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Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? in:

Bernard Bernarding

Und Anna seufzte zum Himmel empor, page 171 - 186

Warum der liebe Gott manchmal böse und die Bibel schier unglaublich ist

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4235-9, ISBN online: 978-3-8288-7133-5, https://doi.org/10.5771/9783828871335-171

Tectum, Baden-Baden
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Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? „Warum schleppt sich blutend, elend/ unter Kreuzlast der Gerechte/ während glücklich als ein Sieger/ trabt auf hohem Ross der Schlechte? Woran liegt die Schuld? Ist etwa/ unser Herr nicht ganz allmächtig?/ Oder treibt er selbst den Unfug?/ Ach, das wäre niederträchtig!“ Heinrich Heine: „Zum Lazarus“ Ist Gott, der Allmächtige, nicht nur gütig und barmherzig, sondern tatsächlich auch gerecht? Es ist eines der spannendsten Kapitel jeder Religion und das zentrale Thema der Menschheitsgeschichte: die Frage der Gerechtigkeit. Verstanden natürlich als Gerechtigkeit nach menschlichem Empfinden: Warum bin ich krank und muss leiden, ich habe doch nichts Böses getan? Warum bin ich hässlich, die Kollegin aber schön? Warum bin ich arm, der Nachbar aber reich? Warum ist der eine talentiert, der andere aber nicht, dieser schlau, jener dumm? Das Thema der (sozialen) Gerechtigkeit ist eine Frage, die alle Menschen, gleich welcher Herkunft und welchen Glaubens, intensiv beschäftigt. Sie ist auch Kernthema der Politik. Und, aus theologischer Sicht, ein Fixpunkt der Erkennbarkeit Gottes. Genau genommen müsste die Frage eigentlich lauten: Behandelt der Schöpfer seine Geschöpfe gerecht, also gleich? Oder macht er Unterschiede, und wenn ja, warum? Oder ist solch eine Frage per se obsolet, weil der Allmächtige selbstverständlich und grundsätzlich das immerwährende Recht hat, jenseits des menschlichen Gerechtigkeitsempfindens, genau das zu tun was er will – und zwar ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen? Für die abrahamitischen Religionen, auf die wir uns hier konzentrieren wollen, ist die Antwort klar: Gott ist nicht nur gerecht, er ist die Gerechtigkeit selbst! Gott handelt, da sind sich gläubige Juden, Christen und Moslems einig, immer richtig. Kapitel 13 171 Tja, wenn es so einfach wäre! Die klaffende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist offenkundig. Schon die Tatsache, dass sich seit Jahrtausenden Heerscharen von Philosophen, Theologen, Politiker und Juristen fortwährend mit dieser Frage beschäftigen, zeigt deutlich, dass Zweifel am göttlichen Gerechtigkeitsempfinden vorhanden sind: Die Erfahrungen seit Menschengedenken und die menschliche Wahrnehmung erzählen zudem eine ganz andere Geschichte: Die Welt, die Gott erschaffen hat, quillt geradezu über vor Mühsal und Leid, Terror und Not, Unglücken und Katastrophen. Eine gerechte Äquivalenz zur Schönheit und Glückseligkeit des Lebens ist objektiv nicht feststellbar, sie wird zudem individuell höchst unterschiedlich empfunden. Denn genau danach begreift sich ja die Gerechtigkeitsfrage: Warum ich?! Warum bin ich benachteiligt, warum ziehe ich das kürzere Hölzchen? Und tatsächlich: Während Person A in Wohlstand und Gesundheit ein langes und schönes Leben genießen darf, hat Person B schon von Geburt an mit diversen Handikaps zu kämpfen und keine Chance auf Gleichheit vor dem Herrn. Was soll daran gerecht sein, wenn ein ganzer Kontinent (Afrika) an gravierender Mangelernährung leidet und oftmals im Elend lebt, ein anderer Kontinent (Europa) dagegen dauerhaft in relativem Wohlstand? Wer ist für die enorme Diskrepanz verantwortlich: Der Mensch selbst? Das Klima? Der Zufall? Oder doch „der liebe Gott“? Nun könnte man argumentieren: Gott hat ein anderes Gerechtigkeitsempfinden als der Mensch. Das wäre nicht weiter verwunderlich, denn schon der Gedanke, dass der Mensch genau so oder ähnlich empfinden könnte wie der Allmächtige, klingt für Gläubige vermessen. Andererseits hat der Herrgott den Menschen so erschaffen wie er ist, was unweigerlich zur Konsequenz hat, dass der Mensch eben nur diese „irdische“ Gerechtigkeit empfinden kann. Er muss so fühlen, auch weil Empfindungen intuitiv oder impulsiv und damit nicht steuerbar sind. Zwar ist zweifelsfrei erwiesen, dass kulturelle, medizinische oder soziologische Entitäten einen enormen Einfluss auf das spezifische Gerechtigkeitsempfinden des Einzelnen haben können. Aber das ändert nichts am natürlichen Empfinden des Menschen, das universal ist: Ein unverdientes Privileg wird ebenso wie eine unbegründete Benachteiligung in jeder Kultur als ungerecht empfunden. Und in der Welt, in der wir leben, wimmelt es vor Privilegien und Benachteiligungen. Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 172 Die religiöse (und politische) Brisanz des Themas ist gewaltig. Denn die Feststellung, selbst die allerhöchste Instanz sei womöglich ungerecht und handele gelegentlich willkürlich, könnte das theistische Glaubensgebäude massiv ins Wanken bringen. Ein solches definitives Urteil würde das Vertrauen der Menschen zerstören, ihr ethisches Koordinatensystem durcheinanderwirbeln und den echten und tiefen Glauben an einen verständnisvollen, gütigen und barmherzigen Gott praktisch unmöglich machen. Aber wie soll man sich aus dem existentiellen Dilemma der Theodizee befreien? Der Begriff „Theodizee“ wurde von dem deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) geprägt und bedeutet sinngemäß „Gottes Gerechtigkeit“ oder „Rechtfertigung Gottes“. Leibnizens philosophische Aussage, die Menschen lebten in der „besten aller möglichen Welten“, wurde vielfach missverstanden, impliziert sie doch a) dass Gott (aus experimentellen Gründen?) mehrere Welten geschaffen haben könnte – oder b) dass er unsere Welt genau so schaffen wollte, wie sie jetzt ist. Denn dass der Allmächtige eine Welt erschaffen haben könnte, die er gar nicht wollte, ist unmöglich, weil diese Annahme dem göttlichen Axiom der Allmacht und Vollkommenheit widerspricht. Leibniz hat seinen Satz allerdings – und das relativiert ihn durchaus – in metaphysischem Sinne verstanden, dass eine Welt nie statisch, sondern immer dynamisch ist (also kontinuierlich besser wird). Zugleich war für den klugen Wissenschaftler klar, dass selbst ein allmächtiger Gott tatsächlich nicht alles vermag: „Logische Wahrheiten“ etwa, wie die gegenseitige Bedingtheit von Gut und Böse, oder die Gesetze der Mathematik und Physik, könne er nicht aufheben, meinte Leibniz. Was zweifellos stimmt: Auch Gott kann nicht einfach mal aus 2 x 2 eine 5 machen. Die Rechnung würde nicht aufgehen. Bislang haben auch die intelligentesten Leute der Erde keine überzeugende Erklärung für das Theodizeeproblem gefunden. Es wäre mü- ßig, all die Kirchenlehrer und Philosophen zu zitieren, die sich mehr oder weniger komplex und akademisch dazu geäußert haben. Wir wollen hier deshalb unsere eigenen Gedankengänge formulieren und unterscheiden dazu – im Sinne von Leibniz – drei Grundformen des Übels: a) das natürliche Übel, zu dem Unglücke und (Natur-)Katastrophen zählen (malum physicum); Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 173 b) das moralische Übel, das von der Bosheit der Menschen herrührt (malum morale); c) das metaphysische Übel, das aus der menschlichen Unvollkommenheit resultiert und etwa Krankheit und Sterblichkeit betrifft (malum metaphysicum). Demnach ist der Tod durch ein Erdbeben ein malum physicum. Der Tod durch Mord ist ein malum morale. Und der Tod durch Herzversagen ein malum metaphysicum. Aber schon an diesem Punkt beginnen die Definitionsprobleme: Was ist dann der Tod durch einen Verkehrsunfall, der aufgrund von Unwohlsein des Fahrers oder mangelnder Aufmerksamkeit eines Beteiligten geschieht? Was ist mit Tod und Zerstörung durch schwere Unwetter, die durch den menschlich verschuldeten Treibhauseffekt verursacht worden sind? Morale, physicum, metaphysicum? Man könnte nun, Gottes Existenz vorausgesetzt, mit Fug und Recht behaupten, dass die Verhinderung oder zumindest Abmilderung des malum physicum für den allmächtigen Gott kein echtes Problem darstellen dürfte. Zwar würde eine göttliche Einflussnahme die temporäre Außerkraftsetzung physikalischer Gesetze erforderlich machen (was laut Leibniz nicht geht), aber bitte: Wer eine ganze Welt und den unermesslichen Kosmos erschaffen kann, Sterne und Nebelhaufen und Galaxien, der müsste eigentlich auch in der Lage sein, ein Erdbeben zu verhindern. Der müsste fähig sein, Wirbelstürme im Zaun zu halten oder zu steuern. Der müsste ermöglichen können, dass die Zellen im menschlichen Organismus „normal“ wachsen und nicht entarten. Und was das malum morale betrifft, so ist nicht nur für gläubige Menschen leicht vorstellbar, dass Gott – wenn er denn wollte – die Menschen genetisch und moralisch durchaus „gut“ veranlagen könnte. Ihnen den Hass und die Aggressivität, den Neid und die Missgunst nimmt. Und sie allesamt mit einer altruistischen Güte ausstattet, wie man sie gelegentlich bei Ordensschwestern findet. Doch wir alle wissen: die Wirklichkeit ist eine andere. Während Gott, der im Alten Testament unentwegt das Wort ergreift und mit auserwählten Menschen lange Dialoge führt, seit dem Kreuzestod seines Sohnes beharrlich schweigt, versuchen die irdischen Schäfchen in frommem Eifer seit Jahrtausenden, die Wege des Hirten verstandesmäßig zu erforschen – mit einem deprimierenden Ergebnis: Die Schäf- Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 174 chen sind grandios gescheitert! Selbst klügste Köpfe (wie David Hume) und prominente Theologen (wie Karl Rahner) haben resigniert und wollen das „unlösbare“ Theodizeeproblem „als wirklich unbegreiflich“ stehen lassen. Auch kritische Theologen wie Eugen Drewermann und Hans Küng halten die Theodizeefrage für „offensichtlich unbeantwortbar“. Küng, der offiziell als liberal gilt, denkt in dieser Frage allerdings recht konservativ und verlässt sogar den Boden der Vernunft: Es stehe dem Menschen nicht zu, die Theodizee-Frage überhaupt zu stellen, meinte er allen Ernstes. Dies sei eine zensorische „Anmaßung“. Ein Urteil über Gottes Gerechtigkeit könne man sich „nur über den Glauben“ bilden (Hans Küng: Christ sein, Piper Verlag). Eine fragwürdige Einstellung: Wenn es problematisch wird, soll der Mensch das Denken einstellen? Das hält (auch) der Fundamentaltheologe Prof. Armin Kreiner für „völlig abwegig“. Der Verzicht auf vernünftige Kriterien bei der Beurteilung theologischer Kernprobleme heilige nicht den Glaubensgehorsam, sondern entehre ihn zum „blinden Obskurantismus“ (Armin Kreiner: Gott im Leid, Herder Verlag). In „Meyers Lexikon“ wird Obskurantismus so beschrieben: „Das Bestreben, Menschen bewusst in Unwissenheit zu halten, ihr selbstständiges Denken zu verhindern und sie an Übernatürliches glauben zu lassen“. Auch der Theologe Klaus von Stosch hat sich des Themas angenommen und versucht in seinem Buch Theodizee (utb) ausführlich, die „Unmöglichkeit von Verbesserungen unserer Naturgesetze“ zu begründen. Dazu bemüht er den im Jahr 2017 verstorbenen Naturphilosophen Bernulf Kanitscheider. Demnach sind die Naturkonstanten in unserem Kosmos (Lichtgeschwindigkeit, Gravitation etc) absolut perfekt aufeinander abgestimmt und können nur in exakt dieser Zusammensetzung die Biogenese und Anthropogenese ermöglichen. Soll hei- ßen: Wenn Gott in diese „natürliche Ordnung der Welt“ eingreifen würde, bedeutete dies eine völlig andere Welt – oder das Ende dieser Welt. Da aber theologisch nicht ernsthaft bestritten wird, dass Gott die Weltordnung aus seinem souveränen Willen heraus ganz bewusst so geschaffen hat, wie sie nun ist, ergibt sich ein logisches Problem, das der antike Philosoph Laktanz so formuliert hat: Wenn Gott allmächtig ist, dann kann er das Böse verbannen. Oder er hat die Welt genau so gewollt, dann will er das Böse nicht verbannen. Oder, die pikante Vari- Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 175 ante: Er will es zwar, kann es aber nicht. Dann aber wäre Gott nicht allmächtig… An dieser Stelle wird es richtig spannend. Denn die Logik von Leibniz, wonach ein vollkommenes Wesen keine unvollkommene Welt schaffen kann, ist ja zwingend. Was ein Gott erschafft, ist eo ipso perfekt. Und tatsächlich: Wer den unfassbaren Kosmos betrachtet, die kleine Erde als perfektes Teilchen des gigantischen Sonnensystems, wer die wunderbare Artenvielfalt von Flora und Fauna, wer das faszinierende Wunder des physiologischen und psychologischen Lebens in all seinen Verästelungen betrachtet, der kann dahinter absolut den „Plan und Willen eines göttlichen Schöpfers entdecken“ (der britische Physiker und Theologe John Polkinghorne). Aber, die Gretchenfrage folgt auf dem Fuß: Warum ist der Mensch, Gottes Premium-Geschöpf, dann so fatal missraten? Warum ist der Mensch zu einem unvollkommenen Wesen voller Boshaftigkeit und Egoismus mutiert, dass selbst der Schöpfer darüber zürnte – und sogar seinen eigenen Sohn „opfern“ musste, um die Menschen aus ihrem furchtbaren Sünden-Dilemma zu befreien? Die nüchterne Betrachtung der irdischen Realität bringt die Beste- Welt-Hypothese von Leibniz jedenfalls augenblicklich ins Wanken: Erdbeben, Überschwemmungen, Missernten, Hungersnöte, Brandkatastrophen, Kriege, Krankheiten, Missbildungen, Kriminalität, Gier – die Liste der Faktoren, die „die beste aller möglichen Welten“ massiv in Frage stellen, ist lang. Wie soll man es nennen, wenn eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt oder das Kind tot zur Welt kommt? Wenn – neueste Unicef-Studie aus 2018 – jährlich weltweit 2,6 Millionen Babys den ersten Lebensmonat nicht überleben? Was soll man sagen, wenn ein Despot auf seine Bürger Bomben und Giftgas regnen und unschuldige Menschen grausam foltern lässt? Wie soll man bewerten, wenn irgendeine Seuche ganze Volksstämme ausrottet (allein an der Spanischen Grippe vor 100 Jahren starben rund 70 Millionen Menschen!) oder ständige Trockenheit in zahlreichen Regionen der Erde Menschen und Tiere verenden lässt? Pech? Schicksal? Strafe? Strafe für was? Oder ist am Ende alles nur Zufall – oder etwa doch Gottes Wille? Wir wissen es nicht. Was aber ganz offensichtlich ist: „Die beste aller möglichen Welten“ kann man sich durchaus anders vorstellen, besser nämlich, viel Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 176 besser. Der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell drückte es so aus: „Meinen Sie denn, wenn Ihnen (wie Gott) Allmacht und Allwissenheit und Jahrmillionen zur Verfügung stehen, um Ihre Welt zu vervollkommnen, dass Sie dann nichts Besseres als den Ku- Klux-Klan oder die Faschisten hervorbringen könnten?“ Auch der gänzlich unverdächtige jüdische Publizist und Überlebende des Holocaust, Elie Wiesel, hat eine klare Meinung zum Thema Schuld: „Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten… wie sollte ich nicht die Schöpfung verfluchen…“ (Elie Wiesel: Alle Flüsse fließen ins Meer, Hoffmann & Campe). Bei allem Respekt vor dem Genius Leibniz: Es ist ziemlich offensichtlich, dass wir nicht in der besten aller möglichen Welten leben. Warum aber der Herrgott in seiner Vollkommenheit eine unvollkommene Welt geschaffen hat, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Denn selbst wenn wir Gott fragen, ernsthaft, demütig und in aufrichtigem Gebet: Er antwortet nicht. Gott hat noch nie geantwortet, es sei denn, die geträumten, phantasierten und halluzinierten Antworten, von denen „Propheten“ und andere emotional Verzückte berichten, lässt man ernsthaft gelten. Den Menschen bleibt, so traurig das für fromme Zeitgenossen auch sein mag, nichts anderes übrig, als sich ihres (gottgegebenen) Verstandes zu bedienen und eigene Antworten zu finden. Und dabei erst einmal die so genannte Willensfreiheit zu definieren. Die Willensfreiheit, da sind sich die Experten einig, ist nicht nur unabdingbare Voraussetzung für den Glauben; sondern auch zwingende Handlungs-Voraussetzung für das Individuum. Hätte der Mensch keinen freien Willen, sagt der Philosoph Immanuel Kant, wäre kein ethisch begründetes Handeln möglich: der Mensch wäre fremdbestimmt und damit ohne Schuld. In der Konsequenz würde das aber bedeuten, dass Gott persönlich die Verantwortung für das Böse trüge! Diese These würde indes das Vorstellungsvermögen der (meisten) Gläubigen sprengen: Der Gedanke, Gott höchstselbst sei für das Grauen in der Welt verantwortlich, muss den göttlichen Nukleus aus Glaube, Hoffnung und Liebe ja geradezu zerstören. Insofern bleibt wenig Raum, die Willensfreiheit des Menschen ernsthaft in Frage zu stellen. Andererseits: Wenn der Wille wie von Gott gewollt absolut frei wäre, Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 177 würde das nach den Gesetzen der Logik bedeuten, dass die Zukunft nicht vorherbestimmbar wäre, Gott also nicht allwissend sein könnte! Denn wenn er als „Allwissender“ schon vorher wüsste, wie sich ein Mensch beim Auftauchen des Problems X entscheidet, stünde dessen Entscheidung ja schon fest – und wäre nicht mehr frei. Die Frage der Willensfreiheit hat schon die ehrwürdigen Denker und Theologen Erasmus von Rotterdam (1466-1536) und Martin Luther (1483-1546) intensiv beschäftigt. Während der niederländische Kosmopolit und Philosoph die Willensfreiheit absolut bejahte (in: de libero arbitrio), verneinte der deutsche Reformator sie ebenso energisch (in: de servo arbitrio). Wobei die Argumente des Holländers deutlich logischer klingen: „Was soll unser allseits gelobter Gehorsam, … wenn wir für Gott … nur ein solches Werkzeug sind wie die Axt für den Zimmermann?“ Wenn die Leugner des freien Willens behaupteten, alles sei (von Gott) vorherbestimmt, bedeute dies ja wohl auch, dass Gott nicht nur die guten Werke bewirke, sondern auch die schlechten. Daraus folgere, wie Erasmus präzise schloss, dass der Mensch nicht für die Sünde verantwortlich gemacht werden könne. Luther hielt dagegen. Doch der konfliktfreudige Mönch aus Wittenberg, eigentlich bekannt für eine klare und deftige Sprache, schwurbelt in seinem Artikel in einem theologischen Kauderwelch, das für Normalgläubige kaum zu verstehen ist. Er spricht von „dreierlei Licht“, dem Licht der Gnade, dem Licht der Natur und dem Licht der Herrlichkeit, und die beiden ersten Lichter würden besagen, „dass die Schuld nicht des armen Menschen, sondern des ungerechten Gottes sei. Denn sie können nicht anders über Gott urteilen, der die gottlosen Menschen umsonst ohne Verdienste krönt und einen anderen nicht krönt, sondern verdammt, der vielleicht weniger oder wenigstens nicht mehr gottlos ist. Aber das Licht der Herrlichkeit redet anders und wird alsdann zeigen, dass Gott… die gerechteste und offenkundigste Gerechtigkeit zugehört“… Na, alles klar? Luther kann allerdings auch besser formulieren: „Wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, … dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will“. Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 178 „Hier stehe ich und kann nicht anders“: Martin-Luther-Statue in Worms. Der Mönch aus Wittenberg hat den verkrusteten römischen Katholizismus aufgebrochen und mit seiner „Reformation“ die Welt verändert. Wie man sieht, ist die Frage der Theodizee wahrlich nicht leicht zu beantworten. Wir gehen jetzt in unserer Prämisse mal davon aus, dass der Wille des Menschen tatsächlich frei ist. Wie muss diese Freiheit dann definiert werden, wenn sie eigentlich gar nicht absolut sein kann – weil sich die Parameter ständig verändern? Seriöserweise muss man nämlich konzedieren, dass die Voraussetzungen zur aktiven Wahrnehmung der Willensfreiheit bei jedem Individuum anders gelagert sind. Denn Menschen werden ja, durch Kultur und Erziehung, (vor allem als Kinder) sozialisiert, indoktriniert und manipuliert. Jüdische Kinder werden jüdisch geprägt, christliche christlich, moslemische islamisch. Vorprägungen religiöser, kultureller oder auch politischer Art haben aber zweifellos signifikanten Einfluss auf (spätere) Entscheidungsfindungen. Wem etwa von klein auf eingetrichtert wird, dass Schweinefleisch „unrein“ sei, wird nicht mehr frei pro oder kontra Bulette entscheiden können. Wem von Kindesbeinen an eingeflüstert wird, nur Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 179 Allah sei der richtige Gott und Mohammed sein Prophet, ist nicht mehr wirklich frei in der Wahl seiner Religion. Hinzu kommt, dass jede kulturelle Sozialisation durch das (gottgegebene!) Naturell und den genetisch vorgeprägten Charakter des Individuums ergänzt wird: Ein Pianist reagiert wesentlich anders auf intellektuelle oder existenzielle Herausforderungen als ein Holzfäller, ein Kommunist anders ein Kapitalist, ein Pazifist anders als ein Militarist. Das heißt in zwingender Logik: Die Freiheit des Willens, etwas Gutes/Böses zu tun oder zu lassen, ist immer relativ und situativ, aber niemals absolut. Deshalb stellt sich die Frage, wie frei der Wille tatsächlich ist, wenn er durch individuelle und externe Komponenten massiv beeinflusst wird. Wie frei in seiner Entscheidung ist ein Soldat, der einen Befehl zum Töten erhält? Wie frei war Martin Luther, als er vor dem Wormser Reichstag eingestand: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“? Ist der Mensch wirklich „frei“ in seinem Willen, wenn die „innere Stimme“ oder eine Überzeugung ihn zu einem bestimmten Verhalten drängt? Und, ketzerisch gefragt: Wie frei waren eigentlich Moses und Joshua in ihrer Entscheidung, nach Israel/Judäa zu ziehen, um das fremde Land zu „nehmen“ und seine Einwohner gnadenlos zu töten? Dieser letzte Aspekt wird in den zahllosen Abhandlungen über Gottes Gerechtigkeit so gut wie nie thematisiert. Dabei berührt es ein Kernproblem der Theodizee: Wie soll seriös über die Gerechtigkeit Gottes geurteilt werden, wenn ein entscheidender Punkt gar nicht berücksichtigt wird? Dass nämlich jeder Hinweis auf die Problematik des Bösen obsolet wird, wenn ausgerechnet der Herrgott selbst das schlechteste Vorbild ist! Denn welche „Gerechtigkeit“ steckt hinter einer Philosophie, die den Weg des auserwähltes Volkes in das versprochene Land mit schlimmsten Gräueltaten an den unschuldigen Bewohnern legitimiert? Nach Lesart der Bibel ist es Gott persönlich, der das Böse anordnet. Wir zitieren aus Dtn 2, 24-25 und 2, 32-35: „Brecht jetzt auf “, sagte der Herr, „und überschreitet den Arnonfluss! Ich habe den Amoriterkönig Sihon, der in Heschbon regiert, in eure Gewalt gegeben. Eröffnet den Kampf gegen ihn und nehmt sein Land in Besitz. Von heute an sollen alle Völker der Erde vor euch zittern. Dafür werde ich sorgen“… Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 180 „Als nun Sihon mit seiner ganzen Kriegsmacht uns entgegenzog, gab der Herr ihn in unsere Gewalt, und wir töteten ihn, seine Söhne und alle seine Kriegsleute. Dann nahmen wir alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an ihren Bewohnern, den Männern, Frauen und Kindern. Niemand ließen wir lebend entkommen. Nur das Vieh verschonten wir, und nahmen es wie alles, was sonst noch von Wert war, als Beute“. Das gleiche Schicksal ereilte den König Og von Baschan, auch hier im Namen und Auftrag des Herrn. Das war noch unter Moses. Dessen Nachfolger Joshua profitierte in noch viel stärkerem Maße von der gütigen (?) Hand des Herrn, der in Jericho die Stadtmauern einstürzen ließ, um „seinem Volk“ zu ermöglichen, die gesamte Stadt dem Erdboden gleich zu machen und alle Bewohner (bis auf die Hure Harab) zu töten. Die gesamte Landnahme von Kanaan war angeblich im Interesse und Sinne des helfenden Herrn – wobei der biblische Begriff „Landnahme“ ein zynischer Euphemismus ist, der die gewaltsame Eroberung eines bewohnten Landes und die Gräuel des Krieges kaschieren soll. Wo also kommt das Böse her und wie gerecht ist unser Gott? Schon der Apostel Paulus hat sich in seinen Briefen mit Vehemenz darum bemüht, den grausamen Gott des Alten Testaments als Inkarnation der Gerechtigkeit darzustellen. Ungeachtet der biblischen Wirklichkeit zeichnet Paulus in seinen Briefen ein butterweiches Gottesbild und weist selbst offensichtliche Ungerechtigkeiten göttlicher Natur entschieden zurück. Das prominenteste Beispiel ist Gottes Umgang mit den Zwillingen Esau und Jakob. Tatsächlich hat der Herr an den Söhnen des Urvaters Isaak ein Exempel der Willkür statuiert, das seinesgleichen sucht. Da Gottes Wege ja unerforschlich sind, weiß man halt nicht, was den Herrn geritten hat, als er schon vor der Geburt der Kinder seine Sympathien klar verteilte: „Jakob habe ich geliebt; Esau aber habe ich gehasst“ (Mal 1, 2-3). An dieser spektakulären und unbegreiflichen Aussage haben sich im Laufe der Jahrtausende unzählige Theologen abgearbeitet. Stets geleitet von dem Ziel, Gottes Autorität zu wahren und sein Verhalten als zwar unbegreiflich, aber sakrosankt zu erklären. „Ist Gott also ungerecht?“, fragt Paulus im Römerbrief, und gibt sich selbst die Antwort: „Das sei ferne!“ Die Frage nach Gottes Gerechtigkeit wurde erstmals im biblischen Buch Hiob thematisiert. Diese kanonische Schrift wird bis heute in vielfältiger Weise rezipiert und besonders von den Kirchen als Beispiel für Gottes umfassende Güte gepriesen. Von vielen Theologen wird das Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 181 Buch Hiob geradezu schwärmerisch verehrt und in den Rang eines der „bedeutendsten Werke der Weltliteratur“ (Jerusalemer Bibellexikon) erhoben. Deshalb widmen wir uns kurz dem Buch Hiob, das die Stuttgarter Erklärbibel eine „Volkserzählung“ nennt. Eine verschämte Umschreibung für den Ausdruck „Märchen“. Denn tatsächlich ist märchenhaft, was dem frommen Hiob passiert: Der offenbar mittelalte Mann lebt rechtschaffen mit großer Familie und großem Vermögen (Vieh und Ländereien) im Lande Uz. Eines Tages hält der Herrgott im Himmel eine Versammlung seiner Engel ab, wobei eine wahrhaft groteske Merkwürdigkeit auftritt: Auch der Teufel ist zur Konferenz geladen! Der Satan persönlich sitzt mit an Gottes rundem Tisch! Und es passiert eine weitere Ungeheuerlichkeit, über die biblische Exegeten gern großzügig hinweg sehen: Der Teufel animiert Gott dazu, den gottesfürchtigen Hiob auf die Probe zu stellen! Man müsse, so flüstert der Satan dem Herrn ins Ohr, Hiobs Reaktion testen. Ob der scheinbar rechtschaffene Mann tatsächlich so glaubenstreu sei, wie er sich geriert. Obwohl der Allmächtige ja alles weiß und Hiobs Glaubenstiefe also kennen müsste, geschieht das Unfassbare: Gott paktiert mit dem Teufel und erlaubt ihm, den braven Hiob zu „prüfen“. Satan, ganz in seinem Element, tut dies mit teuflischem Geschick und beginnt erstmal mit der Vernichtung von Hiobs materieller Existenz: Der brave Mann verliert sämtliches Hab und Gut. Als das nichts fruchtet und Hiob unverdrossen den Allmächtigen lobpreist, nimmt ihm der Teufel auch seine sieben Söhne und drei Töchter. Trotz dieser furchtbaren Schläge hält Hiob weiterhin dem Herrn die Treue. Deshalb forciert der Chef der Finsternis (mit Gottes Einverständnis!) den himmlischen Plan: Hiob wird nun auch noch mit schlimmen Krankheiten geschlagen, üble Geschwüre am ganzen Körper zermürben ihn schließlich und treiben ihn an den Rand des Wahnsinns. Erst jetzt beginnt das Opfer (gegenüber vier Freunden, die ihn besuchen), über sein bitteres Los zu klagen. Die Diskussion der Männer über Gottes (Un-)Gerechtigkeit und die Anmaßung des Menschen, sich darüber zu beschweren, zieht sich im Buch Hiob über fast 40 Kapitel hin, die teilweise redundant sind. Man weiß nicht warum, aber am Ende widerruft Hiob seine Klagen gegen Gott und bereut sein „Geschwätz“. Es folgt ein Happy End wie in Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 182 einem schlechten Hollywoodfilm: Der Herr verzeiht Hiob (was eigentlich?), schickt ihm seinen göttlichen Segen und beschenkt ihn überreichlich mit (neuen) Kindern, (neuer) Gesundheit und (neuem) Vermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind… Ist Hiob einfach nur ein Märchen – oder hochklassige Literatur? Nun, die entscheidende Frage lautet ganz anders: Was will uns die Bibel mit dieser grotesken Geschichte eigentlich sagen? Wie heißt die Botschaft dieser Story, die von begeisterten Hiob-Fans zum Weltkulturerbe erkoren wird? Warum spielt das Schicksal von Hiobs Frau keinerlei Rolle, obwohl ja auch sie durch den Verlust ihrer Kinder massiv betroffen ist? Was als einfache Fragen erscheint, entpuppt sich tatsächlich als schwerwiegendes Problem. Denn trotz mannigfacher Rezeption (allein die Rezeptionsgeschichte ist ein eigenständiges Thema der Literatur) gibt es keine klare, erst recht keine verbindliche Aussage, welche Weisheit sich hinter diesem unglaublichen Schicksal des Mannes aus Uz verbergen soll. Ist Hiob eine Geschichte des Gottvertrauens? Der Selbstverleugnung? Des Kadavergehorsams? Der (banalen) Erkenntnis, dass der kleine Wurm Mensch gegen den allmächtigen Gott nicht ankommt? Es liegt m. E. auf der Hand: Hiob taugt nicht als Paradigma für Gottes glorreiche Gerechtigkeit. Das Buch mag zwar ein philosophisches Werk sein, das zum Nachdenken anregt und Kernpunkte der menschlichen Psyche und seines Verhaltens zu höheren Mächten aufgreift und hinterfragt. Doch diese „Volkserzählung“ ist genau so fabelhaft wie die Geschichten von Aesop. Deshalb kann „Hiob“ auch keine Metapher sein für den Umgang des Menschen mit Gottes unerforschlichen Wegen. Eine Heilige Schrift des jüdisch-christlichen Kanons, deren Plot ein faustischer Pakt Gottes mit dem Teufel ist, taugt allenfalls als literarische Vorlage für einen Psychothriller, nicht aber für eine religiöse Kernbotschaft. Damit nicht genug der Merkwürdigkeiten: Die spektakuläre Geschichte des Brüderpaares Esau und Jakob, aufgeschrieben im 1. Buch Mose (ab Kapitel 25,19), ist genau so schlimm. Sie wird, seit Paulus und Augustinus, als treffliches Beispiel für Gottes unerklärliches Handeln und seine übergroße Gnade herangezogen. Dabei machen die bib- Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 183 lischen Autoren in aller Deutlichkeit „aktenkundig“, dass Gott tatsächlich – ungerecht ist! Und zwar auf eine Weise, die sprachlos macht: Rebekka, die chaldäische Frau von Abrahams Sohn Isaak, erwartet den ersehnten Nachwuchs. Sogar Zwillinge sollen es werden. Noch während der Schwangerschaft meldet sich Gott zu Wort und ordnet an, dass „der Ältere dem Jüngeren (zu) dienen“ habe. Esau ist der Ältere, Jakob der Jüngere. Es ist eine komplette Umkehrung der Verhältnisse, denn in der Antike galt das eherne Gesetz, wonach allein der Erstgeborene der legitime Erbe und Nachfolger des Vaters werden kann. Gott dreht dieses Prinzip nun um, ohne Anlass, ohne Erklärung. Nur der Prophet Maleachi nennt Gottes ebenso lapidare wie ungeheuerliche Begründung: „Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst!“ (Mal 1,2-3). Solch eine Aussage ist nicht nur höchst fragwürdig, sie ist unfassbar. Denn ein nachvollziehbarer Grund für die ungleiche Sympathie- Verteilung ist nicht im Ansatz erkennbar. Warum ist ausgerechnet Jakob der Liebling Gottes? Warum kann der Herr den Esau nicht leiden? Und das schon zu einem Zeitpunkt, als die Kinder nicht mal das Licht der Welt erblickt haben. Die Antwort darauf ist einfach, denn: Es gibt keine Antwort! Da die ungeborenen Kinder weder durch ihr Aussehen noch durch ihren individuellen Charakter oder ein spezielles Verhalten Einfluss auf die Sympathieverteilung nehmen konnten, gibt es nur eine mögliche Erklärung: Gott wollte es so, basta! Wie später bei Moses und dem Pharao galt auch hier: „Der Herr erbarmt er sich, wessen er will, und er verstockt, wen er will“. Was aus dieser Logik folgt, ist klar: Verhaltensweisen, die weder erklärbar noch begründbar sind, nennt man Willkür. Der Heilige Augustinus wollte davon natürlich nichts wissen: „Bei Gott gibt es keine Ungerechtigkeit!“, behauptete er ein ums andere Mal. In seitenlangen Abhandlungen versuchte er einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, denn die Logik, dass Gott als „Erstverursacher“ selbst der Ursprung des Übels sein könnte, durfte so nicht stehenbleiben. Augustinus scheute auch vor abstrusen Vergleichen nicht zurück, wobei sein paulinisches Töpfer-Bild (das eigentlich von Jesus Sirach stammt) am bekanntesten ist: Ein Töpfer habe ja schließlich auch „die Gewalt“ über den Ton. Er könne aus dem gleichen Stoff entweder ein Gefäß zur Ehre (z.B. einen Kelch) oder ein Gefäß zur Schande (z.B. Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 184 einen Nachttopf) machen. Die gleiche Logik gelte für Künstler: „Sagt etwa ein Gebilde zum Maler: Warum hast du mich so gemacht?“ Um seine verwegenen Thesen, die totes Ton-Material mit Gottes Premium- Geschöpfen vergleicht, zu untermauern, zitiert Augustinus immer wieder Paulus: „Mensch, wer bist du denn, das du mit Gott rechten willst!?“ Aber ist es wirklich „rechten mit Gott“, wenn man hinterfragt, warum die Welt, in der wir leben, ein Sinnbild der Ungerechtigkeit ist? Wenn Gott diese Welt so erschaffen hat, wie sie ist, mit all ihren schrecklichen Facetten, dann leitet sich daraus eine unabweisbare Konsequenz ab, die auch die paulinisch-augustinische Rabulistik nicht entkräften kann: Dann wollte Gott diese Welt so und nicht anders. Dann wollte er eine Welt, in der (auch) das Böse zuhause ist. In der es Kriege und Bomben, Gemetzel und Zerstörung gibt, Überschwemmungen, Erdbeben, Waldbrände, Seuchen und andere Katastrophen. In der Krebs, Pest, MS, Tuberkulose und HIV wüten, in der schöne und hässliche, kluge und dumme, arme und reiche Menschen leben. Gott hat sich offenbar etwas dabei gedacht, als er das Böse in die Welt implantierte. Und wenn der Mensch seinen Verstand benutzt, versteht er auch warum: Nur die gegenseitige Bedingtheit und Ergänzung zweier Pole, die korrelative Polarität, ergibt ein sinnvolles System. So wie „oben“ ein „unten“ erfordert, „dunkel“ ein „hell“, so wie Temperatur nicht ohne den Unterschied zwischen „heiß“ und „kalt“ auskommt, so braucht das Gute auch das Böse als komplementäres Gegengewicht. Das Gute ist nur als Kontrast zum Bösen gut, sonst wäre es neutral. Tatsächlich lässt sich eine Welt ohne das „Böse“ auch gar nicht denken. Das Schlechte ist der Treiber für die notwendige Dynamik, die das ausgeklügelte System in Gang hält. Die hypothetische Vorstellung, der Menschheit ginge es ohne das Böse besser, ist nicht mal im Ansatz konsequent durchdacht. Denn: Nach den Gesetzen der Logik würde eine „rein gute“ Welt die Instrumente, die zur Bekämpfung des Bösen notwendig sind, komplett überflüssig machen. Man bräuchte dann keine Soldaten und keine Waffenindustrie mehr, keine Polizei, keine Gerichte, keine Gefängnisse. Es gäbe auch keine Mörder, Räuber und Betrüger mehr, damit auch keine Krimis, keine Thriller, keine spannenden Bücher und Filme, weil sie in ihrer Grundstruktur allesamt vom konträren Dualismus leben, von der Kraft des Bösen, das vom Guten Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 185 besiegt wird. Ja, in einer Welt ohne den Teufel, ohne böse Absichten, Begierden und Intrigen gäbe es in zwangsläufiger Konsequenz auch keine Sünde mehr – und damit auch keine Kirche und keine Religion! Letztlich würde sogar Gott selbst überflüssig werden in einer Welt, in der nur Gutes geschieht: Jesus und sein Kreuzestod wären obsolet gewesen! Und, auch interessant: Eine Welt ohne Arg und List, ohne Hass und Neid, und vor allem ohne Gewalt, wäre nach aller Logik, die uns zur Verfügung steht, weder wünschenswert noch lebensfähig! Sie würde, weil jede Spannung aus ihr weichen würde, sofort verdorren, vor Langeweile eingehen, geistig und emotional ersticken. Auch wenn fromme Zeitgenossen es nicht wahrhaben wollen: Die Initialzündung für all das Böse und Schlechte, das im malum physicum, malum morale und malum metaphysicum seinen irdischen Ausdruck findet, lässt sich nach Lage der Dinge nur dem Schöpfer, nicht aber den Geschöpfen zuweisen. Denn ein Wesen, das nicht aus sich selbst heraus existiert, kann auch nicht aus sich selbst heraus handeln. Es kann nur gemäß den Prinzipien handeln, die ihm „von der Natur“ (Gott?) mitgegeben wurden. Kapitel 13 Theodizee, oder: Wie gerecht ist unser Gott? 186

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Zusammenfassung

Fromme Christen und Theologen müssen tapfer sein, wenn sie dieses Buch lesen. Der Autor analysiert und kommentiert die Bibel mit einem neuen Ansatz und kommt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Er porträtiert die wichtigsten Figuren des Alten und Neuen Testaments, beschreibt die zum Teil grotesken Widersprüche der „Heiligen Schrift“ und führt gleich mehrere Gründe an, warum Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit verheiratet war. Seine Bewertung der Offenbarung und der Theodizee (Gerechtigkeit Gottes) ist ebenso spannend wie die unglaubliche Geschichte von der Lustfeindlichkeit des Christentums. Am Schluss des Buches legt der Autor dar, warum „Gott“ aber trotz aller Ungereimtheiten sowie der weiter zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft 4.0 nicht „sterben“ kann.