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3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 133 - 204

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-133

Tectum, Baden-Baden
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Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen „Eine besondere Bedeutung beansprucht der Fall, dass eine größere An‐ zahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glückver‐ sicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklich‐ keit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen wir auch die Religio‐ nen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.“ Siegmund Freud Soviel zur Logik. Doch wie Sie zweifelsfrei wissen, ist Logik nicht alles im Leben. Die Argumente, die ich aufgezählt habe, sind teilweise so alt wie die Religion selbst. Dennoch scheinen sie wenig daran ausrichten zu können, dass Religion weiterhin das Leben von Milliarden Men‐ schen bestimmt. Ich selbst habe mich jahrzehntelang der Illusion hin‐ gegeben, dass die Religiosität meiner Mitmenschen nur auf Uninfor‐ miertheit begründet sei; man müsse ihnen nur die naturwissenschaftli‐ chen Erkenntnisse nahebringen, und ihnen würden Lichter aufgehen. Mit der Zeit musste ich jedoch feststellen, dass ein beträchtlicher Teil dieser Menschen gar nicht besser informiert sein will, ja dass man so‐ gar entgegen aller Evidenz an seinem Weltbild festhält, als gäbe es da‐ für etwas zu gewinnen. Das liegt daran, dass sie keine Suchenden sind, sondern viel mehr glauben gefunden zu haben. Das geht so weit, dass evangelikale Christen in den USA die Hurri‐ kane Harvey, Irma und José aus 2017 für Strafen Gottes halten, weil die USA die Homoehe erlaubt haben oder einfach, um uns Menschen Demut beizubringen. Dass Klimawissenschaftler seit Jahrzehnten vor‐ aussagen, Hurrikane in der Karibik und im Golf von Mexico würden mit der Zeit häufiger und heftiger werden, wird dabei vollständig ignoriert, denn der durchschnittliche evangelikale Christ hält den Kli‐ mawandel ebenfalls für eine Lüge. Je schwerer die Hurrikane auf den Bahamas und in Florida wüten, desto sicherer ist man sich, dass Gott 3 133 uns damit etwas sagen möchte. Zuweilen scheint der Glaube schlicht unheilbar. Bei dieser Gelegenheit aber frage ich mich, ob man sich damit nicht auch erpressbar macht. Immerhin liegen San Francisco, Portland und Salt Lake City, die LGBT-Zentren der USA, vom Wirkungskreis der Hurrikane weit entfernt – es ist erstaunlich, dass der Herrgott seine Strafen so indirekt organisiert. Die LGBT-Verbände in den USA könn‐ ten den Frömmlern sagen: „Gebt uns jedes Jahr zehn Milliarden Dollar, sonst bringen wir Jahwe gezielt auf die Palme und zerstören Eure Städ‐ te!“. Ich bin mir sicher, dass die Frömmler des Bible Belt dann plötzlich nicht mehr halb so fest an diesen gefühlten Zusammenhang glauben würden wie bisher. Würde man alle Religion der Welt, ihre Schriften, ihre Veranstal‐ tungen und sakralen Bauten und sämtliche Erinnerungen an die geleb‐ ten Religionen über Nacht aus der Welt und aus unseren Gehirnen entfernen, so könnte man mit Sicherheit eine interessante Beobach‐ tung machen. Etwas Vergleichbares würde wiederkommen, und zwar innerhalb weniger Jahre. Es wären aber garantiert nicht die gleichen Religionen mit den gleichen Geschichten. Es würden andere Geschich‐ ten sein, der modernen menschlichen Ethik angepasster, weniger wi‐ dersprüchlich. Zeitgemäß, den aktuellen Stand wissenschaftlicher Er‐ kenntnisse berücksichtigend, in ihrer Doktrin eventuell sogar säkular und staatsfern. Sie wären ein Produkt des Kulturkreises, in dem sie entstanden sind, genau wie die jetzigen, überlieferten Religionen. Doch es scheint grundsätzlich sicher, dass Religion als Idee wie‐ derkommen würde. Ich sehe darin den fehlenden Sargnagel der Reli‐ gionen: neben ihrer unzeitgemäßen Ethik, ihren wissenschaftlichen Ir‐ rungen und ihrer realitätsleugnenden Dogmatik entspringen sie einem psychischen Bedürfnis des Menschen, und davon kann man genauso süchtig werden wie von Spiel- oder Sexsucht. Um den Schlüssel zum religiösen Gefühl zu diskutieren, muss ich das religiöse Gefühl zunächst abgrenzen. Ich meine damit weder kon‐ krete religiöse Inhalte noch organisierte Religionen sondern das, was den Einzelnen an der Religion anspricht. Warum es uns logisch er‐ scheint, dass alles einen Anfang, eine Schöpfer haben muss, und die Angst vor der Vorstellung, dass es niemanden gibt, den man sich durch Gebet oder Opfergaben kooperativ machen kann. Denn darum 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 134 geht es in der Religion: den Wunsch nach Kontrolle des Geschehens und zuweilen des Mitmenschen. Hier muss eine Erklärung her. Wenn ich mit naturwissenschaftli‐ chen Fakten und Logik bei Gläubigen nichts bewirken kann, dann bie‐ ten sich mir grundsätzlich zwei Erklärungsansätze an. Zum einen kann ich ganz einfach falsch liegen. Das sollte man nie ausschließen, und dennoch meine ich dargebracht zu haben, dass die Fakten und die Logik auf meiner Seite sind und keine der theistischen Positionen un‐ terstützen, weder was die Existenz eines Schöpfers angeht, noch seine näheren Eigenschaften und Erwartungen an uns, die in den Religionen so selbstverständlich gelebt werden. Und ich hoffe auch dargelegt zu haben, dass ein menschlicher Ursprung von heiligen Schriften oder re‐ ligiösen Geboten wesentlich wahrscheinlicher ist. Zum anderen kann die Erklärung, warum Menschen im Angesicht moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf ihren religiösen Ansichten beharren und seit Jahrtausenden die Logik der Gegenargu‐ mente ignorieren, einfach in der Psyche des Menschen liegen. Genau‐ er: in den evolutionär gewachsenen Mechanismen des menschlichen Gehirns, das sich bemüht, die Welt zu begreifen, Erklärungen zu fin‐ den und Naturkatastrophen durch rituelle Tänze oder Menschenopfer abzuwehren. Es gibt genug Gebiete, auf denen Logik keine Rolle spielt, und oft‐ mals reiten Apologeten dann darauf herum, um auf die begrenzte Gül‐ tigkeit der Logik zum Beispiel in der Liebe hinzuweisen. Natürlich kann ich mir Liebe erklären als evolutionäres Mittel der Partner‐ schaftsbildung, um Nachwuchs zu zeugen; das „Kuschelhormon“ Oxy‐ tocin wird in entsprechenden Situationen nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Hunden und Katzen ausgeschüttet, denn das Leben auf der Erde ist nun mal aus einem Guss. Gleichzeitig befindet sich der menschliche Geist im Würgegriff eines Urtriebes, der alles andere in den Schatten stellt: dem Drang nach Geschlechtsverkehr, denn Nach‐ wuchs will gezeugt werden. Hätten wir diesen Trieb nicht, wären wir wohl schon ausgestorben wie so viele andere Spezies. Der chinesische Panda beispielsweise arbeitet derzeit darauf hin (oder gerade nicht). Hat man noch nie Geschlechtsverkehr gehabt, gewinnt dazu oftmals der Drang nach Monogamie, weshalb besonders jungfräuliche Artge‐ 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 135 nossen oftmals eine romantisierte und idealisierte Vorstellung von Lie‐ be haben.* Doch alle Wissenschaft kann das Gefühl nicht beschreiben, ver‐ liebt zu sein. Gefühle sind subjektive Empfindungen. Manche kann man messen oder in einem Magnetresonanztomographen sichtbar machen, aber sie überwältigen das Individuum, wann immer es sie er‐ lebt. Man kann Physik studiert haben und sich beim Küssen trotzdem fühlen wie eine Rakete im Flug. Dass das so ist liegt daran, dass jener Blumenkohl zwischen unse‐ ren Ohren sich evolutionär nur so weit entwickelt hat, wie es uns als Spezies zum Überleben nützte. Zugegeben, Sprache und Schrift sind als evolutionäre Errungenschaften ein ziemlicher Hammer, aber sie sind auch alles andere als fehlerfrei. Denken Sie nur an den Unter‐ schied zwischen dem was Sie sagen und dem, was der andere aufge‐ nommen hat. Immer kostet es viel Mühe und Aufwand, bei den Fakten zu bleiben, und Fehler und Impulse laden nur zu sehr dazu ein, es sich zu einfach zu machen. Sprache und Schrift haben es uns Menschen aber ermöglicht, Kenntnisse und Fertigkeiten von nie dagewesenem Detailreichtum in kurzer Zeit von Gehirn zu Gehirn zu transportieren. Da es sie gibt, muss niemand von uns zu Beginn seines Lebens erneut das Rad erfin‐ den, die Speerschleuder, das Feuermachen, koordinierte Jagdtechniken oder Worte mit komplexen Inhalten wie „Vertrauensverlust“, „Sieger der Herzen“ oder „Jahresabschlussbericht“. Wir lernen es von anderen, und das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Individuum darauf basierend der Menschheit etwas Neues bietet. Es ist die Basis des Fort‐ schritts. Life is a remix. Wir müssen jedoch auch bedenken, dass nicht nur richtige Ideen sich verbreiten. Der Mensch hat keinen automatischen Schutz gegen falsche Ideen – Ideen können sich verbreiten, wenn sie nur auf den ersten Blick logisch erscheinen, wenn sie die Gruppe zusammen‐ schweißen oder wenn es das Individuum kurzfristig glücklich macht, sie zu verbreiten. * Das äußert sich dann auch darin, dass die katholische Kirche allen Ernstes Ehebera‐ tungsstellen betreibt, die mit Priestern oder Klosterbrüdern besetzt sind. Wer auf der Welt, der nach 35 Jahren vor den Trümmern seiner Ehe steht, braucht dazu die Meinung einer Berufsjungfrau? 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 136 Hier sind elf Dinge, die am Gehirn nicht stimmen und zu irratio‐ nalem Verhalten einladen. 1. Der Zirkelschluss 2. Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 3. Hindsight bias – der Rückschaufehler 4. Beeinflussbarkeit 5. Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse 6. Kognitive Dissonanz 7. Der Wunsch nach Kontrolle 8. Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autori‐ tät 9. Religion als Drogenrausch 10. Religion als Krankheit 11. Prägung Ich habe in Diskussionen mit religiösen Menschen unterschiedlichen Schweregrades die Feststellung gemacht, dass kein Argument seitens der Apologeten die strengen Kriterien eines wissenschaftlichen Dis‐ kurses erfüllen würde. Entweder man argumentiert mit seinem subjek‐ tiven Empfinden („ich glaube halt daran“), oder man wagt sich auf das Terrain eines rationalen Diskurses, was aber selten in etwas Anderes mündet als in die gleiche Subjektivität bei der Quellenauswahl, das ab‐ sichtliche Missverstehen wissenschaftlicher Konzepte, tatsächliche wis‐ senschaftliche Ahnungslosigkeit oder schlicht in Lügen. Schauen wir uns den Schaden einmal an. Der Zirkelschluss Einer der gefährlichsten Denkfehler, denn so offensichtlich er ist, so einladend ist er auch, denn er macht glücklich. Selten tritt er in so ein‐ facher Form auf wie „Der Koran ist das unverfälschte Wort Gottes, und wir müssen ihm gehorchen. Das steht im Koran!“ Die chronische Überbewertung des Koran und Mohammeds laden die Gläubigen jederzeit ein, solche Zirkelschlüsse zu begehen, die Tat‐ 3.1 3.1 Der Zirkelschluss 137 sache zu ignorieren, dass man damit so manches beweisen könnte* oder sie schlicht nicht als solche wahrzunehmen. Was immer Moham‐ med an Gewalttaten begangen hat, sie waren gut, denn sie waren von ihm, dem perfekten Menschen. Und er ist perfekt, weil er all diese von Gott beauftragten Taten begangen hat, die zweifellos gut und richtig waren, denn er tat sie ja, der perfekte Mensch, und er war perfekt, weil… Im Christentum existiert Gott, weil die Bibel sagt, dass er existiert, und die Bibel ist das inspirierte Wort Gottes, und daher muss er exis‐ tieren, denn die Bibel sagt es, und die Bibel ist von Gott inspiriert, und das könnte sie nicht sein, wenn er nicht existiert, also existiert er. Sie können an jedem beliebigen Punkt dieses Zirkelschlusses einsteigen und die gedankliche Karussellfahrt ad nauseam mitmachen. Wenngleich es in der Thermodynamik kein Perpetuum mobile gibt, in der menschlichen Psyche existiert es. Confirmation bias – der Bestätigungsfehler Die Mutter aller Denkfehler. Es handelt sich um die Neigung, sich die Argumente auszusuchen, die die eigene These stützen, und alle Gegen‐ argumente auszublenden oder zu ignorieren. Damit kann man alles beweisen – man muss es nur solange tun, bis man emotional überzeugt ist. Indem der moderne Gläubige sich nur Bibelstellen aussucht, die Vergebung und Feindesliebe predigen, gelangt er zu dem Schluss, dass in der Bibel nur Wertvolles, Edles und Barmherziges stünde. Um ein realistisches Bild der Bibel zu erhalten, darf man aber die hässlichen Stellen nicht weglassen, zum Beispiel wenn Gott zum Völkermord an den Amalekitern aufruft wie in Deuteronomium 25:19: „Wenn der Herr, dein Gott, dir von allen deinen Feinden ringsum Ruhe verschafft hat in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, damit du es in Besitz nimmst, dann lösche die Erinnerung an Amalek un‐ ter dem Himmel aus! Du sollst nicht vergessen.“ 3.2 * Dazu gibt es die Serviettenreligion. Die Serviettenreligion ist die einzig wahre Reli‐ gion, das steht auf der heiligen Serviette. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 138 Ein anderes Beispiel ist der beliebte Taufspruch „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und bringe dich an den Ort, den ich bereitet habe“ aus Exodus 23:20. Hier spricht Gott zu Moses, der die Israeliten durch die Wüste führt, und es klingt nach Schutz und Geborgenheit. Zumindest, wenn man hier zu lesen aufhört. Gott spricht nämlich weiter zu Moses: „Darum hüte dich vor seinem Angesicht und gehorche seiner Stimme und erbittere ihn nicht; denn er wird euer Übertreten nicht vergeben, und mein Name ist in ihm. Wirst du aber seine Stimme hören und tun alles, was ich dir sagen werde, so will ich deiner Feinde Feind und deiner Wi‐ dersacher Widersacher sein. Wenn nun mein Engel vor dir her geht und dich bringt an die Amoriter, Hethiter, Pheresiter, Kanaaniter, Heviter und Jebusiter und ich sie vertilge, so sollst du ihre Götter nicht anbeten noch ihnen dienen und nicht tun, wie sie tun, sondern du sollst ihre Götzen umreißen und zerbrechen… Ich will meinen Schrecken vor dir her senden und alles Volk verzagt ma‐ chen, dahin du kommst, und will dir alle deine Feinde in die Flucht geben. Ich will Hornissen vor dir her senden, die vor dir her ausjagen die Heviter, Kanaaniter und Hethiter. Ich will sie nicht auf ein Jahr ausstoßen vor dir, auf daß nicht das Land wüst werde und sich wilde Tiere wider dich mehren; einzeln nacheinan‐ der will ich sie vor dir her ausstoßen, bis du wächsest und das Land besit‐ zest. Und will deine Grenze setzen von dem Schilfmeer bis an das Philis‐ termeer und von der Wüste bis an den Strom. Denn ich will dir in deine Hand geben die Einwohner des Landes, dass du sie sollst ausstoßen vor dir her. Du sollst mit ihnen oder mit ihren Göttern keinen Bund machen; sondern lass sie nicht wohnen in deinem Lande, dass sie dich nicht ver‐ führen wider mich. Denn wo du ihren Göttern dienst, wird dir's zum Fall geraten.“ Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, erinnert die Legitimation, die der Herrgott hier dem lieben Moses als oberstem Führer der Israeliten gibt, sehr an den Moralkodex des Islamischen Staates. Auch sie vertrieben Bewohner aufgrund religiöser Differenzen, zerbrachen ihre Heiligtü‐ mer oder historische Statuen wie im syrischen Palmyra oder wie die Taliban im Jahre 2001, als sie die Buddha-Statuen von Bamyan aus dem Fels sprengten. Sie gaben „sich die Einwohner des Landes in die Hand“, was eine Schönfärberei für Versklavung ist, wie es bei den Jesi‐ den im Nordirak geschah, und machten „mit ihnen und ihren Göttern keinen Bund“, tolerierten also andere Glaubensrichtungen nicht. Der Islamische Staat wendete hier dann das islamische Recht an, das für 3.2 Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 139 Ungläubige entweder die Flucht, die Kopfsteuer Jizya (explizit als De‐ mütigung gedacht) oder ihre Tötung vorsieht. Den Beginn dieser Passage als Taufspruch zu talismanähnlichem Schutz zweckzuentfremden ist zwar ethisch wesentlich verträglicher als ihn in die Tat umzusetzen, aber es zeugt doch von einem unauf‐ richtigen Verhältnis zur Schrift und ist wenig geeignet, einen korrekten Eindruck von der Schrift und ihren Inhalten zu geben. Wer nur die Passagen zitiert, die ihm gefallen, und den Rest ignoriert, kann nicht behaupten, dass der christliche Gott ein Gott der Liebe und Barmher‐ zigkeit wäre, oder dass die Bibel allgemein ein Buch von erhabener Ethik sei. Ein ehrliches Verhältnis zur Schrift, so leid es mir tut, besteht darin, 1) die Schrift entweder in ihrer Gänze ernst zu nehmen und sich zu gebärden wie eine fundamentalistische Terrorgruppe oder 2) sich einzugestehen, dass der Schöpfer des Universums den Kampf gegen den Unglauben eigentlich von Ihnen verlangt, und dass das Problem bei Ihnen liegt, wenn Sie dem nicht nachkommen. Was darf es also sein, Extremismus oder Unaufrichtigkeit? Ich bie‐ te Ihnen eine dritte Option an: Nehmen Sie’s in Anlehnung an Cole‐ ridge mit willentlichem Aussetzen der Gläubigkeit. In diesem gespaltenen Zustand zwischen Option eins und zwei aber befindet sich die islamische Welt gerade – Option drei scheint den meisten schlicht indiskutabel. Die Mehrheit der Muslime möchte in Frieden leben, aber es gibt immerhin einen zweistelligen Prozent‐ satz von Glaubensgenossen, die eine striktere, wortgetreuere Ausle‐ gung der heiligen Schrift fordern und den Gemäßigten vorwerfen, kei‐ ne richtigen Muslime zu sein, wenn sie diese Ansicht nicht teilen. Sie machen dem Durchschnittsmuslim (der seine Religion immer noch ernster nehmen dürfte als der durchschnittliche CSU-Wähler) laufend ein schlechtes Gewissen und können sich dabei jederzeit auf die Heili‐ ge Schrift berufen. Es gibt sogar einen koranischen Ausdruck für das halbherzige Muslimsein: Munafiq, also Heuchler. Die Sure 63 ist nach ihnen benannt und attestiert ihnen, für den Glauben schlimmer zu 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 140 sein als erklärte Feinde des Islam, da sie ihn verwässern und aufwei‐ chen, also die Reinheit des Din (des Glaubens) gefährden. Der algerische Astrophysiker Nidhal Guessoum sieht eine Versöh‐ nung von Islam und Wissenschaft, indem er Sure 2, Vers 111 vorbringt (immerhin die 91ste in Nöldekes Reihenfolge): "Bringt euren Beweis her, wenn ihr wahrhaftig seid!" Damit, so Guessoum, mache der Koran auf die Gefahren des Mutma‐ ßens ohne Beweise aufmerksam, und er sieht darin ein Argument da‐ für, gute Wissenschaft zu betreiben.29 Nur lautet der ganze Text leider: „Bringt euren Beweis her, wenn ihr wahrhaftig seid! Und sie [die Juden und Christen] sagen: ‚Es wird niemand in das Paradies eingehen außer Juden und Christen.‘ Dies sind Wunschvorstellungen. Sprich: ‚Bringt eu‐ ren Beweis her, wenn ihr wahrhaftig seid!‘" Das hat mit einer wissenschaftsfreundlichen Haltung des Korans über‐ haupt nichts zu tun. Es ist Russels Teekanne seitens des Koran (die Ju‐ den und Christen können ihre Behauptungen weder belegen noch wi‐ derlegen) und ein Bestätigungsfehler seitens Herrn Guessoum, sonst nichts. Aus atheistischer Sicht ist es geradezu putzig, wenn Gläubige von anderen Religionen handfeste Beweise für ihre Behauptungen ver‐ langen, während man selbst weiß, dass keine Religion sie hat und auch die Gläubigen für ihre Religion nichts vorlegen können als ihre Be‐ hauptungen. Bei dem Versuch, die Richtigkeit des Islam zu beweisen, offenbaren die Apologeten eigentlich nichts anderes als wissenschaftli‐ che Ahnungslosigkeit und Hysterie, und ich finde es immer wieder er‐ staunlich, dass Menschen ihnen das tatsächlich abkaufen. Das dürfte einerseits daran liegen, dass diese Jungs sehr entschlossen auftreten. Zum anderen daran, dass ihre Zuhörer den gleichen Denkfehler ma‐ chen. Zamzam In der Heiligen Moschee in Mekka entspringt eine Quelle, deren Was‐ ser aufgrund ihrer prominenten Lage selbstverständlich gar nicht an‐ ders kann, als einfach alles zu können. Menschen reiben sich Wunden damit ein, trinken es und schenken es sich gegenseitig in den besten Absichten. 3.2 Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 141 Im Jahre 2010 beschlossen zwei Wissenschaftlerinnen aus Riad na‐ mens Dr. Nour Al Zuhair und Prof. Rita Khounganian, der Sache mit wissenschaftlichen Methoden auf den Grund zu gehen, oder zumin‐ dest was sie dafür hielten. Sie machten eine Ionenanalyse des Zamzam- Wassers und verglichen die Ergebnisse mit denen einer Probe Lei‐ tungswasser aus Riad.30 Bei der Lektüre der Veröffentlichung fiel mir auf, dass das Zamz‐ am-Wasser schon mal den Grenzwert für Nitrat überschreitet, der in der deutschen Trinkwasserverordnung festgelegt ist. Die BBC hat in einer weiteren Analyse darüber hinaus bedenkliche Mengen Arsen festgestellt, das in der ursprünglichen Analyse nicht berücksichtigt worden war.31 Viel wichtiger aber ist: man erreicht kein wissenschaftliches Ziel, indem man die Ionengehalte von Zamzam-Wasser und riader Lei‐ tungswasser einfach stumpf gegenüber stellt. Es war keine Fragestel‐ lung vorhanden, und daher gab es außer den Messergebnissen auch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnis. Was wie ein Schülerprojekt in der achten Klasse anmutet, damit sie mal in der Wissenschaft schnuppern dürfen, wurde hier von einem Team aus promovierten und habilitierten Medizinerinnen ausgetüftelt. Der Vergleich der Messergebnisse brachte keine andere Erkenntnis zu‐ tage als (Sie haben es erraten): Das Wasser im Brunnen und das Was‐ ser in der Leitung waren im Rahmen der Messgenauigkeiten identisch, gegenüber dem Leitungswasser aus Riad jedoch signifikant anders. Was nicht überraschen sollte, sind Mekka und Riad doch schließlich durch 900 Kilometer Wüste getrennt und dürften schwerlich die glei‐ che Wasserzusammensetzung haben. Ich weiß nicht, ob die Damen gute Medizinerinnen sind; wenn ja, könnten sie sich für die Dürftigkeit dieser Veröffentlichung tatsächlich geschämt und sie aus einer religiösen Notwendigkeit heraus angefer‐ tigt haben. Was wiederum zeigt, dass Wissenschaft in einem von der Religion dominierten Umfeld immer zu einer Karikatur ihrer selbst verkommt. Hätten die Damen überhaupt herausfinden können, dass der Nitratgehalt des Zamzam-Wassers unverträglich hoch ist? Hätten sie das veröffentlichen dürfen? Konnte bei dieser Untersuchung über‐ haupt etwas anderes herauskommen, als dass Zamzam von spezieller 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 142 Natur ist? In der religiös dominierten Welt der Wahhabiten hätte es gar kein anderes Ergebnis geben dürfen. Der Physiker Richard Feynman prägte für diese Art wissenschaft‐ licher Betätigung einmal den Begriff Cargo-Cult-Wissenschaft. Er meinte damit das Imitieren wissenschaftlicher Handlungsabläufe ohne ein tatsächliches Verständnis der Vorgänge oder der Erfordernisse.* Es ist leitmotivisch für alle totalitären Ideen, dass die wissenschaft‐ liche Forschung kontrolliert werden muss. Vom Lyssenkoismus des stalinistischen Russlands (jeder Organismus kann durch harte Bedin‐ gungen verändert werden, der Gedanke an Gene und Erbgut ist unso‐ zialistisch) über die Deutsche Physik des Dritten Reiches (die Relativi‐ tätstheorie ist Blödsinn, weil Einstein Jude war), über Nordkorea bis hin zu den Theokratien des Nahen Ostens fürchten die Despoten den ungetrübten, skeptischen Blick des Wissenschaftlers, so dass man sich zunächst seine Arbeit und schließlich den Wissenschaftler selbst zur Konformitätsprüfung auf den Schreibtisch legt. Und bei der Gelegen‐ heit macht man sich die Wissenschaft auch gleich zunutze, indem man das Ergebnis ihrer Forschungen vorgibt und es ihnen lediglich über‐ lässt, den Weg dahin zu finden. Die Folge ist immer und überall ein Brain Drain, das Abwandern der Kompetenten hin zu besseren Mög‐ lichkeiten, weshalb sich die Partei Erdogans im Sommer 2016 auch ge‐ nötigt sah, türkischen Hochschulwissenschaftlern künftig Auslandsrei‐ sen zu verbieten.32 Die weniger Kompetenten bleiben und werden vom System absorbiert, denn mehr verträgt es nicht, und schließlich sinkt das Niveau der Veröffentlichungen auf eine simple Ionenanalyse von Zamzam-Wasser. Wenn Akademiker nur noch das wissenschaftliche Handwerk, aber nicht mehr die wissenschaftliche Methode anwenden dürfen, ist eine Religion oder eine Politreligion im Spiel, und das Spiel heißt confirmation bias. Vernunft im Islam Wo wir gerade bei Wissenschaft sind: Die pakistanischstämmige Isla‐ mapologetin Khola Maryam Hübsch turnt gelegentlich schnellredend * Falls Sie den Begriff Cargo Cult noch nicht kennen: es lohnt sich, ihn zu recherchie‐ ren. 3.2 Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 143 durch die Talkshows der Nation und ist immer die Erste wenn es darum geht, sich für den Islam in die Bresche zu werfen. Eines ihrer Lieblingsargumente ist: Der Koran sei sehr wissenschaftsfreundlich, denn immerhin bestünde ein Achtel des Korans aus der Aufforderung, seine Vernunft zu gebrauchen. Das wäre für eine monotheistische Reli‐ gion in der Tat erstaunlich, und da außergewöhnliche Behauptungen auch außergewöhnliche Erklärungen benötigen, ist die Sache daher umso mehr eine Prüfung wert. Wahrscheinlich zitiert Frau Hübsch hier den pakistanischen Physi‐ ker Abdus Salam, der im Jahre 1979 zusammen mit Steven Weinberg und Sheldon Glashow den Nobelpreis für Physik erhielt.* Er hielt im Jahre 1984 in Paris eine Rede, in der er genau diese These aufstellte, und er ist ebenfalls Ahmadiyya wie Frau Hübsch. Salam spricht von 750 Versen im Koran, die die Aufforderung enthielten, seine Vernunft zu gebrauchen. In besagter Rede vor der UNESCO im Jahre 1984 zi‐ tierte Abdus Salam konkret und exemplarisch die folgende Stelle.33 „In der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Unterschied von Nacht und Tag liegen wahrlich Zeichen für diejenigen, die Verstand besitzen, die Allahs stehend, sitzend und auf der Seite (liegend) gedenken und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: „Unser Herr, Du hast (all) dies nicht umsonst erschaffen. Preis sei Dir! Bewahre uns vor der Strafe des (Höllen)feuers.“ Sure 3, Vers 190 - 191 Als ich auf der Website Islam.de den Begriff „Vernunft“ in die Suchma‐ schine eingab, erhielt ich keinen einzigen Treffer. Es könnte eine Frage der Übersetzung sein, dachte ich mir, und gab im Folgenden einige Synonyme ein. Das beste Ergebnis produzierte der Begriff „Verstand“ mit 22 Treffern. Das ist von einem Achtel des Korans noch weit ent‐ fernt, aber damit sind wir noch lange nicht am Ende. Denn so gut wie alle Stellen, in denen der Begriff Verstand im Koran auftauchte, hatten immer dasselbe Schema wie die von Abdus Salam zitierte Stelle: Allah hat den Regen/die Sonne/die Datteln gemacht, und wer‘s nicht glaubt, kommt in die Hölle. Hierin sind Zeichen für die, die „Verstand“ besit‐ zen. Das ist mentale Erpressung und sonst nichts. Wenngleich ich * Ein Jude, ein Pakistani (in Indien geboren) und ein weißer Amerikaner namens Sheldon, die sich mit theoretischer Physik beschäftigen. Man meint zu erkennen, woher die Autoren der Big Bang Theory ihre Inspiration hatten. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 144 mich freue, dass Herr Salam diesen Vers so wissenschaftsfreundlich auslegt, kann man das leider nicht auf die gesamte Umma (= die welt‐ weite Gesamtheit der Muslime) übertragen. Der Koran liefert keine wissenschaftlichen Fakten und gibt auch keine Zeichen, die mit fortschreitender Erkenntnis auf seinen göttli‐ chen Ursprung hinweisen; was will man auch mit Zeichen. Der Koran beschreibt Phänomene der Natur und erklärt sie zu Allahs Werk, und wer schlau ist, akzeptiert diese Argumentation. Der Koran meint es gut mit uns. Mit dem Gebrauch der Vernunft hat das nicht das Ge‐ ringste zu tun, es ist das genaue Gegenteil. Es ist eine Aufforderung, seine Skepsis über Bord zu werfen und sich von Dingen überzeugen zu lassen, die im Koran nichts beweisen, sondern einfach stumpf zum Be‐ weis erklärt werden. Und wenn der Koran sagt, dass es ein Beweis ist, dann ist es ein Beweis! Immerhin ist es der Koran! Und er hat recht, denn es ist voller Beweise dafür, dass er recht hat! Das wird der Grund sein, warum die islamische Welt auf dem Gebiet der Naturwissen‐ schaften so erbärmlich abschneidet.* Der Koran ist nun mal nicht der Beweis, sondern bloß die Behauptung; wer das nicht mehr unterschei‐ den kann, darf sich ein wahrer Muslim nennen. Was auch der Grund sein dürfte, warum ich in meiner Eigenschaft als Administrator der Facebook-Seite Die Atheisten schon „Beweise“ vorgelegt bekam wie: „Selbst das Wort Atheist beinhaltet den ersten Buchstaben ‚A‘ wie ALLAH!“. Versuchen Sie sich einen Kulturkreis vorzustellen, in dem niemand schlauer sein darf als das, weil er sich sonst über den Koran und Allah erhöht, die ihm ja klipp und klar vor‐ geben, was ein Beweis ist und wo die satanische Verführung anfängt. Das ist das islamische Ideal. Wenn ich dann antworte mit „Antisemit, Apostat, Armleuchter fangen auch alle mit A an. Beweist das auch et‐ was?“, dann bin ich eine Prüfung seines Glaubens, mehr nicht. * Von den 486 naturwissenschaftlichen Nobelpreisen, die bis 2017 verliehen wurden, gingen drei an Muslime, von denen es immerhin 1,6 Milliarden gibt. Die rund 15 Millionen Juden der Welt haben im gleichen Zeitraum 143 Nobelpreisträger auf be‐ sagten Forschungsgebieten produziert. Man mag damit argumentieren, dass große Teile der islamischen Welt nun mal zur Dritten Welt gehören, aber wohlhabende is‐ lamische Länder wie Singapur, Saudi-Arabien oder Malaysia gleichen da nichts aus. Es gibt kein Nobelpreisgefälle innerhalb der islamischen Welt – es gibt ein Nobel‐ preisgefälle zwischen der islamischen Welt und dem Rest der Menschheit. 3.2 Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 145 Und es drängt sich die Frage auf, ob Frau Hübsch die Sache mit der Vernunft im Koran selbst nicht durchschaut oder schlichtweg gelo‐ gen hat. Wahrscheinlich ist ihr jedes Mittel recht, den Koran und den Islam gut dastehen zu lassen, denn sie weiß ja, dass sie gut sind, und die Begründung findet sich dann. Das ist der confirmation bias, ohne den religiöse Überzeugungen nun mal nicht auskommen. Hindsight bias – der Rückschaufehler Rückschaufehler bedeutet, im Nachhinein in der Heiligen Schrift eine Prophetie zu entdecken, die angeblich die Gegenwart beschreibt. Sie kann aber immer erst im Nachhinein gemacht werden, da man vorher einfach nicht wusste, wonach man in der Heiligen Schrift hätte suchen sollen. So findet man auch Wissenschaft im Koran: immer erst nach der eigentlichen Entdeckung durch richtige Wissenschaftler. Nie hat es sicher und unzweifelhaft zu deutende Zeichen gegeben, mit denen sich etwas fehlerfrei vorhersagen ließ. Nachher war man immer schlauer. Selbst der Großteil der gemäßigten Muslime ist der Meinung, der Islam sei perfekt, aber Menschen nicht. Der Koran ist das Wort Gottes, Mohammed der vollendetste Mensch, der je gelebt hat. Der Islam hat es geschafft, sich selbst für so unanfechtbar und überlegen zu erklären, dass Menschen die merkwürdigsten Verrenkungen auf sich nehmen, um diesem Bild gerecht zu werden. „Wir haben Eisen vom Himmel gesandt“ ist ein Beweis, dass der Koran das Wort Gottes sei, denn die Sure 57, in der diese Worte ste‐ hen, ist ja nur eine Einheit vom Atomgewicht von Eisen entfernt. Das sei angeblich ein Zeichen.34 Oder man sieht einen Grabenbruch auf einem Foto des Mondes und weiß ganz sicher, dass die Geschichte von Mohammed, der den Mond gespalten und wieder zusammengesetzt haben soll, wirklich stattgefunden hat. Und man hat dabei nie das Ge‐ fühl, sich lächerlich zu machen, denn die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, macht immun gegen Zweifel. Schlimmer noch: im An‐ gesicht von noch so guten Argumenten standhaft zu bleiben, ist in der Religion eine Tugend. Man kann hier sogar die eine Religion gegen die andere ausspielen. Ein Muslim argumentiert zum Beispiel, dass Mohammed den Mond 3.3 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 146 gespalten und wieder zusammengesetzt habe, und man kann mit Tele‐ skopen auch eine Narbe auf dem Mond erkennen. Somit ist der Fall klar: der Koran ist Gottes Wort und der Islam damit die richtige Reli‐ gion (so leicht sind manche tatsächlich zu überzeugen). Gegenargu‐ ment: in der biblischen Offenbarung des Johannes fällt ein Stern auf die Erde, der die Wasser vergiftet und bitter macht; und der Name des Sterns ist Wermut. Wermut heißt auf Russisch Tschernobyl. Der Fall ist klar, die Bibel ist das Wort Gottes. Wie konnte Johannes das sonst wis‐ sen? Zufall? Und welche der beiden Schriften ist jetzt die Wahrheit? Immerhin widersprechen sie sich direkt. Laut Bibel ist Jesus der Sohn Gottes – laut Koran kommt jeder in die Hölle, der Jesus als Gottessohn bezeichnet. Nun, was genau soll Johannes gewusst haben? Im April 1986 ist kein „Stern auf die Erde gefallen“, sondern eine Kernreaktion ist eska‐ liert. Man kann auch nicht argumentieren, dass es ja eine Kernreaktion war wie in der Sonne und allen anderen Sternen, denn es handelte sich um eine Kernspaltung, und in den Sternen findet Kernverschmelzung statt, also das Gegenteil. Darüber hinaus ist der kleinste Stern, den wir kennen (EBLM J0555-57Ab), immer noch etwa so groß wie der Sa‐ turn, und die Erde passt rund 850mal in diesen Stern hinein. Wie so ein Objekt „auf die Erde fallen“ soll, muss man jene Leute von damals fragen, die keine Ahnung hatten, was ein Stern eigentlich ist. Die Flüsse wurden nicht bitter, sondern radioaktiv, was auch nicht das gleiche ist wie giftig, und Tschernobyl ist nicht der Name des Wer‐ mutkrautes, sondern des Beifußes, der lediglich aus der gleichen Pflan‐ zenfamilie stammt und mit dem Wermut in etwa so verwandt ist wie die sprichwörtlichen Äpfel mit den Birnen (beides sind Rosengewäch‐ se). Sie sehen aber, wie einfach die Sache ist: da schreibt einer seine Halluzinationen nieder, die Sache wird durch menschliche Auswahl Teil eines gewaltigen Kanons an „göttlicher Überlieferung“, und den Rest macht unser Gehirn, denn es will überall Zusammenhänge sehen, egal ob da nun welche sind oder nicht. Wenn die wissenschaftliche Methode in der Evolutionsgeschichte des Menschen ein Selektionskri‐ terium gewesen wäre und nicht das Überreagieren, dann säßen wir heute nicht über solchen Fragestellungen, sondern würden mindestens eine bemannte Neptunmission planen. 3.3 Hindsight bias – der Rückschaufehler 147 Es ist natürlich beides nur Zufall. Die Narbe auf dem Mond ist die Rima Ariadaneus, ein 300 Kilometer langer Grabenbruch, der dadurch entstand, dass die dünne Kruste über zwei Bruchlinien eingesackt ist. Gehen Sie zum Vergleich auf Google Maps, schalten Sie auf Satellit und schauen Sie sich den Pazifik an. Sein Meeresboden sieht aus wie eine zerkratzte Billardkugel. Himmelskörper haben so etwas nun mal. In der islamischen Überlieferung steht auch nichts von einer Narbe auf dem Mond, die erst spätere Generationen mit guten Teleskopen entde‐ cken konnten, sondern nur von der Behauptung, Mohammed hätte den Mond gespalten. Der Rest wurde von devoten Gehirnen einfach passend gemacht. Es mag ein wenig unfair erscheinen, den Koran mit der Bibel zu widerlegen. Das ändert jedoch nichts daran, dass ein noch so schwa‐ cher Beweis für den Koran auch ein ebenso gültiger Beweis für die Bi‐ bel sein muss. Es sei denn, die Wahrhaftigkeit einer Religion hängt nicht von einer objektiven Betrachtung ab, sondern nur von der Hin‐ gabe des Gläubigen. Man kann ein objektives Argument jedoch nicht subjektiv belegen, denn damit erklärt man es zu einer Glaubensfrage. Nun aber ist die Zwickmühle da: wenn der Koran wegen der Spaltung des Mondes das Wort Gottes ist, dann ist die Bibel es wegen des Wer‐ muts auch, denn die Argumentation ist von vergleichbarer Qualität, wie etwa auch die Weissagungen des Nostradamus. Der wahrschein‐ lichste Sachverhalt: keines von beiden ist Gottes Wort, und No‐ stradamus hat ebenso halluziniert.* Nostradamus und seine Prophezeiungen sind bei näherer Betrach‐ tung ebenfalls reine Rückprojektionen des menschlichen Gehirns auf der Suche nach Zusammenhängen. In einem berühmten Vers sagt er angeblich Hitler voraus: * Ist es nicht erstaunlich, dass seine Prophezeiungen fast immer nur auf Ereignisse an‐ gewendet werden, die gerade erst geschehen sind? Selbst wenn er recht hätte, könn‐ ten die prophezeiten Ereignisse aus unserer Sicht bereits vor 300 Jahren stattgefun‐ den haben, und für eine Prognose in unsere, noch kommende Zukunft sind sie grundsätzlich zu vage. Nostradamus ließ sich nicht auf das Jahr 1939 oder 2001 fest‐ nageln, und daher gereichen seine Prophezeiungen bestenfalls zum Amüsement. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 148 „Wilde Bestien überqueren die Flüsse Der größere Teil des Schlachtfelds wird gegen/gegenüber Hister sein In einen eisernen Käfig wird der Große hineingezogen Wenn der Deutsche den jungen Rhein beobachtet.“ Das französische Wort encontre heißt „gegen“ oder „räumlich ge‐ genüber“. Viele derer, die von Nostradamus‘ Prophezeiungen über‐ zeugt sind, sehen im Wort Hister einen Fehler; sicher habe er Hitler gemeint. Wenn man schon anfängt Nostradamus zu sagen, was er ge‐ meint habe, dann ist die Übersetzung von encontre klar: der größte Teil des Schlachtfeldes wird gegen Hitler sein. Es sei allerdings angemerkt, dass Hister das lateinische Wort für die untere Donau ist. Es könnte also genauso gut heißen: „der größte Teil des Schlachtfeldes wird räumlich gegenüber der unteren Donau sein“. Oder ist damit tatsächlich die Donau gemeint, weil Hitler ja an der Donau geboren wurde? Nein. Er kam an der oberen Donau zur Welt, und die hieß auf Latein Danuvius. Indem die überirdische Heiligkeit der Bibel, des Koran und Mo‐ hammeds bereits die Voraussetzung dafür ist, dass jemand nach sol‐ chen Phänomenen sucht, findet er sie auch, oder bildet es sich zumin‐ dest ein. Immerhin ist der überzeugendste Lügner immer noch der, der es von sich selbst gar nicht weiß. Beeinflussbarkeit – dieser Abschnitt wird Ihnen schaden! Ende März 1983, kurz nach einer Tetanusimpfung, klagte eine Schüle‐ rin in Araba im Westjordanland über Atemnot und Schwindelgefühl. Da man auch den Geruch von faulen Eiern wahrnahm und das Offen‐ sichtliche ignorierte, nämlich die defekte Toilette der Schule, vermutete man schnell einen Giftgasangriff der Israelis. In den nächsten Stunden klagten weitere sechs Schülerinnen über ähnliche Symptome, am nächsten Tag waren es sechzig. Mittlerweile tauchten auch Flugblätter auf, in denen die Bevölkerung zum Kampf gegen die Besatzer aufgeru‐ fen wurde, denn „sonst würde es ihnen ja ergehen wie den Kindern in Araba“.35 Einige Tage später erkrankten im zehn Kilometer entfernten Dschenin 367 Kinder. Anfang April trat eine dritte Welle auf, so dass insgesamt 949 Personen erkrankten, die meisten davon weibliche 3.4 3.4 Beeinflussbarkeit – dieser Abschnitt wird Ihnen schaden! 149 Teenager, aber auch vier israelische Soldaten. Weder in den Luftmes‐ sungen noch im Blut der Betroffenen wurden Giftstoffe nachgewiesen. Da man auf einer Fensterbank in einer der Schulen ein gelbes Pulver gefunden hatte, wurde auf einen israelischen Giftanschlag geschlossen. Es handelte sich jedoch um harmlosen Blütenstaub. Die im Nahen Os‐ ten allgegenwärtige Aleppo-Kiefer hat ihre Pollenzeit zwischen März und April, und ihre Pollen sind gelb. Dennoch war der Schuldige wieder einmal klar: die Israelis. Ir‐ gendwo zwischen „Die zionistischen Verschwörer vergiften unsere Kinder“ und „die Menstruation unserer Mädchen soll zerstört werden, um Unfruchtbarkeit zu erzeugen“ (palästinensische Mediziner) fand dann auch Arafat persönlich einige Worte: es sei „Teil des Völkermords am palästinensischen Volk“. Tatsächlich gab es nicht einmal nach Un‐ tersuchungen des amerikanischen CDC irgendwelche Hinweise auf einen Einsatz von Giften, dafür aber genug Hysterie, um eine Justin- Bieber-Welttournee zu versorgen. Was wir bei diesem „Arjenyattah-Epidemie“ genannten Phänomen beobachten können, ist der sogenannte Nocebo-Effekt. Er ist seit An‐ fang der 1960er Jahre identifiziert, aber nicht annähernd so bekannt wie sein Bruder, der Placebo-Effekt. Knapp zusammengefasst: man kann einem Patienten eine Zuckerpille geben und behaupten, sie helfe gegen Kopfschmerzen, und bei einem gewissen Prozentsatz der Pro‐ banden wird das auch funktionieren (Placebo-Effekt). In einem Folge‐ schritt kann man den Probanden die gleiche Zuckerpille verabreichen und ihnen sagen, dass sie gegen Kopfschmerzen hilft, aber dass man davon auch Sodbrennen und kalte Füße bekommt. Und ein Prozent‐ satz der Probanden wird auch diese Symptome aufweisen, nur weil man ihnen zuvor davon erzählt hat. Das ist der Nocebo-Effekt. Wenn die Abneigung gegen die Israelis nur groß genug ist (und sie wird Kindern täglich gepredigt von Erwachsenen, die sie ihrerseits als Kinder ebenfalls schon eingetrichtert bekamen), dann ist es nicht schwer, einen solchen Effekt in der Bevölkerung zu erzeugen. Das Problem dabei: er ist real, auch wenn er keine materielle Ursache hat. Es ist eine kollektive psychische Störung, über Jahrzehnte aufgebaut durch ein endlos wiederholtes Bild eines vor nichts zurückschrecken‐ den, unmenschlichen und sehr heimtückischen Feindes, und dann je‐ derzeit ausgelöst durch fast nichts – selbst die jedes Jahr auftretenden 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 150 Kiefernpollen haben plötzlich einen andere Bedeutung als sonst und können nur bedeuten, dass die ganze Sache schon viel länger dauert, als man in seiner naiven Gutmütigkeit vermutet hätte – es muss in Wirklichkeit alles viel schlimmer sein! Denken wir an Elektrosmog. Ist das ein reales Phänomen? Lassen Sie mich so sagen: die Sprache ist die Grundvoraussetzung für Mei‐ nungsverschiedenheiten. Das Internet ist die Voraussetzung dafür, dass falsche Ideen sich genauso rasant ausbreiten können wie korrekte. Die Information selbst ist hilfreich, muss aber kompetent gedeutet werden. Vermeintliche Gefahren wie Elektrosmog bei Hochspannungsleitun‐ gen oder Infraschall bei Windkraftanlagen können allein dadurch zu einer Gefahr werden, dass man ihr vermeintliches Gefahrenpotential überhaupt diskutiert. Tut man es nicht, sondern verhängt eine Infor‐ mationssperre, um dem Nocebo-Effekt vorzubeugen, verheimlicht man in den Augen der Hysteriker die Wahrheit. Entweder die Men‐ schen werden hysterisch oder sie werden hysterisch. Ein weiteres Beispiel liefert asiatischer Kampfsport. Trotz der sehr hoch entwickelten Kampftechniken trägt einiges an diesen Sportarten übertrieben rituelle und pseudoreligiöse Züge. Der Aikido-Meister Yanagi Ryuken war auch in Japan wegen sei‐ ner großspurigen Behauptung umstritten, eine buddhistische Medita‐ tion habe ihm die Fähigkeit zur psychischen Beeinflussung seiner Kampfgegner gegeben. Und tatsächlich existieren Videos von ihm, in denen er ein halbes Dutzend Gegner, die sich auf ihn stürzen, nur mit vorgehaltener Hand zu lähmen scheint, so dass sie zusammenbrechen und umfallen. Der Trick dabei: nicht nur er glaubte an seine Kräfte, sondern auch seine Schüler. Nachdem er seinen Schülern jahrelang eingeredet hatte, dass er sie ohne körperliche Berührung zu Boden bringen könne (und anschei‐ nend lange genug nur noch gegen seine Schüler angetreten war), setzte er umgerechnet 3.500 Euro Preisgeld für denjenigen aus, der ihn besie‐ gen könne. Und so trat der damals 65jährige Yanagi Ryuken im Jahre 2006 gegen den eher durchschnittlich trainierten Journalisten Iwakura Tsuyoshi an, um seine übermenschlichen Kräfte an ihm zu demons‐ trieren. Nach etwa 50 Sekunden, die hauptsächlich aus Maßnehmen und aus nur zwei Attacken bestanden, kauerte der Großmeister mit blutender Nase am Rande der Kampffläche. So sieht es aus, wenn der 3.4 Beeinflussbarkeit – dieser Abschnitt wird Ihnen schaden! 151 Glaubende die Gemeinde der Glaubenden verlässt und sich mit Leuten anlegt, die seine Rituale nicht teilen. Seine Rituale und Überzeugungen erweisen sich dann als etwas, das sich viel zu lange verselbstständigt hat und nur noch Menschen beeindruckt, die die gleiche Entwicklung durchgemacht haben. Der Nocebo-Effekt wirkt nicht bei Leuten, die nicht daran glauben. Ein ähnlicher Fall ist aus China überliefert. Der Mixed Martial Arts-Kämpfer Xu Xiaodong hatte einige Wochen lang etwas Ähnliches getan wie der japanische Journalist: die ehrfurchtgebietende Aura der verehrten Meister ignoriert und sich an die physische Kampftechnik halten. Im April 2017 trat er gegen den Tai-Chi-Meister Wei Lei an und brachte ihn mit gezielten Faustschlägen in etwa 20 Sekunden zu Boden. Es entwickelte sich eine mediale Entrüstung gegen Xu Xiao‐ dong. Die Chinese Wushu Association, einer der größten Kampfsport‐ verbände Chinas, nannte den Kampf „eine Verletzung der Moral der Kampfkünste“. In einem Interview mit HBO sagte Xu Xiaodong: „Viele Jahre lang gab es in China nur sehr wenige, die das Betrügerische in den chinesischen Kampkünsten offenlegten. Nun habe ich das getan. Ich habe den Teich voll Benzin angezündet.“36 Xu Xiaodong musste kurzzeitig untertauchen, sein Weibo-Account (der chinesischer Twitter- und Facebook-Ersatz) wurde vom Staat ge‐ blockt. Es ist, als wäre man sich des betrügerischen Elements der Kampfkünste bewusst und wolle die Gruppendynamik aufrechterhal‐ ten, indem Kritiker zum Schweigen gebracht werden. Es ist der Glaube, der die Menschen dazu bringt, andere für unbesiegbar zu halten. Doch Menschen wie Xu Xiaodong achten dennoch auf den Mann hinter dem Vorhang. Da sie mit ihrer kritischen Prüfung aber der Gemein‐ schaft ihre kollektive Irrung vorhalten, werden sie immer unbeliebt sein, solange die Irrenden in der Mehrheit sind. Und nun denken wir an die unnachahmliche Art, mit der beson‐ ders in den schwarzen Gemeinden der USA das Christentum zele‐ briert wird. Nachdem der Zeremonienmeister die Zuschauer in genug religiöse Ekstase versetzt hat, genügt das Handauflegen in einer dyna‐ mischen Geste, um das Opfer (anders kann man es nicht nennen) wie durch einen Stromschlag bewusstlos zu machen. Mit einer dynami‐ schen Handbewegung fällt der ganze Saal ohnmächtig um (außer dem Kameramann natürlich, er muss das Wunder ja festhalten). Das be‐ 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 152 deutet aber nicht, dass daran etwas real wäre. Es ist psychosomatisch, sonst nichts. Unnötig zu sagen, dass die Sache umso leichter fällt, je in‐ tensiver die Menschen daran glauben – Skepsis immunisiert jedoch dagegen. Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse Wir Menschen sind Menschenaffen und neigen dazu, aus zu wenigen Informationen unzulässige Schlüsse zu ziehen. Sobald das menschliche Gehirn zwei Punkte sieht, muss es eine Gerade durch sie ziehen und schauen, wohin sie führt. Versuchen Sie mal, sich das zu verkneifen. Ein Türke hat eine Rechnung nicht bezahlt, ein halbes Jahr später hat ein anderer Türke seine Rechnung nicht bezahlt. Schlussfolgerung: Türken bezahlen ihre Rechnungen nicht. Dem können 20 unbezahlte Rechnungen von „Biodeutschen“ gegenüberstehen, und auch prozen‐ tual könnten die Türken ihre Rechnungen häufiger bezahlen als die Alteingesessenen. Trotzdem fallen sie manchem deutlicher auf.* Falsch-positive Schlüsse ziehen sich durch unser gesamtes Leben. Wenn zwei Ereignisse zeitlich dicht beieinander liegen, wollen wir un‐ bedingt einen Zusammenhang sehen. Wenn sie nur Randthemen eines größeren Themas sind, wollen wir trotzdem vermuten, sie seien ur‐ sächlich füreinander. Haben wir bereits eine Hypothese im Geiste for‐ muliert, dient fast alles zu ihrer Bestätigung. Hier kommt die Wissenschaft ins Spiel. Entgegen der landläufigen Meinung kommt es in der Wissenschaft nicht darauf an, Zusammen‐ hänge zu erkennen, sondern sich von dem Anschein eines Zusammen‐ hanges nicht täuschen zu lassen. Wissenschaft ist nicht weniger als die Kunst, Zusammenhänge sicher von zufälligem Rauschen zu unter‐ scheiden. 3.5 * Im Gegenzug gibt es aber auch viele Menschen, deren Überzeugungen sie davon ab‐ halten, Zusammenhänge zu erkennen. Wenn sie dann, um beim fiktiven Beispiel zu bleiben, aus tausenden von Fällen einen einzigen Türken auftreiben, der seine Rech‐ nungen tatsächlich bezahlt, glauben sie umgehend eine menschenverachtende Pau‐ schalisierung entlarvt und die Welt dadurch besser gemacht zu haben. Das ist ge‐ nauso armselig, denn es folgt dem Wunschdenken nicht minder, nur der Wunsch selbst ist ein anderer. 3.5 Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse 153 Der amerikanische Psychologe und Wissenschaftshistoriker Mi‐ chael Shermer hat ein beeindruckendes Beispiel dafür entwickelt, war‐ um das menschliche Gehirn zu falsch-positiven Schlüssen neigt. Stellen wir uns vor, wir seien ein Humanoide namens Lucy und stünden in der afrikanischen Steppe. Es raschelt im Gras. Das könnte entweder der Wind sein oder ein Raubtier. Wenn es ein Raubtier ist, wir aber arglos nur den Wind vermuten, sind wir Geschichte. Wir ha‐ ben dann einen falsch-negativen Schluss gezogen, denn wir haben et‐ was Wichtiges übersehen. Haben wir bis dahin noch keine Nachkom‐ men gezeugt, so ist mit uns ein Träger der Neigung zu falsch-negativen Schlüssen aus dem Genpool der Menschheit entfernt worden. Wenn wir aber, sobald das Gras raschelt, ein Raubtier vermuten, auch wenn es nur der Wind ist, dann werden wir nicht nur viel größe‐ re Überlebenschancen haben, sondern können diese Neigung auch an unsere Nachkommen weitergeben. Wir heutigen Menschen sind diese Nachkommen, denn es hat unseren Vorfahren mal einen Selektions‐ vorteil verschafft, falsch-positive Schlüsse zu ziehen und tendenziell über zu reagieren. Bedenken Sie, dass dieser Prozess einige Millionen Jahre gedauert hat. Genaugenommen dürfte er sogar so alt sein wie das Raubtier als Lebensweise, das wären dann etwa 500 Millionen Jah‐ re. In unserer heutigen Welt hat die Neigung, Dinge zu bemerken, die nicht da sind, keinen Selektionsvorteil mehr. Da es aber auch keinen Selektionsdruck gibt, der uns diese Neigung wieder austreiben würde, bleibt sie im Erbgut erhalten.* Das ist der Grund, warum wir schnell Beweise für etwas finden, wovon wir bereits überzeugt sind, aber sel‐ ten freiwillig und der Vollständigkeit halber nach Gegenargumenten suchen, denn das verunsichert nur und macht den Primaten in uns ungeduldig. Die Szene mit Lucy hat noch einen weiteren Aspekt. Der Wind ist nur ein Naturphänomen, das Raubtier aber, von dem eine konkrete Gefahr für unser Leib und Leben ausgeht, hat einen Willen. Wir nei‐ gen also nicht nur dazu, falsch-positive Schlüsse zu ziehen, wir unter‐ * Ein Selektionsdruck wäre zum Beispiel, wenn nur Wissenschaftler Kinder zeugen würden. Die Neigung zur gründlichen Prüfung eines Sachverhaltes, wenngleich sie mehr Zeit benötigt als Lucy in der afrikanischen Steppe für ihre Entscheidung hatte, würde sich dann im Erbgut der Menschheit anreichern. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 154 stellen auch gerne Absichten, wo keine sein müssen. Wenn Sie mor‐ gens unter der Dusche ausrutschen, dann Ihre Lieblingskaffeetasse fal‐ len lassen, der Wagen nicht anspringt und Sie bei Ankunft auf der Ar‐ beit erfahren, dass die lang ersehnte Beförderung an jemand anderen gegangen ist, Sie dann entnervt nach Hause gehen, sich mit ihrer Lieb‐ lingsserie auf Netflix von diesem Scheißtag ablenken wollen aber das Internet nicht funktioniert, dann werden Sie geneigt sein, die Faust ge‐ gen den Himmel zu schütteln, denn offensichtlich hat irgend ein Scherzbold da oben gerade Spaß an Ihrer Misere. Sie müssen nicht re‐ ligiös sein, um diese Neigung zu haben. Sie können Gott verantwort‐ lich machen, das Schicksal oder das Universum, aber eines ist klar: ir‐ gendetwas ist gerade gegen Sie und Ihre Pläne. Das Christentum und der Islam kanalisieren diese Neigung, indem sie sagen, Gottes Wege seien unerforschlich oder alles sei der Wille Allahs. In Wirklichkeit aber bestätigen sie damit nur indirekt diese Fehlleistung des Gehirns, anstatt sie zu entlarven und zu korrigieren, wie sie es als angeblich überlegene Systeme doch können sollten. Wer also aus Sicherheitsgründen dazu neigt, Raubtiere zu sehen, wo keine sind, wird gleichzeitig auch Willen und Intentionen sehen, wo keine sind. Hier hat das religiöse Gefühl seinen Ursprung. Hier setzten die Gedanken an Windgeister, Fruchtbarkeitsgöttinnen und Donnergötter in der menschlichen Wahrnehmung ein. Hier sahen un‐ sere Vorfahren eine Chance, ihre Lebensqualität zu verbessern, indem man sich diese Gottheiten gewogen machte. Idealerweise dadurch, dass man ein teures Opfer bringt, wie einen Eber oder die eigene Toch‐ ter. Voraussetzung dafür ist ebenfalls eine differenzierte Art zu kom‐ munizieren, denn abstrakte Konzepte wie Paradies oder Seele können ohne klar definierte Begriffe nur schwerlich von Gehirn zu Gehirn springen. Am Denkfehler selbst ändert das nichts – wir werden einen Willen vermuten, wo keiner ist, und wir werden versuchen, das Schicksal zu ändern, indem wir Dinge tun, die das Schicksal gar nicht beeinflussen können, und wir werden uns dann trotzdem einbilden, es hätte funktioniert. Sie werden sicher nachvollziehen können, dass ich am Menschengeschlecht zuweilen verzweifle. Hier stellt sich nun die Frage, ob weniger differenziert kommuni‐ zierende Spezies vielleicht Vorstufen von diesen „allzu menschlichen“ Neigungen haben. Und in der Tat kann man zum Beispiel bei Schim‐ 3.5 Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse 155 pansen einige Verhaltensmuster erkennen, die uns Menschen sehr be‐ kannt vorkommen dürften. Die berühmte Schimpansenforscherin Jane Goodall hat in Tansa‐ nia einen Großteil ihres Lebens unter Schimpansen verbracht. Anfang der Siebzigerjahre brach in ihrem Schimpansenclan eine Streitigkeit aus, die man beim besten Willen nur als Bürgerkrieg bezeichnen kann und die tatsächlich den Namen Schimpansenkrieg von Gombe trägt. Nach dem Tod des Seniormännchens Leakey kam es zu einem Streit in der Nachfolge. Humphrey übernahm den Clan, doch Hugh und Charlie wollten ihn als Anführer nicht akzeptieren. Die Gruppe zerbrach in zwei Lager, die sich vier Jahre lang erbittert bekämpften. Humphreys Gruppe würde Expeditionen in das Territorium von Hugh und Charlie unternehmen, und wenn sie auf eine einsame Patrouille des Gegners trafen, brachten sie sie um. Wenn es ein Weibchen war, können Sie sich das Vorspiel zur Tötung denken. Hier ging es nicht ums Fressen und nur bedingt um Territorialgefechte. Hier wurde aus ideologischem Hass getötet, misshandelt, vergewaltigt. Hier wurde of‐ fensichtlich gehasst und bestraft, und dieses Verhalten beobachten wir bisher nur bei Menschen und Schimpansen, nicht einmal bei Orang Utans oder Gorillas, die sich gewöhnlich mit Drohgebärden begnügen. Wenn es blitzt und donnert, verstecken sich die meisten Mitglieder eines Schimpansenclans davor. Das Alphamännchen hingegen muss die Herausforderung annehmen, reckt die Faust gen Himmel, schüttelt Bäume und wirft Steine, um wen auch immer damit zu beeindrucken, denn er vermutet einen Willen hinter dem Donner. Wenn Schimpan‐ sen ein differenzierteres Vokabular hätten und sogar Schrift besäßen, dann könnten sie ihren Göttern Namen geben und ihnen persönliche Historien andichten, so dass spätere Generationen diese Vorstellungen ungeprüft übernehmen können. Das ist der einzige Unterschied. Der initiale Denkfehler ist jedoch derselbe. Ein weiteres Beispiel für übersinnliche Mutmaßungen hat der amerikanische Verhaltensbiologe B. F. Skinner mit Tauben geliefert. Eine Taube in einer Skinner-Box bekam jedes Mal Futter aus einer Klappe, wenn sie eine bestimmte Taste drückte. Die Taube lernte schnell die Beziehung zwischen dem Drücken der Taste und dem Er‐ halten von Futter. Nun nahm Skinner die Taste weg und ließ die Klap‐ pe nach dem Zufallsprinzip in unregelmäßigen Abständen aufgehen. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 156 Es bestand nun absolut kein Zusammenhang mehr zwischen dem, was die Taube tun konnte, und dem Erhalten von Futter. Skinners Tauben taten etwas sehr Aufschlussreiches: sie merkten sich, welche Bewegun‐ gen sie ausgeführt hatten, als sie das letzte Mal Futter aus der Klappe erhielten, und wiederholten diese Bewegungen fortan. Sie schienen zu denken, dass es der Schritt nach links war, oder die Pickbewegung, oder die halbe Drehung nach rechts, die das Öffnen der Klappe be‐ wirkt hatten. Falls Sie sich fragen, wo hier der Zusammenhang zu einem Regentanz oder den Menschenopfern der Azteken ist: die Tau‐ ben hatten einen Zusammenhang vermutet, wo keiner war, also einen falsch-positiven Schluss gezogen, genau wie Menschen es laufend tun. Regentänze bewirken nichts, die Sonne wäre auch ohne die Menschen‐ opfer der Azteken aufgegangen, und wenn Sie für den Sieg Ihrer Fuß‐ ballmannschaft beten, dann tun Sie es nur, um sich besser zu fühlen. Auf die Realität hat es keinen Einfluss. Beten ist wie Masturbieren – es fühlt sich gut an, aber man erreicht niemanden. *** Im Christentum gibt es ein Problem. Die nicht zu beantwortende Fra‐ ge nämlich, warum ein gütiger Gott Züge entgleisen, Dämme brechen und Kinder an Knochenkrebs sterben lässt. Es passt nicht zusammen, und auch nach zwei Jahrtausenden lautet die beste Antwort darauf: Gottes Wege sind unerforschlich – man kann keinen Plan dahinter er‐ kennen, aber es muss unbedingt einen geben, weil der Gläubige sonst wieder durch Null teilen muss. Im Islam hingegen sieht die Sache etwas anders aus, denn als er entstand, kannte man dieses Problem des Christentums bereits. Also lautet die Antwort: alles ist der Wille Allahs, und wir Menschen kön‐ nen nicht erwarten, eine Antwort zu erhalten. Dieses Leben ist eine einzige lange Prüfung, an deren Ende sich entscheidet, ob Sie in den Himmel oder in die Hölle kommen. Jener alte Mann in Hasnain Ka‐ zims Gespräch in Pakistan, der in der Flut eine Strafe Gottes sah, weil man sich anscheinend nicht muslimisch genug aufgeführt hatte, dach‐ te durchaus islamisch. Beachten Sie, dass die Antwort auf diese Frage hier nur mehr Religion bewirkt, denn sie ist ja etwas grundsätzlich Gu‐ tes. 3.5 Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse 157 Doch wir sollten diese Denke nicht für ein rein islamisches Phäno‐ men halten. Anlässlich der Schießerei in einer Schule in Florida im Fe‐ bruar 2018 mit 17 toten Schülern schrieb Bryan Fischer, der Radiomo‐ derator von American Family Radio: „Wir haben die letzten 60 Jahre damit verbracht, Gott aus unseren Schu‐ len zu vertreiben. Es sollte nicht überraschen, dass er sich nicht blicken lässt, wenn wir ihn brauchen.37“ Es sei angemerkt, dass das Gebet in amerikanischen Schulen nicht ver‐ boten ist – die Schüler werden seit 1963 nur nicht mehr von den Schu‐ len zum Gebet verpflichtet, was dem säkularen Gedanken der ameri‐ kanischen Verfassung entspricht. Mal abgesehen von dem kleinlichen Gott, der Schüler A in Florida sterben lässt, weil Schüler B in Ohio nicht gebetet hat (so scheint Fischer sich das zumindest vorzustellen), ist es doch erstaunlich, wie erwachsene Menschen hier tatsächlich einen Zusammenhang vermuten können und diese Vermutung dann über 180 Radiostationen in 35 Bundesstaaten der USA übertragen. Und natürlich brauchen die Schulen nicht nur Gott, sondern auch Waffen, um sich gegen Bewaffnete wehren zu können. Der einfältige Geist kann im Angesicht der Katastrophe anscheinend nur zu dem Schluss kommen, er müsse das Gleiche tun wie vorher, nur mehr da‐ von. Es macht einfach glücklich, sich selbst Recht zu geben, und auch die nächste Katastrophe wird ihn in seiner Sichtweise nur bestätigen. Mit seinem Konzept der Fitra geht der Islam sogar zum Gegenan‐ griff über. Er behauptet, der angeborene Glaube an einen (und nur einen!) Schöpfer komme daher, dass die Seele Gott kennt, bevor sie sich in einem Menschen niederlässt. Ich bin mir nicht sicher, wie man damit erklären will, dass der Mensch jahrzehntausende lang Erntegöt‐ ter, Kriegsgötter, Wassergötter, Donnergötter und Wen-nicht-noch-al‐ les zur Erklärung der Naturphänomene heranzog, und erst nach einer langen Zeit des Irrens zum eigentlichen, korrekten Konzept gefunden haben will. Das geht wahrscheinlich nur, wenn man (wie die Erschaf‐ fer des Islam) von der Geschichte des Menschen einfach keine Ahnung hat und stattdessen einfach Dinge behauptet und sie für wahr erklärt. Wer also den oberflächlichen Impulsen des Gehirns nachgibt, die emotionalen Reflexe gegenüber der Homosexualität anderer Leute grassieren lässt oder jeden Regentropfen zu einem Wunder Allahs er‐ klärt, der kommt in seinen gedanklichen Mustern nicht über das Ni‐ 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 158 veau des Tieres hinaus, das noch immer in uns lebt und von dem er sich so hochnäsig abgrenzt. Und genau das unterstellt er dann den Nichtangehörigen seiner Weltanschauung, da er anscheinend gerne von sich auf andere schließt. Wünscht der Schöpfer des Universums sich wirklich eine Umma voller Leichtgläubiger, deren Abstraktions‐ vermögen das Niveau eines Schimpansen nicht überschreitet? Wenn ja, wozu hat er uns dann ein so großes und leistungsfähiges Gehirn gege‐ ben? Nur um sich anhimmeln zu lassen? Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit Mit den 68ern gab sich in Europa Ende der Sechzigerjahre auch der Kommunismus als en vogue. Zunächst aus Ablehnung des Imperialis‐ mus oder des Kapitalismus heraus, galt der Kommunismus dann schließlich in manchen Kreisen als reine Idee gut und brauchbar, bis Alexander Solschenizyn im Jahre 1973 den Archipel Gulag heraus‐ brachte. Solschenizyn, selbst ehemaliger Gulag-Häftling (er hatte sich in einem Frontbrief nach Hause über Stalin echauffiert), war fast zwanzig Jahre lang durch die Sowjetunion gereist, hatte undercover hunderte Ex-Häftlinge interviewt und schließlich einige Tausend Sei‐ ten zusammengetragen, wobei bereits die Beschaffung von ausreichen‐ den Mengen Papier genügte, um den KGB auf sich aufmerksam zu machen (da schreibt doch einer ein Buch!). Als der Geheimdienst ihm näher kam, wies Solschenizyn seinen Schweizer Verleger an, das Ma‐ nuskript zu veröffentlichen, bevor es zu spät sei. Mit der Veröffentli‐ chung des ersten Bandes von Der Archipel Gulag platzte die Bombe in Europa. Desillusioniert von diesen drastischen Schilderungen wandten sich viele Menschen in Europa vom Kommunismus ab – der harte Kern fand Gründe, Solschenizyn nicht zuhören zu müssen. Interessanterweise betraf das aber nicht nur diejenigen Europäer, die den Kommunismus nie von oben diktiert bekommen haben und für Nichtteilnahme hart bestraft wurden. Auch nach dem Zusammen‐ bruch der Sowjetunion, die drei Generationen lang das Denken und Handeln der Menschen kontrolliert hatte, ließen die meisten Men‐ schen diese Ideologie schnell hinter sich. Innerhalb weniger Jahre wa‐ 3.6 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 159 ren kommunistische Strömungen in der Russischen Föderation nur noch eine Randerscheinung. So sehr die russische Bevölkerung auch den geopolitisch imposanteren Zeiten der Sowjetunion nachweint, den Kommunismus selbst wollen nur wenige wiederhaben. Mir stellt sich hier die Frage, warum das bei Religionen so selten geschieht. Vielleicht weil ihre Versprechen größer sind? Wer im Kom‐ munismus stirbt, hat es hinter sich. Bei den monotheistischen Religio‐ nen fängt das Problem dort erst an. Das kommunistische Paradies auf Erden ist eine Sache, aber das ewige Paradies ist eine ganz andere Grö‐ ßenordnung von Versprechen und die ewige Hölle eine erheblich an‐ dere Klasse von Drohung. Zusammen verursachen sie wohl eine ganz andere Dimension von Psychose, besonders wenn man es vom Kindes‐ alter an eingetrichtert bekommt. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum wahre Frömmler sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen wollen. Das hat nichts mit Standhaftigkeit oder Glaubensfestigkeit zu tun, das ist nur die klerikale Verkaufstechnik. Der Grund ist folgender: Gegenbeweise zu akzeptie‐ ren und das eigene Weltbild bereitwillig zu korrigieren erfordert genau die Demut, die sie nicht haben und die sie durch ein Weiterreichen des Problems an das Metaphysische ersetzen wollen. Gewiss fühlen sie sich alle furchtbar klein gegenüber Gott, dem Höchsten, dem Schöpfer des Universums; nicht aber ohne gleichzeitig auf ihre gehobene Stellung in seiner Hierarchie hinzuweisen, da sie eine persönliche Beziehung mit ihm eingegangen sind und gelegentlich Monologe mit ihm führen. Gä‐ be es diese Erhöhung durch die eigene Unterwerfung nicht, stünden sie vor Gott genauso ratlos da wie vor dem kaltschnäuzigen Univer‐ sum. Ich sehe hier hauptsächlich zwei Mechanismen am Werk. Den einen nennt man den IKEA-Effekt. Den Eindruck nämlich, dass etwas allein dadurch wertvoller wäre, dass der Beschaffungsaufwand größer ist. IKEA hat die emotionale Bindung zu selbst zusammengebauten Möbeln als Marke etabliert, und das wäre nicht so, wenn dem nicht ein psychologischer Mechanismus zugrunde läge. Diese Neigung wurde sogar schon bei Mäusen beobachtet. Indem man zwei Reservoirs mit Zuckerlösungen bereitstellte, den Beschaffungsaufwand für eines der beiden Reservoirs aber erhöhte, wurde es auch das beliebtere. Bei den Mäusen herrschte die Illusion, dass eine Sache wertvoller wäre, wenn 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 160 man sich dafür mehr anstrengen muss.38 Mit dem gleichen Trick kann man Menschen „besonderes Olivenöl“ für 15 Euro pro Viertelliter ver‐ kaufen, oder vergoldete Kupferscheiben für 187 Euro, die angeblich Lebensmittel entgiften und „Strichcodeinformationen auflösen“, oder eben das Paradies durch Enthaltsamkeit und Kirchenspenden. Die Re‐ geln, die man einhalten muss, sind an sich egal. Sie können noch so albern sein, sie werden akzeptiert und der Wert des Jenseits mit jeder neuen Schwierigkeit dadurch immer nur erhöht. So kann man Men‐ schen einreden, für den Genuss von Alkohol und außerehelichem Sex in die Hölle zu kommen, während die Enthaltsamen dereinst ins Para‐ dies gelassen werden, wo Sex und Alkohol auf sie warten. Naturwis‐ senschaftliche Erkenntnisse, die den Dogmen einer Religion wider‐ sprechen, hätten die Kraft, das Individuum aus dieser Tretmühle zu befreien. Das aber erfordert Umdenken, das Hinterfragen seiner Über‐ zeugungen, den berühmten „Sprung über den eigenen Schatten“. Und es gibt einen Grund, warum diese inhaltlich unmögliche Metapher sich als Vergleich durchgesetzt hat. Der andere Mechanismus ist nicht nur als Erklärung von Religiosi‐ tät, sondern als allgemeine Eigenschaft des Menschen viel ernüchtern‐ der. Das menschliche Gehirn tut alles, um kognitive Dissonanz zu ver‐ meiden. Kognitive Dissonanz ist das psychische Dilemma wenn etwas, woran man in tiefster Überzeugung glaubt, mit der Realität in Konflikt kommt. Das menschliche Gehirn ist dann bereit, die aberwitzigsten Erklärungsansätze zu akzeptieren, nur damit es nicht umdenken muss. Es ist, als würde das rationale Denkzentrum wie mit einem Gummi‐ knüppel narkotisiert, damit es jetzt ja nicht eingreift. Besonders stark ist die Dissonanz, wenn die neuen Informationen das stabile, positive Selbstbild gefährden. Etwa, wenn man dann in der Öffentlichkeit als Idiot dastehen würde, oder wenn man sich so stark mit einer Idee identifiziert, dass man zwischen seiner Persönlichkeit und der Idee ei‐ gentlich keinen Unterschied mehr macht. Auf diese Weise wird Islam‐ kritik seitens frommer Muslime schnell zum Rassismus weitereskaliert, und in diesem Moment horcht die politische Linke auf, packt ihr Hel‐ fersyndrom aus und greift umgehend den Kritiker an. Wahrscheinlich waren Sie in Ihrem Leben auch schon oft genug frustriert darüber, dass man in irgendeiner Diskussion Ihre Argumen‐ te nicht ernst nahm, sie sogar verspottete, obwohl sie logisch konsis‐ 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 161 tent und gut recherchiert waren. Es lag doch alles so sonnenklar auf der Hand, und dennoch schien man sich zu weigern, Ihnen auf die Schulter zu klopfen und für diese Erleuchtung zu danken. Ihre Tochter will nicht mit dem Rauchen aufhören, der Chef will seine Fehlent‐ scheidung nicht eingestehen. Diesem nervigen Kreationisten auf Face‐ book möchte man nur noch sagen, er solle gehen und sich mehren, nur mit anderen Worten. Allgemein sind Sie doch viel begabter und gemessen an Ihren Fähigkeiten total unterbezahlt. Der muslimische Kollege hält den Islam weiterhin pauschal für eine Religion des Frie‐ dens, trotz 9/11, London, Madrid, Bali, Paris, Nizza, Istanbul, Aleppo, einigen tausend (!) Bagdads und Kabuls, Köln, wieder Paris, Berlin und Barcelona. Woran liegt das? Waren Ihre Argumente in Wirklichkeit grotten‐ schlecht, und Sie haben es als einziger nicht bemerkt? Haben Sie etwas Wichtiges übersehen? Aber das hätte man Ihnen doch gesagt bzw. als brauchbares Gegenargument um die Ohren gehauen. Stattdessen nur Kopfschütteln, gequältes Lächeln, verschränkte Arme, der Geruch von Stress, komische rote Flecken in um Freundlichkeit bemühten Gesich‐ tern. Man machte sich über Sie lustig, brachte merkwürdige Argumen‐ te, die jeglicher Logik entbehrten, und Sie haben dann womöglich noch den Fehler bei sich selbst gesucht aber nicht gefunden. Was für ein versauter Abend! Es muss aber keinesfalls an Ihnen gelegen haben (obwohl Sie das nie ausschließen sollten). In den Fünfzigerjahren beschäftigte sich der amerikanische Psy‐ chologe Leon Festinger mit einer Sekte, die den Untergang der Menschheit kommen sah und sich darauf konzentrierte, von Außerir‐ dischen gerettet zu werden, indem sie rechtzeitig Raumschiffe anlo‐ cken würden. Festinger und sein Kollege Elliot Aronson hatten die Gruppe schon vor einiger Zeit infiltriert, mit der Sektenleiterin Tee ge‐ trunken und ihre Fantastereien geduldig über sich ergehen lassen. Vie‐ le der Sektenmitglieder hatten ihre Jobs gekündigt und ihre Häuser verschenkt, denn wo sie hingehen würden, brauchten sie kein Geld. Nun standen Festinger und Aronson an einem kalten Dezemberabend zusammen mit den anderen Sektenmitgliedern unter dem Firmament und warteten auf das UFO. Um Mitternacht war noch nichts gesche‐ hen. Um zwei Uhr morgens wurden die Mitglieder unruhig. Gegen vier Uhr morgens hatte die Sektenoberin die Erklärung: ihre Gebete 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 162 hatten Gott von der geplanten Apokalypse abgebracht und die Welt ge‐ rettet. Eine Rettung durch UFOs war also gar nicht mehr notwendig gewesen. Hier hatten die Gehirne der Sektenanhänger zwei Möglichkeiten. Man könnte sich eingestehen, dass die Dame falsch lag. Das aber wür‐ de auch erfordern, dass man sich einen jahrelangen Betrug eingesteht, den man einfach so geschluckt hatte. Viele Mitglieder der Sekte ent‐ schieden sich daher für die zweite Option: Sie steigerten ihren Glauben in diese ausgesprochen schrullige Sache, und auch die zuvor eher pas‐ siven Mitglieder begannen jetzt eifrig zu missionieren. Anscheinend war es angenehmer, andere von den eigenen Fehlschlüssen zu überzeu‐ gen, als sie sich selbst einzugestehen. Aus dem gleichen Grund wird kein Theologe sich in einer Fernsehdiskussion jemals seinen Kragen abreißen und sagen: „Sie haben recht, die Argumente sind auf Ihrer Seite, ich habe mein Leben verschwendet!“ Diskussionen mit Gläubi‐ gen sind jedoch weiterhin wertvoll – nicht um den Gläubigen zu über‐ zeugen, sondern vielmehr die Zuschauer, die das Glück haben, gerade nicht selbst öffentlich auseinander genommen zu werden. Das menschliche Gehirn ist kein Freund von Logik. Es ist durch‐ aus logikbegabt, aber das kostet viel Mühe und verbrennt viel Treib‐ stoff. Das Gehirn ist eine Durchhaltemaschine und will nicht gerne umdenken. Es sagt viel häufiger „Weiter so“ statt „Moment mal“. Es dürfte keinen einzigen Menschen auf der Welt geben, der komplett ra‐ tional denkt und handelt, und das ist auch gut so, wir haben nämlich auch Emotionen. Aber die Emotionen sagen uns, welche Themen wir logikbegabt angehen dürfen, damit im Weltbild und im Selbstbild kein allzu großer Wirbel gemacht wird. Wir gehen so durch die Welt, denken über dieses und jenes nach, kommen zu unseren Schlüssen. Dies ist der Prozess, durch den wir un‐ sere Persönlichkeit geformt haben. Nun kommt es aber gelegentlich vor, dass wir eine Entdeckung machen, die unseren Überzeugungen zuwiderläuft. Wenn wir ehrlich sind, tragen wir davon sogar einen ganzen Haufen mit uns herum und können das jahrzehntelang tun. Rauchen ist schlecht, ich weiß, aber es wird nicht diese Zigarette hier sein, die mich umbringt. In einer Stunde wird eine andere Zigarette geraucht, mit der gleichen Rechtfertigung. Meine Großmutter hatte 50 Jahre lang drei bis vier Schachteln am Tag geraucht. Als man ihr 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 163 schließlich mit 78 Jahren einen kleinen, langsam wachsenden Lungen‐ tumor diagnostizierte, fiel sie aus allen Wolken und konnte sich das nicht erklären. Fünf Jahrzehnte lang hatte sie die Frage, ob das eventu‐ ell schädlich sei, aus Angst vor der Antwort offen gelassen und sich dem momentanen Bedürfnis hingegeben. Oder nehmen wir Lammkeule. Das anonyme Verhältnis zwischen Mensch und Fleisch, das der Massentierhaltung und dem modernen Einzelhandel so eigen ist, verhindert das Aufkommen einer kognitiven Dissonanz. Die wenigsten von uns würden, wenn sie das Lamm einmal persönlich kennen gelernt und ihm die Milchflasche gegeben haben, zum Messer greifen, das Lamm töten, die Keulen herausschneiden und nach dem Grillen immer noch vollen Herzens genießen können. Den‐ noch blenden die meisten, während sie Lammkeule essen, den Gedan‐ ken an ein argloses und lebensfrohes Jungtier aus, das einfach nur le‐ ben und niemandem Ärger bereiten wollte. Das Ausblenden ist die Voraussetzung für den Genuss. Das menschliche Gehirn will, dass alles so bleibt wie es ist. Selten sind die Momente, in denen es nicht anders geht. Tritt ein solcher Mo‐ ment ein, spüren wir starkes Unbehagen. Man steht vor der Wahl, sei‐ ne tiefsten Überzeugungen entweder aufzugeben, jetzt gleich und in aller Öffentlichkeit, oder sie beizubehalten und diesen unseligen Zu‐ stand irgendwie zu beseitigen. Blut rauscht durch den Kopf, man weiß nicht was man sagen soll, man möchte sich wütend fühlen, nur um sei‐ nen Gefühlszustand besser begreifbar zu machen, und oftmals ge‐ schieht das auch. Diesen ausgesprochen unangenehmen Zustand nennt der Psychologe „kognitive Dissonanz“, und entsprechend viel sind wir bereit zu tun, um diesen Zustand zu vermeiden oder zu besei‐ tigen. Oftmals ohne zu bemerken, was wir da eigentlich tun, und war‐ um. Das Handhaben kognitiver Konflikte in Gemeinschaften Kognitive Dissonanz ist ein unangenehmer Zustand, und unser Gehirn ist dankbar, wenn es eine Bestätigung von außen erhält, die diesen un‐ angenehmen Zustand beseitigen kann. Nehmen wir noch einmal das Beispiel Rauchen. Ich habe einige Jahre in der Tabakbranche gearbeitet. Genauer, in einer Firma, die die Tabakindustrie mit Aromen beliefert. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 164 Der Ablauf war gewöhnlich folgender: Der Kunde (z. B. ein Zigaret‐ tenhersteller) schickte uns einige Kilogramm des Tabaks, den er ge‐ kauft hatte, und beauftragte uns dafür zu sorgen, dass er zum Beispiel wie eine berühmte American Blend-Zigarette schmeckt. Also setzten wir uns hin, rauchten den Tabak und entschieden, welche Aromen der Tabak brauchte, um seine Fehler auszugleichen und den Geschmack in Richtung jener berühmten American Blend-Zigarette zu entwickeln. Dann behandelten wir seinen Tabak mit diesen Zusätzen, rauchten das Ganze noch einmal und entschieden dann, welche Aromen wir dem Kunden anbieten würden. Dann flog ich zum Kunden in den Nahen Osten, rauchte den behandelten Tabak nochmal mit ihm zusammen und nahm seine Aufträge oder Änderungswünsche entgegen. Für eine einzige Tabakprobe musste jeder von uns im Schnitt vielleicht 30 Ziga‐ retten testrauchen. Wir waren Berufsraucher, und ich habe auf Messen und anderen Veranstaltungen kaum einen Berufsraucher gesehen, der die Sechzig überschritten hätte. Starke Raucher sterben selten an Krebs – sie erleiden in ihren Fünfzigern gewöhnlich einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Nun versuchen Sie einmal sich vorzustellen, wie das Rauchen in der Tabakbranche in gesundheitlicher Hinsicht bewertet wird. Die Antwort lautet: überhaupt nicht. Man spricht nicht darüber. Wenn wirklich mal jemand (gewöhnlich ein Außenstehender) mit den übli‐ chen, aber nicht weniger gültigen Argumenten kommt, dass Tabak‐ rauch schädlich ist, wegen der Nitrosamine, der PAKs, den Hunderten von weiteren krebserregenden Komponenten, die den Tabakrauch aus‐ machen, wegen der radioaktiven Schwermetalle, die sich in der Lunge ablagern, dort jahrzehntelang bleiben und die DNA bestrahlen, wegen der Kurzatmigkeit, des Herzrisikos, des widerlichen Gestanks kalten Rauches und schlichtweg weil es teuer ist, dann reagiert der Berufsrau‐ cher darauf letzten Endes mit Argumenten wie: es ist meine Entschei‐ dung, ich bin alt genug, und Rauchen ist meine Freiheit. Mit dieser schlappen Begründung verkürzt man freiwillig und aus einer Sucht he‐ raus sein Leben statistisch um elf Minuten pro Zigarette. Diese Begründung betrifft aber nicht nur die Berufsraucher; letz‐ ten Endes weiß jeder Raucher auf der Welt, dass es schlecht für ihn ist, und jeder Raucher wäre eigentlich gerne ein Nichtraucher. Wenn man gerade eine raucht, durchdenkt man die Sache gerade nicht, oder ver‐ 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 165 schiebt die Lösung des Problems (das Aufhören) in die unbestimmte Zukunft. Bei manchen hakt dann schließlich der Verstand ein, und sie hören mit dem Rauchen auf. Und ehemalige Raucher sind, nachdem die üblichen Argumente bei ihnen tatsächlich Wirkung gezeigt haben, die schärfsten Nichtraucher.* Über lange Zeiträume hinweg aber ver‐ bittet man sich schlichtweg eine rationale Diskussion über seine Ange‐ wohnheiten. Kurzum, man tut alles dafür, dass es so bleibt wie es ist, aus Gründen, die man nicht benennen könnte. Machen wir uns klar, was hier vorgeht. Man weiß, dass es falsch, schädlich und teuer ist, und trotzdem braucht es Jahre, manchmal Jahrzehnte oder einen mild verlaufenden Schlaganfall bis man bereit ist, die Konsequenzen zu ziehen. Rauchen bietet einem nichts außer Nachteilen, und trotzdem kann man sich schwer davon lösen. Die Gründe dafür sind gruppendynamische Effekte und körperliche Niko‐ tinsucht. Die körperliche Nikotinsucht kann aber kaum als Begrün‐ dung dafür herhalten, dass der Raucher trotz aller Bedenken nicht ein‐ mal versucht, davon loszukommen, es sei denn, er badet mental in sei‐ ner Sucht – es macht für den Moment glücklich. Nun machen wir uns klar, wie schwierig es ist, jemanden vom Glauben abzubringen. Im Gegensatz zum Rauchen bietet der Glaube die Verheißung des ewigen Paradieses, die Liebe des Schöpfers des Universums und eine viel stärkere Gruppendynamik. Wenn es dem Raucher trotz guter Gegenargumente nur selten und nach langer Zeit gelingt, sich davon zu lösen, wie soll dann ein Gläubiger überzeugt werden? Ist es doch sowohl im Christentum als auch im Islam eine Tu‐ gend, sich rationalen Argumenten zu widersetzen und stattdessen rei‐ nen Herzens zu glauben. Etwas Weiteres kommt noch hinzu: mit dem Rauchen schadet man sich primär selbst, indirekt aber auch anderen. Passivrauch ist ebenfalls schädlich, und wenn Kinder in einem verqualmten Milieu aufwachsen, werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit später auch Raucher werden. Das ist mit Religion nicht anders. Der Großteil der Anhänger einer Religion mag friedlich sein, doch auch in diesem Dunstkreis wird die * Das gilt übrigens auch für ehemalige Christen, Muslime und eigentlich alle anderen Gläubigen, die sich dem Einfluss der Theologen irgendwann widersetzt haben. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 166 Entfaltung von religiösem Extremismus begünstigt; dies ist der Grund, warum der Islam sich nicht weiterentwickelt. Die moderaten Muslime verhindern einen Diskurs, indem sie entweder leugnen, dass Terroris‐ ten auch Muslime seien und der Terror daher überhaupt ein Problem des Islam sein könne, oder indem sie solche Taten mit Verweis auf die Gräueltaten „des Westens“ in der arabischen Welt zu relativieren ver‐ suchen. Kurzum, man tut alles dafür, dass es so bleibt wie es ist, aus Gründen, die man nicht benennen könnte. Was den christlichen Dunstkreis betrifft, so verhelfen das Zahlen der Kirchensteuer und das stille Dulden kirchlicher Einmischung in Staatsangelegenheiten auch nur zu wenig Gutem. Kirchen maßen sich an, in die Politik einzugreifen, wenn im Bundestag über die Legalisie‐ rung von Sterbehilfe oder über Stammzellforschung entschieden wird. Dass sie ihre Kirchensteuer vom Staat eintreiben lassen, ist auch nicht ganz koscher; dass sie ihre Kirchentage vom Staat finanzieren lassen, die Gewinne aber einbehalten, ist für eine Vereinigung, die angeblich nur metaphysische Ziele verfolgt, schlichtweg skandalös. All diese Dinge könnten sich die Kirchen nicht erlauben, wenn sie nicht diesen bedingungslosen Rückhalt in der Bevölkerung hätten, der aus der dif‐ fusen Vermutung stammt, es wäre in Ordnung so, Religion sei ja grundsätzlich gut. Und überhaupt, warum möchte jemand an dieser Ordnung rütteln? Was soll denn das, haben die gar keinen Anstand, warum wollen sie uns das wegnehmen? Kurzum, man tut alles dafür, dass es so bleibt wie es ist, aus Gründen, die man nicht benennen könnte. Der Mensch ist, wenn er sich sein Urteil erst einmal gebildet hat, skeptisch gegenüber der Vernunft und allgemein allergisch gegen Veränderungen. Er meidet den kognitiven Konflikt. Genuss geht vor Logik Der deutsche Biologe Stefan Lanka leugnet allen Ernstes die Existenz von Viren. Im Jahre 2011 setzte er eine Prämie von 100.000 Euro für denjenigen aus, der die Existenz von Masernviren belegen könne. Der damalige Medizinstudent David Bardens sandte ihm einige wissen‐ schaftliche Publikationen, aus denen die Existenz von Viren zweifels‐ frei hervorgeht. Lanka weigerte sich zu zahlen, der Fall ging vor Ge‐ richt. Das Landgericht Ravensburg entschied für Bardens und ver‐ 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 167 pflichtete Lanka zur Zahlung der versprochenen Prämie. Dieser jedoch ging in Berufung, und das Oberlandesgericht entschied letzten Endes für den Virenleugner Lanka, da David Bardens mehrere Publikationen vorgelegt hatte und nicht wie in der Wette vorgegeben nur eine einzige. Versuchen wir uns vorzustellen, was in einem Kopf wie Lankas vorgeht. Wir kennen Masernviren, wir wissen dass es sie gibt, wir ha‐ ben Fotos, kennen ihre Größe und ihren Wirkmechanismus im menschlichen Körper und haben ihre DNA vollständig sequenziert. Wir benutzen Retroviren, um Gensoja herzustellen; wir nutzen hier die Fähigkeit dieser Viren, der Pflanze neue Erbinformationen aufzu‐ zwingen (in diesem Fall eine, die wir vorher dem Virus aufgezwungen haben). Dennoch ist es möglich, dass ein studierter Biologe die ganze Angelegenheit bezweifelt und für eine Verschwörung hält. Wie oft muss man im Geiste falsch abgebogen sein, dass einem der Weg zu‐ rück zur Realität einfach zu lang erscheint? Wie kann man sich in sol‐ chen Verschwörungshypothesen verlieren, wenn die gesamte wissen‐ schaftliche Welt es seit Jahrhunderten besser weiß? Und noch viel wichtiger: warum hat die wissenschaftliche Methode zur kritischen Analyse, die er an der Uni zweifelsfrei mal gelernt hat, bei dieser Sache anscheinend überhaupt keine Bedeutung? Weil dem menschlichen Gehirn der Genuss vor die Logik geht. Natürlich sind Masern ein Genuss für niemanden; wohl aber ist es Lankas Gehirn angenehm, die eigenen Überzeugungen beizubehalten. Wir Menschen sind Vorwärtsmaschinen, alles andere verunsichert da nur. Das ist auch der Grund, warum viele aus einer Diskussion heraus‐ gehen und sich sicher sind, es dem anderen so richtig gezeigt zu haben. Der denkt im selben Moment das Gleiche. Das Bedürfnis, kognitive Dissonanz zu vermeiden, ist eine der Hauptantriebsfedern für das Lügen, den Selbstbetrug, die Aggression und den Fanatismus. Dafür, sich noch tiefer in seinen Fehlansichten zu verstricken, den Gegner zu entmenschlichen, das große „Jetzt erst recht!“ herauszuholen und denjenigen, der uns in diese missliche Lage gebracht hat, eher als Teil der Verschwörung oder als Idioten wahrzu‐ nehmen. Es ist das Aber, mit dem wir uns ein Schlupfloch bohren. Es ist der Grund, warum der Islam sich im Leben eines Muslims so ziem‐ lich alles erlauben kann und dadurch eigentlich immer nur stärker wird. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 168 Bei Verschwörungshypothesen ist das häufig zu beobachten, be‐ sonders wenn Fachkenntnisse fehlen. Wenn etwas nicht in die Ver‐ schwörungshypothese passt, dann kann das oftmals nur bedeuten, dass die Verschwörung noch viel größer ist, dass nicht nur die Politik, son‐ dern auch die Justiz, die Medien, das Militär, die Raumfahrt und die Industrie mit drin hängen. Man muss die Hypothese in ihrem Ausmaß ständig vergrößern, damit sie weiter Bestand haben kann. So wird aus der Fehlentscheidung eines Politikers schnell eine hinterlistige Ver‐ schwörung gegen die Menschheit, die noch viel mehr Verschwörer be‐ nötigt. Die Alternative wäre ein schlichtes Aufgeben der eigenen Über‐ zeugung, und das ist eher selten der Fall. Eine Begleiterscheinung dieses Phänomens ist auch, dass der Mensch seine Überzeugungen geradezu reflexartig gegen neue Argu‐ mente verteidigt, einfach nur weil sie auf der Zeitachse später kamen. Das ist der Grund, warum alle Religionen der Welt Initiationsriten für den Nachwuchs ihrer Gläubigen haben. Ob Beschneidung, Taufe oder sonstige Angewohnheiten, das Kind wird von vornherein für die Reli‐ gion vereinnahmt, oder besser, sie wird ihm aufgezwungen. Dann wird das Kind losschnurren und diese Religion aus oben genannten Grün‐ den gegen alle Kritik verteidigen. Dabei müssen die Religionen nicht einmal den erklärten Plan haben, das Kind mit Ritualen und der Ver‐ meidung eines kognitiven Konfliktes gegen andere Sichtweisen zu im‐ munisieren. Nach dem evolutionären Prinzip der Selektion könnten auch einfach alle oder fast alle Religionen, die das nicht taten, ver‐ schwunden sein, und übrig geblieben sind nur diejenigen, die zufällig auf diesen Riten bestanden. Es ist eine der großen Tragödien der Menschheit, dass wir uns die‐ ses Mechanismus so selten bewusst sind. Wäre er uns öfter präsent, so würden wir von sinnlosen oder schädlichen Gedanken wesentlich frü‐ her ablassen. Stattdessen aber ziehen wir lieber andere mit hinein, als an uns selbst etwas zu ändern. Ist es nicht erstaunlich, wie unbewusst zielsicher die großen Religionen der Welt genau diese Unzulänglich‐ keit zu einer Tugend erklärt haben? Im Glauben fest und unerschütter‐ lich zu sein, ist in den Religionen (und in politischen Ideologien) aus‐ nahmslos eine Tugend. In jedem anderen Gebiet menschlichen Stre‐ bens aber sind die Unbelehrbarkeit und das stolze Ignorieren von Ge‐ genargumenten eine Schande und ein Zeichen von schlechtem Cha‐ 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 169 rakter; sie lediglich für eine Prüfung der eigenen Überzeugungen zu halten ist paranoid. Dabei ist wichtig sich in Erinnerung zu behalten, dass das Konzept „Wenn etwas Unangenehmes passiert, ist das eine Prüfung des Glaubens“ nicht mit dem Vorsatz entwickelt wurde, ko‐ gnitive Dissonanz im Gehirn des Gläubigen zu vernichten. Vielmehr werden die Erfinder dieses Konzeptes ebenfalls kognitive Dissonanz erlitten haben, und sie fanden einen Ausweg, der funktionierte und sich daher verbreiten konnte. Natürliche Selektion also. Dies ist einer der schwersten Vorwürfe, den ich den Religionen der Welt mache: sie schaffen einen Präzedenzfall an Schlechtigkeit und verteilen ihn an ausgewählte Mitglieder wie Orden. Kreationisten wie Ken Ham sind stolz darauf, der Evolutionslehre den Schöpfungsbericht der Bibel vorzuziehen und sich niemals davon abbringen zu lassen, selbst wenn Gott persönlich es ihnen sagen würde. Fromme Muslime streiten die Evolutionslehre ebenfalls ab und halten jedes Gegenargu‐ ment für eine Prüfung ihres Glaubens, wie der Koran es bereits be‐ schreibt: “Rechnen denn die Menschen damit, dass sie gelassen werden, dass sie sa‐ gen: "Wir glauben", und sie werden nicht auf die Probe gestellt?! Und wir haben ja bereits diejenigen vor ihnen auf die Probe gestellt. So weiß Allah ganz gewiss um diejenigen, die wahrhaft sind, und ER weiß ganz gewiss um die Lügner.” Sure 29: 1-3 Hier haben die Autoren des Korans ganze Arbeit geleistet und eine mit simplen Erklärungen asphaltierte Schnellstraße in die Massenpsychose geschaffen. Wer diese Straße hinab rauscht, weil er jeden Widerstand einfach geleugnet hat und theologisch von ihm nichts anderes erwartet wurde als sich die Finger in die Ohren zu stecken und standhaft zu bleiben, der erwartet dann vom Schöpfer seine Belohnung für das Treuehalten. Es macht glücklich, Gegenbeweise zu ignorieren, und der Gedanke an eine göttliche Belohnung macht auch glücklich. Es ist be‐ dauerlich, dass Rationalität dem so wenig entgegenzusetzen hat, aber das macht die Theologie nicht wahrer. Indem die Religionen der Welt das Beibehalten der eigenen Über‐ zeugungen entgegen allem Offensichtlichen zu einer Tugend erheben, indem sie behaupten, dass die Welt der Vernunft und die des Glaubens zwei grundverschiedene Domänen seien (wobei die des Glaubens we‐ gen der Jenseitsfrage natürlich die Wichtigere sein soll), und indem sie 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 170 vom Individuum Respekt dafür fordern, das Unmögliche zu glauben, schaffen sie ein Einfallstor des Wahnsinns und der Beliebigkeit in eine Welt, die ohne sie viel besser funktionieren würde. Falls Sie sich fragen, warum irre Ideen wie das Reichsbürgertum, Alternativmedizin, Impfskepsis und jede andere Verschwörungshypothese sich in den Köpfen der Menschen breit machen können: könnte es vielleicht daran liegen, dass der Mensch seit Jahrtausenden von Organisationen mit hohem Maß an gefühlter Wichtigkeit dazu eingeladen wird, seine Skepsis über Bord zu werfen, die Realität frontal zu leugnen und sich ganz einer unbewiesenen Idee hinzugeben, die glücklich macht statt Wahrheit zu liefern? Nicht ohne Grund schwärmen Alternativmedizi‐ ner von der Quantenphysik, der sie aber nur entnehmen, dass es etwas gäbe, das per Definition unbestimmt ist und das zu beobachten bereits den ganzen Prozess zunichtemacht – man muss halt dran glauben, sonst funktioniert es nicht, so ihre Deutung. Religionen haben das Er‐ setzen der Vernunft und der Rationalität durch das Gefühl zum Stan‐ dard gemacht, und Fake News waren schon immer ihre Handelsware. Bedenken Sie, wie viel Energie die Religionen auf das Argument verwenden, dass man die Nichtexistenz ihrer Gottesbehauptung nicht beweisen könne, und dass ihr Glaube daher gerechtfertigt sei. Ich möchte Russels hypothetische Teekanne hier und jetzt erweitern, in‐ dem ich sie mit all den Dingen fülle, die wir Menschen uns ersehnen: dem Heilmittel gegen Krebs, dem Schlüssel zum Weltfrieden, der Ant‐ wort auf den Sinn des Lebens und allem anderen, was wir Menschen uns wünschen. Nun müssen wir diese mit Erkenntnis gefüllte Teekan‐ ne finden. Wir wissen, dass die Suche nach der Teekanne zwischen Er‐ de und Mars schwierig bis unmöglich sein wird. Trotzdem würden wir versuchen, sie zu finden und auszulesen, einfach weil so vieles davon abhängt. Die Wissenschaft würde die Suche irgendwann aufgeben und stattdessen versuchen, die Antworten auf anderem Wege zu finden. Der Religiöse würde sich früher oder später einbilden, direkt und ohne Raumfahrt telepathischen Kontakt zur Teekanne aufnehmen zu kön‐ nen, und seine Erkenntnisse teuer an andere verkaufen. Droht der Religiöse den Skeptikern der Teekannenhypothese da‐ rüber hinaus mit ewigem Höllenfeuer, macht sich in den Köpfen der Zuhörer die berüchtigte Restunsicherheit breit. Man weiß ja nie, viel‐ leicht stimmt es ja doch… will man das wirklich riskieren? Ich meine, 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 171 es glauben doch schon so viele so lange daran, dann kann das doch nicht alles komplett erfunden sein! Doch, das kann es durchaus. Gera‐ de wenn Sie selbst gläubiger Christ sind, müssten Sie eine Erklärung dafür haben, warum eine Milliarde Hindus falsch liegen und trotzdem von ihrer Theologie überzeugt sein können. Und von der Erklärung dafür dürfen Sie Ihren eigenen Glauben eigentlich auch nicht aus‐ schließen. Das ist wie bei meiner Großmutter und dem Rauchen. Man kann das ganze Leben in diesem Schwebezustand verbringen, aber das macht die eigenen Überzeugungen nicht wahrer. Was können wir tun, um das zu verhindern? Wie kommen wir he‐ raus aus der Falle der kognitiven Dissonanz? Es ist schwer, wenn man einmal drin ist. Das Beste dürfte es sein, gar nicht erst in die kognitive Dissonanz zu geraten. Und das geht am besten, indem man von vorn‐ herein gar keine zutiefst empfundenen Überzeugungen hat. Ist das möglich? Nun, es ist viel Charakterarbeit, und nicht jeder ist bereit, sie zu leisten. Als Wissenschaftler muss man das allerdings, verbringt man doch schließlich den gesamten Tag mit dem Aufstellen und Zerpflü‐ cken von Hypothesen. Wissenschaftler Werden heißt, den Ballast des Stolzes und der Selbstüberschätzung abzulegen, sich an die Fakten zu halten und persönliche Überzeugungen komplett aus der Betrachtung zu entfernen. Man darf dann aus den gesammelten Fakten ein Weltbild entwickeln – ich tue es ja auch. Dieses Weltbild aber darf nicht auf die wissenschaftliche Arbeit zurückwirken, es muss ein einseitiger Prozess bleiben. Das Bedürfnis, kognitive Dissonanz zu vermeiden und weiterhin ruhige See im Kopf zu behalten verleitet uns dazu, Positionen zu ver‐ teidigen ohne zu wissen warum. Wir kennen es so, wir sind damit auf‐ gewachsen, wir sind Sklaven unserer Gehirne und folgen dem Impuls, dass alles gefälligst so bleibt. Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich darüber ärgern, dass das Weihnachtsgebäck jedes Jahr früher in die Läden kommt? Mittlerweile sind wir bei Mitte September! Die Grillsaucen sind noch nicht vollständig verramscht, da kommen schon die Zimtsterne. Aber was genau erregt Sie daran? Die Ausweitung der kommerzi‐ ellen Aspekte von Weihnachten? Zimtsterne sind nicht Weihnachten. Zimtsterne gehören in den Dezember! Sagt wer? Der Teil Ihres Hirns, der damit aufgewachsen ist? In Arabien und Indien benutzt man Zimt 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 172 das ganze Jahr über, und ehrlich gesagt kenne ich keine bessere Art, Hackfleisch zu würzen, als mit Chili, Knoblauch und Zimt. Wenn Sie jetzt „Bäh!“ sagen oder denken, dann liegt das daran, dass Sie es sich nicht vorstellen können, und dass es wie eine Regelübertretung wirkt, Zimt für Deftiges zu benutzen. Wie gesagt, die Länder, in denen Zimt angebaut wird und als erstes benutzt wurde, beschränken sich in sei‐ nem Gebrauch nicht auf Süßes, wozu auch. Das ist bei uns so entstan‐ den, als die Kolonialwarenhändler Zimt verkauften und er so teuer war, dass er nur zu besonderen Anlässen wie Weihnachten verwendet wur‐ de. Unser Kulturkreis ist der Ausreißer von der Norm. Ich habe Ara‐ bern auf meinen Reisen erzählt, dass es Zimtiges in Deutschland nur zu Weihnachten gibt, und bekam als Antwort: „Warum? Damit kann man so viel machen!“ Verstehen Sie, dass Ihre Abneigung dagegen, Zimtsterne das ganze Jahr über zu verkaufen, nur auf dem basiert, was man Ihnen beige‐ bracht und als Norm verkauft hat? Sie ist völlig unbegründet, es sei denn, das Einhalten von Normen ist Ihnen wichtiger als eine differen‐ zierte Betrachtung des Sachverhaltes. Das ist einer der Hauptgründe, warum es Religion heute noch gibt. Sie ist nun mal das empfundene Soll und Muss der Gesellschaft, und die Begründung findet sich ir‐ gendwie. Der Drang, kognitive Dissonanz zu vermeiden, ist der Grund, warum manche Christen und der Großteil der Muslime die Evolution bezweifeln, die Gravitationstheorie oder die Quantenmechanik aber links liegen lassen. Die Alternative wäre nämlich, Standpunkte aufzu‐ geben, die man sein ganzes Leben aus tiefster Überzeugung als wahr empfunden hat. Das kostet mehr, es ist eine größere Umwälzung, und daher geht man bevorzugt den einfacheren Weg. Die Ironie daran ist, dass viele glühende Apologeten den skeptischen Wissenschaftlern zu‐ weilen vorwerfen, genau das Gleiche zu tun. Im Dialog mit Religiösen wird man früher oder später mit den Behauptungen konfrontiert, Atheismus sei auch nur eine Religion, die Evolutionslehre sei eine Lüge, an den Urknall zu glauben sei ein atheistisches Dogma und so weiter. Wenn diese Menschen wüssten, wie beleidigend es eigentlich ist, aus‐ gewachsenen Kosmologen, Biochemikern und Biologen die gleichen niederen emotionalen Regungen zu unterstellen, wie man sie als Apo‐ loget offen und mit Stolz zur Schau stellt. Wie viel Arbeit es war, sich 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 173 diese oberflächlichen Sichtweisen mühsam und mit viel Verstocken und Selbstdisziplin abzutrainieren. Ich weiß, wovon ich rede. Zu Beginn meines Studiums war ich recht verschwörungshypothetisch drauf, und fast jede Behauptung ei‐ nes Bloggers (den Begriff gab es damals noch nicht) oder einer Nicht- Mainstream-Nachrichtenseite erschienen mit glaubwürdiger als der SPIEGEL oder die WELT. Es war attraktiv, immer eine leicht andere Sichtweise auf das politische Weltgeschehen zu haben, man kam sich mit diesem „Insider-Wissen“ immer ein wenig bedeutungsvoller vor (dabei war es weder noch) und schaute irgendwie immer auf die Fern‐ sehleichen und BILD-Verblödeten herab. Das Paradoxe, ja geradezu Ironische daran war, dass ich mir damit nicht nur überdurchschnitt‐ lich informiert, sondern geradezu skeptisch vorkam. Rückblickend be‐ trachtet war es der blanke Hohn. Es ist nicht skeptisch, die Meldungen der Mainstream-Medien generell als tendenziös zu verwerfen, sich aber gleichzeitig mit allem zu identifizieren, was irgendjemand übers Internet verbreitet. Es ist genau das gleiche, was man „den Schafen“ unterstellt, und nur der Inhalt des Geglaubten ist ein anderer. Die Denkweise ist genauso oberflächlich und vor allem selbstgefällig. Doch das Studium trieb mir diesen Impuls aus. Es dauerte Jahre, und ich frage mich heute noch, wie viel schwerer es mir gefallen wäre, wenn ich an diesen Verschwörungsgeschichten nicht nur passiv als Le‐ ser, sondern als Aktivist mit persönlichen Kontakten und Liebschaften, mit Vorträgen, Kongressen und Demonstrationen teilgenommen hätte. Das Studium einer Naturwissenschaft brachte mir das kritische Den‐ ken und vor allem das vorsichtige Fällen von Urteilen bei, und ich war bereit, es auf alle Bereiche meines Lebens anzuwenden, egal was ich dort finden würde oder in Zweifel stellen müsste. Es war Arbeit an sich selbst, aber selbstkritischer, demütiger und der Wahrheit verpflichteter als fünf Gebete am Tag oder ein schuldbewusster Weinkrampf in einem Beichtstuhl. Es war Korrekturarbeit, nicht Anpassung an unbe‐ wiesene Dogmen. Wieder einmal ist das wissenschaftlich-skeptische Weltbild religiösem Denken also grundsätzlich überlegen. Mehr noch, das religiöse Denken entlarvt sich wieder einmal als der einfache, pri‐ mär emotionale, oberflächliche, verführerische Weg. Wobei sich die Frage stellt, warum ausgerechnet diejenigen Überzeugungen mit dem 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 174 höchsten Wahrheitsanspruch gleichzeitig nie auf etwas Anderem beru‐ hen. Religionen haben hier wirklich sehr wenig zu bieten. Wir Menschen müssten uns bei jeder Gelegenheit eingestehen, dass wir uns in etwas verrennen, dass wir etwas nicht wahrhaben wol‐ len, dass wir persönliche Gründe haben, eine „andere Wahrheit“ vor‐ zuziehen, sei sie nun angenehmer oder schlichtweg bequemer. Wollen wir nicht alle immer nur bessere Menschen sein? Wie einfach. Wie idealistisch. Wie utopisch! Der Wunsch nach Kontrolle Wenn aus Gründen, die niemand erkennt, die Ernte versagt oder eine Epidemie den Nachwuchs dezimiert, dann können wir Menschen nicht anders, als nach der Ursache zu suchen, um diese Übel in der Zukunft zu verhindern. Es ist dieses Bedürfnis nach Kontrolle, das uns das Überleben bis heute ermöglicht hat, und es ist auch der Motor hin‐ ter wissenschaftlicher Neugier. Früher wurden Menschenopfer ge‐ bracht oder Tiere geschlachtet, um eine günstige Ernte zu bewirken. Heute haben wir Dünger, motorisierte Landwirtschaft, hochtechnisier‐ te Verarbeitungsbetriebe und wissen um die Tricks, mit denen man das Gelagerte möglichst lange haltbar macht. In dieser Hinsicht sind Religionen gescheiterte Wissenschaft – sie wollten das Gleiche, konn‐ ten es aber nicht liefern. In einem Propagandavideo des Islamischen Staates kann man einen Selbstmordattentäter am Steuer eines Trucks sehen, der die Ka‐ mera passiert und sich auf den Weg zu einem Checkpoint der kurdi‐ schen YPG macht. Eine Minute später ist er angekommen, wie man der Explosion und der Rauchwolke am Horizont entnehmen kann. Die Männer, die noch bei der Kamera stehen, brechen natürlich sofort in die üblichen „Allahu akbar“-Rufe aus. Einer der Männer, viel‐ leicht sogar der Kameramann selbst, wiederholt das Allahu akbar mehrfach und betont dabei jedes Mal eine andere Silbe. AllAHu akbar, AlaHU akbar, Allahu AKbar, Allahu AkBAR. Es klingt lächerlich. Interessant aber ist die Frage, warum er so viele Variationen des Allahu akbar durchspielt. Mir fällt keine andere Erklärung ein, als dass er sicher gehen will den Tonfall zu treffen, den Allah am Liebsten hört. 3.7 3.7 Der Wunsch nach Kontrolle 175 Es ist, als hätte man ihm eine einfache Rechenaufgabe wie „2 + 2“ ge‐ geben, und er würde den Test bestehen, indem er einfach alle Zahlen von eins bis zehn aufsagt. Die richtige Zahl würde schon dabei sein.* Dann würde es klick machen im Herzen Gottes wie in einem Zahlen‐ schloss, und Gnade, Sex und Wein würde ihm widerfahren. Wir Menschen haben Religion erfunden, weil unser Gehirn nicht anders kann: aus dem Zwang heraus, Zusammenhänge zu sehen, und aus dem Bedürfnis heraus, den Verlauf der Ereignisse zu unseren Gunsten zu kontrollieren. Wir wären gar nicht so weit gekommen, wenn wir diese Neigungen nicht hätten, und Religionen sind Begleiter‐ scheinungen dieser Verhaltensweisen. Mehr Substanz haben sie nicht, so leid es mir tut. Um es bei dieser Gelegenheit noch einmal klar zu stellen: ein Bischof weiß genauso wenig über den Schöpfer des Universums wie ich. Weder über die Frage seiner Existenz an sich, noch über seine Zie‐ le, Absichten oder Erwartungen an die Menschheit. Er weiß viel über eine bestimmte Art von Behauptungen, die darüber aufgestellt werden, und er ist geradezu ein Experte bezüglich der Abläufe und Strukturen innerhalb einer menschlichen Organisation, die einen besonderen Draht zum Schöpfer des Universums zu haben behauptet. Alles jedoch, was er über den Schöpfer selbst sagen kann, ent‐ stammt unsicheren Quellen. Die Bibel ist nicht das Wort Gottes, es sei denn, es ist Seine Methode, mündlich überlieferte Texte über Jahrhun‐ derte zusammentragen zu lassen, durch Athanasius von Alexandria eine Auswahl zu treffen und diese als Buch herauszugeben, das dann aber das unverbrüchliche Wort ist. Das wäre immerhin ein ziemlich kruder Mechanismus, der von menschlichem Handeln nicht zu unter‐ scheiden ist, wie so vieles an Seinem Tun. * Vielleicht irre ich mich auch, und dieses Allahu akbar-Gebrüll langweilt ihn einfach so sehr, dass er ein wenig Vielfalt versuchen will. Doch wenn er Monotonie fürchtet, ist er beim Islam definitiv an der falschen Religion. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 176 Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autorität Es ist ein wesentliches Merkmal aller Ideologien, dass die unteren Rän‐ ge, die die Drecksarbeit machen, auf wunderliche Weise trotzdem nachts ruhig schlafen können. Menschen haben Juden selektiert, un‐ nötige Operationen an ihnen durchgeführt, GULAG-Häftlinge verprü‐ gelt und vor den Augen dieser Ausgemergelten ihre Lebensmittelpake‐ te von zuhause mit Genuss verzehrt oder auf den Boden ausgekippt, haben Frauen, die unter Hexereiverdacht standen, mit eisernen Schel‐ len die Füße zerquetscht oder sie an ihren hinterrücks zusammenge‐ bundenen Armen aufgehängt; man konnte sie dann auch einen Meter fallen lassen und abrupt anhalten, so dass die Arme aus den Schulter‐ gelenken rissen. Man konnte sie auch mit dem After oder der Vagina auf einen gut geölten Holzpflock setzen, wenn nötig bis zum Tod durch Penetration bis durch den Hals. Wenn Sie in einem Film oder auf einem Bild Gepfählte sehen, denen der Pfahl aus dem Hals kommt, dann wissen Sie, in welcher Körperöffnung das Elend seinen Anfang nahm. All dies konnten Menschen tun, ohne Empathie oder Reue da‐ bei zu empfinden. Ein Schlüssel dazu, das eigene Handeln zu legitimieren, ist die Ent‐ menschlichung des Gegners. Das Opfer hat es schlichtweg verdient, in dieser Position zu sein. Doch es gibt auch andere Wege, mit denen man sich selbst über seine Rolle in dieser Blutrünstigkeit belügen kann. Wenn ich es nicht tue, macht es jemand anderes; man muss es in grö‐ ßerem Maßstab betrachten; ich tue nur, was von mir erwartet wird und so weiter. Das letzte Argument ist besonders blutgetränkt. Der Nachbar hat die Juden im Keller nebenan nur gemeldet. Der Polizist hat die Juden nur festgenommen. Der SD hat die SS nur ausgerüstet und ausgebildet. Die SS hat die Juden nur abtransportiert. Die Mörder im KZ haben nur getan, was in Wannsee von höheren Tieren beschlossen wurde, ba‐ sierend auf den Ausführungen des Führers. Der Führer hat, „indem er sich des Juden erwehrte“, nur „das Werk des Herrn verrichtet“. Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, geschieht hier etwas Furchtba‐ res. Indem man die Verantwortung letzten Endes in den Himmel ab‐ gibt, ist kein Mensch mehr wirklich verantwortlich. All die angesam‐ 3.8 3.8 Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autorität 177 melte Schuld, die von Hunderttausenden zu Tausenden zu Wenigen zu Einem weitergereicht wird wie in einem Trichter, verpufft schließlich ins Nichts. Gott selbst kann die Verantwortung nicht mehr weiterrei‐ chen, aber niemand hört, wie sie bei ihm bleibt; er greift auch nicht in den Holocaust ein. Es ist, als wäre er nicht da, also kommt bei den meisten Gehirnen dann nur die Erkenntnis an, dass er mit den Ge‐ schehnissen einverstanden wäre. Die Abwesenheit eines Widerspru‐ ches wird falsch-positiv als Zustimmung interpretiert. Tatsächlich ist vieles von dem, was in der Religion geschieht, letzt‐ lich nur der irdische Wille des Menschen. Der Mensch sieht sein Han‐ deln dann einfach als von oben legitimiert an. Das lässt sich auch viel besser verkaufen, ist aber eine Triebfeder der Grausamkeit. Das mit dem Verkaufen meine ich wörtlich. Hier nämlich erfolgt die Weiterentwicklung von der Religion als bloßer theologischer Idee zur organisierten Religion als weltpolitischer Größe. Wenn man die Ansicht, man hätte einen besonderen Draht zum Obersten, erst einmal in der Bevölkerung etabliert hat, dann kann man sie auch als Handels‐ ware auffassen und damit Dienstleistungen anbieten. Es gibt ein passendes Bild von den Euromaidan-Prostesten in Kiew, die im Jahre 2013 begannen. Sie erinnern sich: die Proteste brachen aus, als der ukrainische Präsident dem Assoziierungsabkommen mit der EU die Unterschrift verweigerte. Das Volk hingegen hatte sich mehrheitlich einiges davon versprochen, der EU näherzukommen. Auf besagtem Bild sieht man eine Gruppe Protestler Barrikaden aus Auto‐ reifen bauen, im Hintergrund steht etwa einhundert Meter entfernt eine Hundertschaft der Polizei. Zwischen ihnen kommt eine Handvoll Geistliche mit albernem Hut und erhobenem Kreuz auf die Protestler zu, um ihnen ins Gewissen zu reden, etwas von Obrigkeit zu faseln, Frieden zu propagieren, der hier aber eher durch Unterwerfung er‐ reicht wird. Nichts in der Weltpolitik der Religionen ist symbolischer als dieses Bild. Naja, vielleicht noch eines, auf dem Bischöfe Hitler die Hand schütteln. Davon gibt es auch so manche. Die Quintessenz ist folgende: Wer immer in der Weltpolitik kommt oder geht, die Religionen stehen bereits mit ausgestreckter Hand da und laden zu Tisch. Aus dem einzigen Grund, dass sie am Tisch sitzen bleiben wollen, als hätten sie da jemals hingehört, und dass sie es können, weil man es ihnen gewährt. Wer als Politiker das 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 178 die Bevölkerung kontrollierende Potential, das sie bieten, nicht erkennt, ist in der falschen Branche. Die einzigen Ausnahmen, die mir einfallen, kommen aus dem Kommunismus. Dort wurde mit den Kirchen nicht kooperiert, sondern ihre Techniken kopiert, da der Kommunismus nun mal keine Götter neben sich duldet. Die meisten Diktatoren der Welt haben mit der Religion immer eng kooperiert – der Faschismus in Europa hat es ohne Ausnahme getan. Im Islam ist die Religion selbst die staatliche Diktatur, weshalb sie so viel Autorität und Gehorsam findet und umso schwieriger aus dem Staat zu entfernen ist. Besonders der Wahhabismus sorgt dafür, dass es für Staaten mit muslimischer Mehrheit derzeit nur eine Richtung gibt: Theokratie. Dies geschieht nicht einfach, weil der Islam erst jetzt ge‐ merkt hätte, dass er an die Macht muss. Was hier geschieht, ist eine Verschärfung in der Auslegung der heiligen Schrift. Und die kommt nicht von ungefähr. Im Jahre 1979 ereiferten sich etwa 500 militante Sunniten in Sau‐ di-Arabien, das Heiligtum des Islam in Mekka zu besetzen: die Kaaba, jenen schwarzen Würfel im Zentrum der Großen Moschee. Die saudi‐ sche Regierung stand vor einem Problem: auf keinen Fall durfte im heiligen Zentrum des Islam Blut vergossen werden. Andererseits konnte man die militärische Besetzung der heiligen Stätte nicht ein‐ fach hinnehmen oder die Besetzer aushungern. Sie könnten Bomben zünden und das Heiligtum beschädigen. Muhammad ibn Abdullah al- Qahtani, die zentrale theologische Figur der Besetzer, sah in sich selbst den Mahdi – den einzigen, der nach dem Tod des Propheten noch ernsthaft etwas verkünden darf, und der das Jüngste Gericht einleiten würde. Das Datum, der 20. November 1979, war für diese Aktion ebenfalls nicht willkürlich, sondern sehr bewusst gewählt: es war der Neujahrstag des Jahres 1400 nach islamischer Zeitrechnung. Gemäß einem Hadith (einem der gesammelten Aussprüche und Handlungsan‐ weisungen des Propheten) würde der Mahdi tatsächlich an diesem Tag erscheinen. Die Besetzer warfen dem saudischen Königshaus vor, korrupt und prahlerisch zu sein und eine Verwestlichung Saudi-Arabiens zu bewir‐ ken. Sie forderten eine Abschaffung des Fernsehens, die Zurückwei‐ sung westlicher Einflüsse und die Ausweisung aller Nichtmuslime aus dem Heiligen Land. Die saudische Führung bat die Geistlichkeit um 3.8 Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autorität 179 Hilfe. Diese würde mit den üblichen theologischen Verrenkungen er‐ lauben, dass an diesem heiligen Ort doch Blut vergossen werden dürfe. Als Gegenleistung erwarteten sie staatliche (und stattliche) Förderung bei der weltweiten Verbreitung des Wahhabismus.39 Es scheint, sie hät‐ ten sie erhalten. Zuallererst aber sollte im eigenen Land aufgeräumt werden. Frauen verschwanden Stück für Stück aus dem öffentlichen Bild, von den Titelblättern saudischer Zeitungen und Magazine, aus dem Fernsehen, aus dem Straßenbild, bis die Geschlechtertrennung je‐ des Café erreicht hatte. Denn in den Köpfen der Theologen und der Herrscher gab es für diesen ungeheuerlichen Vorfall insgesamt nur eine Lösung: mehr Religion. Sie ist ja grundsätzlich etwas Gutes. Beachten Sie, dass die Besetzer der Moschee prinzipiell verlangten, was das Königshaus der eigenen Geistlichkeit schließlich gewährte. Eine striktere Auslegung der Religion, ihre konsequente Verbreitung, die Zurückweisung westlicher Werte. Seitdem wird der Wahhabismus weltweit mit sehr viel Geld verbreitet. Genau der gleiche Fundamenta‐ lismus, der einst zur Besetzung der Großen Moschee geführt hatte. Der einzige ideologische Unterschied: die Terroristen waren nicht kö‐ nigstreu gewesen. Beachten Sie auch den theologischen Firlefanz, der die Angelegen‐ heit begleitet. Die Täter besetzten die Große Moschee, weil sie ihnen als ein Symbol von Götzendienst und als ein Zeichen der Verwässe‐ rung der Glaubenslehre vorkam. Der saudische Kleriker Abd al-Aziz ibn Baz betrachtete das Blutvergießen mit Sorge, nannte die Besetzer aber nicht Ungläubige (womit seinesgleichen sonst selten Bedenken hat), sondern schlicht „die bewaffnete Gruppe“. Der Grund: der mili‐ tärische Anführer der Gruppe, al-Otaybi (wie es nicht anders sein konnte, auch noch der Schwager des gefühlten Mahdis al-Qahtani), war ibn Baz‘ Schüler gewesen. Bereits ein Jahr vor der Besetzung der Großen Moschee war al-Otaybi zusammen mit knapp 100 Gefolgsleu‐ ten verhaftet worden, da sie gegen das Königshaus demonstriert hatten. Ibn Baz hatte die Aufrührer damals befragt und für unbedenklich er‐ klärt, denn glaubensfest waren sie ja gewesen. Das kommt dabei he‐ raus, wenn man Religiosität mit Ethik verwechselt. Noch etwas sollten wir bedenken. Gemäß den Worten des Prophe‐ ten soll alle hundert Jahre ein Mudschaddid kommen, ein Erneuerer der Religion. Das Problem ist: jeder Religionserneuerer wird sich 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 180 grundsätzlich dem Vorwurf gegenübersehen, kein richtiger Muslim zu sein, da es nun mal seine Tätigkeitsbeschreibung sein wird, die beste‐ henden Verhältnisse anzuzweifeln. Es wird also immer auf Konfronta‐ tion hinauslaufen. Dabei ist das mit der Erneuerung auch nicht annä‐ hernd so klar, wie man denken möchte. Die Ahhmadiya-Gemeinde ist der Meinung, der Islam würde durch den Mudschaddid modernisiert, also zeitgenössischer gemacht. Die Wahhabiten sind der Meinung, der Mudschaddid würde alle hundert Jahre menschliche und moderne Neuerungen (Bid‘ah) aus dem Islam entfernen und ihn so zu seinen Wurzeln zurückführen. Und dann ist da noch der Mahdi. Der Mahdi soll, die Hadith sind da nicht eindeutig, entweder im Jahre 1400 oder im 14. Jahrhundert is‐ lamischer Zeitrechnung erscheinen, das sich noch bis zum Jahr 2079 ziehen wird. Konnte im Jahre 1400 nach islamischer Zeitrechnung ei‐ gentlich irgendetwas anderes passieren als das Auftauchen eines ge‐ fühlten Mahdis? War die Konfrontation überhaupt vermeidbar? Es musste ja nicht die Besetzung der Großen Moschee sein. Man hätte auch dem Westen mit einer großangelegten Terroraktion den Krieg er‐ klären oder zwischen Irak und Syrien ein Kalifat ausrufen können. Es ist beliebig, was genau geschehen würde, aber Frömmler von Format können dieses Datum nicht einfach verstreichen lassen. Irgendeiner würde sich berufen fühlen, und die anderen würden ihn dafür hassen. Mehr Religion auf beiden Seiten und mehr Leid für alle. Bedenken Sie, dass der weltweite islamische Terrorismus, dessen Opfer zu 90 Prozent selbst Muslime sind, seine Wurzeln in diesem Er‐ eignis hat, und dass es klar war, dass etwas Großes an diesem Datum stattfinden würde. Die Details sind eigentlich unwichtig, aber Ärger würde es geben. Und Religion ist der Grund, denn man will sich mit seiner Hörigkeit gegenüber der göttlichen Autorität gegenseitig über‐ bieten. Gleichzeitig, und so paradox es klingt, wollten alle Parteien dieses Konfliktes ihren eigenen Ansichten mehr Gewicht verleihen, indem sie sie Gott unterjubelten. Doch das ist kein rein islamisches Phänomen. Die christliche Rechte in den USA verdammt die Homosexualität, da sie im Alten Testament zur Sünde erklärt wird, aber keiner von denen verzichtet aus dem gleichen Grund auf gebratenen Speck oder Hum‐ 3.8 Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autorität 181 merfleisch.* Man ist schwulenfeindlich und könnte sich nichts Schöne‐ res vorstellen, als dass der Schöpfer des Universums es auch so sieht. Religion als Droge und, bei dieser Gelegenheit, der freie Wille Vielleicht haben Sie schon einmal den Begriff Entheogen gehört. Ge‐ meint sind damit chemische Substanzen, die Gotteserfahrungen und Gefühle der Allverbundenheit auslösen können. Entheogene werden seit Anbeginn der Menschheit zu rituellen Zwecken konsumiert, sei es Marihuana in Indien, Mescal in Zentralamerika oder Fliegenpilze in Sibirien. Heutzutage gibt es darüber hinaus künstlich hergestellte Sub‐ stanzen wie LSD oder Dimethyltryptamin (DMT), die eine sehr ähnli‐ che Wirkung entfalten können. Neben den Entheogenen, Aufputschmitteln wie Kokain und Seda‐ tiva wie Heroin gibt es noch andere Substanzen, die eine verblüffende Wirkung auf den menschlichen Geist haben. Das im Stechapfel und der Engelstrompete enthaltene Scopolamin etwa hat eine tödliche Do‐ sis von rund 100 Milligramm. Bei einer Dosis von etwa 5 Milligramm aber macht es hörig. Sie haben richtig gelesen. In Kolumbien gibt es jedes Jahr etwa 50.000 Fälle von betrügeri‐ schem Raub nach beeindruckendem Schema. Das Opfer bekommt ein wenig Pulver verabreicht. Manchmal genügt es, einen mit Scopolamin imprägnierten Straßenplan vorgesetzt zu bekommen, dessen Stäube man versehentlich inhaliert. Scopolamin kann aber auch durch die Augenschleimhaut aufgenommen werden, etwa wenn man eine gerin‐ ge Menge davon ins Gesicht geblasen bekommt. Hat das Gift seine Wirkung nach einigen Minuten entfaltet, sagt das Opfer zu fast allem ja. Man muss sich also vorstellen, dass es in kolumbianischen Ka‐ schemmen Dialoge wie den folgenden tatsächlich schon gegeben hat: Täter: „Hey, ich hab eine Idee: wir machen Dein Konto leer und geben alles einem Freund von mir.“ Opfer: „Abgemacht! Mir nach!“ 3.9 * „Aber alles, was in Meeren oder Flüssen lebt, alles Kleingetier des Wassers und alle Lebewesen, die im Wasser leben und keine Flossen oder Schuppen haben, seien euch abscheulich.“ Levitikus 11:10 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 182 Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verursacht Scopolamin nach erfolgtem Rausch auch beträchtliche Gedächtnislücken, da das auf die‐ se Weise betäubte Gehirn die Geschehnisse gar nicht erst mitschneidet wie sonst üblich. Es gibt Berichte von Menschen in Kolumbien, die morgens in ihrer leeren Wohnung aufwachten und sich nicht erinnern konnten, wie es dazu gekommen sein soll. Dabei haben sie am Abend zuvor im Scopolamin-Rausch den Umzugsservice selber beauftragt. Die Täter sind dann natürlich längst über alle Berge.40 Interessant daran ist, dass es offensichtlich möglich ist, Gefühle wie eine Gotterkenntnis oder die „Verbundenheit mit Allem“ durch Stoffe auszulösen, die sich mit einer chemischen, also ausgesprochen materiellen Formel darstellen lassen, und dass es anscheinend auch möglich ist, den freien Willen mit chemischen Mitteln auszuhebeln. Dürfen wir daraus Schlussfolgerungen ableiten über die Authentizität des Gottesgedankens oder die ausgesprochen materielle Natur des Be‐ wusstseins? Natürlich dürfen wir das. Die Wissenschaft darf alles, zu‐ mindest heute und in der westlichen Welt. Und was den freien Willen angeht: christliche Theologen setzen ihn als gottgegeben voraus, damit wir überhaupt sündigen können – im Islam leitet Allah recht, wen er will, was uns Kuffar zuweilen Nach‐ sicht mit der Vernachlässigung unserer Pflichten gewährt. Der Physio‐ loge Benjamin Libet ertüftelte im Jahre 1979 jedoch etwas anderes. Aufbauend auf den Experimenten von William Grey Walter, Hans Helmut Kornhuber und Lüder Deecke (life is a remix!) setzte er seine Probanden in einem Versuch vor einen Bildschirm, auf dem ein sich kreisförmig bewegender Punkt wie auf einem Ziffernblatt das Zeitmaß darstellte. Die Probanden sollten nun zu einem beliebigen Zeitpunkt die Hand bewegen, sich aber merken, an welcher Stelle auf dem Zif‐ fernblatt sich der Punkt befand, als sie den Entschluss fassten, die Hand zu bewegen. Parallel dazu wurde mit einem Elektromyographen gemessen, wann die Handbewegung tatsächlich einsetzte. Man erwar‐ tete natürlich, dass die Handbewegung nach dem willentlichen Ent‐ schluss erfolgen würde. Es stellte sich jedoch heraus: der bewusste Ent‐ schluss, die Hand zu bewegen, wurde im Schnitt erst 200 Millisekun‐ den NACH dem Einleiten der Muskelbewegung gefasst. Ihr Körper agiert und setzt Ihr Bewusstsein lediglich in cc, das sich dann getrost seine Kontrollhoheit einbilden kann, wenn es sich damit 3.9 Religion als Droge und, bei dieser Gelegenheit, der freie Wille 183 besser fühlt. Der Impuls aus Gehirnareal A kommt zuerst, und erst da‐ nach werden wir uns im Gehirnareal B dieses Impulses bewusst. Der Grund nun, warum wir unseren nervigen Arbeitskollegen nicht andauernd versehentlich die Schnauze polieren (und sie uns!) und wir Unbekannten bei Kontakt nicht sofort unser Erstaunen über ihre Hässlichkeit oder ihr Übergewicht mitteilen, ist eine Veto-Kraft, die schneller eingreift, als unser Bewusstsein mitschneiden kann. Das Unterbewusste trifft eine Entscheidung, die innerhalb von 100 Millise‐ kunden von der Veto-Kraft blockiert werden kann und ansonsten durchgelassen wird – weitere 100 Millisekunden später erreicht die Entscheidung dann unser Bewusstsein. Falls Sie glauben, Sie hätten je‐ derzeit die volle Kontrolle über Ihr handeln, liegt das daran, dass Sie bisher in keinem Moment Ihres Lebens etwas Anderes erlebt haben. Die Veto-Kraft zieht ihrerseits ihre Kriterien aus den gesellschaftlichen Normen, mit denen man aufgewachsen ist. Und ist es nicht erstaunlich, wieviel Arbeit den Theologen und Philosophen der Welt erspart werden kann, sobald jemand ein wissen‐ schaftliches Experiment ersinnt und damit einen Großteil ihrer bishe‐ rigen Überlegungen überflüssig macht? Glauben Sie mir, die mögen das gar nicht. Die Forscher Michael A. Ferguson und Jared A. Nielsen haben im Jahre 2016 ein Experiment mit 19 devoten Mormonen gemacht. Sie scannten ihre Gehirne in verschiedenen Situationen. In entspanntem Zustand, wenn sie ein Kirchenvideo über Mitgliederzahlen und Fi‐ nanzberichte schauten, wenn sie Zitate von kirchlichen Autoritäten la‐ sen, wenn sie beteten, wenn sie die Heilige Schrift lasen und wenn sie Videos von religiösen Ansprachen schauten.41 Bei jeder Situation wur‐ den die Probanden gefragt, ob sie gerade „den Geist spürten“. Die For‐ scher fanden heraus, dass das Gefühl, den Geist zu spüren, genau die gleiche Zone im Gehirn aktiviert wie Verliebt sein oder ein Drogen‐ rausch: den Nucleus accumbens, das Belohnungszentrum des Gehirns. Zusätzlich waren das Aufmerksamkeitssystem und der ventromediale präfrontale Cortex aktiviert, der als Moralitätszentrum gesehen wird. Dass diese Bereiche aktiviert werden, sollte nicht verwundern, wenn der Proband gerade seinem Lieblingsthema lauscht und das Thema Moral ist. Aber das Belohnungszentrum? Nennen Sie mich ruhig kleinlich und misstrauisch, aber wenn etwas das Moralzentrum und 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 184 das Belohnungszentrum gleichzeitig aktiviert, sind das gute Vorausset‐ zungen dafür, Homosexuellen die Schuld an einem Hurrikan zu geben oder Steine auf eingegrabene Ehebrecher zu werfen, sofern der Glaube ungestört wuchern kann. In dieser Hinsicht ist atheistischer Aktivis‐ mus ein Dienst am Mitmenschen, denn er erdet theologische Aufla‐ dungen. *** Die Ähnlichkeit der Gehirnprozesse bei religiöser Euphorie und beim Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen hat noch eine weitere Analogie. Ab dem Jahr 2014 beobachteten die Behörden eine beträchtliche Zahl von Islamkonvertiten, die sich im Nu radikalisierten und nach Syrien in den Kampf gegen das Assad-Regime zogen. Es ist wie bei jeder Droge – man muss sie dosieren lernen und neigt anfangs dazu, es zu übertreiben. Allzu menschlich. Nehmen wir nun eine Passage, die der evangelische Bischof Wolf‐ gang Huber im Rahmen der Debatte „Ohne Religion wäre die Welt besser dran“ von Disput Berlin im Jahre 2011 zur Verteidigung der or‐ ganisierten Religionen zum Besten gab. Er sprach im üblichen, intel‐ lektuell klingenden Duktus: „Früher konnte man über Glaubensgemeinschaften, religiöse Organisa‐ tionen großzügig hinwegschauen und sagen: ‚Der Humus, der setzt sich auch so fort, von Generation zu Generation‘. Heute ist das anders, Tradi‐ tionen wachsen nicht von selber, sie müssen gepflegt werden. Wie man Gottesdienst feiert, wissen die Menschen nicht mehr von selber, sie müs‐ sen es lernen. Und deswegen noch einmal: es ist gut, dass es das gibt. Ver‐ stehen Sie mich nicht falsch! Ich habe gelernt, Religions- und Kirchenkri‐ tiker zu sein. Ich weiß, dass Religionen und Kirchen ihren Gott auch oft zum Götzen gemacht haben. Ich weiß, dass sie selber oft hinter dem zu‐ rückgeblieben sind, was ihnen anvertraut ist. Sie haben das Vertrauen von Menschen missbraucht und damit auch das Gottvertrauen geschwächt. Sie haben egoistisch gehandelt, die Gewalt verherrlicht und damit auch der Nächstenliebe einen Bärendienst erwiesen. Und trotzdem, ich weiß keine andere Instanz, die ein wirksameres Gegenmittel ist, wie auch gegen das, was im Namen der Religion schief gelaufen ist, als die Religion selbst. Deswegen bin ich tief davon überzeugt: die Trennlinie, die wir heute ha‐ ben, die geht nicht zwischen Vernunft und Religion, sie geht zwischen Fundamentalismus und Toleranz, sie geht zwischen Unbarmherzigkeit und Barmherzigkeit.“42 3.9 Religion als Droge und, bei dieser Gelegenheit, der freie Wille 185 Und nun stellen wir uns ein solches Statement einmal aus dem Munde des Kokainkönigs Pablo Escobar vor, wie er zu einem Süchtigen mit schweren Entzugserscheinungen spricht. „Das Geschäft wächst nicht von allein, es muss gepflegt werden. Wie man im Geschäft bleibt, wissen die Menschen nicht mehr von selber, sie müs‐ sen es lernen. Und deswegen noch einmal: es ist gut, dass es das gibt. Ver‐ stehe mich nicht falsch! Ich habe gelernt, Drogen- und Kartellkritiker zu sein. Ich weiß, dass die Kartelle zuweilen unnötig hart vorgegangen sind. Ich weiß, dass sie selber oft hinter dem zurückgeblieben sind, was ihnen anvertraut ist. Sie haben das Vertrauen von Menschen missbraucht. Sie haben egoistisch gehandelt, die Gewalt verherrlicht. Und trotzdem, ich weiß keine andere Substanz, die ein wirksameres Gegenmittel ist, wie auch gegen das, was im Namen des Kokains in deinem Körper gerade schief läuft, als das Kokain selbst, das du dir umgehend und gegen einen kleinen Obolus ins Gehirn schnupfen solltest. Und wie sonst wohl sollten ich und die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, dir diese Sub‐ stanz wohl regelmäßig und in verlässlicher Qualität zukommen lassen, wenn wir nicht organisiert vorgehen.“ Der österreichische Kabarettist Gunkl beschreibt das Bedürfnis der Menschen, auch aus seichten bis inhaltslosen Texten Honig zu saugen, in seinem unnachahmlichen Wienerisch so: "Wir glauben, dass wir Menschen einander verstehen. Mhm. Und wenn man sagt: ‚Das Unsichtbare bleibt dem Auge meist verborgen‘, dann ni‐ cken die allermeisten gleich einmal in verzückter Betulichkeit so, als hätte man da etwas sehr Kluges gesagt. Die, die nach zwei Sekunden ein stump‐ fes Stöhnen von sich geben, mit denen ist ein sachlich ergiebiges Ge‐ spräch möglich. Die, die weiterhin nicken, sollte man in ihrem Glück las‐ sen." Muslimischerseits wird sich oft Kritik am Islam damit verbeten, dass man als Nichtmuslim ja keine Ahnung vom Islam hat und daher bes‐ ser nichts darüber sagen sollte. Wie wenig subtil hier angedeutet wird, dass Nichtmuslime kein Recht haben, sich ein Urteil zu machen.* Ich kann verstehen, dass man in einer Welt, in der Islamkritiker sozial aus‐ gegrenzt oder getötet werden, nicht mehr gewohnt ist, auf Widerstand zu treffen. Das aber ist ein Defizit der islamischen Welt und keine Stär‐ ke. Es ermöglicht eine immer stärkere Flucht in religiöse Ideen mit * Das Recht, über den Islam zu sprechen, wird Exmuslimen übrigens auch mit schö‐ ner Regelmäßigkeit abgesprochen. Man darf sich nämlich nur über den Islam äu‐ ßern, wenn man dafür ist. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 186 einer spätantiken Ethik, in mangelnde Bildung, hohe Geburtenraten bei geringem Einkommen, in Fremdenhass, in eine systematische Ver‐ meidung von Demokratie, in erhöhte Kriegsbereitschaft sowie in wis‐ senschaftlichen und technologischen Rückstand. Bildungsmangel, ho‐ he Geburtenrate und wissenschaftlicher und technologischer Rück‐ stand wiederum fördern Armut und Religiosität. Die Religion gibt auch vor, dass der Mann die Familie ernährt und die Frau die Kinder großzieht. Geht die Wirtschaft mangels qualifiziertem Personal den Bach runter, kann der Mann mangels Beschäftigung seiner Hauptauf‐ gabe nicht nachkommen, was ihn als Versager dastehen lässt. Alles, was er dann noch hat, sind Stolz und feste Überzeugungen. Da der Gläubige von Kindesbeinen an gelernt hat, dass der Islam perfekt ist und dieses Leben nur eine Prüfung darstellt, ist es einladend, sich in die Religion zu flüchten. Ein Teufelskreis, der nur der Steigerung der Religiosität und der Verminderung von Lebensqualität dient und den der Allmächtige anscheinend nicht vorhersehen konnte – oder er will es so haben. Als Atheist sehe ich das so: Ich sehe deine Heruntergekommen‐ heit, die Nadelstiche in deinen Armen, die zerkratzte Haut, die schlechten Zähne, die mangelnde Körperhygiene, die Unterernährung und die wenig verheißungsvolle Zukunft, und du verbittest Dir tat‐ sächlich, dass ich als Nüchterner über Heroin spreche, ohne es je selbst genommen zu haben? Ich sehe dich und erkenne dein Problem, aber ich muss dein Problem nicht selbst durchleben. Vielmehr würde es mich eventuell dazu bringen, dein Problem genauso wegzurationalisie‐ ren, wie du es tust. Irgendjemand hier muss nüchtern bleiben; die Be‐ rauschten saßen lange genug am Steuer. Der Islam verbietet Alkohol, damit er die einzige verbleibende Droge im Leben des Muslims ist.* Eine weitere Parallele findet man bei Verschwörungstheoretikern. Es verursacht sicher kein Hochgefühl, wenn man sich von Kartellen aus Wirtschaft, Militär oder reptiloiden Außerirdischen umzingelt sieht, oder von Politikern, die die Deutschen „umvolken“ wollen. Man erhält den Endorphinkick vielmehr dadurch, dass man sich schlau vorkommt und glaubt, eine Bedrohung erkannt zu haben, gegen die * Das aber hat nicht vollständig funktioniert. Wenn Sie einmal den Nahen Osten be‐ reisen, werden Sie feststellen, dass die Menschen sich ihren Kick dort von Coffein, Nikotin und Zucker holen. 3.9 Religion als Droge und, bei dieser Gelegenheit, der freie Wille 187 man sich nun dadurch wehren kann, dass man diese gefühlte Ver‐ schwörung in jeder noch so banalen Aussage eines Kommunalpoliti‐ kers bestätigt findet. Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt Zu Beginn dieses Abschnitts möchte ich Ihnen eine Passage aus der 15. Ausgabe des IS‑Hausmagazins Dabiq ans Herz legen, die wir einmal einsickern lassen sollten. Die Erzählerin im Artikel „Wie ich zum Islam kam“ nennt sich Umm Khalid al-Finlandyyah. Umm Khalid war ein palästinensisches Dorf, das bei der Gründung von Israel geräumt wur‐ de. Umm Khalid kann aber auch „Mutter von Khalid“ bedeuten, und al-Finlandyyah bedeutet schlicht „aus Finnland“. Einleitend erzählt sie uns, wie sie schon immer an einen Schöpfer glaubte, aber im Christen‐ tum nie eine wahre Religion erkannte. Ihr erster Mann war ein nicht praktizierender Muslim, ihr zweiter erzählte ihr vom Dschihad. Eines Tages wurde er von den finnischen Behörden wegen Terrorismusver‐ dachts verhaftet. Nach seiner Freilassung beschlossen sie, gemeinsam in das Kalifat auszuwandern. Sie schreibt: „Ich kann das Gefühl nicht einmal beschreiben, das man hat, wenn man das Kalifat betritt. Es ist so ein Segen von Allah, dass man Gelegenheit hat, im Kalifat zu leben. Wenn man ins Kalifat kommt, nachdem man alles für Allah aufgegeben hat, wird man natürlich weiterhin geprüft. Man erlebt Mühsal und Strapazen, aber jeden Tag dankt man Allah, dass er einem er‐ laubt hat, die Hidschra [Auswanderung] zu machen und unter der Scha‐ ria zu leben. Das Leben im Islamischen Staat ist so ein Segen! Es gibt Schwierigkeiten und harte Umstände, man ist an das Essen oder die Än‐ derung im Leben nicht gewohnt, man spricht die örtliche Sprache nicht, man hört Bombardierungen und die Kinder haben Angst, doch nichts da‐ von nimmt einem die Dankbarkeit gegenüber Allah, dass er einem er‐ laubt, hier zu sein. Darüber hinaus muss man erst hier leben um zu bemerken, was für ein Leben man vorher gehabt hat. Das Leben hier ist so viel reiner. Im Dar al- Kufr [dem Lande des Unglaubens] setzt man sich und seine Kinder so viel Schmutz und Verdorbenheit aus. Man macht es Satan leicht, einen ir‐ rezuführen. Hier lebt man ein reines Leben, und die Kinder wachsen mit vielen guten Einflüssen auf. Sie müssen sich ihrer Religion nicht schämen. Sie haben die Freiheit, stolz darauf zu sein, und bekommen von Anfang 3.10 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 188 an den richtigen Glauben. Nachdem wir vier Monate hier waren, wurde mein Sohn zum Märtyrer, und das war noch ein weiterer Segen. Wann immer ich darüber nachdenke, frage ich mich: „Welches Ende hätte er wohl gefunden, wenn ich im Dar al-Kufr geblieben wäre? Was wäre ihm zugestoßen? Alhamdulillah, all das blieb ihm erspart, und was könnte besser sein, als dass er für die Sache Allahs starb? Es ist offensichtlich nicht einfach, aber ich bitte Allah darum, dass wir uns ihm anschließen dürfen.“43 Lesen Sie die letzten Sätze noch mal, falls Sie es nicht glauben können. Beachten Sie, wie die Erzählerin den Tod ihres Sohnes, den sie vor einem der besten Gesundheits- und Bildungssysteme der Welt „geret‐ tet“ hat, einfach wegrationalisiert. Sie bildet sich ein, ihm tatsächlich das Beste aller denkbaren Schicksale beschert zu haben. Allah hat ihm erlaubt, die Abkürzung ins Paradies zu nehmen, indem er für Allahs Sache starb, durch eine Bombe des syrischen Regimes oder einen ame‐ rikanischen Drohnenangriff. Alles, aber auch wirklich alles in ihrer Welt ist jetzt entweder eine Prüfung Allahs oder gleich ein Segen Al‐ lahs. Indem sie sich selbst, ihren Entscheidungen und den Geschehnis‐ sen bei jeder Gelegenheit recht gibt, steht hinter jedem einzelnen Satz ein kleiner Endorphinkick. Sie ist süchtig danach geworden. Alle Fragen, die sie jemals an das Leben gehabt haben könnte, sind beantwortet: es ist eine Prüfung oder es ist ein Segen, meistens beides.* Mehr Antworten hat der Islam nicht, und mehr braucht er auch nicht. Sie ist besessen von dem Gedanken, das theologisch Richtige zu tun. Ihr Leben ist ein einziger, glücklich machender Bestätigungsfehler ge‐ worden, dem selbst der Kriegstod ihres Sohnes nichts mehr anhaben kann. Es war kein Segen von Allah. Sie hat ihren minderjährigen Sohn in ein Kriegsgebiet geführt, aus dem die Menschen zu Millionen flie‐ hen. Sie hat die Fesseln der Realität hinter sich gelassen und schwebt in einer mentalen Wolke aus Denkfehlern, die rauschartig glücklich ma‐ chen, gerade weil sie dem Elend einen vermeidlichen Sinn geben. Das letzte, was solche Menschen wollen, ist eine tatsächliche Beseitigung des Elends. * Denn natürlich ist auch die Prüfung ein Segen Allahs – er kümmert sich um sie und prüft sie, um sie auf den richtigen Weg zu lenken. Und das Beste daran ist: es muss ihn gar nicht geben, die Vorstellung genügt völlig. 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 189 Das Magazin Dabiq ist Propaganda, richtig. Das Verstörende da‐ ran ist aber, dass jede Propaganda auf der Welt uns mit Dingen mani‐ pulieren soll, die bei uns Zustimmung bewirken. Sie soll Zweifel beim Gegner sähen und die eigenen Anhänger in ihrem Weltbild bestärken. Stellen Sie sich vor, wer Sie sein müssen, um Ihr Weltbild in diesen psychotischen Zeilen bestätigt zu finden. Es würde nicht funktionieren, wenn der religiöse Knopf, den die Autoren hier drücken, nicht mit et‐ was im muslimischen Gehirn verdrahtet wäre. Menschen lesen diese Zeilen und empfinden nichts Anderes dabei als Stolz oder Neid auf ihre Glaubensfestigkeit, denn es ist tugendhaft von ihr, sich vom Tod ihres Sohnes nicht im Glauben erschüttern zu lassen. Entfernen Sie einmal das religiöse Element aus ihrem Text. Funktioniert das, was üb‐ rig bleibt, auch ohne Religion? Ein anderes Beispiel gibt uns Maryam Mohammad Yousif Farhat aus Palästina, die auch unter dem Namen Umm Nidal bekannt war, was „Mutter der Anstrengung“ heißt. Sie war eine palästinensische Po‐ litikerin, die ihre Söhne ohne zu zögern in den Märtyrertod schickte. Mohammed, einer dieser Märtyrer, schlich sich im März 2002 in eine israelische Siedlung, warf Handgranaten und schoss mit seiner Ka‐ laschnikow, bis ihm die Munition ausging und er von der israelischen Polizei erschossen wurde. In einem Fernsehinterview mit dem Sender Dream2 TV im Dezember 2005 sprach sie freimütig darüber, wie sie ihn auf seine Mission schickte. Ein Auszug aus dem Interview44: Umm Nidal: Die Operation war sehr erfolgreich, Allah sei gepriesen. Zehn Soldaten wurden getötet und 23 verletzt. Interviewerin: Die Verluste des besetzenden Gegners sind Ih‐ nen wichtiger als Ihr eigener Verlust – und ich meine das nicht negativ. Doch Sie konzentrie‐ ren sich auf das Ergebnis der Operation, nicht auf das Leben Ihres Sohnes. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 190 Umm Nidal: Natürlich habe ich gehofft, dass er zum Märty‐ rer wird. Wenn er zurückgekehrt wäre… ehr‐ lich, es gab kein Zurück von dieser Operation. Das Märtyrertum war in dieser Operation un‐ ausweichlich. Er betrat die Siedlung, und es gab keine Möglichkeit, da wieder herauszu‐ kommen. Sein Märtyrertum war unausweich‐ lich. Ich hab ungeduldig auf das Ergebnis der Operation gewartet. Ich hatte nicht einmal ge‐ hofft, dass er mehr als zwei Soldaten töten würde. Wenn ein Märtyrertum-Suchender eine Sied‐ lung betritt, dann ist das bereits ein Triumph an sich. Es ist sehr schwer durchzuführen, die Siedlungen sind sehr schwer befestigt. Es ist schwierig für einen Märtyrertum-Suchenden, dort hineinzugelangen. Als ich vom Ausgang der Operation hörte, war ich ehrlich gesagt traurig über meinen Sohn. Das kann man nicht ignorieren. Interviewerin: Haben Sie geweint? Umm Nidal: Zu Anfang habe ich nicht geweint. Ich sagte „Allahu akbar“ und verbeugte mich in Dank‐ barkeit. Ehrlich gesagt war ich beschämt zu sa‐ gen: ‚Allah, hilf mir in meiner Tragik!‘, denn ich betrachte es als Segen, nicht als Tragödie. Ich hatte Schachteln mit Halva und Schokola‐ de vorbereitet und verschenkte sie an seine Freunde. 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 191 Interviewerin: Entschuldigen Sie, Umm Nidal, aber im Wes‐ ten hat diese Szene… nicht nur verstehen sie es nicht. Sie verstehen nicht, wie eine palästi‐ nensische Mutter bei der Beisetzung ihres Sohnes jubeln und Allahu akbar sagen kann, wenn sie von seinem Märtyrertod erfährt. Sie finden das nicht nur verwunderlich, sie kriti‐ sieren es auch. Sie sagen, diese palästinensi‐ schen Frauen haben offensichtlich keine menschlichen Gefühle. In anderen Worten, keine Mutter auf der Welt, egal wie edel die Sache oder wie erfolgreich der Ausgang, würde so reagieren. Über Sie und all die Mütter Palästinas ist schon viel ge‐ schrieben worden. Sie verstehen solche Emo‐ tionen einfach nicht. Umm Nidal: Die sind vom Islam und seinen Konzepten völlig abgewandt. Doch wir, Allah sei geprie‐ sen, sind fromme Muslime. In dieser Hinsicht herrscht ein großer Unterschied zwischen uns und ihnen. Sie verstehen nicht, was der Islam ist. Interviewerin: Aber Menschen sind doch alle gleich. Unser Herr erschuf nur eine Sorte Mensch. Umm Nidal: Natürlich, und als menschliches Wesen emp‐ finde ich diese Gefühle sehr tief. Glauben Sie mir, wenn es um meine Söhne geht, bin ich eine der mitfühlendsten Mütter. Aber dies hier ist eine heilige Pflicht, an deren Stelle kein Ge‐ fühl auf der Welt treten kann. Interviewerin: Ist es wahr, dass während des Rückzuges… 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 192 Umm Nidal: Wir können nicht aufhören zu opfern, nur weil wir Schmerz empfinden. Was bedeutet denn das Opfer? Man opfert, was einem wert‐ voll ist, nicht was geringen Wert hat. Meine Kinder sind das Wertvollste in meinem Leben. Deshalb opfere ich sie für eine höhere Sache – für Allah, der wertvoller ist als sie. Mein Sohn ist nicht wertvoller als sein Gott. Er ist nicht wertvoller als die Orte, die dem Islam heilig sind, und er ist nicht wertvoller als seine Hei‐ mat oder sein Islam. Ganz und gar nicht. Interviewerin: Manche Leute sagen: warum bereiten Sie Ihre Söhne auf den Tod vor, wenn Sie sie auf das Leben vorbereiten könnten? Ich meine nicht Leben im Sinne von Vergnügen, doch viel‐ leicht könnten sie mehr im Leben tun als im Tode. Wenn diese Leute diese jungen Männer sehen, dann könnten sie sagen, sie hätten gro‐ ße militärische Anführer werden können oder große Denker. Sie hätten viel mehr Verluste verursachen können als dadurch, ihre Leben ins Verderben zu stürzen. Umm Nidal: Aber er wirft sich nicht in den Tod oder ins Verderben. Dies ist nicht der Tod. Man nennt es nicht Tod, sondern Märtyrertum. […] Interviewerin: Sie haben zehn Söhne? Umm Nidal: Ja, Allah sei gepriesen. Interviewerin: Wenn ein weiterer getötet wird… Umm Nidal: Es gibt viele junge Männer. Interviewerin: Wird Ihr Herz dann mit unsäglichem Leid ge‐ füllt sein? Umm Nidal: Nein, nein, Allah sei gepriesen. Ich bin vorbe‐ reitet. Ich werde sie alle opfern. Wenn meine Pflicht verlangt, sie alle zu opfern, werde ich mich nicht weigern. Und wenn es mich hun‐ dert Söhne kostet. Fällt Ihnen ein medizinischer Begriff dafür ein? Für die Kaltherzigkeit selbst kenne ich keinen Begriff, wohl aber für die Ursache, die hinter all diesem steht: den Gedanken an das Paradies, das man als Märtyrer 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 193 auf dem Expressweg erreichen kann. Er ist die Ursache dafür, dass Menschen wie Umm Nidal sich so kaltherzig benehmen können, ob‐ wohl sie sich selbst als mitfühlend betrachten, und der medizinische Ausdruck lautet Paranoia. Paranoia ist definiert als ein Leiden, bei dem der Leidensträger durchaus zu rationalen Entscheidungen fähig ist, jedoch eine falsche Ausgangssituation vermutet. Das Verfolgtwerden, die Untreue des Partners oder der Verrat durch Angestellte müssen nicht stattgefunden haben; stattdessen beherrscht die Angst vor diesen Ereignissen das Handeln des Erkrankten, und er wird Maßnahmen ergreifen, um diese Ereignisse zu verhindern. Er spioniert, überwacht, stellt Fallen, stellt zur Rede, akzeptiert keine Argumente. Je besser man ihn vom Gegen‐ teil überzeugen könnte, je besser die Argumente sind, desto misstraui‐ scher wird der Paranoiker. Es klingt einfach zu gut, zu überzeugend, dieses Argument wurde nur entwickelt, um mich zu täuschen! Also habe ich recht! Umm Nidal ist überzeugt von der falschen Annahme, es gäbe einen Schöpfer, der uns Regeln und ein Jenseitsversprechen gab. Auf diesem falschen Pfad navigiert sie durchaus logisch, beschert ihren Söhnen den Märtyrerstatus, sie opfert was ihr wichtig ist, und wenn der Rest der Welt es nicht versteht, dann liegt das Problem bei denen. Sie sind vom Islam abgewandt und können sich daher gar kein Urteil erlauben. Sicher wäre es unhöflich und der Sache wenig hilfreich, jedem reli‐ giösen Menschen gleich vorzuwerfen, dass er einen an der Waffel hat. Dennoch lassen sich gewisse Parallelen nicht leugnen, und vor allem hängt es davon ab, wie ernst der Religiöse seine Religion nimmt. Rich‐ tet er sein ganzes Leben nach der Einhaltung religiöser Vorschriften aus und versucht, andere ebenfalls davon zu überzeugen, weil ihnen sonst die Hölle droht, dann nimmt er die Sache sicherlich auf klinische Weise zu ernst. Genau das aber erwarten die monotheistischen Religionen vom Individuum, und dass das Christentum heute nicht mehr so viel Druck auf das Individuum ausübt wie der Islam liegt daran, dass der säkulare Staat ihm die Zähne gezogen hat. Wie die Religion das Leben der Menschen im Mittelalter bestimmt hat, lässt sich am heutigen Islam noch gut beobachten. Die Hölle ist dort noch nicht als Angstmacherei 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 194 von annodazumal erkannt worden. Ein beträchtlicher Prozentsatz der Muslime der Welt lebt sein Leben, als gäbe es die Abzweigung zwi‐ schen Himmel und Hölle nach ihrem Tod wirklich – in einer Pew-Stu‐ die aus dem Jahr 2012 glaubten 85 Prozent und mehr der befragten Muslime im Nahen Osten an eine Hölle.45 Und da der Islam viel aus seinen beiden Vorgängerreligionen gelernt hat, schreibt er auch gleich von Ungläubigen, die die Gläubigen zu verwirren suchen: „O die ihr glaubt, nehmt keine Vertrauten außer von euch. Sie scheuen keine Mühe, euch zu verwirren, und möchten gern, dass ihr in Bedräng‐ nis geratet. Schon wurde aus ihren Mündern Hass offenkundig, aber was ihre Brüste verborgen halten, ist (noch) schwerwiegender. Wir haben euch die Zeichen bereits klargemacht, wenn ihr begreifen wollt.“ Sure 3:118 Hier wird dem Muslim ein zentrales Element der Paranoia direkt auf dem Silbertablett serviert: Bleib bei deinesgleichen, die anderen wollen dich täuschen, sie hassen dich, und wer weiß was die noch alles vorha‐ ben! Du weißt es doch besser! Wenn der Schöpfer des Universums das sagt, ist jeder Widerspruch sinnlos und bestätigt den Gläubigen nur in seiner Ansicht. Die Folge: man wähnt sich im Krieg, ist aber keinesfalls der Angreifer, sondern verteidigt sich immer nur. Die militärischen In‐ terventionen der USA im Nahen Osten haben dieses Narrativ zweifels‐ frei genährt, aber es war schon vorher vorhanden und ist der Grund, warum die Interventionen der USA in Südamerika oder Südostasien zwar ebenfalls Millionen ziviler Opfer, aber keinen globalen kommu‐ nistischen Dschihad verursacht haben. Das ist eine islamische Speziali‐ tät. Religion, ernst genug genommen, ist erlernte Psychose. Menschen wie Umm Nidal sind nicht der Grund, warum ich Athe‐ ist bin. Ich bin Atheist, weil ich die Argumente der Religionen nicht überzeugend finde. Menschen wie Umm Nidal sind aber der Grund, warum ich atheistischer Aktivist bin. Wenn ein gewisser Prozentsatz der Gläubigen immer verlässlich an diesem Stadium des religiösen Wahns angelangt, dann müssen wir unser Wort dagegen erheben, sonst wird es immer so weitergehen und sich nie etwas ändern. Unser 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 195 Schweigen wird von diesen verwirrten Gehirnen nur als Zustimmung oder als Einknicken gewertet.* Doch leider ist die Idee Islam in der arabischen Welt so stark, dass auch ihre landeseigenen Kritiker nur wenig erreichen. Im März 2018 veröffentlichte das Middle East Media Research Institute (MEMRI) ein Video aus dem ägyptischen Fernsehen. Dort war der Ägypter Moham‐ mad Haschem ein- bzw. vorgeladen und kam über zwei Sätze nicht hi‐ naus: dass es keine wissenschaftlichen Hinweise auf die Existenz Got‐ tes gäbe und dass er keine Religion brauche, um moralische Werte zu besitzen und ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein. Der Moderator Mahmoud Abd Al-Halim entschuldigte sich umgehend bei den Zuschauern, einen solchen Ägypter in seiner Sendung zu haben. Er bezeichnete Haschem als verwirrt und unzurechnungsfähig, seine Ideen als Ketzerei, unangemessen und zerstörerisch und nannte ihn ein schlechtes Beispiel für die ägyptische Jugend. Der Moderator und sein anderer Gast Mahmoud Ashour von der al-Azhar-Universität empfahlen ihm, sofort das Studio zu verlassen und umgehend einen Psychiater aufzusuchen.46 Wenn die Psychose gesellschaftliche Norm geworden ist, ist der Gesunde der Verrückte. Interessanterweise spricht man von religiösem Wahn erst, wenn je‐ mand sich für Jesus oder die Jungfrau Maria hält – ein Leiden, das so‐ gar den Namen Jerusalem-Syndrom trägt und hauptsächlich Reisende befällt, die sich den lang ersehnten Wunsch erfüllen, das Heilige Land aufzusuchen. Jede andere Art, die Religion zu ernst zu nehmen, ist für wahre Gläubige ein Kompliment, für den Rest der Welt eher gruselig. *** Am Valentinstag 2016 ging ein Foto durch Facebook, auf dem zwei Musliminnen Zettel mit den Worten „We are Muslim – No Valentines Day!“ hochhielten. Ich habe mich daher aufgrund dieser Steilvorlage an die Recherche gemacht und wurde auch schnell fündig. * Unsere Kritik auch, keine Bange. Ich bilde mir nicht ein, jemand Verlorenes wie Umm Nidal noch bekehren zu können. Es wäre aber schön gewesen, wenn sie bei ihren Missionierungsversuchen auch mal Widerstand erfahren hätte, denn letzten Endes geht es bei jeder Debatte nur um die Meinung des Zuschauers. Menschen wie Umm Nidal können nur im Vergleich mit Gesunden als krank identifiziert werden. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 196 Auf einer Vielzahl von Websites kann man nachlesen, dass das Be‐ gehen des Valentinstages haram ist, also verboten. Ist es dem Muslim doch schließlich nicht erlaubt, andere Feste als die des Islam zu bege‐ hen. Den Valentinstag zu begehen wäre also ein Nachahmen der Kuf‐ far, und dafür droht das Höllenfeuer. In Saudi-Arabien und im Iran sind einige Tage vorher bereits keine Blumen mehr erhältlich, denn je‐ mand könnte sie seiner Frau schenken. Es ist verboten, sich lieb zu ha‐ ben, es sei denn, man tut es nach islamischen Regeln. Man fragt sich, ob man es mit der Religion noch mehr übertreiben könnte. Versuchen Sie sich die seelische Panik vorzustellen, die man haben muss, wenn man hinter jeder noch so harmlosen Geste eine Sünde vermutet. Alles muss bewertet und genehmigt werden. Das ist die Perfektion der Unfreiheit. Wer denkt im Westen heute noch an Va‐ lentin von Rom, den christlichen Märtyrer, der Paare christlich traute und dafür am 14. Februar 273 n. Chr. hingerichtet wurde? Niemand. In der islamischen Welt scheint man zu glauben, wir würden das Christentum genauso ernst nehmen wie sie den Islam. Angesichts der überwältigenden Beweislage halte ich die Zeit für reif, Religionen ebenso zu behandeln und vor allem zu tun, was wir zu lange nicht getan haben: Die Apologeten und ihre Behauptungen mit Logik und guten Argumenten zu konfrontieren. Lasst sie wissen, dass sie uns nicht alles auf die Nase binden können! Hört auf, Euch aus un‐ angebrachtem Respekt vor irren Ideen die Butter vom Brot nehmen zu lassen! Beleidigt sie nicht, aber macht ihnen klar, dass ihr nur den Menschen respektiert, nicht aber die hanebüchene Idee, für die er eine Extrawurst will. Das Aufgeben kritischen Denkens und die Standhaf‐ tigkeit im Angesicht unwiderlegbarer Argumente sind keine Tugenden, sondern eine Schande für unsere Spezies. Zu fordern, dass wir schwei‐ gen, damit Religionen nicht beleidigt werden, ist keine Grenze unserer Meinungsfreiheit. Es ist der Abstieg in die Theokratie. Wie der amerikanische Neurologe Sam Harris einmal sagte: „Wenn Sie morgen früh aufwachen und glauben, dass ein paar lateinische Worte über Ihren Pfannkuchen Sie in den Körper von Elvis Presley ver‐ wandeln, haben Sie eine Schraube locker. Wenn Sie mehr oder weniger das Gleiche von einer Oblate und dem Körper von Jesus Christus glauben, sind Sie lediglich Katholik.“ 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 197 Dass das eine uns behandlungswürdig erscheint und das andere nicht, liegt an den gesellschaftlichen Normen, unter denen wir großgewor‐ den sind. Mehr nicht. Es hat nicht den geringsten Einfluss darauf, ob die Sache stimmen mag. Prägung Wenn wir gewisse Überzeugungen von unserem Umfeld übernommen haben, werden wir sie ernst nehmen, denn das von den Eltern über‐ nommene Weltbild zu verwerfen setzt die Überwindung eines kogniti‐ ven Konflikts voraus und geschieht nie über Nacht. Es hat Jahre gedau‐ ert, bis ich mich zum Vegetariertum bereit fühlte, obwohl mir die Ar‐ gumente schon lange bekannt waren und nicht minder einleuchteten als heute. Seit 1990 hat die Bevölkerung Deutschlands leicht zugenommen, der Tabakkonsum hat sich jedoch ungefähr halbiert. Der Grund dafür ist die konstante Aufklärung über die Gefahren des Rauchens, ein Ver‐ bot von Tabakwerbung in Fernsehen, Radio und Kinos. Ich empfinde es im Nachhinein als unglaublich, dass ich (abgesehen von den ver‐ qualmten Haushalten, in denen ich mich bewegte) in einer Welt aufge‐ wachsen bin, in der es Schokoladen- und Kaugummizigaretten für Kinder gab, mit denen sie ihre Idole schon mal imitieren konnten, bis sie alt genug waren, sich echte Zigaretten zu kaufen. Ironischerweise wollen die Erwachsenen für ihre Kinder nur das Beste, und jeder Rau‐ cher wäre insgeheim gerne Nichtraucher. Schokoladen- und Kaugummizigaretten sind in Deutschland bis heute noch nicht verboten worden, aber acht EU-Staaten haben diese Produkte bereits vom Markt genommen, da sie Kindern das Rauchen als erstrebenswert oder cool suggerieren. Allein die Tatsache, dass gro‐ ße Tabakfirmen die kindgerechten Imitate ihrer Produkte nie marken‐ rechtlich belangt haben, sollte demonstrieren, dass sie es als Werbung für ihre Produkte und als Rekrutierung künftiger Kunden betrachten. Menschen, die an eine flache Erde glauben, Tabakwerbung und Religi‐ on sind Beispiele dafür, dass man Menschen alles einreden kann, sei es noch so unsinnig oder schädlich. Ich kann es mir mit der fehlerhaften 3.11 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 198 Konstruktion des menschlichen Geistes erklären. Gibt es allgemein ein besseres Argument für Nachsicht mit dem Mitmenschen? Versuchen Sie sich vorzustellen, wie groß die Macht des Wunsch‐ denkens und des von Kindesbeinen auf Erlernten gegenüber dem ra‐ tionalen, kritischen Teil Ihres Gehirns ist. Wahrlich, der Glaube kann Berge versetzen, wenn man nur Ochse genug ist oder schon im Säug‐ lingsalter vor diesen Pflug gespannt wurde. Wie wir die Welt sehen, hängt sehr entscheidend davon ab, mit welchen Werten wir aufgewachsen sind oder welche Werte wir aus ei‐ gener Entscheidung leben – also davon, welche Normen wir über län‐ gere Zeit inhaliert haben. Nicht nur prüfen wir dann Inhalte auf ihre Verträglichkeit mit unseren Überzeugungen, sondern wir sind, eine entsprechend starke Prägung vorausgesetzt, irgendwann auch nicht mehr in der Lage, den Inhalt einer neutralen Aussage unverzerrt wahr‐ zunehmen. Nehmen wir einmal die folgende Aussage: „Der Bau des Weißmeerkanals bei St. Petersburg unter Josef Stalin hat ei‐ nige zigtausend Zwangsarbeiter das Leben gekostet. Dennoch gibt es heu‐ te in Russland einen Wodka, der nach dem Weißmeerkanal benannt ist. Einen Doppelkorn ‚Mittelbau‘ gibt es in Deutschland nicht!“ Wenn Sie betont links sind und nicht wissen, welche Gesinnung die Person hat, die den obigen Satz ausspricht, dann werden Sie zu der Annahme neigen, die Person wolle damit den Mittelbau relativieren, der im Dritten Reich ebenfalls einige zigtausend Todesopfer gefordert hat. Sie werden annehmen, dass der Tenor der Aussage sei, die links‐ grünversifften Gutmenschen sollten sich mal nicht so anstellen - ande‐ re Kinder spielen schließlich auch mit Kacke. Eventuell bedeutet es für Sie, dass die Person solche Verbrechen sogar gutheißt. Erkennen Sie, wie viel davon bloße Projektion ist? Eigentlich alles. Sie vermuten das Schlimmste und ziehen dann die Schlussfolgerung, dass die Person zum ideologischen Feind gehört und die linksgrünver‐ sifften Gutmenschen, zu denen er Sie zählt, naiv gegenüber der Reali‐ tät sind. Sollte die Person weitere ambivalente Aussagen machen, wird sich Ihr Urteil bestätigen – sollte sie etwas klarstellen wollen, will sie sich dann nur rausreden. Sie haben sie doch in flagranti erwischt! Die Person könnte aber auch gemeint haben, dass Deutschland bei der Aufarbeitung seiner geschichtlichen Verfehlungen weiter ist als 3.11 Prägung 199 Russland, das immer noch ein viel zu romantisches Verhältnis zur Ge‐ schichte der Sowjetunion hat. Die Person könnte die gleichen Ansich‐ ten haben wie Sie, aber Sie haben, als Sie diese Worte hörten, im Ge‐ hirn den falschen, den inquisitorischen Kanal offen gehabt. Und je stärker Sie an Ihren Mitmenschen herummoralisieren, desto öfter ha‐ ben Sie diesen Kanal offen. Wenn Sie betont rechts sind und die obige Aussage über den Weißmeerkanal hören, werden Sie den linksgrünversifften Gutmen‐ schen vorwerfen, es zu übertreiben, denn die anderen Kinder sehen sich ja nicht dazu genötigt, sich in ihren Schandtaten zu wälzen, und wer es als erster und einziger tut, begibt sich freiwillig in eine Position der Schwäche. Oder Sie sind von der wirklich dummen Sorte und träumen tatsächlich davon, andere bis zum Tode schuften zu lassen, weil sie zu einem anderen Volk oder Kulturkreis gehören als Sie. Wenn Sie das Christentum lange und tief inhaliert haben, werden Atheisten Ihnen wie Verrückte vorkommen, die wider besseres Wissen mit hysterisch lachender Fratze auf den Abgrund zu torkeln und drin‐ gend gerettet werden müssen. Dass ein solches Verhalten unerklärlich ist, macht Sie nicht misstrauisch gegenüber Ihrem eigenen Gedanken‐ gang, und es würde Sie auch niemals zu der Vermutung veranlassen, dass Sie mit Ihrer Einschätzung falsch lägen. Atheisten können gar nicht Recht haben, denn Sie liegen ja bereits richtig, und beides geht nicht. Die frühkindliche Prägung dürfte auch der Grund sein, warum die Wissenschaftler vergangener Jahrhunderte allesamt religiös waren. Wissenschaft und Religion sind verschiedene Welten, sie finden in ver‐ schiedenen Teilen des Gehirns statt, und so ist die Korrelation zwi‐ schen den beiden eigentlich gar keine. Heute ist etwa die Hälfte der Mitglieder der American Association for the Advancement of Science (AAAS) Atheist oder Agnostiker, Tendenz steigend – nur noch ein Drittel der Mitglieder glaubt an einen Gott, wie die Religionen ihn na‐ helegen.47 Wenn Sie den Islam lang und tief genug inhaliert haben, wird Ih‐ nen jede Regung aus dem Westen wie ein feindseliger Akt vorkommen. Polioimpfungen sind eine Verschwörung des Westens, um Muslime unfruchtbar zu machen, wie eine gängige und klerikal verbreitete Ver‐ schwörungshypothese im Norden Nigerias lautet. Alles, aber auch wirklich alles, was „der Westen“ tut, ist scheinbar gegen Muslime ge‐ 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 200 richtet. Greifen wir in Konflikte ein, schlachten wir Muslime ab wie in Syrien. Greifen wir nicht ein, schauen wir tatenlos zu, wie Muslime ab‐ geschlachtet werden wie in Srebrenica. Die Opferrolle war schon im‐ mer vorzüglich dazu geeignet, etwas zu dürfen. Interessant dabei: „den Islam“ gibt es immer nur, wenn er angegriffen oder beleidigt wird. Ge‐ schieht im Namen des Islam eine Brutalität, so zerstiebt er, als hätte man in Mehl geblasen, und die Täter sind dann abhängig vom Erzäh‐ ler entweder fehlgeleitet, gar keine Muslime oder israelische Agenten, die den Islam diskreditieren sollen. Wenn man erst einmal irre genug ist und ein solches Feindbild entwickelt hat, kann der Westen machen was er will, man wird ihm immer Boshaftigkeit unterstellen. Wir Westler sind Feinde des Islam, ohne es zu wollen. Der Islam kann uns dabei nicht einmal egal sein, denn das ist einfach keine ideologieverträgliche Erklärung. Ich stelle mir Religionen (und auch politische Ideologien) immer ein wenig wie einen Parasiten vor, dem es zunächst nicht leicht fällt, Gehirne zu befallen. Wenn es ihm aber gelungen ist, dann befreit er das Gehirn von seinem Respekt vor der Logik, überschüttet es mit Glückshormonen und redet dem Wirt ein, dass das Leben ohne den Parasiten sinnlos wäre. Er bringt die Wirte so weit, dass sie diesen Pa‐ rasiten dann in speziell dafür entworfenen Zeremonien feierlich an ihre Kinder weiterreichen. Er steuert die Wirte fern und hält sie ver‐ meintlich glücklich, doch in erster Linie interessiert ihn sein eigenes Überleben. Genaugenommen hätte der Parasit nicht überlebt, wenn er diese Fähigkeit zur Verbreitung nicht von vornherein gehabt hätte. Er muss den Wirt kontrollieren, muss seine Einwände beseitigen, muss sich in die nächste Generation verbreiten, da er sonst mit den bestehenden Wirten ausstirbt. Der Wirt darf leiden, Wirte dürfen sich gegenseitig töten, aber der Parasit muss weiterleben. Selbst die Überlebenden eines Parasitenkrieges zwischen hellgrünen und dunkelgrünen Wirten müs‐ sen davon abgehalten werden, den Parasiten abzustoßen und zu erken‐ nen, dass man auch ohne ihn gut leben kann, und dass der Befall zu‐ weilen schädliche Ausmaße annimmt. Und der Parasit zwingt Wirte bei starkem Befall auch dazu, nach dem Staat zu greifen, da er sich von dort aus wesentlich schneller verbreiten kann. 3.11 Prägung 201 Zugabe: Falsche Erinnerungen – Glauben Sie ja nicht, was Sie denken! Im August 2011 erschien ein Artikel im Stern, der das Leid einer Frau aus Wuppertal schilderte. Sie hatte über Jahre ihren Eltern vorgewor‐ fen, sie und ihren Bruder vergewaltigt zu haben. Sie schrieb Drohbriefe, betrieb Telefonterror, denunzierte ihre Eltern bei deren Freunden, zeigte sie bei der Polizei an. Die Eltern begriffen nichts. Denn die Erinnerungen der Frau waren nicht echt. Sie hatte sich in einer anderen Sache vertrauensvoll an eine esoterische „Lebensberate‐ rin“ gewandt, und diese hatte sie davon überzeugt, sie sei in ihrer Kindheit von ihrem Vater über Jahre missbraucht worden, und ihre Mutter hätte ihn gedeckt. Anfangs hatte sie Zweifel an diesen Erinne‐ rungen, passten sie doch gar nicht in das Bild, das sie von ihren Eltern bisher gehabt hatte. Die Lebensberaterin sagte dazu, das käme von der Verdrängung des Erlebten. Ihre Schwester, ebenfalls in der Gruppe, konnte die Geschichten irgendwann bestätigen. Sie erinnerten sich an Details, an Räume, Situationen, gemeinsam Erlebtes. Nur ihr Bruder schluckte die Geschichte nicht. Nach einigen Jahren echter Therapie schaffte sie schließlich den Ausstieg aus dieser Irrung, doch das Ver‐ hältnis zu den Eltern ist dauerhaft zerrüttet.48 Doch bevor wir wutentbrannt auf die Lebensberaterin eindreschen, sollten wir zum eigentlichen Punkt kommen. Die amerikanische Psy‐ chologin Elizabeth Loftus, Spezialistin auf dem Gebiet der Gedächtnis‐ forschung, mahnt zur Skepsis, wenn traumatische Erinnerungen zum ersten Mal in einer psychotherapeutischen Sitzung auftauchen. Oft‐ mals, so Loftus, würde der Therapeut dadurch, dass er selbst eine fal‐ sche Erwartung hat, den Patienten damit versehentlich manipulieren, bis er selbst an ein erlittenes Trauma glaubt. In diesen verletzlichen Momenten wird selten die Wahrheit ausgegraben, es gleicht eher einem kreativen statt einem analytischen Prozess. Erinnerungen sind besonders bei hilfesuchenden Menschen leicht zu induzieren; sie wol‐ len eine Erklärung, Hilfe, Orientierung, sie wollen glauben. Und das geht viel einfacher als man möchte. Man kann nur hoffen, dass Psy‐ chotherapeuten sich dieser Verantwortung bewusst sind. Wie sehr also können wir uns selbst trauen, wenn selbst unsere Er‐ innerungen so beeinflussbar sind? Was richtet es wirklich an, wenn ein 3.12 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 202 Priester uns von der Kindheit an einredet, wir seien der Erbsünde schuldig? Wenn Imame nicht müde werden Kinder zu überzeugen, dass sie selbst der einzig wahren Religion angehören, während die Is‐ raelis angeblich alle Muslime ausradieren wollen? Schauen Sie sich die neunjährigen Palästinenser an, mit Kalaschnikow und dem grünen Stirnband des Paradieses durch die Straßen von Gaza marschierend, wie sie „Tod den Juden“ skandieren. Die muslimischen Frauen, die al‐ len Ernstes die Vollverschleierung und häusliche Gewalt durch den Ehemann verteidigen. Die Frauen in Saudi-Arabien, die es in Ordnung finden, das Haus nicht ohne männliche Familienangehörige verlassen zu dürfen. Der Dreijährige an ihrer Hand, der lernt, dass er gesell‐ schaftlich höher steht als seine Mutter. Sind die alle dumm? Nein. Ist es wirklich ihr eigener Wille? Auch nicht. Es ist lebenslange Prägung, und sie wieder abzuschütteln ist eine zum Verzweifeln schwierige Aufgabe und keinesfalls in kurzer Zeit zu schaffen. Es dürfte Jahrzehnte dauern. Das menschliche Gehirn kann immer nur schrittweise von gefestigten Überzeugungen abkehren. Umso besser also, wenn es sie von vornhe‐ rein gar nicht erst erhält und skeptisch bleibt. *** Was also bleibt von der Religion als Weltbild übrig, wenn wir in den vergangenen Kapiteln erklären konnten, dass sie von der Beschaffen‐ heit der Welt nie eine Ahnung hatte, dass sie von Menschen gemacht wurde und dass bestimmte Mängel der Psyche den Menschen für Ver‐ schwörungstheorien, für das frontale Leugnen von Tatsachen und für Religiosität anfällig machen? Dass es einen Endorphinkick verursacht, sich selbst recht zu geben, wie etwa beim Zug an einer Zigarette, bei einem Stück Schokolade oder beim Küssen? Dass die ganze Sache mit der Religion ihren Ursprung darin nahm, dass Menschen sich gegen Naturkatastrophen schützen wollten und nach Wegen suchten, das Ge‐ schehen zu kontrollieren? Nun, einen Vorteil hat die Religion ja immer noch: sie macht bes‐ sere Menschen aus uns. Oder etwa nicht? 3.12 Zugabe: Falsche Erinnerungen – Glauben Sie ja nicht, was Sie denken! 203

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References

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.