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1. Einleitung in:

Nina Ziesemer

Denkmalbestand im Wandel, page 1 - 22

Denkmale der DDR nach 1989

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4207-6, ISBN online: 978-3-8288-7111-3, https://doi.org/10.5771/9783828871113-1

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Fragestellung „Good Bye Lenin“ hatte Regisseur Wolfgang Becker im Jahr 2001 gesagt und ein ausrangiertes Denkmal für den russischen Revolutionär an einen Hubschrauber gekettet durch die Kulisse seiner preisgekrönten Ost-West-Komödie schweben lassen. Ratlos lässt es Katrin Sass in den Himmel über der Karl-Marx-Allee blicken und streckt ihr zum Abschied fast die Hand zum Gruß entgegen. Nach einem längeren Koma weiß die überzeugte Sozialistin nichts vom nahenden Ende der DDR und kann das Geschehen vor ihren Augen nicht deuten. Aus Sorge um ihre Gesundheit wurde ihr das allmähliche Schwinden ihrer einstigen Lebenswelt verschwiegen.1 Auf humoristische Weise spielt die kurze Szene damit auf die reale Demontage des Lenin-Standbildes in Berlin-Friedrichshain an, die im Winter 1991/92 eines von vielen sichtbaren Zeichen des Wandels nach dem Mauerfall war und von lautstarken Protesten begleitet wurde. Nicht alle (Ost-)Berliner2 hatten nach dem Staatssozialismus auch dem Lenin-Denkmal und anderen sozialistischen Relikten in ihrem Stadtbild vorbehaltlos „Good Bye“ sagen wollen. Diese kurze Beschreibung des Ereignisses und seiner späteren Rezeption soll genügen, um zu veranschaulichen, dass der öffentliche Raum in (post)modernen Staaten zwar an Bedeutung verloren haben mag und Denkmale heute durchaus anachronistisch wirken mögen, sie aber nach wie vor eine gesellschaftliche Relevanz besitzen und eine Rolle in den visuellen Erinnerungskulturen Europas spielen.3 Letztere können mit Christoph Cornelißen verstanden werden als „Oberbegriff für alle denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse […], seien sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur.“4 Er schließt den geschichtswissenschaftlichen Diskurs ebenso ein wie private Erinnerungen, die 1. 1.1. 1 Vergleiche hierzu Abbildung 1 im Bildteil am Ende der Studie. Für weitere Informationen zum Inhalt, Hintergrund und zur technischen Umsetzung des Films vergleiche: Töteberg, Michael: Good Bye Lenin. Ein Film von Wolfgang Becker, Berlin 2003. Näheres zur beschriebenen Szene ist insbesondere auf den Seiten 97–101 sowie 154f. zu finden. 2 Im Sinne der besseren Lesbarkeit der Studie wird im Folgenden ausschließlich die männliche Form benutzt. Es können damit sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sein. 3 Speitkamp, Winfried: Nationale Denkmäler und Erinnerungskulturen in Europa, in: Visuelle Erinnerungskulturen und Geschichtskonstruktionen in Deutschland und Polen seit 1939, herausgegeben von Dieter Bingen, Peter Oliver Loewe und Dietmar Poll unter Mitarbeit von Birte Pusback, Warschau 2009 (= Das Gemeinsame Kulturerbe, Band 5), S. 31. Es handelt sich hierbei um die ergänzte und aktualisierte Fassung eines Betrags aus dem Jahr 2005. 4 Cornelißen, Christoph: Was heißt Erinnerungskultur? Begriff – Methoden – Perspektiven, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 10/2003, S. 555. 1 sich öffentlich niederschlagen.5 Vielerorts erlebten alte und neue Denkmäler im Zuge der Ereignisse um das Epochenjahr 1989 sogar eine neue Blütezeit, wobei sich eine Akzentverschiebung feststellen ließ „vom Pathos der klassischen ‚Heldendenkmäler‘ hin zu Mahnmalen und Gedenkstätten, die an die Opfer von Diktatur und Gewalt erinnern.“6 Während es sich bei dem erstgenannten Typus um „gewollte Denkmäler“ im engeren Begriffsverständnis handelt, die bewusst zur Wahrung eines Andenkens an Personen, Personengruppen oder Ereignisse errichtet worden sind, zählen die in jüngerer Zeit als denkmalwert erkannten Zeugnisse zu den „gewordenen Denkmalen“ im weiteren Begriffsverständnis. Dieses umfasst jedes bauliche Zeugnis der kulturellen Entwicklung, das bewahrt werden soll, um eben diese zu dokumentieren.7 Diese Unterscheidung geht auf einen Aufsatz des österreichischen Denkmalpflegers Alois Riegl aus dem Jahr 1903 zurück.8 Sie macht deutlich, dass sich die Bedeutung eines Bauwerks im Laufe seiner Existenz ändern und selbst jenes einen Wert für die Erinnerungskultur erhalten kann, was ursprünglich für einen ganz anderen Zweck geschaffen wurde. Umgekehrt gilt, „daß alle gewollten Denkmale zugleich ungewollte sein können und nur einen kleinen Bruchteil der ungewollten darstellen.“9 Sprachlich hat sich diese Unterscheidung in zwei verschiedenen Pluralformen niedergeschlagen, die im Folgenden verwandt werden. Der Terminus „Denkmäler“ meint ausschließlich die gewollten Erinnerungsmale, wohingegen „Denkmale“ für die gewordenen steht.10 Auf dem weiten Denkmalbegriff fußen auch der institutionalisierte Denkmalschutz und die Denkmalpflege, die ähnlich wie Archive oder Museen dafür sorgen, „dass Dokumente unserer Geschichte für die Auswertung, Bewertung und erinnernde Anschauung durch spätere Generationen“ erhalten bleiben.11 Während Denkmalschutz alle Verwaltungsakte der öffentlichen Hand umfasst, schließt der Begriff Denkmalpflege alle praktisch-pflegerischen Maßnahmen zur konkreten Denkmalerhaltung ein.12 In ihrer beider Zuständigkeitsbereich fallen für gewöhnlich all jene Sachen, Sachgesamtheiten und Teile von Sachen, welche kunsthistorische, his- 5 Ebd., S. 555. 6 Veen, Hans-Joachim: Einführung, in: Denkmäler demokratischer Umbrüche nach 1945, herausgegeben von Hans-Joachim Veen und Volkhard Knigge, Köln, Weimar und Wien 2014 (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung. Schriften der Stiftung Ettersberg, o.Bd.), S. 9. 7 Binder, Beate: Denkmal, in: Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon, herausgegeben von Nicolas Pethes und Jens Ruchatz, Hamburg 2001, S. 116f. 8 Riegl, Alois: Der moderne Denkmalkultus. Sein Wesen und seine Entstehung, in: Gesammelte Aufsätze. Mit einem Nachwort zur Neuausgabe von Wolfgang Kemp, Berlin 1995, S. 144/148. 9 Ebd., S. 148. 10 Krause, Karl-Jürgen: Lexikon. Denkmalschutz und Denkmalpflege, Essen 2011, S. 84. Dieser nach R. Zoller: Der verwaltungsrechtliche Schutz der Kulturdenkmale im sozialen Rechtsstaat unter besonderer Berücksichtigung Bayerns, Würzburg 1966, S. 5. Sie wurde in der Vergangenheit nicht immer konsequent verfolgt und auch in den Gesetzestexten der Bundesländer unterschiedlich aufgenommen (Ebd., S. 84). Dennoch soll sie im Rahmen dieser Studie im Sinne eines besseren Leseverständnisses Anwendung finden. 11 Skalecki, Georg: Akzeptanz von Nachkriegsarchitektur in Politik und Öffentlichkeit, in: Politik und Denkmalpflege in Deutschland, herausgegeben von Udo Mainzer, Bonn 2000 (= Arbeitshefte der rheinischen Denkmalpflege, Band 53), S. 69. 12 Krause, Lexikon, S. 87/105. 1. Einleitung 2 torische, wissenschaftliche, technische und/oder städtebauliche Bedeutsamkeit besitzen und deren Erhalt im öffentlichen Interesse liegt.13 In den konstitutiven Verwaltungssystemen werden sie allerdings erst zum Denkmal erklärt, nachdem sie durch einen zusätzlichen Verwaltungsakt in ein Denkmalverzeichnis eingetragen worden sind. In den nachrichtlichen Systemen sind sie „ipso iure“ den gesetzlichen Schutzbestimmungen unterworfen.14 Da der Denkmalschutz Institution und Teilbereich der Erinnerungskultur ist, unterliegt die Erfassung und Erforschung der von ihm verwalteten Denkmale, die sogenannte Inventarisation, darüber hinaus den Mechanismen des kollektiven Erinnerns und Vergessens. Erinnert und an künftige Generationen weitergegeben wird vor allem das, was dem Selbstbild und den Interessen der gegenwärtigen Erinnerungsgemeinschaft entspricht.15 Da innerhalb einer Gesellschaft unterschiedliche Erinnerungsbedürfnisse und Deutungen der Vergangenheit existieren, kann es hierbei zu Konflikten kommen. Denkmale wie das Lenin-Denkmal können dann Anlass sein, dass latente Konflikte manifest werden.16 In der DDR sollten die Denkmale überdies die sozialistische Ideologie widerspiegeln, in deren Sinne erziehen und so „zur Verwirklichung der Ideen des sozialistischen Patriotismus“ beitragen.17 Das Denkmalerbe war daher gezielt nach jenen Bezugspunkten ausgewählt worden, welche den langen Kampf der Arbeiterklasse um politische Freiheit darstellten, die in der DDR nun als verwirklicht angesehen wurde. Ferner sollte es den antifaschistischen Gründungsmythos der Republik untermauern und damit das herrschende System legitimieren. Dagegen wurde das feudale, sakrale und bürgerliche Erbe trotz seines zum Teil immensen historischen oder kunsthistori- Im Sinne der besseren Lesbarkeit der Studie wird im Folgenden bei allgemeinen Ausführungen vornehmlich lediglich einer der beiden Begriffe verwandt. 13 Kiesow, Gottfried: Denkmalpflege in Deutschland. Eine Einführung. 4., überarbeitete Auflage, Darmstadt 2000, S. 76. Sachen können dabei als einzelne Gebäude oder Ausstattungsstücke, Sachgesamtheiten als ein ganzes städtebauliches Ensemble und Teile von Sachen beispielsweise als ein einzelner Torbogen verstanden werden (Ebd., S. 76). 14 Martin, Dieter J., Krautzberger, Michael in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (Hrsg.): Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege – einschließlich Archäologie. Recht, fachliche Grundsätze, Verfahren, Finanzierung, 2. überarbeitete und wesentlich erweiterte Auflage, München 2006, S. 157f. Da die Denkmallisten eine wichtige Grundlage für den Verwaltungsvollzug sind, werden die Listen aber auch in den Bundesländern mit einem nachrichtlichen Verwaltungssystem geführt. Ihre Eintragung dient dort nurmehr zur Information und bietet größere Planungs- und Rechtssicherheit für Denkmaleigentümer, Stadtplaner und Denkmalschützer (Ebd., S. 157f./163). 15 Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart und Weimar 2005, S. 17. 16 Stachel, Peter: Stadtpläne als politische Zeichensysteme. Symbolische Einschreibungen in den öffentlichen Raum, in: Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich, herausgegeben von Rudolf Jaworski und Peter Stachel, Berlin 2007, S. 28. 17 § 1 Abs. 1, 2 Gesetz zur Erhaltung der Denkmale in der Deutschen Demokratischen Republik – Denkmalpflegegesetz – vom 19. Juni 1975, abgedruckt in: Deutsche Denkmalschutzgesetze, bearbeitet von Wolfgang Brönner, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1982 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 18), S. 113. 1.1. Fragestellung 3 schen Wertes oft abgelehnt.18 Zudem ignorierten die Behörden die bis dahin üblichen Zeitgrenzen bei der Denkmalerfassung. Hatte Karl Friedrich Schinkel, der als der Begründer der deutschen Denkmalpflege gilt,19 hierfür noch ein Mindestalter von fast 200 Jahren vorgesehen,20 wurden in der DDR bereits Objekte unter Denkmalschutz gestellt, die sich noch in der Planungsphase befanden.21 Anders als frühere politische Systeme hatte sie damit ihr eigenes kulturelles Erbe, das auf der Grundlage derselben ideologischen Leitlinien entstanden war, zum Denkmal und Teil ihrer Erinnerungskultur erklärt. Auch diese frühzeitige Selbsthistorisierung trug jedoch nicht dazu bei, das Regime nachhaltig zu stabilisieren und den Unmut über fehlende Legitimität und Transparenz dauerhaft zu verdrängen, sodass er sich Ende der achtziger Jahre zunehmend entlud und erst den Fall der Berliner Mauer, dann die deutsche und schließlich die europäische Einigung nach sich zog. Dies blieb auch für den Denkmalschutz nicht ohne Folgen, denn wie der Architekt und Kunsthistoriker Michael Falser in seiner Dissertation zeigte, korrelieren politische Umbrüche wie diese stets mit den Entwicklungen im Denkmalschutz. Sie schlagen sich auf der Ebene seiner Institutionen und Akteure, Werte und Normen und der verwalteten Artefakte nieder.22 Erinnerungskulturelle Teilbereiche wie der Denkmalschutz können in Transformationsprozessen23 sogar eine zentrale Bedeutung einnehmen, da die Fokussierung auf die Kategorien Geschichte, Vergangenheit und Tradition in unsicheren und un- übersichtlichen Zeiten eine bekannte und damit vermeintlich sichere Welt reprodu- 18 Zu den bekanntesten politisch motivierten Zerstörungen, denen viele Gutshäuser, Schlossbauten und Kirchen in der DDR zum Opfer fielen, gehören die Abrisse des Berliner und Potsdamer Stadtschlosses (Kiesow, Denkmalpflege [2000], S. 51). 19 Schmidt, Leo: Einführung in die Denkmalpflege, 2008 Darmstadt, S. 23. 20 Hubel, Achim: Denkmalpflege. Geschichte, Themen, Aufgaben. Eine Einführung, 2. durchgesehene und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2011, S. 160. 21 Vergleiche hierzu: Archiv Landesdenkmalamt (LDA) Berlin. Magistratsvorlage 133/78 vom 13. April 1978 – Kreisdenkmalliste des Stadtbezirks Berlin-Treptow, S. 7. Unter den Denkmalen zur politischen Geschichte ist dort eine „zu errichtende Gedenkstele“ aufgeführt. 22 Falser, Michael: Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland, Dresden 2008, S. 4. Vergleiche hierzu insbesondere das von ihm entwickelte Schaubild, in welchem er unter anderem zwischen Sozialer, Materialer und Mentaler Kultur unterschied (Ebd., S. 6). Die drei genannten Teilbereiche entlehnte er einem Aufsatz von Roland Posner: Posner, Roland: Kultur als Zeichensystem. Zur semiotischen Explikation kulturwissenschaftlicher Grundbegriffe, in: Kultur als Lebenswelt und Monument, herausgegeben von Alaida Assmann und Dietrich Harth, Frankfurt a.M. 1991, S. 37–74. 23 Der Begriff Transformation fungiert als Oberbegriff für verschiedene Formen, Aspekte und Zeitstrukturen des politischen und gesellschaftlichen Wandels. So können sich die Regierung, das politische Regime, der Staat oder das politische System verändern, wobei letzteres die stärkste Wirkkraft besitzt. Anhand des Grades der Veränderung kann zudem unterschieden werden zwischen Systemwandel, Systemwechseln und Transitionen (Merkel, Wolfgang: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung, Opladen 1999 [= Schriftenreihe Uni-Taschenbücher, Band 2076], S. 70ff.). Sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie intentional, aber ergebnisoffen verlaufen, mehr als nur ein Teilsystem der Gesellschaft betreffen und sich die Ablösung des Alten parallel zur Herausbildung und Stabilisierung des Neuen vollzieht (Hopfmann, Arndt, Wolf, Michael: Was heißt und zu welchem Ende betreibt man Transformationsforschung?, in: Transformationstheorie. Stand, Defizite, Perspektiven, herausgegeben von dies., Münster 2001, S. 20ff.). 1. Einleitung 4 ziert und die politische, gesellschaftliche und kulturelle (Neu-)Orientierung vereinfacht.24 Bernd Faulenbach zufolge kann die bisherige Erinnerungskultur dabei von einer neuen vollständig abgelöst werden, sich weiterhin behaupten oder sich fragmentarisch auflösen, wodurch es zu einem Kampf um ihre zukünftige Ausgestaltung kommt.25 Angesichts dessen stellte sich nach der friedlichen Revolution die Frage, wie sich der ostdeutsche Denkmalschutz unter den neuen strukturellen und ideologischen Bedingungen weiterentwickeln sollte und wie mit dem politisierten Denkmalerbe der DDR zu verfahren war. Womöglich erstmalig in der Geschichte hatte ein neues politisches System über Denkmale zu urteilen, welche das frühere selbst gebaut und unmittelbar danach unter Schutz gestellt hatte. Waren diese nun unverändert auf den Denkmalverzeichnissen zu belassen? Oder aber die Berechtigung ihrer Erfassung zu überprüfen und sie gegebenenfalls von ihnen zu streichen? Spätere Abtragungen wie die des eingangs beschriebenen Lenin-Denkmals wären hierdurch einfacher geworden, die DDR (im Stadtbild) damit aber zunehmend in Vergessenheit geraten. Die Suche nach einem fachlich angemessenen Umgang mit den DDR-Denkmalen stand daher mit einer noch viel generelleren Fragestellung in Verbindung: Welches Gewicht und welche Deutung sollte die DDR in der Erinnerungskultur des vereinigten Deutschland erhalten? Dieser Prozess der Neubewertung des von den DDR-Behörden eingetragenen Denkmalbestandes durch die neuen Entscheidungsträger und die postsozialistische Gesellschaft soll Thema der vorliegenden Studie sein. Am Beispiel Ost-Berlins soll untersucht werden, wie die Nachkriegsdenkmale der DDR nach der friedlichen Revolution bewertet, selektiert und in das Selbstbild des vereinigten Deutschland integriert wurden. Dabei ergeben sich in Anlehnung an die von Michael Falser genannten Ebenen der Veränderung verschiedene Fragekomplexe. Zum einen soll geklärt werden, welche Akteure in Ost-Berlin für die getroffenen Entscheidungen überhaupt verantwortlich waren. War nach dem Mauerfall eher eine institutionelle und personelle Kontinuität oder aber ein deutlicher Umbuch feststellbar? Wurde eher an ost- oder an westdeutsche Strukturen angeknüpft? Welche Formen der Mitsprache und Einfluss- 24 Niedermüller, Peter: Umbruch zur Moderne oder die Rückkehr der Geschichte. Zur kulturellen Logik des Postsozialismus, in: Umbruch zur „Moderne“? Studien zur Politik und Kultur in der osteuropäischen Transformation, Frankfurt a.M. 1997 (= Gesellschaften und Staaten im Epochenwandel, Band 5), S. 74f. Ferner eignen sie sich dafür, nationale oder gruppenspezifische Elemente aufzuwerten und im Zuge des Nation-Building-Prozesses oder anderer Formen der politischen Neuordnung den inneren Zusammenhalt und die kollektive Identität zu stärken. 25 Faulenbach, Bernd: Erinnerungskulturen in Mittel- und Osteuropa als wissenschaftliches und geschichtspolitisches Thema. Überlegungen zu Thema und Fragestellungen, in: „Transformationen“ der Erinnerungskulturen in Europa nach 1989, herausgegeben von Bernd Faulenbach und Franz-Josef Jelich, Essen 2006 (= Geschichte und Erwachsenenbildung, Band 21), S. 14. Abrupte Brüche und ein Austausch der entscheidungsbefugten und mit der Deutungshoheit ausgestatteten Elite stellen bisherige Erinnerungskulturen ihm zufolge dabei stärker in Frage als evolutionäre Prozesse und eine Personalkontinuität (Ebd., S. 13). 1.1. Fragestellung 5 nahme gab es für nichtstaatliche Akteure? Welche Rolle spielten Medien, Parteien und Vereine? Zum anderen soll nach den wichtigsten Faktoren im fachlichen, politischen und öffentlichen Diskurs gefragt werden. Kamen neben den eingangs genannten Denkmalkriterien weitere Aspekte zum Tragen? Wie sehr ließ sich im Zuge der friedlichen Revolution ein Wandel jener Werte und Normen ausmachen, die der Denkmalbewertung zuvor zugrunde gelegen hatten? Welche Interpretationen der DDR und Erinnerungsbedürfnisse der Beteiligten wurden hierbei sichtbar? Vor allem aber soll gezeigt werden, inwiefern sich diese Faktoren auf den Denkmalbestand auswirkten und an seiner späteren Struktur ablesen ließen. Wie viele und welche Denkmale verblieben nach der Neubewertung auf den Denkmallisten, wurden von ihnen gestrichen oder neuerfasst? Beließ man sie jeweils in ihrem einstigen Zustand oder wurden sie – trotz ihres Sonderstatus – neuen Bedürfnissen angepasst? Auf welche Weise erfuhren sie eine gesellschaftliche Aneignung und wurden einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt? Schließlich gilt es zu fragen, ob sich das Ergebnis der Untersuchung mit den Befunden aus anderen Bereichen der Erinnerungskultur deckt und in welchem Maße es sich auf andere Transformationsgesellschaften in Ost- und Mitteleuropa übertragen lässt, die nach 1989 vor ähnlichen Herausforderung standen. Die Betrachtung des Wandels in Ost-Berlin26 eignet sich für die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen aus mehreren Gründen. Als Hauptstadt der DDR hatte die Stadt sich zum politischen und kulturellen Zentrum des Landes entwickelt, wie es für Metropolen üblich ist. Haupt- und Großstädte waren „immer Mittelpunkt für wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche oder kulturelle Aktivitäten mit einer Bedeutung, die über die eigenen Stadtgrenzen hinausreicht.“27 Dem Wiederaufbau Ost-Berlins und der Gestaltung seines Zentrums wurde daher seit der Staatsgründung der DDR besondere Beachtung geschenkt. Hier waren auch wegen seiner Schaufensterfunktion die meisten und bedeutendsten Denkmale des Landes entstanden, nicht selten in bewusster Abgrenzung, Reaktion oder Konkurrenz zum Westen der Stadt.28 Berlin, wie es nach dem Mauerfall erschien, ist daher stark dialogisch strukturiert und kann wie wohl keine andere Stadt als „Bilderbuch vom Wettstreit der Systeme“ gelesen werden.29 26 Ost-Berlin setzte sich im Jahr 1989 aus elf Stadtbezirken zusammen, welche in ihrem Zuschnitt bis zum Jahr 1995 weitgehend unverändert blieben. Eine Neuordnung der Bezirke fand erst im Jahre 2001 statt. Die Exklaven wurden 1990 an Brandenburg abgetreten. Hinzu kamen die Neubaugebiete Ahrensfelde-Süd und Hönow (Bömermann, Hartmut, Gruber, Gabriele: Gebietsgliederungen in Berlin, in: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 5+6/2010, S. 22 [URL: https:// www.statistik-berlin-brandenburg.de/home/langereihen/Gebietsgliederung_BE.pdf, letzter Zugriff am 4. Dezember 2015]. 27 Fassmann, Heinz: Stadtgeographie I. Allgemeine Stadtgeographie, Braunschweig 2004, S. 64. 28 Haspel, Jörg, Schnedler, Henrik: Denkmale der Hauptstadt der DDR. Zur Nachkriegsarchitektur im ehemaligen Ostteil von Berlin, in: Ein Palast und seine Republik. Ort – Architektur – Programm, herausgegeben von Thomas Beutelschmidt und Julia M. Novak, Berlin 2001, S. 23. 29 Dolff-Bonekämper, Gabriele (zusammen mit Edward van Voolen): Einführung, in: Denkmale und kulturelles Gedächtnis nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation, herausgegeben von der Akademie der Künste, Berlin 2000, S. 10. 1. Einleitung 6 Aufgrund dieser Nähe der beiden Staaten und ihrer politischen Systeme schlugen sich die Ereignisse des Herbstes 1989 dort auch besonders deutlich nieder, sodass die Stadt Berlin gewissermaßen als Hauptschauplatz der deutschen Einheit verstanden werden kann, die als solche große nationale und internationale Aufmerksamkeit erfuhr. Darüber hinaus wurde Berlin als (künftige) Hauptstadt des vereinigten Deutschland und baldiger Regierungssitz30 zu dem Ort deutscher Politik und damit auch zum Kristallisationspunkt der deutschen Erinnerungskultur, was den damals Handelnden durchaus bewusst gewesen sein dürfte. Die dortigen kultur- und denkmalpolitischen Entscheidungen besaßen Leitbildwirkung für die gesamte Republik31 und wurden als bedeutsam für das geistige Zusammenwachsen der Deutschen und Europäer in Ost und West gewertet.32 Da sich die Wiedervereinigung Berlins allerdings „innerhalb eines komplizierten Geflechts innerberlinischer, ‚deutsch-deutscher‘ und völkerrechtlicher Aktionen und Maßnahmen abgespielt“33 hat und sich der „Umgang mit der symbolischen Hinterlassenschaft des Sowjetimperiums zum staatenübergreifenden osteuropäischen Problem“ entwickeln sollte,34 wird der Untersuchungsraum bisweilen um bundesdeutsche und internationale Entwicklungen erweitert. Betrachtet werden dabei, von Rückgriffen und einem Ausblick am Ende der Studie abgesehen, die Entwicklungen vom Mauerfall 1989 bis zum Ende des Jahres 1995. Es sind jene sechs Jahre vom Beginn der Transformation bis zur Veröffentlichung der ersten Gesamtberliner Denkmalliste, mit welcher die Denkmalüberprüfung und Inventarisation in beiden Stadthälften eine Zäsur erfuhr. Zudem wurde im selben Jahr ein neues Denkmalschutzgesetz verabschiedetet, welches als Endpunkt der Synchronisierung und Zusammenführung der beiden Verwaltungen verstanden werden kann. Davon abgesehen ist etwa in diesem Zeitraum auch ein Einschnitt im gesellschaftlichen Diskurs zur Aufarbeitung des SED-Regimes feststellbar gewesen, welcher das Ende des Untersuchungszeitraumes an dieser Stelle sinnvoll erscheinen lässt. Bis Mitte der neunziger Jahre war nach Ansicht von Bernd Faulenbach eine besondere Breite und Intensität des öffentlichen Diskurses feststellbar, die in der Folge abschwächte. Auf diese heiße Phase der juristischen, politischen und gesellschaftlichen 30 Mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrages wurde Berlin wieder zur Bundeshauptstadt. Der Beschluss über die Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin wurde im Jahr 1991 gefällt. Im Jahr 1994 wurde das Berlin/Bonn-Gesetz verabschiedet. Es regelte den schrittweisen Umzug der Bundesbehörden von Bonn nach Berlin. Der Bundespräsident bezog das Schloss Bellevue im Jahr 1994. Der Bundestag zog fünf Jahre später nach Berlin. 31 Menghin, Wilfried, von Krosigk, Klaus, Haspel, Jörg: Denkmale in der Hauptstadtplanung: Arbeit in deutscher Geschichte, in: Hauptstadtplanung und Denkmalpflege. Die Standorte für Parlament und Regierung in Berlin, herausgegeben von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Berlin 1995 (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Band 3), S. 8. 32 Ansprache des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zur prägenden Bedeutung der Kultur für das Zusammenwachsen der Deutschen im Schloß Bellevue bei der Entgegennahme der Denkschrift „Kultur in Berlin“ am 11. September 1991, abgedruckt in: Bulletin der Bundesregierung 100/1991, S. 796. 33 Wilke, Dieter: Die Verfassungsentwicklung in Berlin: Vom Ende der Teilung zum Aufstieg zur Bundeshauptstadt, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, Neue Folge Band 51, herausgegeben von Sussanne Baur u.a., Tübingen 2003, S. 196. 34 Speitkamp, Denkmäler, S. 34. 1.1. Fragestellung 7 Aufarbeitung seien dann eine Pluralisierung des Deutungsangebotes und eine stärkere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der DDR gefolgt.35 Forschungsstand und Desiderate Die vorliegende Studie kann damit den Arbeiten zur Deutschen Erinnerungskultur zugeordnet werden. Diese hat seit den neunziger Jahren derart Konjunktur, dass bisweilen die Analyse der Vergangenheit selbst hinter die Modi ihrer Vergegenwärtigung zurückgetreten zu sein scheint.36 Im Zuge der Material und Iconic Turns37 hat sich in der deutschen Geschichtswissenschaft zuletzt auch ein stärkeres Interesse an Objekten und Bildern entwickelt, zu welchen die Denkmale gezählt werden können, wenngleich diese eine weitere Dimension, eine womöglich höhere Abstraktion und stärkere haptische Qualität als Bildquellen besitzen.38 So wurden in den vergangenen Jahren mit der „Visual History“,39 der „Visuellen Geschichtskultur“40 und der „Visuellen Zeitgeschichte“41 gleich mehrere konzeptionelle Ansätze vorgelegt, die Zugänge zur Zeit- 1.2. 35 Faulenbach, Bernd: Zum Wandel des Umgangs mit der SBZ- und DDR-Geschichte, in: Deutsche Teilung, Repression und Alltagsleben. Erinnerungsorte der DDR-Geschichte, herausgegeben von Heidi Behrens und Andreas Wagner, Leipzig 2004, S. 31/37. 36 Sabrow, Martin: Leitmotive und Machtworte. Zeitgeschichte als Kulturgeschichte, in: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts?, herausgegeben von Norbert Frei, Göttingen 2006, S. 101f. 37 Zur Geschichte und Bedeutung der Cultural Turns vergleiche insbesondere: Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns. Neuorientierung in den Kulturwissenschaften, Reinbek bei Hamburg 2006. Zum Iconic Turn siehe darin die Seiten S. 329–380. Näheres zum Material Turn ist beispielsweise zu finden in: Bennett, Tony, Joyce, Patrick: Material Powers: Cultural Studies, History and the Material Turn, London u.a. 2010. 38 Thünemann, Holger: Visualität als Chance. Denkmäler und historisches Lernen, in: Visualität und Geschichte, herausgegeben von Saskia Handro und Bernd Schönemann, Berlin 2011 (= Geschichtskultur und historisches Lernen, Band 1), S. 92f. 39 Vergleiche hierzu: Paul, Gerhard: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung, in: Visual History. Ein Studienbuch, herausgegeben von ders., Berlin 2006, S. 7–36. 40 Vergleiche hierzu: Troebst, Stefan: Visuelle Geschichtskultur: Zwischenbilanz eines Forschungsdesigns. Mit Kommentaren von Rudolf Jaworski und Stephanie Schwandner-Sievers, in: Gebrochene Kontinuitäten. Transnationalität in den Erinnerungskulturen Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Agnieszka Gasior, Agnieszka Halemba und Stefan Troebst, Köln, Weimar und Wien 2014 (= Visuelle Geschichtskultur, Band 13), S. 333–348. Der aus der Geschichtsdidaktik stammende Begriff Geschichtskultur wird oft synonym zu dem der Erinnerungskultur gebraucht. Christoph Cornelißen grenzte ihn von seinem Begriff der Erinnerungskultur ab, indem er dem Bergriff der Geschichtskultur unterstellte, weniger auf den funktionalen Gebrauch in der Gegenwart und insbesondere auf die kognitive Ebenen der Erinnerung abzuzielen (Cornelißen, Erinnerungskultur, S. 555). Marko Demantowsky zufolge ist eine derart formulierte Abgrenzung der in ihrer Herkunft und Genese ganz unterschiedlichen Begriffe jedoch wenig überzeugend und eher auf eine Mangelrezeption zurückzuführen (Demantowsky, Marko: Geschichtskultur und Erinnerungskultur – zwei Konzeptionen des einen Gegenstandes. Historischer Hintergrund und exemplarischer Vergleich, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik 33/2005, S. 11–20). 41 Vergleiche hierzu: Wolfrum, Edgar, Arendes, Cord: Visuelle Zeitgeschichte. Die Macht der Bilder, in: Ruperto Carola. Forschungsmagazin der Universität Heidelberg 2/2006, S. 8–13. 1. Einleitung 8 und Kunstgeschichte zu integrieren versuchten.42 Übereinstimmend forderten sie, Bilder nicht nur als ergänzende Quelle, sondern als eigenständigen Gegenstand der historiographischen Forschung zu betrachten, sie stärker als Sinn produzierenden Kommunikationskanal zu verstehen und die kunsthistorische Bildanalyse besser mit anderen Forschungszweigen zu verknüpfen. Diesen Forderungen versucht die vorliegende Studie gerecht zu werden. Die beschriebenen Trends haben sich allerdings nur bedingt auf den historiographischen Forschungsstand zum Umgang mit dem DDR-Denkmalerbe niedergeschlagen. Das Tätigkeitsfeld des Denkmalschutzes und das von ihm verwaltete Erbe scheint im Vergleich zu anderen Bereichen der (visuellen) Erinnerungskultur für die historische Forschung bisher von geringerem Interesse gewesen zu sein.43 Erkenntnisse in Bezug auf die aufgeworfene Fragestellung liefern daher bisher allen voran die Publikationen und Beiträge der Denkmalschützer selber, die im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit oder des fachlichen Austauschs entstanden.44 Deren Distanz zum Betrachtungsgegenstand ist naturgemäß begrenzt.45 Hinzu kommen kürzere Aufsätze in Sammelbänden und Fachzeitschriften, die von anderen Disziplinen wie der Kunst- und Architekturgeschichte erarbeitet wurden,46 sowie entspre- 42 Da die Geschichtswissenschaft über keine eigenen bildzentrierten Analyse-Methoden verfügt, ist sie diesbezüglich ohnehin auf ihre Nachbardisziplinen angewiesen. Mit der Ausleuchtung des historischen Kontexts besitzt sie allerdings Verfahren, „um die kulturelle, gesellschaftliche, soziale und ökonomische Bedeutung visueller Quellen auszumessen“ (Jäger, Jens, Knauer, Martin: Bilder als historische Quellen? Ein Problemaufriss, in: Bilder als historische Quellen? Dimensionen der Debatte um historische Bildforschung, herausgegeben von dies., München 2009, S. 15). 43 Größere Beachtung erhielten Gedenk- und Erinnerungsorte im Allgemeinen sowie der Zusammenhang von materieller und symbolischer Kultur, wofür sich gerade Berlin als bevorzugter Betrachtungsraum etablierte (Colomb, Claire: Staging the new Berlin. Place Marketing and the Politics of Urban Reinvention Post-1989, Oxfordshire 2012, S. 4. Diese nach Huyssen, A.: Present Past. Urban Palimpsests and the Politics of Memory, Stanford 2003, S. 49). 44 Vergleiche hierzu insbesondere: Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmalschutz und Denkmalpflege in Berlin. Jahrbuch 1994, Berlin 1996 (= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 7) / Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmalpflege nach dem Mauerfall. Eine Zwischenbilanz. Jahrbuch 1995, Berlin 1997 (= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 10) / Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Berlin im Wandel. 20. Jahre Denkmalpflege nach dem Mauerfall, Fulda 2010 (= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 35). 45 Gerade für die Erinnerungen an die Jahre bis 1989 liegt des Weiteren die Vermutung nahe, dass die eigene Rolle im früheren politischen System möglichst positiv formuliert und die fachliche Unabhängigkeit überbetont wird. Zu dieser Problematik vergleiche auch die Ausführungen von Mark Escherich: Denkmale unserer Zeit. Inventarisation von Bauwerken der DDR-Moderne zu Zeiten der DDR, in: Forum Stadt 42/2015, S. 56. Eine Studie zu den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten und Grenzen der Akteure des Denkmalschutzes wird gegenwertig von Franziska Klemmstein an der Technischen Universität Berlin angefertigt. 46 Vergleiche unter anderem: Topfstedt, Thomas: Denkmale der Architektur und des Städtebaus der DDR – zur Vorgeschichte ihrer Erschließung und zu Aspekten ihrer Erhaltung, in: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Berlin 1995 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 51), S. 14–22 / Wirth, Hermann: Der denkmalpflegerische Umgang mit baulichen Hinterlassenschaften der 1950er 1.2. Forschungsstand und Desiderate 9 chende Beiträge in Überblicksdarstellungen und Einführungswerken.47 Tiefergehende Studien, die auf eine Region und einen abgegrenzten historischen Zeitraum bezogen wären und auf einer größeren Quellenbasis und statistischen Daten fußen, fehlen jedoch bislang für Berlin ebenso wie für andere Gebiete.48 Die Forschung zum architektonischen und kunsthistorischen Erbe der DDR ist in den letzten Jahren hingegen stetig vorangeschritten, wobei allen voran die sogenannte Ostmoderne49 in jüngerer Zeit große Aufmerksamkeit erfuhr. Auch zur Denkmalpflege und Inventarisation in der DDR wurden jüngst neue Veröffentlichungen vorgelegt.50 Eine flächendeckende Gesamtübersicht des in Ost-Berlin vor dem Mauerfall eingetragenen Denkmalbestandes lag und liegt allerdings bisher nicht vor.51 Die dort auf drei Verwaltungsebenen parallel geführten Denkmallisten wurden nie in einer Veröffentlichung zusammengeführt. Ein Spezialinventar zum jüngeren Denkmalerbe wurde vor der deutschen Einheit nicht mehr fertiggestellt und danach nicht weiter verfolgt.52 Spätere Denkmaltopographien, Spezialinventare oder Architekturführer widmeten sich dann nur einem Ortsteil, einer Denkmalgattung oder Architekturepoche und führten das jüngere bzw. bereits als denkmalwert erkannte Erbe nicht geson- Jahre in Ostdeutschland, in: Thesis. Wissenschaftliche Zeitschrift der Bauhaus-Universität Weimar 5/1997, S. 158–166 / Bartetzky, Arnold: Denkmalschutz und Denkmalsturz nach der politischen Wende von 1989, in: Zeitschichten: Erkennen und Erhalten – Denkmalpflege in Deutschland. 100 Jahre Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler von Georg Dehio, herausgegeben von Ingrid Scheurmann für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger und die Dehio-Vereinigung, Berlin 2005, S. 300–309. 47 Vergleiche hierzu insbesondere: Bartetzky, Arnold: Nation – Staat – Stadt. Architektur, Denkmalpflege und visuelle Geschichtskultur vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, Köln, Weimar und Wien 2012 (= Visuelle Geschichtskultur, Band 9). 48 Dario Gamboni kam bereits 1997 zu einem ähnlichen Schluss in Bezug auf den Umgang mit den Denkmalen des Kommunismus (Gamboni, Dario: Zerstörte Kunst. Bildersturm und Vandalismus im 20. Jahrhundert, Köln 1998, S. 55). 49 Der Begriff Ostmoderne wurde insbesondere von Andreas Butter und Ulrich Hartung erarbeitet. Er meint die ostdeutsche Nachkriegsarchitektur jenseits der „Nationalen Tradition“, die bereits im ersten Jahrzehnt der DDR entstand und nach dem Ende der genannten Phase verstärkt zur Geltung kam. Vergleiche hierzu: Butter, Andreas, Hartung, Ulrich: Ostmoderne. Architektur in Berlin 1945–1965, 2., verbesserte Auflage, Berlin 2005. Weitere Informationen zur Architekturgeschichte der DDR gibt auch das Kapitel 3.1. dieser Studie. 50 Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmalpflege in der DDR. Rückblicke, Berlin 2014 (= Beiträge zur Denkmalpflege, Band 41) / Escherich, Mark: „Denkmale unserer Zeit“. Inventarisation von Bauwerken der DDR-Moderne zu Zeiten der DDR, in: Forum Stadt 1/2015, S. 55–73. 51 Petersen, Helmut: Das Projekt „Datenspeicher Denkmalpflege“ – Ein Computerprogramm zur Erfassung und Auswertung der Denkmallisten im Bezirk Berlin, in: Inventarisation in Deutschland, herausgegeben von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, Hannover 1990 (= Berichte zur Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland, Band 1), S. 38. 52 Goralczyk, Peter: Zur Situation der Inventarisation in der Deutschen Demokratischen Republik, in: Inventarisation in Deutschland, herausgegeben von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, Hannover 1990 (= Berichte zur Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland, Band 1), S. 15. 1. Einleitung 10 dert auf.53 Die vorliegende Studie versteht die Zusammenführung der drei DDR- Denkmallisten und ihre systematische Auswertung daher als besonderes Forschungsdesiderat und Voraussetzung für die Beantwortung der Frage nach der Aneignung und Ablehnung des DDR-Denkmalerbes nach der friedlichen Revolution. Indem sie alle Facetten des Bestandes in einer Untersuchung integriert, gibt sie zudem auch für die Zeit nach 1989 erstmals einen solchen Gesamtüberblick. Das bisherige Fehlen einer derartigen Übersicht hatte zur Folge, dass stets nur wenige prominente Objekte in die allgemeineren Betrachtungen einbezogen oder in wenigen Einzelfallanalysen untersucht wurden. Neben dem Verbleib von Resten der Berliner Mauer – der „Ikone des Epochenwechsels“54 – interessierte insbesondere das Schicksal der „politischen Denkmale“, ohne dass dieser diffuse Begriff jemals hinreichend definiert worden wäre.55 Besonderes Interesse zogen auch stark vom Systemstreit geprägte Bauprojekte wie die Karl-Marx-Allee oder die Bauten rund um den ehemaligen Marx-Engels-Platz auf sich.56 Weniger renommierte und politisch motivierte Denkmale sowie dezentralere Objekte und im öffentlichen Bewusstsein in der 53 Vergleiche diesbezüglich beispielhaft die fünf bisher vom Landesdenkmalamt Berlin herausgegebenen Denkmaltopographien zu den früheren Ortsteilen Ost-Berlins und die sieben bzw. acht seit 1990 vom Architekten- und Ingenieur Verein zu Berlin herausgegebenen Bände „Berlin und seine Bauten“. Ferner siehe: Endlich, Stefanie, Wurlitzer, Bernd: Skulpturen und Denkmäler in Berlin, Berlin 1990 / Hübner, Holger: Das Gedächtnis der Stadt. Gedenktafeln in Berlin, Berlin 1997 / Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Gartendenkmale in Berlin. Friedhöfe, Petersberg 2008 (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Band 27) / Von Buttlar, Adrian, Wittmann-Englert, Kerstin, Dolff-Bonekämper, Gabriele: Architektur der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949–1979, Berlin 2013. Für Erinnerungs- und Gedenkorte im weiteren Sinne vergleiche: Sabrow, Martin (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR, München 2009 / Kaminsky, Annette (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, Leipzig 2004 / Endlich, Stefanie: Berlin, in: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band II, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000, S. 27–227. 54 Florath, Bernd: Einleitung, in: Das Revolutionsjahr 1989. Die demokratische Revolution in Osteuropa als transnationale Zäsur, herausgegeben von ders., Göttingen 2011 (= Analysen und Dokumente, Band 34), S. 8. 55 In der vorliegenden Studie wird der Begriff „politisches Denkmal“ als Begriff der Zeit und nicht als analytischer Terminus verwendet. Damalige Akteure gebrauchten ihn für eine Vielzahl an Zeugnissen der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur, die vom SED-Regime in Auftrag gegeben worden waren, um die eigenen Herrschaftsansprüche und seine politischen wie ideologischen Leitlinien zu visualisieren. 56 Vergleiche in Bezug auf die Berliner Mauer insbesondere: Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz (Hrsg.): Die Berliner Mauer. Vom Sperrwall zum Denkmal, Bonn 2009 (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 76,1) / Klausmeier, Axel, Schmidt, Leo: Mauerreste – Mauerspuren. Der umfassende Führer zur Berliner Mauer, 2. Auflage, Berlin und Bonn 2005 / Hoffmann, Hans Wolfgang, Meuser, Philipp: Architekturführer Berliner Mauer, Berlin 2013. Für die „politischen Denkmäler“: Staroste, Hubert: Politische Denkmäler in Ost-Berlin im Spannungsverhältnis von Kulturpolitik und Denkmalpflege, in: Bildersturm in Osteuropa. Die Denkmäler der kommunistischen Ära im Umbruch, herausgegeben von Florian Fiedler, München 1995 (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 13), S. 84–86 / Elfert, Eberhard: Die politischen Denkmäler der DDR im ehemaligen Ost-Berlin und unser Lenin, in: Demontage…revolutionärer oder restaurativer Bildersturm?, herausgegeben von Bernd Kramer, Berlin 1992, S. 53–58. Für die Karl-Marx-Allee vergleiche insbesondere: Nicolaus, Herbert, Obeth, Alexander: Die Stalinallee. Geschichte einer deutschen Straße, Berlin 1997 / Engel, Hartmut, Ribbe, Wolfgang: Karl-Marx- Allee. Magistrale in Berlin, Berlin 1996. 1.2. Forschungsstand und Desiderate 11 Regel kaum präsente Bauaufgaben wurden dagegen vernachlässigt. Über sie und ihren Verbleib ist bislang wenig bekannt. Blickt man aber nur auf die Großprojekte der Berliner Stadtplanung vor und nach dem Mauerfall, so bleibt die vollständige Dimension des die gesamte Stadtlandschaft erfassenden Umbaus im Dunkeln.57 Darüber hinaus ist fraglich, inwiefern die Analysen von exponierten Denkmaldebatten dem Gesamtphänomen gerecht werden können und sich ihre Erkenntnisse auf den Umgang mit dem gesamten Denkmalerbe übertragen lassen. Die Soziologin Lena Schulz zur Wisch, welche die Debatte um das Lenin-Denkmal untersuchte, betonte in ihrer Studie selbst, dass dieses Einzelbeispiel nicht zur Verallgemeinerung geeignet sei.58 Das angedeutete Konfliktpotential im Umgang mit diesem Denkmal und das hohe Maß der öffentlichen Aufmerksamkeit, das es selbst im Ausland hervorrief, dürften auch in den bewegten frühen neunziger Jahre nicht alltäglich gewesen sein. Komparative Studien, welche ihre und andere Ergebnisse gewichten und stärker in einen Gesamtkontext einordnen, existieren bisher jedoch nicht. Aus diesem Grunde ist die vorliegende Studie ganz bewusst als Querschnittanalyse angelegt, die zwar an Betrachtungstiefe verliert, dafür aber Besonderheiten wie allgemeine Tendenzen im Umgang mit dem Denkmalerbe besser herausarbeiten kann. Daneben lässt sich unter den bisherigen (populär)wissenschaftlichen Veröffentlichungen eine starke Fokussierung auf die erfolgten Abrisse, Veränderungen und Ablehnungen feststellen.59 Konservatorische Leistungen wurden weit seltener – wenn dann vor allem von Seiten der Denkmalschützer selber – hervorgehoben.60 Diese (Über)Betonung einer denkbaren Handlungsoption hat damit unbewusst den Vor- Für die Zentrumsbauten siehe vor allem Beutelschmidt, Thomas, Novak, Julia M. (Hrsg.): Ein Palast und seine Republik. Ort – Architektur – Programm, Berlin 2001 / Tscheschner, Dorothea: Das abgerissene Außenministerium der DDR in Berlin Mitte. Planungs- und Baugeschichte, Berlin 1997 / Meuser, Philipp: Schlossplatz 1. Vom Staatsratsgebäude zum Bundeskanzleramt, Berlin 1999. 57 Berndt, Heide, Bodenschatz, Harald: City in motion. Editorial, in: Die alte Stadt 3/1995, S. 220. 58 Schulz zur Wiesch, Lena: Zum Umgang mit den baulich-symbolischen Relikten der DDR in Ostberlin, in: Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich, herausgegeben von Rudolf Jaworski und Peter Stachel, Berlin 2007, S. 254. 59 Vergleiche neben der bereits erwähnten Literatur vor allem: Kritische Berichte, Zeitschrift für Kunstund Kulturwissenschaften 3/1992 / Bernd Kramer (Hrsg.): Demontage…revolutionärer oder restaurativer Bildersturm?, Berlin 1992 / Florian Fiedler (Hrsg.): Bildersturm in Osteuropa. Die Denkmäler der kommunistischen Ära im Umbruch, München 1994 (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 13) / Hoffmann, Andreas: Verschwundene Orte. Prominente Abrisse in Berlin, Berlin 1997 / Flierl, Thomas: Der „Fall“ der Denkmäler. Konkurrierende Konzepte symbolischer Geschichtspolitik in Berlin seit 1989/90, in: Bildersturm. Sammelband der Vorträge des „Studium Generale“ an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg im Wintersemester 2003/2004, herausgegeben von Heiner Must, Heidelberg 2006, S. 61–79 / Greßhake, Florian: Damnatio memoriae. Ein Theorieentwurf zum Denkmalsturz, München 2010. 60 Vergleiche beispielhaft: Heuler, Norbert: Gegenmoderne – Westmoderne – Ostmoderne. Eine konservatorische Zwischenbilanz aus Berlin, in: Denkmal Ost-Moderne. Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne, herausgegeben von Mark Escherich, Berlin 2012 (= Stadtentwicklung und Denkmalpflege, Band 16), S. 52–69 / Staroste, Hubert: Berlin im Wandel – 20 Jahre Denkmalpflege nach dem Mauerfall, in: Zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit? Denkmalpflegepraxis im baukulturellen Kontext, herausgegeben von der Landeshauptstadt Dresden, Dresden 2013, S. 45–49. 1. Einleitung 12 wurf der gezielten materiellen Enteignung der Ostdeutschen unterstützt, wie er vor allem im Kontext der Debatte um den Abriss des Lenin-Denkmals von Kritikern erhoben worden ist. „Nichts, aber auch gar nichts“, behauptete damals etwa der Landesvorsitzende der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), André Brie auf einer Protestkundgebung der Abrissgegner, „möchten sie aus der Kultur, Wissenschaft und Geschichte des anderen Deutschland übrig lassen“.61 Dieser Vorwurf, der sich Lena Brodowski zufolge später zum identitätsstabilisierenden Merkmal der Ostdeutschen entwickelte,62 wurde von ihnen umso vehementer vorgetragen, da ein spontaner revolutionärer Bildersturm durch die Massen,63 wie er etwa im Zuge der Französischen Revolution stattgefunden hatte, 1989 ausgeblieben war und die Entscheidung über das weitere Schicksal der Denkmale in den Händen der Verwaltungsbehörden lag. Für diesen zunächst maßvollen Umgang mit dem Denkmalerbe wurden in der Literatur verschiedene Erklärungen gefunden, etwa die spezifische deutsche Mentalität, die Existenz der Berliner Mauer und des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), gegen die sich die Wut in erster Linie gerichtet habe, sowie die neuen Konsummöglichkeiten im Westen, welche die Aufmerksamkeit der ostdeutschen Bürger absorbiert hätten.64 Nach Ansicht der Kunsthistoriker Martin Warnke und Horst Bredekamp passte ein Bildersturm aber auch nicht mehr in (post)moderne Gesellschaften, da sich die Herrschaftsbedingungen und -mechanismen geändert hätten. Das staatliche Monopol auf die Verbreitung von Bildern sei in diesen aufgehoben und das Bild durch andere Machtmittel ergänzt worden.65 „Der Bildersturm“, so schrieb Warnke daher bereits im Jahr 1973, „hat heute Bedeutung nur noch auf dem Niveau der politischen Praxis von Entwicklungsländern.“66 Inwiefern der Vorwurf einer nachträglichen Enteignung tatsächlich berechtigt war, wurde von der Literatur unterschiedlich beurteilt. Der Kultur- und Theaterwissenschaftler Jürgen Trimborn etwa wollte durchaus einen „Denkmälersturm" durch die Behörden erkannt haben67 und vertrat in seiner 1997 veröffentlichen Dissertation 61 Archiv Demokratischer Sozialismus (ADS). Ablieferung Bürgerinitiative Lenin-Denkmal. Rede von André Brie auf der Protestkundgebung gegen den Abriss des Lenindenkmals in Berlin am 8. November 1991, abgedruckt in: Bürgerinitiative Lenindenkmal = Demokratie in Aktion, herausgegeben von der Bürgerinitiative Lenindenkmal Berlin-Friedrichshain, Berlin 1992, S. 22. 62 Brodowski, Nina: Ge(Steins)schichten – von nationalen Mythen und urbanen Erzählungen, in: Diskursive Kulturwissenschaft. Analytische Zugänge zu symbolischen Formationen der pOst-Westlichen Identität in Deutschland, herausgegeben von Elize Bisanz, Münster 2005, S. 143f. Für sie ist damit die Erfahrung der Enteignung konstitutiv für die ostdeutsche Identität, nicht die geteilte Erfahrung eines Lebens in der DDR. 63 Für weitere Informationen zum Begriff des Bildersturms und zu Synonymen wie Denkmalsturz oder Damnatio memoriae siehe Kapitel 2.2.2. dieser Studie. 64 Greßhake, Damnatio, S. 39ff. / Schulz zur Wiesch, Umgang, S. 235f. / Flierl, Fall, S. 63. 65 Warnke, Martin: Bilderstürme, in: Bildersturm. Die Zerstörung des Kunstwerks, herausgegeben von ders., München 1973, S. 7–13 / Bredekamp, Horst: Kunst als Medium sozialer Konflikte. Bilderkämpfe von der Spätantike bis zur Hussitenrevolution, Frankfurt a. M.1975, S. 10f. 66 Warnke, Bilderstürme, S. 8. 67 Trimborn, Jürgen: Denkmäler als Wirklichkeit und Traum. Zum Umgang mit politisch-historischen Denkmälern der deutschen Vergangenheit, in: Die alte Stadt 2/1995, S. 182. 1.2. Forschungsstand und Desiderate 13 die These, dass in den neunziger Jahren eine selektive und manipulative Denkmalschutzpolitik stattgefunden habe, die sich insbesondere auf die Geschichte vor 1945 bezogen und die Phase der Teilung unberücksichtigt gelassen habe.68 Unterstützung erhielt diese These durch die zahlreichen Veröffentlichungen zur Berliner Stadtgestaltung nach 1989, die ebenfalls von einer Negierung bzw. Ablehnung dieses Erbes ausgingen.69 Weitere Autoren wie Mark Escherich schilderten zwar einen Wandel, der neben „politischen Denkmälern“ und Wandgemälden tausende Gebäude und baulich-räumliche Ensembles hatte verschwinden lassen,70 betonten jedoch stärker die Gleichzeitigkeit von Erhaltungs- und Zerstörungsmaßnahmen. Insbesondere der Leipziger Kunsthistoriker Arnold Bartetzky wies in seinen zahlreichen jüngeren Publikationen aber darauf hin, dass trotz dieses erheblichen Abrissvolumens nicht die behördlich veranlasste Denkmalzerstörung der dominierende Verarbeitungsmodus in Ostdeutschland gewesen sei, sondern der Erhalt. Allerdings seien viele Denkmale marginalisiert, vergessen, umgedeutet, umgestaltet, umgenutzt oder behutsam restauriert worden.71 Empirische Daten, welche die eine oder andere These in Bezug auf den Denkmalbestand bestätigen, existieren bisher jedoch nicht. Diese Lücke zwischen Theorie und Empirie soll durch die vorliegende Arbeit mit geschlossen werden. Unklarheit herrscht jedoch nicht nur über den Umfang, sondern auch über die Struktur des erhaltenen, verworfenen und neuerfassten Denkmalerbes, die weiteren Aufschluss darüber geben könnte, welche der potentiellen Faktoren eher für oder gegen diese Denkmale sprachen. Konnten die Entscheidungen Paul Zalewski zufolge einem „russischen Roulett“ gleichen,72 so waren für Arnold Bartetzky die Architekturepoche, Lage, Umnutzbarkeit und Integrierbarkeit der Denkmale ins Stadtbild ausschlaggebend für den Umgang mit ihnen. Selbst der Palast der Republik, neben dem Lenin-Denkmal das damals umstrittenste Bauwerk Ost-Berlins, ist ihm zufolge nicht aus politischen Gründen abgerissen worden, sondern aufgrund seiner modernen Formensprache. Daher hätte auch jeder andere moderne Bau an seiner Stelle weichen 68 Trimborn, Jürgen: Denkmale als Inszenierungen im öffentlichen Raum. Ein Blick auf die gegenwärtige Denkmalproblematik in der Bundesrepublik Deutschland aus denkmalpflegerischer und medienwissenschaftlicher Sicht, Köln 1997 (= Kunstgeschichte, Band 1). 69 Vergleiche hierzu etwa: Hennecke, Stefanie: Die kritische Rekonstruktion als Leitbild. Stadtentwicklungspolitik in Berlin zwischen 1991 und 1999, Hamburg 2010 (= Ex Architectura. Schriften zu Architektur, Städtebau und Baugeschichte, Band 5). Grund hierfür war, dass die für die Stadtplanung zuständigen Behörden das Leitbild der „Kritischen Rekonstruktion“ verfolgten, das an das Stadtbild vor dem Krieg anknüpften wollte. Dieses Konzept ging im Wesentlichen auf Dieter Hoffmann-Axthelm und Hans Stimmann zurück (Ebd., S. 129). 70 Escherich, Mark: Stadtzentrumsgestaltungen der deutschen Ostmoderne. Die „ewig jungen“ werden pflegebedürftig, in: Unbequeme Baudenkmale des Sozialismus. Der Wandel der gesellschaftlichen Akzeptanz im mittel- und osteuropäischen Vergleich, herausgegeben von Veronika Kölling u.a., Berlin 2013, S. 63. 71 Bartetzky, Nation, S. 204. 72 Zalewski, Paul: Unbequeme Baudenkmale des Sozialismus – was ist hiermit gemeint? Einführung, in: Unbequeme Baudenkmale des Sozialismus. Der Wandel der gesellschaftlichen Akzeptanz im mittelund osteuropäischen Vergleich, herausgegeben von Veronika Kölling u.a., Berlin 2013, S. 27. 1. Einleitung 14 müssen.73 Frühere Arbeiten und bisherige Fallanalysen zu dieser und anderen Denkmaldebatten untermauerten jedoch eher die Bedeutung von politisch-ideologischen Zuschreibungen und erinnerungskulturellen Erwägungen.74 Eher selten wurde bisher explizit danach gefragt, ob und auf welche Weise die Denkmale „nur“ mittelfristig gesichert oder von der Gesellschaft auch bewusst angeeignet und für ihre Interessen fruchtbar gemacht worden sind. Die vorliegende Studie möchte daher auch überprüfen, ob die Mehrheit der Denkmale tatsächlich marginalisiert und „vergessen“ wurde, wie Arnold Bartetzky behauptete, oder aber in die damaligen Deutungsangebote eingefügt wurde, um diese materiell abzusichern. Wenngleich die Literatur von einer generellen Konkurrenz der Deutungsangebote spricht, schätzt sie das sogenannte Diktaturgedächtnis, das die DDR als Unrechtsstaat verstand und erinnert wissen wollte, unisono am dominantesten ein.75 Eine Deutung, die sie nahezu durchgängig teilte, wenngleich sie den Begriff variierte.76 Trotz der genannten Forschungsdefizite scheint der nach 1989 einsetzende Wandel in Ost-Berlin noch am besten erforscht zu sein. Eine ähnliche Aufmerksamkeit erhielten nur noch Leipzig, Dresden oder das Bundesland Thüringen, was nicht zuletzt den jeweiligen Forschungsnetzwerken vor Ort geschuldet sein dürfte.77 Die Entwicklungen in den Kleinstädten und im ländlichen Raum wurden hingegen bisher so gut wie gar nicht untersucht. 73 Bartetzky, Nation, S. 204. Um Missverständnissen vorzugreifen, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass der Palast der Republik weder in der DDR noch im vereinigten Berlin denkmalgeschützt war und damit nicht zum Betrachtungsgegenstand dieser Studie gehört. 74 Unter den unzähligen Veröffentlichungen hierzu vergleiche insbesondere die Publikation von Alexander Schug (Hrsg.): Palast der Republik. Politischer Diskurs und private Erinnerung, Berlin 2007. Der Autor stellt die mit ihm verbundenen Deutungen und Assoziationen in den Fokus der Betrachtung. Ähnliche Befunde finden sich in den bereits erwähnten Aufsätzen von Nina Brodowski und Lena Schulz zur Wisch sowie in den diversen Aufsätzen zum Thälmann-Denkmal. Beispielhaft für diese sei genannt: Kulturamt Prenzlauer Berg (Hrsg.): Denk Mal Positionen. Dokumentation zur Ausstellung (zum Ernst Thälmann Denkmal) vom 14. Juli – 13. August 1993 im Prenzlauer Berg Museum, Berlin 1993. 75 Vergleiche hierzu etwa: Jarausch, Konrad: Die Zukunft der ostdeutschen Vergangenheit – Was wird aus der DDR-Geschichte?, in: DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, herausgegeben von Jens Hüttmann, Ulrich Mählert und Peer Pasternack, Berlin 2004, S. 84. 76 So wird davon ausgegangen, dass die DDR zunächst eine totalitäre, dann eine autoritäre Diktatur war. Konrad Jarausch hat ferner die spannungsreichen Begriffe „Fürsorgediktatur“ und „Radikalisierter Wohlfahrtsstaat“ geprägt. Jürgen Kocka knüpfte mit dem Begriff der „Durchherrschten Gesellschaft“ an das eher angloamerikanische Konzept der „Modernen Diktatur“ an. Einen guten Überblick hier- über gibt: Ihme-Tuchel, Beate: Die DDR, Darmstadt 2002, S. 89ff. 77 In Leipzig ist das Geisteswissenschaftliche Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) ansässig, in Dresden die technische Universität mit ihrem Institut für Baugeschichte, Architekturtheorie und Denkmalpflege. Im thüringischen Weimar befindet sich die Bauhaus-Universität mit ihrem Lehrstuhl für Denkmalpflege und Baugeschichte. 1.2. Forschungsstand und Desiderate 15 Gleiches lässt sich für das postsozialistische Ausland sagen, wo das wissenschaftliche Interesse und das Engagement für den Denkmalschutz bislang geringer waren.78 Innerhalb und zwischen den einzelnen Ländern lassen sich allerdings erhebliche Unterschiede ausmachen.79 Ein besonderes Defizit besteht gegenwärtig im Bereich der länderübergreifenden Vergleichsstudien.80 Erste analytische Überblicke liefern allein die kurzen Einleitungen in den Tagungsbänden vergangener Symposien.81 An diesem Mangel wird auch die vorliegende Studie nichts ändern können. Sie trägt allerdings die bisherigen Erkenntnisse zu den östlichen Nachbarstaaten der DDR zusammen und setzt diese in Bezug zu den neuen Befunden. 78 Bartetzky, Arnold, Dietz, Christian, Haspel, Jörg: Einleitung, in: Von der Ablehnung zur Aneignung? Das architektonische Erbe des Sozialismus in Mittel- und Osteuropa, herausgegeben von dies. unter Mitarbeit von John Ziesemer, Köln, Weimar und Wien 2014 (= Visuelle Geschichtskultur, Band 12), S. 14. 79 Auch in Bezug auf die anderen Staaten lässt sich das oben beschriebene Stadt-Landgefälle konstatieren. Zudem fanden die Entwicklungen in den ost- und mitteleuropäischen Staaten wie Polen, Ungarn oder Rumänien hierzulande mehr Beachtung als die Ereignisse in Zentralasien oder im Kaukasus. 80 Bartetzky, Arnold, Dmitrieva, Marina: Neue Staaten – neue Bilder? Zur Einführung, in: Neue Staaten – neue Bilder? Visuelle Kultur im Dienst staatlicher Selbstdarstellung in Zentral- und Osteuropa seit 1918, herausgegeben von Arnold Bartetzky, Marina Dmitrieva und Stefan Troebst unter Mitarbeit von Thomas Fichtner, Köln, Weimar und Wien 2005 (= Visuelle Geschichtskultur, Band 1), S. 5. Ausnahmen bilden das Atrium-Projekt (Architecture of Totalitarian Regimes of the XXt° Century in Urban Management) zum südosteuropäischen Diktaturerbe des 20. Jahrhunderts, das die DDR unberücksichtigt ließ, dafür aber Griechenland und Italien in die Betrachtung einbezog, und allgemeinere Forschungsprojekte zum Erbe des Kalten Krieges, für welche der Denkmalstatus nachrangig war (National Institute of Immovable Cultural Heritage [Hrsg.]: ATRIUM. Architecture of Totalitarian Regimes of the XX° Century in Urban Management. Transnational Survey, Sofia 2012 [URL: http:// www.atrium-see.eu/index.php?option=com_k2&view=item&layout=item&id=151&Itemid=184, letzter Zugriff am 26. Oktober 2018] / Schmidt, Leo, Von Preuschen, Henriette [Hrsg.]: On Both Sides of the Wall. Perserving Monuments and Sites of the Cold War Era, Bad Münstereifel 2005 / Hutchings, Fleur: Cold Europe. Discovering, Researching and Preserving European Cold War Heritage, Cottbus 2004 [URL: http://www-docs.tu-cottbus.de/denkmalpflege/public/downloads/coldeurope.pdf, letzter Zugriff am 23. März 2016]). 81 Frühere Tagungen befassten sich eher mit den gewollten Denkmalen und der stalinistischen Epoche, jüngere mit der Ostmoderne. Abgesehen von bereits genannten zählen hierzu insbesondere: Deutsches Nationalkomitee von ICOMOS und Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz (Hrsg.): Stalinistische Architektur unter Denkmalschutz?, München 1996 (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 20) / Akademie der Künste (Hrsg.): Denkmale und kulturelles Gedächtnis nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation, Berlin 2000 / Kölling, Veronika u.a. (Hrsg.): Unbequeme Baudenkmale des Sozialismus. Der Wandel der gesellschaftlichen Akzeptanz im mittel- und osteuropäischen Vergleich, Berlin 2013 / Nationalkomitee der Bundesrepublik Deutschland von ICOMOS (Hrsg.): Sozialistischer Realismus und Sozialistische Moderne. Welterbevorschläge aus Mittel- und Osteuropa, Berlin 2013 (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band LVIII) (URL: http://www.icomos.de/pdf/Heft_LVIII.pdf, letzter Zugriff am 13. Mai 2016) / Bartetzky, Arnold, Dietz, Christian, Haspel, Jörg unter Mitarbeit von John Ziesemer (Hrsg.): Von der Ablehnung zur Aneignung? Das architektonische Erbe des Sozialismus in Mittel- und Osteuropa, Köln, Weimar und Wien 2014 (= Visuelle Geschichtskultur, Band 12) / Schädler-Saub, Ursula, Weyer, Angela (Hrsg.): Geteilt vereint! Denkmalpflege in Mitteleuropa zur Zeit des Eisernen Vorhangs und heute, Petersberg 2015 (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, Band 59 sowie Schriften des Hornemann Instituts, Band 16). 1. Einleitung 16 Methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit Mit der vorliegenden Studie sollen also in erster Linie die aufgezeigte Lücke zwischen Theorie und Empirie geschlossen, bisherige Forschungsansätze und ihre Ergebnisse in einer Untersuchung zusammengefasst und der erfolgte Wandel im Denkmalschutz an einem konkreten Beispiel nachvollziehbar gemacht werden. Damit beleuchtet sie einen weiteren Aspekt der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, trägt einen neuen Mosaikstein zu dem Bild der jüngeren deutschen Erinnerungskultur bei und leistet einen nationalen Beitrag zur Erforschung eines transnationalen Phänomens. In Anlehnung an jüngere Veröffentlichungen will sie dabei zeigen, dass von einer vor allem ideologisch motivierten Dezimierungsstrategie, einem flächendeckenden Denkmalverlust und einer angeblichen westlichen Ignoranz gegenüber den kulturellen Leistungen der DDR pauschal nicht die Rede sein kann. Vielmehr liegt ihr die Annahme zugrunde, dass der Großteil der sachbezogenen Erhaltungsarbeit der Denkmalschützer jenseits der breiten Öffentlichkeit stattfand, weshalb ihre Ergebnisse weniger nachdrücklich im öffentlichen Bewusstsein verankert blieben als die wenigen medienwirksam geführte Abrissdebatten. Da sich politische Umbrüche wie jener von 1989 auf der Ebene der Akteure, ihrer Denkmalbewertung und -deutungen und der gesicherten Artefakte niederschlagen, stellen diese drei Bereiche die Betrachtungsfelder der vorliegenden Studie dar. Sie sind das Gerüst, entlang derer sie sich aufbaut. Erst ihre gemeinsame Untersuchung macht das gesamte Ausmaß des Wandels sicht- und erklärbar. Für den institutionsgeschichtlichen und akteurszentrierten Zugang82 wurde – soweit möglich – auf die Verwaltungsakten der zuständigen staatlichen Stellen zurückgegriffen.83 Ausgewertet wurden insbesondere die Bestände des ostdeutschen Ministeriums für Kultur und der Ost-Berliner Magistratsverwaltung für Kultur im Bundes- (BArch) bzw. Landesarchiv (LA) Berlin. Diesen Institutionen waren das zentralstaatliche „Institut für Denkmalpflege“ der DDR bzw. der Inspektor für Denkmalpflege in Ost-Berlin nachgeordnet. Der Bestand des Regierenden Bürgermeisters/Senatskanzlei von Berlin im Landesarchiv gab Auskunft über politische Prozesse nach der Vereinigung. Er enthielt unter anderem die Überlieferung zum „Provisorischen Regionalausschuss“ und zur „Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin“. Ergänzend hierzu wurden die Materialien der Presse- und Öffentlichkeit der jeweiligen Stellen, niedergeschriebene Erinnerun- 1.3. 82 Der erinnerungskulturellen Fragestellung und Verortung der Studie innerhalb der Neueren Kulturgeschichte ist eine Fokussierung auf die kulturpolitischen Akteure geschuldet. Die Betrachtung der Handelnden aus Stadtplanung und Bauverwaltung (z.B. Planungsämter) trat dahinter zurück. 83 Aufgrund der zeitlichen Nähe zum Bearbeitungsthema wurde erst ein kleiner Teil der relevanten Akten an die Archive abgegeben und dort verzeichnet. Die Akten des Landesdenkmalamtes Berlin gehören nicht dazu. Sie lagern (noch) vollständig in dessen hauseigenem Archiv. Auf die westdeutschen Bestände trifft dieser Befund stärker zu als auf die aus der DDR. Aus diesem Grunde wurden viele Unterlagen noch nicht paginiert. Blattnummern fehlen oft. Die Seitenangaben beziehen sich im Folgenden daher auf die einzelnen Dokumente. Auf den verwendeten Presseartikeln ist die ursprüngliche Seitenangabe im jeweiligen Druckerzeugnis ebenfalls nicht vermerkt gewesen, sodass entsprechende Angaben auch hier fehlen. 1.3. Methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit 17 gen ehemaliger Denkmalschützer und die Presseberichterstattung jener Jahre ausgewertet. Über die Interessen und die Rolle der politischen Parteien gaben Parlamentsmaterialien, Parteiprogramme und Mitgliederzeitschriften Auskunft.84 Die Berichterstattung, die zumindest in demokratischen Gesellschaft selbst maßgeblichen Einfluss auf die Meinungs- und Entscheidungsfindung der Amtsinhaber und Bürger besitzt,85 konnte zum einen durch die Bände „Deutschland 1990“,86 zum anderen mithilfe der Pressedokumentation des Deutschen Bundestages nachvollzogen werden.87 Da sich Leserschaft, Einfluss und Aufgaben der Fachpresse, die dort jeweils nicht mit erfasst war, von jenen der allgemeinen Presse unterscheiden, wurden entsprechende Zeitschriften gesondert betrachtet.88 84 Die genutzten Onlinedatenbanken wurden nach den Schlagworten „Denkmal“, „Denkmalschutz“ und „Denkmalpflege“ befragt. Stellvertretend für die politische Arbeit in allen Bezirken wurde die Überlieferung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin Mitte in ihrem Hausarchiv ausgewertet. In deren Einflussbereich befanden sich besonders viele Denkmale. Die Grundsatz- und Wahlprogramme der Parteien auf Bundes-, Landes und Bezirksebene lagen nicht für alle Wahlen und Parteien vollständig in Archiven oder Bibliotheken vor. Gleiches galt für die Mitgliederzeitschriften. Sofern zugänglich, wurden jene der Landesverbände ausgewertet. In ihnen wurden mutmaßlich noch am ehesten die Entscheidungen der beiden anderen Organisationsebenen mit abgebildet. 85 Zur Rolle der Medien im politischen System der Bundesrepublik Deutschland vergleiche insbesondere das Kapitel 13 in der Darstellung: Rudzio, Wolfgang: Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, 7. aktualisierte und erweiterte Auflage, Wiesbaden 2006. 86 Anna Maria Kuppe erstellte die nahezu 100 Bände im Auftrag des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Deutschland 1990. Dokumentation zu der Berichterstattung über die Ereignisse in der DDR und die deutschlandpolitische Entwicklung, Bonn 1993. Für das Kapitel 4.2.1. wurden allein jene Bände herangezogen, die sich dem Denkmalschutz im Allgemeinen und den diesbezüglichen Entwicklungen innerhalb der DDR widmeten (Band 48 und 80). Für die übrige Betrachtung wurden auch die Bände zu den deutsch-deutschen Kontakten und der allgemeinen Kulturpolitik ausgewertet (Band 59). Die Berichte zu den Schlagworten „Berliner Mauer“, „Stadtentwicklung“ oder „Gedenkstätten“ flossen nicht in die Untersuchung ein. 87 Die Presseberichterstattung zum Schlagwort „Denkmalschutz/Denkmalpflege“ der Jahre 1989 bis 1995 füllte dort sechs Ordner. Das Material zu anderen Schlagworten (z.B. Berliner Mauer oder Gedenkstätten) wurde nicht eingesehen. Auf Landes- und Bezirksebene, wo eigentlich der Hauptteil der denkmalpflegerischen Entscheidungen getroffen wird, gibt es keine vergleichbare öffentliche Institution, welche die lokale, regionale, nationale und internationale Presse derart konsequent verschlagwortet und archiviert. Damit blieb die Analyse der medialen Berichterstattung auf gedruckte Quellen beschränkt. Diese Entscheidung ist auf die Quellenlage (bzw. den Quellenzugang), die begrenzte Bearbeitungszeit und die Notwendigkeit von anderen Analyseinstrumente für (Bewegt) Bilder und Tondokumente zurückzuführen. 88 Ihre Leser rekrutieren sich in der Regel aus einem relativ kleinen Kreis an Experten, Wissenschaftlern und Angehörigen einer Berufsgruppe. Damit stellt die Fachpresse in erster Linie eine „intraprofessionelle Öffentlichkeit“ her und ist Indikator wie Motor für die entsprechende Forschungs- und Berufslandschaft (Dernbach, Beatrice: Die Vielfalt des Fachjournalismus. Eine systematische Einführung, Wiesbaden 2010, S. 37 / Stöckel, Sigrid: Verwissenschaftlichung der Gesellschaft – Vergesellschaftung der Wissenschaft, in: Das Medium Wissenschaftszeitschrift seit dem 19. Jahrhundert, herausgegeben von Sigrid Stöckel, Wiebke Lisner und Gerling Rüve, Stuttgart 2009 [= Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, Band 5], S. 9). Ausgewertet wurden die von der „Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland“ herausgegebene „Deutsche Kunst und Denkmalpflege“ (seit 1993 „Die Denkmalpfle- 1. Einleitung 18 Des Weiteren konnte die Überlieferung ehemaliger (Massen)Organisationen der DDR,89 des „Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“ und der „Initiative Lenindenkmal“ ausgewertet werden.90 Sie alle stellten vor oder nach 1989 wichtige Foren des bürgerschaftlichen Engagements dar und/oder waren wahrnehmbare Stimmen im öffentlich Diskurs. Dieser Quellenkorpus half auch bei der Untersuchung des zweiten Betrachtungsfeldes weiter: den im fachlichen, politischen und öffentlichen Diskurs herangezogenen Bewertungskriterien.91 Für die Analyse des erfassten Denkmalbestandes92 wurden indes die jüngsten Ausgaben der Zentralen-, Bezirks- und Kreislisten der DDR ausgewertet, die im Herbst 1989 Gültigkeit besaßen, sowie die gedruckte Gesamtberliner Denkmalliste des Jahres 1995.93 Diese wurden jeweils nach den Denkmalen gege“), die „Kunstchronik“ als Mitteilungsblatt des „Verbands Deutscher Kunsthistoriker“, „Die alte Stadt“ (mittlerweile „Forum Stadt“ genannt) und die „Stadtbauwelt“, die ihren Fokus stärker auf die Stadtentwicklung und ihre weitere Bebauung legen, sowie die stärker populärwissenschaftlich ausgerichteten Publikationen des „Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz“ und der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“. Die „Stadtbauwelt“ ist die vierteljährlich erscheinende Sonderausgabe der „Bauwelt“ – der wohl bedeutendsten deutschen Architekturzeitschrift. Aufgrund der begrenzten Kapazitäten und des Ziels, eine Vergleichbarkeit mit deutlich seltener erscheinenden Fachzeitschriften herzustellen, wurden nicht die wöchentlich erscheinenden Ausgaben ausgewertet. 89 Hierzu zählen die Bestände des „Kulturbundes“, des „Bunds der Architekten der DDR“ (BdA), des „Verbands der Bildenden Künstler der DDR“ (VBK), der „Gewerkschaft Kunst“ im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB, in digitaler Form), sowie wenige Akten zum „Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer“ im Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO), im Landesarchiv Berlin bzw. im Archiv der Akademie der Künste. Die Überlieferung der „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ in der DDR wurde aus Zeitgründen nicht eingesehen. Nach Durchsicht der Findbücher war die Menge der in Frage kommenden Akten noch immer zu groß. Gleiches galt für den Bestand der „Akademie der Künste“ (Ost). 90 In den Quellen finden sich des öfteren abweichende Schreibweisen für Zusammenschlüsse wie die „Bürgerinitiative Lenindenkmal“, die bei direkten Zitaten beibehalten wurden. 91 Da nicht nach der Wirkungsmacht einzelner Äußerungen für den weiteren Diskurs gefragt wird, keine Regeln des Sag-, Denk- und Machbaren identifiziert werden sollen und auch die soziale Dimension der Sprache im Rahmen der Studie keine dominierende Rolle erhalten soll, handelt es sich hierbei allerdings nicht um eine historische Diskursanalyse wie sie etwa Achim Landwehr verstand. Vergleiche diesbezüglich: Landwehr, Achim: Historische Diskursanalyse, Frankfurt a.M. 2008 (= Historische Einführungen, Band 4). Eine diskursanalytische Studie zur ost- und westdeutschen Nachkriegsmoderne entstand jüngst jedoch an der Technischen Universität Berlin. Vergleiche: Motylińska, Monika: Akzeptiert, abgelehnt, rehabilitiert? Zum Umgang mit dem Architekturerbe der Nachkriegszeit in Deutschland, Berlin 2017. 92 Die erste Gesamtberliner Denkmalliste von 1995 hatte jedoch nicht dieselbe Bedeutung wie die in der DDR und in West-Berlin bis dahin geführten Verzeichnisse. Das neue Denkmalschutzgesetz brachte einen Wechsel vom konstitutiven zum nachrichtlichen Verwaltungssystem. Sofern die Zeugnisse der Bau-, Gedenk- oder Sepulkralkultur die im Gesetz genannten Kriterien erfüllten, besaßen sie den Status eines Denkmals. Das galt auch, wenn sie noch nicht als solche erkannt und ins Verzeichnis aufgenommen waren. 93 Die Denkmallisten standen im Archiv des Landesdenkmalamts Berlin zur Einsicht zur Verfügung. Auf die zentrale Denkmalliste konnte über das Portal „DDR-Planungsgeschichte“ zugegriffen werden (Bekanntmachung der zentralen Denkmalliste vom 25. September 1979, in: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik, Sonderdruck 1017 vom 5. Oktober 1979 [URL: http://ddr-planungsgeschichte.de/denkmallisten/, letzter Zugriff am 30. April 2019]). 1.3. Methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit 19 filtert, die zwischen den Jahren 1949 und 1989/9094 entstanden waren, und anhand der auf ihnen festgehaltenen Merkmale miteinander verglichen. Da sie anders wirken und erst auf den zweiten Blick „als Instrument der Politik“ zu erkennen sind,95 blieben die ohnehin wenigen Garten- und Bodendenkmale hierbei unberücksichtigt. Auch ältere Denkmale, die mitunter erst in der DDR ihre (historische) Bedeutung erlangt hatten und deshalb unter Schutz standen, flossen nicht in den Datensatz ein.96 Da die Untersuchung explizit nach dem Erbe der DDR fragt und der Betrachtungsgegenstand zu operationalisieren war, gingen ebenso jene Denkmale, die zwischen 1949 und 1990 (in historisierender Art) wiederaufgebaut, umgebaut, modernisiert oder ergänzt worden waren, nicht in die Untersuchung ein.97 Auch Denkmale, die in mehreren Phasen oder über längere Zeitabschnitte errichtet wurden, sodass nur einer ihrer Nicht alle Berliner Stadtbezirke hatten am Vorabend des Mauerfalls allerdings eine eigene Denkmalliste verabschiedet. Drei Bezirke waren erst Ende der siebziger Jahre bzw. in den achtziger Jahren entstanden. Da waren die anderen Denkmallisten größtenteils bereits verabschiedet worden. Vor allem aus Lichtenberger Ortsteilen entstand im Jahr 1979 der Bezirk Marzahn. Der Bezirk Hohenschönhausen wurde 1985 im Wesentlichen aus Teilen des Bezirks Weißensee gebildet, der im Gegenzug um Ortsteile des Bezirks Pankow erweitert wurde. 1986 entstand schließlich der Bezirk Hellersdorf aus Teilen Marzahns (Bömermann/Gruber, Gebietsgliederungen, S. 23). Für den Bezirk Weißensee konnte nur auf eine jüngere Arbeitsliste des Landesdenkmalamtes zurückgegriffen werden, auf der die Mitarbeiter die Denkmale verschiedener Listenfassungen zusammentrugen. 94 Die Studie versteht die Staatsgründung im Jahr 1949 damit als qualitativen Einschnitt gegenüber den Jahren der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), deren Zeugnisse unberücksichtigt bleiben. Gerade im Kulturbereich herrschte zunächst – im Gegensatz zu vielen anderen staatlichen Handlungsfeldern – noch eine relative Offenheit, wohingegen mit der Staatsgründung eine allmähliche Sowjetisierung eingesetzt hat (Ihme-Tuchel, DDR, S. 22). Als Ausdruck dessen muss vor allem die sogenannte Formalismusdebatte im Jahr 1950 verstanden werden, welche die Abkehr von der klassischen Moderne und eine Annäherung an die damaligen sowjetischen Kunstauffassungen einleitete. Die Studie nimmt aber zur Kenntnis, dass wichtige Weichenstellungen für die Geschichte der DDR bereits vor 1949 getroffen worden sind und andere Prozesse erst später abgeschlossen werden konnten. In diesem Kontext sei auf die 2006 erschienene Dissertation von Andreas Butter verwiesen, in welcher er bisherige Annahmen zur Bautätigkeit der ersten Nachkriegsjahre relativierte und die bisherige Ignoranz ihr gegenüber offenlegte: Butter, Andreas: Neues Leben, neues Bauen. Die Moderne in der Architektur der SBZ/DDR 1945–1951, Berlin 2006. 95 Fibich, Peter: Gedenkstätten, Mahnmale und Ehrenfriedhöfe für die Verfolgten des Nationalsozialismus. Ihre architektonische Gestaltung in Deutschland 1945 bis 1960, Dresden 1998, S. 194. Einige Denkmale der Politik- oder Kulturgeschichte wurden nach der friedlichen Revolution allerdings als Gartendenkmale verzeichnet. Ebenso gab es den umgekehrten Fall. Frühere Gartendenkmale waren nun als Baudenkmale eingetragen. Sie wurden in dieser Studie nur auf jener Liste berücksichtigt, auf welcher sie als Baudenkmal aufgeführt waren. Frei- und Parkflächen, die etwa als Ensembleteile aufgeführt waren, blieben jedoch auch dann unberücksichtigt. 96 Hierzu zählen ältere Denkmale, die in der DDR unter Schutz standen, weil hier beispielsweise einst Wladimir Iljitsch Lenin übernachtet, ein Wissenschaftler geforscht, eine Blockpartei gegründet worden war oder ein „Antifaschist“ ermordet wurde. Für die Zeit nach 1989 meint dies Denkmale, die erst durch ihre Nutzung in der DDR einen historischen Denkmalwert erhielten. Beispiele hierfür wären die ehemalige Haftanstalt der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen aus den dreißiger Jahren oder das Schloss Niederschönhausen, in dem unter anderem der Staatsrat der DDR zeitweise untergebracht war. 97 Die Denkmallisten kennen hierzu eine Vielzahl an unterschiedlichen Ausdrücken, die an dieser Stelle nicht alle genannt werden können. Die Arbeit orientiert sich an diesen Beschreibungen, auch wenn sie im Nachhinein teilweise korrigiert worden sein mögen. 1. Einleitung 20 Bauabschnitte oder Bestandteile im relevanten Zeitraum fertiggestellt wurde, blieben in der Studie unberücksichtigt.98 Dort, wo auf den DDR-Listen kein Entstehungsdatum angegeben war, wurde es mithilfe einschlägiger Literatur99 nachträglich bestimmt.100 Sie half in der Folge auch bei der Denkmalbeschreibung und ikonographischen wie ikonologischen Analyse. Ferner gab sie Auskunft über erfolgte Denkmalveränderungen. Für die hierauf folgende Rezeptions- und Nutzungsanalyse standen schließlich viele publizierte Einzelstudien zum Wirken der an der Denkmalvermittlung beteiligten Akteuren zur Verfügung. Teilweise wurden sie erstmalig auf diese Fragestellung hin auswertet.101 Damit fielen auch einige Wiederaufbauleistungen der DDR – wie das Prinzessinnenpalais – aus der Untersuchung heraus, welche durchaus Züge der DDR-Nachkriegsmoderne trugen. Ebenso blieben die Instandsetzungsarbeiten an den Bauten „Unter den Linden“ und die denkmalpflegerischen Leistungen im Nikolaiviertel oder am Gendarmenmarkt unberücksichtigt. 98 Hiermit gemeint sind Ergänzungen an Einzelbauwerken, nicht die Erweiterung größerer Ensembles und Gesamtanlagen um weitere Einzelbestandteile. Sofern sie nicht als eigene Position aufgeführt waren, fielen damit auch nachträglich hinzugefügte Bauteile wie Türmchen oder die „Kunst am Bau“ aus der Untersuchung heraus. 99 Wichtigste Recherchegrundlagen waren vor allem die Denkmalliste von 1995, die oben genannten Denkmaltopographien, die Denkmaldatenbank Berlin, die vom Ingenieur- und Architektenverein zu Berlin herausgegebene Reihe „Berlin und seine Bauten“ sowie die Datenbank „Gedenktafeln in Berlin“. Ferner wurde insbesondere auf folgende Publikationen zurückgegriffen: Endlich, Stefanie: Berlin, in: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band II, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000, S. 27–227 / Institut für Denkmalpflege der DDR (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR. Hauptstadt Berlin I, Berlin 1983 / Institut für Denkmalpflege der DDR (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR. Hauptstadt Berlin II, München 1987 / Klother, Eva-Maria: Denkmalplastik nach 1945 bis 1989 in Ost- und West-Berlin, Münster 1998 (= Theorie der Gegenwartskunst, Band 12) und weitere Gedenkstättenführer (der DDR). 100 Für die umfangreiche Liste von 1995 war dies aus Zeitgründen nicht in gleicher Weise möglich wie für die kürzeren DDR-Listen, auf denen dies häufiger vorkam. Ließ sich eine Entstehung nach 1949 nicht eindeutig nachweisen oder waren widersprüchliche Angaben hierzu zu finden, blieben die Denkmale für die Untersuchung unberücksichtigt. Andernfalls waren in der Regel die behördlichen Angaben ausschlaggebend. Bei den Grabstätten wurden bei der Datierung die Lebensdaten der betreffenden Person zugrunde gelegt, sofern nicht abweichende Angaben ermittelt werden konnten. Unberücksichtigt blieben des Weiteren ungenaue Denkmaleintragungen, aus denen das Schutzobjekt nicht eindeutig hervorging. Insbesondere auf der Bezirksdenkmalliste und auf der Kreisliste des Bezirks Mitte war der indifferente Begriff „Gedenkstätte“ sehr gebräuchlich. Zwar ließ sich oftmals eine Gedenktafel an diesen Orten nachweisen, doch war damit keinesfalls sichergestellt, dass nicht doch ein Traditionskabinett im Innern oder der Bau selber gemeint waren. 101 Vergleiche beispielhaft: Pasternack, Peer: Die DDR in der Lehre: Veranstaltungen an deutschen Universitäten 1990–2000, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 9/2002, S. 523–529 / Raab, Fanny: The Significance of Socialist Heritage for Tourism in Berlin: Neglectable Niche or Important Part of the Tourist Offer?, in: Wettbewerbsvorteil Kulturtourismus. Innovative Strategien und Produkte, herausgegeben von Andreas Kagermeier und Fanny Raab, Berlin 2010 (= Schriften zu Tourismus und Freizeit, Band 9), S. 125–140 / Lüdeker, Gerhard: Kollektive Erinnerung und nationale Identität. Nationalsozialismus, DDR und Wiedervereinigung im Deutschen Spielfilm nach 1989, München 2012. 1.3. Methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit 21 Auch für den asymmetrischen Vergleich am Ende der Studie, der die gewonnenen Ergebnisse besser einordnen und den Blick für Berliner Besonderheiten und allgemeine Tendenzen rund um das Epochenjahr 1989 schärfen soll, wurde auf bisherige Veröffentlichungen – allen voran vom GWZO – zurückgegriffen.102 Die Studie setzt sich damit aus zehn Kapiteln zusammen. In ihrem ersten Teil werden theoretische Grundlagen und zentrale Begriffe erläutert. Dazu zählen die Wirkungsweise der architektonischen Sprache und des kollektiven Gedächtnisses sowie die verschiedenen Optionen im Umgang mit bestehender Architektur. Diese stellt in der vorliegenden Studie einen Oberbegriff für alle materiellen Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur dar, die gleichermaßen auf den Denkmallisten der DDR erfasst waren. Im zweiten Teil folgt die Darstellung der historischen und strukturellen Grundlagen, welche die Entwicklungen nach der friedlichen Revolution besser verständlich machen. So soll gezeigt werden, wie und was in der vierzigjährigen Geschichte der DDR überhaupt gebaut und von den eigenen Behörden unter Schutz gestellt worden war. Hierbei werden nicht zuletzt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Ostund West-Berlin herausgearbeitet, welche sich nach 1989 als Hemmnis oder Vorteil für die Zusammenarbeit erwiesen. Ebenso sollen allgemeine Tendenzen der späteren Aufarbeitung und Deutung der DDR dargestellt werden, in deren Kontext die Neubewertung des Denkmalerbes stattfand. In den darauffolgenden drei Kapiteln werden die Veränderungen auf den genannten Ebenen jeweils einzeln beschrieben. Hieran schließt sich die Analyse der gesellschaftlichen Aneignung des Denkmalerbes an. Es folgt eine Einordnung der bisherigen Erkenntnisse in den nationalen und internationalen Kontext. Die Studie endet mit einer Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse und einem Ausblick auf die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre bis in die Gegenwart hinein. 102 Zum Sinn und Mehrwert von Vergleichen für die historische Forschung im Allgemeinen siehe noch immer: Haupt, Heinz-Gerhard, Kocka, Jürgen: Historischer Vergleich. Methoden, Aufgaben, Probleme, in: Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, herausgegeben von dies., Frankfurt a.M. und New York 1996, S. 9–45. Da der Betrachtungsraum sehr heterogen ausfällt und sich die Literatur- und Datenlage zu den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich darstellt bzw. sprachliche Beschränkungen eine Einbeziehung relevanter Literatur verhinderten, ließen sich gelegentliche Verkürzungen und eine unterschiedliche Gewichtung der einzelnen (Bundes-)Länder bei der Untersuchung nicht vermeiden. 1. Einleitung 22

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References

Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen der friedlichen Revolution auf das junge Ost-Berliner Denkmalerbe. Sie zeigt, wie jene Zeugnisse der Bau-, Gedenk- und Sepulkralkultur nach dem Mauerfall bewertet, selektiert und in das Selbstbild des vereinigten Deutschland integriert wurden. Die Autorin fragt nach den Akteuren und Interessen in diesem Prozess, arbeitet wesentliche Faktoren im fachlichen, politischen und öffentlichen Diskurs heraus und untersucht anhand der selbstgewonnenen Datenbasis deren Wirkmächtigkeit. Dabei weist sie nach, dass von einer generellen Ignoranz gegenüber den kulturellen Leistungen der DDR und einer Unvereinbarkeit mit der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur keineswegs die Rede gewesen sein kann. Am Ende der Neubewertung stand vielmehr ein beispielloses Bekenntnis zum Denkmalerbe des früheren Regimes. Damit beleuchtet die Studie einen weiteren Aspekt der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, fügt einen neuen Mosaikstein in das Bild der jüngeren deutschen Erinnerungskultur ein und leistet einen nationalen Beitrag zur Erforschung eines transnationalen Phänomens rund um das Epochenjahr 1989.