4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive in analytischer Rückbindung an Marcuse in:

Pia Lütkebomert

Herbert Marcuse in der Theoriediskussion um die sexuelle Befreiung der Frau, page 45 - 64

Eine Spurensuche in heutigen feministisch-utopischen Theorien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4362-2, ISBN online: 978-3-8288-7319-3, https://doi.org/10.5771/9783828873193-45

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive in analytischer Rückbindung an Marcuse „Restart and re-boot yourself You're free to go […] Shout for joy if you get the chance“ [eigene Hervorhebung] (U2 2009) Beatriz Preciado9 Preciado zufolge ist der Status quo im Begriff, die alte, natürliche, heterozentristische Ordnung, welche die Unterwerfung von Körpern vorsieht (Preciado 2003: 10), aufrecht zu erhalten. Somit gilt Homosexualität als „ein Unfall, der von der heterosexuellen Maschine produziert und zugunsten der Stabilität der Produktionspraktiken des Natürlichen als anti-natürlich, anormal und abjekt stigmatisiert wird [Hervorhebung im Original]“ (Preciado 2003: 17). Bezogen auf das Sexualleben verlangt die bisherige Gesellschaft Preciado zufolge von den Menschen, ihre Körper als Ansammlung erregbarer Zonen wahrzunehmen, welche sich an der binären Aufteilung d.h. an der Unterscheidung in maskulin und feminin, orientieren. Dies führt dazu, dass „bestimmte Affekte mit bestimmten Organen, be- 4. 4.1 9 Im Rahmen des Buches Testo Junkie: Sex, Drugs, and Biopolitics in the pharmacopornographic era (2008) unterzog sich Preciado einer Behandlung mit Testosteron und bezeichnet sich seitdem als transgender, aber dem männlichen Geschlecht zugewandt (vgl. Molina 2016). Daher verwende ich das Pronomen „er“. 45 stimmten Wahrnehmungen mit bestimmten anatomischen Reaktionen zusammenfallen“ (Preciado 2003: 14). Diese Ansammlung erkennt Marcuse auch, allerdings leitet er daraus ab, dass die Körper des genitalen Sexuallebens zugunsten der modernen Industriegesellschaft zur Verfügung stehen und in der Folge die Körper samt der sexuellen Bedürfnisse desexualisieren. Er gesteht aber auch, dass das, was von den Körpern übrig bleibt, der Befriedigung des Mannes dient, worin sich auch die bei Preciado zu findende Unsichtbarkeit der Frau widerspiegelt, wenngleich, wie im weiteren Verlauf der Analyse aufgezeigt, er Frauen den Status von verschiebbaren Wandpaneelen zugesteht. Er unterscheidet sich insofern von Marcuse, als dass Marcuse bei der Ausgestaltung der Sexualität im Status quo die reproduktive Komponente betont. Nichtsdestotrotz eint beide Theorien, dass sie die gegenwärtige Gesellschaft als zulasten der Frauen bewerten, ebenfalls legen beide Wert darauf, dass in diesem gesellschaftlichen Stadium die Binarität der Geschlechter besteht. Konkret manifestiert sich für Preciado diese heterozentristische Weltsicht in der Männer-Zeitschrift Playboy. Jene vermittelt ihm zufolge zum einem ein neues Konsumverhalten, aber „auch eine neue Form des Empfindens, Begehrens und der sexuellen Praxis“ (Preciado 2014: 21). Bei Marcuse übernimmt die moderne Industriegesellschaft selbst diese Funktion, da sie immer neue, medial unterstützte Bedürfnisse schürt, dies in der Folge den Menschen ihre immanente Kontrolle gar nicht mehr bewusst ist und auch dazu führt, dass Sexualität nur reproduktive Funktion hat. Daneben findet bei Preciado eine Abkehr von familiären Werten statt, sträubt sich gegen „Kritik an männlicher Herrschaft „und heterosexuellen Institutionen, die in den aufkommenden Frauen- und Homosexuellenbewegungen Gestalt anzunehmen begann“ (Preciado 2014: 32) und reduziert Frauen im Playboy mittels fotografischer Abbildungen, in ihrem Unterbewusstsein im Habitus und Kindlichkeit im Exterieur gemäß dem „Stumpfsinn des männlichen Blicks“ und verkommt auf diese Art „zum einfältigen und naiven Hebel, dessen sich der visuelle Masturbationsmechanismus des Playboy [Hervorhebung im Original] bediente“ (Preciado 2014: 37). Marcuse erkennt auch diesen Stumpfsinn, nur dass ihm zufolge Sexualität von der modernen Industriegesellschaft als Marke Verwendung findet, aber auch für den beruflichen Aufstieg genutzt wird, manifestiert wird 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 46 dies bei Marcuse unter anderem in der sexy Sekretärin. Darüber hinaus beschreibt Marcuse die Familienordnung in der modernen Industriegesellschaft als monogam und patriarchal (vgl. Marcuse 1968a: 199), so bleiben familiäre Werte intakt, wenngleich es an Liebe mangelt. Bei Preciado ist die praktizierte Sexualität in dieser Gesellschaftsordnung „ein sozialer „Produktionsapparat von Weiblichkeit und Männlichkeit, der mit Teilung und Fragmentierung des Körpers operiert“ (Preciado 2003: 14). Hier ist die Aufgabe von Männern und Frauen zwar die Aufrechterhaltung der (erwerbstätigen) Produktion und Reproduktion (von Arbeitskräften), allerdings obliegt es allein Frauen, die dem System sexuell und erwerbstätig Unterworfene zu sein (vgl. Preciado 2003: 15). Hier stimmt Marcuse ebenfalls überein, wobei Frauen Marcuse zufolge eigenen Kindern unterworfen sind und beruflich in einer patriarchal organisierten Gesellschaft das Nachsehen haben. In Anbetracht dessen, dass es sich bei der Heterosexualität um etwas handelt, welches frei natürlichen Ursprungs ist, „lassen sich ihre Produktionspraktiken sexueller Identität invertieren“ (Preciado 2003: 17), womit homosexuelle Frauen ‚Genugtuung‘ erfahren sollen. Dabei betont Preciado, dass es Männern im gegenwärtigen Stadium möglich ist, sich „eine Kopie des weiblichen Körpers in seiner Gesamtheit [zu] kaufen, während Frauen sich mit einer Nachbildung des Penis begnügen müssen“ (Preciado 2003: 57). Aus Ermangelung körperlicher (polymorpher) Sexualität entwickeln heterosexuelle Frauen Marcuse zufolge die Handlungsmacht, die Gesellschaft aufgrund der Reaktivierung ihrer feministischer Qualitäten positiv zu verändern. In Hinblick auf die Repressionsmechanismen auf die sexuelle Befreiung der Frau im Status quo ist Marcuse differenzierter als Preciado: So sieht Marcuse zum einen eine ökonomische Dimension, wonach es Frauen nicht möglich ist, in Gestalt von Firmeninhaberinnen am Erwerbsleben teilzuhaben, zum anderen werden Frauen Marcuse zufolge im Erwerbsleben sexuell stilisiert (etwa in der bereits oben genannten sexy Sekretärin). So überwiegt bei Preciado, um Marcuses Begriffe zu verwenden, das performance principle, während Marcuse den Fokus auf das Zusammenspiel von performance principle und surplus repression richtet. Wie bereits oben betont, ist die Männerzeitschrift Playboy für Preciado 4.1 Beatriz Preciado 47 Ausdruck männlicher, heterozentristischer Ordnung, welche an das „sexuelle Begehren der (idealerweise als männlich, weiß und heterosexuell imaginierten) Leser [appelliert]; er legte die fleischliche Dimension ihrer Konsumpraktiken bloß, indem er auf die Einbeziehung ihrer Körper und Affekte bestand“ (Preciado 2014: 21) und auch aus der sich eine neue männliche Sexualität generiert. Hieraus formiert sich ein autonomer Lebensbereich jenseits der heterosexuellen Ehe (vgl. Preciado 2014: 23). So definiert der Playboy von Männern praktizierte Sexualität als heterosexuell und polygam, die „,sauber‘, ‚gesund‘ und ‚rational‘“ ist: „Während die monogame Ehe und die Homosexualität mit Schuld und Verdrängung assoziiert waren, stand die neue Praxis gesunder Heterosexualität im Zeichen von Freiheit und Vergnügen“ (Preciado 2014: 36). Was die Manifestation männlicher Sexualität in Gestalt des Playboy auf gesellschaftlicher Ebene betrifft, geht Marcuse weiter als Preciado, weil er in der gegenwärtigen Gesellschaft die Möglichkeiten der „erotische[n] Entwicklung“ der Frau behindert sieht und das Sexualleben der Frauen „als Mittel zum Zweck der Fortpflanzung oder Prostitution objektiviert“ (Marcuse 1974: 13; zitiert nach Marcuse 1975) wurde. Als einen der Gründe erachtet Marcuse die mediale Aufbereitung des weiblichen Körpers (auch bei Marcuse am Beispiel Playboy illustriert): Hier erhalten weibliche Körper den Status der „begehrten Ware mit hohem Tauschwert. […]. Natürlich dient dieses neue Körper- Image dazu, die Umsätze zu steigern, und die künstliche Schönheit ist nicht gerade das Wahre; aber man weckt derart ästhetisch-sinnliche Bedürfnisse, die, entwickelt, unvereinbar werden müssen mit dem Körper als Instrument entfremdeter Arbeit“ (Marcuse 1973: 92). Preciado zufolge deklariert der Playboy gelebte Sexualität zur öffentlichen Angelegenheit, während sie zuvor dem Privaten zugerechnet wurde. So animiert der Playboy ihm zufolge die Männer dazu, als eigenständiger und selbstbewusster Akteur aufzutreten: Er soll immer auf der Suche nach neuer „sexueller Erregung“ sein, aber sein Bestreben soll darauf gerichtet werden, den „anderen Pol“, den des Privatmenschen, der mitunter auch Frau und Kind hat, nicht zu vernachlässigen (vgl. Preciado 2014: 40). Der Lebensmittelpunkt richtet sich aber nichtsdestotrotz auf Modernität, Ausdruck findend im unersättlichen Konsumbedürfnis, einer Stadtwohnung und stetiger Libido und grenzt sich somit 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 48 ab vom einstigen „Mythos des ‚verliebten (heterosexuellen) Paares‘“ (Preciado 2014: 43). Hierunter, unter diesen modernen Lifestyle, fasst Preciado auch Luxusgüter, die für ihn stets einen sexuell aufgeladenen Impetus haben, sodass sich der moderne Mann hieran ergötzen kann: „Das Objekt kann auf eine als männlich kodifizierte Technologie verweisen (Telefon, Hammer, Auto etc.) oder ein leicht wiedererkennbares Zeichen kulturell als männlich konnotierter Gewohnheiten sein (Pfeife, Krawatte, Zigarre etc.). Telefon oder Zigarre sind nichts anderes als Hinweise auf die den pornographischen Blick inhärenten Produktionsmechanismen. Sie enthüllen uns, für wessen Auge diese Übung visueller Masturbation gedacht ist“ (Preciado 2014: 48). Ebenso wie diese materielle Dimension gibt dieser Lifestyle auch gewisse Umgangsformen mit jungem Damenbesuch vor, deren Haut mit Grillfleisch assoziiert wird (vgl. Preciado 2014: 65): So legt der Playboy Wert darauf, dass eben jener Damenbesuch nur für ihn selbst sichtbar ist, nur er sich an ihrer interimistischer Präsenz erfreuen kann und nur für ihn sexuellen Genuss bedeutet: „Mit den Besucherinnen verfährt der Junggeselle nach demselben Motto wie mit den verschiebbaren Wandpaneelen der Küche. Jetzt kannst du sie sehen, gleich sind sie verschwunden“ (Preciado 2014: 64). In diesen Überlegungen ist Preciado weiter als Marcuse, weil er die männliche Sexualität in seiner Gänze beschreibt, während Marcuse von einer totalitären und patriarchalen Gesellschaft ausgeht, die sich sexuell in den oben aufgezeigten Merkmalen äußert. Dessen ungeachtet stimmt Marcuse mit Preciado in dem Punkt überein, dass Sexualität eine öffentliche Angelegenheit ist, allerdings fallen für Marcuse Sexualitäts- und Staatsverständnis zusammen, wenn, aufgrund der Übermacht des Patriarchats, Frauen kein eigenständiges Leben bleibt und sie mit Blick auf ihre Bedürfnisse stets zurückstecken müssen. Den Grund für eine Transformation leitet Preciado aus der Erkenntnis ab, dass keine Identität, weder die männliche des Playboy noch die weibliche als Arbeitskraft für die heterozentristische Ordnung, natürlich und in sich selbst geschlossen ist: „Es gibt keine historische Kausalität, die die bereits stattfindenden Veränderungen legitimieren könnte“ (Preciado 2003: 12). Zwar anknüpfend an den Playboy- Lifestyle, aber mit der Absicht, diese zu durchbrechen, besteht für Preciado darin, die „Kernfamilie als Zelle der Produktion, der Reproduk- 4.1 Beatriz Preciado 49 tion und des Konsums“ abzuschaffen, weil dem der Ursprung des Heterozentrismus, mit den „reproduktiven und ökonomischen Ziele[n]“ (Preciado 2003: 30) eigen ist. Damit ist sein Grund insofern ähnlich zu dem, den Marcuse eingebracht hat, als dass auch Marcuse zufolge mit einer Transformation Unrecht aus der bisherigen Gesellschaft beglichen wird. Gemäß Marcuse ist es allerdings relevant, dass insbesondere Frauen überhaupt diese Repressionen erlebt haben, um sich dagegen auflehnen und hieraus ihre Kraft schöpfen zu können. Im Gegensatz dazu lässt Preciado offen, wer die Transformation trägt, weil es ihm im Wesentlichen darauf ankommt, die bisherige Gesellschaft zu negieren: Die Unterscheidung von privat und öffentlich greift Preciado auf, um jene Überlegung als Ausgangspunkt der Aushandlung und Dekonstruktion zugunsten neuer kontrasexueller Räume zu nehmen (vgl. Preciado 2003: 31). In der hieraus entstehenden Kontra-Sexualität werden Prostitution und Pornografie abgeschafft, weil sie auf den Heterozentrismus zurückgehen, Männern und Frauen klar definierte Rollen und Körper zuschreiben und damit Legitimation erhalten hatten. Stattdessen beabsichtigt die Kontra-Sexualität „eine Kontra-Produktion von Lust und Wissen im Rahmen eines Systems kontrasexueller Kontra-Ökonomie entwickeln“ (Preciado 2003: 31). Marcuse selbst thematisiert in seinen Werken nicht Prostitution und Pornografie, so ist unklar, ob es dies in der Great Society gäben könnte: Zum einen gibt es in der Great Society ungebundene (binär orientierte) Menschen, die frei in ihrer Sexualität sind und es kommt nicht auf die Zurschaustellung von Äußerlichkeiten im Stile des Playboy an. Zum anderen halten mit Pornografie und Prostitution wieder patriarchale Strukturen Einzug und es kommt somit wieder zur sexualisierten Stilisierung von weiblichen Körpern. Die Feindbilder, gegen welche Preciado mit der Kontra-Sexualität ins Feld zieht, sind „das Begehren, die Erregung und der Orgasmus, allesamt manipulative Produkte einer Sexualität im Dienste der Fortpflanzung“ (Heider 2014: 273). Stattdessen müssen neue Organe, neue Ausdrucksweisen des sexuellen Begehrens gefunden werden, die fernab des „Rohstoff[s] des Ficks“ liegen, „jenes Zentrum, das Begehren gibt und Begehren nimmt, in die Luft jagen“ (Preciado 2003:60). Es besteht von Preciado und Marcuse Einigkeit darüber, dass die vormalige Sexualität als Feindbild (bei Marcuse im Sinne von Reproduktion) gesehen wird, allerdings soll sich die neuerli- 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 50 che Sexualität bei Marcuse in einer Rückkehr von sensibility (im Sinne von Selbstbestimmtheit über den eigenen Körper, das sich somit von der Fremdbestimmung zu Zeiten der modernen Industriegesellschaft abgrenzt), Liebe und in Gestalt von selbst zu bestimmenden wahren Bedürfnissen ausdrücken. Die gesellschaftlichen und kognitiven Prozesse, die die Transformation hin zur Kontra-Sexualität bei Preciado begleiten, beziehen sich auf „systematische[n] Dekonstruktion sowohl der Naturalisierung der sexuellen Praktiken als auch der Geschlechterordnung“ (Preciado 2003: 11), welches wiederum „die Gleichwertigkeit (und nicht die Gleichheit) aller sprechenden Körper-Subjekte“ (Preciado 2003: 11) und den Penis dekonstruiert und vom Dildo und Artverwandtem („die Finger, die Zungen, die Vibratoren, die Gurken, die Karotten, die Arme, die Unterschenkel, die ganzen Körper, etc. – genauso wie alle seine semantischen Variationen – die Zigarren, die Gewehre, die Knüppel, das Geld etc.“ (Preciado 2003: 25)) ersetzt wird. Wie schon deutlich geworden ist, bedarf es bei Marcuse keinerlei Hilfsmittel, um die sexuelle Befreiung durchzusetzen. So kommt es ihm in der Great Society darauf an, dass Sexualität und Liebe eine Einheit bilden; weitere Informationen gibt Marcuse allerdings nicht, etwa, wie sich die durch Sexualität geadelte Liebe praktisch äußern soll. Nichtsdestotrotz betont Marcuse, dass die Errungenschaften der modernen Industriegesellschaft nicht (gänzlich) negiert werden sollen. So ist es Marcuse wichtig, dass keine Rückkehr in eine feudale Gesellschaft erfolgt, doch inwieweit sich dies auf die Sexualität auswirkt, ist unklar. Der größte Unterschied von Marcuse und Preciado besteht in der praktischen Durchführung des Transformationsbedürfnisses: Während Marcuse seine Hoffnung in die Methoden der ‚Politik von unten‘ setzt, sieht Preciado konkrete sexuelle, nach Maßstäben der bisherigen Gesellschaft als pervers geltende Praktiken als Notwendigkeit, um die alte Gesellschaft zu überwinden. Somit ist die Kontra-Sexualität nach Preciado praktischen als kognitiv entwickelten Ursprungs; bei Marcuse verhält es sich, in Gestalt der Great Society, umgekehrt. Nichtsdestotrotz eint beide Theorien das physische Moment, das allerdings bei Preciado in schmerzhaften sexuellen Praktiken besteht, während Marcuse, wie eingangs beschrieben, insbesondere bei Frauen, ein aktives körperliches Wehren vorsieht. 4.1 Beatriz Preciado 51 Die von Preciado vorgesehene Dekonstruktion der heterozentristischen Ordnung und das Ersetzen sexueller Umgangsformen durch augenblicklich abnormale Praktiken ist der erste Schritt gen Aufbau einer Kontra-Sexualität. Ein weiterer Prozess besteht darin, den Orgasmus zu parodieren und zu simulieren (vgl. Preciado 2003: 26; vgl. Heider 2014: 273) und darum, Penis und Vagina durch den Dildo zu ersetzen, um der sexuellen Lust ihre Bestimmung zu nehmen und um Sex nicht mehr, in Anbetracht der Trias aus Vorspiel, Penetration und männlicher Ejakulation, als ‚the real thing‘ aufzufassen: „The female is expected to reach orgasm during coitus, but if she does not, the legitimacy of the act as ‚real sex‘ is not thereby diminished“ (Maines 1999: 5). In Anbetracht des Abgrenzungswunsches von der vorigen Gesellschaft dient es auch dazu, sich der Regulation des Sexes als Akt zu entsagen: „With the development of capitalism, a series of moral and social rules are created to manage sexuality and dissent (deviations or abnormalities)“ (Pérez Freire 2013: 60). Der Logik des neoliberalen Kapitalismus folgend, betont Pérez Freire: „The logic of neoliberal capitalism, focused on the individual will as maximum expression of modernity, has turned sex into the main production means“ (Pérez Freire 2013: 58). In diesem Punkt stimmt Marcuse überein, wenngleich er in seiner Analyse weitergeht und den Kapitalismus als totalitär und von Grund auf böse erachtet, sowie den Fokus auf Reproduktion legt und Selbstaufgabe von den Menschen (und sich in totaler Kontrolle, externer Bestimmung ausdrückt) voraussetzt. Verstärkt wird diese immanente Aggression durch den Mangel an Liebe. Daneben sieht Preciado für die Kontra-Sexualität vor, dass die Mitglieder untereinander Verträge für einen gewissen, von ihm nicht näher bestimmten Zeitraum schließen: „Von den Beteiligten wird verlangt, die naturalisierenden Fiktionen (Heirat, Paarbildung, Romantik, Eifersucht …), die durch ihre sexuellen Praktiken legitimiert werden, sichtbar zu machen“ (Preciado 2003: 26–27). Wichtig ist hierbei, dass die Verträge einvernehmlich geschlossen werden. Im Zentrum der Kontra-Sexualität steht für ihn der Dildo: Die dahinter stehende Logik „verweist auf die transzendentale Möglichkeit, einem arbiträren Organ die Macht zuzusprechen, die sexuelle und geschlechtliche Differenz zu begründen“ (Preciado 2003: 60). Denn: „Der Dildo verneint die Tatsache, dass Lust etwas ist, das in einem Organ stattfindet, das dem Ich 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 52 gehört“ (Preciado 2003: 61). Gemäß der Kontra-Sexualität handelt es sich beim Sex um eine Technologie; ferner betrachtet Preciado „die unterschiedlichen Elemente des Systems Sex/ Gender – […] – als Maschinen, Produkte, Werkzeuge, Apparate [Hervorhebung im Original]“ (Preciado 2003: 11). Zwar stimmt Marcuse in dem Punkt überein, dass einzig in einer neuen Gesellschaft Sexualität befreit ist, allerdings sieht Marcuse hierzu keinesfalls Verträge vor, stattdessen überlässt er die freien Körper, wie bereits oben betont, sich selbst; ihm ist es wichtig, dass die neue Gesellschaft von feministischen Qualitäten getragen wird und friedliches Zusammenleben besteht. Wie bereits angeschnitten, ist nicht komplett auszuschließen, dass in der Great Society Dildos und ähnliche Hilfsmittel zum Einsatz kommen (weil es primär wichtig ist, nicht zu feudalen Strukturen zurückzukehren). Für den Gebrauch derartiger Hilfsmittel spricht allerdings, dass auf diese Weise sexuelles Experimentieren dank der Kulmination in einem Objekt erleichtert wird (auch für homoerotische Erfahrungen). Gegen diese Überlegung spricht, dass das so geschürte Konsumbedürfnis seinen Ursprung im abgeschafften menschenfeindlichen Kapitalismus hat, wenngleich der Gebrauch von Dildos et alia der gewünschten Reproduktion hinderlich sind. Zentral für die praktische Herbeiführung der Kontra-Sexualität gemäß Preciado ist der Anus, der zu Zeiten des Heterozentrismus‘ passiv war, nun aber zum „Zentrum der Produktion von Erregung und Lust“ (Preciado 2003: 19) wird. Der Anus ist ihm zufolge sowohl bei den (einstigen)10 Männern und (einstigen) Frauen „ein universales erogenes Zentrum, das außerhalb der durch die sexuelle Differenz erzwungenen anatomischen Grenzen liegt und in dem die Rollen und Register als universal umkehrbar erscheinen“ (Preciado 2003: 18–19). Das Ziel der kontrasexuellen Praktiken, die vormals als pervers galten, ist es, „der kontrasexuellen Gesellschaft zum Durchbruch verhelfen“ (Heider 2014: 273). Hierzu bedarf es, wie oben bereits angedeutet, der Loslösung von Vagina und Penis, die sinnbildlich für eine 10 Diese Einschränkung erfolgt, weil in Zeiten der Kontra-Sexualität zum einen jeder Körper „einen neuen Namen“ (Preciado 2003: 23; vgl. auch Preciado 2003: 10) bekommt und zweitens eine Beschneidung, Kastration und/ oder Amputation den Geschlechtern eigenen Merkmalen von Seiten Preciados nicht offiziell vorgesehen ist. 4.1 Beatriz Preciado 53 auf Fortpflanzung ausgerichtete Sexualität standen, an deren Stelle in der Kontra-Sexualität der Dildo tritt. Wie Heider betont, verpflichten sich die Mitglieder der Kontra-Sexualität, sich diesen Praktiken „[m]ehrere Stunden am Tag“ zu widmen, wenngleich dies „harte[n], schmerz- und Unlust bereitende[n] Arbeit“ bedeutet, „die der Umerziehung der Menschen dient“ (Heider 2014: 274). Kurzum: „Sexueller Genuss ist verpönt“ (Heider 2014: 275). Als konkrete Praktik sieht Preciado vor, Fistfucking „als Beispiel kontrasexueller Hochtechnologie“ (Preciado 2003: 18) anzuerkennen, weil dies zum einen dem Anus die ehemalige Passivität nimmt und zum anderen konträr zu heterosexuellen Praktiken steht, sein Fokus nicht auf sexueller Reproduktion liegt und „auf keinem romantischen Verhältnis [basiert]. [Die Arbeit des Anus] schafft einen Gewinn, der innerhalb einer heterozentristischen Ökonomie nicht ermessbar ist“ (Preciado 2003: 19). Da Kontra-Sexualität im Besonderen auf Sex als Akt der Emanzipation und sexueller Befreiung fußt, kommt es auch zur „Abschaffung der Heirat und all ihrer liberalen Ersatzformen“. Denn: „Kein sexueller Vertrag soll den Staat zum Zeugen machen“ (Preciado 2003: 24). Um ungewollten Kindern vorzubeugen, sieht er Verhütungsmittel vor, die gratis ausgegeben werden, sowie „Forschungsgruppen zur Krankheitsprävention“ (Preciado 2003: 28) einzurichten und zu fördern. Falls doch Kinder ungewollt geboren werden, haben sie ihm zufolge ein Anrecht darauf, im Sinne der Kontra-Sexualität erzogen zu werden (vgl. Preciado 2003: 27). Diese, von Preciado vorgesehenen Merkmale einer gewandelten Sexualität, Zeitverträge, die zentrale Stellung des Dildos und Sex als schmerzhafte Erfahrung (dies wird im Folgenden näher ausgeführt) stellen das komplette Gegenteil von Marcuses Entwurf der Sexualität in der Great Society dar, weil die Sexualität hier auf Freiheit und Genuss ausgerichtet sein soll. Beide Theorien eint allerdings, dass in einer neuen Gesellschaftsform alles Alte negiert und ein sexuelles Experimentieren eröffnet wird (wenngleich Preciado dies mittels der oben beschriebenen Verträge auf Zeit regeln will, während Marcuse die freie Lustorientierung der Körper begrüßt und auch Bisexualität als sexuelle Orientierung für möglich erachtet. Ebenfalls einend ist, dass sowohl bei Marcuse als auch bei Preciado eine Angleichung von Homo- und Heterosexuellen im Hin- 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 54 blick auf gesellschaftliche Teilhabe und Akzeptanz vorgesehen ist (jedenfalls lehnen beide das Gegenteil nicht deutlich ab). Solche Praktiken sind um des Experimentierens willen für Marcuse nicht a priori ausgeschlossen, dennoch sieht Marcuse für die Great Society die Erotisierung des ganzen Menschen vor, worunter auch Berührungen fallen, die frei von Scham sind. Da Marcuse erst in seinem Spätwerk die Great Society entwickelte, bleibt diese in Detailfragen wie etwa zu Fragen der (längerfristigen) Partnerschaft und sexuellen Orientierungen und Verhaltensweisen unterdefiniert; ebenso unklar verhält es sich bei Marcuse mit Blick auf zu Zeiten der modernen Industriegesellschaft erworbenen ökonomischen Privilegien (Marcuse lässt auch die Wirtschaftsordnung im Unklaren: so ist es möglich, alles in gesamtgesellschaftliches Eigentum zu überführen oder den Privatbesitz beizubehalten; wahrscheinlicher ist allerdings erstgenanntes, weil in der Great Society sich jeder Mensch gemäß der eigenen Fähigkeiten einbringt und diejenigen keine Nachteile haben sollen, die kein Geld oder Besitz haben). Preciado hingegen spricht den Mitgliedern der Kontra-Sexualität die ökonomischen Privilegien ab, weil diese zu Zeiten der vorigen Gesellschaft unrechtmäßig zugesprochen wurden. Sofern die Kontra-Sexualität erreicht ist, werden auch die Bezeichnungen ‚maskulin‘ und ‚feminin‘ abgeschafft: „Die Codes der Maskulinität und der Feminität werden im Rahmen der einvernehmlich geschlossenen Zeitverträge zu offenen Registern, die den Körpern zur Verfügung stehen“ (Preciado 2003: 23). Es kommt im Zuge der Kontra-Sexualität zur Abschaffung „der sozialen und ökonomischen Privilegien“ (Preciado 2003: 24) und zur „Abschaffung der systematisch und gesetzlich geregelten Weitergabe erbrechtlicher und ökonomischer Privilegien“ (Preciado 2003: 24), weil diese mittels des abgeschafften Kapitalismus‘ mit heterozentrischer Prägung erlangt wurden. Nun tritt auch die oben erwähnte Regelung in Kraft, dass Individuen miteinander Verträge auf Zeit schließen (vgl. Preciado 2003: 27). Dabei ist die Anzahl der geschlossenen Verträge unbegrenzt; wichtig ist nur, dass sich die Mitglieder der Ausübung kontrasexueller Praktiken verpflichten (vgl. Preciado 2003: 27). Die Sexualität hat sich insofern gewandelt, als dass bei Preciado mittels des Dildos eine Resexualisierung des Körpers stattfindet, weil alle Körper wieder zu Instrumenten der Lust im Sinne Marcuses werden können und es möglich ist, überall am Körper 4.1 Beatriz Preciado 55 ein Dildo zu befestigen und sämtliche Punkte am Körper „eine Eingangs-Öffnung, ein Fluchtpunkt, ein Entladungszentrum, eine visuelle Achse der Passion-Aktion“ (Preciado 2003: 19) darstellen. Sofern sich (einstige) Frauen und (einstige) Männer mit Dildos penetrieren, ist offen, wer den einstige aktiv-männlichen bzw. den passiv-weiblichen Part im Rahmen einer kontrasexuellen Handlung übernimmt (vgl. Preciado 2003: 66). Da beide (einstige) Geschlechter über einen erregbaren Anus verfügen, rückt dieser ins Zentrum der sexuellen Arbeit, der somit resexualisiert wird (vgl. Preciado 2003: 25). Trotz dieser Übereinstimmung in der Resexualisierung unterscheiden sich Preciados Überlegungen dadurch von denen Marcuses, als dass er es nur durch schmerzhafte und zeitaufwändige Erfahrungen erst als möglich erachtet. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass mittels der als notwendig angesehenen Geschlechtsumwandlungen und sadomasochistischen Praktiken wieder Machtstrukturen eingeführt werden. Damit alles „Loch und Klitoris“ (vgl. Preciado 2003: 65) werden kann, sieht Preciado „Geschlechtsumwandlung[en] [als] eine Art öffentliche Gebrauchschirurgie, gleich ob frei gewählt oder Zwängen folgend. Diese Operationen sollen nicht dazu dienen, mit dem Körper die Idee einer maskulinen oder femininen Kohärenz weiterzuführen“ (Preciado 2003: 28). Ebenfalls denkbar sind für ihn Interventionen, die auf „die virtuelle Erkundung der Geschlechts- und Sexumwandlung durch Travestie, die In-Vitro-Produktion einer Cyber-Klitoris, die an verschiedenen Stellen des Körpers implantiert werden kann, die Transformation verschiedener Körperorgane in Transplantations-Dildos etc.“ (Preciado 2003: 29) aus sind. Ein Beispiel11 für eine kontrasexuelle Praktik ist die Zitation „des Dildo auf einem Kopf “ (im Folgenden: Preciado 2003: 47ff.) [sämtliche Hervorhebungen im Original]: „Prinzip dieser Praktik: die Logik des Dildos. Technologie: kontrasexuelle Übersetzung des Dildos auf einen Kopf oder Dildotektonik, die auf einen Kopf angewandt wird. 11 Die anderen beiden von ihm eingebrachten Praktiken sind zum einen das „Zitat eines Dildos auf High-Heels, gefolgt von einem analen Selbst-Fick“ (Preciado 2003: 39; Beschreibung dessen: Preciado 2003: 39ff., zum anderen das „Zitat des Dildos auf einen Unterarm“ (Preciado 2003: 43; Beschreibung dessen: Preciado 2003: 43ff.). 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 56 Anzahl der Körper, die an dieser Praktik teilnehmen: Drei. Material: ein roter Marker, 75 ml rot gefärbtes (ungiftiges) Wasser, eine Haarschneidemaschine Gesamtdauer: 2‘5‘‘. Beschreibung der Praktik: drei Körper schließen einen kontrasexuellen Vertrag mit dem Ziel, die Praktik, einen Dildo auf einen Kopf zu zitieren, näher kennen zu lernen und zu verbessern. Die Praktik wird so oft ausge- übt, bis es gelingt, alle Körper wenigstens einmal in die Position zu bringen, das Zitat zu empfangen. Zwei Körper rasieren zuerst den Kopf des dritten Körpers. Das Verfahren der somatischen Übersetzung wird durch das Dildo-Zitat auf der Oberfläche eines rasierten Kopfes realisiert, indem ein Dildo mit einem roten Marker auf die Haut gezeichnet wird. Der Körper, der das Zitat empfängt, hat 75 ml rot gefärbtes Wasser im Mund. Er hält sich zwischen zwei anderen Körpern aufrecht. Die den Dildo bearbeitenden Körper reiben den Kopf-Dildo in regelmäßigem Rhythmus und lassen dabei ihre Hände von oben nach unten gleiten (Operation: einen Kopf-Dildo reiben). Alle 40 Sekunden spuckt der Kopf-Dildo das rote Wasser aus und sieht dabei in den Himmel. Innerhalb von zwei Minuten hat er das rote Wasser drei Mal ausgespuckt. Unmittelbar nach dem dritten Spucken wird der Kopf-Dildo einen schrillen Schrei ausstoßen, um einen gewaltigen Orgasmus zu simulieren. Die Praktik beginnt jedes Mal mit dem Rasieren des Kopfes (Operation: Haare schneiden) und kann sich über mehrere Tage hinziehen. In dieser vertraglichen Periode teilen die drei Körper die Bedingung es Geschoren- Seins und daher beginnt die Praktik damit, den Dildo auf den Kopf eines der Beteiligten zu zitieren. Die an den Vertrag gebundenen Körper lernen die Übung der Kopfmassage und bringen extreme Zähigkeit auf, um zu Experten in der Kunst der Orgasmussimulation zu werden“. Eine Penetration mit Dildos ist insbesondere für (einstige) Frauen aus sexuell befreienden Momenten hilfreich (und auch heilend): Wenn sie eine solche Penetration mit einer anderen (einstigen) Frau ausübt, untergraben sie die männliche Monopolstellung (vgl. Fahs; Swank 2013: 670), weil sie die eigene Sexualität selbstbestimmt und am Lustprinzip nach Marcuse orientiert, ausübt. Darüber hinaus nehmen sie dem Dildo seinen oppressiven Charakter, den er gemäß des neoliberalen Kapitalismus‘ hatte (vgl. Das 2014: 695). Zuletzt ermöglicht die Kontra-Sexualität den (einstigen) Frauen eine Subjekt-Werdung im Sinne ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse (vgl. Das 1999: 695) und ermöglichen so eine lustvolle Beziehung zum eigenen Körper (vgl. Das 1999: 695). Mit dieser sexuellen Arbeit gestattet Preciado den Mitgliedern eine Entdeckung eigener sexueller Bedürfnisse, die unter kapitalistischen Charakteristika gemäß Marcuse nie zur Geltung kommen durften: 4.1 Beatriz Preciado 57 „Die Universalisierung aller Praktiken, die im Rahmen des Heterozentrismus als abjekt stigmatisiert wurden“ (Preciado 2003: 24–25). Zwar sind in der Kontra-Sexualität Heterozentrismus und ein konservatives Bild von Sexualität und Zusammenleben aufgehoben, allerdings treten mit den von Preciado anstatt vorgesehenen Vorgaben für Sexualität, Liebe und Partnerschaft neue Instanzen der Kontrolle und Herrschaft über Körper auf den Plan, weil die Mitglieder zum Praktizieren gezwungen werden und die Mitglieder regelmäßig Schmerzen gegen Lustgewinn und vor allem sexuelle Negation der alten Gesellschaftsform aufwiegen müssen. Daher hat die Kontra-Sexualität im Sinne Preciados wenig mit der Great Society gemäß Marcuses gemein. Amy Allen Amy Allen erkennt in der gegenwärtigen Welt globale Ungerechtigkeiten, in welcher nicht allen Menschen dasselbe Ausmaß an Partizipationsmöglichkeiten gewährt wird (vgl. Allen 2012: 826). Hierbei lässt sie allerdings offen, auf welche Ungerechtigkeiten sie aus ist, ebenfalls unklar bleibt, wie sich zum einen das Ausmaß an Partizipation äußert und wen es konkret einschließen soll. Hierbei ist Marcuse konkreter, insofern er die moderne Industriegesellschaft als totalitär und bösartig charakterisiert und dabei primär die USA vor Augen hat, die in Vietnam Mitte der 1960er Jahre Krieg führten. Aus ihrer Sicht haben die bisherigen Theoriekonzepte von Macht und Herrschaft in Anbetracht der besonderen ökonomischen und gesellschaftlichen Situation von Frauen signifikante Schwächen: So legen ihrer Ansicht nach Feministinnen entweder ihren Fokus auf die Macht, die Männer über Frauen haben [domination] oder es geht ihnen darum, Wege aufzuzeigen, wie Frauen zu handeln haben [empowerment] (vgl. Allen 1998: 22). Die hieraus resultierende Einseitigkeit der Ansätze ist Allen zufolge aus zweierlei Gründen problematisch: Erstens hat das Augenmerk auf einen der beiden Aspekte zur Folge, dass „obscures the other forms of oppression that are interwined with women‘s subordination“ (Allen 1998: 31). Zweitens macht ein einseitiger Ansatz jedes Konzept von Macht „incapable relations in which women find themselves“ (Allen 1998: 31). Dies bedeutet ihr zufolge, 4.2 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 58 dass „keine komplexen Machtbeziehungen erfasst werden, in denen Personen im Kontext derselben Institution, Norm oder Praxis zugleich beherrscht und empowered sein können“ (Kley 2013: 210). In Allens Punkt der Einseitigkeit von Machtverhältnissen stimmt Marcuse überein, weil sich für ihn die gesellschaftliche Macht im Wesentlichen über das Ökonomische definiert. Nichtsdestotrotz beweist Marcuse, dass aus der einstigen domination über Frauen empowerment von Frauen erwachsen kann; dies reicht für Marcuse so weit, dass im Besonderen Frauen zu Trägerinnen von Widerstandsqualitäten werden und mittels ihrer feministischer Qualitäten die gesamte Gesellschaft im positiven Sinne verändern können. Dabei besteht für Allen die Aufgabe zukünftiger feministischer Bewegungen darin, zum einen Macht als Ausdruck von Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnissen (vgl. Kley 2013: 210) zu überwinden und zum anderen, besonders in Abgrenzung zu den von ihr kritisierten einseitigen Ansätzen, darin, Macht nicht „allein als individuelle oder kollektive ‚Frauenmacht‘ bzw. Widerstand und Solidarität“ zu definieren (Kley 2013: 210), sondern vielmehr, gemäß einer kritischen Theorie von Macht „strive to illuminate not only domination and empowerment but also the complex interconnections between them“ (Allen 2008: 164). Daher müssen Machtverhältnisse ihr zufolge in all ihrer Tiefe und Komplexität analysiert werden. Wie sich diese Analyse äußert, lässt Allen offen. Besonderes Augenmerk legt sie hierbei auf die Verhältnisse „of domination and oppression that enslave human beings, block emancipation, and generate social crises and pathologies“ (Allen 2015: 514). Weiterhin nimmt Allen an, dass der kritisch-theoretische Gehalt von Macht motiviert ist von einem allgemeinen Interesse, die multiplen und sich kreuzenden Achsen von Herrschaft und Unterdrückung zu verstehen, zu kritisieren, herauszufordern, zu stürzen und letztendlich zu Fall zu bringen, die gegenwärtig westliche Gesellschaften belasten, inklusive Sexismus, Rassismus, Heterosexismus und Klassenunterdrückung: „This general motivation generates three more specific interests that critical theorists bring to the study of power. First is an interest in understanding domination and oppression in their multiple and intersecting forms. However, too narrow a focus on domination and oppression leads us to turn our attention away from the agency that dominated and oppressed individuals are able to exercise even in the face of or in opposition to their opp- 4.2 Amy Allen 59 ression. […]. […] we cannot understand empowerment in a vacuum, but must instead conceptualize it in relation to domination“ (Allen 2015: 163–164). Zwar wurde Marcuse von Holz (1968) dafür kritisiert, dass er offen lässt, wie sich die Große Weigerung, die Vorarbeit der Great Society, gestalten soll. Dabei weisen die von Allen vorgesehenen Schritte (Verständnis von Macht, Kritik der Macht, Herausfordern der Macht, Sturz der Macht, Fall der Macht) gen einer neuen Gesellschaft im Sinne der Great Society, weil diese auf Grundlage der Negation der alten Gesellschaft entstehen und durch aktive Teilnahme der Frauen erwachsen soll, während Marcuse einen neuen Typus Mensch für die Great Society vorsieht. Da aber Allens Schlussfolgerung aus den Schritten ein Tool-Kit ist, das im Folgenden näher beschrieben wird, beabsichtigt sie nicht primär eine Utopie im Sinne Marcuses. Allen vertraut auf praktischer Ebene auf das Potenzial der Selbsttransformation der bürgerlichen Gesellschaft mittels „its contact with social movements such as the feminist movement“ (Allen 2012: 823). Weiterhin gilt es Allen zufolge, empowerment für Frauen zu implementieren: „Once we conceive of power in relational terms, then not only does it no longer make sense to think of domination or oppression as a lack of some sort of stuff or good called power but it also no longer makes sense to think of empowerment as a process of gaining or acquiring that same stuff. […] empowerment must be understood in terms of social, cultural, economic, and political relations that foster and promote these same capacities“ (Allen 2008: 165–166). Im Gegensatz zu Allen setzt Marcuse nicht auf die Hoffnung einer Selbsttransformation der Gesellschaft per se, sondern geht vielmehr von körperlich-kognitiv geprägten Prozessen in den Individuen aus. Hieraus entsteht zuerst ein Wehren gegen den Status quo, der dann in der Folge in ein Weigern gegen die staatliche Ordnung umschlägt. Den Kern ihres Machtbegriffs zugunsten der Frauen bildet die Unterscheidung in Vorder- und Hintergrundperspektive12, welche sich auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen finden lassen – stets in Kombination mit Herrschaft, Solidarität und Widerstand (vgl. Kley 2013: 214). Allen bezieht die Hintergrundperspektive primär auf das Indivi- 12 Beide Perspektiven bedingen einander. 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 60 duum, sekundär haben insbesondere Institutionen die Absicht, gesellschaftlich solidarisches Denken und Handeln zu stärken, während Marcuse auf eine gesamtgesellschaftliche Besserung aus ist. Bezeichnend für die Vordergrundperspektive ist nach Allen, dass hier „konkrete Machtbeziehungen zwischen Individuen oder Gruppen“ sichtbar werden (Kley 2013: 214): „Aus dieser Perspektive kann z.B. eine bestimmte Herrschaftsbeziehung zwischen zwei Personen untersucht werden, aber auch Widerstand oder Solidarität [Hervorhebungen im Original]“ (Kley 2013: 214; vgl. Allen 1999: 130). Im Gegensatz dazu beleuchtet die Hintergrundperspektive das Individuum: „Hier geht es um Subjektpositionen, kulturelle Bedeutungen und Zuschreibungspraktiken, soziale Praktiken und Institutionen/Organisationen wie gesellschaftliche Strukturen, die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit hervorbringen“ (Kley 2013: 215), konzentriert sich „on the background social conditions that allow these particular power relations to appear“ (Allen 1999: 130). Jene Hintergrundperspektive kann in fünf verschiedene Aspekte differenziert werden: Subjekt-Positionen, kulturelle Bedeutungen, soziale Praktiken, Institutionen und Strukturen (vgl. Allen 1999: 131). Mittels der Etablierung dieser Analyse-Perspektiven sollen Ansatzpunkte geschaffen werden, um Macht aus feministischer Perspektive zu verstehen und brechen zu können (vgl. Allen 1998: 37). So ist es möglich, eine Unterteilung der Perspektiven vorzunehmen, die entweder auf gesellschaftlichen Wandel abzielen, zum anderen auf der Ebene des konkreten Ausdrucks der sexuellen Befreiung des weiblichen Individuums sich befinden. In Hinblick auf die Institutionen hält Allen fest, dass die Machtverhältnisse aus patriarchaler Perspektive verstärkt und aufrecht erhalten werden, indem sie spezifische Verständnisse von Weiblichkeit und Männlichkeit billigen, alternativ können sie einzelne Praktiken unterstützen oder verbieten (vgl. Allen 1999: 134). Somit ist es an den sich formierten feministischen Solidargemeinschaften gelegen, diese umzugestalten. Nichtsdestotrotz erkennt Allen, dass es bereits Institutionen gibt, die Frauen unterstützend zur Seite stehen „to resist male domination“ (Allen 1999: 134). Allen erkennt zwei Ansätze, nach denen Macht aus struktureller Perspektive analysiert werden kann: Der erste Ansatz erachtet Macht als „observed, de facto [Hervorhebung im Original] patterns of power distribution“ (Allen 1999: 134), während es dem zweiten Ansatz 4.2 Amy Allen 61 darum geht, dass „to analyze power from a structural perspective is to appeal to an explanatory framework that can illuminate or explicate the observed patterns of power relations that emerge as surface structures“ (Allen 1999: 135). Konkret sexuell befreiende Analyseaspekte von Macht finden sich bei Allen unter den Subjekt-Positionen subsumiert, deren Ziel es ist, „to highlight the constitutive role that power relations play in the formation of subject-positions that are available for individuals to occupy“ (Allen 1999: 131). Kulturelle Bedeutungen sind wichtig, um die Aufmerksmkeit auf „culturally hegemonic definitions [zu richten] and proposes alternate, subversive definitions that can then become resources for individual women who are attempting to resist male domination“ (Allen 1999: 132). Sie bezieht soziale Praktiken auf gelerntes Verhalten, welches durch stetiges Ausüben aufrecht erhalten bleibt und die Dominierenden in ihrem Handeln bestätigt (vgl. Allen 1999: 133). Allens Vorder- und Hintergrundperspektive entsprechen den Prozessen, die Marcuse unter der oben beschriebenen Großen Weigerung fasst: So eint die Begriffe Marcuses und Allens, dass die Erkenntnis (das Verständnis) der Macht alsbald in aktives Handeln (Wehren) umschlägt. Bei Marcuse finden sich die Kategorien Allens in der Great Society wieder, während dies für Allen noch unter die Vorarbeit hin zu einer frauenfreundlichen Gesellschaft fällt. So sieht Marcuse in der Great Society die Individuen von der einstigen Objektrolle in der modernen Industriegesellschaft nun in dem Stadium von Subjekten, die aktiv an der Umsetzung, und allen Widrigkeiten zum Trotz, eines gesellschaftlichen Gegenentwurfs arbeitet und somit andere, von den befreiten Menschen hervorgebrachte Institutionen und Organisationen voraussetzt. Die in der Great Society vorherrschenden sozialen Praktiken sind eine bewusste Negation des in der modernen Industriegesellschaft gelernten Verhaltens, um das Neue durchzusetzen. Allen hingegen lässt offen, wie es um die in der vorigen Gesellschaft erlernten Verhaltensmuster bestellt ist. Angesichts der hegemonialkritischen Grundhaltung ihres Tool-Kits ist aber davon auszugehen, dass Frauen gemeinsam dagegen ankämpfen und neue soziale Praktiken konstituieren. Im Rahmen der Great Society sieht Marcuse auch eine veränderte Auffassung des Kulturbegriffs vor, der sich in der Form des anderen Aussehens und eines anderen Verständnisses von Sexualität von der ehemals dominanten Auffassung abgrenzt, genauso verhält es sich bei 4. Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive 62 Allen, die sich hiervon ein Ende hegemonialer Dominanz verspricht. Statt einer wie von Marcuse geplanten gänzlich neu gestalteten Gesellschaft sieht Allen für Frauen eine Gewinnung von Raum vor, um sexuell befreit leben zu können. Ein weiterer Unterschied von Allens Ansatz besteht darin, dass das von ihr entworfene Tool-Kit a priori gesellschaftlich umfassend akzeptiert wird, während Marcuse aller Zuversicht zum Trotz mit Gegenwehr rechnet, die für die Great Society zur Gefahr werden könnten. Weitere Analyseaspekte nach Allen, die eine sexuelle Befreiung begünstigen, können ihr zufolge sowohl vom Individuum als auch von einer Solidargemeinschaft erprobt werden. Hierzu dienen ‚power-over‘, ‚power-to‘ und ‚power-with‘: Sie bezieht ‚power-over‘ auf die Macht, welche Frauen gegenüber Männern erlangen sollen (vgl. Allen 1998: 33). Hier lässt sie offen, wie dies genau gelingen soll. Allen zufolge agieren Männer stets innerhalb eines Sets aus kulturellen, institutionellen und strukturellen Machtverhältnissen, welches ihnen zu ihrem Gunsten zuarbeitet (und für Frauen von Nachteil ist) (vgl. Allen 1999: 125). Der Begriff des ‚power-to‘ bleibt bei Allen unterdefiniert. Hierunter fasst sie die Fähigkeit des Individuums, „to attain an end or series of ends“ (Allen 1998: 34). Unter ‚power-with‘ subsummiert Allen das gemeine Interesse feministischer Bewegungen, solidarisch miteinander zu stehen – auch in Verbindung mit anderen sozialen Bewegungen – „that we can formulate and achieve our goals“ (Allen 1998: 35). Zuletzt kommt Solidarität bei Allen eine große Bedeutung zu, mittels derer, Herausfordern und Unterminieren vorausgegangen, letztendlich ein System der Macht umgestürzt wird (vgl. Allen 1999: 127). Ausdruck bei Marcuse finden diese machtbegünstigenden Punkte in der Durchsetzung der feministischen Qualitäten (Rezeptivität, Sensibilität, Ruhe und Freude). 4.2 Amy Allen 63

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References

Zusammenfassung

Pia Lütkebomert bietet eine neue Sicht auf den weitgehend in Vergessenheit geratenen Philosophen, Politologen und Soziologen Herbert Marcuse (1898–1979). Seine Wertschätzung der Frauen stellt in den aktuell misogynen Zeiten einen Gegenpol dar, und gegenwärtige Theoriedebatten profitieren von seiner Sicht auf das gesellschaftliche Miteinander.

Die Arbeit zeichnet zuerst den Begriff der sexuellen Befreiung der Frauen nach Marcuse nach. Dies folgt der Trias bestehend aus Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft, der Phase des Übergangs und der Utopie, welche die Grundlage für die Analyse der herangezogenen zeitgenössischen Ansätze nach Preciado und Allen bildet.

Im Schlussteil gibt die Arbeit einen Ausblick auf weitere Forschungsfragen zur Bedeutung von safe spaces aus heterosexueller Perspektive, dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Praktik des klitoralen Orgasmus, um gesellschaftliche Probleme zu lösen, sowie zu Polyamorie, welche die Individualität weiblicher Bedürfnisse widerspiegelt. Das übergeordnete Ziel der Arbeit ist es, die Leserschaft für feministische Utopie-Theorie zu sensibilisieren.