgefühl und Nationalismus‘. Bin momentan dabei, die ganze ‚Literatur‘ der Nationalsozialisten zu lesen. […] Wenn das wirklich zustande kommt[,] werde ich den Brüdern – den Nazis und den unsrigen – mächtig den Arsch aufreissen.“ (Zuckmayer, in: Nickel/Weiß 1996, 219) 341 Vgl. dazu den von Thomas F. Schneider herausgegebenen, sehr lesenswerten Sammelband ‚Erich Maria Remarque – Ein militanter Pazifist‘ mit Texten und Interviews aus den Jahren 1929 bis 1966. 337 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Abbildung 62: Brief von Carl Zuckmayer an Albrecht Joseph vom 15. Januar 1931 (Auszug) (in: Nickel/Weiß 1996, 205) Dazu kam es zwar nicht, aber Zuckmayer scheute ganz offensichtlich nicht davor zurück, sich mit dem rhetorisch versiertesten und vielleicht ‚intelligentesten‘ Nazi vor großem, von NSDAP-Anhängerschaft dominiertem Publikum einen öffentlichen Schlagabtausch zu liefern. Die Erfolgsgeschichte Zuckmayers als Theaterautor in der Weimarer Republik, schreibt Richard Albrecht, sei „doch zugleich immer auch die von polemischen Angriffen gegen den Schriftsteller“ gewesen. Denn die Nazis hätten ihn von seinem ersten großen Erfolg an als eine Personifikation des ihnen verhassten „Weimarer ‚Systemtheaters‘“ betrachtet (Albrecht 1995, 11). Nach ihrer Machtübernahme am 30. Januar 1933 verbieten sie ab März die Aufführung aller Theaterstücke Zuckmayers. Im Januar und Februar laufen von ihm in Berlin noch drei Bühnenwerke: ‚Schinderhannes‘, ‚Katharina Knie‘ und ‚Der Hauptmann von Köpenick‘, alle in Neuinszenierungen (Zuckmayer 19662013, 532)342. Die überraschende Verzögerung er- 342 “The playwright’s work was banned en toto in March of 1933” (Grange 1999, 1 Anm. 2). „Zuckmayer’s comedies, however, were the immediate target because they presented German ‘folk life’ with a generally leftist political slant and were also extremely popular.” (ebd. 2 Anm. 2) 338 Lienkamp: Aufstand für das Leben klärt der Autor damit, dass in „den ersten paar Wochen […] alles noch wie eine mechanische Welle funktionell weiter(lief). Die Gewaltherrschaft brauchte Zeit, sich zu formieren, ihre Reihen zu schließen, ihre Maßnahmen zu treffen.“ (ebd. 533) Mit dem Verdikt zielen sie insbesondere auf den ‚Hauptmann von Köpenick‘. Offenbar erkennen sie die Aktualität und Brisanz des Werkes, das zwar in Preußen zur Zeit des Kaiserreichs spielt, aber eigentlich auf den Militarismus, den Uniformfetischismus, die Kriegstreiberei und das Führerprinzip des mit Beginn der 1930er Jahre immer stärker werdenden Nationalsozialismus abzielt. Dem Autor ist gelungen, was er sich selbst vorgenommen hat, nämlich „ein Einzelschicksal mit dieser Zeit zu verflechten und über das wunderliche Schicksal eines armen Teufels hinaus ein Volk zu zeichnen, Deutschland, wie es vor einem Vierteljahrhundert war.“ (Zuckmayer 1931c, 13) Das ist keine nostalgische Erinnerung, kein „preußisches Anekdotengeplänkel“, wie etwa Paul Rilla (* 1896 † 1954) meint (Rilla, zit. nach Stewart 2006, 182), sondern verdeckte, aber nichtsdestoweniger bissige, gegenwartsbezogene politische Kritik: Die „einundzwanzig Szenen erstrecken sich nicht nur auf Voigts Leben, sondern auch emblematisch auf soziale Situationen in der Arbeiterklasse, der aufstrebenden Mittelklasse sowie dem Militär und der Polizei. Dies könnte eher auf einen Versuch eines politischen Realismus hindeuten, der sich gegen bestimmte systemische Missbräuche richtet und eine schärfere satirische Absicht hat.“ (Stewart 2006, 182; eigene Übers., A. L.) Dazu schreibt Zuckmayer 1966 in seinen Altersmemoiren ‚Als wär’s ein Stück von mir‘: „Denn wenn auch die Geschichte mehr als zwanzig Jahre zurücklag, so war sie gerade in diesem Augenblick, im Jahre 1930, in dem die Nationalsozialisten als zweitstärkste Partei in den Reichstag einzogen343 und die Nation in einen neuen Uniformtaumel versetzten, wieder ein Spiegelbild, ein Eu- 343 „Im September 1930 zogen die Nationalsozialisten als zweitstärkste Partei in den Reichstag ein. Hitler begann auf legalem Weg zu siegen, den illegalen bahnten seine braunen Bataillone.“ (Zuckmayer 1962, 3) Im Vergleich zur Reichstagswahl vom 20.5.1928 (810 100 Stimmen) kann die NSDAP ihr Ergebnis am 14.9.1930 339 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren lenspiegel-Bild des Unfugs und der Gefahren, die in Deutschland heranwuchsen – aber auch der Hoffnung, sie wie der umgetriebene Schuster durch Mutterwitz und menschliche Einsicht zu überwinden.“ (Zuckmayer 19662013, 513) Selbst wenn Letzteres aus heutiger Sicht naiv klingen mag, Zuckmayer hat seinen ‚Hauptmann‘ explizit als „Politikum“ gemeint, und so sei er auch „von Freund und Feind“ verstanden worden (ebd. 517). Rosenau nennt das Stück deshalb – und zwar völlig zu Recht – „ein politisches Märchen.“ (Rosenau 2010, 285) Der Autor sagt rückblickend selbst, dass die Situation im Herbst 1930 für ihn „ein wesentlicher Anstoss“ gewesen sei, „das Stueck ueberhaupt zu schreiben“ und es genau „so zu schreiben, wie es geworden ist“ (Zuckmayer 1954, 103). Er habe sein Drama „ganz bewußt als eine Warnung gemeint“ (Zuckmayer 19761995, 159), eine Warnung davor, wie leicht es ist, mit einer Uniform ein ganzes Land zu düpieren, „eine Warnung an das Deutsche Volk vor dem Verfallen in ein neues Autoritätsidol“ (Zuckmayer 1958, zit. nach Albrecht 1995, 11)344. Die Nazis verstehen die Botschaft. Entsprechend reagieren sie mit „übelsten Beschimpfungen und Drohungen“ (ebd.). Wie in Abschnitt 1.2.2 am Beispiel der Londoner Uraufführung von 1970 dargelegt, sieht Zuckmayer in seinem Stück aber auch eine über die frühen 1930er Jahre hinausgehende Warnung (vgl. Zuckmayer 19761995, 159). Zudem will er seine Botschaft universal verstanden wissen. „Verhärtete Bürokratie“ und „Autoritätswahn“ brächten nicht nur in Deutschland Elend über die Menschen. Und „wenn es in diesem Stück heißt: ‚Erst der Mensch – und dann die Menschenordnung!‘ – so ist das keineswegs nur für Preußisch-Deutschland von dazumal gemeint.“ (Zuckmayer 1960b, 20). „Das Stück beschäftigt sich gar nicht mit dem Deutschen allein, es ist ja schließlich gemeint als eine Auflehnung des Menschlichen gegen eine Verschwörung der Bürokratie in der ganzen Welt. Es gibt in der ganzen Welt verachtfachen (6 409 600 Stimmen); die Zahl ihrer Abgeordneten steigt von 12 auf 107 (vgl. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1933, 539). 344 Von den verschiedenen Bearbeitern des Stoffes habe nur Zuckmayer die Möglichkeiten genutzt, „die die Analogie der historischen Stunde“ geboten habe (Frizen 2000, 103 Anm. 12). 340 Lienkamp: Aufstand für das Leben das Tödliche und das Lebendige, das dagegen auf will. Und dieses ist nur eine Spezies davon.“ (Zuckmayer 19761995, 159) „Die nationalsozialistische Presse schäumte“ (Pfister, E. 2011, o. S). Joseph Goebbels, NSDAP-‚Gauleiter‘ von Berlin-Brandenburg und seit 1928 Mitglied des Reichstags, hat sich das Stück im nahegelegenen ‚Deutschen Theater‘ angesehen. In seinem Tagebuch ist unter dem 11. März 1931 seine Einschätzung nachzulesen. Er sieht in Zuckmayers Drama eine „Verhöhnung des preußischen ‚Amts- und Offizierkadavers‘. Wenn auch in der Karikatur, ich bin auf Seiten der Preußen. Immer! Das Prinzip ist richtig und groß. Werner Krauß! Hinreißender Menschendarsteller. Der größte der lebenden.“ (Goebbels, in: Fröhlich [Hrsg.], Bd. 2/I, 2005, 361) Abbildung 63: Kopf der von Joseph Goebbels herausgegebenen Zeitung ‚der Angriff ‘ Am 12. März 1931 kommentiert er dementsprechend in seinem Organ ‚der Angriff ‘: „Der Hauptmann von Köpenick mit seiner damals die ganze Welt in Gelächter versetzenden Affäre ist tot. Herr Carl Zuckmayer, einer von jenen Asphaltschreibern, die fälschlich in dieser Demokratie als Dichter ausgegeben werden, hat sich der Mühe unterzogen, ihn aus dem Staub der Vergessenheit wieder hervorzuholen, und nun geht er jeden Abend in der genialen und hinreißenden Darstellung von Werner Krauß im ‚Deutschen Theater‘ über die Bretter. Man braucht wohl nicht zu betonen, daß besagter Herr Zuckmayer sich die Gelegenheit nicht entgehen läßt, das alte preußische Regime, den verruchten Absolutismus, den Kadavergehorsam des ostelbiger Staates und den blutbefleckten Militarismus mit Kübeln von Spott und Hohn zu übergießen.“ (Goebbels 1931, 1) 341 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Dass im ersten Teil des Zitats Tadel und Lob so nah beieinanderstehen, hängt damit zusammen, dass Goebbels in seiner ätzenden Kritik scharf zwischen Zuckmayer und Krauß, zwischen dem Autor mit jüdischen Vorfahren und seinem antisemitisch eingestellten Hauptdarsteller sowie zwischen dem Inhalt des Stücks und der schauspielerischen Leistung trennt. Der zweite Teil von Goebbels’ Äußerung ist aus heutiger Sicht allerdings schwer verständlich. Was sollte er an Absolutismus, Kadavergehorsam und blutbeflecktem Militarismus auszusetzen haben? Man muss doch nur hier und da semantisch ein bisschen nachbessern und schon hat man genau sein Programm. Zuckmayers Drama, so schreibt er weiter, sei ein „Schuß ins Leere“, denn „selbst in der Karikatur“ wirke „das Preußentum noch so überzeugend, daß es auch der heroisierten Gegenwart gegenüber absolut den Vorrang beanspruchen“ könne (ebd.). Das heißt, Goebbels zieht selbst dann die Monarchie der Republik vor, wenn jene schlechter und diese besser dargestellt wird als sie in Wahrheit war beziehungsweise ist. Das zeigt, wie stark sein Hass auf die Demokratie, auf die Weimarer Republik ausgeprägt ist. Statt der Uniform regiere nun die „Nase“, womit Goeb bels die jüdischen Politiker in Reihen der den Staat tragenden Parteien der Weimarer Koalition meint. „Die Nase“ und „Isidor Weiß“ waren seine Hetzbezeichnungen für den jüdischen Berliner Polizeivizepräsidenten Bernhard Weiß (*1880 †1951), den Goebbels als „Vertreter des Systems“ immer wieder attackierte. Die „Asphaltgeistigkeit“ beiße sich die Zähne aus, wenn sie den preußischen „Granitblock von Pflicht und Ehre“ anzunagen versuche. Wenn er, Goebbels, zwischen den „Mandschus aus Ostelbien“ und den „Zaren mit dem Parteibuch“, zwischen „‚Kadavergehorsam‘“ und „demokratische[r] Anar chie“ zu wählen hätte: Er „stehe immer auf Seiten der Preußen!“ (ebd. 2) Am 27. März 1931 legt er im ‚Angriff ‘ noch einmal nach: Zuckmayer versuche, „uns durch seinen ‚Hauptmann von Köpenick‘ alles Preußentum zu vermiesen“ (Goebbels, zit. nach Albrecht 1995, 13). Die Kritik klingt harmloser als sie es ist – „war es doch Goebbels selbst, der in diesen Jahren, in denen der Nationalsozialismus als faschistische Bewegung zur Staatskrippe drängte, in seinen Propagandareden diesen als wahren Vollstrecker des Preußentums darstellte.“ (Albrecht 1995, 13) Es habe zwar bei Aufführungen des ‚Hauptmann von Köpenick‘, anders als beim ‚Fröhlichen Weinberg‘, keine Theaterskandale gegeben, schreibt Zuckmayer vermutlich auch mit Blick auf die soeben zitierte Rezension, 342 Lienkamp: Aufstand für das Leben „doch wütende Beschimpfungen von Seiten der Nazipresse, vor allem in dem jetzt von Goebbels345 redigierten Berliner ‚Angriff ‘, der mir, im Hinblick auf eine Szene im Zuchthaus, verkündete, ich werde bald Gelegenheit haben, ein preußisches Zuchthaus von innen kennenzulernen. Auch wurde mir schon damals – für die kommende Machtergreifung – mit Ausbürgerung, Landesverweisung oder schlichtweg mit dem Henker gedroht.“ (Zuckmayer 19662013, 518) Auch der ‚Völkische Beobachter‘ hetzt gegen Zuckmayer, gegen den ‚Hauptmann von Köpenick‘ und allgemein gegen Zeitungen jüdischer Verleger. Nach seinem Besuch der Aufführung im Münchener Schauspielhaus am 22. Mai 1931 schreibt Joseph Stolzing-Cerny (unter dem Kürzel J. St—g.), festangestellter Redakteur und Mitarbeiter der Kultursparte des Naziorgans, für die Ausgabe vom 24., 25. und 26. Mai: Abbildung 64: Kopf des von Hitler herausgegebenen ‚Völkischen Beobachters‘, hier die Nr. 144/145/146 vom 24./25./26. Mai 1931, in der Joseph Stolzing-Cerny die Münchener Aufführung des ‚Hauptmann von Köpenick‘ bespricht „[…] mit welcher Wollust stürzte sich die internationale Judenpresse auf diesen Fall, wobei natürlich die deutsch geschriebenen Judenblätter den Leitton angaben: So etwas ist nur in dem übermilitarisierten Deutschland möglich mit seinem Kadavergehorsam! Und just auf diesen Leitton stimmte der Halbjude Carl Zuckmayer, der sich mit seiner Schweinerei vom ‚Fröhlichen Weinberg‘ ausgezeichnet in die Rinnstein-Literatur des demokratischen Systems einführte, sein ‚Deutsches Märchen‘, wie der Untertitel zu seinem ‚Hauptmann von Köpenick‘ heißt, ab. […] Achtzehn Bilder entrollt uns Zuckmayer, wovon dreizehn oder vierzehn nur dazu dienen sollen, das deutsche Militär, Offiziere wie Unteroffiziere und Soldaten – zwei Millionen dieser besten deutschen Männer starben den Heldentod – das deutsche, nicht minder ehrenhafte Beamtentum, bei dem reudige Schafe eine Seltenheit waren, durch die Jauche seiner Gemeinheit zu ziehen“ (Stolzing-Cerny 1931, 1). 345 Zuckmayer nennt ihn in einem Memento zum 25. Jahrestag des 20. Juli 1944 den „böse[n] Propagandazwerg“ (Zuckmayer 19761995, 71). 343 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Ähnlich wie Goebbels singt Stolzing-Cerny ein Loblied auf das von Zuckmayer attackierte „herrliche[ ] Bismarck-Deutschland, herrlich trotz aller Mängel und Fehler gegen das jetzige Jammerdeutschland“ (ebd.), um den Dichter sodann als eine „Kreuzung zwischen Schwein und Esel“ und sein Werk als „ein echtes Produkt der Kloake an der Spree“ zu beschimpfen (ebd.). Der Stoff sei an sich köstlich, „aber wenn ihn die von Schmutz bekleckerten Pfoten eines Zuckmayer anpacken, dann wird eine ekelhaft widerliche Fratze daraus – nicht ein deutsches, sondern ein jüdisches Märchen von einem Deutschland, das, wie es uns Zuckmayer zeigt, nur in der Simplizissimus-Karikatur [sic] bestanden hat!“ (ebd.) Interessanterweise hat sich der ‚Kritiker‘ das Stück gar nicht bis zum Ende angesehen. Er verließ vorzeitig das Theater: „Ich hatte genug an der Schändung der deutschen Wehrhaftigkeit durch einen Halbjuden …“ (ebd.) Es bleibt aber nicht bei verbalen Attacken: Der gutmütige Bernhardiner der Zuckmayers wird von Henndorfer Nationalsozialisten vergiftet (vgl. Strasser 1996, 61). Vermutlich soll der Dichter dies als letzte Warnung verstehen. Im Jahr 1972 verleiht die Stadt Düsseldorf anlässlich des 175. Geburtstags ihres berühmten ‚Sohnes‘ zum ersten Mal den ‚Heinrich-Heine-Preis‘346. Die Jury entscheidet sich für Zuckmayer, der es passend findet, den Preis anzunehmen, denn er habe mit seinem ‚Fröhlichen Weinberg‘ in deutschen Landen so viel politischen Wirbel verursacht und wegen seines ‚Hauptmann von Köpenick‘ zu den „von den Nazis meist angefeindeten Exilierten“ gehört (Zuckmayer 19761995, 303). Ob ihm bewusst ist, dass er in dem folgenden Ausschnitt seiner Rede zur Verleihung nicht nur über Heine, sondern ebenso sehr über sich selbst spricht? „Da drängt sich […] zunächst die Erfahrung der Emigration auf, des Lebens im Exil, das für Heine im Jahr 1831, nach der Juli-Revolution in Frankreich und mit dem Anschwellen der restaurativen Reaktion in Deutschland begann, für uns etwa hundert Jahre später, mit der Barbarisierung Deutsch- 346 Er wird an Persönlichkeiten vergeben, „die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen oder politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten“. Der Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf, https://www.duesseldorf. de/kunst-und-kultur/heine-preis.html. 344 Lienkamp: Aufstand für das Leben lands, die Heine, wenn auch unter anderen Vorzeichen, vorausgesagt hatte. Denn Heine ist nicht aus Deutschland emigriert, weil er Jude war, sondern, wie auch viele in unserer Zeit, weil er ein Deutscher war, der den politischen und sozialen Zustand seiner Heimat nicht ertrug und sich in seinem freien Schaffen davon bedroht fühlte – ja, weil er das war, was man einen ‚deutschen Patrioten‘ nannte, der Absolutismus und Unterdrückung haßte, aber seinem Volk, nämlich dem deutschen, wenn es unter demokratischer Devise zu Freiheit und Einheit gelangt sei, sogar eine führende Rolle in der Entwicklung einer freien, menschlichen Gesellschaft zudachte.“ (Zuckmayer 1972, in: ders. 1995, 307) Auch für Zuckmayer werden die Zustände zunehmend unerträglicher. Im Frühling 1932 kommt es zu einer „der bedrohlichsten und beklemmendsten Stunden“ seines Lebens, die ihn noch lange in seinen Träumen verfolgt habe (Zuckmayer 19761995, 64). Zusammen mit seiner Frau Alice (* 1901 † 1991) und dem Ehepaar Brigitte Fischer (* 1905 † 1991) und Gottfried Bermann Fischer (* 1897 † 1995) nimmt Zuckmayer an einer großen Massenversammlung der NSDAP im Sportpalast im Vorfeld der Reichspräsidentenwahl teil, bei der die Alternative im zweiten Wahlgang am 10. April Hindenburg oder Hitler heißt (der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann [* 1886 † 1944] hat weder im ersten noch im zweiten Wahlgang eine echte Chance). „Wir wollten uns einmal, außerhalb der Zeitungs- und Radioberichte, selbst davon überzeugen, was man von diesen Leuten zu erwarten habe und wie man sie ernstlich einschätzen müsse.“ (Zuckmayer 1957, in: ders. 1995, 65) Durch Emil Jannings (* 1884 † 1950) erhalten sie ‚Ehrenkarten‘ für eine der vorderen Reihen. Es ist eine jener „Massenveranstaltungen, bei denen man, wenn man anderer Meinung war, leicht sein Leben riskierte“, wie er später schreibt (Zuckmayer 1962, 3). Gerade als er seiner Frau, die ihn gewarnt hat und die das Schlimmste befürchtet, zuflüstert, dass ihn hier ja schließlich keiner kenne, ertönt eine „dünne, schrille, boshafte, gemeine Fistelstimme von der Galerie herab […] – ich werde sie nie vergessen: ‚In einer der vorderen Reihen auf der linken Saalseite‘, näselte sie – ‚sitzt Herr Zuck-may-er – von Ullstein – ein Ull- Schwein!‘ – ‚Ein Spion der Judenschaft und der Bolschewisten!‘ usw. Wir saßen ganz still. Jeder mit seinem eigenen kalten Schweiß beschäftigt. […] 345 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Am Ende der Goebbelsrede, mit der die Versammlung schloß, saßen wir inmitten einer wild fanatisierten, aufgepeitschten, tobenden und rasenden Menschenmasse. Denn jetzt kam unser schlimmster Moment und unsere eigentliche Prüfung. […] Alles erhob sich, und unterm langsamen Vorbeimarsch der Hakenkreuzfahnenkompanien sang die ganze, vieltausenköpfige Menge, alle stehend und mit hocherhobenem rechten Arm, im Hitlergruß, das ‚Hort-Wessel-Lied‘. Die ganze Riesenmasse – alle – mit Ausnahme von uns vieren. […] ‚Pfui! Arme hoch!! Verräter! Schweine! Juden! Saujuden! Bolschewisten!‘ klang es gellend überall um uns herum in den Gesang hinein“ (Zuckmayer 1957, in: ders. 1995, 65, 67). Ihnen bleibt nur die Flucht nach vorn, denn direkt hinter ihnen sind ihre fanatischen Feinde. „Es war ernst – todernst – wie im Krieg.“ (Zuckmayer 19761995, 68) Mit Gewalt bahnen sie sich einen Weg durch die ihnen entgegenströmenden Menschen zu einem Ausgang neben der Rednertribüne. Bestürzt erkennen sie, dass dieser von zwei SA-Leuten bewacht wird: „Die aber rissen, als wir an ihnen vorbeigingen, nur die Knochen zusammen und machten den Hitlergruß. Sie hielten uns wohl für irgendwelche bevorzugte Funktionäre aus den ersten Reihen.“ (ebd. 69) Wer weiß, ob sie es sonst überlebt hätten. Auf jeden Fall bekommt Zuckmayer einen weiteren Vorgeschmack darauf, was ihm bevorsteht, wenn die Nazis das Land regieren. Die Liste der Drohungen wird immer länger. Wenig später kündigt Hitlers Zentralorgan an, ihn, wie auch andere Autorinnen und Autoren, so bald wie möglich mundtot zu machen: „Bereits im August 1932 erschien im Völkischen Beobachter eine Liste mit Schriftstellern, die als ‚Repräsentanten einer dekadenten Niedergangsperiode‘ bezeichnet wurden und denen man ankündigte, sie nach einer Macht- übernahme mit Schreibverbot zu belegen: Darunter […] Carl Zuckmayer“ (Treß 2008a, 36). Noch ist es nicht so weit. Zu Ehren von Gerhart Hauptmann, der am 15. November 1932 seinen 70. Geburtstag begeht, hält Zuckmayer bei einer Massenversammlung in den Berliner Ausstellungshallen am Kaiserdamm, die mehr Menschen als der Sportpalast aufnehmen konnten, am Vorabend eine Festrede, „deren politischer Unterton nicht zu überhören war (und auch von den Nazis nicht überhört wurde)“ (Zuckmayer 19761995, 177). Inzwischen ist Gerhart Hauptmanns ‚Buch der Leidenschaft‘ erschienen, in 346 Lienkamp: Aufstand für das Leben dem sich dieser – hier in einem Eintrag vom 26. Februar 1895 – dezidiert gegen die damaligen Machthaber und für die Menschenwürde positioniert: „Ich hasse diese eitle, dünkelhafte, herausfordernde, ganz und gar schwachköpfige, säbelrasselnde Militärdiktatur mit der Kotillonpracht ihrer Uniformen und Orden, die dem eigenen Staatsbürger täglich und stündlich, als wäre er eine wilde Bestie, mit dem aufgepflanzten Bajonette droht.“ Die „Menschenwürde (ist) in dem herrschenden System die seinen Bestand am meisten gefährdende Sache“ (Hauptmann 1929, 121). Die NSDAP ist zu diesem Zeitpunkt mit 196 von 584 Abgeordneten die stärkste Partei im Deutschen Reichstag (vgl. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1933, 539), und es sind – was damals niemand weiß – nur noch zweieinhalb Monate, bis die Weimarer Republik für die Hitler-Diktatur geopfert oder besser: fallengelassen wird. In dieser Stunde legt der junge Dramatiker ein mutiges Zeugnis gegen den Nationalsozialismus und für den Humanismus ab, wie ihn auch Hauptmann in seinem Frühwerk postuliert hatte (Zuckmayer 19662013, 523): „Mag dieses Volk immer wieder in selbstzerfetzender Besessenheit seine reinsten Quellen trüben, sein helles Gesicht zur tragischen Grimasse verzerren: wenn der Satz zu Boden sinkt, bleibt das Geklärte oben. Deutsch- Sein“ heiße „Künder der Menschenwürde sein. Menschenwürde heißt: Inkarnation all dessen, was den Menschen frei, groß, ewig macht – was in ihm, dem Weltgeschöpf, den schöpferischen Funken schürt und hütet. Menschenwürde heischt alles das, was der Mensch an unverbrüchlichen Rechten zu fordern hat: die allgemeine, die persönliche und die geistige Freiheit, aus der eine höhere Ordnung, Bindung erst erwachsen kann. Dieses größere Deutschland, das Deutschland des Geistes, des Rechtes, der Freiheit, brennt heute heißer und schmerzhafter in unseren Herzen denn je. Und mehr als zu allen Zeiten muß der Dichter heute sein Anwalt, sein Bewahrer und Verkünder sein.“ (Zuckmayer 1932, in: ders. 1995, 178) Damit verordnet Zuckmayer dem Schriftsteller, auch sich selbst als Dramatiker, eindeutig eine politische Rolle, und zwar die, sich für die Achtung der Würde des Menschen und die Verwirklichung seiner Rechte stark zu machen (siehe Unterkapitel 5.4). In seinen Alterserinnerungen gibt er jedoch seinen damaligen ernüchternden Eindruck wieder, dass zwar Tau- 347 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren sende dem Klang solcher Worte zustimmten, dass seine Sätze jedoch „im Marschtritt der Millionen“ verhallten (Zuckmayer 19662013, 523). 4.2.4 Ausreise nach Österreich Am 30. Januar 1933 beginnen die „Zeiten der braunen Tyrannei“ (ebd. 334). Als in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 der Reichstag in Brand gesetzt wird und sich „die Anzeichen der direkten, persönlichen Gefährdung“ mehren (ebd. 533), verlassen die Zuckmayers Deutschland und sind damit, wie die vier ‚Tiere‘, „dem ungewissen Schicksal der Landesflüchtlinge“ (ebd. 125) beziehungsweise wie die ausgewiesenen Jacob Grimm und Wilhelm Voigt dem der Landesvertriebenen ausgesetzt. Diese Ausreise, Christian Strasser spricht von einer „Flucht aus Berlin“ (Strasser 1996, 92), bedeutet einen tiefen biografischen Einschnitt: „Die Fahrt ins Exil ist ‚the journey of no return‘. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren – aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er ist selbst nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist. Er mag wiederkehren, zu Menschen, die er entbehren musste, zu Stätten, die er liebte und nicht vergaß, in den Bereich der Sprache, die seine eigene ist. Aber er kehrt niemals heim.“ (Zuckmayer 19662013, 539) Es ist keinen Augenblick zu früh, denn: „Am nächsten Tag setzten die rabiaten Verfolgungen ein, das Verbot der gesamten Linkspresse, die erste große Verhaftungs- und Verschleppungswelle.“ (ebd. 533) Schon tags darauf wird mit zwei ‚Notverordnungen‘ die Weimarer Reichsverfassung au- ßer Kraft gesetzt und der reichsweite permanente Ausnahmezustand verhängt. Die Familie reist nach Österreich, das zu diesem Zeitpunkt noch ein souveräner Staat ist. Dort, in Henndorf, in der Nähe von Salzburg, hatte sie sich mit dem Haus ‚Wiesmühl‘ bereits 1926 von den Einnahmen aus dem ‚Fröhliche[n] Weinberg‘ ein zweites Domizil eingerichtet. Der Abschied von Berlin belastet Zuckmayer dennoch sehr: „Von keinem Ort Deutschlands (einschließlich der rheinhessischen Heimat) war es so schwer, sich zu trennen. Die Hälfte unseres Lebens blieb dort zurück.“ (ebd. 535) Man musste, so Zuckmayer, nichts aktiv gegen die Gewaltherrscher unter- 348 Lienkamp: Aufstand für das Leben nommen haben, es habe schon gereicht, wenn man nichts für sie getan habe oder wenn man ihnen nicht passte: „Und in diesem Augenblick war man vogelfrei, das heißt einer Vernichtung ausgesetzt, welche viel schlimmer ist als die des Todes. Die Angst, mit der die Diktatur ihre Untertanen in Schach hält, ist ja keineswegs die Todesangst. Ein Mensch, der in einer Zeit des Umsturzes dagegen ist, muß damit rechnen, getötet zu werden, und das wäre für mein Gefühl nicht das Schlimmste gewesen, wenn alles, was man für menschenwürdig hielt, um einen her zum Teufel ging. Aber körperlich und seelisch zerschlagen zu werden, niedergetreten, zerbrochen, durch Demütigung und Folter verkrüppelt, und so weiterleben zu müssen, als Sklave, ohne Identität, zum Weiterleben gezwungen zu sein, in seiner qualvollsten und hoffnungslosesten Form, unabsehbar und ohne Aussicht auf Erlösung, um dann schließlich doch, elender als ein Tier im Schlachthof, zu krepieren – das war der eigentliche Schrecken, der uns bevorstand und den das Regime verbreitete.“ (ebd. 88) Es sind vor allem zwei Gründe, aus denen Zuckmayer seinem Land den Rücken kehren muss: Zum einen hat er sich die Nazis zu Gegnern und vor allem deren Propagandachef zum persönlichen Feind gemacht: Er habe „vor der ‚Machtergreifung‘ öffentlich gegen Goebbels gesprochen“ und sei so auf dessen „‚Liste‘“ geraten (ebd. 55). Zum anderen hat er – „das schlimmste Verbrechen, das damals ein Deutscher begehen konnte“ – „eine ‚nichtarische‘ Mutter“ (ebd.). Amalie Friederike Auguste Zuckmayer, geb. Goldschmidt (* 1869 † 1954), stammt aus einer jüdischen Familie347, weshalb die Nazis ihren Sohn in ihrem irrsinnigen Raster als ‚Halbjuden‘ einordnen und wiederholt als „halbjüdischen Asphaltliteraten“ beschimpfen (Buchinger o. J., o. S.)348. „[…] als der Rassenwahn bei uns zur Staatsreligion wur- 347 Obwohl sich ein Bruder der Mutter, Karl Moritz Goldschmidt (1873–1942), wie Amalie „christlicher Religion und ein angesehener Jurist, Amtsgerichtsrat“ im März 1942 das Leben genommen hat, weil er deportiert werden sollte, kann Carl seine Eltern, vor allem seine Mutter, nicht von der Notwendigkeit der Ausreise überzeugen. Sie fühlte „sich durch die fünfzigjährige Ehe mit einem ‚Arier‘ geschützt, was sich dann auch bewährte; aber was ihr hätte geschehen können, wenn mein Vater die Schreckenszeit nicht mit ihr überlebt hätte, ist mir noch heute ein Alptraum.“ (Zuckmayer 19662013, 125) 348 ‚Asphalt‘ und seine Komposita waren nationalsozialistische Kampfbegriffe gegen alles Demokratische, Jüdische, Intellektuelle, Großstädtische der Weimarer Re- 349 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren de, hatte ich die Konsequenzen zu ziehen“ (Zuckmayer 19662013, 186). In Interviews wird Zuckmayer manchmal auf sein Verhältnis zum Judentum angesprochen. In seinen Alterserinnerungen schreibt er, dass er, „wie jeder Mensch von primitivster Humanität, das Massenpogrom […] voll Zorn, Scham, Empörung verurteilte und sich rückhaltlos auf die Seite der Verfolgten stellte.“ (ebd.) Eine sonstige religiöse oder traditionelle Bindung zum Judentum habe er aber nicht gekannt (vgl. ebd.). Sich selbst versteht er nicht als Jude349, wohl aber als jemand, der wegen seiner jüdischen Vorfahren verfolgt wird. Schon Zuckmayers Großeltern mütterlicherseits, Eduard (* 1842 † 1919) und Rosalie Goldschmidt, geb. Cannstadt, die Eltern von Amalie, sind 1883 zum evangelischen Christentum konvertiert – später wurde Eduard dann evangelischer Kirchenrat in Mainz. Carls Mutter ist deshalb kurz nach der Geburt getauft worden (vgl. ebd. 185, 192). Jüdische Traditionen, Feste und Riten kommen darum in Zuckmayers Kindheit und Jugend nicht als gelebte Alltagsrealität vor. Was er über Ludwig Berger (* 1892 † 1969) sagt, gilt ganz ähnlich auch für ihn: Er „entstammt einer jüdischen Familie, die schon seit längerer Zeit christianisiert war. Aber wie das im Zug der Zeit, im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, lag: unter kultivierten und gebildeten Menschen herrschte vielfach eine Konfessionslosigkeit, das heißt, man fühlte sich keiner Konfession direkt verpflichtet; Glaube war bis zum gewissen Grad Privatsache und eigentlich mehr eine Denk- oder philosophische Angelegenheit als die einer Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Auch in den jüdischen Familien, die sich ganz und gar mit ihrer deutschen Tradition und mit ihrer deutschen Umgebung identifizierten und ein Teil davon geworden waren.“ (Zuckmayer 1970, in: ders. 1995, 125) Die Heimat, so sagt er später, habe ihn ausgespuckt und aus seinem Wirkungskreis vertrieben (vgl. Zuckmayer 19761995, 152). Die NS-Propaganda, die Goebbels seit dem 13. März 1933 als Reichsminister untersteht, diffamiert Zuckmayer wie die anderen geflüchteten Menschen und unternimmt publik. Bedauerlicherweise übernehmen manche Kommentare unbewusst den Nazijargon und nennen Zuckmayer einen ‚Halbjuden‘ (vgl. z. B. Wagener 1988, 237; Freund-Spork 2005, 68). 349 Auf die Frage von Inspektor MacGregor “Are you of Jewish blood?” antwortet Zuckmayer mit einem knappen: “No.” (Zuckmayer 19431995, 540) 350 Lienkamp: Aufstand für das Leben alles, um sie „systematisch in der Öffentlichkeit zu diskreditieren“ (Lehmann 1985, X). Auch seine Biografie wird zur Geschichte eines „um Heimat gebrachten und aus der Zugehörigkeit zur Sprach-und Kulturgemeinschaft Ausgegrenzten, Geächteten, Entrechteten“ (Albrecht 1995, 37). Es ist eine weitere Geschichte von Exklusion, die zu jener der Bremer Stadtmusikanten, des Hauptmanns von Köpenicks sowie der Brüder Grimm hinzutritt. Obwohl er fortan nur noch unter Lebensgefahr nach Deutschland einreisen kann, was Zuckmayer leichtsinnigerweise einige Male unternimmt (vgl. Zuckmayer 19662013, 55 ff., 85)350, merken Henry Glade und Andreas Strenger an, dass – wegen des schon seit 1926 in Henndorf etablierten Zweitwohnsitzes – von einem Exil Zuckmayers in Österreich „natürlich nicht“ gesprochen werden könne (Glade/Strenger 1989, 1033). Ein paar Zeilen weiter beschränken sie ihre Aussage dann auf die Jahre 1933 bis 1935, die sie nicht als ‚echtes‘ Exil gelten lassen wollen (vgl. ebd.). Ihre Begründung dafür lautet, dass ihm bis dahin Deutschland als Absatzmarkt für seine Bücher ja noch erhalten geblieben sei (vgl. ebd.)351. Exiliert im eigentlichen Sinn wäre man demnach also erst dann, wenn einem der Staat den Zufluss finanzieller Mittel vollständig abgeschnitten hat. Diese viel zu enge Definition lässt aber die nachfolgend dargestellten Ereignisse außer Acht. Allerdings ist auch Zuckmayer in der Einschätzung seiner Lage ambivalent. Einerseits schreibt er, dass er und seine Familie sich im österreichischen Henndorf „nicht im ‚Exil‘“ fühlten, da es dort einen „letzte[n] Rest von Daheimsein“ gegeben habe (Zuckmayer 19761995, 210; vgl. ders. 1962, 3; vgl. Albrecht 1995, 17 f.). „Man lebte, man dankte Gott, daß man lebte, und daß es das Leben gab und die Kunst.“ (Zuckmayer 1964, in: ders. 1997, 214) Andererseits spricht er von „der endgültigen ‚Austreibung‘ (durch Hitlers Einmarsch)“ (Zuckmayer 19761995, 210), was doch wohl bedeutet, dass er schon 350 Einmal, im Jahr 1936, wird ihm zugetragen, dass den Nazis seine Anwesenheit in Berlin bekannt sei und dass er „in höchster Gefahr“ sei, falls er „nicht sofort abhaute“ (Zuckmayer 19662013, 56). Ein andermal fährt er nach Freilassing, um bei einer der fingierten ‚Wahlen‘ während der Hitlerherrschaft mit ‚Nein‘ zu stimmen (vgl. ebd. 85). 351 Der deutsche Absatzmarkt bleibt Zuckmayer keineswegs erhalten, wie die weitere Darstellung zeigen wird. In Österreich lebt Zuckmayer hauptsächlich von Drehbüchern, die er für die Filmgesellschaft Alexander Kordas (1893–1956) in London verfasst. 351 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren die Flucht aus Berlin als eine erste ‚Austreibung‘ ansieht. Mehr noch: In einem Text aus dem Jahr 1947 nennt er sogar die ihn betreffenden Maßnahmen der Nazis von 1933 (nicht erst die von 1936 oder 1938) seine „‚Ausmerzung‘“ (Zuckmayer 1947, in: ders. 1997, 82). Die Situation in Berlin nach dem Reichstagsbrand war nach subjektiver Einschätzung und objektiver Lage gefährlich: „Meine Frau konnte keine Nacht mehr schlafen – sie erwartete das harte Pochen an unserer Tür, sooft sie den Hauslift gehen hörte. Warnungen kamen von allen Seiten“ (Zuckmayer 19662013, 533). Strasser liegt darum richtig, wenn er von einer Flucht Zuckmayers nach Österreich spricht. Richtig ist aber auch, dass er im Vergleich zu vielen anderen „das ‚Erste Exil‘ in wesentlich abgemilderter Form erlebt“ hat (Strasser 1996, 211). 4.2.5 Bücherverbrennungen Von März bis Oktober 1933 brennen dann in Deutschland wieder Scheiterhaufen. „Indem sie Bücher verbrannten“, so Julius Schoeps und Werner Treß, „offenbarten die Nationalsozialisten von Anbeginn den Geist der Vernichtung, der ihrer zwölfjährigen Schreckensherrschaft innewohnen sollte.“ (Schoeps/Treß 2008, 7). Erich Kästner, der bei der zentralen ‚Veranstaltung‘ am 10. Mai auf dem Berliner Opernplatz, der jetzt Bebelplatz heißt, dabei ist, und miterlebt, wie auch seine Bücher von den Flammen gefressen werden, erzählt ein symbolträchtiges Detail: „Die Studenten hielten in brauner Uniform die Ehrenwache. Die Sturmriemen unterm akademischen Kinn. In Berlin hatten sie sich vor der Universität und der Bibliothek aufgebaut, sahen zum Scheiterhaufen hinüber und kehrten ihrer ‚Alma mater‘ den Rücken. Und den Standbildern der Brüder Humboldt am Haupttor. Sie blickten zackig geradeaus, die Studenten. Hinü ber zum Brandmal, wo der kleine ‚Teufel aus der Schachtel‘ [Joseph Goebbels; A. L.352] schrie und gestikulierte und wo die Kommilitonen die Bücher zentnerweise ins Feuer schippten.“ (Kästner 19581998, 643) 352 „Der kleine Hinkende Teufel […] aus Rheydt im Rheinland, dieser mißratene Mensch und mißglückte Schriftsteller“, „der personifizierte Minderwertigkeitskomplex“ (Kästner 19581998, 641, 643). 352 Lienkamp: Aufstand für das Leben In Berlin werden auch die Bücher Remarques vernichtet. Ihnen gilt der siebte der sog. Feuersprüche, die währenddessen ausgerufen werden: „Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.“ (in: Walberer [Hrsg.] 1983, 115) Sechs Jahre später beginnt das Hitler-Regime seinen menschen- und völkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieg – mit lauter wehrhaften Deutschen. Der größere Rahmen der Aktion von 1933 ist die vollständige Zerschlagung der Opposition sowie die massenhafte Ermordung Andersdenkender. Nationalsozialistische Studenten, Professoren und Mitglieder von NS-Parteiorganen werfen, keineswegs nur in Berlin, sondern darüber hinaus in mindestens weiteren 69 deutschen Städten sowie in Salzburg Schriften von Autorinnen und Autoren ins Feuer, die nicht mit ihrer Ideologie übereinstimmen oder in scharfem Gegensatz dazu stehen. Die 93 Bücherverbrennungen (davon 30 studentische), von denen zahlreiche als Höhepunkt der vierwöchigen antisemitischen „Aktion wider den undeutschen Geist“ stattfinden, werden primär von der ‚Deutschen Studentenschaft‘ (dominiert vom ‚Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund‘) und der ‚Hitlerjugend‘ organisiert. In diesen Autodafés werden nicht nur Werke aus Universitätsbibliotheken, Stadt- und Schulbüchereien, sondern auch aus Buchhandlungen und Privathaushalten vernichtet, wobei oft Kinder angestiftet werden, die Bücherregale ihrer Eltern zu plündern (vgl. Treß 2008a, 142). Zuckmayers Name fehlt zwar auf der, an die Studentenschaften verschickten, „Schwarzen Liste“ des Berliner Bibliothekars Wolfgang Herrmann (* 1904 † 1945) vom 26. April 1933, aber da diese Liste ausdrücklich als unabgeschlossen deklariert wurde und den einzelnen lokalen NS-Studentenschaften ‚Freiheit‘ bei der Zusammenstellung der zu vernichtenden Werke eingeräumt wurde, werden etwa am 10. Mai 1933 an der Technischen sowie der Tierärztlichen Hochschule Hannover neben den gelisteten Schriften auch Bücher von Carl Zuckmayer verbrannt (vgl. ebd. 140 ff.). Ähnlich geht es am 12. Mai 1933 an der Universität Halle-Wittenberg zu. Neben Arbeiten von Heinrich Heine, Klabund (* 1890 † 1928), Frank Wedekind (* 1864 † 1918) und Albert Einstein werden auch die Veröffentlichungen von Carl Zuckmayer ins Feuer geworfen (vgl. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2013, 4; Schmitt 2008, 417 f.). „Die braune Studentenschaft in Halle ging zunächst aktionistisch und hysterisch vor, änderte später jedoch ihre Taktik. Studierende befragten Buch- 353 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren händler und Bibliothekare, welche Bücher jüdischer, marxistischer und sonst ‚volkszersetzender‘ Autoren am meisten gekauft bzw. ausgeliehen wurden. Das ‚Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda‘ verteilte etwa zur gleichen Zeit eine in Berlin entstandene Liste an die Studentenschaft der Hochschulen. Diese aus Berlin stammende Liste wurde in Halle durch die des Umfrageergebnisses ergänzt, so dass der ‚vorläufige Hallesche Generalindex‘ schließlich 140 Autor*innen umfasste.“ (82. Jahrestag der Bücherverbrennung in Halle 2015, 1) Um den Bürgerinnen und Bürgern ihrer Stadt zu ‚helfen‘, die vielleicht „unschlüssig“ sind, „welche Bücher und Schriften zu den undeutschen und volkszersetzenden Werken gehören“, druckt die ‚Offenbacher Zeitung‘ am 20. Mai 1933 eine Liste der „anstößigsten Verfasser“ ab, „die offen oder versteckt die Volksseele mit ihrem Unrat zu vergiften suchten“. Zuckmayer wird darin den Autoren zugerechnet, deren Bücher und Schriften zur Verbrennung abgeliefert werden sollen (Offenbacher Zeitung vom 20.5.1933, zit. nach Leissing 2008, 699). Laut Jörg D. Krämer vom Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages gilt es historisch als gesichert, dass auch andernorts Werke Zuckmayers von Bücherverbrennungen betroffen waren (vgl. Krämer 2008, 2). Zuckmayer selbst schreibt in seinen Alterserinnerungen, dass er „einer der von den Nazis bestgehaßten Leute war, dessen Stücke und Bücher im ‚Reich‘ verbannt und verbrannt worden waren“ (Zuckmayer 19662013, 34). Er ist auch insofern betroffen, als nicht nur Schriften, sondern neben vielen anderen oppositionellen Symbolen auch Fahnen und Wimpel ins Feuer geworfen werden, so auch schwarz-rot-goldene der Republik, für die er einstand, und solche mit den drei Pfeilen der ‚Eisernen Front‘, der er angehörte (vgl. Treß 2008b, 14). Der Berliner Bebelplatz, der frühere Kaiser-Franz-Josef-Platz, allgemein aber Opernplatz genannt, grenzt südlich an die Prachtstraße ‚Unter den Linden‘ und liegt zwischen der Staatsoper, der St. Hedwigs-Kathedrale und der ‚Alten Bibliothek (jetzt Sitz der juristischen Fakultät der Humboldt- Universität). Als die Brüder Grimm nach ihrer Berufung Ende 1840 in diesem Gebäude forschen, heißt es noch ‚Königliche Bibliothek zu Berlin‘ (siehe Abbildung 8). Auf diesem Platz erinnert seit März 1995 ein Werk des israelischen Künstlers Micha Ullman an die Berliner Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933. 354 Lienkamp: Aufstand für das Leben Es heißt ‚Bibliothek‘. Durch eine Glasplatte kann man in einen etwa acht Meter tiefen Raum schauen, in dem an allen vier Wänden leere weiße Regale stehen. Sie sollen zwanzigtausend Bände fassen, etwa so viele wie damals an dieser Stelle von den Nazis verbrannt wurden. Das Mahnmal wird von zwei in den Boden eingelassenen Bronzeplatten flankiert. Auf der linken findet sich (leicht abgewandelt) das viel zitierte Diktum Heinrich Heines353: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher / Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heine 1823, 148) 353 Auf der rechten Platte steht folgender Text: „In der Mitte dieses Platzes verbrannten am 10. Mai 1933 nationalsozialistische Studenten die Werke Hunderter freier Schriftsteller, Publizisten, Philosophen und Wissenschaftler.“ Am 27.5.1937 erscheint in den ‚Vertraulichen Mitteilungen‘ der Schrifttumsabteilung des ‚Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda‘ die nachstehende Aufforderung: „Es häufen sich neuerdings wieder die Fälle, in denen Verlage und Sortimente in ihren Prospekten und Anzeigen auf Ausgaben der Werke von Heinrich Heine […] hinweisen. Ich ersuche daher alle Verlage und Sortimente, Werke von Heinrich Heine zukünftig aus allen Werbeschriften, vor allem aber aus Anzeigen von Klassikersammlungen u. dgl. herauszulassen.“ (zit. nach Dahm 1983, 67) Von Heines Werke standen bis dahin nur die im Moskauer Staatsverlag 1935 erschienenen ‚Ausgewählten Gedichte‘ auf der ‚Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums‘ (vgl. Reichsschrifttumskammer 1938, 55). Abbildung 65: Micha Ullman: ‚Biblio thek‘ (1995) (Foto: Charlotte Nordahl, CC BY-SA 2.0) 355 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Abbildung 66: Bronzeplatten zum Mahnmal ‚Die Bücherverbrennung‘ von Micha Ullman, links oben das Zitat von Heinrich Heine aus ‚Almansor – Eine Tragödie‘ (Foto: Simone Lienkamp)354 In seiner um das Jahr 1500 im ehemaligen Emirat von Granada spielenden Tragödie ‚Almansor‘ spricht diese Worte Hassan, der frühere Diener der Familie Almansors. Es ist seine entsetzte Reaktion auf dessen Mitteilung, dass der furchtbare Ximenes auf dem Marktplatz von Granada „den Koran in eines Scheiterhaufens Flamme warf!“ (ebd.) Heine bezieht sich damit indirekt auf eine historische Anordnung des Erzbischofs von Toledo, Francisco Jiménez de Cisneros (* 1436 † 1517), aus dem Jahr 1499, fünftausend islamische Bücher zu verbrennen, darunter – was besonders frevelhaft ist – der Koran, aber auch Werke der Theologie, Philosophie, Geschichts- und Naturwissenschaften. Wie es in Heines Drama heißt, ließen die Nazis ihren Scheiterhaufen, auf denen Worte in Flammen aufgingen, in ihren Vernichtungslagern Öfen folgen, in denen sie die Körper der von ihnen zuvor massenhaft ermordeten Menschen verbrannten. – Da Zuckmayers Bücher, nach seiner Darstellung, in Nazideutschland schon seit der offiziellen ‚Verbrennung‘ verboten waren“ (Zuckmayer 19761995, 210) und zudem kaum noch Theatereinnahmen flossen355, muss er versuchen, 354 Ich danke unserer Tochter Simone Lienkamp für das Foto der Bronzeplatten zum Mahnmal ‚Die Bücherverbrennung‘ von Micha Ullman auf dem Berliner Bebelplatz (Abbildung 66). 355 Gelegentlich wurden in Deutschland noch ‚Schinderhannes‘ und ‚Katharina Knie‘ aufgeführt (vgl. Albrecht 1995, 13 f.). Am Wiener Burgtheater erlebte ‚Der Schelm 356 Lienkamp: Aufstand für das Leben trotzdem irgendwie Einkünfte zu erzielen. So stellt er am 23. Juli 1933 einen Mitgliedsantrag beim ‚Reichsverband Deutscher Schriftsteller‘, der NS- Zwangsvereinigung aller hauptberuflich schriftstellerisch Tätigen. Dieses Gesuch wird jedoch abgelehnt. Ein zweiter Vorstoß vom 1. Januar 1934, unterstützt unter anderem von seinem ersten ‚Hauptmann von Köpenick‘ Werner Krauß, führt zum Ziel, allerdings nur für anderthalb Jahre, denn am 8. Juli 1935 streichen ihn die Nazis als „im Ausland lebenden Schriftsteller“ schon wieder aus der Kartei (Der Präsident der Reichsschrifttumskammer, in: Strasser 1996, 210)356. Während seiner Mitgliedschaft im ‚Reichsverband‘ können 1934 noch das Schauspiel ‚Der Schelm von Bergen‘ im Berliner ‚Propyläen-Verlag‘ sowie – nach der politisch motivierten Kündigung durch das inzwischen nazifizierte Haus Ullstein – die Erzählung ‚Eine Liebesgeschichte‘ beim ebenfalls in der Hauptstadt ansässigen S. Fischer Verlag erscheinen357. Zu diesem wechselt Zuckmayer, nachdem das zuvor schon nach rechts gerückte Haus Ullstein am 7. Juni 1934 in Nazi-Hände verkauft worden war. Als Zuckmayer Ende 1935 seinen ersten Roman ‚Salwàre oder die Magdalena von Bozen‘ veröffentlichen will, droht eine Untersagung, was natürlich mit erheblichem finanziellen Risiko verbunden ist358. Am 25. November 1935 schreibt Zuckmayer an Joseph, er habe viele Gründe, trotzdem „dieses direkte, unzweideutige Verbot in Deutschland zu riskieren, sogar herauszufordern. Es ist nämlich möglich, dass es garnicht [sic] erfolgt. Wenn aber ja, sind endlich klare Verhältnisse geschaffen.“ (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 242). Zu Peter Suhrkamp von Bergen‘ am 6.11.1934 seine Uraufführung, ‚Bellman‘ im Zürcher Schauspielhaus erst am 17.11.1938. Das offizielle Verbot erfolgte, wie wir gleich sehen werden, ‚erst‘ am 18.8.1936. 356 Alle, die dem ‚Reichsverband Deutscher Schriftsteller‘ (RDS) seit dem 10.12.1933 beitraten, wurden zugleich Mitglieder in der Reichsschrifttumskammer (RSK). Der RDS wurde am 20.9.1935 aufgelöst und in die RSK überführt. 357 Nachdem am 26.2.1933 der erste Teil der Erzählung ‚Eine Liebesgeschichte‘ vorab in der ‚Berliner Illustrierten Zeitung‘ erschienen war, unterbricht der Ullstein- Verlag die geplante Fortsetzung. Erst nach einer „furiosen“ Intervention Zuckmayers erscheinen die beiden fehlenden Teile dann am 12. und 19.3. (vgl. Nickel/ Weiß 1996, 238). Nach der Kündigung durch Ullstein am 14.8.1934 übernimmt Fischer den Autor: „Zuck, mein Freund, war nun durch Hitler Fischer-Autor geworden“ (Bermann Fischer, zit. nach Strasser 1996, 177; zur Kündigung und ihren finanziellen Folgen für Zuckmayer vgl. ebd. 88 f., 94 f.). 358 In ‚Die Neue Rundschau‘ (46 [1935] 484–520) erscheint unter dem Titel ‚Magdalena von Bozen‘ der Eingang des Romans. 357 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren (* 1891 † 1959), der im Ministerium mit Hermann Göring (* 1893 † 1946) die Verhandlungen führt, habe der „Gewaltige“ gesagt, dass bezüglich der Schriften Zuckmayers „nie ein endgültiges Verbot“ ausgesprochen worden sei. Es handele sich um eine „offene Sparte“. Zuckmayer müsse sich aber darüber klar sein, dass, wenn er mit dem ‚Verlag Bermann Fischer‘ außer Landes gehe, er dies freiwillig und auf eigenen Wunsch tue. Er dürfte dann nicht behaupten, er wäre „hinausgeschmissen“ und im ‚Dritten Reich‘ verboten worden (vgl. ebd.). „Als ich das hörte, sagte ich: Nein!! Freiwillig oder ‚Freiwillig‘ gehe ich auf keinen Fall hinaus! Den Gefallen tue ich euch nicht. Mich müsst ihr, wenn ihr mich nicht wollt, klar und unzweideutig hinausschmeissen. Diese Verlegenheit möchte ich euch […] nicht ersparen. Freiwillig – und ‚offene Sparte‘, – das könnte euch so passen. (Eine Garantie, dass ich nicht verboten wuer de, wenn ich da bleibe, wollen sie natürlich auch nicht geben. Gehe ich aber jetzt ‚freiwillig‘, so sind sie natürlich sofort bereit, mich als ‚Emigranten‘ zu verbieten.) – Ich habe daraufhin allen Vorstellungen und Lockungen Bermanns und allem Wehgeschrei der Familie Fischer, die jetzt keinen Autor mehr riskieren oder verlieren wollen, [zum Trotz; A. L.] darauf bestanden, und auch durchgesetzt, dass das Buch jetzt sofort […] ohne Rücksicht auf die damit verbundene[ ] sofortige Beschlagnahmegefahr, herauskommt, und zwar im deutschen S. F. V. [S. Fischer Verlag; A. L.] – […] ich konnte und durfte m. E. nicht anders handeln, obwohl es vielleicht gegen meinen Vorteil war. Mein Standpunkt in der ganzen Angelegenheit war von 1933 bis heute immer der: keinen Schritt freiwillig heraus zu gehen – auf meinem Recht, Deutscher und deutscher Dichter zu sein, zu bestehen, keinen Fussbreit Boden zu räumen, von dem ich nicht mit Gewalt verdrängt werde.“ (ebd. 242 f.) Diese Reaktion Zuckmayers, die er ebenfalls am 25. November 1935 Joseph mitteilt, insbesondere der letzte Satz, erinnert sehr an das Verhalten der Brüder Grimm im Göttinger Verfassungsstreit 1837. Ein Resultat ist, dass die Nazis den Roman verbieten. Dieses Verbot, so schreibt Zuckmayer am 18. Dezember 1935 an Jannings, schicke ihn „nun auch als Buchautor, das war das letzte, – in die geistige Verbannung“; an seiner Haltung ändere das aber nichts (Zuckmayer, zit. nach Strasser 1996, 81). Bermann Fischer schafft es glücklicherweise, nicht nur die bereits gedruckten Bücher, sondern auch den Satz nach Österreich zu bringen, so dass das Werk 1936 im Wiener 358 Lienkamp: Aufstand für das Leben Exilverlag Bermann-Fischer erscheinen kann (vgl. Nickel/Weiß 1996, 243 f.). Die ganze Sache hat aber noch eine weitere, gravierendere Folge, die Zuckmayer geahnt hat, vielleicht sogar provozieren wollte. Die Reichsschrifttumskammer (RSK) teilt dem ‚Geheimen Staatspolizeiamt Berlin‘ (Gestapa) am 18. August 1936 mit, dass „dem S. Fischer Verlag seinerzeit aufgegeben wurde, von der Verbreitung des Buches ‚Salware‘ von Zuckmayer endgültig Abstand zu nehmen“. Jetzt sei das Buch jedoch im ‚Börsenblatt für den deutschen Buchhandel‘ entgegen dieser klaren Anweisung angekündigt. Deshalb werden seitens der Kammer „nunmehr sämtliche Schriften des Schriftstellers Karl [sic] Zuckmayer in die Liste gemäß § 1“ der „Anordnung über schädliches und unerwünschtes Schrifttum eingereiht […]. Die Verbreitung der Bücher von Zuckmayer muß um seiner literarischen Vergangenheit willen im Reich als durchaus unerwünscht bezeichnet werden.“ (Reichsschrifttumskammer, zit. nach Albrecht 1995, 17) Im Schreiben der RSK an das zuständige ‚Leipziger Vertriebsunternehmen Carl F. Fleischer‘ vom selben Tag wird ergänzend darauf hingewiesen, dass gemäß genanntem § 1 der Vertrieb sämtlicher Schriften Zuckmayers durch den Buchhandel „in jeder Form untersagt“ sei (Strasser 1996, 81). Das Gestapa wird von der RSK abschließend damit betraut, „sämtliche etwa noch im Verkehr befindlichen Exemplare aller Druckschriften von Zuckmayer einziehen und sicherstellen zu lassen.“ (Reichsschrifttumskammer, zit. nach Albrecht 1995, 17) Letzteres kommt einer weiteren, nun verdeckten Bücherverbrennung gleich, wobei das flächendeckende Vorgehen wegen der Durchsuchung von Druckereien, Verlagshäusern und Buchhandlungen auch einen öffentlichen Charakter erhält. Während Zuckmayers erster heimlicher Berlin-Reise nach der Nazifizierung Deutschlands im Jahr 1936 steht plötzlich Hans Reimann (* 1889 † 1969) vor der Tür seiner (inzwischen weitervermieteten) alten Wohnung, in der sich Zuckmayer gerade aufhält. Reimann wird später von ihm in seinem ‚Geheimreport‘ in die „Gruppe 2: Negativ (Nazis, Anschmeisser, Nutzniesser, Kreaturen)“ eingeordnet (Zuckmayer 19432002, 15 f.). Der ungebetene Gast will ihn zur Mitwirkung bei einem Stück mit klar antisemitischem Charakter gewinnen. Über ihn notiert Zuckmayer in seinem Bericht: „Hans Reimann ist von allen Nazi-Kreaturen die übelste Erscheinung.“ (ebd. 57) Von Anfang der Nazi-Herrschaft an „begann er ohne Übergang seine Kabarettwitze, Lieder und Satiren auf wüstesten Antisemitismus und bösartigste Hetzerei gegen solche Menschengruppen, die damals 359 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren größtenteils noch in Deutschland leben mussten, der furchtbarsten Gefahr und den elendsten Martern ausgesetzt, – ‚umzustellen‘. Der armselige KZlnsasse wurde von ihm als willkommene Ulkfigur nach Art des Kasernenhoftrottels alter Zeiten benutzt.“ (ebd. 58) Reimann, der davon ausgeht, Zuckmayer wolle im ‚Dritten Reich‘ Fuß fassen, bietet diesem einen Stoff an, mit dem er „unter den neuen Verhältnissen einen grossen populären Bühnenerfolg wie den des (den Nazis zu Tod verhassten) Fröhlichen Weinberg“ erzielen könne (ebd. 61). In dem Machwerk sollten „die Sozialisten, Demokraten, Intellektuellen und Juden mit den gemeinsten Verleumdungen als eine Bande korrupter Schufte und Idioten dargestellt und verhöhnt“ werden (ebd. 62). „Ich hörte ihn bis zu Ende an und schaute ihm dann eine Zeitlang ins Gesicht, ohne ein Wort zu sagen, bis er unsicher wurde und anfing herumzustottern […] Ich stand plötzlich auf und sagte ihm sehr ruhig[:] wenn er nicht sofort und ohne ein weiteres Wort gehe, würde ich ihn die sechs stöckige Treppe hinunter werfen. Zum Ohrfeigen sei er mir zu dreckig und anspucken solle er sich lieber selbst.“ (ebd.) Nachdem Reimann die Wohnung verlassen hat, packt Zuckmayer seine Sachen und kehrt nie wieder in seine Wohnung zurück. „Schon am selben Nachmittag wurde bei dem Untermieter meiner Wohnung von einem ‚Blockwart‘, der von SA begleitet war, nach mir gefragt – nur sechs Stunden zu spät.“ (ebd. 63) 4.2.6 Flucht aus Österreich Noch einmal findet sich in Goebbels Tagebüchern ein Eintrag zu Carl Zuckmayer, der klar die Antipathie des Reichspropagandaministers zum Ausdruck bringt. Unter dem 11. Januar 1938 heißt es: „Beim Mittag im Bristol erzählt [Emil] Jannings mir von seinem Besuch beim Führer auf dem Berg. Von Greta Garbo, Marlene Dietrich, Conrad Veidt, Zuckmeyer [sic] und Max Reinhardt. Interessante und für mich sehr wissenswerte Dinge. Man versucht Zuckmeyer [sic] neu zu lancieren. Ich lehne das ab. Er ist zu kompromittiert.“ (Goebbels, in: Fröhlich [Hrsg.], Bd. 5, 2000, 91) 360 Lienkamp: Aufstand für das Leben An eine Rückkehr nach Deutschland ist nicht zu denken – Deutschland, das Zuckmayer einerseits weiterhin liebt und doch andererseits ein paar Jahre später „Naziland“ nennt (Zuckmayer 1944, in: ders. 1995, 60). Am 14. April 1937 stellt er den Antrag auf die Verleihung der Salzburger Landesbürgerschaft und der österreichischen Bundesbürgerschaft unter Beibehaltung der deutschen Staatsbürgerschaft (vgl. Strasser 1996, 201). Am 7. Februar 1938, drei Wochen vor dem Ende der Regierung Kurt Schuschnigg (* 1897 † 1977), erklärt die österreichische Bundesregierung dann, dass die Einbürgerung Zuckmayers im Interesse des Bundes liege und darum genehmigt werden könne (vgl. ebd. 205). Den einzigen Beweis, den er später dafür vorlegen kann, ist eine eidesstattliche Erklärung Guido Zernattos (* 1903 † 1943), der 1938 als parteiloser Bundesminister der Regierung Schuschnigg angehört und nach der Annexion Österreichs in die USA flieht. Am 30. Oktober 1942 bestätigt er Zuckmayer, that he “has been bestowed upon the citizenship of Austria … in the course of a regular Cabinet meeting in February 1938.” (Zernatto, zit. nach Stephan 1995, 387 f.) Damit ist die Naturalisation aber noch nicht rechtskräftig. Zuckmayer weiß darum und gibt dies am 26. Februar 1942 den US-Behörden gegenüber auch zu erkennen: “Before I could be wholly naturalized, Austria has been occupied by Nazi Germany and I had to leave it because of political persecution.”359 Nachdem Hitler und Göring am 11. März 1938 den Rücktritt des Bundeskanzlers Schuschnigg und seine Ablösung durch den Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart (* 1892 † 1946) erzwingen, übernehmen die österreichischen Nationalsozialisten überall im Land die Macht. Zuckmayer hält sich gerade in Wien auf: „An diesem Abend brach die Hölle los. Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch […] Ich hatte in meinem Leben einiges an menschlicher Entfesselung, Entsetzen oder Panik gesehen. Ich habe im Ersten Weltkrieg ein Dutzend Schlachten mitgemacht, das Trommelfeuer, den Gastod, die Sturmangriffe. Ich hatte die Unruhen der Nachkriegszeit miterlebt, die Niederschlagung von Auf- 359 Zuckmayer: Application for Certificate of ldentification, 26.2.1942, 2, zit. nach Stephan 1995, 386. 361 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren ständen, Straßenkämpfe, Saalschlachten. Ich war beim Münchener ‚Hitler- Putsch‘ von 1923 mitten unter den Leuten auf der Straße. Ich erlebte die erste Zeit der Naziherrschaft in Berlin. Nichts davon war mit diesen Tagen in Wien zu vergleichen. […] Hier war nichts losgelassen als die dumpfe Masse, die blinde Zerstörungswut, und ihr Haß richtete sich gegen alles von Natur oder Geist Veredelte. Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde.“ (Zuckmayer 19662013, 84) Auf Befehl Hitlers marschiert dann am nächsten Tag deutsche Wehrmacht und Polizei in Österreich ein, von vielen Einheimischen bejubelt. Das ‚Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich‘ vom 13. März 1938 vollendet die Annexion des Nachbarlandes. Laut Strasser wird Zuckmayer von seinem Henndorfer Freund Hans Lackner (* 1909 † 1999), einem Gendarmen, gewarnt. Er rät ihm dringend davon ab, Mitte oder Ende März 1938 nach Salzburg zu fahren, wohin er einbestellt ist, um auf der dortigen Landeshauptmannschaft den Staatsbürgerschaftseid abzulegen und die Staatsbürgerschaftsurkunde samt Pass entgegenzunehmen. Erst mit diesen formalen Akten wäre dann die Einbürgerung vollzogen (vgl. Strasser 1996, 205 und 207)360. Zuckmayer schreibt, dass die Papiere einen von der Gestapo angehefteten Vermerk tragen: „bei Erhebung sofort zu verhaften“ (Zuckmayer 19662013, 79). „Diese Herren waren offenbar so naiv zu glauben, daß ich es auch nach dem Anschluß [vom 13. März 1938; A. L.] noch für ratsam gehalten hätte, Bürger Österreichs zu werden, was es de facto gar nicht mehr gab.“ (ebd.) Obwohl er trotzdem lange zu glauben scheint, wirklich naturalisiert worden zu sein, ist die Einbürgerung tatsächlich nicht erfolgt (vgl. Strasser 1996, 207). „Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, daß im ‚Hauptmann von Köpenick‘ Zuckmayer sein eigenes Schicksal als jemand, der verzweifelt auf sein ‚Recht auf Heimat‘ pocht und alles tut, um zu einem Paß zu kommen, vorwegnimmt.“ (ebd. 56) In seiner Autobiografie ‚Second Wind‘ wird deutlich, dass er sich in der Geschichte des „landflüchtigen armen Teufels, – des Mannes ohne 360 Zuckmayer schreibt am 13.12.1947 an Hans Lackner: „Ich sollte zur Eidesleistung Mitte oder Ende März nach Salzburg kommen, aber die Ereignisse waren rascher. Ich musste aus Oesterreich fliehen und hatte meinen früheren deutschen Pass noch nicht gegen den österreichischen umgetauscht. Bei der Flucht war das vermutlich meine Rettung.“ (Zuckmayer, in: Strasser 1996, 207) 362 Lienkamp: Aufstand für das Leben Paß und Aufenthaltserlaubnis“ wiederfindet: „[…] ich ahnte nicht, wie aktuell diese Situation ein paar Jahre später für mich selbst und unzählige andre werden sollte!“ (Zuckmayer 19402014, 170) Durch die Annexion der Alpenrepublik ändert sich auch Zuckmayers persönliche Situation dramatisch. Albrecht spricht vom eigentlichen, „existentiell entscheidende[n] Bruch“ (Albrecht 1995, 18): „Nun wird Carl Zuckmayer und mit ihm seine Familie heimatlos und muß sich, wie so viele literarische und politische Emigranten vor ihm schon fünf Jahre lang, bemühen, irgendwo unterzukommen, bleiben zu können, Geld zu verdienen.“ (ebd.) Später, in seinen Alterserinnerungen, nennt er seine damals angestellten Überlegungen eine „Wahnvorstellung“: Er will in das alte Reichsgebiet, dort in den Untergrund gehen und „sich an der Vorbereitung eines Aufstandes gegen Hitler“ beteiligen, was zu diesem Zeitpunkt völlig aussichtlos gewesen sei (Zuckmayer 19662013, 91). Seine Frau Alice hält ihn davon ab. Er willigt ein, mit ihr und den Kindern ins Ausland zu gehen und ein Jahr abzuwarten. Wenn er dann immer noch so denke, dann wolle sie seinen Plänen nicht im Weg stehen, vielmehr mitgehen, wenn die Kinder in Sicherheit seien (vgl. ebd.). Ihm wird klar, dass es keineswegs heldenhaft wäre, sein Leben wegzuwerfen, dass es für ihn keine andere Aufgabe gibt, „auch im Sinne des Widerstandes gegen die Sieger von heute“, die Nazis, „auch in dem der Ethik und der Humanität, als zu überleben. Und es war buchstäblich der letzte Moment.“ (ebd. 92) Das Henndorfer Haus hatten die Nazis bereits besetzt und ‚beschlagnahmt‘, und dabei den erwähnten „Jung-Gendarmen Lackner, einen unentwegten Nazigegner, […] halb totgeschlagen“; in der Wiener Wohnung der Zuckmayers erscheinen sie am Tag nach der Flucht (ebd.; vgl. ebd. 544): „Tatsächlich konnte ich nach 6 Tagen Naziherrschaft [in Österreich; A. L.] nur noch mit grössten Schwierigkeiten und knapper Not entkommen, – sollte nach Dachau!“ (Zuckmayer an Cäsar von Arx, in: Nickel/Weiß 1996, 260) Für seine eigene Verfolgung verwendet Zuckmayer meist den Begriff der ‚Austreibung‘, den er, wie wir sahen, auch auf Jacob Grimms Schicksal anwendet, und mit der in der biblischen Geschichte vom Paradies alle irdische Mühsal beginne (vgl. Zuckmayer 19662013, 45; vgl. Genesis 3,23 f.). So schreibt er in seinen Altersmemoiren von der ihm widerfahrenen „Ka tastro phe der Austreibung oder Verstoßung“, die sich „in einer krassen, daseinsbedrohenden Härte […] unter dem Zeichen der Ächtung, Verfolgung 363 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren und Heimzerstörung“ abgespielt habe. Er habe jedoch das „Glück“ gehabt, dass ihm das in einem Alter geschehen sei, in dem es noch nicht ihn selbst zerstört, sondern „vorhandene Widerstands- und Verwandlungskräfte“ in ihm wachgerufen habe (Zuckmayer 19662013, 45). Zuckmayer selbst gibt Gründe an, warum er Österreich nicht früher verlassen hat. Selbstkritisch spricht er von einer „notorischen Kurzsichtigkeit“, von „wishful thinking“ (ebd. 67)361. Natürlich habe er gewusst, „was sich unter den Spießbürgern des Landes zusammenbraute“, es aber trotz der Erfahrungen aus Deutschland nicht ernst genug genommen (ebd. 65). Zuckmayer fährt am 14. März 1938, aus Sicherheitsgründen allein, mit dem direkten Zug Wien-Zürich. Alice und Tochter Maria362 fliegen nach Berlin, wo Peter Suhrkamp, Heinz Hilpert und Gustav Gründgens „bereitstanden, sich ihrer anzunehmen“ (ebd. 94)363. Carl reist mit seinem alten deutschen Pass im Gepäck und einer gewissen Hoffnung, unentdeckt durchzukommen: „aufgrund irgendeiner […] Auslegung der Nürnberger Gesetze gehörte ich trotz meiner mütterlichen Abstammung nicht in die Kategorie, in deren Pässe man ein großes J stempelte, was Jude oder ‚Judenstämmling‘ bedeutete.“ (ebd.) Außerdem beträgt die Gültigkeit seines Ausweises fünf Jahre, während Jüdinnen und Juden – wenn überhaupt – nur noch Pässe für sechs Monate erhielten (vgl. ebd. 105). Zum Salzburger Bahnhof bestellt er einen treuen Freund aus Henndorf. Zuckmayer will versuchen, wenigstens seine Manuskripte aus der Wiesmühl zu retten. Doch der Mann flüstert ihm zu: „Rasch wieder einsteigen, […] nicht sehen lassen […]. Gestapo in Eurem Haus. Räumt alles aus. Man sucht Sie.“ (Zuckmayer 19402014, 45) Bei einem überraschenden Zwischenhalt in Innsbruck zwingen ihn 361 Wenn Dorothy Thompson ihn in Henndorf besucht habe, „wurde die Lage besprochen, die sie mit untrüglicher Klarheit erkannte, während wir uns noch ‚wunschvolle‘ Illusionen machten. Sie zweifelte nicht daran, daß auch Oesterreich überrannt werden würde, daß Hitler unersättlich weiter vordringen werde, daß es wenn man ihm Halt gebieten wolle, zum Krieg kommen müsse.“ (Zuckmayer 1962, 3) 362 Maria Winnetou, genannt „Winni“, später, nach ihrer Hochzeit mit Michael Guttenbrunner (1919–2004), Maria Guttenbrunner beziehungsweise Maria Guttenbrunner-Zuckmayer. 363 Alice und Maria kommen bei Annemarie Seidel und Peter Suhrkamp unter (vgl. Nickel 2003b, 251). Nach der Scheidung Seidels von Hoboken hatte sie 1935 Suhrkamp geheiratet. 364 Lienkamp: Aufstand für das Leben dann bewaffnete Nazikontrolleure, den Zug zu verlassen. Mit Mut und Glück übersteht er das Verhör und darf mit dem nachfolgenden Zug weiterfahren (vgl. Zuckmayer 19662013, 95–99). Im Grenzort Feldkirch wird der Abfertigungsdienst allerdings nahezu komplett von Hitlertruppen verrichtet. Ehrlich erklärt Zuckmayer dem SS-Mann, der ihn befragt, dass er weder ‚Parteigenosse‘ noch Mitglied der ‚Reichsschrifttumskammer‘ sei. Er könne ja kein Pg sein, weil seine Werke in Deutschland verboten seien: „Sie stimmen nicht mit der nationalsozialistischen Weltanschauung überein.“ (ebd. 106 f.) Diese Offenheit scheint dem SS-Mann zu imponieren. Da die Gefahr noch nicht überstanden ist, öffnet Zuckmayer wie beiläufig seinen Mantel und lässt den immer noch skeptischen Nazi seine (in weiser Voraussicht angesteckten) Kriegsorden sehen364. Wie sein Wilhelm Voigt muss er „auf den Zauber“ militärischer Symbole vertrauen (Strasser 1996, 56). Der SS-Mann reagiert wie erhofft: „‚Wir von der jüngeren Generation‘, begann er, als wolle er eine Rede halten, ‚die nicht mehr das Glück hatten am Krieg teilzunehmen, wissen trotzdem, was wir unseren Helden schuldig sind. Achtung!‘ schrie er plötzlich nach draußen. ‚SA und SS angetreten!‘ Wir verließen die Baracke, und seine Leute spritzten heran. Und nun ließ er sie, inmitten der ganzen Zolluntersuchung und all der angstverstörten Flüchtlinge, vor mir antreten. ‚Wir ehren einen Helden des Weltkriegs 14–18‘, brüllte er. ‚Heil Hitler!‘ Eine Reihe von Braun- und Schwarzhemden hatte sich vor mir aufgebaut wie vor einem kommandierenden General, klappte die Hacken zusammen, daß der Dreck spritzte, und schrie mir ihr ‚Heil Hitler!‘ ins Gesicht, als sei ich der Führer persönlich. Ich war der große Mann der Grenzstation und kam mir vor wie der ‚Hauptmann von Köpenick‘ in meinem eigenen Stück. ‚Wo ist das Gepäck dieses Herrn?‘ kommandierte er. ‚Zuschließen. In den Schweizer Zug bringen!‘ Ich brauchte keine Hand mehr zu rühren. Der Koffer mit den Gedichten wurde gar nicht erst aufgemacht.“ (Zuckmayer 19662013, 108 f.) Schon in den Händen der Nazis, sei er ihnen, so Pinthus, „durch Geistesgegenwart und Frechheit entkommen“ (Pinthus 1946, 6). Doch als er endlich wieder im Zug sitzt, setzt sich die Lokomotive immer noch nicht in 364 Über den Grund für seine ‚Auszeichnungen‘ schreibt Zuckmayer: „Man erwirbt eine gewisse Technik, mit seiner eigenen Angst umzugehen. Dafür erhält man die ‚Tapferkeitsmedaillen‘.“ (Zuckmayer 19662013, 273) 365 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Bewegung. Wie Voigt denkt Zuckmayer, während sich die Zeit endlos zu dehnen scheint: „Wenn man nur schon ‘raus wäre.“ Jetzt, wo er fast schon gerettet ist, überfällt ihn Todesangst (Zuckmayer 19662013, 110). Als der Zug endlich losfährt und dann wenig später, es ist der 15. März 1938, nur drei Tage nach dem Einmarsch deutscher Truppen, die Grenze zwischen Österreich und der Schweiz passiert, habe er trotzdem keine Freude, noch nicht einmal Erleichterung oder Schmerz, sondern rein gar nichts gespürt: „Alles war vorbei. Ich saß in einem Zug, und er ging nicht Richtung Dachau.“ (ebd. 111) 4.2.7 Exil in der Schweiz und den Vereinigten Staaten Heinrich Heine, auch er – wie wir sahen – ein Flüchtling, habe das Exil zunächst nicht „als einen dauernden Zustand aufgefaßt, sondern als ein Abwarten im Stande der Hoffnung“ (Zuckmayer 1972, in: ders. 1995, 307). So ergeht es auch Zuckmayer. Aufgrund der Aufnahme zahlreicher geflüchteter Menschen und einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit ist an einen dauerhaften Verbleib in der Schweiz nicht zu denken. „Wir waren ungern gesehen, erweckten allenfalls Mitleid, mit einer leisen Verachtung gemischt, wenigstens als Kollektivum […] ‚Die Schweiz‘ – so steht es in einer Erinnerung von Friedrich Engels aus den Sturmjahren 1848/49 – ‚zeigte damals den Emigranten ihre rauhe Seite.‘ Neunzig Jahre später“, so Zuckmayer, „anno 1938/39, war diese Seite nicht zarter geworden.“ (Zuckmayer 19662013, 112, 115) In Zürich beantragt Zuckmayer als politischer Flüchtling Asyl. Von der Fremdenpolizei sei er angeschnauzt und behandelt worden, als sei er Krimineller oder – was ganz ähnlich bewertet wurde – Kommunist (vgl. ebd. 115). Da es gefährlich war, mehr als zehn Reichsmark oder zwanzig österreichische Schilling auszuführen (vgl. ebd. 100), hat er auch nicht mehr bei sich. So muss er sich anhören, dass man ‚solche‘ Leute in der Schweiz nicht gebrauchen könne. Warum er nicht geblieben sei, wo er hingehöre. Was er denn verbrochen habe, dass er hätte weglaufen müssen. Als er erwähnt, dass seine Mutter jüdischer Abstammung sei (da man mit politischen Bekenntnissen sehr vorsichtig habe sein müssen), geht die Tirade weiter: „Das wäre kein Grund, hieß es, wenn man nicht selber Jude ist. Und die Juden 366 Lienkamp: Aufstand für das Leben würden auch nur aus Feigheit wegrennen oder um draußen Geschäfte zu machen, denen passierte dort gar nichts, wenn sie sich anständig aufführten, es werde ihnen nur endlich einmal auf die Finger gesehen.“ (ebd. 115 f.) Als Zuckmayer erwähnt, er werde niemandem zur Last fallen, da er seinen Unterhalt selbst verdienen wolle, wird er angeschrien: „Aber nicht hier! […] Da könne ja jeder herkommen und den Einheimischen das Brot wegnehmen!“ (ebd. 116)365 Weil man ihn nicht ausweisen kann, erhält er eine auf zwei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis auf Widerruf (vgl. ebd.). Alice und Tochter Maria kommen nach; die drei lassen sich in dem kleinen Ort Chardonne-sur-Vevey in der Nähe des Genfer Sees nieder, wo sie das freundliche Schweizer Ehepaar Françoise und Pierre Pelot, mit dem sich die Zuckmayers bald anfreunden, in ihrem Gasthaus herzlich aufnimmt. Carl ist während dieser Zeit schriftstellerisch sehr produktiv (vgl. Glade/Strenger 1989, 1034 f.). Vom Mai 1938 bis März 1939 gibt er zudem an der École ‚Les Rayons‘ in Gland im Kanton Vaud (Waadt) Kurse über ‚Die Entwicklung des Dramas in der Weltliteratur‘ (vgl. ebd. 1035)366. Das Exil in der Schweiz ist jedoch von Anfang an nur eine Zeit des Übergangs, wobei zu Beginn noch nicht klar ist, was das nächste und/oder endgültige Fluchtziel sein soll. Am 31. Dezember 1938 werden Zuckmayers Werke in der zweiten Ausgabe der von der Reichsschrifttumskammer herausgegebenen streng vertraulichen ‚Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums‘ indiziert (siehe Abbildung 67)367. Als Emil Jannings auf seine Bitte im Büro von Ministerpräsident Göring nachfragt, erhält er am 14. Oktober 1938 die Antwort, dass „auf Veranlassung der Reichsschrifttumskammer“ bereits sämtliche Schriften Zuckmayers in die Liste aufgenommen worden seien (Joachimi, in: Strasser 1996, 243). Wir wissen bereits, dass dies schon am 18. August 1936 verfügt wurde. 365 Auch später hätten er und seine Frau bei der Passbehörde in Bern „unverhohlene Ausbrüche von Antisemitismus und Sympathie für die Nazis erlebt“ (Zuckmayer 19662013, 116). 366 Schon in Österreich hatte Zuckmayer an der Wiener Max-Reinhardt-Schule Seminare über Dramaturgie und Theatergeschichte gegeben und so Erfahrungen in der Lehre gesammelt (vgl. Nickel/Weiß 1996, 277). 367 In der ersten Liste – Stand Oktober 1935 – wird Zuckmayer noch nicht genannt (vgl. Reichsschrifttumskammer 1935, 137). 367 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Abbildung 67: Streng vertrauliche ‚Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums‘ der Reichsschrifttumskammer (Leipzig 1938) mit dem Eintrag auf Seite 168 „Zuckmayer, Karl“ (sic) Aufgrund der Flucht in die Schweiz wendet der NS-Staat zudem das am 14. Juli 1933 vom Reichskabinett verabschiedete ‚Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit‘ (RGBl. 1933 I, 480) und das darin neu geschaffene Rechtsinstitut der Strafexpatriation auf Zuckmayer an. Nach § 2 kann Deutschen im Ausland die Staatsangehörigkeit aberkannt werden, wenn sie durch ihr „Verhalten, das gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk verstößt, die deutschen Belange geschädigt haben“ (§ 2 I Satz 1). Die Ausbürgerung kann durch Nebenstrafen sogar noch verschärft werden, und zwar durch „den Verlust des Vermögens und die Erstreckung der Expatriation auf die Familienangehörigen, d. h. Ehegatte und Kinder.“ (Lehmann 1985, 11) Beide Sanktionen treffen die Zuckmayers mit voller Härte. 368 Lienkamp: Aufstand für das Leben Abbildung 68: Bekanntmachung der Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit von Carl Zuckmayer im ‚Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger‘ vom 8. Mai 1939 durch den Reichsminister des Innern (Frick 1939, 1 f.)368 Am 5. Mai 1939 wird Carl und Alice Zuckmayer sowie ihrer jüngeren Tochter Maria die deutsche Staatsangehörigkeit mit Bekanntmachung durch den Reichsminister des Innern im ‚Deutschen Reichsanzeiger und Preu- ßischen Staatsanzeiger‘369 vom 8. Mai 1939 aberkannt und ihr gesamtes Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches beschlagnahmt (siehe Abbildung 68). „Die Gründe für den Verlust ihrer Staatsbürgerschaft wurden ihnen nicht mitgeteilt. Ein Rechtsmittel gegen die Verfügung gab es nicht.“ (Bur- 368 Zusammenschnitt aus S. 1 und 2 durch mich, A. L. Statt „Karl“ muss es ‚Carl‘, statt „Herdau“ muss es ‚Herdan‘, statt „I. B.“ muss es ‚I. V.‘ heißen. Der Staatssekretär im Reichsinnenministerium Hans Pfundtner (1881–1945) zeichnet hier in Vertretung für Reichsinnenminister Wilhelm Frick (1877–1946). 369 „Als einziges vollständiges Verzeichnis der individuell verfügten Ausbürgerungen kann […] nur der Abdruck im ‚Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger‘ angesehen werden, der auch Bestandteil der gesetzlichen Grundlage bei individuellen Ausbürgerungen war. Im § 2 des Gesetzes vom 14. Juli 1933 heißt es dazu: ‚Die Aberkennung der Staatsangehörigkeit wird mit der Verkündung der Entscheidung im Reichsanzeiger wirksam.‘“ (Hepp 1985a, V) Nach Hepps Aufstellung stehen die Zuckmayers auf der Liste 109 (vgl. Hepp [Hrsg.] 1985, 154 ff.). 369 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren ger 2014, 154) Die Aberkennung gilt, laut Rundschreiben von Reichsaußenminister Konstantin von Neurath (* 1873 † 1956) vom 24. März 1934, als „schwere entehrende Strafe“ (zit. nach Hepp 1985b, XXVI). „Im Einzelfall“, so schreibt der federführende Referent im Reichsinnenministerium, Matthias Lichter, dann 1935, sollte „schon ein hoher Grad von Unerwünschtheit gegeben sein“ (zit. nach ebd.). Mit der Expatriation will der Staat Landesflüchtige bestrafen, „die den Nationalsozialismus politisch-ideologisch ablehnten oder bekämpften“ (Lehmann 1985, XII). „Diese rein politische Strafe sollte Deutsche treffen, die im Ausland […] ‚Treubruch‘ begangen hatten oder den Gehorsam verweigerten. Sie galten als ‚ehr- und gesinnungslose Volksverräter‘, gegen die sich Reich und Staat ‚wehren‘ mußten […] NS-Behörden entschieden darüber, wer gegen die ‚Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk‘ nach § 2 verstoßen hatte, und das hieß: gegen die Pflicht zur Treue gegen Hitler-Deutschland und die NSDAP. Die […] Strafexpatriation nach § 2 stellte[ ] staatlich-legalisiertes Unrecht dar. […] Die Zielsetzung, menschliches Leben zu schädigen und zu vernichten, ist ungeheuerlich: Sie pervertiert das Recht und verkehrt es in sein Gegenteil: in Unrecht. Folglich sind die nationalsozialistischen Strafexpatriationen von Anfang an als nichtig zu betrachten. Sie waren nichts anderes als eine Fortsetzung der Gewaltherrschaft Hitlers mit juristischen Mitteln.“ (ebd. XII, XVII) Am 17. Juni 1943 verhört A. H. MacGregor, Inspektor des ‚Immigration and Naturalization Service‘, das ist die US-Einwanderungsbehörde, Zuckmayer in dessen Wohnort Barnard in Vermont, nachdem dieser sowie seine Frau Alice die Staatsbürgerschaft beantragt hatten. Auf die Frage, warum er expatriiert worden sei, antwortet Zuckmayer: „Schon vor Hitlers Machtantritt widersprachen die von mir geschriebenen Theaterstücke und Bücher den politischen Ansichten Deutschlands – von Weltherrschaft usw.; besonders eines meiner Stücke (‚Der Hauptmann von Koepenick‘) wurde von den Nazis sehr gehasst370. Damals, als die NSDAP an die Macht kam, hielt ich mehrere öffentliche Reden gegen die Ideale der 370 “That was the book which was mostly attacked by the Nazis.” (Zuckmayer 19431995, 542) 370 Lienkamp: Aufstand für das Leben Nazis und wurde auch dafür natürlich sehr gehasst.“ (Zuckmayer 19431995, 541; eigene Übers., A. L.) Bald schon, so Lehmann, „bestimmen Himmler und seine SS-Behörden darüber, wer ausgebürgert“ wird. Mit Erlass vom 30. März 1937 muss fortan nur noch bei ‚deutschblütigen‘ Deutschen im Ausland ‚staatsfeindliches Verhalten‘ nachgewiesen werden, um sie expatriieren zu können (Lehmann 1985, XIII). So kommt es zu (nicht zuletzt wirtschaftlich motivierten) Massenausbürgerungen von Jüdinnen und Juden, auch aus den annektierten Gebieten, ohne dass dafür ein politischer Grund konstruiert werden muss (vgl. ebd. XIV). Die Expatriierten verlieren nicht nur ihr Vermögen, sie dürfen auch nichts mehr erben (was vor allem für die Kinder relevant ist) und verlieren zudem ihre Altersversorgung. „Das perfekt ausgeklügelte System der Rechtsbeugung verfolgte den Zweck, die geächteten Emigranten aller menschlichen Existenzgrundlagen zu berauben, um sie nachträglich zu vernichten. Zuletzt wurde die Strafexpatriation kriminalisiert: […] Lebenslang sollten sie wie Kriminelle geächtet sein. […] Bilder dieser ‚Verbrecher‘ hingen öffentlich wie Steckbriefe aus, unter denen stand: ‚Wenn Ihr einen trefft, schlagt ihn tot!“ (vgl. ebd. XVI f.) Wie Gebweiler und Voigt aus dem ‚Hauptmann von Köpenick‘ gehört nun auch Zuckmayer zur Gruppe der steckbrieflich Gesuchten. Nachdem andere zunächst anvisierte Exilländer (Großbritannien, die Niederlande, Schweden) ausscheiden, entscheiden sich die Zuckmayers für die USA. „Mein einziges Ziel war jetzt: wegzukommen, bevor es zu spät wäre. Die Zeit der naiven Gutgläubigkeit war für mich zu Ende. Ich wußte, daß der ‚unbekannte Gefreite‘ aus dem Ersten Weltkrieg nicht ruhen werde, bis er der ‚Oberste Kriegsherr‘ eines zweiten sei. Ich spürte geradezu den Ekrasitgeruch in der Luft371. Es gab keine Zeit zu verlieren.“ (Zuckmayer 19662013, 142) 371 Ekrasit (Pikrinsäure) ist ein bitterer, hoch explosiver Stoff. Er wurde im Ersten und Zweiten Weltkrieg in Granaten verwendet. „Es liegt was in der Luft“, sagt der eine der beide älteren Offiziere im ‚Hauptmann von Köpenick‘ (HvK 16. Sz., 98). 371 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren So reisen Carl, Alice und die elfjährige Maria Zuckmayer, ausgestattet mit zeitlich begrenzten Besuchervisa sowie den zwei erforderlichen Affidavits von Dorothy Thompson und Hendrik Willem van Loon (* 1882 † 1944), am 25. Mai 1939 mit dem niederländischen Dampfer ‚R. M. S. Zaandam‘ von Rotterdam nach New York, wo sie am 5. Juni 1939 eintreffen372. Die ältere Tochter Michaela Frank (* 1923 † 2004) aus Alices erster Ehe, die noch ein Jahr an einem englischen Mädchencollege zu absolvieren hat, soll nachkommen (vgl. ebd. 541–550)373. Als sie das Schiff besteigen sind die drei staatenlos und ohne gültige Pässe, aber ihre Freundin Thompson, die damals als die „einflußreichste politische Journalistin“ der Vereinigten Staaten (ebd. 544), ja als „First Lady“ des amerikanischen Journalismus gilt (Albrecht 1995, 8), sucht kurzerhand Präsident Franklin D. Roosevelt (* 1882 † 1945) im Weißen Haus auf und erwirkt ein von ihm unterzeichnetes Schrei ben an die Einwanderungsbehörden, wonach die Zuckmayers willkommene Gäste in den USA seien, denen man Formalitäten ersparen möge (vgl. Zuckmayer 19662013, 547 f.)374. „Geboren wurde ich (wieder einmal) im Juni 1939“, schreibt Zuckmayer ein Jahr später. „Meine Wiege war ein holländisches Atlantikboot. Meinen ersten Schrei stieß ich im Dock von Hoboken aus, es war ein Freudenschrei“ (Zuckmayer 19402014, 33). Albrecht bringt die Situation des Neuankömmlings treffend auf den Punkt: „[…] wenn auch nicht als völlig Namen-, so doch als weitgehend Mittelloser war Zuckmayer einer der vielen exilierten deutschen antifaschistischen Schriftsteller und Intellektuellen, die in jenem Jahr in den Vereinigten Staaten von Amerika Zuflucht suchten und um des Überlebens willen suchen mußten.“ (Albrecht 1995, 23) 372 Zuckmayer 19431995, 542. In seiner Altersbiografie gibt er später den 6.6.1939, vier Uhr früh, als Ankunftszeitpunkt an (Zuckmayer 19662013, 546). Es ist der Geburtstag seiner Mutter. 373 Mit viel Glück schaffen es Freundinnen der Zuckmayers, Michaela ein US-amerikanisches Blitzvisum sowie „eine letzte Passage auf einem fahrplanmässigen schwedischen Dampfer“ zu verschaffen, bevor „die Nordsee von Minengürteln gesperrt und der Atlantik von Zerstörern und U-Booten durchpflügt war.“ (ebd. 562) 374 Thompson habe Hitlers weltbedrohende Gefahr von Anfang an erkannt, verkündet und bekämpft – „in einer Zeit, in der die Welt noch darüber die Achseln zuckte“ (ebd. 560) und in der man „in Deutschland, unter gescheiten Leuten, glaubte darüber lachen zu können“ (Zuckmayer 1962, 3). 372 Lienkamp: Aufstand für das Leben Zuckmayers Idee ist, sich mit einer englischsprachigen Inszenierung des ‚Hauptmann von Köpenick‘ in das US-amerikanische Theaterleben einzuführen. Dabei soll nicht die Kritik am preußischen Militarismus im Mittelpunkt stehen, sondern am „menschlich-bürgerlichen Autoritätswahn schlechthin […]. Dieser Plan scheiterte jedoch.“ (Glade/Strenger 1989, 1037) Ein Grund ist, dass er am Broadway weitestgehend ein no-name ist. Zuckmayer hat noch eine weitere Erklärung für den Misserfolg: „Das Berlinisch des Wilhelm Voigt läßt sich nicht übersetzen, das ist ganz richtig, und trotzdem ist gerade dieses Stück, ‚Der Hauptmann von Köpenick‘, überall bekannt, aber doch wohl zum Teil durch den Film, durch die verschiedenen Verfilmungen. Im großen ganzen bin ich persönlich sozusagen auf ein Publikum beschränkt, das Deutsch kann, im Inland oder im Ausland, und im Theater wie beim Buch. Übersetzungen sind ja doch immer eine Krücke.“ (Zuckmayer 19611976, 213) Ende September 1939 beginnt Zuckmayer deshalb als Drehbuchautor bei ‚Warner Brothers Pictures‘ in Hollywood (vgl. Zuckmayer 19662013, 565). Den gut dotierten Siebenjahresvertrag, der jederzeit kurzfristig kündbar ist, wird er allerdings nicht erfüllen. Die „artifizielle Flitterwelt“ geht ihm von Anfang an gegen den Strich (Glade/Strenger 1989, 1038). Für ihn ist es die „Vorhölle“ (Zuckmayer 19662013, 566). Er fühlt, dass er in diesem „goldenen Käfig“ eingehen würde (vgl. ebd. 574). Im November 1939 muss dann die ganze Familie nach Kuba ausreisen, um – angesichts ihrer zeitlich befristeten Besuchervisa sowie der ausgeschöpften Einwanderungsquote – von dort aus dann am 4. Dezember 1939 mit einem non-quota-Einwanderungsvisum erneut die Vereinigten Staaten zu betreten. Im Gepäck sind Empfehlungsschreiben von Marlene Dietrich (* 1901 † 1992), Albert Einstein (siehe Abbildung 69 und Abbildung 70), Ernest Hemingway (* 1899 † 1961), Benjamin W. Huebsch (* 1876 † 1964), Thomas Mann und Thornton Wilder (* 1897 † 1975) (vgl. Nickel/Weiß 1996, 276): „Aber auf das zuständige amerikanische Konsulatspersonal in Havanna hinterließ nur das Schreiben von Marlene Dietrich einen Eindruck […]. Das Wagnis glückte, und Zuckmayer und die Seinen erhielten die Erlaubnis, au- 373 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren ßerhalb des Quotensystems in die Staaten einzuwandern.“ (Glade/Strenger 1989, 1039)375 Zurück in Hollywood, fasst er den Entschluss, eine „Lücke zwischen den Gitterstäben“ zu nutzen, um zu entkommen. Er lehnt einen Drehbuch-Auftrag für einen niveaulosen Don-Juan Film mit Errol Flynn (* 1909 † 1959) ab und kassiert prompt die Kündigung, für ihn gleichbedeutend mit seiner Erlösung (Zuckmayer 19662013, 574): „[…] alles war besser, als sich freiwillig einem saturierten Absterben hinzugeben. Dazu war man den Vernichtungslagern der Nazis nicht entronnen.“ (ebd.) Am 1. Januar 1940 fliegt Zuckmayer nach New York, um dort als schlecht bezahlter Associate Professor of Drama in dem von Erwin Piscator (* 1893 † 1966) geleiteten ‚Dramatic Workshop‘ der ‚New School for Social Research‘ 375 „[…] bis zum letzten Moment wußten wir nicht, ob wir durchkommen oder mittellos in Havanna, […] eine Stätte des Elends für Flüchtlinge, hängenbleiben würden.“ (Zuckmayer 19662013, 571) Abbildung 69: Empfehlungsschreiben von Marlene Dietrich (in: Albrecht 1995, Anhang, Dok. 12) Abbildung 70: Empfehlungsschreiben von Albert Einstein (in: Albrecht 1995, Anhang, Dok. 9) 374 Lienkamp: Aufstand für das Leben zu lehren (vgl. ebd. 576). Nach anfänglichen Schwierigkeiten kommt er langsam zurecht. Dennoch trägt diese Phase „alle Zeichen des absoluten seelischen Tiefpunkts und der materiell härtesten Zeit des ganzen Exils“ (Glade/Strenger 1989, 1039)376, zumal sein Broadway-Debüt mit dem Stück ‚Zum letzten Tropfen‘ am 28. April 1941 im ‚National Theatre‘ (auch aufgrund einer dilettantischen Übersetzung) scheitert. Er zieht daraus den Schluss, dass „seine Art, Theater zu machen, sich in Amerika nicht vermarkten ließ“ (ebd. 1041). Im Juli kehren die Zuckmayers Manhattan den Rücken und siedeln, wie schon kurz angesprochen, nach Barnard im neuenglischen US-Bundesstaat Vermont über, wo Carl seine Autobiografie ‚Second Wind‘ beendet. Als auch diese trotz einer Einleitung von Thompson zwar einige wohlwollende Kritiken von deutsch-amerikanischer Seite erhält, aber beim Publikum durchfällt, verlegen sich die Zuckmayers, ohne eigene Vorkenntnisse zu haben, auf die Landwirtschaft – „nicht zum Spaß oder aus Romantik, sondern um zu leben […] just surviving“, wie Zuckmayer Friderike Zweig (* 1882 † 1971) am 28. Februar 1944 schreibt (Zuckmayer 1944, in: ders. 1995, 19). Im Juli 1941 pachten Carl und Alice dazu die ‚Backwoods-Farm‘, die sie fünf Jahre lang „unter härtesten Bedingungen und unter größtem körperlichem Einsatz“ bewirtschaften (Glade/Strenger 1989, 1042). Am 18. September 1941 schickt er einen Brief an Joseph, in dem er das neue Leben mit dem in Amerikas Traumfabrik vergleicht: „Wieviel besser ist das alles als in Hollywood zu sitzen […], Wochencheques zu erjagen und sich einen Le bens ekel zu holen.“ (Zuckmayer, zit. nach Nickel/ Weiß 1996, 286) „Es war gut, so zu leben. Es war gut am Leben zu sein.“ (Zuckmayer 19761995, 13)377 Viel mehr als das Existenzminimum wirft der Betrieb allerdings nicht ab (vgl. Zuckmayer 19662013, 630): 376 „Die ‚New School‘ […] konnte nur sehr kleine Gehälter zahlen. Obwohl ich mich unablässig um Nebeneinnahmen bemühte, […] hatten wir nie genug Geld. […] die finanzielle Lage war katastrophal. […] Wir hielten uns gerade noch eine Stufe über der Verelendung.“ (ebd. 578 f.) 377 Aber er denkt nicht nur an sich: „Zuckmayer bemühte sich, im Rahmen seiner freilich beschränkten praktischen Möglichkeiten als finanziell mittelloser Emigrant, immer auch um die Rettung gefährdeter Kollegen und Freunde aus Europa.“ (Albrecht 1995, 27) Zudem hat er sich intensiv um die Freilassung seines Freundes Mierendorff „aus der politischen Gefangenschaft in nationalsozialistischen Konzentrationslagern“ bemüht (ebd. 29). 375 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren „Abends todmüde ins Bett – morgens in aller Frühe an die Arbeit, auf die man alle Gedankenkraft konzentrieren mußte, um sie zu bewältigen, um durchzukommen, um zu überleben – es war das Beste, was man sich in dieser Zeit wünschen konnte. Denn es war Kriegszeit, und man wußte nicht, wie sie enden werde, man wußte nichts von den Eltern und den Freunden in der Heimat – man wußte nur, daß täglich Menschen getötet wurden, Unerträgliches erleiden mußten und daß die Welt einer immer tieferen Verfinsterung erlag.“ (ebd. 601) Im Rückblick fasst Zuckmayer die Zeit seit der erzwungenen Auswanderung so zusammen: „Romantisch ist die Emigration nie. Und das Exil ist keineswegs lustig. Ganz gleich, wie man es anfasst.“ (Zuckmayer 1962, in: Reuter 2006, 00:20:47) Vier Jahre später schreibt er: „Ich wollte kein Emigrant werden. Ich wurde es, weil mir nichts anderes übrigblieb.“ (Zuckmayer 19662013, 535) Die Bezeichnung, die er hier für sich selbst benutzt, wird von seinen früheren Freund Brecht zu Recht kritisiert. In dessen Gedicht „Über die Bezeichnung Emigranten“ aus dem Jahr 1937 heißt es bei ihm: „Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten. Das heißt doch Auswanderer. Aber wir wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschlusse wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer, sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte. Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm.“ (Brecht 19371948, 217) Als das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) im Frühjahr 1940 die ‚Sonderfahndungsliste G. B.‘ (auch ‚Hitler’s Black Book‘ genannt) erstellt, eine Liste mit fast dreitausend Personen, die nach einer erfolgreichen Invasion Großbritanniens von SS-Sonderkommandos verhaftet werden sollten, ist auch Zuckmayers Name darunter. Die Gestapo vermutet ihn zu diesem Zeitpunkt in London. 376 Lienkamp: Aufstand für das Leben Abbildung 71: Sonderfahndungsliste G. B. des RSHA (Berlin 1940) mit dem Eintrag auf Seite 231 „Zuckermayer, Karl“ (sic) Am 11. Dezember 1941 erklärt das Deutsche Reich den Vereinigten Staaten den Krieg. Trotz ihrer Ausbürgerung gelten die Zuckmayers fortan als enemy aliens und müssen sich als solche am 26. Februar 1942 auf der nächsten Polizeistation in Woodstock melden (Zuckmayer 19662013, 611). Zuckmayer versucht jedoch, der Kategorisierung „als feindlicher Ausländer, zu entgehen, indem er sich als Österreicher ausgibt.“ (Stephan 1995, 55) Er will eine Entscheidung des US-Justizministeriums vom 6. Februar 1942 nutzen, nach der Österreicherinnen und Österreicher nicht als enemy aliens gelten (vgl. ebd. 385), und beantragt für sich, Alice und Tochter Maria die reclassification378. Erfolglos. Mit Blick auf Zuckmayers Lebenswerk spricht Alfred Kantorowicz (* 1899 † 1979) von einer „Erfolgsgeschichte, die jedoch durch das Exil unterbro- 378 “The other daughter is unquestionably Austrian so it was not necessary for her to request reclassification. She registered as Austrian under the Alien Registration Act.” (Zuckmayer 19431995, 544) 377 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren chen wurde“ (Kantorowicz 1978, 119). In den Vereinigten Staaten sei er weder als Drehbuchautor – trotz seines früheren Riesenerfolgs ‚Der blaue Engel‘ – noch als Dramatiker angekommen (vgl. ebd.): „Er litt unter dem Exil. […] In New York konnten er und seine Frau sich nicht den Schnellbus leisten, der 10 Cents Fahrgeld kostete, machten Schulden beim Krämer, und Frau Zuckmayer trug die abgelegten Kleider Dorothy Thompsons. Obwohl sie fast jeden kannten, der in der Literatur oder im Theater einen großen Namen in den USA hatte, fühlten sie sich verloren und verlassen. Max Reinhardt z. B. oder Heinrich Mann ging es nicht anders. Sie ‚machten keine Kasse‘, also waren sie abgehängt. […] Nun war er auf dem Tiefpunkt angelangt.“ (ebd. 120) Tief erschüttert durch den Suizid seines Freundes Stefan Zweig (* 1881) am 23. Februar 1942 veröffentlicht Zuckmayer in der New Yorker deutsch-jüdischen Exilzeitung ‚Aufbau/Reconstruction‘ einen emphatischen ‚Aufruf zum Leben‘. Michael Molsner benennt zutreffend die tiefer liegenden Motive für diesen Appell: „Der Anlaß […] war nicht so sehr der Freitod Zweigs, als die niederschmetternde Depression, mit der die Emigration darauf reagierte.“ (Molsner 1996, 14) Zuckmayer will dem mit seinem Weckruf entgegenwirken. Dieser Text enthalte alles, was ihn als Person auszeichne: „Kampfgeist, Widerstandskraft, Enthusiasmus, unbesieglichen Optimismus im Angesicht von Katastrophen“ (Podack 1996, 21). Abbildung 72: Kopf der Zeitung ‚Aufbau/Reconstruction‘, Ausgabe Nr. 12 vom 20. März 1942, in der Zuckmayers ‚Aufruf zum Leben‘ erscheint 378 Lienkamp: Aufstand für das Leben Mitten im Zweiten Weltkrieg wendet er sich damit an die ganze Exilgemeinde379: „Wir müssen dieses Leben bis zum äussersten verteidigen, denn es gehört nicht uns allein. Was auch kommen mag: kämpft weiter. Lebt: aus Trotz – wenn alle andren Kräfte Euch versagen und selbst die Freude lahm wird – lebt: aus Wut! Keiner von uns darf sterben, solange Hitler lebt! Seid ungebrochen im Willen, die Pest zu überleben. Denkt an die Männer, die kämpfen380 – denkt an das Ziel! Kämpft, indem Ihr nicht aufgebt zu leben. […] selbst wenn der Sieg ganz fern scheint und kaum erreichbar, gebt nicht auf. Selbst wenn das Unheil weiter wüchse und unseren letzten Stand bedrohte – gebt nicht auf. Denkt: lieber soll Jeder von uns, ohne Unterschied von Alter und Geschlecht, noch seine Faust um eine Waffe klammern, und ein Guerillakämpfer werden, und wenn es nichts Anderes und Edleres mehr gäbe in unserem Tag, so wär auch das noch Leben: zu töten. Das Böse zu töten, wo Du es treffen kannst.“ (Zuckmayer 1942, 3) Zwei Jahre zuvor hatte er schon festgehalten, dass „selbst Waffen […] beseelt werden (können), wenn sie für eine gute, menschliche Sache geführt werden“ (Zuckmayer 19402014, 189). Als der ‚Aufruf zum Leben‘ nach vielen Jahren in Zuckmayers gleichnamigem Sammelband mit ‚Porträts und Zeugnisse[n] aus bewegten Zeiten‘ im Jahr 1976 erstmals wiedererscheint, ist der ganze hier kursiv gesetzte Abschnitt mit dem Appell zum bewaffneten Kampf gegen das Hitler-Regime (von wem und aus welchen Gründen auch immer) durch den viel harmloseren Passus ersetzt worden: „Selbst wenn der Krieg verloren ginge, gebt nicht auf!“ (Zuckmayer 19761995, 17)381. In Zuckmayers gleichermaßen erfolgreichem wie umstrittenem Bühnenwerk ‚Des Teufels General‘, dessen Entwurf seit 1942 und dessen Endfas- 379 Beim Wiederabdruck in dem gleichnamigen Sammelband (Zuckmayer 19761995, 14–17) gestrichene Sätze sind im folgenden Auszug kursiv gesetzt. 380 „An Carlo Mierendorff zum Beispiel, er war einer von ihnen, und seine Front verlangte den Kämpfern in der Regel noch viel mehr ab als diejenige, der die Emigranten ihren Beitrag zu leisten hatten.“ (Molsner 1996, 15) Dass Zuckmayer auch an Frauen als Kämpferinnen denkt, sehen wir im weiteren Verlauf des Zitats. 381 Möglicherweise gab es aber auch schon 1942 zwei verschiedene Versionen. Zuckmayer spricht von einem Flugblatt, dem einzigen, das er während des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht habe (vgl. Zuckmayer 19761995, 14). 379 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren sung seit Februar 1944 fertig ist (vgl. ebd. 18, 20), existiert die Aufforderung allerdings – in präzisierter Form und als Buch leichter zugänglich als der Artikel – in den Worten von General Harras, seiner Hauptfigur, weiter382. Dieser wendet sich an Oderbruch, einen Ingenieur aus dem Luftfahrtministerium, der durch Flugzeugsabotage die deutsche Kampfkraft schwächen will, um so dabei zu helfen, den Krieg schneller zu beenden und Deutschlands Befreiung herbeizuführen (vgl. TG 3. Akt., 150). Durch einen solchen Sabotageakt kommt allerdings ungewollt auch Harras Freund, der Pilot und Oberst Friedrich Eilers zu Tode. „Ich weiß jetzt genug. Aber ich will Ihnen – etwas hinterlassen, Oderbruch. Kleines Testament, sozusagen. Was Sie wollen, ist recht. Was Sie tun, ist falsch. Glaubt ihr, man kann einen schlechten Baum fällen, indem man die Krone schlägt? Ihr müßt die Wurzel treffen! Die Wurzel, Oderbruch! Und die heißt nicht Friedrich Eilers. Sie heißt Adolf Hitler. – Mehr brauche ich nicht zu sagen.“ (TG 3. Akt, 153; vgl. ebd. 155) Zuckmayer wird in dieser Zeit Mitglied der ‚Loyal Americans of German Descent‘, einer Anti-Nazi-Organisation, die auch pro-nationalsozialistische Strömungen in der deutschstämmigen US-amerikanischen Bevölkerung bekämpft. Zudem sendet er ein Grußwort zur Gründung des ‚Nationalkomitees Freies Deutschland‘ (NKFD) am 1. September 1943, einer „politisch-organisatorische[n] Antihitler-lnitiative in der UdSSR“ (Albrecht 1995, 33), die nach dem Schock von Stalingrad vor allem kommunistische deutsche Soldaten in den sowjetrussischen Gefangenenlagern ins Leben rufen. Zuckmayers Botschaft erscheint im September 1943 in ‚The German American‘. Die Gründung des NKFD in Moskau stelle einen Schritt von äußerster Wichtigkeit dar, den „alle fortschrittlichen Kräfte Deutschlands, die für die Befreiung des deutschen Volkes von Hitler und eine echte Demokratie in Deutschland hoffen und arbeiten, freudig begrüßen müssen.“ (Zuckmayer 1943, in: Nickel/Weiß 1996, 295; vgl. Albrecht 1995, 35) Darüber hinaus unterstützt er öffentlich das am 2. Mai 1944 in New York ge- 382 Die Figur des Harras hat Zuckmayer seinem Freund Ernst Udet (1896–1941) nachempfunden. Bei seinem letzten heimlichen Besuch in Berlin im Jahr 1936 habe dieser hohe Luftwaffenoffizier ihm geraten: „Schüttle den Staub dieses Landes von deinen Schuhen […], geh in die Welt und komm nie wieder. Hier gibt es keine Menschenwürde mehr.“ (Zuckmayer 19662013, 622) 380 Lienkamp: Aufstand für das Leben gründete antifaschistische ‚Council for a democratic Germany‘ unter dem Vorsitz von Paul Tillich (* 1886 † 1965) (vgl. Tillich 1998, 503–513). Der Zweck des neuen Ausschusses sei „die Vereinigung der deutschen demokratischen Kräfte für einen gemeinsamen und größtmöglichen Beitrag zum vollständigen Sturze des Nazismus und des deutschen Militarismus und zur Schaffung eines friedliebenden demokratischen Deutschland nach dem Kriege“, berichtet die ‚New Yorker Staats-Zeitung und Herold‘ in der Nr. 106 vom 3. Mai 1944 auf ihrer Titelseite. Zuckmayer tritt auch der ‚German- American Writers Association‘ bei, in deren Organ ‚The German American‘ er selbst den erwähnten sowie einen weiteren Beitrag im April 1943 publiziert. Zuckmayer setzt darauf, dass sich alle bislang noch zersplitterten freiheitlichen Kräfte in den USA, in Großbritannien, in der Sowjetunion und in Deutschland zusammenschließen, um das gemeinsame Ziel, die „Vernichtung des Nationalsozialismus“ (Albrecht 1995, 33), zu erreichen. In den Jahren 1943/44 verfasst Zuckmayer für den Auslandsgeheimdienst der USA, das ‚Office of Strategic Services‘ (OSS), den schon zitierten sehr differenzierten, persönlich gefärbten ‚Geheimreport‘ (Zuckmayer 19432002) mit 150 Porträts von deutschen und österreichischen Schriftstellern, Pu blizis ten, Verlegern, Schauspielern, Kabarettisten und Regisseuren, die zwischen 1933 und 1945 in NS-Deutschland geblieben waren (vgl. Schrön 2002, 82)383. „Die Aufklärer des OSS […] wollen wissen, mit wem sie sich einlassen können, wenn sie das Naziregime besiegt haben.“ (Reuter 2006, 00:22:22) Laut Glade und Strenger habe ihm diese Arbeit das „befriedigende Gefühl“ vermittelt, „auf seine Weise am künftigen Wiederaufbau Deutschlands mitzuwirken“ (Glade/Strenger 1989, 1045). ‚Seinen‘ Regisseur des ‚Hauptmann‘, Hilpert, stuft er in diesem Bericht beispielsweise als „einen der aufrechtesten Menschen ‚im verworrenen Ameisenbau des Nazistaates‘“ ein (Schrön 383 Zuckmayer unterscheidet vier Gruppen: 1. „Positiv (Vom Nazi-Einfluss unberührt, widerstrebend, zuverlässig)“, zu dieser Gruppe rechnet er u. a. Hilpert, Kästner und Rühmann, 2. „Negativ (Nazis, Anschmeisser, Nutzniesser, Kreaturen)“, hier nennt er z. B. Leni Riefenstahl (1902–2003), 3. „Sonderfälle, teils positiv, teils negativ – nicht ohne weiteres einzuordnen“, hier finden sich Namen wie Gründgens, Jannings, Krauß, und 4. „Indifferente, Undurchsichtige, Verschwommene, Fragliche“: Untergruppe „Negativ“ – Zuckmayer zählt dazu etwa Mirls Schwester Ina Seidel (1885–1974) und Agnes Miegel (1879–1964), Untergruppe „Positiv oder vermutlich positiv“ – hier sei nur Theo Lingen (1903–1978) genannt (Zuckmayer 19472004, 15 f.). 381 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren 2002, 84): Er sei von „allen in Deutschland verbliebenen Theaterleuten der entschiedenste, aktivste leidenschaftliche Nazigegner. […] Er, und seine Getreuen, sollten den Untergang des Nazireiches überleben und würden dann – wenn es je dazu kommt – zum Kernstock eines neuen lebendigen Deutschland gehören“ (Zuckmayer, zit. nach ebd. 86). Auch wenn er dem Vorgänger der CIA zuarbeite, schreibe er eigentlich, so Thomas Kailer, für ein Nachkriegsdeutschland, das er den Aufrechten in die Hand geben wolle (vgl. Kailer 2002, 85). Der Report, so auch Johanna Schrön, sei darauf angelegt, „integere Persönlichkeiten zu benennen, die für den Aufbau eines demokratischen Deutschlands eine vorbildhafte und prägende Funktion übernehmen sollten.“ (Schrön 2002, 86) Was für diesen Bericht gilt, trifft auch auf Zuckmayers Aktivitäten in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu: „[…] je mehr mir Amerika Heimat geworden ist […], je mehr ich es als etwas Lebendiges, mit seinem Hell und Dunkel, lieben lernte, – desto stärker empfand ich die unzerstörbare Verbundenheit mit dem Volk, von dem ich herkomme, und den Wunsch, ihm auch in seiner schwärzesten Stunde gerecht zu werden.“ (Zuckmayer 1944, 8) Nicht wohlfeiles Aburteilen aus der Ferne, sondern Gerechtigkeit ist sein Bestreben. Er gelobt, „wenn es auch noch so schwer wäre, durch eigne Toleranz wieder gutzumachen, was Intoleranz an mir und anderen verbrochen hatte“ (Zuckmayer 1951, zit. nach Glade 1980, 97 Anm. 17). Das bedeutet aber keineswegs Toleranz gegenüber dem Nationalsozialismus oder denjenigen, die ihn verfochten haben. Nach der endlich erfolgten Kapitulation Nazi-Deutschlands beginnt Zuckmayer mit seinem umfangreichen Essay ‚Die Brüder Grimm‘, in dem es um Wahlverwandtschaft mit Jacob und Wilhelm, um gemeinsame Werte und geteilte Erfahrungen geht. Alice, die alle zwei Wochen zur ausgezeichneten Bibliothek des ‚Dartmouth College‘ nach Hanover, New Hampshire, fährt, versorgt ihren Mann für seinen Beitrag mit dem gesamten Werk der Brüder Grimm und dem biografischen Material, das dort über sie vorrätig ist (vgl. Zuckmayer 19761995, 243 f.): „Aus der Wesensverwandtschaft des Märchendichters Zuckmayer mit der Märchenwelt der Brüder Grimm entsteht ein bedeutender Essay, an dem er auch mit besonderer Innigkeit gehangen haben muß. In wenigen Sätzen schlägt sich hier ergreifend das Exilelend nieder. Es gründet sich auf dem ‚Sprachheimweh‘, dieser ‚für einen Schriftsteller im Exil schmerzhaftesten 382 Lienkamp: Aufstand für das Leben Form des Heimwehs‘“ (Glade/Strenger 1989, 1047 f.; sie zitieren Zuckmayer 19761995, 243). Sprache, so Zuckmayer, ist „für den Schreibenden das Element und Material seiner gesamten Tätigkeit, also auch ihres Ertrags, und für jeden Menschen die eigentliche Substanz, Quelle und Wurzel aller Erkenntnis, Erfahrung, Kommunikation – des Humanen schlechthin.“ (Zuckmayer 19662013, 45) Diese Beziehung zur Sprache sei das Tiefste, worum es bei ihm und allen gehe, deren Material, deren „Lebenswerkstoff “ die Sprache sei (Zuckmayer 19621981b, 207). Drastisch beschreibt er die Folgen, die eintreten, wenn diese Beziehung zerstört wird: „Der Verlust des eigenen Sprachgebietes – es war wie wenn man eine Pflanze mit allen Wurzeln aus dem Erdreich reißt“ (Zuckmayer 1946, zit. nach Glade/Strenger 1989, 1055 Anm. 68). In seinem Essay über Friedrich Schiller geht er auch auf das totale Schreibverbot ein, das Herzog Karl Eugen von Württemberg (* 1728 † 1793) über den jungen Dichter verhängt und dessen Konsequenzen er sehr gut nachempfinden kann: „Wir kennen Ähnliches, haben Entsprechungen erlebt. Und wir wissen, ganz gleich, ob es aus Fürstenmund, ob es aus dem Machtbefug politischer Instan zen kommt: es ist das Todesurteil, ja fast Ärgeres, für den Menschen, dem der freie produktive Ausdruck seiner Innen- und Eigenwelt mehr als eine Existenzfrage bedeutet, nämlich Lebensgesetz, Herzschlag, Atemluft, alles. Wir wissen auch, daß einem jungen Menschen, der vor diese Not gestellt wird, kein anderer Ausweg bleibt als Vaterlandsflucht, Emigration – der Weg in die Fremde, ins Ausland, das fast immer zum Elend wird.“ (Zuckmayer 1959, in: ders. 1997, 21 f.) Auf die etymologische und semantische Verbindung zwischen Elend und (Wohnen im) Ausland (außerhalb des Landes, fern der Heimat), das Schmerz und Unglück hervorbringen kann, hatte bereits Jacob Grimm aufmerksam gemacht (siehe Abschnitt 4.1.4). Wilhelm Voigt wollte aus Sprachheimweh zurück in seine Heimat, dorthin, wo man seine Sprache spricht. In Bukarest hatte er Arbeit und es scheint ihm dort gut ergangen zu sein: „Aber ick habe mir heimjesehnt. Da unten, da sinse alle janz anders, und da redense ooch janz anders. Und da hat nu schließlich der Mensch seine Muttersprache, und wenn er nischt hat, denn hat er die immer noch.“ (HvK 2. Sz., 15) Da, wo man seine Sprache spricht, ist sein Zuhause, seine Heimat. Ähnlich formuliert es auch Jacob Grimm, wenn er das Vaterland mit 383 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren dem Gebiet gleichsetzt, in dem seine Muttersprache gesprochen wird (vgl. Seitz 1984, 146). So wird verständlich, warum Zuckmayer im Exil trotz allem ein Fremder bleibt: „Obwohl er amerikanischer Staatsbürger geworden war, auf seiner Farm in Vermont Wurzeln geschlagen hatte und als amerikanischer Kulturoffizier im Range eines Obersten (ohne Uniformzwang) in die alte Heimat gekommen war, betrachtete er sich nicht als zugehörig.“ (Kantorowicz 1978, 123) 4.2.8 Rückkehr nach Europa Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 4. Dezember 1945, erhält Zuckmayer die US-amerikanische Staatsbürgerschaft384, die er 1943 beantragt hatte. In einem Interview, das drei Tage später im New Yorker ‚Aufbau/Reconstruction‘ erscheint, erklärt er auf die Frage Kurt Hellmers (* 1909 † 1975), ob er nach Deutschland zurückkehren werde, mit einem uneingeschränkten „Nein.“ Er sei US-amerikanischer Bürger geworden und wolle in den Vereinigten Staaten bleiben (vgl. Zuckmayer 1945, 6). Da er jedoch seine alten Eltern, Freunde und auch Berlin wiedersehen will, sucht er nach Wegen, um über den Atlantik zu kommen. Nachdem seine Bewerbung beim US-War Department, Reorientation-Office, erfolgreich war, kann er dann im November 1946 nach Europa reisen. Als US-Bürger deutscher Herkunft hätte er zu jener Zeit, selbst wenn er das Geld gehabt hätte, ohne offizielle Funktion nicht die Erlaubnis erhalten, nach Deutschland zu fliegen (vgl. Zuckmayer 19662013, 629). Am 15. August 1946385 wird er als „Zivilbeamter für spezielle Deutschlandfragen“ eingestellt – ohne militärischen Rang, ohne Uniform. Seine Aufgabe ist, „die größeren Städte in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands und Österreichs zu besuchen — auch solche in den anderen Zonen — und einen ausführlichen Bericht über den Stand aller kulturellen Institutionen sowie Vorschläge für deren Verbesserung und zur Aktivierung des geistigen Lebens in den be- 384 Zuckmayer “acquired the nationality of the United States by virtue of naturalization before the County Court of Windsor County at Woodstock, Vermont, on December 4, 1945.” Certificate of the loss of the nationality of the United States, October 1, 1958, in: Stephan 1995, 389 (Kopie des Originaldokuments). Glade/ Strenger 1989, 1048, geben den 30.1.1946 an. 385 Dieses Datum nennt Zuckmayer in seinem Brief an Henry Goverts (1892–1988) vom 19.8.1946 (Zuckmayer, in: Nickel 2003b, 298). 384 Lienkamp: Aufstand für das Leben setzten Ländern zu machen“ (ebd. 631; vgl. ebd. 634). Das Mandat reicht bis Ende März 1947 und führt ihn zuerst in die ehemalige Reichshauptstadt: „Berlin“, so vermerkt er in seinen Altersmemoiren, „das einstmals von Leben durchbrauste, war eine Totenstadt geworden.“ (ebd. 638). Aber er erlebt auch das Befreiende: Dahin sei „die dumpfe Stimme der rohen Niedertracht, die fahle Stimme des tausendfältigen Todes. Verklungen der rauhe Schrei, verhallt das blöde Getös der Gewaltsamkeit, dahin der Schrecken, der Jammer, die Angst.“ (Zuckmayer 1951, in: ders. 1995, 38) Er kommt nicht als Ankläger oder Rächer, sondern als Brückenbauer (vgl. Scholdt 2005, 7). Ergebnis seiner Recherchen ist der ‚Deutschlandbericht‘ (den er 1947 in den USA vorlegt, der aber erst 2004 veröffentlicht wird), in dem er darauf drängt, vor allem die Perspektiven der jungen Generation zu verbessern: „Er sprach und korrespondierte mit Kollegen im Lande, diskutierte mit Studenten, Schülern, Regimegegnern oder Kriegsgefangenen, besuchte – horribile dictu ! – selbst ein SS-Lager, um die jetzigen Meinungen dieser Ideologisierten zu erkunden. Er wollte zunächst einmal wissen, bevor er urteilte. Er reiste im Auftrag der US-Armee, scheute sich aber nicht, Praktiken der Besatzungsregierung, die ihm schädlich erschienen, zu kritisieren.“ (ebd.) Zwischen 1951 und 1956 lebt Zuckmayer dann abwechselnd auf beiden Kontinenten. In diesen Jahren fühlt er sich als „ein Deutsch-Amerikaner, wenn nicht Weltbürger neuer Prägung“ (Glade/Strenger 1989, 1050). Auf Antrag werden Alice und Carl Zuckmayer am 7. August 1958 in Österreich eingebürgert386, was beim ersten Versuch 1938 an der deutschen Annexion gescheitert war und nun eher als symbolischer Akt zu werten ist, was auch daran erkennbar wird, dass sich die beiden nicht in Österreich, sondern in Saas-Fee in der Schweiz niederlassen. Durch die österreichische Einbürgerung auf eigenen Antrag verlieren sie gemäß ‚Immigration und Nationality Act‘ vom 27. Juni 1952 ihre US-amerikanische Staatsbürgerschaft387. Im 386 Certificate of the loss of the nationality of the United States, October 1, 1958, in: Stephan 1995, 389 (Kopie des Originaldokuments). 387 Public Law 414 (http://www.gpo.gov/fdsys/pkg/STATUTE-66/pdf/STATUTE- 66-Pg163.pdf). Um seine US-Staatsbürgerschaft nicht zu verlieren, hätte Zuckmayer alle drei Jahre einen einjährigen Aufenthalt in den USA nachweisen müssen (vgl. Glade/Strenger 1989, 1050). 385 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Jahr 1966 wird ihnen schließlich die schweizerische Staatsbürgerschaft verliehen. Bitterer Treppenwitz der Geschichte: Da sie zunächst einen Antrag stellen müssten, um wieder einen gültigen Pass zu bekommen, verzichten die Zuckmayers – tief gekränkt – darauf, sich in Deutschland niederzulassen. Auf die Frage nach dem Grund antwortet Zuckmayer 1976 gegenüber Helmut Deisinger: „Es habe ihn schwer enttäuscht, daß in einem neuen deutschen Staat nicht alle von Hitler durchgeführten Ausbürgerungen automatisch rückgängig gemacht wurden. Die sonst ruhig geführte Stimme wurde hart und bitter. Da er, wie alle anderen Emigranten, die Nazis nicht gebeten habe, ausgebürgert zu werden, war es für ihn ein Affront, eine Eingabe machen zu müssen, um wieder deutscher Bürger werden zu können.“388 Sein Freund Remarque denkt darüber genauso, wie er in einem ‚Interview mit sich selbst‘ zu Protokoll gibt. Die von offizieller Seite vorgeschobenen ‚Rücksichten‘ auf Geflüchtete, die nach dem Entzug der deutschen eine andere Staatsangehörigkeit angenommen hätten, weist er als groben Denkfehler zurück. Die Aufhebung einer Ausbürgerung habe nichts mit einer automatischen Wiedereinbürgerung zu tun. Kein Mensch könne dazu gezwungen werden. Aber Deutschland hätte „die Schmach der Ausbürgerung aufheben können, um den Emigranten dann das Weitere zu überlassen“. So jedoch sei die groteske Situation entstanden, dass sie sich praktisch weiter in „Reichsacht“ befänden. „Soviel ich weiß, ist keiner der Massenmörder des Dritten Reiches ausgebürgert worden. Die Emigranten stehen also tiefer; eine ziemliche Ironie, nicht wahr?“ (Remarque 1966, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 142) Erst das ‚Bundesverfassungsgericht‘ bringt in den 1960er Jahren die Wende: „Mit Beschluß vom 14. Februar 1968 verneinte der Zweite Senat die Wirksamkeit der NS-Ausbürgerungen. Denn ihre Zielsetzung sei es gewesen, vor allem die Juden ‚physisch und materiell zu vernichten‘, und dies verstoße in 388 Westermanns Monatshefte, Dezember 1976, 49, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 446. Im Filminterview äußert sich dazu die jüngere Tochter, Maria Guttenbrunner: „Also, ein Land, wo man so was von rausgeschmissen worden ist, dahin muss man nicht zurückgehen. Man hat ihm auch niemals die deutsche Staatsbürgerschaft angeboten wieder. Seltsam.“ (Guttenbrunner, in: Reuter 2006, 00:38:03) 386 Lienkamp: Aufstand für das Leben einem derartigen Ausmaß gegen Recht und Gerechtigkeit, daß die Ausbürgerungen von Anfang an als nichtig betrachtet werden müßten. Wer aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen expatriiert worden sei, habe folglich seine deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren, ausgenommen jene, die sie nicht besitzen wollten. Artikel 116 Abs. 2 Grundgesetz überlasse es den NS-Opfern, das ihnen angetane ‚faktisch gesetzliche Unrecht‘ durch Wohnsitzbegründung im Inland oder Antragstellung aus dem Ausland zu beseitigen. Damit wurde die Verfassungsnorm materiell-rechtlich in Kraft gesetzt – fast 20 Jahre, nachdem das Grundgesetz verabschiedet worden war.“ (Lehmann 1985, XX) Aber da ist Zuckmayer bereits seit zwei Jahren Schweitzer. Er kann somit auf vier Staatsangehörigkeiten zurückblicken: die Deutschlands, die er trotz NS-Ausbürgerung nie verloren hat, die der USA, die er zurückgegeben hat, die Österreichs und die der Schweiz. So erfreulich der Beschluss des deutschen Bundesverfassungsgerichts auch ist, weil den NS-Ausgebürgerten damit – bezogen auf die Hauptstrafe – endlich Gerechtigkeit widerfährt, so sind damit noch nicht die erlittenen Nebenstrafen behoben. „Denn die NS- Ächtung erschöpfte sich nur vordergründig im Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit, sie umfaßte auch Akzessorietäten, die sich häufig viel schlimmer auswirkten als die Expatriation selbst.“ (ebd. XXI) Denken wir nur an die entschädigungslose Enteignung von Haus und Grund, den Diebstahl beziehungsweise die Vernichtung aller privaten Gegenstände, die die Zuckmayers nicht mitnehmen konnten, oder die entgangenen Einnahmen durch das Aufführungs- und Publikationsverbot. Hinzu kommen die vielen anderen immateriellen Schädigungen, von denen berichtet wurde und die noch weit mehr ins Gewicht fallen. 4.2.9 Haltung zu Deutschland In der bereits zitierten Brandrede zur Verteidigung der Republik gegen ihre inneren, rechtsextremen Feinde verdeutlicht Zuckmayer am 19. Dezember 1930, was er meint, wenn er von ‚Deutschland‘ spricht: „Ich meine Deutschland als Heimat des freien menschlichen Geistes […], der Musik, der Dichtkunst, der Philosophie. Ich meine Deutschland als lebendiges, allem Lebendigen groß aufgetanes Herz Europas, durch das die 387 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren Adern der Verbindung und der Verständigung strömen. Ich meine Deutschland als Hort eines beseelten, überzeitlichen Menschentums, eines freien, zielbewußten Menschentums. Ich meine nicht das Deutschland der Uniformen, sondern das Deutschland der Gedanken und der großen Empfindung.“ (Zuckmayer 1930, 2) Dieses Deutschland müsse – ergänze: wann immer nötig! – „gegen neue Verfinsterung und innere Versklavung“ verteidigt werden (ebd.). Solche Gedanken und Forderungen könnten ganz ähnlich auch bei den Brüdern Grimm stehen. Wenn diese beiden, wie Zuckmayer, affirmativ von Deutschland, Nation, Volk, Vaterland oder Heimat sprechen, hat das also (ich wiederhole mich in diesem Punkt gern) rein gar nichts mit Nationalismus, Chauvinismus oder Rassismus zu tun. In seinen Altersmemoiren schreibt Zuckmayer über sich, dass er „nach Art, Sprache, Erziehung“ ein Deutscher sei, „aus der ‚südwestlichen Ecke‘, die stets zum Europäertum geneigt hat“ (Zuckmayer 19662013, 186). Heimat besitzt für Zuckmayer einen hohen Stellenwert. Seine Autobiografie beginnt er folgerichtig mit den beiden Fragen: „Wo ist man daheim? Wo man geboren wurde oder wo man zu sterben wünscht?“ Damals, in den 1920er, 1930er Jahren glaubte er es zu wissen – „glaubte mit einer Stecknadel auf dem Globus den winzigen Punkt geographisch bestimmen zu können, der mir selbstgeschaffene, selbsterwählte Heimat war und wo ich mein irdisches Dasein auszuleben hoffte: es war der Ort Henndorf bei Salzburg, genau gesagt Haus Wiesmühl“ (ebd. 11). Es gibt für den Rheinhessen also so etwas wie eine Wahlheimat. Dennoch ist Geburtsheimat für ihn keine bloße Fiktion. Sie „prägt Wachstum und Sprache, Blick und Gehör, sie beseelt die Sinne und öffnet sie dem Wehen des Geistes“ (ebd. 153). Dem entspricht auch seine Vorstellung von ‚Vaterland‘, die er von Gertrud von Le Fort (* 1876 † 1971) übernimmt. Für beide hat auch dieses Wort nichts mit nationaler Begrenztheit zu tun, „nur mit jener Erdenlandschaft unterm gemeinsamen Himmel, der jeder Mensch in allen Breiten die Formung seines Wesens, seiner Sprache und seines Geistes“ verdanke (Zuckmayer 1966, in: ders. 1995, 336; Hervorhebungen von mir, A. L.). Nachdem ihn das Hitler-Regime erst aus Deutschland, dann aus Österreich vertrieben und ihm die deutsche Staatsbürgerschaft genommen hat, ist er, wie wir sahen, staatenlos geworden. Im Exil erwerben er und seine Frau dann, wie erwähnt, die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, „nicht aus praktischen Gründen, 388 Lienkamp: Aufstand für das Leben sondern weil wir uns dem Land, das uns so lange beherbergt hatte und zur zweiten Heimat geworden war, in Dankbarkeit verbunden fühlten.“ (Zuckmayer 19662013, 630) Es ist für ihn also durchaus möglich, mehr als eine Heimat zu haben und mehr als ein Vaterland. Von Wilhelm Grimm stammt aus seiner Zeit im Königreich Hannover, das für ihn als ‚Sohn‘ des Kurfürstentums Hessen ja Ausland ist, ein Satz, der Zuckmayer nach eigenem Bekunden in den Vereinigten Staaten einen gewissen Trost spendet: „Treue Ergebenheit für das neu erworbene Vaterland, fühle ich, ist sehr wohl vereinbar mit fortwährender Teilnahme und Zuneigung für das angeborene.“ (Grimm, W., zit. nach Zuckmayer 19761995, 259) Als Zuckmayer nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal wieder nach Deutschland kommt, ver- ändert dies jedoch seine Sicht der Dinge: „Vom ersten Augenblick an, in dem ich deutschen Boden betreten hatte – seit der ersten Wiederbegegnung mit Menschen, die deutsch sprachen, von der ersten Stunde ab, in der ich durch eine zerbombte deutsche Stadt gegangen war, wußte ich, daß ich kein Amerikaner bin, obwohl ich in Amerika ein Heim und, draußen in Vermont, eine echte Zugehörigkeit gefunden hatte. Ich empfand immer stärker, daß ich nicht zu denen gehörte, die mich hierher [nach Deutschland; A. L.] berufen hatten und mich als einen der Ihren betrachteten, sondern zu dem Volk, dessen Sprache und Art die meine war, in dem ich geboren wurde, aufgewachsen bin. Aber auch in Deutschland waren wir nicht mehr wirklich zu Hause. Da war ein Schatten, den man nicht überschreiten konnte, auch der nicht, dem jede ‚schreckliche Vereinfachung‘, jede Kollektivanklage fremd war: der Schatten eines grauenhaften Verbrechens, das auch bei anderen Völkern denkbar und möglich gewesen wäre – aber bei dem unseren war es geschehen, und gerade bei diesem, wie wir es liebten und weiterliebten, hätte es nicht geschehen dürfen. Ich gehörte nicht zu den ‚Siegermächten‘, aber auch nicht zu den Besiegten. Jetzt nach der Wiederkehr, war ich erst wirklich heimatlos geworden und wußte nicht, wie ich je wieder Heimat finden sollte.“ (Zuckmayer 19662013, 651) Sein irdisches Dasein hat Zuckmayer, anders als er es sich einmal gewünscht hatte, nicht im österreichischen Henndorf, sondern im schweizerischen Saas-Fee, im Ober-Wallis, ‚ausgelebt‘. So enden seine Alterserinnerungen mit dem selben Thema, mit dem sie begonnen habe: „Ich habe Nachbarn, ich habe Freunde gewonnen in diesem Ort, und ich weiß in der ganzen Welt meine Freunde und ihre Gräber. Wo diese sind, bin ich zu Hause. Hier 389 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren und überall.“ (ebd. 668) Zuckmayer ist als „deutscher Patriot“389 somit nicht nur ein Europäer, sondern ein „wahre[r] Weltbürger“ geworden (Thompson, D. 19402014, 31). In seinem Drama ‚Des Teufels General‘, angesiedelt in Berlin in den drei Wochen vor Pearl Harbor, steht der Flieger Harras im Mittelpunkt. Er ist trotz seiner hohen Funktion im Luftfahrtministerium kein ‚Parteigenosse‘, war auch nie ein Nazi (vgl. TG 1. Akt, 18, 25), er hat Menschen, wie den alten Spartakisten Korrianke (vgl. TG 3. Akt, 131), aus dem KZ geholt und will andere wie den Juden Samuel Bergmann und seine Frau Jenny davor bewahren (vgl. TG 1. Akt, 48 ff.), er hat sich nie an jüdischem Eigentum bereichert (vgl. TG 1. Akt, 25), hätte „ein besseres Gefühl im Leibe“, wenn er „die Reichskanzlei bombardieren würde – statt den Kreml, oder den Buckingham-Palace“ (TG 1. Akt, 37), bietet dem Kulturleiter Dr. Schmidt-Lausitz vom Propagandaministerium, der einige Züge von Joseph Goebbels trägt (vgl. TG 1. Akt, 12), immer wieder mutig die Stirn, sagt ihm ins Gesicht, dass dieser Doktor, der sich nach eigenen Worten „in einer Winkelredaktion abschinden mußte“, für eine bessere Redaktion vielleicht zu schlecht geschrieben habe (TG 1. Akt, 55), erwidert der ‚braunen‘ Waltraud von Mohrungen (‚Pützchen‘), die ihm vorwirft, wie ein Jude zu reden, dass er auch einer sei – „honoris causa“ (TG 2. Akt, 106; vgl. Zuckmayer 19662013, 186), er hat Jüdinnen und Juden über die Grenze geschmuggelt, was ‚Pützchen‘ als staatsfeindliche Umtriebe und Hochverrat tituliert (vgl. TG 2. Akt, 114, 123). Dieses „Fräulein“ von Mohrungen löst nun ihre Verlobung mit Fliegeroffizier Hartmann auf, weil eine seine Urgroßmütter bezüglich ihrer Herkunft beziehungsweise Abstammung „unbestimmbar“ ist. Sie könnte also Jüdin sein. Harras singt daraufhin gegen alle ‚Ariernachweise‘, ja gegen die nationalsozialistische ‚Rassen‘-Ideologie als Ganze, ein Loblied auf den Rhein, die große „Völkermühle“, die „Kelter Europas“, und gibt damit zugleich einen Einblick in Zuckmayers Selbstbild390, in sein Bild von den Deutschen und in sein Menschenbild: 389 Zuckmayer bezeichnet seinerseits Heine als „‚deutschen Patrioten‘“ (Zuckmayer 1972, in: ders. 1995, 307; siehe Abschnitt 4.2.3). 390 Zuckmayer schreibt über seine eigene Ahnenreihe, dass sich in dieser auch Frauen und Männer aus Österreich und Frankreich fänden. „Eine Italienerin hatte auch einen Tropfen romanischen Bluts in die Gesellschaft gebracht, was ihr vermutlich gut bekommen ist.“ (Zuckmayer 19662013, 185) Zum Begriff ‚Arier‘ notiert er: „‚Arier‘, das heißt: etwas, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt, ein herge- 390 Lienkamp: Aufstand für das Leben „Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt.“ (TG 1. Akt, 65 f.) Auch wenn in dieser ganzen Männerwelt nur ein blondes Mädchen (keine erwachsene Frau), noch dazu als Schülerin, nicht als Lehrerin, vorkommt, so ist der erzieherische Wert dieser Passage, kurz nach dem Krieg, für das Theaterpublikum, das zwölf Jahre der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie ausgesetzt war und nun in Scharen in die Vorstellungen strömt, nicht zu unterschätzen. Der rassistische Wahn musste ja erst einmal – wo dies noch möglich war – aus den Köpfen und Herzen, musste verlernt und Toleranz für ein neues Menschenbild geweckt werden. Dass der Inhalt der Rede Harras’ auch der Anschauung Zuckmayers entspricht, zeigt sich in einem Vortrag aus dem Jahr 1970, in dem er betont, dass es sogenanntes ‚Blut‘ im Sinne der NS-Ideologie gar nicht gebe, „weil es ja immer aus irgendwelchen verschiedensten Quellen zusammenkommt“ (Zuckmayer 1970, in: ders. 1995, 126). nommener Vulgärbegriff, der auf die Bewohner Mitteleuropas nicht zutrifft und keiner ernsthaften Untersuchung standhält.“ (ebd.) 391 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren In seinem Buch ‚Pro Domo‘, das 1938 in Stockholm erscheint, legt Zuckmayer als „Deutscher und ‚Mischling‘“, wie er sich in einem Brief vom 19. Dezember des Jahres an Thompson bezeichnet (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 266)391, seine in Widerstands- und Exilkreisen viel beachtete Haltung zu seinem Herkunftsland dar: „Ich glaube, aus dieser Überzeugung, an das Deutschtum. Mag es auch heute, so weit es sich nicht selbst verleugnet, in Katakomben atmen, oder vom ahasverischen Schicksal ereilt sein, und mit den Einzelnen, die sich ihm zugehörig wissen, in die Welt versprengt, – so wird es eben in der Welt, und für die Welt, niemals aber gegen sie versteift und verschlossen, seine lebendig fortzeugende Wirksamkeit erweisen. Denn die besondere Mitgift, die besondre Berufung, die besondere Gabe und Aufgabe des Deutschen heißt: Weltbürgertum, im Sinne seiner geistigen und musischen Wegbereiter, im Sinne Herder’s und Lessing’s, im Sinne Goethe’s, des größten deutschen und europäischen Menschen. […] Jedes Volk, jeder Einzelne, verliert sein Gesicht, wenn es sich in fanatischer Engherzigkeit verzerrt. Aber keinem irdischen Antlitz steht die krampfhafte, die erstarrte, die aggressive, feindselige, verbißne Grimasse schlechter an, als dem deutschen. Ihm bleibe die Klarheit der Stirn und des Auges, der Ernst und das Lächeln, die schöne Bewegtheit und die tapfere Fassung, ihm bleibe Würde, Charakter und freies, heiteres Menschentum, über Zeit und Zeiten hinaus, erhalten.“ (Zuckmayer 1938, 92 f.) Zuckmayer hält es andererseits für Wahnsinn, dass der mehr als berechtigte Abscheu vor den Nazis zu einem „ganz blinden und allgemeinen Deutschenhass“ werde. Ein solcher sei genauso dumm und verderblich „wie Juden- oder überhaupt irgendein Nationen- oder Rassenhass“ (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 266). „Alle besseren Menschen in Deutschland und Österreich selber“, so heißt es in seinem Brief vom 19. Dezember 1938 an Thompson weiter, „sind heute gegen das Regime, aber vorläufig ausserstande, sich gegen seine Machtkonzentration in irgendeiner Weise zu erheben.“ (ebd.) Der Grund dafür ist, dass es damals schon zu spät war, weil der unterdrückerische Staatsapparat fast schon auf der Höhe seiner Machtentfaltung angelangt war. Widerstand hätte viel früher organisiert werden 391 „Der Begriff des ‚Mischlings‘ ist […] ein barer Blödsinn, eine Erfindung hirnwütiger Blindgänger.“ (ebd. 186) 392 Lienkamp: Aufstand für das Leben müssen, um das Massenmorden und andere Grausamkeiten effektiv zu verhindern (siehe Kapitel 5.7). In einem anderen Schreiben, das Zuckmayer am 21. Dezember 1938 aus dem Schweizer Exil an Thomas Mann richtet, unterstreicht er erneut, dass Deutschtum für ihn ein „Weltbürgertum im edelsten Sinne“ bedeutet392. Dass Zuckmayer auch zwischen 1933 und 1945 zu Deutschland steht und die Menschen differenziert betrachtet, wird ihm in Exilkreisen teilweise übergenommen: „[…] von vielen (Emigranten) wurde ich scheel angesehen, meines hartnäckigen Bekenntnisses zu einem anderen Deutschland wegen, zum wahren Deutschtum, das man, nach meinem Begriff, nicht mit der Nazijauche gleichsetzen und ausschütten dürfe.“ (Zuckmayer 19662013, 617) Ähnlich ergeht es seiner Freundin, Dorothy Thompson. Als sie einmal von der Nazi-Propaganda als ‚Feindin Deutschlands‘ diffamiert wird, per Kurzwellensender, damit es die Deutschen und Deutschstämmigen in den Vereinigten Staaten hören konnten, wendet sie sich tief getroffen an Zuckmayer: „Du weißt es doch, daß ich Deutschland liebe! Daß ich nie gegen die Deutschen, nur gegen die Nazis war!‘“ (ebd. 561) Er wußte es. „Und ich hatte in ihr, durch die ganze Kriegszeit hindurch, eine Verbündete im Verständnis für das andere Deutschland und seine Not.“ (ebd.) Als die Exilzeitung ‚The German American‘ unter dem Titel ‚The Signs of Awakening‘ das Friedensmanifest der Rheinlandkonferenz veröffentlicht, bezieht Zuckmayer in deren Spalten im April 1943 öffentlich dazu Stellung: „Ja, es gibt eine Opposition in Deutschland, es gab sie immer, wenn auch in Fesseln oder Katakomben, und sie hat sich unter unausdenklichen Schwierigkeiten und Hindernissen gestärkt und gefestigt. Alle Hoffnung, die wir auf ein zukünftiges, freies, wahrhaft demokratisches Deutschland setzen, beruht auf dieser Opposition. Die Männer393, die unter stündlicher Gefahr ihres Lebens und ihrer Freiheit die eigene Denkfähigkeit bewahrt haben – (denn schon anders zu denken bedeutet im Nazireich Lebensgefahr) –, die alles riskierten, um einen englischen Sender zu hören, einem verfolgten Ju- 392 Brief von Carl Zuckmayer an Thomas Mann vom 21.12.1938 (zit. nach Glade/ Strenger 1989, 1052 Anm. 14). 393 Zuckmayer weiß zu diesem Zeitpunkt offenbar nur von Männern im Widerstand gegen Hitler. Das ändert sich. 393 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren den Nachtquartier zu gewähren, eine illegale Nachricht weiterzugeben, – sie sind berechtigt und werden befähigt sein, ein neues Deutschland zu bauen. […] sie haben das Vertrauen des deutschen Volkes und der Welt verdient.“ (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 293 f.) Repräsentantinnen und Repräsentanten dieses anderen, besseren Deutschland sind für Zuckmayer Sophie (* 1921 † 1943) und Hans Scholl (* 1918 † 1943) von der ‚Weißen Rose‘394, die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944395 sowie sein Weggefährte Carlo Mierendorff396 und die drei „von Deutschlands Henkern aufgehängten Freunde“, deren Andenken er im Juli 1945 sein Stück ‚Des Teufels General‘ widmet: die Widerstandskämpfer Theodor Haubach (* 1896 † 1945), Wilhelm Leuschner (* 1890 † 1944) und Helmuth James Graf von Moltke (* 1907 † 1945) (TG 5). Für Zuckmayer sind diese alle „unbeugsame Märtyrer, Blutzeugen der Menschlichkeit“ (Zuckmayer 1972, in: ders. 1995, 314) und, wie er in seinem Brief vom 10. Januar 1948 an Harry Buckwitz (* 1904 † 1987) schreibt, „die wirklichen Helden Deutschlands […], die Träger des Widerstands, die ihre tragische Mission darin sahen[,] den Sieg Deutschlands zu verhindern[,] weil es der Sieg Hitlers und damit das Unglück der Welt gewesen wäre […] man muss diesen Menschen ein Denkmal setzen […] und muss sie zu den Idealgestalten einer neuen deutschen Generation machen, auf die sie mit Recht stolz sein darf.“ (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 335) Dass das bisher nicht geschehen sei, ja noch immer unterdrückt werde, sei ein großer Fehler, und wenn die Anerkennung der Menschen im Widerstand nicht bald nachgeholt werde, so werde sich das bitter rächen. Aus Angst vor einer neuen Dolchstoßlegende oder aus „Rücksicht auf die ewig 394 Vgl. Zuckmayer: ‚Es war nicht umsonst – Ein Brief an Inge Scholl zum 22. Februar 1950‘ (Zuckmayer 1950, in: ders. 1995, 88–95). Es sei den Geschwistern Scholl um Politik im eigensten Sinn gegangen: „um die innere Reinheit und Würde der Polis“. „Sie kämpften für das einfachste und größte Anliegen der Menschheit, den Triumph des Guten und Echten über das Böse und Falsche, der Wahrheit über die Lüge, des Göttlichen in der Menschenbrust über das Teuflische“ (ebd. 92). 395 Vgl. Zuckmayer: ‚Memento zum 20. Juli 1969‘ (Zuckmayer 1969, in: ebd. 70–87). 396 Vgl. Zuckmayer: ‚Carlo Mierendorff – Portrait eines deutschen Sozialisten‘ (1944) (Zuckmayer 1944, in: ebd. 39–63). 394 Lienkamp: Aufstand für das Leben Unverbesserlichen, denen man niemals nachgeben darf “, dürfe man die „moralische Grösse“ derer nicht totschweigen oder verleugnen, die ihr Leben gegen Hitler eingesetzt hätten. Man dürfe sich nicht wieder ducken, wie man es in der Weimarer Republik gemacht habe. „[…] wir müssen eben stärker sein, – im Argument und in der Tat.“ (ebd.) Als die Bombardierungen deutscher Städte einsetzen, steht Zuckmayer vor einer schwierigen Frage: „Ich wünschte den Untergang Hitlers und seiner Schreckensherrschaft, aber kein zerstörtes, niedergeworfenes Deutschland. Doch wurde es immer deutlicher, daß das eine ohne das andere kaum denkbar sei.“ (Zuckmayer 19662013, 603) „[…] ich (mußte) die deutsche Niederlage, die Niederlage des Volks meiner Herkunft und meiner Sprache, wünschen“ – es gab „keinen anderen Ausweg […], wollte man Deutschlands Befreiung und das Ende einer Weltbedrohung.“ (Zuckmayer 1948b, 332) Noch schwerer muss ihm dann eigentlich die Antwort fallen, als ihn Inspek tor MacGregor vom ‚United States Immigration and Naturalization Service‘ am 17. Juni 1943 mit folgender Möglichkeit konfrontiert: „Würden Sie, falls nötig, für die Vereinigten Staaten und gegen ihr Vaterland bereitwillig zu den Waffen greifen […]?“ Die nüchterne Reaktion überrascht: „Ja, ohne Vorbehalt.“ (Zuckmayer 19431995, 542; eigene Übers., A. L.) Schon während des Krieges wird in Exilkreisen intensiv die Frage der Schuld thematisiert. In seinem Bühnenwerk ‚Des Teufels General‘ vertritt der Protagonist Harras die These der Kollektivschuld. Als ihm die Schauspielerin Olivia sagt, er könne trotz der Erfolgslosigkeit dennoch stolz auf sich sein, weil er erneut versucht habe, Menschen vor dem Tod zu retten, antwortet er: „Stolz. Ausgerechnet. […] Jetzt wollen wir mal in den Spiegel gucken und über uns selbst gerührt sein. Was wir für edle Menschen sind. So schaun wir aus. Jeder hat seinen Gewissensjuden, oder mehrere, damit er nachts schlafen kann. Aber damit kauft man sich nicht frei. Das ist Selbstbetrug. An dem, was den tausend anderen geschieht, die wir nicht kennen und denen wir nicht helfen, sind wir deshalb doch schuldig. Schuldig und verdammt, in alle Ewigkeit. Das Gemeine zulassen ist schlimmer, als es tun.“ (TG 2. Akt, 98) Während Zuckmayer sein Stück vollendete, konnte er noch nicht wissen, dass es nicht Tausende, sondern sechs Millionen Jüdinnen und Juden wa- 395 Berührungspunkte zwischen den Märchen und ihren Autoren ren, die die Nazis und ihre willigen Helfershelferinnen und Helfershelfer ermordeten. – Den letzten Satz des Zitats könnte man lange diskutieren, ich nehme ihn hier in seiner aufrüttelnden Funktion, so wie er in der Erzählung von Pedro Calderón de la Barca (* 1600 † 1681) ‚Ein guter Mensch am Höllentor‘ verwendet wird. Inhaltlich zutreffender ist meines Erachtens die Formulierung von William Joseph Brennan (* 1906 † 1997), langjähriger Richter am U.S. Supreme Court: „Unterlassen kann ebenso Machtmissbrauch sein wie aktives Tun“ (Brennan 1989, o. S.; eigene Übers., A. L.)397. In seinem ‚Aufruf zum Leben‘ vom 20. März 1942 schreibt Zuckmayer den zahlreichen anderen Geflüchteten: „Wir haben mitzutragen und mitzubü- ßen, alle Schwächen und Fehler, die um uns, vor uns, durch uns und ohne uns geschehen sind.“ (Zuckmayer 1942, 3) Das klingt nicht nach Kollektivschuld, sondern nach Kollektivverantwortung. Dass er genau dies meint, sagt er in seinem offenen Brief an Erika Mann (* 1905 † 1969) vom 12. Mai 1944 ausdrücklich: „[…] kein anständiger Deutscher (wird) sich der Mitverantwortung für die Schuld entziehen wollen, in die sich Deutschland verstrickt hat, ganz gleich, ob er Deutschland verlassen musste oder nicht. Denn wir haben alle […] nicht genug gegen das Uebel getan, als Deutschland noch unser freier Kampfplatz war.“ (Zuckmayer 1944, 7 f.) Damit wendet sich Zuckmayer explizit gegen die These einer Kollektivschuld, was ja bereits aus seiner Unterscheidung zwischen Goethe und Goebbels, zwischen dem anderen, wahren Deutschland einerseits und dem barbarischen Naziland andererseits deutlich hervortrat. An Jacob Grimms ‚Deutscher Mythologie‘ aus dem Jahr 1835 über die vorchristlichen Religionen auf deutschem Boden hebt Zuckmayer 1948 die Passage lobend hervor, in der Jacob schreibt, dass „in alle, auch die verschrieensten Weltalter […] ein Segen von Glück und Heil gefallen“ sei (Grimm, J. 1844, VII). Sicher denkt Zuckmayer an die anständigen Deutschen, wenn er dazu bemerkt: „Was für ein Trost liegt in diesem Satz für uns Heutige, die wir doch zweifellos in einem jener ‚verschrieensten Weltalter‘ beheimatet sind.“ (Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 255) 397 Vgl. dazu im deutschen Strafgesetzbuch die §§ 13 ‚Begehen durch Unterlassen‘ sowie 323c ‚Unterlassene Hilfeleistung; Behinderung von hilfeleistenden Personen‘. 396 Lienkamp: Aufstand für das Leben In seinem ‚Geheimreport‘ geht Zuckmayer wenig später, wie wir sahen, noch differenzierter vor (siehe Fußnote 383). Erika Mann gegenüber betont er aber, dass die Welt für ihn ein Ganzes sei, „jedes Volk und jeder Einzelne ein Teil vom Ganzen, und dass auch Deutschland – noch in der Nacht – zu jener Menschenwelt gehört, die einem neuen Glauben und einer neuen Gestaltung entgegen lebt.“ (Zuckmayer 1944, 8) Aus etwas grö- ßerer zeitlicher Distanz, etwas mehr als zwanzig Jahre nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur, kann Zuckmayer sagen, dass Hitler „jenes ‚andere[ ] Deutschland‘ […] niemals erobern oder durch Terror in seiner Haltung erschüttern konnte“ (Zuckmayer 1966, in: ders. 1995, 333). Deutschland sei schuldig geworden vor der Welt. „Wir aber, die wir es nicht verhindern konnten, gehören in diesem großen Weltprozeß nicht unter seine Richter. Zu seinen Anwälten wird man uns nicht zulassen. So ist denn unser Platz auf der Zeugenbank, auf der wir Seite an Seite mit unseren Toten sitzen – und bei aller Unversöhnlichkeit gegen seine Peiniger und Henker werden wir Wort und Stimme immer für das deutsche Volk erheben.“ (Zuckmayer 1944, in: ders. 1995, 63) Es sei dick unterstrichen: unversöhnlich „gegen seine Peiniger und Henker“ (denn es kann keine Versöhnung hinter dem Rücken der Opfer geben), aber voller Hoffnung auf die Anständigen, ein Zutrauen, in dem ihn später besonders die jungen Menschen in Deutschland bestärken. « Liberté et patrie », „Freiheit und Vaterland“, denkt Zuckmayer, angeregt durch den Wahlspruch des Schweizer Kantons Vaud (Waadt), „wo das vereint wäre, wo man beides zusammen hätte, dort könnte man leben.“ (Zuckmayer 19662013, 124)

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Schlagworte

Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation

References

Zusammenfassung

Vor 200 Jahren veröffentlichten Jacob und Wilhelm Grimm das Märchen ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘, die weltweit beliebte Erzählung über das rebellische Quartett aus dem Norden. Sie erscheint erstmals im November 1819 in ihrer Sammlung der ‚Kinder- und Haus-Märchen‘ – neben der Lutherbibel das bekannteste Werk der deutschen Kulturgeschichte.

Carl Zuckmayer ist zeitlebens ein Verehrer der gelehrten Brüder. Im Jahr 2020 jährt sich zum 90. Mal die Fertigstellung seiner berühmten Tragikomödie ‚Der Hauptmann von Köpenick‘, die 1931 in Berlin uraufgeführt wird und immer wieder bemerkenswerte Neuinszenierungen erlebt. Für den Dramatiker ist es ‚Ein deutsches Märchen‘.

Wie die beiden zeitlos aktuellen, politisch brisanten Geschichten zusammenhängen und was darüber hinaus ihre Autoren untereinander und mit den beiden Texten verbindet, darüber gibt der vorliegende Band Auskunft, der wie die vier tapferen Tiere und der couragierte Hauptmann zu einem Aufstand für das Leben ermutigen und motivieren will.

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Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation