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4 Pfandsammeln in:

Tobias Schuller

Bewältigung durch Flaschensammeln, page 77 - 96

Eine sozialarbeitswissenschaftliche Betrachtung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4180-2, ISBN online: 978-3-8288-7075-8, https://doi.org/10.5771/9783828870758-77

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 88

Tectum, Baden-Baden
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77 4 Pfandsammeln Es war Mittwoch der 02.12.2015 und ich hatte Feierabend. Ich stand am Bahnhof in Norddeich und wartete auf den Zug um 18:40 Uhr, der mich nach Hause bringen sollte. Plötzlich klingelte mein Mobiltelefon: – Sven67. Sven hatte an diesem Mittwoch auch schon ein wenig gearbeitet, aber es war nicht viel los und das Wetter war nicht so schön, so hatte er schon früher Feierabend gemacht. Er wollte gerne wissen, wann genau ich während der Weihnachtszeit in Braunschweig sei, um mich zu treffen. Es gäbe einiges zu besprechen und hierfür wäre zu klären, was ich im folgenden Jahr während des Braunschweiger Karnevalsumzugs mache. Er habe nämlich einen „Plan“ und möchte diesen gerne mit mir während der Weihnachtszeit genauer besprechen. Als ich das Wort „Plan“ hörte, ahnte ich schon in welche Richtung sich das Gespräch entwickeln würde, war aber trotzdem gespannt, was genau er mir nun zu erzählen hatte, denn normalerweise fing er die Projektplanung nicht so viele Monate im Voraus an. Es ging, wie so oft wenn wir telefonierten, um das Pfandsammeln. „Ich versuche“ sagte er, „einen Einkaufswagen zu besorgen, wenn ich denn einen auftreiben kann.“ Er erzählte weiter, dass man an Karneval noch besser sammeln könne als beim Magnifest68 und welche Besonderheiten das Sammeln während des Karnevals aufweise. Zum Beispiel, dass man nicht zu spät anfange. „So um die Mittagszeit oder früher Nachmittag 14:00 Uhr, das besprechen wir dann noch genauer.“ Sein Plan war es, dass wir uns auf dem Karnevalsgelände aufteilen und dass ich mit dem Einkaufswagen sammle, während er mit seinem Trolley und dem Rucksack unterwegs sein würde. Von Zeit zu Zeit würde er mich dann aufsuchen, um mir einen Teil der gesammelten Flaschen abzunehmen und sie in seiner Wohnung zu deponieren, während ich weiter sammelte. Näheres wollte er bei unserem Treffen besprechen, welches wir telefonisch vereinbaren wollten, wenn ich in Braunschweig sei. Ich bemerkte, dass er sich im Vorfeld schon eine Menge Gedanken darüber gemacht haben müsse, wie wir am besten vorgingen. Dabei war der Umzug erst am 07.02., also erst in zwei Monaten. Ich stieg in den Zug. Am 22.12. machte ich mich gegen 18:15 Uhr mit meinem Rad auf den Weg in die Braunschweiger Innenstadt. Ich war zwei Tage zuvor angekommen und hatte Sven direkt kontaktiert. In meinem mit Kabelbindern an den Gepäckträger montierten Fahrradkorb lag noch eine alte Kunststofftüte von unserer letzten Sammelaktion. Die Sonne war bereits untergegangen, aber ich bemerkte dennoch jede Flasche und jede Dose, die 67 Name geändert Anm. T. S.  68 Beim Magnifest handelt es sich um ein großes Braunschweiger Stadtfest, das im Magniviertel stattfindet. 4 Pfandsammeln unterwegs jemand hatte liegen lassen. Ich war bereits seit Monaten mit Flaschensammlern unterwegs und mein Blick für das in den dunklen Ecken liegende Kleingeld war geschärft. Sven und ich trafen uns, wie zuvor telefonisch vereinbart, an der Bushaltestelle, an der wir uns immer trafen. Sven hatte heute auf dem nahegelegenen Weihnachtsmarkt Flaschen gesammelt und war noch kurz vor unserem Treffen für sich und seinen Kater, von dem er immer als seinem Mitbewohner sprach, einkaufen. Wir setzten uns in einen nahegelegenen türkischen Imbiss und bestellten uns etwas zu essen. Sven platzierte seine Kunststofftaschen mit dem metallisch klingenden Knistern der Dosen und seinen vom Glas der Flaschen klirrenden Rucksack unter dem Tisch. Seinen orangenen Trolley, seinen ständigen Begleiter, ohne den ich ihn in all den Monaten nicht zu Gesicht bekommen hatte, wurde von ihm wie ein dritter Gesprächsteilnehmer zwischen Tisch und Sitzbank geklemmt. Ich nahm für jeden von uns eine Dose Cola aus dem Kühlschrank des Imbisses und wir fingen an, über die Planung zu reden. Er erzählte mir, dass an der Hauswand seines Wohnblocks mehrere Einkaufswagen ineinander geschoben stehen würden. In diese müsse man nur eine Münze oder einen Einkaufschip stecken, um sich einen nehmen zu können. Er wolle nur ungern einen Wagen direkt von einem Geschäft nehmen, da er befürchtete, Ärger zu bekommen. Gleichzeitig hatte er aber Angst, dass die Wagen bis zum Karneval weg seien. „Die stehen schon seit Jahren da rum, aber kann ja sein, dass die Hausverwalterin plötzlich findet, dass die stören.“ Auch wolle er noch zwei oder drei Taschenlampen kaufen bevor der Karneval beginne. Er habe zwar bereits eine neue Taschenlampe, wolle aber sichergehen, dass nichts schief gehe. Er informierte sich im Vorfeld, welche Straßen für den Umzug gesperrt werden sollten und entschied, dass es ratsam sei, die Straßen und Plätze in Schlossnähe aufzusuchen. Dabei schlug er ein Treffen um 10:00 Uhr vor, da der Karneval schon um 11:00 Uhr beginnen sollte. An dem bereits Anfang Dezember besprochenen Vorgehen habe sich nichts geändert. Er wolle mit seinem Trolley auf dem Vorplatz des Schlosses sammeln, während ich mit dem Einkaufswagen in der Nähe die Umzugsstraße ablaufe und ihm von Zeit zu Zeit meine Flaschen übergebe, damit er sie in seine Wohnung bringen könne, während ich weiter sammle. Abends oder nachts, je nachdem wann wir in den „Feierabend“ gehen würden, wollten wir die letzte Füllung des Einkaufswagens gemeinsam zu seiner Wohnung transportieren und die gesammelten Flaschen und Dosen zählen und sortieren. Sven erzählte mir, dass er sogar einmal mit einem „Kollegen“ nach Köln zum Karneval gefahren sei, um dort zu sammeln. Dort haben sie auch Einkaufswagen verwendet und haben diese im Auto des Kollegen entleert. Während einer die Flaschen ins Auto gelegt habe, sei der andere schon wieder losgezogen, um neue Flaschen zu sammeln. „Das ist wie bei uns, das geht nämlich schneller, wenn man sich aufteilt.“ Nach einer Weile erzählte Sven, dass der Karneval in diesem Jahr aufgrund einer Terrorwarnung in Braunschweig ausgefallen sei. „Um halb zehn standen wir da schon alle und haben gewartet und dann hat die Polizei gesagt, dass wir alle gehen müssen.“ Als ich fragte, wen er mit „wir“ meinte, antwortete er: „Na die Pfandsammler.“ Dann zeigte er mit dem Finger auf die Bedienung und sagte: „Karneval ist ja immer am Sonn- 78 79 4 Pfandsammeln tag, die haben eigentlich Sonntag geschlossen, aber die haben an Karneval trotzdem immer auf, da machen die ‚ne Ausnahme. Und bei der Warnung konnten die ja auch nicht arbeiten, weil der Karneval ja ausgefallen ist.“ Als einer der Mitarbeiter des Ladens wenig später zu uns kam, um sich mit Sven zu unterhalten und zu erfahren, wie es mit dem Flaschensammeln liefe, unterhielten sie sich auch über die diesjährige Terrorwarnung und darüber, was mit den Lebensmitteln an dem Tag geschehen sei. Als der Mitarbeiter erzählte, dass die Warnung ja sehr früh, wenige Minuten nach der Öffnung gekommen sei und so der Imbiss ohne Probleme geschlossen und die Lebensmittel am nächsten Tag hatten verkauft werden können, drehte sich Sven zu mir um und sagte: „Siehste, die konnten auch nicht arbeiten.“ Drei Tage später, gegen 22 Uhr, klingelt mein Mobiltelefon: – Sven. Er rief noch einmal an, um unser Vorgehen am Sonntag, dem 07.02. durchzusprechen. Er beschrieb mir noch einmal haargenau den Weg zu seiner Wohnung. Auch ist ihm noch etwas eingefallen, was er bei unserer Besprechung vergessen hatte zu erwähnen. Wenn ich auf die Toilette müsse, so solle ich ihn vorher anrufen, damit wir uns treffen und er auf den Einkaufswagen aufpassen könne. Umgekehrt ließe er mich in einer ähnlichen Situation auf seinen Trolley aufpassen. Am Abend, nachdem wir unser Tagewerk verrichtet hätten, würde er mich auf ein Menü bei McDonalds oder Burger King einladen, da wir am Tag nicht dazu kommen würden, etwas zu essen. Er erzählte weiter, dass er noch in derselben Sonntagnacht um ca. 1 oder 2 Uhr von einem Bekannten mit einem VW Bus abgeholt werde und sie gemeinsam nach Köln fahren werden, um am Montag beim Kölner Karneval zu sammeln. Am Montagabend werden sie dann wieder zurück nach Braunschweig fahren. Es handele sich bei der Person, die ihn abholen werde, um denselben Kollegen, von dem er mir im Imbiss erzählt habe. Sein Freund habe im Gegensatz zu ihm eine feste Anstellung und sammle nur bei Veranstaltungen Flaschen. Für das Sammeln beim Karneval hatte er sich extra zwei Tage Urlaub genommen. Solche Telefonate sollten wir bis zum 07.02. noch einige Male führen und stets wurde hierbei unser Plan bis ins kleinste Detail durchgesprochen. Es war Sonntag der 07.02.2016 und ich hatte einen schweren Arbeitstag vor mir. Ich fuhr mit meinem Rad los, damit ich wie besprochen um 09:30 Uhr bei Svens Wohnung sei. Plötzlich klingelte mein Mobiltelefon: – Sven. Er wolle sicherstellen, dass ich seine Wohnung finde. „Dein Arbeitsmaterial hab ich auch schon.“, sagte er und legte auf. Als ich ankam, stand er schon vor seiner Haustür und erwartete mich.69 69 Diese etwas längere dichte Beschreibung wurde einleitend verwendet, da sich in ihr alle zuvor aufgezeigten Merkmale der Arbeit beim Flaschensammeln wiederfinden. Es wird deutlich, dass es im Symbolsystem (1) Pfandsammeln neben dem Gelderwerb (2) zu einer Strukturierung in der Lebensplanung (3) kommen kann. Weiterhin lässt der Vergleich mit anderen Berufsgruppen, wie etwa mit der des Gastronomen, darauf schließen, dass im eigenen Tun eine ähnlich sinnvolle Tätigkeit (4) gesehen wird. Des Weiteren können, wie die Daten zeigen, beim Sammeln von Flaschen soziale Kontakte (5) entstehen und die Antwort auf die Frage, wen er denn mit „wir“ meine, lässt vermuten, dass sich bei Sven so etwas wie ein kollektives Identitätsbewusstsein (6) ausgebildet hat. Unsere Leistung am Ende dieses Arbeitstages ist in Abbildung 24 im Anhang dokumentiert. 4 Pfandsammeln 4.1 Symbole des Pfandsammelns und Symbole der Arbeit beim Pfandsammeln Die in das vierte Kapitel einführende dichte Beschreibung soll verdeutlichen, dass es sich beim Pfandsammeln nicht unbedingt um eine Tätigkeit handelt, die mal eben zwischendurch erledigt wird. Unter Umständen muss von der ersten Idee für ein „Projekt“ bis zu dessen Umsetzung, wie bei jeder anderen Arbeit auch, viel Zeit, Planung und Vorbereitung investiert werden. Doch dies ist nicht das Einzige, was das Pfandsammeln mit einer herkömmlichen Arbeit gemein hat; beide teilen sich zudem (vor allem im Sprachgebrauch der Akteurinnen und dessen Bedeutung) ein gemeinsames Symbolsystem. Pfandsammler sprechen im Zusammenhang mit dem Sammeln von Flaschen von „Nachtschichten“, „Profis“, „Straßenausbildung“, „Feierabend“, „Kollegen“, „Topverdienern“ und „Ruhestand“.70 Einer der Sammler hat mich beispielsweise den anderen Sammlern mit grinsendem Gesicht als „Praktikanten“ vorgestellt. Auch wenn die Aussage durch das Grinsen ironisch gebrochen wurde, war das Vokabular doch bewusst gewählt. Auch der kollegiale Bezug zum Imbissbetreiber in der Eingangsbeschreibung war bewusst gewählt: „Siehste, die konnten auch nicht arbeiten.“ Ebenso wie dem Imbissbesitzer, dem ein gutes Geschäft entgangen ist, ist es auch dem Sammler ergangen. Der direkte Vergleich mit anderen Berufsgruppen – ob im formellen oder im informellen Sektor – wurde häufig verwendet, um das Pfandsammeln zu beschreiben. So erzählte mir einer der Sammler, dass es nicht nur das Sammeln gebe, um auf der Straße Geld zu verdienen. Er kenne auch Menschen, die ihr Geld mit Betteln erarbeiteteten: „Ist aber nicht so mein Ding.“ Auf die Frage, ob er es schon einmal probiert habe verneinte er, denn er wolle nicht „den ganzen Tag rumsitzen für zwei Euro“. Als ich erwiderte, dass ich vermute, das Betteln könne auch eine anstrengende Tätigkeit sein, sagte er mir: „Nein, das ist wie ein Bürojob. Das ist auch nicht so anstrengend wie auf dem Bau zu arbeiten.“ Derselbe Sammler zeigte einmal, während wir die Abfallbehälter in der Innenstadt nach Flaschen und Dosen durchsuchten, mit seinem Finger auf einen Straßenmusiker der, unterstützt von den Klängen seiner Gitarre, ein Lied sang und sagte: „Der verdient sein Geld auch draußen.“ Auch in der Beschreibung bisher geleisteter Beschäftigungen reiht sich das Sammeln von Flaschen in eine Linie mit den vergüteten Tätigkeiten. So erzählte ein Sammler, er habe bei den Stadtwerken gearbeitet, bis diese „Pleite“ gingen. Danach habe er als Möbelpacker gearbeitet, was ihm jedoch zu schwer gewesen sei, weswegen er sich einen Job als Aushilfe im Restaurant gesucht habe. Anschließend sei er in einem 1-Euro-Laden tätig gewesen. Aufgrund einer Sehbehinderung fiele es ihm heute schwer, einen Arbeitsplatz zu finden, weswegen er im Moment Arbeitslosengeld II bekomme. Um jedoch wieder einer Arbeitstätigkeit nachgehen zu können, habe er mit dem Sammeln von Dosen und Flaschen angefangen. Immer wieder wechselte er in den Erzählungen über seine Arbeitsverhältnisse zwischen seinen Anstellungen und dem Flaschensammeln als gleichwertiger Arbeit hin und her. Ein anderer Sammler erzählte mir, dass aufgrund 70 Hier sei auch auf Raus‘ Protokollauszug verwiesen, in dem von „Konkurrenz“ und „Selbstständigkeit“ die Rede ist (vgl. Rau 2016, S. 60). 80 81 4.1 Symbole des Pfandsammelns und Symbole der Arbeit beim Pfandsammeln seiner hohen Schulden jeglicher Besitz seinerseits, der einen bestimmten Wert übersteige, gepfändet werde weswegen er für sich beschlossen habe, dass sich eine gewöhnliche Arbeit nicht mehr lohne. Um jedoch trotzdem einer Arbeitstätigkeit nachzugehen, sammle er Flaschen. Während dem Flaschensammeln von den Sammlerinnen die Bedeutung einer Arbeit zugewiesen wird und auch im Sprachgebrauch immer wieder Begriffe der Arbeitswelt auftauchen, ist doch auch eine der Flaschensammlerinnen eigene Symbolwelt zu erkennen, in der die Bedeutung alltäglicher Gegenstände eine veränderte Form annimmt. Diese lassen sich jedoch immer wieder in Bezug zur Arbeitswelt stellen. Da wäre zum Beispiel das Arbeitsmaterial. Während man es im Allgemeinen nicht abwegig findet, Gegenstände wie Müllzangen, Arbeitshandschuhe, Warnwesten oder Taschenlampen als Arbeitsmaterial zu bezeichnen, gibt es bei den Pfandsammlern, außer den eben genannten Gegenständen, noch weitere Dinge deren symbolische Bedeutung unhinterfragt als typisches Arbeitsmaterial identifiziert wird. Die auffälligste Arbeitshilfe ist dabei die Tasche. Taschen zum Transport der Dosen begegnen einem bei der Beobachtung von Pfandsammlerinnen in allen erdenklichen Formen, Farben und Ausführungen. Neben der am häufigsten benutzten Einkaufstüte aus Kunststoff wurden Rucksäcke, Koffer, Trolleys, Mehrwegtragetaschen, Stofftaschen, Sporttaschen und Müllsäcke71 verwendet, um nur einige zu nennen. Die Tasche, von der Hosentasche einmal abgesehen (auch wenn diese im Notfall auch mit Flaschen gefüllt wird), ist für den Transport von Flaschen und Dosen gemacht. Man erkennt andere Sammlerinnen unter anderem daran, dass sie mit Taschen unterwegs sind. Wer keine Tasche hat, kann auch nicht sammeln. Vor dem Braunschweiger Fußballstadion konnte ich zwei Frauen leidenschaftlich wegen einer leeren Tüte streiten sehen, ohne die eine der Frauen nicht hätte weitersammeln können. Die symbolische Zuschreibung der Tasche als Transporthilfe innerhalb der Sammlerkultur geht sogar so weit, dass man sich nicht vorstellen kann, (vom Einkaufen mal abgesehen), etwas anderes mit mehreren Taschen auf einmal zu tun, als zu sammeln. Sven und ich sammelten einmal im Umfeld eines Streetfood-Festivals Flaschen und hatten ein Lernerlebnis, das uns zeigte, wie schnell man mit seinen Interpretationen in die Irre laufen kann: Sven und ich waren gerade aus zwei verschiedenen Richtungen auf dem Weg zu einer Haltestelle, die wir zuvor als Treffpunkt ausgemacht hatten. Hinter einer gläsernen Haltestellentrennwand stand eine ältere Frau mit fünf Tüten, die ich schon einmal in der Stadt gesehen hatte. Ich ging aufgrund der Tüten davon aus, dass sie eine Sammlerin sei, habe mich aber damals nicht getraut, sie anzusprechen. Ich merkte, dass sie uns durch die Scheibe hindurch beobachtete. Wir kamen zeitgleich an der Haltestelle an 71 Ein Müllsack ist natürlich keine Tasche im eigentlichen Sinne. Er lässt sich aber doch der Gruppe der Transporthilfen zuordnen, die ansonsten aus der Familie der Taschen besteht. Eine weitere Ausnahme im Reich der Transporthilfen, die eine Exotenstellung irgendwo zwischen Tasche und Automobil einnimmt, ist der Einkaufswagen. Dieser wird häufig zweckentfremdet, womit ihm eine neue Bedeutung zugeschrieben wird. Niemand würde auf die Idee kommen, dass jemand, der gerade auf einem Stadtfest mit einem Einkaufswagen unterwegs ist, seine Einkäufe zur Kasse bringt, und doch ruft das Bild eines älteren Mannes mit Einkaufswagen mitten auf einem Festgelände oder vor einem Stadion heutzutage bei fast niemandem Verwunderung hervor. Es ist selbstverständlich, welcher Zweck mit dem Wagen verfolgt wird. 4 Pfandsammeln und sahen vier Flaschen auf dem Boden liegen und auf uns warten. Ich hob zwei der vier wartenden Flaschen auf und legte sie in meinen Fahrradkorb, Sven hob die anderen beiden Flaschen auf und legte sie in seinen Trolley. Ich bemerkte, dass ich von der Frau angelächelt wurde und sie mich zu sich winkte. Sie gab mir zwei kleine Päckchen „Mini-Prinzenrollen“ und sagte: „Die eine ist für den anderen Sammler.“ Ich bedankte mich und ging zurück zu Sven, der mich fragte, was sie von mir wollte. Ich erzählte es ihm und gab ihm ein Päckchen Kekse, das er sogleich in seiner FC- Bayern München-Gürteltasche verschwinden ließ. Er sagte, dass es sich bei der Frau auch um eine Sammlerin handele, die er zwar schon oft gesehen, mit der er aber noch nie geredet habe. Wenig später trennten wir uns wieder. Sven verschwand in der Bruchstraße, in der die Bordelle in bunten Fassaden und großen Schaufenstern aneinandergereiht stehen, um den Bordellmitarbeiterinnen ihre leeren Flaschen abzunehmen, die diese den Pfandsammlern ungefragt aus ihren Fenstern geben. Ich beschloss, mich noch einmal bei der Frau zu bedanken, in der Hoffnung, vielleicht mehr über sie herauszufinden. Sie erzählte mir, dass sie gesehen habe, wie ich Sven die zwei anderen Flaschen habe aufheben lassen und dass sie das sehr nett gefunden habe. Daraufhin erzählte ich ihr, dass wir zusammen sammeln und ich eine Forschungsarbeit über Pfandsammler schreibe. Als sie das hörte, gab sie mir ihre leere Colaflasche, woraufhin ich sie fragte, ob sie denn nicht selber sammele. Sie verneinte und hielt mir eine ihrer Tüten zur Einsicht hin. In ihr befand sich ein Stofftuch. Als ich kurz darauf wieder mit Sven zusammentraf und ich ihm erzählte, dass die Frau keine Sammlerin ist und sich in ihren Tüten keine Pfandflaschen befanden, war er sehr verdutzt. Er war eigentlich der Meinung, er sähe sofort, ob jemand sammele oder nicht. Er fragte sich verwundert, was die Frau den ganzen Tag in der Stadt mache, wenn sie mit ihren Tüten herumläuft. Noch viele Male nach der Begebenheit, bei unseren Treffen und Telefonaten erwähnte Sven die Frau. Er findet es bis heute unerklärlich, warum jemand mit Kunststofftüten in der Stadt umherläuft, ohne sie zum Einkaufen oder Sammeln von Pfandflaschen zu benutzen. Ein weiteres Hilfsmittel, das hier Erwähnung finden soll, und das in der Symbolwelt der Pfandsammlerinnen eine gänzlich andere Bedeutung gewinnt, ist der Veranstaltungskalender. Ähnlich wie bei der Schaustellerin, die mit den Worten Kirmes oder Rummel (je nach regionaler Lage) nicht in erster Linie Vergnügen und Zerstreuung in Verbindung bringt, sondern Arbeit, verhält es sich beim Flaschensammler, wenn er von Stadtfesten, Fußballspielen oder anderen Großveranstaltungen erfährt. Der Veranstaltungskalender wird zum Terminplaner, der Arbeitstage anzeigt; zum Schichtplan, der einem sagt, an welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit die Arbeit beginnt und endet. Die zwei wichtigsten Gegenstände in der Lebenswelt flaschensammelnder Menschen sollen nun abschließend auch genannt und besprochen werden. Es handelt sich zum einen um die Abfallbehälter und zum andern um die Flaschen bzw. Dosen. Die Abfallbehälter symbolisieren die Möglichkeit des Flaschenfunds. Routen werden nach ihnen ausgerichtet, es werden Taschenlampen, Handschuhe und sogar Dreikantschlüssel zum Öffnen der Behälter gekauft, um die Arbeit an ihnen zu erleichtern. Sie bestimmen den Takt der Arbeit, sie bestimmen, wann Pausen gemacht werden und nur selten wird eine ausgelassen, da immer die Hoffnung besteht, in der nächsten Mülltonne einen Fund zu machen. Hier wird das Sammeln von Dosen zum Störfaktor für einige andere Gesell- 82 83 4.2 Pfandsammeln als Zuverdienst schaftsmitglieder, denn die Symbolbedeutung verkehrt sich durch das Sammeln ins Gegenteil und stört das ästhetische Empfinden dieser Menschen. Denn in den Augen der Sammler wird nicht länger wertloser Abfall hineingetan, sondern ein wertvoller Rohstoff herausgeholt.72 Dieser Rohstoff, in Form von Glas- oder Kunststoffflaschen sowie Getränkedosen, wird am Pfandautomaten in Geld umgewandelt. Was für den einen eine leere und somit nutzlos gewordene Getränkeverpackung darstellt, deren Wert die Mühe des Mitnehmens nicht aufwiegt, ist für den anderen, den Sammler, ein kleiner Zuverdienst, in seiner Anhäufung der Lohn einer Arbeitstätigkeit und letztendlich der Beweis, etwas geleistet zu haben. 4.2 Pfandsammeln als Zuverdienst Auf den ersten Blick erscheint es logisch, dass durch das Flaschensammeln der Unterhalt bestritten wird, kennt doch jeder das Klischee des flaschensammelnden Wohnungslosen. Doch Personen, die ihren gesamten Unterhalt nur durch das Sammeln von Dosen und Flaschen finanzieren, bilden, wie in den bereits veröffentlichten Untersuchungen, eher die Ausnahme (vgl. Rau 2016; vgl. Moser 2014). Beim täglichen Flaschensammeln lassen sich in der Regel keine Unsummen verdienen und allein vom Sammeln kann nur der leben, der ein Minimum an Ausgaben hat. Einer der Pfandsammler, die ich begleiten durfte, lebte zum Zeitpunkt der Datenerhebung in einem Zelt in einem der zahlreichen Braunschweiger Parks. Eines Tages traf ich ihn mit neuer Kleidung, die er, neben einem Kaffee und der Möglichkeit zu duschen, in der Bahnhofsmission erhalten hat. Dieser Mensch lebte eine ganze Zeit lang ausschließlich vom Dosensammeln. Er sammelte täglich meist so lange, bis er ca. zwanzig Euro beisammen hatte73 und sich so etwas zu essen, Tabak und eine geringe Menge Cannabis leisten konnte. Dies waren zu diesem Zeitpunkt seine einzigen Fixkosten und selbst in dieser Situation war der Unterhalt nicht immer gesichert. Eine andere Möglichkeit, das Sammeln lukrativ zu betreiben. liegt – neben der Situation, ohne Ausgaben zu leben – im Grad der Profes- 72 Diese Diskrepanz in der Auffassung von Sinn und Zweck eines Abfallbehälters, dieser für diese Menschen unerträgliche Anblick des Im-Müll-Wühlens, veranlasst Stadtverwaltungen wie etwa in Hamburg dazu, einen Kampf um die Symbolbedeutung zu führen, indem das Sammeln aus den BehälteArn der Innenstadt unmöglich gemacht wird. Das unerwünschte Verhalten wird durch Abfallbehälter verhindert, deren Inhalt in den Tiefen des Erdbodens verschwindet oder durch Behälter, die mit einer Klappe, ähnlich der eines Containers der Kleiderspende, ausgestattet sind, die ein Hineingreifen unmöglich macht. Durch die Installation von Pfandregalen an ausgesuchten Stellen werden die Pfandsammlerinnen an weniger frequentierte Orte gelenkt. 73 Zum Vergleich und um in etwa eine Relation zur aufgewandten Mühe und erhaltenem Gewinn zu bekommen: Beim Karnevalsumzug, einem der umsatzstärksten Feste für Pfandsammler in Braunschweig, bei dem ein anderer Sammler und ich zwei Einkaufswagen, eine Reisetasche, einen Koffer, einen Rucksack und diverse Tüten voll mit Dosen und Flaschen gesammelt haben und zudem zwei mit leeren Flaschen gefüllte Bierkästen geschenkt bekamen, machten wir innerhalb von sieben Stunden einen Umsatz von 93 Euro. An einem normalen Wochentag bei Sammelrouten, die mehrere Kilometer betragen, in denen sich wenn man Glück hat in jedem fünften Abfallbehälter eine Flasche für acht Cent finden lässt, ist es eine ziemliche Mühsal einen Pfandwert von zwanzig Euro zusammenzutragen. 4 Pfandsammeln sionalisierung. Immer wieder wurde mir von Sammlern erzählt, die durch das Sammeln von Flaschen „reich“ geworden seien. Doch wie ein Sammler einmal treffend bemerkte, als wir mit mehreren „Kollegen“ beisammen saßen und uns unterhielten, benötigt man für solch einen Erfolg bereits ein gewisses Startkapital. Für einen „normalen Sammler“ sei so etwas nicht möglich, da man für solch hohe Einnahmen extra zu Festivals oder von Stadion zu Stadion fahren müsse, wofür man wiederum ein Auto und andere Dinge benötige, die zunächst viel Geld kosten. Die meisten Sammler sammeln also nicht, um sich den gesamten Lebensunterhalt zu sichern, sondern um einen, wenn auch oft geringen, so doch wichtigen Zuverdienst zu erhalten. Denn neben den wohnungslosen Sammlerinnen gibt es noch drei weitere identifizierte Sammlergruppen: die Arbeitslosengeld-I- und -II-Empfängerinnen, die Rentnerinnen und die Geringverdiener74. Diese Menschen bestreiten nicht ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Flaschen, aber sie benötigen den Zuverdienst um, neben den gerade einmal zum (Über-)Leben ausreichenden staatlichen Zahlungen genügend finanzielles Kapital zu generieren, damit sie eine grundlegende Bedürfnisbefriedigung an kultureller Teilhabe erreichen, die für ein gesundes Leben notwendig ist. Bei einem der von mir begleiteten Sammler war es zum Beispiel hauptsächlich das Katzenfutter für seinen Kater, das vom Pfandgeld bezahlt wurde. Moser berichtet von Sammlern, die das Pfandgeld, dass sie zusätzlich zu den Sozialleistungen verdienen, für „Brötchen“, „Bratwurst“ oder Zigaretten ausgeben (Moser 2014, S. 60). 4.3 Arbeitszeiten, Schichtsystem und Projektmanagement Wie die Eingangsbeschreibung sehr gut verdeutlicht, kann mit dem Sammeln von Flaschen und Dosen durchaus ein nicht zu unterschätzender Planungsaufwand verbunden sein, der dem eines Projektplans ähnelt. Es werden Zeitpläne erstellt, das benötigte Arbeitsmaterial wird ermittelt und beschafft, und die Arbeitsabläufe werden besprochen und festgelegt. Als Sammlerin kennt man sowohl die Spieltage der regionalen Bundeligavereine als auch die passenden Zugfahrpläne. So befanden sich bei meinen Beobachtungen in Zügen der Deutschen Bahn neben feiernden Fußballfans auch immer wieder Flaschensammler, die durch die Abteile gingen, um die geleerten Flaschen einzusammeln. Andere Sammlerinnen wiederum warteten am jeweiligen Zielbahnhof mit Tüten und Einkaufs- 74 Die Geringverdienerinnen waren nicht unbedingt Gegenstand dieser Forschungsarbeit. Hier ist eher die Frage von Interesse, was das Sammeln für Menschen ohne Arbeit interessant macht. Zudem hat sich aus der Datenerhebung ergeben, dass Geringverdiener die dem Flaschensammeln nachgehen, eher eine Ausnahme bilden im Vergleich zu arbeitslosen Menschen. Hinzu kommt, dass viele der Geringverdiener nicht neben ihrer Tätigkeit, sondern während dieser dem Sammeln nachgehen. Als Beispiele seien hier diverse Reinigungskräfte der Stadt oder Bahn genannt, die das geldbringende Pfand vom restlichen Abfall trennen, die Bahnangestellten, die am Ende der Fahrt die Waggons durchstreifen und herumliegende Flaschen einstecken, oder die Ein-Euro- Jobber mit Zange und Eimer, gekleidet in auffällige Warnwesten, die mit der Aufgabe bedacht wurden, Zigarettenstummel und anderen Kleinstmüll aufzusammeln. Ein Sammler sagte mir mal, diese „Kippensammler“ würden „mehr Flaschenpfand als Kippen“ sammeln. 84 85 4.3 Arbeitszeiten, Schichtsystem und Projektmanagement wagen auf die hinaus strömenden Fans und ihre leeren Dosen. Doch auch abseits der Fußballspiele nehmen die Zugfahrpläne der Bahn Einfluss auf die Arbeitszeiten der Sammlerinnen. Mir begegnete beispielsweise an einem Bahnhof, an dem mein Zug in der Regel einen mehrminütigen Stopp machte, häufig eine junge Frau, welche jedes Mal die Gelegenheit nutzte, um schnell durch alle Abteile des Zugs zu gehen und in jeden Abfallbehälter, an dem niemand saß, nach Flaschen zu suchen. Dieses Verhalten konnte ich auch bei anderen Sammlern beobachten. Ein anderes Beispiel dafür, dass es nützlich sein kann, die Zugzeiten zu kennen und sich nach ihnen zu richten, findet sich in einer Unterhaltung, die ich eines Nachts mit einem Sammler während des Sammelns an einem Bahnhof führte. Wir kamen gerade aus der Bahnhofshalle in der wir die Abfallbehälter durchsuchten und gingen zu den Gleisen 8 und 7. Ich fragte ihn, stolz auf meine Beobachtungsgabe, ob ihm auch schon aufgefallen sei, dass die Gleise 5/6 und 7/8 länger seien, da dort die Fernzüge einfahren und dort somit wohl mehr Flaschen zu finden seien. Er sagte, dass er dies auch wisse und deswegen an diesen Gleisen tatsächlich immer Flaschen zu finden seien. Aber die Gleise 1/2 und 3/4, auf denen die Kurzstreckenzüge fahren, seien gegen 15:00 Uhr voll mit Bierflaschen, da dort die Pendler alle von der Arbeit kämen und ihr Feierabendbier trinken und so lohne sich das Sammeln zur Nachmittagszeit an diesen Gleisen mehr. Doch Veranstaltungen wie zum Beispiel Fußballspiele, Konzerte oder Stadtfeste bestimmen für einige Sammler in größerem Ausmaß als die Fahrpläne der Bahn, welche Tage und welche Tageszeit die richtigen zum Sammeln ist. Der eben erwähnte Sammler erzählte mir in derselben Nacht, während ich bis zur Schulter in einer kleinen Öffnung eines Restmüllbehälters wühlte und er das Wechselgeldfach eines Süßigkeitenautomaten nach Kleingeld durchsuchte, dass, wenn ich einen „Stern“ oder einen „Spiegel“ fände, ich sie ihm geben solle, da er diese gerne lese. Darauf gekommen war er, da er im letzten Abfallbehälter einen Veranstaltungskalender der Stadt gefunden hatte, diesen in seine Manteltasche steckte und sagte: „Den neuen habe ich noch nicht, dann weiß man, wo es Flaschen gibt.“ Veranstaltungen können nicht nur den Tag des Sammelns beeinflussen, sondern, ähnlich wie die Fahrtzeiten der Bahnen, selbst die Stunde, in der es sich zu sammeln lohnt vorgeben. Sinnbildlich hierfür steht eine Beobachtung, die ich kurz vor Anpfiff eines Fußballspiels der zweiten Bundesliga auf dem Vorplatz des Stadions machen konnte. Ich traf gegen 12 Uhr am Stadion ein, wo mich eine unüberschaubare Menge an Fußballfans erwartete. Ich bin dem Tipp eines Sammlers gefolgt, der mir riet, ruhig eineinhalb bis zwei Stunden vor dem Anpfiff, welcher für 13:30 Uhr angesetzt war, am Stadion zu sein. Neben den Fußballfans in ihren bunten Trikots und dem Polizeiaufgebot war vor allem eins besonders auffällig: die Einkaufswagen. Auf dem Vorplatz des Stadions waren überall Einkaufswagen verschiedener Supermärkte verteilt. Die Menschen legten ihre leeren Flaschen, Dosen und auch die Trinkbecher, die vor dem Stadion verkauft wurden und auf die es Pfand gab, ohne Aufforderung in die Einkaufswagen. Die Einkaufswagen schienen mir unbewacht, denn es war nicht zu erkennen, welche Person zu welchem Wagen gehörte. Einige Sammler und Sammlerinnen durchsuchten die Abfallbehälter vor dem Stadion oder sammelten Flaschen, die auf dem Boden lagen, doch keiner von ihnen rührte die Einkaufswagen an. Das Bemerkens- 4 Pfandsammeln werte an der Sammeltätigkeit, an der sich viele Menschen beteiligten, war, im Hinblick auf den Schwerpunkt Sammeln und Zeit, nicht etwa die anscheinend institutionalisierte Form der Pfandflaschenentsorgung oder die Menge an Sammlerinnen und Sammlern, sondern die Entwicklung, die die Sammelpraxis innerhalb der letzten vierzig Minuten vor dem Spielbeginn nahm. Die Wartenden wurden gegen 12:50 Uhr in das Stadion gelassen und die zuvor unsichtbaren Einkaufswagenbesitzer wurden plötzlich aktiv und fingen an, die Wagen in Richtung Warteschlange zu schieben, während die Sammlerinnen ohne Wagen jede Gelegenheit wahrnahmen, noch leere Dosen zu bekommen. Um 13:10 Uhr wurden die Wagen näher zusammengeschoben, weiter gefüllt und einzelne Flaschen umsortiert. Um 13:20 Uhr, zehn Minuten vor Spielbeginn, wurden die letzten noch frei herumliegenden Dosen und Flaschen zusammengetragen und schon wenige Minuten nach dem Anpfiff stand ich – einige wenige Ordner und Getränkestandmitarbeiterinnen ausgenommen – ganz alleine auf dem großen Vorplatz. Keine Flasche, keine Sammlerin und kein Einkaufswagen waren mehr zu sehen. Abgesehen von der Bahn und Veranstaltungen nehmen auch Ferienzeiten und Feiertage Einfluss auf die Tagesstruktur. Ein Sammler erzählte beispielsweise, dass sich das Sammeln an Weihnachten oder Ostern nicht lohne, da an diesen Tagen zu wenig los sei. Ein anderer Sammler, den ich kurz nach Ferienende begleitete, erklärte mir, dass sich das Sammeln nun in der Woche vor allem vor Schulbeginn und ab 11:00 Uhr, wenn die ersten Kinder wieder nach Hause gehen, lohne, weil diese ihre Flaschen meist nicht mitnehmen, sondern unterwegs wegwerfen. Ein weiterer Einflussfaktor auf die eigene Arbeitszeiteinteilung kann die Konkurrenz sein. Eine ältere Dame erzählte mir, dass sie immer erst am späten Abend am Hauptbahnhof sammle, obwohl sie genau wisse, dass es zu dieser Tageszeit nicht viele Flaschen gebe. Begründet hat sie ihr Handeln damit, dass es tagsüber zu viel Konkurrenz gebe. Ein Sammler, mit dem ich einen Termin um 15:00 Uhr vereinbarte, sagte mir bei unserem Treffen, er sei nur wegen mir so früh zum Sammeln gekommen. Eigentlich wäre es noch zu früh, weil um diese Uhrzeit die „Kippensammler“ unterwegs sind. Als ich nachfragte, was er meine, erklärte er mir, dass die Kippensammler Ein-Euro-Jobber seien, die mit Zangen ausgerüstet in der Stadt die Zigarettenfilter vom Boden sammeln sollen, aber ihre Arbeitszeit auch nutzen, um Flaschen zu sammeln. „Die sammeln mehr Flaschenpfand als Kippen.“ Allen Einflussfaktoren zum Trotz bestimmt letztendlich doch die Sammlerin, ähnlich einer selbstständig Tätigen, wann und wie viel sie arbeitet. Ich habe Flaschensammler kennengelernt, die eine geplante zweite Schicht verwarfen, nachdem abgewogen wurde, dass sich der Aufwand in Anbetracht des Erschöpfungsgrades nicht mehr lohne, auch wenn noch eine große Menge an Flaschen zu holen war. Andere haben auf das Sammeln bei einem der für Flaschensammler lukrativsten Straßenfeste der Stadt verzichtet („kein Bock“), um in ihrer Wohnung in Ruhe ein Bier zu trinken. Bei dieser Selbstständigkeit der Zeiteinteilung zeigt sich wiederholt die Heterogenität des Feldes. Es gibt Dosensammlerinnen die zwölf Stunden am Tag sammeln und dabei nach jeder Stunde eine Pause machen, es gibt Sammler, die sechs Stunden am Stück ohne Pause arbeiten, manche arbeiten in selbstauferlegten Schichten, mache arbeiten nur wenige 86 87 4.4 Etwas Sinnvolles tun Stunden jeden Abend, einige arbeiten jeden Tag in der Woche, einige nur am Wochenende und wieder andere nur, wenn eine Veranstaltung ansteht. Dass jedoch bei aller Selbstständigkeit das Credo „Zeit ist Geld“ immer wieder eine Rolle spielt, soll hier abschließend anhand eines Beispiels aus der Sammelpraxis illustriert werden. Ich war mit einem Sammler, der sich selbst als den schnellsten Flaschensammler der Stadt bezeichnete, in einem Supermarkt, um Flaschen abzugeben. Der Leergutautomat dieses Marktes hatte die Eigenschaft, ähnlich einer Weiche an einem Bahngleis, die Glasflaschen in einen Behälter auf der rechten Automatenseite und die Plastikflaschen sowie Dosen in einen Behälter auf der linken Seite zu lenken. Dies geschah, indem je nach Flaschenart eine Metalltrennwand im Automaten die Richtung wechselte, was ungefähr eine Sekunde in Anspruch nahm. Um Zeit zu sparen, gab der Sammler immer erst die Flaschen einer Sorte, und anschließend die Flaschen der anderen Sorte ab. 4.4 Etwas Sinnvolles tun Das Flaschensammeln mit einer sinnvollen Beschäftigung gleichzusetzen, findet sich in der aktuellen Fachliteratur häufiger. Als Beispiele können hier die Aussagen zweier interviewten Sammler genannt werden, die von Flechsler und Gruber befragt wurden und Aussagen trafen wie: „Das andere ist, der muss Zeit haben, keinen anderen Beruf haben und nicht wissen, wie er den Tag sinnvoll verbringt. Also da sieht man dann öfter auch ältere Leute, die Flaschensammeln [sic!].“ (unbekannter Sammler in Flechlser/ Gruber 2015, S. 57) oder etwas später: „Ja, dass ich eine sinnvolle Aktivität weitermachen kann und genügend Geld hab`.“ (ebd., S. 59) Elsholz sagt im selben Sammelband: „Flaschensammeln gibt ihnen das Gefühl, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, und durch diese noch selbst für sich sorgen zu können.“ (Elsholz 2015, S. 49) Wie in Kapitel 3.4 Arbeit als Sinnstifter dargestellt, hängt die empfundene Sinnhaftigkeit einer Arbeitstätigkeit von der „Arbeitsgestaltung“ (Hardering 2015, S. 394), dem „gesellschaftlich wahrgenommene Nutzen“ (ebd.) und der „Subjektperspektive“ (ebd.) ab. Dass Sinnzuschreibungen von Flaschensammlerinnen stattfinden und ihnen auch teilweise durch Rückmeldung aus der Gesellschaft bestätigt werden, kann im Folgenden zum Teil durch dichte Beschreibungen aus dem eigene Datenpool veranschaulicht werden, muss jedoch aufgrund der geringen Datenlage durch die Erkenntnisse anderer Forschungsarbeiten ergänzt werden. Im Zusammenhang mit dem Flaschensammeln spielt sicher zunächst einmal die finanzielle Entlohnung eine Rolle bei der Zuschreibung von Sinn. Als Beispiel für diese Aussage kann die gängige Praxis genannt werden, Flaschen und Dosen, für die man im Einzelhandel einen Pfandbetrag erhält, zu sammeln und jede andere Getränkeverpackung liegen zu lassen. Ich bin mit einem Sammler unterwegs gewesen, der zugleich mit einem Trolley, einem Rucksack und zwei Kunststofftüten für Getränkedosen und Plastikflaschen unterwegs gewesen ist. In seinen Pausen sortierte er die 0,33 Liter Bierflaschen aus seinem Trolley aus und füllte mit ihnen den Rucksack, da diese nicht so viel Platz einnehmen und er den Rucksack dadurch „vernünftig“ füllen könne. Bei der 4 Pfandsammeln Gelegenheit sortierte er auch „spezielle Flaschen“ aus, welche er versehentlich eingesteckt hatte und die man nicht in jedem Getränkemarkt abgeben könne, beziehungsweise für die es kein Pfandgeld gebe. Üblicherweise wurden solche Flaschen jedoch gar nicht erst aufgehoben. Derselbe Sammler führte, wenn er am Abend nach Hause kam, genau Buch über seine Verdienste. Ein anderer Sammler wollte mir keinen Termin vor 11 Uhr geben, da sich das Sammeln so früh nicht lohne. Als er noch in Berlin wohnte, habe er vom Verkauf gestohlener Fahrräder gelebt, was jedoch in Braunschweig finanziell nicht genügend einbringe. Bekäme er eine andere Arbeit, würde er nicht mehr sammeln.75 Für ihn gibt es also neben dem reinen Verdienst keinen tieferen Sinn einer Tätigkeit wie dem Flaschensammeln. Neben dem bereits genannten Sinnempfinden im Geldgewinn, gibt es weitere subjektive Sinnzuschreibungen an das Flaschensammeln, die sich zum Teil in den Grundeigenschaften einer Arbeitstätigkeit wiederfinden lassen. Eine dieser Zuschreibungen wäre die Strukturierung der Zeit: „So treffen wir einen Rentner, der angibt, dass er seit seiner Freistellung nun viel Zeit hat und lieber draußen unterwegs ist: ‚Was soll ich denn den ganzen Tag zu Hause rumsitzen? Fernsehen? Nein, das ist doch blöd!‘“ (Pietsch 2015, S. 3 f.) Andere mögliche subjektive Zuschreibungen können sein: „Manche Flaschensammler sehen im Flaschensammeln eine sportliche Betätigung […], andere hatten einfach Spaß […] oder nannten die Pflege sozialer Kontakte als Beweggrund für das Sammeln […].“76 (Baderschneider 2015, S. 87) Es gibt aber auch Sammler, für die der finanzielle Reiz zwar immer gegeben ist, dieser aber nicht das einzige sinnstiftende Element beim Flaschensammeln darstellt. Sie verweisen zusätzlich zu den subjektiven Aspekten auf den „gesellschaftlich wahrgenommene Nutzen“ (Hardering 2015, S. 394), der laut Hardering nötig ist, um in der eigenen Arbeit einen Sinn zu erkennen. Einige Sammler betonen den ökologischen Aspekt beim Sammeln. So könne ein von Brandstetter und Jaekel befragter Pfandsammler österreichischer Herkunft „nicht verstehen, warum die Deutschen sich so aufregen würden, wenn man den Müll für sie entsorgt“ (Brandstetter/Jaekel 2015, S. 29). Auch wenn viele Sammlerinnen nur die Getränkeverpackungen, die mit einem Pfandbetrag versehen sind, einsammeln (was zumindest 75 Derselbe Sammler ist später auch aufs Betteln umgestiegen. Ähnlich wie der mir bekannte Sammler, äußerte sich auch ein befragter Sammler bei Baklanova: „Wenn ich eine Festanstellung hätte, wo ich genug Geld verdienen würde, so dass es dann auch nicht mit Hartz IV aufgestockt werden müsste, würde ich sofort aufhören.“ (Herr M. in Baklanova 2015, S. 18) 76 Hier ist zu erwähnen, dass Baderschneider die Motive dieser Sammler anzweifelt, da sie sich anscheinend nicht vorstellen kann, dass Menschen mehr als nur eine Motivation zum Flaschensammeln auf einmal haben. Da die Sammler und Sammlerinnen, neben ihren Aussagen zu ihrer Motivation, zugeben, dass sie auch das Geld durchaus benötigen, fühlt sich Baderschneider veranlasst, eine Richtigstellung der Aussagen zu verfassen: „Ist es nicht seltsam, dass zwar andere Motive sehr umfangreich dargestellt und betont werden, viele Flaschensammler letztendlich aber doch – fast beiläufig – erwähnen, dass die das Geld durchaus auch für sich selbst brauchen? Mit der Rente, die sie bekommen, kommen sie wohl nicht über die Runden. (Baderschneider 2015, S. 87) Anders sieht es bei einer anderen Befragten aus, die durchaus glaubhaft schien in ihren Aussagen, dass sie Flaschen sammle um das Geld zu spenden. „Es war allein der Kontext, ihr Auftreten und ihre Persönlichkeit. […] Auch ihr gepflegtes Äußeres gab uns keinen Grund, das Motiv anzuzweifeln.“ (ebd., S. 88) 88 89 4.5 Kunden, Kollegen und Konkurrenz bei Großveranstaltungen tatsächlich einen auf den ersten Blick nicht zu unterschätzenden ökologischen Wert hat), so habe ich immer wieder vereinzelt Sammler beobachten können, die neben den Dosen die sie in ihre Taschen gesteckt haben, auch die Gelegenheit nutzten, den umliegenden Müll in einen der Abfallbehälter zu schmeißen.77 Ein anderes Argument, mit dem sich die Sinnhaftigkeit der eigenen Tätigkeit versichert wird, ist der Sicherheitsaspekt bei Veranstaltungen. Im Interview von Kreie und Kammerl sagt einer der beiden befragten Sammler: „Genau, da gibt’s also keine Verletzten, kein gar nichts. Hier bin ich vorher da runtergelaufen, da waren zwei Polizeibusse, die haben mich angewinkt, durfte ich die Busse leer machen, mit Flaschen, weil die kennen mich schon seit Jahren, dass wir da sauber machen. Jetzt stellt euch mal vor, dass die ganzen Bierflaschen hier rumliegen würden …“ (Interviewpartner in Kreie/Kammerl 2015, S. 69)78 Ähnlich wie bei jeder anderen Arbeitstätigkeit auch, kann also im Sammeln von Pfandflaschen, neben dem Gelderwerb, durchaus eine sinnhafte Tätigkeit gesehen werden. Und ähnlich wie bei jeder anderen Arbeitstätigkeit auch, muss dies nicht unbedingt geschehen. Flaschensammler erhalten in der Gesellschaft teilweise durchaus positive Rückmeldung die die Sinnhaftigkeit ihres Tuns bestätigen, etwa durch den Einlass in Veranstaltungshallen (vgl. Kreie/Kammerl 2015, S. 68) oder die Legitimation von Polizeibeamten (vgl. Moser 2014, S. 95). 4.5 Kunden, Kollegen und Konkurrenz Dass es durch das Flaschensammeln zu indirekten und vor allem direkten sozialen Kontakten kommen kann, kann durch die für diese Arbeit gemachten Beobachtungen bestätigt werden. Neben den Passanten, denen man auf der Straße oder bei Veranstaltungen begegnet, mit denen man vielleicht ein kurzes Gespräch führt79 oder von denen man 77 Hierzu passend die Aussage eines Flaschensammlers der von Kreie und Kammerl befragt wurde: „… das ist nicht nur, dass wir da die Flaschen sammeln, sondern wir machen auch sauber ringsherum. Sagen wir mal so Sektflaschen und Weinflaschen, was die Leute so rumschmeißen, dass sammeln wir alles auf, da haben die Ordner was von, weil das ist ja eigentlich denen ihr Job, ja.“ (Interviewpartner in Kreie/Kammerl 2015, S. 69) 78 Das Thema Sicherheit wird auch von Moser behandelt. In einem Auszug eines Transkripts sagt der Pfandsammler Thomas: „Und da stand da Bereitschaftspolizei, da hab ich meine Flaschen hingestellt, sie sind ja froh, dass man se einsammelt, dass se nich einer noch vorn Kopp kriegt oder so, ne.“ (Thomas in Moser 2014, S. 95). Moser kritisiert einige Seiten später Polizei- und Ordnungsamtskonzepte in Bezug auf Glasflaschen und Sicherheit, die das Potenzial von Flaschensammlerinnen nicht voll erkennen. (vgl. Moser 2014, S. 205–211) 79 Viele Passanten sind interessiert am Flaschensammeln und sprechen einen darauf an. Dabei ist mir aufgefallen, dass man eher angesprochen wird, wenn man besonders professionelles Equipment, wie etwa einen Einkaufswagen benutzt. Als ich mit einem nahezu gefüllten Einkaufswagen beim Karnevalsumzug durch die Menge ging, wurde mir sogar spürbar Anerkennung zuteil. Die Menschen stupsten bewundernd ihren Nebenmann an und zeigten auf mich oder sprachen mich an, um mir zu meiner Leistung zu gratulieren. Während die Passanten bei jedem Radfahrer, der 4 Pfandsammeln auch unter Umständen einfach ignoriert wird, und den Verkäuferinnen, mit denen man beim Einlösen des Pfandbons unweigerlich in Kontakt kommt, konnte ich – in Anbetracht des Pfandsammelns als Arbeitstätigkeit – drei weitere Personengruppen ausmachen, die während des Sammelns den Hauptteil sozialer Kontakte bilden: erstens die Kunden, zweitens die Kollegen und drittens die Konkurrenz der Flaschensammlerinnen. Mit Kunden sind die Personen gemeint, die von der Dienstleistung der Pfandsammler – dem Wegräumen der Flaschen und Dosen – einen Nutzen haben. Hierzu gehören unter anderem Polizisten und Ordnungskräfte, die davon profitieren, dass Flaschen, die als Wurfgeschosse dienen können, beseitigt werden (vgl. Moser 2014, S. 139), Diskotheken- und Parkhausbesitzer, die durch die Sammler weniger Arbeit bei der Reinigung haben (vgl. ebd., S. 140), aber auch Passanten80, denen die Pfandsammlerinnen die Flaschen abnehmen. Kundschaft begegnet einem Flaschensammler, wenn er nicht gerade nur um 03:00 Uhr nachts an Bahnhöfen sammelt, unweigerlich auf der Straße, auf Veranstaltungen sich durch die Menge drängelte, genervt die Augen verdrehten, machten sie mir (mit wenigen Ausnahmen) lächelnd Platz und nickten mir zu. 80 Warum ich mich entschieden habe, die Passanten als Kunden zu betrachten, kann hier nur verkürzt dargestellt werden und wird der eigentlich benötigten Diskussion nicht im vollen Umfang gerecht. Ganz unkommentiert kann diese Entscheidung jedoch nicht bleiben. Moser setzt sich sehr ausführlich mit der Frage auseinander, ob es sich beim Übergang der Flasche von der ehemaligen Besitzerin zum Sammler um eine ökonomische Handlung in Form einer Dienstleistung der Sammlerin für den Flaschenbesitzer handelt oder um eine Handlung der Mildtätigkeit, die den Flaschenbesitzer zum Gebenden und den Sammler zum Empfänger der Mildtätigkeit macht. Aus Mosers Darstellung geht hervor, dass beides zutrifft, es sich also sowohl um eine Gabe handelt, als auch um eine Dienstleistung und dass das Verhältnis zwischen beidem schwankend ist. Mal dominiert das eine, mal das andere, je nach Situation (Wird nach der Flasche gefragt oder wird sie ohne Aufforderung übergeben? Liegt sie im Abfallbehälter oder wurde sie bewusst neben diesem platziert?), Standpunkt (Wäre die Arbeit nicht durch die Existenz von Arbeitern in der Abfallwirtschaft überflüssig und generieren die Flaschensammlerinnen, gesellschaftlich betrachtet, durch ihre Arbeit überhaupt einen höheren ökonomischem Mehrwert?) und Blickwinkel (Die Flaschensammler betrachten sich als Dienstleister, die Flaschenbesitzer betrachten sich als Spender.). (vgl. Moser 2014. S. 125–157) Der Grund, das Sammeln im Rahmen dieser Arbeit als Dienstleistung zu betrachten, ist (verkürzt): Die „Spende“ einer leeren Getränkeverpackung mag dem Besitzer das Gefühl vermitteln, etwas Gutes getan zu haben, allerdings gewährt ihm diese angebotene Dienstleistung sich der ihm lästig gewordenen Flasche für den Preis von nur 8, 15 oder 25 Cent zu entledigen. Moser argumentiert, die Spenderin könne sich auch entschließen, die Flasche selbst abzugeben oder in den Abfallbehälter zu werfen. Er beachtet aber hierbei nicht, dass das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, Teil dieser Dienstleistung ist und somit nahezu verlustfrei erworben werden kann. Bei seinem Argument, es gäbe Dienstleister in der Abfallwirtschaft, die für die Beseitigung des Mülls verantwortlich und gesellschaftlich akzeptiert sind, was die Arbeit der Sammlerinnen überflüssig erscheinen lassen könnte (vgl. ebd., S. 151), bedenkt er nicht, dass es eben keine Reinigungskraft gibt, deren Stellenbeschreibung beinhaltet, die Pfandflaschen ihrem vorgesehen Platz im Recyclingsystem zuzuführen. Die Flaschen werden – anders als vorgesehen – nicht ökologisch wiederverwendet, sondern vernichtet. Wenn Reinigungskräfte die Flaschen in den vorgesehenen Pfandautomaten entsorgen, dann geschieht dies aus persönlichem Interesse und macht diese so zu Flaschensammlern. Hier erklärt sich auch der gesellschaftliche Mehrwert der Sammlerinnen, die eine Nische in der Abfallwirtschaft bedienen, für die es keine Angestellten gibt. 90 91 4.5 Kunden, Kollegen und Konkurrenz und in Zügen. Der erste Sammler, den ich bewusst längere Zeit beobachtete, befand sich in so einem Zug. Durch die Beobachtung wurde mir auch gleich bewusst, dass das Sammeln von Flaschen nicht nur soziale Interaktionen ermöglicht, sondern diese unter Umständen sogar bedingt. Ich saß gegen 13:00 Uhr in einem Zug, der über Bremen in Richtung Hannover fuhr. Der Zug war mit trinkenden, gut gelaunten und in Grün und Weiß gekleideten Werder Bremen-Fans gefüllt. Der Anpfiff des Spiels Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach war für 15:35 Uhr geplant. Im Laufe der Fahrt betrat ein Mann, geschätzt um die vierzig Jahre alt, das Abteil, in dem ich saß. Er trug einen einfachen grauen Pullover und eine Jogginghose, in jeder Hand hielt er eine Plastiktüte. An einem Viererplatz, an dem zwei Männer Ende dreißig in Jeans und Bremen-Trikots gekleidet, mit einem ca. zehnjährigen, ebenso gekleideten Jungen saßen und Bier tranken (die Männer, nicht der Junge), blieb der Sammler stehen und fing an mit den Männern, deren Flaschen halb geleert waren, zu erzählen. Er erzählte den Männern, dass er immer bei den „Werder-Spielen“ sammle und schon auf dem Weg nach Bremen durch die Abteile spaziere. Er hätte wohl schon einige volle Tüten, die er jedoch in einem anderen Abteil bei einer Gruppe Fans ließe, da diese darauf aufpassen würden. Andere Sammler würden bei den Menschen, die trinken, stehen bleiben, damit sie die Flaschen bekommen. Er fände es schlimm, dass solche Sammler die Menschen nicht in Ruhe austrinken ließen. Anschließend erzählte er ihnen, dass „die Ausländer“ Schuld an seiner Situation trügen und er sammle, da nicht für jeden Deutschen ein Arbeitsplatz frei sei. Nachdem die Männer ihr Bier ausgetrunken hatten, gaben sie dem Mann ihre Flaschen, woraufhin sich dieser bedankte und sofort weiterging. Während der Zugfahrt ging er noch zwei Mal durch das Abteil, sprach jedoch niemanden an. Die Menschen gaben ihm jedes Mal ungefragt ihre Flaschen und Dosen und er steckte sie in seine Tüten. Als wir in Bremen ankamen, trug er acht volle Tüten mit Pfandbehältern aus dem Zug. Er musste dafür vier Mal ein- und aussteigen. Ein anderer Sammler, mit dem ich sehr häufig unterwegs war, sprach die Menschen zwar auf ihre Flaschen an, hielt aber nichts davon, bei ihnen länger zu verweilen, sollten diese noch nicht ausgetrunken haben. Wir gingen in der Stadt umher, während er in die Abfallbehälter guckte und ich in die dunklen Ecken. Da ging er zu einer Frau oder besser gesagt, er ging zu drei Bierflaschen in der Nähe einer Frau, und fragte sie um Erlaubnis, die Flaschen zu nehmen, ähnlich einem Kellner, der fragt, ob er die leeren Teller abräumen darf. „Man muss immer fragen, wenn Leute in der Nähe von Flaschen stehen“, sagte er zu mir gewandt. Ich fragte, ob er auch manchmal bei Menschen warte bis diese ausgetrunken hätten, was er verneinte. Er habe für so etwas keine Zeit, da einige Sammler sehr lange wartend vor den Menschen stehen und diese sich in manchen Fällen dann dazu entschließen, die Flasche zu behalten und das Angebot der Dienstleistung ablehnen. Etwas später am selben Tag näherte sich der Sammler einer Gruppe von Menschen, die im Kreis standen und sich unterhielten. Neben der Gruppe stand eine leere Bierflasche, die den Anschein machte, das Gespräch der Menschen eher zu belauschen, als wirklich Teil der Gruppe zu sein. Um sich abzusichern, fragte er trotzdem in die Gruppe hinein, ob er die Flasche haben dürfe. Ein stämmiger, großer Mann, geschätzt zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, drehte sich um, sah erst den Sammler an, dann hinunter zur Flasche und wieder zum Sammler; begriff worum es 4 Pfandsammeln geht und sagte mit einer gönnerhaften Geste und im lauten Tonfall: „Die schenke ich dir!“81 Eine interessante Besonderheit, die irgendwo zwischen einer offiziellen Dienstleistung, wie die der Gefahrenbeseitigerin für Polizei und Ordnungsdienst und einer privaten Dienstleistung als Entferner von störenden Flaschen, die Platz in der Tasche wegnehmen oder bei einem Fest zwischen den Beinen herumliegen, ist die institutionell anmutende Arbeit für die Frauen im Rotlichtbezirk. Sven und ich gaben, nachdem wir eine Weile gesammelt hatten, unseren Pfand in einem Supermarkt im Vergnügungsviertel ab. Ich wartete vor der Kasse, während Sven den Pfandbon einlöste. Da bemerkte ich, wie eine junge Frau mit vier Packungen Küchenrolle und einem Sechserträger Mineralwasser Sven freundlich lächelnd vorließ. Als wir anschließend aus dem Laden gingen, sahen wir die Frau wenig später mit den Küchenrollen und dem Wasser in die Bruchstraße, den abgesperrten Rotlichtbezirk, in dem Frauen außerhalb der Sexarbeit kein Einlass gewährt wird, einbiegen. Da erzählte mir Sven, dass die Prostituierten immer sehr nett zu ihm seien. Wenn er mit seinen Trolley durch die Bruchstraße gehe, klopften die Frauen, die Flaschen abzugeben hätten, an ihre Scheiben, dann ginge er zu ihrem Fenster und sie gäben ihm die Flaschen heraus. Bei der nächsten Personengruppe, mit der man als Flaschensammlerin unter Umständen häufigen Kontakt unterhält, handelt es sich um die Kolleginnen. Sammler kooperieren und pflegen durchaus kollegiale bis freundschaftliche Verhältnisse. Sie gehen 81 Hier zeigt sich wieder sehr deutlich das Missverhältnis zwischen dem Empfinden des Sammlers, für den die Flasche zwar einen Geldwert bedeutet aber eben auch Arbeit, die er dem Mann (sollte es sich überhaupt um dessenFlasche gehandelt haben) abnimmt und dem Mann, der sich gönnerhaft als Spender zeigt und vielleicht sogar fühlt. Die Aussage, dass es sich bei dem Weggeben einer Pfandflasche nicht um eine vollwertige Gabe im Sinne einer Spende handelt, soll hier nun, auch auf die Gefahr hin, an dieser Stelle unwissenschaftlich zu werden, anhand der Sage „Der Wolf und das Pferd“ verbildlicht werden. „Ein Wolf war unterwegs und kam dabei auch an einem Haferfeld vorbei. Der Hafer war reif und gerade richtig zum Fressen. Doch Wölfe fressen keinen Hafer, und darum ging der Wolf weiter, ohne dem Hafer Beachtung zu schenken. Da begegnete er einem Pferd. ‚Dies ist ein herrliches Haferfeld, nicht wahr?‘ fragte der Wolf das Pferd. ‚Ich sah dich daherkommen. Und da ich weiß, daß Pferde Hafer gern fressen, überließ ich dir dies ganze Feld. Es wird mir eine Freude sein zu hören, wie deine starken Zähne sich ihren Weg durch das reife Getreide bahnen.‘ Das Pferd aber ließ sich nicht zum Narren halten. Es sprach: ‚Wenn Wölfe gern Hafer fräßen, hättest du deinem Magen bestimmt nicht den Genuß verweigert, nur um zu hören, wie ich fresse.‘‘‘ (o. A. 1983, S. 88) Als Moral unter der kurzen Fabel steht: „Es ist leicht, anderen das zu geben, was man selbst nicht will.“ Sicherlich ist der selbstlos schenkende Herr aus der Menschengruppe ein extremes Beispiel und hier soll nicht unterstellt werden, die Menschen, die den Sammlerinnen Flaschen überlassen, würden es nicht gut mit ihnen meinen. Teilweise sind uns beim Sammeln Menschen hinterhergelaufen, um uns ihre Flasche zu geben oder um uns auf Dosenansammlungen hinzuweisen, die sie irgendwo gesehen haben. Auch wurden uns Lebensmittel wie Kekse und Döner angeboten und ich weiß von Sammlern, die manchmal Geld geschenkt bekommen. Jedoch sind diese Zuwendungen nur indirekt mit dem Sammeln in Verbindung zu bringen und es gibt durchaus Sammler, die eine solche Art des Almosens, welches sich nicht so leicht als Arbeit deklarieren lässt, ablehnen. Es sollte nur aufgezeigt werden, es handelt sich bei einer Flasche im Gegensatz zu einem Geldstück, wie Moser passend formuliert, um eine „Leichtigkeit, mit der eine Pfandflasche aus der Hand gegeben wird“ (Moser 2014, S. 136). 92 93 4.5 Kunden, Kollegen und Konkurrenz zusammen auf Sammeltour, halten in den Pausen Alltagsgespräche oder helfen einander mit Tüten aus. Ein mir bekannter Sammler hat beispielsweise seinen Trolley von einem anderen Sammler geschenkt bekommen. Dieser hatte ihn bei einer seiner Touren gefunden. Dieser großzügige Sammler wiederum sprach nur selten mit mir und auch erst nach einer längeren Zeit des Vertrauensaufbaus. Doch gerade dieser Umstand vermittelte mir eine Kenntnis darüber, wie sehr die Sammler untereinander im Austausch stehen. Denn dieser Sammler, der mich wochenlang nur mit einem Nicken gegrüßt hatte, wusste ausgesprochen gut über mich Bescheid. Einen Tag vor meiner Heimreise nach Emden saßen wir zufällig nebeneinander auf der Bank einer Straßenbahnhaltestelle, als er mich plötzlich ansprach und meinte, es gehe wohl morgen wieder zurück nach Emden. Anscheinend war ich eines der Gesprächsthemen der Sammler in den Pausen. Ein besonders schönes Beispiel für kollegiales Verhalten, welches sich in ähnlicher Form öfters ereignete, war, dass Sammler, die sich, zum Beispiel bei Veranstaltungen, dazu entschlossen haben, ausschließlich Dosen zu sammeln, häufig anfingen, nebenbei auch die Glasflaschen einzusammeln und mir oder anderen Sammlern in die Taschen zu legen. Auch das Sammeln in Teams war keine Seltenheit. Einmal trafen ein junger Sammler und ich – wir bildeten solch ein Sammelteam – auf zwei Bekannte, die auch zusammen sammelten. Nach einer kurzen Unterhaltung gingen wir ein Stück zu viert in dieselbe Richtung. Als wir mitten in der Stadt in eine Fußgängerzone einbogen, in der fünf Abfallbehälter in einer Reihe standen, fingen mein Begleiter und einer der anderen Gruppe spontan ein spielerisches Wettrennen zu den Behältern an. Bei diesem Wettrennen schubsten sie sich immer wieder grölend und lachend von den Behältern weg, um vor dem anderen an die begehrten Flaschen zu gelangen. Während sich die Passanten erstaunt nach uns umsahen, schüttelte der Begleiter, der sich nicht am Rennen beteiligte, lachend den Kopf. Die dritte Personengruppe, zu der man als Sammler häufig Kontakt hat und die zum Teil aus denselben Personen besteht wie die Kollegen, sind die Konkurrentinnen. Wie bei einer gewöhnlichen Lohnarbeit auch hat man Konkurrenten. Diese Konkurrenten befinden sich sowohl innerhalb des Kollegiums als auch bei konkurrierenden Unternehmen. Es gibt Konkurrenten, die in bestimmten Bereichen eine Vormachtstellung haben, wie etwa Ordnerinnen, Reinigungskräfte und Bahnpersonal. Es gibt aber auch Konkurrenten auf Augenhöhe, die zum Teil im kollegialen Wettstreit sind, sich aber auch zum Teil gegenseitig manipulieren oder sogar bestehlen. So hörte ich vor einem Fußballstadion, wie sich eine ältere Frau mit langen grauen Haaren mit einem Mann um die sechzig über einen dritten Sammler unterhielt, der fast alle Einkaufswagen auf dem Vorplatz besäße und so den anderen Sammlern das Geschäft verderbe. Der Mann stimmte ihr kopfnickend zu und gab ihr den guten Rat, doch etwas weiter entfernt vom Stadion zu sammeln. Wie sich später herausstellte, arbeitete er mit dem Herrn mit dem Einkaufswagenmonopol zusammen. Dies merkte wohl auch die Sammlerin, die sich später, kurz nach Anpfiff, bei einer günstigen Gelegenheit an einem der Einkaufswagen der beiden Männer ausgiebig bediente und dann schnell mit ihrem Rad davonfuhr. Vor demselben Stadion, am selben Tag, bemerkte ich, wie sich zwei ältere Damen beschimpften. Der einen waren die Tüten ausgegangen 4 Pfandsammeln und sie fragte die andere, ob sie nicht eine für sie habe. Diese verneinte und sagte, sie habe selber keine mehr, was der ersten unglaubwürdig erschien, woraufhin der Streit ausbrach. Auch wurde ich vor einem großen Stadtfest von einem Sammler gewarnt, ich solle auf meinem Fahrradkorb aufpassen, da die anderen Sammler mir die Flaschen direkt aus dem Korb stehlen werden. So etwas Ähnliches geschah dann auch an dem Abend einer älteren Sammlerin. Ich saß um ca. 22:30 Uhr vor den Braunschweiger Schlossarkaden herum und wartete auf meinen Kollegen, um ihm meine gesammelten Flaschen zu übergeben. Da kam mir eine ältere Frau mit zwei Tüten entgegen, die ich schon einmal beim Sammeln gesehen hatte. Als ich sie fragte, wie es bei ihr liefe, erzählte sie mir in wütendem Ton, dass ihr irgendwer das ganze Pfand aus dem Versteck geklaut hätte. Sie vermutete, dass es ein älterer stadtbekannter Sammler gewesen sei: „Er ist verrückt, ein Besessener.“82 4.6 Ich bin Pfandsammler Die Selbstbezeichnung als Pfand- bzw. Flaschensammlerin weist darauf hin, dass unter Umständen bei einigen Personen eine Identifikation mit dem Berufsbild stattfindet. Auch wenn es, wie bereits erwähnt, Menschen gibt, die sofort eine andere vergütete Tätigkeit dem Flaschensammeln vorziehen würden und das Sammeln von Pfanddosen nicht als richtige Arbeit betrachten, sind mir auch Menschen begegnet, für die das Sammeln von Flaschen nicht bloß eine Tätigkeit zum Gelderwerb darstellt, sondern für die es inzwischen Teil des Selbstbildes geworden ist. Rau, die unter anderem auch der Frage nach der Identitätsbildung von Pfandsammlerinnen nachgegangen ist, kommt zu dem Ergebnis: „Die interviewten Flaschensammler*innen wurden zunächst nach ihrem Selbstbild gefragt. Das Forschungsfeld erwies sich dabei als sehr heterogen, was sich an einer differenzierten Positionierung der Befragten zum medialen Stereotyp ‚des Flaschensammlers‘ als ‚im-Müll-wühlenden Armen‘ zeigte. Die jeweiligen selbstbildgenerierenden Distinktionsmechanismen innerhalb der ‚Flaschensammlerszene‘ und auch die Legitimierungsstrategien der individuellen Flaschensammeltätigkeit führten zu einer subjektspezifischen Konstruktionsarbeit personeller Identität.“ (Rau 2016, S. 111) Es ist also von Fall zu Fall unterschiedlich, ob und in welcher Form das Sammeln von Flaschen Einfluss auf die individuelle Identität nimmt. Ein Sammler, bei dem die Identifikation mit dem Flaschensammeln als Beruf besonders ausgeprägt ist, ist der in der Eingangserzählung erwähnte Sven. 82 Ein interessanter Aspekt beim Sammeln, der jedoch nicht Inhalt dieser Arbeit ist und deswegen hier nur am Rande aufgeführt wird, ist, dass immer wieder von verschiedenen Sammlern das Thema „Sucht nach Flaschen“ Erwähnung fand. Das Thema „Flaschensucht“ (Alajbegovic 2015, S. 141) taucht auch sehr häufig in der Fachliteratur auf (vgl. Alajbegovic 2015; vgl. Flechsler/ Gruber 2015, S. 59). 94 95 4.6 Ich bin Pfandsammler Es war am Rande des Braunschweiger Bierfestes. Es war abends und die Sonne war bereits untergegangen. Ich beobachtete Sven eine Weile, während er, seinen Trolley und seinen großen Rucksack neben sich auf dem Boden, auf einer Parkbank saß, eine selbstgedrehte Zigarette rauchte und sich mit einem Mann unterhielt. Als er loszog, um wieder nach Flaschen zu suchen, folgte ich ihm, während ich mein Fahrrad schob und überlegte, ihn anzusprechen. Nach etwa 300 Metern, die ich neben ihm herging, bog ich links ab, während er sich an der Kreuzung rechts hielt. Ich entschloss mich, ihn anzusprechen und fuhr ihm hinterher. Das Gespräch lief in etwa so ab: Ich: „Entschuldigen Sie, ich sehe Sie sammeln Pfand. Darf ich Sie begleiten? Ich bin Student und mich interessiert das Pfandsammeln. Ich möchte darüber eine Forschungsarbeit für die Hochschule schreiben.“ Er: „Ach so, ich dachte du bist auch ein Sammler, darum bin ich rechts eingebogen, weil ich dachte, du willst links sammeln.“ Ich: „Ich sammle auch ein bisschen, aber nur um was zu lernen für die Forschungsarbeit. Aber ich würde Sie lieber begleiten. Ich könnte Ihnen helfen und Sie können auch die Flaschen haben, die ich bis jetzt gesammelt habe.“ Er: „Ja gerne, komm mit. Was ist das für eine Arbeit? Wie viele Seiten musst du schreiben?“ Schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen verwendete er die Selbstbezeichnung als „Sammler“. Im Laufe der Zeit hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass Sven sich als Teil einer Szene betrachtet und das Flaschensammeln als seinen Beruf. Er unterhielt sich nur selten mit Passanten, sprach aber bald mit jedem Flaschensammler, dem wir bei unseren Touren begegneten. Meist sprach er dabei im kollegialen Duktus über Themen wie den Tagesumsatz: „Na wie läuft‘s heut‘? Was machen die Flaschen?“ Oder befand sich im Austausch über fachspezifische Problemstellungen: „Kannste die Flaschen, die die da beim Fest haben, auch im normalen Supermarkt abgeben?“ Dabei war nicht jeder, der Flaschen sammelt, auch automatisch Teil der für die Konstruktion von Identität so entscheidenden Szene von Pfandsammlern. In den Gesprächen mit Sven kam von Zeit zu Zeit der Hinweis, dass es sich bei „richtigen Sammlern“ durchaus um einen exklusiven Kreis handelt. So erzählte er mir einmal, während wir auf einer Parkbank pausierten, dass er ein „richtiger“ Sammler sei, denn er sammle auch im Winter bei Minusgraden. „Das machen nicht alle.“ Es gebe dann zwar weniger Flaschen, aber auch weniger Konkurrenz, wodurch sich das Sammeln im Winter wieder lohne. Der „Opa“83 sei auch ein „Harter“ der im Winter sammeln gehe. Eine weitere Begebenheit, die sehr gut verdeutlicht, wie exklusiv die Zugehörigkeit zu der Gruppe der „richtigen“ Sammler ist, die auch über fachspezifisches Wissen gene- 83 Bei dem „Opa“, von dem Sven spricht, handelt es sich um einen älteren, stadtbekannten Herrn, der in Braunschweig regelmäßig jedes Wochenende mit einem Einkaufswagen durch die Stadt zieht, um Flaschen zu sammeln. 4 Pfandsammeln riert wird, ereignete sich am Rande des Magnifestes, einem der größten Straßenfeste in Braunschweig und somit eine der lukrativsten Flaschenquellen des Jahres. Während Sven und ich uns vor Beginn des Festes unterhielten, kam eine junge Frau (ca. zwanzig Jahre) auf uns zu und begrüßte uns per Handschlag. Mir stellte sie sich vor, Sven und sie kannten sich bereits. Sie sagte, sie wolle auch auf dem Fest sammeln. Sie arbeite fünf Stunden am Tag und sammle dann manchmal nach der Arbeit noch Pfand. „Soll der Staat mehr geben, dann muss ich auch nicht sammeln.“ Sven sagte, er müsse aufs Klo und sie könne ja schon mal in Richtung Stadt gehen, doch sie ging mit uns gemeinsam in Richtung der öffentlichen Toilette. Während Sven auf Toilette ging und wir auf seinen Trolley aufpassten, erzählte sie mir, dass es noch mehr kostenlose Toiletten gebe und sie alle kenne. Anschließend gingen wir noch ein Stück mit ihr zusammen in Richtung Magnifest, als sie fragte, ob wir nicht kurz warten könnten, während sie sich im Kiosk ein Bier kaufe. Sven nutzte die Gelegenheit und sagte, wir hätten es eilig und dass wir uns vielleicht auf dem Fest wiedersehen würden. Als sie den Kiosk betrat, sagte er mir, wir sollten schnell weitergehen, weil sie ihm zu viel rede. Außerdem glaube er, dass sie seine „Tricks“ zum Sammeln lernen wolle. „Die will nur mitgehen, um so viel zu lernen wie du. Du bist schon fast ein Profi, die wär‘ froh, wenn die auch so viele Tricks kennen würde.“ Svens Identifikation mit dem Beruf des Flaschensammlers ging sogar so weit, dass er sich weigerte, Pfandgebinde neben den gewöhnlichen Pfandflaschen und -dosen zu sammeln. Er erzählte mir, dass es beim Magnifest auch Becher gebe, für die man Pfand im Wert von einem Euro erhielte. Das Geld von den Bechern dürfe ich jedoch behalten, er sammle nämlich keine Becher. Als ich ihn fragte, warum er keine Becher sammle, antwortet er, dass er lieber Flaschen sammle und dass das mit den Bechern die anderen „Experten“ machen sollten. 96

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Zusammenfassung

Flaschensammelnde Menschen begegnen einem an den unterschiedlichsten Orten im öffentlichen Leben. Man trifft sie an Bahnhöfen, in Einkaufspassagen oder bei Veranstaltungen wie etwa Fußballspielen oder Konzerten. Dieses Phänomen ist inzwischen so im gesellschaftlichen Alltag verwurzelt, dass das Abstellen leerer Flaschen neben dem Mülleimer eine selbstverständliche Handlung darstellt.

Tobias Schuller erweitert dieses in der bisherigen Forschung noch recht unbetretene Feld um den sozialarbeitswissenschaftlichen Blick. So erschließt er aufbauend auf bisherigen Ergebnissen einen neuen Pfad. Dabei werden in diesem Buch nicht allein Fragen in Bezug auf das Phänomen Flaschensammeln beleuchtet. Durch eine kritisch reflektierte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Arbeitsbegriff in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft geht Tobias Schuller der grundlegenden arbeitssoziologischen Fragestellung nach unserem gegenwärtigen Verständnis von Arbeit nach. Des Weiteren liefern die umfangreichen forschungspraktischen Beschreibungen, die ausführlichen methodologischen Passagen und der offene Umgang mit den erhobenen Daten erkenntnisreiche Informationen für Forscher*innen und Forschungsinteressierte, die sich mit diversen qualitativen Methoden beschäftigen.

Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Sylke Bartmann, Prof. Dr. paed. Carsten Müller und Prof. Dr. Martina Weber (Hochschule Emden/Leer).