Malte Hölzel

Sexualität und Wahnsinn

Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4367-7, ISBN online: 978-3-8288-7347-6, https://doi.org/10.5771/9783828873476

Tectum, Baden-Baden
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Malte Hölzel Sexualität und Wahnsinn Malte Hölzel Sexualität und Wahnsinn Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft Tectum Verlag Malte Hölzel Sexualität und Wahnsinn. Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 E-Book: 978-3-8288-7347-6 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4367-7 im Tectum Verlag erschienen.) 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Jeder versucht es auf seine Art zu verdrängen, sich mit dem so empfundenen Klein-Klein eines Engagements zu beruhigen, es in sich zu bearbeiten, zu lösen, sich von der grassierenden Unruhe und Panik nicht anstecken zu lassen: Im Zuge des Klimawandels steigt die Temperatur. Unser Blauer Planet zeigt uns erstmals in der Menschheitsgeschichte seine Grenzen. Der menschenverursachte Klimawandel beraubt nicht nur Viele ihrer Heimat, führt nicht nur zu sich verschärfenden Verteilungskämpfen und Ressourcen-Konflikten, zu Migrationsströmen und Ängsten, die schon immer ein schlechter Ratgeber waren und von der Neuen Rechten zur Destabilisierung von Demokratie und Aussetzung von Menschenrechten ausgenutzt werden, nicht nur zu den Trumps, Putins, Erdogans unserer Tage und der Sehnsucht nach dem starken Mann, macht uns durch die Verunsicherung und Irritation angesichts sich dramatisch verändernder Witterungsverhältnisse nicht nur gefühlt zu Migranten im eigenen Land1 – 1 Latour: Das terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 14: „Die Migrationskrise ist zu einer allgemeinen geworden. Zu den Migranten von außerhalb, die um den Preis ungeheurer Tragödien Grenzen überschreiten müssen, um ihr Land zu verlassen, kommen jetzt jene inneren Migranten, die an Ort und Stelle verbleiben und dramatisch erleben müssen, wie ihr Land sie verlässt. Erschwert wird das Verständnis der Migrationskrise dadurch, dass sie das mehr oder minder erschütternde Symptom einer uns allen gemeinsamen Herausforderung ist, nämlich, dass uns der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.“ Natur und Erde entziehen sich als Folge ihrer menschen-verursachten Chaotisierung zum Finden eines neuen Gleichgewichts vor allem auch in Form des Artensterbens und d.h. vor allem auch des Mikrobensterbens, die die Grundlage von allem biologischen Leben auf Erden (der Boden der Pyramide des Lebens) darstellt. Das spürbare Aussterben der Insekten ist nur Folge des darunter unsichtbar sich vollziehenden Mikrobensterbens. Wir sehen im Artensterben unter Säugetieren nur die Spitze des Eisberges, während unter der Wasseroberfläche unseres Wahrnehmungs-Horizontes die Grundlagen des Lebens auf Erden wegsterben. Die Mikroben sind die Grundlage auch für die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion und für die Gesundheit unseres Organismusses. Ihr Sterben wird die Möglichkeit zur natürlichen Bindung von Kohlendioxid schwächen und den Klimawandel als sich selbst verstärkenden Prozess beschleunigen. VII sondern lässt auch die Temperatur untereinander, in der Mitte der Gesellschaften, steigen, führt zu Aggressionen und Fetischen. Der Songtitel einer vergleichsweise unbekannten Band Mitte der Neunziger hatte es – die wir mit seinem Inhalt damals eher kokettierten, um uns in Stimmung zu bringen für die Nacht2 – auf den Punkt gebracht: „(this is) the age of panic“ (Senser)! Panik angesichts sich scheinbar ausweglos zusammenziehender Grenzen des Wachstums, in das sich die Menschheit angesichts des In-Ihr-und-Zwischeneinander-Drängenden immer geflüchtet hatte. Panik angesichts einer Bedrohungslage, die wir selbst verursacht haben, an der wir Schuld sind, die sich zunehmend herauskristallisiert – und von der wir bange erwarten, was unser schlechtes Menschheitsgewissen schon weiß: Das Kippen von Ökosystemen könnte selbstverstärkend zu weiteren, noch nicht absehbaren Kippeffekten und damit zur Chaotisierung der Grundlagen unseres Zusammenlebens führen. Das Wasser zieht sich zurück – um wie bei einem Tsunami mit vielfacher Gewalt und Macht wiederzukehren. Panik entsteht aber weniger – wie man bei Horkheimer/ Adorno3 lernen kann – aufgrund einer ausweglosen Bedrohung von außen, sondern aufgrund einer Ausweglosigkeit im Innern, die sich aufs Außen projiziert. Wir haben letztlich keine Angst vor Sterben und Tod – wir haben Angst davor, in unserem Inneren keinen Ort mehr vorzufinden, dem allgegenwärtigen Sterben und Tod mit Gelassenheit und in Solidarität zu begegnen. Wir haben Angst vor uns selbst. Wir haben Angst davor, zu Monstern zu werden, die panikhaft in einem Kampf aller gegen alle ihren Verstand verlieren. „Panik“ leitet sich etymologisch vom Hirtengott Pan ab, den sie zur Stunde des Mittags be- 2 Ein anderer, damals wie heute bedeutsamer Song fasst die Bedrohung, die sich damals wie heute wesentlich an der vom Club of Rome prophezeiten Bevölkerungsexplosion festmacht(e), schon wesentlich konkreter: “To-day, as you listen to this song/Another 394,000 children were born into this world/ They break like waves of hunger and desire upon these eroded shores/ Carrying the curses of history and a history yet unwritten/ The oil burns in thick black columns, the buzz saws echo through the forest floor/ They shout give us our fair share, give us justice/ Here comes the war (…) Faster, faster, until the center cannot hold/ You screamed give us liberty or give us death/ Now you've got both, what do you want next ?/ Here comes the war – put out the lights on the Age of Reason.” (New Model Army: Here comes the war). 3 Horkheimer/ Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/ M. 1995, S. 35f.. Prolog: Steigende Temperaturen VIII fällt, wo die senkrecht stehende Sonne – die Augen der Vatergottheit – ihm keine Zuflucht im Schatten eines Felsen bei der Muttergottheit mehr gewährt: wo er sich des seherischen Blicks der Vatergottheit ins eigene Innere nicht mehr erwehren kann und zutage kommt, was er selbst auch für sich all die Zeit zu verdrängen gesucht hat: dass er – statt sich in ein Äußeres und ein Inneres zu scheiden, statt sein Inneres mit der Maske der Persona zu schützen und es so als Reflexions- und Resonanzraum der Ereignisse der Außenwelt zu kultivieren – mit sich selbst identisch ist, nackt und schamhaft bloßgestellt, ohne Rückzugsmöglichkeit und Refugium, auf den Punkt reinen Begehrens zusammengeschrumpft, der nur noch will, aber nichts mehr gibt, der bedürftig ist wie ein Kind und sich nicht selbst beruhigen und zufriedenstellen kann – für den es keine Zuflucht vor sich selbst, vor der Gottheit bzw. ihrer heutigen Form, dem schlechten Gewissen, mehr gibt, der das Sterben nicht mehr empfangen kann, weil er seiner nicht würdig ist, sondern sich entweder tot stellt und es grausam erleidet oder in einer ungeheuren Aggression als Karikatur seiner selbst nach Außen entlädt. Die Bodenlosigkeit und Aggressivität unserer Zeit ist aber genauso wenig eine Folge des Klimawandels und der ihn begleitenden Irritationen und Verunsicherungen, wie unsere Selbstidentität, die in Panik angesichts der inneren Ausweglosigkeit umzuschlagen droht, ein Produkt der Hilflosigkeit ist, die uns angesichts katastrophaler Prognosen zur Zukunft des Ökosystems, der Unfähigkeit der Menschheit zu einem angemessenen Konsumverhalten und der Tatenlosigkeit der Politik befällt. Die hohen Temperaturen der vielen heißen Tage des Sommers 2018 auf der Nordhalbkugel sind weder die Ursache für das aufgeheizte Klima in der vernetzten Weltgesellschaft noch für die Überhitzung unseres Innenlebens. Wir machen uns etwas vor, wenn wir den Sündenbock immer nur außen suchen, anstatt einmal selbst in die Wüste zu gehen und uns zu fragen, warum wir es selbst eigentlich zu kaum einer nennenswerten Verhaltensänderung (wie bspw. einem Fleisch-, Auto- und Flugverkehrsverzicht) bringen – zu einer Ein- und Umkehr? Prolog: Steigende Temperaturen IX Inhaltsverzeichnis Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Pornografie als Subversion des Patriarchats . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus . . . . . . 23 Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 XI Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes Wir leben in einer Zeitenwende: Matriarchale Kulturen mit einer Zentrierung um Muttergottheiten4 wurden vor ca. 3000 Jahren5 vom Patriarchat abgelöst – wir Heutigen erleben aktuell wiederum das Ende des Zeitalters des Patriarchats, das seit dem 18. Jahrhundert im Sterben liegt6: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! (…) Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selbst zu 4 Der Begriff „Matriarchat“ – von dem erstmals Bachofen in seinem wegweisenden Buch Das Mutterrecht (1861) sprach – ist insofern unzutreffend, als es sich in den Anfängen menschlicher Kulturen nicht um Gesellschaftsformationen handelte, die wesentlich von Herrschaft geprägt waren. Treffender wäre daher von einer Zentrierung des sozialen und kulturellen Lebens um das Weibliche – als Mutter-, Naturbzw. Erdgottheiten wie auch die leibliche Mutter – zu sprechen (vgl. dazu verschiedene Mythenforscher wie Bachofen, Eliade, Kerenyi, Neumann, Jung, Weiler, Göttner/ Abendroth ((Hrsg.): Gesellschaft in Balance. Dokumentation des 1. Weltkongresses für Matriarchatsforschung 2003 in Luxemburg, 2006), usw. und vgl. vor allem auch Wesel, der zwar die historische Existenz von Matriarchaten bestreitet, aber die von Phänomenen wie einer „Matrilinearität und teilweise (einer) Matrilokalität“ in Gesellschaften Ägyptens, Kretas und Lykiens in unserem Sinne einräumt (Wesel: Der Mythos vom Matriarchat. Über Bachofens Mutterrecht und die Stellung von Frauen in frühen Gesellschaften, Frankfurt/ M., 1980, S. 66)). Unzweifelhaft ist, dass die Mythengeschichte vieler Kulturen von einer Ablösung großer Muttergottheiten durch Vatergottheiten geprägt ist, die vielleicht nicht Rückschlüsse auf die Gesellschafts-Organisation zulassen, aber doch von der Zentrierung um das jeweilige Geschlecht zeugen. Die schlichte Tatsache, dass die Frühmenschen nichts vom Anteil des Mannes an der Zeugung von Kindern wussten und wie verzaubert vor dem für das biologische Programm der Arterhaltung und für die Zukunft der Menschen so zentralen Wunder der Geburt durch die Frauen standen, legt eine Zentrierung der frühen Kulturen um die Frau nahe. 5 Vgl. Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Düsseldorf 2004, S. 270. 6 Den Gedanken dieses Aufsatzes liegt meine Kritik der Gender-Philosophie bzw. der Postgender-Philosophie Butlers zugrunde, wie ich sie in Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017, V) ausgeführt habe. Sie teilt die Ansichten von Schrupp, soweit sie folgenden zwei Zitaten eines im November 2018 aktuellen, deutschsprachigen Wikipedia-Artikels zum Stichwort Postgen- 1 Göttern werden (…)?“ – spricht Nietzsches toller Mensch7 und schließt, als er merkt, dass die Menschen auf dem Marktplatz ihn vor hundert Jahren noch nicht verstanden: „Ich komme zu früh (…). Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis an die Ohren der Menschen gedrungen.“ Heute – hundert Jahre später – spüren wir seine Auswirkungen und sehen seine Folgen im Spiegelbild der Medien und Bildschirme: „König Sex“ – um es mit Foucault8 zu sagen – regiert – eine Regentschaft, die uns alle unseres Verstandes zu berauben droht. Seine Regentschaft verstrickt uns – über die ununterbrochenen Appelle des Kapitalismus an Gier, Neid und Eifersucht hinaus – in einen erbarmungslosen, wenn auch oft kaschierten Konkurrenzkampf und in einen für unser Ökosystem heillosen Egoismus. Quantität siegt über Qualität. Angesichts des Untergang der Mutter- und der Vatergottheit, dem doppelten Abgrund der Angst vorm Verschlungenwerden durch die Erde und dem Sich-Verlieren in den Weiten des Himmels, gibt es nichts, was uns noch hält, außer die möglichst auf Dauer gestellte, perder zu entnehmen sind, die hier zitiert seien, auch wenn mir die Hintergründe und Schriften von Schrupp nicht bekannt sind: „Die Betonung von biologistischen Klischees über Frausein und Mannsein wurde ideengeschichtlich erst bedeutsam, als diese Hierarchisierung der Geschlechter mit der Aufklärung und ihrem Postulat von der Gleichheit aller Menschen in Legitimationsschwierigkeiten kam. Die Überwindung dieser Geschlechterklischees (‚post-gender‘) garantiert deshalb noch nicht die Freiheit aller Menschen und speziell nicht die Freiheit der Frauen. Post-Gender- Denken kann auch genau das Gegenteil bewirken, nämlich die erneute Behauptung des ‚Unwichtigseins‘ von Frauen.“ (Schrupp: 15 Thesen zu Feminismus und Post- Gender, Punkt 4). „Diese Ungleichheiten allein auf individuelle Unterschiede zurückzuführen, wie es unter dem ‚Post-Gender‘-Begriff versucht wird, beinhaltet nicht nur die Gefahr, die prägende Kraft von Konventionen und gesellschaftlichen Normierungen zu ignorieren. Sie beinhaltet vor allem die Gefahr, die Normsetzung des Männlichen quasi durch die Hintertür wieder einzuführen. Männlichkeit und der ‚geschlechtsneutrale Mensch‘ sind historisch eins. Männlichkeit hat sich nie als einheitlich, sondern schon immer als vielfältig verstanden. ‚Einheitlich‘ im Sinne von Stereotypen wurden immer nur die ‚anderen‘, speziell die Frauen, definiert.“ (Schrupp: 15 Thesen zu Feminismus und Post-Gender, Punkt 9) 7 Nietzsche: Der tolle Mensch – in: Die fröhliche Wissenschaft, Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 1, Salzburg 1960, S. 599f.. 8 Foucault: Nein zum König Sex. Interview (1977) – in: Foucault: Short cuts, Frankfurt/ M. 2001, S. 81–114. Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes 2 manente Ekstase (vgl. de Sade9). Diese existentielle Krise spiegelt sich im Verlust von Werten, die – wie vormals das Matriarchat – zuletzt das Patriarchat gestiftet hatte; von Werten, die König Sex unwiderbringlich entthront hat und die ihn nun, wo er sich seiner Herrschaft sicher ist und sein zerstörerisches Regiment führt, entthronen könnten; von Werten, die uns ein Zuhause geben im Unzuhause zwischen den verlorenen und ehemals bergenden Wirklichkeiten des Matri- und Patriarchats, in unserer Situation als Kind der Ureltern, die uns über ihre Auseinanderlegung – man könnte angesichts der Situation vieler heutiger Kinder fast sagen: über ihren Scheidungs- und Kindssorgekampf – eine große Hypothek bzw. ein gewaltiges Mehrgenerationenproblem als zu lösende Integrationsaufgabe gestellt haben. Man kann sagen, was man will: der, der letzte Nacht guten Sex hatte oder dies im neidischen Blick der Anderen zu verifizieren sucht, was er sich selbst mehr schlecht als recht nur vorzumachen sucht, hat immer Recht. In Freundeskreisen stellt man bei tieferen Gesprächen fest, dass es allen so geht wie einem selbst: man ist sexualisiert. Oversexed and underfucked. Schwanzgesteuert. Drei Klicks von der Pornohölle entfernt, die uns aus dem Dunkel unserer Computermattscheiben lockt. Sich auf dem Markt der Spektakel und Faszinationen zur Schau tragend. In permanenter Selbstdarstellung, -Stilisierung und -Optimierung zur Erhöhung des eigenen Marktwertes und zum Erhalt des brüchigen Selbstwertes befangen, der sich an Äußerem bemisst (Narzissmuss). Wir versinken kollektiv in einer Proletarisierung unseres Innenlebens, wobei dies insofern falsch ausgedrückt ist, als dass der Arbeiter früher Generationen noch einen tiefen Sinn für Solidarität und Zusammengehörigkeit hatte. Wo eine Synthese zwischen matriarchaler und patriarchaler Kultur aussteht, reizen sich die Gegensätze bis aufs Blut, um Ansatzpunkte für eine gemeinsame Synthese zu schaffen. Anstelle einer Synthese von matriarchaler und patriarchaler Kultur entfesselt sich ein Geschlechterkampf in fürchterlichen und teilweise grellen Bildern, der nicht nur die politische Agenda fast vollständig in Anspruch nimmt und von der Organisation zentraler Zukunftsherausforderungen abhält, sondern 9 Vgl. Flaßpöhler: Der Wille zur Lust. Pornografie und das moderne Subjekt, Frankfurt/ M. 2007, S. 18. Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes 3 auch jeden Einzelnen verängstigt und in Aggression, Sexsucht, rücksichtslosem Egoismus und rücksichtloser Egozentrik, in Narzissmus und Optimierungs- und Selbstverwirklichungswahn, in Krankheit und Burn-Out Zuflucht suchen lässt und den durch den Kapitalismus ohnehin getriggerten negativen Gefühlen wie Gier, Neid, Eifersucht und Konkurrenzdenken überantwortet – kurz: in Widersprüchen, Konflikten und ungeklärten, unverstandenen Gefühlen gefangen nimmt, die ihm die Möglichkeit und Fähigkeit nehmen, sein Konsumverhalten zu ändern und Solidarität mit Umwelt und Mitmensch an die Stelle der Angst und ihrer katastrophalen und schmerzhaften Auswirkungen zu setzen. Das Zusammenbrechen patriarchaler Gesellschaftsordnungen, die Aufhebung alter patriarchaler Werte und Glaubenssätze, die das Innenleben interpretierbar und regulierbar machten und lange das Geschlechterverhältnis regelten, sind heute nicht mehr zeitgemäß. Sie sind für die maßlose Gewalt gegen das Weibliche als Frau, Natur, Erde10 verantwortlich, fehlen als Ordnungssysteme aber nun erstmal. Das aus dem Zusammenbrechen dieser Ordnungen folgende Chaos und ein tiefes Missverstehen zwischen den Geschlechtern, d.h. zwischen Mann und Frau, führen zu Angst. Angst als das Grundgefühl menschlicher Existenz hat seinen Antagonisten im Gefühl der Lust, in das sie sich verwandelt, wenn sie aufgehoben wird. Tiefer noch als Angst, „tiefer noch als Herzeleid“, ist „Lust“, denn sie „will Ewigkeit – will tiefe, tiefe Ewigkeit“ (Nietzsche11): Im Innersten des Menschen ist die Seligkeit seines anfänglichen Seins im Mutterbauch aufbewahrt. Mit dem Geburtsprozess wird sie von Angst überlagert in dem Moment, wo der Mensch durch die Enge des Geburtskanals auf die Welt kommt (Angst von lat. angustiae, „Enge“ – vgl. Freud12). Die tiefste Matrix unseres Gefühlslebens und unserer Gestimmtheit ist also Seligkeit, die durch Angst überlagert wird, die im schlechten Fall, wenn das Kleinkind nicht genug bergende Atmosphäre 10 Vgl. Merchant: The Death of Nature, San Francisco 1980; Böhme/ Böhme: Das Andere der Vernunft, Frankfurt/ M. 1985, S. 21f.. 11 Nietzsche: Das trunkene Lied – in: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 1, Salzburg 1960, S. 223. 12 Freud: Die Angst – in: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Frankfurt/ M. 1999, S. 378f.. Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes 4 in seiner Familie bekommt und nicht ausreichend Urvertrauen bzw. daran anschließendes Selbstvertrauen in seinen Autonomie-Bestrebungen ausbilden kann, uns Menschen bestimmt – die aber, selbst wenn es Urvertrauen und Autonomie entwickeln kann, dennoch eine Gefahr darstellt, von der auch das Seelenleben eines gesunden Menschen bestimmt zu werden droht, ist die Kultur, in der er lebt, selbst davon geprägt. Angst als das Movens des menschlichen Handelns strebt nach Entlastung, Sicherungen und Ordnungen, die es beruhigen: Sie sucht Chaos in Ordnung, Chaos in den Kosmos geordneter Verhältnisse, zu überführen und verwandelt sich – wie nach jeder getanen Arbeit oder nach jedem schöpferischen Tun – in das Gefühl von Lust und Zufriedenheit, seine Wirklichkeit bewältigt zu haben. Insofern wir Zeitzeugen und Betroffene einer Zeitenwende sind, deren Dimension einzig mit der Wende vom Matriarchat zum Patriarchat zu vergleichen ist und die das Zerfallen aller bis dahin gültigen Werte und Ordnungen zur Folge hat, sind wir der Angst aus kulturellen Gründen in kaum je dagewesener Weite und Tiefe ausgesetzt. Angst erzeugt Aggression, Verdrängung, Flucht nach vorne, (Selbst-)Entfremdung, Stress, Fremdbestimmtheit, Verführbarkeit, Egoismus, Narzissmus, Rückzug ins Private und hat wie alle Gefühle die Eigenschaft, dass sie die Wahrnehmung der Wirklichkeit ihr gemäß einfärbt, d.h. auf die Welt und andere Menschen projiziert wird. Die Projektion der Angst führt zu ihrer Verstärkung, da sie ja das, was sie angstvoll erwartet, geradezu erschafft. Die Situation des Menschen ist geradezu daraus bestimmt, entweder in einer Negativspirale der Angst und der blinden Selbsterhaltung oder in einer Positivspirale des Vertrauens und der Solidarität unter- bzw. aufzugehen – wobei die Angst wie ein schwarzes Loch sein kann, dass gut gemeinte Vertrauensbekundungen oder solidarische Hilfen paranoid als Schein, Blendung oder Gefahr aushöhlt. Die Angst führt zu Wappnungen und Bewaffnungen – und sie bringt, reagiert der Angstgegner spiegelbildlich, zur Eskalation der Gewalt. Mit Angst lässt sich Politik machen, weil sie eine allgemein menschliche, reflexhafte Reaktion auf Bedrohung ist, während die Gegenkraft des Vertrauens und der Solidarität zwar im Innersten des Menschen aus Kindheitstagen aufbewahrt ist (denn nur aus dem Vertrauen konnten wir uns überhaupt entwickeln), aber leicht überlagert werden kann durch negative Erfahrungen und ihre misstrauende Interpretation, die Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes 5 wir in der Auseinandersetzung mit der Um- und Mitwelt notwendig machen. Angst isoliert und vereinzelt – und als Isolierte und Vereinzelte sind wir ihr besonders ausgeliefert. Die Angst bestimmt heute – im Zeitalter der Zeitenwende vom Patriarchat in eine unbekannte Zukunft und der mit ihr einhergehenden „Umwertung aller Werte“ (Nietzsche13) – nicht nur die Politik, sondern auch das Innenleben des Einzelnen – und sie droht, die Basis des Zusammenlebens der Menschen, des Gefühls von Vertrauen und die Keimzelle von Solidarität, die Familie und das Miteinander von Frau und Mann, anzugreifen. Der tobende Geschlechterkampf – bis vor kurzem noch abgetan als Hirngespinst neurotischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts wie Ibsen – ist inmitten der Zeitenwende und dem Zusammenbrechen des Patriarchats zentrales Phänomen und Ereignis unserer Zeit – und wird genährt aus der Angst, die Männer ihre Angst und damit auch die aus diesem Abgrund quellende, männnliche Lust (deren Intensität sich nach der Tiefe ihrer Angst bemisst) auf die Frauen und die Frauen umgekehrt ihre Angst und die aus diesem Abgrund quellende, weibliche Lust auf den Mann projizieren lässt. Die Männer denken, dass die weibliche Sexualität ein Abgrund unerschöpflichen Begehrens ist, wie umgekehrt die Frauen denken, dass die männliche Sexualität ein Abgrund unerschöpflichen Begehrens ist, das beide Seiten Angst haben, nicht befriedigen, ihm nicht genügen zu können. Angst, wechselseitige Überforderung und Wappnungen zum Selbstschutz führen zu einem sich selbst verstärkenden Prozess, in dem die Frauen sich immer aufreizender zeigen und die Männer sich immer potenter gebärden – mit der Konsequenz einer sogenannten Resonanzkatastrophe, die das Zusammenleben auf der Erde zur Hölle machen kann und genau besehen schon macht. Das Ergebnis ist schemenhaft bekannt: eine Sexualisierung des Zusammenlebens, notgeile Männer und sich immer aufreizender gebärdende, zu Markte tragende Frauen – mit anderen Worten eine Eskalation des Geschlechterkampfes im Sexuellen, in der die Frau auf die Erregung des Mannes ihrerseits mit umso tieferer Hingabe antwortet, was den Mann umso verrückter macht, usw., bis beide Seiten in letzter Konsequenz an nichts anderes mehr denken können und sex- 13 Nietzsche: Der Antichrist – in: Wenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden Bd. 2, Salzburg 1960, S. 1015. Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes 6 süchtig dem Wahnsinn anheimfallen. Die Natur aber ist auf Gleichgewicht angelegt: Sie sucht die Auseinanderlegung der Gegensätze, um zu einem tieferen Gleichgewicht und Frieden zu finden – sie strebt nach Synthese. Gegen das Bild einer allseitig glücklich kopulierenden Menschheit wäre nichts einzuwenden. Die Realität aber sieht leider völlig anders aus: Wir waren nie unglücklicher. Die Gesellschaft der global vernetzten Menschheit ist ein Schlachtfeld: Man steht heute als wohlsituierter Bürger des Westens ernsthaft vor der Frage, ob man Menschen im Mittelmeer sehenden Auges ertrinken lassen soll, um Europa als Hort der Demokratie, der Freiheit und der Sozialstaatsidee vor einer Destabilisierung durch die Angstreaktionen der Einheimischen auf die Geretteten zu bewahren, auf dass dieses Europa der Menschheit ein Beispiel und Vorbild und ein Anker von Frieden unter den Nationen sein kann (und damit seine Idee gleichzeitig ad absurdum führt). Im sogenannten Kulturkampf zwischen dem Islam und dem Westen geht es um nichts anderes als die Rolle der Frau in der Gesellschaft bzw. um das Aufrechterhalten männlicher Dominanz:14 Das Zusammenbrechen der Gesellschaftsordnungen im Nahen Osten, die letztlich durch eine Unterwanderung 14 Der Geschlechterkampf bzw. die Rolle der Frau im Patriarchismus scheint uns auch der Hintergrund und die tiefere Ursache für den von Huntington vor Jahren sogenannten (sich dadurch möglicherweise im Sinne einer selbst erfüllende Prophezeihung verstärkenden) „clash of civilisations“, d.h. für den „Kulturkampf “ zwischen westlichem und islamischem Patriarchismus, zu sein. Während der westliche Patriarchismus die Frau entblößt (vgl. die Entschleierung der Sophia auf dem Titelblatt der Encyclopédie (Böhme/ Böhme: Das Andere der Vernunft, Frankfurt/ M. 1985, S. 332 Abb.)), zurren Formen des islamischen Patriarchismus den Schleier fest und verbannen die Frauen aus der Öffentlichkeit der Gesellschaft. Die Nacktheit der Frau im Porno des westlichen Patriarchismus geht auf eine lange Geschichte fortgesetzter Vergewaltigungen und Entblößungen des Weiblichen im Patriarchat zurück, wie sie paradigmatisch auf dem Titelblatt der Encyclopédie vorgeführt wird: Die Sophia – die „lichtumstrahlte Wahrheit“ (ebd.), die als „reines Geist-Weibliches“ die höchste Wandlungs-Form des matriarchalen Selbstbewusstseins symbolisiert (vgl. Neumann: Die große Mutter. Die weiblichen Gestaltungen des Unbewussten, Düsseldorf 2003, S. 305) – wird auf dieser Abbildung durch die als gekrönte, männliche Figur dargestellte Vernunft „entschleiert“ (Böhme/ Böhme 1985, S. 332). So sehr beide Formen des Patriarchismus in der Vergewaltigung des Weiblich-Attribuierten übereinstimmen, geraten sie angesichts verschleierter Frauen im Westen und angesichts von Pornografie im islamischen Kulturraum in Konflikt. Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes 7 der Gesellschaft durch Pornografie bei gleichzeitiger Ungleichverteilung der Ressource Frau aufgrund kultureller Privilegien von Männern zur Haremsbildung und einem sogenannten Jungmännerüberschuss, für den dieses Privileg aufgrund mangelnder ökonomischer Ressourcen und Überbevölkerung nicht mehr zu erreichen war, ausgelöst wurde, über den islamischen Fundamentalismus, der zu den Anschlägen des 11. September geführt hat, bis zur patriarchalen Antwort Bush Juniors, dessen Hintermänner im von ihnen heraufbeschworenen Kriegszustand am ehesten die wackelnden Fundamente ihrer männlichen Macht sichern konnten. Nicht nur beim Fundamentalismus islamischer Prägung handelt es sich um eine offenkundige Abwehrschlacht gegen die Angst vor dem eigenen Begehren, das durch Pornografie und sexuelle Freizügigkeit von Frauen getriggert, auf Frauen im Allgemeinen unbewusst projiziert wird und Angst vor Machtverlust und Selbstverlust macht. Auch auf westlicher Seite lässt sich die Neue Rechte und ihre Migrantenfeindlichkeit als Angst des weißen Mannes vor den scheinbar zahllosen, braungebrannten, jungen Migranten dechiffrieren, die als Konkurrenz um die „eigenen“ (!) Frauen wahrgenommen werden. In ärmeren schwächeren Staaten dieser Welt wie Indien, Südafrika usw. gehört Gewalt gegen Frauen zum Alltag. China versucht, den aufkeimenden Konflikt mit rigider, auf künstliche Intelligenz gestützter Kontrolle des Sozialverhaltens und mit Konsum und – wohl künftig – dem Angebot von Cybersex zu lösen. Von den Konflikte, die nun auch im Innern der westlichen Gesellschaften aufgebrochen sind, ganz zu schweigen. (Um Beispiele dafür zu finden, reicht es eigentlich schon, eine x-beliebige Zeitung wie Die Zeit Nr. 41 vom 4. Oktober 2018 aufzuschlagen, wo bspw. von erschütternd vielen Morden an Frauen in Deutschland aus Eifersucht berichtet wird, die an Bestialität kaum zu übertreffen sind.) Zentrale Beispiele sind außerdem: die #me-too-Debatte, das Inbeschlaggenommensein der Linken speziell im amerikanische Wahlkampf Clintons gegen Trump und ihrem Gender-Neusprech (vgl. die Dystopie 1984 von Orwell)15, der meint, Ängste nicht ernst nehmen zu müssen und sie unter den Teppich des Unsagbaren und Verbotenen verbannen zu können und sich 15 Vgl. zur Auseinandersetzung mit der Gender-Philosophie: Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017), V. Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes 8 dann über den Sieg Trumps wundert, und die neurechten Männerbewegungen wie den Proud Boys, Incel oder den Pick-up-Artists in den USA16, mit denen an die Oberfläche gespült wird, was man unter diesem Teppich schon gar nicht mehr vermutet hatte, usw.. Sie künden – führt man sich diese Beispiele wie in einem Panoptikum vor Augen – von einem Problem mit freien Frauen und von Frauen betreffenden extremen, offenkundig angstgeleiteten Ressentiments. Im Kern geht es immer um Sex. 16 Vgl. Eimermacher: Vom Hummer lernen – in: Allmendinger u.a. (Hrsg.): Die Zeit Nr. 41 vom 4.10.2018, Hamburg 2018, S. 42. Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes 9 Pornografie als Subversion des Patriarchats Zentrale Ursache für das Zerrbild einer glücklichen Sexualität – wie es sich im Porno spiegelt und über seine Bilder im Kopf vielen Menschen ein glückliches Sexualleben durch falsche Wert- und Wahnvorstellungen verbaut – ist ihr Quellgrund in der nicht reflektierten, unverstandenen Angst: Sie macht die glückliche Vereinigung und unio zweier Seelen zu einem Körper-Massaker ohne Ankommen. Die Pornografie enthält ein subversives Moment, das das mindestens seit 1800 voranschreitende Sterben des Patriarchats (vgl. Nietzsche, Foucault, Neumann, u.a.) zumal im globalen Maßstab, d.h. in traditionelleren, althergebracht patriarchalen Kulturen, die es unterwandert, beschleunigt. Der Patriarchismus ist zur Integration des von ihm Verdrängten, Weiblich-Attribuierten, dem von Böhme/ Böhme sogenannten Andere(n) der Vernunft wie Frau, Natur, Erde17 gezwungen – und muss sich zu dieser Integration notwendig aufgeben, d.h. wird, da die Männerdomänen ihre Macht nicht kampflos abgeben, am Porno und der Radikalisierung der sexuellen Freizügigkeit der Frau notwendig zerbrechen. Auf einem von Sjöö 1969, d.h. im Zuge der Befreiungs- und Emanzipationsbewegung der 68iger Generation gegen althergebrachte Strukturen und Machtverhältnisse erstellten Plakats zur women´s liberation, steht: „Women (...) are rising with a fury older than any force in history. This time will be free or no one will survive“.18 Diese Warnung – die auf dem Plakat von 1969 mit einem Bild der Sphinx unterstrichen ist, die damit also auch im 20. Jahrhundert als nicht-integrierte Wiedergängerin des verdrängten Weiblichen wie schon vor Ödipus in der Öffentlichkeit auftaucht – gilt es ernst zu nehmen. Die Wut – das ist hier deutlich benannt – quillt aus matriarcha- 17 Vgl. Merchant: The Death of Nature, San Francisco 1980; Böhme/ Böhme: Das Andere der Vernunft, Frankfurt/ M. 1985, S. 21f.. 18 Sjöö/ Mor: Wiederkehr der Göttin. Die Religion der großen kosmischen Mutter und ihre Vertreibung durch den Vatergott, Braunschweig 1985, S. 239. 11 len Vorzeiten, wenn man bedenkt, dass das matriarchale, mythische Wirklichkeitsverständnis noch zyklisch war und die Geschichte als eine Suche nach dem verlorenen Paradies in der Zeit mit dem Patriarchat beginnt. Ihr geht es vordergründig um Anerkennung auf Augenhöhe, tiefer besehen um die ausstehende Integration von Matriarchat und Patriarchat, Mutter- und Vatergottheit, Mythos und Logos (wobei der Mythos auch schon ein wenn auch nicht als solcher anerkannter Logos war), von Weiblichem und Männlichem. Als Hauptsymptom des forcierten Geschlechterkampfes unserer Tage kann das Phänomen der Pornografie verstanden werden, das sich – als Folge des Patriarchismus von Männern für Männer inszeniert – im Sexismus der Werbung und der Mode19, seiner Allgegenwart im Internet und in der Prostitution spiegelt, diesen Patriarchismus aber zugleich zunehmend unterwandert. Pornografie lässt sich entschlüsseln als Symptom und Ausdruck der Ohnmacht des Mannes angesichts seiner selbstentfremdeten Geilheit und seiner selbstentfremdeten, verstärkten Schlüsselreiz- Empfänglichkeit gegenüber den Reizen von Frauen und der Ohnmacht der Frau angesichts ihrer Selbstentfremdung, die unter den Bedingungen des herrschenden Patriarchismus entstanden, unbewusst im Sinne der tieferen Logik des Strebens der Natur nach Auseinanderlegung der Gegensätze zu ihrer finalen höheren Integration, seine Zersetzung und Unterwanderung bewirkt. Insofern weibliche Sexualität auf die verstärkte Hingabe des Mannes ihrerseits mit vertiefter Hingabe reagiert, treiben sich beide Parteien des Geschlechterkampfes wechselseitig in den Wahnsinn, zwar Befriedigung zu suchen, sie aber mangels ihrer Selbstentfremdung nicht finden zu können – und sich in einem endlosen Regress im Sinne schlechter Unendlichkeit durch erneute, unendliche, aber eben nur äußerliche Aufreizung, der es einzig um die Bestätigung ihres Selbstwertes und die Abwehr der Angst geht, dessen berauben, was sie selbst anstreben. Der im Porno inszenierte Vernichtungswunsch des Mannes gegenüber der Frau, in dem er letztlich das auszulöschen sucht, was ihn sonst umgekehrt zu vernichten droht, ist zum 19 Der Sexismus in Werbung und Mode zeigt sich z.B. in einer Axe-Werbung von vor einigen Monaten, in der eine euphorische Frau breitbeinig über einer phallischen Axe-Deo-Spraydose steht – oder in den aktuell allgegenwärtigen Push-Ups für Frauen und formgebenden Synthetik-Strumpfhosen, die natürliche Körper mit ihren Eigenheiten zu scheinbar perfekten, normierten Cyberkörpern wandeln. Pornografie als Subversion des Patriarchats 12 Scheitern verurteilt: das Weibliche als integraler Bestandteil der Ganzheit der Natur lässt sich nicht aufheben, sondern nur auf Augenhöhe annehmen. Die Pornografie – wie sie die postmoderne Welt-Gesellschaft zunehmend unterwandert – kann betreffs ihres ikonografischen Aspekts als eine – wenn auch wie gesehen selbstzerstörerische – Form der Subversion des Patriarchismus im feministischen Kampf um Anerkennung interpretiert werden. So verwundert es nicht, dass sie genau am zentralen Ausgangspunkt des abendländischen „Fortschritts in der Geistigkeit“20 (Freud) – also der Quelle von Monotheismus, Vernunft und Patriarchat, die die Vernunft des Matriarchats, den Mythos, als blinde Phantasterei abtut und damit ihre eigenen Grundlagen und Grundaxiome zum Verhängnis der Menschheit verdrängt (vgl. Horkheimer/ Adornos Dialektik der Aufklärung) – subversiv ansetzt. Freud hatte in Der Mann Moses und die monotheistische Religion im Bilderverbot der Mosesreligion den entscheidenden Faktor des seiner Ansicht nach dem Judentum zuzuschreibenden Geistesfortschritts gesehen, der aber auch im Griechentum des Sokrates als der zweiten, wesentlichen Quelle des abendländischen Patriarchismus vollzogen wurde: „Unter den Vorschriften der Mosesreligion findet sich eine, die bedeutungsvoller ist, als man zunächst erkennt. Es ist das Verbot, sich ein Bildnis von Gott zu machen, also der Zwang, einen Gott zu verehren, den man nicht sehen kann. (...) wenn man dieses Verbot annahm, musste es eine tiefgreifende Wirkung ausüben. Denn es bedeutete eine Zurücksetzung der sinnlichen Wahrnehmung gegen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, einen Triumph der Geistigkeit über die Sinnlichkeit, strenggenommen einen Triebverzicht mit seinen psychologisch notwendigen Folgen.“21 Das Bilderverbot ist also eine Abkehr von der Sinnlichkeit und Hinwendung zur Geistigkeit, wie sie analog für die Entwicklung hin zum griechischen Patriarchismus gilt22, die in den Augen Freuds eine Sublimierungsleistung darstellt. Dieser Sublimation entspricht die abendländische Zurichtung des Sehsinns als 20 Freud nach Assmann: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus, München 2003, S. 123. 21 Freud: Kulturtheoretische Schriften, Frankfurt/M. 1974, S. 559 – Zitat nach Assmann 2003, S. 134f.. 22 Vgl. Theunissen: Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard, Freiburg 1982. Pornografie als Subversion des Patriarchats 13 Herrschaftssinn, die im Zuge der Opferung der inneren Natur sich einstellende Fixierung an diesen Sehsinn und seine Vergeistigung zur geistigen (Ideen-) Schau, d.h. die Aufschlüsselung des Phänomens des intellektuellen Erkennens als Reflexion unter dem Paradigma der Optik. Diese Sublimation wird mit den Bildern der Pornografie ausgehöhlt: Die Sublimation entpuppt sich als Verdrängung des Triebes anstelle seiner Integration, insofern sie aufgrund des verdrängten Anderen der Vernunft, dem Weiblich-Attribuierten, angesichts von pornografischen Bildern einzig hilflos weggucken und wiederum verdrängen oder wieder in die Triebhaftigkeit regredieren kann, der sie nun haltlos ausgeliefert ist. Das Andere der Vernunft bekommt gerade durch die Verdrängung und Projektion einen dämonischen Charakter und gewinnt in Form seiner Darstellung in der Pornografie die Macht, Schrecken, Faszination, unstillbares Begehren und Resignation in einem auszulösen. Horkheimer/ Adorno schreiben in der Dialektik der Aufklärung dazu: „Als Repräsentantin der Natur ist die Frau in der bürgerlichen Gesellschaft zum Rätselbild von Unwiderstehlichkeit und Ohnmacht geworden. So spiegelt sie der Herrschaft die eitle Lüge wider, die anstelle der Versöhnung der Natur deren Überwindung setzt“.23 Darin erinnert das Andere der Vernunft an das Numinose des Anfangs der Bewusstseinsgeschichte der Menschheit, wie es durch die ersten Menschen durch Bilder gebannt wurde. Insofern diese frühe Form der Verarbeitung mit dem patriarchalen Bilderverbot verabschiedet wurde, können die ehemals zur Angst-Abwehr erschaffenen Bilder nun selbst die Illusion der Real-Präsenz des auf ihnen Dargestellten erzeugen. Der Sog – der von ihnen ausgeht – führt, wird ihm nicht widerstanden, zu dem, was Neumann eine „matriarchale Kastration“24 nennt – und erklärt sich aus der patriarchalen Selbstentfremdung als Entfremdung von der von ihr weiblich attribuierten Natur. Der patriarchale Mensch in seiner Fixierung an das intellektuelle Erkennen als Methode der Herrschaft über die polymorphen Phänomene wird zuletzt an seinem eigenen Blick irre: Anstatt durch die Fixierung des Phänomens in Kategorien der zurichtenden Erkenntnis von seinem Schrecken befreit zu sein, stimuliert genau das, was er da zu fixieren sich anschickt, sei- 23 Horkheimer/ Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/ M. 1995, S. 79. 24 Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Düsseldorf 2004, S. 126. Pornografie als Subversion des Patriarchats 14 nen Trieb, dessen Kontrolle und Sublimation die Voraussetzung zu seiner Form der Herrschaft darstellt. Man kann sich sogesehen keine geeignetere Form der Subversion des Patriarchats, seiner Herrschaftsformen und seines Machbarkeitswahns vorstellen als eben die Pornografie. Die Subversion braucht aber einen positiven Wert, auf den sie sich rückbeziehen und in dessen Namen sie ihr Geschäft betreiben kann, wenn sie nicht einzig die Zersetzung jeden Sinns vorhat, damit aber genau dem Geschlechterkampf und seiner thanatonischen Radikalisierung zuspielt und die Menschen seiner erbarmungslosen Logik einer gewaltsamen, thanatonischen Integration der Gegensätze im Chaos ausliefert, gegen deren Allgültigkeit sie gewöhnlich als linke, erosgeleitete, die Freiheit des Menschen anstrebende, politische Strategie antritt. Dieser Sinn – den die Subversion als politische Strategie im Auge behalten müsste – ist die Integration des Geschlechtergegensatzes. Die Pornografie als Mittel zur Subversion des Patriarchismus zu befürworten ist ein Spiel mit dem Feuer, insofern die Selbstorganisation von sich aus – wo die Bereitschaft und der Einstieg zum Weg der Integration im Sinne des Eros fehlt – diese Integration als thanatonische Auflösung der Gegensatz-Spannung im Chaos ohne Rücksicht auf die Menschenwürde und den Frieden unter den Menschen vorantreibt. Zwar ist die Pornografie ein Mittel der Selbstregulation und Selbstintegration der Ganzheit, über das wir nichts vermögen und dem wir entsprechend ohnmächtig gegenüberstehen. Insofern diese Selbstregulation angesichts von verhärteten Fronten innerhalb des Geschlechterkampfes mit der Pornografie aber den thanatonischen Weg der Auflösung der Gegensatz-Spannung im Chaos wählt, stellt sie eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar, der durch den Versuch zur Eros-motivierten Integration des Geschlechtergegensatzes begegnet werden sollte. Der erste Schritt aus männlich-patriarchaler Perspektive auf diesem Weg wäre, Frauen auf Augenhöhe anzuerkennen und als Menschen wie Du und Ich25 zu verstehen: zu sehen, dass es keinen Geschlechtergegensatz gibt, dass Frauen genauso wie Männer der Angst als Grundbefindlich- 25 Gott ist – wie es sinngemäß in dem Film before sunrise hieß – zwischen uns: In einer Beziehung ist die Wahrheit immer in der Mitte auf Augenhöhe. Man, d.h. einer von den Zweien des Paares, überschreitet sie mal in die eine, mal in die andere Richtung durch wechselseitige Schuldzuweisungen, Projektionen, in unausta- Pornografie als Subversion des Patriarchats 15 keit ausgesetzt sind, dass sie genauso wie Männer zu einem potentiell unendlichen Begehren fähig sind, dass sie sich genauso in einem angstgeleiteten Narzissmus verstricken, der die schlechte Unendlichkeit dieses Begehrens und seiner Projektion aufruft und dass sie sich aber – genauso wie wir Männer – nach einem Ankommen, nach einer Transformation der Angst in Lust auf Grundlage von Vertrauen sehnen, ja, das auch sie wie die Männer von einer Sexualität träumen, die in der Liebe zweier Menschen zurückgebunden bleibt. Die mediale Repräsentanz von Sexualität im Porno ist darüber hinaus irreführend: Sie eröffnet dem Betrachter einen quasi kontemplativen Blick auf Sexualität, der Zeit und Raum vergisst, unendlich wiederholbar ist. Sie verstellt den Blick auf die Wirklichkeit von Sexualität als ein Geschehen, dass sich seine Ewigkeit von der Zeit ertrotzen muss, das ein zeitliches Geschehen ist mit Einstimmung, Vorspiel, verschiedenen Akten und einem Höhepunkt, das sich bestenfalls zur Ewigkeit hin öffnet – aber von vorneherein die Dimension der Endlichkeit in sich trägt, die Endlichkeit des Triebes, der Lustspannung und der eigenen Geschöpflichkeit, vor deren Horizont sie zu einem seelischen Geschehen wird, zu einem tragischen Aufbegehren gegen die Zeit, das einzig in Liebe aufgehoben werden kann. Dieses im Kern seelische Geschehen wird durch das Irreale des Porno verstellt, der eine scheinbare Zeitlosigkeit vorgaukelt (die vordergründig angesichts der gefakten Potenz seiner Hauptdarsteller unsere Angst vertieft und uns in unserem Narzissmus herausfordert), wo Zeit doch gerade die Hintergrundfolie ist, vor der sich Sexualität in der ganzen Tragik ihres Aufbegehrens gegen die Geschöpflichkeit und Endlichkeit abspielt – und menschlich, allzumenschlich komisch scheitern kann. Und Porno ist überall: zwei Klicks entfernt von den Nachrichten in der ARD Mediathek wie von der Fußballzusammenfassung, die sich rierten Gefühlen und Ängsten. Sie ist aber immer wieder die Grenze und der Berührungspunkt, an dem man sich immer wieder treffen sollte, soll es bei einem fruchtbaren Miteinander bleiben. Sie betrifft alles wie z.B. auch das Konfliktpotential, die Probleme, die Weisheit, usw. der Zweien eines Paares: jede Seite hat daran einen Anteil von 50%. Wird dieses fundamentale Gesetz der Beziehung aufgegeben, ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt. Gerät es hinter den Turbulenzen der Dynamik der Paarkonflikte aus dem Blick, liegt dem eine Selbstüberschätzung und Hybris von einem/ einer oder von beiden gegenüber dem jeweils Anderen zugrunde. Pornografie als Subversion des Patriarchats 16 unsere Kinder anschauen, unterm Ladentisch auf jedem Basar im Nahen Osten, im Gemeinschaftscomputer eines Dorfes in der afrikanischen Savanne, zu dem sich nachts, wenn alle schlafen, die pubertierenden Jugendlichen Zugang verschaffen und von der großen weiten Welt träumen, die zeitgleich damit, was ihnen bestenfalls aber erst Jahre später klar wird, ihre Weite verliert, usw.. In jedem Kopf und zu den unmöglichsten Zeiten ploppen seine Bilder vor dem geistigen Auge auf: zermürbend, Unfrieden stiftend, zerstörerisch. Die Pornografie prägt, ob wir wollen oder nicht, unsere Sexualität. Sie drückt aber nur aus, wohin uns unsere Angst und ihre Projektionen angesichts des Zerbrechens des Patriarchats, dem Frei-Werden der Frau und der Eskalation des Geschlechterkampfes – ihn mit seiner Bildern verstärkend – führt: zu einem Missverstehen des Sexuellen selbst, zu einer Befangenheit im Sexualtrieb und zu einer Veräußerlichung seiner Praxis. Aus der Vereinigung, dem Spiel und der unio zweier Seelen wird – wir hatten es schon benannt und wiederholen es nur wegen seiner Prägnanz – ein Körper-Massaker ohne Ankommen. Die Bilder des Porno verstärken als Symptom der Zeitenwende die Angst vor dem scheinbar unendlichen Begehren des Gegengeschlechts und unseres diesbezüglichen Ungenügens zu seiner/ ihrer sexuellen Befriedigung. Sie schüren die eingebildete, potentielle Konkurrenz um Frauen unter Männern und um Männer unter Frauen, die zusätzlich zu einer Radikalisierung der Parteien des Geschlechterkampfes im Werben umeinander führt, was wiederum die Angst voreinander verstärkt. (Mädchen, die sich nicht halbnackt auf der Straße präsentieren, droht das Verschwinden in der Unsichtbarkeit angesichts des Aussehens ihrer Geschlechtsgenossinnen. Jungen, die sich nicht aufführen, als wären sie der potenzprotzende Rapper von Nebenan, ergeht es genauso.) Sie führen zu einem Zufluchtnehmen der angstdurchschütterten, hoffnungslos vereinzelten Existenz im Narzissmus, dem es in der Sexualität nicht um ein Miteinander, um Begegnung, Öffnung und Selbstüberschreitung, sondern um die bloße Selbstbestätigung als guter Liebhaber/ gute Liebhaberin geht. Sie sind es, die uns der Veräußerlichung, d.h. der einseitigen Hochschätzung des Körpers und dem Verdrängen des Seelischen, überantworten: Sie sind wie eine Zentrifuge, die uns von uns selbst als Seelisch-organische Wesen, von unserer selbst zu entdeckenden, eigenen Sexualität, unserer Empfindsamkeit und Zärtlichkeit, unserer Spielfreude und Pornografie als Subversion des Patriarchats 17 unserem Humor, unserer eigenen Erregung und dem, was wir selbst spezifisch erregend finden (erregend finden gerade in seiner Feinsinnigkeit und Zartheit, was bestenfalls auf eine nicht abgestumpfte Sensitivität stößt), entfremdet. Die Angst sucht sich vor Gefahren zu wappnen – und nimmt uns gerade das, was sie in ihrer Not zur Verwandlung in Lust braucht: unsere Empfänglichkeit, Offenheit, gesamtkörperlich polymorph-perverse Reiz- und Erregbarkeit, ohne die kein Zusammen erlebt werden kann, aus dem dann angstlösendes Vertrauen erwächst, das dann wiederum die Transformation von Angst in Lust erlaubt. Pornografie ist nur für den selbstentfremdeten Betrachter geil – für die Hauptdarsteller ist sie harte, freudlose Arbeit. Die Erektion des Mannes ist interessanterweise eine Folge von Entspanntheit angesichts sexueller Erregung, so wie letztere vice versa zum Feuchtwerden der Frau führt. Entspannung als Ausgangspunkt erfüllter Sexualität setzt also Vertrauen bzw. Angstlosigkeit voraus, die nicht willentlich herstellbar, sondern ein Geschenk der Liebe und des Selbstvergessens ist, das sich der in sich selbst befangene Narzisst qua seines Narzissmusses gerade verbaut. Die Angst führt zur Identifikation mit sich selbst, wo es eigentlich um die Überwindung der Grenzen des Ich geht. Die Angst vor dem Nicht-als-der-Grössteoder-die Schönste-befunden-Werdens führt zu einem endlosen Regress des Bedürfnisses nach Selbstbestätigung, die nie bekommt, was sie sucht, weil sie in quantitativen statt qualitativen Kriterien denkt, weil sie einem nur wirklich geschenkt werden kann, wenn man sich überantwortet und vergisst – und dann neu zurückempfängt. Angst erzeugt Aggressivität, die sich an ihrem Gegenüber wie an einem Objekt abreagiert – führt aber zu einem Körpermassaker im Bett statt zur Erlösung in der Lust, wenn sie sich – befangen in sich selbst, ängstlich um ihre Performance im Bett besorgt – nicht von sich selbst lösen, sich vergessen kann. Die Tiefe der Lust ist analog zur Tiefe der Angst, aus der sie erlöst, kann aber nur dann eintreten, wenn sich beide Seiten über das Sich-Angenommen-Fühlen in actu von der Angst lösen, ihre Aggression in spielerische, eher potentielle Aggression verwandeln, anstatt sich in ihr zu verlieren – und sich selbst im Sex vergessen. Selbstvergessenheit gelingt nur auf Grundlage von personalem Angenommensein, insofern wir uns nicht loslassen können, wenn wir im Zweifel des argwöhnischen Blicks unseres Selbstbeobachters stehen. Loslassen kann umgekehrt nur gelingen, wenn wir uns im Fall der Fälle durch unser Gegenüber aufgefangen wissen. Pornos bzw. Pornografie als Subversion des Patriarchats 18 wahlloses Suchen nach fuckbuddies sind also so gesehen nur fake news: Narzisstinnen und Egoshooter müssen sich von dem Glück, dem sie selbst im Weg stehen, immer wieder aufs Neue überzeugen und müssen sich in ihrem hilflosen Kampf um Selbstbestätigung ihres falschen Narzissmusses in immer neue, vermeintliche Abenteuer stürzen, deren Gehalt wie gewonnen so zerronnen einem „Almosen“ „gleicht“, „das dem Bettler zugeworfen, sein Leben heute fristet, um seine Qual auf Morgen zu verlängern“ (Schopenhauer26). Sexualität droht – heutzutage und zunehmend – missverstanden zu werden: Sie ist eben kein Körper-Massaker ohne Ankommen, als das sie sich in der Pornografie darstellt, sondern eine Möglichkeit, Angst in Vertrauen und Lust zu verwandeln, was die Negativspirale der Angst in Vereinzelung und (Selbst-) Entfremdung in die Positivspirale der Solidarität und Gemeinschaftsbildung umkehrt. Sexualität ist ein seelisches Geschehen (genauso wie Schwierigkeiten in der Sexualität immer seelische Ursachen im Zwischeneinander haben): die Suche des Organismus nach Heilung in der Ganzheit von Männlichem und Weiblichem, deren Vorwegnahme und Antizipation als eines Ausstehenden im Orgasmus erlebt wird. Sexualität wird oft einseitig unter dem Aspekt der Selbstüberschreitung, Transpersonalität und Ekstase im Orgasmus (und nicht als Selbstüberschreitung von Personen) verstanden. Vergessen wird dabei, dass sowohl die Frau, die zum Orgasmus in sich aufgehend über sich hinaus geht, und der Mann, der aus sich herausgehend über sich hinausgeht, auf ein Angenommen- und Geliebtsein als Person und damit beide auf wechselseitiges Vertrauen und Liebe angewiesen sind. Das Angenommen-Werden als Personen ist es, was Sexualität als seelisches (und nicht nur körperliches) Geschehen und eine Selbst-Überschreitung (und nicht nur eine körperliche Kontraktion) im Orgasmus überhaupt erst möglich macht. (Die von Euphorie und Nervenkitzel begleitete Verwegenheit des wild boy bzw. des wild child, sich sexuell bzw. erotisch auf neues und unbekanntes Terrain vorzuwagen, von einem plötzlichen Anflug von Begnadetheit und Selbsttrunkenheit entbunden, baut auf dem Selbstvergessen und dem freien Fließen der Intuition auf. Seine/ ihre Verwegenheit wird dabei durch die sie implizit vorwegnehmende, als Explizierte 26 Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Toman (Hrsg.), Köln 1997, S. 295. Pornografie als Subversion des Patriarchats 19 suchende, wegbereitende, von vorneherein schon entgegengebrachte, wahrhaftige (d.h. aus dem Bedürfnis nach Ergänzung zur Ganzheit und damit zur Erfüllung und Erlösung sich speisende) und nicht nur gefakte Sehnsucht nacheinander ermöglicht, die Vertrauen einflößt, das ihn/ sie auf seiner/ ihrer Gratwanderung zwischen Angst und Lust frei zu wandeln erlaubt.) Die Stimulans zum Orgasmus im seelischen Sinne besteht nicht in einer mechanischen, körperlichen Reibung zweier Sexualorgane, sondern dem langsam reifenden oder plötzlich keimenden Bewusstsein auf Grundlage eines innigen und intimen Gefühls des Miteinanders, als der, als der man sich fühlt, verstanden und geliebt zu werden. Sexualität, die durch Liebe die ihr gebührende (nicht moralische, sondern emotionale) Heiligung27 erfährt und in Liebe gebettet ist wie ein Kind in der Seligkeit süßer, inuteronäer Träume, schenkt einen Moment von Ewigkeit, der den Liebenden als Vorgefühl ihrer künftigen Integration und Ganzheit (vgl. Jung: Quaternität28) als Stern über den Tälern und Höhen ihres Alltags den Weg weist und strahlt.29 Die Pornografie hat ihren Sinn gehabt: sie hat dem Patriarchat endgültig den Rest gegeben. Nun allerdings sind wir in einer Phase des Geschlechterkampfes, in der jede weitere Eskalation uns dem Abgrund näher bringt, vor den uns unsere Angst und unser Nicht-Verstehen ge- 27 Vgl. den Mythos des Hieros Gamos, der Heiligen Hochzeit (Wehr: Heilige Hochzeit. Symbol und Erfahrung menschlicher Reifung, München 1986). 28 Mit dem Begriff Quaternität bezeichnet Jung die Kommunikation zwischen Mann und Frau in der Liebe, in der vier Instanzen miteinander in Kontakt gehen: Das männliche Selbstbewusstsein, das weibliche Unbewusste des Mannes (Anima) und das weibliche Selbstbewusstsein sowie das männliche Unbewusste der Frau (Animus) (vgl. Stein: C.G. Jungs Landkarte der Seele. Eine Einführung, Düsseldorf 2000, S. 174f.). Sie stellt – neben der Mutter-Kind-Beziehung und der Vater-Kind-Beziehung – die Urform aller Resonanz-Beziehungen dar, deren Erleben Rosa in Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (Berlin 2016) als Quelle von Glück beschreibt. 29 Der Don-Juanismus unserer Tage, der Zuflucht nimmt in der Flucht nach Vorne und Quantität mit Qualität verwechselt, müsste von einer Kains-Suche abgelöst werden, der es um die Suche nach einem neuen Zuhause geht, dessen wir angesichts dessen, dass uns der Klimawandel alle zu Migranten im eigenen Land macht (vgl. oben Latour: Das terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 14), dringend bedürfen – nach einem neuen Zuhause in der Ganzheit seiner selbst, des Miteianders der Paar-Beziehung und des Ökosystems Erde. (Vgl. Hesses Demian, wo er die Figur des alttestamentarischen, biblischen Kains für unsere Zeit anverwandelt). Pornografie als Subversion des Patriarchats 20 bracht hat. Heute gilt es, dass postpornografische Zeitalter einzuleiten, in dem wir der Gefahr, die mit der Regentschaft von König Sex einhergeht, begegnen, indem wir die Quellen seiner Macht, Angst und Missverstehen, als Impulse zu ihrer Überwindung durch Solidarität und Liebe anverwandeln. Das von den Hippies visionierte „Age of Aquarius“ steht noch aus: es wird nicht in einem wilden Kopulieren aller mit allen bestehen (wie von konservativer Seite ängstlich befürchtet), sondern in einer Sammlung und Konzentration auf den/ die Geliebte/n, mit dem zusammen wir im Sinne der Quaternität Jungs in einen Integrations-Prozess eintreten, der uns sowohl als Individuen unsere Ganzheit und damit die Stille und Freude des Spiels in uns und als auch als Paar zwischen uns entdecken lässt, in dem wir die dritte der drei Stufen der Verwandlung Nietzsches30 erreichen: das Stadium des Kindes, des aus sich selbst rollenden Rades, mit dem sich das verlorene Paradies der Kindheit – nur eben nicht unbewusst, wie als Kind, sondern bei voller Selbstbewusstheit – öffnet. Die Selbstzufriedenheit in tiefer Bezogenheit auf den Geliebten/ die Geliebte macht uns zu besseren Menschen: Sie eröffnet allererst die Möglichkeit zum Konsumverzicht, an dessen Realisierung wir trotz aller guten Vorsätze aktuell immer wieder scheitern, indem sie alles hat, was uns fehlt – und dessen Mangel wir im blinden Konsum zu ertränken suchen: Angstlosigkeit, Glück im Kleinen des Miteinander, Zufriedenheit ohne Besitz, Stille, Freiheit zum Schaffen und die Faszinationen, Halluzinationen und Freuden der Höhen und Tiefen des Weges zu sich und zueinander und seiner Stationen und Wegmarken im Alltag. 30 Vgl. Nietzsche: Von den drei Verwandlungen – in: Nietzsche: Also sprach Zarathustra – in: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 1, Salzburg 1960, S. 319f.. Pornografie als Subversion des Patriarchats 21 Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus Der aktuelle Befund ist: Trotz der Schreckensnachrichten in den Flimmerkisten unserer Tage schaffen wir es nicht, uns einzuschränken und unser Verhalten an die begrenzten Ressourcen unseres Planeten anzupassen. Die Ursachen haben wir unserer Ansicht nach benannt: Sie entwachsen der besagten Zeitenwende, dem Ende des Zeitalters des Patriarchats bzw. genauer darin, dass wir ihre Dimension weder verstanden noch ihre Auswirkungen unter die Füße bekommen, geschweige denn, in uns selbst in ein Gleichgewicht gefunden hätten. Anstelle einer Synthese von matriachaler und patriarchaler Kultur (dem dritten Zeitalter der Idylle Schillers, das ihm zufolge qua Übersummation bzw. Emergenz in einem spezifischen Sinne dialektisch vom Zeitalter der Naivität der Kindheit ausgehend dem Zeitalter der Sentimentalität in ihrer Doppelung in Matri- und Patriarchat entspringt) entfesselt sich ein Geschlechterkampf, der sich in den Medien unserer Zeit spiegelt. Die Appelle des Kapitalismus an Gier, Neid, Konkurrenzdenken, Besitzstandswahrung und Eifersucht wird potenziert durch eine mangels alternativer Werte und Sehnsüchte ausgelöste Sexualisierung der Seelen, die zu forcierter Selbstentgrenzung und Narzissmus verführt. Bei Männern führt der eingebildete, potentielle Konkurrenzkampf um Frauen, bei Frauen der eingebildete, potentielle Konkurrenzkampf um Männer, zu einer weiteren Radikalisierung des Geschlechterkampfes und der Rücksichtslosigkeit.31 Sex hat etwas Exklusives – und so droht er, das Solidarische im Menschen zu unter- 31 Das Konkurrenzdenken und –Empfinden als Motor des Kapitalismus – wie es durch die Sexualisierung verursacht auch gleichzeitig von ihr unterfeuert wird – löst sich auf, wenn der personale Aspekt von Sexualität in den Vordergrund gestellt wird wie im wechelseitigen Sich-Annehmen und Sich-Verstehen in Liebe. Individualität – wie sie in der Liebe angesprochen wird und in einem liebenden Verhältnis entfaltet werden kann, aber auch darin zurückgebunden bleibt (und damit ge- 23 wandern. Im bürgerkriegsartigen Kampf aller gegen alle herrscht Angst, die in einer Flucht nach vorne in eine mittlerweile freidrehende Beschleunigung32 bei gleichzeitiger Unbewusstheit ihrer Motivation kompensiert wird. Während die Neue Rechte diese Angst für sich zu instrumentalisieren weiß (und als Ausdrucksorgan der Angst aber auch eine wichtige Funktion im Zusammenspiel der (politischen) Kräfte erfüllt), tut sich die Linke angesichts der Verlockungen und Verführungen des Kapitals von Digitalisierung, entgrenzter Mobilität im Flugverkehr und ständig neuer Konsum-Innovationen und wegen ihrer mangelnden Einsicht in die tieferen Beweggründe ihres Verführungspotentials schwer, die Gegenkraft der Angst – die Mobilisierungskraft der Solidarität – stark zu machen. Angesichts des Migrationsdrucks fällt es der Linken schwer, einen gesunden Mittelweg zwischen internationaler Solidarität mit den Opfern des Systems und der Bewahrung des Zusammenhalts der demokratischen Gesellschaften, der Demokratie und des Sozialstaats, zu finden, damit der europäische Gedanke nicht durch rechte Parteien zerstört wird und Europa als Hort von Freiheit, Frieden, Menschenrechten, Meinungs- und Religionsfreiheit, des Meinungsstreits und der Demokratie erhalten bleibt. Dieses Problem der politischen Linken rührt aber nicht aus der Problematik selbst, sondern daraus, dass sie es mit einem Gegner zu tun hat, den sie noch gar nicht identifiziert, geschweige denn verstanden und überwunden hätte: König Sex. „Wo aber Gefahr ist, – sagt Hölderlin in seine berühmten Patmos-Versen– „wächst das Rettende auch“ – und beschreibt damit indirekt, dass dieses Rettende nicht in der Linearität schon gedachter und gespurter Bahnen zu finden ist, sondern sich einem Quantensprung der Emergenz, jenseits und über dem Bestehenden und Gedachten hinaus, es gleichsam wie in einem neuen Paradigsunden Narzissmus vor krankem, unbezogenem Narzissmus bewahrt) – ist ein konkurrenzlos Konkurrierendes um möglichst weitgehende, eigene Authentizität. Die Suche nach seiner/ ihrer jeweiligen Individualität ist als solches ein Antrieb, der Innovationsfähigkeit, die dem Konkurrenzprinzip des Kapitalismus positiv gutgeschrieben wird, einerseits ermöglicht, ihr aber andererseits die Spitze dessen nimmt, was uns in den Abgrund treibt: die Entwicklung von Konsumprodukten, die nur erfunden werden, um uns unsere Schmerzen vergessen zu lassen, die wir mit ihnen aber nicht heilen können. 32 Vgl. Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/ M. 2005. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 24 ma versammelnd und bündelnd, verdankt.33 Die Geburt dieses Paradigmas setzt das Wahrnehmen, Respektieren und Verstehen der Angst nicht nur von sich selbst, sondern auch der des politischen Gegners voraus, das Erspüren und Verstehen des Gemeinsamen der Angst, zu deren Lösung es sich schenkt. Dem Fermi-Paradoxon zufolge müssten wir Menschen – seinem Gedankenexperiment nach – angesichts der Unendlichkeit des Universums und der damit gegebenen, hohen Wahrscheinlichkeit, dass es auf den unzähligen Planeten des Universums genauso wie auf Erden zur Entstehung von intelligentem Leben gekommen ist, längst schon Signale dieses Lebens hier auf Erden empfangen haben. Haben wir aber nicht! Der Konstrukteur dieses Paradoxons entwickelte auf die Frage nach dessen Warum die Schlussfolgerung, dass Spezien, die es schaffen, Selbstbewusstsein und Intelligenz zu generieren und sich damit gegen ihre je eigenen Widersacher in ihrer je eigenen Evolution auf ihren je eigenen Planeten durchzusetzen, mit dem biologischen Antrieb, dem sie ihre Sonderstellung verdanken, auch ihren Untergang verursachen – d.h. an ihrem eigenen Erfolg zugrunde gehen, weil sie es nicht schaffen, das Prinzip des Wachstums und der Expansion angesichts der Begrenztheit auch ihres Planeten aus Einsicht und Verstehen ihrer Entwicklungsdynamik und deren Transformation und Neuausrichtung auf ein neues Ziel, das eben nicht auf Expansion, sondern in Anpassung an die Begrenztheit der Umstände angelegt ist, zu verwandeln. Nur indem die Menschheit ihren Antrieb bzw. die Interpretation und das Verständnis ihres Antriebs kritisch hinterfragt und ihr eine Neu- Interpretation und ein neues Verständnis dieses Antriebs gelingt, der abgestimmt ist auf die Grenzen ihrer Wirklichkeit, in der sie lebt und der sie ihr Leben verdankt, d.h. holistisch ihre Lebensenergie und die Ganzheit, aus der sie entstand und in die sie sich einfügen muss, will sie überleben, bedenkt – nur dann, so lässt sich aus dem Fermi-Para- 33 Vgl. Hühn: Sprung im Übergang. Kierkegaards Kritik an Hegel im Ausgang von der Spätphilosophie Schellings – in: Hennigfeld (Hrsg.): Kierkegaard und Schelling. Freiheit, Angst und Wirklichkeit, Berlin 2003, S. 142. In der alltäglichen Wahrnehmung von Rettendem muss man – um die Dringlichkeit eines tiefgreifenden und buchstäblich alles transformierenden Wandlungsbedarfs nicht aus den Augen zu verlieren – den Satz von Horn korrigierend dagegenhalten: „Das Schöne zeigt sich unmittelbar und individuell, das Falsche liegt im System.“ (Zitat nach Haberkorn: Die Sintflut kommt – in: Zeit Online vom 4.11.2018). Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 25 doxon schlussfolgern – kann den Menschen das bis dato gemäß des Fermi-Paradoxons scheinbar Unmögliche gelingen: Nur dann wird sie nicht an sich selbst zugrunde gehen! Die Lösung liegt im Widerspruch des Fermi-Paradoxons: Spezien, die es geschafft haben, sich selbst zu transzendieren und sich in einer „autotranszendenten Weltbeschreibung“34 einzurichten, haben gar nicht mehr das Bedürfnis, Funksignale ins Weltall zu schicken und sich – werden sie beantwortet – Viren fremder Spezien wie der Menschheit einzufangen. Sie haben ihre Selbstzufriedenheit und Seligkeit entdeckt! Sie sind mit gutem Beispiel vorangegangen! Zum Erreichen dieses Zieles, des Paradieses eines Selbst-, Gesellschafts- und Naturzustandes im Gleichgewicht, müssen wir das Movens unseres Lebens also neu interpretieren: Freuds Auslegung des menschlichen Antriebs aus dem Sexualtrieb war irreführend – und hat doch mit seiner Explikation genau das Problem benannt, das Jung dann zu seiner Re-Interpretation dieses innersten Antriebs als Selbstorganisation, der es über die Auseinanderlegung in Gegensätze um höhere Synthesen und Integrationen geht, inspirierte. Welchen Zustand von Gleichgewicht und Homöostase kennen wir? – Den Zustand des Kindes im Spiel. Worin besteht das Eigentümliche des Spiels? – In dem, was Kant und Schiller zufolge durch die Anverwandlung der Naturenergie im „freien Spiel der Vermögen“, das sie als Innerstes des Seelenlebens verstehen35, erreicht wird: die Selbstzweckhaftigkeit des 34 Nagel: Der Blick von Nirgendwo, Frankfurt/ M. 1992, S. 129f.. Siehe dazu: Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, S. 370ff.. 35 Kant und Schiller zufolge ist das Spiel der Vermögen der Inbegriff des Schöpferischen: Die Naturenergie (Kant: Einbildungskraft/ Schiller: Stofftrieb) wird mithilfe des Verstandes (Kant: Verstand/ Schiller: Formtrieb) in seiner Doppelheit – und hier setzt unsere Deutung ein – von matriarchalem Grenzvermögen und patriarchalem Strukturvermögen zur Gestaltung des „Gestaltlos-Gestaltenden“ (Neumann) der Wirklichkeit anverwandelt. Schiller nennt das Zusammenwirken von Stofftrieb und Formtrieb im Spiel der Vermögen auch den Spieltrieb (vgl. Kant: Kritik der Urteilskraft, Hamburg 1990/ Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Stuttgart 1995). Die Naturenergie kann man mit Schelling als Selbstorganisationskraft bezeichnen (vgl. Schellings Naturphilosophie). Jung fasst die Naturkraft, der es um die Integration zur Ganzheit geht, unter seinem neuen Begriff der Libido, mit dem er sich von Freud, der sie fälschlicherweise als Sexualtrieb interpretiert hatte, abgrenzt, wodurch es zum Bruch ihrer Freundschaft kommt (vgl. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido, 1912) – und das Spiel der Vermögen als Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 26 Spielens36, insofern „Spiel (…) Tätigkeit als Ruhe“37 ist. Schiller fasst die zentrale Rolle dieses Spiels der Vermögen für die Gesundheit des Seelischen in seinem berühmten Satz zusammen: „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.38 Die Interpretation des innersten Antriebs als Sexualtrieb entspringt einer Selbstentfremdung bzw. einer Entfremdung von unserer Natur, die in ihrem Selbstmissverständnis als Geist das Andere des Geistes abspaltet und als etwas, das damit auf Integration drängt, erschafft: den Sexualtrieb, der sich – wie wir in der Menschheitsgeschichte und sichtbarer unter der Regentschaft des Königs Sex der letzten zweihundert Jahre bis heute sehen – rücksichtslos und egoistisch einzig um seine Befriedigung schert. Tiefer noch und ursprünglicher als der Sexualtrieb, der als falsche Antwort auf die Angst entstand, wie sie im erwachenden Selbstbewusstsein der Menschen aufbrach, ist der Spieltrieb, aus dem die Menschheit hervorging, der ihren Urzustand – unser verlorenes Paradies vor allem Selbstbewusstsein – und das Spiel noch unserer selbst als Kinder und der heutigen Kinder regiert. (Der Spieltrieb gründet in der Seligkeit des Mutterbauchstadiums; der Sexualtrieb in einem Missverstehen des Spieltriebs aus unserer Angst heraus, die das Passieren der Ausgangspforte in die Welt bei der Geburt bzw. beim Austritt aus der Unbewusstheit der Kindheit ins Selbstbewusstsein des Erwachsenen mit sich bringt und doch die Eingangspforte in die Welt darstellt. Die Integration un- „transzendente Funktion“ (Jung: Die transzendente Funktion – in Jung: Gesammelte Werke, Bd. 8, Düsseldorf 1995). Neumann nennt die Selbstorganisationskraft „Zentroversionstendenz“ und das Spiel der Vermögen „Zentroversion“ (vgl. Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Düsseldorf 2004). Alle diese Theoretiker der Ästhetischen Moderne, die wegen ihrer zentralen Bezugnahme auf dieses Spiel der Vermögen als solche zu verstehen sind, fassen das Spiel der Vermögen als zentrales Phänomen des Seelischen auf. Als solches ist es aber auch als leibliches Phänomen verstehbar, das im Zuge der Trennung von Geist und Körper verdrängt wird und – findet der Mensch zurück ins bewusste Spiel der Vermögen – Körper und Geist wieder synthetisiert und den Körper (lat.: corpus – Leichnam) zum Leib zurückverwandelt. 36 Kant: Kritik der Urteilskraft, Hamburg 1990, S. 66. 37 Dörflinger: Zur Erkenntnisbedeutung des Ästhetischen. Schopenhauers Beziehung zu Kant – in: Schopenhauer-Jahrbuch Bd. 71, Malter/ Seelig/ Ingenkamp (Hrsg.), Frankfurt/ M. 1990, S. 76. 38 Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Stuttgart 1995, S. 63. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 27 serer Angst im Spiel schenkt uns das Ankommen auf Erden, die damit zum Paradies wird.) Die Menschheit muss sich ihrer Angst stellen, anstatt vor ihr in einer Flucht in Konsum, Narzissmus und Sexsucht wegzulaufen, muss als je einzelnes Individuum sich ihres Kontroll- und Herrschaftswahns begeben, d.h. „sterben“, um die beglückende Erfahrung des Aufgefangen-Werdens und der Wiedergeburt zu machen. Sie muss lernen, dass das Innerste unseres Antriebs nicht Sex ist, sondern das Spiel, zu dem Sex und auch alle anderen Verrichtungen des Lebens wie Arbeit usw. werden, wenn wir sie spielerisch vollziehen, d.h. nur so tun, als ob wir sie ernst nähmen, als ob wir uns mit unserem Sexualtrieb identifizierten, ihn aber innerlich frei von der Nötigung zu seinem Vollzug in der Sexualität genießen und uns seinen Spielarten überlassen können – uns treiben lassen können, wohin das Spiel uns treibt. Das Spiel eröffnet die Freiheit von der vermeintlichen Determination durch unseren uns fremdbestimmenden Sexualtrieb, indem sie ihn aufnimmt und in die Freiheit zum Spiel verwandelt. Der Bewusstseinswandel – seit dem New Age der Hippies viel beschworen und angesichts der berühmten Grenzen des Wachstums (Meadows) in seiner Notwendigkeit eingesehen – besteht nicht darin, unser Verhalten zu ändern, sondern darin, die Gründe für unser Fehlverhalten und damit uns selbst zu verstehen und damit die klaffende Wunde unseres Selbstmissverständnisses – unserer Sexualisierung und des Wahnsinns der falsch verstandenen Sexualität – auszuheilen. Dann – und nur dann –, wenn ein tieferes Verstehen verinnerlicht ist und das Selbstmissverstehen aufhebt, dann werden die „guten Werke ganz von selbst aus ihm“, dem (neuen) Glauben, „hervorgehen, als Symptome, als Früchte desselben“ (Luther39) – dann wissen wir, was zu tun ist, dann können unsere aus unserem Selbstmissverständnis heraus thanatonischen sexuellen Energien in Eros-geleitete Energien der Liebe und Solidarität sich verwandeln. Denn: Wenn jeder seine Krankheit kurriert und gesundet und im Gleichgewicht ist, muss die Politik sich nicht mit der Kontrolle und der Schlichtung des Streits (Missverstehen, Konflikten, Gewalt und Krieg) herumschlagen, der aus der der Krankheit von Zahllosen Einzelnen erwächst und die politische Agenda un- 39 Zitat nach Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Toman (Hrsg.), Köln 1997, S. 590f.. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 28 serer Tage (in Form durchgeknallter Diktatoren wie Trump, den vermeintlich starken Männern wie Putin oder Erdogan, dem Fundamentalismus evangelikaler oder islamischer Prägung, dem Nahost-Konflikt, dem Wahnsinn des Konkurrenzprinzips als Grundlage unseres neoliberalen Wirtschaftssystems, der seine Quellgründe eben auch in der Entgrenzung des sexuellen Paradigmas und seines exkludierenden Charakters hat) ganz und gar in Anspruch nimmt. Sie könnte sich – so der Traum – auf die wesentlichen Aufgaben zur Senkung unserer Giftemissionen, die sich vor diesem Hintergrund als Ausfluss unserer eigenen Vergiftetheit entpuppen, und auf die Transformation der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung unter fürsorglicher Sorge um die Ängste und Destabilisierungen der Systeme und Ordnungen im Zuge ihrer Transformation konzentrieren, dass es allen und auch denen, denen das Nötigste zum Leben fehlt, hilft. Das Internet ist wie alle technischen Errungenschaften Gift und Heilmittel40 zugleich: Unter seine giftigen Auswirkungen wie Beschleunigung, Idiotie der Selbstreferenz von Internetforen, Stress, Zuviel an Informationen bei mangelnder Bildung zu ihrer Verarbeitung, Potenzierung von Verunsicherung und Angst, viraler Ausbreitung von Vorurteilen und Panik, Gefahr für die demokratischen Meinungsbildung, Beeinflussbarkeit und Verführbarkeit, Zentralorgan des König Sex zur Verbreitung von Pornografie, usw. leiden wir alle. Symptomatische Quelle von Schwierigkeiten unserer Zeit ist, dass wir das Internet „noch nicht unter die Füße bekommen haben“, dass wir das Gift erst verdauen müssen, um seine Funktion als Heilmittel uns zu erschlie- ßen. Heilmittelfunktion kann es erhalten und erhält es schon, wo es qua Vernetzung zu einem Ort der globalen Bewusstseins-Bildung wird: Die Chance von computergestützter Informationsverarbeitung liegt in ihrer Möglichkeit zum Holismus qua Simulation natürlicher Systeme, durch die unterstützt zuletzt hoffentlich auch uns ein Licht aufgeht.41 40 Derrida entschlüsselt in Platons Pharmazie (in: Derrida: Dissemination, Wien 1995) die janusköpfige Doppelbedeutung des griechischen Wortes pharmakon als Gift und Heilmittel. 41 Dazu siehe einschränkend unten die Auseinandersetzung mit Sloterdijks Anthropozän-Aufsatzes. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 29 Das Problem hat unsere Werte und Normen infiziert bzw. affiziert, die, weit davon entfernt, noch eine bindende Kraft zu haben und Gemeinschaft zu stiften42, im Zuge der Zeitenwende und des Endes des Zeitalters des Patriarchats, der Entwertung aller (patriarchalen) Werte (Nietzsche), entweder sexualisiert sind, d.h. als hohle Attrappen noch dastehen, aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Bord geworfen zu werden drohen, oder unverhohlen der Regentschaft des Königs Sex untergeordnet werden, ohne dass das sexuelle Paradigma aus sich selbst gemeinschaftsstiftende Werte und Normen generieren könnte: Entgrenzung, Maximierung und unverhohlener Machterhalt ohne Sinn und Rechtfertigung in der Sache sind die Gebote der Stunde im Seelenhaushalt des Individuums wie in Wirtschaft und Politik. Trotz aller Sonntagsreden von den patriarchalen Kanzeln der Öffentlichkeit wird implizit und meist unbewusst an der aus dem sexuellen Paradigma erwachsenden Exklusion (insofern der Reiz des Sexuellen gerade darin besteht, dass diese Frau/ dieser Mann sich mir exklusiv hingibt) von Menschen und Gesellschaftsgruppen gearbeitet. Mangels eines umfassenden Verstehens unserer Situation als Menschen auf Erden und innerhalb der Dynamik der Menschheits- bzw. Kulturgeschichte sind und bleiben wir unfähig, uns in den Ganzheitszusammenhang der Natur einzufügen noch die Widersprüche unserer inneren Natur zu lösen. Die intellektuelle Situation unserer Zeit krankt erstens daran, dass das Wissen des Mythos aus matriarchalen Vorzeiten nicht ernstgenommen wird, in dem alle wesentlichen Anhaltspunkte zu einem holistischen Verstehen des Menschen innerhalb des Ökosystems Erde schon vorweggenommen sind und deren Ignoranz uns im Zuge der Patriarchalisierung überhaupt erst in die scheinbar aussichtslose Situation gebracht haben, vor der wir jetzt stehen. Zweitens fehlt ihr damit zur Selbsttransparenz innerhalb des Zusammenhangs des Bestehenden der Blick dafür, was es in neuen Synthesen wesentlich zu synthetisieren gilt: nämlich die Dualität von Matriarchat und Patriarchat, von Weiblichem und Männlichem, die gerade deshalb, weil sie unverstanden ist, im heutigen Geschlechterkampf eskaliert. Mit der Synthese von Matriarchat und Patriarchat würden wir unsere eigene Ganzheit, die von 42 (…) und die Faszien unserer Gesellschaftssysteme in ihrer stabilisierenden Funktion lebendig zu halten (…). Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 30 Zeus aus Strafe für die menschliche Hybris in zwei Geschlechter gespaltene Menschheit, wiederentdecken. Sie würde uns aus unserer hybriden Stellung gegenüber der Natur befreien und uns selbst wieder als Teil alles Lebendigen fühlen lassen. Wo es untergründig um die Integration von Matriarchat und Patriarchat geht, erleben wir vordergründig wie blinde Agenten einer unverstandenen, unkontrollierbaren Dynamik den Geschlechterkampf. Wir vergessen wie die Gender Philosophie, dass ein vermeintlicher, traditionell geglaubter Unterschied zwischen Mann und Frau nicht wegrationalisiert werden kann, sondern solange bestehen bleibt, bis er als Unterschied benannt, in seiner Ursächlichkeit und seinen Auswirkungen verstanden und aus diesem Verstehen heraus überwunden werden kann. Zwischen Mann und Frau gibt es keinen essentiellen Unterschied – aber dies ist nach dreitausend Jahren patriarchaler Prägung unter Ausblendung und Verdrängung der Vorgeschichte des Matriarchats eine äußerst voraussetzungsreiche Einsicht, die sich nicht wie in der Gender Philosophie einfach nur verordnen lässt, sondern die vor allem in den Eingeweiden gefühlt werden muss. Die Voraussetzung dazu ist nicht, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern ausgelöscht wird (denn damit würde auch das sexuelle Verlangen selbst als Quelle von Lust verloren gehen), sondern das ein Standpunkt gefunden wird, wo er sich sowohl als Quelle von Lust erhält als auch aufgehoben ist: Im Als-Ob der Freiheit des Spiels, in der die Auseinanderlegung der (vermeintlichen) Gegensätze von Mann und Frau und ihre Höhepunkt-Synthese spielerisch und eben nicht als angstgeleitetes, narzisstisches Körper-Massaker entfaltet werden kann. Der Mystiker Meister Eckhardt schrieb sinngemäß, dass die Engel, haben wir unseren Frieden nicht gemacht und Angst vor dem Tod, zu Dämonen werden, die uns das Leben entreißen wollen, sich aber wiederum, wenn wir unseren Frieden machen, zu Engeln wandeln, um uns vom irdischen Dasein zu befreien. Dieses Sinnbild beschreibt schön, was passiert, wenn Mann und Frau ihre Angst als Quelle von Projektionen ihres eigenen Begehrens auf den jeweils anderen überwinden: Die Frau ist solange angsteinflößende Projektionsfläche des männlichen Begehrens, wie wir sie in ihrem wahren Wesen verkennen. Die Männer klammern sich in ihrer Angst vor der unersättlichen, weiblichen Sexualität an das patriarchale Wunschbild der keuschen Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 31 Frau (die sie in ihren Qualitäten als Liebhaber dann zu mehr verführen), die das in Wahrheit gar nicht will, deren Wunsch nach sexuellem Glück ihrem Bindungswunsch untergeordnet ist. Die Realität in der Selbsterfahrung mit Frauen und im Porno fällt dann erschreckend anders aus, was dem Mann dann wiederum Angst macht und ihn in einem ewigen Kampf von vermeintlichem Gutem und vermeintlich Bösem in ihm verstrickt. In dem Moment aber, wo der Mann der Frau zugesteht, dass sie wie in seinen schlimmsten Schreckensvisionen sexuell maßlos begierig, freizügig und enthemmt sein kann, d.h. sich seiner schlimmsten Angst stellt, anstatt vor ihr davon zu laufen, wandeln sich die Schattenwölfe der Angst und lösen sich auf, wird ihm klar, dass die Frau zwar das Potential zu maßlosem Begehren in sich trägt, dass dieses Potential auch in ihrer Selbstentfremdung geweckt werden kann, dass dies aber nicht ihrer innersten Sehnsucht entspricht, der es um eine liebevolle Bezogenheit und eine in Liebe gebettete Sexualität geht. In diesem Moment werden die Dämonen, die der Mann des Patriarchats in die Frau projiziert hat und die ihn bedrohen, zu Engeln, die ihn aus seiner Not befreien. (Dasselbe Phänomen gibt es auch umgekehrt betreffs der Angst und der Projektion eigenen Begehrens bei der Frau auf den Mann, die sich in dem Moment auflöst, wo sich die Frau keine Illusionen über die Sexualität ihres Mannes mehr macht und damit den Blick auf seine innerste Sehnsucht nach Liebe frei bekommt.) Die Wandlung der Angst in die Freude der Erlösung von der Angst und ihrem Frieden ist die Folge des Expositions-Trainings, in dem man sich seiner Angst stellt, anstatt sie in der Flucht vor der Angst immer schlimmer zu machen. Dieses Kippmoment in der wechselseitigen Wahrnehmung der Geschlechter ist die Voraussetzung, dass die Resonanzkatastrophe des aktuellen Geschlechterkampfes aus dem wechselseitigen Missverstehen sich in ein befriedendes und befreiendes, wechselseitiges Verstehen wandelt, in dem wir uns wechselseitig als Menschen auf Augenhöhe mit denselben Abgründen und Sehnsüchten wahrnehmen – und d.h. wesentlich in unserer Sehnsucht nach Liebe und Sehnsucht nach einer Sexualität verstehen, die in Liebe eingebettet ist und bleibt und sich in ihrer Freiheit aus der Liebe entfaltet. Dieses von Meister Eckhardt beschriebene Kippmoment gilt auch für unsere (von ihm in seinen Worten anvisierte) Angst vor dem Tod, der zur Befreiung und Erlösung wird, wenn wir uns unserer Angst vor ihm Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 32 noch im Leben stellen, wenn wir schon im Leben die Erfahrung machen, dass wir in unserem aus der Angst vor dem Tod geborenen Narzissmus sterben müssen, um die beglückende Erfahrung zu machen, dass wir wiedergeboren werden, dass die Natur nicht böse Krankheit und Tod will, sondern unsere Gesundheit und Lebendigkeit, dass es im Zentrum des Rades von Tod und Wiedergeburt eine Seligkeit gibt, die es in seiner Mitte hält, dass es unter dem Angsteinflößenden eine Seligkeit gibt, die uns trägt.43 Der Selbstorganisation gemäß sind die Spezien des Ökosystems zum Wachstum verdammt, werden andererseits aber durch das sichselbst-regulierende, autopoietische Ökosystem der irdischen Natur an dessen begrenzte Ressourcen zurückgebunden. Die Natur kennt mit der Verknappung von Entwicklungs-Ressourcen eine Möglichkeit, übergreifende Populationen einer Spezies zu dezimieren und ihr (relatives) ökologisches Gleichgewicht wieder herzustellen. So gesehen sind die Krisen-Symptome unserer Zeit nur der natürliche Lauf der Dinge. Die kulturelle Evolution der Spezies Mensch ermöglichte es ihr, Techniken zu entwickeln, deren selbstherrlich angewendete Macht zur Manipulation natürlicher Zusammenhänge so gravierend ist, dass sie dementsprechend massive Reaktionen im Zuge der Selbstregulation der Natur provoziert. Der Klimawandel ist ein signifikantes, uns alle zu- 43 Dementsprechend ist auch Horkheimer/ Adornos Dialektik der Aufklärung zu verstehen, dem vielleicht „schwärzeste Buch der Menschheitsgeschichte“: Horkheimer/ Adorno erklären, warum ausgerechnet das Zeitalter der Aufklärung das Schlimmste der Menschheitsgeschichte, den Faschismus, hervorgebracht hat, aus der Nicht-Integration des Wissen des (matriarchalen) Mythos und seiner Verdrängung im (patriarchalen) Logos aus der Wiederkehr des Verdrängten in monströser Gestalt. Das „schwärzeste Buch der Menschheitsgeschichte“ enthält so – ganz nach Meister Eckhardt – den Keim zur Erlösung als Folge der Integration des Verdrängten. Sie beschreiben mit der Selbstaufklärung der Aufklärung eine Aufgabe, die aktuell immer noch aussteht, auch wenn sie sich etwas gewandelt hat: Das Zeitalter der Regentschaft von König Sex seit 18. Hundert ist nur die letzte Phase des Integrationsprozesses von Matriarchismus (Mythos) und Patriarchismus (Logos), in der der Gegensatz zwischen Männlichem und Weiblichem im Geschlechterkampf eskaliert. Die Alternative ist heute – zur Zeit des 400. Jahrtages des Beginns des 30 jährigen Krieges, an den aktuell mit einigen Buchveröffentlichungen in Deutschland erinnert wird – ein Bürgerkrieg aller gegen alle oder die finale Integration und Synthese eines neuen Selbstverständnisses, mit dem auch die Probleme des Klimawandels und all der anderen Symptome unserer Krankheit sich von sich aus lösen würden bzw. von sich aus sich Wege zu ihrer Lösung finden ließen. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 33 tiefst erschreckendes Beispiel für eine Natur, die ihr durch die Menschheit gestörtes Gleichgewicht wieder neu herzustellen sucht, auf dem Weg dorthin durch ihre Chaotisierung als Quelle einer neuen Synthese und eines neuen Gleichgewichts aber die Überlebens-Möglichkeiten der Menschheit gefährdet. In Frage steht nicht das Überleben der Natur, sondern der Erhalt der irdischen, natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit. Das fortgesetzte Verdrängen der Probleme wird die Opferzahl – die die natürlichen Korrekturen im Zuge der Selbstregulation der irdischen Natur mit sich bringen werden – weiter steigern. Krisen sind Anzeichen für Fehlentwicklungen und der Aufruf zur Korrektur ihrer Ursachen. Die Infragestellung geltender Werte, die durch sie ausgelöst wird, muss jedoch tief genug reichen, um die Wurzel des Problems zu erfassen. Andernfalls droht die durch eine Krise geforderte Integration ihrer Ursachen und daraus folgende Transformation des Systems zu einer bloßen Symptom-Behandlung zu verkommen. Sie vertagt die Sorgen um die Krankheit auf Morgen, führt mit ihrer Ignoranz gegenüber den Warnhinweisen der Natur, sich mit dem Problem auseinander zu setzen, aber zu deren dann umso katastrophaleren, d.h. plötzlichen und das System tiefer erschütternden Reaktion. Jedes verdrängte Problem erhöht die Summe des vom System Ausgeschlossenen und damit dessen Kraft und Wucht, sich gegen das System zur Geltung zu bringen. Das Ökosystem der Erde erträgt viel; wir Menschen aber sind es, die an der Heftigkeit seiner Methoden, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, scheitern können. Der Klimawandel ist ein Versuch der Natur, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, gibt uns aber auch ein Beispiel für das Ungleichgewicht unserer eigenen, inneren Natur, die durch unser Selbstmissverständnis als angstgeleitete Sexsüchtige ins Ungleichgewicht gekommen ist – und er gibt uns einen Anhaltspunkt, wie wir die Problematik des Klimawandels lösen: Indem wir unser eigenes inneres Ungleichgewicht wieder ins Gleichgewicht bringen bzw. – genauer – unsere Fehlgeleitetheit und unser Selbstmissverstehen überwinden und unsere innere Natur wieder ins Gleichgewicht bringen lassen – der Natur durch unsere Überantwor- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 34 tung an sie die Chance geben, ihre Arbeit, die ihr das Vergnügen eines Spiels ist, machen zu lassen.44 Die Bodenlosigkeit, von der eingangs mit Latour die Rede war, wie das Gefühl von Hilflosigkeit, Angst und Panik, die uns droht zu befallen, sind Symptome der Zeitenwende vom Patriarchat in eine uns unbekannte Zukunft, die – weil es kaum positive Visionen zu ihrer Ausgestaltung gibt – bedrohliche Konturen bekommt. Dass es kaum glaubhafte positive Visionen gibt, liegt daran, dass man zur Lösung des Problems und zur Versorgung der Wunde erstmal die Ursachen verstehen muss. Hieran haben wir uns hier versucht: die Zeitenwende und die mit ihr einhergehende Inthronisation des König Sex haben uns nicht nur alle in heillose Verwirrung und Kopflosigkeit gestürzt, sondern drohen uns – solange sie nicht als Gefahr erkannt sind – in den Abgrund eines finalen Bürgerkrieges, eines Kampfes aller gegen alle, zu stürzen. Die Sexualisierung von Gesellschaft und Individuum – so die steile These dieses Aufsatzes – ist es, was die Temperaturen im Treibhaus Erde steigen lässt. Sie ist es, was es uns so schwer macht, beherzt zu handeln. Sie ist der Motor für Konkurrenz, Neid, Eifersucht, Aggression, Gewalt, Habgier und des Kampfes um Anerkennung und Identität.45 Sie steht hinter Prestige- und Machtstreben, in denen es um eine Akkumulation von Sicherheiten gegen Angst geht, d.h. um 44 Die Quintessenz der von Meister Eckhardt beschriebene Erfahrung können wir auch von Genesenen einer seelischen Krankheit lernen: Indem wir uns fallen lassen, uns aufgeben, machen wir die tief heilende Erfahrung, dass wir aufgefangen werden, dass etwas in uns sich belebt, das neue Lebens-Möglichkeiten eröffnet. 45 Der Narzissmus als Krankheit unserer Zeit (vgl. Rebentisch: Der „an einem zu idealen Bild seiner selbst erkrankte Narziss ist die für die Gegenwart paradigmatische mythologische Gestalt.“ – in: Hegels Missverständnis der ästhetischen Freiheit – in: Menke/ Rebentisch (Hrsg.): Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Berlin 2010, S. 173) entsteht als Fluchtform vor der Angst, die durch die Sexualisierung der Gesellschaft und des Individuums sich radikalisiert. Für den Narzissten kann auf seiner Flucht in seine unheilvolle Zukunft Sex zur Selbstbestätigung seines brüchigen Selbstwertes hinter seinen Zielen der Selbstperfektionierung zurücktreten, die ihn zu immer forcierteren Selbstüberbietungen zum unmöglichen Abschütteln der Konkurrenz treibt. Das Spiel der Vermögen befreit nicht aus der Arbeit der Individuation bzw. aus der Arbeit am Miteinander als der Herauslösung aus allen Konkurrenzzusammenhängen, in die wir Postmodernen verstrickt sind, sondern verwandelt diese Arbeit in eine Spielerische, indem es das, was zu erarbeiten und zu entfalten in uns gelegt ist, in der Potentialität eines Immer-schon-Gegenwärtigen fühlbar macht, so dass wir es zwar entfalten können, Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 35 ihre potentielle Auflösung in Lust. Sie ist der Motor des Kapitalismus, der uns – zumal mit seiner Potenzierung im Finanzkapitalismus – immer weiter in die Katastrophe führt. Der zum Spiel- bzw. Integrationstrieb verwandelte Sexualtrieb, d.h. der Trieb nach immer höheren Synthesebildungen, ist die Kraft, die wir bisher nur als Sexualtrieb missverstanden und missempfunden haben und die in allem wirkt und alles am Leben erhält – und die auserkoren ist, den Kampf gegen die Angst, der wir als Menschen existentiell ausgesetzt sind, insofern sie uns allererst zu Menschen macht und als solche am Beginn der Selbstbewusstseinsgeschichte der Menschheit steht, zu kämpfen. Die historische Situation der Menschheit angesichts der drohenden Zerstörung des Ökosystems als ihrer Lebensgrundlage und der sich verdeutlichenden Zeichen der durch sie selbst verursachten Katastrophe des Klimawandels – der natürlich nicht ein für allemal, aber schleichend existentielle, alles umwälzende Wandlungen nach sich ziehen wird, von denen unklar ist, ob sie die Menschheit als Menschheit überlebt –, lässt unserer Ansicht nach nur die Option, das Ökosystem, d.h. die Umwelt, die Mitwelt und unsere innere Natur, ganzheitlich im Sinne des Holismus in allem, was wir denken, fühlen und tun, miteinzubeziehen. Das Problem des Holismus schien bis dato zu sein, dass seine Selbst- und Wirklichkeitsinterpretation nicht mit dem radikalen Pluralismus der postmodernen Philosophie zusammengeht, die the state oft the art auch aktueller Debatten noch ist und dessen Messlatte zu unterschreiten für jede gutgemeinte Theorie bedeutet, das Kind mit dem Bade auszuschütten, d.h. qua Ökodiktatur das aufzugeben, was eine Öko-Paradigma gerade retten soll, nämlich den Erhalt der Grundlagen der Freiheit des Menschen. Die Spielphilosophie als Theorie der ästhetischen Moderne erlaubt es unserer Ansicht nach (in ihrem hier beschriebenen, unseres Wissens aber noch nicht ausreichend entfalteten Potential) jedoch, den Holismus mit der Pluralität als sine qua none der Postmoderne zusammenzuschließen, insofern das Spiel der Vermögen aus der einen Quelle der Ganzheit einerseits neue Ganzheiaber frei davon werden, dies zwanghaft zu müssen. (Hierzu: Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche (Berlin 2008, S. 62ff.)/ Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017, XI)). Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 36 ten zeugt, andererseits aber vollkommen individuell, d.h. im Sinne einer vertikalen Pluralität, die Schaffung pluraler Selbst- und Wirklichkeitsbeschreibungen erlaubt, die sich nur in dem einen Punkt gleichen, dass sie alle im Spiel der Vermögen oder seiner Selbstentfremdungsformen generiert wurden und damit aber auch potentiell übereinander abbildbar sind, d.h. gleichzeitig dem Grundgedanken des Holismus verbunden bleiben.46 Das Paradigma der Spielphilosophie scheint uns so besehen die einzige Option für die Menschheit, sich einerseits denkend, fühlend und handelnd in die Ganzheit des Ökosystems als ihrer Lebensgrundlage einzufügen (und damit auf den letzten Metern angesichts der drohenden Klimakatastrophe noch die Kurve in das Zusammenstimmen mit dem Ökosystem zu bekommen), ohne den Inbegriff ihres Menschseins – die Freiheit des Individuums und die Gleichrangigkeit und Pluralität seiner Schöpfungen – zu verraten. Dieser Anspruch der Spielphilosophie ist nicht nur die Grundlage der Gedanken dieses Aufsatzes, der aber eher ex negativo, d.h. abgeleitet aus den der Zeit unterstellten Krankheiten, versuchte davon zu überzeugen, dass Sexualität erst im Kontext der Liebe in voller Form zu sich selbst finden kann. Dieser Gedanke soll nun auch wie in einer Art Probe aufs Exempel dazu angewendet werden, die „Wahrheit des Sex“47 zu kristallieren, um sie gegen den Wahnsinn der Sexualisierung unserer Zeit ins Feld zu führen. Wir wagen uns damit an den heikels- 46 Wegen der philosophischen Bedeutsamkeit, den dieser Gedanken meiner Ansicht nach im Sinne einer Chance zur Auflösung eines ungelösten Widerspruchs zwischen zwei zentralen Paradigmata (dem Holismus der Naturphilosophie und dem Pluralismus der Postmoderne) unserer Zeit hat, verweise ich hier eigens auf meine Schrift: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, XII.3, Baden-Baden 2017, S. 446ff.. 47 Der Begriff der „Wahrheit des Sex“ meint genauer die historische Wahrheit des Sexuellen, d.h. die seiner Zeit und menschheitsgeschichtlichen Situation gerecht werdende Ausgestaltung des Sexuellen. Der Begriff ist in keinem Sinne normativ gemeint, sondern soll nur Perspektiven eröffnen. Die Sexualität des Menschen sollte, wenn sie überhaupt irgendwas soll, möglichst frei sein und die jeweiligen Bedürfnisse der Menschen ausdrücken, damit sie über diesen Ausdruck tiefer sich selbst verstehen lernen. Auch eine Sexualität, die nicht der „Wahrheit des Sex“ ihrer Zeit entspricht, ist „wahr“ und stellt für einzelne Individuen den Weg ihrer Individuation und ihrer Suche nach ihrer Ganzheit dar – ist im spezifisch historischen Sinne der Wahrheit des Sexuellen aber eben nur nicht geeignet, Perspektiven für den Mainstream der Zeit zu entwickeln, die im besten Fall zu sexueller Freude und Glück und damit zur Gesundheit der Freiheit von aller Selbstentfremdung und De- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 37 ten und heißesten Punkt menschlicher Existenz und damit diskursiv auch an ein Unternehmen, das geradezu dazu prädestiniert zu sein scheint, im Kreuzfeuer der Kritiken unterzugehen. Ausgangspunkt dazu ist Foucault als Zentralgestalt der postmodernen Philosophie und ihres Pluralismus im Namen der Freiheiten, der wie kein anderer nachgewiesen hat, wie sehr unsere Sexualität historischen Dispositiven und Diskursen verhaftet ist, aus denen wir uns nach Möglichkeit im Sinne der Realisierung unserer Freiheit und deren Glück individuell zu befreien hätten. Foucault ruft dazu auf, die Monarchie des Königs Sex durch eine Anarchie individueller Sexpraktiken und deren eigener Historizität, d.h. Wandlungs-Möglichkeiten im Laufe des Lebens, zu ersetzen und allen Versuchen der Essentialisierung zu widerstehen. Im Speziellen weist Foucault auch die Emanzipations- und Befreiungsbewegung des Sexuellen, die von Psychologen wie Gross oder Reich inspiriert in den 68 igern ihren Höhepunkt hatten, zurück, da sie in dem Versuch, Sexualität aus der Herrschaft des Patriarchats zu befreien und bspw. wie im Falle Gross auf Formen matriarchaler Sexualität zurückgehen, die sie als „frei“ hypostasieren, selbst wiederum „im modernen Sexualitätsdispositiv und damit auch in dessen essentialistischer Logik gefangen“ bleiben. Hofmann schreibt zu Gross Befreiungsideologie in einer Fachzeitschrift für Soziologie48 weiter: „Um den freudschen Kulturpessimismus zu überwinden und eine optimistisch-revolutionäre Kulturtheorie zu entwickeln, um also die Idee der unauflöslichen Gefangenheit des Menschen in der symbolischen Ordnung der Kultur zu überwinden, ist er gezwungen, sich auf etwas Unmittelbares, Natürliches und Ursprüngliches zu beziehen. So kippt seine sexualrevolutionäre Theorie, statt eine Offenheit für Neues zu entfalten, mit ihrem Rückbezug auf die mutterrechtliche Urzeit und auf „natürliche“ Prinzipien ins Reaktionäre und Normierende. (…) In Gross’ Theorie deutet termination führen. Zielpunkt unserer Rede von der „Wahrheit des Sex“ ist gerade, in ein Zeitalter einzutreten, in dem es keine Wahrheit des Sexuellen wie Heutzutage mehr gibt, in dem wir die bis heute herrschende Determination durch König Sex hin zu einer Freiheit des Spiels überwunden haben, in dem alles möglich ist und alles Variationen des Spiels des Miteinanders sind, die nur die eine „Wahrheit“ noch gemeinsam haben, nämlich dass sie frei von aller vorher noch maßgeblichen Determination sind und frei für alle Spielarten des Sexuellen sind. 48 Quelle: Internet: http://soziologie.ch/sozmag/sozmag-10/das-versprechen-einergluckseligkeit.html. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 38 sich bereits die Dialektik der „Sexuellen Revolution“ an, wie wir sie heute als „Nach-68er“ zu realisieren beginnen: Die Befreiung von Normen führt zu neuen Normen. Folgt man Foucault, so ginge es in der Überwindung des „sexuellen Elends“ gerade nicht darum, sich positiv auf eine zu befreiende „natürliche“ Sexualität zu beziehen, sondern den „König Sex“ vom Thron zu stoßen und die „Monarchie des Sexes“ zu beenden. Nur so könnten, jenseits des modernen Sexualitätsdispositivs, in dem wir gefangen sind, „andere Formen von Lüsten, Beziehungen, Koexistenzen, Bindungen, Lieben und Intensitäten“, nicht wiederentdeckt, aber hergestellt werden (Foucault49).“ Der Fehler der Emanzipations- und Antirepressionstheorie von Gross liegt im Rückbezug auf das Matriarchat, dass unter diesem Aspekt sehr wohl eine Form der Herrschaft ist (womit man dann eine Herrschaftsform gegen eine andere tauschte) und dass aber eben gerade nicht die Ur-Form menschlichen Selbstbewusstseins, sondern eine der zwei Formen der Selbstentfremdung der Menschheit im Zeitalter der Sentimentalität darstellt. Sie gilt es jedoch gerade zu einer neuen Synthese auf einer höheren Ebene der Selbstbewusstheit zu vereinen, die wiederum sich zurückbeziehen müsste auf die wahrhafte Ur-Form, nämlich das Spielbewusstsein des spielenden Kindes – aus dem wir, anders als Gross und andere Befreier der Sexualität, versuchen wollen, die „Wahrheit des Sex“ zu destillieren. Der Grundgedanke der postmodernen Philosophie Foucaults wie auch der Gender-Philosophie, die eine Dekonstruktion tradierter Inhalte und Formen wie des Sexualitätsdispositivs für möglich erachtet und mit Hilfe dieser Dekonstruktion glaubt, wie aus dem Nichts neue Inhalte und Formen des Lebens entwickeln zu können, steht in eklatantem Widerspruch nicht nur zu allen Formen der Philosophie des Organischen wie bspw. der Naturphilosophie Schillers und Schellings und der an sie anschließenden Philosophie der (in Abgrenzung zu Kant entwickelten Tradition der vernunftkritischen) ästhetischen Moderne Kierkegaards, Schopenhauers, Nietzsches, Heideggers, Jungs, Neumanns, Horkheimer/ Adornos und Böhme/ Böhmes, sondern auch im Widerspruch zum „gesunden Menschenverstand“: Wenn ich 49 Foucault: Nein zum König Sex. Interview (1977) – in: Foucault: Short cuts, Frankfurt/ M. 2001, S. 81–114. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 39 etwas verändern will, muss ich die Dynamik des Bestehenden aufnehmen, mich an die Spitze der Bewegung setzen und sie in eine sinnvollere Richtung umleiten, indem ich auf tieferliegende Momente ihrer selbst rekurriere und sie ihr neu ins Verständnis rufe. Das Spielbewusstsein des Frühmenschen, das aus dem Spiel der Vermögen geboren noch kein Selbstbewusstsein war, in sich aber die Vorform menschlichen Selbstbewusstseins bildete, indem es die Wirklichkeit nur spiegelte, ist unserer Ansicht nach nicht nur die Grundlage des verlorenen Paradieses der hermaphroditischen Kindheit der Kultur, sondern auch der Anknüpfungspunkt zu ihrer Erneuerung, die nach zig-tausend Jahren matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins im Zeitalter der Sentimentalität angesichts der aktuellen Bedrohungslage überfällig erscheint. Die „Wahrheit der Sexes“ wäre demnach eine Sexualität aus dem Spiel der Vermögen in je beiden Individuen und im Spiel des Miteinander ihrer sexuellen Interaktion. Das Spiel der Vermögen knüpft an die Seligkeit des Mutterbauchstadiums an, die sich über die Geburt bzw. die Selbstbewusst-Werdung der Menschen, die ja eine Isolation von ihrer Um- und Mitwelt mit sich bringt, in Angst wandelt, von ebendieser Angst überdeckt wird, die die Flucht nach vorne in das Herrschaftsdenken gegenüber Natur und den es begleitenden Machbarkeitswahns auf der Suche nach dem verlorenen Paradies motiviert, das einzig auf dem Weg einer Um- und Einkehr wiederzuentdecken wäre. Die „Wahrheit der Sexes“ aus und im Spiel der Vermögen wäre also eine, die aus reinem Selbstzweck und aus reiner Freude an der Sache vollzogen würde, in der es an nichts mangelt. Zentraler Unterschied zum Spiel der Vermögen der selbstbewusstseinslosen Frühmenschen wäre, dass sich dieses Spiel als Synthese eines vormalig Separierten (von Mann und Frau bzw. von matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein) bei voller Selbstbewusstheit vollzöge, um nicht den Entwicklungsstand der Menschheit im Rückbezug auf den Hermaphroditismus der Kindheit der Kultur zu unterschreiten und die im Hier und Jetzt existierenden Momente ihrer Geschichte aufzunehmen. Die Frage ist nun, was uns Heutige von dieser Sexualität im Spiel der Vermögen am Anfang der Menschheitsgeschichte trennt? Hier sind vorrangig drei Momente zu nennen: (1) Die Trennung von Körper und Geist und ihrer wechselseitigen Zurichtung und Instrumentalisierung für die Zwecke des jeweils anderen Aspekts Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 40 der Dualität, der gemäß wir uns erleben, die unsere polymorph-perverse Ansprechbarkeit zerstört und die für die Frühmenschen ohne Selbstbewusstsein noch nicht existierte. (2) Die Angst, die es für den Frühmenschen ohne Selbstbewusstsein nicht gab und die uns daran hindert, uns ganz dem Anderen hinzugeben (Hingabefähigkeit). (3) Die Schmerzen und Wunden der Geschichte unserer Individuation, die die Frühmenschen mangels Selbstbewusstsein noch nicht fähig waren zu erleiden und die unsere Freude an uns und unser Vermögen zur Freude über die Freude des Anderen trüben (Genussfähigkeit). Diese drei Qualitäten schenkt das Spiel der Vermögen, insofern es die Vermögen ins Spiel bringt und damit die Trennung von Körper und Geist, die sich ihrer Separierung verdanken, aufhebt; insofern es die Angst in der Freude des Spiels und in der Vitalisierung durch das Spiel aufhebt; insofern es mit dem Öffnen des Selbstverstehens auch ein Öffnen des Verstehen des Anderen ermöglicht, in dem die Schmerzen und Wunden heilen. Offen ist nun noch die Frage, wie wir im Feld des Sexuellen als Partner jeweils in dieses Spiel der Vermögen finden und wie wir es als Spiel des Miteinander entwickeln können? Hier vor diesem Hintergrund zeigt sich offenkundig, dass die „Wahrheit des Sexes“ als Spiel der Vermögen nicht im Körpermassaker des Porno, sondern eher auf der Grundlage von wechselseitiger Liebe als seelischem Geschehen zwischen zwei Menschen zu suchen ist: So zeigt sich einerseits, dass beide Partner nach Möglichkeit jeweils in ihr innerseelisches Spiel der Vermögen finden sollten, um miteinander möglichst voll ins Spiel des Miteinander zu finden (Autonomie als Voraussetzung funktionierender Paarbeziehung). Andererseits zeigt sich, dass sie diese Autonomie nur in einer möglichst tiefen Bezogenheit aufeinander entfalten können (Bezogenheit als Voraussetzung funktionierender Paarbeziehung). Die Entwicklung von polymorph-perverser Ansprechbarkeit, Hingabefähigkeit und Genussfähigkeit im Spiel der Vermögen setzt zusammengefasst also zwei jeweils möglichst autonome Menschen voraus, die als Drittes ihres Miteinanders ihre Bezogenheit entwickeln, ihre Autonomie und auch ihre Bezogenheit aber nur soweit entfalten können, wie es die Gegenseite ihrerseits jeweils beantworten kann. Die „Wahrheit des Sexes“ ist als seelisches (und eben nicht nur körperliches) Phänomen somit auf die Liebe als Attraktor angewiesen, die sich von sich aus zwischen zwei Menschen einstellt, die in der Tiefe ihrer Auto- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 41 nomie und damit ihrer Erlösungs-Bedürftigkeit und in der Intensität ihrer Bereitschaft zur Bezogenheit aufeinander, die wiederum aus der Tiefe ihrer Erlösungs-Bedürftigkeit quillt, soweit ähneln, dass sie einander die Möglichkeit zur wechselseitigen Resonanz ineinander schenken können. Die Sexualität im Spiel der Vermögen schenkt dann einerseits tiefe Synthesen im Inneren der Beteiligten und tiefe Synthesen im Miteinander, die aus zwei Gründen jedoch nicht den Verlust der Gegensatz-Spannung und damit Lustlosigkeit nach sich ziehen: (1) Im Falle dessen, dass das Paar miteinander so tief ins Spiel des Miteinander findet, dass der Grenzfall der Synthetisierung aller Gegensätze und die Heilung aller Schmerzen und Leiden der Individuation sich vollzieht, hätte dieses Paar die Freiheit von allem Ausagieren seines Schmerzen und damit die Freiheit zur Freude aller Möglichkeiten des Sexuellen erreicht, die in der Geschichte des Sexuellen sich entwickelt haben. Die Sexualität dieses Paars wäre reines Spiel, in dem beide Seiten nur so tun, als ob sie in polare Gegensätze zerfallen, die sich von ihren Schmerzen der Individuation in der unio befreien. Wahrscheinlicher ist jedoch der andere Fall (2), dass beide Seiten des Paares sich zwar momenthaft in der Sexualität im Spiel des Miteinander von den Schmerzen ihrer Individuation befreien können, aber qua Menschenschicksal diese unio nicht auf Dauer stellen können und post actum zurück in ihre Individualität und ihren Individuationsschmerz fallen, der dann wiederum eine Angst- bzw. Lustspannung erzeugt, die sie immer wieder neu die Erlösung im Sex suchen lässt. Dabei gilt: Je tiefer die Täler, die sie miteinander – durch das Band der Bezogenheit und die Liebe verbunden – durchschreiten, umso höher die Höhen, die sich ihnen schenken. Nietzsche erzählt in der Geburt der Tragödie50 den Mythos vom Sterben der Titanen unter dem Schwert des von den Nachfolge-Gottheiten vollstreckten Schicksals (griech. moira als Inbegriff des holistischen Wissens des Mythos), um damit die Leiden der Individuation, die unser Leben sind, und das Glück der Erlösung aus der Individuation, das unser Tod ist, und damit das Menschenschicksal selbst zu veranschaulichen: Aus ihren Tränen angesichts ihrer Sterben-Müssens 50 Nietzsche: Geburt der Tragödie – in: Colli/ Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche KSA I, München 2003, S. 72f.. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 42 unter dem Schwert der Götter, das sie zerstückt, werden die Menschen – aus ihrem Lächeln aber, das sich zeitgleich um ihren Mund abzeichnet, da sie aus ihrer Vereinzelung durch das Sterben unterm Schwert erlöst werden, entstehen die olympischen Götter. Nietzsche identifiziert den Menschen in seiner Leidens- und Glücksfähigkeit mit den Titanen, in deren Schicksal sich das Schicksal des Menschen spiegelt, nämlich qua Individuation von seinem individuellen Schicksal wie durch ein Schwert zu sich hochgemartert zu werden, auf diesem Weg zu sich selbst aber nach und nach von allem Lebendigen qua Individuation abzusterben, um andersherum im Sterben unter dem Schwert von seiner Individuation erlöst und ins Glück des vollen Lebens der unio mit allem Lebendigen zurückgeholt zu werden. Der Mythos zeigt nach Nietzsche die Ambivalenz des Menschenlebens, nämlich dass wir ohne den Schmerz der Individuation nicht nur keine Menschen wären (wie sie aus der Traurigkeit der Titanen und damit wir sinnbildlich aus unserer Traurigkeit entstehen), sondern dass wir ohne sie auch nicht die Freude empfinden könnten, die die Heilung der Individuation in der Vereinigung (die aus dem Lächeln der Titanen Götter zeugt und damit sinnbildlich uns lächelnd zu Göttern macht) schenkt. Das Spiel der Vermögen schenkt aus diesem Menschheitsschicksal bzw. diesem Naturgesetz des Stirb und Werde kein Entkommen – es erlaubt aber, es in seinem spielerischen Vollzug im Spielbewusstsein zugleich bzw. zumal51 zu transzendieren. Das Spiel des Miteinander erlaubt, seine Pole des Stirb und Werde des Sich-Ausdrückens (sein Individuelles gegen den Anderen zur Geltung Bringens) und des Sich-Beeindrucken-Lassens (sich vom Individuellen des Anderen überwältigen Lassens) in seinem spielerischen Vollzug zu erleben, und sie zugleich bzw. zumal in der Synthese der Harmonie und des Gleichgewichts, das sich zwischeneinander zeugt, zu vermitteln. Das Spiel des Miteinander erlaubt, den Gegensatz zwischeneinander und sein Sich-qua-jeweiliger-Individuation-in-der-Zeit-voneinander-Entfernens so tief als möglich zu empfinden, und zugleich bzw. zumal die Liebe als das Band zu entdecken, mit dem zwei Menschen diesen Gegensatz überbrücken; mit dem sie die Vergänglichkeit der Zeit und die Endlichkeit ihres Lebens 51 Vgl. Hühn: Die Wahrheit des Nihilismus. Schopenhauers Theorie der Willensverneinung im Lichte der Kritik Friedrich Nietzsches und Theodor W. Adornos – in: Figal (Hrsg.): Interpretationen der Wahrheit, Tübingen 2002, S. 148. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 43 – für das sie sich verbinden – miteinander transzendieren. Nietzsche zufolge verschmilzt der Mensch im Spiel der Vermögen mit der Zeugungslust des Ureinen, d.h. ahmt spielend das Spiel des Gott-Kindes, des von ihm sogenannten Aion, das die Welt spielend hervorbringt und wieder zerstört, um von Neuem zu beginnen, nach, um am Spielbewusstsein dieses Gottkindes und seiner Schaffens- und Schöpfungslust teilzuhaben.52 Nietzsche – dessen Schicksal es war, nicht mit seiner Großen Liebe Lou-Salomé zusammenzufinden und als Seher des Vergangenen und Gegenwärtigen und als Künder des Kommenden zu vereinsamen – hatte noch kein Bild für das Spiel des Miteinanders, kein Bild für die Dualität von Weiblichem und Männlichem und deren Synthese (die nicht sein Thema war), das sich aber mühelos im Mythenschatz der Menschheit findet: das göttliche Paar des Hieros Gamos, der Heiligen Hochzeit, wie es bspw. im gemeinsamen Schöpfungstanz von Shiva und Parvati, den Gottheiten des indischen Pantheons, ausgedrückt ist, die im Tanz Menschenkinder zeugen, die an Parvatis Bein während des Tanzes hinunterrutschen, um sie dann tanzend unter ihren Füßen zu Tode zu trampeln – und ihnen damit zugleich bzw. zumal das Leben ihrer Individuation zu schenken und sie von der damit einhergehenden Vereinzelung im Tod der unio zu erlösen. Die Schöpferischkeit des Paares besteht sinnbildlich nicht im Kinderzeugen und Großziehen (das geschieht im besten Sinne auch für die Kinder nebenbei), sondern zwischeneinander immer wieder neu eine Harmonie und das Gleichgewicht ihrer jeweiligen Synthesen zu generieren, die zugleich bzw. zumal wieder Vergangenheit ist, d.h. in der Auseinanderlegung ihrer Gegensätzlichkeit sich verliert, unter ihrem Tanz stirbt, um in ihrem Tanz aufs Neue gezeugt zu werden. Das Spiel der Vermögen wie das Spiel des Miteinander entdeckt im spielerischen Vollzug der Naturgesetze und nicht in der angstgeleiteten Flucht vor ihnen in 52 Vgl. Nietzsche: Geburt der Tragödie – in: Colli/ Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche KSA I, München 2003 und Nietzsche: Dionysos Philosophus – in: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd.1, Salzburg 1960 – vgl. dazu: Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche (Berlin 2008, S. 85ff.) und Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, XI (Baden-Baden 2017, S. 120ff.). Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 44 eine unmögliche Zukunft, dessen teilhaftig zu werden, aus dem alles lebt und lebendig bleibt: der Seligkeit des Schöpferischen. Die Bilder des Porno sind – allenthalben im Kontrast zu dem zuletzt Entfalteten – hohle Attrappen äußerlicher Sexualität, die uns ein Beispiel dessen sein können, was wir innerlich seelisch im Spiel des Miteinander mit Leben füllen könnten, würden sie nicht ins Äußere der Veräußerlichung verführen. Sie mit Leben zu füllen könnten wir im Spiel als Anverwandlung von Spielvariationen. Um ins Spiel des Miteinander zu kommen, brauchen wir aber einen inneren seelischen Funken zwischeneinander, der eine Eigendynamik entfacht und uns ins Offene und wohin auch immer treibt. Die Bilder des Porno, entfacht sich dieser Funken und entwickelt sich eine seelische Dynamik des Begehrens zwischen-einander, fallen als leere Attrappen in sich zusammen und lösen sich als Chimären unserer Angst in die Luft auf, die sie sind. Sie sind im wahrsten Sinne des umgangssprachlichen Ausdrucks trotz aller im Porno zu sehenden, nackten Ärsche „arschlos“, weil der Kontakt mit ihnen kein seelischer ist. So ist jede noch so zaghafte Berührung einer noch so verklemmten Frau erotischer und erregender, solange sie auf der Wechselseitigkeit des platonischen Liebesblicks beruht. Der platonische Liebesblick als essentieller Teil des Spiels des Miteinanders lässt einander in seinen Möglichkeiten wahrnehmen, anstatt sich wechselseitig auf die eine Wirklichkeit des Sound-so-Seins zu reduzieren53 – eine Reduktion, die alle Verlebendigung und damit alles wechselseitig sich steigernde Begehren im Keim erstickt. Der platonische Liebesblick macht alle Möglichkeiten beider Liebenden zugleich fühlbar, weil im stillsten Funken zwischeneinander schon der ganze erotische und erregende Reichtum der unendlichen sexuellen Möglichkeiten zwischeneinander angelegt und enthalten ist, der entfaltet werden kann, aber nicht muss, weil er sich auch schon in der Energie- und Bedeutungsladung dieser verklemmten Berührung von sich aus ausspricht, ihr seine ganze Energie-Qualität schenkt, die man sonst nur entfaltet, die dadurch aber nicht „mehr“ im Sinne der Quantität der äußeren Sexualität des Porno wird. Die Liebe – so können wir nach allem schlussfolgern – ist die Freude, die wir suchen. 53 Vgl. zum platonischen Liebesblick ausführlich: Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche (Berlin 2008, S. 62ff.) Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 45 Auf unseren Ausgangspunkt bei Foucaults zurückkommend, bleibt zu sagen: Seine individuelle Freiheit des Sexuellen, die den Determinationen der Sexdispositive abgerungen werden muss, kann nicht entdeckt werden, indem die Determinationen verdrängt werden (denn dann setzen sie sich im Sinne der Wiederkehr des Verdrängten wiederum durch), sondern nur, indem sie aufgenommen und als solche transzendiert werden54: Liebende Sexualität und sexualisierte Liebe – wie sie sich im Spiel der Vermögen zweier Menschen, die miteinander ins Spiel des Miteinander finden, einstellt – sind neben dem Weg des individuellen Spiels der Vermögen die Chance des Menschen, sein Gewordensein anzunehmen und es zugleich und zumal zu transzendieren und neue Freiheiten zu erschließen. Hier liegt das „Unbekannte“, zu dessen Entdeckung und Verwirklichung Rimbaud aufgerufen hatte.55 Im Spiel der Vermögen und im Spiel des Miteinander gibt es eine Chance auf die individuelle Freiheit echter Individuation. Sie kann 54 Vgl. dazu: Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche (Berlin 2008, S. 123ff.) und Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, IV, V, XII (Baden-Baden 2017). 55 Rimbaud schreibt: „Wenn die unendliche Knechtschaft der Frau gebrochen ist, wenn sie für sich lebt und durch sich selbst, wenn der Mann – erbärmlich bis jetzt –, zurückgibt, was ihr gehört, dann wird auch sie Poet sein, auch sie! Die Frau entdeckt das Unbekannte! Werden sich die Welten ihres Denkens von den unseren unterscheiden? – Sie wird seltsame, unergründliche, schwierige, wunderbare Dinge entdecken, und wir werden das erfassen, werden es verstehen“ (Rimbaud: Sämtliche Werke, Keck (Hrsg.), Frankfurt/ M. 1992, Brief, S. 398). Das Zentrale Neue wird sich nach Rimbaud, der dies ca. 1870 niederschrieb, daraus ergeben, dass die Frau ihre weibliche Perspektive auf die Wirklichkeit gegen die männliche Unterdrückung zur Geltung bringt. Ich glaube aber nicht, dieses Zitat überzustrapazieren und es als das Nicht-Gesagte und damit Evozierte dieses Gedichts in ihm finden zu können, wenn meiner Ansicht nach die Errungenschaft, die er prophezeit und wesentlich erhofft, im wechselseitigen Verstehen auf Augenhöhe liegt, was aber – und dies ist durch nichts zu ersetzen – nur über die Entfaltung der Perspektive der Frau durch die Frau erreichbar sein wird. Flaßpöhlers Idee, dass die Frau ihre Potenz entdecken und verstehen sollte, ist in diesem Zusammenhang zentral: Nicht nur, um die verdrängte andere Hälfte der Wahrheit unserer Wirklichkeit bewusst zu machen und damit ins bewusste Spiel zu bringen, sondern auch, um ihre Macht, die sie hat und unterschwellig auch schon im Patriarchat hatte, bewusst und damit kontrolliert in Szene zu setzen, um auf diese Art den ansonsten eskalierenden Geschlechterkampf ins Spiel des Miteinanders zu verwandeln. Beide Geschlechter „wissen nicht, was sie tun“ – und beide Geschlechter sollten lernen, aus ihrem Unverstehen und Sich-Missverstehen für ein fruchtbareres Miteinander zu Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 46 sich nur in der Bezogenheit auf ihr Sterben als notwendiges Moment des Schöpfungsprozesses (im Nichts des Gestaltlosen als Moment des „Gestaltlos-Gestaltenden“ des Schöpferischen56 im Spiel der Vermögen) oder in der Bezogenheit auf ihr Sterben im Gegenüber der Paar- Beziehung (im Spiel des Miteinander als dieser Schöpfungsprozess von neuem Miteinander) entwickeln – und sie macht auch nur als solcherart bezogene Individuation Sinn. Individuelle Freiheit aus den Quellen der Bezogenheit ist aber die Voraussetzung für eine Pluralität von Selbst- und Wirklichkeitsinterpretationen vieler Individuen, deren Möglichkeit Foucault offenhalten will, die ihren Namen verdient (und uns nicht nur zu Sklaven einer Fremdbestimmung qua Selbstmissverstehen macht). Pluralität, die ihren Namen verdient, erhöht wiederum die Überlebenschancen der Spezies Mensch qua Diversifikation. Individuelle Freiheit der Individuation ist aber – wie wir gesehen haben – nicht etwa durch veräußerlichte, möglichst entgrenzte Sexualität zu haben, sondern nur im Rahmen einer „bezogenen Individuation“ (Stierlin57), d.h. im Miteinander von Zweien, die sich wechselseitig den Resonanzraum zu ihrer jeweiligen sexuellen und vor allem grundlegend seelischen Entfaltung und Verwirklichung schenken. Die Spielphilosophie – so glauben wir – löst Foucaults wunderschönen Traum ein. Novalis hat die Richtung vorgegeben: „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“.58 Angesichts der Grenzen des Wachstums, vor die uns das Ökosystem mit dem Klimawandel und dem Verlust unserer Heimat stellt, geht es darum, die Flucht der Menschheit vor der Angst, die der Preis für das Selbstbewusstsein der Menschen war, zu beenden – und die lange Geschichte der Flucht und der auf ihr erlittenen und geschlagenen Wunden und Traumata aufzuarbeiten. Der Reichtum ist nicht mehr im Außen zu finden: sein Glücksversprechen hat sich durch das Feuer, das zu seiner Einlösung zwischeneinander und in den erwachen. (Vgl. Flaßpöhler: Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018). 56 Neumann: Die Psyche als Ort der Gestaltung, Drei Eranos-Vorträge, Frankfurt/ M. 1992, S. 122. 57 Vgl. Stierlin: Individuation und Familie. Studien zur Theorie und therapeutischen Praxis, Frankfurt/ M. 1994. 58 Novalis: Blüthenstaub-Fragmente – in: Mähl/ Samuel (Hrsg.): Werke, Tagebücher und Briefe, Bd. 2, Darmstadt 1978, S. 233. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 47 Motoren und Öfen entfacht wurde und das das Ökosystem in die Überhitzung treibt, nicht nur in Luft, sondern in einen alles vernebelnden Rauch aufgelöst. Nur Innen, in der Einkehr und Zuwendung zu dem, was war, warum es war und wie es uns in unserem aktuellen So- Sein erklärt, ist Reichtum, ist Friede und Stille zu finden. Phylogenetisch wie ontogenetisch: So wie die Menschheit ihr Ankommen auf ihrem Planeten nur auf dem Weg ins eigene Innere finden kann, so ist dies auch für jedes Individuum. Seine Wahrheit und seinen Weg und finalen Frieden in sich selbst findet es nur, wo es sich seiner Herkunft, seiner Familiengeschichte, seinen Mehrgenerationenproblemen, d.h. dem Rucksack an Problemen, Mustern und Komplexen, die es von den Eltern ererbt hat, stellt. Wo es erkennt, inwiefern es ein Produkt der Liebe oder der Selbstentfremdung seiner Eltern ist, wie selbst hinter der Selbstentfremdung noch die Liebe am Werke war, die die Eltern zueinander getrieben hat, inwiefern es also Produkt ihrer Liebe ist und dazu auserkoren, ihr wechselseitiges Missverstehen, ihre Disharmonie, ja die Polarität und Disperarität zwischen ihnen, die sich in ihm momenthaft zur Zeugung eingeschmolzen hat, in sich selbst zur Integration zu bringen, d.h. das Verstehen ihrer Unterschiedlichkeit, das Verstehen ihrer Liebe zwischeneinander und damit das Verstehen von sich selbst, der es ihre Sehnsucht nach Erlösung verkörpert, zu verwirklichen. Sexualität ist ein körperlicher Akt, der seelisch verstanden, der seelisch in Liebe eingebettet sein, der seelisch liebend verstehend als Seelisches integriert werden will. Die „Wahrheit der Sexes“ läge darin, dass sich zwei Menschen miteinander paaren, die sich im Akt möglichst weitreichend jeweils selbst verstehen, den anderen verstehen und im Bewusstsein ihrer Unter- und Gegensätzlichkeit wie aus weiter Ferne zueinander liebend in die tiefste Nähe finden. Die Liebe als Attraktor speist sich aus der Möglichkeit der Resonanz ineinander: Zwei verlorene Kinder können sich wechselseitig zur Heimat werden, die sie lange entbehrten, weil ihr jeweiliger Schmerz im Anderen und dessen Schmerz wiederklingt, auf Resonanz stößt, nicht verkapselt bleiben muss und zu Problemen zwischeneinander führt, insofern er nach oben zur Lösung drängend auf Desinteresse stößt, sondern wieder- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 48 klingt und im Wiederklingen verstanden werden kann und heilt.59 Kinder sind der Versuch der Natur, zur Integration ihrer Auseinanderlegung in den Geschlechtergegensatz zu finden – ein Versuch, der rein körperlich gelingt, seelisch aber nicht nachvollzogen wird und damit sein Unverstandenes auf die Kinder überträgt, die es dann zu ihrer eigenen Erschwernis und als eigene Bürde und Schicksal auszutragen haben, anstatt frei und unbeschwert die Freude ihres Kindseins zu leben. Die „Wahrheit der Sexes“ würde keine Altlasten und Bürden übertragen, insofern beide Seiten des Paares sich jeweils im Anderen verstehen und ihre Schmerzen in diesem Verstehen und Angenommensein ausheilen können: sie löst die Schmerzen, die zu heilen die Liebe sie zueinander geführt hat – und d.h. auch, sie verwandelt nicht nur die Liebenden zu Kindern, sondern zeugt auch Kinder, die dies sein und bleiben können: sie erfüllt den uralten Traum der Menschheit vom Paradies.60 Sie macht uns zu Wesen, die nicht rast- und haltlos aus sich über sich hinaus drängen und dabei Um- und Mitwelt neue 59 Jungs Begriff der Quaternität – wie ich ihn weiter oben verwendet habe – erschließt sich am Treffensten mit Rosas Begriff der Resonanz: Die Selbst-Ganz- Werdung können wir als soziale Wesen nur in der Quaternität durch das wechselseitige Wiederklingen ineinander, das die Möglichkeit zum Verstehen dessen gibt, was da wiederklingt, erreichen. Die Selbst-Ganz-Werdung bzw. unserer Ganzwerdung als Paar durch Liebe löst nicht nur unsere eigenen Probleme, sondern hilft auch anderen Menschen, mit denen wir liebend verbunden sind. Die Selbst-Ganz- Werdung befreit uns von unseren Schmerzen und Problemen, womit wir nachträglich auch die Last unserer Probleme von den Schultern unserer Kinder nehmen, die wir ihnen, solange wir sie nicht lösen, ihnen unwillentlich aufbürden. Mit der Ganz-Werdung als Paar lösen wir nicht nur unsere eigene Schwierigkeiten und Probleme im Zwischenmenschlichen, sondern auch die unserer Eltern, da wir miteinander ihren jeweiligen Auftrag an die Partner des Paares, d.h. die von ihnen übertragene Bürde, aufheben, was wiederum fruchtbar auf die Eltern selbst zurückwirkt. Beide Formen der Ganz-Werdung schließlich tuen das, was nach Nietzsche das Einzige ist, was Menschen Positives an Hilfe für andere geben können: sie geben ein „Beispiel“ – ein Beispiel, das zur Selbsthilfe inspiriert (vgl. Nietzsche: Schopenhauer als Erzieher – in: Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen – in: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden Bd.2, 1960, S. 83). 60 Vgl. Jung/ Kerenyi: Einführung in das Wesen der Mythologie. Der Mythos vom göttlichen Kind und Eleusinische Mysterien, Zürich 1999, S. 107, wo sie den Mythos des hermaphroditischen, göttlichen Kind als „Anfangs- und Endwesen“ in Erinnerung rufen, das den paradiesischen Beginn der menschlichen Kulturgeschichte markiert und bis heute auf seine kulturelle Einlösung in einem ausstehenden Zeitalter wartet. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 49 Schmerzen zufügen, sondern die selbstgenügsam in reiner Spielfreude aufgehen. Das Ausheilen der Wunden und der Schmerzen in einer Sexualität, die bewusst zwischen Liebenden, sich Verstehenden und sich Annehmenden vollzogen wird, und damit den Schmerz der Vorfahren und der Familiengeschichte zwischen sich zur Lösung bringt, verwandelt den Planeten, der überall die Mahnmal von Mord und Totschlag trägt wie verdrängte Erinnerungen längst vergangener Greuel- und Verzweiflungstaten, in einen Ort der Aussöhnung, der Erlösung und des Friedens. Sexualität wird als ein Körpergeschehen missverstanden, zu dem uns unser vom Geist entfremdete Körper treibt, zu dem der vom Körper entfremdete Geist den Körper einspannt, anstatt es als ein Seelisches Geschehen zu verstehen, in dem die Wunde der Trennung von Körper und Geist heilt. Sexualität, die aus Liebe zwischeneinander entsteht, erinnert die Schmerzen der Verletzungen, die uns aus dem Paradies der Kindheit vertrieben haben, die uns in Körper und Geist geschieden haben, die sich seitdem wechselseitig als Werkzeug zur Erfüllung ihrer aus ihrer Trennung resultierenden Bedürfnisse einspannen – und heilt sie aus, indem sie sie wechselseitig annimmt, versteht und im Verstehen die Trennung von Körper und Geist in der Integrität des Seelischen aufhebt. Die Menschheit ist an dem Punkt ihrer Geschichte, wo sie die Geschichte aufheben muss – oder sehenden Auges untergeht. Sie ist an dem Punkt ihrer Geschichte, wo sie die Auseinanderlegung der Gegensätze in Mann und Frau phylogenetisch als Synthese von Matri- und Patriarchat und ontogenetisch als Synthese von Individuen in einer liebenden Sexualität bzw. einer sexualisierten Liebe aufhebt – nicht um danach in einer unterschiedslosen Langeweile ohne Gegensatz-Spannung dahinzuvegetieren, sondern um die Möglichkeiten, die zwischeneinander sich auseinanderlegen und reizen, wofür die Menschheitsgeschichte unzählige Variationen bietet, spielerisch – als ihrer selbst bewusste Helden-Kinder – zu entfalten. Das Ziel der Geschichte wäre erreicht, wenn der Hippietraum sich erfüllt: wenn so, wie die Hippies damals dachten, das „Age of Aquarius“ nicht nur für einen Sommer, sondern in ewiger Gegenwart sich erfüllte. Hierzu sind noch einige Transformationen des Realen nötig, die Geschichte mit sich bringen: je mehr Menschen sich aber für sich und miteinander als Paar auf den Weg machen, desto eher wird sich das erträumte Paradies ohne unser Zutun unter der Hand einstellen. Das Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 50 Wissen steckt in jeder zweiten Zeile jeden zweiten Buches: wir müssen es nur sehen – und die Widerstände und Ängste, die uns an seiner Verwirklichung hindern, bearbeiten – und verstehen: Sich unseren Ängsten und unseren Widerständen zu stellen heißt für uns, die wir alle mehr oder minder in einen Konkurrenzkampf aller gegen alle verstrickte Narzissten sind, aufhören zu können, die eigene Tatenlosigkeit mit dem Blick auf den tatenlosen Nachbarn zu rechtfertigen. Das Fatale am sexualisierten Begehren, das uns und die Gesellschaft bestimmt, ist, dass es zu dem von Girard entdeckten „mimetischen Begehren“ wird61, durch das das, was ein anderer begehrt, einfach nur aufgrund dessen, dass er es begehrt und uns damit in seiner Wertigkeit bewusst macht, für uns selbst begehrenswert erscheinen lässt. Das mimetische Begehren macht uns zu Marionetten wechselnder, von außen induzierter Begehrlichkeiten und der Jagd zu ihrer Befriedigung und Erfüllung, die uns daran hindern, uns unseren je eigenen Ängsten und Widerständen zu stellen und damit unsere je eigenen Potentiale und Freiheiten zu entdecken. Wir verzichten nicht aufs Fliegen, weil wir keine Lust haben, uns von den Urlaubsgeschichten Anderer ins Bockshorn jagen zu lassen. Wir schützen uns vor unseren negativen, letztlich aus der nicht überwundenen Angst geborenen Gefühlen wie Neid, Eifersucht und Konkurrenz, indem wir mit allen Mitteln versuchen, ihnen zuvor zu kommen, indem wir unser Konto an Erlebnissen und Ereignissen füllen, um den Spieß umzudrehen, d.h. den Anderen vor Neid erblassen zu lassen. Der einzige Ausweg aus diesem ruinösen Konkurrenzkampf ohne Ankommen, der jeden Einzelnen, das friedliche Zusammenleben aller und das Ökosystem aufgrund des damit einhergehenden, sinnlosen Ressourcenverbrauchs zerstört, ist die Konfrontation mit der eigenen Angst: wenn sie sich löst, verwandeln sich die Dämonen, die einem das Leben entreißen wollen, in Engel, die einen vom irdischen Dasein befreien (Meister Eckhardt); wenn sie sich löst, verwandelt sich die Grundeinstellung unserer Existenz vom Haben ins Sein (Fromm62); wenn sie sich löst, entdecken wir allererst unser unverwechselbares Selbstsein und kommen erstmals in diesem Leben auf 61 Vgl. Girard: Das Heilige und die Gewalt, Zürich 1987 und Girard: Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses, Freiburg 1983. 62 Vgl. auch Fromms für unser Thema einschlägiges Werk zum Thema: Die Kunst des Liebens, Frankfurt/ M./ Berlin 1990 und das ihm vorangestellte Zitat von Paracel- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 51 diesem Planeten, von dem uns unsere Angst entfremdet, an; wenn sie sich löst, entdecken wir Eigensinn anstelle von Stumpfsinn, Eigenzeit anstelle von Beschleunigung und unsere eigene Schöpferischkeit anstelle einer Existenz als Weihnachtsbaum, der sich schmückt.63 Dann – und nur dann – wird „am Ende“ – wie der Taugenichts Eichendorffs sagt – „alles alles gut“. sus: „Wer nichts weiß, liebt nichts. Wer nichts tun kann, versteht nichts. Wer nichts versteht, ist nichts wert. Aber wer versteht, der liebt, bemerkt und sieht auch … Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt, desto größer ist die Liebe … Wer meint, alle Früchte würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif, versteht nichts von den Trauben.“ Hierin ist die Hoffnung machende Anlage zur Selbstpotenzierung der Liebe als auf Verstehen basierender Naturkraft und ihre sich daraus ergebende Ansteckungskraft spürbar. 63 Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, XI. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 52 Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) Die westliche Gemeinschaft der Privilegierten dieses Planeten ist tief verunsichert: Angst, Sexualisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, das Zerbrechen alter Wertorientierungen wie des Glaubens an Fortschritt und Wachstum angesichts des Klima- und Ökosystemwandels und einer in Migration, Teilhabewunsch und Anklage aufbegehrenden Weltgesellschaft und eine Ausweg- und Visionenlosigkeit zur Lösung der bedrohlichen Situation für die Menschheit führen zu einer Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung in der westlichen Welt ausgerechnet zu einer Zeit, in der gemeinsames, parteiübergreifendes Handeln das Gebot der Stunde wäre. Macron und Merkel erinnern in Paris an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, um die europäischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu stärken – und erscheinen angesichts eines Trumps, der die Sitten einer solchen Veranstaltung mit Füßen tritt, mit Putin vielsagend ein Lächeln tauscht, während in Polen zeitgleich Hunderttausende der dort herrschenden rechten Regierungspartei mit Neonazis mit ebensovielen, polnischen rot-weissen Fahnen demonstrieren, wie Pappkameraden einer sich verlierenden Wertegemeinschaft auf dünnem Eis, das jederzeit einzubrechen droht. In Amerika reißt eine tiefe Kluft zwischen Trumpanhängern und Anhängern der Demokraten auf, die die Gesellschaft in zwei tief verfeindete und durch keine Gemeinsamkeit mehr gebundene stammesähnliche Gruppen spaltet, durch die Amerika – ehemals mit dem pursuit of happiness der kulturelle Leitstern der Welt – zu zerbrechen droht. Die Errungenschaften der französischen wie der amerikanischen Revolution, die sich – unterfeuert vom Waren- und Konsumrausch des Kapitalismus – gegen das Sowjetimperium durchsetzten und Fukuyama vom Ende der Geschichte träumen ließen, drohen im 53 politischen Kampf rechter und linker Parteien angesichts der heraufziehenden Herausforderungen unterzugehen. Hinter der Identitätspolitik auf rechter wie auf linker Seite steht die Angst, die – qua Sexualisierung aller Gesellschafts- und Lebensformen verstärkt – im Narzissmus Zuflucht sucht, der sich politisch als Linke-Gender-Identitätspolitik und als Rechte-Identitäre-Bewegung äußert. Die Linke-Gender-Politik wie die Rechte-Identitäre-Bewegung verkennen im jeweils anderen das wahre Problem, das in der beiden Parteien gemeinsamen Angst, der aus ihr folgenden und durch sie verstärkten Sexualisierung und Radikalisierung des exkludierenden Charakters des Kapitalismus zu suchen ist. Alle haben Angst – doch anstatt sich ihrer Angst zu stellen und nicht mehr vor ihr zu fliehen, zeigen sie auf den politischen Gegner als Sündenbock und Projektionsfläche ihres eigenen verdrängten Unbewussten. Die Linke-Gender-Politik will progressiv Sex, ethnische Zugehörigkeit und Macht entkoppeln – und verkennt völlig, dass ihre Verbindung aus der (patriarchalen) Angst (vorm verdrängten Weiblichen und damit dem Anderen ihrer selbst, d.h. auch allen anderen Ethnien gegenüber) rührt64, die man nicht einfach wegerklären kann, sondern die man in Vertrauen auflösen muss, die man verstärkt, wenn man ihre Verkopplung ohne Verständnis für deren Ursache dekonstruiert, deren Abwehr man provoziert, wenn man sich selbst nicht eingesteht, dass man diese Angst auch kennt, dass man diese Angst in sich selbst nur mühsam abwehrt, indem man sie auf den politischen Gegner projiziert, sie so in sich nicht mehr zu bearbeiten braucht, sie durch den politischen Gegner ausgedrückt und vertreten findet und sich so durch den politischen Gegner entlastet. Die Rechte-Identitären-Bewegung arbeitet in ihrer regressiven Reaktion auf diese Linke-Gender-Politik, die zunehmende Migration und ihre Sex-Angst genauso: Auch sie ziehen eine relative Stabilisierung ihres überholten Patriarchismus des weißen Mannes – dessen Tod beiden Seiten Angst macht und sexualisiert – aus der Geg- 64 Rassismus hat seinen Ursprung im patriarchalen Sexismus, der wiederum eine Fluchtform aus der Angst darstellt, die sich an dem Anderen ihrer selbst entzündet, d.h. an weiblicher Sexualität und der in der Angst vor ihr so empfundenen Konkurrenz um Frauen durch Andersfarbige. Die Schlüsselszene des amerikanischen Porno ist daher der Sex von einem schwarzen (gut bestückten) Mann mit einer Blondine. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 54 nerschaft gegen die Linke-Gender-Politik und deligieren den Ausdruck ihres unbewussten Wunsches nach Progression und Solidarität ihrerseits an den politischen Gegner. Die Linke-Gender-Politik ist einseitiger Ausdruck des Progressions-Bedürfnisses der Menschen mit dem Ziel von Entgrenzung und Freiheit; die Rechte-Identitäre-Bewegung ist einseitiger Ausdruck des Regressions-Bedürfnisses der Menschen mit dem Ziel von Heimat und Geborgenheit. Die Linke-Gender- Politik unterschätzt das Regressions-Bedürfnis und die Tiefe des Wunsches nach Geborgenheit und nimmt die Menschen auf ihrer Himmelfahrt, die dem patriarchalen Impuls nach Entgrenzung und Freiheit folgt und der eine patriarchale Kastration droht, nicht mit; die Rechte- Identitäre-Bewegung unterschätzt das Progressions-Bedürfnis und die Höhen der Sehnsucht nach Freiheit und lässt die Menschen in ihren Grenzen, die dem matriarchalen Impuls nach Heimat und Geborgenheit folgt und der eine matriarchale Kastration droht, alleine.65 Die Linke-Gender-Politik ist gerade nicht solidarisch, insofern sie ca. die Hälfte der Bevölkerung mit ihrer Angst alleine lässt und ihre eigene Angst nur verdrängt und projiziert, anstatt sie zu überwinden – und die Rechte-Identitäre-Bewegung bietet gerade keine Lösung des Problems der Entheimatung durch Klimawandel und Migration, weil sich diese Probleme nur global-solidarisch lösen lassen.66 Beide politischen Positionen sind in ihrer Einseitigkeit für die Lösung der Herausforderungen der Zeit nicht zielführend, sondern verstricken sich nahezu notwendig in einen sich verschärfenden Konflikt: Der matriarchale Reflex der Rechten-Identitären-Bewegung, sich durch Grenzen zu schützen (vgl. Trumps Plan eines Mauerbaus zu Mexiko und die Abschottungs-Wünsche der Rechten-Identitären-Bewegung in Europa), hilft angesichts der globalen Umweltproblematik nicht. Der patriarchale Reflex der Linken-Gender-Identitätspolitik nach Entgrenzung und Restrukturierung des Gegebenen hilft angesichts einer Erde nicht, 65 Zu den Begriffen „matriarchale Kastration“ und „patriarchale Kastration“ vgl. Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Sachregister, Düsseldorf 2004. 66 Die Fragen, die sich die Linke-Gender-Politik ebenso wie die Rechte-Identitäre- Politik stellen muss, ist: Was ist das aber für eine Solidarität, die mit ca. der Hälfte der Menschen ihres Landes nicht solidarisch ist? Und was ist das für eine Heimatpolitik, die die eigene Entheimatung nicht wesentlich als Folge des Klimawandels versteht und ihn wiederum als ein nur global zu lösendes Problem? Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 55 deren Ressourcenlage begrenzt ist und die sich gegen die Restrukturierung wehrt.67 Sie gründen beide auf der Macht längst vergangener bzw. verstorbener Mutter- bzw. Vatergottheiten, deren Macht noch archetypisch wirkt und auf Integration drängt, die als freiflottierende Macht bei Verdrängung gefährlich politisch instrumentalisiert werden kann (vgl. die faschistischen Tendenzen der Rechten-Identitären-Bewegung, die wie die Wiederkehr des Verdrängten plötzlich unter dem Teppich des Bewusstseins der Linken-Gender-Politik unterschätzt machtvoll auftaucht und schon den deutschen Faschismus an die Macht brachte).68 Die Rechte-Identitäre-Bewegung instrumentalisiert die Macht des Matriarchalen durch Mobilisation der Ängste und dem Ruf nach Grenzen; die Linke-Gender-Politik instrumentalisiert die Macht des Patriarchalen durch Mobilisation der Unterdrückten und 67 Der matriarchale Reflex ist schützend und bewahrend, damit aber auch potentiell ausgrenzend und in seinem Inneren zersetzend. Der patriarchale Reflex ist strukturierend und entgrenzend, damit aber auch potentiell blind für die Bedürfnisse und die Organisation des Lebens und überfordernd. Beide sind in ihrem negativen, nicht abgestimmten, einseitigen Aspekt gewaltsam, wie sie in ihrem positiven, abgestimmten, fruchtbaren Aspekt in ihrer Auseinanderlegung im Zuge des matriarchalen und des patriarchalen Zeitalters das hervorgebracht haben, was wir trotz aller selbstverschuldeten Katastrophe und Zerstörung als Errungenschaften der Menschheit verstehen dürfen. Sie stellen die beiden Aspekte des Verstandes dar, die es dem Menschen erlauben, die Selbstorganisationskraft der Natur im Spiel der Vermögen schöpferisch anzuverwandeln (matriarchaler Formaspekt der finalen Umgrenzung und Abfassung der auf Grundlage des patriarchalen Formaspekts der Strukturvorgabe und Zentralisation durch die Einbildungs- bzw. Selbstorganisationskraft der Natur synthetisierten Gestalt). Vgl. dazu: Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017. Heutzutage leben wir wie gesagt im Zeitalter der Sexualisierung durch König Sex (vgl. Hölzel: ebd. XI) und im Zeitalter des Geschlechterkampfes, in dem beide Seiten in all ihrer Gewalt um die Macht im Menschen und in der Gesellschaft streiten. Dieses Spiel der radikalisierenden und eskalierenden Auseinanderlegung der Gegensätze müsste im Rückbezug auf die es beruhigende und deeskalierende und synthetisierende Natur durch das Sich-der-Angst-Stellen in ein Spiel der Integration verwandelt werden. 68 Vgl. die Erklärung der Ursprünge des Faschismus in Horkheimer/ Adornos Dialektik der Aufklärung, die im Faschismus ebenso wie – müsste man aus heutiger Sicht ergänzen – im Stalin-Kommunismus eine Wiederkehr des Verdrängten Mythischen sehen, bei dem es sich – unserer Interpretation nach – um das verdrängte Mythische des Matriarchismus handelt. Die Blut- und Boden-Politik des Faschismus müsste sich im Zuge ihrer Transformation im ausstehenden neuen Zeitalter der Liebe und Solidarität in eine Menschheits- und Erd-Politik wandeln. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 56 den Ruf nach Freiheit. Im politischen Raum der Demokratien des Westens tobt – um es auf den Punkt zu bringen – der von uns diagnostizierte, hier auf transpersonaler Ebene sich artikulierende Geschlechterkampf, dessen Parteien sich unversöhnlich gegenüberstehen. Das Ergebnis dieser Polarisierung, Verdrängung bzw. Projektion der Angst und Radikalisierung wird ein Bürgerkrieg sein, wenn sich beide Seiten nicht eingestehen, dass das zugrundeliegende Problem die Angst und Sexualisierung sind, die im beiderseitig Identitären ihre Zuflucht sucht, sich ihrer Angst schrittweise stellen und damit lösen und ihre Verhärtung in ihrer jeweiligen Identität durch das Eingeständnis lockern, dass sie wie im taoistischen Symbol des Ying und Yang Elemente der je anderen Seite stellvertretend und kompensatorisch für sie zum Ausdruck bringen (der schwarze Punkt in der weißen Hälfte und der wei- ße Punkt in der schwarzen Hälfte wie die Dynamik des Spiels der Kräfte in ihrer Andeutung eines Wirbels) und so wenn dann gemeinsam die politische und emotionale Stabilität der Gesellschaft in diesen schwierigen Zeiten angesichts des scheinbaren Mangels einer echten Alternative erhalten: Die Rechte-Identitäre-Bewegung nimmt der Linken die Angst vor der entgrenzten Sexualität der Frauen und vor der durch Migration sich entgrenzenden Konkurrenz von Andersfarbigen; die Linke-Gender-Politik drückt den Wunsch der Rechten nach universellen Werten und universeller Solidarität über alle Grenzen hinweg aus, für die sie selbst aber noch gar nicht reif genug ist, d.h. bei der es sich angesichts des Nicht-Eingestehens derselben, eigenen Angst nicht um wahrhafte Solidarität, die aus der Konfrontation mit der Angst als Vertrauen und Liebe entbunden würde, handelt, sondern tatsächlich – und hier hat Trump als Cowboy einer untergegangenen Western-Romantik intuitiv Recht – um Fake News.69 Die Linke täuscht sich, wenn sie glaubt, dass der Zulauf der Neuen Rechten einzig aus der zunehmenden, sozialen Spaltung und der Verarmung breiter Massen resultiert oder wenn sie meint, es sei Ausdruck 69 Die Linke-Gender-Politik wäre mit einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen bzw. mit dem Ad-hoc-Abbau aller aus der Weltwirtschaftsordnung folgenden Privilegien selbst überfordert. Auch wenn ihre Forderungen im Namen internationaler Solidarität richtig sind, muss ihre Umsetzung – soll sie die Demokratien der westlichen Welt nicht gefährden – auf die Transformationskapazitäten dieser Gesellschaften Rücksicht nehmen, um nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 57 von Ressentiments gegenüber einer globalisierten Elite, die sich abzusetzen droht. Auch wenn Neoliberalismus und Globalisierung ursächliche Momente für die Verunsicherung der Menschen sind, so ist das Kernproblem, dass die Menschen in die Arme der Neuen Rechten treibt, doch eher eine tiefe Verunsicherung in ihrer Identität. Sie wird ausgelöst durch die Angst um den Bodenentzug von Mutter Erde im Zuge des Klimawandels und dem Fehlen von Werten (die ehemals aus der Vatergottheit deduziert wurden, die nun nicht mehr hält, was sie verspricht), die eine positive Zukunft und Vision schaffen, an der wir gemäß des linken Credos gemeinsam und solidarisch arbeiten können. Die Sexualisierung, in die sich aus der allgemeinen und pandemischen Angst heraus geflüchtet wird, wird in ihrem Vollzug selbst noch als suchthaft und ruinös zugleich wahrgenommen. Die Identitären linker und rechter Provenienz sind der politische Arm eines qua allgemeiner Sexualisierung ausgelösten Narzissmusses bzw. einer Angstflucht, die nicht dadurch zu bekämpfen ist, dass man ihre Ursachen qua Gender- Philosophie wegerklärt. Ihr ist nur beizukommen, wenn man eine linke politische Strategie der Solidarität entwickelt, die die Menschen in ihrer durch die politisch Rechte ausgedrückten Angst abholt. Sie bestünde darin, den eigenen Internationalismus und die Idee der internationalen Solidarität nur soweit zu fordern, wie die aus ihr folgende Aufnahme von Flüchtlingen nicht die Integrationskraft der eigenen Gesellschaften überfordert. Sie bestünde darin, den tieferen Ursachen der Angst – den Verlust von Mutter- und Vatergottheiten und ihr Sich- Wandeln in Abgründe der Erde und des Himmels und die aus ihm sich speisende Flucht ins Sexuelle, das als Folge einer allgemeinen Sexualisierung und aufgrund der Resonanzkatastrophe zwischen den Geschlechtern im Geschlechterkampf bis zur Konsequenz des Wahnsinns des Sexuellen die Angst verstärkt – eine Vision der Transformation von Angst in Solidarität und Liebe entgegenzusetzen. Aus ihr folgt, das Politisch-Gewollte, d.h. die Idee einer internationalen Solidarität, nur soweit voranzubringen, wie man die Gesellschaft zu dessen Akzeptanz mitgenommen hat. Die Linke-Gender-Politik mit ihren patriarchalen Forderungen einer allgemeinen Entgrenzung, Solidarität mit Minderheiten und Migranten und einer Freiheit von Allen überfordert genauso, wie die Rechte-Identitäre-Bewegung mit ihrer matriarchalen Forderungen nach Grenzziehungen und dem Schutz der Geborgenheit Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 58 in der Heimat die Menschen unterfordert. Sicher hat die Linke recht, dass die Minderheitenrechte und das Grundrecht auf Asyl nicht eingeschränkt werden dürfen und Vater Staat sie verteidigen muss. Und sicher hat die Rechte recht, dass die Geborgenheit und Sicherheit, die Mutter Staat schenken soll, gewährleistet sein muss. Nur dass die Linke nicht sieht, dass ihre Werte als patriarchale Werte überfordern und keine Emotionen mehr binden – und dass die Rechte vergisst, dass es nur eine globale Mutter Erde gibt, die nur gemeinsam in ihrem Bestand für die Menschheit bewahrt werden kann. Beide Seiten agieren unbewusst den Geschlechterkampf im Politischen aus – den Kampf matriarchaler und patriarchaler Energien und Mächte, was diesen Kampf umso unversöhnlicher und gefährlicher macht. Logisch sind diese Parteien unversöhnbar. Sie stellen die zwei Seiten des Geschlechterkampfes dar, der nur durch die Bezugnahme auf ein tieferliegendes Drittes überwunden werden kann: nämlich auf die Werte von Liebe und Solidarität, deren Gehalt aber einzig – anders als die Linke dies für gewöhnlich tut – als Produkte des Annehmens und Verstehens der alle verunsichernden Angst richtig verstanden ist. Die Lösung läge in der Vision eines Dritten, das aussteht und fehlt: des hier skizzierten Paradigmas der Liebe und Solidarität als Folge eines aus einem Annehmen und Verstehen der Angst gezeugten Spielbewusstseins, das aktuell am ehesten von der Grünen-Bewegung vertreten wird. Die Grünen – abgesehen von einer Einschränkung, nämlich ihrer Unentschiedenheit in Bezug auf den Finanzkapitalismus (dazu siehe unten) – sind die Heldenkinder. Umweltpolitik schenkt eine neue und wahrhafte Heldenidentität, insofern sie mit der Bewahrung des Ökosystems auch die Bedingungen für die Möglichkeit weltweiter Solidarität zu erhalten sucht. Den Menschen geht es nicht um mehr Geld im Beutel, auch wenn soziale Mindeststandards wichtig sind. Sie brauchen eine Vision, die trägt. Sie wissen, dass wir in der westlichen Welt alle den Gürtel enger schnallen müssen. In ihnen schlummern Revolutionäre, denen es scheißegal ist, was sie besitzen und haben – solange sie für das Rettende im Zeitalter der heraufziehenden Menschheitskrise eintreten können. Sie lassen als Visionäre und Revolutionäre eines neuen Bewusstseins die Bonzeneliten alt aussehen in ihrem dreckigen, auf Grundlage von Ausbeutung erworbenen Reichtum. Sie verlieren aber auch nie aus den Augen, dass hin- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 59 ter allem Tun und Lassen der Menschen, der Bonzen und auch ihrer selbst die Angst steht, der sie in sich wie im Anderen in ihrer friedlichen und gewaltlosen Revolution mit Liebe, Annahme, Gespräch auf Augenhöhe, Verstehen und Solidarität begegnen. Die Weltreligionen als fundamental bewegende Formen der Vergemeinschaftung müssten im Sinne dieser Revolution einer ganzheitlichen Re-Interpretation unterzogen werden, um unter ihrer patriarchalen Oberfläche ihrer matriarchalen Aspekte offenzulegen und beide Aspekte unter Bezugnahme auf ihre Quellen in der Kindheit der Kultur zur Synthese eines neuen Zeitalters universaler Liebe und Solidarität unter den Menschen im Zusammenstimmen mit dem Ökosystem Erde zu verbinden.70 Ihrer fundamentalen Funktion als Angstlöser können sie erst wieder gerecht werden, wenn sie ihre patriarchale Interpretation angesichts aus ihr nicht mehr integrierbarer Momente des Weiblichen im Hier und Heute zugunsten einer ganzheitlichen Interpretation überwinden, die beiden Momenten gerecht wird. Die Gottheit des kommenden Zeitalters müsste der spielende Kinds-Gott71 – in 70 Hierzu bedürfte es der intensiven, dringend nötigen Arbeit von Kennern der Materie wie Religionsforschern, Mythenforschern, Anthropologen, Islamforschern, Theologen, jüdischen Rabbis und Hinduismus-Forschern, die wir hier mangels eigener Kenntnis nicht leisten können. Vgl. dazu beispielhaft Ansätze zu einer ganzheitlichen Re-Interpretation des Christentums in: Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, VI.2.3. 71 Vgl. Nietzsches „Spiel des (göttlichen) Kindes“, das in seinem „immer neu erwachenden Spieltrieb (…) andere Welten ins Leben“ „ruft“ (Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, Stuttgart 1994, S. 34), bzw. seinen „Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen (…) Menschen“ (Dionysos Philosophus – in: Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 1, Salzburg 1960, S. 1131) im Sinne eines „unmoralischen Künstler-Gott(es), der im Bauen wie im Zerstören, im Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit inne werden will, der sich, Welten schaffend, von der Not der Fülle und Überfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze löst“. „Die Welt“ – fährt Nietzsche fort – „in jedem Augenblicke die erreichte Erlösung Gottes, als die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidensten, Gegensätzlichste, Widerspruchreichste, der nur im Scheine sich zu erlösen weiß“ (Geburt der Tragödie, München 2003, S. 17). Der Mensch als Ebenbild dieses Gottes wäre als schöpferischer Mensch berufen, die Gegensätze in sich und damit in der Wirklichkeit zu neuen Synthesen zu einen, d.h. spielerisch wie ein seiner selbst bewusstes Kind seine Wirklichkeit frei von Projektionen seiner Angst schöpferisch hervorzubringen und zu gestalten (vgl. dazu Neumann: Der schöpferische Mensch, Frankfurt/ M. 1995 und Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, XII.1). Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 60 den drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam als der kommende Messias angekündigt72 – sein, dessen Mysterien und Weisheit in den tiefsten Quellen der Religionen verborgen liegt und entdeckt werden müsste und der den Geschlechterkampf seiner Ureltern bzw. der Gegensätze des Weiblichen und Männlichen in sich im Sinne des Heldenkindes löst, um aus ihnen unter Aufnahme der Errungenschaften von Matriarchismus und Patriarchismus eine neue Religion der Menschheit zu entwickeln, die ihrer in ihrem Namen hinterlegten Eigenschaft gerecht wird, nämlich die Menschen und die Menschheit im Sinne ihres religare (lat.) an die Erde und das Ökosystem zurückzubinden.73 72 Vgl. Jung/ Kerenyi: Einführung in das Wesen der Mythologie. Der Mythos vom göttlichen Kind und Eleusinische Mysterien, Zürich 1999, S. 107, wo sie den Mythos des hermaphroditischen, göttlichen Kind als „Anfangs- und Endwesen“ in Erinnerung rufen, das den paradiesischen Beginn der menschlichen Kulturgeschichte markiert und bis heute auf seine kulturelle Einlösung in einem ausstehenden Zeitalter wartet. Sieht man sich die alten religionsbegründenden Schriften wie den Tanach und seine kabbalistischen Interpretationen, die Bibel, den Koran und die Veden aus der Perspektive einer ganzheitlichen Interpretation an, so springen einem die matriarchalen Elemente dieses patriarchalen Schriftguts und die Vorankündigungen des Göttlichen Kindes in allen diesen Schriften ins Auge. Die Geschichte von Jona und dem Wal bspw. – die allen drei monotheistischen Weltreligionen eingeschrieben ist – kann als ein Sterben des Mannes in Mutter Erde gedeutet werden, wenn man seine Gottesverlassenheit radikal im eigentlichen Sinne ihrer Bedeutung fasst: Jona würde dann als Kind seiner Ureltern, das deren Gegensatz in sich zur Integration bringt, und damit als Göttliches Kind verstanden. (Der „Nachtmeerfahrt“ des männlichen Helden und das auf ihr dem Helden widerfahrende Sterben im Gegengeschlecht steht die „Todeshochzeit“ der Frau als Sterben im Männlichen gegen- über. Beide führen zur Integration des Geschlechtergegensatzes im hermaphroditischen, aber seiner selbst bewussten Göttlichen Kind – vgl. Neumann: Zu Mozarts Zauberflöte – in: Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen, München 1975) 73 Das Christentum bspw. müsste alles daran setzen, seinen Zentralbegriff der Liebe mit Jungs Begriff der Quaternität zu entpatriarchalisieren und ihm die ganzheitliche Bedeutung wiederzugeben, die er wohl ursprünglich bspw. im Hohelied der Liebe hatte, bevor es seine patriarchale Redaktion für die Bibel erfuhr: „Wer ist sie, die hervorbricht wie die Morgenröte, schön wie der Mond, klar wie die Sonne, gewaltig wie ein Heer?“ (Hoheslied 6.10). Hier bspw. ließe sich der Mond als matriarchales Sinnbild für das „matriarchale Mondbewusstsein“ (vgl. Neumann: Über den Mond und das matriarchale Bewusstsein – in: Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen, München 1975) und die Sonne als patriarchales Sinnbild für das „patriarchale Selbstbewusstsein“ fassen, die in der Liebe synthetisiert zur Ganzheit einer alles revolutionierenden Macht finden. Zentral ist auch benannt, dass Liebe nicht herstellbar ist und man ihrer nicht in Form einer autopoietischen Selbstermächti- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 61 Die Philosophie ihrerseits müsste sich durch die Einsichten des Holismus, der Naturphilosophie, der Mythenforschung und der Spielphilosophie ihrerseits revolutionieren bzw. unter dem neuen Paradigma der Spielphilosophie und des Holismus reorganisieren: Sehr interessant und aufschlussreich ist bspw. die Metapher des Radikalen Konstruktivismus – erkenntnistheoretisch state oft the art auch noch aktueller Debatten in der Philosophie – für die prinzipielle Unerkennbarkeit der Wirklichkeit-an-sich: Unsere Einsichten und Theorien seien wie ein Schlüssel, der ins Schloss der Wirklichkeit passt, der es uns pragmatisch erlaubt, mit Wirklichkeit umzugehen und uns in ihr zu orientieren, dessen Passen uns aber nichts über das Schloss der Wirklichkeit selbst sagt, dessen prinzipielle Unerkennbarkeit wir uns eingestehen müssten.74 Aus dieser Metaphorik spricht deutlich die Sprache des Patriarchismus (Schlüssel ins unerkennbare, aber durch ihn zu bewegende, selbst passive Schloss). Der Fehler dieser konstruktivistigungen habhaft werden kann, wie es aus folgendem Zitat spricht, in dem die Liebe als Drittes angesprochen wird, über das wir Menschen nichts vermögen und das uns daher umso tiefer im Sinne der Heilungskraft der Natur erreichen und heilen kann: „(…) dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt. Wer ist sie, die heraufsteigt von der Wüste (…)? Unter dem Apfelbaum weckte ich dich (…)“ (Hoheslied 8.4–8.5) (– und damit an dem Ort, wo die Menschheit in der Symbolik des Alten Testaments ihre Unschuld des Paradieses der Kindheit der Kultur verlor, ihrer selbst bewusst wurde und wo sie – von grausigen Alpträume geplagt – bis heute schläft, um von der Liebe geweckt zu werden. (Die patriarchale Redaktion und Re-Interpretation der ganzheitlichen Quellen des Hohelieds der Liebe zeigt sich bspw. darin, dass sie – wo sie vorher offensichtlich sinnenreich als etwas zwischen Mann und Frau besungen wurde – gen Ende des Liedes als „Glut (…) und (…) Flamme des HERRN“ (Hoheslied 8.6), der dann wie um es einzuhämmern in vielen Bibelausgaben noch fett gedruckt ist, resümiert wird.). (Vgl. Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1985/ Zum Begriff patriarchaler Redaktion und Uminterpretation ehemals matriarchaler bzw. ganzheitlicher Mythen vgl. Weiler: Der enteignete Mythos. Eine notwendige Revision der Archetypenlehre C.G.Jungs und Erich Neumanns, München 1985, die nur leider wie viele MatriarchatsforscherInnen der ersten Stunde bei aller ihrer Pionierarbeit den Fehler machen, dass Matriarchat in Abwehr des herrschenden Patriarchats seinerseits zu verherrlichen und damit dessen Gewalt gegen das Männliche und seine Form patriarchalen Selbstbewusstseins zu unterschätzen und in der Konsequenz nicht zur Integration der Ganzheit zu finden, wie wir sie anstreben – vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, VI u. vor allem VI.1.4). 74 Vgl. von Glaserfeld: Einführung in den radikalen Konstruktivismus – in: von Glaserfeld: Wissen, Sprache und Wirklichkeit, Braunschweig/ Wiesbaden 1987. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 62 schen Annahme über die prinzipielle Unerkennbarkeit der Wirklichkeit-an-sich ist offenkundig: Diese scheinbar unerkennbare Wirklichkeit-an-sich ist das verdrängte und vom Patriarchismus als weiblich attribuierte Andere der Vernunft, d.h. Natur, Frau, Erde. Der Patriarchismus weiß durch seine Verdrängung des Wissens der Mythologie und des Matriarchismus tatsächlich nichts über die Wirklichkeit des Schlosses – und der Matriarchismus weiß, anders als die Mythologie, die auch das ganzheitliche Wissen der Kindheit der Kultur in sich aufbewahrt, genauso wenig über das ihrerseits Verdrängte bzw. Nicht- Wahrgenommene des Patriarchismus und seiner Vernunft, auch wenn der Matriarchismus selbst eine eigene selbst- und naturentfremdeten Vernunft hervorgebracht hat. Die Naturphilosophie Schellings und der aus ihr hervorgehende Holismus und die Spielphilosophie Schillers erst machen eine ganzheitliche Interpretation der Wirklichkeit möglich, indem sie erlauben, beide je selbst- und naturentfremdeten Wirklichkeitsinterpretationen von Matriarchismus und Patriarchismus miteinander in dem durch die von Schelling entdeckte Selbstorganisation der Natur initiierte Spiel zu synthetisieren, die von Matri- und Patriarchismus verdrängte Natur zu reintegrieren und damit den uralten Mythenschatz der Menschheit für das Hier und Heute zu heben. Als Lebendige, Teil allen Lebendigens und selbst spielbegabte Naturwesen haben wir einen intuitiven Zugang zur Wirklichkeit-an-sich, indem wir sie von innen heraus als sich-selbst-spielerisch-organisierende Wirklichkeit und Schöpferischkeit verstehen.75 Der Patriarchismus hat sich durch das angstvolle Ausblenden aller weiblichen Perspektiven auf 75 Schopenhauer zufolge existieren zwei Wirklichkeiten: die Welt als Wille, in der das in uns selbst empfundene Drängende der Natur metaphysisch zu einer Philosophie des Willens ausbuchstabiert wird, der allem zugrundeliegt, und eine Welt als Vorstellung, die die Wirklichkeit bezeichnet, als die wir sie geistig auf Grundlage von Sinnesreizen konstruieren. Die Schnittstelle der Welt als Wille und Vorstellung ist nach Schopenhauer in seinem gleichnamigen Hauptwerk der Leib, da wir in ihm zugleich das Drängende des Willens spüren und eine ihm entsprechende Vorstellung davon entwickeln, die beide Welten als zwei Versionen der einen Wirklichkeit verständlich macht. Der Leib bzw. das leibliche Selbstempfinden und seine metaphorische Interpretation im Medium der Sprache stellt damit einen exklusiven Zugang zur Wirklichkeit-an-sich der Welt als Wille dar. Schopenhauers Philosophie ist als Leib- bzw. Spielphilosophie interpretierbar, derzufolge das Spiel der Vermögen des Leibes den Schlüssel zur Wirklichkeit in ihrer Doppelung der Welt als Wille und Vorstellung liefert. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 63 die Wirklichkeit und der ihr noch vorgängigen ganzheitlichen Einsichten des Mythos mangels seiner Fähigkeit zur Integration der drei Pole von Mythos, Matriarchismus und Patriarchismus im noch unentdeckten Spiel der Vermögen selbst blind gemacht und dies in der oben zitierten Metapher des Konstruktivismus auch offen bekannt – eine Blindheit, die erklärt, warum wir uns unversehens vor dem Abgrund der Menschheitsgeschichte wiederfinden wie Lemminge, die erschrocken plötzlich aufwachen und sehen, wohin sie in ihrem Rennen und Immer-schneller-Rennen eigentlich rennen. Die Spielphilosophie gewährt keine allgemeingültige Interpretation der Wirklichkeit-an-sich, sondern kennt so viele Wahrheiten, wie es Wirklichkeitsinterpretationen von Individuen gibt, die in sich jeweils einen exklusiven Zugang zur Wirklichkeit an sich von innen heraus haben. Die Spielphilosophie bindet jedes Individuum einzeln an die Wirklichkeit-an-sich zurück und gewährleistet damit, dass sie als solcherart Zurückgebundene von sich aus die notwendigen Schlüsse betreffs ihres falschen Konsumverhaltens ziehen, ohne dass ihnen irgendein Prediger von irgendeiner Kanzel sagen dürfte, was sie zu tun und zu glauben haben. Die Spielphilosophie ist im Kern anarchistisch und gibt jedem Individuum seine Freiheit zurück – erlaubt und motiviert aber umgekehrt ein Miteinander im Sinne von Liebe und Solidarität, weil es im Miteinander- Spielen76 das zentrale Glück und die zentrale Freude des Menschenlebens spürt. Der radikale Pluralismus der Spielphilosophie erlaubt eine Zurückbindung jedes Individuums an die Wirklichkeit-an-sich, deren 76 Geschlechterkampf und Sexualisierung seit 18 Hundert machen Sinn, als dass sie das Sexuelle als den Ort der Wahrheit und des Halts in der Wirklichkeit (vgl. de Sade siehe oben) bestimmen, der es angesichts des Todes von Mutter- und Vatergottheiten ist. Sex wird vor dem Hintergrund dieser Sichtweise geradezu zu einem (in seiner heutigen, unbewussten, gewaltsamen, selbstentfremdeten und angstgeleiteten Form leider verstellten) Spiel zwischen den kosmischen Energien und Mächten der sich in Gegensätze auseinanderlegenden Selbstorganisation des Universums. An ihr wollen wir in der allgegenwärtigen Jagd nach „gutem Sex“ Anteil haben – einen Anteil, den wir uns, indem wir letztlich angstgeleitet danach jagen, gerade verbauen. Die Sexualisierung entspricht einem unbewussten Ausagieren der nicht-verstandenen Energien und Mächte, das besser einem Verstehen ihres Spiels weicht, insofern dieses Spiel als bewusst gespieltes Spiel im Innersten vor allem Seligkeit, Bedürfnislosigkeit, Selbstzufriedenheit, Stille und Frieden schenkt und als solches Sex erst zur wie man sagt „schönsten Nebensache der Welt“ macht, die man genießen kann, gerade weil man sie nicht mehr braucht. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 64 Ansprüche an die Menschheit wie die des Ökosystems auf unser auf seine Grenzen abgestimmtes Konsumverhalten damit in allen Individuen zu Gehör kommen. Sie erlaubt gemeinsames Handeln in Kooperation und Solidarität, weil sie zwar einerseits radikal pluralistisch ist, andererseits aber durch die Zurückgebundenheit an das in allen und in allem wirksame Spiel der Vermögen und damit an Natur und Ökosystem etwas kennt, was allem gemeinsam ist. Die Schöpferischkeit der solcherart befreiten Individuen schafft Gestalten wie Wirklichkeitsinterpretationen, die bei all ihrer Unterschiedlichkeit und Pluralität doch alle als Produkte des gleichen Spiels der Vermögen übereinander abbildbar sind und damit potentiell von jedem in ihrer Individualität und Einzigartigkeit – gibt man sich nur die Mühe, sie in sich spielerisch zu reproduzieren und zu verstehen – verstanden werden können.77 Die Spielphilosophie ermöglicht das von Goethe im Faust erträumte, erlösende Versöhnungsfest des Menschen mit der Natur78 – und bringt zuletzt, gelangen wir qua Angstexposition ins Spiel der Vermögen hinein, auch sämtliche klassischen Probleme der Philosophiegeschichte einer Lösung in metaphorischen Bilder und Visionen nahe! Linke wie Rechte stehen unabhängig von der Zuspitzung ihrer Positionen in Linker-Gender-Politik und Rechter-Identitärer-Bewegung auf Augenhöhe und werden beide gebraucht, um die fragile Stabilität der Gesellschaften des Westens durch das Spiel ihrer Kräfte aufrechtzuerhalten: Sie übersehen in ihrem Stellvertreter-Kampf aber beide das wahre Problem, das im patriarchalen System des Finanzkapitalismus und seiner Entfesselung durch den Neoliberalismus von Reagan und Thatcher zu suchen wäre. Die Rechte hat recht, dass das Leben es schützende Grenzen braucht, nur dass diese Grenzen auf die Erde bzw. die Grenzen des Okösystems geweitet werden müssten. Die Linke hat recht, dass die Menschen der Weltgemeinschaft Freiheit und ein ähnliches Auskommen brauchen, nur dass diese Forderungen auf die Ressourcenlage und Regenerationsfähigkeit des Ökosystems abgestimmt werden müssten. Das Spiel der politischen Kräfte von Matriarchismus und Patriarchismus ist solange notwendig, um die Menschen in ihrer 77 Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017, XII.3) 78 Goethe: „Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!“ (Faust. Der Tragödie erster Teil, Stuttgart 1994, S. 24). Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 65 Angst und in ihrem Bedürfnis nach Solidarität abzuholen, bis die Transformation der Nationalstaaten – die um die begrenzten Ressourcen des Planeten in einer Flucht in die Wachstums-Ideologie konkurrieren,79 als gäbe es keine Grenzen des Ökosystems – in eine Weltgemeinschaft und ihr Sich-Einfinden innerhalb der Grenzen des Ökosystems vollzogen ist. Die hinter den politischen Parteien wirkenden Mutter- bzw. Vatergottheiten müssen durch eine gemeinsame Bezugnahme auf und Konfrontation mit der Angst entmachtet werden, indem der/ die zwischen ihnen vermittelnde Sohn/ Tochter der im Geschlechterkampf liegenden Ureltern seiner/ ihrer Heldenrolle durch die Verwandlung der Angst in die Seligkeit des Mutterbauchstadiums (in Liebe, Solidarität und dem Bewusstsein, dass wir auf Erden – finden wir in die relative Bedürfnisfreiheit im Spiel der Vermögen – immer schon im Paradies leben und es nur zu realisieren brauchen) gerecht wird und diesen Geschlechterkampf aufhebt. Dieser Transformations-Prozess braucht beide Parteien, insofern die von der Rechten-Identitären- Bewegung betonte Bedeutung der Grenzen und ihrer bergenden und vor Angst schützenden Funktion nur soweit für Migration permeabel werden darf, wie die Angst vor dem Fremden innerhalb der durch die Grenzen geschützten Gesellschaften im Sinne ihrer Integrationsfähigkeit sich aufhebt. Der Transformations-Prozess braucht auch die Linke- Gender-Politik, insofern sie nicht verhandelbare Werte wie die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl verteidigt und das Ziel der 79 Die Menschen der westlichen Gesellschaften wissen, dass sie in einem relativen Luxus leben. Ihnen mangelt es nicht an Konsumgütern, sondern sie leiden an der Ungerechtigkeit seiner Verteilung innerhalb ihrer Gesellschaften und an negativen Gefühlen wie Neid und Ressentiment, das von dem ostentativ zur Schau gestellten Reichtum der Superreichen ausgelöst wird. Ihr Problem ist, dass sie wissen, dass sie ihren Lebensstandard angesichts seiner Grundlage in der Ausbeutung des Planeten und der nicht privilegierten Gesellschaften des Rests der Welt nicht werden aufrechterhalten können. Ihr Bewusstsein, teilen zu müssen, verstärkt ihre Angst, da es ja gerade die Flucht in den Konsum und in Zukunftshoffnungen künftigen Konsums war, mit der sie ihre Angst und ihre negativen Gefühle stillten. Sicherlich geht es um Verteilungs- und Chancengerechtigkeit auch innerhalb der Gesellschaften des Westens auch und gerade wegen einer Absetz-Bewegung der neoliberalen, globalen Eliten. Dieses Bedürfnis nach Solidarität und Gerechtigkeit wird aber nicht primär in einer nationalen Umverteilungs-Politik befriedigt, sondern einzig im Aufbruch auf einen Weg, der sich mit der Angst auseinandersetzt und damit an der Wurzel des Übels ansetzt und es in Solidarität, relative Bedürfnislosigkeit und Gerechtigkeit überführt. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 66 Reise in ihrem Festhalten an dem Traum einer solidarischen Weltgemeinschaft hochhält. Auf dem Weg der Transformation des Heute in die aufs Ökosystem abgestimmte Weltgemeinschaft spielen rechte und linke Positionen in den jeweiligen Gesellschaften eine wichtige transformative Rolle. Die Parteien der Grünen Bewegung hingegen – wie sie aktuell in Deutschland stärker werden – verkörpern tatsächlich eine Politik der Mitte (und sind in Deutschland auch zu Koalitionen mit rechten und linken Parteien bereit), insofern sie auf das Dritte der gemeinsamen, noch ausstehenden Synthese einer Integration der Geschlechtergegensätze unter Bezugnahme auf die Grenzen des einen Ökosystems Erde (matriarchaler Anteil) und auf die globale Solidarität unter den Menschen (patriarchaler Anteil) zielen. Sie spielen das Spiel der linken und rechten Kräfte innerhalb ihrer Partei und müssen – wollen sie ihre Bewegung tatsächlich zur politisch gestaltenden Macht ausbauen – die Angst und die aus ihr quellende Sexualisierung im Auge behalten, der es sich auf dem Weg der Transformation des Politischen zu stellen und die es in wahrhafte Solidarität, relative Bedürfnisfreiheit und Liebe zu verwandeln gilt. Sinnvolle Politik muss heutzutage alle drei Aspekte im Auge behalten, die im demokratischen Raum des Politischen sinnvollerweise auch durch verschiedene Parteien verkörpert sind,80 die miteinander in einen durch die Bezugnahme auf das gemeinsame Dritte der Integrati- 80 Aus diesem Grund ist die Demokratie trotz aller Selbstblockaden angesichts ihrer demokratischen Prozeduren auch klar im Vorteil gegenüber autokratischen Systemen wie dem Chinas: Insofern die Gegensätzlichkeit der Positionen von Matriarchismus und Patriarchismus sich gegenseitig unlösbar die Hoheit über das Verstehen der Wirklichkeit streitig machen und in ihrer Gegensätzlichkeit einander tatsächlich auch nicht verstehen können, trotzdem aber jeweils elementare, gleichrangige Momente des Wirklichen zum Ausdruck bringen, ist ihr Spiel – das, solange es nicht von jedem Individuum als Spiel selbsttransparent gespielt wird, ein unbewusstes Spiel der Kräfte der Natur ist, dass die Natur ob wir wollen oder nicht immer schon mit uns spielt – elementar für das relative Gleichgewicht und die Stabilität der Gesellschaften. Zielpunkt unserer Argumentation ist, das unbewusste Spiel der Kräfte der Natur, das diese Natur qua ihrer Selbstorganisation im Spiel der Vermögen immer schon mit uns als unbewusste Agenten ihrer Gegensätze spielt – in ein bewusst vollzogenes Spiel zu verwandeln, durch das sich die Polarisierung und Aggressivität – mit der es als Unbewusstes gespielt wird – aufhebt und als solches die Reintegration der verlorenen, von der Natur und damit von sich selbst entfremdeten Menschheit in den Naturzusammenhang ermöglicht. Man ahnt dieses Problem in den nur spärlich in die Öffentlichkeit gelangenden Informationen über Ver- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 67 on und Synthese entschärften politischen Streit als Spiel der Kräfte treten: Sie muss einerseits der Angst und dem Regressionsbedürfnis Ausdruck verleihen (wie es die Rechte-Identitäre-Bewegung tut und besser die Konservativen täten, da sie nicht in die Verhärtung und Radikalisierung innerhalb ihrer Position gehen). Sie muss andererseits dem Traum von Solidarität und dem Progressionsbedürfnis Ausdruck verleihen (wie es die Linke-Gender-Politik tut und besser die Sozialdemokraten täten, weil sie nicht in die Verhärtung und Radikalisierung innerhalb ihrer Position gehen). Sie muss im Wechselspiel von rechten und linken Parteien die Grenzen der Nationalstaaten schrittweise unter Aufrechterhaltung der Ordnung weiten und durchlässiger machen in Richtung auf eine globale, solidarische Weltgemeinschaft innerhalb der Grenzen des Ökosystems Erde hin – und d.h. den matriarchalen Impuls nach Begrenzung und Geborgenheit innerhalb von Grenzen und den patriarchalen Impuls nach global entgrenzter Strukturierung und global entgrenzter Kosmisierung miteinander vermitteln. Das Weiten der Grenzen des matriarchalen Impulses wie das flexible und nicht rigide Strukturieren und Kosmisieren des patriarchalen Impulses gelingt beiden Parteien nur innerhalb des freien Spiels der politischen Kräfte, weil beide Anteile erst im Spiel miteinander anstatt gegeneinander arbeiten, das Produkt, um das es geht, nämlich eine solidarische Weltgemeinschaft innerhalb der Grenzen des Ökosystems, aber nur durch die spielerische Abstimmung und Ergänzung ihrer Momente zu erzielen ist. Das Spiel in seiner Naturgegründetheit und seiner Organisation durch die Selbstorganisation der Natur ermöglicht, dass das Moment der Begrenzung (matriarchaler Impuls) und das Moment der Strukturierung (patriarchaler Impuls) miteinander das Produkt einer organischen Gestalt (einer global-solidarischen Weltgemeinschaft innerhalb der Grenzen des Ökosystems) schaffen, in dem die Grenze und die Struktur dieser Gestalt aufeinander abgestimmt sind. Sind die Grenze des Matriarchalen und die Struktur des Patriarchalen nicht aufeinander abgestimmt, ergibt sich das Bild einer Welt, wie wir sie heute vor Augen haben: In ihr arbeitet das patriarchale Strukturierungsmoment, das eine Globalisierung und Wohlstandssteigerung anwerfungen und Konflikte innerhalb der chinesischen Gesellschaft, die auf Dauer nicht durch das autokratische System von oben ausbalancierbar und lösbar sein werden. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 68 zielt, die blind gegenüber den begrenzten Ressourcen des Planeten ist und implizit davon ausgeht, dass sich der Planet ins Unendliche multiplizieren lässt (vgl. den Ressourcenverbrauch des Westens, der auf die Weltbevölkerung ausgeweitet drei Planeten voraussetzte), gegen das matriarchale Begrenzungsmoment, das sich gegen die patriarchale Strukturierung und Globalisierung wehrt, indem es zur Bildung von abgegrenzten Nationen führt, die gegeneinander um den von ihm als begrenzt erkannten Kuchen der Ressourcen des Planeten konkurrieren. Begrenzungsmoment und Strukturierungsmoment finden hierin nicht zu einer Gestalt abgestimmter Momente, sondern durchkreuzen sich wechselseitig mit dem Resultat eines unlösbaren Geschlechterkampfes, d.h. eines Scheingefechts, das blind dafür macht, dass beide Momente um den Preis des gemeinsamen Überlebens angesichts einer Natur, von der sie beide abhängig sind, sich einigen und miteinander zu einer Gestalt-Bildung finden müssten.81 Sinnvolle Politik muss daher drittens und zentral durch Bezugnahme auf die Angst und ihre Transformation in die aus der Seligkeit des Mutterbauchstadiums quellende Selbstorganisationskraft das Spiel begründen, zu dem sich der Kampf im politischen Raum des Westens durch die dadurch mögliche Lockerung und Entspannung der Unversöhnlichkeit der linken wie rechten Identitären entschärfen und durch die Aufhebung der Angst auch dieses Identitäre selbst Schritt für Schritt aufheben sollte. Die Partei der Synthese ist innerhalb dieses Spiels die Grüne Bewegung, insofern sie das matriarchale Moment der Grenze des Ökosystems mit dem patriarchalen Moment der Freiheit und Gleichheit der Individuen in sich ins Spiel bringt, indem sie die Angst vor der Natur in ein Vertrauen in die Natur und ihres in ihr angelegten Bestrebens nach Synthese der Gegensätze wandelt. Die Grüne Bewegung hat erkannt, dass die Grenzen des Ökosystems oberster Maßstab für alles politische Handeln sein muss, weil nur ein Sich-Einfügen in die Fuge des Ökosystems 81 Ohne Grenzen würde die patriarchal entgrenzte Strukturierung und Kosmisierung des Wirklichen dieses Wirkliche mit katastrophalen Folgen für das Ökosystem (wie den verlorenen Sohn/ die verlorene Tochter im Patriarchismus) überfordern. Und ohne Strukturierung und Kosmisierung würde das Wirkliche innerhalb der Grenzen des Matriarchalen (wie ein Ungeborenes im Mutterleib des Matriarchismus bzw. wie Ödipus unter der Dominanz der Mutter, aus der er sich nicht hat herauskämpfen können) eingehen. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 69 die Hoffnung auf ein globales, solidarisches Miteinander aufrechterhält, die – werden die Grenzen des Ökosystems weiter im blinden Fortschritts- und Wachstumswahn linker und rechter Ideologien mit Füßen getreten – in kommenden Bürgerkriegen untergeht. Die Grüne- Bewegung hat erkannt, dass Umweltschutz die beste Sozialpolitik ist, sowohl im Maßstab internationaler als auch nationaler Politik – und hat damit die Zeichen der Zeit erkannt, die nach diesem heißen Sommer des Jahres 2018 auf der Nordhalbkugel hoffentlich und – wiederum eine Gnade der Natur in ihrem Bestreben nach Integration der Gegensätze und ihrem finalen Gleichgewicht im Spiel – zunehmend allen Menschen dämmern.82 Der Zweite Weltkrieg als die Katastrophe des 20. Jahrhunderts lässt sich aus der Perspektive einer holistischen Spielphilosophie als das Ringen matriarchaler bzw. patriarchaler Energien und Mächte im transpersonalen Geschlechterkampf verstehen: Das von Marx sogenannte Gespenst des 19. Jahrhunderts – die Bewegung des Sozialismus –83 hat mit ihrer Konkurrenz-Bewegung des Faschismus, deren Gegeneinander dann zur Gewalt des Zweiten Weltkrieges geführt hat, gemein, dass sie beide einem matriarchalen Impuls nach Vergemeinschaftung84 entsprachen. Die Macht ihrer Bewegungen konnten die vorher in Europa herrschende Ordnung des Patriarchismus so treffen, 82 Zizek behält hoffentlich recht, als er in einem Zeitungsartikel nach der Trump- Wahl in Amerika schrieb, dass Trump insofern eine Art Segen für die Menschheit sei, weil er die Wunden offenlegt und mit den Fehlern seiner Politik das Rettende als Rettendes in seiner Qualität unmissverständlich veranschaulicht und provoziert: Indem Trump die Gefahr eines Bürgerkrieges unmittelbar heraufbeschwört, liegen die Bedingungen und Chancen für eine umso tiefere Versöhnung offen zutage. Die Amerikaner lernen gerade für uns alle: Amerika ist aufgrund seiner Multiethnizität und seiner auf die Spitze getriebenen Sexualisierung von Wirtschaft und Gesellschaft der Ort, wo die Probleme am Größten und damit – nach dem Gesetz der Natur – die Chancen auf ihre Lösung am Besten sind. Die amerikanische Kultur – stil- und kulturprägend schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – hat die Chance, auf den letzten Metern ihrer Vormachtstellung der Menschheit noch Gutes offenzulegen. 83 Marx/ Engels: Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus." (Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, Einleitung, 1848, S. 461). 84 Der Impuls zur Vergemeinschaftung ist ein matriarchales Moment, wobei die Forderung nach Gleichheit patriarchal ist, die für eine Mutter von vielen Kindern irrelevant ist, weil für sie wichtig ist, dass jedes Kind zu seinem ihm individuellen, von ihr erspürten Recht kommt. Der Impuls zur individuellen Freiheit ist ein patriar- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 70 weil sie mit der Macht der Wiederkehr des Verdrängten und d.h. mit mythischer Macht das Herrschende angriffen.85 Grenzen bzw. Abschottung und Vergemeinschaftung wären demnach matriarchale Impulse – Globalisierung, Finanzkapitalisierung und eine damit einhergehende Restrukturierung des Bestehenden patriarchale Impulse. Sozialismus und Faschismus als Ausdrucksformen des Matriarchalen sind – wie leicht zu zeigen ist – selbstverständlich nicht dasselbe, denn während der Sozialismus in der Prägung von Trotzki oder der Sozialistischen Internationale von Brandt ein Versuch der internationalen Vergemeinschaftung der Ausgebeuteten gegen die patriarchale Ausbeutung war (dessen Internationalismus aber von Stalin diskreditiert wurde), so war der Faschismus Hitlers eine exklusive Form der (auch intern außerdem nur scheinbaren) Vergemeinschaftung innerhalb nationaler Grenzen auf Grundlage fortgesetzter Ausbeutung und Unterwerfung anderer Länder und Menschen. Der Faschismus war dem Patriarchales Moment, insofern es sich als solches einem schwierigen Ablösungskampf von der Mutter sowohl phylogenetisch auf der Schwelle vom Matriarchat zum Patriarchat als auch ontogenetisch auf der Schwelle der ödipalen Phase verdankt und die mühsam errungene Individualität und Selbständigkeit verteidigt, aus der heraus es dann wiederum die patriarchale Forderung nach Gleichheit vor dem patriarchalen Gesetz ableitet, um sich vor den Mächten der Regression, von denen es spürt, dass es sie nicht besiegen kann, zu schützen. Neumann versteht diesen Ablösungskampf als den seiner Ansicht nach in den Mythen der Menschheitsgeschichte sich spiegelnden Drachenkampf, den das Männliche gegen die Schwerkraft des Mütterlichen, Weiblichen zu kämpfen hatte (vgl. Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Düsseldorf 2004), von dessen Heldentaten sie immer noch im aktuellen Patriarchismus träumt. Zentral ist unserer Ansicht nach daher ein Zweiter Drachenkampf, in dem der Held im Gegensatz zum Ersten Drachenkampf der Emanzipation im Drachen der Großen Mutter stirbt, um dann ins Spiel der Vermögen hinein wiedergeboren zu werden. Für die Frau bzw. die weibliche Entwicklung ist analog zu diesem von Neumann als „Nachtmeerfahrt“ des Helden bezeichneten Zweiten Drachenkampf die „Todeshochzeit“ der Moment ihres Sterbens im Männlichen (vgl. Neumann: Zu Mozarts Zauberflöte – in: Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen, München 1975), aus dem sie dann analog ins Spiel der Vermögen wiedergeboren wird. (Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, VI und VIII). 85 Vgl. Horkheimer/ Adorno, deren Ausgangspunkt für ihre epochale Dialektik der Aufklärung die Frage war, wie es in der scheinbar aufgeklärten Welt des Abendlandes zum Faschismus kommen konnte: Hinter dem Faschismus steht ihrem Verständnis nach die Nicht-Integration des Mythischen als das verdrängte Andere der Vernunft. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 71 chismus des Kapitalismus insoweit willkommen (und wurde auch von ihm finanzmächtig unterstützt und durch Staaten des Westens wie Amerika und Großbritannien vorläufig nicht bekämpft), wie er die matriarchalen Energien, die hinter dem Aufstand der Ausgebeuteten und Gedemütigten standen, die sich in Europa immer deutlicher Ausdruck verschafften, betreffs ihres wahren Gegners täuschen konnte, d.h. sie auf das Judentum und den Sozialismus ablenken konnte. Das Judentum wurde zum Sündenbock für die negativen Auswirkungen des kapitalistischen Patriarchismus. Das Judentums bot sich zu dieser falschen Identifikation für die Europäer an, da es aufgrund seiner Vertreibung aus dem Heiligen Land in der internationalen Diaspora lebte, aufgrund von Berufsverboten zur Geldwirtschaft gezwungen war und sein Patriarchismus zusammen mit dem griechisch-antiken Impuls zum Patriarchismus, der unabhängig vom Patriarchismus des Judentums entstand, den griechisch-christlichen, abendländischen Patriarchismus hervorbrachte. Das Europa des 19. Und 20. Jahrhunderts war eine durch und durch patriarchale Gesellschaftsordnung, von der als einer anfänglich sinnvollen Gegenbewegung zum Matriarchismus und seiner Herausarbeitung des Männlichen in seiner Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit alle Europäer profitiert hatten. Und auch Globalisierung, Marktwirtschaft, technischer Machbarkeitswahn und Finanzkapitalismus waren europäische und nicht jüdische Entwicklungen, von denen bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert die meisten Europäer profitierten. Dass der Patriarchismus dann von einem laut Neumann in der Renaissance anhebenden, mit dem Tod Gottes um 18 Hundert aufbrechenden und sich im Sozialismus und Faschismus bahnbrechenden Matriarchismus infrage gestellt wurde, ergibt sich aus dessen jahrhundertelanger Verdrängung. Dass die Deutschen dann die Juden zum falschen Sündenbock des Patriarchismus machten, von dem sie bis dato alle profitiert hatten, ist das traurigste und beschämendste Kapitel der Menschheitsgeschichte. Wir Heutigen, die wir aus der Geschichte lernen wollen und müssen, sollen nicht neue Gewalt und Greueltaten über die Menschheit hereinbrechen, tun gut daran, die Energien und Mächte, die hinter diesen epochalen Umwälzungen im 19. Und 20. Jahrhundert standen, zu verstehen, damit sie nicht aufs Neue durch ihr Missverstehen zu einer Wiederholung der Geschichte führen, wie sie sich heute in Reden deutscher AfDler und europäischer Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 72 und amerikanischer Nazis bedrohlich ankündigen. Der Patriarchismus des Kapitalismus war der lachende Dritte, der zugesehen hat, wie sich die matriarchalen Mächte des Faschismus und des Sozialismus im Krieg von Hitler gegen Stalin gegenseitig entmachteten, während er ungeschoren davonkam. Der Zweite Weltkrieg hatte zwei Sieger: den Patriarchismus des Kapitalismus und den Sozialismus Stalins, die sich dann im Kalten Krieg gegenüberstanden. Sich jeweils infrage stellend, hat diese Konfrontation zur Matriarchalisierung des patriarchalen Kapitalismus in der Sozialen Marktwirtschaft und zur Patriarchalisierung des matriarchalen Sozialismus im real-existierenden Sozialismus geführt. Gerade weil der Sozialismus als matriarchale Gegenkraft gegen Liberalismus und Finanzkapitalismus durch seine historisch gescheiterte Verwirklichung in der Sowjetunion und dem Ostblock – wie man Fukuyamas voreilige Rede vom Ende der Geschichte entnehmen kann – diskreditiert zu sein scheint und aufgrund seiner mangelnden Innovationskraft in Teilen auch ist, konnte der Kapitalismus sich zu dem wesentlich von Reagan und Thatcher entfesselten Neoliberalismus verschärfen. Heute fehlen mehr denn je Wirtschafts- und Finanzmodelle, die eine Alternative zu dem nach wie vor zerstörerischen Finanzkapitalismus als Auswuchs des Patriarchismus böten, der als vorläufiger Sieger aus diesem transpersonalen Geschlechterkampf hervorgegangen ist. Der Finanzkapitalismus kann in mehreren Aspekten als wesentlich patriarchale Form des Wirtschaftens und Handelns verstanden werden: Hinter seinem entgrenzenden, globalisierenden und restrukturierenden Aspekt stehen patriarchale Wirkmächte. Seine Methode, Werte zu deduzieren und vorzuschreiben, quantitativ Natur und Mensch nach diesen äußeren Werten zu bemessen und auszubeuten, indem er alles nach seinem Wertmaßstab beurteilt, missversteht und überall dort blitzhaft phallisch von Oben aus der Position der Vatergottheit eindringt und Unternehmen, Land, Rohstoffe und Menschenarbeit aufkauft, wo was zum Ausbeuten zu holen ist, sind spezifische Formen der Entgrenzung und Restrukturierung des Patriarchismus.86 Seine lebensfeindlichen und lebenszerstörerischen Folgen zeigen sich heutzu- 86 Meine Interpretation des Finanzkapitals als eine Erde und Menschheit umschlie- ßende, matriarchale Hülle, die beide auspresst, wie ich sie in Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017, S. 411) entwickelt habe, war so gesehen falsch. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 73 tage überall: Klimawandel durch Verbrennung der entrissenen Schätze der Erde, Artensterben durch die Anwendung von Techniken, die die negativen Technikfolgen aufgrund einer mangelnden, ganzheitlichen Risiko-Folgen-Abschätzung nicht einkalkuliert, Zerstörung der Vielfalt des Lebens und auch der Lebensformen des Menschen durch die vereinheitlichende Globalisierung und Restrukturierung des Wirklichen, Gewalt und Krieg als Folge des Aufbegehrens der Ausgebeuteten, Verseuchung und Verschmutzung der Biosphäre einschließlich der Organismen der Menschen durch Nanopartikel verbrauchter Konsumgüter, maßloses Leid von Mensch und Tier in Nähfabriken und Schlachthöfen, psychische Erkrankungen als Folge von kollektiver Verdrängung, Beschleunigung auf der Flucht vor dem Verdrängten und Wahnsinn und Erschöpfung als Ausdruck der Überstrapazierung der Menschen, Krieg, Hunger, Migration und ihr Leid, Zerfall von Solidargemeinschaften, Verseuchung des Gefühlslebens jedes Einzelnen durch die vom Kapitalismus getriggerten negativen Gefühle wie Neid, Eifersucht, Missgunst und Konkurrenz, usw..87 Diese Negativ-Folgen des durch wenig matriarchale Elemente ausbalancierten, Jahrhunderte alten Patriarchismus haben sich im Zuge des mit der Wiederkehr des Verdrängt-Matriarchalen ausbrechenden Geschlechterkampfs und der damit sich entspinnenden Regentschaft des Königs Sex seit 18. Hundert potenziert: Anstatt ins Gleichgewicht einer spielinduzierten Synthese zu finden, zwingen sie sich gegenseitig im Sinne der von uns erläuterten Resonanzkatastrophe zu einer immer forcierteren Flucht nach vorne, die die Öko- und Sozialsysteme des Planeten mit dem Kollaps be- 87 Zu aktuellen Sündenböcken für die Negativfolgen des Patriarchismus in Form des Finanzkapitalismus wird neben Juden im wiederaufkeimenden Antisemitismus (deren Sündenbockfunktion sich nicht aus einer Wahrheit in der Sache speist) auch die globale Elite von Internationals, die – zumindest in der Ressentiment geleiteten Projektion eigener Versagungen, Inkompetenzen oder eigenen Scheiterns (vgl. Mishra: Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart, Frankfurt/ M. 2017) – überall und nirgendwo zuhause sind und genauso wie das Kapital des Kapitalismus überall dort in bestehende Strukturen und Kreise patriarchal einbrechen, wo es was zu holen gibt. Sie sind in ihrer Individualität und Symptomhaftigkeit aber nicht für das Falsche des Systems verantwortlich zu machen, dessen Opfer und Täter sie zugleich wie alle anderen Menschen sind. Außerdem können sie als Agenten der Vernetzung durchaus eine positive, nicht einseitig patriarchale Rolle spielen, die an der Transformation menschlicher Gesellschaften in eine gemeinsame Zukunft arbeiten. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 74 droht. Die Sexualisierung aller Lebensbereiche und –Formen sind Auswirkungen der Wiederkehr des Matriarchalen, das auf Integration drängt, dessen Abwehr aber zu einer Steigerung seiner Gewalt und damit zur Eskalation des ruinösen Geschlechterkampfes führt. Mit dem Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus in den Ostblock- Staaten, der den patriarchalen Kapitalismus als matriarchales Konkurrenzmodell noch zur Mäßigung zwang, kam es in den Nullerjahren zum Neoliberalismus. Politisch bricht die verdrängte Macht des Matriarchalen daher nun weniger in Form Sozialistischer Bewegungen auf, die diskreditiert scheinen, als vielmehr in Form der Neuen Rechten, deren Abschottungs- und Volksvergemeinschaftungsbemühungen als verbliebene Gegenkraft gegen eine immer enthemmtere, globale Entgrenzung und globale Eliten-Bildung erscheinen. Das Hauptproblem ist nicht, dass diese Bewegungen der Neuen Rechten mit Macht zurückkehren, sondern dass Wirtschaft und Handel des Finanzkapitalismus nicht als das wahrgenommen werden, was sie sind: eine nach wie vor patriarchale Form der Ausbeutung von Mensch und Natur, die durch die Sexualisierung der Menschheit und den herrschenden Geschlechterkampf noch verstärkt wird. Die Weltgemeinschaft braucht nicht nur eine Rückkehr zu lokalen Formen der Warenproduktion und –Zirkulation, die transparent ist für internationalen Austausch und wechselseitige Beeinflussung und Anregung; sie braucht nicht nur endlich gerechte Handels- und Geschäftspraktiken zwischen den Ländern und Kontinenten88; sie braucht nicht nur eine Rückkehr zu lokalen Formen der Vergemeinschaftung im Sinne von Nutzungsgemeinschaften unter Beibehaltung der bürgerlichen Lebensform in Familien89 – sondern sie braucht vor allem eine Abschaffung des Finanzkapitalismus und seines blinden 88 Auch intern krankt Europa an der Ungerechtigkeit der wirtschaftlichen Vorherrschaft Deutschlands und der nicht austarierten Steuer–, Wirtschafts- und Finanzpolitik Europas trotz einheitlicher Währung. 89 Die Familie ist ein als Lebensform ein Produkt des Patriarchismus. Ihre Sicherheit als Keimzelle der Gesellschaft auch vor staatlichen Übergriffen gründet sich auf ihrem durch Arbeit begründeten und ihre Arbeitsmotivation begründenden Besitz, d.h. durch das Recht auf Eigentum. Dieses ursprünglich patriarchale Besitzrecht an Land und materiellen Werten sollte genausowenig wie die Familie als Keimzelle der Gesellschaft nicht über Bord geworfen werden, insofern es wesentlich die demokratische Gesellschaftsordnung sichert. Eine Rückkehr zum Matriarchat wäre Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 75 Wachstumszwangs und seine Transformation in eine Soziale und Ökologische Marktwirtschaft, die die Innovationskraft des Kapitalismus durch zins- und zinseszinslose Kredite für gemeinwohlorientierte Projekte sicherstellt.90 Die Logik des Finanzkapitalismus, Kapital mit dem Ziel forcierter Wertschöpfung und d.h. Ausbeutung von Mensch und Natur investieren zu müssen, weil es sich sonst qua Inflation entwertet, gleicht einem patriarchalen Himmelfahrtskommando, dem notwendig und spätestens mit der restlosen Erschließung aller Märkte und aller Naturressourcen der schon von Marx prophezeite Zusammenbruch droht (bzw. der matriarchale Boden unter den Füßen wegzubrechen bzw. in Form von verstärkter Migration der Ausgebeuteten, kommenden linken Aufständen91 oder faschistischen Bewegungen zu beben und aufzubrechen droht). Die Rückkehr zum lokalen Wirtschaften und Handeln unter Weiterentwicklung der internationalen Zusammenarbeit und internetgestützten Kommunikation von voneinander lernenden lokalen Gemeinschaften92 entspräche möglicherweise einer Synthese von matriarchalen und patriarchalen Momenten, die allen fatal und ist genauso unmöglich wie eine Beibehaltung des Patriarchats. Matriarchismus und Patriarchismus haben beide wichtige Errungenschaften für die Menschheit entwickelt, die es jeweils zu bewahren gilt, sind aber auch beide Phasen des naturentfremdeten Zeitalters der Sentimentalität, die es in einer neuen Synthese von Matri- und Patriarchismus und unter Einbezug der Selbstorganisationskraft der Natur in einem aus ihrem Zusammenspiel sich entfaltenden Spiel der Vermögen in ihren Qualitäten zu vereinen gilt. 90 Als oft vorgebrachtes Argument für ein Festhalten am Finanzkapitalismus gilt seine Innovationskraft. Hier zeigt das Beispiel von Jungunternehmern der neuen digital society, dass dieses Argument so heute zur Motivation von Arbeit und Ideen nicht mehr trägt: Sie arbeiten, weil es ihnen Spass macht, ihre Ideen umzusetzen. Die Motivationspsychologie kennt neben der Motivation durch Sex und Geld aus den Quellen der Angst auch die intrinsische Motivation, zu deren Entbindung – wo sie noch nicht besteht – es ein neues Paradigma wie das hier Vorgeschlagene des Spielphilosophischen Holismus braucht, insofern es das Schöpferische selbst als Zentrum hat. 91 Vgl. das linke, anarchistische Manifest Der kommende Aufstand, Unsichtbares Komitee, 2010. Die kommenden Aufstände sind allerdings weniger von linksradikaler als von rechtsradikaler Seite zu erwarten. 92 Vgl. die Schriften des indischen Philosophen Shrivastava, der Gandhi gegen den Kapitalismus aufruft und mit dessen Schrift Hind Swaraj anstelle eines „zentralisierten Industriestaates“ für eine „Art Förderation von Dorfrepubliken“ wirbt (Ross: Gandhi statt Kapitalismus – in Die Zeit Nr. 44 vom 25.10.2018, S. 7). Shrivastava: Churning the Earth, Penguin Global, 2012. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 76 ein Auskommen in den Grenzen des gemeinsamen Ökosystems ermöglicht. Die Menschen der westlichen Welt sind wesentlich verantwortlich für die den armen Ländern Afrikas, Süd- und Mittelamerikas und Asiens diktierten, unfairen Wirtschafts- und Handelspraktiken, den Klimawandel und seine Folgen und das durch die Kolonialpolitik des Westens in Vergangenheit und Gegenwart wesentlich zu verantwortende Problem schwacher Staatlichkeit. Angesichts des Elends, in dem Menschen in Afrika, Süd- und Mittelamerika und Teilen Asiens leben, das sie zur verzweifelten Migration treibt, bleibt nur eine Antwort der Politik: Habt endlich den Mut, Gerechtigkeit und eine Politik der ausgleichenden Gerechtigkeit an die Stelle einer Politik des irrwitzigen Wachstumswahns in einer unheilvollen Flucht nach vorne zu setzen. Habt endlich den Mut, den Menschen klarzumachen, was die Bedingung zur Möglichkeit des weiteren Genießen-Könnens des eigenen Lebens ist, nämlich ein konsequenter Verzicht auf Wachstum und überflüssigen Besitz, eine konsequente Rück-Transformation statt einer Steigerung des Wohlstandes bzw. eine Transformation des Wohlstandsbzw. Fortschrittsbegriffs selbst, der seelische Gesundheit statt materiellen Überfluss und Kotzreiz anzielt. Andernfalls bleibt einem angesichts des Elend und Leids in der Welt bald jeder Bissen im Halse stecken. Denn: Wir sind eine Menschheit – und als emphatische Wesen können wir nur um den Preis des Verlusts unserer Menschlichkeit dieses Elend in den Flimmerkisten unserer Tage bei gleichzeitig weiter von uns zu verantwortendem, schuldhaftem, unangemessenem Ressourcenverbrauch und weiterer Ausbeutung der Armen unsererseits weiter ertragen. Wir müssten uns selbst aufgeben: jeder Sommerurlaub, jedes Stück Brot und jeder Kuchen, jedes Kleidungsstück, das wir tragen wie jedes Weihnachtsgeschenk, das wir uns machen, steigert nur unsere Übelkeit. Worin könnte die Lösung dieses vermeintlichen Dilemmas bestehen, wenn nicht in einer konsequenten Politik der Gerechtigkeit im Sinne von Rawls epochaler Theorie der Gerechtigkeit, die sich diesen Namen voll verdient. Sie müsste – in groben Strichen und ersten Schritten und unabhängig von ihrer internationalen Abstimmung und Vernetzung – (1) in einem Abbau aller Ungerechtigkeiten in der Handels- und Wirtschaftspolitik bestehen. (2) müsste jeder Investor bei Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 77 einer Investition in den heimischen Markt zu einer Investition in gleicher Höhe in soziale oder ökologische Projekte verpflichten. (3) wären Ökosteuern, Kapitalertragssteuern, usw. in Richtung auf die Abschaffung von Zins- und Zinseszins mit der Perspektive einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft ohne Kapitalwirtschaft einzuführen. (4) wären Kerosin und Benzin zu besteuern, um mit den Erträgen den massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu fördern und den Flugverkehr zu begrenzen. (5) müsste eine konsequente Umstellung von fossilen Energieträgern auf alternative Energien mit der Perspektive eines elektrischen Zeitalters anstelle des Zeitalters der Vergasung vorangetrieben werden (6) wäre die Digitalisierung des Wirtschaftsund Gesellschaftslebens auf Grundlage konsequenten Daten- und Verbraucherschutzes und eines Abbaus von Monopolen und Kartellen von wenigen Internetkonzernen mit dem Ziel zu entwickeln, lokales Leben bei globalem Informationsaustausch zu ermöglichen. (7) müsste der Verpackungswahnsinn durch eine sinnvolle staatliche Regulation und Besteuerung beendet werden. (8) müsste die Landwirtschaft massiv beim Umbau in eine ökologische Landwirtschaft unterstützt werden. (9) müsste der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung verboten werden. (10) wäre auf alle Wohlstandsversprechen aus wahltaktischen Motiven von rechter und linker Politik zu verzichten und stattdessen auch von politischer Seite alternative Formen seelischen und zwischenmenschlichen Reichtums als Ziele der Politik auf die Agenda des Angestrebten zu setzen. Die Menschen brauchen nicht mehr im Portemonnaie – sie wollen nur, dass es gerecht bei der Verteilung der Ressourcen und Chancen zugeht. Rechte wie linke Parteien unterschätzen ihre Wähler soweit, dass es an Respektlosigkeit und Arroganz grenzt: Brot und Spiele für das Volk – auf dass die Profiteure des Systems weiter ihre Geschäfte treiben können. Die Menschen im Westen wollen nicht höhere Löhne und Gehälter, sondern sind wegen ihres schlechten Gewissens angesichts des Elends und der Not anderswo bereit, niedrigere Löhne unter der Bedingung zu akzeptieren, dass Ressourcen und Chancen gerecht verteilt sind. Sie wollen, dass die Einkommensschere zwischen Arm und Reich in der westlichen wie in der ganzen Welt abgeschafft wird und Einkommensunterschiede wirklich angemessen nach der am globalen Gemeinwohl orientierten und bewerteten Leistung bemessen werden. Sie wollen nur Gerechtigkeit – Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 78 und nicht die Lüge des Finanzkapitalismus aufgetischt bekommen, die die exorbitanten Einkommen der vermeintlichen Eliten und ihren (durch „Arbeit“ ohne eigene Leistung einzig qua Kapitalbesitz und dessen Investition erworbenen) Reichtum alleine dadurch rechtfertigt, dass sie uns den Sand in die Augen streuen, dass wir in einer unmöglichen Zukunft – wenn wir denn nur arbeiten und weiterkonsumieren – eine Chance auf ähnlichen Reichtum hätten. Wir wollen keinen Reichtum! Zumindest keinen materiellen. Wir sind angesichts des globalen und von unseren Gesellschaften verursachten Elends in der Welt zum Verzicht bereit! Wir wollen nur keine Lügen mehr von rechts wie links und überhaupt von allen Parteien, solange sie sich zu Agenten des Kapitals machen! Wir wollen keine Augenwischerei mehr! Wir wollen ernst genommen werden in unserer Urteilsfähigkeit! Wir brauchen nur das Nötigste, wollen aber auch nicht, dass andere auf Kosten von uns allen sich so viel vom Kuchen nehmen, dass wir bald alle keinen Kuchen mehr haben, dass uns schlecht wird bei jedem Bissen, dass wir im ansonsten aufbrechenden Chaos von künftigen Bürgerkriegen untergehen! Wir lassen uns nicht mehr gegeneinander aufhetzen und für blöd verkaufen! Die Grenze verläuft nicht zwischen den Ländern und Nationen, sondern zwischen Unten und Oben, zwischen Arm und Reich. Wir wollen auch kein Maoam! Wir wollen Fairness! Wir wollen Gerechtigkeit! Und zwar mittelfristig bzw. so schnell als möglich global, was nicht revolutionär zu erreichen ist, sondern nur mittels eines Transformationsprozesses, der aus dem Verstehen der Situation sich ergibt! Rawls Theorie der Gerechtigkeit – 1971 der amerikanischen Öffentlichkeit vorgestellt – ist aktueller denn je: Sie ist das epochale Werk des vergangenen Jahrhunderts, weil sie in sich zum Ausgleich zu bringen versucht, was im 20. Jahrhundert unter dem Heraufbeschwören zweier Weltkriege gegeneinander gekämpft hat, nämlich die Interessen der international Entrechteten und Ausgebeuteten unter der Flagge des Kommunismus und die Interessen des Kapitals, das sich zur Abwehr gegen diese Bewegung von Unten des Faschismusses, der auch von unten gespeist wurde, bedient hat. Der Faschismus ist eine Reaktion des Kapitals auf den internationalistischen Kommunismus unter zur Hilfenahme eines falschen Sündenbocks für seine Verbrechen: der Juden. Beide Parteien des Faschismus wie des Kommunismus haben sich wie gese- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 79 hen matriarchaler Energien und Mächte bedient, um den Patriarchismus des Finanzkapitalismusses zu bekämpfen. Im großen Showdown des Zweiten Weltkrieges haben sie sich gegenseitig vernichtet mit dem Resultat, dass sich Demokratie und Finanzkapitalismus in weiterhin patriarchaler Prägung durchgesetzt haben (vgl. Fukuyamas mittlerweile in ihrer Fehlerhaftigkeit von ihm selbst eingesehene, völlig verfehlte Rede vom Ende der Geschichte). Die Lösung dieses epochalen Geschlechterkampfes von Matriarchismus und Patriarchismus steht also noch aus: Sie ist weder in einer Form matriarchaler Vergemeinschaftung zu finden, wie sie der Kommunismus vorschlägt, noch in einer Form patriarchaler Entgrenzung der Freiheit des Individuums, wie sie der Finanzkapitalismus zum Ruin der Menschheit weiterhin propagiert. Sie ist nur auf dem Weg einer Synthese der Ansprüche beider Parteien unter Rückbezug auf die Natur als das beide Seiten im Spiel integrierende Dritte zu entdecken. Die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls ist dabei elementarer Anhaltspunkt, insofern sie qua ihres Begriffs der Gerechtigkeit selbst eine Theorie der Mitte und des Ausgleichs der Gegensätze auch des Geschlechterkampfes in seinen transpersonalen Mächten darstellen könnte. Rawls plädiert in Theorie der Gerechtigkeit ausgehend von seinem berühmten Gedankenexperiment vom hypothetischen Urzustand93 „für zwei Grundsätze der Gerechtigkeit: 1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist. 2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns 93 Rawls „demonstriert sein Konzept des Gesellschaftsvertrags mit einem inzwischen berühmten Gedankenexperiment: Die Vertragspartner befinden sich in einem hypothetischen „Urzustand“ (original position), der durch einen „Schleier des Nichtwissens“ (veil of ignorance) gekennzeichnet ist. In dieser angenommenen Situation wird über die Gerechtigkeitsprinzipien entschieden, die der realen Gesellschaftsordnung zugrunde liegen sollen. Die Entscheidungsträger wissen aber im Urzustand selbst nicht, an welcher Stelle dieser zu bestimmenden Ordnung sie sich befinden werden. Durch diese neutrale, anonymisierte Entscheidungssituation soll sichergestellt werden, dass die gewählten Gerechtigkeitsprinzipien in einem fairen Verfahren zustande kommen“ (vgl. den deutschen Wikipedia-Artikel zum Stichwort „A Theory of Justice“ vom 21.11.2018). Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 80 Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen.“ „Dabei besteht ein Vorrang des ersten Prinzips vor dem zweiten sowie ein Vorrang des Prinzips fairer Chancengleichheit (b) vor dem Differenzprinzip (a).“94 Die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls findet damit die Mitte zwischen den Ansprüchen des Matriarchismus auf Vergemeinschaftung und Begrenzung („gleiches Recht auf das umfangreichste System“)95 und denen des Patriarchismus auf Freiheit des Individuums und Entgrenzung zur Verwirklichung seiner Möglichkeiten („umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten“) innerhalb staatlich organisierter Gesellschaften und stellt diese und damit jeden Menschen sogleich in den wiederum analog miteinzubeziehenden Kontext der globale Menschheit oder Weltgesellschaft („System (…), das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist“). Im zweiten Hauptsatz kalkuliert er die Dynamik und Wandelbarkeit menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Gleichgewichte mit ein, die immer wieder neu zu neuen Ungerechtigkeiten führen, indem er „soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten“ zugesteht, sie aber auf „jedermanns Vorteil“ verpflichtet und den Zugang zu höheren Positionen und Ämtern „jedem offen“ hält. Rawl würde – so der Wikipedia-Artikel zum Stichwort „A Theory of Justice“ vom 21.11.2018 weiter – „bewusst keine ideale, letztbegründete Moraltheorie aufstellen, sondern eine politische Theorie über die Grundprinzipien einer gerechten Gesellschaft, die geeignet ist, als Maßstab für praktisches politisches Handeln zu dienen“. Hierin sehen wir die zentrale Schwäche von Rawls Argumentation, die aber problemlos im Sinne seiner Theorie mit Hilfe des von uns erarbeiteten 94 Vgl. den deutschen Wikipedia-Artikel zu Stichwort „A Theory of Justice“ vom 21.11.2018. 95 Die hier als matriarchales Moment verstandene Forderung nach Gleichheit ist – wie wir oben gezeigt haben und wie wir sie oben auch der Linken-Gender-Politik unterstellt haben – genaugenommen patriarchal als Forderung nach Gleichheit unter freien Individuen. Rawls Theorie der Gerechtigkeit ist also tatsächlich erst nach ihrer Reinterpretation im Zuge ihrer Transformation durch das Dritte des Naturbezuges eine Theorie der Gerechtigkeit, die beide Parteien des Geschlechterkampfes, die sich im Kalten Krieg gegenüber standen, d.h. den Matriarchismus des Sozialismus und den Patriarchismus des Kapitalismus, in ihren jeweils positiven Aspekten versöhnt. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 81 Hintergrunds zu einer Stärke verwandelt werden kann: Die Mitte zwischen den von uns als Matriarchismus und Patriarchismus identifizierten Parteien des Geschlechterkampfes bzw. die Mitte zwischen x-beliebigen Parteien innerhalb der Gesellschaft, wie sie Rawls mit seiner Theorie der Gerechtigkeit freizulegen und zu finden sucht, um den ansonsten ewigen Kampf um Gleichheit – der nach Rancière Charakter des Politischen ist und grundsätzlich zu eskalieren droht – in einen friedlichen Streit ums bessere Argument zu verwandeln, braucht ein Drittes, aus dem heraus sich das Gleichgewicht zwischen den Parteien findet. Dieses Dritte findet sich im Rückbezug auf die Natur bzw. das Ökosystem, aus dem heraus beide Parteien ins (dynamische) Gleichgewicht des Spiels finden, in dem die Ansprüche beider Seiten in ihr aufeinander und auf das Ökosystem als ihr gemeinsamer Lebens- und Handlungszusammenhang abgestimmtes Miteinander finden. Für die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls lässt sich sehr wohl ein Letztbegründungs-Zusammenhang entdecken, damit sie überhaupt zu sich selbst als eine Theorie der United Nations und der Menschheit als Weltgemeinschaft findet. Die Grenzen des Wachstums der Erde, wie sie uns, vom Club of Rome in den 60 iger Jahren prophezeit und aktuell im inzwischen für alle einsichtigen Klimawandel vor Augen geführt werden, stellen als Faktum, dass alle Menschen in der Ausübung ihrer von Rawls zugestandenen Grundfreiheiten und ihres von Rawls ebenso eingestandenen Grundrechts auf Vergemeinschaftung von Gütern (so dass „sie zu jedermanns Vorteil dienen“) betrifft, den Letztbegründungs-Zusammenhang her, der Rawls Theorie der Gerechtigkeit gefehlt hat. Die Synthese der Ansprüche von Matriarchismus und Patriarchismus gelingt nur unter Bezugnahme auf das Dritte der Natur, durch das beide Seiten im Spiel des Miteinander immer wieder in neue Gleichgewichte zwischeneinander finden, aus dem heraus sie „als Maßstab für praktisches politisches Handeln (…) dienen“ (ebd.) können. In dieser Synthese unter Rückbezug auf und unter Anverwandlung durch dieses Dritte der Natur finden beide Parteien nicht nur die Mitte zwischeneinander, sondern verwandeln sich selbst überhaupt erst in das im Innersten von ihnen gesuchte Eigentliche ihrer selbst. Der Lösung des Geschlechterkampfes im epochalen Maßstab ist nicht damit gedient, wenn man die Familie als Keimzelle von Vergemeinschaftung und Liebe – wie sie als positives Produkt vom Patriarchis- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 82 mus hervorgebracht wurde – aufhebt, wie es der Kommunismus in seiner matriarchalen Einseitigkeit vorschlägt. Der Lösung des Geschlechterkampfes im epochalen Maßstab ist aber auch nicht damit gedient, wenn man die Freiheit des Individuums bis zur Zerstörung allen Gemeinschaftssinns der Menschheit – wie ihn der Matriarchismus als positives Produkt hervorgebracht hat – entgrenzt, wie es der Finanzkapitalismus in seiner patriarchalen Einseitigkeit praktiziert. Die Lösung ist immer – streng nach Rawls Theorie der Gerechtigkeit – in der Mitte zwischen beiden Ansprüchlichkeiten der transpersonalen Mächte unter Bezugnahme auf das sie synthetisierende Dritte der Natur zu finden. Der Gemeinsinn des Matriarchalen verdichtet sich zum Hemmnis jeder individuellen Kreativität, wird er nicht durch ein Zugeständnis von Freiheiten des Individuums austariert, ebenso wie die Freiheit des Patriarchalen sich im Grenzenlosen und Rücksichtslosen verliert, wird sie nicht durch die Indienststellung für das Gemeinsame zurückgebunden. Das Spiel der Selbstorganisation erst schenkt die Vermittlung matriarchaler Ansprüche (Grenze, Gemeinschaft) und patriarchaler Ansprüche (Struktur, Freiheit), insofern es diese Ansprüche jeweils im umfassenden Bezugsrahmen des Ökosystems verortet, der den matriarchalen Grenz- und Vergemeinschaftungsimpuls auf die Grenzen des Ökosystems und die Weltgemeinschaft hin weitet (statt sich im Egoismus von Nationen unter Bevorzugung einer Gruppe wie bspw. der Arbeiterklasse oder eines Volkskörpers zu verlieren) und den patriarchalen Strukturierungs- und Freiheitsimpuls auf einen angemessenen Ressourcenkonsum (statt auf grenzenlosen Egoismus ohne Rücksichtnahme) verpflichtet. Die Bezugnahme auf die Natur erst ermöglicht die Verwandlung des Prinzips quantitativen Wachstums der Matriarchismus wie Patriarchismus gemeinsamen Flucht in eine unmögliche Zukunft in das Prinzip qualitativen Wachstums, insofern es eine absolute Grenze setzt, die beiden Parteien ihre Rollen zuweist und zur Vermittlung ihrer Interessen zwingt. Sie verwandeln sich in dieser Bezugnahme zum Eigentlichen ihrer selbst, insofern sich der matriarchalen Impuls zur Zwangs-Vergemeinschaftung von Besitz zur schenkenden Tugend und der patriarchale Impuls zur freiheitlichen Selbstentgrenzung in ein Vermögen zur Schöpferischkeit verwandeln würde. Die Bezugnahme auf die Natur zollt dem Matriarchismus in seinem Impuls nach Vergemeinschaftung Tribut, indem sie das Ökosystem Erde und seine Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 83 Ressourcen zum Allen Gemeinsamen macht. Sie zollt aber auch dem Patriarchismus in seinem Impuls nach Freiheit und Selbstentgrenzung Tribut, indem sie allen Einzelnen innerhalb dieses Bezugsrahmens die gleichen Konsumptionsrechte zugesteht, die sich in ihrer Summe mit den Grenzen des Ökosystems vertragen. Sie verpflichtet auf einen Gemeinsinn, aus dem folgt, dass man das, was man nach ihrem absoluten Maßstab zuviel hat, abgibt – erlaubt aber auch Freiheiten zu einem qualitativen Wachstum, diese zugestandenen Konsumptionsressourcen zur Generierung eigenen Wohlbefindens weitestgehend und vor allem kreativ auszuschöpfen. Die Bezugnahme auf eine absolute Grenze des quantitativen Wachstums erlaubt die Vermittlung der Ansprüche der Begehrenden, die wir Menschen qua Sexualisierung unseres Seelenlebens sind, indem sie zwischen dem entgrenzten Begehren Einzelner, dem der Patriarchismus alle Freiheiten zugestehen will, und dem nicht minder legitimen, Ressentiment-geleiteten Begehren nach Gleichheit und Vergemeinschaftung Aller, das vom Matriarchismus unterfeuert wird, zu vermitteln erlaubt. Die Flucht nach vorne in eine immer forciertere Ausbeutung und damit Zerstörung des Ökosystems, in der bis heute die Lösung dieses Konflikts gesucht wurde, ohne im Sinne schlechter Unendlichkeit je wirklich einen Ausgleich zwischen den Interessen des Matriarchismus und des Patriarchismus und damit in den Frieden eines Gleichgewichts der Parteien des Geschlechterkampfes gefunden zu haben, ist damit abgeschnitten. Die Bezugnahme auf die Natur als Drittes erlaubt die Vermittlung der Gruppeninteressen des Matriarchismus mit den Einzelinteressen des Patriarchismus – und damit eine Lösung des Systemkonflikts des Kalten Krieges, die – weit davon entfernt, in der vorläufigen, scheinbaren Unterlegenheit der Sozialistischen Idee eingelöst zu sein – noch aussteht. Gerechtigkeit wäre demnach ein Mittleres zwischen dem Impuls des Matriarchismus nach Vergemeinschaftung und dem Impuls des Patriarchismus nach Freiheit, der qua Rückbezug auf das Ökosystem als Ganzheit die Grenzen des äußeren Wachstums diktiert, innerhalb derer die größtmögliche Freiheit des Individuums in Abstimmung auf das Gemeinwohl im Sinne inneren Wachstums von Individuum und Gemeinschaft ohne Schädigung des Ökosystems anzustreben wäre. Sie schließen sich scheinbar paradox aus, finden aber in ihr Innerstes und Eigentliches, indem sie sich wechselseitig in einem durch ein Drittes begründetes Spiel be- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 84 stimmen und in ihre Rolle finden. Die Abstimmung des Gemeinsinns (matriarchales Moment) mit den Freiheiten des Individuellen (patriarchales Moment) – wie sie Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit vorschwebt – gelingt nur in der Bezogenheit auf das Dritte, das zwischen ihnen immer wieder neu die Mitte stiftet und sie miteinander vermittelt. Wie kann eine solche politische Vermittlung von Matriarchismus und Patriarchismus, von Mutter- und Vatergottheiten und ihren archetypischen Ansprüchen, von dem menschlichen Bedürfnis nach Gemeinschaft und dem menschlichen Bedürfnis nach Freiheit durch die Bezugnahme auf die Natur als eines Dritten im Sinne der Theorie der Gerechtigkeit von Rawls in concreto aussehen? Zuvorderst krankt Rawls Theorie der Gerechtigkeit daran, dass ihr ein echtes Motiv zur Vermittlung dieser scheinbar paradoxen Grundbedürfnisse des Menschen wie der Menschheit im internationalen Maßstab fehlt. Sie könnte als Blaupause für eine Einigung der United Nations auf ein gerechtes Miteinander der Menschen und Nationen auf dem Planeten dienen, vergisst aber, dass die Menschheit bisher noch immer zu ihrer Einigung die Flucht nach vorne in eine unmögliche Zukunft auf Grundlage nicht vorhandener, unbegrenzter Ressourcen angetreten hat. Sie vergisst auch, dass mit dieser Option der Flucht das Motiv bzw. der Zwang zur Einigung fehlt, der sich heute mit den spürbaren Grenzen des Wachstums radikal abzeichnet: Die Alternative zur Einigung der Menschheit auf ein gerechtes Miteinander unter Berücksichtigung der Grenzen des Ökosystems ist der Bürgerkrieg aller gegen alle oder der Wahnsinn der sich absetzenden und in die Festung Amerika oder die Festung Europa oder Chinas und ihrer kapitalfinanzierten Hochburgen Flüchtenden angesichts von zahllos vor ihren Mauern Verendender, der einen als wohlsituierter Bürger des Westens heute schon zu befallen droht. Zur Antwort auf die Frage nach dem Wie der Vermittlung unter Bezugnahme auf das Dritte der Natur sei vorab noch gesagt, dass – ist erstmal das Motiv klar freigelegt – sich auch ein Weg findet. Dieser Weg müsste wiederum doppelt ansetzen: nämlich bei den Agenten der Staaten und beim Individuum. Im Zeitalter der Chance sinnvoller Digitalisierung wäre es denkbar, die Idee des Sozialen und Ökologischen Fußabdrucks radikal umzusetzen und den Emmissionsund Ressourcenverbrauchswert der Menschheit zu errechnen, der sich Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 85 mit den Grenzen des Ökosystems verträgt. Dieser Wert wird durch die Anzahl der Menschen geteilt, was somit einen Maßstab für das von ihnen jeweils ohne Schädigung von Natur und Mitmenschen zu Emmittierende bzw. zu Verbrauchende darstellt. Der Ressourcenverbrauch zur Produktion jedes Produktes und der Ressourcenverbrauch zur Nutzung jedes Konsumgegenstandes müsste jeweils dem Produkt oder Konsumgegenstand selbst in Form eines Codes eingeprägt sein, der dann von einem Scanner, den jeder Mensch auf dem Planeten mit sich führt, vor dem Verbrauch eingelesen werden kann, um ihm einen Konsumstopp nahezulegen, falls sein Konto aufgebraucht ist. Dieses Verfahren müsste vorläufig von jedem Gemeinwesen selbst international abgestimmt organisiert werden, insofern sich die Differenzen zwischen den Lebens- und damit Ressourcenverbrauchsniveaus unterschiedlicher Länder nicht ohne politische Schwierigkeiten von Heute auf Morgen einebnen lassen. Die Nationen untereinander wiederum müssten daher jeweils eine analoge Bilanz eines erlaubten Ressourcenverbrauchs auf Grundlage ihrer Einwohnerzahl führen und den Mehroder Minderverbrauch im Vergleich zum globalen Mittelwert politisch Schritt für Schritt abstimmen und nach Innen politisch ihren Bürgern nahelegen. Die Deduktion dieses Soll-Verbauchs für jedes Individuum ist dabei keine Deduktion aus einem matriarchalen oder patriarchalen Gotteskomplex heraus, sondern entspringt in ihrer Wertbestimmung der Ableitung aus dem Mittleren zwischen Matriarchismus und Patriarchismus, nämlich dem Ernstnehmen der Natur als vermittelndem Dritten und ihrer Grenzen und Bedürfnisse. Der nicht zu überschätzende Vorteil und das nicht zu überschätzende Motiv zur Verwirklichung eines solchen Global-Footprint-Messengers wäre, dass er den Menschen des Westens einen zwar massiv eingeschränkten, dafür aber gewissenskonfliktfreien Konsum ermöglichen würde – und den Ausgebeuteten und Entrechteten dieser Erde eine Perspektive auf Teilhabe bieten würde, die sie nicht qua Migration erzwingen müssten. Die direkte Folge eines solchen Global-Footprint-Messengers wäre nämlich, dass sich die Unternehmen der westlichen Hemisphäre aufgrund des damit sich einstellenden Konsumrückgangs in Ländern der sogenannten Dritten Welt investieren würden und sich dort wie von selbst funk- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 86 tionierende Formen von Staatlichkeit ergäben.96 Nicht zuletzt würden die Bürger des Westens – wo ihr Beispiel heute nur Gewalt, Chaos und Leid sät – damit erstmals beispielgebend leben: Anstatt in ihrem entgrenzten Konsum das mimetische Begehren aller Ausgebeuteten und Entrechteten dieses Planeten anzustacheln und analoge Bedürfnisse bei ihnen zu wecken, was angesichts der ökologischen Grenzen des Wachstums einem Suizidkommando gliche, würden sie erstmals vorbildhaft den unglücklich machenden, materiellen Überfluss durch die Freuden an der Fülle und Überfülle des Spiels verblassen lassen wie schemenhafte Alpträume, die ihre Macht mit der Morgensonne verlieren. Das Schreckensszenario einer Menschheit von nicht zu sättigenden, unendlich Begierigen und Begehrenden, wie es sich mit dem Prosperieren solcher bevölkerungsreichen Staaten wie China, u.a. ankündigt, deren Erfüllung mit Sicherheit die Grenzen des Ökosystems sprengen würde, wäre entschärft zu einem Miteinander, durch das je- 96 Käme man dieser Form des internationalen Ausgleichs des Ressourcenverbrauchs und seiner Anpassung an das Ökosystem mit Hilfe eines Global-Footprint-Messengers nach, würde man den Finanzkapitalismus zu seinem einzig Guten zwingen: nämlich naturgesetzlich auf den letztlichen Ausgleich unterschiedlicher Energie- bzw. Einkommensniveaus hinzuwirken. Man könnte sich dann und nur dann die Abschaffung des Finanzkapitalismus sparen, weil ihm die Zügel angelegt wären, die er zur Verwandlung seiner zerstörerischen in eine heilsbringende Macht braucht. Seine Macht für bessere Ziele, die nicht die seinen sind, einzuspannen, um ihn nach getanem Werk, d.h. nach der Schaffung von auf das Ökosystem abgestimmten Produktionsmittel, abzuschaffen, war auch schon für Marx der Weg zur Realisation seines Traum von einer freien Gesellschaft: „Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden." (Marx/ Engels: Die deutsche Ideologie, MEW 3, 1846/ 1932, S. 33). Smiths unsichtbare Hand des Marktes (vgl. Smiths „Nadel-Rede“ – dazu vgl. Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung, Frankfurt/ M. 2006, S. 309ff.) ist wahrscheinlich ein Phänomen des Spiels der Natur, die mit Naturgesetzlichkeit die Schwierigkeiten und Probleme löst, schafft man für sie Rahmenbedingungen, die die Kollateralschäden auf dem Weg zum erträumten Ziel wie die Ausbeutung von Mensch und Natur verhindern. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 87 der sein glückliches Auskommen hätte. Eine Politik, die die Macht des schlechten Gewissens und damit die Menschen (in ihrem natürlichen Vermögen zur Ausbildung eines schlechten Gewissens) unterschätzt, läuft in ihrer Arroganz Gefahr, selbst vom Sturm der Geschichte hinweggefegt zu werden: Dass die Menschen heutzutage kaum Anzeichen zu einer Bereitschaft des weltweiten kooperativen Miteinanders unter Rücksichtnahme auf das Ökosystem als Lebensgrundlage aller zu zeigen scheinen, liegt einzig daran, weil sie die Hoffnung dazu mangels eines neuen Glauben schenkenden Paradigmas, mangels einer Hoffnung stiftenden Vision und mangels einer Politik, die Anlass zu solcherart Glauben und Hoffnung gibt, aufgegeben haben. Die Verzweiflung unter den Menschen auch des Westens heutzutage könnte daher kaum größer sein: es geht schlicht um den Wunsch, weiteratmen zu wollen, Kinder in eine Welt setzen zu wollen, die nicht einem Horrorkabinett gleicht, ohne schlechtes Gewissen sich zu ernähren und freie Tage am Meer oder in den Bergen zu verbringen. Das schlechte Gewissen ist wie der Schatten, der sich über die Menschen und den Planeten legt – ein Schatten, der sich Zusehens verfinstert, wenn wir uns nicht mit dem ersten Keimen der Einsicht auf den Weg begeben.97 Die Politik müsste – auch streng im Sinne von Rawls Theorie der Gerechtigkeit – eine Lern- und Therapiegesellschaft zu entwickeln helfen, in der alle tatsächlich dieselben Chancen zur Teilhabe haben und auf dem Weg dorthin dort abgeholt werden, wo sie stehen; sie könnte in einer Ausweitung der Zugangsmöglichkeiten zur Künstlersozialkasse bestehen, mit deren Hilfe die weitere Selbstentwicklung und –Entfaltung der Perspektiven von Kunst, Unterhaltung, Wissenschaft und Journalismus als Vierter Gewalt im politischen Spiel der Kräfte unterstützt würde; sie könnte in einem Wertschätzung der Arbeit von ErzieherInnen, Lehrer- Innen, SozialarbeiterInnen, TherapeutInnen und Kranken- und AltenpflegerInnen liegen, die bspw. mit den Kindern im gemeinsamen, revolutionären Basteln von Kinderspielsachen aus ausrangiertem Schrott und Verpackungsmüll frei nach Adorno besteht, der sinngemäß sagte, dass Erlösung wenn überhaupt auf dem Autofriedhof zu erwarten sei; sie könnte finanziell die Entwicklung einer Gesellschaft unterstützen, 97 Zum Thema des Schattens und des schlechten Gewissens in der Psychologie Jungs und Neumanns siehe Neumann: Tiefenpsychologie und neue Ethik, München 1964. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 88 die sich nicht nur mit Sonntagsreden zur Bildungs- und Chancengerechtigkeit blendet, während sie den Benachteiligten und Gedemütigten weiter das Wasser dazu abgräbt (denn – man übersieht es leicht in seiner selbstgefälligen Arroganz – dumm ist niemand außer man selbst in seinen Vorurteilen), sondern Chancen zur Emergenz einer Gemeinsamkeit aus den Beiträgen von Vielen bietet, nach der sich alle sehnen. Die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls findet durch die Bezugnahme auf die Natur als das die Gegensätze und Parteien synthetisierende Dritte in ihren Namen. Die Mitte zwischeneinander – den die Theorie der Gerechtigkeit transparent und damit stark zu machen versucht – ist der Ort der Berührung zwischen Mann und Frau, zwischen Liebenden allgemein, zwischen den Ansprüchen von Matri- und Patriarchismus: der Gott zwischen uns – wie es in before sunrise, einem Liebesfilm, hieß –, der aber kein Gott vergangener Hochkulturen mehr ist, sondern der von Nietzsche (u.a.) beschworene Kinds-Gott, dessen Morgendämmerung nicht umsonst in eine Zeit fällt, in der sich die Frage der Generationengerechtigkeit nicht nur angesichts des Rentenproblems stellt, sondern vor allem wegen der allgemeinen Not und Verzweiflung, die keinem Kind mehr zu erklären ist. Platon und Aristoteles haben als Begründer der abendländischen Philosophie in der eudaimonia bzw. Glückseligkeit das höchste Ziel des menschlichen Lebens erkannt – und sahen beide in der Tugend der Gerechtigkeit den Weg zu ihr. Die Theorie der Gerechtigkeit entspringt ideengeschichtlich wesentlich der mesotes-Lehre des Aristoteles, der sie als Versuch definierte, zwischen den Extremen die Mitte des tugendhaften Handelns zu entdecken. Aristoteles zentraler Begriff im Zusammenhang mit der mesotes-Lehre ist die Hochsinnigkeit, „die den Willen zur Differenz einschließt und sich im Vollzug der Aufrichtung durch eine Urentscheidung gegen die Schwerkraft konstituiert“98 und darin eine Möglichkeit zur Beurteilung von richtig bzw. falschem Handeln stiftet, da eine von zwei Handlungsoptionen in einer konkreten Situation immer die relativ angemessenere ist. Die Angemessenheit als Kriterium über die Qualität einer Handlung wiederum ergibt sich aus dem Resonanz- 98 Villawock: Sublime Rhetorik. Zu einigen noologischen Implikationen der Schrift Vom Erhabenen – in: Pries (Hrsg.): Das Erhabene. Zwischen Grenzerfahrung und Grö- ßenwahn, Weinheim 1989. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 89 Gefühl, d.h. dem Gefühl dafür, ob eine Handlung in einer Situation unter Rücksichtnahme auf den Gesamtzusammenhang der Ganzheit von Ökosystem und Menschheit passend, stimmig bzw. angemessen ist. Hochsinnigkeit und Resonanz-Gefühl erschließen sich beide von sich aus dem Menschen, der ins Spiel der Vermögen gefunden hat. Sie stellen die individuellen Möglichkeiten zur Beurteilung der Angemessenheit des eigenen Verhaltens unter Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs von Ökosystem und Mitmenschen dar, in denen sie als Handlung wie alle anderen Ereignisse im Sinne der Chaostheorie notwendig steht.99 Auch ohne Verwirklichung des Traums eines Global- Footprint-Messengers haben wir vermittelt über diese unsere Fähigkeiten und Vermögen die Möglichkeit und Chance, unser Verhalten sinnvoll an die eingeschränkten Ressourcen unseres Planeten und die Chancen unserer Mitmenschen zur gerechten Teilhabe an dem, was wir als Bürger der westlichen Welt genießen, anzupassen. Wir sollten diese Chance zu unserem eigenen Besten und dem Besten unserer Kinder heute schon nutzen! Diese Ziele sind unabhängig von dem, ob und inwieweit andere Länder auf diesem Weg mitgehen, umzusetzen: Der Konkurrenz-Wettbewerb der Nationen um quantitative Marktanteile und Exportüberschüsse – bei dem die Bundesrepublik eine denkbar schlechte und die Europäische Union und die United Nations zerstörende Rolle spielt mit ihrem peinlichen Titel des „Exportweltmeisters“ – muss von einem Wettbewerb um Ideen für ein auf das Wohl der Menschheit innerhalb des Ökosystems Erde abgestimmtes Wirtschaften und Handeln abgelöst werden: Die konsequente Transformation des Gesellschaftssystems schafft keine Nachteile, insofern sich gute Ideen verkaufen lassen, wenn sie – was sich von sich aus ergeben würde – nicht verschenkt werden wollen – und alle anderen Wege sowieso in den pandemischen Wahnsinn von Bevölkerungen und Nationen führen, zu dem die Menschheit mehr als dringend eine Alternative braucht. Den zwei Grundsätzen der Theorie der Gerechtigkeit von Rawls müsste also ein dritter Grundsatz – sie in ihrer Zweiheit interessanterweise wie im Spiel von Zweien unter Rückbezug auf das Dritte der Na- 99 Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, XII.2. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 90 tur zu einem neuen Paradigma mit Letztbegründungs-Qualität synthetisierend – hinzugefügt werden: Der Ausgleich zwischen Gemeinsinn und Freiheit findet sich durch den Bezug auf die Grenzen des Wachstums bzw. das vom Ökosystem dem Menschen als Handlungsspielraum Zugestandene. Sloterdijk fasst die Situation der Menschheit treffend in Das Anthropozän – Ein Prozeß-Zustand am Rande der Erd-Geschichte?100 zusammen: „Die Menschheit steht nur diese eine Erde zur Verfügung. Sie darf folglich von ihrer Grundlage nicht mehr verlangen, als sie zu geben imstande ist – bei Strafe der Selbstzerstörung“ (ebd., S. 33). Der „kinetische Expressionismus der letzten Jahrhunderte“ – so Sloterdijks Folgerung aus diesem Axiom – muss „radikal modifiziert werden (…), wenn er schon nicht beendet werden kann“ (ebd., S. 27). Die „Forderungen nach einer globalen Ethik der Mäßigung oder gar die Hoffnung auf einen klimatischen Sozialismus“ – wie wir sie auch hier vorgeschlagen haben – seien „illusorisch“: „Sie haben nicht nur die Schubkraft der expressionistischen Zivilisation gegen sich, sie widersprechen auch den Einsichten in die Triebkräfte der höheren Kulturen. Diese sind nämlich ohne die Liaison zwischen dem Streben nach Selbsterhaltung und dem Willen zur Selbststeigerung nicht zu denken“ (ebd., S. 35f.). Die Chance auf einen Ausweg aus diesem Dilemma, dass die „Erde (…) nur in einem einzigen Exemplar vorhanden“ ist, die „reichen Nationen“ aber „doch“ „heute bereits so“ „leben“, „als ob sie anderthalb oder zwei Erden ausbeuten dürften“, sieht Sloterdijk einzig in der Entwicklung einer „Technosphäre (…), die ihrerseits von einer Noosphäre animiert und moderiert wird“: es sei „nicht a priori ausgeschlossen, dass hierdurch Effekte auftreten, die einer Multiplikation der Erde gleichkommen“ (ebd., S. 37f.). Hierzu sei „zwischen Heterotechnik und Homöotechnik zu unterscheiden – wobei die erste auf Proceduren der Naturvergewaltigung und der Naturüberlistung beruht, die zweite auf Prozeduren der Naturnachahmung und der Fortführung natürlicher Produktionsprinzipien auf artifizieller Ebene“ (ebd., S. 38). Sloterdijk schreibt weiter: „Durch die Umrüstung der Technosphäre auf homöotechnische und biomimetische Standards würde mit der Zeit ein völlig anderes Bild vom Zusammenspiel zwi- 100 In: Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert?, Berlin 2016. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 91 schen Umwelt und Technik entstehen. Wir würden erfahren, was der Erdkörper kann, sobald die Menschen im Umgang mit ihm von Ausbeutung auf Koproduktion umstellen (ebd.)“. Sloterdijk Antwort auf das Problem der Menschheit scheint auf den ersten Blick bestechend rettend zu sein: Insofern die Menschheit das Movens ihres Antriebs nicht wird überwinden können, wir aber nur einen Planeten haben, obwohl wir zu unserer Entwicklung und Entfaltung mehrere bräuchten, kann uns nur eine technikgestützte Multiplikation des Planeten retten. Die Schwierigkeit zeigt sich hier, wenn man sich von Sloterdijks vermeintlich holistischem Vokabular nicht blenden lässt: So wünschenswert eine Homöotechnik qua Mimesis und Simulation der Natur auf Grundlage von Künstlicher Intelligenz und computergestützter Informationsverarbeitung wäre, so sehr müsste auch darauf geachtet werden, dass diese Technik nicht die alten Fehler des naturentfremdeten Patriarchismus wiederholt. Soll die Mimesis und Simulation von Natur nicht zu reinem Schein geraten, so dürfte sie weiterhin nur Organ (und nicht sich verselbständigendes Instrument) von Menschen sein, die sie ihrerseits im Sinne unseres Paradigmas der holistischen Spielphilosophie anverwandeln. Künstliche Intelligenz schafft keine Mimesis der Natur, sondern kann nur die Noosphäre, d.h. die Sphäre des patriarchalen Geistes, der sie geschaffen hat, weiterentwickeln, da sie selbst nicht Natur ist bzw. der Naturentfremdetheit des Geistes des Patriarchismus entspringt. Sie verdankt ihre Herrschaft der Verdrängung des zweiten, elementaren Aspekts der Natur, nämlich des Matriarchalen – vor allem aber der Verdrängung des Matriarchismus und Patriarchismus synthetisierenden Spiels der Selbstorganisation, dem sie sich in ihrer Geist-Gegründetheit entzieht, statt sich durch sie in einem Akt der Aufgabe ihrer Herrschaftsambitionen organisieren zu lassen, d.h. sich in der Selbstorganisation der Natur zu gründen. Künstliche Intelligenz kann a priori nicht schöpferisch sein im Sinne der Selbstorganisation der Natur, weil ihr selbst das dieses Schöpferisch-Sein ermöglichende Spiel der Vermögen abgeht. Ihr fehlt als von Menschen entwickelter Technik die Teilhabe an der alles belebenden Selbstorganisation, die ihr Grenz- und Strukturvermögen ins Zusammenstimmen und damit ins Spiel setzt. Sie schließt sich selbst als Geist-inspirierte Technik per se von der Teilhabe am Leben im ganzheitlichen Zusammenhang der durch die Selbstorganisation hervorgebrachten Natur aus. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 92 Sloterdijks Zuflucht in den Schein einer holistischen Techno- und Noosphäre und die dadurch zu erhoffende „Multiplikation der Erde“ verbleibt in der von ihm mit Spinoza diagnostizierten „Flucht nach vorne“ (ebd., S. 12) und entspricht trotz aller Beredetheit und allen gegenteiligen Vokabulars durch und durch dem der Natur entfremdeten Patriarchismus. Die „Schubkraft der expressionistischen Zivilisation“ ist Phänomen des Patriarchismus wie das „Streben nach Selbsterhaltung“ und der „Wille(n) zur Selbststeigerung“ der Motivationsquelle im Sexualtrieb entspringt, die nicht nur nicht zu wahrhafter Kreativität taugt, die Sloterdijk zusammen mit Buckminster Fuller in seiner Betriebsanleitung für das Raumschiff Erde (1984) als Inspirator des Silicon Valley anzielt, sondern auch in den finalen, großen Knall des von uns unter solchen Vorgaben befürchteten Bürgerkriegs aller gegen alle mündet. Sicherlich ist Sloterdijk zuzustimmen, dass die „Hoffnung auf einen klimatischen Sozialismus“ oder eine „globale(n) Ethik der Mäßigung“ „illusorisch“ scheinen. Der black friday trägt nicht umsonst seinen Namen: Angesichts einer allgemeinen Shopping-Wut wird einem schwarz vor Augen. Anders als Sloterdijk meinen wir aber schon Grund zur Hoffnung zu haben – eine Hoffnung, die Sloterdijk so nicht haben kann, weil er das Phänomen des Spiels der Vermögen nicht verstanden hat: Die Alternative zu Sloterdijks patriarchaler Vision einer „Ethik des Feuerwerks“ „manischer Verschwendung“ als Folge des „Expansionismus“, die er hofft, in die Sphäre von Techno- und Noosphäre versetzen und dort in ihren Negativfolgen für den Planeten entschärfen zu können, ist nicht einzig – wie er suggeriert – eine „Ethik der Askese“ „depressiver Sparsamkeit“ als Folge eines „Minimalismus“ (ebd., S. 33). Die Alternative wäre das Dritte zwischen diesen Polen, die sie ihrerseits verwandelt: Die Spielphilosophie ist keine Ausgeburt einer „Elite von ressentimentgetriebenen depressiven Spiritualisten“ (ebd.), sondern eine Philosophie der Fülle, die weder materiell noch spirituell ist, sondern schöpferisch und damit ganz und gar erfüllend.101 Der Spielende Mensch bzw. homo ludens (Huizinga) ist weder 101 Sloterdijk wäre nicht Sloterdijk, wenn er dieses Entweder-Oder nicht durch ein Sowohl-Als-Auch ergänzte: So zitiert er am Ende seines Anthropozän-Aufsatzes Amery, demzufolge wir uns im Sinne der „attischen Tragödie von Grund auf als die Sterblichen“ verstehen müssten und unseren Planeten als eine „Erde, die zu real ist, um die Rolle einer herkömmlichen Transzendenz auszufüllen, doch auch Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 93 expressionistisch noch impressionistisch, sondern er ist Ausdruck der schöpferischen Fülle der Ganzheit bzw. des Kinds-Gottes, die sich von sich aus sowohl ex- als auch impressionistisch, aber vor allem angemessen auf die jeweilige Situation artikuliert.102 Die Mimesis von Natur kann keine Äußere im Sinne einer Mimikry sein, sondern muss sich selbst als Teil der Natur allen Lebendigens bewusst werden, um ihrerseits in ihrem Sinne schöpferisch zu sein. Man muss die Spielphilosophie nicht moralinsauer von den Kanzeln predigen; man muss den Menschen nicht ökodiktatorisch ihren Konsumwahn ausreden oder ihre Spielzeuge der Spielzeugindustrie entreißen: Man könnte ihnen nur ein Beispiel geben, wie schön es ist, ohne all dies in der Fülle seiner eigenen Schaffenskraft und Schöpferischkeit zu stehen; man könnte ihnen vorleben, dass das Spiel des Miteinander schöner ist als warcraft; man könnte sie im Rahmen einer therapeutischen Gesellschaft darin unterstützen, sich ihrer Angst zu stellen und selbst zum Helden und zur Heldin zu werden, anstatt Heldentum immer nur innerlich zerfallend am Joystick zu simulieren. Die Lösung auch des politischen Problems unserer Zeit – dessen Lösungs-Notwendigkeit sich mit der Bedrohung durch einen allgemeizu transzendent, um je zum Besitz einer einzelnen imperialen Macht zu werden“ (ebd., S. 42). Sloterdijk weiter (es klingt so schön!): „In dieser Sicht bleibt Hölderlins Vision, wonach der Mensch auf der Erde dichterisch wohnt, für uns verbindlich: Das Konzept des Anthropozäns enthält die spontane minima moralia des gegenwärtigen Zeitalters: Es impliziert die Sorge um die Kohabitation der Erdenbürger in humaner wie nicht-humaner Gestalt. Es fordert auf zur Mitarbeit am Netzwerk der einfachen und höherstufigen Lebenskreise, in denen die Akteure der aktuellen Welt ihr Dasein im Modus der Ko-Immunität erzeugen“ (ebd., S. 42f.) Sloterdijk fehlt als Schlüsselelement zur Möglichkeit der „Kohabitation der Erdenbürger“ und zur Erzeugung einer „Ko-Immunität“ angesichts sich verschärfender Lebensbedingungen nur die Spielphilosophie, die aus der patriarchaler Kohabitation ein Miteinander und aus patriarchaler Immunität und patriarchalem Selbstschutz eine wahrhafte Immunität qua kreativer Anverwandlung von Wirklichkeit im Spiel der Vermögen macht. Ihm fehlt der Quellpunkt des Spiels, um die Pole des Entweder-Oder nicht nur zu einem Sowohl-Als-Auch zu machen, sondern zur Emergenz eines Dritten, Ausstehenden ins Spiel zu bringen. 102 Sich angemessen auf die jeweilige Situation auszudrücken, wäre eine Alternative zu unserer Welt, in der alle – wie von fremder Hand zu einem ohrenbetäubenden Expressionismus gezwungen, weil sonst ein Überschwemmt-Werden von Anderen und ein Verschwinden in der Unhörbarkeit droht – alle senden, aber keiner mehr zu empfangen bereit ist: zu einer Welt, die rein akustisch schon an die Grenzen ihrer Lebbarkeit kommt. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 94 nen, globalen Bürgerkrieg und der Bedrohung durch einen definitiven Verlust aller Möglichkeiten von Menschlichkeit und Würde des Menschen aufbaut – liegt in der Luft: wir müssen sie nur endlich ergreifen! Die Probleme und Schwierigkeiten spitzen sich bis zur Unerträglichkeit zu – bis die Lösung, wie heute, zum Greifen nahe liegt bzw. bis sie von sich aus zeitgleich in vielen, vielen Menschenköpfen und –Herzen kristalliert und wir endlich beginnen können, unsere überfälligen Hausaufgaben zu machen. Die Vielfalt überall keimender, Hoffnung machender Problemlösungsansätze ist das Heilende – die Vielfalt dieser Ansätze in Rückbezug auf die eine Natur. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 95 Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen Die Zukunft der Menschheit liegt – will sie nicht im Bürgerkrieg aller gegen alle untergehen – in einer therapeutischen Gesellschaft und Kultur, in der sich vor allem grundsätzlich mit Verständnis und dem Bemühen um wechselseitiges Verstehen begegnet wird und in der aufkeimende Aggression und Unversöhnlichkeit durch das Wahrnehmen, Annehmen, Verstehen und gemeinsame Transformieren der Angst, die hinter ihr steht, entschärft und aufgelöst wird. Zentrale Einsicht der Psychoanalyse ist, dass wir unsere Angst und die aus ihr quellenden Komplexe und Schwierigkeiten immer wieder auf die Mitmenschen und die Außenwelt projizieren, um sie im Außen zu verstehen und lösen zu könne, d.h. immer wieder unser eigenes Theaterstück im Wirklichen inszenieren, bis wir seinen Sinn verstanden haben.103 Die indische Philosophie des Buddhismus und die abendländische Spielphilosophie meinen dasselbe: wir können aus dem Rad der Wiedergeburten oder der Wiederholungen unserer Inszenierungen unseres Unbewussten im Außen durch die Konfrontation mit unserer Angst und ihrer Auflösung im Rückbezug auf das Mutterbauchstadium soweit stellen, dass das Innerste seiner Seligkeit (Nirwana) und unserer Seligkeit des Mutterbauchstadiums sich im Hier und Jetzt als Paradies auch in der Wahrnehmung der Außenwelt verwirklicht. Die Rotation des Rades der Wiedergeburt bzw. unserer Wiederholung unserer Projektion unseres Unbewussten in die Außenwelt dreht sich heutzutage in der allgemeinen, alles erfassenden Beschleunigung immer schneller, weil die Angst, die es antreibt, wächst. Der Sinn hinter dem Naturzwang zu Wiedergeburten und Wiederholungen ist, dass wir die Theaterinszenierungen unseres Unbewussten in der Außenwelt verstehen, dass wir das sich in ihnen Ausdrückende zu lesen und zu integrieren lernen und 103 Vgl. Freud: Zur Dynamik der Übertragung, Frankfurt/ M. 1992. 97 dass wir zentral die Angst – die es immer wieder zur Aufführung bringt und sich in ihr ausdrückt – überwinden. Mit dem finalen Verstehen unserer Theateraufführungen schließt das Theater – und die Bühne ist frei für die Verwirklichung des Paradieses auf Erden. Die Idee einer therapeutischen Gesellschaft und Kultur unterstellt den Menschen, dass sie in ihrer Flucht nach vorne noch nicht realisiert haben, wie krank sie eigentlich sind. Wir funktionieren – und solange wir funktionieren überleben wir im allgemeinen Wettkampf um Stücke vom Kuchen des Lebens und schöpfen falsche Hoffnung, dass er uns in der Hatz danach irgendwann sättigen wird. Die Chance einer diagnostizierten psychischen Krankheit liegt darin, dass man, um sie zu überwinden und aufzulösen, an den inneren Ort der eigenen Entwicklung zurückgehen muss, der noch unbeschadet vom krankmachenden Einfluss der Eltern und Mitmenschen ist. Ist die Störung besonders tief, bleibt oft nur der Rückbezug aufs Mutterbauchstadium, um das Störungsbild der Angst – die hinter allen psychischen Störungen steht, die sich daher auch pandemisch ausbreiten – durch das Sich-ihr-Stellen löst. Selbst die elementare Angst vorm Sterben-Müssen verwandelt sich in Vertrauen und dem Gefühl von Geborgenheit im Zusammenhang des Lebens der Natur, wenn man sich ihr stellt, statt vor ihr zu fliehen. Die zur Heilung der Angsterkrankung notwendige immer wieder vollzogene Regression in die Angst führt zu einem Sterben in der Angst, durch das man die Wiedergeburt durch die Natur und damit ihre tragende und seligmachende Heilkraft erfährt. Sie führt zu dem von Meister Eckhardt beschriebenen Kippmoment, dass die Dämonen, die uns in unserer Angst das Leben entreißen wollen, zu Engeln werden, die uns zum irdischen Dasein befreien – und zwar erst vom irdischen Dasein, um uns dann zum irdischen Dasein, zu einer Geborgenheit innerhalb der Natur, die den verlorenen Mutterbauch ersetzt, und zur Anverwandlung ihrer Selbstorganisationskraft, die sich im Spiel der Vermögen schöpferisch verausgabt, befreit. Psychische Krankheit bzw. das Eingeständnis einer psychischen Krankheit ist eine Chance, auf dem Weg der Heilung eine neue und tiefere Gesundheit zu erreichen, als sie die scheinbar Gesunden je hatten. Der Leitspruch der Sozialarbeit ist, die „Krise als Chance“ zu begreifen. Sie ist eine Chance, um das Schlaraffenland auf Erden zu entdecken, dass immer schon da war, das wir in unserer Blindheit aber nie fähig waren zu sehen. Das Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 98 Schlaraffenland entdecken wir interessanterweise in dem Moment, wo wir aufgrund unserer Angstlosigkeit im Naturvertrauen und dem daraus sich entbindenden Spiel der Vermögen selbst – abgesehen von der Nährung unseres Organismusses – nahezu frei von Bedürfnissen werden, weil wir durch die Seligkeit unseres Zustandes immer schon satt sind. Wir brauchen nichts mehr und haben alles. Die zentrale Einsicht, die sich als Folge der in einer therapeutischen Gesellschaft und Kultur angestrebten Angstexposition ergibt, ist die, dass die Natur im Innersten Seligkeit, Spiel und Freude ist und dass die Natur, trotz aller scheinbaren Gewalt, mit der sie die Menschheit zur Integration der Gegensätze treibt, immer nur Synthese und Gleichgewicht anstrebt. Die hier zugrundeliegende Interpretation der Wirklichkeit aus der im Mythos beschriebenen Natur- bzw. Selbstorganisationsmacht, die sich auf der Suche nach höheren Synthesen in ihre Gegensätze auseinanderlegt, löst die Wirklichkeit in eine Dynamik und einen scheinbar gewaltsamen Machtkampf auf, dessen Wahrheit nur zu ertragen ist, wenn man sich klar macht, dass dieser Machtkampf im Innersten kein Machtkampf, sondern Spiel ist. Mythos, Naturphilosophie und die Archetypen-Lehre Jungs und Neumanns104, die die Wirklichkeit in Dynamiken und in die von Nietzsche in seiner Spätphilosophie des falsch verstandenen „Willens zur Macht“ beschriebenen, scheinbaren Machtkämpfe auflöst105, kann trotz aller ihrer tref- 104 (wie bspw. die die vernunftkritische Philosophie Schopenhauers, Kierkegaards, Nietzsches, Heideggers, Adornos, Jungs, Neumanns, Böhme/ Böhmes usw. im Anschluss an Kant begründende Naturphilosophie Schellings) 105 Vgl. Kalb: Desintegration. Studien zu Friedrich Nietzsches Leib- und Sprachphilosophie (Frankfurt/ M. 2000) – vor allem das 3. Kapitel: Die Sprache der Kräfte. Nietzsches Spätphilosophie, die von seiner Schwester irrtümlich unter dem Titel Der Wille zur Macht herausgegeben wurde, letztlich aber nur fragmentarische Einsichten liefert, die im zentralen Aufsatz seiner Spätphilosophie, dem Dionysos Philosophus, in die Spielphilosophie zurückgebunden werden, baut entweder auf einem Selbstmissverständnis Nietzsches angesichts seiner schwindenden und ihn in den Wahnsinn führenden Kräfte auf. Oder – und dies ist wahrscheinlicher – die unter dem Titel Der Wille zur Macht herausgegebenen Fragmente wurden u.a. von Heidegger – der in „Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht als der „Essenz“ alles Wirklichen die neuzeitliche Metaphysik der Subjektivität vollendet“ sah, um sich kritisch davon abzugrenzen (Nietzsches Wort „Gott ist tot“ – in: Heidegger: Holzwege, Frankfurt/ M. 1994, S. 239), d.h. Heidegger zufolge ihren Patriarchismus und ihren Machbarkeitswahn auf die Spitze treibt – schlicht missverstanden und als Missverstandene tradiert. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 99 fenden Interpretationen des Wirklichen nur insoweit angenommen werden, als darunter das Spiel in seiner heilenden und die Gegensätze und Mächte immer schon synthetisierenden und damit Stille und Frieden schenkenden Integrationsfähigkeit wahrgenommen wird. Nietzsches Philosophie ist daher einzig sinnvoll auszulegen als Spielphilosophie, die sich in manchen Gedanken im Umkreis der Gedankenfigur des „Willens zur Macht“ selbst missverstanden hat. Die Geist-Philosophie des Patriarchismus entstand auf Grundlage der Verdrängung des Mythischen, die sich in den Schlachten und Gewaltexzessen des 20. Jahrhunderts furchtbar gerächt hat. Der Preis ihrer fortgesetzten Verdrängung wäre eine Blindheit für die Geschehnisse des Hier und Heute, das sich in seinen himmelschreienden, immer tieferen Widersprüchen und Paradoxien verfängt und genau besehen keinen anderen Schluss und kein anderes Verstehen mehr zulässt, als es die Spielphilosophie bietet. Ihr Verständnis setzt eine Haltung voraus, die das verdrängte Andere der Vernunft mit einbezieht. Ihr Mit-Einbeziehen bringt aber auch die beschriebene Dynamisierung der Wirklichkeit und ihre Wahrnehmung als scheinbar gewaltsamer Machtkampf mit sich, wenn man die offengelegten und als solche anerkennenden Energien und Mächte nicht – und hier kommt die Spielphilosophie der Ästhetischen Moderne bspw. Schillers und Nietzsches in ihrer zentralen Bedeutung zum Aushalten des Hier und Heute zur Geltung – als Mächte begreift, die in das diese Wirklichkeit hervorbringende Spiel der Vermögen einer spielenden Kinds-Gottheit eingebunden sind, in dessen Spiel im Innersten Seligkeit, Frieden, Selbstgenügsamkeit und Stille ist. Die Politik „spielt“ mit dem Feuer, wenn sie sich nicht um die Integration der matriarchalen und patriarchalen Energien und Mächte bemüht.106 Die Natur sucht von sich aus den Ausgleich und die Synthese und statt sich mit einer der beiden Seiten zu identifizieren und 106 Die Demokratie ist ein Ort des Spiels der Kräfte und des Kampfes ums bessere Argument. Nichtsdestotrotz ist nichts wichtiger, als die Wähler weitest möglich über die Folgen jeden politischen Handelns aufzuklären und ihnen so zu ermöglichen, selbst eine mündige, möglichst gute Entscheidung bei ihrer Wahl zu treffen. Wir kommen um eine sich über sich selbst aufklärende Aufklärung (Horkheimer/ Adorno), wie wir sie in unserem Aufsatz versuchen, nicht herum, wollen wir nicht weiter wie die Lemminge dem Abgrund eines Bürgerkrieges entgegenlaufen. Horkheimer/ Adorno schreiben in der Dialektik der Aufklärung: „Wir hegen keinen Zweifel (…), dass die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 100 den Geschlechterkampf zu eskalieren, sollte die Politik alles daran setzen, die Energien und Mächte zu verstehen und sie mit Hilfe der Überwindung der Angst ins Spiel der Energien und Mächte zu überführen, d.h. sich als Agenten der Liebe und Solidarität und des Selbst- und Fremdverstehens um Deeskalation und Synthesen bemühen. Sind wir der Natur entfremdet und isoliert von ihrer Heilungs- und Integrationskraft, erscheint uns die heutige Wirklichkeit als Außenstehendem als maßlose Gewalt ungeheurer Kräfte, die in ihr sich auseinanderlegen und nach Integration streben. Sie ist – um mit Nietzsche zu sprechen – ein „Tiger“, auf dessen „Rücken“ wir „in Träumen hängen“.107 Man darf und kann sich die Gewalt, mit der dieser Tiger – von außen betrachtet – böse-gewaltsam das Wild reißt, nur soweit anschauen, wie man sich durch die Innenperspektive – in der Tiger und Wild ihre Bestimmung mit spielerischer Leichtigkeit und Seligkeit annehmen – zu entschärfen fähig ist. Die Ignoranz der Menschen gegenüber der Natur und ihren Gesetzen inkl. der Tatsache, dass wir Menschen selbst Natur sind und in ihre Gesetze sowohl als Einzelne als auch als Gesellschaft eingebunden sind und sie ausagieren, führt dazu, dass die Natur in unserer Wahrnehmung als Außenstehende umso gewaltsamer und im Kampf aller gegen alle ohne Rücksicht auf unsere Befindlichkeiten die Integration der Gegensätze voranbringend erscheint. Dass wir die Naturgesetze gewaltsam ausagieren, liegt nicht in der Natur; es liegt nur an unserem eigenen Missverstehen der Natur und unserer daraus folgenden, von Angst geleiteten Selbstentfremdung: Sie böte uns die Chance auf Frieden. Sie ist Frieden, den wir nur – je weiter wir sie missverstehen und verdrängen und krankhaft als Gewalt und Aggression ausagieren – als ihr innerstes Bestreben verfehlen. Ihr Integrationsstreben zwingt die menschliche Ignoranz und Hybris zur Aufgabe und Überantwortung an sie – notfalls auch gewaltsam scheinbar gegen den Menschen, in Wahrheit aber zu seinem Besten, indem sie die Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, dass der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalten, der heute überall sich ereignet. Nimmt die Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal“ (Frankfurt/ M. 1988, Klappentext). 107 Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne – in: Nietzsche: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 2, Salzburg 1960, S. 1081. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 101 durch seine Ignoranz und Hybris verursachten Ungleichgewichte wieder ins Gleichgewicht bringt. Sie ist es, die Rettendes zur Lösung der Menschheitskrise in jedem Einzelnen von uns aufruft. Sie ist es, die die restlos verstrittenen Mutter- und Vatergottheiten wie ein streitendes Paar wieder auf den Weg der Besinnung und Versöhnung bringt, indem sie rettend ihre missverständliche Wirkung aufeinander zu reflektieren erlaubt, indem sie vorwegnehmende Visionen von Synthesen einer möglichen Einigung in beiden Konfliktparteien zeugt, anstatt in der Eskalation des Konflikts immer weiter voranzuschreiten. Sie zeigt uns den Weg, auf dem einzig Frieden auf Erden zu finden ist, nämlich in Überantwortung an ihre Heil- und Integrationskraft und eben nicht in der selbstherrlichen Autosuggestion von Eigenständigkeit108, die es nicht gibt. Zentral ist zu sehen, dass sie kein Gegner ist, sondern uns hilft, wieder in ein gewaltloses Gleichgewicht zu finden, dass sie die Heilkraft ist, die in Gefahr und Krise das Rettende zeugt (Hölderlin), indem sie im Kippmoment die sich zuspitzende Angst in die Lust und Freude des Spiels der Vermögen verwandelt – dass sie die Chance bietet, durch Selbstentfremdung, Krise und Krankheit hindurch gesund zu werden, dass sie unsere einzige Freundin/ unser einziger Freund im Universum ist, den wir ohne Vorbehalte und rückhaltlos lieben können, dass sie das Beste in uns ist, dass wir – ohne damit narzisstisch uns in uns selbst zu verlaufen – lieben dürfen. Nietzsche soll als Prophet der Kämpfe und Konflikte – die sich heute allüberall zu entzünden scheinen und an deren Sehen und Voraussehen er verrückt wurde – und als Philosoph, der angesichts dieses für ihn schon vor hundert Jahren klar sich abzeichnenden Unheils mit der Spiel-Philosophie auch die Lösung und Rettung der Menschheit vorwegnahm, mit folgenden, wunderbaren Sätzen das vorletzte Wort 108 Augustinus, Schelling, Schopenhauer und Kierkegaard sahen in der Selbstabkapslung des Menschen die Ursünde. Augustinus und Kierkegaard noch gegenüber dem christlichen Gott, Schelling und Schopenhauer gegenüber dem Innersten der Natur, die für beide im Spiel und in der Seligkeit des Spiels besteht. Vgl. vor allem Schelling: Über das Wesen der menschlichen Freiheit, Hamburg 1997, der die Kernbotschaft dieses Aufsatzes auf den Punkt bringt: „Die Angst des Lebens selbst treibt den Menschen aus dem Centrum, in das er erschaffen worden; denn dieses als das lauterste Wesen allen Willens ist für jeden besonderen Willen verzehrendes Feuer; um in ihm leben zu können, muss der Mensch aller Eigenheit absterben (…)“ (S. 53). Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 102 in unserem Aufsatz haben: „Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat“ – so erläutert Nietzsche die Gedanken Heraklits, des Begründers der Spielphilosophie – „in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld – und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich. (…) Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfnis, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfnis zwingt. Nicht Frevelmut, sondern der immer neu erwachende Spieltrieb ruft andere Welten ins Leben“.109 Nietzsches Schlussfolgerung für das Handeln daraus ist: „Der Mensch (…) wird sich beteiligen müssen an Staat usw., aber ohne leidenschaftliche Ungeduld: von außen kann ihm nichts kommen. Es wird ihm immer mehr zum Spiel. Er ahnt als die seligste Periode, wenn die Völker nur noch zum Spiele Völker und Staaten sind, nur zum Spiel Kaufleute und wissenschaftliche Menschen – mit Überlegenheit über dies alles. Es gibt die Musik, welche dies erklärt: wie alles nur Spiel, im Grunde nur Seligkeit sein kann“.110 Wir spüren es alle: Matriarchale Kulturen mit einer Zentrierung um Muttergottheiten wurden vor ca. 3000 Jahren vom Patriarchat abgelöst – genauso wie ontogenetisch die Mutter phasenweise vom Vater in der zentralen Bedeutung für das Kind abgelöst wird. Das Patriarchat seinerseits ist tot. Wir sind phylogenetisch nun in der Phase der Menschheitsgeschichte, in der wir – ob wir wollen oder nicht – erwachsen werden müssen, um der Heldenrolle des Kindes, das zwischen Mutter und Vater entstanden, seinen Lebensraum zwischen ihnen eröffnete, gerecht zu werden, um selbst zu „Göttern“ (Nietzsche111) zu werden, zur Ganzheit des Menschseins zu finden, die uns von den 109 Nietzsche: Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, Stuttgart 1994, S. 34. 110 Nietzsche: Nachgelassene Fragmente 1885–1887 – in: Colli/ Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche KSA XII, München 1988, S. 802). In das Feld der Sexualität – das unserer Ansicht nach seit der Regentschaft des Königs Sex das zentrale Feld der Auseinandersetzung ist – als Spiel des Miteinander übersetzt, hieße dies, so zu tun, als ob wir die Antipoden eines Gegensatzes wären, die miteinander zur Synthese der unio finden. 111 Nietzsche: Der tolle Mensch – in: Die fröhliche Wissenschaft, Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 1, Salzburg 1960, S. 599. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 103 Göttern genommen wurde, als sie unsere Hybris mit unserer Teilung in Mann und Frau bestraften, um auszuheilen und gesund zu werden und in eine Ganzheit zu finden, die darin besteht, das Weibliche und das Männliche in sich zur Integration zu bringen und damit den Geschlechterkampf zu beenden. Die Zeichen der Zeit ziehen wie ein bedrohliches Gewitter für einen Segler am Horizont auf: Falls die Menschheit nicht den Weg in ein Miteinander findet, das die Probleme als gemeinsam zu lösende Herausforderungen versteht, die jedem Einzelnen das Äußerste abverlangen, droht ihr folgendes Schicksal: Die Menschheit wird im Bürgerkrieg untergehen, dessen erste Anzeichen wir in den Spaltungen der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Familien in Trump-Gegner und Befürworter sehen, die sich nun – auch hier unterfeuert durch die Schwierigkeiten einer multiethnischen Gesellschaft und starke, evangelikale Gesellschaftsgruppen, die die Quelle ihrer pornogetriggerten Angst und Aggression auf scheinbar Fremde projizieren – in Brasilien mit der Wahl des neuen Präsidenten wiederholen – angeheizt durch eine Sonne, die durch die patriarchale Naturzerstörung die Menschheit wie Phönix auf seiner Himmelfahrt verkohlt, wobei sich der darauf antwortende matriarchale Reflex als Aggression um Blut und Boden, d.h. in den bevorstehenden Ressourcen- und Verteilungskämpfen, entlädt. Die Erde wehrt sich auf ihre Weise: Sie schafft Chaos, aus dem eine neue Ordnung entsteht. Die Frage wäre dann, inwiefern wir unsere Illusion von Humanität in den bevorstehenden Verteilungskämpfen aufrechterhalten können – eine Illusion und Autosuggestion, die wir nicht aufgeben dürfen, wollen wir nicht „Glaube, Hoffnung, Liebe“112 verlieren, ohne die das Menschenleben seinen Namen verliert. Man spürt es schon darin, dass die Menschen im öffentlichen Kontakt – 112 Paulus: Das Hohelied der Liebe – in: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1985, 1. Korinther 13, S. 207. Für sein treffendes Verständnis wäre eine Neuinterpretation des Christentums notwendig, die – wie oben erklärt – seinen zerstörerischen Patriarchismus aus seinen Quellen heraus versucht zu überwinden. Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, S. 239ff. – Analog dazu wäre eine ganzheitliche Neuinterpretation des Islam wichtig, um seine Anhänger in Rückbezug auf die tiefsten Quellen ihrer Religion für ihre Transformation in einen nicht-patriarchalen Glauben zu gewinnen, anstatt sie mit der Ablehnung ihres Patriarchismus zur Abwehr dessen zu zwingen, was sie sich selbst wünschen. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 104 fühlen sie sich nicht zu einer aggressiven Angstreaktion genötigt – freundlicher und kooperativer agieren. Die Angst zähmt sie schon zur Mäßigung. Chaos und Katastrophe würde uns vor die Wahl stellen, die unseren zu beschützen oder unter dem Schwert der Anderen unterzugehen: Der Gedanke, dass wir nur gemeinsam und in Liebe als gesamte Menschheit unsere jeweilige Erlösung aus dem Schmerz finden, weil wir mitfühlende und um das Wohl Aller besorgte Wesen sind, dass es nur eine gemeinsame oder keine Erlösung gibt – er würde im Blut der kommenden Kriege erst zu sich selbst finden. Das Opfer der kollektiven Aggression würden – so eine Anverwandlung der Grundgedanken Girards – alle sein, weil es keinen Sündenbock mehr außer uns, d.h. außer uns allen, gibt – und aus unser aller Opfer würde der neue Glaube der Liebe geboren werden, der lieber heute schon diesen Wahnsinn verhindert und trägt. Sonne und Erde als Vater und Mutter würden über die Auseinanderlegung, die von uns selbstentfremdeten Menschen bis auf die Spitze völliger Sexualisierung getrieben wurde, erst aus dem Blut des Chaoses wieder zueinanderfinden: zu einem neuen Glauben der Liebe (der nicht mit dem falsch verstandenen Glauben des patriarchalen Christentums zu verwechseln ist). Sonne, Erde und Kind suchen ihr Gleichgewicht, zu dem das Kind – die Menschheit –, um es in sich zu finden, noch schmerzhafte Kämpfe gegen sich selbst wird erleiden müssen. Die Menschheit kann sich diese Kämpfe ersparen, indem jedes Individuum sie in sich selbst kämpft – und, anstatt sie nach außen zu projizieren und in einem globalen Bürgerkrieg abzureagieren, in sich löst. Wir dürfen auch um den Preis des Todes unsere Humanität nicht aufgeben. Heldentum liegt nicht im Kampf, sondern in der gewaltlosen Bereitschaft zum Sterben im Sinne Gandhis für ein neues Miteinander. Die kommende Sintflut – wie sie Haberkorn in Die Sintflut kommt in Zeit Online vom 4.11.2018 ankündigt – wurde in den Mythen der Menschheit der Inder und der Juden u.a. treffend als kommende matriarchale Antwort auf die das Matriarchat und sein Wissen um die Grenzen des Wachstums verdrängende, patriarchale Macht- übernahme vorhergesagt. Die Sünden-Mythen sind das schlechte Gewissen des Patriarchats angesichts der Verdrängung des Matriarchalen, dem die Menschheit bis heute angestrengt in ihrer Flucht nach vorne zu entkommen sucht – eine Flucht, deren Konsequenzen wir heute spüren. Dieses schlechte Gewissen wird erst locker lassen, wenn wir Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 105 seine Ursachen überwunden haben, wenn wir verlorenen Söhne und Töchter als Erwachsene heimgefunden haben, die ihre Probleme mit ihren Eltern, ihren Ur-Eltern bzw. Göttinnen und Göttern und ihrer Familie und der Menschheitsfamilie geklärt haben. Die Zeichen der Zeit – die uns aktuell chaotisch aufgewirbelt wie von allen Seiten bedrängen – fügen sich wie von selbst der schlüssigen Interpretation des Paradigmas der holistischen Spielphilosophie; schie- ßen wie von selbst zu ihrem stimmigen Bild zusammen. Das Paradigma der holistischen Spielphilosophie – wiewohl es sich als Inbegriff des Schöpferischen und des Gestaltbildungs-Prozesses versteht –, hilft nicht nur, die Phänomene der Zeit schlüssig zu verorten113; es eröffnet vor allem auch angemessene Werte und Handlungsoptionen für die Zukunft, die sich von nicht-holistischen Ideen und Vorschlägen dadurch unterscheiden, dass sie nicht in die finale, als ihre Konsequenz schnell zu entziffernde und vorauszusehende Katastrophe führen. Als Paradigma, dass alle Theorien, Ideen und Stimmungslagen zu ihrem Recht kommen lässt, aber trotzdem Orientierung bietet, ist es das einzige Mittel gegen fake news, wie sie aktuell die Stabilität und Anverwandlungsfähigkeiten der Demokratien und offenen Gesellschaften 113 Der Wahrheitsstatus eines sich im Sinne der holistischen Spielphilosophie erschließenden Selbst- und Wirklichkeitsverständnisses lässt sich mit Cassirer bestimmen: Ihm eignet gemäß des „Gesetz(es) der inneren Wahrheit“ die Wahrheit, die sich aus dem selbstgesetzlichen „Prinzip der Formgebung“, dem es sich verdankt, d.h. dem Spiel der Vermögen, schließen lässt (Cassirer: Das Symbolproblem und seine Stellung in der Philosophie – in: Cassirer: Symbol, Technik, Sprache, Orth/ Krois (Hrsg.), Hamburg 1985, S. 20f.). Dieser Kohärenz-Forderung an das Selbst- und Wirklichkeitsverständnis steht die Stimmigkeits-Forderung zur Seite, der gemäß seine Wahrheit nur Sinn macht, wenn es gleichzeitig die Selbst- und Wirklichkeitserfahrungen, die wir machen, stimmig integriert. Das Selbsttransparent-Werden des Spiels erlaubt es, die Wirklichkeit als Innestehende bzw. ohne sich ihr wie in der Subjektphilosophie des Matri- und Patriarchismus abgrenzend gegenüberzustellen in ihren internen Unterschieden und Gegensätzen zu erschließen, die im analogen Spiel des Kinds-Gottes über die Auseinanderlegung der Gegensätze und ihre Integration als Selbstentfaltung des Einen bzw. als Selbstorganisation der Wirklichkeit sich erschaffen. Das Spiel wie die sich in ihm über die interne Auseinanderlegung der Gegensätze organisierende Selbstorganisation ermöglicht dem Menschen als Teil der Wirklichkeit der Selbstorganisation über das Selbsttransparent-Werden des Spiels ein Verstehen der Wirklichkeit. (Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden- Baden 2017, I, IV, XII.3). Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 106 bedrohen.114 Sie können nur verfangen, weil die patriarchale Wertebasis und die patriarchalen Fundamente der Demokratien aus den beschriebenen Ursachen schon ins Wanken gekommen sind. Der einzige Schutz gegen ihre Form der Unterwanderung der Demokratien ist, dass sich die offenen Gesellschaften ihrer Werte – die keine patriarchalen Werte mehr sein können, deren Fehlen aber auch nicht in einer enthemmten Sexualisierung und fortgesetzten Flucht nach vorne kompensiert werden können – in öffentlichen Debatten versichert, auf dass die Heilungs- und Lösungspotentiale der Natur durch eine Bildungs- Politik, die ihres Namens würdig ist, und in einer therapeutischen Gesellschaft des Zuhörens und Voneinander-Lernens immer wieder neu entdeckt werden. Wir fassen nochmal zusammen: Das Spiel der Vermögen integriert beide Seiten des heutzutage in der allgemeinen Sexualisierung sich zuspitzenden Geschlechtergegensatzes bzw. des Kampfes zwischen Matriund Patriarchismus, indem es sie durch das Dritte der Selbstorganisation der Natur synthetisieren lässt. In diese Synthese fließt von beiden Seiten je ihr Bestes, d.h. das ihnen je innewohnende, berechtigte Moment als Ursache für ihre Entfaltung als spezifische, wenn auch eingeschränkte Perspektive auf die Wirklichkeit, ein. Ihre jeweils schlechten Seiten hingegen, d.h. ihre qua Angst, Abwehr und Projektion der Angst auf die je andere Seite erzeugten Wahnvorstellungen, verwandeln sich in eine allgemeine Lust und Liebe und Solidarität mit allem Lebendigen. Die Selbstüberantwortung an die Natur erlaubt die Teilhabe am Integrationsprozess im Spiel der Vermögen der Natur bei voller Selbstbewusstheit dieses in einem sich ereignenden Spiels der Vermögen. Insofern die Gegensätzlichkeit der Positionen von Matriarchismus und Patriarchismus sich gegenseitig unlösbar die Hoheit über das Verstehen der Wirklichkeit streitig machen und in ihrer Gegensätzlichkeit einander tatsächlich auch nicht verstehen können, trotzdem aber jeweils elementare, gleichrangige Momente des Wirklichen zum 114 Vgl. Synder: Der Weg in die Unfreiheit, München 2018. Man kann sich erst ein Bild davon machen, wie tief die Irritation und Verblendung durch fake news heutzutage ist, wenn man sich mit jungen Menschen unterhält, die sich vom herrschenden System benachteiligt fühlen und bei denen die Verschwörungstheorien, die den Rezipienten in die berauschende Rolle des Sehenden versetzen, trotz Intelligenz, aber mangels Bildung verfangen. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 107 Ausdruck bringen, ist ihr Spiel – solange es nicht von jedem Individuum selbsttransparent gespielt wird – als unbewusstes Spiel der Kräfte der Natur, das die Natur – ob wir wollen oder nicht – immer schon mit uns spielt, elementar für das relative Gleichgewicht und die Stabilität der Gesellschaften. Zielpunkt unserer Argumentation ist, das unbewusste Spiel der Kräfte der Natur, das diese Natur qua ihrer Selbstorganisation im Spiel der Vermögen immer schon mit uns als unbewusste Agenten ihrer Gegensätze spielt, in ein bewusst vollzogenes Spiel zu verwandeln, durch das sich die Polarisierung und Aggressivität – mit der es als Unbewusstes gespielt wird – aufhebt und als solches die Reintegration der verlorenen, von der Natur und damit von sich selbst entfremdeten Menschheit in den Naturzusammenhang ermöglicht. Ist der Grundgedanke des spielphilosophischen Holismus bzw. der holistischen Spielphilosophie erst einmal gefasst, ergeben sich aus ihm – insofern er die Quellen des Schöpferischen selbst freilegt – Lösungen und Gestaltungen für sämtliche Probleme und Schwierigkeiten von Mensch und Gesellschaft. Der Gedanke liegt in der Luft – und es braucht nur einen Funken seines (kinds-) göttlichen, nämlich inneren, emmissionsfreien Feuers, um in allen Menschenköpfen und Gesellschaften zur Emergenz des ganzheitlichen Bewusstseins zu führen, das wiederum emergent die Transformation der Formen des globalen Miteinanders unter Anpassung an unseren Heimatplaneten ermöglicht. Wir stehen vor dem Abgrund und damit aber auch an dem Ort größter Verzweiflung, wo das Rettende frei nach Hölderlin sich aus dem Nichts plötzlich kristalliert. Wir müssten uns und sollten uns der Natur und ihrer Heilungs- und Lösungskraft gegenüber öffnen – dann hat das Grauen der Menschheitsgeschichte seit dem selbstinitiierten Ausgang aus dem Paradies der Kindheit der Kultur ein Ende: dann finden wir uns unversehens wieder mitten im Paradies, diesmal aber – und 115das war wohl leider nicht unter dem Preis des Grauens der Vergangenheit zu haben – bei voller Selbstbewusstheit der Wunder des Lebens. Man verzeihe mir meine prophetische Sprache: Das Leid und Elend der Welt hat sich bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Dabei wollten und wollen wir doch alle nur spielen! Wir sollten dies in Zukunft 115 Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017, XII.1). Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 108 nur bewusst tun: wir sollten uns des in uns statthabenden Spiels der Vermögen und des Spiels der Selbstorganisation der Natur in und au- ßer uns bewusst werden und es verstehen – auf dass unsere grausige Wirklichkeit sich zu dem Paradies wandelt, das sie ist. In aller Eindringlichkeit sei hier auf die immense Gefahr eines möglichen Missverstehens hingewiesen: Die leibliche und seelische Verwandlung und Gesundung des Menschen im Spiel (…) lässt sich nicht „mit autopoietischen Figuren der Selbstermächtigung in Verbindung bringen“116 (Hühn). Wie Schopenhauer als Bedingung der Möglichkeit des Spiels der Vermögen die „Gnadenwirkung“117 setzt und selbst Kant zu seinem Gelingen von „Gunst“118 spricht, so weiß auch Nietzsche die „Kluft der Vergessenheit“ zu würdigen, die „die Welt der alltäglichen und der dionysischen Wirklichkeit voneinander“119 scheidet. Der Ausgangspunkt für das Spiel der Vermögen ist das Sterben aller Eigenheit und aller Selbstsucht und Selbstherrlichkeit in der Angst, aus dem es – wenn man sich tatsächlich an die Natur überantwortet und selbstvergessen hat und als wollendes und begehrendes Ich gestorben ist – entspringt. Denn auch für Nietzsche gilt die Einsicht Schopenhauers, zu der er sich vom Buddhismus hat inspirieren lassen: Der Mensch kann sein eigenes Nicht-Wollen nicht wollen, weil er dann schon wieder will. Aus diesem Dilemma gibt es keinen selbstinitiierten Ausweg.120 An den Früchten werdet ihr sie erkennen – sagte Luther sinngemäß. Sind die Früchte nicht Ausdruck einer auf die Natur als Ganzes und die Mitlebewesen bezogenen Liebe und Solidarität, so sind sie nicht im vollen Sinne im Spiel der Vermögen entsprungen, auch wenn sie sich mit ihm wie mit einer Maske versuchen zu schmücken. Der Schlüssel der Heldenreise – auf deren Weg sich unserer Ansicht nach die Individuen unserer Zeit begeben sollten, soll die 116 Hühn: Die Wahrheit des Nihilismus. Schopenhauers Theorie der Willensverneinung im Lichte der Kritik Friedrich Nietzsches und Theodor W. Adornos – in: Figal (Hrsg.): Interpretationen der Wahrheit, Tübingen 2002, S. 157. 117 Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Köln 1997, S. 586. 118 Kant: Kritik der Urteilskraft, Hamburg 1990, S. 47. 119 Nietzsche: Die Geburt der Tragödie – in: Colli/ Montinari (Hrsg.): KSA 1, München 2003, S. 56. 120 Vgl. Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche, Berlin 2008, S. 136f.. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 109 Menschheit die Kurve noch vor dem bevorstehenden Untergang bekommen – ist das Sich-seiner-Angst-Stellen. Die berühmte Schrift von Campell – Der Heros in tausend Gestalten (1949), der von der 68 iger Generation ausgiebig studiert wurde121 – übersieht, soweit ich sie überblicken kann, diesen zentralen Punkt: Die Initianten früherer zumeist indigener Kulturen wie der Indianer wurden aus der vor der Angst schützenden Gemeinschaft des Stammes in die Wildnis gejagt, um am Ort größter Verzweiflung und Angst vor den bedrohlichen Naturmächten in dieser Angst in ihrer Selbstbezogenheit und ihrer Hybris von Autonomie und Machbarkeitswahn zu „sterben“, um die initiastische Erfahrung zu machen, dass sie vom Rettenden der Natur, die Leben und Lebendigkeit will, „wiedergeboren“ werden. Der zentrale Therapeuten-Wahlspruch ist: Gehe dorthin, wo die Angst ist! Sie ist das, was hinter den Dämonen, die uns täglich quälen und umtreiben und letztlich Personifikationen dieser Angst sind, steht. Die Dämonen, die uns das Leben entreißen wollen, solange wir Angst vor dem Tod haben, werden zu Engeln, wenn wir uns den Schattenwölfen unserer Angst stellen, die uns vom irdischen Dasein zum irdischen Dasein befreien (vgl. Meister Eckhardt). Die Angst ist aber ein Trickser: Sie legt immer wieder Finten, um uns ihr nicht stellen zu müssen. Psychische Schwierigkeiten – die wir wie beschrieben mehr oder weniger allen Menschen als unbewusste Agenten des Wahnsinns unserer Zeit unterstellen – sind nur im Rückgang auf die vor den Traumata liegende Seligkeit zu lösen: Im tiefsten Sinne heißt dies, dass wir auf der autosuggestiven Heldenreise in die Seligkeit des Mutterbauchstadiums zurückreisen müssen, da unser Eintritt in die Welt durch die Enge (lat. angus- 121 Zum Thema der individuellen Heldenreise sei weniger Campell, der die Sache relativ unklar fasst, sondern Neumann empfohlen, dessen Klarheit wie die Klarheit und Verständlichkeit Freuds sein Verstehen der Sache spiegelt: Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Düsseldorf 2004. Zur Initiation auf der weiblichen Heldinnenreise sei Neumann: Die große Mutter. Die weiblichen Gestaltungen des Unbewussten, Düsseldorf 2003 und Zur Psychologie des Weiblichen, München 1975 empfohlen. Zur Heldenreise als Paar wiederum Neumann: Zu Mozarts Zauberflöte – in: ebd., das Neumann für seine Frau geschrieben hat, und zum transgeschlechtlichen Heldentum Neumann: Der schöpferische Mensch, Frankfurt/ M. 1995 und – zentral – Neumann: Die Psyche als Ort der Gestaltung, Frankfurt/ M. 1992. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 110 tiae –Angst vgl. Freud122) des Geburtskanals das erste, uns alle betreffende Trauma war. Die Heldenreise ist ein Zurückreisen über die Schwelle der Angst in die eigene Vergangenheit ins Ozeanische des Mutterbauchstadiums, um in uns die Seligkeit dieses Stadiums und damit das Spiel der Vermögen und unsere Schöpferischkeit zu befreien und alle Traumata, die später noch im Laufe unserer individuellen Entwicklung auf uns einwirkten, aufzurollen, zu verstehen, aufzulösen und die durch sie in Form von Komplexen gebundenen Energien zu integrieren und fürs Hier und Heute fruchtbar zu machen. Die Heldenreise – jeweils im Stillen und individuell vollzogen – ist tatsächlich das, was die Menschheit als Letztes noch retten könnte. Die Ureltern der verstorbenen Mutter- und Vatergottheiten liegen im Geschlechterkampf und ihr Gegensatz ist nur durch ein Sich-der-Angst-Stellen und der Befreiung des Dritten der Seligkeit des Kindes im Helden/ in der Heldin zu lösen – eine Lösung und Integration, die sich auch gesellschaftlich auswirkt, insofern die Ontogenese des Individuums eine Wiederholung der Phylogenese der Menschheit ist und mit der individuellen Integration die frei flottierenden, unversöhnlichen Energien der Mutter- und Vatergottheiten zu fruchtbarem Handeln in der Welt gebunden werden. Das Ziel der Heldenreise ist das Schlaraffenland, als das sich das Leben auch trotz aller Gewalt und allen Schmerzes in der Welt der Menschen innerhalb des Ökosystems entpuppt. Sind wir Helden und Heldinnen, können wir angesichts der sich steigernden Beunruhigung und Panik in der Welt der Menschen wie ein Anker wirken, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und damit den Blick für das offenhält, was das Leben trotz allen Schmerzes ist: ein unfassbar schönes Geschenk der heilenden Natur. Wir müssen aus unseren jugendlich-sexuellen Träumen und Phantasmen erwachen und erwachsen werden, indem wir das Kind in uns wiederentdecken – nicht zuletzt aufgrund der drohenden Katastrophe des Klimawandels, der besonnenes Tun vor dem Hintergrund der Ganzheit des Ökosystems und der Ganzheit des Menschen und seiner Gesellschaften verlangt, das nicht zu Folgeproblemen oder Folgereaktionen führt, die uns weiter in heillose Kämpfe und Spiegelfechtereien 122 Freud: Die Angst – in: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Frankfurt/ M. 1999, S. 378f.. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 111 verstricken. Sie sind nichts als Ausgeburten menschlich allzumenschlicher, leider eben nur gefährlicher Spielereien. Diese Aufgabe klingt fast unlösbar; sie scheint uns maßlos zu überfordern. Wir sollten zu unserer Beruhigung zweierlei bedenken: Wir wissen es alle bzw. wir wissen alle alles; es liegt in unserem Inneren123 wie in der Luft, die noch nicht verpestet ist; wir müssten es nur realisieren: Wir müssten unser Wissen nur in uns selbst zur Verwirklichung kommen lassen; wir müssten ihm nur nicht weiter im Weg stehen; wir müssten uns einzig dem Heilen- 123 Wir müssen nirgendwohin. Wir wissen schon alles. Das Wissen ist im Mythenschatz der Menschheit wie in unserem eigenen Unbewussten, dem in der Kindheit ohne die Beschränkung durch unser Selbstbewusstsein eins zu eins aufgenommenen und in uns aufbewahrten Wissen über die Zusammenhänge der Wirklichkeit, gespeichert. Das Individuum kann wegen der Gleichung von Phylound Ontogenese, d.h. dem wiederholten Durchlaufen der Stadien der Menschheitsgeschichte in jeder individuellen Entwicklung, das Wissen der Menschheit in sich über das Verstehen seiner eigenen Entwicklung und des Warums seines Soseins, d.h. seiner selbst, erschließen. Die Menschheit wie das Bewusstsein jedes Individuums bauen auf dem Unbewussten ihrer Vorgeschichte auf wie die Pyramide auf ihrem Sockel. Mit jedem Stück Selbstverstehen auf dem Weg ins Innere erschließen wir uns damit wie von selbst die Wirklichkeit außer uns und schaffen damit die Voraussetzung, in ihr anzukommen. Im Selbstverstehen finden wir automatisch die Keimzelle zur Lösung des Problems unserer Zeit, die bis dato im Selbstmissverstehen der Menschheit ihre Ursache hat: nämlich für die Eskalation der Auseinanderlegung der transpersonalen Mächte des Männlichen und Weiblichen durch die die Liebe ihrer Ureltern nicht verstehende, sexualisierte Menschheit. Die psychisch erkrankten Menschen artikulieren in ihrer Krankheit qua Gleichung von Phylo- und Ontogenese immer auch die Krankheit der Zeit und finden – entspringt ihre Krankheit der Triade von Mutter-Vater-Kind und reicht in ihren Ursachen tief genug in die Kindheit zurück – mit ihrer Gesundung auch Lösungen für die Schwierigkeiten der Menschheit, zu denen wie ausgeführt auch auf die Kindheit der Menschheitskultur zurückgegangen werden müsste. Sie explizieren in ihrer Krankheit, was in uns selbst – die wir uns möglicherweise gesund wähnen oder in eine Suggestion von Gesundheit flüchten – zumindest keimhaft auch für Unruhe, Angst und Flucht sorgt. Die Gesellschaft der Zukunft sollte eine therapeutische Gesellschaft sein, in der die Rollen von Therapeut und Klient wechseln (was natürlich seine Grenzen im traumabegründeten Haltbedürfnis der Klienten und in ihrer Angewiesenheit auf Halt durch den Therapeuten findet) und sich beide auf Augenhöhe ihre jeweiligen Schmerzen und Krankheiten eingestehen und qua wechselseitiger Resonanz ineinander zu wechselseitiger Heilung ihrer je eigenen und damit in ihrem Verstehen auch der Menschheitsprobleme finden. Die Symptome der Krankheit der Zeit lösen sich auf, wo wir uns je selbst unserer Angst stellen und aus der Negativspirale des Wahnsinns der Zeit heraustreten. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 112 den in der Natur und in uns überantworten. Wir gehen einander alle mit gutem Beispiel124 voran: Wir versuchen, alles Belehrende und Besserwisserische, das nur zur berechtigten Abwehr führt, insofern es Überheblichkeit und Arroganz entspringt, zurückzustellen und eine wechselseitige Kultur des Lernens zu entwickeln.125 Die Antwort auf die Frage der Sphinx, das Sinn- und Rätselbild im Ausgang aus dem Matriarchat, was erst auf vier, dann auf zwei und schließlich auf drei Beinen sich bewegt, wäre nicht eine Antwort aus dem Fundus nicht gelebten Wissens gewesen, wie sie Ödipus mit „der Mensch“ gab. Sie hätte darin bestanden, sich in seiner Kreatür- bzw. Natürlichkeit und Sterblichkeit zu realisieren. Zu dieser Antwort auf das Menschheitsrätsel der Sphinx war Ödipus als tragischer Held noch nicht bereit, insofern sich das Männliche in seiner Eigenheit erstmal in 3000 Jahren Patriarchat entwickeln musste. Heute ist es genau diese Frage nach dem Wesen des Menschen, die wir angesichts der sich zuspitzenden Katastrophe gezwungen sind, als lebendes Beispiel zu beantworten. Die Menschheit würde damit nicht aus dem tragischen Determinationszusammenhang der Natur herausfinden, sondern erst eigentlich in ihn hinein: Das Kreisen in den Bahnen der zyklischen Wiederkehr – wie sie der Mythos beschreibt – stellt eine notwendige Anerkenntnis der Gesetze der Natur und des Lebens126 dar; man umkreist und beschwört im Kreisen in seinen Bahnen um das Zentrum und die Quelle 124 Nietzsche: „Ich mache mir aus einem Philosophen gerade so viel, als er imstande ist, ein Beispiel zu geben“ (Schopenhauer als Erzieher – in: Nietzsche: Unzeitgemä- ße Betrachtungen – in: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 2, Salzburg 1960, S. 83. 125 An dieser Stelle sei Mark Forster als Vertreter der Popkultur zitiert, der sich in einem Interview zu seiner eigenen Ratlosigkeit und Suche nach einer Haltung angesichts des Wirklichen bekannt hat – ein Bekenntnis, das der Anfang ist und die Chance bietet, das ausstehende Dritte einer Synthese zu entdecken, das sich von sich aus einstellt, wenn wir uns solcherart für sein Sich-Einstellen öffnen – eine Öffnung, die schon eine Konfrontation mit der Angst beinhaltet und nicht immer schon weiß, was richtig ist, aus der das Heilende sich ergibt. (Spiegel Online vom 17.11.2018: Ich möchte, dass klar ist, wo ich stehe. Mark Forster über Haltung: „Dass Wahrheit keine Rolle mehr spielt in so vielen Facetten unserer Gesellschaft, das ist das Schlimmste! Ich möchte an den Punkt kommen, dass klar ist, wo ich stehe. Und ich suche nach einem Weg, wie ich das klären kann“). 126 Die Gesetze der Natur und des Lebens, das Stirb und Werde des Lebens, sind im Paradigma des Tragischen – wie es im Spruch des Anaximander sich ausdrückt, der als Vorsokratiker noch ganz dem mythischen Denken verhaftet ist – festge- Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 113 des Lebens gleichsam den Ort der Freiheit, dessen Vertiefung im Spiel der Vermögen die menschliche Wirklichkeit der im Mythos vom Paradies anvisierten Erfüllt- und Vollendetheit näherbringt. Und zum Zweiten: Der Weg ist das Ziel – haben wir uns erstmal auf den Weg gemacht, ist das Schwierigste schon geschafft. Wegweiser kann uns der Therapeutenwahlspruch sein: Gehe dorthin, wo die Angst ist! – oder, um es mit Novalis zu sagen: „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“127. Innen ist die Angst – und Innen bzw. darunter noch, in der Seligkeit des Mutterbauchstadiums, im Innersten, ist auch der Traum von ihrer Überwindung und Heilung, der Traum von unentdeckten Paradiesen und Gestaden. An sie könnte es uns als Menschheit wie auch uns als ein Paar, zu dem wir uns mit einem anderen Menschen, den wir lieben, zusammengefunden haben, spülen. Den Schlüssel zu ihnen können wir in uns selbst entdecken, um dann miteinander neue Türen zu ihnen zu öffnen. Malte Hölzel, Berlin am 26.11.2018 halten: „Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zu Grunde gehen, nach der Notwendigkeit; denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeit gerichtet werden, gemäß der Ordnung der Zeit“ (Anaximander nach Nietzsche: Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, Stuttgart 1994, S. 21f.). Die Spielphilosophie entkommt diesem Paradigma des Tragischen nicht, sondern beschreibt im spielerischen Aufbauen und Zerstören der Welt durch den spielenden Kinds-Gott sein Gesetz, verwandelt aber im Spiel der Vermögen – in der schöpferischen Mimesis des Spiels des Kinds-Gottes – die Schwere seiner Tragik in die Leichtigkeit, die Fülle, die Stille, den Frieden und das Glück, die das Leben zu schenken bereit ist. Goethes Faust sucht auf diesen Einwand des Tragischen durch Mephisto – „denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht“ (Goethe: Faust – Der Tragödie erster Teil, Kapitel 6, Studierzimmer) – eine Antwort, die sich vielleicht in seinem Satz gen Ende der Tragödie findet: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss!“ (Goethe: Faust – Der Tragödie zweiter Teil, Kapitel 60, Großer Vorhof des Palastes). Als Aufruf zur protestantisch-bürgerlichen Tugend der Strebsamkeit und des Arbeitsethos wäre er wahrscheinlich falsch verstanden. Vielmehr könnte sich in ihm genau jene Anstrengung abzeichnen, die ein tägliches Sich-Riskieren und Sich-seiner-Angst-Stellen im Kontakt mit seiner Mit- und Umwelt mit sich bringt. 127 Novalis: Blüthenstaub-Fragmente – in: Mähl/ Samuel (Hrsg.): Werke, Tagebücher und Briefe, Bd. 2, Darmstadt 1978, S. 233. Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen 114

Zusammenfassung

Die Irritationen durch den Klimawandel spiegeln sich in der Aggressivität öffentlicher Debatten. Im Unklaren über die Ursachen der epochalen Krise, verstärken wir mit unzulänglichem Problembewusstsein und Symptombehandlungen nur das Gefühl der Hilflosigkeit. Neoliberalismus und Naturzerstörung sind Folgen des exklusiven Charakters der „Monarchie von König Sex“, der Angst macht und im Narzissmus Zuflucht suchen lässt. Nur die Natur – spielphilosophisch verstanden – kann das Matriarchale und Patriarchale in ihrer Synthese einen. Die Politik selbst ist sexualisiert und findet nicht in den gerechten Ausgleich der Interessen, der mangels Bezugnahme auf das Dritte der Natur aussteht. Im tobenden Geschlechterkampf sind wir alle Opfer und zugleich Täter. Die Sexualisierung aller Lebensformen nach 3 000 Jahren Patriarchat wäre in einer therapeutischen Gesellschaft überwindbar, die die Herausforderungen als Chance begreift und Motivationen für eine Politik radikaler Einschnitte freilegt.

References

Zusammenfassung

Die Irritationen durch den Klimawandel spiegeln sich in der Aggressivität öffentlicher Debatten. Im Unklaren über die Ursachen der epochalen Krise, verstärken wir mit unzulänglichem Problembewusstsein und Symptombehandlungen nur das Gefühl der Hilflosigkeit. Neoliberalismus und Naturzerstörung sind Folgen des exklusiven Charakters der „Monarchie von König Sex“, der Angst macht und im Narzissmus Zuflucht suchen lässt. Nur die Natur – spielphilosophisch verstanden – kann das Matriarchale und Patriarchale in ihrer Synthese einen. Die Politik selbst ist sexualisiert und findet nicht in den gerechten Ausgleich der Interessen, der mangels Bezugnahme auf das Dritte der Natur aussteht. Im tobenden Geschlechterkampf sind wir alle Opfer und zugleich Täter. Die Sexualisierung aller Lebensformen nach 3 000 Jahren Patriarchat wäre in einer therapeutischen Gesellschaft überwindbar, die die Herausforderungen als Chance begreift und Motivationen für eine Politik radikaler Einschnitte freilegt.