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KAPITEL V in:

Amalia Sdroulia

Die Sprache auf die Bühne bringen, page 69 - 72

Spracherwerb durch Theaterspiel und Szenisches Schreiben am Beispiel von Zweitsprachenlernenden in den Integrationskursen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4158-1, ISBN online: 978-3-8288-7095-6, https://doi.org/10.5771/9783828870956-69

Tectum, Baden-Baden
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KAPITEL V Ergebnisse Was bringt der Spagat zwischen Sprach- und Theaterunterricht beim fundamentalen Aufbau und Erlernen der deutschen Sprache und zukunftsorientierter Bildung in den Integrationskursen? Welchen Bezug hat er zu den Inhalten des Lokalen Integrationsplans (LIP)? Ergebnisse Liebe Leser, nun haben Sie eine Menge von unserer Theater- und Spracharbeit nach einem Jahr intensiven Deutschlernen in den Integrationskursen gelesen. Die Schüler und parallel Spieler schafften eine erfolgreiche Bühnendarstellung mit ihrer Offenheit, Geduld und Vertrauen. Die Verwirklichung des in der Landeshauptstadt Hannover beantragten Projektes „Die Sprache auf die Bühne bringen“ wäre ohne die Schüler nicht möglich gewesen. Im Projekt „Die Sprache auf die Bühne bringen“ erfuhr ich als DAZ-Dozentin, dass Lernende die besten Lehrer für die Förderung ihrer sprachlichen Kompetenz sein können. Meine autodidaktische Methode, die ich selbst vor 22 Jahren während meines Studiums selbst anwendete, um mir als Nicht-Muttersprachlerin ein gutes und souveränes Deutscherlernen zu ermöglichen, bewies, dass Schreiben und Darstellen in der Zweitsprache freien Raum für Sprachkompetenz er- öffnet. Lernfortschritte in der Zweitsprache sind nicht allein von der Leistungsbereitschaft und der Motivation eines Lernenden oder von seinen spezifischen Voraussetzungen (z. B. Sprachlernbegabung) abhängig. Vielmehr sind sie von den inspirierenden und kreativen Interaktionsmöglichkeiten in einem Klassenraum abhängig. 5. 69 Jeder Lerner findet einen spezifischen Lernweg. In diesem Projekt durchliefen die Schüler bestimmte Entwicklungsstufen (z. B. im Bereich der Syntax: Verb-Endstellung, im Bereich der Morphologie: Tempus- oder Kasusmarkierungen), die durch unterschiedliche Präferenzen (z. B. Erzählungen oder Dialoge schreiben) determiniert wurden. Somit konnten sie schnell oder langsam einen bestimmten Wortschatz aufbauen. Beim Durchleuchten ihrer Lernwege dürfte deutlich geworden sein, dass es bei den Schülern und gleichzeitig Spielern große Unterschiede gab. Autobiografische Texte oder Dialoge in unterschiedlichen Institutionen (z. B. Schule, Behörden etc.), die mit Hilfe von „chunks“ gemeinsam in der Theatergruppe geschrieben und entwickelt wurden, gezielt korrigiert und schrittweise erweitert wurden, hatten einen fundamentalen Einfluss auf den Aufbau fester sprachlicher Formen und Fertigkeiten. Die Lernenden begannen dabei, ihre Lernprozesse selbst zu streuen, sie öffneten sich mehr, waren dabei konzentrierter, autonomer und selbstsicherer und wiederholten die korrigierten Texte, bis sie sie richtig auswendig lernten und vor den anderen präsentierten. Selbst wenn ihr familiäres und soziales Umfeld vergleichbare Anregungen auf Deutsch nicht geben konnte, wurde ihr Wortschatz angereichert und ihre grammatischen und semantischen Netzwerke dichter geknüpft. Das enge Verhältnis der Mitwirkenden half den Schülern im Projekt, über persönliche und familiäre Erlebnisse (z. B. Traumata, Eltern, Geschwistern etc.) zu sprechen. Ihr Mitteilungsbedürfnis konnte für ihre sprachliche Entwicklung in der deutschen Sprache als Zweitsprache genutzt werden, weil sie häufig an Ausdrucksgrenzen stießen, die sie möglichst schnell überwinden wollten. Das Wissen über familiäre Zusammenhänge im Projekt war den Schülern gegenüber sehr hilfreich, weil es keine unangemessenen Erwartungen von den Lehrenden gegenüber den Lernenden gab. Vielmehr wurde Verständnis gezeigt. Meine Kollegin und DAZ-Lehrerin, Paola Bergmann Aranguren, die sich ehrenamtlich im Projekt engagierte und die Schüler bei Diskussionen außerhalb unserer Theaterproben begleitete, stellte in ihrer Arbeit mit der Lerngruppe Folgendes fest und erklärte: „Anfangs war für die Lernenden die Frage ‚Wie sehen mich die anderen‘ viel wichtiger als die Entfaltung eigener Ausdrucksfähigkeit und Identität. Dank dem Sprach- und Theaterunterricht entwickelten sie KAPITEL V 70 eine Identität in der Eigen- und Fremdsprache, mit der sie zuerst sich und dann andere wahrnahmen. Dadurch nahmen sie eine andere Form der Kommunikation in sich auf, bei der sie an Selbstsicherheit gewinnen konnten, um Gefühle auszudrücken, ohne daran zu denken, dass es in einer fremden Kultur oder in einer Fremdsprache geschah. Das Erkennen und die Darstellung eigener Gefühle brachte sie dazu, diese in ihren Texten frei darzulegen. Demnach waren das Schreiben und die Korrektur der Texte kein bloßes grammatisches, syntaktisches Sprachenlernen mehr, denn sie hatten nun auch ein Sprachgefühl verinnerlicht. Mithin war es ihnen möglich, anhand von Schreib- und Theaterübungen erlebte Situationen in der Zweitsprache und Kultur in einem objektiven Kontext zu bearbeiten, damit konstruktiv umzugehen und zu inszenieren. Sie entwickelten dabei Autonomie, verloren die Scheu und konnten zuerst zu sich stehen, dann zum Team und anschließend vor dem Publikum. Der Sprach- und Theaterunterricht dient also meiner Ansicht nach nicht nur der Erhöhung der Sprachkompetenz, er fördert auch die Kreativität, Motivation und Stärke der Lernenden gegenüber ihrem sozialen Umfeld und errichtet zugleich eine feste Grundlage an Kompetenzen und Fähigkeiten, die sich vielfältig auf den gesamten Bereich der Bildung anwenden lässt.“ Aus der zweitsprachlichen Unterrichtsperspektive nimmt meiner Meinung nach die Kombination zwischen Theaterspiel und Szenischem Schreiben innerhalb von Bildung eine essentielle Schlüsselrolle ein und verfügt über mehrere Kompetenzen wie Kreativität, Führungsstärke, Teamfähigkeit, was im normalen Deutschunterricht nicht erbracht werden kann. In den Integrationskursen können die Lernenden durch Theaterspiel und Szenisches Schreiben mit anderen sich Wissen aneignen, reflektieren und (re-)konstruieren, statt sich dieses nur anzueignen und wiederzugeben. Sie können die Sprache nicht nur durch Grammatik, Lesen, Hören, Schreiben und Sprechen lernen, sondern auch durch Dramaturgie und Inszenierung ihres persönlichen Theaterstücks. Somit setzen sich die Lernenden in Beziehung zur deutschen Sprache als Zweitsprache, vergleichen sie mit ihrer Muttersprache, analysieren gesellschaftliche Inhalte der deutschen Kultur, stellen Fragen zu ihrer Auffassung, ihrer Denkfähigkeit, ihren Gefühlen, ihren ästhetischen körperlichen Haltungen und einmaligen Biografien. Ein kreativer Theater- und Sprachunterricht in den Integrationskursen ist kein 5. Ergebnisse 71 Luxus am Rande, sondern eine essentielle Grundlage für Potenzialentwicklung der Lernenden und zukunftsorientierte Bildung. Bezug zu Inhalten des lokalen Integrationsplans (LIP) Die Unterrichtskombination zwischen Theaterspiel und Szenischem Schreiben in den Integrationskursen hat außerdem einen starken Bezug zu den Inhalten des Lokalen Integrationsplans (LIP) in der Landeshauptstadt Hannover, da er von Anfang an als zentrale Aufgabe die Förderung der deutschen Sprache hatte, um eine gute Bildung und Ausbildung der Integrationslerner zu ermöglichen. Hierdurch erhöhten sich ihre Arbeitsmarktchancen und dies gewährte ein selbstständiges Leben in Deutschland. Durch die Beteiligung verschiedener Akteure und Institutionen entstanden eine gute Verknüpfung von Theorie und Praxis sowie eine starke Netzwerkarbeit. Durch die Vernetzung erweiterte sich die Partizipation der Integrationslerner an den ihren potenziell zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Ihre kulturelle Pluralität sowie ihre interkulturelle Kompetenz wurden gelebt und weiterentwickelt. Somit wird ein besseres Zusammenleben in der Region Hannover sowie politische Teilhabe und Partizipation gewährleistet. Amalia Sdroulia KAPITEL V 72

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Zusammenfassung

Dieses Buch stellt die Ergebnisse eines im Rahmen des 9. Ideenwettbewerbs der Landeshauptstadt Hannover geförderten Projekts dar, welches zum Ziel hatte, mithilfe von Schauspiel und szenischem Schreiben die deutsche Sprache zu vermitteln. Über einen Zeitraum von zwölf Monaten entstand dieses didaktische und methodische Praxisbuch für Integrationslehrer, die Zweitsprachenlernenden mit kreativer Spracharbeit, Theater und Musik ein bewusstes und flexibles Grammatiklernen ermöglichen möchten. Geleitet von einer eigens entwickelten autodidaktischen Methode zeigt Amalia Sdroulia, dass Lernfortschritte in der Zweitsprache nicht allein von der Leistungsbereitschaft oder den Begabungen eines Lernenden abhängig sind. Es kommt zusätzlich auf die kreativen Interaktionsmöglichkeiten im Klassenraum an. Autobiografische Texte und Dialoge über Situationen des Alltags in Kombination mit Schauspiel eröffnen freien Raum zur Entfaltung der Sprachkompetenz. Die Teilnahme am Projekt „Die Sprache auf die Bühne bringen“ ermöglichte den Integrationsschülern, die Bereiche Syntax und Morphologie deutlich zu erweitern und Sicherheit im Umgang mit der deutschen Sprache zu gewinnen. Gleichzeitig gewährleisten höhere Bildungschancen interkulturelle Kompetenz und zukünftige politische Partizipation.