3.3. Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus in:

Elmar Dod

Der unheimlichste Gast wird heimisch, page 473 - 536

Die Philosophie des Nihilismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4185-7, ISBN online: 978-3-8288-7085-7, https://doi.org/10.5771/9783828870857-473

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie

Tectum, Baden-Baden
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3.3. Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus „Orientierungslosigkeit, Vergeblichkeit, Verzweiflung, Langeweile, Depression – ein Fegefeuer ist dieser Nihilismus! Aber wofür werden wir bestraft und wozu leiden wir? Wovon und wozu werden wir gereinigt? Gehen wir neuen Himmeln oder Höllen entgegen? Woran werden wir einst glauben können? Was werden uns unsere Einbildungen vorzaubern, sodass wir uns, wenn wir nur könnten, nach diesem Fegefeuer des Nihilismus zurücksehnen würden, das uns immerhin eine leere, beliebige, absurde Freiheit schenkte?“ „Feuerfunken“. Bd. 3 der Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“. S. 34 „Der Gedanke hat seine Ehre daran, zu verteidigen, was Nihilismus gescholten wird.“ W. Adorno § 189 Das Absolute der selbstdurchsichtigen Einbildungskraft Selbst die für absolut gehaltenen Höchstleistungen des menschlichen Geistes in Kunst und Philosophie verfallen der Nichtigkeit, können aber in der selbstdurchsichtigen Fiktion von „Ewigkeit“ die Beteuerung der eigenen nachhaltigen Gültigkeit einsichtig werden lassen. Wird der Begriff des Nihilismus radikal zu Ende gedacht, kann er vor den als höchste bewerteten Leistungen des menschlichen Geistes, dessen sog. absoluten Erscheinungsweisen in Kunst, Religion und Philosophie nicht Halt machen, sondern muss selbst deren Nichtigkeit eingedenk bleiben. Diese ergibt sich nicht allein aus der Insuffizienz dieser einzelnen Erscheinungsweisen des „Absoluten“, den Begrenztheiten des jeweiligen Mediums und einer bloß partikularen Realisation, sondern grundsätzlicher aus der Bindung dieser kulturellen Höchstleistungen an ein vergängliches und im Laufe der Weltzeit als ephemer zu positionierendes Menschengeschlecht, das seinen Maßstab als das Maß aller Dinge sich nur einbildete. Wird diese Einbildung allerdings durchschaut, d. h. vernünftig in dem Sinne, dass sie sich selbst durchsichtig bleibt, dann ist die Rede vom Absoluten, von der Ewigkeit der Kunst oder Philosophie mit einer aufgeklär- 473 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus ten nihilistischen Philosophie durchaus vereinbar. Vielmehr werden gerade Kunst, Religion und Philosophie, wenn sie in solcher Selbst durch sichtigkeit ihre eigene Nichtigkeit und die aller menschlichen Bemühungen reflektieren, zu besonders evidenten Dokumenten des aufgeklärten Nihilismus (1). Ewigkeit in diesem Verständnis ist die Beteuerung der eigenen nachhaltigen Gültigkeit, eine vernünftige Einbildung, die ihrer Fiktionalität langfristig eingedenk bleibt, auch wenn sie diese zum Zwecke eines kurzfristigen „Placeboeffektes“, des „ make-believe“ oder „suspension of disbelief “ zeitweilig überspringt (2). Es bleibt eine Ewigkeit im Denken oder genauer gesagt: der sich selbst durchsichtigen Einbildungskraft, eine Ewigkeit, die sich selbst reflektierend inne wird, dass ihr über solche Fiktionalität hinaus nicht die Realität zugebilligt werden kann, deren sie habhaft werden möchte. Verbildlichung als Bekräftigung Platons Ideenlehre weist der Einbildungskraft die Aufgabe der Verbildlichung als Bekräftigung zu, ohne dass dies den Kern der Idee betreffen würde, nämlich die Behauptung einer Unsterblichkeit der Seele in „Phaidon“: „Daß freilich alles genau so sei, wie ich es geschildert habe, das dürfte ein verständiger Mensch wohl nicht behaupten. Daß sich aber die Sache mit unseren Seelen und mit ihren Wohnsitzen so oder doch ähnlich verhält, das dürfte, da ja unsere Seele ohne allen Zweifel unsterblich ist, ein berechtigter Glaube sein und wert, daß man es wagt, sich ihn zu eigen zu machen; denn schön ist dieses Wagnis, und wir brauchen ja so etwas, gleichsam um uns damit zu bezaubern. Deshalb verweile ich auch so lange bei diesem Mythos.“ (3) Es bleibt zu fragen, ob nicht gerade die Bildlichkeit dieses Mythos – zu der auch ihre epische Einbettung in das Gespräch mit Sokrates gehört – in Zusammenwirken mit der logischen Argumentation erst dem Unsterblichkeitsgedanken die Überzeugungskraft gibt, die ihm über bloße Bebilderung hinaus bis heute ihre Wirksamkeit verleiht. 474 Evidenzen der Einbildungskraft Unsere absurde Unsterblichkeit „Meine Seele, strebe nicht nach Unsterblichkeit, Das Mögliche schöpfe aus in deiner Bemühung!“ Dass Camus seinem „Mythos des Sisyphos“ dieses Zitat aus Pindars dritter pythischer Ode voranstellte, ist ein willkommener intertextueller Bezug; denn Unsterblichkeit, Ewigkeit bleiben bei all ihrer Entlarvung als „bloße“ Einbildungen doch die ständigen Begleiter in dem Labyrinth, in dem wir im nihilistischen Zeitalter im Bewusstsein unserer letztlichen Ziellosigkeit und Vergänglichkeit umherirren. Unsterblichkeit ist eine evidente Einbildung, die als Arbeitshypothese eines „Als ob“ uns einen Leitfaden an die Hand gibt, wie wir denn trotz allem leben können, wenn wir nur wollen. Die Vorstellung von Unsterblichkeit wird zu unserem ständigen Begleiter, der uns reizt, ein Kontrastprogramm zu unserer Vergänglichkeit zu entwickeln. Wie Nietzsches Gedanke der „ewigen Wiederkehr“, für den er vergeblich wissenschaftliche Beweise heranschaffen wollte, insistiert hier die Imagination von Ewigkeit gegen alle Metaphysik eines Jenseits auf der völligen Diesseitigkeit unserer Existenz: Wir leben so, als ob dies ewig sein würde – gerade um durch diese Fiktion alles an Möglichkeiten aus unserer Diesseitigkeit auszuschöpfen. Hegels Begriff des Absoluten hat sich dem Missverständnis ausgesetzt, hier sei eine Instanz gemeint, die sich der Bedingtheit der Subjektivität, von der her diese letzte Stufe des „objektiven Geistes“ doch gedacht ist, entziehen könne. Eine kritische Hegel-Lektüre gibt jedoch zu erkennen, dass das Absolute bei Hegel eben die oben dargelegte Selbstdurchsichtigkeit des Geistes meint, der sich schließlich als das selbstsetzende und in diesem Sinne von allen anderen Instanzen losgelöste Vermögen der Ideen erkennt und sich selbst als solches anerkennt: (4) „Die reine Idee, in welcher die Bestimmtheit oder Realität des Begriffes selbst zum Begriffe erhoben ist, ist vielmehr die absolute Befreiung, für welche keine unmittelbare Bestimmung mehr ist, die nicht ebenso gesetzt und der Begriff ist; in dieser Freiheit findet daher kein Übergang statt; das einfache Sein, zu dem sich die Idee bestimmt, 475 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus bleibt ihr vollkommen durchsichtig und ist der in seiner Bestimmung bei sich selbst bleibende Begriff. Das Übergehen ist also hier vielmehr so zu fassen, daß die Idee sich selbst frei entläßt, ihrer absolut sicher und in sich ruhend.“ Der aufgeklärte Nihilismus jedoch identifiziert das Absolute als ausschließliches Produkt der Einbildungskraft, eine ihrer Spielfiguren. Dabei ist er in der Fokussierung auf das Nichts einem Absolutum näher, als die landläufige Vorstellung vom Nihilismus vermuten mag: Wenn das Nichts „in der Mitte“ von Allem „ist“, dann begegnen wir hier einer absoluten Denk- bzw. Vorstellungsfigur wie der Null, die alle Multiplikationen verabsolutierend sich angleicht. Fiktionen von Dauer als Zipfel der Ewigkeit Dass wir unserem Sprechen, Tun, Denken eine Dauer unterstellen, d. h. diese Aktivitäten unter der Annahme durchführen, es sei nicht nur für den Augenblick gesagt, getan, gedacht, lässt sich zur Genüge beobachten. Diese Fiktionen von Dauer sind die Arbeitshypothese, mit der wir leben – Vorstellungen von Dauer, mit denen wir einen Zipfel der Ewigkeit erhaschen und in unser Leben hineinziehen wollen. Die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus opponiert solchen Versuchen nicht, aber lässt sie durchsichtig werden – in Hinblick auf das Nichts, in dem solche Versuche als Einbildungen verschwinden. – Wir können solchen Alltagsvorstellungen von Dauer immer wieder begegnen, Vorstellungen einer erschlichenen Ewigkeit, mit der wir unserer Vergänglichkeit opponieren, sie zumindest vergessen möchten. Indem wir solche Fiktionen durchschauen und als Fiktionen zugleich pflegen, können wir unseren Alltag an Vielschichtigkeit gewinnen lassen, ihn vertiefen. Anmerkungen 1) W. Adornos (ND S. 362) mäandrierende Dialektik will dem Begriff „Ewigkeit“ wohl schließlich diese Funktion einer vernünftigen Einbildung zubilligen: „Gleichwohl ist der Gedanke, der Tod sei das schlechthin Letzte, unausdenkbar. Versuche der Sprache, den Tod auszudrücken, sind vergebens bis in die Logik hinein; wer wäre das Subjekt, von dem da prädiziert wird, es sei jetzt, hier, tot. Nicht nur die Lust, die, nach Nietzsches erleuchtetem Wort, Ewigkeit will, sträubt sich gegen Verhängnis. Wäre der Tod jenes Absolute, das die Philosophie positiv vergebens beschwor, so ist alles überhaupt nichts, auch jeder Gedanke ins Leere gedacht, keiner läßt mit Wahrheit irgend sich denken. Denn es ist ein 476 Evidenzen der Einbildungskraft Moment von Wahrheit, daß sie samt ihrem Zeitkern dauere; ohne alle Dauer wäre keine, noch deren letzte Spur verschlänge der absolute Tod. Seine Idee spottet des Denkens kaum weniger als die von Unsterblichkeit. Aber das Unausdenkbare des Todes feit den Gedanken nicht gegen die Unverläßlichkeit jeglicher metaphysischen Erfahrung. Der Verblendungszusammenhang, der alle Menschen umfängt, hat teil auch an dem, womit sie den Schleier zu zerreißen wähnen.“ 2) Es war nur konsequent, dass die Konzeptionen einer autonomen Imagination in Aufklärung und Romantik solche Überlegungen zu einer Wirksamkeit des „bloß“ Imaginierten förderten. So entwickelte S.T. Coleridge das Modell des „willing suspension of disbelief for the moment, which constitutes poetic faith“ (Biographia Literaria, II 1907, S. 6), John Keats das einer „negative capability“. Zu Keats zusammenfassend Viebrock 1977, S. 99–102. Zur Romantik als europäischer Imaginationsbewegung Dod 1985, bes. S. 233–255 3) Platon 2004, S. 159 f. 4) Hegel VI (Wissenschaft der Logik 2), S. 573 (Die absolute Idee). Dass Geist als ein begreifendes auch ein anschauendes, ein-bildendes Vermögen ist und damit als ein Synonym der vernünftigen Einbildungskraft auftritt, lässt sich sprachlich wie inhaltlich an vielen Formulierungen Hegels zeigen. 477 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 190 Nietzsches „Abendröte der Kunst“ zielt nicht auf den Tod der Kunst ab, sondern deren wiederkehrende Strahlkraft für das Leben. In „Menschliches Allzumenschliches“, diesem „Buch für freie Geister“, relativiert Nietzsche bereits die Kunst- bzw. Künstlerideologien des 19. Jahrhunderts, welche die Leerstelle, die das Verschwinden absoluter religiöser Gewissheit gelassen hatte, ausfüllen sollten. Für Nietzsche, der selbst solche absolute Wertschätzung gegenüber der Literatur, vor allem der Musik ausgedrückt hatte, bedeutete dies, wie Frenzel betont, auch Abschied von einem Lebensabschnitt zu nehmen (1): „Aber auch die Kunst hat ihre führende Rolle ausgespielt. Im vierten Abschnitt, der ‚Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller‘ überschrieben ist, revidiert Nietzsche die eigene dionysische Vorstellung, der zufolge die Kunst das Leben zu erlösen vermöchte. Er nimmt Abschied von Wagner, der, hier immer nur als ‚der Künstler‘ bezeichnet, bereits der ‚Abendröte der Kunst‘ angehört: ‚Den Künstler wird man bald als ein herrliches Überbleibsel ansehen und ihm, wie einem wunderbaren Fremden, an dessen Kraft und Schönheit das Glück früherer Zeiten hing, Ehren erweisen, wie wir sie nicht gleich unseresgleichen gönnen. Das Beste an uns ist vielleicht aus Empfindungen früherer Zeiten vererbt, zu denen wir jetzt auf unmittelbarem Wege kaum mehr kommen können; die Sonne ist schon hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.‘“ Doch ist es zu einseitig, hier nur das Denkmotiv des Todes oder Bedeutungsverlustes der Kunst, wie es aus Hegelschem Kontext bekannt ist, herauszuhören und von Nietzsches Entfremdung von Wagner her zu erklären. Denn mit Nietzsches Denkfigur der ewigen Wiederkehr zusammengedacht wird die Abendröte der Kunst immer wieder am Himmel aufziehen. Die Schönheit der Kunst zeigt sich in ihrem immer wiederkehrenden Verschwinden, einer nihilistischen Auflösung, wie sie auch 478 Evidenzen der Einbildungskraft alle Lust kennt, die „tiefe, tiefe Ewigkeit“ will, aber diese nur vor der Folie des „Weh spricht: Vergeh!“ postulieren kann. (2) Der Schein der Kunst – bewirkt durch die zwischen Theorie und Praxis schwebende Tätigkeit der Einbildungskraft – ist ihr Versprechen wie Versagen. So bewirkt ihr melancholisch erfahrenes Verschwinden, dass „der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet“: Am Abglanz seiner Träume verstehen wir das Leben (3). Zarathustras beschwörende Worte an seine Brüder, der Erde treu zu bleiben, sind auch hier zu hören (4), ohne dass ein solches Erdenleben der Kunst entraten könnte, denn es bleibt auf ihr Verschwinden, ihre Abendröte angewiesen. Anmerkungen 1) Frenzel 2000, S. 97 f. (Zitat KSA II S. 186) 2) KSA IV S. 403 f. („Das Nachtwandler-Lied“) 3) Vgl. dieses Denkmotiv im erzählerischen Kontext des Romans „Nachtfahrt“ (NF) S. 216 4) Vgl. KSA IV S. 14 f. 479 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 191 Rhetorik der Ewigkeit Schon im Idealismus gewann der Gedanke Raum, dass die höchsten Leistungen des Geistes in der Kunst letztlich sich selbst bestätigende Einbildungen des Menschen seien. In ihrer im Nihilismus gezogenen Konsequenz ergibt sich solche „Ewigkeit“ der Kunst als rhetorische Selbstbekräftigung der Nachhaltigkeit ihrer Leistungen. Der Gedanke, dass „Ideal“ und „Unsterblichkeit“ ein „Traum“, d. h. Einbildungen seien, ist Schillers Idealismus schon vertraut; denn das Absolute der Kunst wird in den „Ästhetischen Briefen“ als „aufrichtiger“ und „selbständiger Schein“ definiert; (1) was Schiller jedoch von einer späteren, dezidiert nihilistischen Perspektive noch unterscheidet, ist die zusätzliche Einbildung, dies sei die einzige „große Erzählung“, neben der es keine anderen gleichrangigen geben könne, ein Glaube, der sich in begeisterter, „idealistischer“ Sprache niederschlägt: „Bei welchem einzelnen Menschen oder ganzen Volk man den aufrichtigen und selbständigen Schein findet, da darf man auf Geist und Geschmack und jede damit verwandte Trefflichkeit schließen – da wird man das Ideal, das wirkliche Leben regieren, die Ehre über den Besitz, den Gedanken über den Genuß, den Traum der Unsterblichkeit über die Existenz triumphieren sehen.“ (2) Es ließe sich sagen, dass die Einbildung des Absoluten bei Schiller durch eine weitere Einbildung potenziert und verfestigt wird, die kein „aufrichtiger“ und „selbständiger“ Schein mehr ist, sondern als Einbildung unerkannt bleibt: die Verabsolutierung des menschlichen Maßstabes und damit der an diesem gemessenen menschlichen Einbildungen. (3) Persuasive Rhetorik Eine Analyse der Alltagssprache zeigt, dass wir das Wort „Ewigkeit“ in eben solcher Form der übertreibenden Bekräftigung verwenden: „Ich warte hier schon ewig auf dich“ etc. Anmerkungen 1) Vgl. Schillers Definition dieses für die idealistische Kunstkonzeption zentralen Scheinbegriffes: „Nur soweit er aufrichtig ist (sich von allem Anspruch auf Rea- 480 Evidenzen der Einbildungskraft lität ausdrücklich lossagt), und nur soweit er selbständig ist (allen Beistand der Realität entbehrt), ist der Schein ästhetisch. Sobald er falsch ist und Realität heuchelt, und sobald er unrein und der Realität zu seiner Wirkung bedürftig ist, ist er nichts als ein niedriges Werkzeug zu materiellen Zwecken und kann nichts für die Freiheit des Geistes beweisen.“ Schiller V („Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“, 26. Brief) S. 659 2) Ebd. (Hervorhebung von uns) 3) Nietzsche geht mit seiner Aufdeckung des Anthropozentrismus in „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ einen Schritt weiter (KSA I S. 875 u. 850 f.) und zieht die nihilistische Konsequenz: „Aber die Dinge, an welche wir glauben als dauerhaft, sind als solche reine Fiktionen. Wenn Alles fließt, so ist die Vergänglichkeit eine Qualität (die „Wahrheit“) und die Dauer und Unvergänglichkeit bloß ein Schein.“ KSA XIII S. 46 481 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 192 Apologie der Subjektphilosophie: Zehn Thesen In der Evidenz der Einbildungskraft kann Sinn nur in widersprüchlicher Weise gefunden werden: als vom Subjekt bloß eingebildeter, der sich doch als dem Subjekt objektiv gegebener, „wirklicher“ Sinn darstellt – gebrochen in Fragmentarisches. So gewährt das scheinhafte Verlassen des „Subjektkastens“ eine uns vor neuem Mythenterror bewahrende Rückholgarantie. Die heute trivial dünkende sog. „Sinnfrage“ wird für gewöhnlich mit der ebenso trivialen Antwort pariert, der Sinn des Lebens sei eben der, den der Fragende ihm gebe. Doch diese Antwort verschleiert nur den Nihilismus, den der Antwortende sich nicht eingestehen möchte. (1) Denn der nach Gutdünken produzierte Sinn ist ebenso wenig Sinn wie der bloß gemachte Gott über den Götzenkult hinauszuführen vermag. Sinn – in dem hier philosophisch gemeinten Verständnis eines gültigen Sinnes unserer Existenz – impliziert eine Evidenz, die sich jenseits aller Machwerke dem Subjekt aufschließt. Vom Imaginationsbegriff her, der die Subjektivität des Vorstellenden wie des Vorgestellten impliziert, kann solche Evidenz nur in widersprüchlicher Weise gedacht werden. Dieser Widerspruch tut sich auf an der schwierigen Demarkationslinie, an welcher der Nihilismus überwunden wäre und die Parusie des Wahren unser Leben mit der Gewissheit eines neuen Sinnes erfüllen könnte. Der aufgeklärte Nihilismus vermag sich an dieser Demarkationslinie nur entlangzutasten, ohne sie zu überschreiten. (2) Einige Aspekte solcher Tastversuche seien in den folgenden 10 Thesen zur Sinnfindung im Rahmen der Subjektphilosophie entworfen: 1. Die Erfahrung der Leere ist die Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung von Sinn. Denn durch dessen Vorgabe wäre der Nihilismus in schlechter Metaphysik überwunden. Erst im Durchgang durch den passiven Nihilismus kann nach dieser Erfahrung des Nichts das Subjekt die aktive Ausgestaltung von Sinnzusammenhängen versuchen. Die so verankerte Aktivität bietet dabei die Chance, sich von heteronomen Vorgaben, Vorstellungen, Meinungen und Ideologien so weit wie möglich zu lösen und autonome, selbstbestimmte Sinnzusammenhänge im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu stiften. Das Nichts bleibt die Grundie- 482 Evidenzen der Einbildungskraft rung solcher Sinnfindungen: es „scheint durch sie hindurch“. In dieser Beziehung konstituiert sich die Selbstdurchsichtigkeit der Einbildungskraft, wenn sie Sinn „einbildet“. Dabei ist die Vorstellung einer völligen mentalen Leere ein Ziel, eine Arbeitshypothese, selbst eine Form der vernünftigen Einbildung, denn in empirischen Zusammenhängen wird es uns kaum gelingen, in dieser radikalen Weise „den Kopf frei zu bekommen“; eher werden wir zu Stadien einer partiellen Entleerung gelangen. Dennoch wird uns diese Fiktion von einer in uns gänzlich freizuräumenden Leere entscheidende Hilfen bieten, weitestgehend selbstbestimmte Denk- bzw. Imaginations prozesse in Gang zu setzen und im Bewusstsein von Selbstständigkeit abzuschlie- ßen. 2. Erinnern wir uns daran, dass das Nichts nicht nur als Abwesenheit von Seiendem definiert ist, sondern auch dessen kontingenten, bloß additiven Status meint, der auf kein Telos hin geordnet ist, dann bedeutet die Stiftung von Sinn die vorübergehende Ordnung und Verbindung solch additiv verfassten Materials, das Überspielen bloß additiver Strukturen, deren Verbindung zu kleinen oder großen „Erzählungen“. So entstehen flüchtige, scheinhafte, fragmentarische Gebilde von Sinnzusammenhängen; nehmen sie größere Dimensionen an, dann dürfte ihr konstruktivistischer, artistischer, gewollter Charakter umso mehr hervortreten. 3. Die so entstehenden Sinnzusammenhänge sind fragmentarisch, verhalten sich gegeneinander kontingent, ergeben nicht die eine, durchgehende Linie, den einen „roten Faden“. Es ließe sich die These vertreten, dass mit der Zunahme der Länge einer solchen durchgehenden Linie die Gefahr der Ideologisierung und Hypostasierung von nicht durchschauten Einbildungen wächst. 4. Inhaltlich gesehen, kann nur die immanente Evidenz für das sinnstiftende Subjekt entscheidend sein. Es gibt keine externen Vorgaben für geglückte Sinnfindung, wenn wir den Begriff des Nihilismus in seiner selbstreflexiven, aufgeklärten Form ernst nehmen. 5. Eine nihilistische Umwertung der Werte könnte in der Hinsicht stattfinden, dass das Nichts die Grundierung all unserer versprengten Sinn- 483 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus bemühungen bildet und wir deshalb auch die kleinsten Spuren von Sinn besonders zu bewerten wissen. Ist die Leere die Messgrundlage, werden wir von diesem Nullpunkt aus es nicht nur schätzen, wenn das Glas halb voll ist, wie die Redensart sagt, sondern selbst dem unscheinbarsten Tropfen in ihm unsere Wertschätzung zuteilwerden lassen. Nietzsches Konzeption des Übermenschen könnte hier in ihrer Umkehrung ins Kleine gedacht werden, als Fähigkeit den Trivialitäten des Alltags ihren Sinn abzutrotzen. (3) 6. Da Sinnfindung als subjektive Veranstaltung veränderbar, fragmentarisch und oft nur flüchtig bleiben mag, gewinnen wir in solcher Vorläufigkeit die nihilistische Rückholgarantie: Was Sinn machte, können wir negieren und unsere Sinnfindungen in dem Nichts sich verflüchtigen lassen, aus dem wir sie im aktiven Nihilismus heraus entwickelten. Unseren Drang, den „suspension of disbelief “ zu verlängern, uns dauerhaft Imaginationen hinzugeben, kennen wir aus der Begegnung mit den Phantasieprodukten der Massenmedien bis hin zu denen der Künstler. Bei aller Evidenz, welche die Einbildungskraft zu entfalten vermag, holt uns der aufgeklärte Nihilismus doch zurück in das Bewusstsein unserer Subjektivität. Der Preis dieser nihilistischen Rückholgarantie ist der Verlust einer positiven, nachhaltigen „Wahrheit“. (4) Doch nachdem wir den einen, großen „Sinn des Lebens“ verloren haben, gewinnen wir im Zeitalter des Nihilismus höchste Flexibilität in der Anpassung unserer Sinnfindungen an das, was uns jeweils als evident erscheint. Wir schöpfen – fernab von drohenden Ideologien der Vollkommenheit – nur das uns jeweils Mögliche aus, wie das Motto zu dieser Studie betont: Meine Seele, strebe nicht nach Unsterblichkeit, Das Mögliche schöpfe aus in deiner Bemühung! (5) 7. Es kann als Definition von Nihilismus genommen werden, dass er uns keine endgültige Möglichkeit aufweist, aus dem „Subjektkasten“ zu entfliehen. (6) Darin unterscheidet er sich von esoterischen oder spiritualistischen Richtungen, die solche Grenzübertritte oder Bewusstseinssprünge nicht nur mit aller Vorsicht wagen und wieder zurücknehmen, sondern zuweilen munter in solch fremdem Terrain herumspazieren. (7) Dass es dabei zu eindrucksvollen Gedanken und überzeugenden Absichten kommt 484 Evidenzen der Einbildungskraft (auch das Gegenteil kann der Fall sein), ändert nichts daran, dass hier die subjektiven Vorstellungen, in welchen sich die Autoren bewegen, nicht mehr als solche von ihnen erkannt werden. Sie glauben, sich des „Dings an sich“ im Wissen bemächtigt zu haben und die von Kant gezogene Grenzlinie überschreiten zu können, welche der aufgeklärte Nihilismus im Bewusstsein hält, sodass er eventuelle Grenzüberschreitungen immer wieder als subjektive Veranstaltungen erkennen und zurücknehmen kann. (8) 8. Dies gilt auch für die in der sog. Postmoderne bzw. dem Poststrukturalismus beliebt gewordene Kritik an dem, was sie als Subjektphilosophie überwinden möchten. (9) Gewiss ist es verführerisch, sich in Bereiche hineinzudenken bzw. hineinzuimaginieren, die von allen Spuren subjektiver Zurichtung unberührt erscheinen. Doch drohen solche Wege in der Herrschaft neuer Mythologien zu enden, von denen sich das Subjekt, das sich selbst aufgegeben hat, nicht mehr befreien kann und aus denen es gerne in die Befindlichkeit des Nihilismus zurückgehen würde, wenn dies dann noch möglich wäre. Der Weg der Subjektphilosophie – und dies zeigt eindringlich ihre Entwicklung von Kant zu Nietzsche – hat mit Konsequenz in den Nihilismus geführt, der nur vom Subjekt her die Subjektivität von Erkenntnis überwinden könnte. Dies gilt auch für Foucaults zunächst rückwärtsgewandten Versuch, in einer „Archäologie des Wissens“ die Schichten vor der Konstitution des Subjekts freizulegen, die doch nur von diesem her gedacht werden können: Eine „Ordnung der Dinge“ vor oder nach dem Subjekt wäre der uns prinzipiell unzugängliche Bereich des „Dings an sich“ (10). 9. Angesichts dieser logischen Unmöglichkeit einer subjektlosen Überwindung der Subjektivität von Erkenntnis sei daran erinnert, dass die Subjektphilosophie nicht in einem verhärteten Anthropozentrismus enden und die umgebende Welt zu Schanden richten muss. Im Gegenteil bieten sich gerade vom Subjekt her Möglichkeiten, seinen Willen zur Macht zu reflektieren und dem nicht vom Subjekt Gemachten Wertschätzung angedeihen zu lassen. Kants Wertschätzung des gerade nicht vom Subjekt gemachten Naturschönen ist hierfür ein herausragendes Beispiel. (11) 10. Solche Reflexion von subjektiver Macht ist in Kants kosmopolitischen Reflexionen in seinen Schriften zur Geschichtsphilosophie durchaus 485 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus angelegt. (12) Eine Überwindung des machtbesessenen Anthropozentrismus ist nur von diesem her möglich. Dieser Weg erscheint uns als die einzig humane Lösungsmöglichkeit innerhalb des „Subjektkastens“. Auch wenn wir unser Projekt eines aufgeklärten Nihilismus als offen und unabgeschlossen verstehen, ist es doch Teil eben dieses Projektes, vor möglichen Gefahren und Scheinlösungen zu warnen, die sich mit einer Forderung nach Überwindung der Subjektphilosophie einschleichen. Anmerkungen 1) ND S. 367: „Der Begriff des Sinns involviert Objektivität jenseits allen Machens; als gemachter ist er bereits Fiktion, verdoppelt das sei’s auch kollektive Subjekt und betrügt es um das, was er zu gewähren scheint. Metaphysik handelt von einem Objektiven, ohne doch von der subjektiven Reflexion sich dispensieren zu dürfen.“ 2) Heidegger überschreitet in seinem Seinsbegriff diese Demarkationslinie, obwohl das Eingeständnis Platz greift, dass es vor einer in der Zukunft liegenden „Kehre“ mit dem Sein noch „nichts ist“. (Vgl. Heidegger 1950, Nietzsches Wort „Gott ist tot“, S. 264f.) So ist auch für Heideggers Kunstauffassung der Imaginationsbegriff wegen seiner Verankerung in Subjektivität eher störend (Heidegger 1950, Der Ursprung des Kunstwerkes, S. 60), obwohl er bereits seit der Romantik die unumgängliche Grundlage der Kunsttheorie bildet: „Was die Dichtung als lichtender Entwurf an Unverborgenheit auseinanderfaltet und in den Riß der Gestalt vorauswirft, ist das Offene, das sie geschehen läßt und zwar dergestalt, daß jetzt das Offene erst inmitten des Seienden dieses zum Leuchten und Klingen bringt. Im Wesensblick auf das Wesen des Werkes und seinen Bezug zum Geschehnis der Wahrheit des Seienden wird fraglich, ob das Wesen der Dichtung, und das sagt zugleich des Entwurfes, von der Imagination und Einbildungskraft her hinreichend gedacht werden kann.“ Zum Imaginationsbegriff als Grundlage der Ästhetik im Sinne einer philosophischen Disziplin s. DVI, bes. S. 233–255 3) Auf ein solches Kippbild des Übermenschen gibt es bei Nietzsche Hinweise; vgl. KSA II S. 550 f. u. 575 f., VI S. 295 f. 4) Prokop 2002, S. 216 f., 257 f., verwendet den Begriff „Rückholgarantie“ in Hinblick auf die in den Massenmedien vermarkteten Phantasien. 5) Pindar (übersetzt von E. Dönt) 1986, S. 105 6) Vgl. Nietzsche (KSA IX S. 431): „Das Subjekt wegdenken – das heißt sich die Welt ohne Subjekt vorstellen wollen: ist ein Widerspruch: ohne Vorstellung vorstellen! Vielleicht giebt es hunderttausend subjektive Vorstellungen. Unsere menschliche wegdenken – da bleibt die der Ameise übrig.“ Trotzdem verfolgt Stegmaier (2016, S. 128 ff.) „Nietzsches Ersetzung des Subjekt-Begriffs durch den Perspektiven-Begriff “, der aber mit dem Subjektbegriff verbunden bleibt, auch wenn Nietzsche diese Voraussetzung nicht in jeder Formulierung über Perspektivismus ausgesprochen hat. 486 Evidenzen der Einbildungskraft 7) Dies meint Camus mit dem Sprung („saut“) aus der Absurdität der menschlichen Existenz (2000, S. 61 u. passim). Beispiele hierfür sind Legion. Es sei nur auf einen der Bestseller von Eckhart Tolle verwiesen: „Eine neue Erde. Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung.“ 10. Aufl. 2005 Kant selbst konnte seine Position in der Auseinandersetzung mit Swedenborg schärfen, dessen Spiritualismus dennoch in der Folgezeit beharrlich wiederkehren sollte; so beispielsweise in weiten Bereichen des Werkes von Rudolf Steiner. 8) Buddhistische Denker haben sich an diesem Problem immer wieder abgearbeitet, dass das Nichts einen das Subjekt transzendierenden Bereich meint und doch nur von diesem her gedacht sein kann. Heisig („Philosophers of Nothingness“, 2001, S. 61) zeigt dies in Hinblick auf Nishida Kitaro, einen Hauptvertreter der Kyoto – Schule, der versucht „absolute nothingness“ begrifflich zu fassen: „The idea of grounding all thought in a single, absolute principle continued to pester Nishida, like a fly buzzing inside his head that he could not swat down. While the terms ‘pure experience’ and ‘absolute will’ had disappeared, the assumption of an absolute beyond subject and object and yet somehow knowable had not. The more he realized that none of his solutions had managed really to dislodge the subject from center stage – in his terms, that a certain ‘psychologism’ still remained – the more acute became the need for a replacement absolute. He sought it in turn to religion and found it in the idea of nothingness.“ 9) Ein typisches Beispiel für eine solche Suchbewegung aus der Subjektphilosophie hinaus bietet Welsch (2017, S. 239 f. u. passim); gerade Kunst und ästhetische Erfahrung, deren „Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann“ (Kant im § 1 der KdU; Herv. ebd.), sollen diesen Weg weisen: „Inzwischen bin ich auf der Suche nach einer grundlegenden Revision in der Philosophie, und dabei sind Kunst und ästhetische Erfahrung erneut richtungweisende Weggefährten. Die Denkweise der Moderne scheint mir verengt und verfehlt zu sein. Ihr Prinzip war 1755 durch Diderot formuliert worden: ‚Der Mensch ist der einzigartige Begriff, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen muß.‘ Kant hat diesem neuartigen Anthropozentrismus dann noch vor Ende des 18. Jahrhunderts seine für die Folgezeit wirkmächtige epistemologische Legitimation verliehen. Seither bewegt sich die Moderne in einem anthropischen Gefängnis … Worauf es ankäme, wäre eine Sicht des Menschen, die es von vornherein nicht erlaubte, vom Menschen als solchem auszugehen und alle Weltverhältnisse von ihm aus zu konstruieren.“ Bei seinen noch unausgeführten Versuchen erwägt Welsch: „Statt des homo humanus wird der homo mundanus zur neuen Leitfigur.“ (Ebd. S. 241) Dieser ist aber in Kants Konzeption einer Allgemeinvernunft bereits angelegt, insbesondere deren besonderer Wertschätzung des Naturschönen, das seine Bedeutung gerade dadurch erhält, dass es nicht als bloßes Konstrukt des Menschen erscheint. 10) Foucault 1971 11) KU (§ 42: „Vom intellektuellen Interesse am Schönen“) S. 395–400 12) KW Bd. VI („Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ und „Zum ewigen Frieden“) 487 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 193 Nietzsches Dreischritt der Sinngebung In Zarathustras allegorischer Rede von den drei Verwandlungen des Geistes geht es weniger um Lebensabschnitte als immerwährende Möglichkeiten unserer Existenzgestaltung: Als Kamel tragen wir die Last der aufoktroyierten Vorstellungen, von denen sich das Nein-Gebrüll des Löwen befreit – und die große Leere der Wüste schafft, den fruchtbaren Boden für den aktiven Nihilismus. Hier werden wir wie ein spielendes Kind aus uns selbst heraus aktiv, Sinn schaffend ohne alle Vorgaben aus der Kamelexistenz. In dieser Weise ergibt sich die Zusammenfassung des Dreischritts aus Zarathustras Rede „Von den drei Verwandlungen“ (1): Zunächst tragen wir als Kamele die Sinnzuweisungen aus unserem jeweiligen historischen Horizont mit uns herum – in einer unumgänglichen wie bereichernden Phase. Allerdings dürfte hier nur modellhaft von Lebensphasen die Rede sein. Eher geht es um immerfort präsente Möglichkeiten innerhalb unseres gesamten Lebenslaufes. Wenn dann das „Nein!“ des Löwen in uns ertönt, werden wir uns der Wüste und Leere bewusst, welche Preis wie Chance solcher Befreiung ist. Vor uns öffnet sich das Nirwana, hier verstanden als Betätigungsfeld und fruchtbarer Boden des aktiven Nihilismus. Auch hier muss keine Lebensphase, keine totale Negation gemeint sein. Das „Nein!“ mag sehr verhalten ertönen, hin und wieder in uns laut werden und sich nur auf Teilaspekte der äußeren Sinnzuweisungen beziehen. Das Nichts öffnet sich dann gleichsam nur in Zwischenräumen, Spalten oder Leerstellen, wobei die vorangegangene Kamelexistenz eine unerlässliche Voraussetzung solcher Erfahrungen einer leeren Freiheit bildet. Diese Freiheit ist noch unvollkommen, da wir im Kampf gegen den Drachen, der die Tradition der ehrwürdigen Pflichten verkörpert, an das Nein gefesselt bleiben, den Kampf gegen die Pflichten führen müssen. In reifer Kindlichkeit, die gerade in einem späteren Lebensalter wieder durchzubrechen vermag, werden wir verstreute Sinnstränge aufgreifen, neu knüpfen oder gar neu erschaffen, wie auch immer dies unseren Möglichkeiten entspricht. Die Erfahrung des Nirwana, der umfassenden „wüsten“ Leere bleibt dabei als grundierende Hintergrunderfahrung präsent. Wir rücken in dieser Phase oder besser: existenziellen Befindlich- 488 Evidenzen der Einbildungskraft keit nicht an die Leerstelle, die das Verschwinden der Götter hinterlassen hat. Es geht uns nicht darum, einem Zwang zur Vollkommenheit zu gehorchen, wie er aus der religiösen Tradition einer „kamelhaften“ Existenz noch in uns Nachwirkungen zeitigt und in Zarathustras Rede von dem Drachen mit goldenen Schuppen Gestalt gewinnt, an denen „(t)ausendjährige Werte glänzen“. Diese Werte vergessend, mögen wir uns in der kindlichen Befindlichkeit der dritten Verwandlungsmöglichkeit als Übermenschen empfinden und uns gemäß Nietzsches Rhetorik so titulieren, doch Götter sind wir nicht geworden. Wir ergreifen das uns Mögliche im Spiel der Einbildungskraft, die wie „ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen“ unsere rationalen Kräfte lenkt. Sinn wird hier subjektiv geschaffen und erhält zugleich im Vollzug dieser im weitesten Sinne spielerischen Tätigkeit seine objektivierte Evidenz. Eine so verstandene menschlich-übermenschliche Kindlichkeit ist eine immer präsente Möglichkeit, die sogar in mannigfacher Verwobenheit mit den beiden anderen Formen der Metamorphose des Geistes auftauchen kann, wie sie Nietzsches Zarathustra um der Klärung willen zunächst einmal in reiner, verbildlichter Form als Kamel, Löwe und Kind isolieren musste. Dieser evolutionäre, aber im menschlichen Geist zentrierte Vollendungsweg, den Nietzsches plastische Bildersprache idealtypisch skizziert, führt vom passiven, negierenden in den aktiven, bejahenden Nihilismus, der dabei nicht überwunden, sondern weiter geführt, zu Ende geführt, vielleicht vollendet wird – auch wenn Nietzsche sich in einer noch unausgegorenen Logik zum ersten Entdecker und zugleich Überwinder des Nihilismus stilisieren wollte. (2) Anmerkungen 1) KSA IV S. 29–31 2) Vgl. KSA XIII S. 190 489 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 194 Ohne Offenbarungsbotschaft aus Diesseits und Jenseits Die widersprüchliche Rede von einer nihilistischen Botschaft hat lediglich den Sinn, uns in der Einsicht in die Haltlosigkeit unserer Existenz ein Höchstmaß an Autonomie zu ermöglichen, die in den Schöpfungen der Einbildungskraft ihre ephemere Erfüllung findet. So ließe sich zusammenfassen, dass der „aufgeklärte Nihilismus“ einen umfassenden Skeptizismus in sokratischer Tradition begründet, der sich keineswegs im bloßen Negieren erschöpft, sondern im Medium der vernünftigen Einbildungskraft Positionen zu schätzen weiß, die bei all ihrer Evidenz eines „Daimonion“ letztlich in die Nichtigkeit gesetzt bleiben. Dabei wird der Zwang zur unumstößlichen, umfassenden Sinngebung einer Jenseits- wie Diesseitsgläubigkeit aufgelöst. Wenn von einer Botschaft des aufgeklärten Nihilismus überhaupt geredet werden kann, dann lautet sie kurz und bündig: Wir müssen uns mit dem „Nichts“ abfinden als Antwort auf alle unsere letzten Fragen, wir müssen dieses Nichts aushalten und durchstehen – so lange wir der lebensstarken Fiktion folgen wollen, unsere Existenz sei erhaltenswert. Eines letzten Haltes verlustig, sind wir einerseits in dieser Nichtigkeit, in die unsere Existenz hineingehalten ist, der Verlorenheit preisgegeben. Andererseits gewinnen wir in dieser Haltlosigkeit auch ein Höchstmaß an Autonomie, aus der heraus wir nach dem Verlust von Seinsgewissheit mit unserer Einbildungskraft Evidenzen schaffen können, um unserem Leben eine vernünftig erscheinende Begründung immer wieder vorübergehend zu geben. Unser Leben wird dann Material für unsere reflexionsgesättigte, schaffende Einbildungskraft und im weitesten Sinne zu unserem künstlerischen Werk. (1) In nuce heißt dies, dass wir das Nichts als Erfahrung der Sinnlosigkeit bzw. Sinnwidrigkeit unserer Existenz in uns „herumtragen“, es erkennen und anerkennen müssen, dabei vielleicht schätzen lernen. Unserer Tendenz, dieses Vakuum, diese Sinnleere – womit auch immer – aufzufüllen: mit Ideologien, „Glaubenstatsachen“, heimlichen Götzen, Lebenslügen, Positivitäten, Süchten etc., wirkt das aufgeklärte Bewusstsein des philosophischen Nihilismus entgegen, das solche umfassenden Sinngebungen ihrer letztlichen Nichtigkeit überführt. Was bleibt, sind vorübergehende, ephemere Evidenzen von Sinn, „Feuerfunken“, die – kaum dass 490 Evidenzen der Einbildungskraft sie aufsprühen – schon wieder verschwunden sind auf unserer „Fahrt durch die Nacht dieses Lebens“. (2) Diese negative „Wahrheit“, so banal sie erscheinen mag, bleibt für unseren nach umfassendem Lebenssinn strebenden Lebensdrang schwer zu akzeptieren (3), gewährt aber den Vorteil, dass sie in Einklang mit einem aufgeklärten Bewusstsein steht, das sich Wahrheit versagen muss, weil es wahrhaftig bleiben möchte. Aller beständigen Seinsgewissheiten enthoben, gibt uns diese Freiheit der negativen „Wahrheit“ – so absurd und furchterregend sie ist – doch ein Höchstmaß an Möglichkeiten der sinnvollen Selbstgestaltung in einzelnen Fragmenten unseres Lebens zurück, selbst wenn diese zu einem sinnvollen Ganzen sich nicht mehr zusammenfügen. Befreit vom Zwang zur Suche nach einem sinnstiftenden Ganzen, in das wir unser Leben hineinpressen wollten, befreit von dem Psychoterror der großen religi- ösen und politischen wie auch der kleinen Alltags-Ideologien und ihren Erwartungen, die sie uns aufzwangen, widmen wir uns nun – als aufgeklärte Nihilisten – den versprengten Fragmenten von Sinn, die uns „ein-leuchten“ und als Ent-Täuschungen wieder vergehen. Fausts Skepsis: „Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ (4) betrifft in diesem Kontext nicht nur den Jenseits –, sondern auch den Diesseitsglauben. Hier greift Nietzsches Zarathustra zu kurz, wenn er die Treue zur Erde predigt und nur vor den Giftmischern warnt, die uns auf das Jenseits vertrösten möchten (5). Falsche Metaphysik verbreiten auch die, welche uns ein alsbald bevorstehendes irdisches Paradies vorgaukeln, für das wir nur noch dieses oder jenes Opfer zu bringen, uns selbst zu opfern hätten. Der aufgeklärte Nihilismus erkennt sich als ein defizitärer Status, dem die Versöhnung und Vollendung des Menschen versagt bleibt: er ist eine Philosophie des Entzugs von Sinn. Die Hoffnung auf ein Jenseits behält sogar die Berechtigung, dass sie der Leichtgläubigkeit, es werde hier schon bald alles in Ordnung sein, opponiert. Oszillierend zwischen Diesseits und Jenseits verdünnen sich die Botschaften, die wir hören und verarbeiten, zu instabilen Hoffnungen, die unsere Einbildungskraft erweckte und von denen sie nicht lassen möchte. Als erleuchtete Fiktionen mögen sie uns antreiben, hier und jetzt das zu tun, was für uns Menschen getan werden kann, und so das uns Mögliche auszuschöpfen (6), ohne blinder Diesseits- oder Jenseitsgläubigkeit zu verfallen. 491 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus Anmerkungen 1) Es versteht sich, dass hier nicht ein harmonistischer Kunstbegriff gemeint sein kann, sondern die nicht mehr schöne Kunst. 2) Die in der „nihilistischen“ Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“ verwendeten Bilder der „Nachtfahrt“ und „Feuerfunken“ sind auch hier sinnbildliche Leitmotive. 3) Dass wir von solchen unbeantwortbaren metaphysischen Fragen nicht ablassen können, ist nach Kant „das besondere Schicksal“ unserer Vernunft (Vorrede zur ersten Auflage, KrV S. 11). 4) Goethe: Faust („Nacht“) V. 765. 1986 5) KSA IV S. 14 f. 6) Im Sinne der Verse aus Pindars Ode, die als Motto dieser Studie vorangestellt sind. 492 Evidenzen der Einbildungskraft § 195 Politik: Nichts als Hoffnungen Der aufgeklärte Nihilismus ist die notwendige Bedingung der Möglichkeit politischer Aktivitäten, wenn diese nicht vorgefertigten Ideologien, sondern dem evidenten Bild vom Menschen dienen wollen, über den keine Ideologie, keine „Wahrheit“ und keine Macht als Zweck hinausreicht. Als eine solche transzendentale Bedingung der Möglichkeit humanerer Politik mag der aufgeklärte Nihilismus die Herrschaft der Machtideologien auflösen helfen. Wie in einem methodischen Mantra sei auch in Hinblick auf die politische Rolle des Nihilismus an dessen janusköpfiges Gesicht erinnert: Während der passive Nihilismus alle politischen Bindungen und Zielvorstellungen negiert und eine Leere freiräumt, in der ideologische Ver festigungen sich auflösen, entwickelt der aktive Nihilismus politische Vorstellungen gemäß der Evidenz eines jeweiligen situativen Kontextes, sodass diese flexibel und – jenseits ideologischer Verkrustungen – frei verfügbar bleiben. Dieses Ergebnis ist nicht so dürftig und vage, wie es zunächst erscheinen mag. Denn auch der Wille zur Macht, dem unsere politische Welt immer noch ausgeliefert zu sein scheint, wird in diesen Auflösungsprozess einbezogen, wenn Nihilismus sich selbst reflektiert und in solcher Selbstermächtigung die Nichtigkeit des Glaubens an die Macht durchschaut, wie er sich in Nietzsches vorgeblicher Überwindung des Nihilismus abzeichnet. Nicht nur der Wille zur Macht selbst, sondern auch die Inhalte, mit denen er sich verbindet, werden in die nihilistische Selbstreflexion einbezogen. Spektakuläre Ergebnisse zu erwarten bleibt einem Bewusstsein vorbehalten, welches vom Showbusiness geprägt ist. Der aufgeklärte Nihilismus eignet sich unter diesem Aspekt wenig für Parteigründungen, programmatische Erklärungen, Spruchbänder oder Fahnen. Eher wirkt er im Stillen, ist kontemplative wie aktiv verändernde Philosophie, zunächst vielleicht nur weniger, welche in der Rätselhaftigkeit der Welt nach den wenigen Erklärungen suchen, die uns möglich sind, und in Graswurzelaktivitäten immerhin das wenige verändern wollen, was veränderbar erscheint, und dies auch tatsächlich verändern. Wir wollen zunächst in unserem offenen Projekt einer fortzuführenden Philosophie des aufgeklärten Nihilismus den Boden bereiten, auf dem Ratgeber, Manifeste, 493 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus politische Theorien und Programme noch entstehen könnten. Denn noch sind wir erst dabei, den Nihilismus, diesen unheimlichsten aller Gäste heimisch werden zu lassen, ihn als Gast zu erkennen und anzuerkennen – als Spiegelbild von uns selbst. In der philosophischen Grundlegung, um die es hier geht, können wir den aufgeklärten Nihilismus als die notwendige Bedingung der Möglichkeit politischer Aktivitäten begreifen, wenn sie nicht vorgefertigten Ideologien und dem Machtanspruch von Parteibüchern, sondern dem Thema selbst dienen wollen, um das es geht: dem Menschen, über den keine Ideologie, keine sogenannte Wahrheit und keine Macht als Zweck hinausreicht. Als eine solche transzendentale Bedingung der Möglichkeit humanerer Politik mag der aufgeklärte Nihilismus etwas Hoffnung in die Welt tragen, so sehr diese auch den Ideologien des Geldes, des Marktes, der Macht – drapiert in die „Wahrheiten“ ökonomischer, politischer und religiöser Provenienz – ausgeliefert zu sein scheint. Selbst die Einsicht in die Hoffnungslosigkeit solcher Verfestigungen schafft immerhin die Distanz, die zu der gewagten Hoffnung Anlass geben könnte, dass wir dem Räderwerk des Willens zur Macht nicht nur als Schmiermittel dienen. Die Hoffnung bleibt sich somit im Nihilismus selbst überlassen, ist des Glaubens an äußere Verankerungen weitgehend verlustig gegangen, sodass sie nur noch auf sich selbst bauen kann: „(…) to hope till Hope creates / From its own wreck the thing it contemplates; (…)“ (1) Offen bleibt hier in unserer erst die Grundlagen schaffenden Philosophie des aufgeklärten Nihilismus, welche Rolle die Evidenzen des einzelnen Individuums und seine Hoffnungen in politischen Zusammenhängen spielen könnten. Kants Fragen „Was darf ich hoffen? Was soll ich tun?“ werden hier erweitert zu den Fragen: „Was sollen und wollen wir tun? Was dürfen und wollen wir hoffen?“ Erst in deren Beantwortung können solche Evidenzen – und nicht der bloße Wille zur Macht in seinen ökonomischen Manifestationen – zum Tragen kommen. Hier eröffnet sich ein weites Feld politischer Theoriebildungen, die nicht Gegenstand dieser Monographie sind, aber in deren Grundlagenarbeit vorbereitet werden. Nur so viel sei gesagt: Diese Staats- und Gesellschaftstheorien müssten bei aller Unterschiedlichkeit – wenn sie den aufgeklärten Nihilismus ernst nehmen – bestimmten Grundanforderungen genügen; da Wahrheit in einem positiven Verständnis nicht mehr vorauszusetzen ist, gilt 494 Evidenzen der Einbildungskraft es in einer im wirklichen Sinn des Wortes liberalen Staatsverfassung allen Möglichkeiten von evidenter Wahrheitsfindung Raum zu geben, solange nicht eben dieser Raum eingeengt oder negiert wird. Dabei muss in Fragen der Einflussnahme sichergestellt sein, dass Evidenzen ernst genommen werden und nicht deren Durchsetzung durch wirtschaftliche Macht die Oberhand gewinnt. Die Zügelung wirtschaftlicher Macht in Bezug auf die politische Sphäre der Willens- und Meinungsbildung muss also gewährleistet sein, damit nicht die „Wahrheiten“ vorgeblicher Sachzwänge das übertrumpfen, was uns evident ist. Erst dann kann von Liberalität in unserem Sinne die Rede sein. Das philosophische Denken stößt hier allerdings auf das Chaos der Kontingenz, eine Gemengelage, in der das beginnt, was wir die „Nachtfahrt“ genannt haben – hier unsere gemeinsame Nachtfahrt, die von den Evidenzen und „Feuerfunken“ unseres Denkens und Imaginierens auch im gesellschaftlich – politischen Bereich begleitet und erhellt sein möge. Anmerkungen 1) Shelley („Prometheus Unbound“) 1970, S. 268 (IV, V. 570–578) 495 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 196 Ausdehnung und Verengung des ästhetischen Zirkels Unserer Vernunft ist „Wahrheit“ im Zeitalter des Nihilismus verloren gegangen, aber mit der im weitesten Wortsinn künstlerischen Produktivität der Einbildungskraft können wir jenen Verlust zu kompensieren suchen. Kunst soll übertreten ins wirkliche Leben, wird aber in Enttäuschungen und Vereitelungen immer wieder der Zurückweisung gewahr. Diese beiden gegenläufigen Bewegungen der Ausdehnung und Verengung eines „ästhetischen Zirkels“ prägen das nihilistische Zeitalter. Eine Neugründung unseres Lebens in der schaffenden Einbildungskraft meint Nietzsche, wenn er sagt: „… nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt …“ Denn unserer Vernunft ist die Wahrheit im Zeitalter des Nihilismus verloren gegangen. „ Die Wahrheit ist häßlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehn.“ (1) Nur in unserer Einbildungskraft können wir im Sinne eines aktiven Nihilismus jenen Verlust zu kompensieren suchen. Damit will der Mensch zum Künstler im weiteten Sinne werden, das Dasein zum Kunstwerk gestalten. Solch zentrale Funktion des Ästhetischen ist im deutschen Idealismus und der Romantik vorbereitet worden, wobei der Nihilismus die idealistischen Überspannungen und Hypostasierungen von „Wahrheit“, die sich hier mit der Einbildungskraft verbunden hatten, schrittweise aufgelöst hat. Aber die realen Widerstände und theoretisch fundierbaren Bedenken gegen solche Übertrittsphänomene der Kunst sind seit Idealismus und Frühromantik bekannt und prägen dauerhaft und in verstärktem Maße unser nun dezidiert nihilistisch gewordenes Zeitalter. Die hierbei entstehende Bewegung einer „ästhetischen Rechtfertigung des Lebens“ lässt sich mit der Ausdehnung und Verengung eines „ästhetischen Zirkels der Einbildungskraft“ beschreiben, zwei gegenläufigen Bewegungen, welche die Tätigkeit der schaffenden, das Leben zu rechtfertigen suchenden Einbildungskraft und die Vereitelungen dieser Versuche begleiten. (2) Anmerkungen 1) KSA I S. 47 (Herv. Im Text). – Den Paradigmenwechsel der Erkenntnistheorie zur Ästhetik fasst Nietzsches Gedankensplitter prägnant zusammen (KSA XIII 496 Evidenzen der Einbildungskraft S. 500 (Herv. im Text): Die „Häßlichkeit“ der Wahrheit ist ihr für uns schmerzlicher Verlust. Der daraus sich ergebenden Übernahme ästhetischer Momente in der Erkenntnistheorie geht Welsch (1996) nach; gemäß seinem Fazit „setzte sich zunehmend die Einsicht durch, daß Erkennen und Wirklichkeit ihrer Seinsart nach ästhetisch sind. Das war Nietzsches Entdeckung, die seither auch von anderen unter Rückgriff vorwiegend auf nautische Metaphern zum Ausdruck gebracht wurde und bis zum Konstruktivismus unserer Tage reicht. Wirklichkeit ist keine erkenntnisunabhängige, fest vorgegebene Größe, sondern Gegenstand einer Konstruktion“. (Ebd. S. 52) Allerdings sollte bei diesem Paradigmenwechsel nicht übersehen werden, dass die Konstruktionsprinzipien in der Ästhetik (im tradi tionellen engeren Sinne bezogen auf Schönheit) und der „epistemologischen Ästhetisierung“ (ebd.) unterschiedlicher Art sind. So versucht Welsch, „(d)as Verhältnis der diversen Ästhetisierungsarten zueinander“ zu bestimmen (ebd. S. 54 ff.) 2) DVI, bes. S. 257 ff. zur Ausdehnung des „ästhetischen Zirkels der Imagination“ in Idealismus und Romantik sowie die hierbei sich ergebenden einzelnen Denkmotive und Problemstellungen, wie sie bis heute bedeutsam geblieben sind. Diese Erweiterungs- bzw. Übertrittsphänomene des Ästhetischen und deren Schwierigkeiten hat Welsch (1996 u. a.) im Einzelnen analysiert. 497 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 197 Ohnmächtige Macht der Einbildungskraft Weil die Einbildungskraft sich im Zeitalter des Nihilismus nicht mehr in der Vernunft verbergen muss, d. h. sich als subjektives Vermögen zu sich selbst bekennt, genießt sie die Weite ihrer Spielräume, eine Macht, die sie aufheben muss, denn in der Subjektivität ihrer Veranstaltungen bleibt die Einbildungskraft der umfassenden Nichtigkeit eingedenk, in der sie ihre unsteten Gebilde erschafft. Die Macht der Einbildungskraft erwächst aus der Ohnmacht des Menschen gegenüber der Absurdität seiner Existenz und der Erkenntnis der Schwäche seiner Vernunft im Zeitalter des Nihilismus. „Phantasie an die Macht“ – dies ist nun keine von Begeisterung getragene revolutionäre Losung mehr, sondern ein trotziges Sich-Aufbäumen gegen das Los der Todgeweihten. Ins Nichts hinein setzt der heroische Nihilist seine „Wahrheit“, die als selbst geschaffene, mit noch so großer Evidenz in die Leere hinein gebildete subjektive Veranstaltung doch keine Wahrheit sein kann. So erreichen wir in den Evidenzen unserer Einbildungskraft keine gültige Überwindung des Nihilismus. Denn in diesem höchst subjektiven Vermögen der Einbildungskraft, die nicht umsonst als allgemeingültige Vernunft ausgegeben wurde, um ihrer Subjektivität zu entgehen, potenziert sich das Problem des Nihilismus, der alles als wahr und letztgültig Gesetzte ins Subjektive auflöst. Nietzsches Denkmotiv: (1) „(…) nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt“ hat diesen Sinn, dass wir in der kreativen Einbildungskraft „Wahrheiten“ erfinden können, deren spielerischen Charakter die sich selbst durchsichtige Einbildungskraft reflektiert. Gerade weil diese sich im Zeitalter des Nihilismus nicht mehr in der Vernunft verbergen und verstecken muss, d. h. sich als subjektives Vermögen zu sich selbst bekennt, genießt sie die Weite ihrer Spielräume, eine Macht, die sie aufheben kann und muss, denn in der Subjektivität ihrer Veranstaltungen bleibt die Einbildungskraft der umfassenden Nichtigkeit eingedenk, in der alleine sie wirken und schaffen kann. Anmerkungen 1) KSA I S. 47 (Herv. im Text) 498 Evidenzen der Einbildungskraft § 198 Jenseits des Evolutionsmythos Sozialdarwinistische Mythologeme, die das Denken der säkularen Gesellschaften immer noch durchdringen, stoßen insbesondere im Bereich von Kunst und Philosophie auf offenkundige Widersprüche: Schwächen und Stärken sind hier untrennbar verflochten, wie die These von der Bio-Negativität der Kunst belegen kann. Erst die Auflösung des Wissenschaftsmythos von der Evolution führt zu einem unvoreingenommenen Fragen, das zu sinnvollen Definitionen von Stärken und Schwächen auch der Kunst sowie zu einer maßvollen Positionierung des Menschen als Lebewesen in dieser Welt führen mag. Die These von der Bio-Negativität der Kunst hat Gottfried Benn vertreten (1); die Verschränkung von biologischer Verfeinerung, Schwächung und mentaler Steigerung der künstlerischen Existenz hat Thomas Mann zum Thema gemacht (2). Unschwer lassen sich Philosophie und Philosophen in diese Problematik einbeziehen. Angesichts aller Verflechtungen von Stärken und Schwächen, Glanz und Elend in Kunst und Philosophie, wie sie insbesondere in den Biografien ihrer Produzenten so oft und so dicht beieinander liegen, möchte man wie Pilatus die Schultern zucken und fragen: Was ist Wahrheit? Was ist die Wahrheit über die Evolution? Sind Kunst und Philosophie evolutionäre Höhepunkte, glänzende Edelsteine auf der menschlichen Krone der Schöpfung? Hat die Philosophie, wenn sie im aufgeklärten Nihilismus ihren Endpunkt erreicht, ihren Aufstieg oder Abstieg vollendet? Allein solche Fragen zu stellen vermehrt unsere Lebensweisheit. Fragen wir deshalb weiter: Ist es nicht ein Mythos, in Anpassung und biologischer Robustheit den Fortschritt des Menschengeschlechts zu suchen? Welche Größe liegt in dem, was wir mit vielleicht untauglichen Begriffen unsere Schwächen nennen? Welche Feuerfunken, ja Götterfunken konnten in Kunst und Philosophie nur auf dem Boden dessen aufsteigen, was unsere Gehirnwissenschaftler als Neurasthenie oder Psychasthenie, gar als Neurose oder Psychose, Schizophrenie etc. etikettiert haben? Und welch menschlicher Rückschritt, welche Erbärmlichkeit herrscht da, wo „kerngesunde, psychisch stabile Alphatiere“ in den gesellschaftlichen „Eliten“ unsere Geschicke zu leiten die Macht gewonnen haben? 499 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus Im nihilistischen Zeitalter ist es an der Zeit, das Gerede von der Evolution zu durchschauen, die biologischen Wissenschaftsmythen, die unsere Gesellschaften mythokratisch beherrschen, zu entlarven: Es sind unaufgeklärte Einbildungen, weil sie als solche nicht mehr durchschaut werden, sodass sie Deutungshoheiten und Machtpositionen sanktionieren können. Die Lehre von der Evolution mit ihren Kriterien von Selektion und Anpassung kann offensichtlich unsere kulturellen Leistungen nicht angemessen erklären. Lassen wir uns die Weisheit des Fragens nicht austreiben! Fragen wir mit der kindlichen Unschuld, die Nietzsche mit seinem „Übermenschen“ in Verbindung gebracht hat (3), was jeweils Stärke und Schwäche ist, also auch danach, welche Stärke in einer so genannten Schwäche liegen mag. Stellen wir unsere anthropozentrische Position unter den Lebewesen in Frage, sodass wir deren Eigenwert besser schätzen lernen können! (4) Nietzsche hat in seinem Aufsatz „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ gezeigt, wie wir die „Wahrheit“, dass unsere Perspektive die unumstößliche sei, aus Machtinstinkt erfunden bzw. erlogen haben. (5) Was Stärken und Schwächen, Fortschritt und Rückschritt betrifft, hat der Nihilist – anders als ihm die gängige Denunziation unterstellt – Antworten, aber solche, die aus einer skeptischen Prüfung bzw. Negation des Vorgegebenen erwachsen sind und danach eine größtmögliche Evidenz in einem konkreten Zusammenhang entfalten können. Erst in solcher Offenheit lässt sich jenseits des Evolutionsmythos sinnvoll von den Stärken und Schwächen der kulturellen Leistungen von Kunst und Philosophie sprechen. Urteilsenthaltungen Menschliche Stärken und Schwächen erweisen sich als unberechenbare Werte, die der aufgeklärte Nihilist in Frage stellt. Deshalb wird er oft auf solche Kategorisierungen ganz verzichten und sich in der Urteilsenthaltung, der „Epoché“ der antiken Skeptiker üben, wie sie Husserls Phänomenologie aufgegriffen hat. Dies betrifft auch alle Formen von „Ranking“ zwischen den Menschen und zwischen den Lebewesen auf dieser Welt: Dass uns der oberste Platz in der Evolution gebühre, ist eine Fiktion, die als Arbeitshypothese zuweilen brauchbar sein mag, die wir aber nicht zu einer wissenschaftlichen „Wahrheit“ aufblähen sollten. Diesen Wissenschaftsmythos als zur Wahrheit verschobene Fiktion zu durchschauen dürfte uns allen gut tun – und der Welt, in der wir leben. 500 Evidenzen der Einbildungskraft Evolution rückwärts Der Mythos von der Evolution wird gelegentlich durch den gegenläufigen einer fortschreitenden Dekadenz oder Degeneration ersetzt, wobei unschwer zu erkennen ist, dass die Mythisierung bleibt und sich nur die Blickrichtung ändert. Dies betrifft auch die Untergangsszenarien, zu deren Vorbereitung anthropofugale Tendenzen diagnostiziert werden. Nur das Vorzeichen ändert sich hier, der Wissenschaftsmythos bleibt. Es kann aber sehr hilfreich sein, wenn wir uns das Verschwinden der Menschheit als eine zukünftige, wahrscheinliche Möglichkeit vor Augen halten und aus diesem Gedankenexperiment lebensdienliche Schlussfolgerungen ziehen, die unseren Alltag bereichern. Der Mensch – Irrläufer der Evolution Mit diesem Titel hat Arthur Koestler in seinem Buch eindrucksvolle Belege ausgewertet, die den Mythos von der Evolution überzeugend entlarven. Hier sei nur eine zusammenfassende Passage zitiert: „Alle Versuche, die verhängnisvolle Geschichte unserer Spezies zu diagnostizieren, müssen vergeblich bleiben, wenn sie nicht die Möglichkeit einbeziehen, daß der Homo sapiens einer der zahllosen Fehler der Evolution ist … Ich habe einige der ins Auge fallenden Symptome der Geisteskrankheit aufgeführt, die für unsere Art endemisch zu sein scheint: 1. Die in grauer Vorzeit überall anzutreffenden Rituale des Menschenopfers; 2. Das hartnäckige Austragen intraspezifischer Kriege, die früher nur begrenzten Schaden anrichten konnten, heute jedoch den ganzen Planeten gefährden; 3. Die paranoide Spaltung zwischen rationalem Denken und irrationalem, auf Affekten beruhendem Glauben; 4. Der Gegensatz zwischen der Genialität der Menschheit bei der Unterwerfung der Natur und ihrer Unfähigkeit, mit ihren eigenen Problemen fertig zu werden – symbolisiert durch die neue Grenze auf dem Mond und die Minenfelder quer durch Europa.“ (6) Creative Maladjustment Während in der englischen Sprache das Wort „maladjusted“ die Bedeutung von „verhaltensgestört“ in einem sozialdarwinistischen Sinne verfestigt hat, forderte Martin Luther King, Jr. in einer Rede vom 18.12.1963 an der Western Michigan University zur Gründung einer „International 501 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus Association for the Advancement of Creative Maladjustment (IAACM) auf: „There are some things in our nation and in our world to which I’m proud to be maladjusted …” Es erübrigt sich hier aufzuzählen, welche Fortschritte im politischen, sozialen und kulturellen Bereich auf dezidiert unangepassten Imaginationen beruhen. Umnachtung der Wissenschaft Nach einer humorvollen Einleitung präsentiert Günter Fröhlich einen Überblick über all die methodischen Probleme und fehlenden Antworten der Evolutionstheorie. (7) Dabei geht es nicht nur um ein Missing Link, sondern die Vorstellung einer lückenlosen Ahnenreihe des Menschen ist eine Arbeitshypothese, neben der andere auftauchen. Dabei werden Arbeitshypothesen unversehens auf dem Wege der Fiktionenverschiebung zu wissenschaftlichen Ergebnissen, das heißt in der Einschränkung ihres arbeitshypothetischen Charakters nicht mehr festgehalten. Was die Kulturbildung des Menschen betrifft, versagt die Hypothese der Evolutionsbiologie, wird aber nicht hinsichtlich der Validität ihrer Kategorien eingeschränkt. So entstehen Dogmen eines Wissenschaftsaberglaubens, der im Sozialdarwinismus seine wohl unerfreulichsten Folgen immer noch zeitigt. Wie andere Wissenschaften täte auch die Biologie gut daran, ihrer Nachtseite eingedenk zu bleiben, das heißt, das zu benennen und im Bewusstsein zu behalten, was sie nicht erkannt hat und erkennen kann sowie dabei auf ihre subjektiv geschaffenen Voraussetzungen zu reflektieren. Den Tag von der Nacht her zu denken ist ein Philosophem unseres aufgeklärten Nihilismus: Vor diesem Hintergrund ihrer Umnachtung gewinnen die Erkenntnisse und Arbeitshypothesen der Biologie ihre überzeugendste Strahlkraft. Anmerkungen 1) Auch Benn ist allzu rasch mit der Überwindung des Nihilismus beschäftigt, wobei er Nietzsches „Übermensch“ zu einseitig im darwinistischen Sinne interpretiert; die oben angesprochene Kindlichkeit des „Übermenschen“ mag dafür Beleg sein. Wichtig in unserem Zusammenhang ist seine Herauslösung der Kunst aus dem evolutionären Schema: „Es wird also doch der Übermensch sein, der den Nihilismus überwindet, allerdings nicht der Typ, den Nietzsche ganz im Sinne des neunzehnten Jahrhunderts schildert. Er schildert ihn als neuen, biologisch wertvolleren, als rassemäßig gesteigerten, vitalistisch stärkeren, züchterisch kompletteren durch Dauer und 502 Evidenzen der Einbildungskraft Arterhaltung gerechtfertigteren Typ, er sieht ihn biologisch positiv, das war Darwinismus. Wir haben inzwischen die bionegativen Werte studiert, Werte, die die Rasse eher schädigen und gefährden, die aber zur Differenzierung des Geistes gehören, die Kunst, das Geniale, die Auflösungsmotive des Religiösen, das Degenerative, kurz alles, was die Produkte des Produktiven sind. Wir setzen also heute den Geist nicht in die Gesundheit des Biologischen ein, nicht in die Aufstiegslinie des Positivismus, sehen ihn allerdings auch nicht in einer ewig schmachtenden Tragödie mit dem Leben, sondern setzen ihn als dem Leben übergeordnet ein, ihm konstruktiv überlegen, als formendes und formales Prinzip: Steigerung und Verdichtung – das scheint sein Gesetz zu sein. Aus dieser gänzlich transzendenten Einstellung ergibt sich dann vielleicht eine Überwindung, nämlich eine artistische Ausnutzung des Nihilismus, sie könnte lehren, ihn dialektisch, das heißt provokant zu sehen.“ Benn („Nach dem Nihilismus“) 1968, S. 96 2) Thomas Manns Werk (in „Buddenbrooks“, „Tonio Kröger“ oder „Der Zauberberg“) ist bekanntlich von diesem Denkmotiv des Gegensatzes von Vitalität und künstlerischer, feinsinniger Geistigkeit geprägt. 3) KSA IV S. 29 4) Zur Kritik am Anthropozentrismus s. Lohmar: „Falsches moralisches Bewusstsein. Eine Kritik der Idee der Menschenwürde.“ 2017 5) Zur Arroganz des menschlichen Intellekts KSA I, bes. S. 875 u. 880 f. 6) Koestler (zuerst veröffentlicht 1978) 1989, S. 29 f. 7) Fröhlich, Günter: „Der Affe stammt vom Menschen ab. Philosophische Etüden über unsere Vorurteile“. Hamburg: Meiner 2016. S. 26–38 mit dem Fazit: „Was den Menschen zum Menschen macht, ist das, was wir in der Natur nicht finden. Dies ist definitiv keine biologische Kategorie, auch wenn es zur Welt gehört, in der wir leben. Was den Menschen zum Menschen macht, hat nichts mit seinen biologischen Vorfahren zu tun, auch wenn sich die Fähigkeiten zur Sprache, zum Werkzeug, zur Technik und Wissenschaft und zur Kunst in einem biologischen Prozess zunehmend ausgeweitet haben.“ 503 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 199 Sanitätshauskunst, lebensstarke Fiktionen, Feuerfunken Die Bedeutung der Kunst darf nicht zu einer Überwindung des Nihilismus aufgebläht werden. Die Fiktionen der Kunst vermögen keinen festen Grund für unsere Existenz abzugeben. Denn sogar die Evidenzen der Einbildungskraft – nachdem sie in der Kunst ihre größte Strahlkraft entfaltet haben – verlöschen im Nichts. Verführerisch für den Nihilisten ist es, die Kunst aufzublähen zu einem lebenserhaltenden Sanitätshausartikel. In diesem Sinne hört man zuweilen von Schriftstellern, sie würden „schreiben, um zu überleben“ etc. Erinnern wir uns daran, dass im statistischen Normalfall der Mensch seine Lebenskraft offensichtlich aus anderen Quellen bezieht, wird deutlich, dass bei aller Wertschätzung der Kunst sie nicht zum Sanitätshausartikel werden sollte. Denn als Krücke, an der wir durchs Leben gehen, dürfte die Kunst an Evidenz verlieren. Ihre „Feuerfunken“ strahlen kein das Leben dauerhaft erwärmendes Licht aus, schaffen keinen festen Grund für eine Überwindung des Nihilismus. Auch wenn sie die evidentesten und strahlendsten Möglichkeiten unserer Erleuchtung darstellen mögen, verfallen doch auch diese „Feuerfunken“ der Kunst letztlich der Hinfälligkeit und Nichtigkeit unseres Daseins, dem sie entsprungen sind. Ein Blick auf die – wenngleich nur partiellen – Unzulänglichkeiten der Künstler, die „Bio-Negativität der Kunst“ (1), wie auch deren Vermarktung auf den Jahrmärkten der Eitelkeiten hilft die Ideologisierung der Kunst bei aller Bewunderung zu vermeiden. Die andere Verführung beginnt hier zu locken, den Übertritt der Kunst ins Leben, die lebensstarke Fiktion gegenüber dem „bloß Ästhetischen“ des Artefaktes auszuspielen. Dabei verengt und erweitert sich der „ästhetische Zirkel der Einbildungskraft“ in alternierenden Bewegungen, ohne doch die Ruhe in einer imaginativen Verwirklichung finden zu können (2). So erweisen sich die lebensstarken Fiktionen dem aufgeklärten Bewusstsein letztlich nur als Lebenslügen. Was bleibet, stiften nicht die Dichter (3), sondern was „bleibt“ – und zwar in „undinglicher Weise“ – sind die Leere und die Nichtigkeit, das Nirwana, vor dessen Hintergrund die „Feuerfunken“ der Kunst ihre für uns eindrücklichsten Evidenzen zu entfalten vermögen. 504 Evidenzen der Einbildungskraft Der Übertritt der Kunst ins Leben bleibt ein „falscher Untergang der Kunst“, der in der Ent-Täuschung des Subjekts entlarvt wird, die Einbildungskraft eine „schwebende Tätigkeit“, der keine vollkommene Evidenz in einem Objektiven gelingt, das sich vielmehr in das Bewusstsein von einer subjektiven Veranstaltung auflöst. (4) So bleibt auch der voluntaristische Perspektivismus, der sich im Bewusstsein des Verlustes an umfassender „Wahrheit“ ganz einer lebensdienlichen Perspektive hingibt, der Verkettung dieser Perspektive mit dem Willen zur Macht bewusst, der dem aufgeklärten Nihilisten kein Summum Bonum sein kann. Anmerkungen 1) Benn 1968, S. 96 2) DVI S. 257–501. 3) So Hölderlins Wunsch in „Andenken“. Werke II, S. 198: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ Der Ewigkeitstopos dient der Evidenz des Dichterischen. 4) DVI, bes. S. 493 ff. 505 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 200 Lichtschatten Nicht zufällig vielleicht ist gerade von Deutschland der Nihilismus mit Nietzsche ausgegangen: Die Einbildungskraft an Ideen, die in besonderer Weise von hier aus Größe wie Grauen entfalteten, wird zu einem Reichtum an „bloßen“ Einbildungen, die auf ihre Überzeugungskraft hin geprüft und jederzeit überall angenommen oder verworfen werden können, ohne die „objektive“ Macht der Vernunft mehr zu beanspruchen. Das Ziel wäre eine weitgespannte Depotenzierung der Ideologien zugunsten flexibler evidenter Imaginationen. Nietzsche hat die radikale Konsequenz aus Kants Erkenntniskritik und ihrer Wendung ins Subjektive vollzogen und diesen nihilistischen Kern in der Eröffnung des Zeitalters des Nihilismus entfaltet. Kant und der deutsche Idealismus waren das Vorspiel zu dieser Demaskierung aller Ideale und Ideen als Maskeraden des Willens zur Macht, der schon immer als treibende Kraft im Subjekt gewirkt hatte und im bewussten Nihilismus Nietzsches zur Aufklärung gelangte. Doch Nietzsches Versuch der Überwindung des Nihilismus scheiterte in neuen Maskeraden, verirrte sich in eine neue Metaphysik dieses „Willens zur Macht“. Was bleibt, ist der Nihilismus, der sich zu sich selbst bekennen, sich selbst annehmen, zu sich selbst finden muss – ohne schon nach vorschnellen Überwindungen zu schielen. Es ist ein Nihilismus, dem auch der Wille zur Macht „nichts“ gilt. Ist es ein Zufall, dass in Deutschland mit Nietzsche der erste Vollstrecker des Nihilismus auftauchte, dass in Deutschland – dieser dichtenden und denkenden Ideenschmiede – zuerst der Gedanke der Vernichtung aller Ideen aufkam, das Bewusstsein der großen Leere, des Nihilismus als Kerngedankens dieses neuen Zeitalters? Das Licht all dieser Ideen hat seine Schatten geworfen, und als wollten sie auf die Notwendigkeit des Nihilismus hinweisen, haben die Ideologien im 20. Jahrhundert gerade in Deutschland und von Deutschland aus noch einmal ihre ganze herrlich-herrisch-verführerische, in Angst und Schrecken umschlagende Macht entfaltet. Die Zeit der Vorstellungen von großen nationalen Missionen dürfte vorüber sein. Von Deutschland aus könnte jedenfalls Nietzsches’ Anstoß eine weitere Schubkraft verliehen werden, den Nihilismus zu Ende zu 506 Evidenzen der Einbildungskraft denken und erst nach solcher Nichts-Gewinnung in bewussten Ein-Bildungen der Einbildungskraft uns allen unseren menschlichen Ideenreichtum verfügbar zu machen – im Zeitalter des zu sich selbst gekommenen Nihilismus, in dem nichts „Wahrheit“ beanspruchen kann und in dem nur das Nichts als negative „Wahrheit“ für uns alle auf dieser Erde gilt – als Ermöglichungsgrund der Schaffenskraft unserer vernünftigen Einbildungskraft. 507 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 201 Nihilistische Wiederkehr des sokratischen Dialogs Der Nihilismus führt den sokratischen Dialog fort und lässt ihn in der Leere wirklichen Nichtwissens enden. Nach dieser „Geburt“ des Nichts ist die Sorge um die Seele in selbstdurchsichtigen Imaginationen möglich: Die Stimme des Daimonion wird als unsere Stimme wiedererkannt, nachdem wir die Leere in uns weitestmöglich freigeräumt haben. Der Nihilismus führt den sokratischen Dialog in unsere Gegenwart hinein: in seinen geschichtlichen Anfang zurück, der in radikaler Form wiederkehrt. Im Bewusstsein dieser in sich kreisenden Bewegung wird Nihilismus über sich aufgeklärt. Sein Bemühen ist umfassender Art: Er ist die Hebammenkunst der Gegenwart und sucht sie vom Schein ihres Wissens im Nichts des Nicht-Wissens zu befreien. (1) Im sokratischen Dialog wurde der Verstand in die Selbstreflexion und Aporie geführt, sodass er selbstständig Vernunft annehmen konnte. Im Nihilismus räumt die Zurückführung des Scheinwissens und Wissenschaftsaberglaubens auf das sokratische „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ die Leere frei, in der erst subjektive Vorstellungen begrenzter Evidenz möglich sind. So ist nach dieser „Geburt“ des Nichts die Sorge um die Seele als Hinwendung zu heilsamen, selbstgeschaffenen und selbstdurchsichtigen Bildern wieder möglich. (2) Die Epimeleia verdichtet sich in den flüchtigen Gebilden der Einbildungskraft, die in unserer nihilistischen Weltnacht trotz allem tröstlich aufflackern können. Damit ist der Unterschied zur Mäeutik des Sokrates markiert. Denn seine Reduktion des Scheinwissens ereignete sich in der Seinsgewissheit einer inneren Stimme, welche ihm die Gewissheit der Tugend gab. Dieses Daimonion deckt der Nihilismus als Mythos der unaufgeklärten Einbildungskraft auf und lässt den sokratischen Dialog in der Leere enden: wirklichem Nichtwissen. Wenn wir in alltäglichen Situationen diese Leere in uns weitestmöglich freiräumen, vermögen wir in wachsender Achtsamkeit ein solches Daimonion zu hören und als unsere Stimme wiederzuerkennen. (3) Sophistik – Maskeraden des Willens zur Macht Infolge seiner Offenheit kann der Nihilismus ebenso in Sophistik münden. Schon Protagoras sah es als Aufgabe des Sophisten an, im Sinne 508 Evidenzen der Einbildungskraft eines Relativismus auch das schwächere Argument zum stärkeren machen zu können. Für gewöhnlich wird solcher Relativismus dem Nihilismus unterstellt, der damit eine leichte Beute moralischer Diffamierung wird. Doch dies ist ein kurzsichtiges, unvollständiges „Verständnis“ von Nihilismus, weil nicht mehr gefragt wird, weshalb ein dürftig erscheinendes Argument denn den Sieg davontragen solle. Wenn aber der Nihilismus zu Ende gedacht wird und Selbstdurchsichtigkeit erreicht, wird offenkundig, dass er im Bannkreis des Sophismus an den Wert des Erfolges, des Geldes, letztlich an die Ideologie der Macht gekettet bleibt. Ob dem Nihilisten dann dieser Wert oder die sokratische Sorge um die Seele, wie sie sich in der Apologie darstellt, evidenter erscheint? Oder allgemeiner – und gegen Nietzsches späte, wenn auch nur in Fragmenten angedeutete Ideologie – gefragt: Werden dann nicht andere Evidenzen als die sich aus dem Willen zur Macht ergebenden aufscheinen, sodass wir diesen – gegen alle sophistischen Spitzfindigkeiten – folgen wollen? Anmerkungen 1) Vgl. Schmidt 1960, S. 9 f. zum sokratischen Dialog. Es mag sein, dass wir eine Vorstellung des sokratischen Dialogs entwickelt haben, wie sie bei Sokrates selbst nur keimhaft angelegt war und historisch gesehen – auch in den platonischen Dialogen – so nicht realisiert worden ist. Doch bleibt diese produktive Aneignung jenes sokratischen Gedankenkeimes eine – insbesondere auch für die pädagogische Tätigkeit – fruchtbare arbeitshypothetische Fiktion, die durch ihre Fiktionalität nicht entwertet, sondern angereichert worden ist. 2) Dieses Nichts ist auch als Stille erfahrbar: „Der Mystiker Rumi soll einmal gesagt haben: ‚Jetzt muss ich still sein und die Stille entscheiden lassen, was Wahrheit ist und was Lüge …‘“ (Zit. nach Kagge 2017, S. 119) Es ist bemerkenswert, wie sich – fernab von gegenseitigen Beeinflussungen – das Denken in verschiedenen Kulturkreisen hier überschneidet, wobei wir im Duktus unserer Studie deutlich gemacht haben, was im aufgeklärten Nihilismus unter „Wahrheit“ zu verstehen ist. 3) Nietzsche hat eine z. T. einseitige und verzerrte Sicht des Sokrates gegeben, die in das Fazit mündet: „Die Zeit des sokratischen Menschen ist vorüber“. KSA I S. 132 und passim. Nietzsche hat diese Sicht nur teilweise korrigiert; hierzu Figal 1999, S. 119. Kaufmann dagegen sieht eine insgesamt positive Einstellung Nietzches gegenüber Sokrates (1982, S. 455 ff.) In Nietzsches reichhaltigem und fruchtbarem Angebot an Gedanken, die den Grundriss des nihilistischen Zeitalters markieren, enthält seine zumindest ambivalente Bewertung des Sokrates allerdings so viele Einseitigkeiten und Verzerrungen, dass dieser Rezeptionsfrage eine genauere Beachtung zu schenken uns hier nicht lohnenswert erscheint. 509 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 202 Laternen am Vormittag Der sokratische Dialog mag im Nihilismus als inneres Zwiegespräch wiederkehren. Ihm tut keine Seinsgewissheit mehr sich auf, sondern deren Kehrseite: der Abgrund des Nichts, aus dem Feuerfunken aufsteigen mögen – wie der unstete Widerschein des ehemals klaren Lichts, das in die Höhle des Lebens fiel und nun als Entwurf unserer Einbildungskraft erkannt wird. Als „Ein-bildung“ kann die sokratische Imagination für uns noch einen hohen Grad von Evidenz entfalten, doch nicht als Wesensschau einer in die Präexistenz hinabreichenden oder Postexistenz vorausschauenden Seele, sondern als Imagination, die in ihrer epischen Bildlichkeit überzeugend wirkt, als vernünftige Imagination einer vorbildhaften Persönlichkeit. Es ist wie ein Beweis der hier vorgetragenen Argumentation, wenn wir Nihilisten unwillkürlich diese Haltung einnehmen und mit Bewunderung Platons Apologie des Sokrates noch lesen. Subjektiv gebrochen fangen unsere Einbildungen dann Reflexe des Lichtes auf, das einst Schatten an die Höhlenwände des Lebens warf. Wir wissen nicht, ob diese Lichtreflexe Irrlichter oder Evidenzen sind – vielleicht ist die Nacht „tiefer als der Tag gedacht“: „Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden?“ (1) Nicht nur religiöse Ideologien, wie sie Gegenstand der Kritik der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wurden, sondern die Irrfahrten der Aufklärung selbst produzieren solche Irrlichter (2), deren Aufhellung durch die Aktivitäten unseres von der Einbildungskraft geleiteten Denkvermögens im nihilistischen Zeitalter auf alle Sicherheiten verzichten muss, die ein Ende unserer Nachtfahrt garantieren könnten. Anmerkungen 1) Vgl. KSA IV S. 404; KSA III S. 481. Der nihilistische Roman „Tag der Erleuchtung“ (TE) verwendet diese Frage als Motto und entfaltet sie in epischer Bildlichkeit. 2) So schreibt John Locke über religiöse Schwärmer (zit. nach Geier 2012, S. 77): „Ihr Licht ist ‚nur ein Irrlicht, das sie beständig in folgendem Kreise herumführt: Es ist eine Offenbarung, weil sie es fest glauben; und sie glauben so fest daran, weil es eine Offenbarung ist.‘“ Nicht nur religiöse Ideologien, sondern die Dialektik der Aufklärung selbst produziert Irrlichter: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“. DA S. 7 510 Evidenzen der Einbildungskraft § 203 Drei Umgangsformen mit philosophischen Fragen Da die grundlegenden philosophischen Fragen offen bleiben, gibt es drei Grundformen, mit ihrer Nichtbeantwortung umzugehen: Wir können im Zustand des Fragens verharren, den Spielraum möglicher Antworten ausloten oder uns von jenen Fragen zeitweilig ablenken, sie vorübergehend gar verschwinden lassen – bis sie wiederkehren: als Grundierung des Nichts im nihilistischen Zeitalter. Für den aufgeklärten Nihilismus gibt es verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit den großen Fragen der philosophischen Tradition: 1. Wir können sie offen lassen, d. h. im Zustand des Fragens verharren. Denn für den Nihilismus sind alle gegebenen Antworten nur Versuche, d. h. vorläufige Positionen, die sich auflösen. Indem die – Reflexionen aufnehmende und „Vernunft“ schaffende – Einbildungskraft als grundlegendes Vermögen der Beantwortung erkannt worden ist, eröffnet sich ein reichhaltiger Spielraum möglicher Antworten, der allerdings im Raum subjektiver Veranstaltungen verbleiben muss. 2. Wir können die Fragen vergessen bzw. loslassen; uns von ihnen selbst ablenken oder ablenken lassen bzw. die Leerstellen, die sich mit ihrer Nichtbeantwortung auftun, kompensieren: Der Homo sapiens wird zum Homo compensator. (1) Im Bewusstsein, dass wir nur kompensieren, bleibt freilich die Leere, in der wir dies tun, erfahrbar. Ohne diese Differenz immer wieder herzustellen und auszuhalten, würden wir das Opfer einer Ideologie der Fülle, die wir nicht mehr als unsere Einbildung durchschauen und korrigieren könnten. 3. Wir können die Fragen bewusst aufgeben und verschwinden lassen wie ein Mathematiker, der weiß, dass die Quadratur des Kreises unmöglich ist und sie deshalb nicht immer wieder von Neuem versucht. (2) Diese Negation der philosophischen Fragen impliziert eine Selbstnegation der Philosophie, insofern sie diese Fragen zu ihrem zentralen Anliegen machte. Was ihr bleibt, ist eine Philosophie als Lebensweisheit, die in pragmatischer Absicht sich um die Erträglichkeit unseres Daseins bemüht, von den „letzten“ Fragen ablässt und ihre Nichtbeantwortung zu kom- 511 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus pensieren sucht. Was philosophisch gleichzeitig bleibt, ist das Bewusstsein der Leere, in der jene Fragen „verschwunden“ sind, der allumfassenden Nichtigkeit, welche die Grundlage des Nihilismus bildet. Anders als der sich um ein unlösbares Problem bemühende Mathematiker sind dem aufgeklärten Nihilisten jedoch Teillösungen möglich – Evidenzen der Einbildungskraft von begrenzter, vorübergehender Gültigkeit. Für welche dieser Möglichkeiten des Umgangs mit philosophischen Fragen wir uns entscheiden, lässt der aufgeklärte Nihilismus offen. Auch an diesem Endpunkt seiner theoretischen Reflexionen gibt es keine letztgültige Antwort. Wir werden wohl immer wieder zwischen diesen Möglichkeiten changieren. Vielleicht ist das Gleichnis, das Buddha gab, von einer nachhaltigen Überzeugungskraft: (3) Ein Mann, der von einem Giftpfeil getroffen wurde, soll sich nicht mit der Frage nach dem Bogenschützen, dessen Motiven, Alter, Aussehen, Herkunft usw. beschäftigen. Die Aufgabe ist es, den Pfeil herauszuziehen, die Wunde zu versorgen und einen Arzt herbeizurufen. Philosophische Spielfiguren Zu denken wäre an einen Eklektizismus, ein Spiel mit der Fülle der Antworten, Gedanken und Bilder, die aber alle im Status der Beliebigkeit verbleiben, d. h. austauschbar sind und nicht zu dauerhaften Gewissheiten werden, auch wenn einige von ihnen vorübergehend eine größere Evidenz entfalten mögen. In einer solchen Tour d’Horizon lassen wir all die großen philosophischen Systeme und Antwortmöglichkeiten der Tradition an uns vorüberziehen, wir lassen sie los, d. h. in der Schwebe. Dass sich die „Postmoderne“ dieser Möglichkeit des Umgangs mit dem philosophischen Fragen sehr stark genähert hat, ist offenkundig. Im Sinne einer „postmodernen“ Beliebigkeit können wir auswählen, was uns in bestimmten Kontexten brauchbar bzw. evident erscheint. Dabei droht freilich diese Fülle zu einem reichhaltigen Warenangebot im geistigen Supermarkt der Kulturindustrie zu werden, gegenüber der wir Abstand wahren müssen, um unsere Spielmöglichkeiten zu erhalten. Um solchen Abstand fundiert herzustellen, ist es wichtig, auf verschwommene Begriffe wie „Postmoderne“ zu verzichten und uns explizit dem Nihilismus unseres Zeitalters zu stellen. Als Nihilisten werden wir einen Eklektizis- 512 Evidenzen der Einbildungskraft mus gegenüber der Tradition entwickeln, der sich an der Evidenz von Inhalten orientiert und deren Zurichtung durch Machtinteressen durchschaut. Ablenkungen mit Abstand Der Gedanke, die Philosophie müsse sich der Ablenkung von den traditionellen philosophischen Fragen und deren Ansprüchen widmen, taucht u. a. bei Odo Marquardt (1981 u. 2000) auf, der in diesem Sinne eine Kompensationslehre entwickelt. Die Vergnügungsindustrie – in weitgehender Fusion mit der Kulturindustrie – die Welt der Medien wie auch die sog. Spaßgesellschaft zehren von solchen Ablenkungen: Sind sie nicht oft vernünftiger, ihre Phantasiegebilde nicht oft evidenter als alles vernünftige Nachdenken, das ins Nichts hineinläuft? Der Kernpunkt bleibt hier, ob wir uns der Ablenkung als Ablenkung bewusst bleiben, unsere Phantasien durchschaubar halten und zu ihnen Abstand gewinnen können – in einem negierenden Hintergrundwissen oder intermittierenden Phasen der negierenden Reflexion. Erst so lassen sich Ablenkung und Kompensation mit einem aufgeklärten Nihilismus vereinbaren, wenn wir nicht das willfährige Opfer solcher Ablenkungsindustrien werden wollen und der Evidenz unserer authentischen Interessen verlustig gehen. Nur das Denken kann sich von sich selbst befreien Viele psychologische oder spirituelle Ratgeber fordern dazu auf, sich von leidigen Gedanken und Bildern zu befreien, das „Herz“ oder gar den „Bauch“ statt den Kopf entscheiden zu lassen etc. (4) Wenn dieser Rat fruchten soll, muss aber eine plausible, letztlich philosophisch begründete Negation des Denkens stattfinden, d. h. das Denken muss durch das Denken selbst negiert werden, wie die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus dies als eine Möglichkeit entwickelt. In der Radikalität des philosophischen Fragens tut sich eine Abgründigkeit auf, eine Angst, der wir durch heilsame Bilder begegnen können, wenn wir den Tanz um diesen Abgrund beginnen und ihm so im Spiel seinen Schrecken vorübergehend nehmen. Dies ist aber weit mehr, als sich den „Bauchgefühlen“ etc. zu überlassen, d. h. sich dem eigenen Triebgeschehen auszuliefern. Wir müssen uns dem Paradoxon stellen, dass wir nur im Denken uns von diesem befreien können, wenn nach einer philosophischen Lösung gesucht wird. 513 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus Anmerkungen 1) Marquardt hat die Liste der Homo-Epitheta um den Homo compensator erweitert: „Zur anthropologischen Karriere eines metaphysischen Begriffs“ (2000, S. 11 ff.) 2) Wittgensteins berühmte Formulierung schreibt diese Möglichkeit der Behandlung fest: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ Dagegen löst der aufgeklärte Nihilismus den apodiktischen Charakter dieser Festlegung auf, zu welcher der späte Wittgenstein bekanntlich selbst Alternativen entwickelte und die nur eine der Möglichkeiten ist, mit den großen Fragen der Philosophie umzugehen; vgl. Wittgenstein (1922) 2003, S. 111. Es bleibt bei Kants Verdikt in der Vorrede zur ersten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“, dass unsere Vernunft in schicksalhafter Weise metaphysische Fragen immer wieder zu stellen hat, die sie nicht beantworten kann (KrV S. 11). Heinrich Heine hat der Situation der metaphysischen Antwortlosigkeit eine eindringliche dichterische Gestalt gegeben (Werke I, S. 190): Fragen. Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer Steht ein Jüngling-Mann, Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel, Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen: „O löst mir das Rätsel des Lebens, Das qualvoll uralte Rätsel, Worüber schon manche Häupter gegrübelt, Häupter in Hieroglyphenmützen, Häupter in Turban und schwarzem Barett, Perückenhäupter und tausend andre Arme, schwitzende Menschenhäupter – Sagt mir, was bedeutet der Mensch? Woher ist er kommen? Wo geht er hin? Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?“ Es murmeln die Wogen ihr ew’ges Gemurmel, Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken, Es blinken die Sterne gleichgültig und kalt, Und ein Narr wartet auf Antwort. 3) Vgl. Glasenapp, H.v. 1974, S. 68 f. 4) Aus der Fülle der Beispiele für die genannten Ratgeber sei der von Ute Lauterbach herausgegriffen: „Raus aus dem Gedankenkarussell. Wie Sie leidige Gedanken und Grübelattacken genüsslich ins Leere laufen lassen.“ München 2008 514 Evidenzen der Einbildungskraft § 204 Selbstaufhebung der Philosophie Das vorübergehende Verschwinden der Philosophie als ihr eigenes philosophisches Werk ist im Nihilismus angelegt. Er ist „in der Mitte“ all unserer zu Überzeugungen verfestigten, undurchschauten Einbildungen. Er entlastet uns von einem fruchtlosen Logozentrismus, lässt uns die Philosophie selbst mit größerer Leichtigkeit handhaben. Der aufgeklärte Nihilismus ist die Philosophie, in der ihr Verschwinden zum eigenen philosophischen Thema wird. Das Denken ist nichts letzthin Gültiges, sondern kann und muss sich deshalb auch negieren. Das Denken hebt dann durch Denken sich selbst in seinem Reflektieren und Imaginieren auf. Diese radikale Konsequenz, die der zu Ende gedachte Nihilismus zieht, bedeutet als eine Möglichkeit des Denkens das Verschwinden der Philosophie als ihr eigenes philosophisches Werk. Wir können vermuten, dass diese Selbstaufhebung der Philosophie vorübergehender Art ist, und wir von Neuem zum philosophischen Fragen gedrängt werden, auch wenn dieses wieder ins Leere geht. Wir können auf diese Wiederkehr des Nihilismus hoffen, wenn wir nicht in den unbezweifelten „Gewissheiten“ von Einbildungen, die als solche nicht mehr erkannt werden, versinken wollen. Doch darf sich die Philosophie nicht zu einem aufgeblähten Denken selbst verabsolutieren, das in allen Verästelungen das Leben gleichsam zu überwölben beansprucht. Viele Voreingenommenheiten und Abwehrhaltungen gegenüber der Philosophie rühren eben daher: Instinktiv bricht dann die richtige Vermutung durch, dass die Philosophie uns die liebgewordenen Einbildungen nehmen könne, deren wir zu rechtem Leben bedürfen. Aber die Philosophie des Nihilismus hat solche Bedenklichkeiten in sich reflektiert. Dem Vorwurf, die Philosophie würde uns untauglich machen für das Leben, begegnet sie mit dem Aufweis der Möglichkeit, von heilsamen Fiktionen zu leben. Um deren Wirksamkeit zu steigern, mag das philosophische Bewusstsein sich selbst hin und wieder negieren und sich selbst nur intermittierend zulassen. So ist auch in diesem Sinne das Nichts, um das die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus kreist, „in der Mitte“ all unserer zu Überzeugungen verfestigten, undurchschauten Einbildungen. 515 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus Das philosophische Denken ist in endlose Setzungen von Positionen und Negationen geraten, einen fortwährenden Selbstverbrennungsprozess, der sich nicht in einer neuen These „aufhebt“, sondern in fortwährend „negativer“ Dialektik in die Leere verläuft. Es ist ein Denken, das noch sein Nichtdenken negiert und auch diese Negation negieren: sich gleichsam selbst überschlagend das Loslassen wieder loslassen will. (1) Wenn solches Denken nicht in der Leere des Nirwana auspendelt und zur Ruhe kommt, so gerinnt es zu Einbildungen, in welchen sich Denken in Anschauungen festzuhalten versucht – einen prekären Balanceakt vollführend, der – wenn er nicht in zweifelhafte „Überwindungen“ des Nihilismus verfallen soll – in negierender Selbstreflexion sich wieder aufhebt. Diese wird des fiktiven Charakters solch subjektiver Veranstaltungen inne und lässt sie in die Leere zurücksinken, aus welcher sie aufgestiegen waren. Damit gewinnt im aufgeklärten Nihilismus die Philosophie eine neue Leichtigkeit, eine Entlastungsfunktion, die auch Entlastung vom Philosophieren selbst bedeuten kann. Da wir wissen, wie begrenzt unsere Erkenntnismöglichkeiten sind, da wir uns nicht bis zu Letzturteilen moralisch rechtfertigen können, da unsere Zwecke und Ziele ephemeren Charakters sind, wollen wir nicht mehr alles wissen, brauchen wir uns nicht mehr vollkommen zu rechtfertigen, beabsichtigen wir nicht mehr, unser Leben auf letzte Zwecke und Ziele hin durchzuorganisieren: Wir entlasten uns von einem nach Totalität strebenden Logozentrismus. Wir wissen um die Nacht, die wir nur in verstreuten, unsteten Lichtkreisen ein wenig erhellen können, und begnügen uns – statt bohrend ins Dunkel zu starren, um es durchdringen zu wollen – mit eben jenen Lichtkreisen. Auch von der Philosophie selbst mögen wir uns zuweilen entlasten – oder ihre Angebote an Gedanken und Imaginationen nutzen. In einer „Verbreiterung unseres Willens“ nehmen wir das in ihn auf (2), was unserer „umnächtigten“ Existenz nicht zugänglich ist. So irren wir aufgeklärte Nihilisten in der Dunkelheit umher, aber doch sehenden Auges von der hilfreichen Vorstellung geleitet: „Ducunt fata volentem, nolentem trahunt.“ (3) 516 Evidenzen der Einbildungskraft Anmerkungen 1) All diese Denkmotive finden sich bereits bei dem buddhistischen Denker Nagarjuna. Vgl. Jaspers Zusammenfassung (NA) S. 943–953, bes. S. 946: Hier findet sich die Metapher von „dem Verbrennungsprozeß des Denkens durch das Denken selber“, also schon das Denkmotiv einer „negativen“ Dialektik. 2) NF („Traktat über das Nichts“) S. 191: „Diese Verbreitung des Willens, in der die falschen Wichtigkeiten des Tages vergehen, in der unser Willensfluss in sein Meer einmündet, erscheint uns allein der Anstrengung wert. Sie fällt uns zu in der Liebe zu allem, in der wir uns allseitig dem Nichts öffnen – in ihm verschwinden …“ 3) „Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen schleift es mit.“ Diese bei den Stoikern beliebte Sentenz wurde oft Seneca zugeschrieben, ist aber wohl älter. 517 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 205 Allein von Fiktionen umgeben – der Philosoph Allein von Fiktionen umgeben ist der Philosoph des Nihilismus, in kalter Freiheit inmitten der anderen. Was den Philosophen auszeichnet wie aussondert, ist die bei ihm ausgebildete, gar zu einer Lebenshaltung erhobene Fähigkeit, alle Fiktionen zu durchschauen, sie als Fiktionen in der Schwebe lassen zu können. Dies bedarf besonderer geistiger Energie, einer Fähigkeit zur intellektuellen Distanz, welche den nihilistischen Philosophen auszeichnet und mit der er zugleich von anderen abrückt, zumal wenn sie noch gebannt auf die Schatten an den Höhlenwänden starren. Anders als sie wird er kaum das Bedürfnis verspüren, Fiktionen als Dogmen auszugeben, dem „Gesetz der Ideenverschiebung“ nachzugeben. (1) Allein von Fiktionen umgeben ist der Philosoph des Nihilismus. Vielleicht glückt es ihm, die Höhle zu verlassen, denn er hat die Schatten an den Wänden als Schatten durchschaut – aber draußen sieht er nichts oder wird nur geblendet von einem gleißenden Licht, das alles verschluckt, und die Stimmen, die er hört, verschwimmen in weißem Rauschen, einem Chaos, das Alles und Nichts zugleich zu sein scheint: Wird da draußen irgendetwas vorbeigetragen, das einen Schatten auf die Höhlenwände wirft? … Als er die Höhle wieder betritt, hat er die vielgestaltige Leere da draußen erfahren, trägt er das rauschende Nichts noch in sich und wagt kaum, den anderen davon zu erzählen, die wie immer gebannt auf die Wände starren. Wie werden sie mit der Enttäuschung umgehen, die sie aus seiner Botschaft heraushören werden? Vielleicht aber ahnt er schon vor seinem Ausbruchsversuch aus der Höhle, dass der Weg nach draußen zu nichts führt, dass die Lichter, die Ausgänge verheißen, Irrlichter sein könnten. Denn Lichter sind auch in der Höhle, diffuse Lichtquellen, die von überall her Lichtstrahlen senden, flackerndes Kerzenlicht oder Laserpointlicht, verhangen von einem Schleier der Nacht, der hier alles umgibt und zudeckt. Man braucht nur die Hand zu heben, schon erscheint sie verzerrt als Schattenhand an der Höhlenwand hinter dem Schleier dieser unendlichen Nacht. Da bleibt er in der Höhle, starrt wie die anderen die Schatten auf der Wand an, auf den vielen Wänden, die sich in diesem labyrinthischen Höhlenreich aneinander anschließen, zu immer neuen Räumen und Windungen führen. 518 Evidenzen der Einbildungskraft Die Wände selbst sind Schatten, dehnen sich in die Fluchten von Gängen unendlich aus … Vielleicht setzt er sich da zu den anderen, betrachtet die Schatten, die Schattenspiele, ein ganzes Schattentheater beginnt, sogar Farben, die irgendwoher von einem der Ausgänge kommen mögen, mischen sich in die Schatten ein: spektakuläre Fluchtgeschichten von Kämpfen gegen Wächter und Wächterinnen an den Ausgängen der Höhle, martialische Gestalten, die es geben muss, weil die Kampfgeschichten sie brauchen, weil das Schattentheater Action braucht. An Geschichten erinnert er sich, die selbst wie Schatten erscheinen, Geschichten von Nischen an den Höhlenwänden mit verborgenen Projektoren, die das Schattentheater animieren, die vielleicht sogar vor den Höhlenausgängen draußen stehen und Bilder hineinwerfen in die Höhlenfluchten … Da bleibt er sitzen und schaut und genießt und lacht mit den anderen, mit denen er hin und wieder ein paar Blicke, Worte austauscht … Hat ihm da nicht einer einen verschmitzten Blick zugeworfen, einer, der sich auch an den Schattenspielen erfreut und doch – wie er, der Philosoph – von ihrer nichtigen Schattenhaftigkeit weiß? Wissende Blicke tauschen sie aus, das wohlbekannte Lächeln der Auguren und reden nicht viel darüber … In solchen Anflügen von wissender Gemeinschaft vergisst er fast die Sehnsucht nach Ausgängen, die es vielleicht gar nicht gibt; was aber bleibet, geht ihm da durch den Kopf, stiften die Schatten, die wissenden Blicke anderer um Schattenspiele an Höhlenwänden, sein eigener wissender Blick … Und wieder steht er auf, geht herum, ein Wanderer im nächtlichen Höhlenreich, mit unsteten Lichtern von Schatten umgeben, allein von Fiktionen umgeben – Anmerkungen 1) Zum „Gesetz der Ideenverschiebung“ oder des „Ideenwandels“ Vaihinger 1927, bes. S. 222 f. 519 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 206 Streben verweht im Nirwana des Erleuchtungsweges Das vorwiegend westliche, „Faustische“ Streben endet im Nihilismus, dem „Verwehen“ des Nirwana, in dem die östlichen Meditations- und Erleuchtungswege zur Ruhe kommen. In modellhafter Vereinfachung findet die typisch abendländische, westliche Haltung des Menschen im Faustischen Streben ihr treffendes Beispiel. Fausts Streben ergreift alle Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz; er will wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. (1) Im zweiten Teil der Tragödie richtet sich das Streben schließlich im 5. Akt in den politischen und wirtschaftlichen Dimensionen der „großen“ Welt auf eine Machtexpansion, die rücksichtslose Opfer wie das Leben von Philemon und Baucis fordert. Durch sein Streben wird Faust schon im Prolog zum Paradefall des Menschen. Es wird als sein edelster, aber zugleich seine Tragik und Verirrungen verursachender Charakterzug angesehen. Gott selbst betont im Prolog die Notwendigkeit des Menschen zu streben und stellt ihm deshalb Mephisto zur Seite, der ihn gegen drohende Erschlaffung zur „Tätigkeit“ anstacheln soll. (2) „In seinem dunklen Drange“ des Strebens ist sich „ein guter Mensch“ nach Gottes Auffassung des „rechten Weges wohl bewusst“. (3) Doch dieses Streben ist für Faust Segen wie Fluch zugleich. Es hebt ihn ab von der Dumpfheit des bloß Tierischen, verstrickt ihn aber auch in die Tragik immerwährender Unzufriedenheit und ichbezogener Gewaltsamkeit in der Durchsetzung seiner Ziele. Gott selbst sagt in widersprüchlicher Weise von demselben Streben, das er als herausragende menschliche Eigenschaft befördert: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ (4) Es ist ein Irrtum, der den Menschen ausmacht. Der östliche Weg erscheint – wiederum in modellhafter Vereinfachung – als Konstrastprogramm. Hier wird der Wille zum Leben und zur Lebenssteigerung, die immer mehr sich aneignen will, zurückgenommen. Weltentsagung und „Los-lassen“ sind die kennzeichnenden Stichwörter, wie sie der Buddhismus exemplifiziert. Im Verlauf eines Erleuchtungsweges wird das Streben aufgegeben, denn mit dem, wonach gestrebt wird, ist es „nichts“. Als höchstes Ziel erscheint das Nirwana als das Verlöschen aller strebenden Begehrlichkeiten. 520 Evidenzen der Einbildungskraft Es ist zunächst kaum vorstellbar, wie diese beiden Haltungen zusammenkommen könnten. Doch erinnern wir uns an die oben dargestellte Widersprüchlichkeit im Faustischen Streben selbst, dann wird eine Möglichkeit sichtbar, den Widerspruch einer möglichen Auflösung zuzuführen. Indem das Nichts zum Ziel des Strebens wird, hebt sich dieses Streben selbst auf. Dass dazu – wie im achtfachen Pfad der buddhistischen Lehre – große Anstrengungen und viel Strebsamkeit erforderlich sind, ist offenkundig. Sobald es also nicht mehr um Seinsgewinnung im Sinne der Erhaltung und Steigerung des Lebens geht, sobald sich also das Streben nicht mehr auf „Etwas“ richtet , sondern sich in der Erkenntnis der Nichtigkeit seiner vermeintlich zu erstrebenden Objekte zum Nichts hinwendet, wird der dem Streben innewohnende Widerspruch lösbar. Was im westlichen Denken als „Seinsvergessenheit“ gedeutet wurde, muss als „Nichtsvergessenheit“ erkannt werden. (5) In solcher Verschränkung westlicher und östlicher Denkrichtungen könnte sich die Gewaltsamkeit mildern oder gar verschwinden, mit der die nach „Etwas“ suchenden und strebenden Menschen übereinander und diesen Planeten hergefallen sind. Doch behält das Nichts in nihilistischer Sicht seinen defizitären Status. Eine fundamentale Differenz tut sich an den Endpunkten eines zunächst konvergierenden Strebens nach Nichtsgewinnung auf, die der zwischen buddhistischem Glauben und philosophischem Wissen entspricht: Im aufgeklärten Nihilismus ist das Nichts kein Ort umfassender Erlösung, sondern eine teils beängstigende, teils befreiende Leere, aus der heraus vorübergehende heilsame Imaginationen immer wieder möglich sind. (6) Welt-Rad streift Ziel auf Ziel Nietzsche hat die Einbindung des westlichen, faustischen Strebens in das buddhistische Weltrad eindrucksvoll in ein Gedicht hineingebildet: (7) An Goethe Das Unvergängliche Ist nur dein Gleichniss! Gott, der Verfängliche, Ist Dichter-Erschleichniss … 521 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus Welt-Rad, das rollende, Streift Ziel auf Ziel: Not – nennt’s der Grollende, Der Narr nennt’s – Spiel … Welt-Spiel, das herrische, Mischt Sein und Schein: – Das Ewig-Närrische Mischt uns hinein! … Anmerkungen 1) Goethe: „Faust“ (München 1986) V. 382 f. – Byung–Chul Han fasst dieses westliche Streben treffend mit dem Begriff „appetitus“ zusammen (2002, S. 62 ff.) 2) Ebd. V. 340–343 3) Ebd. V. 328 f. 4) Ebd. V. 317 5) Lütkehaus (1999) spricht von „Nichtsvergessenheit“: „Weit mehr als von ‚Seinsvergessenheit‘, wie es Heideggers seinshöriges Denken unterstellt, ist sie (die Philosophie) von Nichtsvergessenheit bestimmt. Wegen der Fixierung auf die ‚Seinsvergessenheit‘ wurde die Nichtsvergessenheit ihrerseits stets vergessen: eine vergessene Nichtsvergessenheit“. (S. 599 u. ff.) 6) Diese Differenz zum buddhistischen Denken bzw. Glauben wird deutlich, wenn Byung – Chul Han die Entleerung des Bewusstseins als Eintritt in eine umfassende „helle Offenheit“ darstellt, eine Welt der Dinge an sich, in der die Subjekt-Objekt-Spaltung überwunden wäre (2002, S. 80 f. u. passim). Die Metaebene, die der aufgeklärte Nihilismus herausbildet, geht verloren, wenn die Entleerung des Bewusstseins zum Erweckungserlebnis einer unhinterfragbaren Offenbarung wird. 7) KSA III S. 639 522 Evidenzen der Einbildungskraft § 207 Langeweile: von Nichtsvergessenheit zu Nichtsgewinnung Entscheidend für alle aufgeklärten Nihilisten bleibt die Einsicht, dass Nichtsgewinnung Arbeit bedeutet, ein Streben, das sich auf einen langen Weg begibt. Er führt durch die Aufdeckung aller uns lieb gewordenen Fiktionen, die wir – in Nichtsvergessenheit befangen – nicht loslassen möchten, ihre Sichtung und Prüfung in Hinblick auf die Evidenzen, die sie für uns vorübergehend haben, bevor sie im Nichts verschwinden, mit dem wir letztlich zurechtkommen müssen – auch in der Langeweile. Die vierte sog. edle Wahrheit, der „achtfache Pfad des Buddhismus“ zeigt, wie viel Arbeit, Disziplin und Streben auch in der buddhistischen Nichtsgewinnung notwendig sind. Dabei ist es in unserem Zusammenhang von sekundärer Bedeutung, ob es sich um acht, zwölf oder tausend Pfade handelt oder welche Meditationstechniken solcher Nichtsgewinnung im Einzelnen am förderlichsten sein mögen. Zahlen dieser Art, auch wenn sie oft abergläubischen, dogmatischen Charakter annehmen, haben sich im Buddhismus aus mnemotechnischer Bedeutung heraus entwickelt: Es sind Fiktionen, welche der Erinnerung Halt und Gliederung im Aufzählen verleihen. (1) Entscheidend bleibt für alle aufgeklärten Nihilisten – im Osten wie Westen – die Einsicht, dass Nichtsgewinnung Arbeit bedeutet, ein Streben, das sich auf einen langen Weg begibt. Er führt durch die Aufdeckung aller uns lieb gewordenen Fiktionen, die wir in unserer Nichtsvergessenheit nicht loslassen möchten; er bedeutet ihre Sichtung und Prüfung in Hinblick auf die Evidenzen, die sie für uns vor- übergehend haben. Schließlich verschwinden sie im Nichts, das als Grundierung unserer Existenz sich immer wieder bemerkbar macht und das wir mit Bewusstsein als deren grundlosen Grund kennen und anerkennen müssen. (2) In der Langeweile zeigt sich uns beispielhaft das Nichts in der Vorhandenheit der Dinge, in unserer Befindlichkeit ihnen gegenüber als bloßer Additionen von Seiendem, dem es an Sinn, an Richtung fehlt. Das Nichts ist hier Leere, aber nicht in Bezug auf Vorhandenheit, sondern in Bezug auf Sinnverlust. Uns mit dieser Langeweile zu beschäftigen, ihr zu begegnen, sie auszuhalten und partiell zu überwinden, dürfte eine wichtige Arbeit der Nichtsgewinnung im nihilistischen Zeitalter ausmachen. Phi- 523 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus losophische und kulturwissenschaftliche Theorien zum Phänomen der Langeweile liegen bereits reichlich vor (2); ihre Ergebnisse sind noch weiter zu entwickeln und zu systematisieren, müssen aber durch den Bezug zum Problem des Nihilismus fundiert bleiben. Beständig taucht dabei die Einsicht in die Ambivalenz von Langeweile auf, die auch produktive, schöpferische Kräfte freisetze. Hier kann Nietzsches Begrifflichkeit des passiven und aktiven Nihilismus die notwendige Erhellung und philosophische Fundierung gewährleisten, die sonst durch wohlgemeinte, das Problem aber trivialisierende und moralisierende Ratschläge ersetzt wird und verloren geht. Deutlich wird auch in den Erörterungen von Langeweile, dass in ihrer Bewältigung nicht die „Erfüllung“ der als leer empfundenen Zeit das Ziel sein kann, sondern eine temporärer Ablenkung und partielle Sinngebung, ein Überspielen dieser Leere, die als Grundierung unserer nihilistischen Befindlichkeit bleibt: Eben dies sind die lebenserhaltenden, lebenswichtigen Fiktionen der Einbildungskraft, die wir in unserer Monographie beim Schritt vom passiven zum aktiven Nihilismus in den Mittelpunkt rücken. Erst wenn wir in der Analyse der Befindlichkeit der Langeweile die Nichtsvergessenheit unseres Zeitalters diagnostizieren, können wir ihre Potentiale der Nichtsgewinnung erschlie- ßen. Sprachliche Arbeit am Wort vom Nichts Es ist immer wieder zu beobachten, wie sich in buddhistischen Schulen die Schulungswege gegenüber dem Ziel der Nichtsgewinnung verselbstständigen. Es geht dann darum, die „wahre“ Technik oder den „wahren“ Weg gegenüber konkurrierenden Ansichten zu behaupten. Dass dies Maskeraden des Willens zur Macht sind, nicht selten solche autoritärer Gurus, die als Führerfiguren herrschen, ist unschwer zu erkennen. Deshalb ist es heilsam, im buddhistischen wie nicht-buddhistischen Kontext des nihilistischen Denkens das unsichtbare Ziel der Nichtsgewinnung im Auge zu behalten. Dabei ist auch die Scheu westlicher Buddhisten zu beobachten, vom Nichts als Ziel ihres Schulungsweges, vom Nirwana als Nichts überhaupt zu reden. Es geht ihnen dann um Positivitäten, ein Etwas in Gestalt des „wahren“ Blicks auf die Dinge, deren „Geist“ etc. Sie übernehmen dann die Vermeidungsstrategien des Westens gegenüber dem Nichts, die Diskreditierung des Wortes Nihilismus, um Buddhismus salonfähig und vermarktbar zu machen. Arbeit an der Nichtsgewin- 524 Evidenzen der Einbildungskraft nung ist auch diese Arbeit an der Sprache: den vollen Sinn der Rede vom Nichts und vom Nihilismus gegen verengende Vorurteile wieder herzustellen. Anmerkungen 1) Solche mnemotechnischen Methoden waren umso wichtiger, als sich der Buddhismus auf mündliche Weitergabe verlassen musste und sich einer ungesicherten Verschriftlichung in Verbindung mit Übersetzungsproblemen ausgesetzt sah. 2) Zu dieser Befindlichkeit Cioran (1993, S. 119): „Als Herr und Meister aller Irrtümer konnte ich endlich darangehen, eine Welt von Scheinbildern, von anspruchslosen Rätseln zu erforschen. Nichts gab es mehr zu verfolgen, außer die Verfolgung des Nichts.“ Langeweile definiert Cioran treffend als „das Nichts in Aktion“ (ebd. S. 112). 3) Aus dieser umfangreichen Literatur greifen wir das Interview mit der Psychologin Sandi Mann in der BBC heraus: Boredom (11. 05. 2016); Zugriff am 29.11.2016 von http://www.bbc.co.uk/programmes/po3tsr5n. Was hier als positive und negative Langeweile charakterisiert wird, entspricht genau Nietzsches Begriffen von passivem und aktivem Nihilismus. Im Mittelpunkt des Interviews steht die Suche nach „meaning for life“, also die Erfahrung des Nichts auf der Bedeutungsebene. 525 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 208 Das aufgegebene Floß Selbst die Philosophie des Nihilismus kann letztlich nichtig, d. h. ein bloßes Hilfsmittel sein, das wir hinter uns lassen wie ein Floß, das bei der Überfahrt gute Dienste leistete, wenn wir das Ufer erreicht haben. Diese Möglichkeit ihrer Selbstaufhebung wird in ihr mitreflektiert und verschafft ihr eine lebensdienliche Gelassenheit und Heiterkeit. In diesem Sinne könnte „aufgeklärter Nihilismus in Aktion“ die Fortsetzung unserer Studie sein. Negieren ist der Grundzug des Denkens, auch wenn es immer wieder zu vorläufigen Positionen kommt. Denken als Negieren macht nicht vor sich selbst Halt. Die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus hat diesen Sachverhalt für sich selbst zu thematisieren, während das als gesund und normal geltende Alltagsbewusstsein die Konsequenzen längst gezogen hat und Fragen der Philosophie, wenn überhaupt, nur intermittierend zulässt. Keines ihrer Grundprobleme lässt durchgängig sich im Bewusstsein festhalten. So ist es ein beliebtes Klagemotiv philosophischer Meditation, dass wir Vergänglichkeit und Tod nicht angemessen in unser bewusstes Leben integrieren. (1) Aber es liegt in der Natur des Denkens selbst, dass wir mit dem Gedanken an den Tod nicht beständig leben können, dass philosophische Reflexion über ihn nur als Intermission stattfindet und in diesem Sinne nichtig wird. Verhärtet sich die philosophische Reflexion, kann sie zu Grübelei und Krankheit missraten, die das gesunde Leben zerstört; verfestigt sich dieses zu frisch-fröhlicher Munterkeit bloßer Anpassung, bedarf es der Philosophie zur rechten Gesundung. So hat selbst die Philosophie letztlich keinen sicheren Bestand. Sie ist dem Nihilismus bereits verfallen, den sie selbst an ihrem Endpunkt ins Bewusstsein hebt, ist im Perspektivismus nur eine mögliche Perspektive (2): Was diese auszeichnet ist, dass das Denken innerhalb dieser Perspektive aufs Ganze geht, d. h. den Perspektivismus selbst reflektiert. Die Philosophie des aufgeklärten Nihilismus ist philosophia perennis nur in dem Sinne, dass sie unsere Vorstellung von Ewigkeit als Fiktion, die der Nichtigkeit entgehen möchte, hervortreibt. Auch diese Philosophie erweist sich letztlich als ein nichtiges Hilfsmittel, an dem wir nicht anhaften müssen, das wir somit loslassen können. Auch dann noch leis- 526 Evidenzen der Einbildungskraft tet sie uns einen entscheidenden Dienst. Denn auch wenn wir sie losgelassen haben, zehren wir noch von ihren Prägekräften. Sie ist wie in dem luciden buddhistischen Gleichnis ein Floß, das zur Überfahrt über einen reißenden Strom gute Dienste leistet, das wir aber im Wasser irgendwohin treiben lassen, wenn wir am anderen Ufer an Land gegangen sind. Vage bleibt die Hoffnung, dass es dann anderen, die seiner habhaft werden könnten, ähnlichen Gewinn bringen möge, wie er uns zuteilwurde. Denn am anderen Ufer angekommen wollen wir das Floß, das wir vordem aus Ästen und Holzstücken zusammenbauten, nicht mehr auf unserem Rücken herumtragen. Es hat seinen Zweck erfüllt. Unbeschwert wollen wir weitergehen. (3) Denken als (Selbst-)Negation Das Alltagsbewusstsein kennt diese Negation des Denkens als „Abschalten“ oder „Entspannen“, die Psychoanalyse als „Verdrängung“, die für unser Bewusstsein unumgänglicher und gesünder ist, als zuweilen in diesem Wissenschaftszweig angenommen wird. Was die Philosophie hiervon abhebt, ist die Negation des Denkens durch Denken, d. i. einen bewussten Denkakt. Freilich stoßen wir bei diesem philosophischen Grenzgang auf ein höchst schwieriges, wenn nicht paradoxes Unterfangen. Erst auf diesem Grenzgang wird die Bedeutung der Einbildungskraft mit ihren lebenswichtigen Fiktionen erhellt. Der im Wesentlichen negierende Zug des Denkens ist oft dargestellt worden. So resümiert W. Adorno (4): „Denken ist, an sich schon, vor allem besonderen Inhalt Negieren, Resistenz gegen das ihm Aufgedrängte …“ Er folgt damit Hegel (5): „Die Tätigkeit des Scheidens ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, … die ungeheure Macht des Negativen; es ist die Energie des Denkens, des reinen Ichs.“ Hegel – anders als lange vor ihm Nagarjuna (6) – kennt aber keine Selbstnegation des Denkens und der Philosophie. Auch Heideggers vielzitierte Formulierung, die Philosophie habe das Denken zu denken, zielt auf solche Selbstnegation nicht ab. In Hinblick auf das historische Bewusstsein hat Nietzsche in „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ (7) ein eindrucksvolles Beispiel dafür gegeben, wie das Denken – hier exemplifiziert an der Reflexion auf Geschichte – in seiner Verengung bzw. Selbstnegation vernünftiger sein kann als das in alle Verästelungen entwickelte historische Bewusstsein. Im Zusammenhang unserer Argumentation können wir 527 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus sagen: Die Ausblendung des Historischen geschieht in der Konzentration auf eine ponierende Perspektive der Einbildungskraft, die ihre Evidenz, ihre Vernünftigkeit in solcher Einsgerichtetheit erweist. Bilder ohne Endgültigkeit Auch das Bild vom aufgegebenen Floß, das in der Endphase unserer Bemühungen um einen aufgeklärten Nihilismus in dieser Studie seinen Platz hat, ist ein Bild ohne Endültigkeit. Die Philosophie mag uns nichtig erscheinen, es mag aber gute Gründe geben, zu ihr zurückzukehren. Solche Bilder ohne Endgültigkeit sind Stationen, die ihre jeweilige Evidenz behaupten und wieder ablegen können, auf der Bilderflucht ins Nichts. Anmerkungen 1) So spricht W. Adorno (ND S. 359 f.) von „der bis heute fortdauernden Schwäche menschlichen Bewusstseins, der Erfahrung des Todes standzuhalten, vielleicht überhaupt sie in sich hineinzunehmen.“ Was W. Adorno hier Schwäche nennt, ist – im Perspektivismus der Philosophie des aufgeklärten Nihilismus – die Stärke der negierenden Kraft unseres Denkens in Form seiner Selbstaufhebung, sodass es in lebenswichtige Fiktionen eingehen kann. 2) Dies dürfte die tiefere Begründung für W. Adornos saloppe Formulierung sein, Philosophie sei „das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht.“ ND S. 24 3) Siehe die Darstellung dieses Gleichnisses von Buddha Sakyamuni in PhB (S. 149–151) sowie Glasenapp, H. v. (1974, S. 56) zu der Lehre des „Kleinen Fahrzeugs“: „Die Lehre gleicht einem Floß, das man benutzt, um über einen Strom (die Wandelwelt) an das andere Ufer (das Nirvana) zu gelangen, das man aber, wenn es diesen Zweck erfüllt hat, nicht mehr mit sich herumschleppt.“ 4) ND S. 28 5) Hegel (Vorrede zur „Phänomenologie des Geistes“) 1952, S. 29 6) NA S. 943: „Es gibt keine Grenze bei einem letzten Ruhepunkt, sondern nur im Scheitern des Denkens durch das Denken selber die Aufhebung des Denkens zu einem Mehr-als-Denken, zu der Vollkommenheit der Erkenntnis … Daher wird das Denken zu einem ständigen Sichüberschlagen. In jeder Aussage als solcher liegt schon das Widersinnige. Das Sagen wird begriffen als notwendig sich selber aufhebend. Dieses Sichaufheben ist die Möglichkeit des Erweckens der Wahrheit. – Die eigentliche Wahrheit kann nur dadurch offenbar werden, daß sie als ausgesagte sich verneint. Daher führt der Weg durch eine Wahrheit, die als gedachte keine ist, zur Wahrheit, die als nicht mehr gedachte sich zeigt. Diese eigentliche Wahrheit lebt als Denken von dem Verbrennungsprozeß der vorläufigen Wahrheit.“ 7) KSA I S. 252 528 Evidenzen der Einbildungskraft § 209 Vor Abfahrt des Auswandererschiffes Die Selbstnegation des Denkens führt angesichts des Todes in lebenskluge Fiktionen von Todesvergessenheit, die der Philosoph als selbstdurchleuchtete Fiktionen aufrechtzuerhalten vermag. Nietzsche hat in seinem Aphorismus „Der Gedanke an den Tod“ die Vernünftigkeit unserer Einbildungen, die uns an das Leben binden und den Tod vergessen lassen, eindrucksvoll in der Szenerie vor Abfahrt eines Auswandererschiffes dargestellt: „Es ist immer wie im letzten Augenblicke vor der Abfahrt eines Auswandererschiffes: man hat einander mehr zu sagen als je, die Stunde drängt, der Ozean und sein ödes Schweigen wartet ungeduldig hinter alle dem Lärme – so begierig, so sicher seiner Beute. Und Alle, Alle meinen, das Bisher sei Nichts oder Wenig, die nahe Zukunft sei Alles: und daher diese Hast, diess Geschrei, dieses Sich-Uebertäuben und Sich-Uebervortheilen! Jeder will der Erste in dieser Zukunft sein, – und doch ist Tod und Todtenstille das einzig Sichere und das Allen Gemeinsame dieser Zukunft! Wie seltsam, dass diese einzige Sicherheit und Gemeinsamkeit fast gar Nichts über die Menschen vermag und dass sie am Weitesten davon entfernt sind, sich als die Brüderschaft des Todes zu fühlen! Es macht mich glücklich, zu sehen, dass die Menschen den Gedanken an den Tod durchaus nicht denken wollen! Ich möchte gern Etwas dazu thun, ihnen den Gedanken an das Leben noch hundertmal denkenswerther zu machen.“ (1) Angesichts ihres Todes hebt sich das ausschließlich rationale Denken dieser Menschen auf in lebensdienlichen, heilsamen Fiktionen, die ihre Vernünftigkeit gerade in der Todesvergessenheit entfalten, die wiederum rationale Gedankenketten in Gang setzt. Was den Philosophen abhebt, ist seine bewusste Selbstaufhebung des Denkens durch das Denken selbst. Damit bleiben für ihn die Fiktionen als Fiktionen im Prinzip durchschaubar, d. h. selbstdurchsichtige, vernünftige Einbildungen. Dieser Schwebezustand verlangt von ihm ein besonderes Maß an geistiger Energie und Differenzierungsvermögen. 529 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus Aufgeklärte Nihilisten sind mit den Endspielen menschlicher Existenz befasst. Auch hier ist es die Dichtung, welche eindrucksvoll den Nihilismus über sich selbst in die Aufklärung führt. Becketts „Warten auf Godot“ wie sein „Endspiel“ rücken in den Verhandlungen über Sinn und Sinnwidrigkeit unserer Existenz die Sinnlosigkeit bildhaft vor Augen, ohne dass wir doch ihrer habhaft werden könnten. (2) Es ist dies eine Auffassung des Nichts, wie sie schon Nagarjunas Nihilismus in der Mitte der Dinge und nicht in Abwesenheit von ihnen philosophisch zur Sprache gebracht hat. Immer noch ist der Tod der große Lehrmeister des Nihilismus, „die gro- ße Zurechtweisung“, „die große Enttäuschung“. (3) Viele nihilistische Denkmotive verdichten sich, wenn Becketts Pozzo über die Menschen sinniert: „Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von neuem die Nacht.“ Die Nachtfahrt unseres Lebens gelangt hier zu einem beklemmenden Ausdruck, diese „Umnächtigung“ unserer Existenz, die – nur von Tagen der Erleuchtung erhellt – zu einem flüchtigen Augenblick zusammenschrumpft. Wie vermögen wir dieses Bild auszuhalten, mit dieser bestürzenden alptraumartigen Vision zu leben? Es fragt sich, weshalb angesichts solcher Bilder die Rolle der Einbildungskraft so wenig diskutiert worden ist (4), mit deren Hilfe wir Tod und Vergänglichkeit mit lebensklugen Fiktionen ausblenden: Mit Vernunft leben wir von Fiktionen. Es ist, als ob die Philosophen wie schon Platon die Einbildungskraft aus ihrem Gebiet exilieren wollten, weil sie – schon vor aller Kunstproduktion im engeren Sinne – das schöpferische Vermögen ist, in Fiktionen unsere Vergänglichkeit zu übertrumpfen, die von der philosophischen rationalen Reflexion doch als unumgänglich erkannt wird. Es gibt nur eine Antwort auf die Frage nach den Gründen unserer todesvergessenen Lebensenergie, die in eine Betrachtung der Leistungen der Einbildungskraft mündet: In von Dauer und gar Ewigkeitshoffnungen getragenen Einbildungen täuschen wir uns wie die Auswanderer in Nietzsches Aphorismus über das offene Meeresgrab hinweg, das doch vor uns liegt. In Feuerfunken rebellieren wir gegen unsere Vergänglichkeit. In ihnen hebt sich das Denken – sich selbst negierend – auf und führt uns in die Evidenz lebensdienlicher Fiktionen, die unsere Flucht vor dem Tode zu verlängern vermögen, ihn zeitweilig vergessen lassen. So drückt Becketts verstörendes Bild in einer sich selbst reflektierenden Einbildung die Nich- 530 Evidenzen der Einbildungskraft tigkeit unserer Existenz wie unsere Möglichkeit aus, von heilsamen Fiktionen zu leben. In deren Scheincharakter holen wir Vergänglichkeit und Tod in das Leben hinein, das erst auf solcher Grundierung seinen Wert behauptet. (5) Somit gibt es neben dem epistemologischen Perspektivismus, der uns in grundsätzlicher, transzendentaler Hinsicht nicht erlaubt, über den Tod hinaus ein sicheres Wissen zu erlangen, einen volutaristischen Perspektivismus, der uns von allen rationalistischen Gedanken an den Tod Abstand nehmen lässt zugunsten lebenskluger Imaginationen. Anmerkungen 1) KSA III S. 523. Nietzsche hat die Bedeutung von Fiktionen in diesem Aphorismus nicht eigens thematisiert; ein dezidiertes Eingehen auf die Rolle der Einbildungskraft in seiner Philosophie fehlt insgesamt, ist aber in seiner Betonung der Rolle der Kunst in Hinblick auf den Verlust von Wahrheit impliziert. So bleibt offen, was das Wort „denkenswerther“ im letzten Satz meint. Jedenfalls muss das Imaginieren als wesentlicher Teil in die Analyse unserer Denkvorgänge einbezogen werden. Vgl. KSA II S. 14: „Das Leben will Täuschung, es lebt von der Täuschung …“ 2) Beckett („Warten auf Godot“, S. 221) 1971. Zum Nihilismus bei Beckett s. W. Adorno 1970, S. 230. 3) SchW II, S. 589 4) Diese Frage stellt sich auch angesichts der Szenerie des Lebens, wie sie Blaise Pascal entworfen hat, Nietzsches bewunderte wie angefeindete Gegenfigur: „Man stelle sich eine Anzahl Menschen vor, in Ketten gelegt und alle zum Tode verurteilt, von denen immer einige Tag für Tag vor den Augen der andern erdrosselt werden, sodass die, die zurückbleiben, ihre eigene Lage in der ihresgleichen sehen und voller Schmerz und ohne Hoffnung aufeinanderschauen und warten, dass die Reihe an sie komme. Das ist ein Bild der Lage des Menschen.“ Pascal („Pensées. Über die Religionen und einige andere Gegenstände“) 1979, S. 113 Während Pascals Einbildungskraft noch in christlicher Offenbarungsmystik ihren Hoffnungsanker finden konnte, wollen Nietzsches „denkenswerte“ Einbildungen der Erde treu bleiben, wie dies Zarathustra von seinen Jüngern fordert; vgl. KSA IV S. 14 f. 5) Dies trifft sich mit buddhistischen Gedanken, wie sie Byung-Chul Han (2002, S. 113) eindrucksvoll zusammenfasst: „Der Lebende bleibt ein Toter, solange der ‚Tod‘ nicht getötet ist, d. h. solange er den ‚Tod‘ dem ‚Leben‘ entgegensetzt. Erst nach dem Töten des ‚Todes‘ ist man ganz lebendig, d. h. man lebt ganz, ohne den ‚Tod‘ als das Andere des ‚Lebens‘ anzustarren. Ganz lebendig mißt sich nicht an ‚ewig‘ oder ‚unsterblich‘. Es fällt vielmehr mit ganz sterblich zusammen.“ Auf der Linie dieser Deutung liegt Nietzsches Gedanke, der Wille zur Macht diene nicht nur der Lebenserhaltung, sondern der Lebenssteigerung, die gar des Stimulans der Krankheit bedürfe. 531 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus § 210 Endpunkte der Philosophie Im aufgeklärten Nihilismus verläuft die Philosophie in ihren Endpunkten ins Nichts … Sie hat sowohl ihr Minimum an „Ergebnissen“ erreicht, denn sie hat die traditionellen Grundfragen der Philosophie negativ „gelöst“, als auch ihr Maximum an ent-täuschender Aufklärung über all die „eingebildeten Wahrheiten“ entwickelt, die sich in Nichts aufgelöst haben. So verfällt Philosophie schließlich ihrem eigenen Perspektivismus, den sie in Nietzsches Sinne hervorgetrieben hat, indem sie gemäß ihrem jeweiligen Blickwinkel sich selbst als Höhe– wie Tiefpunkt erscheinen kann. (1) Mit „Endpunkten“ ist nicht gemeint, dass es „letzte“ Werke über den Nihilismus gibt. Philosophie wird ihn weiter differenzieren und entwickeln, neue geschichtliche Entwicklungen reflektieren, aber letztlich doch nihilistisch gemäß dem Grundzug unseres Zeitalters des Nihilismus bleiben. Über diesen Grundzug aufzuklären und ihn zu entwickeln ist die Absicht unserer „Philosophie des Nihilismus“, die sich als ein fortwährendes Projekt versteht, das mit den neuen Kräften eines aktiven Nihilismus die Aufklärung, wenn es noch Hoffnung gibt, aus ihrer Blockierung herausführen könnte. Der aufgeklärte Nihilist weiß, dass seiner „großen Erzählung“ vielleicht andere folgen, andere Spiele in Zukunft gespielt werden als sein Spiel, in dem es geht – um das Nichts, aber auch dessen Bewältigung. Er ist der Metaphysiker, der die Metaphysik ins Nichts verabschiedet, in ihre Nullstufe überführt. Doch wie in der Mathematik die Nullstelle für eine Funktion hat auch jene Nullstufe der nihilistischen Philosophie eine zentrale Bedeutung für unser Denken. Solche Rückführung ins Nichts ist das philosophische Geschäft des Nihilismus. Dabei war Nietzsche aus biografisch-historischen Gründen noch einseitig mit der Dekonstruktion der jenseitsgewandten Ideologien beschäftigt, aber zumal nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wissen wir, wie – in Abwandlung von Zarathustras Worten - Giftmischer diesseitsgewandter Ideologien unsere Treue zur Erde missbrauchen können. In seiner Konzentration auf die Nichtsgewinnung hält der aufgeklärte Nihilismus an Begriffen wie Wahrheit, Vollkommenheit und Metaphysik fest, wenn auch im Modus der Negation, um ideologische Verfestigungen jedweder Provenienz aufzulösen. Über das Nichts hinaus kann es schlechterdings „nichts“ geben – es sei denn das „Etwas“ einer neuen Gewissheit, die uns als Wahrheit erschie- 532 Evidenzen der Einbildungskraft ne und die vom Standpunkt des aufgeklärten Nihilismus aus nur eine neue Einbildung sein kann, die als solche nicht mehr erkannt wird. Wenn wir dann an eine neue Wahrheit glauben können, werden wir unser jetziges Unglück des Unwissens gegen das Glück einer neuen Gewissheit eingetauscht haben, ein verblendetes Glück, das vergessen hat, dass die Wahrheit, an die geglaubt wird, unserer Einbildungskraft entstammt. Mögen wir davor bewahrt bleiben, dass eine solch neue Gewissheit mit dem Unglück, Leid und Tod unzähliger Menschen erkauft wird, wie sie blindwütigen Ideologien geopfert wurden und noch geopfert werden! Vielleicht kommen wir an diesem Punkt zu dem vorläufigen Ergebnis, die Mühseligkeiten des Nihilismus einer Parusie solch neuer „Wahrheiten“ bzw. „Seinsgewissheiten“ vorzuziehen. (2) Dabei bleibt angesichts all der fragwürdigen Überwindungen des Nihilismus an dessen defizitärem Status festzuhalten. Der aufgeklärte Nihilismus ist keine Wellnessphilosophie, wenngleich seine aktiven befreienden und beglückenden Impulse – wie in seiner Diffamierung leider üblich – nicht ausgeblendet werden dürfen. Die Leere bleibt in ihm grundlegende Erfahrung, fordert zum Begreifen heraus. So kann die Leerstelle des Todes Gottes im Nihilismus nicht vollkommen ausgefüllt werden – auch Nietzsches „Übermensch“ taugt nicht als Ersatz für Gottes vordem vermutete Vollkommenheit und Allmacht. Damit reflektiert der Nihilismus einen Entzug, eine defizitäre Befindlichkeit, strahlt in solcher Reflexion nicht Wahrheit, aber vielleicht Überzeugungskraft aus und behauptet unsere Freiheit des Denkens gegenüber der Ausgrenzung und Diskreditierung des Nihilismus, wie sie durch bornierte Akzeptanz von Positivitäten, zu denen auch die Fesselung an den Willen zur Macht gehört, betrieben wird. Durch die gedoppelte Abwehr von Jenseits- wie Diesseitsgläubigkeit in einer negierenden wie sich bewahrenden Metaphysik des Nichts konstituiert sich der aufgeklärte Nihilismus – vielleicht als unser Licht in der Finsternis. (3) Wir sind erlösungsbedürftig geblieben; und kein Mensch vermag den anderen zu erlösen. Erst am Abglanz seiner Träume, welche die Evidenzen unserer Einbildungskraft uns vorführen, verstehen wird das Leben. (4) Wenn wir nur Zarathustras Rat folgen, der Erde treu zu bleiben, schlägt der aufgeklärte Nihilismus um in kruden Diesseitsglauben. Es gibt eine Verfallenheit an das Alltägliche, die dem Tode gleichkommt – ein Leben, das erst aufblüht in der Auflösung des Alltäglichen ins Nichts. (5) So konstituiert sich im Zeitalter des Nihilismus unser Menschsein, 533 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus insofern es menschlich bleiben will, im Spannungsfeld zweier konfligierender evidenter Meta-Imaginationen: der Vorstellung von einer Vollkommenheit, deren wir verlustig gegangen sind, und einer Zuwendung zu unserem Dasein, wie es nach Nietzsches kategorischem Imperativ der Lebensbejahung auf ewig wiederkehren möge, doch allzu oft in seiner aktuellen Gestalt keiner Wiederholung wert erscheint. Wie ein flackerndes Licht in der Finsternis erhellen Evidenzen der Einbildungskraft mit glanzvoll sprühenden Feuerfunken vorübergehend unser Leben ein wenig; dessen Grundzug ist Leiden und Gefährdung, ein fleischgewordenes Suchen (6): „Orientierungslosigkeit, Vergeblichkeit, Verzweiflung, Langeweile, Depression – ein Fegefeuer ist dieser Nihilismus! Aber wofür werden wir bestraft und wozu leiden wir? Wovon und wozu werden wir gereinigt? Gehen wir neuen Himmeln oder Höllen entgegen? Woran werden wir einst glauben können? Was werden uns unsere Einbildungen vorzaubern, sodass wir uns, wenn wir nur könnten, nach diesem Fegefeuer des Nihilismus zurücksehnen würden, das uns immerhin eine leere, beliebige, absurde Freiheit schenkte?“ Vielleicht wollen wir Nihilisten bleiben … Anmerkungen 1) Man denke an den Scheitelpunkt eines Maximums oder Minimums in einer Kurvendiskussion sowie an Heraklits Fragment (Snell 1965, S. 21): „Der Weg hin und her ist ein und derselbe.“ 2) Als Heidegger seine berühmt-berüchtigte Rektoratsrede 1933 hielt, glaubte er, eine solche Seinsgewissheit gefunden zu haben. Sein vieldiskutierter Irrtum war so singulär freilich nicht. Er ist ein Beispiel für all die von Ideologien verführten Menschen. Eine Sicherheit vor solcher Verführung kann uns der Nihilismus nicht gewährleisten. Wenn er aber aufgeklärter Nihilismus ist, kann er hinreichende Gegenkräfte entwickeln, die – zu unserem Leid oder Glück – den Glauben an „Wahrheiten“ aller Art zunichtewerden lassen. Zu Gottfried Benns und Heideggers Irrtum s. Safranski 1993, S. 202: „Heidegger wollte die Seinsvergessenheit im Denken überwinden. Aber als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, glaubte er, das ‚Sein‘ sei nun wirklich angekommen.“ Safranski freilich bietet ein Beispiel für die Vermeidungsstrategie gegenüber dem Wort „Nihilismus“. Wenn er von Wahrheit als „Erfindung“ nur noch im Plural spricht, meint er evidente Einbildungen: „Der Mensch ist frei, frei für die Erfindung seiner Wahrheit. Und darum gibt es die unendlich vielen Wahrheiten.“ (Ebd. S. 206) Die Wahrheit hat sich im nihilistischen Zeitalter in die Diaspora der Einbildungskraft verflüchtigt. Was uns geblieben ist, sind evidente, doch instabile Einbildungen bzw. Imaginationen. 3) Vgl. ND S. 371 f. – Deshalb ist der Nihilismus kein „pathologischer Zwischenzustand“ (Fink 1960, S. 154), sondern es ist angemessener, von unserer defizitä- 534 Evidenzen der Einbildungskraft ren Befindlichkeit im Zeitalter des Nihilismus zu sprechen, von dem nur ein prophetisches Wissen behaupten könnte, dass er ein Zwischenzustand sei. 4) Vgl. TE S. 266 u. passim u. NF S. 216 5) NF S. 192 6) Vgl. Aschenbachs Rede in „Feuerfunken“, dem Schlussteil der nihilistischen Romantrilogie „Bunte Schleier des Nichts“. Vgl. FF S. 34 u. f. Wir verwenden hier Leitmotive dieser Romantrilogie. 535 Aufstieg und Abstieg der Philosophie im aufgeklärten Nihilismus

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Zusammenfassung

Nihilismus, dieser „unheimlichste Gast“, wie Nietzsche ihn nannte, hat sich schon längst in unserem Hause bequem eingerichtet. Er ist heimisch geworden: im „anything goes“ der Postmoderne, dem Relativismus der Werte, den Fake News, dem Verlust an Wahrheit und Lebenssinn, dem Willen zur Macht, dem unsere Welt ausgeliefert zu sein scheint.

Trotzdem hat unsere politische und philosophische Korrektheit den Nihilismus zum Unwort und Schmähwort erklärt, will ihn sogleich überwinden, sobald das tabuisierte Wort gefallen ist. Doch können wir mit dem Nihilismus, diesem Abgrund an Leere und Sinnlosigkeit überhaupt leben?

Ganz gut sogar, meint Elmar Dod in seiner Philosophie des radikalen, aufgeklärten Nihilismus – wenn wir bei aller Skepsis den Evidenzen unserer Einbildungskraft mehr zutrauen und mit ihnen unser Leben jenseits der großen wie kleinen Alltagsideologien selbstständig und zielführend gestalten.