Die Juden in:

Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 65 - 78

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-65

Tectum, Baden-Baden
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65 Die Juden Levitikus Der erste Teil der Bibel wurde in einem jahrhundertelangen Prozeß geschaffen, viel davon im babylonischen Exil der jüdischen Oberschicht, im 6. Jahrhundert vor Christus. Nach der Rückkehr wurden die verschiedenen Quellen ca. 440 v. Chr. in Jerusalem zusammengefaßt zur „Weisung“ Gottes an Moses und sein Volk, die Tora. In ihren fünf Büchern enthält die Tora nach rabbinischer Tradition 613 Ge- und Verbote, auf hebräisch Mitzwot. Sie sind in verschiedenen Auflistungen gebündelt und werden zum Teil mehrfach genannt, etwa in den Zehn Geboten, die auch für Juden besonderes Gewicht haben, weil sie als Bestandteil ihres Bundes mit Gott gelten. Ansonsten sind die 613 Mitzwot gleichwertig, bis auf die Verbote von Götzendienst, Mord und Unzucht, die als einzige auch in Todesgefahr eingehalten werden müssen. Im Buch Levitikus werden die Vorschriften aufgeführt, die Gott seinem Volk unmittelbar nach dem Bundesschluß mitgibt. Die meisten sind an die Priester gerichtet und deshalb recht technisch, etwa zum richtigen Opfern oder dem Umgang mit Kranken. Erkennbar für sich steht in Kapitel 17 bis 26 das sogenannte Heiligkeitsgesetz, das wahrscheinlich erst bei der Schlußredaktion aus früheren Sammlungen zusammengeführt wurde. Es soll das Volk rein oder „heilig“ halten, damit es in der Gegenwart Gottes bestehen kann. 66 Die Themen dieses Gesetzes sind sehr verschieden, wiederum das richtige Opfern, das Verhalten der Priester und, in Kapitel 18 und 20, alle möglichen sexuellen Verstöße. Kapitel 19 wirkt als eigene Einheit und erinnert an eine Gebotsreihe im Buch Exodus, die vermutlich erheblich älter ist. Seine erste Hälfte sind grundsätzliche Forderungen, ähnlich den Zehn Geboten, angefangen mit „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (19,2) und grundlegenden Gesetzen wie „Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen“ (19,11). Der zweite Teil enthält eher rituelle Regeln, etwa „Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden. Du sollst deinen Bart nicht stutzen“ (19,27). Mittendrin steht: „Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen keine Schuld auf dich laden.“ (19,17). Gemeint ist offenbar ein Volksgenosse, der dem Adressaten etwas angetan hat. Der nächste Satz (19,18) scheint zu ergänzen: „An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen.“ Sehr grundsätzlich und als Steigerung folgt dann: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“ Hintereinander gelesen, könnte der Nächste also der Übeltäter von 19,17 sein – so daß schon im Alten Testament die Feindesliebe gefordert würde, allerdings beschränkt auf die „Stammesgenossen“. Danach geht es sehr viel prosaischer weiter: „Unter deinem Vieh sollst du nicht zwei Tiere verschiedener Art sich begatten lassen. Dein Feld sollst du nicht mit zweierlei Ar- 67 ten besäen. Du sollst kein aus zweierlei Fäden gewebtes Kleid anlegen“ (19,19). Erst kurz vor Schluß kommt die umfassende Ausweitung des Nächstenliebe-Gebotes: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (19,33–34) Zusammengenommen erstrecken sich 19,18 und 19,34 also auf alle „Nächsten“. Deshalb ist der Kern unserer Moral auch ein altes jüdisches Doppelgebot, älter als der Hellenismus. Wie weit es reicht und was „lieben“ genau bedeutet, darüber wird seit Jahrtausenden gestritten. Besonders prägnant formuliert ist es jedenfalls nicht, und es wirkt auch nicht so, als ob die Verfasser die Sätze verknüpfen wollten. Sonst hätten sie wohl beide zusammengefaßt und auch prominenter plaziert. Und wenn ein so fundamentales Gebot schon länger und allgemein gegolten hätte, dann wäre es, so wie andere wichtige Gebote, auch in einer anderen Auflistung aufgetaucht und würde deshalb unter den 613 Mitzwot mehrfach genannt. Das Gebot der Nächstenliebe ist demnach spät hinzugekommen, und seine heutige Tragweite war vielleicht nicht beabsichtigt. Dennoch zählte es schließlich zum jüdischen Kanon und konnte nun weiter aufsteigen. 68 Ein kleiner Tempelstaat Für die Juden hatte der Kanon besonderes Gewicht. Die Bibel war eine einzigartige Zusammenstellung von Mythen und Volksgeschichte, Weisheitslehre und religiösen Geboten. Sie half den Einzelnen, das Leben zu meistern, ähnlich wie der griechische Mythos. Zugleich gab sie aber dem gesamten Volk seine Identität und innere Überlegenheit gegenüber mächtigen Nachbarn. Auch hier also gewissermaßen ein Kokon, allerdings umhüllte er die Gesellschaft als Ganzes und wurde von der führenden Schicht entsprechend gepflegt. Seit dem Exil in Babylon wählten die Schriftgelehrten die Geschichten, Prophezeiungen und Gebote sorgfältig aus und ergänzten und interpretierten sie fortwährend. In ihrem Stellenwert übertraf die Bibel deshalb die griechischen Mythen bei weitem, auch wenn sie nicht als Vorlage für Kunst oder Theaterstücke diente. Sie galt als eigentliche Wirklichkeit und als einzig legitimer Rahmen für intellektuelle Diskussionen, die deshalb allerdings nicht weniger lebendig waren. Im Kern ging es um die Lehre vom einzigen Gott und daß er einen Bund mit den Juden geschlossen hatte, in dem sich beide Seiten Gerechtigkeit geloben. Wer das nicht in Frage stellte, der durfte praktisch alles diskutieren. Daher fand das gesamte geistige Leben, jede Theologie, Philosophie, Geschichtsschreibung und Dichtung innerhalb der Nationalreligion statt. Zwar konnte die Philosophie nicht über den Mythos aufklären, wie in Griechenland, aber die Bereitschaft, phi- 69 losophisch zu denken und zu artikulieren, war ebenfalls hoch. Bisher hatten sich die Juden gut geschlagen und durch Zähigkeit auch gefährliche Gegner überstanden. Große Teile der Führungsschicht waren ihrem Gott in Babylon treu – und damit „gerecht“ – geblieben und nach Jahrzehnten zurückgekehrt. Innerhalb des persischen Reichs entstand ein halbautonomer Tempelstaat, mit erblichem Hohepriesteramt, regem geistigem Leben und starkem Zusammengehörigkeitsgefühl. Alltagssprache wurde das Aramäische, die Lingua franca der Perser, während Hebräisch zwar weiterhin für Religion und Literatur diente, aber immer weniger verstanden wurde. Am wenigsten in der Diaspora, wo die Bibel später auch ins Griechische übersetzt wurde; die jüdische Identität ging damit aber nicht verloren, weil sie nicht an der Sprache, sondern an der Religion hing. 332 v. Chr. begann die hellenistische Ära. Auf seinem Zug nach Ägypten überrannte Alexander den jüdischen Staat, ab 300 v. Chr. haben ihn erst die Ptolemäer, anschließend die Seleukiden beherrscht und stark beeinflußt. Die Oberschicht übernahm die griechische Lebensweise und war zuletzt sogar bereit, den eigenen Kult zu hellenisieren. Dadurch brachte sie aber die Landbevölkerung gegen sich auf, so daß diese 165 v. Chr. revoltierte und schließlich ein national-religiöses Königreich entstand. Es lehnte sich an die Römer an, expandierte militärisch und konnte durch Zwangskonversionen und Proselytismus das Judentum deutlich stärken. Davon profitierten auch die Diasporagemeinden, wie etwa in Alexandria. Die griechische Herausforderung Geistig waren die Juden dem orientalischen Umfeld entwachsen. Durch ihre Religion hatten auch sie das Artikulieren und Lesen geübt; wahrscheinlich noch verbreiteter als die Griechen, zumindest aber zielgerichteter. Denn die Bibel behandelte das gemeinsame, exklusive Verhältnis zum einzigen Gott, so daß auch die einfachen Leute ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein gegenüber Nichtjuden entwickelt hatten. Vielleicht ist diese Selbstsicherheit ein Grund, warum sie begehrte Söldner waren, und, indirekt, warum das Judentum expandierte und sich dabei hellenisierte. Jedenfalls betont etwa der ptolemäische Historiker Hekataios schon im vierten Jahrhundert ihre militärische Fertigkeit. Die Diadochenreiche setzten vielerorts jüdische Söldner ein, die Diasporagemeinden bildeten, ähnlich wie die Griechen. Deren Kultur übernahmen diese Gemeinden dann häufig, allerdings ohne dabei ihre Religion aufzugeben. Dadurch erhielten sie dieselben Privilegien wie die Griechen und bewahrten dennoch ihre Identität und ihr besonderes Selbstbewußtsein. Nach Jerusalem kam der griechische Einfluß durch die ptolemäische Verwaltung. Sie war straff und zentralistisch, brachte ihr Personal ins Land und beflügelte die Wirtschaft, 70 71 wovon die jüdische Oberschicht stark profitierte. Dementsprechend anziehend fand sie die neue Kultur, lernte die Sprache und allmählich auch ihre Lebensweise. Zugleich behielt sie dadurch den engen Kontakt zur Diaspora und konnte mit deren kultureller Entwicklung mithalten, was besonders für die Verbindung zur großen Gemeinde von Alexandria galt, wo man früh die Koiné sprach und wo sich ein jüdisch-hellenistisches Denken entwickelte. Das Selbstbewußtsein der Juden und ihre intellektuelle Übung hatten also keine Abwehr bewirkt, sondern eher Affinität mit den Eroberern. So wie das Volk bereits das Hebräische gegen Aramäisch getauscht hatte, ohne seine Identität aufzugeben, so übernahmen Oberschicht und Diaspora jetzt ohne Verlust das Griechische. Erst als man in Jerusalem weiter ging und sich als griechische Polis qualifizieren wollte, reagierte die Landbevölkerung. Es entstand das unabhängige Hasmonäer-Reich, in dem die religiösen Traditionen wieder stärker betont wurden. Trotzdem behielt die Koiné auch hier ihre Rolle, als Sprache der Oberschicht und für die Teilhabe an der hellenistischen Kultur. Deren Einfluß reichte zwar tief, aber das Selbstverständnis der Juden konnte sie nur wenig beeinträchtigen. Bezeichnend ist ein anonymes Werk aus Samaria, noch aus der Zeit vor den Hasmonäern, in dem mythologische Figuren der Griechen und Babylonier mit der Abraham-Erzählung verbunden werden. Während die Götterväter Kronos und Bel sich als sterbliche Menschen entpuppen, ist 72 Abraham der Liebling des einzigen Gottes und der weiseste Mensch überhaupt. Er hat der Welt die Kultur gebracht, von Babylon nach Phönizien und Ägypten, und indirekt auch nach Griechenland, weil Ägypten als Ursprung der griechischen Kultur galt. – Eine bemerkenswerte Umkehr der damaligen Verhältnisse, die zeigt, wie selbstbewußt das Neue verarbeitet wurde. Kohelet „Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück. Wer weiß, ob der Atem der einzelnen Menschen wirklich nach oben steigt, während der Atem der Tiere ins Erdreich hinabsinkt? So habe ich eingesehen: Es gibt kein Glück, es sei denn, der Mensch kann durch sein Tun Freude gewinnen. Das ist sein Anteil. Wer könnte es ihm ermöglichen, etwas zu genießen, das erst nach ihm sein wird?“ (Kohelet 3, 20–22) Im dritten Jahrhundert, unter der ptolemäischen Herrschaft, entsteht einer der erstaunlichsten Texte des Alten Testaments, das Buch Kohelet. Anscheinend die Lebensbilanz eines „Versammlungsleiters“ aus der Oberschicht, der gerade noch im Rahmen der jüdischen Frömmigkeit bleibt. Gott ist präsent, allerdings unpersönlich und unberechenbar, und der Bund mit ihm wird weder erwähnt noch in Frage gestellt. Er hat „das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit 73 in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wieder finden könnte“ (3,11). Der Mensch ist einsam, sein Leben sinnlos und ungerecht, alles ist „Windhauch“. Reichtum und Weisheit schützen nicht vor der Vergänglichkeit, der Tod trifft alle gleich und fördert deshalb das Böse. Ein Leben nach dem Tod gibt es nicht, denn einen „Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es da nicht. Beide sind Windhauch“ (3,19). Dagegen hilft auch keine besondere Frömmigkeit, denn „Gott ist im Himmel, du bist auf der Erde, also mach wenig Worte!“ (5,1). Deshalb soll der Mensch klaglos sein Schicksal akzeptieren und die guten Zeiten als Gottesgaben genießen, denn dann denkt er nicht daran „wie wenige Tage sein Leben zählt“ (5,19). Vom Gebot der Nächstenliebe ist nicht die Rede, und auch die Liebe selbst wird kaum erwähnt. Sie ist genauso vergänglich wie der Haß, gehört allerdings zum Genuß des Lebens dazu: „Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch“ (9,9). Einem heutigen Leser erscheint das Buch als großes Lamento, das kaum zur sonstigen Bibel paßt. Eben deshalb ist seine Bedeutung allerdings umstritten. Die meisten Exegeten nehmen es für bare Münze und als Ausdruck einer neuartigen, existentiellen Verzweiflung. Für andere steht es in der jüdischen Tradition, in deren Geist die hellenistische Moderne entlarvt und das wahre Leben als Gottesgeschenk gepriesen werde. 74 In beiden Fällen wäre Kohelet von den Umwälzungen im Hellenismus erfaßt worden, er hätte nur verschieden reagiert. Die jüdische Gesellschaft kannte beide Reaktionen, deren Konflikt dann – vereinfacht ausgedrückt – zum Bürgerkrieg geführt hat. An dieser Stelle ist nur relevant, daß die neue Skepsis der Griechen Jerusalem erreicht hat und daß sie auch das religiöse Denken beeinflußt hat. Der Kontakt mit Beamten, Händlern und Militär, ihre Rationalität, die individualistische Lebensweise und schließlich Philosophie und Literatur – vieles davon dürfte auf die Oberschicht abgefärbt haben. In mancher Hinsicht war sie schon vorbereitet gewesen. Die Juden kannten die Entwurzelung und brauchten nicht erst von Naturgöttern entwöhnt zu werden; sie hatten schon lange nur einen, fast abstrakten Gott und waren geübt in religiös-philosophischen Gedankengängen. Zwar wurden auch sie von ihrer Überlieferung geschützt, allerdings bot diese mehr Raum als der griechische Mythos-Kokon. Die Bibel ließ existentielle Überlegungen zu und übernahm sie auch selbst, so daß die neuen Zeiten ihr wenig anhaben konnten. Dafür ist das Buch Kohelet das beste Beispiel. Vielleicht will Kohelet gegen die Skepsis ankämpfen, aber auf jeden Fall formuliert er sie höchst eindringlich. Er setzt nicht auf intellektuelle Klimmzüge wie Epikur, sondern bringt, ohne an Gott zu zweifeln, seine Klage radikal auf den Punkt. Offenbar gibt ihm die Religion trotz allem noch Halt, unabhängig von der Intention des Textes. Das Buch zeigt also, wie tiefgreifend die jüdische Ober- 75 schicht verunsichert war. Es zeigt aber auch, daß ihr Gottesglauben noch tiefer reichte und daß sie die neue Angst innerhalb der Religion formulieren und verarbeiten konnte. Dieser unerschütterliche Glaube der Juden an ihren Gottesbund hat die weitere Entwicklung des Liebesgebots entscheidend gefördert. Das Doppelgebot „Jetzt aber beschwöre ich euch mit einem großen Schwur – es gibt ja keinen größern Schwur als diesen – bei dem gelobten, geehrten, großen, glänzenden, wunderbaren und mächtigen Namen, der den Himmel und die Erde und alles andere zusammen erschaffen hat, daß ihr Ihn fürchtet und Ihm dienet, und daß jeder seinen Bruder in Herzlichkeit und Aufrichtigkeit liebe …“ (Jubiläenbuch, Kap. 36, 7–8) Kohelet hatte nur empfohlen, das schöne Leben zu genießen und auch das Zusammensein mit der Frau, die man liebt. Ansonsten war die Liebe für ihn kein Thema. Wenige Generationen später sind Gottesfurcht und Nächstenliebe Hauptpflichten eines jeden Juden, denn „es gibt ja keinen größern Schwur als diesen“. So fordert es das sogenannte Jubiläenbuch am Anfang des zweiten Jahrhunderts. Nochmals einige Generationen später ernennt der große 76 Lehrer Hillel den Umkehrschluß der Nächstenliebe, die sogenannte Goldene Regel, zum Kern der jüdischen Religion: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist (nur) die Erläuterung; geh und lerne sie.“ Es wurde intensiv diskutiert, wer für das Nächstenliebe-Gebot alles ein Nächster ist und was „wie dich selbst“ genau bedeutet. Zumindest ein Teil der Gelehrten fand, daß jeder Mensch gemeint sein kann und daß man ihn lieben solle, weil er so ist wie man selbst. Die beiden Mitzwot aus dem Buch Levitikus, zwei von insgesamt 613, sind demnach in kurzer Zeit zum Hauptgebot des jüdischen Volkes aufgestiegen, zusammen mit der Liebe zu Gott. Denn weil die Gottesfurcht immer mehr zur Gottesliebe wurde, steht am Ende der Entwicklung das Doppelgebot der Liebe, über das sich im Neuen Testament Jesus und der Schriftgelehrte einig sind: „Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“ (Markus 12,29). Die neue Sensibilität der Juden Also nahmen die Juden das Liebesgebot der Tora in einer neuen Weise ernst. David Flusser (1917–2000), ein jüdischer Religionswissenschaftler, nennt es die neue Sensibi- 77 lität des Judentums. Sie entwickelte sich zur selben Zeit wie die allgemeine Empathie der Griechen und sie dürfte ähnliche Ursachen gehabt haben. Die Umwälzungen im Hellenismus, das nüchtern-individualistische Bewußtsein und dadurch die Angst vor der Vergänglichkeit – all dies betraf den Autor des Buches Kohelet ebenso wie etwa die Griechen in Antiochia. – Warum aber kamen die Juden zu einem anderen Ergebnis? Warum führte die griechische Entwicklung nur zum erweiterten Mitgefühl, die jüdische aber zur religiösen Pflicht der Nächstenliebe?

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Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)