IV. Spannungselemente in:

Silke Heimes

Wie schreibe ich spannend?, page 37 - 42

Ideen für Autoren, Journalisten & Medienschaffende

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4251-9, ISBN online: 978-3-8288-7162-5, https://doi.org/10.5771/9783828871625-37

Tectum, Baden-Baden
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37 IV. Spannungselemente 1. Vorausdeutung, Antizipation Gemäß Wulff (1996: 1) beruht Spannung zum Großteil auf Vorahnungen und Erwartungen. Diese werden dadurch erzeugt, dass der Text den Leser mit Informationen versorgt, die es ihm ermöglichen, zukünftige Entwicklungen durch Extrapolation vorauszunehmen. Das bedeutet, dass im Text solche Informationen enthalten sein müssen, die als Ausgangspunkt für mögliche Weiterentwicklungen fungieren können, was wiederum voraussetzt, dass verschiedene Zukunftsszenarien für die Entwicklung der Geschichte denkbar sein müssen. Wichtige Grundlage dafür, dass Extrapolationen funktionieren und Muster sich durchbrechen lassen, ist dabei das Ursache-Wirkungs-Prinzip. Spannung liegt also nicht unbedingt im Text selbst, sondern vor allem darin, was der Text triggert (ebd.: 2). Denn dadurch wird etwas angedeutet, das noch gar nicht passiert ist, und auf diese Weise Spannung in der Vorstellungswelt des Lesers aufgebaut. „Die Antizipation von Bedrohung ist ein elementares Mittel der Erzeugung von Angstspannung, das sowohl in der Schauer- als auch in der Kriminalliteratur auf den unterschiedlichsten Ebenen Anwendung findet“ (Schärf 2013: 20). Dabei wird die Antizipation zum Spiel mit Erwartungen und deren Enttäuschung (Beinhart 2015: 20). Bei den Vorausdeutungen handelt es sich oft um Textbestandteile, die für das unmittelbare Textverstehen nicht zwingend erforderlich sind, deren Fehlen dem Text allerdings die Spannung nehmen würde. Vorausdeutungen sind für die Geschichte selbst zunächst also scheinbar erläss- 38 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? lich, nicht aber für den Aufbau von Spannung, die davon lebt, dass mögliche Entwicklungen mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitsgraden angedeutet und Unwägbarkeiten eingebaut werden. Mikos (1996: 44), der Vorahnungen als ein wichtiges Spannungselement versteht, differenziert zwischen negativen und positiven Gefühlserwartungen: Angst, Panik und Verzweiflung auf der einen und Hoffnung respek ti ve Zuversicht auf der anderen Seite. Dabei betont er, dass emotionale Erwartungen stets zukunftsgerichtet sind und meist eine kognitive Komponente beinhalten. Hitchcock (Truffaut 2003: 81) spricht im Zusammenhang mit Vorausdeutungen von einer Art Konditionierung: „Diese Konditionierung des Publikums ist die Voraussetzung für jeden Suspense.“ Und Pfister (2001) postuliert, dass Andeutungen und Vor ahnungen die Leser dazu anregen, Vermutungen über zukünftige oder vergangene Ereignisse anzustellen, und dass sie dann weiterlesen, um zu erfahren, ob sie richtig oder falsch gelegen haben. Beinhart (2015: 28) schreibt: „Erzählerische Dynamik ist die Ankündigung – oder die Drohung, Verlockung oder Andeutung –, dass etwas geschehen wird.“ 2. Time ticking & Verzögerung Ein weiterer wichtiger Aspekt der Dramaturgie, der zugleich erheblichen Anteil am Spannungsaufbau hat, ist die Kompression beziehungsweise Verdichtung des Erzählstoffes. Während sich spannende Ereignisse im Alltag oft über Tage, Monate oder Jahre hinweg erstrecken, müssen sie für literarische res pek ti ve narrative Zwecke stark verkürzt dargestellt werden, was bedeutet, dass die Ereignisdichte in einem Text oder Film immer höher ist als im realen Leben. Die einfachste Form, Spannung auf der Zeitebene zu erzeugen, ist der sogenannte time-ticking-Faktor. Die meisten Geschichten beinhalten eine tickende Uhr, manche explizit, andere kaum wahrnehmbar. Wird in einer Geschichte ein Ultimatum gestellt, ist das eine sehr konkrete Form, die Uhr laufen und die Figuren gegen den Faktor Zeit antreten zu lassen. Aber auch bei Aschenputtel beispielsweise tickt die Uhr: Die Tauben, die dem Mädchen zu Festkleidern und Schuhen verhelfen, raten ihm, vor 39 SpannungSElEmEntE Mitternacht wieder zu Hause zu sein. Auch das ist ein time-ticking, das Spannung erzeugt. Meist bezieht sich der time-ticking-Faktor darauf, dass eine drohende Gefahr innerhalb einer gewissen Zeit abgewendet werden muss und der Protagonist verloren ist, falls das nicht gelingt. Ein laufender Countdown erhöht die Spannung, weil er das Prinzip Hoffen und Bangen, also die Erwartungsspannung, auf die Spitze treibt. Spannung kann also auch durch einen Kampf gegen die Zeit erzeugt werden. Sogar in dem Roman Der alte Mann und das Meer (1952) von Hemingway läuft eine Uhr, wenn auch in einer sehr vagen, eher schwer zu fassenden Art und Weise. Nachdem gleich zu Beginn erklärt wird, dass der alte Mann seit vierundachtzig Tagen keinen Fisch mehr gefangen hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder einen fängt. Und als er dies dann tatsächlich tut, entbrennt ein Kampf zwischen Mann und Fisch und ist es erneut nur eine Frage der Zeit, bis einer der beiden aufgibt. Statt von der tickenden Uhr zu sprechen, könnte man also sagen, dass Spannung immer dann entsteht, wenn etwas ‚eine Frage der Zeit’ ist, weil dann sowohl die Protagonisten als auch die Leser gespannt auf das Eintreten des in Aussicht gestellten Ereignisses warten. Junkerjürgen (2002: 62) schreibt: „[Z]eitlich wird sie [suspense] vor allem von Ordnung und Dauer bestimmt. Textpassagen, die von Gefahren erzählen, diese aber zeitlich nicht umsetzen, gehören demnach ebenso wenig zum suspense wie solche, die zeitlich der Dauer entsprechen, aber keinen inhaltlichen suspense-Kern besitzen.“ Aber nicht nur das Forcieren der Zeit, sondern auch das Hinauszögern von Antworten erzeugt Spannung. Percy (2016: 30) bezeichnet die Erzeugung von Spannung durch das Zurückhalten von Antworten oder Informationen als delay gratification. Das Zurückhalten von Informationen ist demnach eine Frage der Zeit, aber auch eine der Informationsdosierung sowie der Vorausdeutung. Oftmals ist der Wunsch, etwas wissen zu wollen, intensiver, als die Auflösung es sein kann (ebd.: 33), wobei keine zu hohen Erwartungen geweckt werden dürfen, die dann durch die Auflösung enttäuscht werden. 40 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Wie im nächsten Kapitel zu sehen sein wird, führt auch eine detaillierte Beschreibung zu einer Verzögerung und kann auf diese Weise Spannung erzeugen. Monti-Pouagare (1986: 176–186) nennt vier Spannungstechniken: surprise, verbal and/or physical attack, failure of the characters to see the truth und delay. Dabei versteht er unter delay die Verzögerung der Auflösung von Leerstellen, also das Hinauszögern von Antworten. Und auch Dibell (1988: 63) empfiehlt Subplots, um das eigentliche Geschehen hinauszuzögern und dadurch die Spannung zu erhöhen. 3. Detaildichte & Genauigkeit Bärfuss hat in einem persönlichen Gespräch (8. März 2018, Stadtkirche Darmstadt) gesagt: „Spannung entsteht dadurch, dass der Leser, ähnlich wie der Protagonist [die Rede ist von Philip in Bärfuss’ Roman Hagard], in die Rolle des Jägers gerät und alle Details wahrnimmt, weil er nicht weiß, welche Dinge für ihn relevant sind oder es noch werden könnten.“ Durch diese Hypervigilanz und die sich daraus ergebende Informationsdichte entsteht Spannung – die Spannung des Jägers. Durch Detaildichte kann also eine gewisse Spannung erzeugt werden. Zum einen, weil man, wie Bärfuss sagt, nie weiß, welches Detail später noch relevant werden wird, und zum anderen, weil es zu einer Verzögerung der eigentlichen Geschichte kommt, was die Spannung ebenfalls steigert. Baxter beschreibt dies exemplarisch an einem Kind, das einen Streit beobachtet: „The frightened child is thus in a condition of full attentiveness, […] Because he does not know which details to look at, he must look at them all, and his hallucinated attention will cause those details to expand with a sort of terrible visionary energy“ (Baxter 2007: 29; Hervorhebung durch die Autorin). Gelingt es dem Autor, den Leser in einen Zustand absoluter Aufmerksamkeit zu versetzen, wie Baxter ihn für das Kind beschreibt, kann dies zu einer maximalen Immersion führen, die mit einer starken Identifikation einhergeht und den Leser auf emotionaler Ebene dergestalt involviert, dass Spannung evoziert wird. Der Horror erfasst das beobachtende Kind ebenso wie den Leser, der gar nicht anders kann, als weiterzulesen, um zu erfahren, was von den Andeutungen und Details relevant 41 SpannungSElEmEntE ist und wie es mit dem ängstlichen Kind weitergeht. Flaubert schreibt: „Um etwas interessant zu machen, muss man es nur lange genug betrachten“ (zit. n. Baxter 2007: 30; Übersetzung durch die Autorin). Dabei ist natürlich zu beachten, dass eine zu große Detailversessenheit auch als langatmig und störend empfunden werden und dadurch zu einem Spannungsabfall führen kann. Unstrittig ist allerdings, dass eine detaillierte Beschreibung zu einer dichten Atmosphäre beiträgt, die wiederum eine Voraussetzung für emotionale Involviertheit und Identifikation ist und im gelungenen Fall zur Immersion führen kann, die sodann eine gute Grundlage bildet, um Spannung aufzubauen und aufrechtzuerhalten. 4. Irritation & Orientierung Auch Ungewissheit durch Irritation kann Neugier und Spannung auslösen. Indem der Orientierungsraum partiell oder ganz zerstört wird, bleibt der Leser im Ungewissen und versucht gespannt, eine gewisse Ordnung herzustellen, um wieder orientiert zu sein. Wichtig ist dabei, dass der Rezipient nicht nur auf Unbekanntes stößt, sondern sich zugleich an Vertrautes binden kann, da sonst die Möglichkeit der Identifikation und Immersion geringer wird oder ganz verloren geht. Pfister (2001) verweist darauf, dass Texte Spannung erzeugen, indem sie Unordnung in das Prinzip der Harmonie bringen, und Schärf (2013: 27) spricht davon, dass manifeste Irritationen das Bild ins Unwirkliche und Unheimliche rücken, wodurch Spannung entsteht. Dabei spielt die Balance zwischen Orientierung und Irritation eine wesentliche Rolle: „Das Grauen muss immer im Alltäglichen wurzeln, das Unheimliche hat stets eine Rückbindung ans Vertraute“ (ebd.: 33). Und auch Hitchcock spielt mit den Mitteln der Irritation, indem er beispielsweise Traum res pek tive Phantasie und Wirklichkeit ineinanderfließen lässt, wie etwa in dem Film Downhill, in dem er die Phantasie des jungen Protagonisten mit der Realität verschmelzen lässt (Truffaut 2003: 45). Um Irritation auszulösen, reicht es mitunter bereits, eine Welt zu erschaffen, in der anders wahrgenommen, gehandelt, gedacht und miteinander 42 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? umgegangen wird als in der vertrauten Welt des Lesers. Die Spannung entsteht dann dadurch, dass die Geschichte dem Leser aufzeigt, wie es sein kann und wie es sich anfühlt, in einer fremden Welt zu leben (Beinhart 2015: 19–20, 24).

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Zusammenfassung

Wie schreibe ich spannend? Wie bringe ich den Leser dazu, weiterzulesen? Am besten atemlos. Diese Fragen sind fürs literarische Schreiben ebenso relevant wie fürs faktische. Dabei geht es darum, den Leser emotional zu packen und in den Text hineinzuziehen. Es gilt, Geschichten zu erzählen, in der Belletristik wie im Journalismus. Wie man Spannung aufbaut und hält, können wir von den Großmeistern Hitchcock und Highsmith ebenso lernen wie von Gegenwartsautoren sowie preisgekrönten Journalisten. Das Buch erklärt systematisch, was Spannung ist und wie man diese beim Schreiben erzeugt. Es arbeitet genreübergreifend und interdisziplinär und erstellt ein eigenes Eskalationsmodell, dessen vielseitige Anwendbarkeit es anhand von Romanen, Erzählungen und Reportagen demonstriert.