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8 Datenkorb 3: Umfragen in:

Gunnar Henrich

Antichinesischer Protest in Sambia und Namibia, page 223 - 236

Politische Verstimmungen oder rassistische Ressentiments?

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4253-3, ISBN online: 978-3-8288-7166-3, https://doi.org/10.5771/9783828871663-223

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 80

Tectum, Baden-Baden
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223 8 Datenkorb 3: Umfragen Es wurden drei Untersuchungen ausgewertet, die sich zum einen mit den namibischen und sambischen Vorbehalten und zum anderen mit den Meinungen über die Anwesenheit der Chinesen in den beiden untersuchten Ländern befassen. Die Umfragen haben zum Ziel, ein Stimmungsbild der Bevölkerung über die chinesischen Aktivitäten in beiden Ländern zu erhalten. Während in den ausgewerteten Zeitungsartikeln viele Leser zu konkreten Anlässen Stellung bezogen haben, geht es in den Umfragen um vorformulierte Fragen zu China und den in den beiden untersuchten Ländern lebenden Chinesen. Aus den Antworten lässt sich ableiten, welche Formen von Protest in der namibischen und sambischen Bevölkerung zu beobachten sind. 8.1 Gerard van Bracht: Sambische Einstellungen zu chinesischen Migranten und Unternehmern Die erste Umfrage bezieht sich auf grundsätzliche Einstellungen der sambischen Bevölkerung zu den chinesischen Migranten aus dem Jahr 2012. Gerard van Bracht untersuchte die Einstellungen der befragten Sambier während eines Feldaufenthalts von drei Monaten. Von Dezember 2011 bis Februar 2012 holte er in Form von strukturierten Interviews die Meinung von 155 Sambiern über die Rolle der Chinesen im Land ein. Dabei lassen sich die Befragten wie folgt einteilen: 61 Angestellte einer privaten sambischen Firma, 42 Einzelhändler oder Kleinunternehmer, 21 Angestellte einer chinesischen Firma, 17 Mitarbeiter der sambischen Regierung, 14 Studenten und Arbeitslose.395 Das Ergebnis lag sowohl in Tabellenform vor, indem die Befragten vorformulierten Fragen zustimmen konnten, als auch in originalen Aussagen von befragten Sambiern. 395 Van Bracht 2012, S. 58. 224 A Zambian roller operator (with a monthly salary of between 500.000 and 750.000 KW, or between 100 and 150 USD) working for a Chinese construction company in Livingstone asserted that “nobody can say the Chinese do good things. They’re not good investors. They insult us sometimes in Chinese... They can fire you, they don’t care.” 23 Let us (Dokument 5: 204– 209). Ein sambischer Angestellter in einem chinesischen Bauunternehmen kritisiert die chinesischen Arbeitgeber. Die Chinesen würden nach Belieben missliebige Sambier entlassen und niemand könne behaupten, die Chinesen würden gute Dinge in Sambia leisten. Ein Sambier berichtet unzensiert über die eigenen Erlebnisse: A Zambian woman who has lived in China for fourteen years and now works for a Chinese company in Lusaka commented that Chinese companies that “treat the workers bad destroy the Chinese good name and the confidence the Zambians have in the [Chinese-Zambian] partnership.” (Dokument 5: 159– 163). Eine Sambierin mit wohl guten Erfahrungen sowohl in China selbst als auch als Angestellte eines chinesischen Unternehmens in Sambia erklärt die fehlende öffentliche Empörung über chinesische Misshandlungen sambischer Arbeiter durch das hohe Vertrauen, das offenbar viele Sambier in die chinesischsambischen Beziehungen hätten. Die bekannt gewordenen Vorfälle von Misshandlungen durch chinesische Arbeitgeber würden nicht ausreichen, um ein ihrer Ansicht nach vorhandenes Grundvertrauen in die chinesischen Aktivitäten zu erschüttern. Verglichen mit den vielen negativen Aussagen über die chinesischen Aktivitäten fällt diese positive Aussage besonders auf. Sie ist wohl als Einzelfall zu werten. Die Aussage der Sambierin ist sehr persönlich zu werten. Es bleibt offen, ob dieses Urteil auf die mit den Chinesen gemachten positiven Erfahrungen zurückzuführen ist oder ob sie ihren Arbeitsplatz nicht gefährden will und deshalb den „guten Ruf“ der Chinesen und das sambische „Grundvertrauen“ gegenüber China verteidigt. The 42 Zambian business owners that were interviewed were also asked a separate question on the questionnaire. One-third of them explicitly complained that Chinese business activities in their locality have a negative impact on their own business. Especially Zambian sellers of chickens and second-hand clothes reported being affected by Chinese competitors. However, not every Zambian shop-owner experiences competition from Chinese businesses (Dokument 5: 88–95). Von 42 befragten sambischen Unternehmern erklärt ein Drittel, dass die chinesische Konkurrenz im jeweiligen speziellen Bereich, zum Beispiel Se- 225 cond-Hand-Kleidern, zu Umsatzeinbußen für den eigenen Handel führen würde. As for negative comments, complaints concerning the work conditions provided by Chinese companies top the list for comments on the negative impact on the individual interviewee. More than half (52.5 %) of the complaints relate to poor pay, bad work conditions, safety, violations of the Zambian labor laws, and verbal and physical violence (Dokument 5: 78–82). Weit über die Hälfte der Befragten bestätigt mehrere unhaltbare Zustände in chinesischen Arbeitsverhältnissen, darunter geringe Sicherheitsstandards und niedrige Gehälter. Indirect negative effects of Chinese competition on local business were also found: several Zambians who worked for Zambian firms complained that their bonus had decreased because the shop they worked in sold less due to Chinese competition, or that Chinese shops copied their goods and sold them for a lower price. Third, the items under “social behavior” in Table 2 indicate that many Zambians feel that they are personally negatively affected by the general behavior of some Chinese people in Zambia. For instance, some respondents object to the fact that Chinese doctors conduct abortions in Zambia (Dokument 5: 126–135). Eine nicht näher genannte Zahl von befragten Angestellten sambischer Einzelhandelsgeschäfte bestätigt die Schließung ihrer Geschäfte aufgrund der chinesischen Konkurrenz und als deren Folge den Verlust von Arbeitsplätzen. Zudem sagt eine Anzahl von Sambiern aus, dass sie sich persönlich von dem allerdings nicht näher beschriebenen generellen Verhalten der Chinesen in Sambia bedroht fühlten. Die Formulierung von Ängsten kann zu rassistischen Vorurteilen führen. The treatment of workers, however, is clearly a major issue on the Zambian level for the respondents. Half of the total complaints (50.5 %) relate to the issue of treatment of Zambian workers, which are mostly about the low pay of workers and the verbal or physical abuse of workers (Dokument 5: 52– 55). Über die Hälfte der durch die Umfrage erfassten Sambier beklagen die zu geringen Gehälter sowie die physischen und verbalen Misshandlungen durch chinesische Arbeitgeber. 8.2 Andrew Niikondo: Namibische Fallstudie im Einzelhandel und Baugewerbe Für Namibia gab es eine Umfrage, die sich mit der Einstellung der Bevölkerung zu der Anwesenheit der Chinesen befasste. Andrew Niikondo erstellte 2009 eine Fallstudie über den Einzelhandel und das Baugewerbe in der nami- 226 bischen Hauptstadt Windhoek. In beiden Branchen sind die chinesischen Konkurrenten umfassend vertreten, was zu entsprechenden Auswirkungen hinsichtlich des antichinesischen Protests in der namibischen Bevölkerung geführt hat. Der Autor verwendet als Methode persönlich durchgeführte Interviews. Die befragten Namibier teilten sich auf in Mitarbeiter lokaler namibischer Bauunternehmen, großen und kleinen Einzelhandelsgeschäften, namibischen Angestellten chinesischer Unternehmen und ortsansässigen Personen, wie Hausfrauen, Rentner oder sonstigen Berufen. On the question whether they support the presence of the Chinese retail shops in Namibia and Windhoek in particular 60 % of the respondents did not support the presence of the Chinese retailers in Namibia because of the following reasons (Dokument 3: 11–18). 60 % der befragten Namibier stimmten der Aussage zu, dass Chinesen in Namibia Waren von unzureichender Qualität verkaufen und ihre namibischen Angestellten ausbeuten würden. Die Frage hinsichtlich der objektiven Qualität der chinesischen Waren lässt sich kaum beantworten. In der Literatur wird darauf verwiesen, dass alle befragten Namibier die unzureichende Qualität der Güter bestätigt hätten.396 Eine Erklärung könnte darin bestehen, dass die chinesischen Produkte in China selbst mit geringen Herstellungskosten gefertigt werden und die Qualität nicht den einheimischen Produkten entspricht. Dadurch würden sich auch die günstigen Preise der chinesischen Händler erklären. he result was that 80 % of the respondents who sell products similar to the Chinese affirmed that there was a serious business threat, because the Namibian small retailers had lost their customers to the Chinese. t present most of their customers opt to buy the Chinese products regardless of quality because they are very cheap, though not cheap and cheerful (Dokument 3: 36–41). Immerhin 80 % der befragten Namibier, die identische Produkte wie ihre chinesischen Konkurrenten verkaufen, stimmten der Aussage zu, dass sie Kunden an Chinesen verloren hätten: Deren Waren wären zwar von geringer Qualität, aber dafür viel billiger. Hier stellt sich die Frage, ob die namibischen Meinungen auf tatsächlichen Erfahrungen mit Chinesen beruhen oder nur ein Stimmungsbild wiedergeben, das eine Folge von Vorurteilen ist. Da die chinesischen Waren offenkundig in großer Zahl von Namibiern gekauft werden, ist davon auszugehen, dass die vorformulierten Fragen eine allgemeine Stimmung wiedergeben. Hätten die chinesischen Waren wirklich die in den Antworten behauptete geringe Qualität, wäre ein verändertes Käuferverhalten hin zu 396 Amadhila 2012, S. 20. 227 namibischen Waren zu erwarten. Dieser Umschwung im namibischen Kaufverhalten hat aber nicht stattgefunden. All respondents were sceptical about the contribution that the Chinese retailer make to the national economy. They argued that the Chinese pay meagre salaries to their Namibian employees, and take the big chunk of profit to China. The respondents further argued that it is still not clear whether the Chinese retailers pay tax or not. Their banking behaviour is another issue. The respondents are of the conviction that the Chinese retailers do not bank in Namibia, hence it is not justified to support the notion that their contribution to the national economy is significant (Dokument 3: 46–53). Die Befragten waren sich einig, dass die Chinesen die heimischen Banken nicht nutzen würden, möglicherweise keine Steuern zahlen und geringe Löhne und Gehälter ihren namibischen Angestellten zahlen würden. In den Ergebnissen der Befragung zeigt sich eine sachliche Form des Protests, der die ablehnende Haltung gegenüber den anwesenden chinesischen Unternehmen ausdrückt. They also feel that the number of Chinese nationals is increasingly unabated, a trend that raises concerns that Namibia will soon become a second China (Dokument 3: 100–102). Die Befragten stimmten der Behauptung zu, dass es zu viele Chinesen in Namibia geben würde und Namibia möglicherweise ein zweites China werden könnte. Die Angst vor Überfremdung und Verdrängung der eigenen Bevölkerung durch eine andere ist eine typisch rassistische Argumentationsform. Die geäußerte Angst ist genuin rassistisch. That aside, all respondents shared the same sentiments on the point of quality. They argued that their businesses have a “guarantee money back” policy on their products, while the Chinese do not provide such guarantee on their products (Dokument 3: 128–131). Die Interviewten bekräftigen die Aussage, dass die Chinesen keine Gewährleistungsgarantie auf ihre Produkte abgeben würden. Almost 100 % of the respondents believed that the employees in the Chinese companies are treated unfairly. By consolidating the basis of their argument, the respondsnts cited the following as vivid examples of protests among members o (Dokument 3: 234–236). Die Befragten sagten aus, dass namibische Angestellte chinesischer Unternehmen unfair behandelt würden. Hier zeigt sich die wirtschaftliche Angst vor möglichen Entlassungen durch die chinesischen Arbeitgeber. Of all interviewees in the local construction companies, 92 % (N = 23) indicated that they do not support the Chinese in terms of their contribution to 228 Namibia. Compared to interviewees of the Chinese construction business, the corresponding percentage is 80 %. This negative perception can also be put into context of the previously mentioned 72% interviewees (Table 21 above) who indicated that they are unsatisfied with their employment condition. (Dokument 3: 303–308). Die Befragten in der Bauindustrie stimmten der Aussage zu, dass sie die Bedingungen der chinesischen Hilfen für Namibia nicht unterstützen würden. Gemeint ist damit das Verhalten der Chinesen in der Bauindustrie. Die Stichprobe ist allerdings zu gering, um generelle Aussagen treffen zu können. Die Antworten von nur 23 Befragten reichen nicht aus, um die Probleme in der Bauindustrie ausreichend zu untermauern. In Niikondos Umfrage über Namibia bestätigen die Befragten berechtigte Ängste über den Verlust von Kunden an die chinesische Konkurrenz. Außerdem wird die unzureichende Qualität chinesischer Waren beklagt. Es werden auch abstrakte Ängste über die angebliche Steuerbefreiung der Chinesen durch die namibische Regierung geäußert. 8.3 Länderstudie von Anthony Yaaw Baah und Herbert Jauch Als dritte Umfrage ist eine Länderstudie sowohl von Namibia als auch von Sambia vorhanden. Im Mai 2009 veröffentlichten Anthony Yaw Baah und Herbert Jauch ihre Studie „Chinese Investments in Africa: A Labour Perspective“. Die Autoren untersuchten insgesamt 10 afrikanische Länder, darunter auch Namibia und Sambia. Sie legten den Schwerpunkt auf Art der Investitionen und die Sektoren, in denen die Chinesen investierten, und auf Arbeitsbedingungen und -beziehungen. Folgende drei Fragen stehen im Mittelunkt: Sind die Handels- und Arbeitsbedingungen von gegenseitigem Vorteil oder eine Form von Neokolonialismus? Sind die chinesisch-afrikanischen Geschäfte vorteilhaft für die wachsende Industrialisierung in Afrika oder wird Afrika ein Lieferant von Rohstoffen? Sind die Arbeitsbedingungen bei chinesischen Arbeitgebern besser oder schlechter als in anderen Ländern? Wie sind die Erfahrungen der Arbeiter und Handelsgewerkschafter?397 Das Ergebnis der Studie enthält für Namibia und Sambia 20 Codierungen, von denen alle der sozioökonomischen Kategorie zugeordnet werden. Some of these workers were sometimes intimidated by management with threats of dismissal if they associated with unions. Relations between the un- 397 Baah/Jauch 2009, S. 4. 229 ion and management were equally terrible. The Chinese looked down on Zambians as inferior. Even when using the same cage going underground, the Chinese would always keep to themselves in one corner. Chinese were generally rough in handling Zambian workers. Some incidents of Chinese beating up Zambian workers were witnessed and when Zambians hit back they were immediately dismissed (Dokument 5: 6–12). Das Ergebnis der Umfrage zeigt auf, dass Chinesen sambische Arbeiter misshandeln, sie im Falle des Widerspruchs entlassen und gewerkschaftliche Aktivitäten durch Drohungen unterbunden werden. Es fehlen allerdings konkrete Zahlenangaben. The Chinese boss rarely mixes with Zambian workers even during social events and often discriminates against Zambians. For example, in all management positions there is no single Zambian (Dokument 5: 27–28). Eindeutig war die Meinung der Befragten, dass die chinesischen Vorgesetzten die sambischen Arbeiter diskriminierten und Sambier in keiner einzigen Leitungsposition tätig seien. Freedom of association is often violated (Chinese managers usually intimidate workers with threats of instant dismissal if they associate with unions, for example at NFC Africa Mining Plc, Collum Coal Mining Industries Limited, Sunfeng Minerals and Mining (Z) Limited, Chambishi Copper Smelters, China Zambia Friendship Farm as well as a number of fast food outlets, restaurants, and retail stores); The right to collective bargaining is often undermined (often casual employees are denied this right); (Dokument 6: 5– 12). Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die gewerkschaftliche Betätigung sambischer Arbeiter von chinesischen Vorgesetzten blockiert wird. Die Blockade gelingt den Chinesen dadurch, dass sie den gewerkschaftlich tätigen Arbeitern mit Entlassung drohen. Aus dem Beitrag geht nicht hervor, wie viele Personen tatsächlich interviewt wurden, insofern sind die Ergebnisse nur unter Vorbehalt aussagekräftig. SME’s in the country were Chinese and Lebanese traders. Endjala was not happy that government failed to protect local people from unfair competition: “Threats from the Chinese are harming our businesses – they are also going into the kapana business and competing with our people because they know how to do it. We cannot go against the Chinese because they have been welcomed here by our government” (Dokument 9: 25–29). Befragte sambische Geschäftsleute beklagen die Bedrohungen der chinesischen Konkurrenz für den eigenen Umsatz und die fehlende Unterstützung durch die eigene Regierung, die nur Chinesen bevorzugen würde. 230 During our field work, we also spoke to a group of residents in Outapi, Omusati region. They expressed similar resentments about Chinese traders: “We don’t understand why government is allowing the Chinese to have businesses everywhere… Our children will not have a chance to open up businesses, because opportunities are given to the Chinese. When we have national or regional trade fairs, the stalls are always occupied by the Chinese, selling cheap quality products.” (Dokument 10: 2–8). Sambische Kleinhändler erklären, dass sie in keiner Weise der billigeren chinesischen Konkurrenz gewachsen seien, dass ihre Regierung ihnen Unrecht täte, indem die Chinesen Geschäfte eröffnen dürften. Die Sambier wirken bedrückt und sehen auch keine Zukunftsperpektiven für die eigenen Kinder. Sie gehen aber nicht so weit, sich über die Chinesen abwertend zu äußern und meiden dadurch rassistische Anspielungen. According to the Construction Industries Federation of Namibia (CIF), Chinese construction companies in Namibia are operating illegally and completely ignore Namibian laws. The CIF pointed out that not one single Chinese building contractor in the country was in possession of a valid affirmative action compliance certificate (Dokument 11: 2–5). Ein NGO-Mitglied äußert sich im Sinne der Baugewerkschaft in Namibia dahingehend, dass die chinesischen Bauunternehmen illegal im Land operieren und sich nicht an namibische Arbeitsgesetze halten würden. Die chinesischen Bauunternehmen arbeiten jedoch legal und erhalten von der namibischen Regierung staatliche Bauaufträge. Zutreffend ist aber auch, dass namibische Angestellte immer wieder von Verstößen gegen die Arbeitsschutzgesetze berichten. Grundsätzlich sind die Unternehmen legal tätig, es kommt jedoch zu Gesetzesverstößen, die von der namibischen Justiz offenbar nicht mit letzter Konsequenz verfolgt werden. Workers cited several other violations of their rights and of Namibia’s labour laws, which they experienced at the hands of their Chinese employers. They also pointed out that no negotiations over conditions of employment took place: “We don’t have any benefits. In 2007 my child was ill and she was admitted in the hospital for one month. I requested leave, but the management refused. So I had to take unpaid leave” (Retail worker in Oshakati, Dokument 13: 2–7). Namibische Arbeiter merkten an, dass sie keine Rechte gegenüber den chinesischen Arbeitgebern hätten. Bei einer Erkrankung der eigenen Kinder würden sie keinen bezahlten Urlaub erhalten, sondern müssten wie in dem Fall der sambischen Mutter einen Monat ohne Bezahlung bei ihrem Kind im Krankenhaus bleiben. 231 Other problems that workers experienced were verbal abuse, intimidation as well as harassment. Female workers at a construction company in the North said that their Chinese employers and Chinese supervisors sexually harassed them but because of a lack of job security they had to bear such harassments. Most workers felt that they had no right to express their views or lodge their complaints. In some cases they were either told that they talked too much or if they were not satisfied with their jobs, they should quit. The workers stated that despite the fact that that they were ill-treated, they still had to come back to work because they needed the money to survive (Dokument 13: 20–28). Abgesehen von den Aussagen der meisten befragten Arbeiter, dass sie von ihren chinesischen Vorgesetzten misshandelt würden und im Falle von freien Meinungsäußerungen mit einer Entlassung rechnen müssten, kommt noch ein weiterer schwerwiegender Vorwurf zur Sprache: Weibliche Angestellte eines Bauunternehmens im namibischen Norden berichteten von sexueller Belästigung durch chinesische Vorgesetzte, die sie aus Angst vor Arbeitsverlust nicht angezeigt hätten. Sexuelle Übergriffe auf Frauen sind ein Zeichen für die Herabwürdigung und Missachtung der weiblichen Selbstbestimmung. Offenbar haben die chinesischen Vorgesetzten ihre Macht dazu missbraucht, das Abhängigkeitsverhältnis der weiblichen Angestellten auszunutzen, möglicherweise in der Erwartung, keiner Strafverfolgung ausgesetzt zu sein. “We are not free to complain. They call us pigs and we don’t ask why or fight back because if we do that we will lose our jobs. We work in fear, even though the working conditions are bad and wages low. We need this job to survive.” (Construction worker in Walvis Bay, Dokument 13: 31–34). Ein Bauarbeiter in Namibia berichtet von den schwierigen Arbeitsbedingungen in dem chinesischen Unternehmen, die er aber ebenso wie Beleidigungen hinnehmen würde, um seine Arbeitsstelle nicht zu verlieren. Der Ausdruck „pigs“ für die Arbeiter ist eine Herabwürdigung der Persönlichkeit und zeigt rassistische Tendenzen, denn es scheint, dass die Chinesen die Arbeiter diskriminieren. Hier liegt der umgedrehte Rassismus nach Leiprecht vor. Die Arbeiter erleben die chinesischen Arbeitgeber als rassistisch ihnen gegenüber und drehen diese rassistischen Denk- und Handlungsmuster schließlich gegenüber den Chinesen in Sambia um. Unter diesen Umständen bedingen sich rassistische Vorurteile gegenseitig. “They discriminate against us in many ways. I see all Chinese employees have protective clothes like overalls, masks and shoes.” (Construction worker in Oshakati, Dokument 13: 43–44). Ein anderer Bauarbeiter in Namibia sieht es als Diskriminierung an, dass die chinesischen Arbeitgeber über ausreichende Schutzkleidung verfügen, er und seine Kollegen dagegen nicht. Auch hier zeigt sich deutlich, dass die Chinesen 232 die Namibier als nicht würdig erachten, Schutzkleidung zu tragen. Die Einordnung in „wertvolle“ Menschen, hier die Chinesen, die für sich Privilegien sichern, und weniger „wertvolle“, dort die Namibier, die von diesen Privilegien ausgeschlossen bleiben, ist eindeutig rassistisch. “The relationship is not good, we are treated badly. The Chinese have an attitude of treating us the way whites treated our fathers during the colonial era. The Chinese refuse to recognise the union. They solve their problems with the Labour Commissioner’s office.” (Retail worker in Oshakati) (Dokument 15: 4–7). Ein namibischer Einzelhandelsangestellter vergleicht die ihm zugefügten Erniedrigungen durch den chinesischen Vorgesetzten mit den Erfahrungen, die seine Väter während der Kolonialzeit machen mussten. Er bezieht sich auf bereits in der Kolonialzeit bestehende unzureichende Sicherungsmaßnahmen und Möglichkeiten zur Interessenvertretung der Arbeiter. Er unterstellt China, eine koloniale Macht zu sein und in der Tradition der deutschen und südafrikanischen Kolonialherren die namibischen Angestellten als rechtlose Objekte zu behandeln. Hier findet sich ein übliches rassistisches Ressentiment. Der umgedrehte Rassismus der Dominierten nach Leiprecht wird in Beziehung zu den kolonialen Erfahrungen gesetzt. they (the Chinese) are working very hard. Construction workers are supposed to be paid according to the CIF-MANWU agreement but they are not adhering. They are underpaying their workers and therefore Namibian companies don’t want to pay minimum wages too (Dokument 15: 21–25). Bauarbeiter werfen den Chinesen nicht nur vor, die geringsten Gehälter zu zahlen, sondern sie sehen auch einen unerwünschten Nachahme-Effekt: Die namibischen Bauunternehmen würden auch nicht mehr den Mindestlohn zahlen wollen, wenn die Gepflogenheiten der chinesischen Arbeitgeber sich durchsetzen sollten und keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden. “I have nothing good to say about labour relations at Chinese companies in the construction sector. The salaries are low, they ill-treat workers and they don’t adhere to health and safety regulations. I had a case where a worker was offered groceries instead of a salary for the month. Where in the world have you heard of such a thing? The government must do something (Dokument 15: 35–39). Dieser namibische Bauarbeiter prangert die unfaire Behandlung durch die chinesischen Vorgesetzten an und fordert, die Regierung müsste endlich eingreifen. Eine Welt, in der solche Missstände zugelassen werden, stößt bei ihm auf Unverständnis. 233 The interviewed workers in all Chinese companies indicated that there was neither a health and safety policy, nor protective clothing, nor a health and safety committee nor any form of training on health and safety issues at their workplace (Dokument 15: 75–77). Die befragten Arbeiter sagten übereinstimmend aus, dass es in allen chinesischen Unternehmen weder Sicherheits- noch Gesundheitsstandards geben würde. Es ist davon auszugehen, dass die fehlenden Sicherheits- und Gesundheitsstandards sich auf die namibischen Arbeiter beziehen. “The factory has no fire extinguishers or fire exists and is so full of materials that a small fire could explode into an inferno within a second.” (Retail worker in Ombalantu). “I remember one time we were working in Noordoewer and we had an accident there. One of my colleagues was killed and some were injured including me. I know my deceased colleague’s family did not get any compensation, and neither did we get any. We had to use our money for medical treatment.” (Construction worker in Windhoek, Dokument 15: 99–106). Sowohl ein Einzelhandelsangestellter als auch ein Bauarbeiter in Namibia berichten von Unfällen, die durch unzureichende Sicherheitsstandards in chinesischen Unternehmen herbeigeführt worden seien. Sie bezweifeln, dass die Angehörigen der Unfallopfer eine Entschädigung erhalten würden. Die immer wieder formulierten Schwachpunkte in chinesischen Unternehmen, nämlich die fehlenden Sicherheitsstandards, werden in allen Interviews angeprangert. (Interview, 17 July 2008). NAFAU organiser Wilma Angula agreed: “Chinese are worse than other foreign employers. The working conditions at Chinese companies are terrible. You cannot compare them with any other companies in Namibia. At Chinese companies you will be dismissed if you don’t want to work overtime…. The big problem is that they pretend not to understand English at all.” (Interview, 15 May 2008). (Dokument 16: 5–10). Besonders drastisch schildern die Interviewten die Bedingungen in den chinesischen Unternehmen in Namibia als die schlimmsten überhaupt. Außerdem spiele es eine Rolle, dass die chinesischen Vorgesetzten kein Englisch verstünden und dadurch auch Lösungen der Probleme kaum möglich wären. “The Chinese are worse compared to other companies. Their wages can be compared to the wages of domestic workers in this town… The Chinese don’t bank with our local banks and trade their money on the black market.” (John Kamati, NAFAU, Walvis Bay, 12 June 2008, Dokument 16: 12–15). Neben der üblichen Kritik hinsichtlich der geringen Gehälter chinesischer Arbeitgeber behauptet der Befragte, dass die Chinesen keine namibischen 234 Banken nutzen und ihr Geld auf dem Schwarzmarkt anstatt in namibischen Geschäften ausgeben würden. Chinese and BEE construction companies are not complying with the minimum wage and this makes our job difficult when we try to reprimand other companies. We want the Walvis Bay Council when awarding tenders to force companies to comply with the CIF agreement and other national agreements.” (Eila Kamanya, MANWU branch organiser, Walvis Bay, 12 June 2008, Dokument 16: 16–20). Der Vertreter einer namibischen NGO kritisiert die chinesischen Bauunternehmen, die keine Mindestlöhne zahlen würden. Die Behörden müssten eingreifen. “They (Chinese) are offering the worst conditions because they are paying their employees poorly. They work long hours without compensation, they are hired on short-term contracts with no signed contracts at all. Employees are working in unhealthy conditions, they get no sick leave and no maternity leave and there is no safety at the workplace. The rights of the employees are not respected.” (NAFAU organiser in Oshakati, 18 June 2008, Dokument 16: 21–26). Der Vertreter der namibischen Gewerkschaft macht deutlich, dass die chinesischen Unternehmen die schlechtesten Arbeitsbedingungen überhaupt hätten. Er nennt eine Reihe von Beispielen wie fehlende Sicherheit am Arbeitsplatz oder fehlende schriftliche Arbeitsverträge. Auch mit dieser Aussage wird das Misstrauen der Namibier deutlich, weil offensichtlich wirtschaftliche Interessen der chinesischen Arbeitgeber über den Rechten und Schutzbedürfnissen der namibischen Arbeitnehmer stehen. Das damit einhergehende Misstrauen ist ein Nährboden für Rassismus, weil wirtschaftliche Interessen zugleich eine Grenze zwischen den Ehnien aufbauen, die zumindest auf der Seite der Namibier eine Begründung für einen Rassismus der Dominierten liefert, wie es Leiprecht in seiner Studie ermittelt hat. The Chinese are the very worst. In other companies they have rules and regulations, written contracts, benefits and union structures. (Matti Haimbili, MANWU regional organiser, Oshakati, 18 June 2008, Dokument 16: 27– 30). Der befragte namibische Gewerkschaftsfunktionär beschreibt detailliert die Unterschiede zwischen den chinesischen und allen anderen Unternehmen. In den chinesischen Unternehmen fehle es an Regeln, schriftlichen Verträgen und Gewerkschaftsstrukturen. Diese Defizite könnten ein Hinweis sein, dass staatliche Institutionen in den Ländern nicht ausreichend legitimiert seien. Natürlich gibt es Gewerkschaften in Namibia, aber der Autor unterstellt, dass die namibischen Interessenvertretungen der Arbeitnehmer nicht ausreichend 235 von der namibischen Politik unterstützt würden. Er kritisiert zudem, dass die Arbeitsverträge zwischen namibischen Arbeitnehmern und chinesischen Arbeitgebern offenbar nicht schriftlich geregelt seien. In Yaaw Baahs und Jauchs Umfragen geht es um beide Staaten. Für Sambia stellen die Autoren fest, dass viele Sambier sich über die Bedrohung durch die chinesische Konkurrenz ebenso erregen wie über die Misshandlungen sambischer Angestellter durch chinesische Vorgesetzte. Es werden die in der Inhaltsanalyse aufgedeckten Existenzängste bestätigt. In Namibia kommen die konkreten Aussagen einzelner Betroffener zur Geltung: Die Arbeiter beklagen, sie hätten gegenüber den chinesischen Vorgesetzten keine Rechte. Die namibische Regierung würde nichts für ihren Schutz unternehmen. Verschärfend kommt in den Zeitungsartikeln zum Ausdruck, dass durch fehlende Englischkenntnisse chinesischer Manager die Kommunikation schwierig sei. Die chinesischen Arbeiter lebten oftmals separiert in eigenen bewachten Camps ohne Kontakt zur afrikanischen Bevölkerung. Nach der Auswertung der drei Datenkörbe stellt sich die Frage, in welchen Diskursmustern der antichinesische Rassismus auftaucht. Dabei geht es um die Argumentationsformen, denen sich der Rassismus bedient. Der folgende Abschnitt fasst die Ergebnisse der empirischen Auswertung zusammen und ordnet sie in einer Reihe von Diskursmustern ein.

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References

Zusammenfassung

Die chinesische Präsenz in Afrika nimmt seit Jahren zu. Die afrikanischen Länder verzeichnen eine Zuwanderung von Chinesen im Zuge des mit den jeweiligen Regierungen vereinbarten Rohstoffabbaus und der Investition in Infrastrukturprojekte. Die Forschung zu diesem Phänomen ist auf die Frage nach Art und Motivation der chinesischen Regierung fokussiert. Dabei wird oft übersehen, dass sich in Afrika zunehmend Widerstand gegen die chinesischen Bestrebungen formiert.

Gunnar Henrich untersucht in seiner Dissertation mit einer Diskursanalyse zwei afrikanische Staaten im Süden Afrikas: Namibia und Sambia. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie der antichinesische Protest zustande gekommen ist, welche Verläufe und Formen er angenommen hat und ob er gar als Rassismus auftritt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass der Protest häufig rassistische Formen annimmt. Wenden die ehemaligen Opfer rassistischer Kolonialpolitik selbst zunehmend rassistische Argumentationsformen an? Gibt es gar einen „umgedrehten Rassismus“? Henrich schließt mit seiner Arbeit eine Forschungslücke und trägt so zum gegenwärtigen Diskurs bei.