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Mithu Sanyal, Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist in:

Arne Hoffmann (ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 103 - 120

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-103

Tectum, Baden-Baden
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Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist Mithu Sanyal Eine meiner (vielen) Lieblingsautorinnen ist Dorothy L. Sayers und eine meiner (wenigen) Lieblingswerbungen ist die mit dem Tukan und den zwei randvollen Gläsern über dem Slogan: „Guinness is good for you.“ Da aller guten Dinge drei sind, hat Dorothy L. Sayers die Werbung für die irische Brauerei geschrieben. Und so wie die Guinness-Werbung auf ihrer Befragung von Kunden basiert – die erklärten, dass sie sich nach einem bis zahlreichen Gläsern „good“ fühlten – basiert dieser Text auf meiner Befragung von Männern zum Feminismus. Okay, hauptsächlich auf einer Reihe von E-mails des Herausgebers dieses Sammelbandes, der mich unter anderem auf Artikel des Bloggers „Leszek“ hinwies184. Aber die beiden sind Männer, also zählt das. Und den Tukan kann man sich ja dazu vorstellen. Tatsächlich spreche ich, seit ich denken kann, mit allen möglichen Menschen über alles Mögliche. So auch mit Männern über die verschiedenen Feminismen, doch waren die durch die Bank begeistert davon, vor allem, wenn sie mit mir ins Bett wollten. Nicht, weil sie dachten, das sei eine gute Strategie, nach dem Motto: Hey, ich mag Feminismus, fickst du mich dafür? Sondern weil sie und ich Feminismus als das Instrument betrachteten, das es uns erlaubte, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Für Männer, so sie heterosexuell waren, bedeutete 184 Vergleiche die beiden Blogbeiträge: Leszek zu der Frage, ob Gender Studies unwissenschaftlich sind, online veröffentlicht am 4.8.2016 unter https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/08/04/gastartikel-leszek-zu-der-frage-ob- g e n d e rstudies-unwissenschaftlich-sind sowie Leszek darüber, wie Vertreter der Gender Studies mit Kritik umgehen, online veröffentlicht am 7.8.2016 unter https://geschle chterallerlei.wordpress.com/2016/08/07/gastartikel-leszek-darueber-wievertreter-der-gender-studies-mit-kritik-umgehen. 103 das, dass auch sie Beziehungen mit Menschen auf gleichberechtigter Basis haben konnten und nicht mit Geschöpfen, um deren Lebensund Luxusunterhalt sie sich kümmern und denen sie die Bedürfnisse von den Augen ablesen mussten. Wenn sie darauf Lust hatten, konnten sie sich ja ein Haustier anschaffen. Aber vor allem bedeutete es für uns alle, dass wir miteinander kommunizieren konnten, dass wir nicht so tun mussten, als kämen Männer vom Mars und Frauen von der Venus und müssten sich nun möglichst gekonnt dazu manipulieren, miteinander Sex zu haben oder Eheringe zu kaufen oder was weiß denn ich. Soweit das Ideal. Häufig klappt das natürlich nicht und man fühlt sich dazu verlockt, doch Ratgeber ins leere Bett mit zu nehmen und nachzuschlagen, warum das so kompliziert ist mit dem anderen Geschlecht. Häufig klappt es auch auf der Ebene der gesamten Gesellschaft nicht und auch dafür gibt es Ratgeber, nur dass sie hier „politische Analysen“ heißen. Und manche Analysen sind hilfreicher als andere. Für mich kommen viele – wenn auch bei weitem nicht alle – der hilfreichsten Analysen aus den Feminismen. Und wie Leute, die Senf mögen und selbstverständlich davon ausgehen, dass alle Senf mögen, bin ich immer davon ausgegangen, dass das allen so gehen würde. Plus, ich war einfach lange niemandem begegnet, für den*die Senf respektive Feminismus nicht die Würze der Wahl war. Deshalb überraschten mich die Einwände gegen den Feminismus – Spoiler: Es gibt nicht den einen Feminismus, aber das ist kein Argument, um sich nicht mit Kritik auseinander zu setzen – und ich ging davon aus, dass es sich hier um ein grundlegendes Missverständnis handeln musste, um einen Kommunikationszusammenbruch, der doch sehr bedauerlich ist. Zum Teil glaube ich das immer noch. Bei anderen Teilen bin ich mir nicht so sicher. Aber Unterschiede werden definitiv immer unüberbrückbarer, wenn man aufhört miteinander zu kommunizieren. Da ich in den letzten Jahren zu so etwas wie einer Übersetzerin zwischen unterschiedlichen politischen Lagern (nicht unbedingt unterschiedlichen politischen Richtungen, weil die Inhalte manchmal gar nicht so weit voneinander entfernt sind) geworden bin – wie auch immer es dazu kommen konnte, denn in meinem privaten Umfeld bin ich keineswegs für meine Besonnenheit bekannt – mache ich mich mal an die Übersetzung. Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 104 Im Folgenden sind die Argumente gegen den Feminismus kursiv und meine Antworten normal gedruckt – und das soll keine Wertung sein. Es ging mir nur darum, sie voneinander abzusetzen. Ich werde mir alle Mühe geben, aber natürlich ist es nicht möglich, Missverständnisse und Verletzungen auszuschließen, in alle Richtungen. Dann müssen wir halt weiter reden. Kritik: Die komplette Unwilligkeit, sich mit Maskulisten auch nur zu unterhalten und uns pauschal zu verteufeln – in der Regel, ohne ein einziges maskulistisches Buch jemals gelesen zu haben. Es stimmt, ich kenne Feminist*innen (und ja, ich komme nachher auch auf das Gender* zu sprechen), die sich nicht mit Maskulist*innen unterhalten wollen. In der Regel sind das Feminist*innen, die von Leuten, die sich Maskulisten nennen, (online) massiv angegangen worden sind. Ihr seid nicht daran schuld, was einige im Namen des Maskulismus machen? Das bringt mich zu: Kritik: Hashtags wie #killallmen, #menaretrash und so weiter, die du umgekehrt in der Männerbewegung auch nicht findest. Ja, ich finde Hate-tags auch Kacke. Ich könnte noch Hashtags wie #killthebitch hinzufügen. Damit will ich nicht sagen: Selber! Sondern: Stimmt, wir könnten alle von einem Training in gewaltfreier Kommunikation (nach Marshall B. Rosenberg)185 profitieren. Und nicht nur wir. Auch die politische Kommunikation, bei der es nicht um Geschlecht, sondern um andere Hot Topics wie Religion, Migration, Sex, Steuern, den Wohnungsmarkt – also um nahezu alle Themen – geht, ist oft auf Eskalation und eben nicht ganz so oft auf Verständnis ausgelegt. Was lernen wir daraus? Menschen können scheiße kommunizieren, egal bei welchem Thema. Also hat es wahrscheinlich weniger mit den Inhalten zu tun, als eher mit der Art der Kommunikation. Kritik: Dazu gehören auch Schlagworte wie „toxic masculinity“, die längst nicht mehr auf die ursprüngliche Bedeutung begrenzt sind, sondern auf Männlichkeit generell abzielen, ohne dass ihnen andere 185 Vergleiche beispielsweise Marshall B. Rosenberg:Konflkte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Herder 2004 Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 105 Begriffe wie „healthy masculinity“ oder „toxic femininity“ (für problematische Verhaltensweisen bei Frauen) an die Seite gestellt werden. Für mich bedeutet „toxic masculinity“ – wie auch „toxic femininity“ – die Art, wie Geschlechtererwartungen/-Rollen/-Normen sich auf Menschen auswirken und sie sozusagen schleichend von innen vergiften. Diese innere Vergiftung hat als Folge Wechselwirkungen mit der Au- ßenwelt. Das ist nicht nur der ursprüngliche, sondern auch der produktivste Gebrauch von „toxic genderwasauchimmer“ und ich würde mir wünschen, dass er sich (wieder) durchsetzt. Es ist richtig, dass manche Feminist*innen „toxic masculinity“ oft mit der Nebenbedeutung von „Männlichkeit ist toxisch“ benutzen (ebenso wie es Maskulinist*innen gibt, die Sätze sagen wie „Feministinnen wollen sich alle nur auf ihrem Opferstatus ausruhen“ sprich: Feminist*innen seien die Verkörperung von „toxic femininity“.) Das hat den Nachteil, dass es Verhaltensweisen, die man ja eigentlich verändern will (wie: nicht über Gefühle reden zu können, immer alles im Griff haben zu müssen, Probleme lösen wollen, bevor man verstanden hat, worum es überhaupt geht etc.) zementiert, und das ist nicht nur wenig hilfreich, sondern schlicht tragisch. Allerdings sehe ich das nicht als feminismusspezifisches Phänomen, sondern finde dieses Begriffsverständnis auch in Artikeln von Autor*innen, die ich keineswegs als feministisch wahrnehme (aber wer weiß, ich bin ja nicht die Gatekeeperin des Feminismus). Ich sehe hierin ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem: Wir haben die alten Konzepte von Männlichkeit hinterfragt und in vielen Teilen als schädlich (für Männer und in der Folge auch für alle anderen Geschlechter) erkannt, aber wir haben noch keine (oder zumindest nicht genug) neue Konzepte. Also eiern wir zwischen anachronistischen Ein-Mannist-ein-Mann-Zirkelschlüssen und Männer-Bashing hin und her und tun uns insgesamt schwer, in informativer Form über Männer zu reden. Und trotzdem ist das doch schon deutlich besser als etwa in der Generation meiner Eltern. Meine Mutter hätte jederzeit unterschrieben, dass mein Vater sich ihr überlegen fühle, weil er ein Mann ist. Und mein Vater, dass Frauen nur Perlenketten und Pelzmäntel von Männern wollen. Menschenbilder, die uns heute hochgradig merkwürdig erscheinen. Und warum erscheinen sie uns merkwürdig? Nun, un- Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 106 ter anderem wegen den Feminismen.Das verwandte Konzept „toxic femininity“ verwende ich übrigens gerne. Andere Feminist*innen sprechen vom Cinderella-Syndrom186 oder von Hyperfeminisierung.187 Also ist es durchaus feministisches Allgemeinwissen, dass auch Frauen, die durch das Patriarchat (und auch darauf komme ich später) verformt worden sind, nicht nur gute, reine Opfer sind, sondern dass es echt nicht notwendigerweise angenehm ist, mit Opfern zusammen zu leben. Nun sind wir alle in der einen oder anderen Form Opfer und Täter*innen und aktiv und passiv verstrickt, und wir sind alle nicht immer angenehm. Diese Verformungen aufzulösen ist das Ziel des Feminismus, so wie ich ihn verstehe – und zwar für alle. Und ja, die Feministinnen der 70er Jahre haben sich erst einmal an die Baustellen bei den Frauen gemacht. Weil man nun einmal an dem arbeitet, was einem als erstes auffällt. Doch gab es daran damals schon und seitdem immer wieder Kritik, vor allem interne Kritik.188 Die fehlende Universalität des Feminismus/der Feminismen wurde immer wieder angemahnt und es wird immer weiter daran gearbeitet.189 Und zwar nicht, weil die Feminismen besonders wenig universell sind, sondern gerade weil sie diesen Anspruch an sich selbst haben. Ich habe zum Beispiel noch nie gehört, die Germanistik würde sich den Vorwurf der fehlenden Universalität machen. 186 Vergleiche Colette Dowling: Der Cinderella-Komplex: Die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit (Originaltitel: The Cinderella Complex: Women’s Hidden Fear of Independence. Simon & Schuster, 1990) übersetzt von Manfred Ohl und Hans Sartorius. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997. 187 Vergleiche Sarah K. Murnen and Donn Byrne: Hyperfeminity: Measurement and Initial Validation of the Construct. The Journal of Sex Research Vol. 28, No. 3 (Aug., 1991), S. 479-489. 188 Vergleiche Christina Thürmer-Rohr: Mittäterschaft von Frauen: Die Komplizenschaft mit der Unterdrückung. In: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Wiesbaden 2004, S. 85–90. 189 Vor allem schwarze Feministinnen, allen voran bell hooks und Angela Davis, haben den Diskurs über den nicht reflektierten Rassismus in den Feminismen eröffnet. Frauen mt Behinderungen haben darauf aufmerksam gemacht, dass der Kampf gegen den Abtreibungsparagraohen § 218 richtig und wichtig ist, dabei aber übersehen wurde, dass Frauen mit Behinderungen bis in die 1990er Jahre gegen ihren Willen zwangssterilisiert werden konnten. Trans Menschen haben die Einseitigkeit des Diskurses über sexualisierte Gewalt deutlich gemacht. Und so gibt es viele, viele Beispiele. Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 107 Kritik: Das aktive Torpedieren und Sabotieren maskulistischer Einrichtungen und Veranstaltungen. Keiner von uns kommt auf die Idee, eine feministische Veranstaltung an einer Uni zu blockieren, mit Trillerpfeifen zu stören oder den Feueralarm auszulösen. Oder darauf, Frauenberatungszentren an einer Uni verbieten zu wollen. Ich habe echt noch nie eine Veranstaltung – egal welche Veranstaltung – blockiert. Passiert das in Deutschland in nennenswerter Häufigkeit oder ist das eine amerikanische Form der Meinungsäußerung? Ich finde übrigens auch Männerberatungsstellen sinnvoll. Wie z.B. auch Micha Schöller von der Frauenberatungsstelle Tübingen. In Tübingen gibt es eine vergleichbare Stelle für Männer. Und die ist immer verdammt leer, während Micha Schöller die Türen eingerannt werden. Schließt sie daraus, dass die Gelder für die Männer besser ihrer Stelle zugute kommen sollen? Keineswegs. Für sie ist gerade das der Grund, warum Männerberatungsstellen wichtig sind. Sie sagt, dass es für Männer noch größere Schranken gibt, sich Hilfen zu holen. In unserer Gesellschaft sind Männer es schlicht nicht gewohnt, dass sie gefragt werden, wie es ihnen geht und was sie brauchen. Weshalb sie häufig keine Antworten darauf haben. Deshalb würde ich hier – wie oben – den Schluss ziehen, dass viele Vorwürfe von Männerrechtler*innen gegen Feminist*innen eigentlich Vorwürfe an die Gesellschaft sind. Bloß, dass Feminist*innen halt diejenigen sind, die über Geschlecht sprechen und deshalb auch die Chance haben, überkommene Vorstellungen zu reproduzieren (anachronistisch: „Die Männer sollen endlich aufhören zu heulen“ statt zeitgemäß: „Weinen ist eine physiologische Reaktion des Körpers, um emotionalen Stress abzubauen. Weiter so, liebe weinende Männer“). Denn genau diese Rollen, in denen wir alle, aber in diesem Fall halt Männer, festbetoniert werden, hinterfragen die Feminismen ja. Dass Feminist*innen dabei nicht automatisch eine neue Sprache haben, ist nur menschlich. Obwohl wir uns Mühe geben, siehe: die Gendersternchen – um darauf hinzuweisen, dass z.B. ein*e Pilot*in ein Mann, eine Frau oder ein weiteres Geschlecht sein kann. Aber die sind doch automatisch mitgemeint. Ja, das war das Versprechen, aber Studien zeigen wieder und wieder, dass sich Menschen, wenn ihnen gesagt wird „stellt euch mal einen Piloten vor“ einen weißen Mann, Mitte 30 in Uniform Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 108 vorstellen.190 Vielleicht finden wir irgendwann andere, bessere Lösungen. Bis dahin haben wir das *. Das Gendersternchen ist nämlich weder das wichtigste Anliegen noch Endziel des Feminismus, sondern nur der Versuch, Sprache inklusiver zu machen. Darüber hinaus finde ich es ästhetisch ansprechend. Aber mehr ist es nicht, deshalb möchte ich ihm hier auch nicht mehr Aufmerksamkeit widmen. Kritik: Eine unzureichende Konfrontation mit den Schattenseiten eurer Bewegung von dem faschistoiden Feminismus einer Valerie Solanas (wobei Solanas und ihre Lebensgeschichte keine Entschuldigung sind; der Mist wird ja kontinuierlich neu aufgelegt und vorgetragen) bis zu den mittlerweile sechs Menschen, die sich infolge von #MeToo umgebracht haben und in der feministischen Debatte über MeToo weitgehend unerwähnt bleiben. Oh ja, Valerie Solanas. Ich muss zugeben, dass ich das SCUM-Manifest in meiner Jugend auch mal amüsiert gelesen habe, was mir heute peinlich ist. Nicht, dass ich es gelesen habe, sondern dass ich seine zutiefst entmenschlichende Rhetorik nicht wahrnehmen konnte, weil sie sich nicht gegen mich gerichtet hat. Das ist inzwischen ein zentrales Anliegen von mir. Aber umgekehrt erwarte ich auch nicht von jedem Mann, dass er sich von allen Büchern distanziert, in denen Männer* entmenschlichend über Frauen*, nicht weiße Menschen oder überhaupt Personen, die nicht ihrer Klasse entstammten, geschrieben haben. Wenn alle Bücher mit sexistischen oder rassistischen oder anderweitig diskriminierenden Stellen aus den Bibliotheken entfernt würden, bliebe nicht mehr viel von der Weltliteratur/Philosophie/Wissenschaft übrig. Nebenbei ist der Feminismus übrigens keine Partei. Es gibt nicht ein Manifest, ein Regelwerk, dem alle folgen. An vielen Punkten haben wir extrem unterschiedliche Positionen. Deshalb ist es nicht möglich, 190 Vergleiche Kira Hanser: „Are you a Madam, Sir?“ – das ist der Klassiker. In: DIE WELT am 10.02.2017. Pilotinnen berichten beispielsweise, dass sie regelmäßig von Passagieren um einen Kaffee gebeten werden, weil sie für Stewardessen gehalten werden. Auch werden sie (siehe die Überschrift des Artikels) gerne von Fluglotsen gefragt: „Are you a Madam, Sir?“ Online findet man den Artikel unter https://www.welt.de/ reise/article161880530/Are-you-a-Madam-Sir-das-ist-der-Klassiker.html. Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 109 den Feminismus an sich zu kritisieren, sondern nur einzelne Texte/ Aussagen einzelner Feminist*innen. An den oben genannten Beispielen zeigt sich jedoch ein grundlegendes Problem und zwar das der Macht respektive Ohnmacht. Ein Beispiel: Der ehemalige Polizist und inzwischen Comedian Alfie Moore erklärt, dass es sexuelle Belästigung sei, wenn er Demonstrierenden auf den Po klatschen würde, aber nicht, wenn die das bei ihm machten. Weil es dabei immer auch um Macht geht. Und er ist als Polizist bei (den meisten) Demonstrationen die Autoritätsperson. (Das ist eine interessante/schwierige Haltung, die ich nicht 100%ig teile, aber trotzdem ist es ein wichtiger Aspekt, dass Missbrauch von Macht natürlich etwas mit Macht zu tun hat) Doch wo genau liegt die Macht zwischen den Geschlechtern? Heute? In den oben genannten Fällen (Solanas etc.) wäre meine Analyse, dass hier subjektiv empfundene Machtlosigkeit absolut gesetzt wird. Was ist die Lösung? Menschen, die sich bereits machtlos fühlen, auf die Finger hauen? Kann man machen, bringt aber nicht viel. Lasst uns stattdessen alle viel mehr über unsere eigene Macht herausfinden. Weil es befreiend ist, sich nicht machtlos zu fühlen. Und weil wir dann auch verantwortlich mit dieser Macht umgehen können. Kritik: Es gibt das Patriarchat, gegen das sich der Feminismus ständig wehrt, überhaupt nicht. Was man daran sieht, dass Männer fünf Jahre früher sterben und in Kriegen verheizt werden und an zahllosen weiteren Beispielen. Und genau das ist Ausdruck des Patriarchats. Dass nämlich die Menschheit in zwei (und mehr) Gruppen aufgeteilt wird, denen eingeredet wird, sie seien diametral unterschiedlich. Der männerpolitisch engagierte Schriftsteller Ralf Bönt drückt das so aus: Die eine Gruppe, lasst sie uns (ungenau aber populär) als Frauen bezeichnen, wird stärker kontrolliert und ihre Arbeit wird weniger wertgeschätzt; dafür werden sie auch mehr beschützt. Bei der anderen, (ebenso ungenau aber populär) den Männern, ist ihr Leben und ihre physische Unversehrtheit weniger Wert, dafür wird ihre Leistung höher geschätzt. Soweit das klassische Patriarchat. Wir leben in einer Zwischenform, die noch viele Aspekte unreflektiert weiterführt, aber gleichzeitig dabei ist, andere dynamisch zu verändern. Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 110 Welche Formen diese Veränderungen annehmen und ob wir die Gesellschaft dadurch menschenfreundlicher gestalten, liegt an uns. Deshalb finde ich es wichtig, über das Patriarchat zu sprechen. Obwohl natürlich längst nicht alle Diskriminierungsformen auf das Patriarchat zurückgehen. Häufig verwechseln wir auch Kapitalismus und Patriarchat miteinander. Aber deshalb ist es ja so wichtig, darüber zu reden. Kritik: Ein Intersektionalitäts-Verständnis, bei dem Diskriminierungen immer nur in eine Richtung laufen können, Diskriminierungen auf der anderen Seite also per se gar nicht erst in den Blick geraten können. Ausblendung des Forschungsstandes zu Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind. Zuerst ein Wort zu Intersektionalität: Dabei geht es ja gerade darum, die verschiedenen Diskriminierungsformen zu erkennen und zu verstehen, wie sie zusammenwirken. Es liegt also nicht an dem Intersektionalitätsverständnis, warum manche Menschen nicht in der Lage sind zu sehen, dass Diskriminierung und Macht nicht nur in eine Richtung laufen. Es ist das Problem mit Komplexität: Sie ist einfach verdammt komplex. Ich werde übrigens immer wieder gefragt, über Diskriminierungen von Männern und Jungen zu schreiben. Etwa direkt zu Beginn der #metoo-Debatte von der „taz“ über männliche Opfer. Es gibt also ein deutliches und immer stärkeres Bedürfnis von feministischer und linker Seite an diesen Auseinandersetzungen. Warum diese lange so schwierig waren und es zum Teil noch immer sind, liegt meines Erachtens daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Betroffenen(gruppen) gegeneinander ausgespielt werden – nach dem Motto: Wollt ihr, dass das Schwimmbad oder die Bibliothek nicht geschlossen wird? Dass es also die berechtigte Angst gibt, sobald über Opfer aller Geschlechter gesprochen wird, könnte daraus gefolgert werden: Dann geht es ja allen gleich schlecht, dann ist das ja gar nicht ungerecht; stellt euch also mal nicht so an. Oder – und das ist meine Angst – dass wir den Blick auf spezifische Diskriminierungen verlieren. Denn beispielsweise Sexismus gegen Frauen äußert sich anders als Sexismus gegen Männer oder Sexis- Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 111 mus gegen trans Personen. Er verläuft auch nicht immer komplett unterschiedlich, aber es gibt schon Spezifika. Und deshalb müssen auch die Gegenstrategien spezifisch sein. Einer der Orte, wo eben diese Komplexitäten erforscht werden, sind die Gender Studies. Und damit wären wir bei: Kritik: Genderstudien sind keine Wissenschaft, sondern eine Ideologie, was sich an ihrer Weigerung zeigt, die in den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften ansonsten gängigen wissenschaftlichen Standards ernst zu nehmen und einzuhalten. Gender Studies sind natürlich ein viel zu großes Feld, um sie hier erschöpfend zu behandeln. Deshalb nur grundlegend: Wissenschaftliche Standards sind, wenn man sie sich mal genauer anschaut, in allen Disziplinen verdammt rar gesät. Und die Gender Studies gehören zu den wissenschaftlicheren Disziplinen, die ich näher kenne, weil sie wissenschaftliche Verfahren überprüfen und reflektieren. Wenn ich wissenschaftlich sage, dann meine ich damit, dass ich in meiner akademischen Arbeit meine Quellen kenntlich mache und angebe, so dass Menschen nachrecherchieren und sich ein eigenes Bild machen können. Ich versuche, Aussagen zu belegen. Natürlich habe ich ein Forschungsinteresse, das sich direkt oder indirekt in meiner Forschung niederschlagen wird. Das ist übrigens auch nicht zu vermeiden und in allen anderen Disziplinen genauso. Wenn ich mit derselben Brille auf Archäologie, Literaturwissenschaften, Chemie, Medizin … schauen würde, würde ich dort dieselben Erkenntnisschranken und einseitigen Ansichten finden. Deshalb würde aber kein Mensch bestreiten, dass Archäologie, Literaturwissenschaft, Chemie, Medizin … wichtige Erkenntnisse zustande gebracht haben und überhaupt wichtig sind. Bei den Gender Studies aber schon. Siehe: Kritik: Grundsätzlich gilt meines Erachtens: Die Gender Studies sind unwissenschaftlich, sie versuchen sich (und ihre Unwissenschaftlichkeit) in zahlreichen anderen Disziplinen zu verankern, stellen meines Erachtens zumindest in langfristiger Perspektive ein Risiko für den universitären Wissenschaftsbetrieb dar, die Gender Studies scheinen nicht selten einen negativen Einfluss auf Studenten zu haben, die das Fach studieren, insofern die Gender Studies zumindest einen Beitrag Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 112 dazu leisten ideologisierte politisch korrekte Mentalitäten hervorzubringen, die nur in eine Richtung denken können, zum Opfernarzissmus neigen und eine geringe Wertschätzung für die Meinungsfreiheit haben. Damit zusammenhängend Ausblendung sämtlicher sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse, die nicht zu dieser Vorannahme passen. Puh, das ist harter Tobak! Ich habe in den Gender Studies zum ersten Mal überhaupt von Diskriminierung aufgrund von Geschlecht Männern und Jungen gegenüber erfahren. Autor*innen wie David Benatar191 habe ich darüber kennen gelernt. Nun kann man jeden Studiengang besser machen, und die Qualität der Lehre steht und fällt mit den Lehrenden. Deshalb ist Selbstkritik wie in jeder anderen Disziplin auch wichtig. Gibt es Tendenzen zu Dogmatismus – so übersetze ich mir politische Korrektheit jetzt einmal – oder dazu, in Opfernarrativen zu verharren? Das möchte ich nicht ausschließen, da Dogmatismus und Opfernarrative im Moment die politische und intellektuelle Rhetorik (mit)bestimmen. Und wisst ihr was? Wir haben ja dieselbe Kritik an die Männerrechtler*innen. Da ist es mit Sicherheit sinnvoll, diese Denkmuster zu hinterfragen. Und die Gender Studies tun dies. Methodenkritik heißt das in den Geisteswissenschaften. Und die ist nicht immer ganz ohne, wenn es um das eigene Leben/Erleben/Sein geht. Will sagen, es klappt nicht immer und wir haben alle blinde Flecken. Trotzdem machen ja eine ganze Reihe von Feminist*innen genau das, wie zum Beispiel Cordelia Fine, die sich sehr genau die Ergebnisse der Neurowissenschaften anschaut.192 Zum Beispiel in Bezug darauf, dass männliche Gehirne so wahnsinnig anders sein sollen als weibliche, weil das Testosteron direkte Auswirkungen auf das Gehirn hat. Das Problem ist nur, dass der Testosteronlevel im Blut gar keine Auswirkung auf den im Gehirn hat. Und sogar wenn, was würde das für die Funktion des Gehirns bedeuten? Faszinierende Forschung, die einen über die Art, wie wir wissenschaftliche Erkenntnisse unhinterfragt glauben, nachdenken lässt. 191 Vergleiche David Benatar: The Second Sexism: Discrimination Against Men and Boys. Wiley-Blackwell 2012. 192 Vergleiche Cordelia Fine: Testosteron Rex. Unmaking the Myth of our Gendered Minds. Icon Books.2018. Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 113 Kritik: Ausblendung von Forschungsergebnissen konkurrierender geschlechter-soziologischer Ansätze, wenn diese nicht zu den Gender- Studies-typischen ideologischen Vorannahmen passen (z.B. Catherine Hakims Präferenztheorie). Wenn es IM DURCHSCHNITT Interessenunterschiede hinsichtlich Studium, Arbeit und Karriere zwischen Frauen und Männern gibt, dann ist klar, dass es auch zu gewissen geschlechtsbezogenen gesellschaftlichen Ungleichverteilungen kommen muss, trotzdem hat dies in diesem Fall nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern ist dann in letzter Instanz Ausdruck der persönlichen Wahlfreiheit. Und hiermit kommen wir ans Eingemachte. Ich finde es tatsächlich zentral, dazu zu forschen, wie die Unterschiede, die sich zwischen den Geschlechtern historisch manifestieren – und sie manifestieren sich historisch ja keineswegs durchgehend gleich, sondern sind einem heftigen Wandel unterworfen – entstanden sind, produziert werden und veränderbar sind. Mein Ziel ist es dabei übrigens auch, die persönliche Wahlfreiheit zu erweitern. Aber wie ist es denn dann mit der Tatsache, dass so viel mehr Männer Programmierer werden wollen als Frauen? Das ist ein hervorragendes Beispiel für die historische Gewordenheit von Unterschieden. In den Kindertagen des Computerprogrammierens war das nämlich Frauenarbeit, weil die Männer für die „harten Jobs“, wie das Zusammenschrauben der Dinger verantwortlich waren. Nicht nur hat eine Frau das erste Computerprogramm geschrieben, Ada Lovelace, auch waren wirklich nahezu alle frühen Programmierer*innen Programmiererinnen. Das Wort „computer bug“ wurde von einer Frau geprägt, Grace Hopper, nachdem sie 1947 eine Motte in ihrem Rechner gefunden hatte. Dann änderte sich das gegenderte Image des Jobs, und damit übten ihn mehr Männer aus. In Indien beispielsweise ist Programmieren noch immer vordringlich Frauenarbeit, weshalb in Bangalore, dem Silicon Valey Indiens, viel mehr Frauen beschäftigt sind als Männer. Das soll nicht heißen, dass jetzt auch unwillige Mädchen gedrängt werden sollen, Informatik zu studieren, und den Jungs die Tastatur weggenommen werden soll, sondern lediglich, dass wir alle, alle, alle aus der vollen Palette des Lebens auswählen sollten. Ob es dann noch einen Rest Geschlechterunterschied gibt oder nicht, können wir in dieser perfekten Welt gerne diskutieren. Bis dahin Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 114 ist das jedoch eine recht akademische Frage, da Geschlechterstereotype einen so massiven Einfluss darauf haben, wie sich Geschlecht auf unser Leben auswirkt, dass wir gar nicht davon abstrahieren können. Ein Beispiel: Gehirne sind unglaublich kooperativ und plastisch. Bei Psychotests kam heraus, dass Frauen*, die als Frauen* angesprochen wurden, Matheaufgaben deutlich schlechter lösten als die Kontrollgruppe, deren Mitgliedern gesagt wurde, ihr Geschlecht habe nichts mit diesem Test zu tun.193 Bei einem entsprechenden Test an Männern schlossen diese deutlich schlechter bei einem Empathietest ab, wenn dieser als Empathietest galt und nicht etwa als Test für das Führen von Mitarbeitern. Unser Gehirn weiß, was von uns erwartet wird – auch und gerade in Bezug auf unser Geschlecht – und es gibt sich redliche Mühe, genau diese Ergebnisse zu produzieren. Vor diesem Hintergrund ist es beruhigend, dass die Unterschiede der Gruppe aller Männer* im Verhältnis zu der aller Frauen* verdammt gering ausfällt und deutlich, deutlich, deutlich geringer als die zwischen individuellen Frauen* (oder individuellen Männern*) untereinander.194 Mirja Stöcker drückt das so aus: Die Unterschiede zwischen Alex und Alexandra sind geringer als die zwischen Alex und Andreas.195 Kritik: Eine weitere gerne verwendete Diskusstrategie von Vertretern der Genderstudien wirft Kritikern des Faches vor, Gegner der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern zu sein. Hierbei wird dann nicht selten mit einer Verwechslung der Begriffe Gleichberechtigung (Chancengleichheit) und Gleichstellung (Ergebnisgleichheit) hantiert. Klar, Ad-hominem-Argumente sind immer das Ende von Auseinandersetzungen. Allerdings sind diese vielleicht ein wenig nachvollzieh- 193 Vergleiche Michael Johns, Toni Schmader, Andy Martens: Knowing Is Half the Battle. Teaching Stereotype Threat as a Means of Improving Women’s Math Performance. First Published March 1, 2005 Research Article https://doi.org/10.1111 /j.0956-7976.2005.00799.x 194 Vergleiche Cordelia Fine: Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Klett-Cotta. 2012. 195 Vergleiche Mirja Stöcker (Hg.): Das F-Wort. Feminismus ist sexy. Ulrike Helmer Verlag. 2007 Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 115 bar, wenn man bedenkt, dass es zur Zeit massive Angriffe gegen die Gender Studies gibt. Zum Beispiel von der AfD, die in ihrem Programm eindeutig sagen, wie sie zur Chancengleichheit ebenso wie zur Ergebnisgleichheit von Menschen stehen. Deshalb liegt der Verdacht erst einmal nahe, wenn jemand sagt: Unterschiedliche Ergebnisse lägen an unterschiedlichem Sein, dass dieser jemand damit verwischen möchte, dass er*sie gegen Chancengleichheit ist. Aber schauen wir uns Chancengleichheit und Ergebnisgleichheit einmal an einem anderen Beispiel an. Ich nenne es das: „Ja, Mithu, das sagst du jetzt, weil man mit Programmieren verdammt viel Geld machen kann. Wie ist das denn dann mit typischen Frauenjobs wie Kindergärtnerin? Machst du dich da auch für eine Männerquote stark?“-Beispiel. Bingo! Ich befürworte nämlich eine Männerquote in Kindergärten absolut. Aus so vielen Gründen: Weil Kinder von Anfang an erleben sollen, dass alle Geschlechter für Kuscheln und Kakka-Wegmachen zuständig sind. Dass alle Geschlechter trösten und bolzen können. Und dass sie, also die Kinder, das deshalb auch alles können. Dazu müsste man den männlichen Erziehern aber auch zugestehen, Babys zu wickeln und mit den Kleinen zu schmusen. (Der Herausgeber dieses Buches bat mich, diesen Aspekt herauszunehmen, da das „im Extremfall als Plädoyer für die Begünstigung von Pädophilie missinterpretiert werden“ könne. Deshalb möchte ich es hier schriftlich geben: Pädosexualität ist ein Verbrechen. Mit Kindern zu kuscheln ist überlebensnotwendig für die Kinder. Und es kann nicht angehen, dass Kindergartenkinder lernen, Nähe und Wärme bekommen sie nur bei den Erzieherinnen, mit den Erziehern gehen sie raus bolzen. Deshalb ist mir dieser Satz vor allem mit der Angst, dass er missverstanden werden könnte, doppelt so wichtig: Wir sollten nicht allen Männern misstrauen, die menschlich mit Kindern umgehen.) Denn das ist ein eindeutiges Beispiel, wo das Patriarchat Männer – und damit indirekt uns alle – benachteiligt. Hier besteht für Männer eindeutig Chancengleichheit aber eben nicht Ergebnisgleichheit. Das heißt nicht, dass ich mich morgen um einen Job als Programmiererin bewerben würde, wenn die Gesellschaft eine andere gewesen wäre, als ich zur Schule gegangen bin. Aber ich wäre mit ziemlicher Sicherheit heute Mathematikerin. Ich spüre noch immer einen dumpfen Schmerz, dass ich zu wenig Mathematik in meinem Leben habe, und bettele meinen Sohn immer an, mit Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 116 ihm Mathehausaufgaben machen zu dürfen. Gleichzeitig liebe ich meinen Job als Autorin und würde um nichts in der Welt tauschen wollen. Es bleibt komplex. Kritik: Zudem wird von linken und liberalen Kritikern der Genderstudien bei diesem Thema auch häufiger Kritik an der in den Genderstudien gängigen Auffassung geäußert, auch sexuelle Orientierungen seien rein sozial konstruiert. Das habe ich noch nie gehört und kann hiermit versichern, dass auch alle anderen Feminist*innen, die ich kenne, das für Unsinn halten und um keinen Preis vertreten würden. Sind damit vielleicht die Versuche von einigen Feminist*innen in den 70er Jahren gemeint, aus politischen Überlegungen lesbisch zu leben? Das hat sich nicht ohne Grund nicht durchgesetzt. Außerdem beschränken sich die Versuche, die Welt der Theorie anzupassen, auch keineswegs auf den Feminismus. So müssen aus politischen Gründen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel Gesetze zur Sicherheit von Seilbahnen erlassen, obwohl es dort gar keine Seilbahnen gibt. Kritik: Oder Kritiker der Gender Studies werden durch die Bank als rechts diskreditiert. Es gibt meines Erachtens gute Gründe die Abschaffung der Gender Studies zu fordern (und dafür muss man keineswegs konservativ/rechts sein). Könnte das vielleicht der Grund für die fehlende Offenheit der Gender Studies für Kritik von Männerrechtler*innen sein? Wenn jemand mir sagt, dass ich nicht existieren soll, interessiere ich mich nicht mehr sonderlich für die Gründe dafür. Und das sind ja keine bloßen Meinungen oder leere Drohungen, sondern in Ungarn hat beispielsweise die rechte Regierung unter Viktor Orbán gerade (Mitte 2018) die Gender Studies verboten. Kritik: Feministinnen sehen Männer als Feinde. Ach, das Einteilen der Welt in Feinde und Freunde, in Wir und Die. Das ist eines der virulenten Probleme unserer Zeit. Und natürlich sind Feminist*innen wie alle, alle, alle nicht davor gefeit. Dann wären wir Supermenschen und dann hätte ich Angst vor uns. Es ist einfach leichter, sich gegen Personen als gegen Systeme zu wenden, weil Menschen Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 117 ein Gesicht haben und Systeme eben nicht. Aber ganz im Ernst, es ist trotzdem eher die Ausnahme als die Regel. Das kann gar nicht sein, man muss nur feministische Blogs/Posts/Kolumnen lesen. Ja, lesen wir sie, dann werden wir merken, dass Männerhass selten ist, aber wenn dann meistens provokativ formuliert. Differenzierungen sind leider nicht so knallig, deshalb stechen sie nicht so hervor. Wenn ich Blogs/ Posts/Kolumnen von Männerrechtler*innen lesen, sträuben sich mir übrigens auch meist die Haare, weil ich auf der anderen Seite des Arguments stehe. Es würde uns allen gut tun, rhetorisch abzurüsten. Kritik: Die Medien hören nur den Feministinnen zu und Frauen sehen nur ihre eigenen Probleme. Schön wär’s. Es stimmt, dass gerade eine Menge über sexualisierte Gewalt berichtet wird, weil das für Medien einfach sexy ist. Sex sells – und Gewalt auch. Die Probleme von Binnenflüchtlingen dagegen deutlich weniger. Deshalb bekommen sie auch erheblich weniger Sendeminuten, obwohl sie natürlich genauso ein feministisches Thema sind. Es stimmt auch, dass sich Feminismus noch immer schwerpunktmäßig – wenn auch schon lange nicht mehr ausschließlich – mit den Problemen von Frauen* beschäftigt. Es ist nun einmal so, dass der Feminismus aus der Frauenbewegung hervorgegangen ist, und Menschen ihre eigenen Probleme deutlich leichter erkennen als die anderer Menschen. Doch haben Frauen* viele, viele Jahrzehnte damit verbracht, genau diese Probleme anderen Menschen – ihren Partnern, Chefs, der Gesellschaft – zu erklären. Das ist ein Job, für den sie nicht immer mit Rosen überschüttet wurden. Deshalb ist es jetzt die Aufgabe von Männern, den Frauen, anderen Männern und der Gesellschaft zu erklären, was ihre Probleme sind. Und ja, die andere Seite wird dabei häufig die Augen verdrehen und sagen: Müssen wir ständig reden? Und das ist unfair und scheiße, aber das ist der Lauf der Dinge. Dafür sind diejenigen, die zuhören, umso wertvoller. Plus: An diesen Erklärungsversuchen kann man eine Menge lernen. Ich habe ein viel größeres Wissen über meine Bedürfnisse als mein Beziehungspartner, unter anderem weil ich sie ihm immer wieder erklären musste. Teilweise gegen – nein, nicht gegen seinen Widerstand – aber gegen alle gesellschaftlichen Überzeugungen, dass Frauen halt immer reden wollen und Probleme am besten weggehen, wenn Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 118 man das Maul hält. Heute beneidet er mich darum. Und ich muss lernen, jetzt ihm zuzuhören, was ich in den Jahren, in denen er einfach keine Ahnung hatte, dass reden überhaupt möglich ist, nie musste. Deshalb sage ich nicht: Männer, ihr müsst etwas abgeben. Nein, ich bin viel radikaler. Ich sage: Männer, ihr sollt euer komplettes Konzept dessen, was Männer sind, ändern. Denn meine Theorie ist, dass eine Menge der Kritik am Feminismus Neid ist. Da sind die Frauen oder Frauen* und sie reden ständig darüber, wie es ihnen geht und was sie verletzt und was sie brauchen. Und wisst ihr was? Da habt ihr Recht. Das ist nicht fair. Also tut es auch! Und da das so ein bisschen ist wie zu sagen „Dann sei doch selbstsicher“, ergänze ich: Deshalb fordert, dass ihr Hilfe dabei bekommt. Woher nehme ich die Arroganz so etwas zu fordern? Ja überhaupt zu denken, dass das eine gute Idee ist? Schließlich bin ich eine Frau. Aber eine Weile meines Lebens war ich weiblich und männlich. Nicht weil ich trans bin, noch nicht einmal, weil ich 9 Monate meines Lebens ein männliches Baby in meinem Bauch getragen habe, und noch nicht einmal, weil wir alle als männlich und weiblich im Mutterleib starten. Sondern weil wir viel, viel mehr Gemeinsamkeiten haben als Unterschiede. Feminism is good for you. Prost! Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist 119

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.