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4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II in:

Susanna Weber

Innovation, page 113 - 148

Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4227-4, ISBN online: 978-3-8288-7118-2, https://doi.org/10.5771/9783828871182-113

Series: kommunikation & kultur, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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113 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II Der nationale Wohlstand ist abhängig vom Wirtschaftswachstum, dieses von Forschung und technischer Entwicklung. Forschung und technische Entwicklung in genügendem Umfang zu gewährleisten, wird daher ein Anliegen öffentlichen Interesses. (J. Hennenhöfer, BDI 19671) Innovation und Rationalisierung sind die gleichwertig und gleichrangig tragenden Pfeiler des Wandels in der Wirtschaft. Dieser Wandel ist ein Naturgesetz. …] dass dieser Wandel die Quelle der Kraft ist, die Quelle für Wachstum, Wohlstand und Fortschritt. (Aus einer Begrüßungsansprache von E. Wrede, Präsident der Vereinigung der Arbeitgeberverbände in Bayern 19782) Diese Zitate enthalten in wenigen Zeilen den fast vollständigen expliziten Bestand der Bedeutungselemente von Innovation am Ende der 1970er Jahre und gleichzeitig ein strikt lineares Argumentationsmuster, das in Variationen zirkuliert: Innovation und Rationalisierung = Wandel = Wachstum, Fortschritt, Wohlstand. Diesen Sprachgebrauch teilen neoklassische Ökonomen mit Keynes-Anhängern, ebenso konservative mit sozialdemokratisch-gewerkschaftlich orientierten Politikern, die (noch) 1 Joachim Hennenhöfer, Die Aufgaben der Deutschen Industrie im Rahmen einer zeitgemäßen Forschungspolitik, S. 62. 2 Innovation und Rationalisierung, Schriftenreihe des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e.V. (IaA), 1978, S. 4. 114 Weber, Innovation ein Fortschrittsverständnis zugrundelegen, das von der Entwicklung der technischen Möglichkeiten die entscheidenden Weichenstellungen für die Zukunft erwartete. Geht man mit Koselleck davon aus, dass „Fortschritt“ bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als Konnotation immer „Verbesserung“ mit sich führte und davon, dass die Entwicklung der von Technik vielfach mit Arbeitserleichterung und wachsender Lebensqualität verbunden wurde, ist nicht überraschend, welche Verbreitung die Kopplung von Technik und Fortschritt im Sprachgebrauch des 20. Jahrhunderts gewonnen hat.3 Als ökonomische Fachbegriffe wurden seit den 1940er Jahren im anglo-amerikanischen Raum (produktivitäts- und prozessbezogen) „technological change“ und (vermarktungs- und produktbezogen) „technological innovations“ verwendet, im Deutschen wurde daraus der „technische Fortschritt“. In den noch nicht gefestigten gesellschaftlichen Verhältnissen der ersten Jahre der Nachkriegszeit wurden auf Zukunft gerichtete Ziele zunächst mit Bezeichnungen ausgedrückt, die Kontinuitäts- oder Diskontinuitätsbestrebungen mehrdeutig repräsentieren konnten. Begriffe wie Wiederaufbau, Währungsreform, Re-Education signalisierten einerseits Anknüpfung an „Früheres“, ließen aber die konkreten Bezugspunkte offen (Restauration war dazu der Gegenbegriff oppositioneller Kräfte). Begriffe wie Entnazifizierung, Stunde Null, Aufbruch, Wirtschaftswunder akzentuierten eher das Neue, waren aber nicht geeignet, real fortdauernde Kontinuitäten (politisch-programmatische wie personelle) angemessen zu fassen. In diesem Ensemble ist „technischer Fortschritt“ ein zumindest vordergründig „neutraler“ Ausdruck: nicht zu sehr „kompromittiert“ durch die NS-Ideologie (sprachliche Äquivalente innerhalb der rassistisch und nationalistisch überformten Propaganda des NS waren Wörter wie „Motorisierung“ und Formulierungen wie „Wiederherstellung des technischen Gleichgewichts“) und anschlussfähig sowohl an die Diskurse der Vorkriegszeit, die wesentlich von Bildern und Erfahrungen der Technikentwicklung in den USA 3 Vgl. Reinhart Koselleck, Artikel „Fortschritt“ in den Geschichtlichen Grundbegriffen (GG, Bd. 3). 115 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II geprägt waren, sowie an die Erfahrung der industriellen Umsetzung auch in Deutschland, etwa in Gestalt von Rationalisierungsmaßnahmen und forcierter Rüstungsproduktion.4 Die früheste terminologische Fixierung im deutschsprachigen Raum stammt von Alfred E. Ott. In seinem Artikel „Technischer Fortschritt“ im Handwörterbuch der Sozialwissenschaften unterscheidet er den technischen Fortschritt noch ausdrücklich von Innovation (mit Referenz auf Schumpeter).5 Es gebe „[z]wei Arten des technischen Fortschritts“, nämlich neue Produkte und neue Produktionsverfahren (ebd., 302). Bei beiden sei zu unterscheiden zwischen „Invention“ und „Innovation“ (ebd.). Schumpeters „neue Kombinationen“, später Innovationen, versteht er als „weiter“ gegenüber dem technischen Fortschritt (ebd., 304). Zwischen Arbeitslosigkeit und technischem Fortschritt sieht er einen evidenten Zusammenhang, er gebraucht den Begriff „Freisetzung“, der sich später im deutschen Sprachgebrauch etablierte. In den folgenden Jahren wird die Unterscheidung Otts weitgehend durch die synonyme Verwendung von „technischer Fortschritt“ und „Innovation“ ersetzt. Für das semantische Repertoire der beteiligten Begriffe und Begriffsnetze hat dies Folgen. So spricht z. B. der Technikhistoriker Radkau von der „Technisierung des Fortschritts“, einer Konzentration gesellschaftlicher Mittel für die Entwicklung der Technik.6 „Technischer Fortschritt“ kann für eine Übergangszeit – bevor diese Funktion auf „Innovation“ übergeht – geradezu als „Scharnierbegriff“ angesehen werden, der verschiedene Diskurse verknüpft, vor allem wissenschaftliche mit politisch-ökonomischen.7 4 Der Technikhistoriker Karl Heinz Ludwig nennt diese Bezeichnung völlig zutreffend eine „demagogische Formel“ (Technik und Ingenieure im Dritten Reich, S. 447) angesichts der realen technischen Rückstände in den letzten Kriegsjahren. 5 Alfred E. Ott, „Technischer Fortschritt“ im Handwörterbuch der Sozialwissenschaften (1959), S. 302–316. 6 Joachim Radkau, Technik in Deutschland. 7 Clemens Knobloch betont die „Scharnierfunktion“ von „Grund- und Leitbegriffen“, etwa in Bezug auf ihre Verwendung in Fachsprachen und in öffentlicher Rede, zum Beispiel in: „Problemgeschichte und Begriffsgeschichte“ S. 263. 116 Weber, Innovation Der lange einflussreiche und stabile Topos „Fortschritt durch Technik“ geriet in den 1970er Jahren in Bewegung und wird seitdem auch in der öffentlichen Kommunikation kritisch diskutiert.8 Die folgenden Abschnitte zeigen anhand exemplarischer Texte, wie das skizzierte Begriffsensemble vor allem von Akteuren aus Wissenschaft und Politik in Gebrauch genommen wird. Im Mittelpunkt stehen Texte, die die Herausbildung, die Themen und die Akteure neuer Politikberatungsstrukturen spiegeln. Nach den wirtschaftlichen Einbrüchen im Zuge der „Ölkrise“ 1974/75 wurden auch die bisher dominierenden ökonomischen Konzepte offen in Frage gestellt.9 Betroffen waren nicht nur die von Keynes inspirierten Konzepte wie Globalsteuerung, (antizyklische) Nachfragestimulierung und die grundsätzliche Rolle des Staates gegenüber den wirtschaftlichen Akteuren. Vor allem mit den deutlicher wahrgenommenen ökologischen „Nebenfolgen“ des industriellen Wachstums kamen weitere Faktoren in den Blick, die die Komplexität politischer Entscheidungen erheblich erhöhten. In den USA hatten sich schon seit den 1940er Jahren einflussreiche Politikberatungsstrukturen etabliert, die für den Präsidenten unter anderem zusätzliche, vor allem ökonomische Expertise bereitstellten und Entscheidungen vorbereiteten.10 Orientiert an diesem Vorbild und zum Teil mit 8 In anderen Feldern, z. B. in Spezialdiskursen wie der Technikphilosophie, war dies schon früher der Fall. Vgl. u. a. Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1. 9 Zur gesellschaftlichen und vor allem ökonomischen Einordnung vgl. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme; Werner Plumpe, Wirtschaftskrisen. 10 Jens Maeße, Ökonomie, Diskurs, Regierung, S. 93; zur Bedeutung des Einflusses von Ökonomen/ökonomischen Theorien im Kontext von Politikberatung vgl. die ausführliche Studie von Alexander Nützenadel, Die Stunde der Ökonomen (2005). Der Autor beschreibt, wie sich in den 1950er bis1970er Jahren ökonomische und politische Diskursstränge verflechten und die wissenschaftsbasierten ökonomischen Theorien und Konzepte (über ihre prominenten Protagonisten) wirtschaftspolitische Entscheidungen beeinflussten. Der Autor zeichnet dies u. a. nach am Beispiel des Übergangs vom „Keynesianismus“ zum Monetarismus und weiteren neoliberalen Instrumenten. Parallel zum wachsenden Einfluss ökonometrischer Methoden entstanden die entsprechenden Institutionen, z. B. das Ifo-Institut, das seither v. a. mit sogenannten „Barometer“-Studien auf dem Markt ist, unter anderem mit dem „Ifo-Geschäftsklimaindex“ und dem „Konsumklima“-Index. Diese beratenden Strukturen wiederum arbeiten den politisch Verantwortlichen zu. Damit werden markante Merkmale von Diskursen augenfällig: ihre sprachliche Rekursivität und potentielle „Materialität“ (Thomas Brandstetter et al. (Hrsg.), Think Tanks. Die Beratung der Gesellschaft), hier v. a. zum Vorbild aller „Think-Tanks“, der 117 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II amerikanischer Unterstützung wurden auch im Nachkriegsdeutschland ähnliche, bis heute kontinuierlich arbeitende Institute gegründet (z. B. Ifo-Institut, Battelle-Institut) bzw. reaktiviert (wie das „Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft“ (RKW)); darüber hinaus wurden temporär arbeitende, im Auftrag von Regierung oder Ministerien agierende Expertenkommissionen eingesetzt und aufwändig finanziert.11 Gremien und Kommissionen wie die des „Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ (besser bekannt unter der Bezeichnung „Rat der Wirtschaftsweisen“) beeinflussen seither politische Entscheidungsprozesse und deren öffentliche Wahrnehmung, und die Konzepte, Sprach- und Interpretationsmuster, die sie präferieren und in Zirkulation bringen, können als wesentliche Elemente des politisch-ökonomischen Diskurses gelten.12 Die im Rahmen des hier zugrundeliegenden Korpus untersuchten Konstellationen bildeten wesentliche Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.13 Im folgenden Abschnitt steht ein RKW-Forschungsprojekt im Mittelpunkt. Es gehört zu den frühen diskursbildenden Konstellationen zum Thema „Technischer Fortschritt/Innovation“. US-amerikanischen RAND-Corporation, und zum späteren neoliberalen Think-Tank par excellence, der „Mont-Pelerin-Society“. Zu Politikberatung/Lobbyismus in der ersten Phase der Regierungszeit von CDU/CSU und FDP vgl. Claus Leggewie, Der Geist steht rechts (1987). 11 Zu weiteren Details wie Anzahl der Gremien, Zusammensetzung, Finanzierung usw. vgl. Alexander Nützenadel, Die Stunde der Ökonomen. 12 Zur Geschichte der Entwicklung politikberatender Strukturen wie z. B. den „Sachverständigenrat“ vgl. die Studie von Nützenadel, Die Stunde der Ökonomen, die unterstreicht, wie sich in den 1950er bis 1970er Jahren ökonomische und politische Diskursstränge verflechten und letztlich wirtschaftspolitische Entscheidungen präformierten. 13 Der These, dass es sich bei der Implementierung der Globalsteuerung und ihrer Instrumente in die Wirtschaftspolitik um eine – zumindest dem Anspruch nach – „Verwissenschaftlichung“ der Politik (Karl Schiller) gehandelt habe, kann in diesem Zusammenhang nicht nachgegangen werden (vgl. dazu u. a. Tim Schanetzky, Die große Ernüchterung). Offensichtlich ist jedoch, dass der Einsatz entsprechender Instrumente von der Annahme getragen war, dass der Transfer von Wissen zwischen Systemen unterschiedlicher Funktionsweisen (Wissenschaft, Politik) relativ komplikationslos gelingen könne. Dass sich dies durch Erfahrung nicht belegen lässt, ist inzwischen unbestritten. 118 Weber, Innovation 4.1 Technischer Wandel und Innovation – Ein RKW-Forschungsprojekt14 Nicht immer sind Namen auch gleich Programm, doch darf bei einem so aufwändigen Forschungsvorhaben wie dem RKW-Projekt davon ausgegangen werden, dass die Formulierung des Titels programmatische Vorentscheidungen enthält: Wirtschaftliche und soziale Aspekte des technischen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland. Gesetzt ist als Untersuchungsgegenstand der „Technische Wandel“, erforscht werden sollen die Folgen (wirtschaftliche und soziale) dieses Wandels. In der vorausgegangenen Ifo-Studie, auf die sich das RKW-Projekt bezieht, heißt der Fokus noch „Technischer Fortschritt“ und es ging um dessen soziale Folgen (RKW 1970, 13). Finanziert von der Bundesregierung initiierte und koordinierte das RKW dieses von 1963–1968 laufende Projekt als Forschungsvorhaben mit folgenden Leitfragen: Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat die technische Entwicklung in Richtung auf die Automatisierung in der deutschen Wirtschaft? Wie vollzieht sich der Prozess des technischen Wandels in den Betrieben und welche Anpassungs- und Umstellungsmaßnahmen haben sich im Hinblick auf den Einsatz der menschlichen Arbeitskraft als zweckmäßig erwiesen? Welches sind die Arbeitsbedingungen und Arbeitsanforderungen an den Arbeitsplätzen automatisierter und mechanisierter Anlagen? Welche Gesichtspunkte und Bedingungen des Arbeitseinsatzes müssen beachtet werden? (RKW, 14) Die verschiedenen Teilbereiche wurden wiederum von sechs weiteren Forschungsinstituten bearbeitet. 14 Als Text wird hier vor allem der erste Band der entsprechenden Veröffentlichungsreihe zugrundegelegt, der die Zusammenfassung der Ergebnisse enthält: Rationalisierungskuratorium der Deutschen Wirtschaft e.V. (RKW) (Hrsg.), Sieben Berichte, zitiert als RKW + Seitenzahl. 119 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II Dieses Projekt ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil es im Wesentlichen auf Initiativen aus IG Metall und DGB zurückgeht.15 Was das RKW betrifft, lässt sich die Linie verfolgen vom „Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit in Industrie und Handwerk“ der Weimarer Republik über die oben erwähnte Zeit des Nationalsozialismus bis zur Neuetablierung 1950. Der assoziierte „Ausschuss für Fließarbeit“ hat als (Nachkriegs-) Pendant den „Arbeitskreis Automation“ (1968–71), der wiederum (personell und inhaltlich) 1971 aufging in der „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“. Das RKW besteht bis heute – im Namen allerdings seit 2000 um ein semantisches Schwergewicht ergänzt: das RKW heißt jetzt „Rationalisierungs- und Innovationszentrum der deutschen Wirtschaft“.16 Zugleich ist bemerkenswert, dass die Ergebnisse des Forschungsprojektes und die Heterogenität der Sichtweisen und Meinungen transparent bleiben – es sind die Jahre der „Konzertierten Aktion“, eines auf Konsensvereinbarungen ausgerichteten Gremiums der Regierung mit den wichtigsten wirtschaftlichen Interessenvertretungen, das von 1967–1977 arbeitete.17 Unser Zielbegriff Innovation selbst erscheint in den hier zugrunde gelegten Texten nur selten, und wenn, dann entweder als Übersetzung für „technische Neuerung“ bzw. deren Einführung (RKW, 156), oder als mittlere Phase des mikroökonomischen 3-Phasen-Modells von Innovation (RKW, 195), welches sich als griffige Operationalisierung eines komplexeren Konzeptes in der betrieblichen Anwendung durchzusetzen beginnt (Invention – Innovation – Diffusion). Dieser Sprachgebrauch setzt sich seit der Veröffentlichung der OECD-Studie Gaps in Technology 1970 mehr 15 Die Gewerkschaften ließen sich damit in die Aktivitäten einer Organisation einbinden, deren Vorläufer-Institut nicht nur aktiv an der Gestaltung des NS-Arbeitsregimes beteiligt war, sondern auch an den Enteignungen jüdischer Unternehmen (Jürgen Bönig, Die Einführung der Fließbandarbeit in Deutschland bis 1933). Ob dieser Hintergrund des RKW den gewerkschaftlichen Akteuren bekannt war, ist nach meinem Wissen nicht geklärt. Zur Selbstbeschreibung des RKW: http://www.rkw.de/uploads/media/1996_RKW_Geschichte_01.pdf, Zugriff am 20.9.2016. 16 Vgl. die oben genannte Website des RKW; Jürgen Bönig, Die Einführung der Fließarbeit, hierzu v. a. Kap. 3/4. 17 Dazu v. a. Teil B in Jürgen Bönig, Die Einführung der Fließarbeit. Wandel (14) Fortschritt (38) Neuerungen (156) Technische(r) Entwicklung (360) Rationalisierungsmaßnahmen (38) Umstellungen (51) Veränderungen (176) 120 Weber, Innovation und mehr durch.18 Außer im Rahmen dieses Modells ist Innovation eher als Teilmenge der verwandten Begriffe präsent. Als Varianten des Projektthemas kommen folgende Bezeichnungen vor: Die Konnotationen sind überwiegend positiv bis neutral, nur der Ausdruck „Rationalisierungsmaßnahmen“ ist negativ besetzt. Die Vielfalt der realisierten Kopplungsmöglichkeiten lässt sich als Hinweis auf die Zuschreibung von „Gewicht“ lesen. „Technik“ erscheint als eine Art Gravitationszentrum, das vorzugsweise dynamische Elemente anzieht (Fortschritt, Entwicklung, Wandel). Auf diese Weise werden „starke“ Kausalitäten konstruiert, die eine Vielzahl von Problemen mit der Lösung 18 OECD (Hrsg.), Gaps in Technology. Diese Studie hatte nicht nur beträchtliche öffentliche Resonanz, sie wird auch im Rahmen der Legitimierung politischer Entscheidungen zitiert, die Richtung und Ausmaß staatlicher Forschungs- und Technologiepolitik zum Gegenstand haben. Kritisch zu diesem Themenkomplex u. a. Ulrich Albrecht et al., Der Staat und die Steuerung der Wissenschaft, S. 312f., 345 (= Nr. 110 der Schriftenreihe der Kommission). Auch bezüglich des Topos der „technologischen Lücke“ ist die historische Perspektive aufschlussreich, denn ein ähnlicher Diskurs lässt sich im endenden 19. / beginnenden 20. Jahrhundert nachweisen, wie Joachim Radkau, Technik in Deutschland, S. 188–197, belegt. Auch damals wurde von einer „amerikanischen Gefahr“ (ebd., S. 193) gesprochen, eingebunden in rhetorische Strategien zur Abwehr von Kritik und Bedenken gegenüber Erscheinungen des technischen Fortschritts. Quelle: Eigene Darstellung 121 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II „Technik“ koppeln. Die möglichen Komplementär- bzw. Gegenbegriffe wie „sozial“ bzw. „gesellschaftlich“ oder „wirtschaftlich“ kommen nicht als gleichrangige vor, sie treten vielmehr als „Aspekte von …“ auf. Das Gegensatzpaar „technisch/sozial“ wird aus diesem Kontext mit weitreichenden Zuschreibungen aufgeladen, worauf im Folgenden noch zurückzukommen sein wird. Die Gebrauchsvarianten fokussieren unterschiedliche Nuancen in den Perspektiven der beteiligten Institute auf das Bezeichnete: Veränderung, Umstellung, Wandel erscheinen als neutrale Ausdrücke, die anderen Kombinationen implizieren Wertungen und deuten Standorte an. Am deutlichsten werden die unterschiedlichen Interpretationen dessen, was überhaupt unter „technischem Fortschritt“ verstanden wird. Hier steht die rein quantitative mikroökonomische Faktorfunktion neben den qualitativ angereicherten aus Soziologie und Arbeitswissenschaften, die auch Gesichtspunkte wie Auswirkungen auf Arbeitsbelastung oder Selbständigkeit in der Arbeitsgestaltung einbeziehen.19 Es fällt auf, dass der programmatisch gesetzte Untersuchungsgegenstand, der „Technische Wandel“, lediglich als grob orientierendes Etikett dient und in den vorliegenden Texten kein abgrenzbares gemeinsames Konzept repräsentiert. Der Wortgebrauch für den untersuchten Prozess wechselt zwischen den oben genannten Varianten und Kombinationsmöglichkeiten.20 Dagegen sind die „wirtschaftlichen und sozialen Aspekte“ (des technischen Wandels), also die Auswirkungen/Folgen, relativ prägnant in Begriffe gefasst. Es geht um 19 RKW (Hrsg.), Sieben Berichte, S. 367ff. 20 Es wird an verschiedenen Stellen auf die Differenzen in Sprachgebrauch und Interpretation von Begriffen hingewiesen (z. B. S. 360, 370). Im Kontrast zu den Unschärfen und Inkonsistenzen des hier skizzierten Sprachgebrauchs stehen die Ausführungen zum Stichwort „Technischer Fortschritt“ im oben zitierten Handwörterbuch der Sozialwissenschaften von Alfred E. Ott. In diesem Zusammenhang sei auch eine Feststellung von Benoit Godin (Innovation Contested) relativiert, der konstatierte, der amerikanische Ökonom William R. Maclaurin (den er als frühesten Gewährsmann für die Verwendung von „Innovation“ ausgiebig würdigt) sei in der späteren Innovationsliteratur völlig „vergessen“ worden. Alfred E. Ott zitiert Maclaurin im Handwörterbuch-Eintrag mit den Formulierungen „propensity to invent“ und „propensity to innovate“ als Kriterien für historisch unterschiedliche Entwicklungswege (Ott, S. 302). 122 Weber, Innovation Mechanisierung, Automatisierung, Rationalisierung, Produktivitätssteigerung als positive, erwünschte Auswirkungen. Die problematischen, gleichwohl mehr oder weniger billigend in Kauf genommenen Auswirkungen werden meist umschrieben: Statt von Arbeitslosigkeit ist von „Freisetzung“ die Rede (z. B. RKW, 297) bzw. von positiven oder negativen „Beschäftigungseffekten“ (RKW, 363). Geht es um De-Qualifizierung, also die Entwertung von Fähigkeiten durch Automation, wird von „Differenzierung“ (RKW, 320) oder von „Polarisierung“ (RKW, 376) gesprochen. Der steigende Druck auf die Arbeitenden, sich auf immer neue Veränderungen einstellen und sich ihnen anpassen zu müssen, wird umschrieben als wachsende Weiterbildungs-Notwendigkeit (RKW, 229). Diese Redefigur hat sich seither etabliert und wird, im Hintergrund und in Variationen, immer dann reaktualisiert, wenn neue Ressourcen des „Humankapitals“ konstruiert werden sollen. Betriebliche Trainings- und Personalentwicklungskonzepte, Trends und Moden in den öffentlichen Weiterbildungseinrichtungen und programmatische Publikationen von Regierungsstellen geben Aufschluss über die jeweils neueste Richtung.21 Der Gebrauch dieses „Euphemismus-Vokabulars“ (C. Knobloch) lässt sich als Modus des „Verbergens und Verdeckens“ beschreiben.22 Die sprachlichen Mittel reichen vom Gebrauch fremdsprachlicher Ausdrücke bis zu Umschreibungen.23 So können gegenwärtig etwa dezidiert auf Spar- und/ 21 Als aktuelles Beispiel sei hier nur das Grünbuch Arbeiten 4.0 – Arbeit weiter denken aus dem sozialdemokratischen Bundesministerium für Arbeit und Soziales genannt. Hier finden sich z. B. im Glossar die nächsten euphemismusverdächtigen Bezeichnungen wie z.B. „crowd-working“, „kleine Vollzeit“ oder „rushour des Lebens“: http://www.bmas.de/DE/Service/Medien/Publikationen/A872-gruenbuch-arbeiten-vier-null.html, Zugriff am 28.6.2017. 22 Steffen Pappert/Melani Schröter/Ulla Fix (Hrsg.), Verschlüsseln, Verbergen, Verdecken in öffentlicher und institutioneller Kommunikation; Peter von Polenz, Deutsche Satzsemantik, rechnet „Euphemismen“ zu den „Stilfiguren des uneigentlichen [i. Original gesperrt, S.W.], d. h. regelhaft und sinnvoll verfremdeten Ausdrucks“ (S. 324); Josef Klein sieht Euphemismen als Teil einer „lexikalischen Kaschierstrategie“ (Grundlagen der Politolinguistik, S. 361). 23 Zur Konstruktion von Euphemismen vgl. Elisabeth Leinfellner, Der Euphemismus in der politischen Sprache; Sigrid Luchtenberg, Untersuchung zu Euphemismen in der deutschen Gegenwartssprache. 123 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II oder Disziplinierungseffekte hin konzeptualisierte „Restrukturierungen“ und Rationalisierungen als „change“-Projekte inszeniert werden, die an den positiven Konnotationen von Veränderung und Wandel partizipieren. Während dem Effekt der „Verhüllung“ noch Respekt vor einem gesellschaftlichen Tabu zugrunde zu liegen scheint, sind „verschleiernde“ Euphemismen als Teil manipulativen strategischen Sprachgebrauchs anzusehen. Der Gebrauch der Bezeichnung „Freisetzung“ statt „Entlassung“ ist dafür ein markantes Beispiel. Die euphemistische Wirkung entsteht vor allem durch die Kombination mit einem Hochwertbegriff wie „frei“, womit eine voraussehbar positive Konnotation aufgerufen wird. Der alternative Ausdruck „Beschäftigungseffekte“ wirkt durch die Kopplung von „harmloser“ Beschäftigung – Wandern, Bienenzüchten, Musizieren – und der Suggestion absichtslosen Geschehens: „Effekte“. Die auf den ersten Blick neutral erscheinende Formulierung von der „wachsenden Weiterbildungsnotwendigkeit“ kann gelesen werden als Ankündigung bevorstehender Veränderungen in der Berufsausbildung oder, mit Blick auf benachbarte Diskursstränge, als Hinweis auf eine neue Qualität von Subjektivierungsprozessen. Schon hier ist angelegt, was etliche Jahre später in zugespitzter Form das Arbeitsregime des neuen Kapitalismus kennzeichnen wird: Konzepte von „Lebenslangem Lernen“ (und zwar nicht als Option, sondern als Zwang) und „employability“ als verpflichtende Voraussetzung für jeden Arbeitssuchenden und dergleichen Strategien der „Selbstführung“ mehr.24 Sie indizieren die beginnende Verschiebung von Verantwortung für und den gleichzeitigen Zwang zur permanenten Selbstoptimierung auf den je einzelnen „Arbeitskraftunternehmer“.25 24 Bröckling/Krasmann/Lemke (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart; Christina Kaindl (Hrsg.), Subjekte im Neoliberalismus. 25 Der „Arbeitskraftunternehmer“ tauchte als neue Figur im Umfeld der Agenda 2010 und der Hartz-IV-Gesetze auf. Der Betriebswirtschaftler Dieter Schneider formulierte in seinem Lehrbuch zur Allgemeinen Betriebswirtschaft (Geschichte betriebswirtschaftlicher Theorie) allerdings schon 1985: „Jedermann ist im Hinblick auf die Unsicherheit im Einkommenserwerb Unternehmer seines Wissens, seiner Arbeitskraft und seines Vermögens.“ (ebd., S. 8) Diesen Hinweis verdanke ich Roland Müller, Innovation gewinnt, S. 66. 124 Weber, Innovation In der abschließenden Zusammenfassung der Ergebnisse durch die beteiligten Institute wird eine Begriffsklärungsvariante zum „Technischen Fortschritt“ nachgeliefert: Eine technische Veränderung impliziert unter ökonomischen Aspekten technischen Fortschritt, der dann gegeben ist, wenn – ein neues Produktions- bzw. Dienstleistungsverfahren es gestattet, eine gegebene Menge von Produkten bzw. Dienstleistungen mit geringeren Kosten oder mit gegebenen Kosten eine größere Produktmenge bzw. Dienstleistungsmenge herzustellen, – ein bisher unbekanntes Produkt oder eine bisher unbekannte Dienstleistung kreiert wird. FFE und Ifo hatten mit diesem Begriffsinhalt die am weitesten gefasste Vorstellung über technische Veränderungen eingeführt. (RKW, 360f.) „Fortschritt“ lässt sich hier verstehen als von „der“ Technik getriebene Bewegung, deren Zweck wirtschaftlicher Gewinn ist. „Gewinn“ als Ausdruck kommt allerdings nicht vor, dafür ist von „geringeren Kosten“ und „größeren Produktmengen“ die Rede. Arbeitserleichterungen gehören definitiv nicht zu den intendierten Folgen (RKW, 296). Aus dieser Perspektive erscheint der Ausdruck „Wandel“ in Titel, Vorwort und in der Abschlusszusammenfassung (RKW, 338), als eine Art „Deckname“ (der einerseits schützt, andererseits täuscht); er macht dann aber im Text in der Regel den Synonymen Platz. Die Konnotation von allmählicher, unspektakulärer, aber auch unwiderstehlicher Veränderung (Wandel/Wandlung – christliche Mythologie wird evoziert, oder die Kontrastvorstellung der natürlichen Evolution) ist geeignet, bedrohliche, aggressive Anteile abzupuffern. Die einige Jahre später eingesetzte „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ trägt den Wandel sogar im Namen, dagegen ist hier die Technik nicht mehr explizit präsent. 125 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II Das Begriffsfeld um Innovation und technischen Fortschritt erhält im Übrigen eine zusätzliche semantische Dimension, wenn es aus der Perspektive weiterer rahmender Wissensbestände (Busse) angeleuchtet wird. Technik, technisch-wissenschaftlicher Fortschritt, Innovation bildeten in der Nachkriegszeit einen wesentlichen Kristallisationspunkt für die rhetorisch und real ausgetragenen nationalen und internationalen Systemauseinandersetzungen. Die außerordentliche Aufladung von Technik wird erst plausibel vor dem Hintergrund dieser dreifachen Konfrontation: – der (wieder neu inszenierten) Standortkonkurrenz zu Amerika („Die Amerikanische Herausforderung“, „technological gaps“), später zu Japan, dann China; – der internationalen Systemkonkurrenz zwischen USA/NATO und UdSSR/RGW (Atombombe, „Sputnik“); – der nationalen Systemkonkurrenz von BRD und DDR (WTR/ WTF).26 In den entsprechenden Kommunikationen werden diese Konstellationen als Quellen für Sachzwangfiguren genutzt, die über die Aktivierung der positiven Konnotationen von Technik (politisches Handeln) motivieren und Zustimmung (der Öffentlichkeit) einfordern: Herausforderungen müssen angenommen, Lücken („gaps“) müssen geschlossen, in Konkurrenzsituationen muss gewonnen werden – vor allem durch Förderung und Subvention von Innovation. Als „sozialistisches“ Äquivalent zu Innovation kann im Übrigen die (für westliche Leser) auch in den 1970er Jahren schon „unmodern“ anmutende Bezeichnung „Schöpfertum“ gelten, die in einschlägigen Publikationen 26 Unter den Schlagwörtern „wissenschaftlich-technische Revolution“ (WTR) und „wissenschaftlich-technischer Fortschritt“ (WTF) wurden in den sozialistischen Staaten die Fragen des Verhältnisses von Gesellschaft – Technik – Entwicklung thematisiert und systemvergleichende Entwicklungsprognosen aufgestellt. Vgl. dazu u. a. Manfred Buhr/Gerhard Kröber (Hrsg.), Mensch – Wissenschaft – Technik; Volker Bialas, Wissenschaftliche und technische Revolutionen, weitere Literaturhinweise ebenfalls dort. Zur Rolle der Technik in beiden deutschen Staaten, speziell der Automatisierung vgl. Martin Schwarz in der Zeitschrift Technikgeschichte: „Werkzeuge der Geschichte“, S. 137–156. 126 Weber, Innovation aus der DDR verwendet wird. Die Wortfeldskizze im Anhang zu diesem Kapitel zeigt, dass der Begriff zahlreiche Bedeutungsnuancen abdeckt und viele Übereinstimmungen mit Innovation aufweist, etwa bei den Zielen „Rationalisierung“ und „Erhöhung der Produktivität“.27 Darüber hinaus schließt „Schöpfertum“ auch Bedeutungen ein, die im westlichen Sprachgebrauch eher durch „Kreativität“ aufgerufen werden und erst seit den späten 1990er Jahren zirkulieren. Die ideologischen Differenzen lassen sich am deutlichsten daran ablesen, dass als Leitziel des sozialistischen „Schöpfertums“ immer dezidiert der „gesellschaftliche Nutzen“ angegeben wird. 4.2 Innovation und Technischer Fortschritt: Zwei Tagungen des Ifo-Instituts28 Die Tagungsbände zu den beiden Ifo-Veranstaltungen sind im vorliegenden Zusammenhang unter zwei Aspekten von Interesse: Zum einen unter dem Gesichtspunkt der entstehenden Politikberatungsstrukturen als einem der auch materiellen Elemente eines Diskurses, zum anderen unter der Frage nach der erreichten Ausprägung des „semantischen Netzes“ von Innovation, wie es im vorangegangenen Abschnitt beschrieben wurde. Die erste Tagung – Innovation in der Wirtschaft – knüpft explizit an vorangegangene Untersuchungen der OECD zur „technologischen Lükke“ an (Ifo 1970, 12), und seitens des Vorsitzenden des ausrichtenden Instituts wird die enge Verbindung zum Wirtschaftsministerium besonders hervorgehoben. Die Initiative ging vom Wirtschaftsministerium aus, das die Tagung auch finanzierte. Dort war seit 1968 ein Referat „Technologie und Innovation“ eingerichtet, in dem ein Mitarbeiter des Ifo „beratend mitgewirkt hat“ (Ifo 1970, 12). 27 Textgrundlage der Wortfeldskizze: Claus Boesler /Erhard Dörschel/Horst Laschinski, Leitung der Forschung – Entwicklung des Schöpfertums. 28 Ifo-Institut (Hrsg.), Innovation in der Wirtschaft (1970) und Ifo-Institut (Hrsg.), Technischer Fortschritt. Ursache und Auswirkung wirtschaftlichen Handelns (1974), im Folgenden zitiert als: Ifo + Jahreszahl + Seitenzahl. 127 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II Obwohl auch ein Vertreter des RKW bei der ersten Tagung anwesend war, wurde auf das vorangegangene RKW-Forschungsprojekt (s. o.) nicht explizit Bezug genommen. Ein Jahr später, 1971, wurde auch die „Kommission“ berufen und beauftragt, die wiederum Forschungsaufträge vergab, u. a. an das Ifo-Institut. Die zweite Tagung 1974 schloss ausdrücklich an die Themen der ersten an, fokussierte jedoch deutlicher die Rolle politischer Entscheidungen (Ifo 1974, 11). Die Arbeit der „Kommission“, die in der Zwischenzeit ihre Tätigkeit aufgenommen hatte, wird mehrfach erwähnt (Ifo 1974, 295, 283). Im Rückblick auf die erste Tagung formulierte der Vertreter des Ifo- Instituts, Karl Heinrich Oppenländer, 1974: Damals, im März 1970, betraten wir Neuland. Der Ausdruck Innovation war, jedenfalls in der Bundesrepublik neu und wie alles Neue eher skeptisch betrachtet. (Ifo 1974, 359) Als Ziele wurden 1970 genannt: ein wissenschaftlicher Überblick über den Stand der Innovationsforschung und Hinweise zu möglichen Konsequenzen daraus für politische Entscheidungen. Weniger ambitionierte Erwartungen bezogen sich darauf, mehr Klarheit in Bezug auf Begriffe und Methoden zu erhalten, die im Themenfeld „Technischer Fortschritt“ und „Innovation“ verwendet werden (Ifo 1970, 11). „Innovation“ kommt zwar im Tagungstitel vor, in den meisten Beiträgen erscheint es jedoch als Unterthema des „Technischen Fortschritts“. Erwartungsgemäß steht bei den Wirtschaftswissenschaftlern die Frage der Messbarkeit des „Technischer Fortschritt“ genannten Phänomens im Vordergrund, und sie gebrauchen vorwiegend diesen Ausdruck. Die beteiligten Unternehmer und auch die Sozialwissenschaftler gebrauchen häufiger „Innovation“. Als minimale gemeinsame Definition von Innovation könnte man verstehen, wenn von einem „Umsetzungsprozess von technischem Wissen in Produktivität“ (Ifo 1970, 12) die Rede ist. Den noch ungefestigten Sprachgebrauch von „Innovation“ zu kanalisieren, gelingt noch am besten in den Beiträgen von Alfred Kieser zum Konzept des „Innovations-Managements“ (Ifo 1970, 290–307) und von 128 Weber, Innovation Horst Geschka zu „Trendforschung, Kreativitätstechniken und Problemlösungsmethoden“ (Ifo 1970, 269–289). Hier zeichnen sich schon die heute dominierenden Verwendungsweisen theoretischer Modelle von Innovation ab. Die wesentlichen Thesen des ersten Tagungsbandes lassen sich, ungeachtet der mehrfach artikulierten terminologischen Unklarheiten, zu einem relativ wenig komplexen Argumentationsmuster verdichten. Die bevorzugten Verknüpfungen sind: – Strukturwandel (verstanden als Veränderung der Verteilung von Beschäftigten auf die Hauptwirtschaftszweige) findet statt – einerseits als Auslöser, andererseits als Folge von technischem Fortschritt. – Technischer Fortschritt ist wesentlich verantwortlich für Wachstum (Ifo 1970, 11) (Wachstum wird dabei durchweg als nicht begründungspflichtig vorausgesetzt, Ausnahme ist der Beitrag von J. Heinrichs, Max-Planck-Institut).29 – Technischer Fortschritt beruht auf neuem Wissen/neuen Erkenntnissen (die weitgehend im Feld der (Natur-)Wissenschaften generiert werden (Forschung und Entwicklung).30 29 Ifo 1970, S. 352–359. Im Rückblick erscheinen die Positionen von J. Heinrichs bemerkenswert weitsichtig und kritisch, was die prognostizierte Entwicklung von Nebenwirkungen wirtschaftlichen Wachstums und technischer Entwicklungen angeht. 30 Historisch gesehen knüpft diese Redeweise an Diskurse in der Zeit der Hochindustrialisierung (in Deutschland) an, in denen es um den ökonomischen Stellenwert und die gesellschaftliche Geltung wissenschaftlichen (vor allem naturwissenschaftlichen) Wissens gegenüber dem Erfahrungswissen ging. Ausgetragen wurde diese Kontroverse exemplarisch zwischen Ingenieuren als Repräsentanten des wissenschaftlichen Wissens einerseits und andererseits Befürwortern des mehr erfahrungsbezogenen handwerklichen bzw. Facharbeiterwissens. In diesem Kontext bildeten und verstärkten sich bis heute lebendige, zu Topoi verfestigte Oppositionsbildungen, unter anderem: Handwerk/Mechanisierung, Erfahrungswissen/Wissenschaftliches Wissen, Handwerker/Ingenieure. Joachim Radkau spricht in diesem Zusammenhang von der Phase der „Verwissenschaftlichung“ der Technik als spezifisch deutscher Entwicklung (Technik in Deutschland, S. 169). Der angenommene Autoritätszuwachs der verwissenschaftlichten Technik diente, damals wie heute, zur Gewinnung staatlicher Unterstützung in materieller Form oder über Reputationszuwächse. In diesen Zusammenhang gehört auch die Gegenüberstellung von angewandter und Grundlagenforschung, die bis heute in Wettbewerbs- und Konkurrenzkonstellationen aktiviert wird. Benoit Godin beschreibt diese Konstellation in Bezug auf Innovation so: „Technological innovation is a theoretical concept. While the concept of basic research (pure 129 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II – Forschung und Entwicklung allein reichen jedoch nicht, um technischen Fortschritt hervorzubringen, entscheidend ist die Umsetzung: Innovation. – Wirtschaftspolitik soll technischen Fortschritt/Innovationen unterstützen/fördern. Methoden und Wege staatlicher Interventionen in diesem Feld werden unterschiedlich bewertet. So weit sind im Begriffsumfeld von Innovation gegenüber dem des RKW-Projektes keine neuen Elemente zu ermitteln. Was jedoch neu in Umlauf gebracht wird, ist die „Sozialerfindung“ (Ifo 1970, 74), einer der Vorläuferbegriffe für „soziale Innovationen“. Als Beispiel wird die „Erfindung“ der Aktiengesellschaft zitiert. Schumpeter wird mehrfach als Referenz benannt (Ifo 1970, 19f., 238, 364, 373) und ganz vereinzelt scheint auf, dass „Umwelt“ eine Größe werden könnte, die zukünftig in der Auseinandersetzung um technischen Fortschritt und Innovation einen größeren Stellenwert beansprucht.31 Über Rationalisierungseffekte von Innovationen und technischem Fortschritt wird, wie auch im RKW-Projekt, als „Freisetzungen“ gesprochen, von „Gewinn“ oder „Profit“ (in Schumpeters Terminologie noch ganz selbstverständlich) nur einmal und eher beiläufig. Die Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die „arbeitenden Menschen“ (Ifo 1970, 350) erscheinen als Forschungsdesiderat, Kapital tritt in Erscheinung als selbstverständlich zu akkumulierendes.32 Das abschließende Bild einer milde gestaltenden Gartenbaukunst mit den Stichworten „Klima“, „Nährboden“, „Düngung“ (wodurch mit aufgerufen werden: Wachstum, Fruchtbarkeit, Nahrung), das der Vertreter des Ministeriums den Anwesenden mitgibt, zielt auf eine Rolle des Staates, research, fundamental research) originates from natural scientists […], technological innovation comes from (social) theorists, including engineers and managers.“ (Innovation Contested, 257f.). Noch weiter zugespitzt spricht Godin davon, dass „innovation“ geradezu als „counter-concept to science“ und „basic research“ (ebd., p. 249) zu verstehen sei. 31 Vgl. den Beitrag von George F. Ray, „Innovation in industry“, pp. 89–107. 32 „Leibhaftig“ sind sie bei den Tagungen nicht vertreten. 130 Weber, Innovation die möglichst wenig Dissens erzeugt: der milde, sorgende „Gärtner“, der „düngt“ und den Boden bereitet: […] wie durch private und öffentliche Initiative das Innovationsklima verbessert werden kann […] wurde erkennbar, dass im Vergleich zur Situation in anderen Ländern noch gewisse Möglichkeiten zur Erhöhung der Effizienz ausgeschöpft werden könnten und sollten. Dies gilt nicht nur für das Management, sondern auch hinsichtlich dessen, was Herr Steigerwald als Schaffung eines Nährbodens für Innovationen bezeichnete […]. Ich habe das so verstanden, dass eine Düngung dieses Nährbodens vom Staat erwartet wird. (Ifo 1970, 395) Wahrscheinlich intuitiv und nicht strategisch angelegt antwortet der Regierungsvertreter hier auf sich abzeichnende neue Positionen im gesellschaftlichen Umfeld: Fragen nach möglichen Schäden, ausgelöst durch den Einsatz von Technik und ihrem gesamtgesellschaftlichen Nutzen.33 Naturalisierende Formeln wie die des „Nährboden-Düngens“ oder des „Anreize-Schaffens“ in politischer Kommunikation sind entweder Trivialisierungen oder sie indizieren strategischen Sprachgebrauch. So kann die Rolle des Staates/der Politik als eines (sorgenden, pflegenden) Gärtners modelliert werden – oder die Wirtschaft als Reiz-Reaktions-System. Die Gartenbau-Analogie in der Sprache kontrastiert allerdings massiv mit den real praktizierten politischen Maßnahmen. In der fraglichen Zeit wurden die höchsten staatlichen Subventionen („Düngung“) an Unternehmen und Projekte in überaus risikoreichen und hochinvasiven Großtechnologiesparten (der „Nährboden“) vergeben: an die Atomindustrie sowie an die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.34 Das aufgerufene Bild- 33 Im Rahmen der kurze Zeit später (1971) stattfindenden Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute zu denen auch das Ifo- Institut zählt, lässt sich am Sprachgebrauch ablesen, dass die Themen Umwelt und Nebenfolgen von technischem Fortschritt noch nicht in ihrer Tragweite zur Kenntnis genommen, aber auch nicht mehr ganz ignoriert werden könnten. In diesem Sinne ist davon die Rede, dass es um die „Linderung“ gehen solle (hier wieder die markante Analogie aus der Welt der Heilkunst mit den dazu gehörenden Konnotationen) oder davon, dass „Schäden“ gemildert werden sollen (Arbeitsgemeinschaft (Hrsg.), Bericht, S. 108, 147). 34 Vgl. z. B. die bei Urs Kalbfuß, „Ökonomische Determinanten des Innovationsverhaltens“, S. 283 präsentierte Liste der (ausschließlich Groß-)Unternehmen, die in den Genuss staatlicher Innovations-Förderung kamen. 131 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II feld des „Nährboden-Düngens“ führt somit in die Irre, zugleich wirkt die Formulierung als Euphemismus. Dieser spezifische Bildgebrauch lenkt den Blick auf die umstrittene Rolle des Staates/der Politik.35 Gerhard Mensch knüpfte an den Sprachgebrauch sehr treffsicher an und integrierte ihn in seine „Empfehlungen“. Für die zweite, wiederum hochkarätig aus Wissenschaft, Ministerien, Verbänden, Forschungsinstituten und Unternehmen besetzte Tagung 1974 wurde als Ziel formuliert, deutlich zu machen, […] in welcher Weise die Erforschung und der Ausbau der Innovationsförderung Fortschritte gezeigt haben. Zum anderen sollte herausgestellt werden, in wie starkem Maße Umweltbedingungen auf die Innovationsentscheidungen der Unternehmen einwirken, sei es durch die Änderung der gesellschaftspolitischen Leitbilder oder sei es durch mannigfache Einflussnahmen des Staates durch spezielle politische Aktivitäten im einzelnen. (Ifo 1974, 11) Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hatten sich seit der ersten Ifo- Tagung deutlich verändert, was gleich zu Beginn festgehalten wird. „Die Einstellung zum Wachstum und zum technischen Fortschritt ist kritischer geworden, die Umweltprobleme haben an Gewicht gewonnen, und die Ökologie ist zum Kontrapunkt der Ökonomie geworden.“ (ebd., 14) Die wirtschaftlichen „Turbulenzen“ infolge der Ölpreiserhöhungen durch die OPEC-Staaten und wachsende Widerstände aus Teilen der Bevölkerung gegen die deutlich zutage tretenden und als „Nebenfolgen“ apostrophierten Phänomene wie z. B. Umweltverschmutzung mussten auch sprachlich bewältigt werden, was sich an Verschiebungen im Gebrauch der Bezeichnungen ablesen lässt. 35 Wie teilweise naiv (im Vergleich zu gegenwärtigen gezielt gelenkten Sprachverwendungsstrategien) strategischer Sprachgebrauch praktiziert wurde, mag ein weiteres Beispiel aus der Einleitung zur Dokumentation einer VDI-Tagung von 1977 in der Zeitschrift Technikgeschichte illustrieren: „Da der Begriff des technischen Fortschritts in der Gegenwart zunehmend problematisiert wird, ist der Vorschlag erneuert worden, stattdessen – analog zu sozialem Wandel – von technischem Wandel zu sprechen.“ (Ebd., Einleitung von Wolfgang König, S. 116). 132 Weber, Innovation Wachstum, das zentrale Paradigma der ökonomischen Theorie und Politik der Nachkriegs-BRD, konnte nicht mehr als völlig fraglos und uneingeschränkt geltende Maxime für wirtschaftliche Entscheidungen verhandelt werden, und der gestiegene Legitimationsbedarf wirtschaftlicher Entscheidungen spiegelt sich deutlich in den Beiträgen der Tagung. So rücken neben den Forschungsfragen, die Terminologisches und Konzeptionelles von Innovation und technischem Fortschritt betreffen, bisher als Außenseiterpositionen gesetzte Deutungen ins Zentrum, neue Elemente kommen ins Spiel und zur Sprache: – Innovation/technischer Fortschritt hat „Nebenfolgen“ in der natürlichen „Umwelt“ (Verschmutzung, Lärm, Müll, …) – Innovation/technischer Fortschritt hat Konsequenzen in der sozialen Umwelt (Rationalisierung) – Neben bzw. statt „Wachstum“ wird Lebensqualität als „Wohlstandsindikator“ (sprachlich) konkurrenzfähig (Ifo 1974, 371) In den Beiträgen zu dieser Tagung spiegeln sich auch Positionen aus der ersten Phase der sozialliberalen Regierung, die noch explizit Raum für Reformideen und -initiativen gaben, was Inhalte und Strukturen von Politik betraf. Parallel wurden politische Konzepte verfolgt, die vor allem in der Wirtschaft dem „Planungsparadigma“ und den an der Theorie von Keynes orientierten Instrumenten von „Mittelfristiger Finanzplanung“ und „Globalsteuerung“ breiten Raum gaben.36 Gegenüber „traditionellen“ Definitionen von technischem Fortschritt/Innovation als relativ autonomen Grö- ßen wurden auch diese zunehmend als Ziel von politischer Planung und – brisanter noch – staatlicher Lenkung behandelt. Mit dem Thema „Planung“ ist im Übrigen eine weitere Stelle zu markieren, an der sich wissen- 36 Dazu u. a. Tim Schanetzky, Die große Ernüchterung. 133 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II schaftliche und politische Diskurse verflechten, semantische Ressourcen von Wörtern und Konzepten ausgetauscht und neu modelliert werden.37 Für die zweite Ifo-Tagung lässt sich zusammenfassen, dass deutliche Verschiebungen im Themenfeld Technischer Fortschritt/Innovation stattfinden: – „Wachstum“ kann nun auch negativ oder ambivalent bewertet werden.38 – „Nebenfolgen“ technischer Entwicklung werden deutlich benannt (Begriffe wie „Ökologie“ und „Umweltverträglichkeit“ tauchen auf, z. B. S. 43, 67).39 – „Planung“ (hier oft im Gefolge als Antonym: Markt) als übergeordneter Modus für Politik avanciert zur Leitidee und zum Lösungsmodell für wirtschaftliche Entscheidungsprobleme. Obwohl einige der Beiträger der o. a. Tagung Schumpeter zitieren, ist ihnen offensichtlich entgangen, dass schon in der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und später in den Konjunkturzyklen sehr deutlich die Ambivalenz der Dynamik der kapitalistischen Ökonomie beschrieben ist. Da die Beteiligten aus ideologischen Gründen nicht von der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen sprechen können, 37 Zum Thema „Planung/Planungstechniken“ vgl. z. B. die informative Studie von Andrea Brinckmann, Wissenschaftliche Politikberatung in den 60er Jahren, zur Arbeit der politisch einflussreichen Heidelberger „Studiengruppe für Systemforschung“, die im Übrigen einen wichtigen Anteil an der Implementierung von „Technology Assessment“ (TA, Technikfolgenabschätzung) hatte, vor allem aber für die Integration (seinerzeit noch kritisch akzentuierter) Elemente von Systemtheorie und Kybernetik in die politische Planung stand (ebd., S. 108, 117ff., 157ff.). Zur systemtheoretisch inspirierten Konzeptualisierung dieses Vorganges vgl. den Sammelband von Stephan Bröchler/Reiner Schützeichel (Hrsg.), Politikberatung. 38 Die im folgenden Abschnitt behandelte „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ (kowisowa) wird dafür z. B. den Ausdruck „gestaltete Expansion“ finden, Schanetzky nennt weitere Varianten, die zu dieser Zeit im Umlauf waren: „kontrollierte Expansion“ (Die große Ernüchterung, S. 81) oder „Expansion in Stabilität“ (ebd., S. 94). 39 1974 veranlasste die Bundesregierung das erste Umweltgutachten. 134 Weber, Innovation greifen sie immer wieder auf (Hilfs-)Konstruktionen wie das „Henne-Ei- Problem“ (Ifo 1974, 47) oder ähnliche zurück.40 Hervorzuheben ist noch, welcher Status dem Thema „Humanisierung der Arbeit“ zugeschrieben wird. Unter dieser Überschrift beschäftigten sich vor allem die Gewerkschaften – für einige Jahre und mit sehr begrenztem Erfolg – mit den sozialen Nebenfolgen von technischem Fortschritt. Die in diesem Zusammenhang aufgestellte Behauptung des RKW-Vertreters, das vorangegangene RKW-Projekt zeige schwerpunktmäßig, wie der technische Fortschritt an die Arbeitenden angepasst werden könne (Ifo 1974, 74f.), ist jedenfalls nachweislich falsch. In der Veröffentlichung zur Studie heißt es dort unmissverständlich: „Dieses Ergebnis erhält dadurch eine Bestätigung, dass die Verbesserung der Arbeitssituation der Beschäftigten in keinem unserer Fälle als selbständige Handlungsmaxime bei der Entscheidung über eine technische Neuerung eingeführt wird.“ (ebd., 296) Noch nicht angekommen ist in diesem Kontext die inzwischen begonnene, zunächst wissenschaftliche, aber auf Politikberatung zielende Auseinandersetzung mit einem umfassenderen Begriff und Phänomen der Nebenfolgen von Technik, die unter dem Namen „Technikfolgenabschätzung“ (TA) seit Anfang der 1970er Jahre in der Bundesrepublik (etwas früher in den USA) zu verfolgen ist.41 Auch die Arbeit und die Publikationen der „Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“, die im folgenden Abschnitt im Mittelpunkt stehen, stehen zunächst noch unter dem Einfluss der als „Reformoptimismus“ gekennzeichneten Phase der ersten Jahre der sozialliberalen Koalition und der später oft als „Planungseuphorie“ apostrophierten Erwartungen gegenüber den Möglichkeiten systematischer Planung aller Politikbereiche. 40 „Ideologisch“ meint hier: für einen Ökonomen (klassisch-)liberaler Orientierung ist der Gebrauch von Konzeptualisierungen marxistisch politökonomischer Provenienz (wie „Dialektik“) kaum ohne Reputationsrisiko möglich. 41 Zur Technikfolgenabschätzung vgl. Heinz Haas (Hrsg.), Technikfolgenabschätzung; Thomas Petermann/Reinhard Coenen, Technikfolgenabschätzung in Deutschland; Michael Decker/Armin Grunwald/Martin Knapp (Hrsg.), Der Systemblick auf Innovation. 135 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II 4.3 „Wissenserzeugung zu Regierungszwecken“42: Innovation im Gutachten der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel (kowisowa) Wissen zirkuliert nicht „körperlos“, und so ist es nicht unwesentlich, aus welchen Sprecher- oder institutionellen Positionen heraus es erzeugt und in Umlauf gebracht wird. Kontextinformationen wie Organisationszusammenhänge und personelle Kontinuitäten geben Aufschluss über die speziellen Bühnen, auf denen – in unserem Fall regierungsbezogenes – Wissen erzeugt wird.43 Die „Kommission“ hat (wie auch die übrigen frühen politikberatenden Strukturen und Organisationen) ein prominentes US-amerikanisches Vorbild, die 1966 gegründete „Commission on Technology, Automation and Economic Progress“.44 Gewerkschaftliche (!) Initiativen zur Einsetzung einer ähnlichen Institution in der Bundesrepublik führten 1968 zunächst zur Gründung des „Arbeitskreises Automation“, dessen Mitglieder dann 1971 fast vollständig in die „Kommission“ übernommen wurden. Der Generalsekretär der Kommission war zuvor schon als Geschäftsführer des AK „Automation“ tätig gewesen.45 In einem Text von 1978 stellte der ehemalige Vorsitzende der Kommission Bolte selbst auch explizit den Zusammenhang her mit der Ausgangssituation für das amerikanische Vorbild, 42 Diese sehr treffende Formulierung entlehne ich Lea Hartung, „Half-an-idea-machine“, S. 95. 43 Grundsätzliches zum Thema „Politikberatung“: vgl. z. B. Bröchler/Schützeichel (Hrsg.), Politikberatung; Schanetzky, Die große Ernüchterung; Nützenadel, Die Stunde der Ökonomen sowie Axel Murswieck (Hrsg.), Regieren und Politikberatung. 44 Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel, Wirtschaftlicher und sozialer Wandel in der Bundesrepublik Deutschland, Gutachten der Kommission (kowisowa), im Folgenden zitiert als Gutachten + Seitenzahl. 45 Vgl. zu Geschichte, Auftrag und Arbeitsweise der Kommission auch den letzten Band der von ihr herausgegebenen Studie von Helmut Kohn, Zur Vergabe wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Forschungsaufträge, und mit Verweisen darauf den Aufsatz des ehemaligen Vorsitzenden der Kommission, Karl Martin Bolte, „Die Arbeit der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ im Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik (1978), S.  251–271, außerdem die Stellungnahmen der Tarifpartner: IG Metall (Hrsg.), Wirtschaftlicher und sozialer Wandel in der Bundesrepublik Deutschland, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände/Bundesverband der Deutschen Industrie (Hrsg.), Wirtschaftlicher und sozialer Wandel in der Bundesrepublik Deutschland. 136 Weber, Innovation nämlich hohe Arbeitslosigkeit und soziale Unruhen in den USA.46 Nicht zuletzt Befürchtungen, ähnliche Entwicklungen könnten auf die Bundesrepublik zukommen, motivierten die Kommissionsarbeit. Schon in der Beschreibung des Arbeitsauftrages für die Kommission durch den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt sind charakteristische Argumentationsmuster erkennbar, wie das folgende Zitat zeigt: Unsere Gegenwart und Zukunft sind geprägt von einem permanenten wirtschaftlichen und sozialen Wandel. Die Entwicklung und Anwendung neuer Technologien, die rasche Ausweitung unseres Wissens, die Dynamik unseres Wirtschaftsprozesses sind wesentliche Komponenten eines ständigen strukturellen Wandels, der nicht nur bestimmend ist für unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, sondern der zugleich tiefgreifende Konsequenzen bis in den Lebensbereich des einzelnen Mitbürgers haben kann. Dies ist Herausforderung und Chance zugleich: die Herausforderung, sich dieser Entwicklung zu stellen und sie unter dem Aspekt des sozialen Fortschritts zu meistern; die Chance, bewusst gestaltend auf die gemeinsame Zukunft einzuwirken. Nicht zuletzt diesem Ziel hat auch die Politik der inneren Reformen zu dienen. Sie soll die Anpassungsfähigkeit des einzelnen an die Gegebenheiten des ökonomischen und sozialen Wandels erhöhen und gleichzeitig für eine adäquate soziale Sicherung Sorge tragen. Unsere Mitbürger sollen dem technischen, organisatorischen und wirtschaftlichen Fortschritt nicht mit Sorge als einer Bedrohung und Gefährdung ihrer Existenz entgegensehen müssen, sondern sie sollen ihn erfahren als eine natürliche Begleiterscheinung und bedeutsame Voraussetzung der Steigerung unseres Wohlstandes.47 Das heißt, „Wandel findet statt“, was zu tun bleibt, ist gestaltendes „Einwirken“. Dass „Anpassungsfähigkeit“ gefördert und als „natürliche Begleiterscheinung“ zum „wachsenden Wohlstand“ erfahren werden soll, ist bis heute eine Grundfigur in Debatten um das Verhältnis von (technischer oder gesellschaftlicher) Entwicklung (als Prozess mit eigener Dynamik) und eingreifender Gestaltung. 46 Karl Martin Bolte, „Die Arbeit der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“, S. 251. 47 Zitiert nach Bolte, „Die Arbeit der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel“, S. 107f. 137 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II Als die Kommission 1977 mit einiger Verzögerung ihr zusammenfassendes Gutachten als Bilanz zu den zuvor schon publizierten 140 (einschließlich 25 aus dem AK Automation) Einzelstudien des Projektes veröffentlichte, hatten sich die ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Vergleich zur Zeit der Auftragsvergabe (1971) schon erheblich verändert, und nicht wenige der Befunde vor allem der Einzelstudien erschienen zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung schon unzeitgemäß bzw. überholt. Die Kommission sprach von „Trendbrüchen“ und nannte im Einzelnen „z. B. die Bildungsexpansion, de[n] starke[n] Rückgang des Wirtschaftswachstums in den Jahren 1974 und 1975, […] und das Bewusstwerden der Begrenztheit der auf der Erde verfügbaren Rohstoffe“ (Gutachten, 5). Die Veränderungen im Wortgebrauch waren an einigen Stellen markant. So war nun zum Beispiel statt von „Wachstum“ die Rede von „gestalteter Expansion“ (Gutachten, 43) und die Erwartungen und Ansprüche an staatliches Planungshandeln wurden deutlich reduziert (Gutachten, 28ff.). Die Bezeichnungswechsel werden plausibel vor dem Hintergrund der vernehmlicher werdenden Wachstumskritik.48 Technischer „Fortschritt“ wird kaum noch gebraucht, die Bezeichnung wird durch „Wandel“ substituiert. Ein moderat kritischer Kommentar zu den Ergebnissen der Kommissionsarbeit in der damals viel gelesenen Wochenzeitung Die Zeit vom 28.1.1977 benennt am Ende treffsicher den (dennoch) wesentlichen Effekt des Gesamtprojektes „Kommission“: Seine [des Kommissionsberichtes, S.W.] Stärke liegt woanders. Wegen der Zusammensetzung der Kommission ist es ein Bestandteil des Prozesses, mit dem in der Bundesrepublik die Fundamente des sozialen Konsenses intakt gehalten werden. Das Gutachten spiegelt klar wider, auf welchem Gebiet unserer pluralistischen Gesellschaft gemeinsame Positionen eingenommen werden 48 Später kommt in ähnlichen Konstellationen die Figur des „qualitativen“ Wachstums hinzu, heute wird der gleiche Effekt mit der Formel des „Nachhaltigen“ angestrebt. 138 Weber, Innovation und wo die Gegensätze nicht zu überbrücken sind. Das zu wissen, ist für eine Regierung nicht unwichtig.49 Auch im Gutachten selbst wird betont, wie wichtig die Darstellung konsensfähiger Aspekte im Beratungsprozess war, wenn gesagt wird, dass der Kommissionsbericht sein Schwergewicht nicht auf den Nachweis prinzipiell möglicher Handlungsalternativen legt, sondern auf jene, die sich im Spannungsfeld der in der Kommission vertretenen unterschiedlichen Standpunkte als konsensmöglich erwiesen haben, oder bei denen in einem früheren Diskussionsstadium ein Konsens erreichbar schien. (Gutachten, 6) Nicht zu neutralisierende, unüberwindbare Interessengegensätze wurden infolgedessen entweder über das prozessuale Instrument von „Minderheitenvoten“ versucht zu „bewältigen“ oder durch eine Form mehr oder weniger eleganter Nicht-Befassung, etwa beim Thema „Verteilungsrechnung“. Hinter dem schlichten technischen Namen verbergen sich grundsätzliche Differenzen, nämlich die über Art, Umfang und Bedeutung der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen. Das Argumentationsmuster des Gutachtens in diesem Zusammenhang ist charakteristisch: Eine (mögliche) klare Positionierung/Stellungnahme wird vermieden mit dem Verweis auf fehlende quantitative Informationen sowie auf ein „Informations- und Theoriedefizit in diesem Bereich“ (Gutachten, 184). Für das Thema „Innovation“ ist das Gutachten der Kommission deshalb von Bedeutung, weil es den Sprachgebrauch repräsentiert, den Wissenschaftler und Interessenvertreter in den politischen Raum transferierten, und das heißt hier, gleichzeitig in das Feld des „Regierens“ und in das einer breiteren Öffentlichkeit. Außerdem lässt sich ein „Umschlagpunkt“ markieren: „Innovation“ und „Innovationen“ wandern endgültig aus dem (wirtschafts-)wissenschaftlichen Feld in das der pragmatischen Politik; „Innovationspolitik“ (Varianten: Forschungs- und Technologiepolitik, F&T; Forschung und 49 Die Zeit vom 28.1.1977: „Sechs Jahre – und kein bißchen weise.“ 139 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II Entwicklung, F&E) wird zum Namen eines Teils von Wirtschaftspolitik, die in einer spezifischen Weise zugleich Förderung und Beschränkung „verwalten“ soll.50 „Innovationspolitik“ wird zum Synonym für ein System von Subventions-, Abschreibungs- und Förderinstrumenten zur Unterstützung bestimmter wirtschaftlicher Akteure, und unter dem Label „Technikfolgenabschätzung“ wird der Teil geführt, der potentiell kritische Aspekte von Innovationen behandeln soll. Es dürfte kein Zufall sein, dass es 16 Jahre dauerte, bis diese selbst nicht unumstrittene Forschungsperspektive institutionalisiert werden konnte.51 Bemerkenswert ist, dass in der Selbstbeschreibung von Akteuren in diesem Feld Veränderungen wahrgenommen werden, die anhand der Metapher einen bedeutsamen Perspektiv- und Richtungswechsel anzeigen: Gegenüber der anfänglichen „Wachhund“-Funktion sehe sich die Technikfolgenabschätzung inzwischen eher als die eines „Spürhundes“ für erfolgversprechende technische Neuerungen.52 An diesem Bild lässt sich exemplarisch eine der charakteristischsten Funktionsweisen metaphorischen Sprachgebrauchs zeigen: Die Kopplung bzw. der Kurzschluss von Bildfeldern (hier: Natur-Tierwelt/Ökonomie-Wissenschaft). Das Thema „Risiko“, für den „Wach“hund noch elementar, wird abgeblendet, ausgeschlossen – der „Spür“hund ist dressiert auf „Chancen“ (= Finden). Als Selbstbeschreibung einer Wissenschaftssparte ist der Bildgebrauch nicht ohne Ironie: beide Varianten der Spezies „Hund“ sind stark instrumentalisiert und haben eine „dienende“ Funktion. 50 Günter Ropohl, Technikhistoriker, formulierte es zugespitzt so: „Die Innovationspolitik setzt jenes kennzeichnende Merkmal des Kapitalismus fort, das J. A. Schumpeter (1975) ‚schöpferische Zerstörung‘ genannt hatte.“ (Technologische Aufklärung, S. 12). 51 Zu Geschichte und Entwicklung der Technikfolgenabschätzung vgl. u. a. Thomas Petermann/ Reinhard Coenen (Hrsg.), Technikfolgenabschätzung. Als konkurrierender Ansatz gilt die „Technikgeneseforschung“, ebd., S. 107f. 2001 wurde im BMBF die „Innovations- und Technikanalyse“ eingeführt. Als Aufgabe steht nicht mehr die Politikberatung im Vordergrund, sondern die Nutzung der Ergebnisse in der Wirtschaft (vgl. Stephan Bröchler/Reiner Schützeichel (Hrsg.), Politikberatung, S. 290. 52 Thomas Petermann/Reinhard Coenen (Hrsg.), Technikfolgenabschätzung, S. 13, 46. 140 Weber, Innovation Nachdem die Kommission zunächst die Entscheidung getroffen hatte, den technischen Fortschritt nicht mehr, wie die gängigen ökonomischen Modelle bisher, als autonome Größe zu behandeln, sondern als gestaltbaren, steuerbaren Faktor, musste das zwischenzeitlich unübersehbare Scheitern der entsprechenden politischen Steuerungsentscheidungen die Empfehlungen der Kommission erheblich beeinflussen. Als Konsequenz laviert das Gutachten dann auch zwischen der nicht ganz aufgegebenen umfassenden Perspektive, die die Rede vom „wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ eröffnet, der sichtlich auch sprachlich nicht beherrschbaren Komplexität der aufgerufenen Zusammenhänge und dem pragmatischen Anspruch des Arbeitsauftrages, der regierenden Politik möglichst umsetzungstaugliches Wissen zur Verfügung zu stellen. Vor allem Letzterem trägt das Kapitel V des Gutachtens Rechnung, das überschrieben ist mit: „Forschungs- und Technologiepolitik. Gestaltung wirtschaftlichen Wandels durch Innovation.“ (Gutachten, 241, Hervorhebung S.W.) Innovation erscheint demzufolge einerseits als Zielgröße staatlicher Forschungs- und Technologiepolitik (F&T), andererseits werden auch zahlreiche weitere „Neuerungsaktivitäten“ (Gutachten, 244) „Innovationen“ genannt. In den Empfehlungen für die Gestaltung der F&T-Politik dominieren die wirtschaftsbezogenen Hinweise, und der Einfluss der Thesen von G. Mensch lässt sich am Sprachgebrauch gut belegen.53 Daneben wird 53 Vgl. z. B. im Gutachten S. 272 (Mensch wird direkt zitiert) und S. 295, dort finden sich Formulierungen, die aus Menschs Studie für die kowisowa stammen („indirekt-spezifisch“, „indirektselektiv“). Parallel zur noch laufenden Kommissionsarbeit beauftragte das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) 1975 drei der großen (Wirtschafts-)Forschungsinstitute Ifo, Battelle und das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), „ein Gutachten zu erstellen, das die Entwicklungstendenzen der Produktions- und Fertigungstechnik in der Bundesrepublik Deutschland untersucht und Ansatzmöglichkeiten der staatlichen Forschungs- und Technologiepolitik zur Modernisierung der Volkswirtschaft aufzeigt“ (Ifo 1977, Vorwort). Ob es nur nicht-koordinierter Expertisebedarf war – das Thema wurde durchaus auch durch die Kommission bearbeitet – oder andere Gründe, lässt sich nicht entscheiden. Die Veröffentlichung beider Gutachten fiel jedenfalls in das gleiche Jahr. Auftragsgemäß fokussiert das Gutachten der Institute eine spezielle Branche. Interessant ist die wahrnehmbare Tendenz, staatliche Interventionen eher wieder einzugrenzen. Die in diesem Zusammenhang u. a. erteilte Empfehlung vermehrter Technologie-Orientierungsreisen (ebd., S. 85) erinnert an die schon in der Hochphase der industriellen Revolution verbreitete Praxis der Erkundungsreisen v. a. von neutral Ökonomie Politik Verhalten/Person Technik Phase Prozess Richtung Ergebnisse Geschehen Tätigkeit Chancen Aufwand Anstöße Verbund Vorhaben Umsetzung Verbreitung Anwendung Wettbewerb Volumen Innovative Marktbedingungen Produktinnovation Prozessinnovation Diffusion Dynamik Unternehmerische Innovationsdruck Potentiale innovative Investition innovative Kundenimpulse Großunternehmen arbeitssparende Innovation Förderung Hindernisse Anstöße Innovations- Geschehen/Persönlichkeit Anreiz reaktiv/initiativ Bereitschaft Freudigkeit Anstrengung Hindernisse Wille Bedarf innovationsförderne Kommunikationsbemühungen Anreiz Widerstand Basisinnovation Verbesserungsinnovation Erstinnovation Quelle: Eigene Darstellung 141 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II die Rolle der Wissenschaft ins Spiel gebracht, genauer: das Pendant zum „technischen“, der „wissenschaftliche Fortschritt“ (Gutachten, 280ff.). Betrachtet man den Text des 5. Kapitels unter sprachlichen Gesichtspunkten, so fällt auf, dass ungewöhnlich oft „Neuerung“ und entsprechende Ableitungen als Synonym für „Innovation“ verwendet werden. Zudem finden sich zahlreiche Komposita, die Innovation „fassen“ sollen. Die Zuordnung der in diesem Kapitel gebrauchten Komposita und Kopplungen mit Innovation/innovativ zu den übergeordneten Begriffen, von denen sie ihre Bedeutungen beziehen, ergibt in einer dieser Sparten ein unerwartetes Ergebnis. Neben den neutralen Verwendungsweisen gruppieren sich die meisten der Komposita und Kopplungen unter „Ökonomie“ und unter „Verhalten“: Diese Häufung in der Sparte verhaltens- bzw. personenbezogener Wörter ist auffällig. Sie lässt sich an dieser Stelle im Gutachten der Kommission Ingenieuren und Unternehmern in die Zentren der Produktion (vgl. zum Beispiel Wilhelm Treue et al. (Hrsg.), Quellen zur Geschichte der Industriellen Revolution). 142 Weber, Innovation als Niederschlag von Ergebnissen einer Reihe von sozialwissenschaftlich akzentuierten Einzelstudien im Rahmen der Kommissionsreihe interpretieren, die sich vor allem mit personenbezogenen Aspekten des „Sozialen und wirtschaftlichen Wandels“ beschäftigten.54 Dieses Wortmaterial findet sich – erweitert um spezifisch arbeitswissenschaftliche Terminologie – auch in der „Begleitforschung“ zu den inzwischen gestarteten Projekten zur „Humanisierung der Arbeit“. Die sprachliche Instabilität verweist einerseits auf die Vielfalt der angesammelten Bedeutungselemente von Innovation. Es lassen sich pragmatische, normative (muss/soll sein) und evaluative (ist gut/erstrebenswert) Aspekte unterscheiden. Innovation als Kollektivsingular steht für die Ursache (wirtschaftlichen/sozialen) Wandels. Innovation in der einfachen Singularform tritt als Bezeichnung für neue (technische) Produkte oder eine Prozessneuerung auf, Letztere wiederum kann das Attribut „sozial“ mit sich führen, womit der Raum auf politische, gesellschaftliche und auch wissenschaftliche Neuerung geöffnet ist. Der einfache Plural kann neue Produkte bezeichnen, umsetzungsfähige bzw. umgesetzte Erfindungen, Dinge ebenso wie Prozesse. Andererseits oszillieren die Funktionszuschreibungen für Innovation zwischen Ursache, Zweck und Mittel. Rationalisierung, das umstrittene Zwillingsthema zu Innovation, kommt im Gutachten in drei markanten Verwendungsweisen vor: – zur Konstruktion einer mächtigen Kausalität: „der“ technische Fortschritt erzeugt Rationalisierungspotential. – zur argumentativen Erzeugung von Legitimität: Rationalisierung nicht zu nutzen, ruft Gefährdungen (des Wachstums) hervor. 54 Dazu gehören u. a. die in der Schriftenreihe der Kommission veröffentlichten Studien Nr. 12: Klaus Barck et al., Perspektiven des technischen Wandels und soziale Interessenlage; Nr. 70: Ulrich Mergner et al. (Hrsg.), Arbeitsbedingungen im Wandel und Nr. 64: Friedrich Fürstenberg, Konzeption einer interdisziplinär organisierten Arbeitswissenschaft. 143 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II – zur Inszenierung eines Sachzwangs: Deshalb (weil sonst „Wachstum“ gefährdet sei) sind Rationalisierungsfolgen, also Entlassungen, hinzunehmen. Ausgehend von der zutreffenden Einschätzung, dass Rationalisierungsinvestitionen Arbeitsplätze kosten (aber mit bestreitendem Minderheitenvotum!), wird formuliert: Freisetzungseffekte der Rationalisierungsinvestitionen sind hinzunehmen, wenn das langfristige Wachstum nicht gefährdet werden soll. […] [Es] ist nicht empfehlenswert, sich der Rationalisierung des Produktionsprozesses entgegenzustellen. (Gutachten, 95) Die nicht mehr bestreitbaren „Nebenfolgen“ von Innovation durch Rationalisierung werden durch Verweis auf „höherwertige Ziele“ („langfristiges Wachstum“) mit sachzwangähnlicher „Logik“ ins Feld geführt – ein hinreichend bekanntes Muster politischer Rhetorik, das hier jedoch von einem Gremium mit wissenschaftlichem Anspruch verwendet wird. In einem Minderheitenvotum der gewerkschaftsnahen Kommissionsmitglieder wird darauf verwiesen, dass die vereinbarten Rationalisierungsschutzabkommen aus der Sicht betroffener Arbeitnehmer oft wenig wirksam seien (Gutachten, 425).55 Mit der einschlägigen Behauptung, dass private Anbieter „wirtschaftlicher“ (kostengünstiger, effizienter, schneller) arbeiten könnten, wurde im Übrigen schon zu dieser Zeit die Möglichkeit erheblicher „Rationalisierungsgewinne“ im öffentlichen Sektor als Ziel von Privatisierungsplänen lanciert.56 55 Hierzu auch Bd. 18 der Kommissionsreihe von Fritz Böhle/Burkart Lutz, Rationalisierungsschutzabkommen, v. a. in Bezug auf die indirekten, verschleierten Folgen von Rationalisierungsmaßnahmen (ebd., S. 38f.). 56 Diese sind erst in jüngerer Vergangenheit in aller Konsequenz umgesetzt worden, vor allem im Bereich ehemals staatlicher Aufgaben der Daseinsvorsorge. Inzwischen sind detaillierte Analysen verfügbar, die die Auswirkungen dieser Art von „schöpferischer Zerstörung“ z. B. in Form der „public-private-partnerships“, „cross-border-leasings“ und ähnlicher Instrumente der finanzkapitalistisch geprägten Ökonomie beschreiben: geplünderte kommunale Finanzen, auf Dimension und Zeiten unabsehbare Verschuldungen und, auf der Gewinnerseite, private „Inve- 144 Weber, Innovation In ähnlicher Weise, wie den Auseinandersetzungen um die Technikfolgenabschätzung (TA) abzulesen ist, wie die technische Seite von Innovationen und Rationalisierung „sozialverträglich“ eingehegt werden sollte, lassen sich die seit 1974 aufgelegten Projekte zur „Humanisierung der Arbeit“ (bis zu ihren späten Abkömmlingen wie die gewerkschaftliche Initiative für „Gute Arbeit“) als Versuche einordnen, die unmittelbaren Auswirkungen produktivitätssteigernder Innovationen kompensierend abzumildern.57 Dass ausgerechnet ein Sozialwissenschaftler mit emanzipatorischem Anspruch in diesem Zusammenhang von der „Produktivkraft sozialer Frieden“, sprach, ist nicht ohne Ironie.58 Ausgerechnet mit dem – umgewendeten – Argument, den „sozialen Frieden“ zu gefährden, wurden nicht selten Bestrebungen von Gewerkschaften abgewehrt oder diskreditiert, (mehr) Rechte oder höhere materielle Gratifikationen zu erkämpfen. storen“ und Banken. Vgl. dazu u. a. Werner Rügemer, Cross-Border-Leasing und Privatisierung in Deutschland. 57 Vgl. dazu Dieter Sauer: http://www.bpb.de/apuz/33366/von-der-humanisierung-der-arbeit-zurguten-arbeit?p=all, Zugriff am 20.7.2017. Das Projekt „Humanisierung der Arbeit“ wurde 1989 in „Arbeit und Technik“ umbenannt und neu ausgerichtet. Seit 2001 tragen die Nachfolgeprogramme auch die Bezeichnungen „Innovation“ und „innovativ“ im Titel: 2001: „Innovative Arbeitsgestaltung – Zukunft der Arbeit“ und 2006: „Innovationen mit Dienstleistungen“. Eine moderat kritische Einschätzung dieser Entwicklung enthält der oben zitierte Artikel von Dieter Sauer, ISF München vom 6.4.2011. Eine soziologische Einschätzung im Rückblick eines Beteiligten bietet Michael Schumann, Das Jahrhundert der Industriearbeit, eine nahezu zeitgenössische Einordnung aus der Sicht der Sozialwissenschaften der Band von Doris Janshen/Otto Keck/Wolf-Dietrich Webler (Hrsg.), Technischer und sozialer Wandel. Günther Ropohl, Ingenieur und Philosoph mit dem Schwerpunkt „Technikphilosophie“, hob schon 1981 hervor, dass sich die gängige Gleichsetzung von wirtschaftlichem Wachstum und allgemeinem Fortschritt längst nicht mehr halten lasse. Er wies auf das Phänomen des „jobless growth“ hin (Interdisziplinäre Technikforschung, S. 89), das sich aus der ersten Welle der Automatisierung durch die Mikroelektronik ergeben hatte. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich gegenwärtig ab durch die vermehrte Digitalisierung. Ropohl fügte seinerzeit noch eine (aus unserer Sicht kluge und weitsichtige) Wendung hinzu, die einholt, was nicht zuletzt Marx sich von der Entwicklung der Produktivkräfte erhoffte: „Unter den gegenwärtigen Bedingungen zugespitzter Arbeitsteilung und Spezialisierung aber lassen sich viele Arbeitsplätze nur noch durch Automatisierung human gestalten, und dann sind es keine Arbeitsplätze mehr, sondern Maschinenplätze. Die Arbeit humanisieren, heißt eben oft genug, sie abschaffen.“ (Ebd., S. 107). 58 Michael Schumann, Das Jahrhundert der Industriearbeit, S.  145; zur Einschätzung des Programms zur Humanisierung der Arbeit (HdA) vgl. u. a.: Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Institut des DGB (WSI), Gewerkschaften und Humanisierung der Arbeit. Allein schon die sprachliche Konstruktion dieser voraussetzungsvollen Formulierung wäre einer kritischen Betrachtung wert, die hier jedoch nicht geleistet werden kann. Vgl. dazu auch Kap. 3. 145 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II Betrachtet man das Umfeld von Innovation am Ende der 1970er Jahre, könnte der Eindruck entstehen, die in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit an die optimistische geschichtsphilosophische Version von „Fortschritt“ anknüpfende Erzählung von „Technischem Fortschritt – Innovation – Wachstum und Wohlstand“ sei überholt, ihre Wirksamkeit verschlissen. Doch sind die einschlägigen Verknüpfungen weder in den ökonomischen noch in den politischen Konzepten getrennt worden, vielmehr wurden sie beweglicher, variabler. Die technikgeprägte Deutungsvariante von Innovation in ökonomischen Konzepten (Technischer Fortschritt = Innovation = Wachstum) z. B. ist als Teil des kanonisierten Lehrbuchwissens bis heute gültig.59 Und eine neue Redeweise wird etabliert, die sich um die Bezeichnung „Soziale Innovation(en)“ anlagert und als Domäne der Sozialwissenschaften verstanden wird.60 Dem entspricht das nachdrückliche Plädoyer des Generalsekretärs der Kommission, Helmut Kohn, für die Förderung von „Grundlagenforschung“ auch bei sozialwissenschaftlichen Themen, das sich im abschließenden 140. Band der Kommissionsreihe findet.61 Die Ausführungen Kohns verweisen außerdem auf einen nicht unwesentlichen Nebendiskurs, in dem es um die Konkurrenz von Deutungs- und Geltungsansprüchen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen geht, hier zwischen Ökonomie einerseits und Politik und Soziologie andererseits. Kohn beklagt explizit, dass Politikberatung bisher meist auf wirtschaftswissenschaftliche Expertise zurückgreife, und er stellt die bisherige Rolle der Ökonomie als Leitwissenschaft in Frage. Zusammenfassend lassen sich als tragende Begriffe der kowisowa- Texte herausheben: Wandel Fortschritt 59 Vgl. Kap. 6. 60 Vgl. Kap. 5. 61 Helmut Kohn, Zur Vergabe wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Forschungsaufträge, v. a. S. 10–17. 146 Weber, Innovation Wachstum Wohlstand Wirtschaftlich/Sozial Technik/Technologie Als Komplementärbegriffe fungieren vor allem Rationalisierung und Automatisierung mit abnehmender sowie Umwelt mit zunehmender Relevanz. Innovation erscheint in diesem Feld regelmäßig als Kookkurrenz, jedoch in instabilen, wechselnden Kombinationen, mal teleologisch, mal normativ verknüpft. Technischer Fortschritt und Innovation werden meist als Synonyme gebraucht: – Wirtschaftlicher und sozialer Wandel durch technischen Fortschritt – Technischer Fortschritt: umfassender als Innovation – Wirtschaftlicher Fortschritt durch Innovation – Technologische Neuerungen = Technischer Fortschritt – Technischer Fortschritt als Quelle des Wachstums – Technischer Fortschritt als Voraussetzung für Wohlstand – Forschung und Entwicklung (F&E) als Voraussetzung für technischen Fortschritt und Innovation Wie das aus den Texten der kowisowa gebildete Begriffsnetz zu einem späteren Zeitpunkt variiert wurde, hier allerdings eingebunden in Parteistrategien, lässt sich exemplarisch an einem von Josef Klein zitierten Auszug aus dem „Argumentationsbuch der CDU für ihre Wahlkämpfer im Bundestagswahlkampf 1986/87“ nachvollziehen.62 Die zentralen Adressen des Textes sind hier: – tiefgreifender Strukturwandel – technologische Spitzenprodukte – Innovationskräfte – „Ja“ zum technischen Fortschritt 62 Josef Klein, Politolinguistik, S. 96 und 97. 147 4 Von der Analyse ökonomischer Entwicklung zur Politikberatung II – Vereinbarkeit von technischem Fortschritt und wirtschaftlichem Wachs tum mit Umweltbelangen – technologisch-ökonomische Konkurrenzfähigkeit Die SPD-Reaktion darauf, so wertet es Klein, ist kondensiert im Motto des Parteitages von 1988: „Zukunft kommt von selbst, Fortschritt nur mit uns“, sowie in dem Versuch, „den Fortschritts-Begriff für sich zu besetzen oder genauer gesagt, nicht zuzulassen, dass der traditionelle SPD-Begriff des (primär: sozialen) Fortschritts verblasst hinter einem von Zukunftsoptimismus umstrahlten Begriff des (primär: technischen) Fortschritts“.63 In der Gegenwartskommunikation haben sich aus dem skizzierten Begriffsnetz drei Verwendungsvarianten stabilisiert: – Innovation in wissenschaftlich/politischer Kommunikation als „Ersatz“ für neuzeitliche Bewegungsbegriffe (Koselleck) wie Reform, Fortschritt. – Innovation als Signalwort für a) ökonomische, gewinn- und wettbewerbsorientierte Prozesse (Re- und Umstrukturierungen, i. d. R. mit Rationalisierungen und Entlassungen verbunden), und b) für innerbetriebliche Optimierung (= bessere Abschöpfung) der Ideenproduktion (Kreativität, Innovationsmanagement). – Innovation als Formel in politisch-strategischer Kommunikation für die Reaktivierung der (in der Zwischenzeit in Kritik und Verruf geratenen) Kombination von Technik/Technologie und Wachstum mit nationaler Fokussierung. Dies wird in den folgenden Kapiteln in weiteren Schnitten durch exemplarische Textkorpora nachgezeichnet. 63 Josef Klein, Politolinguistik, S. 97f. Zum Begriff des Fortschritts in der SPD-Programmatik s. u. Kap. 7.2. 148 Weber, Innovation I Voraussetzung für: Individueller und kollektiver Ausdruck von: - Ideenreichtum und Schöpferkraft (9,19, 23) - WTR (20) - Schöpferische Fähigkeiten (10,11ff.) - WTF (20) Leistungen (23) Aktivitäten (66) - Evolution (20) Handeln (66) Arbeit (66) - Fortschritt (20) Phantasie (66) - Vorwärtsentwicklung (47) - Progressive Entwicklung (48) Definiert als: Ziele: - Neuentwicklung (18) - Rationalisierung (19) - Vervollkommnung von Bekanntem (46) - Erhöhung der Produktivität (13) - Einheit von Ideenproduktion und - Gesellschaftlicher Nutzen (31) Ideenverwirklichung (46) - Neuleistung (52) - Neuererbewegung (44ff.) Schöpfertum Quelle: Eigene Darstellung

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Zusammenfassung

Gegenstand der von Susanna Weber vorgelegten Studie sind Stationen der Begriffsgeschichte von „Innovation“, die Beschreibung und Plausibilisierung des Übergangs in einen bzw. die Herausbildung eines Innovations-Diskurses im 20. Jahrhundert sowie die exemplarische Analyse und Kritik einzelner zeitgenössischer Kommunikationszusammenhänge, die „Innovation“ in ihrem Zentrum führen.