5. GRENZ- UND SCHWELLENRÄUME in:

Vanessa Betti

Das Zusammenspiel von Raum, Zeit und Figuren in der "Kudrun", page 77 - 88

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4359-2, ISBN online: 978-3-8288-7314-8, https://doi.org/10.5771/9783828873148-77

Tectum, Baden-Baden
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77 5. GRENZ- UND SCHWELLENRÄUME Aufgrund der Reise- und Bewegungsfreudigkeit der Protagonisten innerhalb der Kudrun generiert der Text vielzählige Raumtransite, bei denen die Grenzen zu den unterschiedlichsten Orten, Einzel- sowie grö- ßerangelegten Herrschaftsräumen überquert werden. Bereits Paul Zumthor spricht von einer „dramatisation des lieux de passage“182 in Erzählungen und ihrer Funktionalisierung für das Narrative, ohne ihre Erscheinungsform jedoch genau zu definieren. Für die Analyse der Raum-konstruktion bekannter Artusromane entwirft Glaser in dem Kontext der Grenz-überschreitung den Begriff des ‚Schwellenraumes‘, wie er in vorherigen Kapiteln bereits kurz angerissen wurde. Darunter versteht die Wissenschaftlerin einen räumlichen Entwurf der Transgression, der primär die Zone des Übergangs zwischen der höfischen Welt und der „Sphäre der Anderen Welt“183 wie u.a. dem Bereich der Burg Brandigan des Erec genauer umreißen soll. Eine solche ‚Schwelle‘ zeichne sich narrativ demgemäß mittels semantischer Besonderheiten, eigener Gesetze sowie räumlicher Verdichtung aus. Zudem verbinde sie meist Charakteristika beider zu verbindender Räume.184 Nun hypostasiert die Kudrun außerhalb der Greifeninsel sicherlich keine solch weitreichenden Sphären des Mythischen wie der mittelalterliche Artusroman sie kennt. Dennoch konzipiert der Dichter in seinem Heldenepos ein Netz aus Raumarrangements mit ähnlicher Funktion: Als Grenzbereiche zwischen unterschiedlichen Makrokosmen der textimmanenten Welt bieten vergleichbare Raumgebilde nicht nur die Möglichkeit dementsprechender Transgression, sondern laden sie sich, wie bei Glasers Definition weiter oben verlangt, mit eigenständiger Semantik auf, können handlungslogische Einzelaspekte außer Kraft setzen und erfahren durch die Bewegung oder relative Positionierung der Figuren etwaige räumliche Verdichtung, sodass der Begriff trotz der mehrheitlichen Profanität der jeweiligen Raumarrangements für die kommende Beschreibung übernommen werden wird. 182 Zumthor S.388. 183 Glaser S.50. 184 Vgl. Glaser S.49ff. In Auseinandersetzung mit Glasers Forschungsansätzen arbeitet ebenfalls Lorenz mit dem Begriff des ‚Schwellenraumes‘ und fordert eine Ausdehnung desselben auf profane Räume. Vgl. Lorenz S.63-69. 78 Solcherart ‚Schwellenbereiche‘ wurden eingangs bereits für den Sigebant-Ute Teil exponiert. So bringt diese Aventiure zwei entsprechende Raumarrangements hervor: Auf der einen Seite die zweier lande marke (13,2), nach deren Überwindung der Konflikt bezüglich Sigebants Brautwerbung aufkeimt; auf der anderen Seite dann die Übergangszone zwischen dem Burginneren und dem Garten als Verbindungsstück zwischen privatem und öffentlich-zugänglichem Raum, in dem der Konflikt bezüglich der Herrschaftspflichten Sigebants problematisiert werden kann. Die semantische Besonderheit der Konfliktträchtigkeit solcher Konstrukte sollte an diesem Punkt bereits klar werden. Zudem erfahren diese Lokalitäten im Vergleich zur sonstigen Raumdescriptio durch den Stilbruch der Beschreibung ihre geforderte Verdichtung. Die Grenze wird in einer ansonsten amorphen Landschaft explizit hervorgehoben; die Treppe zum Garten erfährt Ähnliches durch die erstmalige Ausstaffierung einer Szene mit individuellen, räumlichen Requisiten.185 Gleichzeitig zeigt die Gegenüberstellung dieser beiden Raumarrangements bereits das Facettenreichtum solcher ‚Schwellen‘: Sie können u.a. Grenzen im buchstäblichen Sinne umfassen, zwischen öffentlichem und privatem Raum, Kultur- und Naturraum oder profaner und transzendenter Sphäre stehen. Fernerhin weist ebenfalls ihre narrative Funktionalisierung sowie ihre innere Organisation ambivalente Züge auf.186 Im Folgenden soll daher dieses Muster der Narration an weiteren Transgressionsräumen abgehandelt werden, um die These des übergreifenden Raumparadigmas zu festigen und es in die narrative Rahmen-setzung der Kudrun einzugliedern. Angesichts der räumlichen Trennung der Herrschaftsgebiete, darunter wird hier ebenfalls der Einflussbereich des Greifen gefasst, durch ein zentrales Meer avanciert der Uferbereich jeweils zu einer herrschaftlichen Grenzzone. Er ist der Bereich des wahrgenommenen Übergangs in eine fremde Rechtszone. Gerade das vermehrte Reisen der Figuren profiliert den grieze, sant, stade bzw. wert zu einer kontinuierlich wiederkehrenden Kulisse der Handlung, ohne dass sie sich jedoch aufgrund unterschiedlicher lokaler Ansiedlung individualisieren könnte. Ganz im Gegenteil, diese Räumlichkeit zeigt sich stets in einem prototypischen Gewand; selbst jene Uferbereiche der insularen Gegenwelten zum Festland verbleiben zunächst amorph wirkende Meeresufer, die 185 Zur genaueren Analyse dieser Arrangements vgl. Kapitel 3.1. der vorliegenden Arbeit. 186 Vgl. Lorenz S.120. 79 sich lediglich durch die Kulturlosigkeit ihres Bereiches hervorheben. Ihnen entbehrt es aufgrund fehlender Akkulturation zwar an der Nähe zu Burganlagen, wie sie sich an den jeweiligen Festlandstränden konstruiert sehen, ansonsten gleicht sich die Raumkonstruktion jedoch an. Dennoch wird gerade dieses räumliche Konstrukt zu einer „topographische[n] Struktur mit fester Funktion in der Dichtung“187, die wesentlich weiter trägt als Roeslers Prämisse, nur überschaubare Szenerie für Kampfaustragungen zu sein. Widmen wir uns zunächst dem grieze der Greifeninsel, der als Austragungsort des Kampfes um die räumliche Vorherrschaft dieser Insel das rauminhärente Konfliktpotential der Übergangszone nach der Sigebant-Ute-Episode erstmals mittels Gewalt inszeniert. Ein wichtiger Punkt bei der Lokalisierung dieser Kampfsequenz ist, dass die beiden wesensverschiedenen Kontrahenten gerade hier mit ähnlichen Startbedingungen aufeinander treffen: In der Luft könnte die Auseinandersetzung vom menschlichen Kämpfer wohl schlecht wahrgenommen werden, im Wald wiederum wäre der Held Hagen durch die räumliche Beengung im Vorteil, wohingegen der Greif im eigenen Hort durch Verstärkung und ‚Heimvorteil‘ bessere Startvoraussetzungen vorfinden würde. Der Strand mitsamt seiner Bewegungsfreiheit führt die Feinde demnach in einem – räumlich betrachtet – fairen Kampf zusammen, in dem nur die subjektiven Dispositionen über Sieg oder Niederlage entscheiden.188 Es ist nun aber nicht so, dass sich die Widersacher mit vorhergehender Kampfabsicht in diesem Inselabschnitt treffen. Hagen verlässt den sicheren Raum der Höhle eigentlich, um am Küstenabschnitt nach Vorräten zu suchen. Beim Betreten dieser Lokalität scheint der Protagonist jedoch seine ursprünglichen Motivationsgründe zugunsten eines komplett anderen Verhaltens zu vergessen. Plötzlich überkommt daz wênige kint (90,1) der Drang, sich mithilfe der Panzerung und Waffen des toten Kreuzfahrers zu rüsten: er schutte in ûz den ringen, er liez im niht versmâhen. bogen und gewâpen vant er der sîten harte nâhen. (89,3-4) Ohne eine entsprechende Bedrohung entdeckt zu haben – der Greif ist noch außerhalb von Hagens Wahrnehmungsbereich – sowie genderspezifischer Handlungslogik – die Figur wird schließlich explizit als kint 187 Roesler S.102. 188 Zum Aspekt der ‚Fairness‘ vgl. Roesler S.104f. 80 charakterisiert – muss etwas Anderes diese Reaktion hervorrufen.189 Trotz fehlender Kampferfahrung oder ritterlicher Grunderziehung weiß Hagen sich hier daraufhin zudem instinktiv nach vil guotes heldes mâze (91,4) zu benehmen, sobald die Bedrohung durch seinen übermächtigen Widersacher akut wird. Entsprechende Emotionen werden bei beiden Kampfpartnern gleichermaßen textnah evoziert. Während der Greif sofort zorniclîche (91,1) in die Auseinandersetzung einsteigt, reagiert Hagen aufgrund seiner Apirie mit einem tumben grimme (93,1), in dem der heldenhafte Kampfeszorn zumindest anklingt.190 Die Verdichtung des Schwellenraumes gestaltet sich in diesem Fall über die Kampfhandlung selbst sowie über die Akustik. Hagen ist der Höhle viel zu fern, um irgendwie dorthin flüchten zu können. Sobald er aber vergeblich mit Pfeilen das Vogelwesen zu bekämpfen versucht, schrumpft der Raum derart zusammen, dass er das Klagen der Frauen von diesem Schutzraum aus trotz der Entfernung einwandfrei wahrnehmen kann. Mit der Bewegungslosigkeit des verletzten Greifen sowie der steigenden Bedrängnis durch weitere Gegner schrumpft die Handlungszone für den Helden daraufhin um einiges weiter zusammen, nur um diese zunehmende Verdichtung nach dem Sieg mithilfe absoluter Bewegungs-freiheit schlagartig wieder aufzulösen. Auf diese Weise bestärkt die zusetzende Enge des Raumes am Ende die ‚Befreiung‘ des 189 Bezeichnenderweise übersetzt Simrock den hinteren Halbvers von 89,3 intuitiv mit "er konnte sich nicht versagen", als könne sich der Protagonist diesem Verhalten nicht entziehen, während Störmer-Caysa und Sowinski hierin eine Anspielung auf den Frevel der Leichen-beraubung sehen, vgl. Störmer-Caysa: Kudrun S.33 und Sowinski S.19. Campbell seinerseits glaubt, Hagen überwinde „his inhibitions“ (Campbell: Kudrun S.10). Meines Erachtens bezieht das Verb versmâhen sich auf das unhöfische Verhalten Hagens, die Rüstung eines Toten an sich zu nehmen, jedoch nicht im Sinne einer Hemmung wie Campbell oder der eigenen Scham wie Störmer-Caysa und Sowinski dies bei ihrer Übersetzung stark machen, sondern in Anbetracht der Bedeutung von "schmählich behandeln" in Verbindung mit der Negation niht, vgl. Lexer Bd.3 Sp.236f. Da Hagen noch keine höfische Erziehung genossen hat, ist dieses Verhalten nicht bewusst darauf angelegt, den Toten abwertend zu behandeln oder einen Frevel zu begehen, sodass die Schuldproblematik anders als im Parzival beispielsweise ausgeklammert werden soll. Er will den Toten demnach nicht schmählich behandeln; der Halbvers kann demnach entschuldigende Funktion hinsichtlich Hagens Verhalten tragen. Laut Schmitt wird diese Handlung zudem durch die anschließende Hilfe Gottes legitimiert. Vgl. hier Schmitt: Poetik der Montage […] S.88. 190 Zum Zusammenhang von Zorn, Gewaltausladung und kämpferischer Auseinandersetzung in der Heldenepik vgl. Ridder S.41-43. 81 Frauentrios, welches szenengerecht an der Peripherie die Kampfhandlung mitverfolgt hat.191 Die Funktionalisierung des stade zum Schlachtfeld macht ihn folgerichtig in dieser Episode zum „espace personnalisant“, der gattungsgerecht das archaische Gefühl des Zornes während der Kampfhandlung vorgibt, ohne dass eine Figur sich dessen entziehen kann. Der Verhaltenswechsel seitens Hagen bereits vor der aufkeimenden Gefahr zeigt jedoch gleichzeitig, dass dieses Raumkonstrukt sich nicht auf die traditionelle Semantik affektgesteuerter Gewaltentladung beschränkt, sondern selbst ohne etwaiges Blutvergießen ein gewisses Benehmen an die Figuren heranträgt, dem sie wie unter Zwang erliegen. Der „aspect personnalisant“ in Form eines Verhaltens- oder Affektmodells lässt sich in dieser Episode demnach mehr an den Raum als an die spätere Kampfsituation koppeln.192 Die rauminhärente Virulenz des grieze präsentiert sich in ganz ähnlicher Weise mehrmals während der Episode um Kudruns Entführung durch Hartmuts Truppen. Bei deren Ankunft wird in einer eigens dafür angelegten Strophe Hartmuts Absicht betont, die Prinzessin prinzipiell ‚friedlich‘ mit sich wegführen zu wollen: Ob si des niht entæte, sô wære er ir gehaz. daz er die maget bæte, dâ von versuochte er daz, daz er si ân urliuge ze lande wollte bringen, die schœnen juncfrouwen. des hête der küene Hártmúot gedingen (755,1-4) Diese optimistische Zielvorstellung lässt sich jedoch nicht mit dem Verhalten seiner Streitmächte in Einklang bringen. Sobald die Soldaten den 191 Außer der Schlacht mit Siegfrieds Truppen in Herwigs Reich, werden alle Kampfhandlungen in der Kudrun von einem Teil des weiblichen Figureninventars mitverfolgt, sei es als Zuschauerinnen in Fenstern und an den Zinnen einer Burg, sei es, dass die Figuren als mitgeführte Geiseln oder in Hildes Fall Bräute mit den Truppen am Strand lagern. Vgl. hierzu auch Roesler S.96f. 192 Das rauminhärente Konfliktpotential der Übergangszone inszeniert sich weitere zwei Male während der Aventiure auf der Greifeninsel, wenn auch weitaus weniger ausführlich. Sie zeigt sich zunächst in der Verunsicherung der Frauen bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Hagen vor dem Schutzbereich der Höhle. In diesem Fall wird die Grenze zwischen der Gefahrenzone außerhalb und dem Schutzraum transgrediert. Späterhin zeigt sich dies bei der Ankunft des Grafen von Garadê. Eine profunde Analyse dieser Einzelszenen findet sich unter dem Fremdheitsaspekt in einem späteren Kapitel. Um Redundanz zu vermeiden vgl. hierzu Kapitel 6.2. der vorliegenden Arbeit. 82 Küstenabschnitt vor der Burg Matelâne betreten, richten sie sich ze strîte (752,3), noch bevor Hartmut überhaupt die Chance einer Botenaussendung hatte, sodass es zu einer gravierenden Divergenz zwischen postuliertem Vorhaben und Heeresverhalten kommt. Darüber hinaus würde sich für die Normannen ein Lager vor der Burg anbieten, doch lässt die Optik der späteren offiziellen Kriegserklärung diese Raumbesetzung nicht zu. Nach der vergeblichen Bitte nach einer friedfertigen Lösung findet Hartmuts Nachfrage der mir nu helfe strîten (776,4) folgerichtig in diesem Küstenbereich, dem Arrangement der rauminhärenten Kampfbereitschaft, den fruchtbarsten Boden, sodass ein früheres Vorrücken die Raumsemantik handlungslogisch unterlaufen hätte. Abschließend macht sich in dieser späten Erzählepisode die semantische Aufladung des Raumes mittels Konfliktträchtigkeit nochmals bei Hartmuts Abreise bemerkbar. Während Hartmut die gesamte Kriegshandlung über nicht an seinen Widersacher Hetel gedacht hat, wird die Bedrohung durch den absenten Feind beim erneuten Betreten des stade wieder greifbar. Der plötzliche Gedanke an die latente Gefahr durch den abwesenden Herrscher generiert am Ende der XV. Aventiure ein weiteres Innuendo an die Virulenz dieses Grenzbereiches. Das Gefahrenpotential des Raumes beeinflusst die Figuren und ihr Denken bzw. Handeln demnach selbst dann, wenn keine direkte Bedrohung vorliegt; gleichzeitig ist dieses Gefahrenpotential an den Raum gekoppelt, denn die Virulenz Hetels für Hartmut ist außerhalb dieses Küstenbereiches nicht akut fühlbar, selbst nicht an der Stammburg der Hegelinge als Symbol für Hetels Herrschaft. Beide Sequenzen beweisen zudem das gezielte Aufbrechen der traditionellen Affektinszenierung innerhalb oder kurz vor einer aktiven Konfliktsituation. Ließe sich der vormals behandelte Affektausbruch in der Episode auf der Greifeninsel auf die Finalität der daran anschließenden Kampfsequenz zurückführen, so stellt sich in diesen Szenen ohne direkte Gewaltentladung die Frage nach der Funktion dieser Exaltation.193 Die Soldaten bereiten den Angriff vor, obschon das Potenzial einer friedlichen Problemlösung eröffnet wird. Funktionsgebunden kann diese Handlungsstörung schlichtweg als weiteres Symptom von Hartmuts defizitärer Herrscherposition ausgelegt werden, da die Truppen seinen Aussagen zuwider-handeln. Fernerhin kann die Diskrepanz 193 Zum Zusammenhang von Affekt und Funktion vgl. Ridder S.51. Laut ihm sind solche Affektinszenierungen stets an Handlungsziele gebunden, z.B. Zorn und Angriff. 83 von Assertion und Handlung schlichtweg ein Vorgriff auf das Scheitern der Friedensbemühung und die folgende Schlacht sein. Eine andere Möglichkeit wäre jedoch an dieser Stelle die Latenz der standhaften Weigerung seitens Kudrun, diese Ehe einzugehen. Trotz der bereits akuten Bedrohung wird dieser Vorschlag der Normannen von der Hegelingesippschaft abgelehnt, ähnlich wie die Prinzessin späterhin trotz ihres lebensfeindlichen Wäscherinnendaseins an ihrer Renitenz festhält.194 Andererseits stellt sich innerhalb der vormals besprochenen Szene der latenten Gefahr durch den Brautvater überhaupt die Frage nach der Geartetheit dieses Affektes, der hier seitens Hartmut keine Art von Zorn, sondern vielmehr eine dunkle Ahnung von Bedrohung darstellt. Der „aspect personnalisant“ beschränkt sich demnach nicht auf eine alleinige Facette von Gefahr, Bedrohung oder Konflikt, sondern sieht er sich innerhalb dieser Verflechtungen breiter ausgefächert. Seltsamerweise kommt Hartmut das Gespür für den virulenten Raum im Anschluss an diese Auseinandersetzung bei seiner Rast auf dem Wülpensand abhanden. Trotz der möglichen Verfolgung durch Hetel exponiert Hartmut seine Truppen offen am Strand dieser Insel. Obschon das Ufer hier bei der Ankunft der Streitkräfte aus Ormanie erneut ein prototypisches Gebilde ohne Individualität verbleibt, lädt sich der Raum durch die eingeschobenen Vorausdeutungen und Erzählerkommentare zunehmend mit einer Art von unterschwelliger Bedrohlichkeit auf, sodass er sich dadurch narrativ verdichtet sieht. Wiederholt wird beispielsweise auf den Irrglauben einer friedvollen Rast über mehrere Tage hingewiesen, der in al ze sêre (850,3) führen wird.195 Im vorherigen Kapitel dieser Arbeit wurde in diesem Zusammenhang bereits auf den anklingenden Mangel an Herrscherqualität seitens Hartmuts hingewiesen. Diese Unterschätzung des Raumes wird umso augenfälliger, wenn man diese Rast der Truppen mit der ähnlichen Situation von Hetels Truppen nach dem Brautraub von Hilde vergleicht. Diese ruhen sich nach ihrer Flucht ze Wâleis in die marke (493,3) in der Nähe eines Küstenabschnittes an der äußeren Grenze von Hetels Reich aus. Das Raumkonstrukt sieht sich demnach explizit zur Schwelle erfahrbarer Transgression verdichtet, und anders als Hartmut 194 Zum Zusammenhang von unterschwelligen ‚Störungen‘ und angedeuteten Konflikten vgl. erneut Müller: Spielregeln für den Untergang […] S.141f. 195 Vgl. textnah ebenfalls 847,4 swie vil liute hêten, des mohten si doch lützel geniezen; 851,2-3 Hartmuot mit sînen mâgen muoste lâzen abe/, den si hêten, daz si dâ belîben […]; 857,3 ir ruowe trug ein teil ze sêre. 84 erahnt man innerhalb von Hetels Truppen die Gefahr, die sie kurz später ereilen wird. Roesler postuliert für die anschließende Schlacht an der Küste von Wâleis, die Hegelinge würden untätig auf ihre Verfolger warten.196 Dem ist jedoch derart nicht zuzustimmen, denn der Herrscher bittet seine Mannen expressis verbis darum, diese Lokalität gerade wegen der Bedrohung zu verlassen: Dô sprach der ritter edele: «swie schiere ez mac geschehen - die vînde die sint frevele -, ir sult umbe sehen, daz uns iht ergâhe hie in dirre marke Hagen der ist grimme: sô gemüejet uns sîn übermüete starke.» (478,1- 4) Dass dieser Appell von den Protagonisten schlussendlich nicht wahrgenommen wird, lässt sich sicherlich auf das Erzählziel der anschließenden Entscheidungs-schlacht um die heiratswillige Hilde zurückführen, doch es kann nicht ignoriert werden, dass die Virulenz für Hetel gerade in der marke erfahrbar gemacht wird. Für beide Schauplätze lässt sich hingegen erneut das Gebot der ‚Fairness‘ stark machen. Der Wülpensand als neutraler Raum ohne Zuordnung zu einem der beiden Herrschaftsbereiche, sowie in gewissem Maße ebenfalls die Grenzlandschaft Wâleis, lassen einen Kampf zu, der für keinen der Kontrahenten die unverzeihliche Schmach der Heimniederlage mit sich ziehen würde. Hetel befindet sich zwar in einem ihm zugeordneten Rechtsbereich, auf der anderen Seite ist er aber derart weit von Campatille entfernt, dass er nicht mehr zu den landliuten gezählt wird.197 Zudem kann keine Partei auf einen eigenen Schutzraum zurückgreifen, der ihr einen Vorteil gegenüber ihrem Gegner bieten würde, sondern ist jeder seinem Gegenüber und den jeweiligen militärischen Dispositionen ausgeliefert. Ähnlich der Kampfhandlung auf dem stade der Greifeninsel trifft man sich zu gleichen Voraussetzungen.198 In den zwei Erzählepisoden wird zudem die Kampfbereitschaft der Protagonisten thematisiert. Nach einer anfänglichen Ausgelassenheit bezüglich der Ruhepause, bereiten sich beispielsweise Hetels Heere nach einer Beratung auf den Kampf vor, indem sie mit ir strîtgeziuge […] 196 Vgl. Roesler S.105. 197 Vgl. Störmer-Caysa: Kudrun S.595. Vgl. außerdem zu den unterschiedlichen Definitionsmöglichkeiten des Begriffs ‚Heimat‘ in realgeschichtlicher wie textimmanenter Perspektive Kapitel 6.1. der vorliegenden Arbeit. 198 Vgl. Roesler S.105. 85 sprungen an den sant (497,1). Noch schneller und eindeutiger reagieren dann Hartmuts Soldaten auf die ankommenden Schiffe, denn: Die ûf dem stade wâren, die alten zuo den jungen, die westen wie gebâren, wan daz si werlîche da sprungen (856,3-4) Es existiert scheinbar in diesem Gefüge keine alternative Handlungsmöglichkeit als die sofortige Rüstung und Gewaltausübung. Weder Flucht, noch taktischer Rückzug oder simples Verteidigungsverhalten wird in Betracht gezogen. Darüber hinaus kann ungeachtet des massiven Einsatzes von Wurfgeschossen in beiden Erzählepisoden der Kampf erst beginnen, nachdem die Gegner zuo in an den sant (498,1) bzw. die von Hegelingen drungen ûf den sant (860,1). Bei der Ankunft mithilfe von Schiffen hätte man aus sicherer Entfernung mit solcherart Waffen bereits mit den Kampfhandlungen anfangen können, ohne sich selbst in größere Gefahr zu begeben, doch unterläuft dies offenbar den weiter oben formulierten Gedanken gleicher Kriegsvoraussetzung.199 Indem die Figuren trotz der Behinderung ihrer Kampffertigkeit dynamisch zwischen dem Wasser- und dem Küstenbereich wechseln, wird zudem der Transgressionsgedanke dieses Raumes nochmals narrativ ausgeführt sowie die Charakteristika zweier Raumentwürfe miteinander verbunden.200 Des Weiteren zeigt sich bei beiden Schauplätzen die weiterführende Beeinflussung durch den raumvorgegebenen Kampfaffekt. Bei der Schlacht auf dem Wülpensand wird die Kampfhandlung angesichts der hereinbrechenden Nacht situationsentsprechend vorerst abgebrochen. Entgegen der schlechten Sichtverhältnisse, des daraus resultierenden Totschlags eines Familienmitgliedes sowie ihrer müeden handen (891,2) ist es den Kämpfern aber nur müelîchen (891,1) möglich, von ihrer Gewaltorgie abzulassen. Es wirkt als treibe sie ein innerer Drang zu der Gewaltausübung ähnlich dem instinktiven Kampfverhalten Hagens auf 199 Dieser Fakt wird umso fassbarer in der zweiten Episode um die Entführung von Kudrun. Hier wird in Strophe 859,2-3 explizit die Nähe der Schiffe zur Küste hervorgehoben, die ohne Probleme von Wurfgeschossen überwunden werden könnte. 200 Vgl. u.a. 503,1 Hagen in grôzem zorne sprang ûz in die fluot/der degen ûz erkorne zuo dem stade wuot; 867,2 […] jâ sprang er in die fluot. Die Figuren wechseln nicht statisch ihre Raum-position, indem sie mal an Land, mal an Wasser dargestellt werden, sondern heben gerade die Aktionsverben diesen Gedanken der Grenz- überwindung hervor. Vgl. zu diesem Kontext der Transgression ebenfalls Kohnen S.9. 86 der Greifeninsel. Die spätere, vergebliche Suche nach den Feinden bestätigt die Wahrnehmung der Küste als vornehmlichen Austragungsort gewalttätiger Auseinandersetzungen. Das Kriegsvolk hält lediglich in diesem Küstenbereich Ausschau nach den Feinden, ohne dass für irgendeinen der Protagonisten ein potentieller Rückzug der Feinde in das Landesinnere der großflächigen Insel überhaupt in Frage kommt. Dieser Nukleus der rauminhärenten Emotions- und Handlungsverknüpfung lässt sich anhand der erneuten Landung auf dem Wülpensand nochmals verdeutlichen. Bei dieser zweiten Ankunft auf dem Eiland wird zwar erwähnt, dass dort vormals der strît (1121,1) stattgefunden hat, der stáde (1124,1) wird als solcher aber lediglich bei der Abfahrt inszeniert. Zum einen kann man anführen, dass die Insel durch den Klosterbau in den Herrschaftsbereich der Hegelinge übergegangen ist, sodass die Grenztransgression nur zweitrangig ist, schließlich verbleibt man im Bereich des heimes. Zum anderen entflammt in dieser Episode kein raumnaher Konflikt, sodass das Konfliktpotential des stáde keine Möglichkeit fände, sich zu entladen oder aufzulösen. Gerade die narrative Aussparung der Landung im Uferbereich in dieser Episode beweist im Vergleich zur vorherigen Beschreibung, dass diesem Raumkonstrukt eine bestimmte narrative Funktion zugesprochen wird. Fehlt sie, bzw. benötigt eine Szene dieses Konflikt- und Streitpotential nicht, erübrigt sich ebenfalls die Ausgestaltung des zugehörigen Raumes. Vergleicht man die vorherigen Kampfsequenzen innerhalb des Schwellenraumes zuletzt mit Herwigs Heereszug gegen Hetels Stammburg, wird der besprochene räumliche Einfluss auf die Figuren weiter untermauert. Obschon König Hetel bereits im Voraus weiß, dass Herwig aufgrund seiner Werbungsablehnung âne vorhte under wegen [zogete] (635,2), dem Brautvater demnach wissentlich ein Krieg bevorsteht, sind seine Truppen bei der Ankunft der Feinde nicht kampfbereit. Es wird versäumt Vorkehrungen zu treffen, sodass das Heer schläft und ein wáhtære (639,2) beim Wecken nochmals darauf hinweisen muss, sich zu bewaffnen. Die Emotion des Zornes resultiert hier ebenfalls nicht aus der Raum-disposition, sondern wird explizit an die geste (642,4) geknüpft, sodass sich dieses Scharmützel in mehreren Aspekten von den Konfliktsituationen an der Küste unterscheidet. Folgerichtig können die Friedensschlüsse nicht an dem Ort des Konfliktherdes geschlossen werden, derart wird beispielsweise die ‚Friedensverhandlung‘ nach Hagens Niederlage in Wâleis ebenfalls nicht am Schauplatz des Krieges durchgeführt, sondern widmen sich die 87 betroffenen Protagonisten in einer nicht genau definierten Entfernung ihrer Zwiesprache. Selbst die Flucht von der Greifeninsel kann nicht innerhalb des Schlachtgebietes von statten gehen, sondern nimmt die Gruppe es in Kauf, die gesamte Insel zu überqueren, um an einem gesonderten Uferbereich gerettet zu werden. Diese Wanderung über die Insel ist demnach keineswegs eine narrative Widersprüchlichkeit, wie Sowinski dies postuliert, sondern Teil eines größer angelegten Raumparadigmas, das sich bei der Betrachtung des Gesamtwerkes herauskristallisiert.201 Die Darlegung unterschiedlicher Handlungssequenzen innerhalb der Raumfiktion der Küste in Verbund mit ihrem Vergleich mit anderen Kampfsequenzen sollte gezeigt haben, dass dieses räumliche Konstrukt sicherlich keine „zufällige[n] individuelle[n] Verhältnisse an einem bestimmten Ort“202 hervorbringt, dennoch aber semantisch tiefer in das Verwachsen von Figuren und Raum hineinträgt als nur simpler ‚locus circensium‘ zu sein, der nur aufgrund seiner Überschaubarkeit zur Schlachtenaustragung herangezogen wird.203 Vielmehr sollte man meiner Ansicht nach diese Herrschaftsperipherie als ‚locus dissensus‘ umschreiben, der selbst ohne eine für die Figuren wahrnehmbare Bedrohung diese in sich birgt und auf opake Art und Weise erfahrbar macht. Darüber hinaus überträgt dieser Raum als „espace personnalisant“ ähnlich weiterer Raumkonstruktionen dieses Werkes ein gewisses Verhalten auf die Protagonisten, ohne dass diese Einfluss darauf nehmen oder sich dessen großartig entziehen könnten. Natürlich kann und soll hier nicht übergangen werden, dass dieser Bereich an Einzelstellen ebenfalls der Konfliktentschärfung und -lösung dient, man denke nur an Hagens Rückkehr in die Gesellschaft nach seinem Aufenthalt bei den Greifen, doch bereitet selbst diese Szene im Vorlauf die Konfliktinhärenz der Schwellenübertretung auf, indem der Gefolgschaft des Grafen mulmig zu Mute wird, als sie sich der Küste nähern – obwohl Hagen ihnen den Friedensschluss bereits zugesichert hat. Außerdem sollte sich ebenfalls gezeigt haben, dass die ‚Schwellenräume‘ der Kudrun nicht zur 201 Vgl. Sowinski S.305. 202 Roesler S.102. 203 Vgl. Roesler S.102f. 88 Differenzierung zugangs-berechtigter und nicht zugangsberechtigter Figuren funktionalisiert werden wie in vielen Artusromanen, sondern sich auf die Konfliktanbahnung und -austragung beschränken.204 Letzte Anklänge an die Konfliktträchtigkeit des Schwellenraumes lassen sich an zwei weiteren Szenen während Kudruns Gefangenschaft bei Hartmut festmachen. Während der Überfahrt in das Normannenreich fühlt sich Hartmuts Vater Ludwig von Kudruns Aussagen, dass sie ihre Freude verloren habe und für immer traurig bleibe, provoziert und wirft sie deswegen über Bord. Diese Gewaltentladung wird situationsgerecht erst umgesetzt, nachdem die Winde den Reisenden in des fürsten lant (955,1) verholfen haben. Erst nachdem die Figuren im Küstenbereich des Herrschaftsgebietes gelandet sind, wird eine Streitsequenz umgesetzt, nicht etwa auf dem Meer oder erst nach der Ankunft im Landesinneren. Gleichermaßen findet die letzte Provokation Kudruns, das Zurücklassen der Wäsche am Strand sowie die implizit ausgedrückte Androhung etwaiger Konsequenzen bei weiterer Züchtigung, nicht wie die jeweiligen Belehrungen vormals in der Burg statt, sondern wartet Gerlint ausnahmsweise am Burgtor auf ihre „Wäscherinnen“ Kudrun und Hildeburg – das Tor kann hier sicherlich als Zone der Transgression zwischen Innen und Außen gewertet werden, sodass diese beiden Episoden ebenfalls in den vorherigen Argumentationszusammenhang hineinfließen, wenn auch in einer abgeschwächten Form.205 204 Vgl. Lorenz S.66f. 205 Interessanterweise findet die potentielle Gewaltentladung zwischen den weiblichen Figuren nicht in der Exposition des Schwellenraumes statt, sondern ziehen sie sich für die Rutenzüchtigung in die Kemenate Gerlints zurück. An diesem Punkt wird ebenfalls explizit betont, dass niemand die Kemenate – ein vormals eigentlich zugänglicher Raum – betreten darf (1283,1-4). Aufgrund der singulären Szene und fehlender weiterer Beispiele der Gewaltanwendung unter dem weiblichen Figureninventar soll hieran aber kein grundlegender Genderaspekt festgemacht werden.

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References

Zusammenfassung

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Kudrunlied wird zunehmend als bedeutender literarischer Gegenentwurf zu dem zur gleichen Zeit niedergeschriebenen Nibelungenlied anerkannt. Vanessa Betti treibt die aktuellen Forschungsbemühungen hinsichtlich dieser Emanzipation der Kudrun mithilfe der Untersuchung intratextueller Textfolien und -schemen bezüglich der drei großen Untersuchungsentitäten Raum, Zeit und Figuren weiter voran. Mithilfe einer hermeneutischen Herangehensweise steht die werkimmanente Kohärenzbildung sowie deren narrative Umsetzung im Vordergrund. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Ein­stiegs­aven­ti­u­ren des Werkes der narrativen Rahmensetzung dienen und in Grundzügen einen Großteil derjenigen Narrationsmodelle bereits entwerfen, auf die in multiplen Variationen durch das gesamte Werk hindurch rekurriert wird. Sie baut damit auf einer textnahen Untersuchung des ersten Erzählteils auf, bevor die Inselfiktionen, Schwellenräume, Fremdheitsaspekte sowie gesondert noch einmal das textimmanente Zeitmodell auf ihre Kohärenz und Umsetzung hin untersucht werden.