2. Glaubensgrade und Gottesfrage in:

Klaus Mai

Orthodox - Moderat - Säkular, page 11 - 54

Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und deren weltanschauliche Rechtfertigung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4123-9, ISBN online: 978-3-8288-7093-2, https://doi.org/10.5771/9783828870932-11

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Glaubensgrade und Gottesfrage Manche Religionsgemeinschaften legen Wert darauf, dass ihre Mitglieder sich deutlich, z.B. durch ihre Kleidung von Mitgliedern anderer Religionen abheben u. sich eventuell sogar danach unterscheiden lassen, wie intensiv sie ihre Religion praktizieren. Zwar wird Religion heutzutage von vielen Menschen als Privatsache angesehen, aber eben nicht von allen. Zusätzlich zu den „etablierten“ Religionen gibt es auch ein vielfältiges Angebot, sozusagen einen Markt an Religionen (und Sekten)28, die beanspruchen, das Bedürfnis der heilsuchenden Menschen nach Glaubensgewissheit zu bedienen. Da sich die Glaubensinhalte verschiedener Religionen zum Teil widersprechen, sie aber dennoch jeweils beanspruchen, die einzig wahre Religion zu sein, findet mit wenigen Ausnahmen eine mehr oder weniger scharfe Konkurrenz um die Gewinnung von Gläubigen statt. Eine besonders unangenehme Spielart dieser Konkurrenz ist der sogenannte Islamismus, der sich durch einen aggressiven Alleinvertretungsanspruch und menschenverachtende Barbarei seiner sog. Gotteskrieger gegen „Ungläubige“ anheischig macht, die Weltherrschaft zu erringen. Bei allen Religionen lässt sich leicht feststellen, dass der jeweilige Glauben mit unterschiedlicher Intensität ausgeübt wird. Im Christentum findet man neben den Strenggläubigen, die eine kleine, aber feste Gruppe bilden und regelmäßig an religiösen Ritualen teilnehmen, auch Sonn- und Feiertagsgläubige sowie Festtagsreligiöse, die ihren Glauben mit einer nur moderaten Frömmigkeit praktizieren. Wieder andere betreten Kirchen nur aus Gründen des Kunstgenusses. Schließlich gibt es Gläubige, die zwar an eine Gottheit glauben, aber überhaupt keine Kirche mehr besuchen und/oder ihre Privatreligion aus Elementen unterschiedlicher religiöser Bekenntnisse zusammenbasteln. Darüber hinaus wächst die Anzahl von Menschen, die aus den etablierten Kirchen austreten, zu einer anderen Religion oder Sekte 2. 28 Zinser 1997. 11 konvertieren oder das Interesse an religiösen Fragen verloren haben. Auf der anderen, der atheistischen, Seite stehen die Menschen, denen die Religionen auf ihre Fragen nach den letzten Dingen keine überzeugende Antwort geben können. An die Stelle der Religionen sind für sie Philosophie und Wissenschaft getreten. Auch und gerade unter Berücksichtigung der Unzulänglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis ist für sie das in philosophischer Reflexion und wissenschaftlicher Forschung inzwischen verfügbare Wissen für die Erklärung der Welt weit angemessener als die vorläufigen und behelfsmäßigen religiösen Dogmen. Aber auch bei den atheistischen Welterklärungen lässt sich feststellen, dass die Ablehnung der Gotteshypothese je nach Überzeugung unterschiedlich intensiv vertreten wird. Gemeinsam ist ihnen die Abkehr von den überkommenen religiösen Autoritäten und archaischen bzw. magischen Ritualen und das Vertrauen in Verstand und Vernunft. Skala der Wahrscheinlichkeiten der Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes Die Intensitäten der Religiosität (sozusagen Frömmigkeitsgrade) können voneinander anhand der Existenzwahrscheinlichkeit Gottes unterschieden und gerechtfertigt werden. Traditionell lassen sich dabei drei Varianten feststellen, nämlich an die Existenz Gottes zu glauben (=Theismus), nicht an sie zu glauben (=Atheismus) oder dieser Frage gleichgültig gegenüber zu stehen (=Indifferenz). Insoweit entsprechen diese Varianten dem Alles-oder-Nichts-Prinzip der klassischen Logik. Mit diesem Entweder-Oder-Glauben wird die Vielfalt der alltäglichen Glaubensintensitäten jedoch nicht erfasst. Grundsätzlich scheint es angemessen, einen linearen Zusammenhang zwischen dem Überzeugungsgrad und der Frömmigkeit bzw. der Bereitschaft zu frommen Handlungen (strenggläubig vs. moderat/lau vs. ungläubig) anzunehmen: Je höher die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes, desto frommer, je geringer die Wahrscheinlichkeit, desto lauer und säkularer der Gläubige. Da es in der Frage nach der Existenz eines personalen Gottes keine Gewissheit gibt (s. die Diskussion über die Gottesbeweise), liegt es nahe, zur Unterscheidung der Religiosität der Menschen einen re- 2.1 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 12 duzierten Wahrheitsbegriff29, nämlich den Begriff der subjektiven Wahrscheinlichkeit (s.o.) heranzuziehen30. Entsprechend geht es darum, die Gotteshypothese nach der (subjektiven) Geltungswahrscheinlichkeit31 und damit Glaubensintensität, in ein Kontinuum zu unterteilen. In diesem stellt der eine Pol die Gewissheit (gedacht als Grenzfall subjektiver Wahrscheinlichkeit) dar, dass Gott existiert, P(Gott)=1, der Gegenpol drückt die Gewissheit aus, dass Gott nicht existiert P(Gott)=0 bzw. P(Nicht-Gott) = 1. Zwischen diesen Polen liegen unterschiedliche Ausprägungen der Wahrscheinlichkeit der Existenz eines personalen Gottes, die von 1, 0,9, 0,8 … bis 0 reichen32. Besonders bedeutsam sind auf dieser Skala die o.g. juristischen Beweismasse: P(Gott) > 0,9 bzw. 90 % (annähernd sicher) P(Gott) > 0,75; 0,9 > P(Gott) > 0,75 bzw. 75 % (hochwahrscheinlich) P(Gott) > 0,5 (einfach wahrscheinlich > 51%) P(Gott) = P(-Gott) = 0,5 bzw. 50 % (gleichwahrscheinlich) P(Gott) < 0,5 (einfach unwahrscheinlich) P(Gott)< 0,25 bzw. 25 % (hoch unwahrscheinlich) P(Gott) < 0,1 bzw. 10 % (weitgehend unwahrscheinlich)33 Die Pole der Skala beinhalten auf der einen Seite die unkritische, vollständige Anerkennung des Offenbarungswissens, auf der anderen Seite 29 S. Flasch 2015, S. 101 f., 102. 30 Dieser Gedanke liegt auch Swinburnes probabilistischem Gottesbeweis zugrunde, s. Löffler 2007, S. 101 f.; s.a. Swinburne 1987. „Der da sagt, dass ein Gott sei, sagt mehr, als er weiß, und der das Gegenteil sagt, desgleichen“ (Kant-Werke, Band 4, 562 f.; Denken mit Immanuel Kant, Diogenes Taschenbuch, Zürich 2005, S. 32); Weinrich 2012, S. 319. 31 Hier ist nur der Wahrscheinlichkeitsbereich gemeint, der in der jeweiligen Lehrmeinung durchdacht und begründet ist. 32 Eine ähnliche Skala schlägt Dawkins 2007, S. 72/73 vor. Maiello 2007 gibt einen Überblick über Skalen zur Messung von Religiosität (S. 27 ff.), die er nicht für zufriedenstellend hält (S. 28), und untersucht mit einer weiterentwickelten Skala zur Erfassung von Glaubensintensität (DBGR) die Struktur psychischer Korrelate von Religiosität. 33 Die Wahrscheinlichkeitsstufen entsprechen den Beweismaßen der schweizerischen Prozessordnung, s. Schweizer 2015, S. 472: Skalierung der subjektiven bzw. epistemischen Wahrscheinlichkeit/ Überzeugungsgrade. 2.1 Skala der Wahrscheinlichkeiten der Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes 13 die unumschränkte Übernahme des philosophischen bzw. wissenschaftlichen Wissens, verbunden mit konstruktiven Seins-Deutungen (z.B. Materialismus). Je mehr man von der Existenz Gottes überzeugt, d.h. Theist ist, desto mehr steigt die Bedeutung des religiösen bzw. religiös anmutenden Wissens, je mehr man von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt, also Non-Theist ist, umso mehr steigt die Bedeutung des philosophischen bzw. wissenschaftlich geprüften Erfahrungswissens. Die Zu- oder Abnahme der Wissensqualität lässt sich dann graphisch durch eine Diagonale ausdrücken, die kontinuierlich von der einen Seite nach der anderen abfällt bzw. zunimmt. Die Annahme einer Kontinuität zwischen dem religiösen und dem philosophischen Wissen ist nur dann problematisch, wenn eine Inkommensurabilität der beiden Wissensbereiche unterstellt wird, etwa in dem Sinn, dass es einen profanen und einen heiligen Wissenskreis gibt, deren Aussagen jeweils eigene Geltungskriterien beanspruchen und deshalb nur wenig miteinander zu tun haben34. Auch religiöse Aussagen lassen sich wissenschaftssprachlich als Sachaussagen bzw. Hypothesen umformulieren und können dann wie andere Aussagen in ihrer Geltung überprüft werden. Die Skalenstufen bzw. deren operationale Definitionen lassen sich unter Rückgriff auf verschiedene Glaubensparadigmen, wie sie sich seit der Reformation und im Rahmen der Aufklärung herausgebildet haben, rechtfertigen. Auch wenn sie somit anhand ihrer Ausprägung in einer bestimmten Epoche bzw. aus der Analyse des Werkes eines sie repräsentierenden Denkers erschlossen wurden, werden sie in einem synchronen Modell abgebildet bzw. skaliert, da sie gleichzeitig nebeneinander35 existieren können. Die Gegenseite, also der profane oder m.a.W. epistemische Wissenskreis, ist in seiner Vielgestaltigkeit zu fokussieren auf die direkt oder indirekt bzw. explizit oder implizit darin zum Ausdruck kommende Meinung über die Wahrscheinlichkeit der Nicht-Existenz Gottes. Diese Fokussierung muss auf das jeweilige historisch entstandene Glaubensparadigma beziehbar sein, indem sie dieses kritisch in Zweifel zieht oder sogar widerlegt. Gleichermaßen sind historische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen, 34 S. Marina 2005, S. 60 ff. 35 Über das soziologische Konzept „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ s. Brose 2008, insb. S. 555 f. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 14 die geeignet sind, an die Stelle religiöser Welterklärungen zu treten, auch wenn der Begründer des jeweiligen Paradigmas nicht selbst darauf eingegangen ist. Mit Hilfe dieser Fokussierung lässt sich der historische Dominanzwechsel vom Glauben zum Wissen abbilden.36 Im Ergebnis besteht jeder Skalenpunkt aus den zwei Wahrscheinlichkeiten P(Gott) und P(-Gott), die sich gegenseitig zu 1 ergänzen: P(Gott) + P(-Gott) = 1. Die Gesamtwahrscheinlichkeit ist dann der Ausdruck der jeweiligen Welterklärung. Welterklärungen entsprechen einem Bedürfnis des Menschen37. Dieses Bedürfnis artikuliert sich in den folgenden Grundfragen: – Grundfragen mit theistischem Bezug: Gibt es einen Gott? Ist die Seele unsterblich? Kontrolliert mich Gott? Was kann ich tun, um nach meinem Tode in den Himmel zu kommen? – Philosophische (non-theistische) Grundfragen nach Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?38 Beide Fragenbereiche sind uralte Fragen der Menschheit. Der Maler Paul Gauguin hat sie 1897 in seinem berühmten Gemälde „Woher kommen wir. Wer sind wir. Wohin gehen wir.“ anschaulich gemacht: 36 S. Krauss 2005, S. 31. 37 Utsch 1998, S. 15. 38 Kant, Kritik der reinen Vernunft, Kant-Werke 1968, Bd. 4, S. 677. 2.1 Skala der Wahrscheinlichkeiten der Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes 15 Gauguin, Tahiti, 1897: Woher kommen wir. Wer sind wir. Wohin gehen wir. (Photography © Museum of Fine Arts, Boston) Erläuterung des Bildes: Das Gemälde entspricht thematisch dem Darstellungsmotiv der Lebensalter und ist eines der bekanntesten Gemälde Paul Gauguins. Der Titel benennt die Grundfragen des Menschseins (oben links ohne Fragezeichen), mit denen sich Gauguin trotz seiner antiklerikalen Haltung intensiv beschäftigt hat. Der Bildinhalt ist von rechts nach links zu betrachten. Im Wesentlichen sind in Orange gehaltene Menschen aus Polynesien in drei Szenen vor einer bläulich-grünen Südseekulisse dargestellt, die verschiedene Lebensalter repräsentieren: Die Kindheit in Gestalt eines schlafenden Säuglings, das Erwachsenenalter in der Figur eines erwachsenen Mannes, der eine Baumfrucht erntet, und schließlich das Greisenalter, dargestellt durch eine sinnende alte Frau. Der weiße Vogel ganz links neben der alten Frau ist als Vanitas-Symbol zu verstehen. Die blaue Statue im Hintergrund symbolisiert das Jenseits.39 Die Gottesfrage: Theistische Glaubenslehren und non-theistische Welterklärungen Jede Welterklärung gibt eine spezifische Antwort auf die existentiellen Fragen, die je nachdem religiös, säkular oder aus beidem gemischt ausfällt. Folgende Welterklärungen (Glaubensparadigmen bzw. philosophische Paradigmen) werden im Hinblick auf die Gottesfrage in der Skala berücksichtigt: Abb. 1: 2.2 39 In Anlehnung an die Erläuterung des Bildes durch das MFA,Boston. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 16 Orthodoxe bzw. fundamentale Dogmatik Korrigierte (reformierte) Dogmatik Nutzenkalkulierte Dogmatik (Pascalsche Wette) Verworfene Dogmatik (= Deismus) Religiöse Indifferenz, Agnostizismus Liberal-Religiöser Pragmatismus Christlicher bzw. religiöser Existentialismus Atheismus Atheistischer Existentialismus, Evolutionärer Humanismus Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung Orthodoxe bzw. fundamentale Dogmatik Der orthodoxe bzw. fundamental Gläubige (Theist) zeichnet sich durch tiefe Religiosität aus. Für ihn sind die Existenz eines personalen Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und deren metaphysische Existenz Gewissheit. Er lebt strikt und u.U. auch asketisch nach den Dogmen und Regeln seiner Glaubensgemeinschaft. Die Strenge seines Glaubens kommt zum Ausdruck, wenn er tatsächlich oder vermeintlich Glaubensregeln verletzt, z.B. in der Sünde. Dann meldet sich das „schlechte Gewissen“, das sich erst beruhigt, wenn die „Reinheit“ im Glauben wiederhergestellt ist. Diese Reinheit wird in der Regel durch die Erledigung einer Buße, die von einem Priester nach einer Beichte auferlegt wurde, und die darauf folgende Absolution erlangt. 2.3 2.3.1 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 17 Im Allgemeinen umfasst der Gottesbegriff die folgenden Komponenten: „Gott existiert; er ist eine körperlose Person (d.h. ein Geist), allgegenwärtig, der Schöpfer und Erhalter des Universums, ein frei handelndes Wesen, fähig, alles zu tun (d.h. allmächtig), allwissend, vollkommen gut, ein Grund für moralische Verpflichtung, unveränderlich, ewig, ein notwendig Seiendes, heilig und verehrungswürdig“40 Quellen des Glaubens sind für den katholischen Christen die Bibel als Offenbarung Gottes und die kirchlichen Dogmen (Glaubenswahrheiten). Die für den Gläubigen bzw. die gesamte Glaubensgemeinschaft verbindliche Lehre und Richtschnur des Glaubens ist kompakt dargestellt im Katechismus. Bei entsprechenden Anlässen bekennt der Gläubige coram publico seinen dogmatischen, d.h. wahren Glauben im Glaubensbekenntnis: Das Apostolische Glaubensbekenntnis im Wortlaut Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen. Im Christentum ist die Gottesvorstellung im Trinitätsdogma (KKK 234) und in der Vorstellung festgelegt, dass Jesus Mensch und Gott zu- 40 Mackie 1985, S. 9; Swinburne 1987, S. 16/17; Hoerster 2010, S. 13. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 18 gleich ist (KKK 464). Die Aufteilung der Welt in Himmel, Erde (KKK 325 und 326) und Unterwelt/Reich des Todes (KKK 632, 633) ist eng mit dem mittelalterlichen, d.h. geozentrischen Weltbild vor Kolumbus verwoben.41 Inhaltlich ist das christliche Glaubensbekenntnis eine Zusammenfassung der wichtigsten Glaubensinhalte des gläubigen Christen. Insoweit dient es einer Vergewisserung der Gläubigen in Glaubensfragen sich selbst und anderen gegenüber. Darüber hinaus ist es eine Antwort auf Kernfragen des Menschseins wie z.B. Fragen nach der Existenz Gottes, nach dem Ursprung der Welt und des Menschen, nach Gut und Böse, Leben nach dem Tod, u.ä.. Die Glaubensinhalte handeln von einem gütigen Vater Gott, der allmächtig ist, von seiner Erschaffung der Welt, der Natur und des Menschen, der gottgewollten Gestaltung des menschlichen Lebens durch Gebote und Verbote und der Kontrolle von deren Einhaltung, der gottesrichterlichen Bilanzierung von Gut und Böse und seiner Trennung der Guten von den Bösen beim Übergang der unsterblichen Seele des Menschen in das ewige Leben, dem Paradies bzw. Himmel als ewiger Heimstatt der Guten oder der Hölle als Ort der Bösen. Derartige Glaubensaussagen bieten Orientierung und Trost angesichts einer unverständlichen Welt voller Gefahren, Schicksalsschlägen, Leid und Trauer. Dieses mittelalterlich-scholastische Glaubensparadigma (Küng), das hauptsächlich durch Thomas von Aquin (1225–1274) geprägt wurde und deshalb auch als thomistisch bzw. neuthomistisch oder (neo-)scholastisch (universitär)42 bezeichnet wird, hält sich trotz Reformation und Aufklärung bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965)43. Seit dem ersten Vatikanischen Konzil (1869–1870) wird Thomas als der wichtigste Kirchenlehrer der Katholischen Kirche betrachtet und gefördert44. Seine Summa theologica fußt auf Augustinus und ist eine „mit aristotelischen Kategorien und Gedankengängen vollzogene systematisch-spekulative Durchgestaltung“ des römisch-ka- 41 Simek 1992, S. 16 ff.: „Der sphärische Bau der Welt“; s.a. Bultmann (1941), 1985, S. 12 f.; Küng 1995, S. 58. 42 Küng 1994, S. 483 f. 43 Küng 1994, S. 481. 44 Küng a.O. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 19 tholischen Paradigmas45: „Alle Dinge sollen aus Gott, ihrem höchsten Seinsgrund und ihrer letzten Zielbestimmung, verstanden werden“46. Ein bedeutender Ansatz der Übersetzung der Tradition in die Moderne stellt das Werk Rahners (1904–1984) dar. Er gilt als Überwinder der Neuscholastk47, da er sich in seinem Werk der spannungsreichen Dynamik zwischen theologischer Gegenwartsanalyse und dogmatischen Prinzipien im Blick auf konkrete pastorale Herausforderungen stellt48. Getragen von dem Grundprinzip „Wer sich Gott naht, dem naht sich Gott“49 versteht sich Rahner als Therapeut gegen den katholischen Antimodernismuskomplex50, indem er sich stets bemüht, die überlieferte Wahrheit des Christentums in der wissenschaftlichen Sprache seiner Zeit darzustellen51. Die Identität des Katholischen liegt seiner Meinung nach in seiner universalen Dialogbereitschaft 52 unter der Voraussetzung einer absoluten Anerkenntnis Gottes53. Rahner ist einer der wichtigsten Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils54. Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: Der orthodoxe Gläubige glaubt ganz fest an Gott und an das – symbolisch übertragene – geozentrische Weltbild. Seine Seele ist für ihn unsterblich. Richtlinie seines Glaubens ist der Katechismus. Korrigierte (reformierte) Dogmatik Ausgangspunkt des Protestantismus ist die Reformation Martin Luthers (1483–1546). Der Reformator fragt grundsätzlich nach dem Sinn bzw. (theo-)logischen Gehalt von religiösen Glaubenssätzen im Hinblick auf ihre Übereinstimmung mit der Offenbarung im Neuen Testa- 2.3.2 45 Küng a.O., S. 501. 46 Küng a.O., S. 487. 47 Siebenrock 2005, S. 292. 48 Siebenrock a.O., S. 292, 304. 49 Zit .n. Siebenrock a.o., S. 293. 50 Siebenrock a.O., S. 299. 51 Siebenrock a.O., S. 304. 52 Siebenrock a.O., S. 299. 53 Weischedel II, 1983, S. 67; Rahner 1984, S. 60, 82 f.; Hübner 2006, S. 179, 183; Siebenrock 2005, S. 299. 54 Siebenrock a.O., S. 290. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 20 ment bzw. im Evangelium. Anlass für Luthers Kritik am überlieferten Glauben war der Ablasshandel. Dabei ging es um die Möglichkeit, sich einen Platz im Paradies dadurch zu sichern, dass man im diesseitigen und jenseitigen (Fegefeuer) Leben zeitliche Strafen für begangene Sünden durch Geldzahlungen an die Kirche erwirbt. Luther kritisierte diese Praxis mit dem Argument, dass der Platz im Paradies von Gottes Gnade abhängig ist und nicht durch diesseitige gute Werke gewonnen bzw. durch böse Taten verspielt werden könne. Maßstab eines gottgefälligen Lebens sei der an Gottes Wort gebundene Primat der Gnade und des bedingungslosen Glaubens55. Die Theologie der Rechtfertigung des Sünders steht somit in der Mitte der Reformation Luthers56. Die Hoffnung des protestantisch Glaubenden auf sein Seelenheil geht einher mit seiner vertrauenden Hingabe an Gott, der ihn nicht aufgrund von frommen Werken und sittlichen Leistungen, sondern aufgrund seines glaubenden Vertrauens allein durch seine Gnade rechtfertigt57. Das theologische Paradigma der Reformation Luthers fußt auf drei Fundamenten58: 1. Primat des Evangeliums (Neues Testament) (sola scriptura) 2. Orientierungspunkt aller Schriftauslegung ist allein Christus (solus Christus) 3. Allein der bedingungslose Glauben (sola fide) und die Gnade Gottes (sola gratia) Diese drei Säulen definieren die evangelische Glaubenslehre und –praxis gemäß dem evangelischen Katechismus und sind das verbindende Element aller seitherigen protestantischen Glaubensvarianten. Die lutherische Auslegung des Wortes Gottes bzw. des Neuen Testaments ist jedoch nicht die einzig mögliche. Schon zu Lebzeiten Luthers gab es die Sekte der Wiedertäufer, die sich in ihrer Lehre ebenfalls auf das Neue Testament und den Heiligen Geist beriefen59. Seither traten viele Prediger auf, die jeweils eine eigene Variante verkündeten und damit eine eigene Anhängerzahl überzeugten. Man kann daraus folgern, dass 55 Küng 1994, S. 616; Mensching 1955, S. 45. 56 Küng 1994, S. 606. 57 Küng 1994, S. 612. 58 Küng 1994, S. 616. 59 Mensching 1966, S. 46. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 21 die Akzeptanz der Interpretation der Bibel abhängig ist von der Überzeugungskraft des Predigers und dessen Fähigkeit, sie in die situativen Bedingungen der jeweiligen örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten einzupassen. Reformierung des christlichen Bekenntnisses ist somit eine grundsätzliche Option eines Gläubigen, d.h. die Reformation geht weiter – bis heute60. Zu erwähnen sind hier z.B. die verschiedenen Bewegungen des asketischen Protestantismus (Methodisten, Pietisten, Baptisten und Puritaner)61. Wenn der Gläubige seine religiöse Identität in der hergebrachten Lehre nicht mehr gewahrt sieht und in seiner Sicht wichtige Glaubensregeln der Offenbarung verletzt sind sowie seine Zweifel nicht ausgeräumt werden (können), ist er notfalls auch bereit, den lutherisch geprägten Protestantismus zu verlassen und in eine andere protestantische Glaubensgemeinschaft bzw. Sekte zu konvertieren oder gar eine solche zu gründen. Je nach Bindekraft der Glaubensvariante kann es dabei zu erheblichen Konflikten zwischen den Bewahrern und den Neuerern kommen, die, wie die Geschichte zeigt, auch gewalttätig ausgetragen werden können, zumal dann, wenn politische Interessen ins Spiel kommen. Das Grundanliegen Luthers war eigentlich eine Rückkehr zur ursprünglichen Form des Christentums, weil sich die damalige christliche Gesellschaft weit vom Neuen Testament bzw. von der katholischen Dogmatik entfernt hatte62. Es ging ihm nicht um die Frage der Existenz des dreifaltigen Gottes, sondern um die Frage des richtigen Gottesbildes. Luther kritisiert den strengen Gott des Alten Testaments, der die strikte Einhaltung des dogmatischen Gesetzes verlangt. Er setzt dagegen einen liebenden Gott, der dem gläubigen Menschen seine Gnade schenken kann. Dabei entstand jedoch ein paradigmatischer Wandel in der Theologie, eine neue Konfession.63 Mit dem Thesenanschlag Luthers in Wittenberg (1517) (Kritik am Missstand des Ablasshandels, Kritik an der Transsubstantiation, Kritik am Weihepriestertum, etc.) endete die Zeit der unumschränkten Akzeptanz der orthodoxen Dogmatik des mittelalterlichen Katholizismus. 60 Küng 1994, S. 624 ff. 61 Küng 1994, S. 671 f. und 702 ff. 62 Küng 1994, S. 624. 63 Küng 1994, S. 621. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 22 Die Gegenreformation (seit dem Konzil von Trient, 1543–1563) hatte eine leichte Korrektur der katholischen Dogmatik, z.B. die Abschaffung des Ablasshandels, zur Folge. Der katholische Glauben verharrte jedoch in den traditionellen Strukturen64. Der Gegensatz zu den Evangelischen bzw. Reformierten und die gewaltsame Rekatholisierung protestantischer Gebiete führte schließlich zum 30jährigen Krieg, der erst im Patt der religiösen Mächte und dann im Toleranzvertrag des Westfälischen Friedens von 1648 endete. Parallel zur Reformation kündigt sich ab Ende des 15. Jhs. und in der 1. Hälfte des 16. Jhs. die kopernikanische Wende an, d.h. die Wende vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild65, die das ptolemäische Weltbild der Antike und des Mittelalters66 in Frage stellt. Zeitgleich ereignete sich die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus und die erste Erdumsegelung durch Magellan. Beide Ereignisse bewiesen die Kugelgestalt der Erde und verunsicherten das religiöse Denken der Zeit. Die kopernikanische Wende ist auch die Stütze für den Pantheismus des Dominikaners Giordano Bruno (1548–1600), der zu der Erkenntnis kam, dass das Weltall unendlich sei und mit unendlich vielen Sternen bevölkert sei67. Strenggläubige Protestanten glauben zwar zu 100% an die Existenz Gottes, zumal das evangelische Glaubensbekenntnis sich nur geringfügig vom katholischen unterscheidet. Die angeprangerten Missstände verlangen jedoch eine strukturelle Korrektur der Dogmatik im Hinblick auf ihre Übereinstimmung mit der Offenbarung Gottes im Neuen Testament. Im Allgemeinen sind dies in protestantischer Sicht Missstände der kirchlichen Dogmatik, die den Weg zu Gott verstellen. Die Beharrung auf der traditionellen Dogmatik zieht in der Sicht der Neuerer der Vorwurf einer falschen Auffassung des Willens Gottes auf sich. Analog setzen sich die Neuerer dem Vorwurf aus, den traditionellen Glauben und damit den traditionellen Gottesbegriff zu verlassen. Die Unterschiede im katholischen und protestantischen Glauben sind jedoch insoweit aufgearbeitet, dass sich gegenwärtig eine Wiederannä- 64 Küng 1995, S. 59. 65 Simek 1992, S. 149 ff.; Küng 1994, S. 616; Küng 1995, S. 58. 66 S. den Almagest des Ptolemäus (Gastgeber, in Fingernagel (Hg.): 2018, S. 188). 67 Meurers 1962, S. 210. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 23 herung der Kirchen abzeichnet68. Eine Wiedervereinigung der Kirchen wird neuerdings von einem wachsenden Teil der Gläubigen gefordert69. Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: Die 100%ige Anerkennung der Existenz Gottes ist die Glaubensgrundlage strenggläubiger Protestanten. Richtschnur ihres Glaubens ist die Bibel und der reformierte Katechismus70. Nutzenkalkulierte Dogmatik (Pascalsche Wette) Der von Nützlichkeitserwägungen getragene Gläubige zweifelt am Sinn religiöser Dogmen, ist jedoch bereit, religiöse Rituale zu vollziehen, um sein jenseitiges Heil nicht zu verspielen. Die Zweifel bleiben erhalten, werden jedoch beschwichtigt, indem man so tut, als ob die an sich zweifelhaften Dogmen doch einen wahren Kern enthielten. Diese Geisteshaltung entspricht der berühmten Pascalschen Wette71. Pascals (1623–1662) Argument: Wenn die Lehre stimmt, kannst du als diesseitiger Atheist im Jenseits alles verlieren; wenn die Lehre aber nicht stimmt, hast du durch dein religiöses Tun zwar nichts gewonnen, aber auch nichts verloren72. Andererseits ist Glaubensgewissheit für Pascal nicht allein durch Vernunft, sondern auch von der gefühlten Gotteserfahrung getragen: „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt“73. Seine eigene gefühlte Glaubensgewissheit entnimmt Pascal einem intensiven Glaubenserlebnis (Mémorial)74, das er selbst am 23.11.1654 erlebte und über das er berichtete. In der Gegenüberstellung der Wette und seinem religiösen Gefühl zeigt sich Pascals unentschiedene Weltsicht, ja geradezu innere Zerrissenheit zwischen autonomer Rationalität und Orientierung an Mystik und traditioneller au- 2.3.3 68 Küng 1994, S. 613; Haudel 2015, S. 245. 69 S. beispielhaft von dem CDU-Politiker Geißler 2015. 70 Rothgangel et al. 2015. 71 Pascal, Pensées Fragment 418/233. 72 Albert 1979 S. 211 ff., insb. S. 213: Albert kritisiert die Argumentation Pascals als Reduktion auf nur zwei Möglichkeiten als ziemlich willkürlich. 73 Pascal, Pensées (), IV, Nr. 277, und Nr. 424 (entstanden 1647, zuerst veröff. 1670); vgl. Knapp 2014, S. 124 ff., S. 140 ff., S. 149 ff. insbes. S. 154, S. 173 ff. 74 Pascal Fragment 913; Knapp 2014, S. 116 ff. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 24 gustinischer Theologie (Jansenismus)75. Für sich genommen ist die sozusagen rückversichernde Denkweise der Wette Ausdruck der rationalistischen Religionskritik der frühen Aufklärung76. In dieser Sicht ist die Existenz Gottes hochwahrscheinlich, aber nicht mehr gewiss: 0,75 < P(Gott) < 1. Eine derartige Glaubensbegründung kann freilich auch der Heuchelei den Boden bereiten, sofern das Kosten-Nutzen-Kalkül auf diesseitige Vorteile des Glaubensbekenntnisses bezogen wird. Kritisch wird gegen Pascal eingewandt, dass sich die Wette auf jedweden Gott und nicht nur auf den christlichen beziehen lässt. Zu Pascal gewissermaßen ein Antipode77 ist sein Zeitgenosse Descartes (1596–1650). Mit seinem berühmten Motto „Ich zweifle, also bin ich“ steht er für den Beginn der neuzeitlichen Philosophie in dem Sinne, dass er das Thema „Der Mensch“, also sich selbst in den Vordergrund stellt78. Seine Philosophie impliziert eine radikale methodische Trennung zwischen dem Räumlich-Quantitativen (res extensa = Materie) und dem Seelisch-Geistigen (res cogitans = Denken/Bewußtsein) bzw. zwischen Objekt und Subjekt79. Das Ich ist das denkende Subjekt, von dem aus das materielle Objekt beurteilt wird80. Der so definierte Dualismus zwischen Subjekt und Objekt bleibt für das neuzeitliche Wirklichkeitsverständnis prägend81. Er ist eine der Grundlagen der Entwicklung der Vernunft und damit der modernen Wissenschaft. Descartes überträgt diesen Dualismus jedoch nicht auf sein Gottesverständnis. Gott steht für ihn „zweifellos“ über der Realität. Entsprechend ist sein „ontologischer“ Gottesbeweis zu interpretieren: 1. Wir finden in uns die Idee eines vollkommenen Wesens. Diese Idee kann nur von Gott stammen, da der Mensch nur Unvollkommenes, Endliches denken kann. 2. Mit der Idee der Vollkommenheit ist damit die Existenz Gottes bewiesen82. Der „Beweis“, den auch schon Anselm von Canterbury (1033–1109) in seiner Schrift Proslogion (1178) geführt hat, ist jedoch nicht überzeugend, weil Ideen keine eigene Wirklichkeit 75 Raffelt 1990, S. 39. 76 Schäfer 1974, S. 335. 77 Schäfer 1974. 78 Weischedel 1983, 1, S. 165. 79 Küng 1995, S. 48. 80 Küng 1995, S. 34. 81 Küng 1995, S. 49. 82 Küng 1995, S. 34 f.; Descartes (1641), 1960, 3. Meditation, S. 30 ff. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 25 haben, und deshalb der Schluss von der Idee des vollkommenen Wesens auf dessen Existenz nicht gerechtfertigt ist83. Zudem beruht der „Beweis“ auf einem Zirkelschluß84, da die zu beweisende Vollkommenheit Gottes im Beweisverfahren bereits vorausgesetzt wird. Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: Der dargestellte Zweifel an der Existenz Gottes begründet einen Wahrscheinlichkeitsgrad von P(Gott) > 75%. Der den Nutzen des Glaubens erwägende Gläubige ist sich seiner Zweifel an der Existenz Gottes und der Unsterblichkeit der Seele bewusst. Trotzdem entscheidet er sich dafür, an den traditionellen Dogmen festzuhalten. Er will seine Anwartschaft auf das Paradies nicht verspielen. Verworfene Dogmatik (= Deismus) Mit seinem berühmten Werk Ethica ordine geometrico85 stellt Spinoza (1632–1677) einen Vorläufer oder „Türöffner“86 der Aufklärung dar. Spinoza lehnt den traditionellen anthropomorphen Gottesbegriff ab. Sein Gott ist eine „welt-immanente Produktivität“87: Deus sive natura, eine These, die bis heute umstritten ist. So weit geht die Aufklärung des 17. und 18. Jhs. freilich nicht. Sie bleibt bei einem anthropomorphen Gottesbegriff, stellt aber die Offenbarung und die darauf gründende kirchlich-religiöse Dogmatik in Frage. Der so beschriebene Deismus distanziert sich deutlich vom Protestantismus, der die kirchliche Dogmatik im Hinblick auf die absolute Autorität seiner biblischen Grundlage kritisiert und reformiert88. Er basiert auf fünf vernunftgemäßen Grundannahmen einer „natürlichen Religion“89: 1. Annahme eines höchsten Wesens 2. Das Gebot seiner gläubigen Verehrung 2.3.4 83 Küng 1995, S. 56; Hoerster 2010, S. 16 f. 84 Weischedel 1983,1, S. 173 ff. 85 Spinoza, Baruch de 1677 (1999). 86 Kahl 2015, Buchtitel. 87 Ossadnik 2011, S. 19. 88 Cassirer 1932, S. 146 f. 89 Von Sir Edward Herbert von Cherbury (1581–1648), Zit. n. Barth 2013, S. 94. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 26 3. Die Pflicht zu einer tugendgemäßen Lebensführung 4. Die Bereitschaft zur Wiedergutmachung eigener Verfehlungen durch innere Reue 5. Der Glaube an eine ausgleichende Gerechtigkeit durch einen jenseitigen Richter Zwar glaubt der Deist an die Existenz eines personalen, transzendenten Schöpfer-Gottes, verneint aber dessen Weiterwirken in Natur und Geschichte90. Sozusagen ist Gott wie ein Uhrmacher, der das von ihm hergestellte Uhrwerk, d.h. die unveränderlichen Naturgesetze in Gang setzte, sich seitdem aber im Sinne eines deus otiosus (Gott im Müßiggang) zurücklehnt und die Welt von selbst weiterlaufen lässt. Parallel zur Religionskritik der frühen Aufklärung entwickelt Leibniz (1646– 1716) die Theodizee (als Begriff erstmals in einem Brief 1697 erwähnt), d.h. den Versuch einer Rechtfertigung des allmächtigen, gütigen und allwissenden Gottes angesichts allen Übels und Leidens in der Welt. Dies gelingt ihm mit der Formel, dass Gott die Welt als „beste aller möglichen Welten“, d.h. nicht als vollkommene geschaffen hat91. Diese Formel wird hauptsächlich von Voltaire (1694–1778) in seinem Roman Candide oder Die beste aller Welten (1759) satirisch in Frage gestellt92. Voltaire prangert darin am Beispiel des Erdbebens von Lissabon (1755) und des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) Adelswillkür, Inquisition, Kriegsgräuel und Sklaverei an. Das Theodizee-Problem ist trotz vielfältiger Versuche bis heute ungelöst93. Im Zentrum deistischen Denkens steht die Konzeption der o.g. „natürlichen Religion“, der zufolge das aus bloßer Vernunft erreichbare Wissen über Gott hinreicht, um ein richtiges bzw. gottgefälliges Leben zu führen94. Im Einklang mit der deistischen Annahme des Rückzugs Gottes nach der Erschaffung der Welt wird die Existenz des Klerus und die religiöse Dogmatik der Kirche als unbegründet verworfen (Voltaires antiklerikaler Wahlspruch: Écrasez l‘infame95). Dennoch hielt Voltaire am Gottesbe- 90 Schröder 2013, S. 11. 91 Leibniz 1710. 92 Voltaire 1759. 93 Czermak 2014, S. 36, 57, 98; s.a. die Diskussion bei Hoerster 2010, S. 87 ff. 94 Schröder 2013, S. 8. 95 “Zermalmt, zertretet, vernichtet die Unverschämte, Verruchte, Schändliche“ (Holmsten 1971, S. 118 f.). 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 27 griff als einem ethischen Anker menschlichen Verhaltens fest: „Wenn es ihn (Gott; K.M.) nicht gäbe, müsste man ihn erfinden“96. Bei seiner ansonsten antiklerikalen Haltung verweist er damit auf das Problem einer nicht-religiösen Begründung der Ethik, sozusagen einer Verselbständigung der Ethik, welches Hume mit seiner Feststellung, dass aus Tatsachenaussagen keine normativen Sätze ableitbar sind97, in die Diskussion eingebracht hat. Angestoßen durch Descartes (s.o.) ist eine wichtige religionskritische Grundlage jener Zeit die Befreiung der Vernunft und der menschlichen Geisteskraft von religiös-dogmatischen Bindungen und die Aufwertung sinnlicher Erfahrung. Die Phänomene bzw. deren Beobachtung sind das Gegebene, die Benennung der daraus entwickelten Gesetzmäßigkeiten sind das Gesuchte98. Diese empirische Herangehensweise an die Lösung uralter Fragestellungen manifestiert sich in Galileis (1564–1642) Himmelsbeobachtungen mit Hilfe des Teleskops (erfunden von Lippershey, 1608), die eine Revolutionierung der Astronomie bedeutete, in Keplers Himmelsmechanik (Annahme elliptischer Planetenbahnen) und seiner endgültigen Abweisung des ptolemäischen Weltbildes99 sowie in Newtons Gravitationsgesetz.100 Das vor allem aus der Physik Newtons (1643–1727) und der mathematischen Ergänzung von Laplace (1749–1827)101 entwickelte mechanistische Weltbild102 versetzte die Kirche in größte Unruhe, fürchtete sie doch eine Gefährdung ihrer Lehre, dass Gott das Weltall 96 „Si Dieu n´existait pas, il faudrait l´inventer“, Voltaire in einem Brief an den – anonymen – Autor der Schrift „Über die drei Betrüger“. Voltaire (1769): Épitre à l’auteur du livre des trois imposteurs. 97 Kutschera 1982, S. 29 (Humesches Gesetz). 98 Cassirer 1932, S. 6 f. 99 Simek 1992, S. 150; in diese Zeit fällt auch die Trennung von Astrologie und Astronomie; Draper 1875, S. 234 ff. 100 Meurers 1962, S. 215 ff.: Hinsichtlich der Gottesfrage entfaltete eine mathematische Studie von Laplace eine große Wirkung auf die damalige Bildungsschicht, da er nachwies, dass die gegenseitigen Anziehungskräfte der Planeten periodischer Natur sind und nicht geeignet sind, das Planetensystem in Unordnung zu bringen. Newton hatte angenommen, dass diese Kräfte von Gott in einem unmittelbaren Willensakt gebändigt würden. Laplace sagte Napoleon gegenüber: „Ich hatte diese Hypothese (Gottes Einwirkung) nicht nötig“. S.a. Barbour 2003, S. 44 f., S. 59. 101 Barbour 2003, S. 58 f. 102 Die Entwicklung des mechanizistischen Weltbildes wurde vor allem von Voltaire vorangetrieben (vgl. Borzeszkowski & Wahsner 1980, S. 13, S. 40 ff.). 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 28 für den Menschen erschaffen habe103. Ein Deist akzeptiert religiöse Rituale, steht den kirchlich vorgeschriebenen jedoch skeptisch gegen- über104. Sein Glauben kann deswegen als „moderat-religiös“ bezeichnet werden. Danach ist die Auffassung der Existenz Gottes – freilich nur als Weltenschöpfer – nur noch einfach wahrscheinlich: P(Gott) > 0,5. Die Religionskritik der Aufklärung hat eine lange Tradition, die in der hypothetischen Verteidigungsrede eines Kritikers (Holbach), wenn er sich Gott gegenübergestellt sähe, zusammengefasst ist105: Vater, der du dich deinem Kinde nicht gezeigt hast, unbegreiflicher und verborgener Weltbeweger, den ich nicht entdecken konnte, verzeih, wenn mein beschränkter Verstand dich nicht erkennen konnte in einer Natur, in welcher mir alles notwendig schien. Verzeih, wenn mein empfindendes Herz deine erhabenen Züge nicht herausfinden konnte unter denen des wilden Tyrannen, den der Aberglaube zitternd anbetet. Wie konnte mein schwaches Gehirn deinen Plan, deine Weisheit durchschauen, da die Welt mir doch nur ein Gemisch von Ordnung und Unordnung darbot, von Gutem und Bösem, von Bildungen und Zerstörungen? Konnte ich deiner Gerechtigkeit huldigen, da ich das Verbrechen so oft siegen sah und die Tugend in Tränen? Meine Unwissenheit ist verzeihlich, weil sie unwiderleglich war. Wenn du deine Geschöpfe liebst, ich liebe sie wie du, ich habe mich bemüht, sie in meiner Umwelt glücklich zu machen. Hast du die Vernunft geschaffen, ich habe ihr immer gehorcht; gefällt dir die Tugend, mein Herz hat sie immer geehrt, ich habe sie nach Kräften geübt. Habe ich schlecht von dir gedacht, so geschah es, weil mein Verstand dich nicht begreifen konnte; habe ich schlecht von dir gesprochen, so geschah es, weil mein allzu menschliches Herz sich gegen das abscheuliche Bild empörte, das man von dir machte. Meine Irrtümer waren die Wirkungen der Natur, die du mir gegeben hast, der Umstände, in die du mich ohne meine Einwilligung hineingestellt hast, der Gedanken, die mein Geist unbewusst gefasst hat. Bist du gut und gerecht, wie man sagt, so kannst du mich für die Abwege meiner Phantasie nicht strafen, nicht für die Folgen meiner Leidenschaften, nicht für die notwendigen Ergebnisse der Organisation, die du mir gegeben hast. Wolltest du mich hart und ewig strafen, weil ich auf die Vernunft hörte, die dein Geschenk ist, wolltest du mich für meine Täuschungen züchtigen, wolltest du mir zürnen, weil ich in die Schlingen fiel, die du mir überall stelltest, dann wärest du der grausamste und ungerechteste Tyrann, du wärest kein Gott, sondern ein boshafter Dämon, dem ich mich unterwerfen und dessen Wut ich sättigen müsste; aber dann wäre ich stolz darauf, dein unerträgliches Joch abgeworfen zu haben. 103 Draper 1875, S. 172 ff. s. dort auch das kirchliche Vorgehen gegen Galilei. 104 Eine explizit deistische Liturgie wurde zwar vorgeschlagen, setzte sich aber nicht durch (vgl. Riesebrodt 2013, S. 16 ff.). 105 Das Gebet stammt von Holbach, Paul Heinrich Dietrich, Baron (1723–1789), französischer Philosoph deutscher Herkunft. Pseudonym Paul Thiry D’Holbach, abgedruckt in der Schrift Système de la nature (1770), zit. n. Mauthner 1923 bzw. 2011, 3, S. 138 f. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 29 Ein anderes Beispiel ist das spöttische Gebet des preußischen Königs Friedrich des Großen (1712–1786): „Lieber Gott, wenn es einen gibt, habe Erbarmen mit meiner armen Seele, wenn ich eine habe“106 Der Deismus, das mechanistische Weltbild und die Vernunft tragen die Entchristianisierung bzw. Säkularisierung der Gesellschaft sowie die Trennung von Kirche und Staat. Dies ist die Weltanschauung und das Programm der Französischen Revolution107. Gegenüber den revolutionären Bewegungen setzte sich die Kirche zwar zur Wehr; durch die Säkularisierung verlor sie jedoch ihre Machtstellung und ihren materiellen Besitz Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: In deistischem Denken ist die Existenz Gottes wahrscheinlich: P(Gott) > 50%. Der Deist glaubt an Gott und seine Erschaffung der Welt bzw. der Naturgesetze. Nach seiner Auffassung funktioniert seitdem die Welt durch sich selbst, d.h. Gott hat sich zurückgezogen. Die überlieferte religiöse Dogmatik, den darauf gründenden Klerus und vor allem dessen politischen Machtanspruch hält der Deist deshalb für unbegründet. Religiöse Indifferenz, Agnostizismus Eine religiös unbestimmte, unklare Haltung prägt den Indifferenten bzw. Agnostiker. Ihm sind religiöse Aussagen von untergeordneter Bedeutung, weil er glaubt, dass eine Entscheidung der Frage, ob es einen personalen Gott gibt oder nicht, nicht möglich ist. Er richtet sein Handeln nach den hier und jetzt gegebenen Umständen und seinen Interessen aus und fragt beileibe nicht nach metaphysischen Belangen. Religion ist für ihn Privatsache. Was andere darüber denken, ist deren Angelegenheit. Diese Weltanschauung entspricht der siegreichen Aufklärung des 19. Jhs., d.h. der Zeit nach der Entmachtung der Kirche bzw. der Säkularisierung und der Zeit der aufblühenden Wissenschaft (z.B. die Evolutionstheorie Darwins). Geprägt hat sie Kant (1724– 1804) mit seiner Kritik der reinen Vernunft, insbesondere der Aussage in der 4. Antinomie, dass weder die Existenz Gottes noch die Nicht- 2.3.5 106 Zit. n. Mauthner 1923 bzw. 2011, 3, S. 323. 107 Barbour 2003, S. 60 ff., S. 62 f. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 30 Existenz Gottes beweisbar ist108. Mit seiner Feststellung, dass Erkenntnis mit Gewissheit ausschließlich da möglich ist, wo sinnliche Erfahrungen vorliegen, also auf dem Feld der Erscheinungen, zu dem Gott per definitionem nicht gehört109, wurde der Gottesgedanke aus dem Bereich möglicher Erkenntnis ausgeschlossen110. Die Destruktion der Metaphysik hinderte Kant allerdings nicht, den Begriff „Gott“ als regulatives Prinzip111, sozusagen als vernunftinterne Denkregel112 beizubehalten. Kant teilt Religion und Wissenschaft zwei voneinander unabhängigen Denkbereichen zu. Der Bereich der Religion bzw. Theologie enthält alle Aussagen über Gott und die Offenbarung, d.h. transzendente und metaphysische Sätze. Wissenschaft hingegen ist der Bereich der Erfahrung, der methodologische Regeln empirischer Erkenntnis und Ergebnisse der Forschung, also Naturgesetze umfasst.113 Beide Bereiche koexistieren nach dem Grundsatz gegenseitiger Nichteinmischung114. Mit seinem „kategorischen Imperativ“ vollendet Kant au- ßerdem die Emanzipation der Ethik von der Religion. In seinem Gedicht „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut…“ verleiht Goethe (1749–1832) der Eigenstellung der Ethik dichterischen Ausdruck. Ihr entspricht die Überzeugung, dass sittlich reif (= mündig) ist, wer das Gute tut ohne religiöse Rechtfertigung. Der Höhepunkt der Vernunft-Philosophie Kants, d.h. insbesondere seine Widerlegung der klassischen Gottesbeweise markiert zugleich die tiefe Krise, in die der traditionelle Theismus im Bildungsbürgertum zum Ende des 18. Jhs. gefallen war. Sie brachte eine breite indifferente bzw. agnostische Glaubenshaltung mit sich. Ihren exemplarischen Ausdruck fand diese Krise u.a. in den Spinozismus-Sympathien Goethes, Herders und Lessings115. Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: Für den Indifferenten bzw. Agnostiker lässt sich weder beweisen, dass Gott existiert, noch, dass er nicht existiert: P(Gott) = P(-Gott) = 50%. Religion und 108 Kant-Werke 1968, Band 4, S. 434 ff.; Band 4, S. 563; Weischedel 1983, 1, S. 201. 109 Michel 1987, S. 206, 229. 110 Barth 2004, S. 271. 111 Kant-Werke 1968, Band 4, S. 563. 112 Michel 1987, S. 234. 113 Berg 2002, S. 162. 114 Onfray 2006, S. 24. 115 Barth 2005, S. 67 f. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 31 Wissenschaft sind zwei voneinander unabhängige, aber gleichwertige Denkbereiche. Der Indifferente bzw. Agnostiker handelt ethisch mündig ohne religiöse Rechtfertigung. Liberal-Religiöser Pragmatismus Besonders deutlich zeigte sich die Theismus-Krise in Fichtes (1762– 1814) Atheismus-Streit (1798/99). In seinem Aufsatz „Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung“ (1798) begreift Fichte die moralische Weltordnung als das eigentlich Göttliche und das ethische Rechttun als dessen Glaubensbekenntnis116: „Jene lebendige und wirkende moralische Ordnung ist selbst Gott; wir bedürfen keines anderen Gottes, und können auch keinen anderen fassen“117. In dieser Auffassung führt Fichte den regulativen Gottesbegriff Kants weiter. Der traditionelle metaphysische Gottesbegriff ist damit unvereinbar118. Das Trauma der Französischen Revolution, der Aufstieg der Naturwissenschaften im 19. Jh. und der dogmatische Atheismus der sozialistischen Bewegung drängt die großen Religionen, vor allem den Katholizismus, in die Defensive. Sie beharren auf ihren Dogmen und lehnen auch kleinste Zugeständnisse an die kulturellen Neuheiten ab119. In dieser Situation greift Schleiermacher (1768-1834) in den religionskritischen Diskurs mit seinem epochemachenden Buch „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (1799) im Interesse einer Modernisierung der Religion ein. Mit der Abkopplung der Religion von der Metaphysik (Gott und Unsterblichkeit) einerseits und der Moral (kategorischer Imperativ) andererseits sichert er der Religion ein von der Philosophie unabhängiges Terrain.120 „Ihr Wesen ist weder Denken (Metaphysik) noch Handeln (Moral), sondern Anschauung und Gefühl“121, d.h. Anschauen des Universums und Sich- 2.3.6 116 Fichte (1798) in: Böckelmann 1969, S. 35. 117 Fichte a.O., S. 35. 118 S. hierzu die Diskussion bei Weischedel 1983, I, S. 225 ff. 119 Minois 2000, S. 515 ff. 120 Weinrich 2012, S. 87. 121 Schleiermacher zit. n. Weischedel 1983, S. 215 f. Die Begriffe „Anschauung und Gefühl“ entstammen der Philosophie Fichtes (Hirsch 1984, S. 505 f.). 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 32 Ergreifen-Lassen von diesem Universum. Dabei steht das Universum begrifflich für das Absolute122. Religiöses Erleben vollzieht sich in der Beziehung zum Universum, ist gefühlsbetonte Anschauung des Unendlichen im Endlichen und umgekehrt123. Die traditionellen metaphysischen Begriffe für Gott und Unsterblichkeit sind gegenüber der Einheit von Anschauung und Gefühl sekundär124. Im Vordergrund steht der Mensch und seine religiöse Erfahrung, deren Wesen die Frömmigkeit, d.h. ein formales Gefühl der Abhängigkeit, beinhaltet125. Dieses Gefühl der Abhängigkeit hat eine Platzhalterfunktion bzw. manifestiert eine „Leerstelle“, die von Schleiermacher bewusst offengehalten wird. Die Besetzung der Leerstelle, also die Klärung der Frage nach dem Woher dieser Abhängigkeit, entspricht einem grundlegenden Bedürfnis nach Sinn und bleibt der nachträglichen Reflexionsleistung der religiösen Subjekte überlassen126. Dabei spielt der Gottesgedanke im Hinblick auf seine geschichtliche Tradition eine wichtige Rolle, ist aber nicht das einzige mögliche Interpretament127. Diese subjektivitätstheoretische Glaubenskonstitution Schleiermachers durchzieht als Begründungsmuster alle als liberal bezeichneten Religionsmodelle der protestantischen Theologie128: Herrmanns Erlebnis des inneren Lebens Jesu, Harnacks Ewigkeitswahrnehmung, Troeltschs absolute Substanzbeziehung – sie alle denken das religiöse Erleben strukturell als ein außerhalb seiner selbst ausgelöstes Erfassen einer transzendenten Dimension der Wirklichkeit129. In seiner Phänomenologie des Heiligen bzw. des Numinosen nimmt auch Otto darauf Bezug, insofern er das Heilige minus seines sittlichen Momentes (Moral) und minus seines rationalen Momentes (Vernunft) untersucht130. Er schließt zwar an Schleiermacher an, kritisiert jedoch dessen Begriff des Gefühls der Abhän- 122 Schleiermacher zit. n. Weischedel 1983, S. 217. 123 Barth 2004, S. 277 f. 124 Glatz 2010, S. 217. 125 Glatz 2010, S. 294, 298; Schleiermacher/Schäfer 2003, §§ 3 und 4; Zahrnt 1966, S. 43. 126 Glatz 2010, S. 218. 127 Glatz 2010, S. 298 f.; Schleiermacher/Schäfer 2003, § 33. 128 Barth, U. 2005, S. 83; ders. 2004, S. 287 f. 129 S. Lauster 2008, S. 295. 130 Otto 1979, S. 6. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 33 gigkeit131, den er durch den Begriff des „Kreaturgefühls“ ersetzt. In seiner Konzeption kommt das Heilige bzw. das Numinose in zwei Grundgefühlen, Mysterium tremens und Mysterium fascinans, zum Ausdruck, die sich nicht genauer definieren lassen132. Mit seinem grundlegenden Begriff der „transzendenten Erfahrung“, dem auch ein „anonymes und unthematisches Wissen von Gott“, also „Gotteserfahrung“ anhaftet, nimmt auch der katholische Theologe Rahner auf Schleiermacher Bezug 133. Die liberale Theologie (begrifflich weit gefasst)134 bestimmt seit Schleiermacher als paradigmatische Leittheologie das protestantischtheologische Denken bis in unsere Tage. Ihre zentralen Motive sind – Verständnis der Religion als subjektives Erleben – Unterscheidung von Erleben und Deutung – Freiheit zu kritischer Aufklärung über religiös-dogmatische Ausdrucksformen – Ethik als Kulturdisziplin.135 Sie legitimiert eine Frömmigkeit, deren Hauptkennzeichen religiöse Autonomie ist. Dabei ist der Glaubensausdruck frei und variabel. Er richtet sich nicht nach biblischen, dogmatischen, kirchlichen oder lehrmäßigen Bestimmungen, sondern bleibt der persönlichen Gewissheit, der Erfahrung und dem Engagement der Glaubenden überlassen136. Gott ist im Inneren des Menschen gegenwärtig und wird erahnt im religiösen Bewusstsein137. Seine Vorstellung ist unscharf, wie seine begriffliche Konkretisierung als „Gott, der ganz Andere“ bei Karl Barth (1886–1968)138 erkennen lässt. Die vor allem als Neukonstruktion der christlich-dogmatischen Identität von Karl Barth vorgetragene dogmatische Konzeption der „dialektischen Theologie“ bzw. besser „Wort-Gottes-Theologie“ (kerygmatische Theologie) erweist sich im 131 Otto, a.O. S. 9 ff., S. 23 f. 132 Otto a.O., S. 7, 13 ff. und 42 ff. 133 Rahner 1984, S. 31 ff.; Hübner 2006, S. 177, 205. 134 Birkner 1976, S. 34 f. 39. 135 Frei nach Lauster 2008, S. 294 ff. 136 Gräb 2009, S. 14 f. 137 Jacobs 1991, S. 50, 56 f. 138 K. Barth 1922, S. 47, Fussnote 4: Der Ausdruck „Gott, der ganz Andere“ nimmt auf Otto (1917) 1979, S. 28 ff., insb. S. 31 Bezug. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 34 historischen Rückblick als Variante der liberalen Theologie139. Seine unhistorische Berufung auf die biblische Offenbarung, welche die Kritik der Aufklärung, aber auch die liberale subjektivistische Neubestimmung der Religion negiert, bezieht angesichts der seitherigen faktischen Vielgestaltigkeit theologischer Konzeptionen und im Hinblick auf ihre bloße Setzung gerade dadurch subjektivistisch, d.h. im Sinne liberaler Theologie Position140. Angesichts einer Gemeinde, die aus 95 % Kasualchristen besteht141, ist die liberale Theologie eine der wesentlichen Stützen des Fortbestandes protestantisch-kirchlicher Religiosität142.In der katholischen Kirche konnte sich der Liberalismus wegen des dort vorherrschenden Antimodernismus als geistige Bewegung nicht etablieren143. Die theologische Reaktion auf die Religionskritik der Aufklärung, die Schleiermacher Anfang des 19. Jhs. mit seiner Abkoppelung der Religion von Offenbarung und Moral (s.o.) paradigmatisch vorgeprägt hat, hatte nicht nur die liberale Theologie des 19. Jhs. zur Folge144. Sie entwickelte im 20. Jh. ausgehend von und in der Tradition der liberalen Theologie stehend, aber auch unter Bezugnahme auf die Existenzphilosophie Heideggers, erkennbar zwei Linien: Die eine Richtung versucht die – beibehaltenen – religiösen Werte durch deren sprachliche Modernisierung in die Probleme der modernen Welt einzupassen. Den wichtigsten Beitrag hierzu lieferte Bultmann (1884–1976) mit seinem Programm der Entmythologisierung des Neuen Testamentes einschließlich des historischen Jesus. Sein Konzept ist eine hermeneutische Interpretation des Mythos auf existentialphilosophischer Grundlage, d.h. eine existentiale Interpretation.145 Inhaltlich hat die Mythologie des Neuen Testaments nach Bultmann den Sinn, die Bedeutsamkeit der historischen Gestalt Jesu und seiner Geschichte als Heilsgestalt und Heilsgeschehen in kosmischen Dimensionen zum Ausdruck zu bringen146. Der entmythologisierte 139 Graf 1993, S. 8. 140 Vgl. Ruddies 1993, S. 201 ff.; Schröder 1996, S. 8 f.; Bartley 1964, S. 72 ff. 141 Gräb 2009, S. 3. 142 Gräb a.O. 143 Conzemius 1991, S. 72. 144 Barth, U. 2004, S. 262. 145 Bultmann (1941), 1985, S. 7; Zahrnt 1966, S. 283. 146 Bultmann (1941), 1985, S. 57 ff.; Zahrnt 1966, S. 300 f. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 35 historische Kern dieser Geschichte ist das Kreuz und die Auferstehung als Ursprung und Gegenstand des Glaubens.147 Dieser wird für uns bedeutsam in seiner Verkündigung, d.h. im Kerygma148 und damit im Ereignis der Predigt.149 Ihr obliegt es, uns als Menschen im Licht des göttlichen Offenbarungshandelns in unseren konkreten existentiellen Lebensbedingungen neu zu verstehen.150 Dazu bedarf es einer Predigt, die auf die konkrete existentielle Situation des Redenden oder Angeredeten Bezug nimmt. Von Gott und seinem Handeln kann man somit nur reden, wenn man zugleich vom Menschen und seiner Existenz redet.151 Das Göttlich-Transzendente ist nach dieser Konzeption nicht jenseitig, sondern in der diesseitig-sichtbaren Welt verborgen152. Damit wird der Glaube an Gott zu einem subjektiven Erleben des existierenden Menschen153. Gleichwohl bleibt die Offenbarung Gottes in Jesus Christus eine historische Tatsache, die dem Glauben seine Richtung verleiht 154. Die andere Richtung der liberalen Theologie betrachtet die Religion als ein zu überwindendes geschichtliches Übergangsstadium und forciert eine pragmatisch-ethische Denkhaltung, die in der zeitgenössischen „Gott-ist-tot“-Theologie gipfelt155. Mit der Krise der Metaphysik hat die orthodoxe bzw. katholische religiöse Sinnformel („Wer religiös ist, handelt ethisch gut bzw. prosozial“ und „Wer ethisch gut handelt, kommt in den Himmel“) ihre Basis verloren. Nunmehr steht in Frage, ob es gelingt, prosozial zu handeln, ohne religiös zu sein bzw. ohne sein Leben von der Willkür und Gnade einer personalen Gottheit (oder besser eines Klerus) abhängig zu sehen156. Ein zentrales Konzept zur Klärung dieser Frage stellt das religionslose Christentum Dietrich 147 Bultmann (1941), 1985, S. 61; Zahrnt 1966, S. 300. 148 Bultmann (1941), 1985, S. 61 ff.; Zahrnt 1966, S. 302: Kerygma heißt übersetzt Heroldsruf, Botschaft, Proklamation, Zeugnis, Predigt. 149 Bultmann (1941), 1985, S. 63; Zahrnt 1966, S. 302. 150 Zahrnt 1966, S. 304. 151 Zahrnt 1966, S. 3o4. 152 Zahrnt 1966, S. 310. 153 Zahrnt 1966, S. 305. 154 Zahrnt 1966, S. 306. 155 Weinrich 2012, S. 263. 156 Ratschow (1980) konstatiert mit Bezug auf die Ethik Nikolai Hartmanns (Ethik, 1925) in der modernen Welt einerseits einen Zerfall der Frömmigkeit, andererseits eine Emanzipation der Sittlichkeit (Ethik)(a.O., S. 46). Den säkularen Ethik- 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 36 Bonhoeffers (1906–1945) dar. Grundlegend ist für ihn die Erkenntnis, dass der in seinem Denken autonom gewordene moderne Mensch mündig handelt, er aber trotzdem vor Gott steht: „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott“157. Angesichts des undefinierbaren Gottes: „Einen Gott, den „es gibt“, gibt es nicht“158, stellt er das tätige Christentum und die Nachfolge von Jesus Christus als Teilhabe am Leiden Gottes in der Welt in den Mittelpunkt seiner Ethik. Bonhoeffer betont die Diesseitigkeit des Christentums und fordert eine nicht-religiöse Interpretation der Bibel159. Die Transzendenz Gottes ist nicht im Jenseits, sondern im Diesseits zu suchen160. Der moderne mündig gewordene Mensch kann seine Probleme ohne die Arbeitshypothese „Gott“ lösen161. Eine ähnliche Position vertritt Sölle (1929–2003) mit ihrer zentralen Forderung „Orthopraxie statt Orthodoxie“162. Die von der Religion gelöste Ethik verlangt nach einer areligiösen bzw. philosophischen Legitimierung ethischen Handelns. Exemplarisch steht dafür Dworkins Konzept einer „Religion ohne Gott“163. Es fußt auf einer undefinierbaren numinosen Gefühlswelt, die als Ziel und Methode in religiöser Meditation, im Kunstgenuss und bei der Betrachtung von Naturwundern eine religionsähnliche Glückseligkeit und das Gefühl existentieller Geborgenheit hervorrufen kann. Diese kann auch als Ausdruck kultureller Identität verstanden werden, die gerade im Verlust von Kulturdenkmälern164 bedeutsam wird. Als Kronzeugen dieser Lehre benennt Dworkin (1931–2013) den Physiker Einstein (1879– Systemen wirft er darüber hinaus vor, dass sie mit der Setzung eines Sinngrundes allen menschlichen Daseins (S. 47) selbst wiederum ein religiöses System, freilich ohne Namen, Ort und Mächtigkeit einer Gottheit bzw. eines Dämons zu benennen (S. 48), konstruieren. Der Autor ist offensichtlich nicht in der Lage, den Sinngrund der Welt ohne die Wirkmächtigkeit eines personalen (!) Gottes zu denken. Nur so ist es zu erklären, dass Ratschow den Zerfall des Glaubens durch eine Neubesinnung auf eben diesen Glauben aufhalten will (a.O. S. 77). 157 Bonhoeffer (1944), 1990, S. 191. 158 Bonhoeffer (1931) 1988, S. 112. 159 Bonhoeffer (1944), 1990, S. 190; Zahrnt 1966, S. 205. 160 Zahrnt 1966, S. 206. 161 Bonhoeffer (1944), 1990, S. 191. 162 Sölle 1968 bzw. 1983, S. 79. 163 Dworkin 2013. 164 S. ganz aktuell die Zerstörung von Buddha-Statuen in Afghanistan sowie die Zerstörungen in Palmyra und Timbuktu (Mausoleen) durch den sog. IS. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 37 1955)165. In der Reihe dieser Denker steht auch Tillich (1886-1965). Er lehnt den personalen Gott der traditionellen Theologie bzw. des theologischen Theismus ab, „von dem Nietzsche den Mörder Gottes sagen lässt, dass er getötet werden musste, weil niemand ertragen kann, zu einem bloßen Objekt absoluten Wissens und absoluter Beherrschung gemacht zu werden“166. Stattdessen konzipiert er einen „Gott über Gott“, der zwar nicht theologisch definiert werden kann, der aber dennoch in allem Seienden wirksam ist. Er ist erfahrbar in der „Macht des Seins“167. Um seine Erfahrung zu ermöglichen, postuliert Tillich eine Kirche, die sich in Verkündigung und Andacht zu ihm erhebt. Das könne nur eine Kirche sein, „die den Gekreuzigten predigt, der den Gott anrief, der Gott blieb, nachdem der Gott des Vertrauens ihn in dem Dunkel der Verzweiflung und der Sinnlosigkeit verlassen hatte“168. Dieses Symbol betrachtet Tillich als Beleg dafür, dass das Christentum die einzige Religion sei, die den „objektiv wahren Glauben“ repräsentiere, ein Anspruch, der allerdings nicht aufrechtzuerhalten ist169. In die Mitte des 19. Jhs. fällt das wichtigste religionskritische Ereignis des Abendlandes, nämlich die Entwicklung der Evolutionstheorie durch Darwin (1809–1882). Seine Konzeption stellt die biblische Genesis, die Annahme eines Schöpfungsplanes, den einzigartigen Status des Menschen und die christliche Ethik fundamental in Frage170. Damit verliert auch der deistische Gottesbegriff (Uhrmachergott) seine Plausibilität171. Nicht nur das: Das evolutionistische Paradigma erweitert das mechanistische Weltbild172. Insgesamt gesehen legitimieren die liberal-religiösen Glaubenslehren eine eher skeptische Glaubenshaltung173. Vermutlich angestoßen 165 Einstein (1934), 1966, S. 10; s.a. Dworkin 2013, S. 13. 166 Tillich 1950, in Baumotte 1980, Bd. 2, S. 157. 167 Tillich 1950, in Baumotte 1980, Bd. 2, S, 160. 168 Tillich 1950, in Baumotte 1980, Bd. 2, S. 159. 169 Vgl. Bartley 1962, S. 82 ff., insb. S. 84 ff. 170 Barbour2003, S. 87 ff. 171 Darwin selbst bekannte sich in seinem späteren Leben zunächst zum Deisten und dann zum Agnostizismus (Barbour 2003, S. 89). 172 Mortensen 1995, S. 87 ff., S. 146 ff. entwirft ein „evolutionäres Epos“ komplementär zum christlichen Schöpfungsmythos. 173 Kamleiter 2016, S. 292. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 38 durch den Fortschritt der Naturwissenschaft sinkt entsprechend die subjektive Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes unter die 50%-Quote: P(Gott) < 0,5. Während sich im Denken des liberalen Gläubigen die Bedeutung des religiös-theoretischen Überbaus relativiert, rücken im Handeln ethische Regeln in den Vordergrund, die religiösen Vorschriften freilich nicht notwendigerweise widersprechen müssen. Er befindet sich damit im Einklang mit der pragmatischen Philosophie, die Ende des 19.Jhs. aufkam und Theorien bzw. Ideologien u/o Religionen weniger als Deutungen der Realität, sondern hauptsächlich in ihrer Funktion zur Bewältigung praktischer Lebensprobleme anerkennt174. In kritischer Absicht attestiert Bartley175 dieser ganzen Denkrichtung mit ihren gescheiterten Versuchen, den christlichen Glauben auf das historische Wissen von Jesus176 zu gründen, und im Hinblick auf die Konzeptionen von Barth und Tillich ein irrationales Glaubensengagement177. Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: Die Existenz eines personalen Gottes ist im Denken der dargestellten liberalen Theologen wenig wahrscheinlich: P(Gott) < 50%. Die Basis ihrer Glaubenshaltung ist ein subjektives religiöses (numinoses) Erleben. In diesem Gefühl handelt der liberal-religiös Glaubende ethisch-pragmatisch, im Einklang mit religiösen Werten, die auf Jesus Christus fußen. Sein Gottesbegriff ist unscharf. Ethische Argumente haben für ihn Vorrang. Christlicher bzw. religiöser Existentialismus Als Vorgänger und einer der wichtigsten Vertreter der existenzphilosophischen Denkrichtung lässt sich Kierkegaard (1813–1855) einordnen. Er hat den Begriff der Existenz als inneres Seinserlebnis geprägt, welches im Mittelpunkt des Denkens steht178. Getreu seinem Motto 2.3.7 174 Vaihinger (1877), 1911 für den deutschen Pragmatismus (Ceynowa 1993 S. 22); Peirce 1878 und James 1906 für den amerikanischen Pragmatismus. 175 Bartley 1962, Buchtitel: The retreat to commitment. Dt.: Flucht ins Engagement. 176 S. Schweitzer (1906) bzw. 1984, der die liberale Leben-Jesu-Forschung einer Fundamentalkritik unterzog. 177 Kritisch hierzu Pannenberg 1973, S. 45 ff. 178 Pieper 2014, S. 38 ff. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 39 „Wahrheit ist Subjektivität“179 ist es sein Ziel, in ein existentielles Verhältnis zu Gott zu treten, das nicht durch die Vernunft, sondern nur im Glauben geschehen kann180. Dies kann gelingen im Durchschreiten dreier Phasen, dem ästhetischen Stadium, d.h. dem Leben in der Unmittelbarkeit der sinnlichen Empfindung, dem ethischen Stadium, in dem er sich auch als transzendentes Wesen bewußt wird und dem religiösen Stadium, in dem er seine Existenz vor Gott im Glauben erkennt und annimmt.181 Da er in Gefahr ist, seinen transzendenten Seinsgrund aus den Augen zu verlieren, muss er den Sprung in den Glauben immer wieder wiederholen. Nur im Augenblick des Glaubens befindet sich das Selbst im richtigen Verhältnis zu sich und zu seinem Existenzgrund182. Ähnlich konkretisiert Gabriel Marcel (1889–1973) eine christliche Mystik, deren Gottesbegriff im Denken des jeweiligen konkreten Individuums ganzheitlich aufgeht und keine allgemeingültige, demonstrierbare Objektivität beansprucht.183 Beide Denker bevorzugen der Wahrheit gegenüber eine subjektive Haltung, die in leidenschaftlicher Innerlichkeit gipfelt, die Suche nach objektiver Wahrheit jedoch ausblendet184. In neuerer Zeit entstehen zeitweise sektenartige Gruppen, die sich um eklektizistische religiöse Konstrukte scharen, die ohne Anspruch auf eine allgemeinverbindliche Annahme der Existenz Gottes aus Teilen verschiedener religiöser Traditionen zusammengebastelt (Bastelreligionen) werden. Streng genommen glauben sie nicht im starken Sinne an Gott, sondern an den Glauben an Gott.185 Die Grundlage der Existenzphilosophie ist die Erkenntnis, dass unser weltanschauliches Denken unsere Konstruktion, also subjektiv geprägt ist. Die Existenzphilosophie Heideggers (1889–1976) unterscheidet Sein und Seiendes, zwischen denen eine ontologische Differenz besteht. Das Seiende ist das In-der-Welt-Sein, ist Existenz. Das Sein hingegen ist das wahre Subjekt allen Geschehens. Es entzieht sich menschlicher Definitionsmacht. Der Sinn des Seins wird im Seienden, 179 Hübner 2006, S. 39. 180 Mackie 1985, S. 339. 181 Pieper a.O., S. 60 ff. 182 Pieper a.O., S. 61. 183 Hoefeld 1956, S. 124. 184 Albert 1979, S. 217 ff. 185 Dennett 2016, S. 248 ff., insb. S. 267. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 40 im Dasein, in geschichtlich je verschiedener Weise konstituiert. Das Sein bzw. die Seinsfrage blieb in der bisherigen Metaphysik unbeachtet und deswegen vergessen186. Der metaphysische Gott der Theologie als summum ens bzw. causa sui ist im Grunde nur eine Hypostasierung einer bestimmten, einseitigen und epochal-geschichtlichen Seinsauffassung, die dem Sein nicht gerecht wird187. Zur Überwindung der Seinsvergessenheit, d.h. das Sein in seiner Wahrheit zu sagen und nicht es wie ein Seiendes aus Seiendem zu erklären188 verlangt Heidegger in seiner „Kehre“ einen radikalen Neuanfang189. Im Zusammenhang mit Interpretationen der Dichtung Hölderlins räumt Heidegger die Möglichkeit eines neuen Erscheinens des Gottes bzw. der Götter ein190. Seine Gedanken über die Möglichkeit eines „göttlichen Gottes“ verschwimmen jedoch ins Vage einer adventistischen Erwartung191 oder m.a.W. einer geringen „subjektiven“ (i.e.S.) Wahrscheinlichkeit: P(G) < 0,25. Der Existenzphilosoph Jaspers (1883–1969) lehnt Gott nicht grundsätzlich ab, wehrt sich aber gegen dogmatische Gottesvorstellungen, wie sie von den etablierten Religionen vertreten werden192. Wie das Sein zum Seienden, verhält sich die Transzendenz zur Existenz. Ihrem Wesen nach ist die Transzendenz ein unbestimmbares Geheimnis, das sich höchstenfalls in „Chiffern“ ausdrücken lässt. Sie wird in den menschlichen Grenzsituationen (Tod, Leiden, Schuld) existentiell erfahren. Diese Erfahrungen artikulieren sich in der Gestalt eines philosophischen Glaubens. Dessen Inhalte (Chiffern) sind geschichtlich geprägt und beanspruchen keine das menschliche Leben bestimmende und Gehorsam verlangende Definitionsmacht. Ebenso sind die Vorstellungen von Gott Symbole, sind geschichtlich, sind immer auch unangemessen.193 186 Weischedel 1975, S. 276 ff.; 1983, 1, S. 461. 187 Thurnher 2011, S. 184. 188 Thurnher 2011, S. 185. 189 Heidegger 1949, S. 17. 190 Heidegger 1977, S. 269, Randnr. 248; Neuenschwander 1977, Band 2, S. 215. 191 Weischedel 1983, 1, S. 492 ff., S. 494; s.a. Safranski 2013, S. 347 f.; Neuenschwander 1977, Band 2, S. 216; Heidegger 1977, S. 270, Randnr. 249; Thurnher 2011, S. 190, 191. 192 Jaspers 1974, S. 30 f.; Weinrich 2012, S. 199 ff. 193 Jaspers 1955, S. 212. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 41 Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: Der christliche bzw. religiöse Existentialist glaubt an den Glauben. Er hält den Begriff „Gott“ für eine sehr wichtige weltanschauliche Kategorie, blendet die Suche nach der objektiven Wahrheit jedoch aus. Die Existenz Gottes ist für ihn eine vage Annahme: P(Gott) < 25%. Atheismus Im Unterschied zu Schleiermachers Alleinstellung der Religion beschreitet Hegel (1770–1831) zur Bewältigung der Theismus-Krise den umgekehrten Weg, indem er Theologie und Philosophie in eins setzt und als Aufgabe dieser theologischen Philosophie die Explikation Gottes, des absoluten Weltgeistes, setzt194. An die Stelle des personalen (biblischen) Gottes tritt der Weltgeist, der die gesamte Wirklichkeit zusammenhält und bewegt. Die Entwicklung des Ganzen ist zu verstehen als ein dialektischer Prozess, der vom Weltgeist angestoßen wurde und in der philosophisch-religiösen Geschichte des (europäischen) Menschen sich selbst bewusst wird. Damit wird die Vernunft, die in der Aufklärung als geschichtslos gedacht wurde, in einen geschichtlichen Zusammenhang eingefügt.195 Hegels Weltgeist als ein im menschlichen Geist zu sich kommendes göttliches Wesen196 ist somit spekulativ von einem homozentrischen Weltbild geprägt.197 Seine Philosophie der Identität von Vernunft und Wirklichkeit geht von der Annahme aus, die physische Wirklichkeit sei ihrem Wesen nach vernünftig und entwickle sich nach dem Prinzip der Dialektik198. Karl Marx kehrte sie um: Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein be- 2.3.8 194 Weinrich 2012, S. 59. 195 Neuenschwander 1977, Band 1, S. 15. 196 Ähnlich dem „Lichtblick“ Schellings: „Die Natur schlägt im Menschen die Augen auf und bemerkt, dass sie da ist“ (Heidegger, zit.n. Safranski 2013, S. 229 und 410). 197 Kamleiter 2016, S. 75. 198 Popper (1940), 1972, S. 279: Hegel brachte die Dialektik bzw. die dialektische Triade als wichtigstes Denkprinzip in die Philosophie ein. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 42 stimmt199. Dieser Satz ist ein grundlegendes Dogma des dialektischen Materialismus200 bzw. des Kommunismus. Der Atheismus hat eine lange Geschichte und ist schon in der Antike nachweisbar (z.B. bei Xenophanes, ca. 570–ca. 470 v. Chr.)201. Die erste systematische Fundamentalkritik am Gottesglauben202 stammt von Feuerbach (1804–1872), der alle Aussagen über Gott als Projektion des Menschen betrachtet, da er in der Anbetung Gottes sich selbst und seine eigenen Wünsche meint203. Insofern bezeichnet Feuerbach allerdings nur den projektiv beschriebenen personalen Gott als menschengemacht, lässt aber die Frage offen, ob es nicht-projektive Aussagen über Gott, d.h. eine ideologiefreie, auf ihr wahres Wesen reduzierte Religion geben könne204. Freud (1856–1939) bezeichnet die Religion als eine Illusion, deren unbeweisbare, aber auch unwiderlegbare Lehren aus menschlichen Wünschen bzw. aus infantilen Emotionen und Ängsten abgeleitet sind205, die ein reifer, zu einer realistischen Weltsicht bereiter Mensch überwinden sollte.206 Eine radikalere Ablehnung des Gottesglaubens zeigt Nietzsche (1844–1900) in seiner berühmten Feststellung, dass Gott tot sei.207 Das Wort ist soziologisch zu verstehen und meint eigentlich, dass nahezu niemand mehr an die Existenz eines personalen Gottes glaubt. Nietzsche folgert, dass nicht mehr der theistisch-moralische Gott, sondern der Mensch die Geschicke der Menschen bestimmt. Dazu braucht es den Übermenschen und dessen Willen zur Macht 208. Die Frage, ob es einen neuen Gott geben könne, 199 MEW 1971, 13, S. 9. 200 Popper (1940), 1972, S. 283. 201 Weischedel 1983, 2, S. 158 ff. 202 Küng 1995, S. 245. 203 Feuerbach (1841), 2011, S. 340. 204 Weischedel 1983, 1, S. 409, 436; Hoerster 1985, S. 168; Buggle 1992, S. 266. 205 Nach Freud ist Gott nichts anderes als ein „erhöhter“ Vater (1983, S. 151). Nach seiner Auffassung leiten sich diese infantilen Emotionen und Ängste aus einem Zusammenspiel aus Totemismus und Ödipus-Komplex, dem Kern aller Neurosen, ab (Freud 1983, S. 150 ff, S. 159; s.a. Weinrich 2012, S. 156 ff.). 206 Hoerster 1985, S. 167; Freud, in: Hoerster 1985, S. 179. 207 Weischedel 1983, 1, S. 434 ff. 208 Weischedel 1983, 1, S. 455. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 43 lässt Nietzsche ausdrücklich offen209. In gesellschaftskritischer Analyse unterstellt Karl Marx (1818–1883) mit Feuerbach den Religionen und insbesondere den etablierten Kirchen, dass sie politische und gesellschaftliche Veränderungen zugunsten einer Emanzipation der einfachen Menschen verhindern wollen. Feuerbach fordert dazu auf, die auf die Gottheit projizierten Wünsche hier und jetzt für den Menschen einzusetzen und damit paradiesische Zustande zu schaffen oder zumindest die menschliche Existenz erträglicher zu machen. Diese „Menschwendung“ der religiösen Projektion enthält freilich auch ein Heilsversprechen, das wegen seiner religiösen Herkunft den Keim einer Ersatzreligion210 in sich trägt. Marx übersteigt den Atheismus Feuerbachs, indem er das Selbstbewusstsein des Menschen nicht mehr durch die Aufhebung der Religion vermittelt sieht: Religion ist Opium des Volkes211. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt darauf an, sie zu verändern.“212 Der Sozialismus gründet auf dem theoretisch und praktisch sinnlichen Bewusstsein des Menschen und der Natur als des Wesens213. Diese Sichtweise legitimiert freilich auch einen dogmatischen Atheismus, der sich durch weitgehende Ablehnung von allem Religiösen auszeichnet214. Dem entspricht die Auffassung von Marx, aber auch von Freud, dass sich die Religion nach Feuerbach überlebt habe, und sich mit der Zeit von selbst erledigen werde215. Dennoch: Gott ist für den Atheisten zwar tot, aber (um im Bild zu bleiben) noch nicht beerdigt. Da sich die Ausbeu- 209 Weischedel 1983, S. 456 f. In seinem berühmten Dialog „Über Religion“ legt Schopenhauer seiner Figur Demopheles folgendes in den Mund: „Vielleicht ist in allen Religionen das Metaphysische falsch, aber das Moralische ist in allen wahr“ Schopenhauer 1986, Band V, S. 402. 210 Vgl. Schmidt-Salomon o.J. 211 Ehlen 1961, S. 206; Gollwitzer 1967, S. 21, S. 23 ff. 212 K. Marx 1888, bzw. Fetscher 1966, S. 141 (These 11); Gollwitzer 1967, S. 21 f.: Die Verneinung der Religion ist bei Marx nicht Selbstzweck, sondern aus dem praktischen Interesse an der Veränderung dieser Welt zu einer menschlichen zu erklären. 213 Weischedel 1983, S. 414. 214 Ehlen 1961, S. 168: „Die Klassiker des Marxismus hatten kritiklos den Atheismus ihrer Umgebung übernommen, ohne selbst ernsthaft nach dem objektiven Wahrheitsgehalt der Religion zu fragen“. S.a. Brugger 1980, S. 113. 215 S. Weinrich 2012, S. 154 (Freud), 146 (Marx); Marx 1844 bzw. Fetscher 1966, S. 17. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 44 ter weiterhin seiner bedienen, existiert er noch immer. Daher müssen in dieser Sichtweise die historischen Voraussetzungen beseitigt werden, die ihn, Gott, hervorgebracht haben216. In der Zeit des politischen Atheismus, aber nicht nur dadurch bedingt, ereigneten sich beispiellose wissenschaftliche und technische Entwicklungen. Da sind, um nur die spektakulärsten zu nennen, einmal die Einsteinsche Relativitätstheorie und die Atomphysik, zweitens die Weltraumforschung und die Astronautik, drittens die Informatik, viertens die Entwicklung der Biochemie, Mikrobiologie und Humangenetik und fünftens die Palaeontologie und Plattentektonik anzuführen. Die hiermit verbundene Entzauberung der Welt kann für die – zumal religiöse – Weltanschauung nicht folgenlos bleiben. Dies beweist allein schon der Blick vom Weltraum aus auf die Erde, d.h. Gottes Blick auf „seine“ Welt! (s. Abb. 4). Trotz des Scheiterns des atheistischen Sozialismus217 bleibt die Fundamentalkritik an der Gotteshypothese bestehen. Nicht nur die Entwicklung des wissenschaftlichen Fortschritts, auch die Erfahrung des Holocaust gibt Anlass zu religionskritischen Diskussionen. Insgesamt bleibt die Überzeugung, dass weitaus mehr Argumente gegen die Annahme der Existenz eines Gottes sprechen als dafür.218 Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: Der Atheist hält die Existenz eines Gottes für nahezu völlig unwahrscheinlich: P(Gott) < 10%. Religion ist für ihn Ausdruck einer Fehlinterpretation bzw. einer Projektion menschlicher Wünsche auf Gott. Die soziale Situation der Menschen kann nach seiner Meinung nur hier und jetzt durch den Menschen selbst verbessert werden. Dafür gilt es den Einfluss der Religion im Interesse der Emanzipation des Menschen zurückzudrängen 219. 216 Minois 2000, S. 554; Ehlen 1961, S. 206 ff. 217 Das Zeitalter des Sozialismus dauerte von 1917 (Oktoberrevolution) bis zum ruhmlosen Untergang der kommunistischen Staatsidee in der sanften Revolution von 1989, d.h. dem Ausbleiben des erhofften Paradieses. 218 Mackie 1985, S. 402. 219 Ehlen 1961, S. 202. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 45 Atheistischer Existentialismus, Evolutionärer Humanismus Parallel zu der Entwicklung des Atheismus und der Existenzphilosophie findet mit Beginn des 20. Jhs. eine noch nie dagewesene Hochentwicklung in Wissenschaft und Technik statt. Auf der Seite der Wissenschaft seien hier die Atomphysik, die Astronomie, die Kommunikationswissenschaft und die Humangenetik, auf der Seite der Hochtechnologie der Bau der Atombombe, die Astronautik, die elektronische Datenverarbeitung und die Gentechnik genannt. Nicht nur gelingt es dem Menschen inzwischen, die Welträtsel zu lösen – er ist nun auch in der Lage, nahezu alles, was er sich vorgenommen hat, Realität werden zu lassen. Das damit einhergehende Gefühl einer unbegrenzten Machbarkeit hat auch weltanschauliche Folgen. So tritt vor allem die Bedeutung theologischen Denkens und Glaubens und damit auch die Frage der Existenz Gottes zunehmend in den Hintergrund. In diesem Zusammenhang sind vor allem zwei Weltanschauungen zu nennen, einmal der französische Existentialismus und zweitens der angloamerikanische „evolutionäre Humanismus“: Eine Weltanschauung ohne jeden Gottesbezug ist der Existentialismus von Sartre (1905–1980) und Camus (1913–1960). Beeinflusst von der Existenzphilosophie Heideggers suchen beide Philosophen eine Sinnbestimmung menschlichen Lebens jenseits der Religion. Sartre geht davon aus, dass der Mensch zuerst existiert und sich erst dann definiert: L’existence precède l‘essence220. Dabei kann er nicht auf irgendwelche Verlässlichkeiten zurückgreifen. Er ist nichts anderes, als wozu er sich macht, er ist sozusagen zur Freiheit verurteilt221. Camus begreift das Leben als unbegründet und unbegründbar, als absurd. Der Mensch ist dazu verdammt, angesichts der wahrgenommenen Absurdität sich selbst einen Sinn zu definieren und danach zu leben. In Ausnutzung des gerade Möglichen ist der Kampf gegen das Leiden die eigentliche Legitimation für das Leben, auch wenn der Erfolg fraglich ist. Seine Situation ist vergleichbar dem Mythos des Sisyphos, der auf 2.3.9 220 Sartre (1946), dt. 2016, S. 116. 221 Weinrich 2012, S. 175 ff.; Neuenschwander 1977, Band 2, S. 155; Safranski 2013, S. 396 f. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 46 ewig stets von neuem einen Felsbrocken einen Berg hinaufschiebt, von dem er kurz vor dem Ziel wieder hinunterrollt222. Der Evolutionäre Humanismus ist eine Weltanschauung, nach der religiöses Denken historisch überholt und obsolet ist und für das Zusammenleben der Menschen geradezu schädlich ist. Die Ablehnung der Gotteshypothese223 wird von Dawkins (geb. 1940) besonders spektakulär in seiner Diagnose „Gotteswahn“224 zur Geltung gebracht. An die Stelle der Religion setzt Dawkins das Evolutionsparadigma, das er nicht nur auf die Natur, sondern in Gestalt der Meme (der Begriff „Mem“ versteht sich analog dem Begriff „Gen“ als Vererbungseinheit) auch auf die Geschichte des menschlichen Geistes überträgt225. Die uralten Fragen der Menschheit können durch die epistemische Geisteshaltung des „Kritischen Rationalismus“ bzw. das methodische Falsifikationsprinzip Poppers (1902–1994): „Lasst falsche bzw. obsolete Theorien und Weltanschauungen anstelle von Menschen sterben“ und durch den erreichten Fortschritt der Wissenschaft weit glaubwürdiger beantwortet werden226. Dabei ist die Geltungskraft der i.d.R. gut begründeten Ergebnisse der Forschung alles andere als dogmatisch. Sie müssen vor dem kritischen Blick und den wissenschaftlichen Geltungskriterien der science community bestehen können, d.h. sie müssen nachprüfbar und jederzeit falsifizierbar sein. Die Geltungskriterien der science community sind freilich abhängig von der grundlegenden wissenschaftlichen Lehrmeinung, dem Paradigma, welches epochal begrenzt bis zum gestalt switch des nächsten Paradigmas gilt. Die Falsifikation einer wissenschaftlichen Aussage ist allerdings selbst eine Erkenntnis, die weitere Forschungen im Interesse einer weiteren Wahrheitsannäherung bereichert. Eine moderne Weltanschauung kann und 222 Camus 2000, S. 139 ff.; Weinrich 2012, S. 170 ff. 223 Dawkins 2007, Buchtitel, S. 46, 71 f.; Sie kommt in folgendem hypothetischen Gespräch eines Kritikers (Christopher Hitchens) mit Gott zum Ausdruck: „Ich würde sagen, oh Gott, du hast uns nicht genügend Beweise gegeben (nach B. Russell)“. Und: „Unergründlicher Herr, einiges, wenn nicht alles, was dir nachgesagt wird, lässt mich vermuten, dass du aufrechten und überzeugten Unglauben der scheinheiligen und eigennützigen Heuchelei und flammenden Opfergaben auf blutigen Altären vorziehst.“ (Hitchens 2007, S. 256 und 256 f.). 224 Dawkins 2007, S. 17 f. 225 Dawkins 2007, S. 268 ff.; Dennett (2006), dt. 2016, S. 420. 226 Albert 1971; Schmidt-Salomon 2006, S. 36 ff. 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 47 sollte nicht hinter die Ergebnisse der Wissenschaft zurückfallen227. Der evolutionäre Humanismus ist eine Kombination des evolutionären Paradigmas mit humanistisch-ethischen Wertvorstellungen, wie sie in der Konvention der Menschenrechte kodifiziert sind. Getragen wird diese Weltanschauung durch die sogenannten Brights228 im angloamerikanischen Sprachraum und die Giordano-Bruno-Gesellschaft in Deutschland. Ihr gemeinsames Anliegen ist ein entschiedenes Plädoyer für eine offene und uneingeschränkte wissenschaftliche Untersuchung von Religionen.229 Der Fortschritt von Wissenschaft und Forschung hat in der gegenwärtigen Zeit ein atemberaubendes Tempo angenommen. Vor allem die Entwicklung der Astrophysik und die Elementarteilchen-Physik sowie das Urknall-Paradigma hat theologische Diskussionen in die Bedeutungslosigkeit abgedrängt. Das zeigt sich deutlich in der – weitgehend randständigen – Diskussion um Indizien für die Nicht-Existenz Gottes, die sich aus der Urknall-Theorie ergeben230. Es geht heute um die weltweite, d.h. universalistische Durchsetzung der Menschenrechte, um die Bewahrung der Zivilisation, um die Erhaltung natürlicher Ressourcen und letztlich um den Planeten. Dazu braucht es eines gemeinsamen Willens und der Kooperation aller Menschen und Staaten. In dieser Sicht kann die Renaissance von Religionen als ein Rückfall in unhaltbare und historisch längst überlebte Vorstellungen angesehen werden, die zu unnötigen Konflikten und zu einer Bedrohung der Existenz der Menschheit führen. Wahrscheinlichkeitsgrad und Glaubenskonzept: Für den evolutionären Humanisten ist die Frage, ob es einen Gott und/oder eine unsterbliche Seele gibt, obsolet: P(Gott) = 0. Nicht mehr die Religion, die Wissenschaft und Technik prägen unser Leben. Der Sinn des Lebens ist das Leben. 227 Schmidt-Salomon 2006, S. 8. 228 Der Begriff stammt von Dennett (2006), dt. 2016, S. 39. 229 S. Dennett (2006), dt. 2016, S. 35, S. 56 ff., S. 61, S. 379, S. 382 ff. (Forschungswege). 230 S. Hawking & Mlodinow (2010). 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 48 Übersicht über die Skala 2.3 Definition der Skalenpunkte und ihre Rechtfertigung 49 Die Wahlentscheidung zwischen den dargestellten Glaubensgraden Da die besprochenen Glaubensgrade nur eine mehr oder weniger hohe Wahrscheinlichkeit beanspruchen, lassen sie per definitionem auch andere Glaubensgrade gelten. Entsprechend können die Glaubensgrade aus der Sicht jeweils anderer Skalengrade kritisiert werden. Für die Kritik ist es freilich hilfreich, wenn man seinen Standpunkt (stand of view), von dem aus kritisiert wird, benennt. So kann sowohl die Zielrichtung der Kritik als auch die vertretene Alternative besser eingeordnet werden. Die vorgelegte Skala soll eine Orientierungshilfe für die je persönliche Entscheidung des Gläubigen oder Nicht-Gläubigen sein, welcher Frömmigkeitsgrad oder welche philosophische Wissensqualität am meisten überzeugt. Diese Entscheidung entspricht einem Bedürfnis des Menschen nach Orientierung in der Welt und seinem freien Willen. Sie ist ein Akt der Mündigkeit, der Freiheit und Toleranz, aber auch Bildung voraussetzt. Das Hauptkriterium ist dabei die als Ergebnis vernünftiger Abwägung frei gewonnene Überzeugung im Sinne des „eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Argumentes“ (Habermas, s.o.). Weder formeller noch informeller äußerlicher Zwang, sei es durch Gruppen oder überkommene Sitten, darf dabei ausgeübt werden. Man muss freilich nicht bei dem einmal gewählten Überzeugungsgrad bleiben. Dieser kann auch zu Zeiten, also nach einschneidenden Ereignissen, z.B. traumatischen Erfahrungen, religiösen Erweckungen oder wissenschaftlichen Beweisführungen bzw. Widerlegungen von Glaubenssätzen gewechselt werden, d.h. der Glaubens- bzw. Überzeugungsgrad kann intensiviert oder abgeschwächt werden231. Alle diese Weltanschauungen spiegeln historisch gesehen einerseits eine tendenzielle Abnahme der Evidenz des Glaubens an einen personalen Gott, andererseits eine Zunahme der Bedeutung epistemischen bzw. Erfahrungswissens. Bis auf die Pole-Positionen (Naiv-orthodoxe Dogmatik bzw. evolutionärer Humanismus) setzt sich jeder 2.4 231 Oser (1994) stellt fest, dass der Übergang von einer Stufe zur nächsten in der von ihm entwickelten Stufenskala religiöser Entwicklung eine kritische Phase darstellt, die von einem vorübergehenden Atheismus begleitet wird (zit.n. Maiello 2007, S. 26). 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 50 Skalenpunkt aus einem je spezifischen Mischungsverhältnis des Offenbarungswissens und des epistemischen Wissens zusammen: P(Gott) + P(-Gott) = 1. Diese Mischung, also in etwa magisch-religiöse Formeln und epistemische Aussagen – oder auch theistische und nontheistische Aussagen – kann allerdings nur ein Vorschlag sein, der indes gut begründet ist und deshalb als Anhalt für die Wahl einer Weltanschauung fungieren kann. Da jeder seine Weltanschauung frei wählen kann, sagt seine individuelle Wahl der Argumente zunächst nichts darüber aus, ob die verschiedenen Anteile bei den individuell vertretenen tatsächlichen Weltanschauungen inhaltlich zusammenpassen. Die Welterklärung ist dann konsistent, wenn sie zufriedenstellende Antworten auf einerseits die religiösen Grundfragen, andererseits die philosophischen Grundfragen ermöglicht. Je nach Ausprägung der Teilwahrscheinlichkeiten liegt hier freilich eine Konfliktspannung vor, die eine mehr oder weniger hohe Ambiguitätstoleranz (Akzeptanz der Widersprüche trotz kognitiver Dissonanz bzw. Konfliktspannung) erfordert. Gewissermaßen schwingt in der Evidenz jeder theistischen Aussage der Zweifel in Gestalt der Evidenz einer non-theistischen Aussage wie eine Hypothek mit und umgekehrt. Je höher die sich widersprechenden Wahrscheinlichkeiten, desto höher die Konfliktspannung. Übersteigt die empfundene Gegensätzlichkeit die subjektive Toleranzgrenze, kann sie einen Verlust an Glaubwürdigkeit eines Glaubensparadigmas oder eines Wissensbestandes und einen Wechsel der Meinung (gelegentlich auch einen Rückfall) bewirken. Zudem liegt im Versuch der Bewältigung der Konfliktspannung eine Ursache für aggressive Tendenzen. Bei der Wahlentscheidung ist deshalb das jeweilige Mischungsverhältnis und der größere Überzeugungsgrad des einen Wissenskreises im Verhältnis zum anderen beachtenswert232. Ein ausgeglichenes Verhältnis bieten die mittleren Skalenpunkte mit den Wahrscheinlichkeitswerten 50% < P(G) < 50% und entsprechend 50% > P(-G) > 50%, also „Verworfene Dogmatik bzw. Deismus“, „Religiöse Indifferenz“ und „Liberal-Religiöser Pragmatismus“. Die Konfliktspannung der „nutzenkalkulierten Dogmatik“ und dem „religiösen Existentialismus“ 232 Eine statistische Untersuchung der gegenwärtigen Verteilung jeweiliger Frömmigkeits- bzw. Überzeugungsgrade in der Bevölkerung mithilfe dieser Skala wäre zwar interessant, ist in vorliegendem Beitrag jedoch nicht beabsichtigt. 2.4 Die Wahlentscheidung zwischen den dargestellten Glaubensgraden 51 ist stärker ausgeprägt, verbleibt jedoch im Toleranzrahmen. Diese 5 Skalenpunkte können deswegen als moderat-religiöse Glaubensgrade angesehen werden. Ihr Wahrscheinlichkeitsbereich umfasst somit: 75% > P(G) > 25%. Insgesamt lassen sich vier verschiedene Möglichkeiten einer Verbindung von theistischen und non-theistischen Aussagen denken: Konflikt, Unabhängigkeit, Dialog und Integration233. Historisch gesehen gab es immer schon wechselseitige Beeinflussungen zwischen Theologie und Philosophie, so z.B. zwischen Augustinus und Platon oder zwischen Thomas von Aquin und Aristoteles234. Wie das Schicksal Giordano Brunos zeigt, war zu Beginn der Neuzeit das Verhältnis zwischen Philosophie bzw. der entstehenden Wissenschaft und religiösem Glauben von schweren Spannungen geprägt. Die Konflikte eskalierten hauptsächlich zu Zeiten Galileis und Newtons. Nach Kant herrschte ein zeitweiliger Burgfrieden, da beide Bereiche als unabhängig voneinander gedacht wurden. Mit dem Aufkommen der Evolutionstheorie geriet die Religion in die Defensive. In der Zeit des atheistischen Marxismus wurde sie schließlich in eine gesellschaftliche Randposition gedrängt, in der sie bis zum Ende der sozialistischen Ära verblieb. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges werden konzeptionelle Versuche erkennbar, die Religion mit der Naturwissenschaft in einen Dialog zu bringen235, um zu einem Ausgleich und womöglich zu einer Integration der verschiedenen Weltanschauungen zu kommen. Angesichts der Auffassung vieler Wissenschaftler, dass die religiöse Welterklärung inzwischen obsolet geworden ist, dürften diese Versuche nicht allzu erfolgreich sein, zumal der Glauben an überlebte und womöglich widerlegte Weltanschauungen, wie z.B. den Kreationismus, nicht begründbar ist. Auch bevorzugen viele Theologen die Konzeption zweier nebeneinander existierender Wissenskreise (einen heiligen und einen profanen Kreis), deren Aussagen und Geltungskriterien grundsätzlich nichts miteinander zu tun haben.236 Beide Kreise erleben in den letz- 233 Vgl. Barbour 1999, S. 113; Wilber 2010, S. 31 ff.; Peacocke 1981, S. XIII f. nennt 8 Modelle (zit.n. Mortensen 1995, S. 38). 234 Zahrnt 1966, S. 312. 235 S. Mortensen 1995, S. 262 ff.: Dialog im Sinne einer freundschaftlichen Wechselwirkung. 236 Marina 2005, S. 60 ff. 2. Glaubensgrade und Gottesfrage 52 ten Jahren eine deutliche Ausweitung, aber auch Vermengung ohne konzeptionelle Grundlage. So ist in den letzten Jahrzehnten eine inzwischen unübersichtliche Inflation von Weltanschauungen religiöser und säkularer Richtung entstanden, wie z.B. individuelle Mischkonstrukte esoterischer, religiöser und säkularer Dogmen sowie erhöhte Tendenzen zu Konversionen.237 Für einen Großteil von Gläubigen oder Nicht-Gläubigen mag dies nicht weiter von Belang sein, sofern sie keine Notwendigkeit sehen, die internen und externen Widersprüche solcher Konstruktionen einer Klärung zuzuführen. 237 Zersplitterung des Glaubens (Minois 2000, S. 632 ff.); Markt der Religionen (Zinser 1997). 2.4 Die Wahlentscheidung zwischen den dargestellten Glaubensgraden 53

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References

Zusammenfassung

Religion und Religiosität spielen wieder eine Rolle im öffentlichen Diskurs. Allerdings sind religiöse Überzeugungen keine monolithischen Blöcke. In jeder Religion finden sich verschiedene Glaubensgrade, die vom Strenggläubigen über Moderat-Gläubige bis zu Nicht-Gläubigen reichen. Für die Praktizierung des jeweiligen Glaubensgrades ist dabei entscheidend, wie ernst der Gläubige die Existenz Gottes nimmt. Klaus Mai untersucht am Beispiel des Christentums Glaubenskonzepte und Weltanschauungen bedeutender Philosophen und Theologen im Hinblick auf ihre explizite oder implizite Stellungnahme zur Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung einer Wahrscheinlichkeitsskala, auf der die erschlossenen Grade des Glaubens an die Existenz Gottes und ihre weltanschaulichen Unterschiede abgebildet werden können. Nach seiner Auffassung ist Grundlage und Kern moderater Gläubigkeit die Anerkennung eines Wahrscheinlichkeitsvorbehalts für alle religiösen Aussagen über die Existenz Gottes. Nur moderate Gläubigkeit kann Toleranz gewährleisten. Der Autor verwirft Glaubensgewissheit als Rückfall in magisches Denken und plädiert für eine vernunftorientierte Weltsicht verbunden mit einer rational begründeten Ethik.