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6. Resümee in:

Martin Repohl

Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt, page 117 - 120

Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4289-2, ISBN online: 978-3-8288-7199-1, https://doi.org/10.5771/9783828871991-117

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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117 6. Resümee Zum Abschluss dieser Arbeit bleibt vor allem eine Frage: Was bedeutet die Atomkatastrophe von Tschernobyl allgemein für das Weltverhältnis der Spätmoderne? Was für eine Welt befindet sich in Anbetracht der Weltkatastrophe im Entstehen? Es konnte gezeigt werden, dass die fundamentalen und existenziellen Verlusterfahrungen der Opfer des Super- GAUs den eigentlichen Erfahrungsgehalt der Katastrophe bilden. Denn die radioaktive Kontamination bedeutet nicht nur eine Verschmutzung der Umwelt, sondern vor allem den Verlust der ontologischen Sicherheit. Welt wird nicht mehr als das positive, unmittelbare und notwendige Gegenüber der Subjekte erfahren, sondern wird diesen zur Bedrohung. Welt transformiert sich damit in einer Weise, die sie selbst repulsiv werden lässt: Sie ist den Subjekten nicht mehr erreichbar. Dennoch bleibt Welt physisch erhalten und exponiert sich im Moment ihres Verlustes sogar auf neue Weise. Welche Schlüsse lassen sich daraus für die weitere Analyse des modernen Weltverhältnisses ziehen? Bereits vor über einem Jahrhundert konstatierte der große österreichische Gesellschaftskritiker Karl Kraus mit Blick auf das durch den technischen Fortschritt veränderte Weltverhältnis der modernen Gesellschaft: „[Der Fortschritt] feiert Pyrrhussiege über die Natur“ (Kraus 1909: 11). Diese Aussage lässt sich problemlos auf das Thema dieser Arbeit übertragen, denn wie gezeigt wurde, führt jeder Versuch einer Verfügbarmachung und Verdinglichung der Natur unweigerlich zu einer Ausdehnung des Horizontes des Unverfügbaren. In diesem Sinne ist die – von Oppenheimer noch als Höhepunkt der menschlichen Macht gefeierte – Verdinglichung des Atoms, wohl der größte Pyrrhussieg des Fortschritts. Denn mit der Freisetzung der radioaktiven Materialität hat sich in den verstrahlten Entfremdungszonen der Horizont des Unverfügbaren nun soweit ausgedehnt, dass Welt selbst nicht mehr erreichbar erscheint. Der Mensch verliert qua seiner eigenen Leiblichkeit seinen Platz in einer nun kontaminierten und repulsiven Welt. Der Super-GAU wird damit zur Weltkatastrophe. Dennoch scheint es, dass auch mehr als dreißig 118 Jahre nach Tschernobyl, mehr als fünf Jahre nach Fukushima und weitere technoökologischen Katastrophen später, diese existenzielle Gefahr noch immer nicht erkannt ist. Trotz Kontamination, Artensterben und Klimawandel setzt sich das offenkundig destruktive Weltverhältnis der Moderne weiter fort, ohne dass sich ein erweitertes Verständnis der Folgen dieses Tuns – über ihre bloße empirische Beschreibung hinaus – entwickeln würde. Vielmehr gilt das Wort von Adorno, das die Menschheit nach Ereignissen fortlebt, „[…] welche eigentlich auch die Überlebenden nicht überleben können, auf einem Trümmerhaufen, dem es noch die Selbstbesinnung auf die eigene Zerschlagenheit verschlagen hat“ (Adorno 1994: 285). Wie können Sozial- und Gesellschaftstheorie Perspektiven entwickeln, die die existenziellen Folgen und Auswirkungen durch die Verfügbarmachung von Welt und ihrem Verlust zugänglich machen? Auch hierzu eignet sich die Erfahrung des Verlustes als Ausgangspunkt, wie Adorno in seiner abschließenden Reflexion der Minima Moralia beschreibt: „Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik. Perspektiven müssen hergestellt werden, in denen Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Messianischen Licht daliegen wird. Ohne Willkür und Gewalt, ganz aus der Fühlung mit den Gegenständen heraus solche Perspektiven zu gewinnen, darauf allein kommt es dem Denken an. Es ist das Allereinfachste, weil der Zustand unabweisbar nach solcher Erkenntnis ruft, ja weil die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefasst, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschießt“ (Adorno 2012: 283). Obwohl Adorno diese Perspektive im Weiteren relativiert, zeigt sich hier doch, wie diese Welt betrachtet werden müsste, um über die bloße theoretische Reproduktion ihres Zustandes in der Analyse hinaus gelangen zu können. Indem Welt in all ihrer Versehrtheit und Entfremdung beschrieben wird, eröffnet sich ein Zugang zur existenziellen Dimension dieses Zustandes: Zur Frage, wie sich subjektives und kollektives in-der- Welt-Sein und Weltbeziehung in einer Welt konstituieren, welche immer weniger die Möglichkeit für echte Resonanz bietet. Wie im Rahmen dieser Arbeit ausführlich demonstriert wurde, eignet sich die analytische Erschließung von Erfahrungen, wie die des Weltverlustes, in besonderer Art um diese – die bloße Empirie transzendierende – existenzielle Dimension offenzulegen. Denn in ihrem Verlust exponiert sich Welt in ei- 119 ner Weise, die eine neue Perspektive auf die ihr inhärenten Möglichkeiten zu Sein eröffnet – wie z. B. Nancy und Tsing konstatieren. Die Weltkatastrophe wird damit zur vollendeten Negativität, die – wie Adorno beschreibt – eine andere Weise des Daseins erschließt. Eine solche Perspektive würde damit „[die] kommende Philosophie der postindustriellen Eschatologie“ (Virilio 2005: 18) denkbar werden lassen. Eine solche Philosophie hätte in Anbetracht der drohenden Weltkatastrophe – als Summe der existenziellen Folgen der (Um-)Weltzerstörung – danach zu fragen, wie nachmoderne Formen des subjektiven und kollektiven inder-Welt-Seins, wie Resonanz als existenzielle Weise des Gegenwärtig- Seins in Welt denkbar und möglich sein kann.

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Zusammenfassung

Was geschah in Tschernobyl? – Seit über 30 Jahren werden die Auswirkungen der Atomkatastrophe von 1986 diskutiert und dennoch bleibt ihre ganze Tragweite bis heute unverstanden. Denn die Folgen der radioaktiven Kontamination sind nicht nur medizinischer oder ökologischer Art, sondern werden den Be­troffenen vor allem zu einem existenziellen Problem. Mit der Vergiftung der Lebenswelt setzt eine fundamentale Entfrem­dungserfahrung ein, die das In-der-Welt-Sein und die Weltbe­ziehung der Betroffenen unterminiert und damit zur Weltkatastrophe wird. Die vorliegende Fallstudie erschließt eine sozialphilosophische Sichtweise auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ent­wickelt eine theoretische Perspektive darauf, wie die Konstitution von Materialität die Dynamik von Weltbeziehungen be­einflusst.