Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Ed.)

"Auf nach Moskau!"

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
kommunikation & kultur „Auf nach Moskau!“ Reiseberichte aus dem Exil. Ein internationales Symposion Hrsg. von Hermann Haarmann und Anne Hartmann © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder photographischen Vervielfältigung sowie der Einspeisung in elektronische Systeme Redaktion: Prof. Dr. Hermann Haarmann, Institut für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin, Garystr. 55, 14195 Berlin, e-mail: ikk@zedat.fu-berlin.de Satz: Christoph Rosenthal, Berlin Titelentwurf: Christoph Rosenthal unter Verwendung eines Photos: Grenzübergang Negoreloje (Privatarchiv) ePDF 978-3-8288-7066-6 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4115-4 im Tectum Verlag erschienen.) kommunikation & kultur. Eine Schriftenreihe des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin, hrsg. von Hermann Haarmann und Falko Schmieder, Band 8 Gedruckt mit finanzieller Unterstützung der Freien Universität Berlin und des Villa Aurora & Thomas Mann House e. V. Inhalt Vorwort ..................................................................................................7 Anne Hartmann, Inka Zahn Phasen der Russlandfaszination von 1917 bis 1937: Die deutschen und französischen „Pilger zum Roten Stern“ ........... 15 Michael David-Fox Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht: Die fellow-traveler und Stalin als Philosophenkönig ...................... 31 Christoph Hesse Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur: Ervin Sinkó in Moskau ................................................................. 51 Michael Rohrwasser Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 im Blick der deutschen Gäste ............................................................................ 75 Falko Schmieder “Dreams of a better life”: Ernst Blochs Weltflucht im Exil ........................................................................ 87 Manfred Jendryschik Totgesagt. Vor der Hoffnung und vom Schwachsinn .................. 103 Ian Wallace Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 ..........................................119 Inka Zahn André Gides Zurück aus Sowjetrussland (1936) – Bericht einer Desillusionierung ................................................... 127 Anne Hartmann Im Dickicht der Wertungen – Lion Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 ............................ 141 Anhang „Die revolutionäre Versuchung“: Westliche Intellektuelle und die Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre. Podiumsdiskussion, 9. Dezember 2017 ........................................161 Reinhard Müller „Freunde der Sowjetunion“: Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung ..................... 189 Autorinnen und Autoren .................................................................... 219 Namenregister .................................................................................... 223 7 Vorwort 2017 war der hundertste Jahrestag der russischen Oktoberrevolution, Anlass genug, um dieses Ereignis, seine Ursachen und nationalen wie weltweiten Auswirkungen erneut in den Blick zu nehmen und zu reflektieren. Ein anderer runder Jahrestag des vergangenen Jahres nimmt sich neben diesem epochalen Umsturz eher unscheinbar aus: 80 Jahre zuvor war Lion Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 erstmals erschienen. Beide Jubiläen haben indes mehr miteinander zu tun, als es zunächst scheinen mag. Denn die Machtergreifung der Bolschewiki löste Erschütterungen aus, die in ganz Europa zur Stellungnahme nötigten. „Russland war durch das bolschewistische Experiment für alle geistigen Menschen das faszinierendste Land des Nachkrieges geworden“, wie Stefan Zweig 1944 resümierte, „ohne genaue Kenntnis gleich enthusiastisch bewundert wie fanatisch befeindet.“1 Feuchtwangers Russlandbuch schließt – noch einmal bewundernd und daher heute höchst umstritten – die Literatur dieser Faszinationsphase ab; damit endete eine ganze Ära, in der das Bild Sowjetrusslands und der Revolution maßgeblich von den „politischen Touristen“ geprägt worden war. Nach der Revolution dominierte im Westen zunächst die Hoffnung, ja Euphorie, wie folgende Antworten auf eine Umfrage der Zeitschrift Kras- 1 Stefan Zweig, Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers [1944]. Frankfurt a. M. 1952, S. 299. 8 naja Niwa vom November 1924 exemplarisch zeigen.2 So antwortete der französische Schriftsteller Jean-Richard Bloch: „Für alles, was lebt, für alles, was leben will, gilt seit dem Oktober ein neues Weltbild. Menschliches Denken, Kunst, Wissenschaft und Poesie haben nur eine Hoffnung. Diese richtet sich auf das System junger, auferstandener Kräfte, welches zum allgemeinen Wohl all dessen errichtet worden ist, das würdig ist, uns, in uns selbst und außerhalb von uns zu überleben.“ Von der niederländischen Schriftstellerin Henriette Roland Holst lesen wir über die russische Revolution: „Diese Revolution hat zum ersten Mal den breiten Volksmassen die Möglichkeit eröffnet, ihre eigenen kulturellen und schöpferischen Kräfte zu entfalten. Die neue Kultur wird nicht auf Genuss und Konsum aufbauen, sondern auf Produktion und Arbeit.“ Die Erwartungen der Künstler und Literaten richteten sich auf eine zukünftige bessere Weltordnung dank der revolutionären Erfahrungen des russischen Volkes, der Arbeiter und Bauer, die Intelligenzija nicht zu vergessen. „Es steht außer Zweifel, daß sie die Avantgarde der Kultur sein werden“, so der Publizist Arthur Holitscher, der „nach jahrhundertelanger Unterdrückung“ ein neues Zeitalter aufsteigen sah. Einer solchen Bewertung würde auch der Däne Martin Andersen Nexø zustimmen, der das Verdienst der Oktoberrevolution so beschrieb: „Die Weltkultur ist durch sie auf ihre Zeithöhe gekommen, die Entwicklung wird durch sie – eine Zeitlang – ihr natürliches, ruhiges Tempo einschlagen können.“ Für viele der Zeitgenossen, der westeuropäischen zumal, waren die erkämpften Errungenschaften damals zukunftsweisend. Nicht nur, was Politik oder Kultur betrifft, sondern auch, was die mentalitätsgeschichtliche Wirkung angeht. Es sei, davon zeigte sich Heinrich Mann überzeugt, die „seelische Auswirkung der russischen Revolution, daß hier im Westen nichts mehr selbstverständlich und gesichert fortlebt, und daß es keine geduldigen Gemüter, auch auf der Seite der Verteidiger keine, mehr gibt“. Mann zielte damit auf einen durchaus erwähnenswerten 2 Im Folgenden zitiert nach: „Das Bürgertum selbst weiß sich ausgezeichnet“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2001. 9 Vorwort Mehrwert an romantischer, fast sentimentalischer Zustimmung, die den zentral politischen ein wenig in den Hintergrund zu drängen versuchte. Im Laufe der Zeit allerdings verblasste der Oktoberglanz. Schon die von Lenin eingeführte Neue Ökonomische Politik dämpfte den Überschwang merklich. Die Besucher waren genötigt, von den Höhen der gro- ßen Menschheitsversprechen herabzusteigen und den Fortschritt in den Niederungen des Alltags zu suchen. Sie fanden ihn zunächst vor allem im Wiederaufbau Moskaus und in der sozialen Fürsorge, die die Sowjetunion ihren Bürgern angedeihen ließ. Besonders zur Zeit der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre wurde die Sowjetunion noch einmal als leuchtendes Beispiel und Gegenmodell zum strauchelnden Kapitalismus wahrgenommen und von westlichen Beobachtern gefeiert, doch war dies schon eine ganz andere Utopie als die der Frühzeit. Bei Zwangskollektivierung, forcierter Industrialisierung und Planwirtschaft ging es nicht mehr um die Befreiung von alten Fesseln, sondern im Gegenteil um Zucht, Ordnung und Disziplin. Hinzu kamen der wachsende Konformitätsdruck und Terror, so dass sich zunehmend kritische Stimmen in den Chor der Bewunderer mischten. André Gide mit seinem Moskaubericht ist das prominestete Beispiel einer Revision des in linken Kreisen obligatorischen Beifalls. Was er vor Ort sah und erlebte, führte bei ihm zu einer Ernüchterung, die darzustellen er Freunden und Feinden nicht ersparen wollte. Seine Abrechnung mit der Sowjetunion schlug in der Sowjetunion, in Frankreich und bei den deutschen Exilanten dort hohe Wellen. Als Lion Feuchtwanger dann nach Moskau eingeladen wurde, war die Spannung groß. Feuchtwanger lieferte, was die Gastgeber erhofften – und provozierte einen Skandal, der bis heute nachwirkt. Der Kontrast zwischen diesem „pro-bolschewistischen“ Buch, wie Feuchtwanger es selbst bezeichnete, und der Wahrnehmung des Gasts als eines durchaus skeptischen Beobachters durch seine Dolmetscherin und andere Moskauer Gesprächspartner gab den Anstoß zu einer umfangreichen Dokumentation über die Reise und die Entstehung des Reiseberichts, 10 die der Göttinger Wallstein Verlag im vergangenen Jahr publizierte.3 Dieser Band wiederum war Auslöser und Anregung zu einem internationalen Symposium, das am 8. und 9. Dezember im Berliner LiteraturHaus stattfand und dessen Beiträge hier versammelt sind. Die Konferenz war sehr ertragreich, weil sie ganz unterschiedliche Perspektiven eröffnete und sich die Redner mit dem so ideologiebelasteten Thema der Reiseberichte und ihrer politischen bzw. moralischen Bewertung sachlich, auch kontrovers, in jedem Fall kenntnisreich auseinandersetzten. Auch erwies sich das Konzept der Veranstaltung als tragfähig, ausgehend von der Kontroverse Gide – Feuchtwanger auch die Vorgeschichte(n) und Alternativen bis zurück in die 20er Jahre einzubeziehen. Das punktuelle Ereignis und der einzelne Text erhielten ihren Ort im großen Bogen von 1917 bis 1937. Zur Einführung in das Thema des Symposiums skizzierten Anne Hartmann und Inka Zahn die wichtigsten „Phasen der Russlandfaszination“ in diesem Zeitraum und arbeiteten dabei die Unterschiede zwischen den deutschen und französischen „Pilgern zum Roten Stern“ heraus. Bemerkenswert ist nicht nur, wie sich die Anziehungskraft der Sowjetunion wandelte, sondern auch, wie stark bei allen länderübergreifenden Gemeinsamkeiten des linken oder rechten Lagers die eigene geschichtliche Tradition, etwa der Hintergrund der Französischen Revolution, die Wahrnehmung lenkte. Michael David-Fox brachte einen anderen, oft vernachlässigten Aspekt in die Diskussion ein: Er befasste sich mit den „Soviet approaches to intellectuals“, d.h. den Instrumenten der sowjetischen Kulturdiplomatie und den „Stalinist Westernizers“, die als Vermittler zwischen der Sowjetunion und dem Westen fungierten. Anstelle des Vortrags, der uns als Text nicht zur Verfügung stand, konnten wir einen alternativen Beitrag von David-Fox in den vorliegenden Band aufnehmen, der sich ebenfalls mit den sowjetischen Demarchen und Kulturvermittlern befasst und zudem 3 Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation (akte exil. neue folge. Hrsg. von Hermann Haarmann), Göttingen 2017. 11 Vorwort auf die höchst unterschiedliche Sicht auf Stalin bei westlichen Intellektuellen abhebt. Wie verändert sich die Perspektive, wenn sich der Besucher, wenn auch unfreiwillig, als Emigrant wiederfindet, und das im Moskau der 1930er Jahre? Dieser Frage geht Christoph Hesse am Beispiel von Ervin Sinkós „Moskauer Tagebuch“ nach, das ein ebenso seltenes wie sensationelles Zeitdokument ist. Mit seinen Buch- und Filmprojekten blieb Sinkó in der UdSSR erfolglos – umso glücklicher der Umstand, dass er das Land noch verlassen und uns seinen Roman eines Romans hinterlassen konnte. Der Moskauer Schriftstellerkongress von 1934 war neben dem Pariser Kongress von 1935 die wohl letzte große Werbemaßnahme, mit der die Sowjetunion Sympathisanten für ihre neue Bündnispolitik im Zeichen der Volksfront gewinnen wollte; durchaus mit Erfolg. Welche Attraktion die Verheißungen des Kongresses für die deutschen Autoren hatte, ja mit welcher Euphorie die meisten reagierten, rekonstruiert Michael Rohrwasser in seinem Beitrag: In dieser Gesellschaft schien ein „ungeheures Interesse für Literatur zu herrschen“ (Klaus Mann) und die Gefahr der eigenen Bedeutungslosigkeit gebannt zu sein. Falko Schmieder geht den ”Dreams of a better life“ nach, denen Ernst Bloch anhing. Erstaunlicherweise verband er sie lebenspraktisch nicht mit der Sowjetunion. Bloch emigrierte nach Westen. Das kapitalistische Exilland Amerika diente ihm als Fixpunkt für sein utopisches Denken. Bloch folgte 1949 einem Ruf in die DDR, wo er jedoch 1957 in Ungnade fiel. Wie die DDR mit ihren Kritikern umsprang und mit welchen Tabus sie ihr heikles, sprich stalinistisches Erbteil sicherte, beschreibt Manfred Jendryschik in seinem sehr persönlichen Essay – aufgrund eigener Erfahrung als Leser, Zeitgenosse, Autor, Verlagslektor und Herausgeber. Für die Veröffentlichung von Trude Richters Bericht über ihre Odyssee durch Stalins Gulag, eine Herzensangelegenheit von Jendryschik, war die Zeit über Jahrzehnte „noch nicht reif“, wie Kurt Hager entsprechende Anfragen beschied. Er erschien erst 1990. Am zweiten Tag des Kongresses standen mit André Gide und Lion Feuchtwanger die beiden prominententesten Sowjetunionbesucher Mitte der 1930er Jahre und ihre Reiseberichte im Mittelpunkt. Inka Zahn stellt 12 André Gides Retour de l’U.R.S.S. als „Bericht einer Desillusionierung“ vor und untersucht die Faktoren, die zu seiner Enttäuschung führten. Im Falle Feuchtwangers ist hingegen zu fragen, warum er an seiner Voreinstellung, seiner Vision der Sowjetunion festhielt, trotz besserer Einsicht vor Ort, wie die Berichte seiner Dolmetscherin belegen. Damit befasst sich der Beitrag von Anne Hartmann, die zudem vorschlägt, Moskau 1937 erneut zu lesen als Text, der abgründiger ist, als es die oft polemischen Verrisse nahelegen. Ian Wallace spitzte, am Anfang des Abschlusspanels, die Problematik dieses berühmt-berüchtigten Reiseberichts auf erfrischende, die Diskussion herausfordernde, einander ebenso widersprechende wie ergänzende Thesen zu. Die anschließende Debatte über die Vorträge wie auch die folgende Podiumsdiskussion (mit Michael David-Fox, Reinhard Müller und Wilfried Schoeller; Moderation: Michael Rohrwasser), die im Anhang zum vorliegenden Bandes dokumentiert ist, waren überaus lebhaft und erkenntnisreich. Noch einmal ging es – viele Aspekte der Vorträge aufnehmend – um das Verhältnis von Text und Kontexten, den Wunsch nach Versöhnung von Geist und Macht, den „Verrat der Intellektuellen“ und ihre Beweggründe, sowjetische Kulturdiplomatie, ihre Akteure und Instrumente und schließlich um uns und die Fragen, die sich künftige Forschung stellen müsste und sollte. Reden und Widerreden gaben Reinhard Müller den Anstoß, sich noch einmal grundsätzlich mit dem Zusammenhang von „freiwilliger Blindheit und organisierter Verblendung“ bei den „Freunden der Sowjetunion“ zu befassen. Sein gewichtiger Nachtrag zur Konferenz ist ebenfalls im Anhang dieses Bandes wiedergegeben. * Wir, die Initiatoren der Tagung Auf nach Moskau!, wollen nicht schließen, ohne Dank zu sagen für die Unterstützung, die uns bei deren Durchführung zuteil wurde. Zu nennen sind die Stiftung Preußische Seehandlung, der Verein Villa Aurora and Thomas Mann House, das LiteraturHaus Berlin und nicht zuletzt die Freie Universität Berlin. Ein besonderes Dankeschön geht an den Berliner Schauspieler Hermann Beyer, der am er- 13 Vorwort sten Abend aus Moskau-Texten las unter großem Zuspruch des zahlreich versammelten Publikums. In unseren Dank eingeschlossen sind darüber hinaus Lukas Laier für Transkription, Christoph Rosenthal und Patrick Vosen für technischen Support bei der Herstellung der Druckvorlage. Hermann Haarmann, Anne Hartmann 15 Anne Hartmann, Inka Zahn Phasen der Russlandfaszination von 1917 bis 1937: Die deutschen und französischen „Pilger zum Roten Stern“ I. Einleitung: Retour de l’U.R.S.S. / Zurück aus Sowjetrussland – Russlandreiseberichte als besonderer Werktypus Reiseberichte sind hybride Gebilde, bei denen Fakten und Fiktionalisierung, Anschauung und Absicht ein kompliziertes Amalgam eingehen. Aus der Rückschau geschrieben, akzentuieren sie, was für den heimischen Leser der Fall sein soll. Für die Reiseberichte über die frühe Sowjetunion gilt das in besonderer Weise. Denn die Texte wurden durch die ideologischen Umstände determiniert, ja überdeterminiert, so dass das Selbstverständnis und die politische Entwicklung des kommunistischen Staates ‚raison d’être‘ aller Stellungnahmen waren. Sämtliche Beobachtungen erhielten ihre Perspektive durch das Urteil über Gelingen oder Scheitern des sozialistischen Gesellschaftsexperiments, das zwar subjektiv war, aber mit dem Anspruch auf Gültigkeit vorgetragen wurde. Jacques Derrida hat auf die Gefahr des Rationalisierens hingewiesen und damit „jene aktive Überinterpretation“ gemeint, „die nachträglich Ordnung schafft, wo keine war, um irgendwas dabei herauszuschlagen, und sei’s nur Verständlichkeit 16 Anne Hartmann, Inka Zahn oder einfach Sinnhaftigkeit“.1 „Prophetische Tonlagen und lehrerhafte Anwandlungen“ waren, wie Michail Ryklin ergänzt, nur allzu oft die Folge.2 Fast alle Beiträge versuchen sich an einer Art Gesellschaftsdiagnose und tendieren zur Verallgemeinerung: Es wird erläutert, begründet, gerechtfertigt, das Irritierende dabei gern ausgeblendet oder wegerklärt. Dabei änderten sich in den 20 Jahren 1917–1937 die Paradigmen erheblich – sowohl der Selbstdarstellung der UdSSR als auch ihrer literarischen Repräsentation. Im Folgenden wollen wir im Blick auf die französischen und deutschsprachigen Reiseberichte über die frühe Sowjetunion knapp skizzieren, wie sich das „Potenzial ihrer Anziehungskraft“ im Übergang vom Leninschen zum Stalinschen Kommunismus veränderte,3 wobei es uns zunächst um typische Themen und Deutungsmuster geht, um abschließend noch kurz auf das Verhältnis von Mainstream und Ausnahmen einzugehen. II. Phasen der Russlandfaszination 1. Auf den Spuren der Revolution 1917–1921/22 Schon kurz nach der Oktoberrevolution begann die frühe Reisewelle ins ‚rote’ Moskau. Zu der Zeit hatte sich Russland gegenüber westlichen Reisenden noch nicht geöffnet, man konnte demnach nur auf Einladung oder illegal nach Russland einreisen. Zudem war die Reise ins damalige Russland lebensgefährlich aufgrund des Bürgerkriegs und mühsam, da es noch keine stabilen fahrplanmäßigen Verbindungen für den Zivilverkehr gab und Reisewillige oft wochenlang in den Nachbarländern auf ein Einreisevisum warten mussten. 1 Jacques Derrida, „Back from Moscow, in the USSR“, in: Jutta Georg-Lauer (Hrsg.), Postmoderne und Politik, Tübingen 1992, S. 10. 2 Michail Ryklin, Im Mekka des Proletariats, in: Ders., Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution, Frankfurt a.M. – Leipzig 2008, S. 76. 3 Michael Rohrwasser, Der Kommunismus. Verführung, Massenwirksamkeit, Entzauberung, in: Hans Maier (Hrsg.), Wege in die Gewalt. Die modernen politischen Religionen, Frankfurt a.M. 2000, S. 125. Dort ausführlich zur „Chronologie der Faszination“. 17 Phasen der Russlandfaszination Russlandreisen in dieser ersten Phase waren in der Regel beruflich bedingt: die Reisenden waren vor allem Teilnehmer an den Kominternkongressen der Jahre 1919 oder 1920 oder aber Journalisten im Auftrag ihrer Zeitung. Die Berichte dieser Augenzeugen der ersten Stunde hatten damals Neuigkeits-, ja Sensationswert. Zu den bekanntesten französischen Journalisten der ersten Stunde zählt Louise Weiss. In ihrer Reportage von 1921, in der sie auf Hunger und Not in Russland aufmerksam macht, bringt sie die polarisierende Rolle, die Moskau von Beginn an in französischen Reiseberichten der Zwischenkriegszeit einnimmt, auf den Punkt: „Moskau, verehrte Zitadelle für die einen, verfluchte Zitadelle für die anderen.“4 In der Tat figuriert Moskau in einem Großteil der damaligen französischen Reiseberichte je nach politischem Standpunkt des Betrachters als Ort real werdender politischer Utopie, einer zukunftsweisenden, nicht materialistisch ausgerichteten Kultur und künstlerisch-politischen Avantgarde oder aber als Gefährdung der westlichen Zivilisation und Hort des ‚roten Terrors’. Vielfach sind in den französischen Russlandberichten bei der Darstellung des sowjetischen Gesellschaftsexperiments spezifisch französische Bezugspunkte präsent. Zum einen begegnen dem Leser häufig antirussische Stereotype, die auf den Russlandreisenden Astolphe de Custine aus dem 19. Jahrhundert zurückgehen. Bereits in den frühen 1920er Jahren wurde seine Metapher gebraucht von Russland als Rätsel, das man lösen/enthüllen müsse, um den wahren Zustand des sogenannten „Königreichs der Fassaden“5 zu erkennen. Besonders erkennbar wird dies im Russlandbericht des Schriftstellers und Reporters Henri Béraud, der 1925 den Grenz- übertritt nach Sowjetrussland wie folgt kommentierte: „Wir sind an der Tür des Rätsels. Ist es […] Eldorado oder Gomorrha?“6 Direkt hinter der Grenze gibt Béraud vor, das Rätsel Russland zu lüften, indem er dortige Barackenbauten mit Gefangenenlagern und Lazaretten vergleicht und den 4 Louise Weiss, Cinq semaines à Moscou, in: Le Petit Parisien, 2.11.1921. 5 Claude de Grève (Hrsg.), Le voyage en Russie: anthologie des voyageurs français aux VIIIe et XIXe siècles, Paris 1990, S. 1222. 6 Henri Béraud, Ce que j‘ai vu à Moscou, Paris 1925, S.13f. 18 Anne Hartmann, Inka Zahn Ort dadurch einem Kriegsschauplatz ähneln lässt7, um den Leser von seinem stark negativen Ersteindruck des Landes zu überzeugen. Neben Custines Russlandbild ist die Französische Revolution als Vergleichsparameter in den französischen Moskauberichten allgegenwärtig. So appellierte z.B. Béraud an die Sowjetrussen als „Söhne von 1789“.8 Die historische Rückbindung an die eigene Geschichte erleichterte den Autoren die Vermittlung des ,Neuen’ der Oktoberrevolution. Letztere wurde von Reisenden entweder als Erbin und Vervollständigung der eigenen Revolution beurteilt oder aber sie betrachteten sie, gemessen an der Französischen Revolution, als gescheitert bzw. gingen davon aus, Russland habe noch von Frankreich zu ,lernen’, um einen ähnlichen Stand hoher Zivilisation wie in Frankreich zu erreichen. Auch die deutschen Autoren waren fasziniert von der Chance, das „Revolutionsbabel“9 zu besichtigen und voller Bewunderung, dass ausgerechnet das „rückständige“ Russland das große Experiment gewagt hatte. Bereitwillig wurden die Verheißungen von der Befreiung der Arbeiter und der neuen, gerechten Gesellschaft übernommen, auch die Feindbilder vom burshui bis zu den Sozialrevolutionären und Menschewiki. Viele Beiträge verweisen auf die „brennende Notlage des Landes“10 infolge des Ersten Weltkriegs und damit auf die besondere Rolle und Schuld Deutschlands. Solidaritäts- und Verantwortungsgefühl waren das Eine – sie kamen auch in der Gründung der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) 1921 und dem Kampf gegen den „Hunger an der Wolga“ zum Ausdruck, für den sich etwa Franz Jung und Arthur Holitscher engagierten.11 Das Andere war die Erwartung, dass der Oktoberumsturz nur der Auftakt zu einer Revolution auch in Deutschland und dann weltweit wäre. Noch 1929 sah Hans Lorbeer die „Verbrüderung Sowjetrußlands mit Sowjetdeutschland“ 7 Ebd., S. 14. 8 Ebd., Vorwort, S. VII. 9 Alfons Goldschmidt, Moskau 1920. Tagebuchblätter, Berlin 1987, S. 104. 10 Arthur Holitscher, Drei Monate in Sowjet-Rußland, Berlin 1921, S. 148. 11 Vgl. Arthur Holitscher, Stromab die Hungerwolga, Berlin 1922; Franz Jung, Hunger an der Wolga, Berlin 1922. 19 Phasen der Russlandfaszination kommen als Beginn des „donnernden Marsches des Weltproletariats über den eroberten Erdball“.12 Neben den politischen Aktivisten gab es die Träumer, denen die Oktoberrevolution Erlösung, Völkerverbrüderung, höchste Menschheitsideale verhieß und die mit Armin T. Wegner „den fünfzackigen Stern durch das Dunkel strahlen“ sahen „wie den Stern Betlehems“.13 „Hier wird der neue klassenlose Mensch geboren, der sich selbst erlöst durch seine Tat, die zeugend und gestaltend zurückfließt an die Menschheit“,14 feierte der Jugendstilmaler Heinrich Vogeler die „Geburt des neuen Menschen“.15 Für ihn und manch andere standen nicht Marx und Lenin Pate, sondern vorrevolutionäre Russlandschwärmer wie Thomas Mann und Rilke. Diese hatten, da sie die eigene Zivilisation als verbraucht und die Moderne als bedrohlich empfanden, den Osten bereits zum Hort eines tieferen geistigen Lebens und einer ursprünglichen Lebensform stilisiert. Zwar hatte mit der Oktoberrevolution das Sehnsuchtskonzept „ewiges, heiliges Russland“ ausgedient, doch blieben seine wesentlichen Komponenten in Kraft, denn auch die politischen Pilger hofften, in der Sowjetunion mit ihrer vitalen Kraft zur Erneuerung ein Gegenmodell zu westlicher Dekadenz und politischer Stagnation zu finden. Oft vermochten sie das ungeheure Geschehen nur biblisch-heilsgeschichtlich zu fassen. Arthur Holitscher beschrieb die „Ergriffenheit“, die ihn 1920 beim Grenzübertritt überwältigte: „Als ich zum erstenmal, hinter Narwa in Estland, Sowjetrußlands Boden betrat, als der Zug durch den Wald von Jamburg langsam über die Böschung dahinfuhr, an deren Fuß man die ersten Roten Soldaten Wache stehen sah, da schoß mir diese Vorstellung von der Heiligkeit des Beginnens der neuen 12 Hans Lorbeer, Moskauer Skizzen, in: Manfred Jendryschik (Hrsg.), Unterwegs nach Eriwan. Reisen in die Sowjetunion 1918 bis 1934, Halle – Leipzig 1988, S. 357. 13 Armin T. Wegner, Fünf Finger über Dir. Aufzeichnungen einer Reise durch Rußland, den Kaukasus und Persien 1927/28, Wuppertal 1979, S. 15. 14 Heinrich Vogeler, Reise durch Rußland. Die Geburt des neuen Menschen, Dresden 1925, S. 29. 15 Siehe auch sein gleichnamiges Bild, ebd., S. 4. 20 Anne Hartmann, Inka Zahn Menschheitsapostel durch die Sinn, und mir war, als ob ich auf diesem langsam fahrenden Zug in eine neue heilige Welt führe.“16 2. Leistungsschau der Errungenschaften (und Defizite) – die Zeit der Neuen Ökonomischen Politik 1921–1927/28 In den 20er Jahren strömten die Besucher dann in großer Zahl nach Sowjetrussland, besonders 1927, zum 10. Jahrestag der Revolution: Sportler-, Arbeiter-, Gewerkschaftsdelegationen kamen, aber auch Sozialarbeiter, Lehrer und Wissenschaftler. Für Intellektuelle, Journalisten und Künstler, die etwas auf sich hielten, war eine „russische Berichterstattung“, wie Joseph Roth sie nannte, geradezu Pflicht.17 Freundschaftsgesellschaften wurden gegründet, in Moskau entstand die Allunionsgesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland WOKS, die einen „Wochenbericht“ in russischer, deutscher, französischer und englischer Sprache veröffentlichte. Zeitschriften vermittelten eine Fülle an Berichten und zunehmend auch Bildern aus dem unbekannten Riesenreich. „Das neue Rußland“ – Name der deutschen Freundschaftsgesellschaft und ihrer Zeitschrift18 – war ein Schlüsselbegriff der Ära. Die Reisenden machten sich auf die Suche nach den Spuren erster Erfolge bzw., um noch einmal Vogeler zu zitieren, den „gesunden Keime[n] eines ganz neuen Werdens“.19 Moskau sei kaum wiederzuerkennen, berichteten diejenigen, die die Stadt ein zweites Mal besuchten, überall werde gebaut und renoviert und hätten sich die vor kurzem noch leeren Läden wieder gefüllt. Alles sei auf Zukunft gestellt: „Was gestern war, ist heute nicht mehr, und 16 Arthur Holitscher, Lebensgeschichte eines Rebellen, Bd. 2: Mein Leben in dieser Zeit (1907– 1925), Potsdam 1928, S. 191. 17 Zit. nach Burkhard Dücker, „Nur eine russische Berichterstattung kann meinen guten Ruf retten.“ Rußlandorientierungen deutscher Künstler und Schriftsteller im 20. Jahrhundert, in: Dietrich Harth (Hrsg.), Fiktion des Fremden. Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik, Frankfurt a.M. 1994, S. 144. 18 Inhaltsverzeichnisse aller Jahrgänge von 1923 bis 1932 in: Rolf Elias, Die Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland, Köln 1985, S. 172–219. 19 Vogeler, Reise nach Rußland, S. 58. 21 Phasen der Russlandfaszination morgen wird das Heutige überholt sein“, fasste Bruno Frei zusammen.20 Die 1921 eingeleitete Neue Ökonomische Politik, mit der Lenin angesichts des drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs die Rückkehr zu einem begrenzten Privathandel genehmigt hatte, wird von vielen Autoren zwar als Rückschlag bewertet, doch zugleich als notwendiger Schritt zur Stabilisierung gerechtfertigt. Die meisten wollten sich den Blick auf die Errungenschaften nicht trüben lassen, wobei sich dieser in jenen Jahren vor allem auf die sozialen Einrichtungen und Erziehungsinstitutionen richtete. Ausgerechnet die Gefängnisse und Besserungskolonien gerieten zum Trumpf und Erfolgsklassiker bis in die 30er Jahre hinein. Herwarth Walden, Ernst Toller, Gustav Regler, ja selbst André Gide lobten sie als Orte der Umschmiedung, in denen, so Oskar Maria Graf, „ehemalige Diebe, Raubmörder, Einbrecher und Betrüger […] völlig frei und neuartig zu brauchbaren Menschen erzogen wurden“.21 Hier ließ sich Ideologie in Aktion beobachten, um so überzeugender und anschaulicher, da der neue Mensch gleichsam im Zeitraffer aus altem Material gewonnen wurde. Das galt vergleichbar auch für die Erfolge der Zivilisierung, die an der südlichen Peripherie des Landes im Kampf gegen das „düstere Mittelalter“, wie Clara Zetkin sich ausdrückte, erzielt wurden.22 Jedenfalls übernahmen die Besucher, die bis hierhin vordrangen, in der Regel bereitwillig die ihnen präsentierten Versionen von der Befreiung der Frau, dem Sieg über Unterdrückung und Aberglauben und der Beglückung durch Fortschritt. Dass sie hier orientalistischen Denkmustern der europäischen Russen aufsaßen, wurde nicht reflektiert, geschweige denn, dass die eigene, gar nicht seltene Überheblichkeit gegenüber der „absoluten Primitivität der Russen“ – so Erich Kästner – in Frage gestellt worden wäre.23 20 Bruno Frei, Im Land der Gegensätze, in: Jendryschik (Hrsg.), Unterwegs nach Eriwan, S. 323. 21 Oskar Maria Graf, Reise nach Sowjetrussland 1934. Hrsg. von Rolf Recknagel, Berlin 1977, S. 63. 22 Clara Zetkin, Im befreiten Kaukasus, Berlin – Wien 1926. Vgl. Egon Erwin Kisch, Asien, gründlich verändert. Berlin 1932. 23 Erich Kästner, Auf einen Sprung nach Rußland, in: Das neue Rußland (1930), 3–4, S. 52. 22 Anne Hartmann, Inka Zahn Auch die Franzosen begaben sich auf eine Suche nach Zeichen, die sie über das Neuartige in Russland, über Erfolg oder Scheitern der Revolution, aufklären sollen. Dies zeigt sich besonders bei der Beschreibung des Erstkontakts mit Russland, dem Grenzübergang, der in der Regel als Schwelle in eine neue, andere Welt dargestellt wird. Reisende Gegner des Kommunismus suchten hingegen oft nach Zeichen der Vergangenheit, um so Widersprüche aufzudecken und das kommunistische System zu kritisieren. Dies lässt sich vor allem an der Beurteilung der Neuen Ökonomischen Politik verdeutlichen, welche von Reisenden oft als althergebrachtes kapitalistisches Element betrachtet und von politisch Rechten daher als Scheitern des sozialistischen Experiments gewertet wurde. Bei den französischen Moskaureisenden nimmt die Begutachtung des Aufbaus einer spezifisch sowjetischen Kultur großen Raum ein. Gerade in der Kultur schien sich ihnen das revolutionär Neue des Anderen zu offenbaren. Einen Eindruck der Alltagskultur im weitesten Sinne gewannen sie, wie die deutschen Reisenden, durch den Besuch sowjetischer Erziehungsund Bildungsinstitutionen wie Kinderkrippen, (Modell-)Schulen und Arbeiterfakultäten. Als positiv erschienen vor allem die Demokratisierung der Bildung sowie deren Ausrichtung auf die Arbeitswelt. Auch die Moskauer Theater wurden von den Reisenden gern frequentiert, vor allem das 1920 gegründete Meyerhold-Theater. Die Journalistin Andrée Viollis äußerte in ihrem Bericht von 1928 enthusiastisch: „Den stärksten Eindruck hatte ich bei Meyerhold, einem mutigen Meister des revolutionären Theaters.“24 Der Großteil der Reisenden erkannte im Theater das Beispiel des Aufbaus einer neuen Kultur und Gesellschaft par excellence. Zeichen des revolutionär Neuen waren für sie der Zugang der Massen zur Kultur, die Vereinfachung künstlerischer Inhalte, um eben diese Massen zu erreichen, experimentelle Inszenierungen, sowie die Politisierung des Theaters. 24 Andrée Viollis, Seule en Russie, de la Baltique à la Caspienne, Paris 1927, S. 231. 23 Phasen der Russlandfaszination 3. „Zukunft im Rohbau“ (F.C. Weiskopf) – der Erste Fünfjahrplan (1928 – 1932) Das „rote und grandiose Schauspiel der aktiven Revolution“ sei vorbei, konstatierte Joseph Roth schon 1926, stattdessen greife Verflachung, Verbürgerlichung, „neurussische, frische, rotbackige Banalität“ um sich.25 Auch weniger kritische Geister konnten nicht umhin, den allmählichen Utopieverschleiß zu konstatieren. Umso größeren Eindruck machte es, dass Stalin Ende der 20er Jahre erneut die „Flucht nach vorn“26 antrat und mit Zwangskollektivierung, forcierter Industrialisierung und Planwirtschaft die Schubkräfte einer neuen, konträren Utopie mobilisierte, welche unbegrenzten Fortschritt im Zeichen ökonomischer Gesetzmäßigkeit verhieß. Allerdings ging es nun nicht mehr um die Befreiung von allen Fesseln, sondern im Gegenteil um Zucht, Ordnung und Disziplin. Die neuen Losungen – Tempo, Größe und Planmäßigkeit des Aufbaus – verdrängten auch bei den ausländischen Besuchern die Erlösungserwartungen der Revolutionszeit, wobei der positiven Wahrnehmung erneut eine Defiziterfahrung in der heimischen Gesellschaft zugrunde lag, hatte doch die Weltwirtschaftskrise die westlichen Märkte und Gesellschaften in den Grundfesten erschüttert. (Hochglanz-)Magazine wie SSSR na stroike27, L‘Appel des Soviets oder Vu und auch die Arbeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ) sollten mit großformatigen Fotomontagen und Reportagen die Erfolge des Fünfjahrplans visuell belegen. Schon der Titel von Ernst Glaesers und F.C. Weiskopfs „Buchfilm“ Der Staat ohne Arbeitslose (1931) lässt diesen Zusammenhang von Krisenerfahrung und Wunschprojektion erkennen. Die Herausgeber zeigten sich fasziniert von dem „Tempo des sozialistischen Aufbaus“, das 25 Joseph Roth, Reise nach Rußland. Feuilletons, Reportagen, Tagebuchnotizen 1919–1930. Hrsg. von Klaus Westermann, Köln 1995, S. 177 u. 178. 26 Karl Schlögel, Utopie als Notstandsdenken – einige Überlegungen zur Diskussion über Utopie und Sowjetkommunismus, in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Utopie und politische Herrschaft im Europa der Zwischenkriegszeit, München 2003, S. 79. 27 Die Zeitschrift erschien auch in einer deutschen, englischen und französischen Ausgabe. 24 Anne Hartmann, Inka Zahn „jede noch so aktuelle Reportage über den Stand der Fünfjahresplanarbeiten zu einer historischen Chronik macht, bevor noch die Druckerschwärze trocken geworden ist.“28 Bertolt Brecht kam in einem lakonischen Gedicht über die „Schnelligkeit des sozialistischen Aufbaus“ (1937) zu demselben Ergebnis: „Ein Mann, der im Jahre 1930 aus Nikolajewsk am Amur kam / Sagte, in Moskau befragt, wie es dort oben sei: / Wie soll ich das wissen? Meine Reise / Dauerte sechs Wochen, und in sechs Wochen / Ändert sich dort alles.“29 Die Euphorie über den ersten Fünfjahrplan verstärkte ab Ende 1928 erneut das Interesse auch der Franzosen an der UdSSR und lockte Neugierige dorthin. Der Schriftsteller Philip Soupault, Dichter und Mitbegründer des Surrealismus, titulierte Moskau 1931 als „Stadt der Zukunft“30 und beschrieb das Fieber des Fünfjahrplans, von dem die Bevölkerung ergriffen sei: Es genügt, ein paar Stunden in Moskau zu verbringen, um zu verstehen, dass es für alle Russen nur eine Frage gibt, ob sie die Prognosen des Plans übertreffen werden. […]. Überall, wo über den Plan berichtet wird, an jeder Wand, in Museen oder in Fabriken, werden große Plakate mit riesigen Grafiken ausgestellt und zwingen zum Nachdenken über „Piatiletka“.31 Auch die im Bau befindliche Metro wurde als Zeichen der Zukunft und des industriellen Fortschritts gewertet. In den 1930er Jahren, als Moskau innerhalb kürzester Zeit von einer Stadt mit ehemals dörflichem Charakter in eine große Metropole transformiert wurde, wurde die omnipräsente urbane Dynamik vor allem mit dem unglaublichen Tempo des Aufbaus assoziiert. Ähnlich wie Brecht beschreibt der Journalist und Schriftsteller Vaillant-Couturier die Veränderung in Moskau nicht als Prozess, sondern als einen Umschlag, der geradezu im Zeitraffer geschehe: „In Moskau än- 28 Ernst Glaeser / F. C. Weiskopf, Vorwort, in: Dies., Der Staat ohne Arbeitslose. Drei Jahre „Fünfjahresplan“. 265 Abbildungen, Berlin 1931, S. V. 29 Bertolt Brecht, Gesammelte Werke, Bd. 9: Lieder, Gedichte, Chöre, Frankfurt a.M. 1967, S. 675. 30 Philippe Soupault, Trois villes, in : Vu 192, Spezialausgabe Au pays des Soviets, Paris, 18.11.1931, S. 2549. 31 Ebd., S. 2548. 25 Phasen der Russlandfaszination dert sich übrigens von Woche zu Woche alles. Sie gehen zu einer Genossenschaft, Sie machen eine Reise, Sie kommen zurück: Keine Genossenschaften mehr! Das Haus, in dem sie war, existiert nicht mehr. An der Stelle wird nun ein neues Viertel gebaut.“32 Doch suchten viele französische Reisende auch Ende der 1920er und in den 1930er Jahren in Moskau noch die Wahrheit über politische Systeme und nahmen dementsprechend politisch-ideologische Symbole und Zeichen der Stadt, die „von oben dirigierte […] Neukodierung“ des sowjetischen öffentlichen Raumes33, in den Blick. Und auch die Revolution selbst blieb zumindest bei manchen noch als Wahrnehmungsparameter präsent, so suchte z.B. Antoine de Saint-Exupéry 1935 in Moskau „wie ein Kind nach den Spuren einer Revolution“.34 4. Bündnispolitik; Schriftsteller als Staatsgäste Für die französischen Moskaureisen setzte erst ab 1932/1933 die Hauptphase ein, die meisten Franzosen reisten erstaunlicherweise in den Jahren 1933–37. Das lag zum einen an der Entwicklung des Tourismus und der Reiseorganisation Intourist sowie der Aufnahme neuer Zielgruppen bei Delegationsreisen. Der andere entscheidende Faktor waren die veränderten politischen Rahmenbedingungen. Angesichts der Machtergreifung Hitlers intensivierte sich das Interesse an der UdSSR als einer Alternative zum Faschismus. Eine Russlandreise, verbunden mit einer anschließenden Stellungnahme gegenüber dem vor Ort begutachteten Sowjetstaat, wurde für Angehörige sowohl der französischen Linken als auch der Rechten nun geradezu obligatorisch. Hinzu kam, dass sich die Sowjetunion im Zeichen der Volksfront öffnete, zunächst – gleichsam testweise – im kulturellen Bereich. Der erste 32 Paul Vaillant-Couturier, Moscou-la-Neuve, in: Russie d’aujourd’hui 1 (1933), 6, S. 12. 33 Karl Schlögel, Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, 2. Aufl., München 2018, S.179. Siehe auch ebd., S. 180–182. 34 Antoine de Saint-Exupéry, U.R.S.S. 1935. Moscou! Mais où est la Révolution?, in: Paris-Soir, 16.5.1935, S. 3. 26 Anne Hartmann, Inka Zahn sowjetische Schriftstellerkongress in Moskau 1934 mit seinen 43 ausländischen Gästen und der Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935 waren die glanzvollsten Manifestationen dieser Bündnispolitik. Französische Teilnehmer des Moskauer Schriftstellerkongresses waren Jean-Richard Bloch, André Malraux und Louis Aragon. Wie seine Frau berichtet, war Bloch angetan von den unzähligen Arbeiterdelegationen, die täglich zum Schriftstellkongress anreisten35, und dem – auch in anderem Kontext erlebten – Interesse der Arbeiter an ausländischer Literatur36: „Nichts ist für einen Schriftsteller fruchtbarer“, schrieb er, „als dieser enge Kontakt mit der Masse.“37 Für ihn, der in der UdSSR die Realisierung der Utopie suchte, schien sich diese im Kleinen – in Form der engen Verbindung zwischen Schriftstellern und ihrem Publikum – bereits anzudeuten. Im Jahr 1936 entstand vor dem Hintergrund des Wahlerfolgs der französischen Volksfront, des sowjetischen Engagements im Spanischen Bürgerkrieg, des ersten Moskauer Schauprozesses und André Gides Russlandbericht Zurück aus Sowjetrussland eine erneute kurzfristige Welle französischer Russlandreisen und -Berichte, bevor diese dann ab 1937 abebbte. Für die Deutschen hatte der Aufstieg Hitlers noch viel dramatischere Konsequenzen als für die Franzosen. Er nötigte viele jüdische und linke Intellektuelle in die Emigration und damit zu existentiellen Entscheidungen. Auf wen sollte man hoffen, auf wen setzen? Die Zahl derjenigen, die aus „der Verlogenheit der westlichen Zivilisation“ in die „bessere Welt“ der Sowjetunion flüchteten38, blieb – aus verschiedenen Gründen – begrenzt; doch sahen auch in Prag, Paris und anderen Exilstationen viele Emigranten in Stalin den einzig potenten Widersacher Hitlers. Die „Zusammen- 35 Vgl. Marguerite Bloch an ihre Kinder, 22.8.1934, in: Marguerite Bloch, Journal du voyage en URSS, à l’occasion du Congrès organisé par l’Association des Ecrivains de l’Union Soviétique. Fonds Jean-Richard Bloch, Bibliothèque Nationale de France, Paris, NAF, don 28448, 1934, S. 27. Vgl. Wolfgang Klein, „Zug von Abenteuer. Ständig Unerwartetes.“ Marguerite und Jean- Richard Blochs Reise in die Sowjetunion von August bis Oktober 1934, in: Wolfgang Asholt / Claude Leroy (Hrsg.), Die Blicke der Anderen. Paris – Berlin – Moskau, Bielefeld 2006, S. 125. 36 Vgl. Marguerite Bloch an ihre Kinder, 13.8.1934, in: Bloch, Journal du voyage en URSS, S. 13. 37 Jean-Richard Bloch, Au congrès des écrivains soviétiques, in: Humanité, 29.8.1934, Zeitungsartikel (als unpaginierte Kopie) in: Bloch, Journal du voyage en URSS. 38 Kurt Kläber, Fahrt nach Moskau, in: Die Linkskurve 3 (1931), 5, S. 4. 27 Phasen der Russlandfaszination arbeit mit Rußland“ sei die einzige Möglichkeit, „den Frieden zu retten“, kommentierte etwa Klaus Mann.39 Attraktiv war auch die neue bündnisorientierte Kulturpolitik, die von klassenkämpferischen Positionen abrückte, und mit ihrer Betonung des „Erbes“, von Humanismus, Klassik und Realismus des 19. Jahrhunderts für breitere Kreise im Westen anschlussfähig war. Die Neuausrichtung blieb nicht ohne Wirkung – gerade bei den deutschen Autoren, die ihr heimisches Publikum verloren hatten. Die Literatur hat in diesem Land „eine große Situation“, bestätigte Klaus Mann 1934 anlässlich des Moskauer Schriftstellerkongresses, ähnlich wie Bloch, hier sei sie „nicht eine Arabeske am Rand der Gesellschaft“, sondern wirkender Teil des öffentlichen Lebens“.40 Einzelne prominente westliche Intellektuelle wurden in diesen Jahren gezielt in die UdSSR eingeladen und dort mit großem, auch finanziellem Aufwand, verwöhnt, zumal sich die Verantwortlichen von den „berühmten Ausländern“ werbewirksame Unterstützung versprachen. Freilich vertrauten die Gastgeber nicht allein auf die Kunst der Vorführung und Verführung. Auch die Kontrolle wurde massiv verstärkt; die WOKS ging Mitte der 30er Jahre eine enge Symbiose mit Staat, Partei und Geheimdienst ein. Welche – durchaus konträre – Wirkung die Techniken der Gastfreundschaft und Überwachung hatten, lässt sich am Beispiel von André Gide und Lion Feuchtwanger genauer verfolgen. 5. Mainstream und Ausnahmen Die weitaus meisten Reiseberichte der Zwischenkriegszeit, ob von deutschen oder französischen Autoren, zeichnen sich durch einen stark stereotypen, polarisierten und polemisierenden Diskurs über Moskau bzw. die Sowjetunion aus. Dichotomische Raum- und Identitätskonzeptionen sind gängig, und Alterität wird in der Regel politisch instrumentalisiert. Umso 39 Klaus Mann, Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, Reinbek 1991, S. 328. 40 Klaus Mann, Notizen in Moskau, in: Hans-Jürgen Schmitt / Godehard Schramm (Hrsg.): Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller, Frankfurt a.M. 1974, S. 407. 28 Anne Hartmann, Inka Zahn bemerkenswerter sind jene Reisende, die diese Dichotomien aufbrechen, eigene Wertmaßstäbe hinterfragen und das in Russland beobachtete Disparate aushalten, anstatt es in eine für sie lesbare Einheit zu zwängen. So insbesondere Luc Durtain. Zu Beginn seines Reiseberichts Das andere Europa (1928), als das er Sowjetrussland bezeichnet, schreibt er: Wenn es in Russland eine allem auferlegte Markierung gibt, so ist es eben gerade die des Disparaten. An der Kreuzung von Asien und Europa gelegen, wird diese gewaltige Gruppe unterschiedlicher Rassen, heterogener Verhältnisse und zusammengesetzter Regionen durch eine Revolution herausgefordert. […] Und wir möchten, dass das Ergebnis all dessen einfach ist und positiv oder streng bewertet wird?“41 Interessant an den Reiseberichten ist, ob und wie die sowjetischen Gesprächspartner zu Wort kommen. Im stereotypisierten Diskurs werden die Russen oft weniger als Individuen, sondern eher als Typen dargestellt: als der Fremdenführer, der Apparatschik, der Proletarier, der ,alte‘ russische Bauer und der ,neue’ Sowjetbürger. Zudem folgen auf die eingebauten Stimmen russischer Gesprächspartner oftmals eigene Reflexionen bzw. ironische Kommentare, um Widersprüche aufzudecken oder den Anderen lächerlich zu machen. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Reisende, die sich, so gut das sprachlich möglich war, auf den Anderen einließen und ihn als Gesprächspartner ernstnahmen. Stellvertretend sei hier der Theaterund Filmkritiker Léon Moussinac genannt, den Begegnungen mit Menschen in der UdSSR beeindruckten und seine Sicht auf das sowjetische Gesellschaftsexperiment nachhaltig prägten. So führte er mit Eisenstein, den er 1927 in Moskau kennenlernte, einen über Jahre dauernden, freundschaftlichen Briefwechsel. „Der einzige Glaube, den ich an das Kino habe, kommt von Ihnen und Ihren Kameraden,“ schrieb er ihm 1928.42 Eisenstein war für Moussinac ein Gegenüber, dem er Lob und Kritik mitteilte. Und auch in Moussinacs Reisenotizen des Jahres 1933/34, als er für eine 41 Luc Durtain, L’autre Europe. Moscou et sa foi, Paris 1928, S. 8. 42 Moussinac an Eisenstein, 5.6.1928, in: Wolfgang Klein (Hrsg.), Briefwechsel zwischen Sergej Eisenstein und Léon Moussinac, in: Sinn und Form 32 (1980), 5, S. 926. 29 Phasen der Russlandfaszination Theaterinszenierung mit sowjetischen Kollegen durch die UdSSR reiste, ging es ihm genau darum: den Ideenaustausch und eine Begegnung auf Augenhöhe, wie man sie sonst allzu oft vermisst. Das skizzierte Bild ist zweifellos auch in politischer Hinsicht schematisch, vereinfacht. Es gibt auch in den wohlwollenden Russlandberichten durchaus scharfsinnige Beobachtungen und deutliche Kritik, etwa von Toller am Leninkult, der die Selbstverantwortung lähme43, oder von Wegner an dem „Fluch und Zwang einer kalten Verzückung“ der Massen.44 Und doch wird sie meist relativiert. KPD-Mitglieder besaßen die „elastischen Stoßdämpfer“ der Parteiausbildung, wie Arthur Koestler rückblikkend analysierte, und waren geschult, negative Eindrücke als „Erbschaft der Vergangenheit“ und positive als „Saat der Zukunft“ zu klassifizieren.45 Doch auch bei den Parteilosen generierte die Sympathie zur Sowjetunion, sollte sie aufrecht erhalten werden, bestimmte Erklärungsmuster: etwa die Zweiteilung in hüben und drüben, „hier eine Welt des Niedergangs“, „dort eine neue Welt im Aufbau für neue Menschen“, wie Manès Sperber schrieb,46 oder das Navigieren in der Zeit: Die Verheißung des schnellen Wandels – siehe Brecht – tröstete ebenso über Mängel der Gegenwart hinweg wie die Gewissheit einer glänzenden Zukunft: Sie liege, so Feuchtwanger, vor den Menschen „wie eine gebahnte Straße durch eine schöne Landschaft“.47 Erst abweichende Beschreibungen machen deutlich, was im Gros der Texte stört oder fehlt: etwa wie selten sie erlebnisgesättigt und bildstark sind, aber auch, wie sehr es ihnen an Humor oder gar Selbstironie mangelt. Eine Ausnahme wie Koestlers Reportage Von weißen Nächten und roten Tagen (1933) bestätigt nur die Regel. Die Rückkehrtexte zeichnen sich zumeist durch ihren „heiligen Ernst“, ihre politische Urteilsfreudigkeit 43 Ernst Toller, Quer durch. Reisebilder und Reden, München – Wien 1978, S. 107. 44 Wegner, Fünf Finger über Dir, S. 30. 45 Arthur Koestler, Autobiographische Schriften. Bd. 1: Frühe Empörung. Aus dem Engl. von Franziska Becker und Eduard Thorsch, Frankfurt a.M. [u. a.] 1993, S. 320 u. 322. 46 Manès Sperber, Die vergebliche Warnung, in: Ders., All das Vergangene, Wien [u. a.] 1983, S. 503. 47 Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde, Amsterdam 1937, S. 25. 30 Anne Hartmann, Inka Zahn und Nähe zum Pamphlet aus. Umso bemerkenswerter sind jene Texte, wie Roths Feuilletons und Walter Benjamins Essay „Moskau“, die – wie Durtain – Widersprüchliches stehenlassen, statt die Eindrücke einer Vision unterzuordnen. „Sehen kann gerade in Moskau nur der Entschiedene“, 48 konstatierte Benjamin und ließ doch selber genau diese Entschiedenheit vermissen. „Bewerten kann ich das alles nicht“, schrieb er vielmehr aus Moskau, „von außen kann man sie [die Verhältnisse] nur beobachten.“49 Seinem Text kommt dies zugute. Benjamin reflektierte beispielhaft die Bedingungen des Sehens in Moskau und die „neue Optik“, die er von dort aus auf Berlin gewann. Solche Reflexion bleibt als Aufgabe auch für uns. 48 Walter Benjamin, Moskau, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. IV.1. Hrsg. von Tillman Rexroth, Frankfurt a.M. 1972, S. 317. 49 Benjamin an Jula Radt, zit. nach ebd., S. 988. 31 Michael David-Fox Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht: Die fellow-traveler und Stalin als Philosophenkönig1 Der vorliegende Beitrag basiert auf einer Analyse von Texten führender fellow-traveler der 1930er Jahre sowie von Archivdokumenten über deren Reisen in die Sowjetunion. Dabei geht es vor allem um das Geflecht von konkreten Kontakten, das sie mit sowjetischen intellektuellen Mittelspersonen und kulturellen Institutionen verband. Im Folgenden möchte ich einige miteinander verknüpfte Thesen entwickeln, die die seit langem geführte Debatte zum Thema westliche Intellektuelle und der Kommunismus aufgreifen.2 1 Englische Erstveröffentlichung des Beitrags in: Vladimir  Tismaneanu /  Bogdan  C. Iacob (Hrsg.), Ideological Storms:  Intellectuals, Dictators,  and  the Totalitarian Temptation, Budapest/New  York  2018. Wir danken den Herausgebern für die freundliche Genehmigung zur Publikation der deutschen Fassung. 2 Wichtige englischsprachige Werke zu diesem Thema sind – als allgemeiner Überblick – Mark Lilla, The Reckless Mind: Intellectuals and Politics, New York 2001 – und länderspezifisch – Tony Judt, Past Imperfect: French Intellectuals, 1944–1956, Berkeley 1992; Lee Congdon, Seeing Red: Hungarian Intellectuals in Exile and the Challenges of Communism, DeKalb 2001; Bradley F. Abrams, The Struggle for the Soul of the Nation: Czech Culture and the Rise of Communism, Lanham 2004; David Engerman, Modernization from the Other Shore: American Intellectuals and the Romance of Russian Development, Cambridge 2003. 32 Michael David-Fox Zunächst ist nach der Flexibilität dessen zu fragen, was François Furet den „Mythos des Kommunismus“ nannte und als den politischen Mythos des 20. Jahrhunderts schlechthin bezeichnete.3 Sogar Intellektuelle aus demselben Land und mit der gleichen politischen Orientierung fühlten sich oft von völlig unterschiedlichen Merkmalen der sowjetischen Gesellschaftsordnung angezogen. Weiter ist jedoch zu zeigen, dass die Beurteilung des gesamten sowjetischen Experiments durch führende fellow-traveler oftmals auf einer Bewertung der bolschewistischen Intellektuellen – in den 30er Jahren vor allem Stalins – als Persönlichkeiten beruhte, gefiltert durch die alte europäische Kontroverse über den Gegensatz von Geistesversus Tatmenschen. Stalin wurde oft als ein Intellektueller an der Macht gesehen oder als intellektueller Mann der Tat, eine Art Philosophenkönig. Solche Ansichten hätten jedoch kaum Konsequenzen gehabt, wenn sowjetische Intellektuelle, Kulturoffizielle und andere Mittelspersonen nicht für eine Beziehung gesorgt hätten, die für beide Seiten von Bedeutung war. Vor allem entwickelten sie beide ein fast vertragliches Verständnis des Status eines „Freunds der Sowjetunion“, das Ansehen als Gegenleistung für die öffentliche Verteidigung der UdSSR versprach. Als Teil dieser wechselseitigen Beziehung nährte schließlich der enorme Aufwand, mit dem die Sowjetunion die ausländischen „Freunde“ feierte, bei diesen die Illusion, Stalin und den Verlauf der Revolution beeinflussen zu können. Viele der führenden intellektuellen „Freunde der Sowjetunion“ rühmten den sowjetischen Sozialismus als überlegene Gesellschaft auch weil sie die Phantasie hegten, durch solche Verbindungen ein gewisses Maß an Macht darüber beanspruchen zu können. Der skizzierte Interpretationsrahmen wendet sich gegen monokausale Deutungen der Stalinismusapologien von Intellektuellen in der Zwischenkriegszeit, die zumeist die Bedeutung der Reisen und der konkreten Beziehungen zu sowjetischen Partnern vernachlässigen. 3 François Furet, The Passing of an Illusion: The Idea of Communism in the Twentieth Century, aus dem Franz. von Deborah Furet, Chicago 1999; Ders., Inventaires du communisme, Paris 2006. 33 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Die Koinzidenz von westlicher Begeisterung für das sowjetische Experiment mit dem Aufkommen der repressivsten und mörderischsten Phase des Sowjetkommunismus unter Stalin in den 1930er Jahren hat dazu geführt, dass das Verhalten der fellow-traveler zu den meistdiskutierten Themen der politischen, intellektuellen und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts gehört. Indes entstand die klassische Literatur über diese Sympathisanten ohne Mitwirkung russischer Historiker, die sich erst jetzt mit den Besuchen westlicher Intellektueller befassen und dafür die sowjetischen Quellen auswerten können, die seit den 1990er Jahren freigegeben wurden.4 Meine Sicht der Dinge ist das Ergebnis von fast zehn Jahren Forschung zur sowjetischen Aufnahme und Wahrnehmung westlicher Besucher und der sowjetischen Kulturdiplomatie der 1920er und 30er Jahre, speziell der sowjetischen Beziehungen zu Mittel- und Westeuropa bzw. den USA.5 Was ich, kurz gesagt, als sinnvoll erachte und vorschlagen möchte, ist eine Geschichte der transnationalen Kontakte und der beidseitigen Verflechtungen an Stelle einer Ideengeschichte oder einer Soziologie 4 Das bekannteste englischsprachige Werk liegt inzwischen bereits in vierter Auflage vor: Paul Hollander, Political Pilgrims: Western Intellectuals in Search of the Good Society, New Brunswick 41998. Vgl. auch David Caute, The Fellow-Travelers: Intellectual Friends of Communism, überarb. und erg. Aufl. New Haven, Conn. [u.a.] 1988. 5 Michael David-Fox, Showcasing the Great Experiment: Cultural Diplomacy and Western Visitors to the Soviet Union, 1921–1941, New York 2012; Ders., Intellectuals and Communism, in: Steve Smith / Silvio Pons (Hrsg.), Cambridge History of Communism, Bd. 1: World Revolution and Socialism in One Country, Cambridge 2017, S. 526–550. Einschlägige Arbeiten, die auch russischsprachige Quellen berücksichtigen, sind u. a. Sophie Coeuré, La grande lueur à l’Est: Les Français et l’Union soviétique, 1917–1939, Paris 1999; Rachel Mazuy, Croire plutôt que voir? Voyages en Russie soviétique (1919–1939), Paris 2002; A. V. Golubev, „… vzgljad na zemlju obetovannuju…“ Iz istorii sovetskoj kul’turnoj diplomatii 1920-1930-ch godov, Moskva 2004; Sophie Coeuré / Rachel Mazuy (Hrsg.), Cousu de fil rouge: Voyages des intellectuels français en Union soviètique, Paris 2012; Jean-François Fayet, VOKS: Le laboratoire helvétique. Histoire de la diplomatie culturelle soviétique durant l’entre-deux-guerres, Chêne-Bourg 2014; Matthias Heeke, Reisen zu den Sowjets: Der ausländische Tourismus in Russland 1921–1941, Münster 2003; Eva Oberloskamp, Fremde neue Welten: Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München 2011; Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation, Göttingen 2017. 34 Michael David-Fox der Intellektuellen, die ausschließlich auf deren prosowjetischen Schriften basiert.6 Dabei stehen für mich nicht die Reisenden oder auch die Intellektuellen im Allgemeinen im Mittelunkt, sondern die exklusive und profilierte Gruppe führender intellektueller Sympathisanten. Der Begriff „fellowtraveler“ wurde weder von der sowjetischen Seite für sympathisierende ausländische Intellektuelle verwendet noch von diesen häufiger zur Selbstbezeichnung gewählt. Es handelt sich um eine Übersetzung des russischen Worts „poputčik“ (Mitläufer), ein alter Begriff aus der russischen Sozialdemokratie, den Trotzki mit negativer Bedeutung 1923 für die nichtproletarischen, parteilosen Schriftsteller benutzte, die mit dem Sowjetregime kooperierten.7 Die Sowjets sprachen lieber von „Freunden der Sowjetunion“, ein Status, der sich mit den Freundschaftsgesellschaften (eine erste wurde 1923 in Berlin gegründet) und aufgrund des 1927 anlässlich des 10. Jahrestags der Oktoberrevolution in Moskau abgehaltenen „Kongresses der Freunde“ herausbildete. Dabei handelt es sich um mehr als eine bloße Frage der Terminologie, zumal es zahlreiche Belege dafür gibt, dass der Status als „Freund“ in vielfacher Hinsicht für sowjetische wie westliche Intellektuelle gleichermaßen bedeutsam war. Für die sowjetischen Kulturoffiziellen wurde der Begriff „Freund“ im Zusammenhang mit der internen Klassifizierung parteiloser ausländischer Besucher wichtig. So machten es die „Freunde“ z. B. erforderlich, dass Gelder für Einladungen und die Übersetzung und Publikation ihrer Werke bereitgestellt wurden, ferner für individuell abgestimmte Besuchstouren samt der Besichtigung von sowjetischen Vorzeigeeinrichtungen sowie für Treffen mit hochrangigen sowjetischen Politikern und Vertretern des Kulturbetriebs. Die Sowjets legten ihren Einschätzungen in erster Linie die schriftlichen und mündlichen Äußerungen der ausländischen Intellek- 6 Eine vergleichbare Herangehensweise praktiziert, bezogen auf die Komintern, Brigitte Studer, The Transnational World of the Cominternians, aus dem Dt. von Dafydd Rees Roberts, Houndmills [u. a.] 2015. 7 Lev Trockij, Literaturnye poputčiki revoljucii, in: Ders., Literatura i revoljucija, Moskva 1923, S. 40–83. 35 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht tuellen über die UdSSR zugrunde; als Freunde galten diejenigen, die die Sowjetunion öffentlich verteidigten und sich jeder substantiellen Kritik ihrer Gesellschaftsordnung enthielten. Es ist bemerkenswert, dass derselbe Freundschaftsdiskurs, mit dem die Bewunderung seitens des Auslands hinausposaunt wurde, auch bei parteiinternen Diskussionen über westliche Fremde üblich war, vor allem wenn es um die Vergabe von Ressourcen und die Organisation von Gastfreundschaft ging.8 Dieser Status hatte fast etwas von einem Vertragsverhältnis. So stießen die Fabier Sidney und Beatrice Webb zum Klub der illustren fellow-traveler, nachdem ihr zweibändiges Werk Soviet Communism: A New Civilization? 1935 zu einem Propaganda-Coup für die Sowjetunion geworden war. Das Tagebuch von Beatrice Webb zeigt, wie weitgehend sie ihren Status als Freundin der Sowjetunion verinnerlichte. Sie hielt sogar fest, in welchem Maße diese Freundschaft ihr gesellschaftliches Leben (das immer eine Verlängerung ihrer politischen Aktivitäten gewesen war) bestimmte, seitdem der „enge Kreis derjenigen, die uns sehen wollen“, überwiegend „aus Freunden Russlands“ bestand.9 Romain Rolland, der hochgesinnte Nobelpreisträger und fellow-traveler, war vielleicht der glänzendste Gewinn der sowjetischen Kulturdiplomatie. In seiner Unterredung mit Stalin am 28. Juni 1935 bezog er sich auf die Kategorie „Freund“, um seiner Bitte um privilegierten Zugang zu Informationen über die UdSSR Nachdruck zu verleihen, die er in europäischen Debatten über den Kommunismus nutzen wolle. Bei den Anliegen, die er unmittelbar im Gespräch mit Stalin vorbrachte, rangierte der Status des „treuesten Freunds der UdSSR“, womit Rolland natürlich sich selbst meinte, sogar an vorderster Stelle. Rolland verlangte eine „Erläuterungskampagne“ für Sympathisanten und privilegierte Informationen für sich selbst, übermittelt etwa durch die WOKS (die Allunionsgesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland), die führende Organisation der sowjetischen Kulturdiplomatie, wenn es darum ging, die Verbindung zu den Ausländern, die der „Intelligenzija“ 8 Siehe beispielsweise GARF f. 5283, op. 1a, ed. chr. 118, l. 46. 9 The Diary of Beatrice Webb, 4 Bände, Cambridge 1982–1985, Bd. 4, S. 302; siehe auch S. 444. 36 Michael David-Fox zugerechnet wurden, aufrecht zu erhalten. In seiner Antwort räumte Stalin ein, dass die Sowjetunion ihre Freunde nicht hinreicht „informiert und gewappnet“ habe, setzte aber hinterlistig hinzu, Grund dafür sei schlicht der Respekt für die Autonomie von Menschen gewesen, die in einem völlig anderen Milieu lebten. „Diese Menschen von Moskau aus lenken zu wollen, wäre unsererseits allzu dreist.“10 Da die führenden Freunde eine vergleichsweise kleine Gruppe bildeten, darunter überwiegend Schriftsteller, die innerhalb der stalinistischen Kultur der 1930er Jahre in wahrhaft großem Stil gefeiert, gelesen und zitiert wurden und deren Reisen in das Land des siegreichen Sozialismus aufwendig inszenierten und auf höchster Ebene vorbereiteten Staatsbesuchen gleichkamen, wurde ihnen mit aller Deutlichkeit klar gemacht, dass die öffentliche Verteidigung der UdSSR eine conditio sine qua non der Freundschaft sei. Dies ist einer der Gründe, so meine These, dass so viele dieser Personen, die privat zahlreiche Zweifel äußerten, sich in der Öffentlichkeit selbst zensierten. Rolland blieb während des Großen Terrors stumm, quälte sich aber in seinen Briefen und im Tagebuch.11 Allerdings ist in Betracht zu ziehen, dass die hier diskutierte Illusion, Einfluss nehmen zu können, angesichts der extremen Glorifizierung dieser Freunde der Sowjetunion in der stalinistischen Kultur und ihrer Begegnungen mit Stalin nicht völlig abwegig war. Hier wie auf anderen Gebieten gab es jedoch genügend Hinweise für jene, die sehen wollten. Nicht nur, dass Rolland nie der privilegierte Zugang zu Informationen gewährt wurde, von dem er sich Hilfe bei Debatten in Westeuropa versprochen hatte. Auch sollte er, obwohl er der 10 Im Archiv befindet sich folgende Mitschrift des Interviews: Beseda t. Stalina s Romen Rollanom. Perevodil razgovor t. A. Arosev. 28. VI. [1935]; Handschriftlicher Zusatz: ne dlja pečati [nicht zur Veröffentlichung bestimmt]. RGASPI f. 558, op. 11, ed. chr. 775, l. 1–16, hier Blatt 2, 3, 4, 8. Russisch veröffentlicht wurde es 1996: Tysjači ljudej vidjat v SSSR voploščenie svoich nadežd. Zapis’ besedy Romena Rollana i I. V. Stalina 28 ijunja 1935 goda, in: Istočnik / Vestnik Archiva Prezidenta Rossijskoi Federacii (1996), 1, S. 140–149. Zu Rollands Sowjetunionreise und dem Interview siehe ausführlich Michael David-Fox, The ‘Heroic Life’ of a Friend of Stalinism: Romain Rolland and Soviet Culture, in: Slavonica 11 (2005), 1, S. 3–29. 11 Zur Biographie Rollands siehe besonders Bernard Duchatelet, Romain Rolland, tel qu‘en luimême, Paris 2002. 37 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht sowjetischen Presse buchstäblich Hunderte von Statements und Artikeln gab, nie eine klare Antwort auf die Frage erhalten, warum seine scharfe Kritik an nationalistischen sowjetischen Deklarationen der eigenen Überlegenheit über den Rest der Welt in der UdSSR nicht veröffentlicht wurde. Die sowjetische Ikone und der real existierende Mensch Rolland waren zwei sehr verschiedene Dinge.12 Was die Sache weiter verkompliziert, ist der Umstand, dass die westlichen intellektuellen Freunde von führenden sowjetischen Intellektuellen und Kulturoffiziellen, die diese Kontakte intensiv pflegten, oft insgeheim bewundert wurden. Der sowjetische Botschafter in London, Iwan Maiski (ein früherer Menschewik, der später ein wichtiger intellektueller Protagonist des Tauwetters wurde) war häufig in Webbs Landhaus in Passfield Corner zu Gast, wo bei seinen Wochenendbesuchen eine seiner wichtigsten Missionen war, die Zweifel von Beatrice zu zerstreuen. Maiski war bei der Beschaffung von Materialien behilflich und unterzog die berühmtberüchtigte tausendseitige Apologie der Webbs einer gründlichen Prüfung. Drei Jahre lang sorgte Maiski „systematisch“ dafür, dass „Berge von Materialien“ auf dem Diplomatenweg an die Webbs geliefert wurden.13 Zugleich äußerte Maiski in seinem Tagebuch größten Respekt für die Webbs als crème de la crème der westlichen Intelligenzija; er verehrte sie, weil sie ein reines und gelehrtes geistiges Leben führten – wie diese ihrerseits die Bolschewiki als kühne intellektuelle Kämpfer und kraftvolle soziale Ingenieure verehrten. Sidney und Beatrice mögen wenig Gespür für das sowjetische System gehabt haben, doch waren sie scharfsinnige Beobachter von Personen und Trends der britischen Politik und Außenbeziehungen. Für Maiski wurden die Webbs in der Tat zur wichtigsten Verbindung zwischen der hohen Politik des Außenministeriums und der öffentlichen Meinung 12 Romain Rolland an Galja and Nataša Isaevaja (Novgorod), 26.11.1937; Marija Rollan [Kudaševa] an Michail Apletin, 27.11.1937 und 29.12.1937, RGALI f. 631, op. 14, d. 74, ll. 97–99, 104. 13 I. M. Majskij, Vospominanija sovetskogo diplomata 1925–1945 gg., Moskva 1971, S. 193; The Diary of Beatrice Webb, Bd. 4, S. 314f. 38 Michael David-Fox einer Elite.14 Überhaupt scheint Beatrice Webb seine engste Freundin in Großbritannien gewesen zu sein. Sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht hatte Maiski den Webbs viel zu verdanken. Um Maiskis Bewunderung für die Webbs und ihre enge persönliche Beziehung näher zu beleuchten, lohnt es sich darauf hinzuweisen, dass das monumentale prosowjetische Opus dieser loyalen „Freunde“ als zu gefährlich galt, um im sozialistischen Heimatland größere Verbreitung zu finden. In sowjetischen Publikationen wurde Webbs Soviet Communism kritisiert, weil es im fabianischen Geist die gewaltsame Revolution ablehnte und zudem die Partei als eine Kombination aus „religiösem Orden“ und Körperschaft oder Fachverband beschrieb. Auf den über 1100 Seiten gab es reichlich heikle Stellen und Unterschiede zu sowjetischen Lehrmeinungen, etwa Anspielungen auf die „Verfolgung der Intelligenzija“, die Praxis des Terrors und „sorgfältig inszenierte“ Schauprozesse, sodass das 1936 eilig ins Russische übersetzte Werk einer breiteren sowjetischen Leserschaft vorenthalten wurde.15 Das Politbüro prüfte im Mai 1936 die russische Version und diskutierte über seine fabianischen Abweichungen mit dem Ergebnis, dass nur eine kleine Auflage von zwei- bis dreitausend Exemplaren publiziert und an vorab genehmigte Empfänger – sie waren in einer Liste aufgeführt – verteilt werden durfte (der von Karl Radek vorgeschlagene Trick, die Veröffentlichung in der Presse anzukündigen, aber nur einige wenige Exemplare zum Schein in den Schaufenstern der Buchhandlungen auszulegen, wurde abgelehnt).16 14 Ivan Michajlovič Majskij, Dnevnik diplomata: London 1934–1943, 2 Bände, Moskva 2006, Bd. 1, S. 6, 93, 202f., 410. Vgl. die englische Übersetzung mit ausführlichem Kommentar und Annotationen Gabriel Gorodetsky (Hrsg.), The Maisky Diaries: Red Ambassador to the Court of St James’s 1932–1943, aus dem Russ. von Tatiana Sorokina und Oliver Ready, New Haven 2015. 15 Sidney und Beatrice Webb, Soviet Communism: A New Civilization?, 2 Bände, London 1935, Bd. 1, S. 415; Bd. 2, S. 550–552, 554, 557, 573, 600. 16 RGASPI f. 17, op. 163, d. 1109, ll. 120–21. Siehe dazu G. B. Kulikova, Pod kontrolem gosudarstva: Prebyvanie v SSSR inostrannych pisatelej v 1920-1930-ch godach, in: Otečestvennaja istorija (2003), 4, S. 49; Leonid Maksimenkov, Očerki nomenklaturnoj istorii sovetskoj literatury: Zapadnye pilgrimy u stalinskogo prestola (Fejchtvanger i drugie), in: Voprosy literatury (2004), 2, S. 322–327. 39 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Eine andere Schlüsselfigur der sowjetischen Kulturpolitik, die von intellektuellen „Freunden“ des Westens tief beeinflusst wurde, und das sogar noch, als er nach 1934 im Auftrag der stalinistischen Kulturdiplomatie tätig war, war Alexander Arossew, Altbolschewik, Literat, Intellektueller und früherer Botschafter in Prag. Als Vorsitzender der WOKS verkehrte Arossew während der Volksfrontära mit führenden prosowjetischen westlichen Intellektuellen. In seinem privaten Tagebuch äußerte er größte Bewunderung für etliche der westeuropäischen Intellektuellen, mit denen er in den 1930er Jahren in Kontakt kam, insbesondere die ganze Skala der literarisch bedeutenden fellow-traveler. Nach seinem Dafürhalten unternahm die UdSSR nicht genug, um sie zu unterstützen: „Wenn sie zu uns kommen, so nicht ohne ideelle Qualen und Schwankungen… Der Wechsel auf unsere Seite bedeutet für sie ein großes Risiko.“ Er hatte das Gefühl, dass seine häufigen Kontakte zu Persönlichkeiten wie Gide, Barbusse und anderen seiner eigenen Kreativität zugutekamen und – entscheidender noch – dass die sowjetische Kultur erheblich von ihnen profitieren könne. Von den Schriftstellersympathisanten bewunderte er Romain Rolland zweifellos am meisten. Als er sich 1935 in Rollands Villa in Villeneuve, nahe Genf, aufhielt, notierte Arossew in seinem Tagebuch, dass ihn die „Unterhaltungen mit diesem großen Mann tief bewegt hätten… Man wünschte sich zu arbeiten, wie die Vögel singen, d. h. wie er. Einfach. Nein, ich habe noch nie eine solche Atmosphäre des Arbeitens, Denkens und der Literatur empfunden, wie hier, bei ihm.“17 Aufgrund des bisher Gesagten lassen sich zwei Zwischenergebnisse festhalten. Erstens waren die sowjetischen Mittelsleute, die in der Sekundärliteratur genannt werden, keine Apparatschiks (obwohl es auch davon 17 Arossew, Tagebucheinträge Dezember 1934 und 7.1.1935, in Ol’ga Aroseva / V. A. Maksimova, Bez grima, Moskva 1999, S. 65, 68. Wie sein Tagebucheintrag vom 18.6.1935 zeigt (ebd., S. 70), empfand er nach einem Treffen in London ähnliche Sympathien für Shaw und andere britische Intellektuelle. Eine erweiterte Ausgabe von Arossews Tagebuch ist enthalten in O. A. Aroseva, Proživšaja dvaždy, Moskva 2014, S. 55–356. Ausführlich zu Arossew vgl. Michael David-Fox, Stalinist Westernizer? Aleksandr Arosev’s Literary and Political Depictions of Europe, in: Slavic Review 62 (2003), 4, S. 733–759; Yuri Slezkine, The House of Government: A Saga of the Russian Revolution, Princeton 2017, S. 28–31, 138–141, 513–528, 596–599, 817–819 et passim. 40 Michael David-Fox reichlich gab), sondern überaus fähige, kulturell und politisch versierte Moskauer Intellektuelle aus der Zeit vor dem Großen Terror, eine sprachgewandte, international erfahrene Elite. Diese „stalinistischen Westler“, wie ich sie mit einem bewussten Paradox bezeichnen möchte, hegten ihre eigene Illusion, eine hegemoniale sowjetische Kultur schaffen zu können, was nur möglich war, wenn diese auch für Westeuropa attraktiv war.18 Zweitens: Wie Maiski von den Webbs so war Arossew fasziniert von dem „großen Künstler“ und „großen Mann“ Rolland (wie er ihn nannte) – wie der Franzose gleichermaßen von Altbolschewiken wie Arossew und durch ihn von Stalin fasziniert war. Als Arossew sich 1935 in Rollands Villa aufhielt, notierte er in seinem Tagebuch: „Er [Rolland] interessierte sich erneut dafür, wer Stalin und Molotow waren; wie das Leben von Revolutionären im Untergrund aussah.“19 Arossew, von Kindheit an lebenslang mit Molotow befreundet, gehörte schon früh dem stalinistischen Flügel der Partei an. 1937 wurde er verhaftet und hingerichtet. Die Nähe der „Freunde“ zu den führenden stalinistischen Westlern schürte ihre Erwartung, Einfluss nehmen zu können. Die Verlockung der Macht mag unter Intellektuellen verbreitet sein, doch ist sie keine gegebene, unveränderliche Größe, sondern abhängig von der historischen Konjunktur. Die Zwischenkriegszeit brachte Debatten über die genuine Rolle der Intellektuellen gegenüber der Staatsmacht und Politik in Gang – sie hallen bis heute nach. Caute kam zu dem Ergebnis, dass „keiner der prominenten französischen oder deutschen Humanisten, die im fortgeschrittenen Alter die Sowjetunion umarmten, die verinnerlichte Trennung von „Geist und Macht“ oder von „pensée und action“ je ganz überwunden habe und damit den Glauben, dass „die wahre Berufung von Kunst und Intelligenz mit Politik unvereinbar sei“.20 Dieser Gegensatz hatte sich eingeprägt, bevor er von den Fluten des totalen Kriegs und der Revolution überschwemmt wurde; der Drang nach politischer Aktion in der Zwischenkriegszeit rief eine 18 Vgl. dazu Katerina Clark, Moscow, the Fourth Rome: Stalinism, Cosmopolitanism, and the Evolution of Soviet Culture, 1931–1941, Cambridge 2011. 19 Arossew, Tagebucheintrag vom 7.1.1935, in: Aroseva / Maksimova, Bez grima, S. 67–69. 20 Caute, The Fellow-Travellers, S. 154. 41 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Gegenbewegung hervor, und die Intellektuellen Europas und der USA fanden sich nun hin- und hergerissen. Gerade weil viele der „Freunde“ die inhärente Dichotomie nie ganz überwinden konnten, fühlten sie sich umso mehr von der revolutionären bolschewistischen Intelligenzija und Stalin als eine Art Intellektuellem an der Macht angezogen. Prominente Intellektuelle wie Rolland und André Gide, die in den 1920er Jahren wenig Interesse an der Sowjetunion gezeigt hatten, wurden just während der „sozialistischen Offensive“ des ersten Fünfjahrplans, also der Anfangsphase des Stalinismus, zu deren „Freunden“. Aufschlussreich ist ein Blick auf das „Triumvirat der Fabier“ (die Webbs und George Bernard Shaw, sämtlich führende Mitglieder der Fabian Society seit ihrer Gründung 1884), da jeder von ihnen zu den bekanntesten Unterstützern von Stalin und des Stalinismus in den 1930er Jahren gehörte, doch interessanterweise aus ganz unterschiedlichen Gründen. Wie schon erwähnt, kamen sowohl bei Shaw als auch den Webbs, die erstmals 1931 bzw. 1932 eine Reise in die Sowjetunion unternahmen, Pull-Faktoren der sowjetischen Öffentlichkeitsarbeit zur Anwendung, wozu auch die Bemühungen zentraler Vermittler gehörten, sie als namhafte ausländische Besucher zu rekrutieren. Darüber hinaus waren jedoch die drei individuell von Merkmalen des sowjetischen Systems beeinflusst, die ihr je unterschiedliches intellektuelles Profil ansprachen. Shaw, der auch mit dem Faschismus sympathisierte, fühlte sich vor allem vom Personenkult angezogen; Sidney Webb als vollendeter Staatsdiener lobte die effiziente Maschinerie des sowjetischen Staatswesens; Beatrice Webb, Theoretikerin der früheren Genossenschaftsbewegung, verlangte es nach Gleichheit und Gerechtigkeit.21 Der Mythos des Kommunismus war in der Tat flexibel. Allein unter den Fabiern waren die Motive, die sie zur Freundschaft mit der UdSSR tendieren ließen, vielfältig und heterogen. Zugleich gab es wesentliche Über- 21 Vgl. u. a. Mark Bevir, Sidney Webb: Utilitarianism, Positivism, and Social Democracy, in: Journal of Modern History 74 (2002), 2, S. 217–52; ferner Gertrude Himmelfarb, The Intellectual in Politics: The Case of the Webbs, in: Journal of Contemporary History 6 (1971), 3, S. 3–11; Kevin Morgan, Bolshevism and the British Left, Bd. 2: The Webbs and Soviet Communism, London 2006. 42 Michael David-Fox einstimmungen: Sie favorisierten alle ein Elitedenken und das Prinzip des „social engineering“, was es Shaw und den Webbs ermöglichte, andere Fabianische Grundsätze außer Acht zu lassen, wenn sie den Blick nach Osten richteten. Letztlich waren sie alle, wenn auch unterschiedlich, von den bolschewistischen Tatmenschen fasziniert. So zog Beatrice Webb besonders der tollkühne bolschewistische Untergrund mit seinem Ethos der Selbstverleugnung und Opferbereitschaft an; nachdem sie die Schriften von Lenin und der Krupskaja gelesen hatte, hielt sie in ihrem Tagebuch fest: „eine erstaunliche Konzentration und Intensität des intellektuellen Lebens… und das in Armut und im Exil, bespitzelt von Polizeiagenten, immer in Gefahr, verhaftet, gefoltert und umgebracht zu werden, umgeben von Kameraden in vergleichbaren Lebensumständen.“ Demgegenüber würden der Komfort und die gesellschaftliche Wertschätzung britischer Labor-Führer die „Quintessenz der britisch-bourgeoisen Moral“ darstellen.22 Ironisch mokierte sich Beatrice darüber, dass diese Leute inzwischen die „erfolgreichsten Exponenten und Verteidiger“ des Sowjetkommunismus seien – zum Ausgleich für ihren früheren Mangel an revolutionärem Opfermut. Während sie ein Gefühl für die eigene Unzulänglichkeit hatte, spielte ihr schwülstiger Fabier-Kollege Shaw, der irische Dramatiker mit dem scharfen Verstand, gern seine Rolle als großer alter Mann des Sozialismus und Zeitgenosse von Marx aus und warf sich als Lehrer von Lenin und Stalin in Positur. Nachdem er 1931 die Sowjetunion besucht und Stalin getroffen hatte23, bezeichnete er sich selbst als fabianischen Kommunisten, titulierte Stalin als Fabier und meinte hinterlistig, die Sowjets hätten angefangen, „wie Fabier zu klingen und seien dabei, völlige Shawianer zu werden“. Solcher Provokation lag ein ernsthaftes ideologisches und persönliches Problem zugrunde. Der Shaw- Spezialist H. M. Geduld trifft es genau, wenn er schreibt, dass Shaw zwar als „Spaßvogel und Literat Triumphe feierte…, doch niemals als Politiker 22 The Diary of Beatrice Webb, Bd. 4, S. 304, 355f. 23 Am genauesten hat Harry M. Geduld die Reise rekonstruiert. Vgl. seine Einleitung zu George Bernard Shaw, The Rationalization of Russia. Hrsg. von Harry M. Geduld, Bloomington 1964, S. 9–32. 43 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht und einflussreicher ,Weltverbesserer‘“. Shaws Verehrung des Führers und seiner frechen Vereinnahmung des Kommunismus als Fabianismus lag ein „tiefes Gefühl persönlichen Versagens zugrunde“.24 Ähnlich wie Sidney Webb stellte er sich die sowjetischen Führungskräfte als „state-builder“ vor, die einige der von ihm seit langem geschätzten und verfochtenen Anliegen verwirklicht hätten. Im WOKS-Dossier über Sidney Webb ist 1934 festgehalten, dass das Buch der Webbs ursprünglich The Constitution of Soviet Communism heißen sollte – der Titel erinnert an den phantasievollen Entwurf eines „social engineering“, wie ihn die Webbs in den 20er Jahren in der Studie A Constitution for a Socialist Commonwealth of Great Britain dargelegt hatten. Während Shaw lauthals verkündete, dass Stalin ein Fabier sei, deutete Sidney Webb diskret an, dass das Sowjetsystem eine praktische Umsetzung seiner eigenen früheren Konzeption einer demokratischen und genossenschaftlichen Gesellschaft sei. Nur so lässt sich erklären, warum in Webbs 1935 erschienenem Buch der Stalinismus mit solcher Emphase als maximale Verwirklichung einer Zusammenarbeit der Konsumenten und der – in Webbs Diktion – „gemeinschaftlichen Konsumption“ (community consumption) gefeiert wird.25 Die 1930er Jahre waren nicht nur die Hochphase der westlichen Sympathie für die Sowjetunion, sondern auch von Stalins Interesse an westlichen Intellektuellen, von denen er einige auch im Kreml empfing. Am bedeutsamsten waren die Unterredungen mit Shaw und Emil Ludwig 1931, H. G. Wells 1934, Henri Barbusse (mehrfach zwischen 1927 und 1934), Romain Rolland 1935 und Lion Feuchtwanger 1937. Obwohl schon damals eine Trennlinie zwischen Stalin und den europäisierten Altbolschewiken gezogen wurde, war der Diktator vorzüglich 24 Paul A. Hummert, Bernard Shaw’s Marxian Romance, Lincoln 1969, S. 164; H. M. Geduld, Bernard Shaw and Adolf Hitler, in: The Shaw Review 4 (1961), 1, S. 11–20, hier S. 11. Vgl. auch T. F. Evans, Introduction: The Political Shaw, in: Ders. (Hrsg.), Shaw and Politics, University Park 1991, S. 1–21; Ders., Shaw as a Political Thinker, or the Dogs that Did Not Bark, in: ebd., S. 21–26. 25 Otčet o poseščenii S. Vebba, 19.9.1934, abgedruckt in Golubev, „…vzgljad na zemlju obetovanuju…“, S. 228; A. Ja. Arosev an Lazar’ Kaganovič, 17.9.1934, GARF f. 5283, op. 1a, d. 255, ll. 205–6; Webb, Soviet Communism, Bd. 1, Kap. 4, 2, Kap. 8, Fazit, S. 1123–1125. 44 Michael David-Fox geeignet, als so etwas wie ein Intellektueller an der Macht wahrgenommen zu werden. Für ausländische Literaten, die selbst keine marxistischen Theoretiker waren, wurde er zu einer Autorität für den Marxismus-Leninismus; zudem kannte er sich bei den Klassikern der russischen und westeuropäischen Literatur überdurchschnittlich gut aus. Außerdem hatte Stalin ein exzellentes Gedächtnis und ließ sich im vorhinein intensiv über die Ansichten und Vorlieben seiner intellektuellen Gäste informieren.26 Der Boden war bereitet für die Intellektuellen, deren Meinungen darüber auseinandergingen, ob er ein bescheidener Mann des Volkes oder eine Art Philosophenkönig sei. Rolland neigte stark zur zweiten Position. Der grand écrivain war ein Mann der Überzeugungen: Während des Ersten Weltkriegs gehörte er, als er für diese Haltung geschmäht wurde, zu den bekanntesten Pazifisten; anschließend war er ein prominenter Fürsprecher einer kulturellen Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich und später ein führender Verfechter des Antifaschismus und Ost-West-Dialogs. Ganz im Unterschied zu dem extravaganten Shaw oder – zumindest in dieser Hinsicht – dem Nonkonformisten Gide erinnerte Rolland viele Beobachter an einen Geistlichen: dünn, gebrechlich, ernst und puritanisch war er ein didaktischer und geradezu obsessiver Briefschreiber. Rollands Sowjetophilie war weder simpel noch labil; robust genug, dass sie von dem Terror und dem Nichtangriffspakt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion zwar ramponiert, aber nicht zerstört wurde, erhielt sie vielmehr aus erstaunlich vielen und verschiedenen Quellen neue Nahrung.27 Einige der stärkenden Faktoren waren ideologischer oder kultureller Art wie seine dauerhaften sozialistischen Überzeugungen und seine Kenntnis der Französischen Revolution, sein Antifaschismus und Enthusiasmus für die Volksaufklärung. 26 Roy Medvedev, European Writers on their Meetings with Stalin, in: Russian Politics and Law 42 ( 2004), 5, S. 78–92. Zum weiteren Zusammenhang vgl. Erik van Ree, The Political Thought of Joseph Stalin: A Study in Twentieth-Century Revolutionary Patriotism, London 2002. 27 Siehe hierzu Michael David-Fox, Crossing Borders: Modernity, Ideology, and Culture in Russia and the Soviet Union, Pittsburgh 2015, Kap. 6: Understanding and Loving the New Russia: Mariia Kudasheva as Romain Rolland’s Cultural Mediator, S. 163–184. 45 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Der vielleicht hervorstechendste und wohl auch irritierendste Faktor war jedoch, dass es sich bei Rolland um einen „eingefleischten Heldenverehrer“ handelte.28 Rollands Verehrung politisch engagierter Kulturschöpfer hilft vielleicht, die sonst grotesk wirkende Verschiebung von der Feier Gandhis in den 1920er Jahren zur Huldigung Stalins in den 30er Jahren zu erklären. Als er am 28. Juni 1935 im Kreml mit Stalin spricht, würdigt er diesen eingangs als ersten Repräsentanten und Quelle dessen, was er als „neuen Humanismus“ bezeichnet. Millionen Menschen im Westen würden auf die UdSSR mit der Erwartung schauen, dass sie die gegenwärtige wirtschaftliche und moralische Krise lösen könne. Man dürfe sich nicht damit begnügen, Beethovens Worte „Oh Mensch, hilf Dir selbst!“ zu wiederholen, sondern müsse ihnen helfen und Rat geben.29 Nun hatte Rolland bekanntlich seinem berühmtestem Werk, dem monumentalen Bildungsroman Jean- Christophe das Leben Beethovens zugrunde gelegt. Doch scheint der Autor des Jean-Christophe in der angeführten Äußerung Stalin sogar noch höher einzuschätzen als das künstlerische Genie seines Helden. Wie für die Fabier repräsentierten die Bolschewiki auch für Rolland eine mögliche Vereinigung des Intellektuellen mit dem Mann der Tat. Rolland deutete dies bei dem Gespräch im Kreml an, als er auf Stalins Rolle bei der Schaffung eines „neuen Menschen“ durch den „proletarischen Humanismus“ einging. Die Idee einer solchen Verschmelzung wird in Rollands Buch von 1935 Compagnons de route sogar noch deutlicher entwickelt, wo Kapitel über seine literarischen „Gefährten“ Shakespeare und Goethe durch ein Kapitel über Lenin ergänzt werden im Sinne einer möglichen Synthese der russisch-revolutionären Tradition mit der europäischen Kultur. „Zwei Maximen, die 28 David James Fisher, Romain Rolland and the Politics of Intellectual Engagement, Berkeley 1988, S. 27–29. 29 Romain Rolland, Voyage à Moscou (juin-juillet 1935). Hrsg. von Bernard Duchatelet, Paris 1992, S. 237. 46 Michael David-Fox einander ergänzen: ,Wir müssen träumen‘, sagt der Mann der Tat [Lenin]. Und der Mann des Traums [Goethe]: ,Wir müssen handeln!’“30 Der Fall des französischen Schriftstellers und kommunistischen Organisators Henri Barbusse, der Stalin 1927, 1932, 1933 und 1934 persönlich begegnete, zeigt eine völlig andere Beziehung und Einstellung zu Stalin. Wie auch bei dem Surrealisten und Kommunisten Louis Aragon, verwischt sich bei Barbusse die sonst strikte Trennung von Parteimitglied und – in der Regel parteilosem – fellow-traveler. Barbusse hatte Rolland Anfang der 1920er Jahre in einer viel beachteten Debatte von der Position eines Parteisoldaten aus öffentlich angegriffen.31 Sein Status als Kommunist erlaubte ihm, in der Komintern und in sowjetisch gelenkten Frontorganisationen der 20er Jahre heikle Aufgaben zu erfüllen. Zur gleichen Zeit wurde Barbusse scharf kritisiert, und zwar sowohl von militanten französischen Kommunisten als auch von Schriftstellern und Kulturleuten in der Komintern, von denen viele als Emigranten in Moskau lebten. Ihre Feindschaft und der in der Kommunistischen Partei Frankreichs zur damaligen Zeit verbreitete Anti-Intellektualismus hinderten ihn daran, ein voll akzeptierter Partei-Insider zu werden; gleichzeitig, was wahrscheinlich eine Folge davon war, behandelte ihn die WOKS nicht so sehr als ausländischen Kommunisten, sondern gemäß der Kategorie der parteilosen westlichen Freunde. Dies wiederum unterstrich nur Barbusses ziemlich ungewöhnliche Position, denn die WOKS, die die Fiktion aufrechterhielt, eine vom Staat unabhängige „Gesellschaft“ zu sein, vermied gewöhnlich mit großer Sorgfalt öffentliche Verbindungen zum internationalen Kommunismus.32 30 Zit. nach Fisher, Romain Rolland, S. 255; Goethe war eine zentrale Symbolfigur für die deutsche antifaschistische Kultur der damaligen Zeit. 31 Vgl. ebd., Kap. 5. 32 VOKS-Bericht über Barbusse, 26.6.1928, GARF f. 5283, op. 8, ed. chr. 62, ll. 155–156; Henri Barbusse an O. D. Kameneva, GARF f. 5283, op. 1a, ed. chr. 118, l. 175. Ludmila Stern, Western Intellectuals and the Soviet Union, 1920–1940: From Red Square to the Left Bank, London 2007, Kap. 3, bes. S. 56–65, 149–153. Die Angriffe auf Barbusse kulminierten Anfang/ Mitte 1932; vgl. z. B. Zadači Sojuza revoljucionnych pisatelej Francii, in: Literatura mirovoj revoljucii (1932), 2, S. 59–65; Bruno Jasenskij, Monde. Directeur: Henri Barbusse, in: ebd., S. 66f. 47 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Aber Barbusse hatte einen Verbündeten, der ihn vor den heftigsten Attacken seiner militanten Gegner schützen konnte: Stalin. Barbusse hatte seine Gefolgschaft und Treue zu Stalin schon ausgebildet, bevor dieser Ende der 20er Jahre seine Macht als Alleinherrscher konsolidiert hatte und noch bevor sich die ersten Anzeichen des Stalinkults bemerkbar machten, zu dem er später einen erheblichen Beitrag leisten sollte. Er war somit der einzige Intellektuelle von Rang, der Stalin sowohl in den 1920er als auch in den 30er Jahren traf. Besonders interessant ist das zweieinhalbstündige Gespräch, das Barbusse 1927 mit Stalin führte (es stimmt keineswegs, was Medwedjew behauptet, dass Shaw 1931 der erste europäische Schriftsteller gewesen sei, der von Stalin empfangen wurde).33 1927 sprach Barbusse mit Stalin am Vorabend einer Reise nach Georgien und in den Südkaukasus. Barbusse wandte sich mit einem konkreten Problem an den Generalsekretär: Er fragte, wie die sowjetische politische Gewalt, die etwa auch bei der „Integration“ des unabhängigen Georgien 1920 zum Einsatz kam, von der faschistischen Gewalt zu unterscheiden sei, gegen die er Intellektuelle in Westeuropa zu mobilisieren suche. Wie sollte er den Europäern den Unterschied zwischen faschistischem („weißem“) und rotem Terror deutlich machen? Stalin erklärte, dass es nach 1918 keinen roten Terror mehr gegeben habe, „die Erschießungen haben sich nicht wiederholt“. Wären nicht die Schonungslosigkeit und Zähigkeit der Kapitalisten gewesen, hätte die Sowjetunion vielmehr die Todesstrafe abschaffen können. „Natürlich“, fuhr Stalin fort, „ist die Todesstrafe eine unerfreuliche Sache. Wer findet es schon angenehm, Menschen umzubringen?“ An dieser Stelle hätte man fragen können: ja wer? Statt dessen gab Barbusse zu verstehen, dass er Stalins Argumentation akzeptiere: „Das ist völlig richtig. Unter den gegenwärtigen Bedingungen die Todesstrafe abzuschaffen, käme für die Sowjetmacht einem Selbstmord gleich.“34 Hier war jemand, auf den sich Stalin verlassen konnte; ein Weg war vorgezeichnet, der 1935 in Barbusses 33 Medvedev, European Writers, S. 78. 34 Kratkoe izloženie Besedy s tov. Barbjussom ot 16.IX.27, RGASPI f. 558, op. 11, ed. chr. 699, ll. 2–10, Zitate, Blatt 6. 48 Michael David-Fox Biographie Staline: Un monde nouveau vu à travers un homme mündete. Das Buch, das ein Jahr später in einer minutiös überprüften russischen Übersetzung erschien, versuchte nachzuweisen, dass die öffentliche Begeisterung für Stalin authentisch und dieser keinesfalls ein Diktator sei.35 Barbusses Stalin-Biographie spielte eine prominente Rolle bei der offiziellen Schaffung des Personenkults innerhalb der UdSSR wie auch außerhalb, wobei die internationalen Dimensionen weit weniger bekannt sind. Dabei schlug der Autor hinsichtlich der Beschreibung Stalins einen ganz anderen Weg ein, als dies die Fabier und Rolland taten. Er porträtierte den Kremlherrn nicht als Intellektuellen an der Macht, vielmehr legte Barbusse größte Betonung auf Stalin als Empiriker, und marxistischer Praktiker mit common sense – mit anderen Worten, als Mann der Tat.36 Das lief nun deutlich den Intentionen seines sowjetischen Betreuers und persönlichen Zensors, des Ideologen Alexej Stezki zuwider, der Barbusse dazu bewegen wollte, Stalin als „größten Theoretiker des Marxismus nach Lenin“ zu porträtieren. Sogar noch nach Stezkis editorischen Eingriffen in Barbusses Text, wurde Stalin dort als „einfacher Mann“ und „Mann der Tat“ tituliert. Barbusses Trotzki repräsentiert einen völlig anderen Typus: Die Begriffe „Theoretiker“ und „Intellektueller“ kommen in seiner Beschreibung nicht vor – Barbusse brauchte sie nicht; sein Trotzki hat eine blühende Phantasie, spricht gern zu viel, ist rechthaberisch und weitschweifig, während der Generalsekretär als „Herr der Lage“ (l’homme de la situation) mit 35 Henri Barbusse, Staline. Un monde nouveau vu à travers un homme, Paris 1935. 36 Die meisten westlichen Wissenschaftler schließen sich der traditionellen Auffassung an, der gemäß Stalin eher als Parteiarbeiter und Praktiker denn als Theoretiker oder Vertreter der Partei-Intelligenzija anzusehen ist; demgegenüber nimmt van Rees Studie über den jungen Stalin wichtige Klärungen und Differenzierungen vor und stellt letztlich sowohl in historischer als auch historiographischer Hinsicht diese überkommene Dichotomie in Frage. Van Ree argumentiert, dass der junge Stalin „sich nicht nur offenkundig als Intellektuellen verstand, sondern dass er auch die gesamte fragliche Periode hindurch daran festhielt, die führende Rolle in den Parteikomitees den intelligenty zuzuweisen.“ Aber als praxiserprobter Lehrer und Propagandist unter den Arbeitern identifizierte er sich mit einem Teil der Partei-Intelligenzija, der sich in Opposition zu dem Flügel der „Literaten“ befand. Erik van Ree, The Stalinist Self: The Case of Ioseb Jughashvili (1898–1907), in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 11 (2010), 2, S. 257–282, Zitat S. 257 und bes. S. 279f. 49 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht „praktischem Sinn“ geschildert wird.“37 Während einige der fellow-traveler wie Shaw und die Webbs von Stalin als marxistisch-leninistischem „social engineer“ angezogen waren, der Macht ausübte, um die Gesellschaft umzugestalten, war Barbusses Stalin gleichermaßen ein Anti-Intellektueller wie ein Anti-Trotzki, dessen Verständnis des wahren Wesens des Leninismus nahezu instinkthaft war. Aber natürlich repräsentierte sogar Barbusses Umkehrung den Anti-Intellektualismus der Intellektuellen. In diesem Beitrag habe ich mich vor allem mit den pro-stalinistischen Fabiern befasst, weil ihr Beispiel belegt, auf welch unterschiedlichen Wegen sogar Intellektuelle derselben politischen Richtung zur „Freundschaft“ mit der Sowjetunion kamen, was die in der Literatur vorherrschenden monokausalen Erklärungen für die Sowjetophilie in Frage stellt. Die Webbs waren wohl kaum die entfremdeten Intellektuellen, die Paul Hollanders soziologischer Erklärung in seinem Buch Political Pilgrims entsprechen würden.38 Im britischen Kontext waren sie gut vernetzte und wohletablierte politische und intellektuelle Persönlichkeiten. Die Schwäche von Liberalismus, Parlamentarismus und Konstitutionalismus, Kernbegriffe von Tony Judts Anklageschrift Past Imperfect gegen die französische intellektuelle Tradition, treffen auf England und die Fabier ebenfalls nicht zu.39 Überdies gab es in den 1930er Jahren sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in England einen beträchtlichen Anteil an prosowjetischen intellektuellen Freunden des Sowjetkommunismus. Gleichzeitig demonstriert das Beispiel von Sidney und Beatrice Webb – die beiden stammten aus demselben Land, hatten die gleiche politische Einstellung, waren sogar ein Ehepaar und wurden doch, wie gezeigt, aus deutlich unterschiedlichen Gründen vom Sowjetsystem angezogen –, dass das Image des Kommunismus als dehnbarer und geschmeidiger Mythos aufzufassen ist, worauf 37 A. I. Steckij an Henri Barbusse, 29.9.1934, RGASPI f. 558, op. 11, ed. chr. 699, ll. 124–125; Henri Barbusse, Staline. Un monde nouveau vu à travers un homme, Paris 1936, S. 21, 36, 43, 189, 192, 201. Russische Ausgabe: Anri Barbjus [Barbusse], Stalin: Čelovek, čerez kotorogo raskryvaetsja novyj mir. Hrsg. und übers. von A. Steckij, Moskva 1936. Vgl. auch Coeuré, La grande lueur a l’Est, S. 233–235. 38 Hollander, Political Pilgrims. 39 Judt, Past Imperfect, S. 149, 205–226. 50 Michael David-Fox Furet aufmerksam machte.40 Mir lag daran zu zeigen, dass dieser umfassende und mächtige Mythos nicht allein von Ideen lebte. Vieles kam zusammen, um intellektuelle Orientierungen zu prägen und zu bestärken: die Schlüsselrolle der Mediatoren und der Nimbus der Macht sowie weitreichende Verbindungen zu den Sowjets und der Status als „Freund der Sowjetunion“. Ideen und Umstände mussten zusammenkommen, um die Intellektuellen an das Objekt ihrer Wünsche zu binden. Aus dem Amerikanischen von Anne Hartmann 40 Furet, The Passing of an Illusion. 51 Christoph Hesse Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur: Ervin Sinkó in Moskau Anderthalb Jahre früher als Lion Feuchtwanger, im Mai 1935, trifft er in Moskau ein. Auch er ist Gast der Allunionsgesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland, kurz WOKS; ein von ferne verheißungsvoller, doch längst kein berühmter Schriftsteller, den man darum zwar für nicht nur sowjetische Verhältnisse sehr komfortabel empfängt, jedoch weder mit Ehrbezeugungen zu beeindrucken sucht, noch mit gespannter Erwartung auf Schritt und Tritt verfolgt. Übrigens reist er nicht allein. Eingeladen ist, wenngleich eher zufällig, auch seine Frau, Ärztin von Beruf, mit der gemeinsam er sich von Frankreich auf den Weg macht. Acht Tage dauert die Überfahrt auf einem sowjetischen Kohlendampfer von Rouen nach Leningrad. Ob die beiden nach ihren letzten Exilstationen Wien und Paris in Moskau eine neue finden werden, ist ungewiss, ihre Hoffnung fast so groß wie die Neugierde. Die Einladung erstreckt sich auf nur einen Monat. In dieser Zeit soll sich entscheiden, ob er von seiner Arbeit als Schriftsteller in der Sowjetunion leben kann. Ihre zunächst ganz unbeachteten Kenntnisse der Röntgenologie, stellt sich dort heraus, werden dringend benötigt. Seine Pläne scheitern allesamt. Als die beiden die Sowjetunion nach schließlich bald zwei Jahren verlassen müssen, versammelt sich keine Delegation am Weißrussischen Bahnhof, um sie zu verabschieden; Gäste sind sie schon lange 52 Christoph Hesse nicht mehr. Noch unauffälliger verschwindet unterdessen ein Tagebuch, das er auf der Überfahrt im Frühjahr 1935 beginnt und bis zum Winter 1936 in Moskau fortführt. Publiziert wird es, von ihm selbst ergänzt und kommentiert – und aus dem Ungarischen ins Serbokroatische übertragen –, erst zwei Jahrzehnte später, und zwar in Jugoslawien, wo der seit 1919 Umhergeschubste sich schließlich niederlässt.1 Bald darauf erscheint, mit einem Vorwort von Alfred Kantorowicz, eine Übersetzung jener Übersetzung des Moskauer Tagebuchs: Ervin Sinkós bisher einzige Veröffentlichung in deutscher Sprache; und ein Zeugnis des sowjetischen Exils, dem in dieser Sprache nichts Ebenbürtiges zur Seite zu stellen ist.2 * Als er im Januar 1935 auf einem Pariser Postamt einen Expressbrief aus der Schweiz entgegennehmen will, gelingt ihm das nur nach einiger Überredung, denn in den Papieren, mit denen er sich zu diesem Zweck ausweisen muss, steht ein anderer Name als auf dem Briefumschlag. Der weitaus klangvollere Name des Absenders, Romain Rolland, wird ihm bald ganz andere Türen öffnen. Geboren wird er 1898 als Franz Spitzer in einem Provinzstädtchen in der Vojvodina, die damals zu Österreich-Ungarn und heute zu Serbien gehört. Sein Lebensweg, der ihn aus einer bürgerlichen Familie durch einen nie dagewesenen Weltkrieg hinein in einen noch reichlich abenteuerlichen Kommunismus führt, ist keineswegs außergewöhnlich in jenen Jahren, da die Ordnung mindestens eines Zeitalters über den Haufen geworfen wird. Wer auch keinen nom de plume benötigt, legt sich einen nom de guerre zu. Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution, die ihm 1919 für kurze Zeit eine Anstellung im Volkskommissariat für Unterrichtswesen verschafft, muss er Budapest verlassen, lebt fortan in Novi Sad, in Wien, ab 1 Ervin Šinko, Roman jednog romana. Bilješke iz moskovskog dnevnika od 1935 do 1937 godine, Zagreb 1955. 2 Ervin Sinkó, Roman eines Romans. Moskauer Tagebuch 1935–1937, Köln 1962 (Neuauflage: Berlin 1990). 53 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur 1932 in Paris. Dorthin kehrt er nach dem Aufenthalt in Moskau noch einmal zurück, ehe er nach Zagreb übersiedelt. Im Zweiten Weltkrieg schließt er sich Titos Partisanen an. Danach, im nunmehr sozialistischen Jugoslawien, das diese Errungenschaft jedoch nicht dem Durchmarsch der Roten Armee verdankt und sich der von der Sowjetunion beanspruchten Oberhoheit über die sozialistischen Staaten widersetzt, beruft man ihn auf eine Professur für ungarische Literatur. Das unsichere Leben ist damit endlich vorbei, mithin allerdings auch die lange gehegte Hoffnung, als Schriftsteller leben zu können. In Deutschland, wo man sein Pseudonym kaum einmal richtig ausspricht, ist Ervin Sinkó bis heute weithin unbekannt; obschon zumindest eines seiner sonst nur auf ungarisch und serbokroatisch publizierten Werke, vielleicht das unverhofft bedeutendste, in deutscher Übersetzung vorliegt. Weder in Frankreich noch in Russland erscheint je ein Buch von ihm, von der angelsächsischen Welt, die er selbst nie kennenlernt, gar nicht zu reden. Auch über ihn schreibt man nichts. Und es lässt sich nicht einmal behaupten, dass er in Vergessenheit geraten wäre. Der vielversprechende Ruf, der dem zuvor namenlosen Schriftsteller im Frühjahr 1935 dank der Fürsprache des weltberühmten und zumal in der Sowjetunion hochgeschätzten Romain Rolland plötzlich von Paris bis Moskau vorausschallt, ehe er ebenso rasch wieder verklingt, bezieht sich auf einen Roman, den fast niemand gelesen hat – und den in einer da noch fernen Zukunft auch nur wenige lesen werden. Optimisták, ein historischer Roman über die ungarische Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs, den Sinkó 1934 in Paris abschließt, ist außerhalb Ungarns und der Länder des einstigen Jugoslawiens allenfalls vom Hörensagen bekannt, da exklusiv in zwei Sprachen publiziert, die fast nur als Muttersprachen gesprochen und von kaum einem Fremden gelesen 54 Christoph Hesse werden.3 Eine Übersetzung ins Deutsche4, die M. (so nennt er seine ansonsten geheimnisumwitterte Frau) damals anfertigt, gelangt über die bloße Aussicht auf Verhandlungen mit Schweizer Verlegern nicht hinaus; sofern nicht unterwegs verlorengegangen, mag auch dieses Manuskript noch heute irgendwo in Zagreb liegen, wo der Autor 1967 stirbt (einen unter seinem Namen archivierten Nachlass gibt es dort nicht). Zur selben Zeit überträgt ein Freund, der mit einer Französin verheiratete Maler László Ney, probeweise einige Kapitel ins Französische. Ein paar Seiten erscheinen im April 1935 sogar als Vorabdruck in der Zeitschrift Europe. Viel wichtiger aber ist, dass durch die Vermittlung des Grafen Mihály Károlyi, eines Sympathisanten der ungarischen Revolution, der nun in recht bescheidenen Verhältnissen im Pariser Exil lebt, der da beinahe siebzig Jahre alte Romain Rolland jene Kapitel zu lesen bekommt und auch tatsächlich liest. Wenngleich er Sinkó unter den gegenwärtigen Umständen nur wenig Hoffnung machen kann, dass selbst mit besten Empfehlungen ein französischer Verlag sich auf die Veröffentlichung eines Romans von tausend Seiten einlassen würde, so bereitet er ihm statt dessen, völlig unerwartet, einen Weg nach Moskau. Rolland seinerseits besucht die Sowjetunion 1935 auf Einladung Maxim Gorkis und wird dort auch von Stalin persönlich empfangen.5 Die Reputation, die er als ein international renommierter Freund der Sowjetunion genießt, mag man kaum überschätzen. Er also arrangiert ein Treffen zwischen Sinkó und Alexander Arossew, dem Leiter der WOKS, der sich 3 Der Roman erscheint zuerst in serbokroatischer Übersetzung 1954 in Zagreb (Optimisti. Roman jedne revolucije), im ungarischen Original 1965 in Budapest (Optimisták. Történelmi regény 1918/19-ből). 4 „Ins Deutsche? Im Jahre 1934, als man in Deutschland selbst bereits gedruckte Werke, falls sie etwas taugten, auf den Scheiterhaufen warf? Einen ungarischen Roman ins Deutsche übersetzen, als ein Heer von deutschen Schriftstellern mit in ganz Europa bekannten Namen, in die Emigration getrieben, nicht einmal mit Originalmanuskripten etwas anfangen konnte? […] Meine Frau beantwortete diese Argumente schlicht damit, daß es auf jeden Fall leichter wäre, auf der großen Welt jemanden zu finden, der Deutsch lesen konnte, als einen, der auch Ungarisch verstand.“ (Sinkó, Roman eines Romans, S. 13. Die Einleitung, aus der hier zitiert wird, fügt Sinkó erst später hinzu, als er sich entschließt, parallel zur Publikation des Romans auch diesen Roman eines Romans zu veröffentlichen.) 5 Dazu in den Nachträgen zu Sinkó, Roman eines Romans, S. 429–434. 55 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur zufällig gerade in Paris aufhält. Dieser wiederum bittet Sinkó zu einem Gespräch in die sowjetische Botschaft und versichert ihm, der Roman, den er selbst nicht gelesen habe, werde auf Grund der „Empfehlung Romain Rollands im Moskauer Staatsverlag auf russisch und gleichzeitig in der Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR in mehreren europäischen Sprachen erscheinen.“6 Zu diesem Zweck solle Sinkó, gemeinsam mit seiner Frau, die bei dem Gespräch ebenfalls zugegen ist, am besten selbst nach Moskau fahren und alles Nötige dort besprechen. Eine Einladung, deren überwältigende Wirkung auf in ständiger Sorge lebende Exilanten man vielleicht nur erahnen mag.7 Die Optimisten, diesen Titel findet Rolland, der von der aufrichtigen Darstellung der Menschen und Ereignisse so hingerissen ist, dass er sich gar durch die bisher nur ins Deutsche übertragenen Kapitel hindurchquält, unpassend. Doch Sinkó hält daran fest: entscheidend nicht das niederschmetternde Resultat der Geschichte, sondern die einst hochfliegenden Erwartungen derer, die unversehens in sie hineingezogen werden. Eine andere Empfehlung nimmt er sich indes zu Herzen. In der Sowjetunion, so schreibt ihm Rolland in einem letzten Brief kurz vor der Abreise, müsse man „gemeinsam mit den Arbeitern arbeiten, mit den Baumeistern aufbauen – und, für lange Zeit, die verneinende Kritik beiseite lassen.“8 An 6 Ebd., S. 32 (Einleitung). 7 „Wir haben beide das gleiche Gefühl“, notiert Sinkó nach der Ankunft in einem Leningrader Hotel, „ein Gefühl der Ergriffenheit und Verwunderung darüber, daß das alles Wirklichkeit ist, wahrhaftige Wirklichkeit, daß es ein Land auf der Erde gibt, wo wir so aufgenommen werden wie hier.“ (Ebd., S. 73.) Das Entzücken währt jedoch nicht lange. Vier Monate später schreibt er: „Ausgerechnet ich muß dauernd in der Fremde leben, als wäre ich ein Tourist, ich, der ich nur als Tourist nirgendwo leben kann. Ist es nicht paradox, dieses Schicksal? Ist es nicht die Paradoxie selbst, die mir seit 1919 wie ein Schicksal über den Kopf gewachsen ist?“ (Ebd. S. 282.) 8 Romain Rolland an Ervin Sinkó, 1. Mai 1935, zitiert ebd., S. 48. – Panait Istrati, der voller Zuversicht 1927 in die Sowjetunion reist, ist von den politischen Umgangsformen sogar der Kommunisten untereinander schon damals so abgeschreckt, dass er zur Warnung seiner Freunde und Genossen ein Buch schreibt: Vers l’autre flamme (Auf falscher Bahn, 1929). Rolland, seit Jahren ein Förderer des aus Rumänien nach Paris gekommenen Schriftstellers, wendet sich daraufhin von ihm ab. 1936 attackiert Rolland auch André Gide wegen dessen Büchlein über die Sowjetunion., worauf dieser gleich zu Eingang seiner darauf folgenden Retuschen bemerkt, der Autor von „Au-dessus de la mêlée“ (Über den Schlachten, 1915) würde wohl über den gealterten Rolland recht streng urteilen (André Gide, Retour de l’U.R.S.S. suivi de Retouches à mon Retour de l’U.R.S.S., Paris 1978, S. 95). 56 Christoph Hesse dieses Gebot wird Sinkó sich noch bis 1948 halten, wie er später erklärt,9 nicht aus strategischer Überlegung, sondern aus Respekt vor Rolland, der seinen Glauben an das Werk der sowjetischen Baumeister erst verliert, als der größte unter ihnen mit Hitler handelseinig wird. Insgeheim aber schreibt Sinkó ohne solche Rücksicht Tag für Tag oder vielmehr Nacht für Nacht auf, was ihm in Moskau begegnet.10 * Du lieber Gott! Es gibt unter den 200 Millionen Einwohnern der Sowjetunion keinen zweiten Idioten, der Tagebuch führen würde!“ sagte damals in Moskau verblüfft ein ungarischer Genosse, als er von der Existenz des Tagebuchs erfuhr. Er fügte sofort hinzu: „Ich möchte Sie nur darum bitten, meinen Namen weder zu meinen Lebzeiten noch nach meinem Tode irgendwie im Zusammenhang mit Ihrem Moskauer Aufenthalt zu erwähnen.11 Samuel Pepys, der dadurch als Chronist postum berühmt gewordene Sekretär der Königlichen Marine, verfasst seine Tagebücher im London des 17. Jahrhunderts nicht nur im Stil nüchterner Überlegenheit, gleichviel, ob von Politik oder Sex die Rede ist, sondern auch in einer von ihm selbst erfundenen Geheimschrift, die erst im 19. Jahrhundert vollständig entziffert werden kann, als seine Enthüllungen nur mehr historisches Interesse beanspruchen. Solche Vorsichtsmaßregeln kommen Sinkó nicht in den Sinn. Auch die ziemlich rare Sprache, in der er sein Tagebuch führt, böte ihm keinen Schutz, denn die Genossen aus Budapest, so sie noch leben und in der Partei etwas zu melden haben, residieren bereits alle in Moskau. Die Unbefangenheit, mit der er ausführlich genau und in bisweilen höchster Erregung beschreibt, was er tagaus, tagein beobachtet und was er darüber denkt, verleiht seinen Aufzeichnungen eine Qualität, wie sie später nie- 9 Sinkó, Roman eines Romans, S. 48. 10 Denn „man sollte die Schreibhefte mit solchen Aufzeichnungen rechtens ‚Nachtbücher‘ nennen“, bemerkt Kantorowicz in seinem Vorwort (S. VI). 11 Ebd., S. 12. 57 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur dergeschriebene Erinnerungen, ungeachtet ihrer sonstigen Qualität, nicht erreichen können. Als literarisches Genre kommt das Tagebuch in der Sowjetunion jener Jahre fast so selten vor wie der Kriminalroman. Ein ungeschriebenes Gesetz schreibt vor, nichts aufzuschreiben, was mit einem eigenen Gedanken auch nur verwechselt werden könnte. Was immer einer publiziert, gestaltet er in vorgefertigtem Kanzleistil nach Maßgabe dessen, was in der Zeitung als richtig verkündet wird. Briefe, die unvermeidlich mal geschrieben werden müssen, verfasst man in möglichst unverfänglicher Diktion. Wer auf Privates zu sprechen kommt, beschränkt sich auf Banales, jeder weiß: das Postgeheimnis hütet die Polizei. Ein Tagebuch, in dem jemand sich selbst Rechenschaft ablegt über Beobachtungen und Erlebnisse, die er so zu verarbeiten sucht oder nur festhält, um später einmal darauf zurückzukommen, brächte den Autor entweder in Gefahr, da es bei einer jederzeit möglichen Durchsuchung entdeckt werden kann, oder ergäbe, wenn er sich an die Regeln der Briefkorrespondenz hielte, keinen Sinn. Gleiches gilt damals für die Memoirenliteratur, die seit der Revolution ohnehin im Ruch bürgerlicher Sentimentalität steht. Ausgerechnet der als linker Abenteurer angesehene Trotzki entdeckt dieses Genre wieder, als man ihn aus der Partei und damit aus der in der Sowjetunion einzig legitimen Form der Politik ausschließt. „Unsere Zeit ist reich an Memoiren, vielleicht reicher als jede frühere“, erklärt er eingangs seiner Autobiographie, die er 1928 in Alma-Ata zu schreiben beginnt und im folgenden Jahr auf der Insel Prinkipo abschließt. „Das kommt daher, daß es viel zu erzählen gibt.“12 Was sicherlich auch für das Land gilt, aus dem man ihn soeben 12 Leo Trotzki, Mein Leben. Versuch einer Autobiographie, Frankfurt a. M. 1961, S. 5. – Bei S. Fischer, damals noch in Berlin, erscheint 1929 auch die deutsche Erstausgabe. So findet sich der von Stalins Partei verleumdete, in der übrigen Welt jedoch noch immer gefürchtete und gleichermaßen bewunderte Revolutionär als Schriftsteller in einem respektablen bürgerlichen Verlag wieder. Wie um diese Ironie zu verdeutlichen, bringt er im selben Jahr einen Traktat über die permanente Revolution heraus. „Und doch glaube ich“, notiert er später, am 23. März 1935, in sein Tagebuch, „daß meine gegenwärtige Arbeit, so ungenügend und fragmentarisch sie auch sein mag, die bedeutendste Leistung meines Lebens darstellt, wichtiger als meine Tätigkeit im Jahre 1917, wichtiger als die Arbeit in der Zeit des Bürgerkriegs usw.“ (Leo Trotzki, Tagebuch im Exil, München 1983, S. 52.) 58 Christoph Hesse hinausgeworfen hat, nur käme dort niemand auf die Idee, es unverblümt zu sagen, geschweige denn aufzuschreiben. „Wer Altes aufrührt, ist ein schlechter Geselle“, dieses russische Sprichwort zitiert Stalin um dieselbe Zeit, da Sinkó nach Moskau kommt.13 Vergangenes, lehrt man ihn dort, und zwar mit besonderem Hinweis auf den historischen Roman, den er veröffentlichen möchte, muss entlang der gegenwärtig gültigen Parteilinie sortiert werden, von der man aber schlechterdings nicht weiß, in welche Richtung sie morgen abbiegt. „War es vielleicht mein Fehler, nicht begreifen zu können, daß in einem Land, in dem die Revolution bereits gesiegt hatte, […] sich auch der Typus des Revolutionärs ändern mußte?“14 Die im sowjetischen Exil auf unbestimmte Zeit festsitzen, üben sich in einer Disziplin, die dem Neuankömmling, so er sich noch einen Rest geistiger Autonomie bewahrt hat, ebenso unbegreiflich bleibt wie der Unterschied zwischen Kritik und „Selbstkritik“, die nämlich nichts anderes bedeutet, als sich einer immer unangreifbareren Macht zu unterwerfen, die ihrerseits keine Kritik duldet. In der Sowjetunion, stellt Sinkó nach kaum einem Monat fest, „besteht die Aufgabe des Revolutionärs in weitestgehendem Konformismus. Ob ich zu dieser inneren Wandlung jemals fähig sein werde?“15 In den vor einigen Jahren erst publizierten Tagebüchern Georgi Dimitroffs werden solche naiven Fragen nicht gestellt. Erstaunlich genug, dass jemand in so gefährlich hoher Position überhaupt Tagebuch führt. Wo Sinkó rastlos beschreibt, was er hört und sieht, und darin zugleich einen Sinn zu entdecken sucht, geben Dimitroffs kaum schon prosaisch zu nennende Notizen in knappen Worten streng Vertrauliches aus Unterredungen mit Stalin wieder.16 Zeugen jene Aufzeichnungen von Kühn- 13 Josef Stalin, Rede im Kremlpalast vor den Absolventen der Akademie der Roten Armee, in: Ders., Fragen des Leninismus, Berlin 1951, S. S. 591. 14 Sinkó, Roman eines Romans, S. 93. 15 Ebd., S. 116. 16 Am 11. Februar 1937 z.B. habe Stalin ihm, dem Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale, ins Gesicht gesagt: „Ihr alle dort in der Komintern arbeitet dem Feind in die Hände…“ (Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933–1943, 2 Bände, hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, Band 1, S. 149.) 59 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur heit und Rechtschaffenheit ebenso wie von unvorsichtigem Leichtsinn, so diese von einer nicht minder beeindruckenden Selbstsicherheit. Die Unsicherheit aber, die Sinkó umtreibt, resultiert aus Neugierde, Irritation und aufrichtiger Überlegung, nicht aus Angst, die durch desto entschlossenere Identifikation mit der Macht gebannt werden müsste. Die wundersamen Wandlungen der Wirklichkeit lassen sich erst aus einer Distanz wirklich beobachten, wie er sie mit Stift, Papier und Schreibtisch zwischen sich und ihr stets aufs neue aufbaut. Ein solches, wie aus alter Gewohnheit herrührendes und übrigens originär künstlerisches Verhalten ist den meisten Schriftstellern im sowjetischen Exil abhanden gekommen. Wie um sich selbst zu diesem Verlust zu beglückwünschen, weisen sie es als bürgerliche Marotte weit von sich. Auch wenn sich bald herausstellt, dass es nicht einmal eines noch so dürftigen Beweises bedarf, um als Volksfeind überführt zu werden, so möchte doch niemand den geringsten Grund dazu liefern. Was damals ahnungsvoll beschwiegen oder verdrängt werden muss, offenbaren einige der Davongekommenen etliche Jahre später. Im Unterschied aber zu Memoiren, die einem Gelegenheit geben, die Wucht der Ereignisse zu mildern und auch den eigenen Anteil daran neu zu justieren, vermittelt das Tagebuch einen nahezu unmittelbaren Eindruck des augenblicklichen Geschehens. Denn in Wirklichkeit ist die sagenhafte Eule der Minerva in der Dämmerung selten schon imstande, die Beobachtungen eines Tages zu begreifen. In einem Tagebuch legt jemand Zeugnis ab von objektiv kaum Vergangenem, das er auch subjektiv längst nicht bewältigt hat. Neben aller gebotenen Vorsicht mag die Ratlosigkeit ein Grund dafür sein, dass einer es vermeidet oder bald aufgibt, die eigene Lage Tag für Tag zu beschreiben; diesen Eindruck gewinnt man etwa bei der Lektüre der Tagebücher, die der Sinkó noch aus dem Budapester „Sonntagskreis“ um Georg Lukács bekannte Béla Balázs im sowjetischen Exil zu schreiben beginnt und jedesmal wieder abbricht.17 17 Die beiden kleinen Tagebücher, die Balázs in der Sowjetunion schreibt, das erste im Jahr 1932, das zweite 1940, sind bisher nicht veröffentlicht. Ersteres ist in der Handschriftenabteilung der Ungarischen Nationalbibliothek in Budapest überliefert, letzteres im Nachlaß Béla Balázs in der Ungarischem Akademie der Wissenschaften, ebenfalls in Budapest. 60 Christoph Hesse Die Frage, warum auch Sinkó sein da bereits sehr umfangreiches Tagebuch gegen Ende November 1936 abbricht, viereinhalb Monate vor seiner Abreise, beantwortet er selbst: In diesen letzten Monaten in Moskau begriff ich sehr wohl, weshalb seinerzeit mein ungarischer Freund die Hände über dem Kopf zusammenschlug und mich so erstaunt ansah, als er erfahren hatte, daß ich meiner begnadeten oder verdammten Einfalt – in Moskau! – Tagebuch führte. In der letzten Zeit brachte ich es nicht fertig, im Tagebuch weiter zu notieren, was ich sah und hörte – von dem, was ich dachte, ganz zu schweigen.18 Angst habe ihm jedoch nicht so sehr die allgegenwärtige politische Polizei, vielmehr die schon aus dem Wiener und Pariser Exil bekannte Armut bereitet, die dem Schriftsteller ebenso in Moskau droht, wenn nirgends mehr eine Zeile von ihm gedruckt wird. Ob sich alles, was Sinkó in seinem Tagebuch beschreibt, wirklich und wahrhaftig so zugetragen hat, mag dahinstehen; glaubwürdig ist seine Darstellung allemal. Dass er die Aufzeichnungen aus Moskau, als er sie zur Publikation vorbereitet, nicht nur ergänzt und kommentiert (und wo er dies tut, nachträgliche Erläuterungen als solche ausweist), sondern sie selbst auch redigiert, verheimlicht er nicht. Manchmal müsse er als Herausgeber „das Wort auch deshalb übernehmen, weil im Tagebuch einiges nur in Stichworten festgehalten ist“, zudem „jene Einzelheiten weglassen, die heute noch lebende Personen, die eine öffentliche Funktion ausüben, gefährden könnten.“19 Auf der Überfahrt nach Leningrad schreibt er, seine Frau sei wegen seiner „impressionablen Natur“20 um ihn besorgt. Vielleicht ist es genau diese von ihr diagnostizierte Natur, die ihn zum Verfasser eines solchen Tagebuchs bestimmt. Einige technische Schwierigkeiten des Unterfangens sieht er da schon voraus: „Der Versuch, intensive Erlebnisse unmittelbar im 18 Sinkó, Roman eines Romans, S. 396. 19 Ebd., S. 84 f. 20 Ebd., S. 68. 61 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur Erleben in Worten festzuhalten, gehört zu jenen Vorhaben, die am schwersten zu verwirklichen sind“, notiert er an Bord der Witebsk am 10. Mai 1935. „Weiter zurückliegende Ereignisse zu beschreiben, ist eine Sache; die lebendige Wirklichkeit zu fixieren, wenn einen das Leben so sehr gefangennimmt wie mich hier und sich sozusagen zwischen das Schreiben und die lebendige Wirklichkeit stellt, ist eine andere Sache.“21 Am nächsten Tag, nunmehr an Bord der Tschapajew, denn dasselbe Schiff hat soeben den Namen eines Helden des Bürgerkriegs bekommen, überzeugt er sich „immer mehr davon, wie hoffnungslos mein Wettlauf ist. Meine Aufzeichnungen können mit dem Aufzuzeichnenden nicht mehr Schritt halten.“22 * „Während seiner Moskauer Laufbahn“, urteilt Sinkó rückblickend, habe das Manuskript des Romans „seinem Verfasser einen Allgemeinzustand, einen Mechanismus sichtbar [gemacht], der damals noch – auch das gehört mit zum Wesen des Systems – eifersüchtig und ängstlich verheimlicht wurde.“ Er selbst habe lange Zeit nicht erkennen können, „was seine Erfahrungen bedeuteten, die er dank dem Manuskript machte und die weit interessanter und wichtiger waren als das Schicksal des Manuskripts selbst.“23 Bei seinem als Roman eines Romans betitelten Tagebuch handle es sich, wie er betont, um den „Moskauer Roman eines Romans. Heute schon läßt sich feststellen, daß das Manuskript der ‚Optimisten‘ in einem historischen Augenblick nach Moskau gelangte: Tiefgreifende Umwälzungen beginnen das gesamte innere Leben der Sowjetunion zu erfassen.“24 Selbst scheinbar „rein autobiographische Mitteilungen“ seien „darüber hinaus Spiegelungen eines weit allgemeineren Zustandes. Insofern können sie als persönliche und als Zeitdokumente gelten.“25 21 Ebd., S. 65. 22 Ebd., S. 69. 23 Ebd., S. 78 f. 24 Ebd., S. 79. 25 Ebd., S. 80. 62 Christoph Hesse In Brechts Flüchtlingsgesprächen erklärt Ziffel: „Die schärfsten Dialektiker sind die Flüchtlinge. Sie sind Flüchtlinge infolge von Veränderungen und sie studieren nichts als Veränderungen. Aus den kleinsten Anzeichen schließen sie auf die größten Vorkommnisse, das heißt, wenn sie Verstand haben.“26 Den allerdings kann man infolge schier unbegreiflicher Veränderungen schnell verlieren, zumal in der Sowjetunion, die Brecht lieber zügig durchquert. Dort, erinnert sich Sinkó, folgte in den Jahren von 1935 bis 1937 eine „Überraschung“ der anderen. Wer diese Jahre in Moskau verbrachte, mußte sehen, konnte mit eigenen Augen verfolgen, wie von dem, was man ihm bei seiner Ankunft 1935 noch als organischen Bestandteil des Sowjetlebens präsentiert hatte, fast täglich etwas abbröckelte und wie sich etwas gänzlich anderes herausbildete und Gestalt annahm als das, was gestern noch von Amts wegen als Ideal angepriesen wurde.27 Einer der wenigen Freunde, die Sinkó in Moskau findet, ist kurioserweise Alfred Kurella, ebenfalls ein Exilant, der aber im Unterschied zu ihm als fest etabliert gelten darf; bis zum Frühjahr 1935 ist er als Dimitroffs persönlicher Sekretär angestellt. Im Gegensatz zu Sinkó bringt er jeder Maßnahme der sowjetischen Regierung größtes Verständnis entgegen und sucht ihn darum ein ums andremal von der Richtigkeit noch des widersinnigsten Manövers zu überzeugen.28 Kurella verbürgt sich sogar in den de- 26 Bertolt Brecht, Gesammelte Werke in 20 Bänden, Frankfurt a. M. 1967, Band 14, S. 1462. 27 Sinkó, Roman eines Romans, S. 79. 28 Ein Beispiel: „Seitdem wir hier sind, wird die Restauration der Familie, der Ehe, propagiert. […] Ich finde die Art, wie jetzt hier die Mutterheldinnen – eigentlich Mütter beziehungsweise Frauen als Zuchttiere – gepflegt werden, ich finde diese ganze moralische Atmosphäre des Familienkultes, ich kann nicht dafür, geradezu abstoßend.“ Kurella, der soeben ein Buch über „die scheußliche und verlogene Heuchelei des faschistischen Familien- und Kinderkultes“ geschrieben hat, erklärt ihm: „Die drastischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Kinderkriminalität einschließlich der Todesstrafe, der Kampf um einen dauerhaften Bestand der Ehe und der Bekämpfung der Abtreibung seien durch ein und dieselbe Krise notwendig geworden, die sich drohend verschärfe. Die gleiche Propaganda also, die in den kapitalistischen und faschistischen Staaten konterrevolutionären Interessen diene, richte sich hier auf den Schutz und die Konsolidierung der sozialistischen Gesellschaft.“ (Ebd., S. 134 f.) „Möglicherweise sind alle meine Überlegungen falsch“, schreibt Sinkó weniger Tage später. „In einem aber habe ich bestimmt recht, nämlich in der Frage, warum man in der Presse und in der Literatur nicht einmal die Spur 63 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur mütigenden Geheimsitzungen der deutschen Schriftsteller im September 1936 für ihn, der „ein guter Genosse und ein sehr guter Schriftsteller“ sei und auch „sehr gut deutsch“ spreche; allein seine Frau, „eine ewige Meckerin“, habe bisweilen einen schlechten Einfluss auf ihn.29 Die „Laufbahn“ des Romanmanuskripts, das Sinkó überhaupt erst nach Moskau führt, mögen wenige exemplarische Stationen illustrieren. Arossew, der ihn im Namen der WOKS in die Sowjetunion eingeladen hat, gibt ihm gleich beim ersten Treffen dort zu verstehen, dass er ihm bei den weiteren Verhandlungen nicht behilflich sein könne. Über den einen Monat hinaus, den seine Einladung zunächst währt, wird Sinkó bald zwei Jahre lang bei allerlei Personen und Institutionen antichambrieren. Als erstes benötigt er das Placet Béla Kuns, einst Führer der ungarischen Revolution und nunmehr Chef der ungarischen Sektion im Moskauer Exil, der es ihm nach der Lektüre des Manuskripts sogar ohne einen einzigen Vorbehalt erteilt.30 In einem obligatorischen Gutachten des Staatsverlags, noch im Jahr 1935, wird empfohlen, die historische Richtigkeit der Darstellung von Personen zu prüfen und jedenfalls einige der im Roman erwähnten Namen zu streichen: Trotzki, Sinowjew und Kamenew.31 Im Frühjahr 1936, als man in Moskau den ersten großen Prozess gegen das „trotzkistisch-sinowjewistische terroristische Zentrum“ vorbereitet, heißt es plötzlich, der Roman mache Propaganda für Sinowjew, dessen Name, wie Sinkó versichert, im Roman nur ein einziges Mal vorkommt.32 Bei ihrem letzten Gespräch eröffnet ihm Ilja Jonow, der Leiter des Staatsvereiner ernsten, erwachsenen und denkenden Menschen würdigen Aussprache über diese lebenswichtigen Probleme entdeckt. Weshalb gibt es statt dieser Aussprache nur Massenaufnahmen und Fotos zufrieden grinsender Gesichter? Warum liest man in den Zeitungen lauter Phrasen, die sich mit liturgischer Eintönigkeit wiederholen?“ (Ebd., S. 148.) „Aber vergeblich strenge ich meine Intelligenz an, um zu entdecken, nach welchen dialektischen Purzelbäumen aus dieser heutigen Wirklichkeit die andere, die morgige hervorgehen wird. Ich sehe immer wieder und jedesmal klarer, wie anders die heutige Wirklichkeit ist als jene, die sie vorbereiten und erschaffen muß.“ (Ebd., S. 195.) 29 Reinhard Müller (Hrsg.), Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Reinbek 1991, S. 505. 30 Sinkó, Roman eines Romans, S. 111–118. 31 Ebd., S. 221. 32 Ebd., S. 349–351. 64 Christoph Hesse lags für schöne Literatur, der Sinkós Manuskript da offenbar mit einem anderen verwechselt, Kriminalromane dürften in der Sowjetunion grundsätzlich nicht erscheinen. Schließlich erweist sich selbst die Zustimmung des eben noch mächtigen Béla Kun, den Sinkó inzwischen „derart abgemagert“ findet, „daß alles an ihm schlottert“, als zusätzliches Hindernis.33 Während der zusehends grotesken und ansonsten ganz vergeblichen Verhandlungen erfährt Sinkó vor allem zweierlei: einerseits, „daß hier die Redakteure nicht wie Menschen, sondern wie Fortsätze eines unsichtbaren, überaus komplizierten Monstrums wirken; sie sind für sich genommen so unnahbar, als wären sie keine wirklichen, zu spontanen Reaktionen fähigen Lebewesen“; andererseits, wie weit er selbst „von jenem jubelnden, sicheren Glauben entfernt ist, der hier als oberstes Gesetz jeden verpflichtet, der Anspruch darauf erhebt, nicht als Feind angesehen zu werden.“34 Die Tatsache allein, dass die von ihm produzierte Art Literatur in der Sowjetunion nicht erwünscht ist, weil dort niemand mehr nach so etwas verlangt, würde ihn keineswegs kränken, im Gegenteil: Hier interessieren meine Novellen in ihrer Problematik nicht einmal mich. Das ist in Ordnung, diese Novellen sind ja auch nicht auf sowjetischem Boden gewachsen. Aber wie kommt es, daß das, was ich hier bis jetzt an künstlerischer Produktion gesehen habe, mit Ausnahme der einen Oper Schostakowitschs verblüffend dürftig, seelisch und geistig arm, steril, gespenstisch blutlos, öde und hohl ist?35 „Vor acht Tagen“, notiert Sinkó kurz vor der Ankunft seines Schiffes, „lebte ich in einer Welt, in der die drohenden Schatten von Konzentrationslagern sich erheben, in der man sich hoffnungslos und ohnmächtig dahinquält, während es hier nur Selbstvertrauen und siegreich regierende Wahrheit 33 Ebd., S. 331, dazu auch S. 397 f. (Béla Kun wird im Sommer 1937 verhaftet und ein Jahr später erschossen. Auch Alexander Arossew und Ilja Jonow fallen dem Terror zum Opfer.) 34 Ebd., S. 248, 241. 35 Ebd., S. 99. Dies schreibt er im Mai 1935. Im Januar 1936 wird Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ plötzlich diffamiert und verboten, darauf folgt eine Kampagne gegen den „Formalismus“; dazu S. 297–310. 65 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur gibt.“36 Was dies in Wahrheit bedeutet, wird ihn noch über mehrere hundert Seiten des soeben begonnenen Tagebuchs beschäftigen. Als Sinkó in der Sowjetunion ankommt, ist der als siegreich ausgewiesene Sozialismus schon im Begriff, sich seine eigene Klassik zu schaffen. Die sich als revolutionäre Avantgarde wähnen, bleiben hinter einer Revolution zurück, die längst die Restauration überwunden geglaubter Stilepochen einleitet. Nach dem ersten Fünfjahrplan, der selbst ein viel gewagteres Experiment darstellt als sämtliche Werke der Futuristen, Konstruktivisten und Suprematisten zusammengenommen, soll die Kunst sich auch in der Sowjetunion auf ihre traditionellen ideologischen Aufgaben besinnen: in diesem Fall nicht Opium, sondern Koks fürs Volk bereitstellen, denn die Leute sollen mitanpacken und nicht einschlummern. Der auf dem Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller im August 1934 ausgerufene Sozialistische Realismus soll das Kunststück fertigbringen, eine Wirklichkeit zu beschreiben, die selbst noch gar nicht existiert. Darstellung der Wirklichkeit bedeutet keineswegs künstlerische Gestaltung der gesellschaftlichen Totalität, wie Lukács es am Modell des bürgerlichen Romans illustriert, sondern die vorwegnehmende Verherrlichung einer erst im Entstehen begriffenen Welt, und zwar im Stil eines präparierten Realismus aus dem 19. Jahrhundert, der nun als ein unverzichtbares Erbe reklamiert wird, das man sich, wie die Dampfmaschinen der Bourgeoisie auch, auf proletarische Weise anzueignen habe; wobei man die kostbaren Erbstücke so hoch hängt, dass keine Faust sie mehr zerschmettert. Geschaffen werden sollen nach diesem unerreichbaren, nach eigenem Dafürhalten freilich fast schon übertroffenen Vorbild Werke, aus denen die Menschen Zuversicht, Mut und Kraft schöpfen können. Jedoch verlässt sich der Stalinsche pursuit of happiness nicht auf individuelle Bedürfnisse und Wünsche, wenngleich gerade die miesesten Instinkte jedem einzelnen beim persönlichen Fortkommen auch in der Sowjetunion unschätzbare Dienste leisten, sondern auf „das zentral gelenkte und registrier- 36 Ebd., S. 69. 66 Christoph Hesse te Geistesleben“,37 in welchem man mit Schlagworten wie kul‘turnost‘ (was etwa als Kultiviertheit zu übersetzen wäre) eine Art Renaissance einleitet, die von vornherein zu einer gespenstischen Farce gerät. Eine der obersten Forderungen an Kunst und Literatur – und selbstverständlich an den Film, nach dem die meisten ein ohnehin viel dringenderes Verlangen haben als nach den höchsten Gütern des Bildungsbürgertums – ist die Volkstümlichkeit (narodnost‘), eine andere der von Stalin selbst verordnete Frohsinn. „Wer nicht fröhlich ist, wie zum Beispiel ich, muß sich hier, wo Presse, Theater und Film davon künden, wie froh das Leben ist, fast schuldbewußt fühlen.“38 Eine ähnliche Erfahrung macht der Schriftsteller zur selben Zeit als Autor von Filmszenarien.39 * Neben dem Manuskript seines Romans bringt Sinkó ein Drehbuch des Titels La Doctoresse du village mit nach Moskau, das er, wie er später in einem Brief an die Prawda erläutert, „in Paris im Auftrage linksstehender Filmleute und Schauspieler geschrieben hatte, das aber damals von den Auftraggebern aus Geldmangel nicht realisiert werden konnte.“40 Schon wenige Tage nach seiner Ankunft trifft er mit Fritz Krejcsi zusammen, einem ungarischen Funktionär des Internationalen Revolutionären Thea- 37 Ebd., S. 131. 38 Ebd., S. 168. – „Es lebt sich jetzt besser, Genossen. Es lebt sich jetzt froher“, verkündet Stalin in einer Rede bei der ersten Unionsberatung der Stachanowleute im Jahr 1935. „Und wenn es sich froh lebt, dann geht die Arbeit gut vonstatten.“ (Stalin, Fragen des Leninismus, S. 603 f.) „Es ist tragisch, aber wahr,“ bemerkt Sinkó, „daß Mussolini und in einem noch stärkeren Maße Hitler viel von den heutigen Regierungs- und Propagandamethoden der Sowjets gelernt und übernommen haben. Ebenso tragisch, aber wahr ist es auch, daß die heutige Sowjetunion im Kampf gegen Hitler und bei der Vorbereitung für diesen Kampf wiederum vom Nationalsozialismus Methoden der geistigen Lenkung und des Regierens übernahm. Die Infektion ist gegenseitig.“ (Sinkó, Roman eines Romans, S. 200.) 39 Dazu ausführlicher Christoph Hesse, Filmexil Sowjetunion. Deutsche Emigranten in der sowjetischen Filmproduktion der 1930er und 1940er Jahre, München 2017, S. 454–471. 40 Sinkó, Roman eines Romans, S. 383. In Moskau ist bisher keines der hier erwähnten Drehbücher entdeckt worden. Ob Sinkó auch diese Manuskripte später nach Zagreb mitgenommen hat, bliebe noch herauszufinden. 67 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur terbundes, dem er das Drehbuch übergibt und ihm zudem „Pläne für zwei weitere Filme in großen Zügen“ vorstellt: „Er begrüßte die Pläne begeistert und freute sich, daß ich auch für den sowjetischen Film arbeiten wollte. Er sagte, ich könne mir gar nicht vorstellen, wie groß der Mangel an guten Drehbüchern sei.“41 Durch dessen Vermittlung tritt Sinkó in Verhandlungen mit Meschrabpom-Film.42 Worum es in seinem Drehbuch geht, berichtet er an einer Stelle gelegentlich eines Gesprächs mit Kurella, der es „für ausgezeichnet hält“.43 Im Juli 1935 empfängt ihn Dmitri Feldman, der Leiter der Drehbuchabteilung von Meschrabpom-Film. Nur wenige Tage später unterzeichnet Sinkó einen Vertrag und erhält sogleich auch den vereinbarten Vorschuss auf sein Honorar. Die „endgültige Fassung des Drehbuchs“ erwartet man im Oktober. Es solle übrigens, wie Feldman ihm mitteilt, nicht mehr Die Dorfärztin, sondern Ein Optimist heißen. Da Sinkós Romanmanuskript „von Béla Kun persönlich genehmigt ist, mag sich Feldman im letzten Augenblick gesagt haben, daß dieser Titel auf alle Fälle einer Art Schutz bedeutet. Es ist, als hätten alle Angst; die Sonne scheint – und man sucht nach einem Unterschlupf vor dem Gewitter.“44 Bald erfährt Sinkó, dass das vermeintlich längst akzeptierte Sujet seines Drehbuchs noch einiger Erörterung bedürfe. Die sowjetischen Zuschauer, erklärt ihm Feldman, „wollen individuelle Komplikationen, Familien, 41 Ebd., S. 126. (Krejcsi wird im November 1937 verhaftet und im Jahr darauf erschossen.) 42 Das 1924 gegründete Filmstudio der Internationalen Arbeiterhilfe (russisch Meždunarodnaja rabočaja pomošč‘, kurz Meschrabpom) ist ein zunächst halb privatwirtschaftlich betriebenes deutsch-sowjetisches Unternehmen, das aber inzwischen ganz der Komintern untersteht. Auf Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wird es im Juni 1936 aufgelöst. 43 „Thematisch behandelt es ein Mädchen, das aus privaten – nicht aus politischen – Gründen Rumänien verläßt und in die Sowjetunion flüchtet. In Rumänien lebt es als Prostituierte in einer Kaschemme, und dieses Leben möchte es auch in Rußland fortsetzen. Damit beginnt ein Erlebnis, das sich nach der Landung in der Sowjetunion fortsetzt… Dieses Thema hatte noch vor Beginn der Kampagne zur Restauration der Familie in meinen Gedanken Gestalt gewonnen. Jetzt gefällt es Kurella mehr als mir, weil ich heute nicht mehr zu so optimistischen Schlußfolgerungen im Hinblick auf die weiteren Geschicke meiner Heldin kommen könnte wie Kurella, dem ich das auch sage.“ (Ebd., S. 135.) 44 Ebd., S. 258. (Feldman, der den Terror überlebt, arbeitet später u.a. für das Studio Mosfilm, das auch Sinkó noch kennenlernt.) 68 Christoph Hesse Liebe und Abenteuer, alles lustig aufgemacht; sie wollen nach Möglichkeit lustige und erheiternde leichte Sachen.“45 Diese Einsicht, wenn er daraus auch keine Richtschnur der eigenen künstlerischen Produktion entwickeln mag, hat Sinkó selbst schon gewonnen. „Beim feierlichen Abschluß von Kongressen im Kreml wird in Gegenwart der Regierung und Stalins immer häufiger der Operettenmarsch ‚Wessolije rebjata‘ als Hymne gesungen“, bemerkt er. „Hier tut man so, als wäre die Revolution vorbei und beendet“, als habe „bereits die Zeit nach dem Sieg begonnen […], in der anstelle der ‚Internationale‘ eben ‚Wessolije rebjata‘ gesungen wird.“46 Tatsächlich ist Grigori Alexandrows Musikkomödie Vesëlye rebjata (Lustige Burschen, 1934), in welcher der gleichnamige Operettenmarsch fortwährend erklingt, einer der erfolgreichsten sowjetischen Filme jener Zeit. Dem Bedürfnis, das er mustergültig bedient, wenn nicht maßgeblich erst hervorbringt, kann Die Dorfärztin nicht entsprechen. Und da es aussichtslos erscheint, sein Drehbuch solcherart umzugestalten, lässt Sinkó sich darauf ein, statt dessen eine im Entwurf bereits vorhandene Komödie mit dem einladenden Titel Reklame zu schreiben: „eine Satire auf Intellektuelle und hauptsächlich auf Künstler […], die sich unter den westlichen Verhältnissen vor die Alternative gestellt sehen, entweder zum Mittelpunkt einer Sensation zu werden […] oder inmitten einer allgemeinen Gleichgültigkeit mehr und mehr zu verarmen.“47 Unterdessen gehen bei Meschrabpom-Film Veränderungen vor, die das eben Vereinbarte wieder zunichte machen. Im Januar 1936 sitzt Sinkó an selber Stelle nicht mehr Feldman gegenüber, sondern einem „Ungarn mit Namen Gold, den ich vorher nie gesehen hatte.“48 – „Ihr Drehbuch ‚Reklame‘ ist als solches völlig zufriedenstellend. An und für sich ist es ideologisch und sogar vielleicht auch künstlerisch und filmtechnisch gut“, erklärt er Sinkó, doch teile er nicht „die Auffassung seines Vorgängers darüber, welche Filme man dem heutigen sowjetischen Publikum bieten müsse […]. 45 Ebd., S. 271. 46 Ebd., S. 272. 47 Ebd., S. 288. 48 Ebd. (Géza Gold, Dramaturg bei Meschrabpom-Film, wird 1938 verhaftet und erschossen.) 69 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur Das heißt, es sei nicht so, daß er diese Auffasung nicht teile – nein, das Tempo der Entwicklung sei bei uns schwindelerregend, und diese Auffassung als solche habe sich in der Zwischenzeit […] geändert, das heißt, sie sei geändert worden.“ Da das Drehbuch insgesamt gut sei, möchte er ihn „lediglich um eine Kleinigkeit“ bitten: Ich sollte unter Berücksichtigung der inzwischen veränderten Auffassung und des Kontrastes halber in das Drehbuch noch eine Geschichte „mit hineinweben“, in der ich das schwere Leben und den Kampf der westlichen Bergarbeiter gestalte, damit das sowjetische Publikum auch das kennenlernen könne. […] Mit der gleichen Logik hätte er von mir auch verlangen können, ein Batschkaer Schlachtfest oder Episoden aus dem Leben der Robbenjäger in meine Filmsatire „Reklame“ über das Leben der Pariser Intellektuellen „mit hineinzuweben“.49 Dem Verlangen, eine Komödie zu schreiben, hat Sinkó nachgegeben. Auf den Vorschlag aber, in die heiteren Szenen aus dem Pariser Intellektuellenmilieu nun solche eines Bergarbeiterstreiks „hineinzuweben“, will er sich nicht einlassen und beendet daraufhin die Zusammenarbeit mit Meshrabpom-Film. Er habe damit zugleich seine „Laufbahn als Drehbuchautor auf jeden Fall für eine lange, sehr lange Zeit beendet.“50 Die eben prognostizierte lange Zeit währt nur wenige Monate. Schon im Mai 1936 scheint es, „als wendete sich das Blatt tatsächlich“ und „ohne Fragezeichen“,51 nachdem Sinkó nämlich durch Vermittlung seines Freundes Isaak Babel die Bekanntschaft Sofia Sokolowskajas gemacht hat, der stellvertretenden Direktorin des Studios Mosfilm, deren freundliche Erscheinung ihn augenblicklich verzückt.52 Ihr legt er ein Exposé seines nun- 49 Ebd., S. 289. 50 Ebd., S. 290. 51 Ebd., S. 352. 52 „Ich denke schon jetzt voller Dankbarkeit an sie […]: Schon ihr bloßes Dasein, schon das Wissen darum, daß es sie gibt, macht das Leben für mich weniger scheußlich. Nach so vielen unangenehmen und deprimierenden Begegnungen und Zusammenkünften trifft man plötzlich eine stille, intelligente, in ihrem ganzen Wesen vornehme Frau, die trotz ihrer Verschlossenheit eine ernsthafte, solide Menschlichkeit ausstrahlt.“ (Ebd.) 70 Christoph Hesse mehr dritten Drehbuchs vor. Katja, so der Titel, ist zugleich der Name der Protagonistin des Films: „Ein verkommenes Mädchen, das in anderen Umständen ist…“53 Sokolowskaja, die den Entwurf „verheißungsvoll“ findet, lässt Sinkó einen Vertrag unterzeichnen, das fertige Drehbuch soll er im Oktober vorlegen. Gemeinsam mit Babel arbeitet er „manchmal täglich mehrere Stunden an einzelnen Details des Filmes“54 und reicht das Szenarium bereits im Sommer ein, ehe er in den Urlaub fährt. Babel, den er unterwegs in Odessa wiedersieht, versichert ihm, das Drehbuch sei sehr gut und er solle nichts mehr daran ändern, bis der Regisseur mit seiner Arbeit begonnen habe. Zurück in Moskau, schließen sich jedoch plötzlich alle Türen. Bei Mosfilm ist für Sinkó niemand mehr zu sprechen. Sokolowskaja, sagt ihm deren Sekretärin am Telephon immer wieder, habe keine Zeit, er solle sich an ihren Vertreter wenden, der jedoch ebensowenig erreichbar ist. Sokolowskaja bekommt er noch ein letztes Mal zufällig im Hof des Gebäudes von Mosfilm zu sprechen. Freundlich zwar, doch in Eile verweist sie ihn an wiederum jemand anderen. Schließlich speist ihn einer ihrer Vertreter mit den Worten ab, das Drehbuch sei Schund und werde nicht verfilmt; mit dem Vorschuss, den er schon erhalten habe, solle er sich gefälligst zufriedengeben. Was Sinkó jedoch nicht tut, er zieht sogar vor Gericht: nicht um sein persönliches Recht zu erstreiten, sondern um dem sowjetischen Staat eine Lektion zu erteilen. Das Gebaren der bei Mosfilm Verantwortlichen sei „eines Kulturmenschen unwürdig“, und er wolle sich nicht damit abfinden, „daß ein sowjetisches Unternehmen mit dem Geld des proletarischen Staates und mit der Arbeit eines Schriftstellers in dieser Weise wirtschaftet.“55 Als wichtigster Zeuge tritt Babel auf. Der aber stellt sich vor Gericht ganz ahnungslos und behauptet, sich an nichts von alledem zu erinnern. Nach der Verhandlung geht er auf Sinkó zu und verspricht, ihm die Sache zu 53 Ebd., S. 383. 54 Ebd., S. 384. 55 Ebd., S. 386. 71 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur erklären, was dieser auf Anhieb ablehnt. Seinen Freund wird er nicht mehr wiedersehen. Eine Erklärung für dessen Verhalten im Zeugenstand findet Sinkó selbst erst viel später: Sokolowskaja, vermutet er, sei damals schon in Ungnade gefallen, weshalb Babel jedwede Verbindung mit ihr habe leugnen müssen.56 * Sinkós Tagebuch bricht am 30. November 1936 ab. Anderntags, am 1. Dezember, trifft Feuchtwanger in Moskau ein. Dazu heißt es in einem dem Tagebuch nachträglich hinzugefügten Kapitel: Nach dem Besuch André Gides, dessen Epilog jenes bewußte Buch „Retour de l’U.R.S.S.“ war, kam als erster berühmter europäischer Gast Lion Feuchtwanger nach Moskau. Im Gegensatz zu Gide, der während seines Aufenthalts in der Sowjetunion in seinen Erklärungen ziemlich wortkarg blieb, liest man von Feuchtwanger, der jetzt gefeiert wird, Erklärungen aus den verschiedensten Anlässen in der sowjetischen Presse, die ausnahmslos davon zeugen, wie entzückt und begeistert Feuchtwanger von der Sowjetunion ist.57 Was auch daran liegen mag, dass Feuchtwanger in der Sowjetunion kaum anderes kennenlernt als den Komfort, den Sinkó nur im ersten Monat seines Aufenthalts als Gast der WOKS genießt.58 Beschreibungen von Land und Leuten sind darum in seiner als Reisebericht ausgewiesenen Stellungnahme zur Sowjetunion so gut wie nicht zu finden. Erfahrungen, wie sie 56 Ebd., S. 387 f., 405–409. (Sokolowskaja wird im Oktober 1937 verhaftet und im August 1938 erschossen.) 57 Ebd., S. 403. 58 „Wer sich überall im Kraftwagen der WOKS hinfahren läßt, huscht an einem sehr wesentlichen Teil der russischen Wirklichkeit mit geschlossenen Augen vorüber“, stellt Sinkó fest (ebd., S. 105); wer „in einem Luxushotel wohnt und sich von befrackten Kellnern Speisen servieren läßt“, bewege sich „auf einem exterritorialen Gebiet“ fernab vom „wirklichen Leben in der Stadt […] in einer sozusagen irrealen Welt.“ (S. 141.) Feuchtwanger seinerseits notiert dazu in Moskau am 2. Dezember 1936 in sein Tagebuch: „Viel Ehre und wenig Komfort.“ (Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation, Göttingen 2017, S. 141.) 72 Christoph Hesse Sinkó in seinem Tagebuch schildert, bleiben Feuchtwanger in Moskau erspart. „Eisenstein machte ein geistreiches Verslein auf Feuchtwangers Rolle, das auf einem Wortspiel (shid = Jude, Shid = russische Schreibweise von Gide) basiert: Feuchtwanger u dwerej stoit s umilnym widom; o kak bi sej Jewrej ne pokasalsja – Shidom.“59 Zweifelhaft, ob tatsächlich Eisenstein, der sich mit Feuchtwanger in Moskau anfreundet, ihm sogar seinen da noch nicht freigegebenen und schließlich verbotenen Film Bežin lug (Die Beshinwiese, 1935–37) vorführt,60 den Spottvers gedichtet hat. In einer aktuellen Studie ist von einem anonymen Epigramm Moskauer Witzbolde die Rede, das damals die Runde macht.61 Auch im Wortlaut unterscheidet sich der dort wiedergegebene Text von dem bei Sinkó zitierten: Стоит Фейхтвангер у дверей С ужасно умным видом, И я боюсь, чтоб сей еврей Не оказался Жидом. Auf deutsch etwa: Feuchtwanger steht vor den Toren / mit mächtig gescheitem Blick; / und mir bangt, dass dieser Jude / sich nicht entpuppt als Jidd (Gide). Übrigens ist es Babel, der Sinkó „dieses lustige Verslein pfiffig, 59 Sinkó, Roman eines Romans, S. 403. 60 Dazu die Dokumente in Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 175, 184, 231. Feuchtwanger seinerseits preist Eisensteins „großartige[n], wahrhaft poetische[n] Film“ als ein „Meisterwerk, voll von innerem, legitimem Sowjetpatriotismus.“ (Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde, Berlin 1993, S. 44.) Die Negative der verschiedenen Fassungen des Films werden bei einem deutschen Bombenangriff auf Moskau 1941 zerstört. 61 Galina B. Kulikova, Novij mir glazami starogo. Sovetskaja Rossija 1920–1930-ch godov glazami zapadnych intellektualov [Die neue Welt in den Augen der alten. Das sowjetische Russland der 1920er und 1930er Jahre in den Augen westlicher Intellektueller], Moskau 2013, S. 116. Das Epigramm, heißt es in einer Anmerkung dazu, sei 1937 bereits in Trotzkis „Bulletin der Opposition“ veröffentlicht worden. 73 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur langsam, geheimnisvoll flüsternd“ vorträgt.62 Ihm selbst wiederum sagt er die durchaus liebevollen Worte: Aber Erwin Isidorowitsch! Wie kann man bloß Attribute – eines unmöglicher als das andere! – so häufen wie Sie! Ungar sein ist an sich schon ein Unglück, aber das geht ja irgendwie noch, aber Ungar und Jude sein – das geht auf keine Kuhhaut! Ungar und Jude und kommunistischer ungarischer Schriftsteller – das grenzt schon an Perversität. Aber Ungar, Jude, kommunistischer ungarischer Schriftsteller und dazu noch jugoslawischer Staatsbürger – und das heute –, dagegen nimmt sich die Phantasie von Sacher-Masoch selig einfach wie ein unschuldiger kleiner Pinscher aus!63 Der so Gezeichnete kann die Sowjetunion 1937 gemeinsam mit seiner Frau verlassen. Isaak Babel wird 1940, nach dem Sturz des NKWD-Chefs Nikolai Jeschow, in dem er zuvor „einen allmächtigen Gönner fand“,64 verhaftet und erschossen. * Es entsprach dem Stil des Romans eines Romans, daß das letzte zu bewältigende Hindernis meine –Manuskripte waren. Als das französische Einreisevisum bereits in unsere Pässe gestempelt war, erfuhr ich nämlich, daß ich meine Manuskripte nur mitnehmen durfte, wenn eine bestimmte Sonderabteilung des Volkskommissariats für „Volksbildung“ nach vorheriger Prüfung die Ausfuhr genehmigt hatte. An einem ungewöhnlich warmen Apriltag luden wir zwei Koffer voller Manuskripte in die Taxe. Als wir das Kommissariat erreichten, fiel unser erster Blick auf ein großes graues Schild mit der schwarzen Inschrift „Lift nje robotajet“ [Aufzug außer Betrieb] an der Gittertür des Aufzugs. Es gibt Augenblicke, da winzige Zufälle wie Symbole wirken, die die Summe des ganzen Lebens eines Menschen aufdecken und mit überraschender Eindringlichkeit zeigen: M. und ich schleppten uns mit denselben 62 Sinkó, Roman eines Romans, S. 304. Babel wiederum begleitet auch Feuchtwanger im Januar 1937 zu Eisenstein, so jedenfalls steht es in einem Bericht der sowjetischen Geheimpolizei, siehe Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 274. 63 Sinkó, Roman eines Romans, S. 296. 64 Ebd., S. 409. 74 Christoph Hesse Vulkanfiberkoffern, die wir vor zwei Jahren in Rouen qualvoll die steile Eisentreppe des Frachters „Witebsk“ hochgeschleppt hatten, um mit ihnen nach Moskau zu fahren, jetzt die Treppe zur dritten Etage des Volkskommissariats für Volksbildung hinauf. […] Und das alles nur, um die Genehmigung zu erwirken, diesen verdammten großen Manuskripthaufen, der sich seit fünfzehn Jahren nur vermehrt und mir immer mehr zu einem dummen Fluch wurde, dorthin zurückzuschleppen, woher wir gekommen waren. […] Am Vortag unserer Abreise erhielten wir die Koffer zurück. Die Manuskripte waren einzeln gebündelt und plombiert. […] Mein Moskauer Tagebuch befand sich allerdings nicht unter diesen Manuskripten. M. hatte es eingepackt, an einen Pariser Freund adressiert und unmittelbar vor unserer Abreise unserer alten, des Lesens und Schreibens unkundigen Köchin Marija Nikolajewna mit der Bitte in die Hand gedrückt, es am nächsten Tag als Luftpostsendung aufzugeben. Wir mußten es dem Glück überlassen, ob es ankam oder nicht.65 65 Ebd., S. 425–427. 75 Michael Rohrwasser Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 im Blick der deutschen Gäste Im August 1934 trafen sich in Moskau 600 sowjetische Delegierte, in der Hauptsache Schriftsteller, und als Gäste rund 40 ausländische Autoren, darunter 17 deutschsprachige, zum Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller. In den Tagen vom 17. August bis zum 1. September fanden im Säulensaal des Dom Sojusa, des Moskauer Gewerkschaftsgebäudes, 26 Sitzungen statt, auf denen über 80 Schriftsteller und einige Parteifunktionäre wie Karl Radek, Nikolai Bucharin oder Andrej Shdanow Reden hielten und diskutierten. Maxim Gorki war der Präsident des Kongresses – und mehr als das. Klaus Mann schreibt: „Gorki ist der Patriarch, der ehrwürdige Liebling, die hohe Instanz“; an anderer Stelle nennt Mann ihn den „Literaturkönig“.1 Sein Porträt hing überlebensgroß im Saal, neben dem von Stalin – die Beschwörung der Hochzeit von Geist und Macht; an den Seitenwänden hingen die Porträts großer Dichter wie Shakespeare und Cervantes. 1 Klaus Mann, Briefe. Hrsg. von Friedrich Albrecht, Berlin und Weimar 1988, S. 188; vgl. Hans- Jürgen Schmitt / Godehard Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum I. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller.,Frankfurt a. M. 1974, S. 411. Mein Vortrag greift zurück auf meinen früheren Aufsatz über den Moskauer Kongress: Michael Rohrwasser, „Die Deutschen in Verzückung“. Der Moskauer Schriftstellerkongreß 1934 und seine deutschen Gäste, in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 10 (1990), 2, S. 45–48. 76 Michael Rohrwasser Die Begeisterung unter den deutschen Gästen für diesen Schriftstellerkongress, obwohl es ein sowjetischer, kein internationaler war, war gewaltig – und mir geht es (immer noch) darum, diese Euphorie zu verstehen. Ich habe einige Vorschläge, keine endgültigen Antworten dazu, wie die Begeisterung zu erklären ist. Das Problem lässt sich verschärfen, wenn wir uns auf die Berichte von Nichtparteimitgliedern konzentrieren, und wenn wir zuvor noch Kommentare von linken Zeitgenossen anschauen, die nicht nach Moskau gefahren waren. Kurt Tucholsky schreibt beispielsweise seiner Freundin in Zürich: Die Berichte hatten alle etwas Rosenrotes, das mir sehr zuwider ist – und so lillill – ich nicht. Und: „Hat man je einen Schriftsteller so geehrt wie Gorki, dessen Werke in 19 Millionen Exemplaren …“ Hm. […] Gorki … mein Gott, das ist ein ganz braver naturalistischer Schriftsteller, aber doch nicht mehr! […] Mir ist nicht wohl bei alledem. Ich käme mir so dämlich vor, wenn ich da mitmachte.2 Und George Grosz, der in New York angekommen ist, spottet gegenüber seinen Freunden Bertolt Brecht, Wieland Herzfelde und Hermann Borchardt, auch über den im Jahr darauf stattfindenden Kongress zur Verteidigung der Kultur in Paris. Er schreibt an Borchardt: Nun, unsere großen Bewunderer des ‚gewaltigsten Experiments der Kulturmenschheit‘ sind voller Stolz und Lob & Preisen über Euren herrlichen Kongreß der Elite der Schriftsteller. Selbst der ältere feine Ästhet Gide fühlt zum ersten Mal, daß er zu etwas nützlich ist […]. Schön solche Feiern und was so nebenbei da dann noch geklärt wird; schade, wir haben das ja noch nicht – wir sehnen uns alle, ich meine der entschiedene Vortrupp unter uns, ‚an der Kulturfront‘ nach Ausrichten und Programmen.3 2 Kurt Tucholsky, Briefe aus dem Schweigen. 1932–1935. Briefe an Nuuna. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky, Reinbek bei Hamburg 1977. 3 George Grosz, Briefe. 1913–1959. Hrsg. von Herbert Knust, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 204 (Brief vom 13.X.1934). 77 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 Besonders weitsichtig ist sein Kommentar über Franz Kafka, wieder an die Adresse von Hermann Borchardt: Und den neuen proletarischen Realisten mit ihrem Hurraoptimismus und Technikgesinge darf man’s kaum in die Hand geben. Kafka hätte sicherlich, wäre er gelesener und Repräsentant westlicher Schreibkunst gewesen, auf jenem herrlichen Literaturkongreß die Note „unbrauchbar für den Aufbau“ bekommen […]. Naja, ein Lokomotivführer war ja nun der gute Kafka nicht.4 Eine naheliegende Antwort wäre, dass Klaus Mann, Oskar Maria Graf etc. vor Ort waren, während die anderen, Grosz und Tucholsky, aus der Ferne urteilten – George Grosz spottet beispielsweise im August 1934 über Brechts Gedicht New York, in dem der Untergang der Stadt vorausgesagt wird. Er schreibt Brecht: „Mit dem Gedicht New York hast du begreiflicherweise – weil du es ja nur vom Hörensagen kennst – ein bißchen daneben gehauen“.5 Demnach hätten die Moskauer Gäste den Vorteil, alle Auftritte und Debatten selbst wahrzunehmen, sie müssen sich nicht aufs Hörensagen verlassen. Tatsächlich wird sich aber zeigen, dass im Falle des Moskauer Schriftstellerkongresses die Draußenstehenden weitsichtiger waren. Wir haben eine ganze Fülle von Briefen, Aufzeichnungen, Kongressberichten und späten Erinnerungen, deren Tendenz sich mit der Zeit teilweise gewaltig verändert. Während bei Klaus Mann der Tenor auch in Der Wendepunkt von 1950 noch ziemlich derselbe ist wie 1934 im Kongressbericht in der Sammlung, finden sich bei Gustav Regler so verschiedene Schilderungen im Kongressbericht von 1934 und in seiner Autobiographie von 1958, dass sie eigentlich nur durch den Autorennamen verbunden bleiben. Während er 1934 ein blühendes Land beschreibt, sieht er in Das Ohr des Malchus beim Kongress schon das Wetterleuchten der Moskauer 4 Ebd., S. 219 f. (Brief vom 19.VIII.1935). 5 Ebd., S. 219 f. (Brief vom 13.VIII.1934). 78 Michael Rohrwasser Schauprozesse. Aber die bekannte Gabe der nachträglichen Prophezeiung braucht uns hier nicht zu interessieren. Natürlich ist auch die noch recht frische Parole der Volksfront für die Euphorie verantwortlich, der Anlauf zu einer antifaschistischen Bündnispolitik, die Klaus Mann bewegt, seinem Vater zu schreiben, dass ihn hier ein glorreicher Empfang erwarten würde; „man ist sehr aus auf Sympathisierende“.6 Noch im März-Heft der Internationalen Literatur war zu lesen, Thomas Mann sei „Geist vom Geiste der Henker Deutschlands“, dem man wünsche, dass er zur Hölle fahre. Auf dem Kongress wurden dann vor allem Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann umworben. Becher wirbt „für ein Bündnis aller ehrlichen Hasser des Faschismus und der Kulturbarbarei“.7 Gleichzeitig ist auf der Konferenz aber doch viel die Rede vom „verfaulenden Bürgertum“; die literarische „Dekadenz“ wird attackiert – ein Vorbote, was dann in die sogenannte „Expressionismusdebatte“ mündete. Karl Radek dozierte: In Prousts Werk liegt die alte Welt wie ein räudiger Hund, der keiner Bewegung mehr fähig ist, in der Sonne und leckt sich unablässig seine Wunden […]. Prousts Salonhelden […] schreien einem förmlich ins Gesicht, daß keine Analyse auch nur das geringste Resultat bringen könne.8 Er spottet darüber, daß einige Literaturkritiker, auch sowjetische, rühmten, dass Proust sieben Gerüche gleichzeitig voneinander unterscheiden könne. In Arbeiterwohnungen – so Radek – gebe es meistens nur einen Geruch, den nach Kohl. Man täte besser daran, helle saubere Wohnungen für Arbeiter zu bauen.9 Und über James Joyce befand Radek: „Das Bemerkenswerteste an ihm ist die Überzeugung, daß es im Leben nichts 6 Klaus Mann, Briefe, S. 189. 7 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 254. 8 Ebd., S. 204. 9 Ebd., S. 412. 79 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 Großes gibt […]. Ein von Würmern wimmelnder Misthaufen mit einer Filmkamera durch ein Mikroskop aufgenommen – das ist Joyces Werk.“10 Tretjakow weist immerhin darauf hin, daß der Streit um Joyce etwas von der Situation jener Harems-Ärzte beschwöre, die die kranken Sultansfrauen nur durch Mittelsmänner untersuchen durften, aus lauter Angst vor Verführung. Schließlich sei Joyce in Sowjetrussland nicht einmal übersetzt, geschweige denn gedruckt. Dasselbe gilt für Proust. Auch andere widersprechen Radeks Rede, manche nur im inneren Monolog. Klaus Mann schreibt in Der Wendepunkt, dass, wenn er seine Kritik auf dem Kongress vorgetragen hätte, es „zum peinlichsten Skandal“ gekommen wäre.11 Ich beginne gleich mit der kritischsten Stimme, der von Oskar Maria Graf, der sich in seinem postum publizierten Reisebericht kokett fragt, warum man ihm die Ehre einer Einladung hat zuteil werden lassen, so vornehm sei er noch nie in seinem Leben gereist (aber natürlich ist ihm klar, dass er als Herausgeber der Neuen Deutschen Blätter eingeladen worden ist). Das große Ereignis ist das Kapitel überschrieben, in dem er vom Kongress berichtet.12 Zuletzt unterscheidet er sich wenig vom Chor der anderen, von Gustav Regler, F. C. Weiskopf oder Klaus Mann, die in Moskau vor allem sich selbst wahrnehmen. Die vom Exil Versprengten und Degradierten fanden sich wieder und beobachten sich aufmerksam. Graf schreibt: Da sahen wir uns also alle wieder wir ehemaligen Bohemiens, wir intellektuellen Revolutionäre aller Schattierungen, wir verschwiegenen Romantiker, wir Abenteurer im Geist und heimlichen Spießbürger im Leben, wir versprengten, verfemten, emigrierten Schriftsteller, die der Hitlerismus in alle Windrichtungen der Welt verschlagen hatte.13 10 Ebd., S. 205. 11 Klaus Mann, Der Wendepunkt. Frankfurt a. M. 1953, S. 352. 12 Oskar Maria Graf, Reise in die Sowjetunion 1934. Mit Briefen von Sergej Tretjakow. Hrsg. von Hans-Albert Walter, Darmstadt und Neuwied 1974, S. 34. 13 Ebd., S. 42. 80 Michael Rohrwasser Aus der Heimat vertrieben – zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, konnte man hier in Moskau Militärparaden von der Bühne aus erleben – die Rote Armee marschierte auf für den Schriftstellerkongress – , und erfuhr man die eminente Bedeutung, die Schriftsteller im siegesbewussten Fortschreiten der Geschichte zugeschrieben wurde, und war bereit, auf die Verhei- ßung einer diktatorischen Durchsetzung von Vernunft zu setzen. Diese Hoffnung färbte die Reisebilder. Grafs Freund Sergej Tretjakow sorgte in diesen Tagen nebenbei dafür, dass man Graf die Tantiemen ins Ausland überwies. Und Tretjakow forderte in seiner Rede, dass den sowjetischen Schriftstellern nicht gleichgültig sein dürfe, was mit anderen Schriftstellern geschehe: „In Erschrecken muß es jeden versetzen, wenn er hört, daß sich die Arbeitsbedingungen für Brecht oder die Seghers verschlechtern“14 – gewiss war das eine süße Melodie in den Ohren jener, die sich von der Geschichte überrollt wussten. Vor dem Hintergrund der eigenen Entwertung nahm sich für die Emigranten der sowjetische Literaturbetrieb ungeheuerlich aus: Zehntausende begeisterte Leser erwarteten ihre Autoren, man sprach mit den Massen, diese stellten Forderungen, alle kümmerten sich um literarische Belange; der Staat war Organisator und durch die höchsten Funktionäre repräsentiert. Klaus Mann: „Die ganze Regierung kam, außer Stalin himself, es ging hoch her, in jeder Beziehung“.15 Lion Feuchtwanger schreibt ein paar Jahre später, 1937, bei seiner Ankunft in Moskau an seinen Freund Arnold Zweig, „daß es schwer hält, nicht größenwahnsinnig zu werden“.16 Majakowskis Forderung, dass die Parteipolitiker auch Experten für die Produktion von Romanen und Skulpturen werden müssten, schien in Moskau 1934 ebenso eingelöst wie seine Forderung, die Regierung sollte 14 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 227. 15 Klaus Mann, Briefe, S. 188. 16 Lion Feuchtwanger — Arnold Zweig, Briefwechsel 1933–1958. Hrsg. von Harold von Hofe, Berlin und Weimar 1984. Bd. I, S. 122 (Brief vom 9.XII.1936). 81 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 seine Verse neben den anderen Leistungen an der „Arbeitsfront“ prüfen und „die Feder dem Bajonett gleichsetzen“.17 Es geht hier nicht um den Vorwurf einer naiven Wahrnehmung, sondern der seiner Leser beraubte Autor nimmt eine bessere Welt wahr, in der die Kluft zur Leserschaft aufgehoben und die Gefahr der Bedeutungslosigkeit gebannt schien. Wieland Herzfelde begeistert sich in seinem Kongressbericht: Man muss das alles miterlebt haben […] um zu verstehen, daß dieser Kongress ohnegleichen in der Geschichte ist. […] Die Verfasser von Büchern, deren enorme Auflagen wenige Wochen nach Erscheinen in der Regel vergriffen waren, legen hier voreinander und vor den Lesern eines Erdteils Rechenschaft ab über ihre Tätigkeit, ihre Schwierigkeiten und Pläne. 18 Klaus Mann notiert am Tag der Ankunft in seinem Tagebuch: „Das ungeheure Interesse für Literatur […]. Goethe-Heft. Stendhal. Trambahnschaffnerin, die Proust liest“.19 In seiner Zeitschrift Die Sammlung ist es dann eine schlichtgekleidete Frau auf der Gartenbank, die Proust liest.20 Später notiert er dann die Forderungen der Masse an die Literaten: „Literarische Wünsche der Armee […]. Matrosen-Deputationen […] verlangen heftig neue Seemanns-Lieder“.21 Die Begeisterung hält auch noch an in Der Wendepunkt, seinen Erinnerungen von 1950: „Eine Bäuerin bestellte sich vaterländische Balladen für die Kinder. Eine junge Trambahnschaffnerin wollte mehr über die Liebe lesen, wie sie wirklich ist.“22 Manns Kongress-Bericht in der Sammlung ist ein Stück weit schon Analyse dessen, was die deutschen Gäste in Moskau faszinierte: 17 Vgl. Boris Groys, Gesamtkunstwerk Stalin. Die gespaltene Kultur in der Sowjetunion, München 1988, S. 40. 18 Wieland Herzfelde, Geist und Macht. Zum ersten Unionskongreß der Sowjetschriftsteller, in: Neue Deutsche Blätter 1 (1933/34), 12, S. 713 f. 19 Klaus Mann, Tagebücher 1934–1935. Hrsg. von Joachim Heimannsberg, München 1989, S. 55 (16.VIII.1934). 20 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 410. 21 Klaus Mann, Tagebücher, 21.8.1934. 22 Klaus Mann, Der Wendepunkt, S. 349. 82 Michael Rohrwasser Der Schriftsteller-Kongreß demonstriert vor allem eins: den vitalen Zusammenhang, der hier besteht zwischen dem literarischen Produzenten und seinen Abnehmern, den Lesern; zwischen Schriftsteller und Publikum, zwischen Leser und Volk […]. Die Frage, die den Schriftsteller im Westen immer be- ängstigt, oft lähmt, die bittere Frage: Für wen arbeitest du eigentlich – sie beantwortet sich hier mit der schönsten Selbstverständlichkeit. Denn hier arbeitet der Schriftsteller buchstäblich für alle […]. Der Schriftsteller hat eine große Situation. […] Uns fehlt es an Lesern; diesen nur an Papier.23 Oskar Maria Grafs Bericht klingt hier naiver, und es ist bezeichnend, dass sein Spott hier verstummt und der Blick sich schwärmerisch verschleiert. Er, der für seinen neuen Roman, Der Abgrund, keinen Verleger mehr findet, schildert seinen Kollegen André Malraux in der Diskussion mit „ehemaligen Dieben, Raubmördern, Einbrechern und Betrügern“, die alle Malraux‘ jüngstes Buch gelesen haben, auf französisch mit ihm disputieren und ihm eine schriftliche Antwort auf seine Thesen mitgeben.24 Graf schildert auch die Schimpfkanonade einer Bäuerin, die die Sowjetschriftsteller kritisiert, weil sie beim Schreiben ihrer Bücher nur kokette Weiber auftreten ließen.25 Aber ähnlich wie Mann umreißt er den Unterschied zwischen sowjetischem und dem westlichen Schriftsteller: die Schriftsteller im Kapitalismus bleiben […] Vereinzelte und Vereinsamte inmitten eines planlosen Systems. Der Sowjetschriftsteller aber steht mitten im Leben, mitten in der Masse seiner Genossen und kann seine Wirkung jederzeit überprüfen. Er lernt im Schaffen, er kann das kühnste literarische Experiment wagen und wird dennoch nie ein weltfremder Snobist, denn seine immer bereiten, ungewöhnlich interessierten Lesermassen kontrollieren ihn, kritisieren und helfen ihm weiter in seiner Ar- 23 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 409. 24 Graf, Reise in die Sowjetunion, S. 56. 25 Ebd., S. 40. 83 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 beit. Sie sind mit ihm verbunden wie eine große Familie. Immer war es die Sehnsucht des Dichters, so tiefe Wurzeln zu fassen im Allgemeinleben.26 Der Kongress verhieß die Erfüllung romantischer und elitärer Sehnsüchte. In der Beschwörung der anwesenden und eingreifenden Leserschaft wird nicht nur der anonyme literarische Markt wieder aufgehoben, sondern dem Autor wird um den Preis der nachprüfbaren Nützlichkeit seiner Arbeit der geistig-moralische Führungsanspruch zurückerstattet, den er schon längst verloren geglaubt hat. Freilich darf er nicht mehr „Dichter für Dichter“ sein, sondern danach trachten, sich mit dem Volk zu vereinen, so Graf.27 Das Proletariat wird auch für Graf zum wahren Kunstrichter, ausgestattet mit „sicherem Instinkt“, und er erinnert sich bei dieser Gelegenheit mit Widerwillen an die expressionistischen Holzschnitte, die zur Zeit der Münchner Räterepublik das amtliche Mitteilungsblatt des Zentralrates schmückten und auch dort von der Arbeiterschaft abgelehnt worden seien – eine beklemmende Verwandtschaft mit der völkischen Literaturkritik. Es ist erstaunlich, dass diese regressive, romantische Idee einer Literatur, die ihre Leser als Auftraggeber hat und von einem Staat kontrolliert wird, hier als wahre, wünschenswerte Gegenwelt gefeiert wird. Zurück zu einer Literatur ohne literarischen Markt, vergleichbar vielleicht einer frühen Utopie des jungen Lessing, der sich, gequält von der existentiellen Not eines freien Schriftstellers, wieder Bardendichter wünschte, Barden, die mit dem Heer ins Feld ziehen und für die tapferen Krieger Kampfeslieder schreiben, die ihren Heldenmut förderten. Statt den frühen Lessing kann man auch den alten Ernst Bloch zitieren, der in Prinzip Hoffnung dieses Moskauer Tableau gefeiert hat: „Kultur verliert das Beliebige und Ziellose, sie gewinnt den scharf orientierenden Hintergrund eines Wozu; neue Heilsordnung, nämlich für den Menschenstoff, zieht auf“ – am Ende steht 26 Deutsche Zentralzeitung (Moskau), 4.9.1934, zit. nach Rudolf Recknagel, Ein Bayer in Amerika. Oskar Maria Graf: Leben und Werk. Berlin 1974, S. 215. 27 Graf, Reise in die Sowjetunion 1934, S. 87. 84 Michael Rohrwasser bei Bloch die Beschwörung von „Disziplin, Autorität, zentrale[r] Planung, Generallinie, Orthodoxie“.28 Von der Kehrseite, der Funktionalisierung, Reglementierung, Indienstnahme der Literatur durch den Staat ist in den Kongressberichten nur wenig die Rede. Denn es ist die Verheißung von Nützlichkeit, Anerkennung, Erfolg, die den Moskauer Kongress so faszinierend machte und die Einschwörung auf ein Regelsystem ermöglichte, das der eigenen Schreibproduktion häufig widersprach. Dass auf dem Kongress der literarischen Moderne der Kampf angesagt wurde, dass in den Reden von Gorki, Bucharin und Shdanow der Sozialistische Realismus gefordert wurde, hat kaum einen Niederschlag in den zeitgenössischen Kongressberichten gefunden. Der im Nachhinein berühmteste Satz des Kongresses, den Andrej Shdanow verkündete, dass nämlich der Schriftsteller „Ingenieur der menschlichen Seele“ sei (und dem er die höchste Autorität verleiht, indem er Stalin als Autor nennt)29, taucht in den Kongress-Berichten von Klaus Mann, Wieland Herzfelde und Oskar Maria Graf gar nicht auf. Dafür stoßen wir auf den Satz später in Feuchtwangers Roman Waffen für Amerika (1947/48), wo es über Benjamin Franklin heißt: „Ein Ingenieur der Seelen zu sein, das war sein Beruf“30 (eine offensichtliche Reverenz vor Stalin, denn der Begriff des Ingenieurs war zu Franklins Zeiten noch unbekannt). Bei Graf heißt es, diesmal wieder mit ironischem Unterton: „Die Sowjetdichter hatten die Begriffe ‚sozialistischer Realismus‘ und ‚revolutionärer Romantizismus‘ als Losung für das künftige Kunstwerk ausgegeben. Bei richtiger Anwendung und Mischung, folgerten sie, muß Bleibendes entstehen. Es war nicht recht einzusehen, wieso, immerhin aber war es unterhaltend und anregend […].“31 Aber auch Graf verwandelt sich in Moskau in einen Literaturfunktionär und schlägt eine „Kontrollkommission“ vor „für die Überwachung 28 Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung. Bd. II., Frankfurt a. M. 1973, S. 618–620. 29 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 47. 30 Lion Feuchtwanger, Waffen für Amerika. Roman. 2 Bde, Amsterdam 1947/48. 31 Graf, Reise in die Sowjetunion 1934, S. 41. 85 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 von Übersetzungen“ der neueren Sowjetliteratur, weil diese bislang gar zu schlecht seien.32 Dass die Rote Armee für die Kongressteilnehmer aufmarschierte, scheint so absurd nicht mehr, liest man, wie auf dem Kongress die Rolle des Sowjetschriftstellers in militärischen Metaphern gefasst wurden, „eine Literatur des Kampfes“ und „des Sieges“, eine Literatur „vor der Endschlacht“, eine Literatur, die „das Banner hochhält“. Gustav Regler bekennt 1934: „Ich wurde von der größten Begeisterung erfaßt, als die Moskauer Garnison der Roten Armee den Saal betrat […] weil ich plötzlich vor mir auf der Tribüne die Armee des Proletariats erblickte“. Und er verkündet: „Ich werde ihnen [den Saarländern] sagen, daß hier die Arbeiter die literarischen Probleme lösen helfen […], daß die Rote Armee eine künstlerische Analyse gab.33 Am ausführlichsten werden in den Kongressberichten die eigenen Kollegen gewürdigt und kritisiert (auch ein Thema, das ich hier ausspare). Von dem, was den Kongress im Nachhinein bedeutsam macht, wird kaum etwas gesagt, die Vorträge, sie seien wenig interessant gewesen, heißt es nicht selten in den Tagebüchern und Briefen. Die Attacken, die Karl Radek gegen die literarische Moderne ritt, werden, wenn überhaupt, dann als Kuriosum geschildert (und Klaus Mann setzt, wie wir gesehen haben, die Vision seiner Proust-lesenden Trambahnschaffnerin dagegen). Vom Alltagsleben in Moskau 1934 wird wenig berichtet, vom politischen Hintergrund war nichts wahrzunehmen – die Kennzeichen vom Ausbau der Stalinschen Diktatur gingen, nach einem Wort Klaus Manns, unter „im riesigen Geräusch des Aufbaus“.34 Der Terror war unsichtbar; deutlicher zeichnete sich im August 1934 dagegen schon der Personenkult Stalins aus – aber auch er bleibt (fast) unkommentiert. Dass die Autoren nichts 32 Brief an Isabella Grünberg (4.XII.1934), in: Oskar Maria Graf in seinen Briefen. Hrsg. von Gerhard Bauer und Helmut F. Pfanner, München 1984, S. 89 f. 33 Gustav Regler, zit. nach Ralph Schock: Gustav Regler. Literatur und Politik (1933–1940), Frankfurt a. M. 1984, S. 73. 34 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 407. 86 Michael Rohrwasser mitbekommen, spiegelt sich schon in der anachronistischen Form des Reiseberichts, der auch jenseits des Kongresses eine Konjunktur erfährt – ob Gide, Graf, Feuchtwanger, Mann oder Regler: sie nahmen die Rolle des alten Reiseschriftstellers ein, der sich auf seine Sinne und seine Menschenkenntnis verließ. In den Berichten ist auch ein Gran Skepsis und Distanz zu finden, vor allem dort, wo die Literaturfunktionäre beschrieben werden. Aber einer Inszenierung wird von allen Glauben geschenkt: dem Traum der Teilhabe an historischer Größe, der Feier der eigenen Bedeutsamkeit, der Verkündung vom Ende des anonymen literarischen Markts. Die paradiesischen Versprechungen des Kongresses hießen Vereinigung mit dem Leser, politische Wirksamkeit des Schriftstellers und, last not least: gewaltige Auflagen. Dafür war man bereit, dem altmodisch-schulmeisterlichen Konzept des sozialistischen Realismus wie der Unterwerfung der Literatur unter das Prinzip der Nützlichkeit zu applaudieren und den Gastgeber Stalin zu feiern. Dass Stalin dabei über die Leichen nicht nur der unangepassten Autoren gehen würde, zeigte sich in den folgenden Jahren (einige Autoren waren schon verhaftet worden, darunter Victor Serge – dagegen wird ein Jahr später auf dem Pariser Kongress dann Protest erhoben, und an der Bekämpfung dieses Protests ließ sich schon erkennen, dass kritische Stimmen erfolgreich unterdrückt wurden). Grafs Kongreßbericht trägt den Titel „Die innige Verbindung des Schriftstellers mit der Masse“, der von Wieland Herzfelde heißt „Geist und Macht“. 1934 war es die Verbindung von Stalin und Gorki, in der die friedlich-romantische Einheit von Geist und Macht verkörpert schien, Stalin als Schirmherr nicht nur des Antifaschismus, sondern auch der Literatur. 87 Falko Schmieder “Dreams of a better life”: Ernst Blochs Weltflucht im Exil Am 7. April 1949, nach knapp elf Jahren im amerikanischen Exil, schreibt Ernst Bloch kurz vor seiner Rückkehr nach Europa in einem Brief an den Schriftsteller Hermann Broch: „Das neue Buchmanuskript habe ich S. 681 sozusagen mitten im Satz unterbrochen und werde am neuen Schreibtisch fortfahren, als wäre nichts geschehen.“1 Fortfahren, als wäre nichts geschehen – dieser Satz könnte auch als Motto zur Charakterisierung von Blochs Arbeitsweise nach seiner Emigration in die USA und nach seiner Rückkehr nach Deutschland stehen. Ebenso passend wäre der Satz aber auch in Bezug auf sein philosophisches Gesamtwerk. Hat doch Bloch selbst zeitlebens die Kontinuität seiner theoretischen Anschauungen wie seines politischen Engagements hervorgehoben.2 Dieses Insistieren auf Kontinuität verwundert um so mehr, als das theoretische Denken anderer politischer Intellektueller durch die Erfahrung des Nationalsozialismus eine grundsätzliche Neuausrichtung erfuhr. Walter Benjamins Neufundierung des Geschichtsbegriffs, Hannah Arendts Totalitarismustheorie, Günther Anders’ Konzept der Antiquiert- 1 Ernst Bloch, Brief an Hermann Broch vom 7.4. 1949, in: Ernst Bloch, Briefe 1903–1975. Hrsg. von Karola Bloch u.a., Frankfurt a.M. 1985, S. 846. 2 Vgl. Bruno Schoch, „Ernst Bloch: Hoffnung − aus Verzweiflung“, in: Dan Diner (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a.M. 1988, S. 69–87, hier S. 71. 88 Falko Schmieder heit des Menschen, Theodor W. Adornos Negative Dialektik – um nur einige zu nennen – alle diese Ansätze dokumentieren das Bewusstsein eines fundamentalen Bruchs in der Erfahrung von Geschichte, durch den überkommene Kategorien wie Freiheit, Fortschritt oder Sinn der Geschichte nachhaltig erschüttert wurden. „Das Staunen darüber, dass die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ,noch‘ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“3 So heißt es in Walter Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte. Herbert Marcuse hat im Nachwort zur Neuauflage jener Thesen Benjamins epistemologischen Einsatz noch zugespitzt: „Das Denken erfährt den Schock, der es unfähig macht, in den überlieferten Bahnen weiter zu denken.“4 Blochs Denken dagegen scheint von den katastrophalen Verwerfungen der Geschichte, die auch in seiner Biografie ihre Spuren hinterlassen haben, auffällig unberührt geblieben zu sein. „Es ist ja auch nichts geschehen.“ – So geht der oben zitierte Passus aus dem Brief an Hermann Broch weiter. Die Kontinuität seines Denkens gründet sachlich in einem Thema, das wir heute mit seinem Namen unmittelbar assoziieren: dem Thema der Utopie. Bereits im Jahre 1918 ist mit dem Buch Vom Geist der Utopie Blochs erste Veröffentlichung hierzu erschienen – da war er 33 Jahre alt. Bloch, der zu den wenigen deutschen Intellektuellen gehörte, die den Ersten Weltkrieg nicht begeistert herbeigesehnt hatten, erlebte die Veröffentlichung seines Buches in der Schweiz, in die sich der Kriegsgegner zurückgezogen hatte. Unschwer lässt sich erkennen, dass Blochs Auseinandersetzung mit dem utopischen Denken auch als Reaktion auf diesen Krieg zu verstehen ist, der die Leitvorstellung der Fortschrittsphilosophie des 19. Jahrhunderts von einer sukzessiven Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände in eine 3 Walter Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“, in: ders.: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1974, Bd. I.2., S. 693– 704, hier S. 697. 4 Herbert Marcuse, „Nachwort“, in: Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze, Frankfurt a.M. 1965, S. 97–107, hier S.105f. 89 “Dreams of a better life” fundamentale Krise gebracht hat. In der marxistischen Theorietradition, der Bloch sich zugehörig fühlte, war der Glaube an den Fortschritt der Gesellschaft mit einer Abwertung des utopischen Denkens verbunden, wie exemplarisch an Friedrich Engels’ Buchtitel Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft deutlich wurde. Blochs Rehabilitierung und Neudefinition des Utopiebegriffs erfolgte im Interesse der Erschließung der subjektiven Dimension, der Wünsche, Träume, Triebe und Bedürfnisse der Menschen, die sich gerade in gesellschaftlichen Umbruchzeiten als eminent bedeutender politischer Faktor erwiesen hatten. In der Weimarer Republik hatte Bloch allen Grund, gegenüber der Fortschrittsphilosophie skeptisch zu seien. Der Erste Weltkrieg und dann die Entstehung faschistischer Bewegungen ließen deutlich werden, dass die Krise der bürgerlichen Gesellschaft nicht zwangsläufig nur emanzipatorische Potenziale entbindet, sondern auch regressive und destruktive Energien entfesseln kann. In der Weimarer Zeit war Bloch einer der ersten, der die Gefahr faschistischer Massenbewegungen erkannte, die er kritisch analysierte und publizistisch bekämpfte. In dem erstmals 1935 in einem Züricher Verlag erschienenen Buch Erbschaft dieser Zeit sah er den Erfolg der Nationalsozialisten gerade darin begründet, dass sie an den Gefühlen und Bedürfnissen der Menschen ansetzten, die von der Linken sträflich vernachlässigt worden seien. Der an Marx geschulten Theoriebildung macht Bloch den Vorwurf, „die Massenphantasie unterernährt“ und „die Welt der Phantasie fast preisgegeben“5 zu haben. „Nazis“, so lautet eine berühmte Passage, „sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“6 Seine Beschäftigung mit der utopischen Dimension dient auch dazu, der Linken diese verschütteten Dimensionen der Phantasie und des Begehrens wieder zugänglich zu machen. Als die Nazis die Macht übernahmen, war Blochs Leben unmittelbar bedroht. Sein Name wurde auf die Liste der verbotenen Autoren gesetzt, er 5 Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt a.M. 1973, S. 149. 6 Ebd., S. 153. 90 Falko Schmieder musste emigrieren. Seine erste Zufluchtsstätte war Zürich, die Stadt, in die er schon zur Zeit des Ersten Weltkrieges ausgewichen war. Allerdings galten in der Schweiz die europaweit härtesten Vorschriften gegen Emigranten. Bloch, der weiterhin politisch aktiv blieb, wurde nach anderthalb Jahren der Tolerierung durch die eidgenössische Fremdenpolizei ausgewiesen.7 Er emigrierte weiter nach Wien, dann nach Paris, schließlich nach Prag. Buchstäblich in letzter Minute, kurz vor dem Münchner Abkommen im September 1938, gelang ihm gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn die Flucht in die USA. Während der Überfahrt reifte der Plan zu einem Werk, das den Arbeitstitel Dreams of a better life trug. Es sollte sich dabei um eine Enzyklopädie der Wünsche und der vom sozialutopischen Denken hervorgebrachten Wunschbilder handeln.8 Kurz nach der Ankunft in den USA schrieb Ernst Bloch an Klaus Mann, dass das Buch „den Vorzug haben dürfte, recht amerikanisch zu sein und mich dennoch nicht einen Zoll aus dem Zentrum der wichtigsten Angelegenheiten zu entfernen“.9 Die Kontinuität zu seinem bisherigen Schaffen konnte Bloch so stark betonen, weil das geplante Werk seine Auseinandersetzung mit dem utopischen Denken fortsetzte, die er 1918 mit Geist der Utopie begonnen hatte. Dass es zugleich ein ,recht amerikanisches‘ Buch werden sollte, hat mit seiner durch das Exil begünstigten Sensibilisierung für die Potenziale des American Dream zu tun. Deutlich wird das an dem Vortrag Zerstörte Sprache – Zerstörte Kultur, den er im Januar 1939 vor der von Oskar Maria Graf geleiteten German-American Writers Association in New York gehalten hat. Verschiedene Motive des geplanten Werkes werden in diesem Vortrag direkt auf die amerikanische Geschichte bezogen. Bloch hebt den Status von Amerika als Einwanderungsland hervor, in dem der alte Grundsatz gilt: Wer hier ist, ist hier und hat gleiche Rechte. Amerika wird als ein kapitalistisches Pionierland bezeichnet, in dem die humanistische Tradition 7 Vgl. Karlheinz Weigand, Ernst Bloch, in: John S. Spalek / Konrad Feilchenfeldt / Sandra H. Hawrylchak (Hrsg.), Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, Bd. 3: USA, Bern/München 2000, S. 15–48, hier S. 15f. 8 Vgl. Arno Münster, Ernst Bloch. Eine politische Biographie, Berlin/Wien 2001, S. 220. 9 Bloch, Briefe, S. 646. 91 “Dreams of a better life” lebendig geblieben ist, die von den faschistischen Regimes in Europa, allen voran das nationalsozialistische Deutschland, verraten worden sei. Besonders hebt Bloch die Erziehungsidee hervor, den Glauben an das Projekt der „education“, das im amerikanischen Bürgertum so wichtig genommen werde wie kaum irgendwo. Dabei sieht er den amerikanischen Freiheitsgedanken und die Bewahrung der Humanität im Zusammenhang der antikischen Gründungsideologie der Washington- und Jeffersonzeit. Die große Bedeutung der Menschenrechte für die amerikanische Politik speist sich für ihn aus der stolzen Erinnerung der Amerikaner an die Unabhängigkeitserklärung im Zusammenhang der bürgerlichen Revolution, die, so bedauert Bloch, in Deutschland ausgeblieben ist. In den Schlusspassagen seines Vortrags heißt es dazu: Aber wir verstehen auch, daß Amerika, zum Unterschied von Deutschland, eine bürgerliche Revolution im Leib hat; seine Nationalhelden sind Washington und Lincoln, nicht der Große Kurfürst und Bismarck. Man spricht hier, wie formalistisch immer, eine Art Nationalsprache, wenn man Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sagt. Und die Politik Roosevelts kann man ohne Schamröte anständig und zur Zeit betreibenswert finden. […] Dreams of a better life: das überhaupt ist das amerikanische Grundthema; und es ist uns Europäern verwandt geworden wie kaum ein anderes. Mehr Genies als es Musen gibt, hätten derart am amerikanischen Stoff zu tun, am manifesten von heute, am latenten von morgen.10 Bloch verbindet in dieser Passage sein eigenes Projekt einer Enzyklopädie utopischer Konzepte direkt mit der amerikanischen Geschichte, den American Dreams, die, so legt er nahe, ergiebiges Material für sein Projekt zu liefern versprechen. In diesem Sinne ist auch die abschließende enthusia- 10 Ernst Bloch, Zerstörte Sprache – Zerstörte Kultur, in: Internationale Literatur (Moskau) 9 (1939), 6, S. 132–141, hier S. 140. Von dem Vortrag existieren verschiedene – in interessanten Details voneinander abweichende – Fassungen. Die amerikanische Übersetzung des Vortrags wurde unter dem Titel „Disrupted Language – Disrupted Culture“ veröffentlicht in: Direction II (1939), 8: Exiled German Writers, S. 16–17, 36; die Fassung letzter Hand findet sich in Ernst Bloch, Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz, Frankfurt a.M. 1970, S. 277–299. 92 Falko Schmieder stische Äußerung zu verstehen, dass Amerika „the generous land ever-ready for Utopias“11 sei. Das Schicksal dieses Landes sieht Bloch, schon in Antizipation des Eingreifens von Roosevelts Amerika in das Kampfgeschehen des Zweiten Weltkrieges, weiterhin eng mit dem Europas verbunden. „In Europa ist das Feld, worauf über viele amerikanische Probleme mitentschieden wird, in Europa war der Ausgangspunkt der vergangenen, ist der Experiment- Ort der künftigen amerikanischen Ideologie.“12 In diesem Zusammenhang erörtert Bloch auch die Frage nach den Wirkungsmöglichkeiten der Emigranten in Amerika. Von besonderer Bedeutung erscheint ihm das Problem der Sprache, dem er einen Großteil seines Vortrags widmet. Er unterscheidet zwei Grundtypen von Immigranten. Der erste Typ, den Bloch auch als „Schnellamerikaner“ bezeichnet, will sich von drüben völlig abwenden, seine Vergangenheit hinter sich lassen und verschmähe es sogar, deutsch zu sprechen; bis zum Selbsthass sei sein Deutschlandhass gediehen. Der zweite Typ wolle sein altes Sein und Bewusstsein behalten, als wäre mit der Einreise in die USA nichts geschehen. Beim Versuch der Beantwortung der Frage, wie man sich vom falschen Radikalismus dieser beiden Haltungen befreien kann, kommt Bloch wieder auf das Thema Sprache zurück. Jeder Einwanderer bringe seine Sprache mit, die seine Lebensgeschichte und Identität bestimme. Im amerikanischen Exil sieht Bloch diese Sprache in doppelter Weise bedroht: in Deutschland drohe sie zu ersticken, in den USA zu erfrieren. Besonders Schriftsteller seien so an ihre Sprache gebunden, dass sie sich im neuen Gastland fast stärker in der Emigration fühlten als wie zuvor. Hier, wo die Emigration objektiv ende, beginne sie für manchen subjektiv im größeren Umfang. Diese Schwierigkeit konfrontiert Bloch mit der seiner Auffassung nach berechtigten Erwartung der Amerikaner, dass seine Immigranten sich auch als solche fühlen sollten und nicht nur als „Visitors und Überwinterer“. 11 Bloch, „Disrupted Language“, S. 17. 12 Bloch, Politische Messungen, S. 299. 93 “Dreams of a better life” Amerika hat sich seit alters als Schmelztiegel installiert. Mögen die Wände und die überwiegende Masse in diesem Schmelztiegel noch so angelsächsisch sein: der gesamte Inhalt bleibt gärend und bereit, sich zu legieren. Amerika will kein bloßes Gemenge aus verschiedenen europäischen Nationen sein; diese Eigenschaft muß akzeptiert werden. Sie setzt aber voraus, daß jeder Einwanderer etwas mitbringt, das sich zu schmelzen lohnt, und das schmelzbar ist.13 Seine leitende Frage lautet daher: „Wie können wir als deutsche Schriftsteller in einem anderssprachigen Land das Unsere tun, uns bei der Arbeit erhaltend. Oder, was dasselbe ist (dasselbe sein sollte): Wie könnten wir hier unseren Mann stellen, unseren Ort finden, unsere Aufgabe erfüllen?“14 Bloch votiert in seinem Vortrag für eine Vermittlung europäischer und amerikanischer Ideen. Der deutsche Intellektuelle soll als lernender Lehrer in Amerika fungieren und seine Erfahrungen in den Erfahrungsschatz des Gastlandes einschmelzen. In einer Umfrage zu den Konsequenzen der historisch beispiellosen intellektuellen Emigration aus Europa für Amerika greift Bloch 1942 Motive seines New Yorker Vortrags wieder auf, wenn er betont, dass der Einwanderer dem Gastland Mitarbeit schulde, damit „die jetzige intellektuelle Emigration einmal mit der nach 1848 halbwegs verglichen werden kann“.15 Amerika könne aus dem neuen europäischen Kulturimport durchaus Gewinn ziehen, so wie etwa Florenz von der Einwanderung byzantinischer Gelehrter nach dem Fall von Konstantinopel profitierte.16 Für Bloch selber gestaltete sich die Integration allerdings sehr schwierig, wofür es viele Gründe gab. Ein erster, zentraler Grund dafür war das Sprachproblem, das im Mittelpunkt seines New Yorker Vortrags stand. So war Bloch schon über 50 Jahre alt, als er als Emigrant amerikanischen Boden betrat. Als Absolvent eines altsprachlichen Gymnasiums hatte er Latein und Griechisch sowie Französisch gelernt; das Englische hatte seinerzeit noch nicht den 13 Ebd., S. 298. 14 Ebd., S. 293. 15 Bloch zitiert nach Weigand, Ernst Bloch, S. 21. 16 Vgl. ebd., S. 21f. 94 Falko Schmieder Status einer weltweit verbreiteten Verkehrssprache, die als erste Fremdsprache gelernt wird.17 Wer es aber als Emigrant in Amerika zu etwas bringen wollte, der musste das Englische sehr gut beherrschen. Bloch tat sich umso schwerer mit dieser Sprache, als er überzeugt davon war, seine philosophischen Gedanken nur in der deutschen Sprache angemessen artikulieren zu können. Sein Deutsch aber wurde von amerikanischen Verlegern als zu schwierig („cryptic“) und „unübersetzbar“ bewertet.18 Ihre Bitten um erhebliche Kürzungen und leserfreundlichere Formulierungen wiederum wurden von Bloch als Zumutung empfunden. Dass es Bloch nicht gelang, im akademischen Betrieb Fuß zu fassen, hing aber auch mit unüberbrückbaren politischen und theoretischen Differenzen zu den Mitgliedern des von Max Horkheimer geleiteten Instituts für Sozialforschung zusammen, das gerade in der Anfangsphase des Exils vielen deutschen Emigranten, darunter Franz Neumann, Otto Kirchheimer und Leo Löwenthal, Aufträge oder Arbeitsmöglichkeiten verschaffte. Die Erfahrung des Nationalsozialismus hatte die Linke in zwei Lager gespalten, zwischen denen eine theoretische Verständigung kaum mehr möglich war.19 Auf der einen Seite standen Vertreter wie Bertolt Brecht, Georg Lukács oder eben Bloch, die den Faschismus im wesentlichen als Betrug an den Massen und als ein Zeichen des Zerfalls der kapitalistischen Ordnung auffassten. Auf der anderen Seite standen die Vertreter der Frankfurter Schule, insbesondere Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die aus der Erfahrung des Faschismus die Konsequenz einer Absage an die kollektivistische Ideologie des Marxismus zogen und fortan die Aufklärung über den Antisemitismus und die Verteidigung der Rechte des Einzelnen zu ihrer Sache machten. In einem Brief an Horkheimer schreibt Adorno im August 1940: 17 Vgl. ebd., S. 22. 18 Vgl. ebd., S. 24. 19 Vgl. Hans-Martin Lohmann, „Stalinismus und Linksintelligenz. Anmerkungen zur politischen Biographie Ernst Blochs während der Emigration“, in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 4 (1984), 1, S. 71–74. 95 “Dreams of a better life” Mir geht es allmählich so, auch unter dem Eindruck der letzten Nachrichten aus Deutschland, daß ich mich von dem Gedanken an das Schicksal der Juden überhaupt nicht mehr losmachen kann. Oftmals kommt es mir vor, als wäre das, was wir unterm Aspekt des Proletariats zu sehen gewohnt waren, heute in furchtbarer Konzentration auf die Juden übergegangen. Ich frage mich, ob wir nicht […] die Dinge, die wir eigentlich sagen wollen, im Zusammenhang mit den Juden sagen sollten, die den Gegenpunkt zur Konzentration der Macht darstellen.20 Vor allem Ernst Blochs Parteinahme für das stalinistische Regime in der Sowjetunion sowie seine Verteidigung der Moskauer Prozesse im Jahre 1937 wurde von Horkheimer und Adorno mit Entsetzen aufgenommen, so dass sich beide eine Zusammenarbeit mit Bloch nicht mehr vorstellen konnten. Schließlich war es nicht zuletzt auch Blochs Abneigung gegen den amerikanischen Lebensstil und die herrschende materialistische Denkart, die seine Assimilation wesentlich erschwerte. In einem Brief an Thomas Mann vom 27. Mai 1940 heißt es einmal in Bezug auf Amerika: „Das Land ißt nicht von der metaphysischen Konfitüre“21. Dem an den überschießenden, das Gegebene transzendierenden Ideen und Entwürfen interessierten Bloch waren der amerikanische Pragmatismus und die Beschränkung auf die vorfindliche Ordnung ein Graus. Die dreams of a better life, denen er nachspürte, entpuppten sich ihm häufig nur als Treibstoff der Reklame. Dass Bloch andererseits selbst Probleme damit hatte, seine neue Umgebung unvoreingenommen und im konkreten Detail zu erfassen, zeigt sein Versuch einer Beschreibung des New Yorker Alltagslebens, den er nach kurzer Zeit wieder abgebrochen hat. Sein Amerikabild blieb häufig in Stereotypien der Kulturkritik stecken und war stark geprägt von den Romanen eines Karl May, Zane Grey oder Friedrich Gerstäcker. Wie sein Sohn Jan Robert Bloch später mitteilte, hielt Ernst Bloch beispielsweise hartnäckig daran fest, dass die Sioux-Indianer „Siuks“ hießen, 20 Max Horkheimer, Gesammelte Schriften. Hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt a.M. 1987–1996, Bd. 16, S. 764. 21 Bloch, Briefe, S. 701. 96 Falko Schmieder auch wenn sie in ihrem eigenen Land als „Suh“-Indianer angesprochen werden.22 Blochs Weltfremdheit gegenüber seiner neuen Umgebung hat der Literaturwissenschaftler und enge Freund Hans Mayer einmal in die treffende Formulierung gebracht: „Ob er jemals in Massachusetts realisiert hat, daß man im Lande nicht deutsch sprach, ist mir immer zweifelhaft geblieben.“23 So lastete die ökonomische Versorgung der Familie wesentlich auf den Schultern seiner Frau, der Bauhaus-Schülerin und Architektin Karola Bloch, die jahrelang Aushilfsjobs als Kellnerin, Versicherungsagentin oder Verkäuferin annehmen musste. Gerade in den ersten Jahren des Exils lebten die Blochs häufig am Rande des Existenzminimums und waren von finanziellen Zuwendungen einiger Freunde abhängig. Bloch hat diese Situation im Rückblick häufig verklärt, etwa wenn er schreibt, dass die Arbeit an seinem großen Werk ihm friedvolle Jahre bescherte. „Ich war glücklich, ungestört auf deutsch schreiben zu können, in einer Sprache, die rundum nicht gesprochen und banalisiert wurde, einer wissenschaftlichen und einer philosophischen Sprache.“24 Dass Blochs Freiheitsdenken im Exil auf der Reproduktion von Herrschaft bis ins Privateste beruhte, bleibt in dieser ätherischen Rückerinnerung außer Betracht. Dennoch trifft diese Selbsteinschätzung einen wichtigen Punkt, denn Bloch sah in der verzweifelten Lage gesellschaftlicher Isolation auch eine Chance, kompromisslos ganz für sein Werk leben zu können. Trotz der widrigen Umstände hat seine eigene Arbeitsweise etwas von der Utopie nicht entfremdeter, selbstbestimmter Arbeit. Adornos Satz, Ernst Bloch sei einer, der sich an seinen eigenen Gedanken wärmen könne, setzt dieses Moment der Selbstbegeisterung im Schaffen treffend ins Bild. Blochs unerschütterlicher Optimismus war auch von der sicheren Erwartung getragen, dass seine Zeit noch 22 Jan Robert Bloch, „Dreams of a better Life. Zum Exil Ernst Blochs in den USA“, in: Karlheinz Weigand (Hrsg.), Bloch Almanach 18/1999, Ludwigshafen 1999, S. 109–131, hier S. 124. 23 Hans Mayer, Ernst Bloch, Utopie, Literatur, in: Ernst Blochs Wirkung, Ein Arbeitsbuch zum 90. Geburtstag, Frankfurt a.M. 1975, S. 237–250, hier S. 245. 24 Ernst Bloch im Gespräch mit José Marchand (1974), in: Arno Münster (Hrsg.), Tagträume vom aufrechten Gang. Sechs Interviews, Frankfurt a.M. 1977, S. 20–100, hier S. 70. 97 “Dreams of a better life” kommen werde. Auch war er immer der festen Überzeugung gewesen, dass der Nationalsozialismus nicht von langer Dauer sein würde. Die Exilzeit betrachtete er als einen Interimszustand. Seine ganze Arbeit hatte er, wie es schon in der New Yorker Rede hieß, „um eines anderen Deutschlands willen und um der stark zu verändernden Verhältnisse willen“, also immer auch im Hinblick auf eine Rückkehr nach Deutschland unternommen. Seine Erkundungen der „dreams of a better world“, diesem Schatzhaus historischer Utopien, waren ganz diesem Zweck gewidmet. Der Zusammenhang von Utopismus und American Dream ist vielleicht am innigsten in Bezug auf die kollektiven Fantasien, die sich an die Entdeckungen und den Expansionsdrang knüpften. Illustrieren lässt sich das an der Figur des Kolumbus, die für Ernst Blochs Buch eine gewisse Schlüsselstellung innehat.25 Als der Entdecker der Neuen Welt ist Kolumbus ein Archetyp utopischer Unternehmungen. Bloch zufolge war Kolumbus wie kaum ein anderer vom Glauben an das irdische Paradies beseelt. Er war eine Figur der Grenzüberschreitung und hat sich als Werkzeug der Vorsehung begriffen. Dieses Motiv ermöglicht eine Verbindung zur Hegelschen Philosophie, die für das Denken von Ernst Bloch eine zentrale Bedeutung hatte. Bloch verbindet das Motiv des Entdeckungsdrangs mit dem Motiv der Befreiung durch tätige Arbeit. Kolumbus erscheint ihm als eine prometheische Gestalt, als ein faustischer Charakter, der ganz vom Gedanken der universellen Befreiung beseelt war und vorangetrieben wurde. Den wissenschaftlichen Durchbruch zu Neuem, nie Dagewesenem als eine Art Vorschein eines anderen Lebens zu sehen – dieser Blochschen Konstruktion unterliegt die traditionelle marxistische Vorstellung, dass die Produktivkräfte ein utopisches Potenzial bergen, das nur aufgrund ihrer Bindung an die kapitalistischen Formen des Eigentums nicht verwirklicht werden kann. 25 Vgl. Manfred Riedel, Friedhof und Gedenkfest der Utopie. Ernst Bloch und Amerika, in: Neue Deutsche Literatur 42 (1994), S. 100–106; Beat Dietschy, Die Tücken des Entdeckens. Ernst Bloch, Kolumbus und die Neue Welt, in: Francesca Vidal (Hrsg.): Jahrbuch der Ernst-Bloch- Gesellschaft, Ludwigshafen 1994, S. 234–250. 98 Falko Schmieder Die auffälligsten Spuren des Exils bilden die amerikanischen Redewendungen und Zitate, die Bloch in seinem in deutscher Sprache verfassten Text in der Originalsprache wiedergegeben hat. “there are no limitations in what you can do; think you can”. “Once you learn a few simple secrets, you will be amazed to find how ideas begin fairly pouring into your brain”.26 Diese Zitate verweisen wie andere unübersetzte Passagen auf Lektüren, die auf den Zufällen des Schicksals in der Emigration beruhen, ohne die sie schwerlich zustande gekommen wären. Im Nebeneinander von lateinischen Zitaten, an Hegel gemahnenden Wendungen und Slogans aus amerikanischen Erfolgsbüchern hat Bloch nicht nur einen atmosphärischen Eindruck seines Daseins im Exil festgehalten. Hinter der Entscheidung, einige Passagen aus dem amerikanischen Kontext unassimiliert stehen zu lassen, steht auch seine Anerkennung eines besonderen Ausdruckspotenzials, das bei der Übertragung in eine andere Sprache verloren zu gehen droht. Die Originalzitate dokumentieren Blochs Sensibilität für den Zusammenhang von Sprache und Welt-Anschauung, mit der er im Exil auch sein Festhalten an der eigenen Sprache gerechtfertigt hat. So verdichten sich für Bloch in den oben wiedergegebenen Passagen missionarische Elemente mit solchen der Reklamesprache und Motiven psychotechnischen Selbstmanagements zu Anfeuerungsformeln, die dem amerikanischen Pioniergeist ein unnachahmliches, d.h. nicht ohne Verlust übersetzbares Gepräge geben. Bloch hat viele Jahre an seinem Opus Magnum gearbeitet, das schließlich den Titel Das Prinzip Hoffnung tragen wird. Als sich einige Jahre nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus die Möglichkeit bot, nach Deutschland zurückzukehren, hat er tatsächlich, als wäre nichts gewesen, an der Fertigstellung seines Hauptwerkes aus der Exilzeit weiter gearbeitet. Liest man das Buch im Zusammenhang seiner brieflichen Äußerung aus der Entstehungsphase, in der Bloch das Buch als ein durchaus amerikanisches konzipierte, so lassen sich viele Elemente des American Dream darin fassen, die Bloch in seiner New Yorker Rede aus dem Jahre 1939 so 26 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Zweiter Band, Frankfurt a.M. 1973, S. 795. 99 “Dreams of a better life” emphatisch herausgestellt hat. Andererseits ist nicht zu verkennen, dass das Buch ganz in der Tradition deutscher Philosophie verwurzelt ist und insbesondere den Geist von Hegel atmet. Darüber hinaus ist zu bemerken, dass Bloch die enthusiastischen Passagen über die Pionierrolle der amerikanischen Demokratie und die besondere Affinität von amerikanischer Geschichte und Utopie später gestrichen hat; in seiner Werkausgabe taucht etwa der Satz, dass Amerika „the generous land ever-ready for Utopias“ sei, nicht mehr auf. Als Bloch diesen Satz formuliert hatte, war es gerade einmal zwei Jahre her gewesen, seit er in der Exilzeitschrift Die Neue Weltbühne die Moskauer Prozesse öffentlich verteidigt hat. Der scharfe Kontrast zwischen seiner Hoffnung auf die Entwicklungen in der Sowjetunion und seiner Einschätzung Amerikas als Fixpunkt für das utopische Denken ist offenkundig, von Bloch jedoch nie einer Reflexion unterzogen worden – ebensowenig wie der Widerspruch, dass Bloch nach Amerika und nicht in die Sowjetunion emigriert war, der er sich politisch verbunden fühlte. Dass er recht daran tat, ließe sich an zahllosen Schicksalen linker Intellektueller zeigen, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen waren und dann in den stalinschen Lagern umgekommen sind. Blochs Rückkehr aus dem Exil wurde vorbereitet in der Korrespondenz der beiden Romanisten Erich Auerbach und Werner Krauss. Dieser zeigt sich in einem Brief an Auerbach „aufs stärkste“27 berührt von der Erwähnung Blochs, den Krauss für die Besetzung eines Lehrstuhls an der Leipziger Universität gewinnen möchte. Belehrt durch die Erfahrung mit Herbert Marcuse, der ein solches Angebot rasch abgelehnt hatte,28 hält Krauss eine solche Offerte nun „dringend einer vorigen Sondierung bedürftig“. Auerbach, der wie Bloch und Marcuse vor den Nationalsozialisten geflohen und 1947 in die Vereinigten Staaten gekommen war, deutete in seinem Antwortbrief auf mögliche Schwierigkeiten hin („Nichts zwingt 27 Brief von Werner Krauss an Erich Auerbach vom 25. November 1947, in: Werner Krauss, Briefe 1922–1976. Hrsg. von Peter Jehle, Frankfurt a.M. 2002, S. 389. 28 Vgl. Brief von Herbert Marcuse an Werner Krauss vom 28. November 1947, in: Krauss, Briefe, S. 390f. 100 Falko Schmieder ihn hier fortzugehen“) und rät dazu, „die Berufung in der Form etwas menschlich [zu] gestalten, dass er sich herzlich eingeladen fühlt – er ist voll von Wäme und sehr empfindlich für menschliche Herzlichkeit.“29 Der Brief, den Krauss an Bloch geschrieben hat, muss wohl als verloren gelten; Auszüge daraus sind uns aber durch einen Brief von Bloch an seinen Freund Joachim Schumacher überliefert. Darin wird das Ersuchen von Werner Krauss mit folgenden Worten wiedergegeben: Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wieviele Gedanken in Deutschland um Sie kreisen. Jedenfalls habe ich mich zum Interpret dieser Wünsche gemacht, die sich auf Sie mit einer ungeheuren Zumutung richten. Wir sind nämlich alle davon überzeugt, daß der verwaiste philosophische Lehrstuhl von Ihnen besetzt werden müßte. Die uralte Feindschaft zwischen schöpferischem Geist und Akademikertum ist durch die besondere Situation der hiesigen Universitäten vollständig aufgehoben … Es wäre Ihnen natürlich unbegrenzte Freiheit gelassen. Denn das einzige, was Sie zum Erwägen dieses Projekt überhaupt bestimmen könnte, ist die gemeinsame Aufgabe und die bisher wohl nie gefundene Gelegenheit, in eigener Sache zu wirken. Hinter mir stehen also zwei Fakultäten mit ihrer Bitte: die philosophische und die gesellschaftswissenschaftliche, die je einen Lehrstuhl für Sie freihalten, wobei Sie sich aber nicht zerteilen müßten. Die gesellschaftswissenschaftliche ist als Kristallisationspunkt der neuen Universität gebildet… Alle Ihre denkbaren Forderungen sind sozusagen im Voraus bewilligt.30 „Eine Kugel kam geflogen aus der Heimat für mich her“31 – mit diesen Worten beschreibt Bloch den Empfang dieser unerwarteten Botschaft. In seinem Antwortbrief an Krauss gibt Bloch gleich zu Beginn sein grundsätzliches Einverständnis, die Professur zu übernehmen. Dass diese Antwort keineswegs alternativlos war, dokumentiert ein Brief, den er ein dreiviertel Jahr vorher an Schumacher abgesandt hat. „Vielleicht muß ich zum Korrekturlesen nächstes Frühjahr und Sommer in Europa sein. Ich sage: 29 Brief von Erich Auerbach an Werner Krauss vom 2. Januar 1948, in: Krauss, Briefe, S. 403. 30 Brief von Ernst Bloch an Joachim Schumacher vom 15. Februar 1948, in: Ernst Bloch, Briefe 1903–1975. Hrsg. von Karola Bloch u.a., Frankfurt a.M. 1985, Bd. 2, S. 591. 31 Ebd. 101 “Dreams of a better life” Europa, nicht Deutschland. Ich sage genauer: Paris. Bis jetzt kann ich das Grauen vor meinem Geburtsland nicht aus den Knochen kriegen; vor dem Land, wo meine Sprache nicht mehr klingt (um mich euphemistisch auszudrücken).“32 In seiner Antwort an Krauss tauchen solcher Art Bedenken nicht auf. Erst am Ende des Briefes kommt Bloch auf die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland zu sprechen. In diesem Zusammenhang berührt Bloch auch das Thema des Antisemitismus, aber in bestimmter Hinsicht liefert er die Antwort auf die Frage sogleich mit: „Bei Arbeiterstudenten kommt so etwas nicht in Frage, aber wie ist es mit den anderen und mit dem Milieu darum herum?“33 Bloch hat den Nationalsozialismus, vor dem er nach Amerika geflüchtet war, immer als Manipulation der Arbeiterklasse verstanden. Diese instrumentalistische Sichtweise hat ihm die Entscheidung einer Rückkehr wesentlich leichter gemacht als anderen politischen Intellektuellen, die die Arbeiterklasse als integralen Teil der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft sahen. Dem entspricht auch Blochs weitgehend ungebrochene Anknüpfung an die sozialistischen Theorietraditionen. Im Prinzip Hoffnung schreibt er: „Alles an den Hoffnungsbildern Nicht-Illusionäre, Real-Mögliche geht zu Marx, arbeitet – […] in der sozialistischen Weltveränderung.“34 An diesem Projekt wollte er mitwirken, also folgte er dem Ruf, siedelte in die Sowjetische Besatzungszone über und wurde mit 64 Jahren Professor für Philosophie an der Universität Leipzig. Die Staatsbürokratie des Ostblocks freilich hat die Aufnahmebereitschaft und Offenheit, die Bloch während seiner Exilzeit an den Vereinigten Staaten gerühmt hatte, recht bald vermissen lassen. Als er, beflügelt durch Chruschtschows Anti-Stalin- Rede, 1956 auf der Berliner ,Fortschrittskonferenz‘ die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn durch sowjetische Truppen kritisierte und mit der Losung ,Jetzt muss statt Mühle endlich Schach gespielt werden‘ die Freiheit für die Wissenschaft forderte, die ihm von Krauss versprochen 32 Ebd., S. 587. 33 Brief von Ernst Bloch an Werner Krauss vom 20. Februar 1948, in: Krauss, Briefe, S. 422f. 34 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S. 16. 102 Falko Schmieder worden war, fiel er in Ungnade. Ungeachtet der von ihm weiterhin bekundeten „selbstverständlichen Treue zur Sowjetunion“, die er, wie er in einem offenen Brief an die SED-Parteileitung vom Januar 1957 beteuerte, „auch zur Zeit der Moskauer Prozesse gehalten“35 habe, wurde er zwangsemeritiert und geriet zunehmend in die Isolation. Als er, in Westdeutschland weilend, vom Bau der Berliner Mauer erfuhr, beschloss er, im Westen zu bleiben. Dort nahm er, als mittlerweile 76-jähriger, eine Gastprofessur an der Universität Tübingen an. Das Vermächtnis seiner Philosophie gründet sich wesentlich auf sein umfangreiches Buch Prinzip Hoffnung, das er im amerikanischen Exil geschrieben hatte. Aus der historischen Distanz wird unabweisbar, was schon kritische Zeitgenossen festgehalten hatten: dass das Prinzip Hoffnung auch ein Dokument der Verzweiflung an der Geschichte und einer Flucht vor ihr war – ein historischer Materialismus mit geschlossenen Augen. Von den Katastrophen der Geschichte, von der Erschütterung der traditionellen philosophischen Kategorien, wie sie etwa Hannah Arendt oder Theodor W. Adorno registriert und zum Thema ihrer Philosophie nach Auschwitz gemacht hatten, ist darin nichts zu spüren. „Ich werde fortfahren, als wäre nichts geschehen“ – in diesem Satz aus dem Brief an Hermann Broch dokumentiert sich Blochs politischer Wille, sich die Möglichkeit einer anderen Einrichtung der Gesellschaft nicht ausreden zu lassen, zugleich aber auch seine Sturheit, mit der er zeitlebens an einer philosophischen Konzeption festgehalten hat, die ihre erhellende und kritische Kraft verloren hatte. 35 Ernst Bloch, Offener Brief. Protest gegen Anwürfe der Parteileitung der SED am Institut für Philosophie der Karl-Marx-Universität Leipzig vom 22.1.1957, in: Ernst Bloch Archiv (Hrsg.), Bloch Almanach, 3. Folge, Ludwigshafen 1983, S. 21–32. hier S. 24. 103 Manfred Jendryschik Totgesagt. Vor der Hoffnung und vom Schwachsinn Lunatscharski fragte mich unlängst: „Warum kommen Sie nicht mal nach Russland?“ Ich sagte darauf: „Weil ich fürchte, dass ich dann den Wunsch hätte, dort zu bleiben.“ Alfred Kerr, 1933 Ich hatte bisher nur die faulige Luft der untergehenden Weimarer „Demokratie“ geatmet und dann den Blutgeruch des Hitlerstaates. Endlich… sah ich zum ersten die Werktätigen nicht als Erniedrigte und Verfolgte, sondern als Herren ihres eigenen Landes … ein Daseinsgefühl, nämlich das der machtgeschützten Sicherheit. Trude Richter, 1934 Anfang der achtziger Jahre traf ich in der damaligen Deutschen Bücherei Leipzig einen Schriftstellerkollegen, der mich neugierig machte auf ein Buch in der Handbibliothek, und das war Hans Albert Walters Asylpraxis und Lebensbedingungen in Europa, und natürlich war das Spannendste in diesem umfangreichen Band der Teil über die sowjetische Praxis. Ich las 104 Manfred Jendryschik über die Situation im Hotel Lux und wie da einer nach dem anderen verschwand und wie es besonders in den deutschsprachigen Zeitungs- und Zeitschriften-Redaktionen zuging und in den Emigrantenkreisen insgesamt, wie die Wohn- und die Verständigungsverhältnisse sich anließen und wie die Beziehungen der einfachen Parteimitglieder zu den Spitzenfunktionären usw. usf. Deutlich ist mir eine Erinnerung von 1937: wenn am Montagvormittag, sagen wir: um elf Uhr, ein Kollege eine Redaktionsstube betrat und etwas mit einem bisher hier sitzenden Mitarbeiter besprechen wollte, der aber noch nicht da war und sich auch nicht abgemeldet hatte, so begriff man längst: der ist am Wochenende abgeholt worden, der taucht nie wieder auf, und niemand antwortete dem Fragesteller, niemand kannte ihn, hatte je von ihm gehört – eine Situation, die sich Kafka erdacht hatte, oder Orwell (deswegen durfte 1984 auch nie in die DDR eingeführt werden). Und wenn im Hotel Lux plötzlich der Nachbar nicht mehr zu begrüßen war, so wusste jeder irgendwie Bescheid, und es gab um Gottes willen kein Nachfragen, denn Derjenige machte sich ja sofort selbst verdächtig. Und so fragte Alfred Kurella, der große Literaturdogmatiker, nicht nach, als sein Bruder verhaftet wurde, und es fragten die sowjetischen Politbüro-Mitglieder, die mit Stalin am Tisch saßen, nicht nach, wenn ihre Frau abgeholt worden war. Und das Erniedrigendste blieben jene Parteiversammlungen, in denen die Namen der sogenannten Volksfeinde bekanntgegeben wurden, und es hatten sich alle Genossen von ihm zu distanzieren. Und da sie zum Teil neidisch waren auf den Österreicher Hugo Huppert, und abhängig von ihm, dem stellvertretenden Chefredakteur, der schon 1930 in die SU gekommen war, fielen sie sogleich über den Verdächtigen in Großbeschimpfungen her; als der aber, und das ist einer der seltenen Fälle, nach vierzehn Monaten erneut an der Erdoberfläche auftauchte und in seine alte Stelle wieder eingesetzt wurde und Herr darüber war, was gedruckt wird und was nicht, krochen alle vor ihm und bekannten, dass sie ihn schon immer für einen feinen Kerl gehalten und nie an ihm gezweifelt hatten. Andererseits wurde Derjenige, der den einstigen Chefredakteur der Roten Fahne trotz der Einkassierung für einen guten Genossen hielt, dann selbst zu einem Abwesenden. Und es waren 105 Totgesagt da auch Herbert Wehners Memoiren in Auszügen zitiert, wie er nachts zur Lubjanka gefahren wurde und eine Mischung von Gespräch und Verhör stattfand, dieses Instrumente-Zeigen, und am nächsten Morgen wurde der Kandidat des Politbüros wieder in sein Quartier gebracht. (Dass Stalin Dimitroff und Pieck durch Unterschrift an den Todeslisten ihrer Genossen beteiligte, fand ich da noch nicht.) Ich las und las, drei Stunden, vier Stunden, und irgendwann blickte ich auf, und ich war so in dieser Atmosphäre gefangen, dass ich nicht glauben konnte, dass man mich das alles einfach so lesen lässt, ich vermutete in den oberen Ecken des Lesesaals Kameras, die mich beobachten, und mir wird nachher, am Ausgang, unter die Arme gegriffen und ich werde in ein schnell wegfahrendes Auto gestopft. Zweitens: Dieses Buch war 1972 erschienen, und selbstverständlich musste es in der DDR verdammt werden, sieben Jahre später in dem Reclam-Machwerk Exil in der UdSSR, eines von sieben Büchern zur Emigranten-Situation in den entscheidenden Ländern der Welt während des sogenannten Dritten Reichs. Dieses fleißig zusammen getragene Konvolut, über weite Strecken im Parteichinesisch verfasst, noch dazu von acht Autoren, Sekundärliteratur über Sekundärliteratur, versteht sich als Dokumentation, aber wie soll etwas dokumentiert werden, wenn der Blick auf die Realitäten, auch 23 Jahre nach dem XX. Parteitag der KPdSU, noch immer voller Tabus, den Intellekt beleidigenden verbalen Ausweich- Manövern bleibt. Mir ist nur ein ähnlicher Fall bekannt: vergleichen Sie mal die Auslegungen des Hohelieds Salomo durch die katholische und die evangelische Theologie – es ist komikstrahlend. Ähnlich dumpfbakkig das Wegdrücken der Fakten, zu denen man sich ohne Not hätte bekennen können; es gab aber in der DDR-Geschichts„wissenschaft“ keine Hunger-Periode durch die Zwangskollektivierung, der Mord an Stalins Konkurrent Kirow blieb unerklärlich, die Moskauer Prozesse fanden nie oder nicht so statt, das Auslöschen des Leninschen Politbüros und Zentralkomitees hat es nicht gegeben, ebenso nicht die Vernichtung des Generalstabs der Armee und von Teilen des Offizierskorps (die andere Variante: es war notwendig), das Zusatzprotokoll des Stalin-Hitler-Pakts und die Aufteilung Polens ist eine Lüge, ebenso die gemeinsame Truppenparade in 106 Manfred Jendryschik Brest-Litowsk, die Ermordungen in Katyn westliche Propaganda wie das Warten der Roten Armee am jenseitigen Weichselufer, bis der Warschauer Aufstand zusammenkartätscht war, der stets latente Antisemitismus, das Verschleppen ganzer Völkerschaften wie der Wolgadeutschen und der Tataren, das Wort Lager, geschweige denn Konzentrationslager, galt als blanke Hetze und dass die Lager-Welt Anfang der fünfziger Jahre noch anschwoll auf zweieinhalb Millionen Häftlinge und vierhunderttausend Wachsoldaten. Und in diesem Buch wird das Verschwinden mit Todesfolge deutscher emigrierter Kommunisten manchmal in einen (Neben-) Satz geträufelt oder, wie im Falle der auf vielen Seiten erwähnten Hans Günther und Trude Richter, gar nicht. Natürlich musste deshalb Hans Albert Walter abgebürstet werden. Nachdem man gestand, dass bisher das Asylland Sowjetunion weder insgesamt noch in Teilbereichen von östlicher Seite untersucht worden war, wurde jeder Bericht aus dieser Zeit bei Walter als der von Renegaten gleich Antikommunist gleich Kalter Krieger diffamiert und abgetan und nie gefragt, warum denn Einer als Fan verloren ging. Für Jarmatz & Co. musste dies zwangsläufig „zu einem verzerrten Bild führen […] Walter wendet sich nicht konsequent den Quellen zu, die zur Aufhellung der Wirklichkeit beitragen können; er gerät auf das Feld der Mutmaßungen“. Das ständige Abwiegeln der Verbrechen des stalinistischen Systems formulierte sich so: Auch die Emigranten wurden von den Verstößen gegen die sozialistische Gesetzlichkeit und gegen die Leninschen Normen des Parteilebens betroffen. Diese tragische Seite schuf unter den Antifaschisten manche Unsicherheit […]. Darüber berichtet Hugo Huppert, freilich aus der individuellen Perspektive [aus welcher denn sonst? M.J.]. Zweifellos fügten die Folgen des Personenkults dem Sozialismus und der Arbeiterbewegung Schaden zu. Doch selbst bei den Betroffenen kam es nicht, abgesehen von wenigen Ausnahmen, zur Lockerung ihrer tiefen emotionalen Bindung an den Sozialismus, an den ersten sozialistischen Staat. Wenn wohl auch manches unerklärlich blieb, so ahnten sie doch, was heute Gewissheit ist: die Verstöße gegen die sozialistische Gesetzlichkeit entsprangen weder ursächlich der sozialistischen Gesellschaft, noch konnten sie die Natur des Sozialismus entstellen […]. Trotz der ein- 107 Totgesagt getretenen Schwierigkeiten gestaltete die KPdSU konsequent nach wie vor verbunden mit den Werktätigen die sozialistische Gesellschaft […]. Die geschichtliche Gesetzmäßigkeit setzte sich durch. (Was für eine schein-marxistische Analyse!) Dem Buch ist einzig zugute zu halten, dass es mitunter Entwicklungen wie das Entstehen der Zeitschrift Das Wort lebendig auszumalen weiß, dass es sich von der verhängnisvollen Stalinschen Formel vom Sozial-Faschismus der deutschen Sozialdemokraten distanziert und versucht, dem damals noch als Konterrevolutionär klassifizierten philosophierenden Literaturwissenschaftler Georg Lukács Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber da, wo ein großer Ansatz, wie etwa das Einladen / das Herbeieilen westeuropäischer Architekten und -Gruppen, wenige Jahre später zum Desaster wird (grob gesagt: wo Bauhaus vom Zuckerguss übertölpelt wird), zeigt sich die Darstellung merkwürdig wortkarg, und wir müssen uns zusammenreimen, warum schon ab 1935 Ausländer von den Wettbewerben ausgeschlossen wurden und spätestens 1937 alle abgereist waren oder, wie Baumeister Tolziner, verhaftet. Mit dem Stalinismus und seinen Voraussetzungen und osteuropäischen Ausweitungen hat man sich in der DDR nie auseinander gesetzt. Im Herbst 1989 resümierte der einstige Résistance-Kämpfer Harald Hauser, sie, die Kommunisten, hätten halt nie ein Verhältnis zur Demokratie gehabt. Und wie soll das Fehlen von Demokratie in einer Diktatur debattiert werden, aber nur ein demokratisches Regelwerk hätte ein paranoides Monstrum wie Stalin stoppen können. So aber war, wenn überhaupt, verschleiernd von Personenkult die Rede und von einigen Fehlern und Ungesetzlichkeiten, aber nie vom Prinzipiellen, von der möglichen grundsätzlichen Kriminalität. Ein Faktor, der dem real existierenden S. bis zum Schluss anhing. (Und wo mal linkes Denken und Tun mit der Demokratie sich zusammenzufinden suchten, wie etwa bei Lumumba und Allende, da wussten die USA und Verbündete die Angelegenheit im Keim zu ersticken.) Das Fatalste am Stalinismus dürfte sein, dass niemand so viele Kommunisten umbrachte, so viele gläubige Anhänger, so viele Stalinisten auch. Drittens: Das Hin- und Hergerissensein zwischen Nicht-Begreifen-Können und -Wollen dieses Riesenmechanismus der gezielten Erniedrigungen 108 Manfred Jendryschik und der zeitweiligen erschütternden Klarsicht bis zum Suizidversuch (die Ausschussware Strick, reißend, versagte den Schluss) ist der Widerspruch in Trude Richters Buch Totgesagt. Ihr Mann, der Nationalökonom, Philosoph und Literaturkritiker Hans Günther war als Vertreter des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller schon 1932 nach Moskau berufen worden, sie folgte 1934, als sie vor der Verhaftung durch die Nazis stand. Günther war einer der öffentlichen Gesprächs- und Wider-Partner u.a. von Lukács, er verfasste eine als wesentlich (ein)geschätzte, umfangreiche Analyse der Hitlerschen Ideologie (unter dem Titel Der Herren eigener Geist bekannt geworden), und als das Manuskript endlich Dimitroff erreichte, ordnete der eine sofortige Drucklegung in vier Sprachen an, das Buch lag 1935 auf den Plätzen der Delegierten des Komintern-Kongresses, er bekam Dankschreiben von Feuchtwanger und Heinrich Mann. Trotzdem wurden beide eines Nachts im Jahr 1936 verhaftet, er vermutlich, weil er zur Beurteilung der Nazi-Literatur Kampfgefährten mitlesen ließ, sie, weil sie an ihm dran hing (man muss das so böse sagen: „Wo du hingehst, da will auch“ – aber nein, liebe Frauen, jeden Falles nicht in ein Land mit derartiger Sippenhaft: Herwart Waldens Frau flüchtete sich samt Tochter in die deutsche Botschaft, Autorin Maria Osten wurde erschossen, Schauspielerin Carola Neher starb gefangen, Erich Mühsams Witwe, auf Werkpflege hoffend, bekam fast zwanzig Jahre Haft (wie Trude Richter), und das Perfideste: nach dem Pakt wurden Hitler von Stalin unterwürfig als rituelle Geschenke, wie etwa tausend weitere Emigranten, die Gefährtin des Schriftstellers Ernst Ottwalt und Margarete Buber-Neumann bei Brest-Litowsk hinüber gereicht, von einem Lager in das andere, von einer Hölle in die nächste – 1943 gehörten sie alle zu einer „Mannschaft der Witwen“. –Ich erfuhr von dem „Geschenk-Paket“ zum ersten Mal vor über fünfzig Jahren von Wolf Biermann.) In der Stunde der Not versprachen Hans Günther und Trude Richter einander, der Sache (dem Gauben) treu zu bleiben, was auch passiert. Nach Monaten ohne Verhör in einer Großzelle des Butyrka-Gefängnisses (sie sah dort auch Frau Ottwalt und die große Neher) wird ihr, wie nebenbei, während einer Massenabfertigung durch ein Schalterfenster mitgeteilt, dass 109 Totgesagt sie zu fünf Jahren Besserungs-Lager wegen Trotzkismus verurteilt ist, und als sie aufbegehren will, bedeuten ihr die anderen Frauen, dass sie das als unsolidarisch empfänden, sie hätte doch eine Kinderfrist erwischt, freu dich lieber, wir haben alle acht, zehn oder fünfzehn Jahre gekriegt und sind auch nicht schuldiger als du. Ein Vierteljahr später landen Günther und sie in einem Durchgangslager in Wladiwostok, dort sieht sie ihn das letzte Mal: Als ich … auf den öden Vorplatz hinaustrat … tauchte plötzlich vor mir ein langes Gespenst auf, umschlottert von einer weißen Drillichhose, in einem groben, offenen Hemd, das die Rippen des Brustkorbs sehen ließ. Das Skelett trug eine Hornbrille, und seine Augen blickten mich an aus tiefen Höhlen wie aus einem Totenschädel. Er öffnete weit die Arme gleich einem Gekreuzigten und wollte mir entgegengehen. Doch der Wachsoldat trat mit gefälltem Bajonett zwischen uns beide. Niemand sprach ein Wort. So langsam wie möglich schritt ich rückwärts zum Lagertor der Männerzone, den Blick fest auf H. G. gerichtet, bis mich der Soldat hinaustrieb. Sie kommt in das Kolymaer Gebiet um Magadan herum und in verschiedene Lager – das ist da, wo das asiatische Festland endet und das Ochotskische Meer beginnt – die Amerikaner würden sagen: Es ist noch nicht das Weltende, aber der Punkt, von dem aus man es sehen kann. Trude Richter muss verstehen, dass es unter den Gefangenen Abhängigkeiten / Netzwerke gibt und dass sie als Deutsche und Intellektuelle die Unprivilegierteste unter allen ist, dass sie aber überleben kann (im Gegensatz zum sogenannten Dritten Reich gab es unter Stalin keine ausgesprochenen Vernichtungslager, bis auf den NKWD-Befehl Nr. 00447 von 1937, der die willkürliche Hinrichtung von 10.000 Personen befahl – es gab im „Eifer des Gefechts“ die Planübererfüllung von mehr als 30.000 Opfern (Schlögel gibt noch eine weit höhere Zahl an) – so waren die Häftlinge für die Sklavenarbeit bei der Entwicklung der heroisch genannten Großbauten des Kommunismus gedacht.) 1940 erfuhr Trude Richter, dass ihr Mann zwei Jahre zuvor elendig krepiert ist. Beim Wegräumen von Baumstämmen überkommt sie dann ein derartiger Schmerz, dass es aus ihr wie 110 Manfred Jendryschik irrsinnig zu singen beginnt und sie allmählich erblindet, für einen Tag. „Niemand“, heißt es da, „wagte, mit mir zu sprechen. Auch in der Baracke ließ man mich in Ruhe.“ Im Buch wird das nicht so deutlich, doch sie rechnete mir einmal vor, wie ihre zwanzig Jahre Sibirien zustande kamen: die ersten fünf Jahre also für Trotzkismus, das bedeutet: für nichts; im Entlassungsjahr 1941 überfiel Deutschland die SU, und man konnte eine Deutsche nicht einfach so frei herumlaufen lassen, demnach weitere fünf Jahre; 1946 war die Sowjetunion so zerstört, dass eine Deutsche beim Wiederaufbau mithelfen musste, und sei es ab 1947 nicht mehr im Lager, sondern in der Verbannung mit eigener Unterkunft, ständig wechselnd zwischen dem Beruf der Theatergarderobiere und Pianistin. Umso deprimierender, dass sie 1949 erneut verhaftet wird und nach Monaten der Ungewissheit ihr in einem Verhör durch einen jungen unsicheren unwissenden Leutnant nicht nur konterrevolutionäre Tätigkeit vorgehalten wird, sondern u.a., dass Hitler den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller finanziert haben soll. Das ist ein solcher Schwachsinn, dass selbst sie stumm wird; dann fragt sie, ob man zweimal für dieselbe Sache angeklagt werden könne. –„Kann man nicht“, sagt der Leutnant, und darum komme sie ja auch nicht noch einmal ins Lager, sondern in die unbefristete Verbannung. Zu dieser Welt des Absurden gehört, dass sie die Frauen im Gefängnis mit dem Nacherzählen von Stendhals Kartause von Parma zu trösten suchte und mehrere Leidensgenossinnen begeistert riefen: „Ach, Gertrude, was für ein Glück, dass sie dich zum zweiten Mal verhaftet haben!“ Andererseits weigerte sich eine Kindergartenleiterin, die, wie sie sagte, „deutsche Faschistin“ über die Schwelle ihrer Einrichtung zu lassen. Auch Stalins Tod veränderte, vorerst, ihre Situation nicht, und sie notierte sich vier Punkte zum Thema „Glück“: 1. „Ich will nicht frieren! Jahrelang gezwungen, bei minus vierzig bis fünfzig Grad schlecht genährt und ungenügend bekleidet den ganzen Tag im Freien zu verbringen, habe ich erfahren, wie der Frost im Handumdrehen sämtliche Gedanken und Gefühle ausschaltet und das ganze menschliche Wesen auf ein jämmerliches zitterndes Fleischklümpchen reduziert, um dann auch dieses zu 111 Totgesagt vernichten.“ 2. (ich mach es kürzer) Sie will nicht mehr hungern, 3. eine Arbeit, die ihren Kräften entspricht, 4. „Man soll mich in Ruhe lassen!“ (Das heißt: Sie will sich allen Zudringlichkeiten, allen Anpassungen verweigern dürfen; sie kann nicht mehr). Dies dürfte für eine Frau, die einmal die Welt im marxistischen Sinne prinzipiell verändern wollte, das Niederschmetterndste einer Lebensbilanz sein. – Nachdem frühere Hilfeersuchen an Wilhelm Pieck und Johannes R. Becher abgefangen wurden und, wie sie sehen musste, in ihrer Haft-Akte gelandet waren, schrieb sie im Juli 1956 noch einmal, diesmal an Anna Seghers, und sie bekam relativ schnell eine Antwort, und es begann, was sie ihre Auferstehung nannte (Jahre später, auf ihre schier immerwährende Schönheit angesprochen, soll sie gesagt haben, sie wäre auch lange genug im Kühlschrank gewesen.). Sie kehrte 1957 ins östliche Deutschland zurück, sie wurde am Literatur-Institut eine gediegene, eher konservative Dozentin, der eigentliche Referent wurde der mitreißende, viele Geheimnisse russischer Prosa aufdeckende Ralf Schröder, der beinahe acht Jahre Bautzen hinter sich hatte (also den Knast dort, „das gelbe Elend“) und der sich danach auch der Stasi und dem Alkohol andiente. Trude Richter wurde fast neunzig Jahre alt, sie erfuhr noch, dass ihr Buch Totgesagt endlich erscheinen wird. Viertens: Am Ende ihres Manuskripts steht Jalta, September 1964, offenbar das Abschluss-Datum für den 450 Seiten-Bericht, wovon freilich nicht einmal die Hälfte die Zeit in der Sowjetunion betrifft. Ich erlebte Trude Richter zum ersten Mal noch als Student um 1967; der Dessauer Schriftsteller Werner Steinberg hatte von ihrem geplanten Buch gehört und sie zu einer Lesung vor Autoren eingeladen. Als ich Lektor des Mitteldeutschen Verlages wurde, erzählte ich einige Zeit später der Leitung von dem Projekt und holte das Manuskript von ihr. Man las und sagte „Ohjeh“, aber da Trude Richter als gute Genossin bekannt war, wollte man es probieren, schickte aber das Projekt nicht wie üblich mit Verlagsund Außengutachten ans Kulturministerium zur Druckfreigabe, also die Zensurstelle, sondern direkt ans Politbüro-Mitglied Kurt Hager. Der las und sagte: „Die Zeit ist noch nicht reif (dafür)“. Es erschienen 1972 ihrer Memoiren erster Teil unter dem Titel Die Plakette, und zehn Jahre nach 112 Manfred Jendryschik dem frühen Versuch animierte ich den Verlag zu einem erneuten Anlauf, und der Genosse Hager blätterte noch einmal in dem Vorhaben und las und sagte: „Die Zeit ist noch nicht reif.“ Es vergingen weitere zehn Jahre, ich war inzwischen Mitherausgeber der sich dem vierten Stande widmenden Aurora-Reihe und animierte den Verlag zu einer nochmaligen Nachfrage, und nun, es war um die Jahreswende 1988/89, fand Kurt Hager (im Volksmund inzwischen Tapeten-Kutte genannt), dass die Zeit vielleicht reif wäre. Trude Richter starb im Januar, das Buch, das im Herbst 1989 endlich erschien, ging in den Umbruchs-Geschehnissen unter. (Der von mir vorbereitete Lizenz-Druck des Sowjetunion-Berichts Herbert Wehners von 1946 erledigte sich durch die absehbare deutsche Einheit.) Fünftens: Ich habe mich zu DDR-Zeiten dreimal und eigentlich sparsam zu Trude Richter geäußert. Das erste Mal bedeutet, dass in einem Erzählband von 1971 eine 1969 geschriebene Kurzgeschichte erschien, in der eine ältere Dozentin, einen Fuchspelz um den Hals, einen Vorlesungsraum betritt und die Heizung, im September, nach Wärme abtastet (übrigens real so gesehen), es fällt an anderer Stelle der makabre Scherz vom Kühlschrank-Aufenthalt, und es ist von Verbannung die Rede und dass sie nicht über die Zeit nach siebenunddreißig in der SU reden will, zum Unmut der Studenten, und dass sie trotz der zwanzig Jahre Kommunistin geblieben ist – das alles ist wie ein Versuchsballon, es sind letzten Endes nur Andeutungen, das Wort Lager fällt nicht. Neun Jahre später erschien ein Gedichtband mit zwei Texten zu ihr (auch); der eine beschreibt die Situation einer älteren Frau zwischen Einsamkeit/Isolation und Geschütztsein („Alte Genossin / Für T.R.“): Oder du hörst: die Schritte. Im Neubauflur Lachen. Die Stille. / Wiederum: Kommen Gehen. Kein Klopfen. Hinauf ab. Schräg. / Die Stufen nicht übern Kopf. Nicht die Lubjanka / den Herbst dreisechs im Blick. Die Wände stehn / wie Stein. Tobolsk war später, der weitere Weg. / Jetzt, sagt sie, wär ihr, als wäre nichts geschehn / selbst unterm Lid einzig das gegenwärtige Fenster. / Manchmal wüsste sie nicht, was geschieht. / Aber die Augen offen. So sehe sie, was sie sieht / d.h. das Leben. Auch das ihrige; das Jahr siebzehn / folgende. 113 Totgesagt Oder jetzt. Oder die Schritte. Kein /Klopfen, mitunter die Stille das Lachen. Die Ohren sehn. Im anderen, zweieinhalb Seiten langen Eröffnungs-Text des Buches bedenkt ein Mittdreißiger sein Leben und auch Utopien von demokratischer Selbstfindung: Der Schweiß salzt die Poren, intensiv wie plötzliches / Hoffen, ich geh zwischen Arbeitern, die sich / bestimmen, in ihren Kehlen ist mehr als Bier Grütze / das Fahnentuch haben sie selbst zugeschnitten die Sätze / Arbeit, die sie machen macht sie, das / lang Ausgedachte, das Unerfahrne, ich hör mich denken …) und er erinnert alltägliche Umwelt-Schweinereien (… den Betrug, den eigenen, der auch / jedwede Anstrengung braucht, z.B. Beobachtung/Warnsignale / dass alle Räder still stehn, ehe um Buna die Messwagen / kreisen, die prüfen den Ascheregen, wir arbeiten eifrig / ein Stück aufs End zu). Doch nicht diese ziemlich prinzipiellen Infragestellungen wurden zum Problem, sondern eine eher harmlose Passage: Ich las / starren Augs, mittags, von Magadan achtunddreíßig / in R.s Buch einem noch unöffentlichen (das Gutachten), als sie / vom Tod ihres Mannes erfuhr, war sie einen Tag blind; / starren Augs sieht sie, fast gebrochnens, was die Aufbrechenden / wolln, wir, wer versteht‘s … Bei einer Lesung wurde ich gefragt, was Magadan achtunddreißig bedeuten soll, und ich sprach von Lagern, sogenannten Arbeitslagern, ähnlich Konzentrations-Lagern, in denen auch deutsche Kommunisten umkamen. Das wurde der Stasi gemeldet, die nun völlig durchdrehte: in meiner seit einem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung heftig angeschwollenen Akte fand ich den irren Versuch, möglichst das Publikum des Abends zu lokalisieren, und es mussten sich Verlagsleiter und Cheflektorin getrennt und schriftlich dazu äußern, wie derart Furchtbares gedruckt werden konnte, noch dazu in Lizenz auch bei Suhrkamp, also beim Klassenfeind. Endlich einigte man sich, in typisch deutscher Manier, auf Folgendes: da das Erscheinen dieser Zeilen nicht mehr rückgängig zu machen ist, noch 114 Manfred Jendryschik dazu jenseits der Grenze publiziert, wird dieser Vorgang selbst als nicht staatsfeindlich betrachtet, aber jeder künftige mündliche oder schriftliche Kommentar zu dem Gedicht als Hetze gegen die UdSSR (dieser Paragraph im Strafgesetzbuch erschien von da an in den halbjährlichen Zusammenfassungen möglicher Anklagepunkte). Ein Literaturkritiker teilte mir danach mit, dass Rezensionen zu dem Buch unerwünscht seien, ich verstand‘s nicht, ich sah mich als, wenn auch kleiner und unfreiwilliger, Devisenbringer für‘s Land. Sechstens: Eines Tages fragte mich Volker Braun, ob ich mich nicht engagieren könne, das Erinnerungsbuch Vom weißen Kreuz zur roten Fahne von Max Hoelz zu veröffentlichen. Und da mich alles links und rechts von der offiziösen proletarischen Bewegung interessierte, kam es, gemeinsam mit dem Leiter des Mitteldeutschen Verlags und zwei zum Thema arbeitenden Literaturwissenschaftlern zur Gründung der Edition Aurora, in der dann Ludwig Turek und Adam Scharrer und Theo Harych und Franz Jung erschienen und Langhoffs Moorsoldaten und die Schriften der Maler Otto Nagel und Otto Griebel und die Reportagen der Larissa Reissner und eben Trude Richter. Jeder westliche Verlag hätte als Signalement Max Hoelz vorangestellt, aber das kam damals für einen Anarchisten nicht in Betracht, das Bett für ihn mussten mehrere brave Bücher bereiten. Und irgendwann war es Zeit, sich mal darum zu kümmern, was eigentlich in den ersten anderthalb Jahrzehnten in der Sowjetunion los war, welche Emphasen und Hoffnungen und welche Widersprüchlichkeiten da auftauchen, was da gesehen wurde zwischen Propaganda und Wahrhaftigkeit, welche Überraschungen, welche Bestätigungen, und es zeigte sich, dass doch erstaunlich viele Autoren höchst unterschiedlicher politischer Provenienz sich einst interessierten. Möglicherweise kam ich zum ersten Mal vor 1977 auf den Geschmack, als ich eine Anthologie mit Geschichten und Reiseberichten über die Länder des real existierenden Ostblocks einschließlich Kuba und Vietnam zusammenstellte und die frühe Sowjetunion mit einem kleinen Kapitel einbezog, ich las eine Reihe von Büchern und wählte dann aus Proportionsgründen nur Beispiele um 1930 von Karl Grünberg, Ludwig Renn, Anna Seghers und Frida Rubiner aus. Elf Jahre später dann 115 Totgesagt Unterwegs nach Eriwan, ein Buch von 580 Seiten, was etwa ein Zehntel des Gelesenen bedeutete, stets gedacht als Versuch, eine größtmögliche Vielfalt den Neugierigen anzubieten, eine Vielfalt der Meinungen und der geschilderten Landstriche, Szenen, die wie aus einer beinahe unbekannten Welt hervortreten. Ich glaube, viele der Beiträge sind heute noch gut lesbar, beginnend mit Auszügen aus Büchern des Jahres 1920 von Paquet, Goldschmidt und Holitscher, im selben Jahr äußerte sich erstmals Franz Jung, der insgesamt sechs Bücher und Büchlein zum Thema verfasste, ein verrückter Hund in verrückter Zeit, der als Eintrittsbillet einen deutschen Dampfer nach Murmansk entführte und Lenin in diplomatische Schwierigkeiten brachte und zeitweilig Direktor einer russischen Zündholzfabrik wurde. Ein derartiges, über‘s Betrachten hinausgehendes Engagement findet sich im Kapitel Tätige Hilfe, ein anderer, unter die Reiseskizzen geschobener Block versammelt Ansichten zur Sowjetunion, die zwischen der anfangs zitierten Eloge Alfred Kerrs und einer relativen Distanz bei Klaus Mann schwanken. Wichtig war mir der Bericht Joseph Roths über die Lage der Juden in Sowjetrussland, ein unterschiedlich bewerteter Analyseversuch, und besonders Ernst Tollers verstörender Text von 1926 über die Gefahren des Personenkults um Lenin, der Verdummung und der Selbstverdummung des Volkes. Manchmal würde man allein wegen dieser einen Seite eine Anthologie machen. Zeitweilig wurde (vom Verlag) an eine Fortsetzung dieses Buches gedacht, für mich aber war das Ende einer noch interessanten Sowjetunion das Jahr 1934, und seltsamerweise (oder wie zwangsläufig) war es das Jahr des bedeutsamen, international unterstützten Kongresses der Sowjetschriftsteller, der auch der Beerdigungsbeginn der Vielfalt war, und der Ermordung Kirows. Auch Bücher wie Lion Feuchtwangers Moskau 1937, das ich nur in Auszügen kannte, animierten mich nicht. Zum Schluss einige Splitter: Dem in der Edition Aurora erschienenen Buch Von Astrachan nach Barmbeck von Larissa Reissner wurde, ohne meine Kenntnis, zwei Kapitel entnommen: eines über Trotzki, und eines, damit‘s nicht so auffällt (daraufhin zog Volker Braun, wie ich sehr viel später erfuhr, sein Nachwort zurück). Zweiter Splitter: Als ich Franz Jungs 116 Manfred Jendryschik Roman Die Eroberung der Maschinen heraus zu bringen gedachte, wollte ich ihn mit einigen Artikeln Jungs aus dieser Zeit ergänzen, die in Berlins Märkischem Museum auszugraben waren. Irgendwann schlich sich die Bibliothekarin an mich heran und erklärte mir, dass ich, als Autor, in dieser Zeit, Herbst 1988, vielleicht doch etwas Wichtigeres zu tun hätte als mich an so alten Kram zu vergeuden. Dritter Splitter: Als ich Karl Grünbergs Buch über seine Sowjetunion-Reisen betreute, bekam der Verlag die Auflage, von den drei Episödchen, in denen Stalin (in der Ferne) auftaucht, eine zu streichen. Gestrichen wurde, in Absprache mit dem Verfasser, die Beschreibung eines 1. Mai Anfang der fünfziger Jahre: im Original schlägt die Uhr des Spasski-Turms zehnmal, Stalin tritt auf, und es erhebt sich ein unbeschreiblicher Jubel. Nun, in der Verschlimmbesserung, schlug die Uhr zehnmal, und es erhob sich ein unbeschreiblicher Jubel. Vierter Splitter: Ich meine, ein Gedicht Bechers über die Fahrstühle in den Hochhäusern Moskaus gelesen zu haben; diese sollten nachts abgestellt werden, um die Furcht vor den Greifarmen der Geheimpolizei zu mindern – man konnte das Geräusch nicht mehr ertragen. Fünfter Splitter: Auf dem Sofa einer Leipziger Wohnung hockt eine kleine alte Frau und singt mir das Lied vor, dass die russischen Häftlinge sangen, wenn sie von einem Lager in ein anderes verfrachtet wurden. Sechster Splitter: In einem Gedicht deutete ich 1977 ein Riesendenkmal an, das abgebrochen wurde und von dem nur noch die eisernen Stiefel übrigblieben (so ein Stalin-Verehrungs-Rest samt Sockel stand in der Nähe Budapests), und ich fragte, ob vielleicht jemand erneut Lust verspürt, da hineinzuschlüpfen. Der Text wurde (wie zwei weitere), selbst nach einem Jahr Verzögerung, nicht in den erwähnten Gedichtband aufgenommen, auch Suhrkamp sah keine Möglichkeit einer ergänzten Lizenzausgabe. Dafür musste dann der heimliche Druck der Texte in einer Kunst-Hochschule, dem Buch beigelegt, für besondere bibliophile Exemplare herhalten. Siebter Splitter: Marxens umfangreiche Schrift, das Buch über die Geheimdiplomatie des 19. Jahrhunderts mit einem speziellen Kapitel über die asiatische Despotie, eine Analyse des damaligen Russlands, wirkt wie eine Vorausschau der Stalinschen Herr- 117 Totgesagt schaft; natürlich konnte der Text nicht in der DDR erscheinen, er musste, übrigens vom Dichter Peter Gosse, eingeschleust werden. Achter Splitter: Für die Veröffentlichung eines Gulag-Erinnerungsbuches eines Mitglieds des Ruge-Clans konnte ich mich (vor einigen Jahren) nicht engagieren, weil die Schlusskapitel vom Hass auf die Wende und die Zeit danach nur so strotzten. Ich fragte mich auch, wie Trude Richter zu dieser Veränderung gestanden hätte. Letzter Splitter: Zitat Trude Richter: P.W., ein Hüne von Gestalt, hatte Jahrzehnte in der Baltischen Flotte gedient. Sechzehn Jahre lebte er mit seiner Frau, einer Schwedin, unbehelligt in Leningrad. Doch 1937 wurde ihm diese Ehe als konterrevolutionäre Tätigkeit und unerlaubte Verbindung mit dem Ausland angekreidet. Er musste zehn Jahre lang dafür im Lager sitzen und nun sogar noch die Verbannung auf sich nehmen. Das bittere Unrecht, das ihm angetan wurde, konnte er nie verwinden. Sogar bei der Farce der Magadaner Verhöre vermochte er die Tränen nicht zurückzuhalten […] Seine erste Frau, die wohl ein trauriges Ende gefunden hatte, verehrte er noch immer. Ich habe ihn mehrfach die Mütze abnehmen sehen, wenn er von ihr sprach. Verwendete Literatur: Klaus Jarmatz / Simone Barck / Peter Diezel, Exil in der UdSSR (Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933 – 1945, Band 1), Leipzig 1979. Unterwegs nach Eriwan. Reisen in die Sowjetunion 1918 bis 1934. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Manfred Jendryschik, in: edition aurora, hrsg. unter Mitwirkung von Irmfried Hiebel, Manfred Jendryschik und Alfred Klein, Leipzig 1988. Trude Richter, Totgesagt. Erinnerungen, mit Nachbemerkungen von Elisabeth Schulz- Semrau und Helmut Richter, in: edition aurora, hrsg. unter Mitwirkung von Irmfried Hiebel, Manfred Jendryschik und Alfred Klein), Leipzig 1990. 119 Ian Wallace Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 Ich habe 3 Thesen. Es kann sein, dass sie sich widersprechen, es kann aber auch sein, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Ich habe sie bewusst etwas überspitzt formuliert in der Hoffnung, auf diese Weise eine lebhafte, alles zurechtrückende Diskussion ins Leben zu rufen. Die Thesen lauten: 1. Der blauäugige und von seinem Thema völlig überforderte Feuchtwanger, ein deutscher Simplex neuester Prägung, ist in politischer Hinsicht erschreckend naiv; 2. Der im Umgang mit seinem kontroversen Stoff sorgfältig arbeitende Feuchtwanger ist ein politisch kluger Taktiker; 3. Der politisch allzu verführbare Feuchtwanger begeht Verrat am eigenen Text. Die Geschichte ist bekannt. Ende November 1936 reist der Schriftsteller Lion Feuchtwanger in die Sowjetunion, wo er zehn Wochen verbringt (hauptsächlich in Moskau) und die Gelegenheit hat, nicht nur dem zweiten der berüchtigten Trotzkistenprozesse beizuwohnen sondern auch ein mehrstündiges Gespräch mit Stalin zu führen. Wenige Wochen nach seiner Rückkehr nach Frankreich legt er sein Buch Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde (Amsterdam: Querido Verlag 1937) vor. Es handelt sich um ein schmales Bändchen mit 153 Seiten. Einen Umfang von 142 Seiten hat die im Aufbau Verlag erschienene Taschenbuchausgabe von 1993. Das Buch entspricht keineswegs den normalen Erwartungen, die man mit einem Reisebericht verbindet. Es fehlt an ausreichenden Details, was die Orte und auch die Personen betrifft, die Feuchtwanger besucht 120 Ian Wallace hat, wann und in welcher Reihenfolge. Das Buch ist keine Chronik der Ereignisse, hat auch nichts Tagebuchartiges an sich. Es handelt sich – dies sei vorausgeschickt – um einen klug gestalteten Text, der seinen Stoff sehr genau strukturiert mit dem Ehrgeiz, mehr als nur sachlich zu berichten. Er will auch und vor allem überzeugen. Tatsache ist nichtsdestotrotz, dass er seinen Autor sofort in eine heftige Kontroverse stürzen sollte, an der nicht zuletzt manche der im Untertitel apostrophierten Freunde mit ihrer durchaus negativen Kritik teilnehmen sollten und die heute noch als gewaltiger Störfaktor in den sonst eher friedlichen Gefilden der Feuchtwanger-Rezeption behandelt wird. Der inzwischen zweiundfünfzigjährige Feuchtwanger hatte sich bislang immer gescheut, im politischen Rampenlicht zu stehen, damit er sich möglichst ungestört mit seiner eigentlichen Arbeit – dem Schreiben von Romanen – beschäftigen konnte. Wie ist es also zu erklären, dass er sich nach anfänglichem Zögern gezwungen fühlte, über seine Erfahrungen in der Sowjetunion auf eine Weise Zeugnis abzulegen, die in breiten Kreisen der deutschen und auch der internationalen Öffentlichkeit für Aufsehen und auch Entsetzen sorgen sollte? These 1: Feuchtwanger ist eine erschreckende Naivität und Blauäugigkeit vorzuwerfen. Mit diesem politisch unerfahrenen Unschuldslämmchen hatten seine in politischen Intrigen viel versierteren sowjetischen Gastgeber leichtes Spiel. Sie konnten ihn an der Nase herumführen, denn er war der russischen Sprache nicht mächtig und somit im Umgang mit der sowjetischen Wirklichkeit völlig auf sie angewiesen. Schon vor seiner Reise war er als Sympathisant bekannt, was das politische Experiment in der Sowjetunion anbetraf, so dass er – um den Begriff von George Orwell zu verwenden, der in dessen Augen auf so viele westliche Intellektuelle in der Sowjetunion zutrifft – im höchsten Grade verführbar war. So zitiert Feuchtwanger fortlaufend und ohne eine Spur Skepsis sowjetische Statistiken, die beispielsweise beweisen wollen, „daß auf den Kopf der Bevölkerung mehr Nahrungsmittel und bessere treffen als etwa im Deutschen Reich und in Italien, und soweit der Augenschein während einer kurzen Reise ein Urteil erlaubt, lügt diese Statistik nicht“. Der Hinweis 121 Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 auf die Kürze der Reise reicht natürlich nicht aus als entschuldigende Erklärung für seine Bereitschaft, solche positiven Urteile allzu unkritisch zu formulieren. Sein Optimismus scheint in der Tat keine Grenzen zu kennen, denn die sowjetische Wirtschaftsplanung hätte (so schreibt er) alle ernsthaften Miseren (wie Mangel an Brot, Wasser und Licht) aus der Welt geschafft – und „eine nahe Zukunft wird auch die kleinen Miseren verschwinden machen, die noch stören.“ Die Zukunft ist vorprogrammiert, der Erfolg garantiert, denn die vernünftige sozialistische Planung ist Bürgschaft dafür, dass es „von Monat zu Monat besser gehen wird. So genau die Moskauer wissen: der Zug nach Leningrad geht um soundso viel Uhr, so genau wissen sie: in zwei Jahren werden wir Kleider haben, welche und soviel wir wollen, und in zehn Jahren Wohnungen, welche und soviel wir wollen“. Die Moskauer wissen auch, dass ihre neugebaute Stadt – „von Grund auf nach den Regeln der Vernunft“ konzipiert – nicht bloß eine utopische Fantasie bleibt, sondern „in acht Jahren Wirklichkeit sein wird“. Feuchtwanger fasst zusammen: „Wer einmal in Moskau war, weiß: er [der Plan, I. W.] wird durchgeführt werden.“ Mehr noch: „Die sozialistische Planwirtschaft garantiert jedem Einzelnen vernünftige Arbeit zu jeder Zeit und ein sorgloses Alter. Die Arbeitslosigkeit ist in Wahrheit liquidiert und ebenso, im Wortsinn, die Ausbeutung.“ Im Unterschied zu „den üblichen Verfassungen demokratischer Länder [Feuchtwanger denkt offenkundig an Demokratien westlicher Prägung, I. W.] werden in der UdSSR die Mittel zur Verfügung gestellt, die fraglos gewährleisten, daß die verkündeten Rechte und Freiheiten nicht bloß schöne Phrasen und papierene Sätze bleiben sondern eine Realität werden“ (er denkt besonders an Artikel 118 bis 121: das Recht auf Arbeit, das Recht auf Erholung, das Recht auf materielle Versorgung im Alter wie im Krankheitsfalle, und das Recht auf Bildung, I. W.). Bei solchen geradezu paradiesischen Voraussetzungen kann es kaum mehr überraschen, dass Feuchtwanger beim sowjetischen Volk ein unbedingtes Vertrauen zur politischen Führung des Landes feststellt, „wie ich es nirgendwo sonst habe wahrnehmen können“. Die Beobachtung mag seine Erfahrungen in Moskau durchaus getreu widerspiegeln und deshalb an sich berechtigt sein, aber verblüffend bleibt die Tatsache, dass sich 122 Ian Wallace Feuchtwanger kaum geneigt zeigt, die tiefere politische Bedeutung solch unbedingten Vertrauens zu hinterfragen. Ich komme damit zur 2. These und beginne mit Feuchtwangers Vorwort zu seinem Reisebericht. Obwohl der Vorwurf der politischen Naivität offensichtlich nicht einfach von der Hand zu weisen ist, kann das Vorwort als Beweis dafür gelesen werden, dass er keineswegs so politisch ahnungslos war, wie seine schärfsten Kritiker es gerne glauben möchten. Ganz im Gegenteil, er ist sich der Probleme durchaus bewusst, mit denen er sich als Berichterstatter konfrontiert sieht. Mit anderen Worten: Der oft gehörte Vorwurf der politischen Naivität bleibt zu oberflächlich, denn er unterschätzt sowohl Feuchtwangers Wissen um die Gefahr, die er als westlicher Berichterstatter in der UdSSR lief, wie auch seine Fähigkeit, trotz solcher Gefahr und „in erregter Zeit“ in seinem Text eine genau durchdachte literarische Strategie zu verfolgen. Diese Strategie hatte zwei Hauptziele: Erstens sollte die zu antizipierende Kritik von vornherein blockiert oder wenigstens entschärft werden; und zweitens sollte dem Leser ein grundsätzlich positives Bild des im Westen umstrittenen Stalin vermittelt werden. Zum ersten Ziel: Feuchtwanger gibt gleich am Anfang zu, dass der Titel seines Buches eigentlich Moskau Januar 1937 lauten müsste: „Denn es fließt in der Stadt Moskau alles so schnell, daß manche Feststellungen schon nach wenigen Monaten nicht mehr wahr sind.“ Um welche Feststellungen es sich dabei handeln könnte, wird zwar nicht präzisiert, aber die elastische Bedingtheit, mit der er zu seinem eigenen Text steht, stellt offensichtlich den Versuch dar, seine sonst um Sorgfalt in Detailfragen sehr besorgten Kritiker im voraus zu entwaffnen. Die gleiche Absicht steht hinter dem Insistieren, dass es gar nicht seine Absicht gewesen wäre, „ein genaues, objektives Bild“ der Sowjetunion zu liefern. Ein solcher Wunsch wäre nach nur 10 Wochen in der Sowjetunion völlig absurd gewesen, und deshalb hätte er es als Aufgabe angesehen, lediglich für seine sich dafür interessierenden Freunde persönliche Eindrücke niederzuschreiben. Mit dem in diesem Zusammenhang vielsagenden Wort „lediglich“ will Feuchtwanger andeuten, dass sein Text keinen besonderen Status außerhalb seines engeren Freundeskreises beansprucht. Kurz: Es handelt sich im Grunde um Privates. 123 Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 Zugegeben: Feuchtwangers Absicht bleibt hier sehr leicht durchschaubar, nicht zuletzt weil der angeblich private Text schnell veröffentlicht wurde und zwar nicht nur in deutscher Sprache, aber sie zeugt noch einmal auch von dem Wunsch, seinen Kritikern vorzugreifen und sie in die Defensive zu treiben. Ähnliches lässt sich über sein offenes Bekenntnis sagen, dass er „als ein Sympathisierender“ und mit vorgefassten Meinungen in die Sowjetunion gefahren wäre. Die Gefahr, damit der Kritik eine mögliche Angriffsfläche zu bieten, wird auf zweierlei Weise sofort abgebaut: Er fügt erstens hinzu, er betrachte die UdSSR als „das Experiment, ein riesiges Reich einzig und allein auf [der] Basis der Vernunft aufzubauen“ – ein Experiment, dem er nur vollen Erfolg wünschen würde, denn man könne die Macht der Vernunft in der Weltgeschichte nur restlos befürworten; und zweitens gibt er zu, dass seine Sympathie – unter dem Einfluss von früheren Berichterstattern westlicher Provenienz, zum Beispiel André Gides – „von Anfang an gemischt mit Zweifeln“ gewesen wäre, so dass er sich der Gefahr bewusst geworden wäre, wegen seiner „ehrenvollen Aufnahme“ in der UdSSR verführt zu werden, alles „durch die Brille der Eitelkeit“ zu sehen, und dass er imstande gewesen wäre, nur die Oberfläche der sowjetischen Gesellschaft wahrzunehmen und nicht deren Probleme. Problematisch wären auch „der naive Stolz und der Eifer der Sowjetleute“ gewesen, die es erschwert hätten, „das rechte, abgewogene Urteil zu finden“. Schließlich ist er auch bereit, zuzugeben, dass er unter normalen Umständen mit dem Verfassen seines Berichtes gewartet hätte, „bis meine Erlebnisse sich zu Gestaltetem verdichtet hätten“, aber angesichts der um sich greifenden ungerechten Kritik an der Sowjetunion und deren großen Leistungen hätte ihn sein Gewissen dazu gezwungen, schneller als geplant, für das gefährdete Land einzuspringen, auch auf die Gefahr hin, damit sofort ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten – mit anderen Worten: sein Text ist aus guten Gründen schneller erschienen, als ursprünglich geplant, hat aber auch deshalb nicht die darstellerische Reife, die Feuchtwanger sonst immer anstrebt. Mit solchen Bekenntnissen und selbstkritischen Einschätzungen hofft der Schriftsteller offensichtlich, bei seinen Lesern auf ein gerüttelt Maß an Verständnis, Nachsicht und Milde zu stoßen. 124 Ian Wallace Was die Struktur des Bandes betrifft, so wird der Bericht bewusst so aufgebaut, dass (wie schon gezeigt) Feuchtwanger sich zunächst um das Ausgewogenheit eines durch Fairness geleiteten Kritikers bemüht, um dann sein sehr positives Bild der heutigen Sowjetunion und ihrer auf die im Lande gemachten epochemachenden Fortschritte überaus stolzen Bürger zu entwerfen. Nicht zufällig wird der umstrittene Stalin erst nach fünfzig Seiten – das heißt, erst in der zweiten Hälfte des Buches – eingeführt, zu einem Zeitpunkt also, an dem der vernünftige Leser in Feuchtwangers Augen eher geneigt sein müsste, Stalins historische Leistungen voll anzuerkennen und möglicherweise sogar gutzuheißen. Die auf diese Weise gelenkten Sympathien des Lesers sollen gewährleisten, dass der im Schlüsselkapitel sechs nun folgende ausführliche Vergleich Stalins mit Trotzki, der sehr zugunsten Stalins ausfällt, keinen mehr überraschen kann. Die klaren Fronten, die damit geschaffen werden, sind so eindeutig, dass Feuchtwangers Bericht über die berüchtigten Trotzkistenprozesse auf Stalin nicht mehr Bezug zu nehmen braucht. Eindeutig soll damit suggeriert werden, dass der nicht anwesende Stalin den Verlauf des Prozesses nicht gelenkt hätte, dass er als weitblickender Staatsmann zu den Ereignissen im Gerichtssaal klugerweise Distanz gehalten hätte. Als 3. These hatte ich von Feuchtwangers Verrat am eigenen Text gesprochen. Unmöglich, dieses brenzlige Thema anzuschneiden, ohne die in der Rezeption gelegentlich auftauchende Verschwörungstheorie zu erwähnen, nach der Feuchtwanger – um den gemeinsamen Kampf gegen Hitler voranzutreiben – mit Stalin eine geheime Allianz eingegangen wäre. Feuchtwanger wusste auch von der „Klatscherei, ich sei von Russland bestochen“, und nach Ludmila Stern deckt sich tatsächlich fast gar nichts in den Berichten seiner Dolmetscherin in Moskau mit den im Buch geäu- ßerten Meinungen (die Dolmetscherin hat ihn als durchweg schwierigen, kritischen, mit allem unzufriedenen Gast erlebt). Es fehlt bis heute der alles entscheidende Beweis, aber wie so oft bei Verschwörungstheorien bleibt der Verdacht in der Luft hängen. Was als sicher gelten darf, ist, dass es für Feuchtwanger von größter Bedeutung war, Stalin und die Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus zu unterstützen. Trotz seines wiederholten 125 Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 Insistierens auf die nach Edward Said unbedingte Ehrlichkeit und moralische Unbeugsamkeit, die für Intellektuelle charakteristisch sein sollen, war er darüber hinaus in diesem besonderen Fall durchaus bereit, seinen eigenen Text zu ändern und insbesondere das in diesem Text projizierte Stalinbild zu verschönern und zwar unter Druck von Stalins Vertreter, M. Kolzow, dem Mann, der schon im Mai 1935 an Feuchtwanger die erste offizielle Einladung gerichtet hatte, nach Moskau zu reisen. Es muss gefragt werden, ob sich Feuchtwanger hier als nicht nur verführbar, sondern auch – und noch schlimmer – als korrumpierbar entpuppt, denn es handelt sich keineswegs um Nebensächlichkeiten, wie aus einer vergleichenden Betrachtung der in der Feuchtwanger Memorial Library in Los Angeles zugänglichen Fahnen und Korrekturbögen ersichtlich wird. Er wirkt in der Tat als sein eigener Zensor, als er am 26. Mai 1937 – allerdings „mit nicht ganz gutem Gewissen“, wie er zugibt – an der „Überfeilung“ des Buches zu arbeiten begann, das er wenige Wochen vorher als „endgültig vollendet“ bezeichnet und sogar zum Druck freigegeben hatte. Sein schlechtes Gewissen rührt offensichtlich daher, dass er das bei aller Kritik grundsätzlich positive, ja bewundernde Trotzkibild des Textes systematisch unterminiert. Wenn er die Gegensätze zwischen Trotzki und Stalin in Erwägung zieht, findet eine klare Urteilsverschiebung zugunsten Stalins statt. Feuchtwanger weist jetzt auch explizit auf „die Überlegenheit Stalins über Trotzki“. Durch Hinzufügung eines neuen, die beiden Bolschewiken vergleichenden Satzes wird diese Überlegenheit unterstrichen: „Trotzki ist eine schnell verlöschende Rakete, Stalin das wärmende, dauernde Feuer.“ Stalins direkte Verantwortung für die Verurteilung und Erschießung seiner trotzkistischen Gegner, die in der ersten Fassung des Textes angesprochen wird, wird in der veröffentlichten Fassung stillschweigend übergangen. Das Lob Trotzkis als „derjenige, der die Sowjetrepublik durch seine großartige strategische Leistung aus der schlimmsten Gefahr gerettet hat“, dem der Stalinstaat als „lächerliche, scheußliche Fratze des Sozialismus“ erscheinen musste, und der „den groben, vierschrötigen, plumpen, bauernschlauen“ Stalin ablehnte, weil er dabei war, Trotzkis Verdienste „umzulügen und vollends auszuradieren“, wird einfach fallengelassen. 126 Ian Wallace Problematisch an solchen Änderungen – und es wäre ein Leichtes, weitere Beispiele zu nennen – ist vor allem der eklatante Widerspruch zwischen Feuchtwangers Selbstbildnis als unerschrockener Berichterstatter, der sich nur der Wahrheit verpflichtet fühlt und in dessen Namen er alle Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen bereit ist, und seiner beschämenden Bereitschaft, seinen sorgfältig verfassten Moskau-Text unter Druck aus dem Kreml einer weitgehenden, entstellenden Revision zu unterziehen, die an entscheidenden Stellen den Sinn des Textes radikal ändert. Es sei daran erinnert, dass er sich auch noch in der letzten, veröffentlichten Fassung als jemanden bezeichnet, der lange prüft, bevor er sein Urteil fixiert: „[…] als Schriftsteller setze ich meinen Ehrgeiz darein, unverfälscht zu sagen, was ich denke, eine Neigung, die mir schon manche Ungelegenheit verursacht hat.“ Dass diese schmeichelhafte Selbstbeschreibung auf das Moskau- Buch zutreffen sollte, scheint ausgeschlossen. Ironischerweise reichten die durchaus als Appeasement-Angebot in Richtung Moskau zu betrachtenden Änderungen nicht dazu aus, Stalin und seine Anhänger für das Buch langfristig zu gewinnen. Bald nach ihrem Erscheinen wurde die russische Ausgabe ohne jedwede Erklärung sang- und klanglos aus dem Verkehr gezogen. Es bleibt die Frage, was Feuchtwanger motiviert haben könnte, seinen Text so radikal umzuschreiben. War ganz einfach seine Naivität daran schuld, dass der von den Stalinisten unter Druck gesetzte Autor die Rolle des nützlichen Idioten übernommen hat? Oder seine moralische Feigheit? Oder – wie beispielsweise Schostakowitsch unmissverständlich behauptet hat – seine perfide Bereitschaft zu lügen? Mit anderen, milderen Augen gesehen lässt sich der veröffentlichte Text letztendlich als der im Prinzip lobenswerte, in seiner Ausführung aber völlig missratene Versuch bezeichnen, im Interesse des antifaschistischen Kampfes in gefährlichen Zeiten – und wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen und gegen besseres Wissen – den Frieden in Europa bewahren zu helfen. 127 Inka Zahn André Gides Zurück aus Sowjetrussland (1936) – Bericht einer Desillusionierung André Gide, einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller und Intellektuellen der Zwischenkriegszeit, reiste 1936 als Sympathisant des Sowjetregimes in die UdSSR. Wider Erwarten und zum Entsetzen der französischen Kommunisten sowie der Sowjetunion veröffentlichte er nach seiner Rückkehr mit Zurück aus Sowjetrussland einen kritischen Bericht. Dieser bekannteste Russlandbericht des 20. Jahrhunderts entfesselte eine Kontroverse, die bis heute nachwirkt. Mit dem Ziel, die Besonderheit des Gide-Buches deutlicher erkennbar zu machen, sollen an dieser Stelle die folgenden Aspekte knapp skizziert werden: Gides Erwartungen gegenüber der Sowjetunion im Vorfeld der Reise, die Umstände der Reise, Gides Eindrücke und seine Kritik an der UdSSR, Faktoren, die seine Urteilsbildung beeinflussten, sowie die Intention seines Berichts und die zeitgenössischen Reaktionen. I. Im Vorfeld der Reise Für Gide, der sich seit 1932 politisch für den Kommunismus engagiert hatte, ohne der KPF beizutreten, war die UdSSR vor der Reise nach eigener Aussage „ein Land, wo die Utopie im Begriff war, Wirklichkeit zu 128 Inka Zahn werden“.1 In seinen Augen stand die Sowjetunion der forcierten Industrialisierung und des 1. Fünfjahrplans für Fortschritt, Bildung und Kultur.2 Für den Individualisten und Homosexuellen Gide bedeutete der Kommunismus zudem „den Segen der Aussöhnung mit der Gemeinschaft“ und zugleich „die Gewähr für Antibürgerlichkeit“3. Er erhoffte sich von der Reise, „dort […] eine gesellschaftliche Ordnung anzutreffen, die in allem, von der Familie bis zur Nation, der bürgerlichen widersprach“.4 Auf einer generelleren Ebene ist die Faszination, die die Sowjetunion auf viele westliche Intellektuelle wie Gide vor allem ab Ende der 1920er Jahre/Anfang der 1930er Jahre ausübte, im Kontext der Weltwirtschaftskrise der westlichen, kapitalistischen Demokratien sowie insbesondere vor dem Hintergrund des Anstiegs des Faschismus zu sehen, der die Bildung einer antifaschistischen Kultur zur Folge hatte. Die UdSSR erschien in diesem Kontext als attraktives politisch-wirtschaftliches Gegenmodell zu den krisengeschüttelten westlichen Gesellschaften und als Bollwerk gegen den Faschismus.5 Dies war auch für Gide ein Grund für sein politisches Engagement für die Sowjetunion, im Rahmen dessen er, um nur ein Beispiel zu nennen, 1935 in Paris gemeinsam mit André Malraux den Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur leitete. Für westliche Schriftsteller wirkte die Sowjetunion darüber hinaus aufgrund des hohen Ansehens, das der Literatur vor allem seit Anfang / Mitte der 30er Jahre zugesprochen wurde, sehr anziehend.6 Dies machte sich die UdSSR zunutze: Sie versuchte, westliche Schriftsteller als Sympathisanten 1 Seitenzahlen direkt im Text beziehen sich auf die Ausgabe: André Gide, Retour de l‘U.R.S.S., Paris 1936; auf den Band André Gide, Retouches à mon retour de l‘U.R.S.S., Paris 1937 wird ebenfalls direkt im Text verwiesen mit der Angabe: Retouches plus Seitenzahl. Übersetzung der Zitate von der Verfasserin. 2 Vgl. François Furet, Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München – Zürich 1998, S. 367. 3 Ebd. 4 Wolfgang Klein, Schriftsteller in der französischen Volksfront. Die Zeitschrift ,Commune‘, Berlin 1978, S. 134. 5 Vgl. Michael David-Fox, The ‚Heroic Life‘ of a Friend of Stalinism: Romain Rolland and Soviet Culture, in: Slavonica 11 (2005), 1, S. 8. 6 Vgl. Anne Hartmann, Un anti-Gide allemand, in: Cahiers du Monde russe, 52 (2011), 1, S.115– 132, hier S. 118. 129 André Gides Zurück aus Sowjetrussland des Kommunismus zu gewinnen, indem sie ihnen innerhalb der Sowjetunion vielfache Möglichkeiten für die Publikation und die Übersetzung ihrer Werke in Aussicht stellte.7 So war auch im Falle Gides eine Werkausgabe in der UdSSR geplant, doch wurde diese nach der Publikation seines Russlandbuches abgebrochen.8 Jedoch war schon vor der Reise die UdSSR für Gide keine ideale Welt, erfuhr er doch seit 1934 über Repressionen in dem Land und erreichten ihn noch kurz vor seiner Abreise desillusionierende Informationen über den sowjetischen Alltag und Kulturbetrieb. Hatte so gesehen bereits vor der Reise bei Gide eine gewisse Ernüchterung in Bezug auf die Sowjetunion begonnen,9 so war Letztere für Gide zu dem Zeitpunkt doch nach wie vor eine geistig-politische Heimat: „Mehr als ein auserwähltes Vaterland: ein Vorbild, ein Leitbild.“10 (S. 15). II. Die Reiseumstände und der politische Kontext der Reise Vom sowjetischen Schriftstellerverband eingeladen, reiste Gide im Sommer für neuneinhalb Wochen durch die UdSSR, wo er außer Moskau auch Leningrad, den Kaukasus und die Krim besuchte. Begleitet wurde er von fünf Freunden: dem Journalisten Pierre Herbart, der kurz vorher einige Monate in Moskau gelebt hatte, den Schriftstellern Louis Guilloux und Eugène Dabit, dem niederländischen Romancier und Journalisten Jef Last sowie dem Verleger und Übersetzer Jacques Schiffrin. Last und Schiffrin waren des Russischen mächtig und konnten für Gide dolmetschen. Gide und seine Begleiter erwarteten in der UdSSR ein königlicher Empfang, ein komfortabler Lebensstil in den besten Hotels und ein aufwendiges Be- 7 Vgl. David-Fox, The ‚Heroic Life‘ of a Friend of Stalinism, S. 8. 8 Vgl. Anne Hartmann, Literarische Staatsbesuche, Prominente Autoren des Westens zu Gast in Stalins Sowjetunion (1931–1937), in: Sigfried Ulbrecht, Helegena Ulbrechtová (Hrsg.), Die Ost-West-Problematik in den europäischen Kulturen und Literaturen. Ausgewählte Aspekte. Problematika Východ – Západ v evroských kulturách a literaturách. Vybrané aspekty, Prag – Dresden 2009, S. 229–275. 9 Vgl. Rudolf Maurer, André Gide et l’URSS, Bern 1983, S. 83–85. 130 Inka Zahn suchsprogramm. Allerdings wich das Programm in einem entscheidenden Punkt von dem ab, was damals einigen anderen berühmten westlichen Literaten wie 1935 Romain Rolland oder 1937 Lion Feuchtwanger ermöglicht wurde: Ein Interview mit Stalin blieb Gide aus bisher unbekannten Gründen verwehrt. Was den politischen Kontext der Reise betrifft, so war das Jahr 1936 durch den Wahlsieg der französischen Volksfront und den Ausbruch des Spanienkriegs, an dem sich die Sowjetunion auf Seiten der Republikaner beteiligen sollte, gekennzeichnet sowie, in der UdSSR, durch den ersten Moskauer Schauprozess. Letzterer bildet eine historische Zäsur, wurden hier doch erstmals nicht etwa Gegner des Kommunismus angeklagt und zum Tode verurteilt, sondern ehemaliges politisches Führungspersonal, dem man unterstellte, konterrevolutionär zu sein.11 Dieser Prozess bildete gewissermaßen den Auftakt zu dem 1937 einsetzenden „Großen Terror“ in der Sowjetunion, bei dem allein in dem einen Jahr „an die zwei Millionen Menschen verhaftet, an die 700 000 ermordet, fast 1,3 Millionen in Lager und Arbeitskolonien geschickt [wurden]“.12 III. Gides Eindrücke sowie seine Kritik an der UdSSR Gide interessierte sich in der UdSSR nach eigener Aussage vor allem für „den Menschen, die Menschen und das, was man aus den Menschen machen kann und bereits gemacht hat.“ (S. 32) Anhand seiner Darstellung des sowjetischen Volkes lässt sich Gides Erfahrung der Diskrepanz zwischen seinen Hoffnungen und der in der Sowjetunion vorgefundenen Realität besonders gut verdeutlichen. Auf der einen Seite beschreibt er die Russen sehr positiv: die Kinder der von ihm besuchten Pionierlager würden „blühende Freude“ versprühen (S. 21). Bei den im Moskauer Kulturpark flanierenden Menschen fällt ihm deren „Würde“ (S. 22) auf; auch bezeichnet er die auf dem Roten Platz beobachtete Moskauer Jugend als „wunderbar“ 11 Vgl. Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008, S. 104. 12 Ebd., S. 21. 131 André Gides Zurück aus Sowjetrussland (S.  26). Hierbei betont Gide, seinen Utopievorstellungen entsprechend, eine enge Verbundenheit zum sowjetischen Volk, und es kommt hier zu einer imaginierten Transgression sprachlicher wie sozialer Grenzen: „Trotz der Sprachunterschiede hatte ich mich noch nie zuvor und nirgendwo so sehr Kamerad und Bruder gefühlt […]“ (S. 28). „In dieser Menge, in der ich mich versenke, nehme ich ein Bad der Menschheit.“ (S. 37) Diese Utopie konnte unter besonderen Umständen bis in die Wirklichkeit reichen. So erlebte Gide während seiner Reise außerhalb Moskaus eine intensive Begegnung mit Menschen aus dem Volk, was die Gastgeber sonst bei solchen Reisen zu verhindern suchten. Gide ließ die Türen öffnen, die ihren Spezialwaggon von dem Zugabteil abschotteten, in dem die sowjetische Bevölkerung reiste, und konnte daraufhin dank seines dolmetschenden Reisegefährten Jef Last mit mitreisenden jugendlichen Komsomolzen in ausgelassenen Kontakt treten. Diese Begegnung wurde für ihn und seine Begleiter zu „einer der besten Erinnerungen an die Reise.“ (S. 31) Jedoch rückt mit zunehmender Desillusionierung meist die Distanz zu den Russen in den Vordergrund. Dies zeigt sich insbesondere, wenn Gide sich beim Anblick der sowjetischen Menschenmenge im Kulturpark befremdet fühlt, da er den auffälligen Ernst der Leute als Zeichen des Uniformitätsdrucks interpretiert: „Ich habe nirgendwo den geringsten Spott gesehen. […] Ein Kind, das unfähig ist zu verspotten, wird der leichtgläubige und unterwürfige Jugendliche.“ (S. 24) Oder, wenn er die Russen als ihrer Individualität beraubt beschreibt („Jeder sieht aus wie alle“, S. 26) und als indoktriniert: „jedes Mal, wenn man mit einem Russen spricht, ist es, als würde man mit allen sprechen. […] Alles ist so arrangiert, dass er [von der offiziellen Meinung, I.Z.] nicht abweichen kann.“ (S. 49) Der Mensch, der sich ihm hier zeigte, war nicht der „neue Mensch“, den Gide sich erhofft hatte. Gide erlebte, dass der Sowjetkommunismus stalinistischer Prägung die Menschen ihrer Freiheit beraubte.13 So erkannte er z.B. in der Kampagne 13 Vgl. Wulf Köpke, Das dreifache Ja zur Sowjetunion. Lion Feuchtwangers Antwort an die Enttäuschten und Zweifelnden, in: Thomas Koebner (Hrsg.), Exilforschung. Ein internationales 132 Inka Zahn gegen die sog. „Formalisten“ eine Beschneidung geistiger Unabhängigkeit der Kunstschaffenden und kritisierte die Verfolgung angeblicher Trotzkisten und generell des sog. „konterrevolutionären Geistes“ als gezielte Ausschaltung jeglicher Opposition gegen Stalin. Die dadurch entstandene Allmacht Stalins bringt er wie folgt auf den Punkt: Diktatur des Proletariats hatte man uns versprochen. Wir sind weit vom Ziel. Ja, Diktatur zweifellos, aber die eines Mannes […]. […] das ist nicht das, was man gewollt hat. Noch ein Schritt weiter, und wir müssen sagen: das ist genau das, was man nicht gewollt hat. (S. 76f) Auch erschreckten ihn die repressiven Sexualgesetze, vor allem die Gesetzgebung gegen Homosexualität, die ihn persönlich traf, aber auch das kurz zuvor erlassene Gesetz gegen Abtreibung, in welchem Gide ein Anzeichen einer wieder bürgerlich werdenden Gesellschaft sah, während es „in [sowjetischen, I.Z.] Zeitungen als revolutionäre Errungenschaft gefeiert“ wurde.14 Neben dem Mangel an Freiheit beobachtete Gide einen der Bevölkerung auferlegten Zwang zum Konformismus15: Was man heute wünscht, ist: Mitmachen, Konformismus. Was man will und fordert, ist: eine Zustimmung zu allem, was in der UdSSR geschieht. Was man zu erreichen sucht, ist: dass diese Zustimmung keine resignierte sei, sondern eine aufrichtige, sogar enthusiastische. Das Erstaunlichste ist, dass man dies wirklich zustande bringt. Andererseits ist der geringste Protest, die geringste Kritik mit den schwersten Strafen bedroht und wird übrigens sofort erstickt. (S. 67) Gide, der zudem die allgemeine gesellschaftlich-politische Stimmung als eine der Gedrücktheit und der Angst beschreibt16, benennt somit glasklar Jahrbuch Bd. 1: Stalin und die Intellektuellen und andere Themen, München 1983, S. 61–71, hier S. 63f u. 68f. 14 Peter Schnyder, Vorwort, in: André Gide, Gesammelte Werke VI: Reisen und Politik. Hrsg. von Raimund Theis und Peter Schnyder , Stuttgart 1996, S. 9–39, hier S. 29. 15 Vgl. Köpke, Das dreifache Ja zur Sowjetunion, S. 69. 16 Vgl. Rudolf Maurer, Zu „Zurück aus Sowjetrussland“ und „Retuschen zu meinem Russlandbuch“, in: Gide, Gesammelte Werke VI, S. 395–412, hier S. 406. 133 André Gides Zurück aus Sowjetrussland die fatalen Auswirkungen des stalinistischen repressiven Staates auf das Verhalten der Bevölkerung. Hier kollidierte die sowjetische Realität mit Gides auf die UdSSR ursprünglich projizierten individualistischen Hoffnungen. So schreibt auch François Furet, Gides Enttäuschung „ist im Grunde nicht so sehr auf wirtschaftliche, soziale oder ästhetische Aspekte zurückzuführen; sie hängt vielmehr mit dem Verschwinden von Freiheit zusammen“.17 Der Schlüsselsatz desjenigen, der als Sympathisant in die Sowjetunion aufgebrochen war, lautet: Und ich bezweifle, dass heute in irgendeinem Land, und wäre es Hitler- Deutschland, der Geist weniger frei ist, mehr gebeugt wird, mehr verängstigt ist, mehr terrorisiert und unterjocht. (S. 67) IV. Faktoren der Urteilsbildung Für seine Urteilsbildung verließ sich Gide ausschließlich auf seine eigenen Eindrücke. Dies hing damit zusammen, dass er nach eigener Aussage offiziellen Auskünften grundsätzlich misstraute. (S. 46f) Diese kritische Distanz lässt sich auf zweierlei Weise auf Gides Biographie zurückführen. Zum einen hatte Gide durch seine Reisen in die französischen Kolonien Kongo und Tschad in den 1920er Jahren, wo er Zeuge der dortigen Unterdrückung und Ausbeutung der Kolonisierten wurde – was er nach seiner Rückkehr öffentlich scharf anprangerte –, gelernt, offiziellen Auskünften mit Skepsis zu begegnen. (S. 21) Oder, wie Peter Schnyder es ausdrückt: In Russland wendete Gide an, was er zehn Jahre zuvor im Kongo und Tschad gelernt hat: nicht wegzublicken von ,systembedingten‘ Ungerechtigkeiten, sich nicht mit vagen Versprechungen auf bessere Zeiten abspeisen zu lassen, den Behauptungen von offizieller Seite nicht ungeprüft Glauben zu schenken, und, vor allem, sich nicht einschüchtern zu lassen […].18 17 Furet, Das Ende der Illusion, S. 368. 18 Schnyder, Vorwort, S. 38. 134 Inka Zahn So gesehen bildeten seine Afrikareisen die Vorbedingung für die kritische Wahrnehmung der sowjetischen Realität.19 Zum anderen ließen Gides Individualismus, seine antibürgerliche Einstellung und hier vor allem seine Homosexualität ihn äußerst kritisch gegenüber dem in der UdSSR Beobachteten, insbesondere gegenüber dem dortigen Mangel an persönlicher Freiheit – sei es geistiger, politischer oder sexueller Freiheit –, werden.20 Neben dem biographischen Kontext waren jedoch auch die Reiseumstände entscheidend. Denn Gide genoss im Vergleich zu anderen Sowjetunionreisenden der Zwischenkriegszeit den Vorteil, dass, wie bereits erwähnt, zwei seiner Begleiter Russisch sprachen. Dadurch war er nicht ausschließlich auf die manipulative Vermittlung durch seine sowjetische Dolmetscherin angewiesen, und seine Freunde konnten gelegentlich auf eigene Faust Erkundigungen einholen.21 So schrieb Gide rückblickend in seinen Retuschen zu seinem Bericht, dass die Wahrnehmung der Realität nur durch den Ausbruch aus dem offiziellen Besuchsprogramm und den Kontakt mit der Bevölkerung erfolgen konnte. Erst während ihrer Rundreise, als sie z.B. öfter spontan soziale Einrichtungen anschauten, deren Besuch im Programm nicht vorgesehen gewesen sei, hätten sie wirklich „gesehen“. (Retouches, S. 13 u. 75f) Auch dies war eine Erfahrung, die er, wie er schreibt, bereits bei seinen Afrikareisen gemacht hatte, wo er erst zu „sehen“ begann, nachdem er das „Automobil der Gouverneure“ verlassen hatte und selbständig weiterreiste. (Ebd., S. 13) Zudem hatte Last, der bereits mehrfach in der Sowjetunion gewesen und daher mit dem sowjetischen Leben sehr vertraut war, seinen zukünftigen Reisekompagnon Gide in einem Brief vom September 1935 vor der gelenkten Wahrnehmung der Touristen in der UdSSR gewarnt. Er selbst hatte während seiner vorherigen Sowjetunion-Reise zum Allunionskongress Sowjetischer Schriftsteller 1934 erfahren, dass man durch die ständige Begleitung durch sowjetische 19 Vgl. Hans Christoph Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. Über André Gide und seine Reise in die Sowjetunion (1936), in: Die Zeit, 20 Vgl. Schnyder, Vorwort, S. 29. 21 Vgl. Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. 135 André Gides Zurück aus Sowjetrussland Autoritäten „nichts von der UdSSR sieht, wie sie ist“ und hatte Gide daher dringend nahegelegt, sich davon frei zu machen, um – ohne manipuliert zu werden –, „über das, was du gesehen oder erlebt hast, schreiben“ zu können.22 In Bezug auf die Reiseumstände war ferner von Bedeutung, dass Gides Freund Pierre Herbart, der dank seiner mehrmonatigen Arbeit in Moskau bestens informiert war über das dortige kulturpolitische Klima, ihn, so Gide, über viele Dinge aufgeklärt habe, die er sonst wahrscheinlich nicht verstanden hätte. (Retouches, S. 72–74) Daneben erfuhr Gide bei Begegnungen mit bekannten Kulturschaffenden wie vor allem Boris Pasternak, Sergej Eisenstein und Isaak Babel über Missstände im Land.23 Ein weiterer Faktor für Gides Urteilsbildung war die übertriebene Gastfreundschaft von sowjetischer Seite, welche nicht die gewünschte, sondern die gegenteilige Wirkung erzielte. So empfand Gide beispielsweise „Unbehagen, als er immer wieder zu teuren Mahlzeiten eingeladen [wurde]“, wissend, „wie wenig in diesem Land ein Arbeiter verdient[e].“24 Diese Privilegien, die ihn zur positiven Stellungnahme gegenüber der Sowjetunion hätten verführen sollen, machten ihn erst recht kritisch und auf die in seinem Gastland vorhandene soziale Ungleichheit aufmerksam. Rückblickend schrieb er hierzu: „[…] diese Gefälligkeiten waren eine ständige Erinnerung an Unterschiede, dort, wo ich dachte, ich würde Gleichheit finden.“ (Retouches, S. 58) Für Gides Ernüchterung spielte zudem eine Rolle, dass seine Reisebegleiter „häufig die gleichen Eindrücke teilte[n]“.25 Auch sie stellten fest, dass ihre Hoffnungen auf den Sozialismus in der Sowjetunion nicht Wirklichkeit geworden waren.26 Doch sollten seine Freunde sich nach der Reise 22 Brief von Jef Last an André Gide vom 25. September 1935, in: André Gide – Jef Last, Correspondance 1934–1950. Hrsg. von C. J. Greshoff, Lyon 1985, S. 26. 23 Vgl. Anne Hartmann, Ordnungen des Zeigens und des Sehens. Westliche Intellektuelle und ihre sowjetischen Guides Mitte der 1930er Jahre, in: Stefan Lampadius / Elmar Schenkel (Hrsg.), Under Western and Eastern Eyes. Ost und West in der Reiseliteratur des 20. Jahrhunderts, Leipzig 2012, S.91–108, hier S. 100f. 24 Schnyder, Vorwort, S. 28. 25 Ebd., S. 27. 26 Ausführlich siehe Inka Zahn: Retour de l’U.R.S.S. André Gides Reisegefährten, in: Wolfgang Klein, Walter Fähnders, Andrea Grewe (Hrsg.), Dazwischen. Reisen – Metropolen – Avantgar- 136 Inka Zahn zunächst dazu entscheiden, die UdSSR nicht öffentlich zu kritisieren. So werteten sie es als nicht opportun, zur Zeit des sowjetischen Engagements im Spanienkrieg Kritik an der Sowjetunion zu veröffentlichen27, da dies die Leser ihrer Berichte davon abhalten könnte, sich im Spanienkrieg gegen die Faschisten zu engagieren und auch die Sowjetunion zu unterstützen. Herbart revidierte seine Haltung jedoch sehr schnell: Er veröffentlichte 1937 seinen kritischen Bericht En U.R.S.S. 1936. Carnet de voyage und trat aus der KPF aus. Bei Last mündete die Angst davor, die UdSSR zu kompromittieren, in eine Schreibkrise und in eine Fluchtbewegung in die Aktion28: Er nahm als aktiver Kämpfer auf Seiten der Republikaner am Spanischen Bürgerkrieg teil und trennte sich erst 1938 von der kommunistischen Bewegung. Von Dabit, der während der Reise verstarb, ist nur ein privates Tagebuch überliefert, das postum 1939 veröffentlicht wurde; es enthält sehr zurückhaltende Notate, die jedoch auf eine Enttäuschung schließen lassen.29 Die zu vermutende Desillusionierung Dabits wird, wie auch Fred Kupferman schreibt,30 zudem in einem Eintrag in dem Bericht seines Reisegefährten Pierre Herbart angedeutet: Die Reise in die UdSSR war für Dabit eine harte Lektion und eine bittere Ernüchterung. Seine natürliche Bescheidenheit, sein schlichter Geschmack wurden täglich durch die Selbstgefälligkeit der sowjetischen Beamten, durch die absurden Zeremonien der offiziellen Empfänge verletzt. Er wurde durch das Fehlen einer echten Kameradschaft mit unseren Gastgebern gekränkt.31 Im Falle von Schiffrin und Guilloux gibt ein Eintrag in Gides Tagebuch vom 3. September 1936 Aufschluss darüber, dass auch sie beide „entden. Festschrift für Wolfgang Asholt, Bielefeld 2009, S. 173–184. 27 Vgl. Furet, Das Ende der Illusion, S. 675 sowie Maurer, Zu Zurück aus Sowjetrussland, S. 404f. 28 Vgl. André Gide – Jef Last, Correspondance, S. 5 und S. 30. 29 Vgl. Eugène Dabit, Journal intime 1928–1936, Paris 1939, hier vor allem S. 342. 30 Vgl. Fred Kupferman, Au pays des Soviets: le voyage français en Union soviétique, 1917–1939, Paris 1979, S. 114. 31 Pierre Herbart, En U.R.S.S. 1936. Carnets de voyage, Paris 1937, S. 113. 137 André Gides Zurück aus Sowjetrussland täuscht“ waren von dem, was sie während ihrer Reise in der Sowjetunion erlebt hatten.32 Anders als seine Reisebegleiter, ließ Gide das „Opportunitätskalkül“33 nicht gelten und veröffentlichte seine Kritik.34 Für ihn war, neben dem erwähnten biographischen Kontext und den Reiseumständen, der konkrete politische Kontext innerhalb der UdSSR wahrscheinlich ebenfalls ein Grund, seine Einstellung dem Gastland gegenüber zu ändern. Zwar werden in Zurück aus Sowjetrussland Verhaftungen, Lager und Terror in der Sowjetunion nicht (direkt) erwähnt, doch ist anzunehmen, dass für Gide, der nach seiner Rundreise wieder nach Moskau kam, wo in jenen Augusttagen der erste Moskauer Schauprozess stattfand, „dieser Prozess“, wie Karl Schlögel schreibt, „einer der Gründe [war] , auf Distanz zu gehen .“35 Dies legen seine späteren Retuschen zu seinem Bericht nahe, auf die weiter unten kurz eingegangen wird. V. Die Intention seines Berichts und die zeitgenössischen Reaktionen Trotz seiner deutlichen Worte schloss sich Gide jedoch nicht dem konventionellen Schwarz-Weiß-Schema der damaligen UdSSR-Darstellungen an. Nicht nur, indem er auch Vieles zu loben wusste. Gides Bericht sticht vor allem durch den Ton und den Beweggrund seiner Kritik hervor. Denn Gide betrieb nicht etwa Hetze gegen die UdSSR,36 wie der zeitgleich dorthin Reisende Roland Dorgelès mit seinem Bericht Vive la liberté! (1937). Auch wenn Gide die stalinistische Pervertierung des Kommunismus attackierte, fühlte er sich damals der Sowjetunion grundsätzlich weiterhin freundschaftlich verbunden, entsprang seine Kritik doch, wie er schrieb, „meiner Bewunderung für die UdSSR und für das Erstaunliche, was sie 32 Vgl. André Gide, Journal II, 1926–1950. Hrsg. von Martine Sagaert, Paris 1997, S. 540. 33 Maurer, André Gide et l‘URSS, S. 225. 34 Vgl. ebd. 35 Schlögel, Terror und Traum, S. 104. 36 Vgl. Furet, Das Ende der Illusion, S. 368. 138 Inka Zahn schon vollbracht hat“. (Retour, S.15) Gide wollte der Sowjetunion demnach wieder auf den rechten Weg (der Menschlichkeit) verhelfen, sie nach eigenen Worten durch die Wahrheit „heilen“ (S.17). Die Sowjetunion und die Kommunisten in Frankreich erklärten Gide, nachdem dessen Bericht im Herbst 1936 in hoher Auflage erschienen war, zur Unperson und griffen ihn an, hierbei unterstützt von antifaschistischen Sympathisanten. Gides Buch wurde für viele Linke, die – wie Feuchtwanger – Gides Sicht entschieden widersprachen, zum negativ konnotierten Bezugspunkt. Gides Gegner warfen ihm vor allem die ihrer Meinung nach oberflächliche Darstellung des in der UdSSR Beobachteten und die Inopportunität des Berichts zum Zeitpunkt der sowjetischen Beteiligung am Spanienkrieg vor, wodurch Gide in ihren Augen den Faschisten in die Hände spielte. Bei anderen linken Gruppierungen in Frankreich, wie Sympathisanten des Trotzkismus, Sozialisten oder Liberalen, traf Gides Bericht hingegen durchaus auf Zustimmung oder zumindest auf mehr Wohlwollen.37 Auch führte sein Bericht zu einem Anstieg kritischer UdSSR-Berichte.38 Auf die gegen ihn von kommunistischer Seite aus organisierte Hetzkampagne antwortete Gide, seine bisherige Kritik verschärfend, im Juni 1937 mit seinen Retuschen zu meinen Russlandbuch, in denen er erstmals auf die politischen Schauprozesse und die Deportationen eingeht. Hatte Gide am Schluss von Zurück aus Sowjetrussland trotz der erlebten Ernüchterung noch Hoffnung in Bezug auf einen Wandel in der UdSSR geäu- ßert39 („Die UdSSR hat noch nicht aufgehört, uns zu unterrichten und zu verblüffen.“ S. 92), so lautet das Fazit seiner Retuschen hingegen: Die UdSSR ist nicht das, was wir hofften, dass sie sein würde, was zu sein sie versprochen hatte und noch zu scheinen sucht – : sie hat all unsere Hoffnungen verraten. […] Ach, nachdem du uns zuerst als Muster und Vorbild gedient 37 Vgl. Maurer, André Gide et l‘URSS, S. 137–144. 38 Vgl. Bernard Furler, Augen-Schein: deutschsprachige Reportagen über Sowjetrussland 1917– 1939, Frankfurt a.M. 1987, S. 149. 39 Vgl. Köpke, Das dreifache Ja zur Sowjetunion, S. 63. 139 André Gides Zurück aus Sowjetrussland hast, zeigst du uns jetzt, in welchem Triebsand eine Revolution versinken kann! (Retouches, S. 68) Abschließend sei folgendes gesagt: Gide gehört zu den wenigen UdSSR- Reisenden der Zwischenkriegszeit, die durch die Reise und die dort gemachten Erfahrungen und Beobachtungen ihren Blick auf den Sowjetkommunismus stark veränderten. Entscheidende Faktoren dafür, dass Gide vor Ort die sowjetische Realität auf so luzide Art erkannte, waren insbesondere seine biographisch bedingte kritische Distanz gegenüber dem in der UdSSR Vorgefundenen sowie die Reiseumstände, hierbei vor allem die Begleitung durch persönliche Dolmetscher und Kenner des sowjetischen Lebens. Doch Gide beließ es nicht beim Erkennen der sowjetischen Zustände. Vielmehr ist vor allem seine Bereitschaft hervorzuheben, die Diskrepanz zwischen seiner Utopie und der sowjetischen Wirklichkeit öffentlich zu benennen. In dieser Hinsicht ist Zurück aus Sowjetrussland ein Einzelfall, da es Gides Zweifel in deutliche und doch freundschaftlich gemeinte Worte fasst und da sich sein Autor, unabhängig von dem, was zu dem Zeitpunkt als inopportun galt, nicht von seiner öffentlichen Kritik am Sowjetkommunismus abhalten ließ. Gerade dadurch wurde das Buch bedeutend. 141 Anne Hartmann Im Dickicht der Wertungen – Lion Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 Wer sich mit der Kontroverse zwischen André Gide und Lion Feuchtwanger befasst, gerät unweigerlich ins Dickicht der Wertungen. Gide, auf den die Sowjetunion so große Hoffnungen als westlichen Bundesgenossen von Rang gesetzt hatte, wurde nach Erscheinen seines Reiseberichts Retour de l’U.R.S.S. im November 1936 umgehend aus der Gemeinschaft der fortschrittlichen Kräfte ausgestoßen. Feuchtwanger, der skeptische bürgerliche Intellektuelle, gewann im Gegenzug mit seinem Buch Moskau 1937 (Amsterdam 1937) das Ansehen eines Freunds und Verbündeten der Sowjetunion. Beide Bücher und ihre zeitgenössische Rezeption spiegeln die damalige ideologische Konstellation, in der – zumal in linken Kreisen und bei Sympathisanten – die Loyalität zur Sowjetunion als Prüfstein dafür galt, wie es die Intellektuellen mit dem Faschismus hielten. Heute hingegen werden die beiden Reiseberichte in erster Linie als Stellungnahmen für oder wider Stalin gelesen, weshalb die Beurteilung seines Regimes Grundlage aller Wertungen ist. Während Gide inzwischen glänzend gerechtfertigt ist und in der westlichen, aber auch der heutigen russischen Forschungsliteratur als einer der wenigen hellsichtigen Sowjetunionbesucher jener Jahre gefeiert wird, scheint Feuchtwanger jeden Kre- 142 Anne Hartmann dit verspielt zu haben: Er gilt als „berühmteste[r] Lobredner des Terrors“1 und „willfährige[r] Apologet[ ] der stalinistischen Diktatur“2, der Reisebericht als Zeugnis „schrecklicher Blindheit“3 oder „überschäumende[r] Dummheit“4. Moskau 1937 wird als vielleicht markantestes Dokument der politischen Verblendung und des moralischen Versagens westlicher Intellektueller in der Zwischenkriegszeit bezeichnet.5 Was wäre dem hinzuzufügen oder gar entgegenzusetzen? Es kann weder um Beschönigung oder Rechtfertigung gehen noch darum, den zahlreichen polemischen Urteilen ein weiteres hinzuzufügen, wohl aber um den Versuch, zu differenzieren, was bedeutet, Feuchtwangers Moskaureise und –buch historisch einzuordnen6 und auch den Reisebericht nicht vorschnell als „erledigt“ abzutun. I. Kontexte Push- und Pull-Faktoren // Geht man der Frage nach, wie es überhaupt zu der Reise kam, scheinen mir zwei Faktoren besonders wichtig zu sein, die in der Forschung bislang vernachlässigt wurden: zum einen der Hintergrund des Exils und – damit zusammenhängend – berufliche Kontakte zur Sowjetunion und Projekte, die sich für Feuchtwanger in dieser prekären Situation ergaben. Prekär war sie in doppelter Hinsicht: Ausgebürgert, 1 Mario Keßler, Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895–1961), Köln [u.a.] 2013, S. 343. 2 Andreas Heusler, Lion Feuchtwanger. Münchner – Emigrant – Weltbürger, St. Pölten [u.a.] 2014, S. 254. 3 Wolfgang Geier, Wahrnehmungen des Terrors. Der Fall Gide – Feuchtwanger, in: Moskau 1938. Szenarien des großen Terrors, Leipzig 1999, S. 183. 4 Robert Conquest, Stalin. Der totale Wille zur Macht, München 1991, S. 241. 5 Zur ,Abrechnung‘ mit Feuchtwanger vgl. weiter besonders Karl Kröhnke, Lion Feuchtwanger – Der Ästhet in der Sowjetunion. Ein Buch nicht nur für seine Freunde, Stuttgart 1991; Wolfgang Geier, Wahrnehmungen des Terrors. Berichte aus Sowjetrussland und der Sowjetunion, 1918–1938, Wiesbaden 2009; Siegfried Kohlhammer, Der Haß auf die eigene Gesellschaft. Vom Verrat der Intellektuellen, in: Kein Wille zur Macht. Dekadenz. Sonderheft Merkur (2007), 8–9, S. 668–680; Martin Mauthner, ‚I came, I Saw, I Shall Write’: Feuchtwanger’s Misguided Mission to Moscow, in: Ders., German Writers in French Exile 1933–1940, London – Portland 2007, S. 165–181. 6 Ausführlich siehe Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation (akte exil, neue folge. Hrsg. von Hermann Haarmann), Göttingen 2017. 143 Im Dickicht der Wertungen seiner Rechte und seiner Habe beraubt, war der Autor nach Hitlers Machtergreifung Anfang 1933 über Nacht heimatlos geworden, ein Flüchtling. Zwar fand er im südfranzösischen Sanary-sur-Mer Zuflucht und ein komfortables Umfeld, doch konnte er in Frankreich nie beruflich Fuß fassen. Vor allem aber wuchs – nicht nur bei Feuchtwanger – die Enttäuschung über die westlichen Demokratien, die Hitler keineswegs, wie erhofft, entschlossenen Widerstand entgegensetzten. Wer, wenn nicht Stalin, konnte und wollte es mit ihm aufnehmen? Die Sowjetunion wiederum vollzog seit 1932 eine radikale Kehrtwende ihrer Kulturpolitik. Proletarisch-klassenkämpferische (aber auch avantgardistische) Positionen wurden nun aufgegeben und die militante Russische Assoziation proletarischer Schriftsteller RAPP zusammen mit den anderen künstlerischen Gruppen aufgelöst; stattdessen wurden im Zuge der neuen Bündnispolitik gezielt bürgerliche Intellektuelle aus dem Westen umworben. Auch Feuchtwanger gehörte dazu. Seit dem Ersten Moskauer Schriftstellerkongress von 1934 wurde er wiederholt in die Sowjetunion eingeladen.7 Bis die Reise dann stattfand, sollte es noch gut zwei Jahre (bis Dezember 1936) dauern, doch intensivierten sich in dieser Zeit die geschäftlichen Beziehungen – für den Emigranten von existentieller Bedeutung: Erstmals erreichten ihn nun Honorarzahlungen aus Russland, seine Werke erschienen jetzt in großer Auflage, die sowjetische Presse brachte Artikel über ihn und von ihm, es konkretisierte sich die Idee einer russischen Verfilmung von Feuchtwangers Erfolgsbuch Die Geschwister Oppenheim, und der Autor ließ sich, zusammen mit Bertolt Brecht (in Dänemark) und Willi Bredel (in Moskau) dafür gewinnen, in die Redaktion der 1936 in Moskau gegründeten deutschsprachigen Exilzeitschrift Das Wort einzutreten. 7 Im gemeinsamen „Haß gegen den Faschismus“ sollte, wie Johannes R. Becher dort zum „Großen Bündnis“ ausführte, „den humanistischen Schriftstellern, den literarischen Vertretern der realistischen Vernunft, allen Suchern der Wahrheit“ die Hand entgegengestreckt werden. Johannes R. Becher: Das große Bündnis. In: Hans-Jürgen Schmitt / Godehard Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller, Frankfurt a.M. 1974, S. 245, 257. 144 Anne Hartmann Der Schatten Gides // Feuchtwangers Moskauaufenthalt lässt sich nur nachvollziehen, wenn man zugleich André Gides Russlandreise im Sommer 1936 in den Blick nimmt. Nach Gides „Bekehrung zum Kommunismus“, wie er es selbst nannte,8 hatten ihn die sowjetischen Kulturpolitiker mit Einladungen, Ämtern und Ehrungen überhäuft: Er ist derjenige, „der jetzt aktiv die internationale, der UdSSR ergebene Intelligenz“ anführt, heißt es noch im Juli 1936 in einem Brief Michail Kolzows, des Leiters der Auslandskommission des Sowjetischen Schriftstellerverbands, an Stalin.9 Umso größer war die Enttäuschung, ja das Entsetzen, als der gefeierte Autor sich als undankbar erwies. Jedenfalls wurde Gides verhalten kritischer Reisebericht Retour de l’U.R.S.S. als Verrat aufgefasst, Gide fortan als Faschistenknecht verdammt. Diejenigen, die den französischen Autor gerade noch gefeiert hatten, mussten sich nun schleunigst von ihm distanzieren. „Mit dem Gide ist es aus“, berichtete Asja Lacis Walter Benjamin knapp und lakonisch.10 Umso präsenter war sein Schatten für Feuchtwanger und Gefährten: „Er war allgegenwärtig, in allen unseren Gesprächen“,11 schrieb Marcuse rückblickend. Dass Feuchtwanger eingeladen worden sei, um ein Gegenbuch zu schreiben, gehört zwar ins Reich der vielfach kolportierten Legenden. Er nahm den Reisebericht druckfrisch mit, als er Ende November 1936 in Paris den Zug bestieg. Doch drängte der Fall Gide zur Stellungnahme. Anlässlich eines Besuchs in der Prawda-Redaktion am 14. Dezember bezeichnete Feuchtwanger den französischen Autor als selbstverliebten Ästheten, der nie ein wirklicher Antifaschist gewesen sei.12 Ob auf Wunsch 8 André Gide, Tagebuch 1923–1939. Hrsg. von Peter Schnyder. Aus dem Franz. von Maria Schäfer-Rümelin. Gesammelte Werke. Bd. 3, Stuttgart 1991, S. 527 [Eintrag Juni 1933]. 9 Kolzow an Stalin, 8.7.1936, in: Leonid Maksimenkov (Hrsg.), Bol’šaja cenzura. Pisateli i žurnalisty v strane sovetov 1917–1956, Moskva 2005, S. 422. In dem Brief bat Kolzow – vergeblich – darum, Stalin möge Gide empfangen. 10 Asja Lacis an Walter Benjamin, 4.12.1936. Akademie der Künste (AdK, Berlin): Walter-Benjamin-Archiv 79. Vorher hatte sie Benjamin mehrfach nahegelegt, Gide um eine Empfehlung für die Übersiedlung in die Sowjetunion zu bitten. 11 Ludwig Marcuse, Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie, Zürich 1975, S. 234. 12 Lion Fejchtvanger v redakcii „Pravdy“, in: Pravda, 15.12.1936. 145 Im Dickicht der Wertungen der sowjetischen Kulturoffiziellen oder aus eigenem Antrieb – Feuchtwanger holte zwei Wochen später noch zu weiterer, grundsätzlicherer Kritik aus. In seinem polemischen Artikel Der Ästhet in der Sowjetunion, der am 30. Dezember in der Prawda erschien, kam Feuchtwanger zu dem Urteil, Gide habe sich mit seinem Reisebericht „des Rechtes begeben, sich weiter einen sozialistischen Schriftsteller zu nennen“; das Buch sei eine „Hilfeleistung für die Gegner, […] ein Schlag gegen den Sozialismus und gegen den Fortschritt der Welt“.13 Die Gastgeber waren erleichtert, aber keineswegs gänzlich beruhigt. Denn pikanterweise hatte Feuchtwanger bei dem Hin und Her um seinen Artikel – die Redaktion hatte noch Änderungen verlangt – mehrfach Verständnis für Gide geäußert. Fürsorge und Kontrolle der Gastgeber // Die Polemik Feuchtwangers galt also noch keineswegs als Garantie für seine loyale Haltung, zumal, wie es hieß, auch Gide während seines Besuchs alles gelobt habe, um es hinterher zu schmähen. Die Angst vor einem erneuten Debakel prägte jedenfalls alle Anstrengungen der sowjetischen Kulturoffiziellen. Der französische Autor, so hieß es nun, sei bei seiner Reise (die ihn auch in den Kaukasus und auf die Krim geführt hatte) sträflich „ohne Aufsicht“ geblieben.14 Überhaupt sei sie nicht sorgfältig genug vorbereitet gewesen und Gide gar „feindlichen Leuten“ in die Hände gefallen.15 Daher wurde die Hülle aus Ehrungen, Fürsorge und Kontrolle, die bei Gides Reise noch halbwegs durchlässig war, jetzt sehr viel enger gezurrt. Die überwältigende Gastfreundschaft war grundiert von innerer Distanz und gleichzeitiger Unsicherheit. Zum einen versuchte man nun gezielt, ,gefährliche‘ Besucher aus Feuchtwangers Umgebung zu entfernen oder von ihm fernzuhalten. Boris Pasternak und Boris Pilnjak etwa, denen man einen schädlichen 13 Hier zitiert nach der deutschen Fassung. Lion Feuchtwanger, Der Ästhet in der Sowjetunion, in: Das Wort 2 (1937), 2, S. 88. 14 Elsa Triolet an Wsewolod Wischnewski, 10.11.[1936], in: In: T. V. Balašova (Hrsg.), Dialog pisatelej. Iz istorii russko-francuzskich kul’turnych svjazej XX veka 1920–1970, Moskva 2002, S. 761. 15 Boris Tal an die Sekretäre des ZK der WKP(b), Stalin, Kaganowitsch, Andrejew, Shdanow, Jeshow, 7.12.1936. Russisches Staatsarchiv für die neueste Geschichte (RGANI, Moskau), 3/34/232, Bl. 4. 146 Anne Hartmann Einfluss auf Gide unterstellte,16 wurden in letzter Minute von der Gästeliste eines Festbanketts gestrichen, damit sie Feuchtwanger nicht begegnen konnten.17 Zum anderen wurde er mit Personen umgeben, die ihn praktisch permanent beobachteten und melden sollten, wie er gestimmt war. Eine zentrale Funktion kam dabei seiner Dolmetscherin Dora Karawkina zu;18 sie hielt für ihre Vorgesetzten bei der Allunionsgesellschaft für kulturelle Verbindung mit dem Ausland (WOKS) anfangs nahezu täglich fest, was Feuchtwanger an jenem Tag unternommen, wen er getroffen und wie er Ereignisse und Eindrücke kommentiert hatte. Ihre Rapporte gingen ebenso wie die Berichte, die andere Gesprächspartner Feuchtwangers über ihre vermeintlich privaten Unterredungen mit ihm anfertigten, in geheimdienstliche Berichte ein; diese wurden in der Regel über Geheimdienstchef Jeshow an Stalin persönlich weitergeleitet: Der in dieser Hinsicht sicherlich ahnungslose Schriftsteller wurde zum Objekt eines hochrangigen operativen Vorgangs. Eitelkeiten, Empfindlichkeiten, Äußerungen – alles wurde „nach oben“ weitergemeldet. Neben der Kontrolle gab es die Anreize. Obwohl oder gerade weil bei Gide die Verführung durch Ehrungen und Privilegien nicht den ge- 16 So der WOKS-Vorsitzende Alexander Arossew in einem Schreiben an Stalin, Molotow und Jeshow, 13.12.1936. Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF, Moskau) 5283/1a/308, Bl. 135. Zur Bedeutung Pasternaks für Gide siehe Leonid Maximenkov / Christopher Barnes, Boris Pasternak in August 1936 – An NKVD Memorandum, in: Toronto Slavic Quarterly Nr. 6 (Herbst 2003) ; Martine Sagaert / Peter Schnyder, André Gide. L’écriture vive, Bordeaux 2008, S. 56–60. Pilnjak wurde nach seiner Verhaftung vorgehalten, im Verlauf „konspirative[r] Treffen“ mit Gide „tendenziöse Mitteilungen über die Verhältnisse in der Sowjetunion“ gemacht zu haben. Witali Schentalinski, Das auferstandene Wort. Verfolgte russische Schriftsteller in ihren letzten Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen. Aus den Archiven sowjetischer Geheimdienste, Bergisch Gladbach 1996, S. 286. 17 Geheimauskunft [Wladimir] Kurskis, Hauptverwaltung für Staatssicherheit, über den Aufenthalt Feuchtwangers in Moskau, 9.1.1937. Russisches Staatsarchiv für die neueste Geschichte (RGANI, Moskau) 3/34/232, Bl. 17. Dt. in Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 271. 18 Im WOKS-Bestand (er befindet sich im GARF) ließen sich 17 Berichte ermitteln; Übersetzung und Kommentar in Anne Hartmann, Lion Feuchtwangers Dolmetscherin. Die Rapporte der Dora Karawkina, in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 30 (2010), 1, S. 28–51. 147 Im Dickicht der Wertungen wünschten, sondern einen eher gegenteiligen Effekt gehabt hatte,19 wurden bei Feuchtwangers Visite die „techniques of hospitality“20 nur noch intensiviert. Empfänge, Festbankette, Ovationen, lukrative Verträge – die sowjetische Seite scheute weder Kosten noch Mühen. Diesmal durchaus mit Erfolg. Die Reaktionen des Gasts // „Großartiger Empfang an der Bahn“, berichtete Feuchtwanger am 2. Dezember seiner Frau: „Hunderte von Menschen. Interviews, Pelzmantel, Reden, Photographen“.21 Es sollte so bleiben: Der Kulturbetrieb riss sich förmlich um den Stargast und seine Werke; wo er auch auftauchte, stand er im Mittelpunkt. Es muss für den Exilautor überwältigend gewesen sein, nach den Jahren der Isolation plötzlich mit so viel Aufmerksamkeit und Komplimenten überschüttet zu werden und wieder ein Publikum zu finden. „[B]egierigere, dankbarere leser kann man sich nicht wünschen“, schwärmte Feuchtwanger.22 Die „Ego-Massage“, wie Paul Hollander sie bezeichnete,23 war zweifellos effektvoll, vor allem die Komplimente, die seinen Rang als Schriftsteller bekräftigten: In Russland gelte er „unbestritten als der größte ausländische Schriftsteller“, hatte man ihm schon vor der Reise suggeriert;24 und Gorki habe gesagt, „er könne jetzt ruhig sterben, da ein neuer Balzac in der Welt sei“.25 Gar nicht leicht, angesichts all der Triumphe nicht größenwahnsinnig zu werden, wie Feuchtwanger selbst gestand. 19 Später resümierte Gide: „Voller Überzeugung und Begeisterung war ich gekommen, eine neue Welt zu bewundern; und um mich zu verführen, bot man mir alle Vorrechte, die ich in der alten verabscheute. André Gide, Retuschen zu meinem Russlandbuch. Aus dem Franz. von Ferdinand Hardekopf, Zürich 1937, S. 66. 20 Dazu grundlegend Paul Hollander, Political Pilgrims. Travels of Western Intellectuals to the Soviet Union, China and Cuba 1928–1978, New York – Oxford 1981, S. 347–399. 21 Lion Feuchtwanger – Marta Feuchtwanger correspondence, 1920s–1940s. Lion Feuchtwanger papers, Collection no. 0204. Feuchtwanger Memorial Library (FML). Special Collections, USC Libraries, University of Southern California (Los Angeles), Box C 14a. 22 Lion Feuchtwanger - Marta Feuchtwanger correspondence, 8.12.1936. 23 Vgl. Hollander, Political Pilgrims, S. 355–372. 24 Dies vermerkt Lion Feuchtwanger am 20.5.1936 in seinem Tagebuch zu einem Brief von Michail Kolzow. Diaries transcriptions 1906–1940. FML: Lion Feuchtwanger papers, Box A 19b. 25 Diese Botschaft wurde Feuchtwanger, wie er seiner Frau am 25.12.1936 berichtete, von Gorkis Witwe bei einem Festbankett übermittelt. Lion Feuchtwanger – Marta Feuchtwanger correspondence. 148 Anne Hartmann Und doch halten seine Briefe und Tagebuchnotizen auch eine gewisse Reserve fest – gegenüber dem Mangel an Komfort und all den Unbequemlichkeiten, die ihm zu schaffen machten, aber nicht nur: Immer wieder kritisierte er auch Missstände des öffentlichen Lebens, etwa die Normierung der Presse und des Kulturbetriebs sowie den Stalinkult. Außerdem war er mit großen politischen Sorgen gekommen; der erste Schauprozess im August 1936 habe „Europa erschüttert und die Sowjetunion zwei Drittel ihrer Anhänger gekostet“, notierte Karawkina seine Worte: „Deshalb müsse man jetzt unbedingt Aufklärung betreiben, um die Situation zu retten.“26 Hohe politische Funktionäre bis hin zu Außenminister Maxim Litwinow und Kominternchef Georgi Dimitroff wurden aufgeboten, um ihm die ,richtige‘ Sichtweise zu vermitteln, doch offenbar ohne großen Erfolg. „Ihre Argumente überzeugen mich nicht. Sie wiederholen alle ein und dasselbe“, soll er geäußert haben, ebenso, dass es in der Sowjetunion „keine Meinungs- und Pressefreiheit“ gebe.27 Feuchtwanger kündigte zwar an, dass er seine negativen Ansichten im Westen nicht publik machen wolle, doch blieb der Eindruck, es mit einem „westliche[n] Bazillenträger des Skeptizismus“ zu tun zu haben, den man „fast auf eine Stufe mit André Gide“ stellte. Er habe sich in Moskau unbeliebt gemacht, resümierte der österreichische Emigrant Hugo Huppert, „er wird hier wenig Freunde zurücklassen“.28 Und dann gab es offenbar doch noch einen Gesprächspartner, dessen Antworten den Skeptiker zufriedenstellten. Nachdem bis dahin alle Überredungskünste versagt hatten, war die Unterredung, die Stalin am 8. Januar 1937 Feuchtwanger gewährte, eine Art ultimative Maßnahme, die wirkte: Feuchtwanger zeigte sich anschließend „ungemein beeindruckt“29 26 Bericht Karawkina, 17.12.1936, in: Hartmann, Lion Feuchtwangers Dolmetscherin, S. 42. 27 [Wladimir] Kurski: Geheimauskunft der 4. Abteilung der Hauptverwaltung für Staatssicherheit: Feuchtwanger über sein Gespräch mit Gen. Stalin, 9.1.1937. RGANI 3/34/232, Bl. 13–16. Dt. in: Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 268. 28 Huppert, Tagebucheintrag vom 30.1.1037. AdK: Hugo-Huppert-Archiv 196. 29 Die Bedeutung des Interviews für Feuchtwangers Sinneswandel betont Ludmila Stern, Moscow 1937: the Interpreter’s Story, in: Australian Slavonic and East European Studies 21 (2007), 1–2, S. 88; Dies., Western Intellectuals and the Soviet Union, 1920–40. From Red Square to the Left Bank, London – New York 2007, S. 17. 149 Im Dickicht der Wertungen von dem Gespräch und nahm viele Äußerungen Stalins in seinen Reisebericht auf. Auch von der Inszenierung des zweiten Schauprozesses Ende Januar 1937, an dem er als Beobachter teilnahm, ließ er sich überzeugen. Wie auch die anderen westlichen Besucher unterlag er der „fürchterlichen Macht des Augenscheins“, nicht obwohl, sondern weil sie dabei waren, wie Ernst Fischer im Rückblick festhielt.30 Der sowjetischen Presse gegenüber bestätigte Feuchtwanger, dass „die Schuld der Angeklagten eindeutig bewiesen“ sei, auch wenn er zu bedenken gab, dass ihm die „letzten Ursachen“ der verhandelten Taten und „die letzten Gründe ihres Verhaltens vor Gericht“ nicht ganz klar geworden seien.31 Es bedürfe „eines großen Sowjetdichters“, um ihre „Schuld und ihre Sühne westlichen Menschen klar zu machen“ – statt über das Gerichtsverfahren und dessen Rechtmäßigkeit zu urteilen, weicht Feuchtwanger mit dieser Bemerkung in die Literatur aus, eine für ihn charakteristische Reaktion auf die fremdartigen sowjetischen Verhältnisse.32 II. Der Text Selbstzensur // Als Feuchtwanger nach Paris zurückkam, wurden ihm seine lobenden Worte zum Prozess und über Stalin ebenso wie seine harsche Gide-Kritik von vielen Emigranten vorgehalten. Feuchtwanger fühlte sich „ungeheuer angepöbelt“, und es war wohl nicht zuletzt eine Art Trotzreaktion, dass er sich zu dem Reisebericht entschloss. Er schrieb ihn sehr schnell, wobei viele seiner Moskauer Zeitungsartikel in den Text Eingang fanden. Ende Mai 1937 lagen bereits die Druckfahnen vor, als Kolzow auf dem Weg nach Spanien, wo er als Sonderkorrespondent der Prawda und 30 Ernst Fischer, Erinnerungen und Reflexionen, Frankfurt a.M. 1994, S. 422. 31 Zit. nach: Eine neue Barriere gegen den Krieg. Zum Moskauer Prozes gegen die Trotzkisten: Lion Feuchtwanger, Martin Andersen-Nexø, Willi Bredel. Bredel in: Das Wort 2 (1937), 3, S. 100. Feuchtwangers Eindrücke von dem Prozess waren zuerst in der russischen Tagespresse erschienen: Pravda, Izvestija und Deutsche Zentral-Zeitung vom 30.1.1937. 32 Bezeichnenderweise beschrieb er den Schauprozess als theatralisches Spektakel und meinte nach dem Interview im Kreml, nun könne er ein „literarisches Porträt“ des Genossen Stalin verfassen. 150 Anne Hartmann Emissär Stalins tätig war,33 in Sanary Station machte. Da Kolzow schon die Einladung Gides nach Moskau betrieben hatte und anschließend persönlich für den Fehlschlag verantwortlich gemacht worden war,34 hatte er ein vitales Interesse daran, Einblick in das Manuskript zu nehmen und womöglich korrigierend einzugreifen. Unter seinem Einfluss überarbeitete Feuchtwanger vor allem das Kapitel Stalin und Trotzki grundlegend,35 wenn auch „mit nicht ganz gutem Gewissen“, wie sein Tagebuch ausweist.36 Konnte man in den Druckfahnen noch lesen, dass sich „Lenin abfällig über Stalin“ geäußert habe oder dass dieser gegen Trotzki „immerzu ekelhafte kleine Intrigen gesponnen“ habe, so sind solche Bemerkungen ebenso entfallen oder entschärft wie die Würdigung Trotzkis als Revolutionär, dem der ,Stalinstaat’ „als lächerliche, scheußliche Fratze des Sozialismus erscheinen“ musste. Die Attribute „genial“, „blendend“, „großartig“ werden jetzt Trotzki entzogen, seine Verdienste systematisch herabgesetzt, während Stalins Meriten aufgewertet und die positiven Eigenschaften auf ihn übertragen werden. Eine Passage wurde von Feuchtwanger im Zuge der Überarbeitung ersatzlos gestrichen, und diese Korrektur ist besonders bedrückend, denn der Randtitel „gegen die historie hilft kein radiergummi“ formulierte ein Ethos des historischen Schriftstellers, gegen das der Autor mit der Tilgung selbst verstieß: Dieser Mann Leo Trotzki ist heute in der Sowjet-Union verfemt, und man möchte dort am liebsten die Seiten, die er beschrieben, aus der Geschichte 33 Zu Kolzows Aktivitäten in Spanien und deren Wahrnehmung durch Zeitgenossen vgl. besonders Paul Preston, Stalin’s Eyes and Ears in Madrid? The Rise and Fall of Mikhail Kol’cov, in: Ders., We Saw Spain Die. Foreign Correspondents in the Spanish Civil War, London 2009, S. 203–248. 34 Kolzow und Maria Osten hatten Gide während seiner Reise durch die Sowjetunion begleitet. In einem geheimdienstlichen Bericht Jeshows und Berijas an Stalin vom 27.9.1938 hieß es sogar, womöglich habe Kolzow dem französischen Autor die „antisowjetische“ Kritik suggeriert. Vgl. V. N. Chaustov [u. a.] (Hrsg.), Lubjanka: Stalin i glavnoe upravlenie gosbezopasnosti NKVD 1937–1938, Moskva 2004, S. 558; ferner Viktor Fradkin, Delo Kol’cova, Moskva 2002, S. 210– 218. 35 Vgl. dazu im Einzelnen Anne Hartmann, Zurück aus Sowjetrussland. Selbstzensur eines Reiseberichts, in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 29 (2009), 1, S. 16–33; Beginn des Kapitels Stalin und Trotzki: Variantenvergleich, ebd., S. 34–40. 36 27.5.1937. Diaries transcriptions. 151 Im Dickicht der Wertungen streichen. Aber das ist unmöglich, und der Fall Trotzki wird auch für die Gemüter der Sowjetbürger erst dann erledigt sein, wenn man wieder die Gerechtigkeit aufbringen wird, Trotzki historisch zu betrachten.“37 „Das Buch ist durchaus freundschaftlich, tritt aktiv für die Sowjetunion und ihre Politik ein und gegen Trotzki auf“, berichtete Kolzow nach seinem Besuch in Südfrankreich erleichtert Stalins persönlichem Sekretär.38 Diese Bewertung bezieht sich nicht nur auf die geänderten Seiten, sondern meint die pro-bolschewistische Grundtendenz des gesamten Reiseberichts. Positiv waren aus Kolzows Perspektive zweifellos gerade die Passagen, die aus heutiger Sicht anstößig wirken, da sie polemisch einseitig, oberflächlich, in der Sache falsch oder ungerecht, im Beschwören des glücklichen Lebens in der Sowjetunion peinlich und im Hinweggehen über die Opfer fatal sind. Etwa wenn es über die Angeklagten des 2. Moskauer Schauprozesses heißt: „die Männer, die da vor Gericht standen, waren keineswegs gemarterte, verzweifelte Menschen vor ihrem Henker“.39 Auch Feuchtwangers Würdigung Stalins als neuer „Augustus“ und großer Organisator sowie die Schlusspasssage mit ihrem dreifachen emphatischen Ja zur Sowjetunion können den Leser nur befremden: Es tut wohl, nach all der Halbheit des Westens ein solches Werk zu sehen, zu dem man von Herzen ja, ja, ja sagen kann. Und weil es mir unanständig schien, dieses Ja im Busen zu bewahren, darum schrieb ich dieses Buch. (S. 153) Es lassen sich in der Tat nicht wenige solcher Textstellen finden, Material genug für die Kritiker Feuchtwangers und des Reiseberichts. Doch gerät über der Skandalisierung des Buchs aus dem Blick, dass es – so meine These – durchaus mehr zu bieten hat, jedenfalls hintergründiger, abgründiger ist, als es die apologetische Oberfläche vermuten lässt. 37 Moskau 1937. Ein Reisebuch [sic!] für meine Freunde. Typed ms. with Lion Feuchtwanger’s handwritten corrections. FML: Lion Feuchtwanger papers, Box D 12. 38 Kolzow an Alexander Poskrjobyschew. RGANI 3/34/232, Bl. 60. Dt. in: Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 206. 39 Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde, Amsterdam 1937, S. 127. Seitenzahlen (nach dieser Ausgabe) im Folgenden direkt im Text. 152 Anne Hartmann Kritik // So enthält der Reisebericht etliche Beispiele deutlicher Kritik, die Missstände des sowjetischen Alltags benennt und Gide überraschend nahekommt.40 Beider Beobachtungen sind im Grunde sehr ähnlich; allerdings sieht Gide aufgrund der von ihm beobachteten Defizite das sozialistische Experiment im Kern bedroht, während Feuchtwanger vorübergehende, leicht erklärbare Mängel registriert, die bald behoben sein werden. Doch auch wenn er immer wieder den „consensus omnium“ (S. 51) und das „Vertrauen der Sowjetbürger in ihre Zukunft“ (S. 19) hervorhebt, ist sein Blick auf den Ist-Zustand durchaus nüchtern. Er beschreibt den Mangel an Dingen des täglichen Gebrauchs, die Geschmacklosigkeit vieler Waren, die unansehnliche Kleidung und die Schlangen vor den Läden, den niedrigen Lebensstandard und die drükkende Wohnungsnot, so dass viele Moskauer „primitiver“ lebten „als im Westen mancher Kleinbürger“ (S. 18). Dazu komme ein „Bürokratismus“, der den Menschen „das Leben sauer“ mache (S. 17). Sogar in Bezug auf die „naive patriotische Eitelkeit der Sowjetleute“ (S. 49) und den Konformismus des Lebensstils und der Meinungen – für Gide ein zentrales Übel – muss Feuchtwanger dem Franzosen, wenn auch widerwillig, Recht geben. In dessen Behauptungen stecke „ein Körnchen Wahrheit“ (S. 48). Das „ganze öffentliche Leben der Sowjetbürger“ sei tatsächlich weitgehend normiert. „Versammlungen, politische Reden, Diskussionen, Klubabende ähneln einander wie Eier, und die politische Terminologie ist überall in dem weiten Reich über einen Leisten geschlagen.“ (Ebd.) So wirke der unisono verkündete Enthusiasmus, „besonders durch die offizielle Schallverstärkung, auf die Dauer krampfig“ (S. 53), der „einmütige Optimismus der Sowjetleute […] durch seine Gleichförmigkeit rasch banal“ und der Patriotismus „recht gemeinplätzig“ (S. 52). 40 Über die verkappte Nähe zu Gide vgl. auch Wulf Köpke, Das dreifache Ja zur Sowjetunion. Lion Feuchtwangers Antwort an die Enttäuschten und Zweifelnden, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch. Bd. 1, München 1983, S. 61–72; Mark-Christian von Busse, Faszination und Desillusionierung. Stalinismusbilder von sympathisierenden und abtrünnigen Intellektuellen, Pfaffenweiler 2000, S. 250; Anne Hartmann, Un anti-Gide allemand: Lion Feuchtwanger, in: Cahiers du Monde russe (2011), 1, bes. S. 123–125. 153 Im Dickicht der Wertungen Wo sein eigenes Metier, der Kunstbetrieb, betroffen ist, findet Feuchtwanger besonders klare Worte, in diesem Fall ohne jedes Wenn und Aber. Die „Gängelei und Bevormundung der Künstler durch den Staat“ (S. 65) würden Literatur und Theater ernstlich beeinträchtigen. Gerade die zeitgenössische Literatur habe es schwer, zumal jene, die „von der Generallinie des heroischen Optimismus“ (S. 62) abweicht. „Hier greifen überall die politischen Kontrollstellen in die Produktion ein, suchen die politischen Tendenzen der Werke auf Kosten ihrer künstlerischen Qualität zurechtzubiegen, sie zu verstärken, zu vergröbern.“ (Ebd.) Der Preis sei bei vielen Kunstwerken eine „zu dick aufgetragene Tendenz“ und die „grobe Schwarzweißzeichnung der Charaktere“ (S. 63). Das Fazit fällt denn auch schroff aus: „das Repertoire des Sowjettheaters und des Sowjetfilms“ sei „dürftig“ (S. 64); in der Architektur herrsche „Eklektizismus und Klassizismus“ (S. 31). In politischer Hinsicht sind Feuchtwangers Beanstandungen deutlich zurückhaltender, auch wenn er die Sowjetunion als „Diktaturstaat“ (S. 9) bezeichnet, den „zuweilen geschmacklos übertriebenen Kult Stalins“ (S. 11) und die „Intoleranz auf gewissen Gebieten“ (S. 50) beklagt oder davon spricht, dass in der Bevölkerung eine „richtige Schädlingspsychose entstanden“ (S. 47) sei. Untergründige Zweifel // Aufschlussreich ist jedoch eine zweite, untergründige Textebene der Kritik. Hier kommen die Skeptiker, Zweifler, Gegner der stalinistischen Sowjetunion zu Wort, die Feuchtwanger zwar regelmäßig zu widerlegen sucht, denen er aber durch seine erörternde Schreibweise immer wieder Gehör verschafft. Sogar für Trotzki, dem Feuchtwanger ansonsten blinden Hass unterstellt, äußert er – noch in der gestutzten Fassung – zugleich gewisses Verständnis. Der Revolutionär habe zusehen müssen, wie das mit Lenin begonnene „großartige Experiment […] in eine Art gigantischen kleinbürgerlichen Schrebergarten verwandelt wurde“, so dass ihm der Stalinstaat „als läppisches Zerrbild dessen [erschien], was ihm ursprünglich vorgeschwebt war“ (S. 120). In Bezug auf die Schauprozesse, besonders den ersten im August 1936, ist davon die Rede, dass sie „die Welt durch ihre ‚Wildheit und Willkür‘ gegen die 154 Anne Hartmann Sowjet-Union“ erregt (S. 117), ja „sehr üble Wirkung getan“ und „viele der Freunde wankend gemacht“ hätten (S. 140f.). In deren Augen hätten „die Kugeln, welche die Sinowjew und Kamenew getroffen, nicht nur diese, sondern die ganze neue Welt erschossen“ (S. 118f.) – eine durchaus häretische Bemerkung.41 Im Westen habe es geheißen, referiert der Autor weiter, die „Geständnisse seien den Angeklagten durch Folterungen und durch die Drohung mit noch schlimmeren Folterungen abgepreßt worden“ oder man „habe sie hypnotisiert und unter Drogen gesetzt“ (S. 125f.). Feuchtwanger weist all dies ab, und führt doch diese Versionen (und damit letztlich auch seine eigenen Zweifel) an. Derartiges zu lesen muss für Sowjetbürger, die keinen Zugang zu den westlichen Debatten hatten, sensationell gewesen sein, als der Reisebericht im November 1937 auch in russischer Übersetzung erschien. Für Moskauer Leser Ungeheuerliches kommt in dem Text zur Sprache: So ist, wenn auch als Meinung der Gegner, von „Stalins wüste[r] Despotie, seine[r] Freude am Terror“ die Rede. „Klar“ heißt es weiter, „dieser Mensch Stalin, voll von Minderwertigkeitsgefühlen, von Herrschsucht und maßloser Rachgier, will sich an allen denjenigen rächen, die ihn irgendwann kränkten, und alle diejenigen beseitigen, die auf irgend eine Art gefährlich werden können.“ (S. 141) Bei allem Lob für den Kremlherrn spricht der Autor auch vom „einfachen, immer verdeckten, dunkeln Stalin“ (S. 114), der „ein leises, dumpfiges, verschlagenes Lachen“ habe und dessen Humor „gefährlich“ werden könne (S. 112). Die „Stalin-Eloge“ ist also keineswegs so „hemmungslos“,42 wie die Kritiker Feuchtwangers dem Reisebericht entnehmen. Abgründig – Ausweichstrategien // Und schließlich zeigt sich – auf einer dritten, tatsächlich abgründigen Textebene –, dass Feuchtwanger keineswegs so meinungsstark und urteilssicher war, wie der Reisebericht auf den ersten Blick suggeriert. Statistiken und lange Zitate aus der gerade ver- 41 Vgl. Stephen Kotkin, Stalin. Vol. II: Waiting for Hitler, 1928–1941, New York 2017, S. 417. 42 Vgl. Claus Leggewie, Zurück aus Sowjetrußland? Die Reiseberichte der radikalen Touristen André Gide und Lion Feuchtwanger 1936/37, in: Sinn und Form 44 (1992), 1, S. 33. 155 Im Dickicht der Wertungen abschiedeten Verfassung geben den offiziellen Versionen Vorrang vor dem selbst Beobachteten. Statt für den Vorwurf von Trotzkis Verrat justitiable Fakten beizubringen, flüchtet sich der Autor in historische und literarische Analogien: „Wenn Alkibiades zu den Persern ging, warum nicht Trotzki zu den Faschisten?“ (S. 121) Dass Shakespeare seinen Dramenhelden Coriolan zu Roms Gegnern überlaufen ließ, lässt Feuchtwanger schließen: „So urteilt Shakespeare über die Möglichkeit, ob Trotzki mit den Faschisten paktiert hat“. (S. 122) Es ist ebenso absurd wie als Textverfahren aufschlussreich, dass das Verhalten eines athenischen Staatsmanns bzw. ein Shakespeare-Drama als Beleg für Trotzkis mutmaßliches Bündnis mit dem Feind bemüht werden. Überhaupt müssen historische Assoziationen oder literarische Anspielungen da aushelfen, wo dem Autor die eigene Rede und die Argumente ausgehen. Zu der Prozessführung und ihren Ergebnissen zitiert Feuchtwanger „nach dem Vorbild des gescheiten Essayisten Ernst Bloch“, was Sokrates über „gewisse Dunkelheiten des Heraklit“ geäußert haben soll: „,Was ich verstanden habe, ist vortrefflich. Daraus schließe ich, dass das andere, was ich nicht verstanden habe, auch vortrefflich ist.’“ (S. 134) Die Grenzen bzw. das Versagen der eigenen Urteilskraft gesteht Feuchtwanger auch in Bezug auf das gesamte sowjetische Staatswesen ein, diesmal unter Berufung auf Goethe: „,Ein Bedeutendes weiß uns immer für sich einzunehmen, und wenn wir seine Vorzüge anerkennen, so lassen wir das, was wir an ihm problematisch finden, auf sich beruhen.’“ (S. 152) Belegen die vielen und durchaus kontroversen fremden Stimmen in Feuchtwangers Text nicht hinreichend, dass seine Haltung keineswegs gefestigt war? War das Misstrauen der sowjetischen Gastgeber gegenüber Feuchtwanger also doch berechtigt? Feuchtwanger unterdrückte seine Bedenken, die in den Geheimdienstberichten und Beobachtungen seiner Zeitgenossen so manifest sind, um „Zeugnis“ abzulegen und die Sowjetunion zu unterstützen „im Kampf mit vielen Feinden“ (S. 13), und doch sind sie zumindest indirekt präsent. Sogar Stichworte für eine Kritik seiner eigenen Wahrnehmung und Reflexion bietet der Verfasser in der Einleitung zu seinem Reisebericht: Von der „Brille der Eitelkeit“ (S. 9) ist da die Rede, der Trübung des Blicks „durch Gefühle und vorgefaßte Mei- 156 Anne Hartmann nungen“ (S. 8); auch der Sorge, dass man dem Gast „nur das Geglückte“ (S. 9) zeigen werde und affirmative Bekundungen „Ausfluß von Furcht“ sein könnten. Überhaupt müsse es dem Sprachunkundigen, „schwer fallen, durch die Oberfläche und die allenfalls arrangierte Hülle ins Innere hineinzuschauen“ (S. 10). Auch wenn sich der Autor dagegen gefeit sieht, den Einflüsterungen und Täuschungsmanövern zu erliegen, sind dies doch erstaunliche Einsichten über den besonderen Werktypus der damaligen Reiseberichte über die Sowjetunion.43 III. Feuchtwangers Schreibprogramm Aber warum hat sich ausgerechnet der gut- und großbürgerliche Autor Feuchtwanger zu diesem Bekenntnisbuch hinreißen lassen, das tatsächlich seinesgleichen sucht? Und warum hielt er der Sowjetunion die Treue, auch noch nach den Enthüllungen des XX. Parteitags, indem er bis zu seinem Tod 1958 zahllose Grußbotschaften nach Moskau schickte? Der Grund liegt meines Erachtens in seiner idealistischen Geschichtskonzeption, die sich in dem Satz zusammenfassen lässt: Die Sowjetunion hat das einzigartige Experiment unternommen, einen Staat auf der Basis der Vernunft zu errichten. Was hier als Überzeugung formuliert ist, war als Idee bereits vor der Moskaureise angelegt. In diesem Sinne hatte sich Feuchtwanger schon 1935 geäußert, mit dieser Voreinstellung trat er seine Reise an und bescheinigte anschließend den Erfolg. Feuchtwanger kümmerte sich wenig um das, was er in Moskau sah und erlebte – dies erklärt, warum der Reisebericht so überraschend unsinnlich ist –, und vertraute in der Regel nicht einmal dem, was man ihm „vorsagte“,44 sondern leitend war für ihn, was er sich vorgenommen hatte. Das Russlandbuch ist in ideologischer Hinsicht 43 Zu diesem spezifischen Werktypus der „Rückkehr“-Texte vgl. besonders Jacques Derrida, „Back from Moscow, in the USSR“, in: Jutta Georg-Lauer (Hrsg.), Postmoderne und Politik, Tübingen 1992, S. 9–55; Michail Ryklin, Im Mekka des Proletariats, in: Ders., Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution, Frankfurt a.M. – Leipzig 2008, S. 53–82. 44 Vgl. Michail Ryklin, Verbotene Stadt, in: Ders., Räume des Jubels. Totalitarismus und Differenz, Frankfurt a.M. 2003, S. 149. 157 Im Dickicht der Wertungen geradezu das Substrat seiner Überzeugungen. Er rettete sie auch späterhin, indem er – nun Stalin nicht mehr erwähnend – den Oktoberumsturz in einen großen Bogen der weltgeschichtlich bedeutsamen Revolutionen einreihte, die den gesellschaftlichen Fortschritt befördert hätten. Ein Leben in kollektiver Übereinstimmung, „einleuchtende Planmä- ßigkeit“ von Wirtschaft und Staatswesen, Vernunft – dies sind die Kernbegriffe seiner in Moskau 1937 dargelegten Vision, wobei die Konzepthaftigkeit den Reisebericht ganz in die Nähe von Feuchtwangers historischen Romanen rückt, nur dass jetzt der Gang und Sinn der Geschichte nicht retrospektiv, sondern in die Zukunft verlängert gedeutet wird. Hier wie dort ging es ihm um den großen Bogen und die subjektive Wahrheit, „nicht verzerrt von Akten, von minutiösen Daten der Realität“.45 Ein Unterschied ist jedoch gravierend: Feuchtwangers Romane werden in der Regel von Spannungen getragen, die nicht aufhebbar sind: zwischen Betrachten und Handeln oder Geist und Macht, zwischen Ratio und Gefühl (bzw. – in seiner Diktion – Hirn und Herz) sowie zwischen geschichtlichem Fortschritt und Wiederkehr des Gleichen. Sonst eine Grundkonstellation seiner Werke, sind diese Widersprüche im Reisebericht sämtlich gelöst. Der Gegensatz zwischen Handeln und Betrachten ist aufgehoben zugunsten von Machtsicherung und Machtgebrauch, wobei Feuchtwanger Stalin als Mann der Tat und großen Anführer des Aufbauwerks gegen den „zänkischen Doktrinär“ und „Schriftsteller“ Trotzki ausspielt. Der Konflikt zwischen Ratio und Gefühl und die Gewaltfrage sind im Reisebericht zugunsten einer radikalen „Verantwortungsethik“ bereinigt,46 bei der der Zweck die Mittel heiligt und damit auch den Einsatz von Gewalt rechtfertigt. Die Vernunft darf hier triumphieren, ohne dass Einsprüche des „Herzens“ Geltung beanspruchen dürfen. Auch Gegenkräfte wie Irrationalismus, Triebhaftigkeit oder Machtgier fallen argumentativ nicht ins Gewicht – sie werden allein dem Faschismus zugeschrieben. Und schließlich ist der 45 Lion Feuchtwanger, Der Teufel in Frankreich. Erlebnisse. Tagebuch 1940. Briefe, Berlin – Weimar 21992, S. 15. 46 Zum Gegensatz von „Verantwortungsethik“ und „Gesinnungsethik“ vgl. Max Weber, Politik als Beruf [1919], Berlin 1958, S. 57–67. 158 Anne Hartmann Fortschritt nicht bedroht durch die „unveränderten und unveränderlichen Gesetze“ der Geschichte47 und damit die Wiederkehr des Immer-Gleichen. Der Kampf einer vernünftigen Minorität gegen die Majorität der Dummen,48 mag er eingangs auch als stetig und fortdauernd bezeichnet werden, ist hier fraglos entschieden, selbst wenn noch ein „Restchen Weg“ bis zur „Erfüllung des sozialistischen Staates“ zurückzulegen ist (S. 73). Die mit guten Argumenten ausgestattete Rede der Widersacher, auf der die Streitkultur der Romane basiert,49 ist zwar noch vernehmbar, wurde aber, wie gezeigt, unter die glatte Oberfläche des Texts abgedrängt. Ist Moskau 1937 also im Grunde das Ergebnis eines großen Irrtums, indem sich Feuchtwanger mit seiner Sowjetunionreise und seinem Reisebericht auf ein Terrain begab, das er nicht beherrschte und das ihm literarisch wie politisch nicht gemäß war? Vermutlich ja, denn man kann zeigen, dass ihn das politische Urteil und das Schreiben über die sowjetische Wirklichkeit des Winters 1936/37 überforderte. Wie viele seiner literarischen Helden befand er selbst sich in der Spannung von Geist und Macht, Kontemplation und Aktion, Engagement und Rückzug. Wie manche von ihnen entschloss er sich – zeitbedingt, umständehalber – zum Handeln, um jedoch schon bald zu einer Haltung der teilnehmenden Beobachtung und seinem literarischen Metier zurückzukehren.50 Dass er sich mit dem 47 Lion Feuchtwanger, Nachwort des Autors, in: Ders., Die Füchse im Weinberg. Roman, Berlin 1952, S. 932. 48 Dies war für Feuchtwanger ein zentrales Thema, wie auch seine Rede auf dem Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935 ausweist: Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans, in: Internationale Literatur 5 (1935), 9, S. 23. Der Abstand zwischen der „vernünftigen“ Elite (einschließlich Feuchtwangers) und der Majorität der Dummen bleibt dabei stets gewahrt. 49 Zu dieser Streitkultur vgl. besonders Martina Winkler, Das Dilemma intellektuellen Engagements oder Der Fluch erfüllter Wünsche: Lion Feuchtwangers „Moskau 1937“, in: Dies. (Hrsg.), WortEnde. Intellektuelle im 21. Jahrhundert?, Leipzig 2001, S. 90 und 93; Wolfgang Müller- Funk, Literatur als geschichtliches Argument. Zur ästhetischen Konzeption und Geschichtsverarbeitung in Lion Feuchtwangers Romantrilogie „Der Wartesaal“, Frankfurt a.M. – Bern 1981, S. 261 u. 334. 50 Er sei „an Politik durchaus nicht interessiert“, formulierte Feuchtwanger mitten im Krieg: „Ich bin kein aktiver Mensch, Geschäftigkeit, Betriebsamkeit, ohne die doch nun einmal Politik nicht zu denken ist, widert mich an. Was mir Freude macht, ist Betrachtung, Darstellung.“ Feuchtwanger, Der Teufel in Frankreich, S. 185f. 159 Im Dickicht der Wertungen Russlandbuch „mit hörbarem plump zwischen sämtliche stühle setzen“ werde,51 war ihm wohl bewusst, und er ging dies Risiko mit Lust an der Provokation und „Bekennermut“ ein, doch wie stark das Nachbeben noch 80 Jahre später sein würde, hatte er wohl nicht geahnt. 51 Lion Feuchtwanger an Eva van Hoboken, [April/Mai 1937], in: Lion Feuchtwanger, Briefe an Eva van Hoboken. Hrsg. von Nortrud Gomringer, Wien 1996, S. 170. 161 Anhang Die revolutionäre Versuchung. Westliche Intellektuelle und die Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre Podiumsdiskussion, 9. Dezember 20171 Michael Rohrwasser: Gerade erst angefangen, sind wir schon bei der Schlussdiskussion gelandet. Ich darf zu meiner Rechten Michael David-Fox begrüßen, er ist Geschichtsprofessor an der Georgetown University und hat eine Reihe von zentralen Arbeiten zum Thema Gulag veröffentlicht. Zur Linken Reinhard Müller, wir kennen uns auch schon ziemlich lang. Er hat im Hamburger Institut für Sozialforschung eine Reihe von Publikationen geschrieben. Für mich immer noch zentral: Die Säuberung, eine Fortsetzung dessen, was wir hier mit Gide und Feuchtwanger im Zentrum hatten. Ein Gesprächsprotokoll, das die Exilautoren in Moskau belauscht. Es ist ein Buch, das bis heute nichts von seiner Schärfe verloren hat. Aber Reinhard Müller hat auch ein 1 Die Livemitschnitte stellten dankenswerterweise Lukas Laier (Institut für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin) und Mirko Lux (Villa Aurora & Thomas Mann House, Berlin) zur Verfügung. 162 Anhang wichtiges Buch zum Exil in der Sowjetunion überhaupt geschrieben, das auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat. 2004 erschienen. Und Wilfried Schoeller, der so viel gearbeitet hat, dass sein für mich zentrales Buch gar nicht mehr auf meiner kleinen Liste hier steht: die große Oskar Maria Graf- Ausgabe, die Anfang der 1980er Jahre erschienen ist. Wilfried Schoeller ist also ungeheuer produktiv, Honorarprofessor an der Universität Bremen. Wir haben es also mit drei hochproduktiven Leuten zu tun, und ich versuche nun die Brücke zu schlagen zu dem, was vorher sehr spannend war, nämlich zu der Diskussion von vorhin, die ich gerne weiterführen möchte, d.h. die Frage an Sie drei ist: Wie haben Sie die letzte Stunde des Gesprächs wahrgenommen. Es ging um Feuchtwanger und um Gide. Das Stichwort fiel: Sind wir hier nicht der „Elfenbeinturm“? Zunächst würde ich gerne selber was dazu sagen. 1985 habe ich mit Horst Domdey, der da hinten sitzt, ein Seminar zu Gide, Feuchtwanger etc. gemacht. Es war eine schreckliche Diskussionsstimmung, weil wir immer kämpfen, uns verteidigen mussten gegen irgendwelche Keulen, die auf uns runtergefallen sind. Das heißt, wir waren nie im Elfenbeinturm, wir waren immer dem Kontext ausgesetzt. Und toll finde ich heute, dass wir wirklich diskutieren und dass alle, in gewisser Weise, mit einer Schärfe, Genauigkeit und Diskussionsbereitschaft dabei sind. Das gefällt mir natürlich sehr und deswegen freue ich mich. Es ist natürlich keineswegs so, dass wir alles gewusst, gesagt, gedacht haben. Wir haben viel gelernt seit der Zeit von 1985. Es ist also kein Hinweis gewesen im Sinn von „wir haben damals schon“, sondern wir haben in der Zeit sehr viel gelernt und daran sind Sie beteiligt, dass wir lernen konnten. Also, ich glaube, der „Elfenbeinturm“ ist ein provokativer, aber auch ein produktiver Vorwurf; wo wir sofort sagen: was würden wir ohne einen genauen Blick auf die Texte machen? Ohne zu schauen, wie die Texte gewirkt haben? Erst dann wird ja verständlich, welche historische Kraft aus diesen Texten herauskommt. Oder wie sehen Sie das, Michael? 163 Podiumsdiskussion Michael David-Fox: First of all, I’d like to apologize that I respond in English, but I was able to follow the very interesting discussion that was going on this morning and I have a few remarks to say about that. And in the broader context of the two days, where we had interesting papers given here, I see it perhaps as my role to delve in the broader context around Gide and Feuchtwanger because I am, first of all, an historian, not a literature specialist, but someone who has written about intellectuals in general – inside and outside the Soviet Union – and I am also immersed in Soviet history. In some way I think the Soviet side of things was one of the things that were missing from this morning’s discussion. I heard the phrase “useful idiots” used several times. I wonder, if anyone knows where that comes from? If you do, I’d be interested in hearing an exact citation. Lenin is often credited with that, but it’s an apocryphal citation that is nowhere to be found. And I don’t deny that there was a very utilitarian and, at times, ruthless approach to all sorts of people, including intellectuals. But I think the Soviet attitude towards Western visitors did have many levels, including the utilitarian und the ruthless, but also including another side. I would like to speak about that just briefly. First of all, the topic of Russia and the West is very deeply ingrained in the Russian intelligentsia and the affirmation of Western intellectuals was extremely important within the Soviet Union. There was, at times, a certain inferiority complex vis-à-vis Western Europe that came into play. But, more importantly, we should think about who these fellow travelers were. The fact that most of them were writers speaks to the role of the writer within Russian and Soviet culture. There was also a certain logocentrism in Stalinist culture. So these people of the written word were extremely important. We now have access to a range of sources, not just the translators or the guides, but people like Alexander Arossew who was the head of the All-Union Society for Cultural Relations with Foreign Countries, VOKS, an organization that was deeply involved with all these visitors. Arossew’s diary expresses great reverence for people like Gide and Rolland. People like them I call “Stalinist Westernizers”. They were Stalinists; they 164 Anhang went along with the changes of the 1930s. Arossew was a childhood friend of Molotow, he was connected to the Stalin wing of the party. And yet he considered himself a kind of failed man of letters. He wanted – along with many of the other Bolshevik intellectuals who were at the top of things in the mid-1930s – to create greater ties with left-wing Europe in general. Because they saw that as a way of, perhaps, influencing the direction within the Soviet Union. So Arossew – this is very clear from his diaries – is not approaching things only as a manipulator. For him these relationships were extremely important. For the Soviet side in general, the affirmation of these writers was important within the country for many reasons. So this is a multi-facetted relationship, that’s my first point. My second point has to do with the doubts that Gide and Feuchtwanger both expressed. I think we can say for sure that this was a broader phenomenon within all the intellectuals who published positive, what seem today very naive and almost ridiculous publications. But many of them grappled with internal doubts. First of all, the point is that Gide and Feuchtwanger were not just ordinary intellectuals; they belonged to a very small club who were the Friends of the Soviet Union who were the most important travelers and were often granted audiences with Stalin. I think we can ask the question: where are the publications of Gide and Feuchtwanger that were different after all? Several parallels have already been pointed out. I think, if we study Gide’s visit more closely, you find, when he first arrived in Moscow, he hadn’t made up his mind as to what he was going to publish afterwards. And he gave a very fawning speech about Stalin from the Mausoleum – I believe it was the Gorki funeral – and it was on his way to Leningrad that he began to come to his decision – after Stalin had turned him down for an audience. Stalin, by the way, was very well informed about all these people; reports were written. He gained a lot of experience talking to them which was later important for him for dealing with Western readers later in WWII. But Stalin, reportedly, did not want to meet with Gide because of his homosexuality. The 1934 law against male homosexuality had been discussed intensively in Gide’s circle. Apparently, Gide was going to raise this question in front of Stalin. Stalin 165 Podiumsdiskussion chose not to meet with him. But why would the meeting with Stalin be important in Gide’s decision? I won’t say it’s the deciding factor, but it’s a factor. I think we have to think here not just about money or sex, but what are important for intellectuals: fame, cultural recognition, and I will say, perhaps most important, illusion of influence and the mystique of power are very important topics for the history of 20th century intellectuals. We have to remember that there was a debate about this going on since probably the Dreyfus-Affair. One thinks of Julien Benda’s La Trahison des clercs, this was 1928. There were discussions about pensée et l’action or “Geist” and “Macht”. These were discussions that intellectuals were having and yet so many of them were placed in this dilemma with the rise of fascism, which was a real dilemma about what, in fact, to do. But I think one thing that one can find: this small club of Friends of the Soviet Union – was that they were often under the delusion that they could somehow influence Stalin and the Soviet Union. And this was true of George Bernard Shaw, who saw himself as having succeeded in literature but failed to have influence in. He tried to say things like, Stalin was becoming more of a Fabian or a Shawian. His personal failure was expressed in his desire to have an influence: Beatrice and Sidney Webb. Beatrice Webb’s diary shows a great deal of doubts. She published a book on the Soviet civilization. So I think these doubts are more widespread than we thought. We have to ask why then Gide became an anomaly among these people. What changed? Inka Zahn pointed out Jef Last and Pierre Herbart as the most important members of Gide’s entourage. They had spent time in the Soviet Union; Gide had people who understood Russian; they warned him in advance that he wouldn’t be shown everything; not only that, but that he was in for manipulation. They said this quite openly to him. And he had come to adopt Soviet stances through the antechamber of anti-colonialism, as had others as like André Malraux for example. He remembered being taken in francophone Africa in the governor’s car. Being shown things through the window of the governor’s car was very different from seeing them on the ground. So in some ways, the soil was already prepared before the trip. And the members of his entourage were personally and professionally 166 Anhang loyal to him. They were much younger. So this was a different kind of a relationship. So the actual dynamics of the travel were important as well as other factors. My final point is that – money is certainly a factor, fame is a factor, power and the mystique of power is a factor, but also culture is a factor. And there was this anti-fascist Pan-European culture of the 1930s, which all of these figures participated in and which were very important for people like Rolland during the era of the popular front. This was the time when Europe was most important for Soviet foreign policy. And it’s no accident that it wasn’t just the Great Terror that shook the faith of people like Rolland or I should say not faith, but his decision, because Rolland also had many, many doubts expressed in his private writings. But when did he decide to break with the Soviet Union? He did not formerly leave all the organizations, but he just went silent. It wasn’t during the Great Terror, it was during that Nazi-Stalin pact, when the Molotow-Ribbentrop Pact was signed. So this anti-fascist culture was important, especially during the popular front for both the Soviet side and the European intellectuals. Therefore this era really did come to an end, not just in 1937, but especially in 1939. Michael Rohrwasser: Many thanks. Vielleicht kann man in dem Kontext noch darauf hinweisen, dass es zur gleichen Zeit im nationalsozialistischen Deutschland nicht möglich gewesen wäre, dass ein Autor von Hitler oder irgendeiner Nazi- Größe empfangen bzw. mit ihr in Diskussion getreten wäre; Literatur war im Propaganda-Ministerium untergebracht. Das gehört auch zum Kontext, dass Literaten mit dem Chef sprechen, dass diese Gleichung „Geist und Macht“ plötzlich eine Form von realistischer Kraft bekommt. Das ist, glaube ich, diese Verführungskraft gewesen, die da dazu gehört. Und dann, denke ich, gehört dazu, was ich sehr wichtig zu memorieren finde, dass Gide und Feuchtwanger tatsächlich eine große Nähe haben. Bevor ich Gide gelesen habe, habe ich Louis-Ferdinand Céline gelesen, und Céline sagt, was Gide doch für ein großer Dummkopf sei, der so der Sowjetunion verfallen ist, die Sowjetunion über alle Maßen lobt. Céline 167 Podiumsdiskussion hat den Gide-Text also als Loblied auf Russland verstanden, und so kann man ihn tatsächlich sehen, denn im Gide-Text gibt es tatsächlich die Stelle, wo er sagt: „Jetzt muss ich aber endlich Stalin telegrafieren und Stalin ein Liebestelegramm schicken. Und dann ist uns nur noch in Erinnerung, dass er nicht ehrlich sagen kann: „Lieber Genosse Stalin, toll ist es hier!“, sondern dass er die ganzen roten Formeln verwenden soll. Daraufhin empört sich Gide und sagt: „So was mach ich nicht.“ Aber die Tatsache, dass Gide dem Genossen Stalin zunächst ein Liebestelegramm schicken will, das fällt bei der Gelegenheit weg. Das ist, was man als Nähe zu Feuchtwanger beschreiben könnte. Punkt. Reinhard, wie siehst du die Diskussion? Wie siehst du die Konferenz? Reinhard Müller: Es tauchte vorhin das elementare Bedürfnis nach Kontexten auf. Ich glaube, dass viele der Reiseberichte, die in den 1920er Jahren von Intellektuellen, von Schwärmern geschrieben wurden, bewusst diese Kontexte, die bereits in den 1920er Jahren hervorgetreten waren, ausblenden und – ja, man kann es naiv nennen, man kann es auch freiwillige Blindheit nennen, wie Sinkó das ausführt – diese Blindheit in ihre Reiseberichte inkorporieren. Es war ja nicht so, dass über das, was in der Sowjetunion passierte, nur die Gesellschaft der Freunde des neuen Russland berichtete, sondern dass es Berichte gab, beispielsweise die in der Aktion, der Zeitschrift von Franz Pfemfert; dass man dort 1923 schon über Briefe aus Solowki lesen konnte – also aus dem Konz-Lager aus Solowezki; dass es auch Komitees gab, die für die Befreiung, nicht nur der in Solowki inhaftierten Sozialrevolutionäre und Anarchisten plädierten; dass es schon Anfang der 1920er Jahre zu dem Schauprozess gegen Sozialrevolutionäre eine breite Öffentlichkeit gab; das setzt sich dann fort in dem Schachty-Prozess, dem Ramsin-Prozess und gipfelt dann im Menschewiki-Prozess. Auch die sozialdemokratische Presse – und nicht nur die Frankfurter Zeitung mit Paul Scheffer – stellte eine breite Öffentlichkeit her. Auch Feuchtwanger, der „nützliche Idiot“, hatte irgendwo diese Diskussionen, diese Informationen wahrnehmen müssen, aber er hat auch diese gewaltige Verdrängungsleistung vollbracht, es ir- 168 Anhang gendwo nicht auf seine Reise mitzunehmen, es nicht in seinen Reisebericht zu schreiben. Es gibt Ausnahmen wie Hans Siemsen zum Beispiel, der das schon im Titel thematisiert: Ja und Nein. Hans Siemsen, der aus der USPD kommt und dann in der SAPD war. Hans Siemsen hat einen Reisebericht verfasst, in dem natürlich die GPU anders dargestellt wird, d.h. die Mängel in der Sowjetunion treten überall zutage. Die GPU schafft die Schuldigen herbei. Er schreibt anders über den sogenannten Strafvollzug als Besserungsanstalt, wie es meinetwegen Herwarth Walden oder andere Schwärmer taten. Es ist auch natürlich eine breite Information vorhanden von Isaak Steinberg, Justizminister in der Sowjetunion. Das Buch ist 1931 erschienen. Man nimmt ja auf Reisen häufig – wahrscheinlich nicht nur nach Russland – nicht nur Reiseführer mit – der bekannteste stammte von Alexander Radó, man nimmt ja als Intellektueller vermutlich auch Informationen, man nimmt ja die breite Öffentlichkeit mit. Dann setzt das ein, was diese freiwillige Blindheit, diesen Verdrängungsprozess angeht. Und dafür gab es, meiner Meinung nach, natürlich auch organisierte Blindheit im Rahmen des Bundes der Freunde, der weithin bis in das bürgerliche Lager, bis hin zu Einstein seine Wirksamkeit entfalten konnte und auch nach dem Münzenbergschen Prinzip natürlich funktionierte. Man hatte da ein engeres Büro, das von Erich Baron, dem Parteimitglied, dominiert wurde, und auch die Zeitschrift Das neue Rußland wurde von Baron herausgegeben, der 1933 in Deutschland verhaftet wurde, im Gegensatz zu vielen anderen Kommunisten in der Sowjetunion, und hier in Deutschland zu Tode gefoltert wurde. Diese Gesellschaft der Freunde funktionierte nach diesem Münzenbergschen Prinzip genauso wie der Bund der Freunde. Letzterer war eher als Massenorganisation gedacht, die Gesellschaft war mehr für das liberale aufgeklärte Bürgertum. Natürlich war der Bund der Freunde eine Luftgeburt, die von Moskau finanziert wurde, genauso wie die Gesellschaft der Freunde, wo dann einfach mal 10 000 Dollar auftauchen, um die Zeitschrift am Leben zu halten. Die Finanzgeschichte der Komintern, um diesen Riesen IAH-Apparat, diese Propagandamaschine Münzenbergs zu unterhalten, diese Finanzgeschichte der Komintern ist noch 169 Podiumsdiskussion nicht geschrieben. Nicht zuletzt, weil sehr viele Bestände, auch der von Dimitrow und der Pjatnizki, der grauen Eminenz der Komintern, noch unter Verschluss liegen. Und man kann natürlich über Beeinflussung, über Propaganda der Sowjetunion im Westen eigentlich nur verlässlich sprechen, wenn man auch diesen finanziellen Hintergrund und nicht nur die persönlichen Schwärmereien und Affinitäten berücksichtigt. Ein schönes Beispiel für die Empfänglichkeit wäre natürlich auch das Gruppenbild von 1923, das als Fotografie in der Marxistischen Arbeitswoche überliefert ist, wo viele dran teilnahmen. Viele der Namen sind bekannt, wie Karl Korsch, Richard Sorge oder Felix Weil als Stifter des Frankfurter Instituts. Wobei es bei Felix Weil – seine Memoiren liegen noch unveröffentlicht im Frankfurter Stadtarchiv – eine Art Erweckungserlebnis gab – das man heute dem SPD-Parteitag auch wünschen könnte. Felix Weil liest das Erfurter Programm und wird quasi über Nacht zum Sozialisten und zum Förderer des Marxismus. 1927 besucht auch er die Sowjetunion. Es gibt noch eine Episode, weil er eine Pistole mitbringt und es schwer ist, diese Mauser-Pistole wieder aus der Sowjetunion herauszutransportieren. Das ist aber eine Nebensächlichkeit. Das Frankfurter Institut unter Felix Weil ist deswegen wichtig, weil es für sehr viele Marxisten, die in die SU gegangen sind oder an der Marx-Engels-Gesamtausgabe mitarbeiteten, sozusagen eine Pflanzstätte für den Marxismus war, so dass dort die Marx- Engels-Gesamtausgabe entstehen konnte. Erst mal so viel zu den Kontexten. Man müsste die einzelnen Akteure, die einzelnen Reiseberichte vielleicht biografisch genauer verorten; welche Art von vorsätzlicher Blindheit und Naivität dort vorzufinden ist, aber das lässt sich wahrscheinlich nicht nur am Text verifizieren, sondern auch am Kontext, den der einzelne in seiner Biografie mitschleppt. Michael Rohrwasser: Vielen Dank, Reinhard Müller. Herr Schoeller, Sie sind dran. Sie arbeiten gerade an einem großen Buch. Darf man schon verraten, um was es geht? 170 Anhang Wilfried Schoeller: Da kann man drüber reden, aber die Arbeitsprobleme, über die ich jetzt aber nicht viel sagen will, sind im Moment noch groß. Reinhard Müller kennt das aus dem FF, wie das ist. Es handelt sich um ein Buch über Maria Osten, die sozusagen nicht geschrieben hat. Das bisschen, das sie geschrieben hat, ist untergegangen und gehört in die Opfergeschichte, nämlich ein Roman, den es auf deutsch gegeben hat, der aber nur noch in einer russischen Übersetzung vorliegt. Zumindest zur Zeit, vielleicht gibt es irgendwann doch die Möglichkeit, die deutsche Ausgabe des Manuskripts zu finden. Ich hoffe jedenfalls darauf, dass es möglich sein wird. Das nur in Kürze. Ich würde gerne noch einmal auf das, meiner Meinung nach, vollkommen schiefe Bild mit dem Elfenbeinturm zurückkommen. Man muss durch dieses hochinteressante Bauwerk, genannt Elfenbeinturm, durchgehen; man muss die Einzelheiten, die für einen Germanisten selbstverständlich sind, behandeln und studieren, um überhaupt ein Gesamtbild finden zu können. Und hat man es einmal, entwischt es einem. Wir sind doch im Grunde genommen mit der Frage „Warum schweigen die Intellektuellen?“, die Intellektuellen und die Macht, auch am Ende einer bestimmten tradierten Frageweise. Wir müssen jetzt eben auch neue Fragen stellen. Zum Beispiel nach dem Unterschied der Typologie der Opfer; auf der einen Seite die Nazi-Opfer, auf der anderen Seite die Stalin-Opfer. Jorge Semprùn hat mir mal gesagt, als ich ihn fragte – er war in Buchenwald gewesen als 19-jähriger: „Was war schlimmer für Sie in Ihrer Vorstellung „ – er war als Kommunist dort. Da sagte er: „Die Tatsache, dass ich Kommunist war, war viel schlimmer. Wir haben geglaubt, wir wissen, warum wir sitzen. Wir hatten Überzeugungen, die haben uns am Leben erhalten und sie haben ein Mindestmaß an Solidarität im Lager unter den Gefangenen ermöglicht. Aber diejenigen, die einfach aufgrund blanker Willkür, undurchschaubarer Vorstellungen und eines mörderischen Spieltriebs, der wohl auch eine Rolle spielt, in den Gulag gekommen sind, die wussten ja gar nicht warum. Die hatten ja keine Vorstellung gehabt.“ Er stellte die Gegenfrage: „Was ist schlimmer, zu wissen warum man sitzt oder über- 171 Podiumsdiskussion haupt nicht zu wissen, warum man sitzt?“ Diese Situation ist die eine; die Kehrseite dieser Medaille ist tatsächlich die Doppelrolle von Tätern und Opfern in der gleichen Person. Gestern war einmal kurz von Hans Günther die Rede, einem Mann, der in einer doppelten Rolle zeitweilig in Prag gelebt hat. Er war der Aufpasser in den Neuen Deutschen Blättern, die Wieland Herzfelde herausgegeben hat. Als Leute, die dort geschrieben und redigiert haben, stehen dann andere Namen da, u.a. der von Oskar Maria Graf. Günther übte dort ein Übermaß an Zensur aus. Er hat schreckliches Zeug über Döblin geschrieben. Niemand hat ihn dazu gezwungen, niemand hat von ihm verlangt, dass er das macht. Er hat es trotzdem gemacht, sodass es Brecht ungeheuer peinlich war, dass der von ihm so verehrte Döblin von Hans Günther so weggedonnert worden war. Hans Günther war dann derjenige, der im Lager verschwunden ist. Solche Fälle gibt es viele, zum Beispiel die Geliebte von Malraux, die Maria Osten bezichtigt hat, um ihren Kopf zu retten. Letztlich ist sie vor Maria Osten liquidiert worden. Das gehört zu den Abenteuern der Phantasie, man stellt sich vieles nicht vor. Für mich kommt es darauf an, nicht dieselben Fragen zu stellen, mit denen wir aufgewachsen sind, sondern Fragen zu stellen nach den noch vorhandenen Geheimnissen und auch die Grundfrage: Was können wir noch ermitteln? Was können wir noch finden? Was können wir kriegen? Einer der großen Rechercheure sitzt mit Reinhard Müller neben mir. Da sieht man, dass man doch noch ziemlich viel finden kann. Also, die Suche nach den unentdeckten Geheimnissen – mögen sie Einzelheiten sein – führt unweigerlich durch dieses Bauwerk, genannt Elfenbeinturm. Reinhard Müller Noch eine kleine Ergänzung zu Hans Günther. Auch er war 1928 am Frankfurter Institut. Also ich bin kein Franfurterianer, auch kein Adornist; ich interessiere mich nur für die verwickelten Biografien der Leute, die dann nach Moskau kamen. Vielleicht sollte man trotzdem auf eine Frankfurter Definition zurückkommen, und zwar auf die von Habermas, der die Intellektuellen der Weimarer Republik in Rubriken einteilt. Das 172 Anhang sind zum einen die Unpolitischen – wo ist da die Grenze? Darauf lässt Habermas uns warten –, die Realpolitiker, die Aktivisten, die Berufsrevolutionäre und die Rechtsintellektuellen. Zusammengefunden haben sich dann doch – auch Osteuropaexperten wie Otto Hoetzsch gehören dazu – viele in der „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft“, kurz Arplan. Zur selben Zeit schreibt Johannes R. Becher sein großes, heroisierendes Epos Der große Plan. Die Arbeitsgemeinschaft unternimmt auch Studienreisen in die Sowjetunion. Otto Hoetzsch wird in der Arbeitsgemeinschaft von moskautreuen Leuten wie Georg Lukács flankiert, der extra 1931 aus Moskau abkommandiert wurde. Er hatte 1928 eine kleine Abweichung mit den Blum-Thesen und kommt als gemaßregelter „Versöhnler“ und Aufpasser nach Berlin. Sowohl in die Literatur – damals keineswegs ein Elfenbeinturm – als auch in die Politik der Weimarer Republik. Er kommt sowohl zu Arplan wie auch zum BPRS, zum „Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller“ und auch zum SDS, zum „Schutzverband deutscher Schriftsteller“, der auch eine kommunistische Fraktion in sich verbirgt. Aber bei näherem Hinsehen kann man auch die Interessenlagen und die Interessenten ausfindig machen. Also diese Gemengelage, die Habermas mit den genannten Begriffen umschreibt, kann man auch als politisch-ideologische Linksfront darstellen. Die sowjetische Botschaft war in Gestalt von Alexander Bolgár als Botschaftsrat auch dabei. Die Arplan-Gesellschaft gehört aber auch mit den wichtigsten Leuten – Harnack und Richard Sorge – zur Frühgeschichte der Roten Kapelle. Richard Sorge gehört schon seit 1923/1925 zum sowjetischen Geheimdienst. Richard Sorges Biografie setze ich mal in den Zeitläufen einfach voraus. Die anderen Biografien der übrigen Teilnehmer an dieser marxistischen Arbeitswoche würden zu weit führen. Es waren überzeugte Mitläufer darunter. Einen anderen Mitläufer habe ich mit Felix Weil bereits genannt. Als wohlhabender Sohn eines Getreidehändlers hatte er noch ganz andere Funktionen. Nach Argentinien wurde er mit einem Brief von Sinowjew geschickt. Dort hat er nicht nur die Kommunistische Partei finanziert, sondern sie 1920 mit aus der Taufe gehoben. Also Felix Weil war nicht nur Liebhaber von Literaturbetrieben, Hauptanteilnehmer am 173 Podiumsdiskussion Malik-Verlag oder in der Soziologischen Verlagsanstalt, sondern hat auch eine höchst politische Biografie. Nicht nur als Mäzen, sondern eben auch als politisch Involvierter, dessen Spuren vielleicht erst jetzt in einer jüngeren Darstellung der Finanzgeschichte des Frankfurter Instituts deutlich wurden. Die Finanzgeschichte der Komintern würde ich gerne schreiben, doch dafür reicht mein Geld nicht aus, um nach Moskau zu fahren und die dortigen Kalamitäten zu überwinden. Michael Rohrwasser: Die Kontenführung ist natürlich ein tolles Stichwort, vielen Dank dafür. In allen drei Beiträgen gab es einen kleinen Moment, wo man spürt, es ist eigentlich der Moment gekommen, nachzudenken, warum wir seit so vielen Jahrzehnten am Thema sind und was sich in diesen Jahrzehnten ändert. Am Anfang habe ich gesagt, es gibt jetzt eine verbesserte Diskussionsmöglichkeit als vor 30 Jahren. Tatsächlich verschieben sich auch Blicke, und wir werden hoffentlich auch ein bisschen gescheiter, nicht nur doofer. Das wäre also meine zweite Frage gewesen: Was ist in den letzten 40 Jahren wissenschaftsgeschichtlich mit unserem Thema passiert? Aber, wenn Sie einverstanden sind, würde ich gerne auf diese zweite Runde verzichten und jetzt die Diskussion eröffnen. Publikum [Inka Zahn]: Ich würde gerne nochmal einen Punkt aufgreifen, den Sie, Herr David-Fox, genannt hatten, denn er erscheint mir sehr wichtig. Ich habe ihn vorhin selbst nicht angesprochen, möchte ihn dennoch kurz betonen, und zwar: Vorbedingungen für Gides Erkennen der Realität waren die Afrika-Reisen in die damaligen französischen Kolonien Kongo und Tschad. Denn in diesem Kontext hatte er damals in diesen Kolonien Unterdrückung und Ausbeutung der Kolonisierten feststellen können und hatte damals sozusagen eine kritische Distanz gegenüber dem, was er dort sah, entwickelt und hat sich dort angewöhnt, wie er in seinem Russlandbericht sagt, offiziellen Auskünften, die er bekam, grundsätzlich zu misstrauen und sie kritisch zu hinterfragen. Und von daher, das möchte ich noch einmal betonen, haben 174 Anhang Sie das zu Recht gerade erwähnt; diese Erfahrung ist eine wichtige Vorbedingung, die er auf den Afrikareisen gemacht hat und über die er sich hinterher auch in Form von Presseartikeln und Reiseberichten geäußert hat. Das führte auch damals schon in der Presse zu einer Kampagne gegen ihn, weil er diese Kritik so deutlich machte. Aber das war sicherlich ein wichtiger erster Schritt in Richtung kritischen Umgang mit Wirklichkeit. Michael David-Fox: I might say in response to that, not only the anti-colonialism, but his experience as – I don’t know any other earlier case – a public figure who wrote about homosexuality. He thought of himself as a non-conformist against a bourgeois conformism that he saw in the high society around him. I think that did play a significant role as well. For the Soviets it was bourgeois individualism that he possessed. But he actually saw himself not as bourgeois but as the opposite. I think these biographical factors could be broadened out, because we heard some calls for the big picture, for the context. The context of the inter-war period is the crisis of liberalism in the sense of constitutional, parliamentary political systems. And I think we can ask, why so many figures politically, who were not communists, but where attracted to the two poles of the far right and the far left. Because we’re talking also about fellow travelers of the right, the figure Céline was mentioned, Brasillach, many others who can be called fellow travelers of fascism. Of course fascism had a problem with internationalism, because it was extreme nationalism. So it was a different kind of international attraction. But the National Socialism also tried to create its own societies in certain countries, England and France especially and also attracted these right-wing intellectuals. And that often gets not discussed. And I will say that when we’re talking about intellectuals and communism, there were also many groups who were actually never came out in a pro-soviet stance. So we tend to focus today, as you say, on the ones who did take these prosoviet stances. But I think criticism was far more common and was often allowed in parts of the literature. 175 Podiumsdiskussion But to get back to the point about Gide: biographical factors were important because we see that self-censorship was such a big topic in this history. People decided not with pressure or seduction or with violence, but they themselves decided to censor themselves. And I think that is a problem that remains important, because we have, in fact, a crisis of liberalism today. The other point I’d like to make is not self-censorship but selfmobilization of a certain group of intellectuals. They wanted to take part. Now, Herr Müller, if I could just respond to a couple of things, because you raised a few topics that are very dear to my heart, both the Society of Friends and Arplan. I have a sense of déjà vu from some conferences at the Institut für Sozialforschung in Hamburg. But I would say that another member from the Arplan delegation was Ernst Niekisch. Reinhard Müller: Und Ernst Jünger! Er war nicht Delegierter, aber er war mit in diesem Arplan. Michael David Fox: So Jünger did not go to the Soviet Union. Niekisch was influenced by Jünger and several members of his circle. I think that it is interesting that Arplan is a hybrid organization. There were actually some technical specialists and academics there as well, but the two poles were these far-right and far-left intellectuals. Why are they together in a single organization? Well, it’s late Weimar and this is a kind of phenomenon where in some cases the far-right and far-left meet. Because someone like Niekisch, who was known as a national Bolshevik – he didn’t use that term, Nationalbolschewismus, I think he used national revolutionary. There were always several far-right groups between the Nazis and the communists. Niekisch was different in that he was still influenced by social democracy economically. But he believed in a certain workerism and the nationalization of the means of production. That, I think, made him different from some of these other figures. He could have gone either way, the Nazis tried to recruit him as well. And some of his followers really did go over to the side of the 176 Anhang Nazis. So I think there was this left-right interaction. And what we can ask is: What were the far-right intellectuals interested in Leninism, Bolshevism and Stalinism? It was mass mobilization. There was a certain “total” nature to the Soviet project that they admired, totalizing tendencies. And also, they came to think of Lenin and Stalin as nationalists who didn’t openly talk about nationalism, but were anti-western. So the geo-politics of it is a strong element. Reinhard Müller: Vielleicht noch eine kurze Ergänzung. Es war die Rede von der Krise des Liberalismus. Das war natürlich auch diese schon seit Jahren vor Gründung der Arplan andauernde große, sich spätestens 1929 immer wieder verschärfende Krise ökonomischer Art, die auch auf Seiten von Walter Benjamin und Bertolt Brecht zu einer Zeitschriftengründung führte, die schon in der Überschrift das aufgriff: Krise und Kritik. Und auch dort sollten nicht nur Linksintellektuelle schreiben, sondern eben ein breites bürgerliches Spektrum versammelt werden, und das sollte auch kein Parteiverlag herausgeben, sondern Rowohlt. Diese ökonomische Krise führte also auch in den Reiseberichten oder in den Bildbänden oder in der Arbeiter-Illustrierte- Zeitung zu dieser Gegenüberstellung, zu dieser Zwei-Welten-Theorie. Krise auf der einen Seite in den kapitalistischen Ländern, geplanter Aufstieg, Sieg der Sozialismus auf der anderen Seite. In der Sowjetunion ist 1934, glaube ich, zum ersten Mal eine deutschsprachige Zeitschrift erschienen, die das programmatisch im Titel hatte: Zwei Welten. In dieser Zeitschrift schreibt dann auch Herwarth Walden einen Artikel, der ihm fast zum Verhängnis wird, aber das wäre ein biografischer Ausflug, den ich Ihnen ersparen möchte. Michael Rohrwasser: Mit Ihren Fragen lösen Sie Beben aus hier oben, wie Sie sehen, also überlegen Sie gut, was Sie fragen (Lachen im Saal). 177 Podiumsdiskussion Anne Hartmann: Dann versuche ich ein weiteres Beben auszulösen, das an eine Diskussion von heute morgen anknüpft. Ich bin dankbar für den Hinweis von Michael David-Fox über die Wortzentrierung, über diesen Logozentrismus im Stalinismus, der ja wirklich verblüffend ist. Wir sprachen ja schon über die Verführung, und es war viel die Rede von Geld. Eine Sache ist dabei vielleicht untergegangen, nämlich, dass in Moskau von 1936 bis immerhin 1939 eine deutschsprachige Exilzeitschrift veröffentlicht wurde, Das Wort. Herausgeber: Feuchtwanger, Brecht und Bredel. Eine doch unglaublich interessante Geschichte. Auch das gehört mit zu den Attraktionen. Und die andere, die irgendwie völlig aus dem Blick geriet, aber damit zusammenhängt, ist, dass gerade der Emigrant Feuchtwanger wieder ein Publikum fand. Begeisterte Leserscharen, riesige Auditorien, die ihm applaudierten. Das ist natürlich auch ein Glücksmoment für ihn gewesen, jenseits von allem Geld. Deshalb noch einmal vielen Dank für diesen Hinweis. Wilfried Schoeller: Ich wollte noch etwas zu Ihrem Buch sagen, nachdem ich etwa die Hälfte gelesen habe. Und der Eindruck deckt sich völlig mit dem, was ich heute morgen erlebt habe, als Sie referiert haben. Es ist der Text von Feuchtwanger nach meiner Vorstellung nicht zu retten. Er ist nicht zu legitimieren; er steht da als ein verwunderlicher, aber auf jeden Fall unannehmbarer Text. Nur das Interessante ist, ich hab mir überlegt, was ist das für eine Arbeitssituation, sich einem solchen Text zu widmen? Was muss da alles rein, und was kann draußen bleiben? Sind die Einzelheiten nicht unerschöpflich? Und da muss ich sagen, es ist tatsächlich so wie eine Art Magnetismus – mag die These haltbar oder nicht haltbar sein: ich behaupte Herr Feuchtwanger hat sich kapital und vorsätzlich geirrt. Aber das ist völlig gleichgültig, da so viele Einzelheiten hervorkommen und der Text so symptomatisch wird, weil in ihm auch so eine Art Generationenschrift der Hoffnung und des Niederbügelns von Zweifeln drinsteckt, so dass der Text das leistet, was er in seiner Sprachlichkeit und moralischen Haltung versäumt. Diesen Vorgang wollte ich Ihnen wenigstens schildern, weil er 178 Anhang auch zeigt, was der Blick auf die Einzelheiten auslösen kann, welches Seebeben dann entsteht, wenn man nur möglichst viele Einzelheiten heranträgt und sie in eine gute Fasson bringt. Publikum: Einen Namen fand ich in der Diskussion besonders wichtig. Reinhard Müller hat Isaak Steinberg genannt. Das war ein Sozialrevolutionär, der zusammen mit Lenin die Revolution gemacht und dann 1931 seine Erfahrungen bei Rowohlt veröffentlicht hat. Das Buch heißt Gewalt und Terror in der Revolution. Wir haben über Gewalt in der Geschichte immer wieder gesprochen – er macht den klaren Unterschied zwischen revolutionärer Gewalt, die notwendig ist, um die Revolution durchzusetzen. Was aber passiert nach dem Sieg der Revolution? Der Terror setzt ein. Und damit setzt sich Steinberg auseinander. Er ist der Praktiker, der zusammen mit Lenin als Erster Kommissar der Justiz die Tscheka aufgebaut hat. Das macht er ein Jahr lang, und dann trennt er sich ungefähr 1918. Später gelingt es ihm, aus der Sowjetunion herauszukommen. Er geht aber so weit – und deshalb wollte ich das nochmal hervorheben –, dass er sagt: „Wenn es nicht anders geht, den Sozialismus nur mit Terror zu machen, dann verzichten wir auf ihn. Dann werden wir am Sozialismus nicht weiter arbeiten. Dann geht es jetzt nicht, vielleicht irgendwann später.“ Diese Form der Absage von 1931 in aller Klarheit, theoretisch völlig durchdacht, einschließlich Dantons Tods usw., das kannte er natürlich alles. Steinberg war also der erste wichtige Vorläufer der Renegaten. Michael Rohrwasser: Vielen Dank, das Tolle ist ja, wie Du gesagt hast, dass Isaak Steinberg auch auf Dantons Tod verweist. Also nicht nur auf die Französische Revolution als Zäsur, sondern auf Georg Büchners Dantons Tod mit der Debatte zwischen Danton und Robespierrre, die Parallelen sieht zu dem, was in Moskau passiert. Georg Lukács schreibt zur Zeit der Schauprozesse gerade seinen Artikel über Dantons Tod von Georg Büchner und sagt, man darf da 179 Podiumsdiskussion nicht glauben, dass Büchner Danton favorisiert. Man merkt, dass in diesen Debatten literarische Themen immer wieder eine zentrale Rolle spielen. Reinhard Müller: Ich wollte nur darauf hinweisen, dass das Buch von Steinberg irgendwann in der Studentenbewegung als Reprint erschienen ist. Vielleicht ist es noch antiquarisch zu erwerben. Michael David-Fox: I shall say a few words about the comments that were made. First of all, Anne Hartmann mentioned the attraction of these big audiences. That is one thing that the Soviet side could arrange. I think we have to remember that the Soviets had a far greater control over their own intelligentsia than they did over the western intellectuals. When you see the writings about these societies of friends, written in Moscow, yes, they gave them money, but they, in a way, could not be too heavily handled because people would simply leave and many of their memberships were just on paper. It was very frustrating for them in Moscow to try to direct these things but, covertly, it was a very tricky task that they often failed at. So these were quasi-autonomous organizations. They were financed by Moscow, but they were not fully controlled. The image of totalitarianism here is really totally misguided. What they were able to do was mobilize their own intellectuals and put pressure on them in several ways. The signing of petitions about international affairs became quite obligatory for example. Very few people could resist it, mostly with some reputation. But one thing they did have to do was meet the foreign visitors. So when someone like the writer Theodore Dreiser visited the Soviet Union in 1927, he was met not with just party and state leaders – Bucharin and others – but with the crème de la crème of the Soviet intellectual elite, including Stanislawski and maybe Eisenstein. So this was an incredible resource that the early Soviet Union had. They did not have it after 1937, when they repressed so many intellectuals. The second point is that they were able to have these campaigns. Not just where the public would read intensively people’s works; the works 180 Anhang of people like Rolland which were published in very large editions. Gide was more complicated and the Union of Writers said: we have a problem with this, because this is not for a mass audience so much. But they tried to distribute postcards. When Gide found out that they were sent –he wanted to travel incognito – he was shocked and very troubled by this. They wanted people to recognize them and treat them in a certain way. But it was one case of a second rank artist; they switched around the exhibition in the Tretjakow Gallery, works were prominently displayed. They could give people the illusion of having a certain influence. Because of this ideal of cultureness – in Russian Kul‘turnost‘– that the Soviets were proud of. They wanted to inculcate literacy and sort of knowledge about literature and arts and culture to everyone. These people were often shocked by how many people had read their works, when they arrived. So there was a campaign like quality. The pedagogue John Dewey, who also visited in the late 1920s, had the illusion that his pedagogic theories were actually brought to life in Soviet schools on a mass scale, because he was actually very influential in Soviet pedagogy in pedagogical circles. It took him quite a while, but by 1937 he was head of the committee in defense of Leon Trotzki, so he had to undergo an evolution there. This is an important point that the cultural aspirations within the Soviet Union and the campaign style mobilization had an effect on how western artists and writers were received. Publikum: Ich weiß nicht, ob Feuchtwanger Eisenstein gesehen hat; Eisenstein hat Feuchtwanger 1931 hier in seinem Haus am Grunewald in Berlin besucht. Übrigens, um zu zeigen, wie lange Stalins Pakt mit Hitler von Stalins Seite her gedacht war: Eisenstein hat einen Entwurf gemacht von Richard Wagners Ring. Ich wünsche mir geradezu einen kontrafaktischen Film, der diese Inszenierung rekonstruiert. Wagners Ring – um Macht und Verführung – aufgeführt in Moskau 1941 – das hätte was werden können. Aber ich wollte einen ganz anderen Punkt bringen. Als Sie fragten, was an Gesichtspunkten in den letzten Jahrzehnten dazu gekommen ist: 181 Podiumsdiskussion ich denke von heute, 2017 her, müssen wir einen Punkt einbringen, der eigentlich schon immer eine Rolle gespielt hat, aber dessen Bedeutung wir heute stärker sehen, nämlich die Rolle der Religion oder der verdrängten Religion. In den Debatten des 20. Jahrhunderts spielte das ja kaum noch eine Rolle, aber die historische Wirklichkeit seit 2001 zeigt uns, dass die Religion immer noch da ist als gesellschaftliche Macht, als ideologische Kraft. Und dass wir dafür gar nicht gerüstet sind. Bei den Intellektuellen sehe ich, gerade bei Gide, und auch beim jüdisch-orthodox erzogenen Feuchtwanger, eine religiöse Funktion. Ein Überleben von Religion in anderen Erfahrungen. Das steht auch schon bei Czesław Miłosz, den ich heute schon einmal zitiert habe. In den gutwilligen Berichten über die Sowjetunion liegt das Gute immer in der Zukunft – manchmal ganz schnell in zwei Jahren, mal in acht, mal in achtzig Jahren. Das ist für mich eine religiöse Denkstruktur. Das Gleiche im Umgang mit dem Zweifel. Zum Glauben gehört immer auch der Zweifel. Die Art, wie der Zweifel eine Rolle spielt, das sind religiöse Denkstrukturen. Und selbst bei dem zynischen, kaltschnäuzigen Brecht finde ich, dass seine katholische Erziehung immer wieder in den verschiedensten Dingen durchkommt. Ich finde, das müssen wir als analytischen Gesichtspunkt – nicht um Religion zu rechtfertigen – sehen. Und bei Feuchtwanger sehe ich das in verschiedenen Werken; seine letzten beiden Bücher haben Religion zum Thema, davon das letzte ein rein biblischer Roman. Das ist ein wichtiger Gesichtspunkt. Nicht um sie zu kritisieren, zu denunzieren, sondern einfach um zu zeigen: religiöses Denken setzt sich durch, auch wenn die sich jeweils Äußernden, Schreibenden, Redenden das nicht wahrhaben wollen oder zumindest abstreiten. Also ich denke, das ist ein neuer Gesichtspunkt. Da geht es nicht nur um das Subjektive, sondern Religion ist immer auch eine ideologische und gesellschaftliche Macht, zu der man sich irgendwie verhalten muss. Reinhard Müller Mir fällt ein Nachtrag zu Feuchtwanger ein. Feuchtwangers Buch war offensichtlich ein Erfolg, und auch aus diesem Grund hat man in der Komintern 1937 erwogen – und zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution auch 182 Anhang eine Riesenliste zusammengestellt, eine Liste mit, ich glaube, 48 Schriftstellern – ich weiß nicht, ob dann die Kapazität von WOKS ausgereicht hätte, um überall so fürstlich wie im Hotel Metropol oder in anderen Hotels zu reservieren. Aber man wollte aus vielen Ländern, darunter Island, aus skandinavischen Ländern, aus England, aus Frankreich Leute holen; aus Deutschland sollten Heinrich Mann und Bert Brecht kommen. Brecht war schlau genug – er war 1935 das letzte Mal da – und hat dann 1937 diese und eine weitere Einladung nicht wahrgenommen. Aber daraus ist nichts geworden. Nicht nur wahrscheinlich, weil das beim ZK der KPdSU versackte, sondern weil man wahrscheinlich vermutete, dass nicht alle so einfach auf Linie zu bringen wären wie Feuchtwanger. Das hätte wahrscheinlich die Zensur- und Einspruchskapazitäten der Bevollmächtigten der Komintern für Literatur bei weitem überstiegen. Es gab dann als Echo auf die Schauprozesse eine lebhafte Diskussion im französischen oder – nicht nur – im deutschsprachigen Exil. Um diese Diskussion mit Augenzeugen zu unterlegen, wurde ein englischer Anwalt mobilisiert – Denis Nowell Pritt oder ein französischer Anwalt Willard– , die entsprechende Augenzeugenberichte von den Prozessen lieferten. Man hat also nicht mehr auf die Literaten gebaut. Das waren keine fellow travelers mehr. Denis Nowell Pritt bekam 1954 auch den Stalin- Preis als Prämie für seine langjährigen Tätigkeiten. Man hat im Grunde direkte Apologeten eingespannt, um diese unsicheren Kandidaten wie Schriftsteller und Künstler als Propagandisten nicht benutzen zu müssen. Die Komintern-Propaganda war 1936/37 auf der Pariser Diskussion kaum durchgedrungen. Maria Osten schrieb: Überall wohin man blickt, sind Trotzkisten. Die Komintern-Propaganda und auch die veröffentlichten Protokolle hat von diesen „Trotzkisten“ keiner ernst genommen. Publikum: Danke für den Hinweis zur Religion, aber es ist letztlich ja auch nichts Neues. Selbstverständlich ist der Kommunismus ein Religionsersatz. Die ganze Eschatologie, die ganze Utopie, Hienieden. Wir können Heine zitieren: „Das Himmelreich überlassen wir den Engeln und Spatzen, das 183 Podiumsdiskussion Paradies machen wir hier schon.“ Das ist klar. Nur eine kurze Korrektur, Brechts Vater war katholisch, seine Mutter war protestantisch und die Familie hat sich darauf geeinigt, ihn protestantisch zu erziehen. Er ist nicht katholisch erzogen, Augsburg ist in etwa zur Hälfte katholisch, zur Hälfte protestantisch. Was ich aber eigentlich sagen wollte. Die Frage, die immer mal wieder angeklungen ist, auf die man vielleicht einen Blick werfen sollte, ist doch die: Warum legte die Sowjetunion unter Stalin einen so großen Wert darauf, westeuropäische Intellektuelle und Schriftsteller für sich einzuspannen? Was ist eigentlich der Grund dafür? Was versprachen sie sich wirklich davon? Es war eine unsichere Sache, wie man an der Gide- Geschichte sehen kann. Ich möchte in dem Zusammenhang nur auf das Buch von Uwe Kolbe hinweisen, der, wie ich finde, ein luzides Buch zu Brecht geschrieben hat, mit der Fragestellung: Hätte es die DDR so lange gegeben, wenn es nicht Brecht als Propagandisten der DDR gegeben hätte? Eine zunächst mal erstaunliche Fragestellung, die sich aber im Laufe von Kolbes Conclusio doch nicht so abenteuerlich anhört, wie ich es zunächst dachte, weil alle sich beziehen darauf. Alle sagen, wenn Brecht schon für den Kommunismus war, wenn Brecht das schon durchgehalten hat, wenn er den ganzen Stalinismus ertragen hat und trotzdem in die DDR gegangen ist, dann kann das ja alles gar nicht so schlimm gewesen sein. Wenn Leute wie Gide gesagt hätten: das ist eigentlich klasse. Oder Feuchtwanger. Ich finde das ja auch ganz gut, wie Sie das heute gemacht habe: tausend Mal Trotzki erwähnt und und und. Man kann diesen Feuchtwanger-Text natürlich auch als Hintertürtext lesen, im Sinne von: Ja ja, ich hab doch auch die anderen Stimmen geäußert. Die entscheidende Frage ist doch: Warum ließ die Sowjetunion sich darauf ein. Die Antwort gibt Uwe Kolbe: es ist für dieses System schon wichtig, dass Menschen, von denen man denkt, sie haben Autorität – Schriftsteller haben eine gewisse Autorität auf ihre Leser usw. – und wenn die dafür sind, dann kann das doch vielleicht auch möglich sein, dass wir auch dafür sein können. [… Ausfall des Mikrophons] 184 Anhang Michael David-Fox: There is a book on the topic of political religion. I’m actually carrying around a 900 page book that just came out by the Russian-American historian Yuri Slezkine which surprised to interpret the Russian Bolshevism as a millenarian sect. And he puts it in the tradition of going from the Zoroastrians and early Christians to protestant sectarianism. You know, this argument about political religion has been made before. Here, I find, it illuminates some things, but it’s a little too literal and it ignores certain other features of the Soviet Union. But there is no question that the Soviets, coming to power, creating the Mausoleum and the Stalin cult, were trying to consciously replace religious thoughts. I think it’s worth thinking about the role that this argument played among intellectuals. There was a very famous book called The God that Failed. Koestler took part in that book and said in his chapter that one does not criticize the church one goes to or the woman that one falls in love with. He tried to present this as an emotional bond, as a faith. Now, the element of faith is there, I think, as is the element of ideology. We have to not just think about ideology as a kind of doctrine, but more as a world view that people can find something real in. I think, actually the role of ideology as well as the role of faith are very important but of course it depends on where the person is on the political spectrum, what the involvement is with this movement. But one also post-factum can use the political religion argument as an excuse to say: Well, I was blind because I thought like a religious thinker. And that excuse is one’s conscious choice that one made. I think also, another point that I would make is: we talked a lot about Gide and Feuchtwanger, but take some trajectories like Koestler or George Orwell. Both of them fought in the Spanish Civil War and both left written monuments, Darkness at Noon or Orwell’s essays that have lasting impact. Let’s think about the impact of these experiences that we have been talking about over the last two days. This was one of them, the disillusionment and the works that this produced. There was another ominous legacy which Willi Münzenberg was mentioning many times. Some of the 185 Podiumsdiskussion methods of Soviet mobilization of culture and intellectuals became known in western countries through Münzenberg and his operations and were later used in the Cold War. So I think this is an interesting link between the 1930s and the 1940s. Michael Rohrwasser: Historisch ist natürlich spannend, wann das Religionsparadigma reinkommt. Erst war es Totalitarismus, irgendwann schwenkt es dann um zur politischen Religion. Hans Mayer hat das in München dann auch in ein paar Bänden gemacht als so eine Ablösung. Aber Brecht, möchte jemand diese Frage aufgreifen? Reinhard Müller: Also ich kann für mich dieser tollkühnen These von Uwe Kolbe zustimmen; dass Brecht für mich selber auch so ein ideologischer Balsam war, mit dem man seine Zweifel unterdrücken konnte, sowohl an der Daseinsform der DDR sowie an den zurückliegenden Zeitverläufen der 1930er Jahre. Der Balsam hat aber nicht allzulange gereicht. Das kann man vielleicht eher exemplifizieren, dass diese Gläubigkeit, dieses Heilsversprechen, das der Bolschewismus in den 1920er und 30er-Jahren noch verströmte, dass das mit den Moskauer Prozessen zusammengebrochen war. Im Exil, meinetwegen in der Diskussion im SDS, im Pariser Schriftstellerverband, wo es Versuche gab, die Anwesenden ideologisch zu reglementieren. Es kam ein Emissär aus Moskau usw. Hans Sahl oder auch Arthur Koestler haben sich in diesen Diskussionen im Grunde vom Kommunismus, dem sie sich vorher – Koestler als Mitglied, Hans Sahl als Sympathisant – mehr oder minder angehörten, abgewendet. Koestler schreibt nach diesen Diskussionen erst seinen großen Roman, der leider zu Unrecht nicht wieder aufgelegt wird und nahezu vergessen ist, Die Sonnenfinsternis. Dazu gehört auch dieser Lernprozess im Schriftstellerverband. Brecht selber hat ja zu den Moskauer Prozessen keine öffentlichen Stellungnahmen abgegeben. Er hat sich wohlweislich auf interne Notizen beschränkt und dabei fast wortwörtlich die Feuchtwangerschen Argumenta- 186 Anhang tionen, auch den philosophischen Rückgang, was ich gesehen habe, das ich kann glauben, diese merkwürdige philosophische Volte, die Feuchtwanger einführt, akzeptiert. Brechts Stellungnahme zu den Moskauer Prozessen bricht ja nur dann hervor, wenn er mit Benjamin privatim spricht. Also da vergleicht er schon 1934 die Gestapo mit der GPU. 1938 wird er dann wesentlich deutlicher zu den Moskauer Prozessen, aber er begräbt das alles nach 1946, wofür es auch triviale Gründe gibt, wie den Erhalt des Theaters, das er aufbaut und das an seinem Namen und an seiner Person hängt. Man sollte auch diese triviale Verdrängungsgeschichte nicht vergessen. Das hängt mit Ruhm, mit Einfluss, auch mit Geld zusammen. Die Verdrängungsgeschichte von Bertolt Brecht ist so noch nicht geschrieben. Wilfried Schoeller: Es gibt auf diese Frage immer eine doppelte Antwort. Die eine Antwort besagt: keinerlei Einfluss, keinerlei Wirkung, es handelt sich bei den Schriftstellern und Intellektuellen um die Komödianten des jeweiligen Systems. Die andere Antwort heißt: wenn es die Autoren nicht gegeben hätte, sie in Zukunft vielleicht geben wird, dann ist ja alles verloren. Dann haben wir überhaupt keine Identifikationsmöglichkeiten mehr. Ich glaube die beiden Antworten bleiben selbstständig nebeneinander stehen. Das zeigt schon die Geschichte der Erforschung des Westexils, der Westemigration, die ja weitergegangen ist, und natürlich auch andere Fragestellungen hat. Ich will sagen, dass man diese antagonistischen Positionen nicht versöhnen kann, sie vielleicht auch nicht versöhnen sollte. Sondern, dass man sie sozusagen in sich selber bewahrt und möglichst genau für sich selber ausprägt. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist, mir liegt am Herzen, die Frage zu stellen: was kann man eigentlich noch tun – weil der Unmut hier und dort, gestern und heute, auch schon groß geworden ist; dass gesagt wurde, es ist doch nicht so, die Einzelheiten interessieren gar nicht; nein, wir wollen ins große Ganze und Moralische gehen – und ich zweifle und wollte Sie als Kombattanten fragen, ob sie diesen Zweifel mit mir teilen, dass wir möglichst lange die moralische Frage hinausschieben, nachdem es, glaube ich, erfolg- 187 Podiumsdiskussion reich gelungen ist, tatsächlich die theoretisch-ideologische Frage hintan zu stellen und statt dessen ein Bild der Opfer zu entwickeln, wie es bei Memorial in Moskau selbstverständlich ist, wie wir es nicht teilen müssen, weil wir diese Erfahrung persönlich nicht gemacht haben. Michael Rohrwasser: Herr Haarmann, wären Sie einverstanden, wenn wir das als Schlusswort nehmen? Hermann Haarmann: Ja, sehr! Michael Rohrwasser: Damit ist dann alles vom Tablett, und ich würde noch einmal zusammenfassen wollen, wenn Sie einverstanden sind? Michael David-Fox: I’d like to say a few more words about not just the best-known intellectuals, the big names. If you go one or two levels below, one thing I studied in my book on western visitors – this is the topic of a discussion: What does „west“ mean? Many different national trajectories and configurations here. What I was writing about was primarily Great Britain, the US, France, central Europe including Germany, Austria and Czechoslovakia. When you look at these countries, you see many commonalities in response to the Soviet Union. But you also see some big differences. The size of the communist parties and movements is very different. You see different cultural pre-histories with Russia and the Soviet Union. And you also see – and this is the point I want to underline for the second rank level of foreign intellectuals – the foreign policy conjunctures, the relations of those countries with the Soviet Union. I think it’s worth thinking about today. When we think about, for example, I as an American historian of Russia, finding it increasingly difficult to have academic and cultural relations with my Russian colleagues 188 Anhang because of the political and foreign policy conjuncture, whereas these relations are still extremely important. But that’s another point. To get back to history: immediately after the signing of the neutrality pact between France and Czechoslovakia in the early 1930s you saw within months a sharp rise in the numbers of visitors to the Soviet Union. So the second rank of intellectuals were far more willing to travel to the Soviet Union, if the foreign policy relations were more favorable. And similarly, in times of downturn, the travel went off. So I think it’s worth considering that intellectuals are often like weather vanes who are reacting to where the wind is blowing. Michael Rohrwasser: Ganz herzlichen Dank. Dank an das Podium, Dank an die Veranstalter, Dank an Sie, die das als Zuhörer getragen haben. Das war ja eine Veranstaltung, die deutlich von den Zuhörern und Zuhörerinnen und Mitdiskutanten mitgetragen wurde. Das ist, glaube ich, die besondere Qualität der letzten beiden Tage gewesen; dass diese Veranstaltung nicht nur ordentliche Referate gegeben hat, sondern wirklich von den Zuhörerinnen und Zuhörern getragen wurde. Ganz herzlichen Dank. Transkribiert von Lukas Laier 189 Reinhard Müller „Freunde der Sowjetunion“: Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung Wenige Tage vor Beginn des Schauprozesses im August 1936 schrieb Leo Trotzki im Blick auf Reiseberichte über die Sowjetunion: Dem Typus nach zerfallen die Publikationen der „Freunde der Sowjetunion“ in drei Hauptkategorien. Dilettantischer Journalismus beschreibenden Genres, mehr oder weniger „linke“ Reportagen bilden die Hauptmasse der Artikel und Bücher. Danebenstehen, wenn auch mit größeren Prätentionen, die Publikationen des humanitären, pazifistischen und lyrischen „Kommunismus“. An dritter Stelle findet sich die ökonomische Schematisierung im Geiste des alten „Kathedersozialismus“.1 Die „wohlmeinenden ‚linken‘ Philister“ würden den „Nimbus einer gewissen moralischen Festigkeit“ erhalten, „ohne dass sie dabei doch zu ir- 1 Einen Überblick bietet eine von Klaus Mehnert bearbeitete Bibliographie: Die Sovet-Union 1917–1932. Systematische mit Kommentaren versehene Bibliographie der 1917–1932 in deutscher Sprache veröffentlichten 1900 Bücher und Aufsätze über den Bolschewismus und die Sovet-Union im Auftrag der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas, Königsberg/Berlin 1933. Bio-bibliographische Hinweise zu 90 deutschsprachigen Reiseberichten finden sich bei Matthias Heeke, Reisen zu den Sowjets. Der ausländische Tourismus in Russland 1921–1941, Münster 2003; Wolfgang Metzger, Bibliographie deutschsprachiger Sowjetunion-Reiseberichte, -Reportagen und -Bildbände 1917–1990, Wiesbaden 1990; Eva Oberloskamp, Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München 2011. 190 Reinhard Müller gendetwas verpflichtet wären“. Diese Art „beschaulicher, optimistischer, keineswegs destruktiver Literatur, die alles Ungemach hinter sich zu lassen scheint, wirkt sehr beruhigend auf die Nerven des Lesers und findet wohlwollende Aufnahme.“ Es hätte sich eine „internationale Schule“ herausgebildet, die man ‚Bolschewismus fürs aufgeklärte Bürgertum‘ oder, im engeren Sinne, Sozialismus für radikale Touristen nennen könne.“2 Bereits vor ihrer Reise ins gelobte „Vaterland der Weltrevolution“ konnten in den zwanziger Jahren sowohl wohlmeinende „Revolutionstouristen“ (Hans Magnus Enzensberger) wie auch gläubige Moskaupilger3 durchaus kritische Berichte über die Sowjetunion in der liberalen, sozialdemokratischen und anarchistisch-syndikalistischen Öffentlichkeit finden. Über Verfolgung und Terror von Tscheka und GPU4, über Schauprozesse, Zwangsarbeit, Konzentrationslager und das GULAG-System5 erschienen distanzierte und empörte Artikel in Zeitschriften wie Das Tagebuch, in Zeitungen wie im sozialdemokratischen Vorwärts, in Ossietzkys Weltbühne6, in der liberalen Frankfurter Zeitung, in Büchern und Broschüren der russischen Emigration. Andererseits wurde der „Rote Terror“7 in der KPD-Zeitung Die Rote Fahne als revolutionäre Gewalt legitimiert und im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ auch lyrisch verklärt und besungen.8 2 Leo Trotzki, Schriften I, Sowjetgesellschaft und stalinistische Literatur, Band 1.2 (1936–1940), hrsg. von Helmut Dahmer, Rudolf Segall und Reiner Tosstorff, Hamburg 1988, S. 688f.. 3 Vgl. Ludmila Stern, Western Intellectuals and the Soviet Union 1920–1940: From Red Square to the Left Bank, London 2007; Michael David-Fox, “Opiate of the Intellectuals?” Pilgrims, Partisans and Political Tourists, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History (2011), 3, S. 721–738. 4 Die 1917 gegründete Geheimpolizei Tscheka wurde 1922 in OGPU umbenannt, meist abgekürzt als GPU, 1934 umbenannt in NKWD. 5 Vgl. Arsenij Roginskij / Nikita Ochotin (Red.), Sistema ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR 1923–1960. Spravočnik, Moskau 1998; Anne Applebaum, Der Gulag, Berlin 2003. 6 Aus dem Reisebericht von Hans Siemsen „Russland. Ja und Nein“ (Berlin 1931) erschienen in der „Weltbühne“ zwei Kapitel über die GPU und ein Kapitel über den Schauprozess gegen die „Industriepartei“. Siemsen war 1931 Mitbegründer der linksoppositionellen SAPD. 7 Vgl. Jörg Baberowski, Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003; ders., Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012. 8 Über „verklärte“ und „wirkliche“ Darstellungen der Sowjetunion vgl. Hans-Albert Walter, Deutsche Exilliteratur 1933–1945. Band 1: Die Vorgeschichte des Exils und seine erste Phase, 191 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung Allenfalls eine Ahnung von Überwachung und Terror vermitteln die vereinzelten Beobachtungen Arthur Holitschers, der auf Einladung Karl Radeks und im Auftrag einer amerikanischen Nachrichtenagentur im Oktober 1920 für drei Monate nach Moskau reiste. Holitscher empfand bereits beim Betreten des Landes, dass „eine gewissermaßen atmosphärische Last der Unfreiheit und des Misstrauens sich drückend auf die Seele“ niedersenke. Als ausländischer Journalist wohne man in „Häusern mit militärischer Bewachung“, und „um das Schlüsselloch“ sammelt sich der fettige Abdruck ungewaschener Ohren.9 Erfüllt vom „Glauben an die Weltrevolution“ hält er nach der Rückkehr im Vorwort seines Reiseberichts fest: „Mein seelisch gerichteter Kommunismus ist durch die russische Prüfung unversehrt mit mir nach Deutschland zurückgekommen.“10 Alfons Goldschmidt, Mitherausgeber der Berliner Rätezeitung11 und offizieller Gast der Regierung, beantwortet in seinem Reisebericht Moskau 1920 die selbstgestellte Frage nach der Existenz einer terroristischen Diktatur mit dem ergreifenden Erlebnis der Maifeiern: „Nein, eine terroristische Diktatur gibt es in Moskau nicht. Gäbe es eine terroristische Diktatur in Moskau, so gäbe es keinen Maiboulevard mit einem lustigen Frühlingsleben wie im Mai 1920.“12 Alfons Goldschmidt war 1921 an der Gründung des „Auslandskomitees zur Organisierung der Arbeiterhilfe für die Hungernden in Russland“ beteiligt und zeitweilig auch Vorsitzender der deutschen Sektion der „Internationalen Arbeiterhilfe“ (IAH).13 Seine Band 1.2: Weimarische Intellektuelle im Spannungsfeld von Aktionen und Repressionen, Stuttgart 2017, S. 72–131. 9 Arthur Holitscher, Drei Monate in Sowjet-Russland, Berlin 1921, S. 14. 10 Ebd., S. 16f. 11 Die „Rätezeitung“ erschien ab September 1920 als Organ der „Interessengemeinschaft der Auswandererorganisationen nach Sowjet-Russland“. 12 Alfons Goldschmidt, Moskau 1920, Berlin 1920, S. 33. Goldschmidt feierte den 1. Mai 1920 im Haus der Kommunistischen Internationale. Das Erleben der Maifeiern und des Oktoberjubiläums trug zur Hochstimmung im ritualisierten Besuchsprogramm der Moskaupilger bei. Nach den Schauprozessen 1936 und 1937 folgten jedoch nur wenige Schriftsteller einer Einladung zur Oktoberfeier 1937. Der Einladungsplan der Komintern umfasste nahezu fünfzig Schriftsteller. Einladungsliste und Bewertungen (1.6.1937) abgedruckt in: Hermann Weber / Jakov Drabkin / Bernhard H Bayerlein, Deutschland, Russland, Komintern, Berlin 2014, Bd. 2, S. 1368–1377. 13 Im August 1921 konstituierte sich die „Künstlerhilfe für die Hungernden in Russland“. Zu dem geschäftsführenden Ausschuss gehörten neben Arthur Holitscher auch George Grosz , Wieland 192 Reinhard Müller Beiträge erschienen in der Weltbühne und in Münzenbergs Arbeiter-Illustrierte-Zeitung. Er unternahm 1925, 1927, 1931, 1932 weitere Reisen in die Sowjetunion und gehörte 1923 zu den Initiatoren der „Gesellschaft der Freunde des neuen Russland“. 1925 besuchte er auch das Marx-Engels- Institut, einen „Sammeltempel“, in dem „textkritische Arbeit“ als „reine Priesterarbeit“ geleistet werde.14 Bei seiner dreimonatigen Russlandreise registrierte der amerikanische Schriftsteller Theodore Dreiser 1928 die allgegenwärtige „Atmosphäre des Argwohns, stellenweise sogar des Terrors“, die Praxis der Überwachung und Kontrolle, der Moskaureisende durch Übersetzer, Reiseführer und Hotelpersonal ausgesetzt waren: „Denn ganz gewiss gibt es von dem Augenblick an, da man das Land betritt, bis zu dem, da man es wieder verlässt, eine nie versagende Überwachung in der einen oder anderen Form, begleitet von Beweisen für die Tatsache, dass das gegenwärtige russische Regime die meisten seiner Besucher und eine sehr große Anzahl von Russen ebenso fürchtet, wie misstraut, ja, dass es eigentlich niemandem traut.“15 Ähnlich beschrieb Arthur Feiler – Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Zeitung und Finanzexperte – eine „Atmosphäre der Furcht und Einschüchterung“ durch den „gewaltigen und gewalttätigen Apparat“ der Geheimpolizei GPU. In seinem häufig rezensierten Buch Das Experiment des Bolschewismus charakterisierte Feiler die GPU als „geheimen Polizeidienst mit einem fürchterlichen Spitzelsystem, mit der schrankenlosen Befugnis zu Verhaftungen, zu langen Einkerkerungen, zu administrativen Verurteilungen, mit Gefängnissen, mit Verschickungen, mit schnell vollstreckten Erschießungen.“16 Für die Frankfurter Zeitung berichtete auch Joseph Roth 1926 in einer siebzehnteiligen Serie über seine dreimonatige Reise durch Herzfelde und Käthe Kollwitz. Sekretär war Erwin Piscator. 14 Alfons Goldschmidt, Wie ich Moskau wiederfand, Berlin 1925, S. 28. Gemeint ist die Herausgabe der kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe durch David Rjasanow. Der Gründer des Marx- Engels-Archivs Rjasanow und zahlreiche Mitarbeiter der kritischen Marx-Engels-Ausgabe wurden in den dreißiger Jahren Opfer des stalinistischen Terrors. 15 Theodore Dreiser, Sowjet-Russland, Berlin, Wien, Leipzig, 1929. Dreiser erhielt 1930 den Nobelpreis für Literatur. 16 Arthur Feiler, Das Experiment des Bolschewismus, Frankfurt a.M. 1929, S.215. 193 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung die Sowjetunion. Walter Benjamin traf Joseph Roth noch vor dessen Abreise im „Grand Hotel“ und notierte in seinem Moskauer Tagebuch: „Was sich dabei ergab, das ist mit einem Wort: Roth „ist als (beinah) überzeugter Bolschewik nach Russland gekommen und verlässt es als Royalist. Wie üblich, muß das Land die Kosten für die Umfärbung der Gesinnung bei denen tragen, die als rötlich-rosa schillernde Politiker (im Zeichen einer »linken« Opposition und eines dummen Optimismus) hier einreisen.“17 Im Feuilleton der Frankfurter Zeitung erschienen Reportagen und anschauliche Erzählungen, die Angela Rohr 1928–1936 als Korrespondentin über den Moskauer Alltag, über die Eröffnung des Dnjeprkraftwerks, über Turksib und ihre Kaukasus- und Sibirienreisen schrieb.18 Obwohl Bertolt Brecht 1941 gegenüber Konstantin Fedin ihre Aufsätze wegen ihrer „Sowjetfreundlichkeit“ lobte, wurde Angela Rohr am 7. Juli 1941 verhaftet und überlebte 16 Jahre im GULAG.19 Meist waren es frühere Sozialrevolutionäre wie Isaak Steinberg20 und ehemalige Menschewiki wie Rafail Abramowitsch, die nach ihrer Flucht ins Ausland eigene Erfahrungen mit dem Terror von Tscheka/GPU und auch Haftbriefe von Gefangenen überlieferten. 21 Der Gründer der Partei der Sozialrevolutionäre Viktor Tschernow berichtete 1922 detailliert über die Verhörmethoden und Folterpraxis in der Geheimdienstzentrale Lubjanka und im Butyrka-Gefängnis: „Es ist schauderhaft zu sehen, wie die Sozialisten von gestern andere Sozialisten durch Einsperrung auf unbestimmte Zeit, durch Hunger und Kälte, durch Inquisition der Verhöre, 17 Walter Benjamin, Moskauer Tagebuch. Mit einem Vorwort von Gershom Scholem, hrsg. von Gary Smith, Frankfurt a. M. 1980, S. 43f. 18 Angela Rohr, Zehn Frauen am Amur. Feuilletons für die Frankfurter Zeitung: Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion (1928–1936), mit Fotografien von Margarete Steffin und anderen, hrsg. von Gesine Bey, Berlin 2018. 19 Ebd., S. 366f. 20 Der ehemalige Sozialrevolutionär Isaak Nachman Steinberg – 1917/18 unter Lenin kurzzeitig Volkskommissar für Justiz – wurde 1923 ausgewiesen und veröffentlichte 1931 im Rowohlt- Verlag „Gewalt und Terror in der Revolution: (Oktoberrevolution und Bolschewismus)“. 21 Rafail Abramowitsch, Die politischen Gefangenen in der Sowjetunion, hrsg. von der „Kommission zur Untersuchung der Lage der Politischen Gefangenen“, Berlin 1930; ders., Der Terror gegen die sozialistischen Parteien in Russland und Georgien, Berlin 1925. Beide Broschüren erschienen im Dietz-Verlag der SPD. 194 Reinhard Müller durch physische Misshandlungen und durch Todesdrohungen quälen.“22 In Gefängnisbriefen wurde 1921 die Haft von fünfzehnjährigen Mitgliedern des menschewistischen Jugendbundes, von Anarchisten, Menschewiki, Sozialrevolutionären, Genossenschaftlern und Parteilosen geschildert.23 Über ihre Torturen in überfüllten Gefängnissen und ihre Qualen auf den Solowki-Inseln24 berichteten Häftlinge auch in verzweifelten Briefen an den Marx-Forscher David Rjasanow, der 1931 im Schauprozess gegen das „Unionsbüro der Menschewiki“ zur Verbannung verurteilt und 1938 in Saratow erschossen wurde.25 In der deutschen Öffentlichkeit wurden in den zwanziger und anfangs der dreißiger Jahre vor allem die Moskauer Schauprozesse diskutiert.26 Bereits der erste, propagandistisch inszenierte Schauprozess gegen die Sozialrevolutionäre (1922) benutzte dabei die Technik des Amalgams von in- und ausländischen Feinden. Die angeklagten Sozialrevolutionäre wurden mit dem Kadetten Miljukow, den Kronstädter Aufständischen und dem Ausland in Gestalt von Pariser Bankiers in „Verbindung gebracht“.27 Diese fiktive Verschwörungskonstruktion von in- und ausländischen Feinden wurde erneut in den frühen Schauprozessen (1928, 1930, 1931) wie auch in den drei großen Moskauer Schauprozessen28 (1936, 1937, 1938) stereotyp eingesetzt. Im Prozess gegen Sozialrevolutionäre erhielten die 22 Vorwort in: Die Tscheka. Russische Hilferufe an das Weltgewissen, Berlin 1922, S. 8. 23 Elias Hurwicz, Aus Sowjet-Gefängnissen, in: Die Weltbühne 17 (1921), S. 569f.. 24 Vgl. dazu Anne Appelbaum, Der Gulag, Berlin 2003, S. 57–78; Karl Schlögel, Solowki-Laboratorium der Extreme: Die Klosterinsel als Konzentrationslager, in: ders., Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, München 2017, S. 673–689; http://solovki. org/de/html/Artikel_Schloegel_de.html. 25 Briefe und Eingaben abgedruckt in Jakov Rokitjanskij / Rejnchard Mjuller, Krasnyj dissident: akademik Rjazanov – opponent Lenina, žertva Stalina; biografičeskij očerk; dokumenty, Moskau 1996, S. 169–310. 26 Vgl. dazu Werner Müller, Kommunisten verfolgen Kommunisten. Die frühen Schauprozesse in der Sowjetunion und die Reaktionen in der deutschen Öffentlichkeit, in: Hermann Weber/Dietrich Staritz (Hrsg.), Kommunisten verfolgen Kommunisten. Stalinistischer Terror und „Säuberungen“ in den kommunistischen Parteien Europas seit den dreißiger Jahren, Berlin 1993, S. 389–398. 27 Zur Analyse des Prozesses und der Urteile vgl. Marc Jansen, A Show Trial Under Lenin. The Trial of the Socialist Revolutionaries, Moscow 1922; Den Haag 1982. 28 Vgl. Wladislaw Hedeler, Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938: Planung, Inszenierung und Wirkung, Berlin 2003. 195 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung als Offizial-Verteidiger angereisten Sozialdemokraten und Gewerkschaftsvertreter keinen Zugang zu den Angeklagten und reisten daraufhin ab. Gegen die Todesurteile protestierten in Deutschland, Frankreich und England zahlreiche Politiker, Intellektuelle und auch Maxim Gorki. Zehn der prominenten, zum Tode verurteilten Angeklagten wurden daraufhin zu Haftstrafen begnadigt, dreißig Bauern und Matrosen wurden jedoch erschossen. Wie auch in späteren Schauprozessen setzte die Kommunistische Internationale ihre aufwendig alimentierte und international orchestrierte Propagandamaschine in Gang.29 Nicht nur Clara Zetkin, die im Prozess gegen die Sozialrevolutionäre bereits als Anklägerin fungierte, ver- öffentlichte eine Kampfschrift im Komintern-Verlag.30 Nach einem schönzeichnenden Reisebericht31 übernahm Kurt Kersten als eifriger „fellow traveller“32 – seit 1926 Feuilleton-Redakteur in der Münzenberg-Zeitung Welt am Abend – die abstrusen Moskauer Verschwörungskonstrukte.33 Gegen die Propagandawelle von Komintern und KPD-Zeitungen stellten sich jedoch anarchistisch-syndikalistische „Komitees zum Schutze der inhaftierten Revolutionäre Russlands“, die in Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion eine Chronik der Repressalien, Berichte über die Solowki-Inseln und zahlreiche Verhaftungen veröffentlichten.34 Für die Freilassung der erneut inhaftierten Sozialrevolutionärin Maria Spiridonowa setzten sich die amerikanische Anarchistin Emma Goldman und auch ein Frauenausschuss ein, dem Käthe Kollwitz, Ricarda Huch und Marianne Weber an- 29 Vgl. Reinhard Müller, Wort-Delirium. Kampagnen von Komintern und KPD gegen Kritiker der Moskauer Schauprozesse, in: Das linke Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und Netzwerke (1890–1960). Hrsg. von Michel Grunewald in Zusammenarbeit mit Hans Manfred Bock, Bern 2002, S. 523–556. 30 An den Pranger. Zum Prozess gegen die Sozialrevolutionäre, Hamburg 1922; Clara Zetkin, Wir klagen an. Ein Beitrag zum Prozess der Sozial-Revolutionäre, Hamburg 1922; Karl Radek, Neue Enthüllungen über die Partei der Sozialrevolutionäre, Hamburg 1922; Ivan Wardin., Die sozialdemokratischen Mörder und die sozialdemokratischen Advokaten. Tatsachen und Beweise, Hamburg 1922. 31 Kurt Kersten, Moskau – Leningrad. Eine Winterfahrt, Frankfurt a. M. 1924. 32 David Caute, The Fellow-Travellers: A Postscript to the Enlightment, London 1973. 33 Kurt Kersten, Der Moskauer Prozess gegen die Sozialrevolutionäre 1922. Revolution und Konterrevolution, Berlin 1922, (Außenseiter der Revolution, hrsg. von Rudolf Leonhard, Bd.12). 34 Die Aktion 14 (1924), S. 58–62. 196 Reinhard Müller gehörten.35 Mit dieser Initiative der „um die Kultur hochverdienten Frauen“ solidarisierte sich Erich Mühsam.36 Auf die Veröffentlichung der „Notschreie von Revolutionären aus bolschewistischen Gefängnissen“ in der Aktion antwortete der Komintern- Funktionär Lajos Magyar mit einem Artikel in der Internationalen Pressekorrespondenz und mit einer Broschüre37 gegen die „Schauergeschichten“ und „Hetzkampagnen“. Hier wurde von Magyar kolportiert, dass es in der Sowjetunion nur fünfhundert politische Gefangene gäbe und dass die Gefängnisordnung eine „einzig dastehende milde“ sei. Auf beigefügte, gestellte Fotos von „Wohnzimmern“ und vom „Gefängnisgarten“ antwortete Franz Pfemfert durch Originalbriefe, die ihm auf „illegalem Wege von den auf Solowetzki gequälten Sowjetkämpfern“ zugegangen waren.38 Über einen Hungerstreik der Gefangenen auf den Solowki-Inseln, über bestialische Foltern durch Mückenschwärme, Stehfolter und über Massenverhaftungen von Anarchisten und Sozialrevolutionären berichtete das Bulletin des „Vereinigten Komitees zum Schutze der in Russland inhaftierten Revolutionäre“.39 Eine Liste von 129 Anarchisten und Syndikalisten, die sich im Gefängnis oder in der sibirischen Verbannung befanden, wurde in der Zeitschrift Der Syndikalist abgedruckt. Genannt werden hier auch vierzig Anarchisten, die gewaltsam und durch Gefängnisqualen getötet wurden.40 Ein Bulletin41 über das Schicksal der in Russland inhaftierten Anarchisten erreichte wohl allenfalls einen eingeschränkten Leserkreis. Die von der Komintern ausgestreuten Legenden über den „milden“ Strafvollzug in der Sowjetunion wurden bereitwillig von Arthur Holitscher42 und 35 Die Weltbühne 26 (1930), 28, S. 75. 36 Erich Mühsam, An den Frauenausschuss für Maria Spiridonowa, in: Fanal. Anarchistische Monatsschrift 4 (1930), 12, S. 283f. 37 Lajos Magyar, Die „Rote Hölle“. Die Wahrheit über die bolschewistischen Gefängnisse, Berlin 1924. Lajos Magyar (d.i. Milgdorf) wurde 1934 als Sinowjew-Anhänger in Moskau verhaftet und 1937 erschossen. 38 Die Aktion 14 (1924), S. 499–502. 39 Ebd., S. 503–506. 1925 erschienen in New York „Letters from Russian prisons“. 40 Der Syndikalist: Organ der Freien Arbeiter-Union, 15. Nov. 1930. 41 Alexander Berkman (Hrsg.), Bulletin of the Relief Fund of the International Working Men’s Association for Anarchist and Anarcho-Syndicalists Imprisoned in Russia, Paris/Berlin 1928. 42 Arthur Holitscher, Gefängnis, in: Das neue Rußland (1928), 3, S. 21. 197 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung von Egon Erwin Kisch in seinem Reisebericht Zaren, Popen, Bolschewiken übernommen. In seiner Rezension vermerkte Kurt Hiller, dass in Lefortowo, dem „strengsten Gefängnis Moskaus“, der Gefangene bei achtstündiger Arbeitszeit vierzig Rubel Monatslohn erhalte. Der Gefangene könne „sprechen und singen, so viel er Lust hat, sich in gewissen Grenzen die Arbeit aussuchen; sogar Urlaube gibt’s. Und: man beginnt in Russland das Sexualleben der Gefangenen zu studieren.“43 Nach einem Besuch im Vorzeigetrakt des GPU-Gefängnisses Lefortowo verbreitete auch Herwarth Walden die Fabel vom „humanen Strafvollzug“. 44 Walden, der als Vorsitzender des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ die Sowjetunion elfmal bereiste und nach eigenen Angaben in Deutschland für den militärischen Nachrichtendienst der Sowjetunion arbeitete, veröffentlichte 1927 zahlreiche Artikel in seiner Zeitschrift Der Sturm.45 Walden war mit Ausstellungen seiner „Sturm-Galerie“ Wegbereiter der russischen Avantgarde in Deutschland46 und übersiedelte 1932 nach Moskau. Er wurde am 8. März 1941 verhaftet, als angeblicher „deutscher Spion“ angeklagt und verstarb am 31. Oktober im NKWD-Gefängnis von Saratow.47 Im „Bund der Freunde der Sowjetunion“ und auch im „Bund Freier Balkan“ fungierte Walden mit dem Salon der „Sturm-Galerie“ als Vorzeige-Intellektueller und „bürgerliches“ Aushängeschild. Der „Bund der Freunde der Sowjetunion“48 wurde 1928 in Berlin gegründet und gehörte zu einem von Willi Münzenberg geschaffenen Netz von „Massenorganisationen“, die mit klandestinen kommunistischen 43 Kurt Hiller, Kisch über Russland, in: Die Weltbühne 24 (1928), 16, S. 589. 44 Herwarth Walden, Strafvollzug in der UDSSR, in: Der Sturm 20 (1927), 5/6, S. 49f.; ders., Sowjet-Rußland. Verbrecher Kolonie. Die Kommune der OGPU, in: ebd., S. 106f. Walden war seit 1921 KPD-Mitglied. 45 Berichte u.a. über Odessa, über Inguschetien, über Kulaken, über Kurorte und ein Krankenhaus für Geschlechtskrankheiten. 46 Vgl. Antje Birthälmer/Gerhard Finck (Hrsg.), Der Sturm. Zentrum der Avantgarde, 2 Bde., Wuppertal 2012. 47 In einem verzweifelten Gefängnisbrief bat Walden um einen deutschsprechenden Richter und um ein Wörterbuch, abgedruckt in: Reinhard Müller, „Schrecken ohne Ende“. Eingaben deutscher NKWD-Häftlinge und ihrer Verwandten an Stalin, Jeshow u.a., in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 17 (1997), 2, S. 82f. 48 Bericht über den Reichskongress des Bundes der Freunde der Sowjetunion, in: Stiftung der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR im Bundesarchiv (SAPMO/BA), RY 1/14/7/3, Bl. 7–41. 198 Reinhard Müller Fraktionen die politische „Linie“ der KPD umsetzten.49 Durch eine inszenierte Unabhängigkeit von der KPD-Politik gewann Münzenberg als „Schutzpatron der fellow traveller“ (Babette Gross) auch zahlreiche unabhängige Linke. Während eines „Mitteldeutschen Kongresses“ des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ traten neben Münzenberg als Hauptredner Ernst Toller, Max Hodann, Georg Ledebour und Emil Julius Gumbel gegen die „drohende Intervention“ der Westmächte England und Frankreich auf. Mit Delegationsreisen von Sozialdemokraten, von Arbeiterinnen und Katholiken, durch Versammlungen und Ausstellungen versuchte der „Bund der Freunde der Sowjetunion“ als „Massenorganisation“ zu erscheinen. Ein Reichskomitee, eine Reichsfraktionsleitung, Bezirks- und Betriebsgruppen, Kampagnen gegen die drohende Intervention, „revolutionäre Wettbewerbe“ und „Stoßbrigaden“ erzeugten zumindest papierene Betriebsamkeit und sicherten somit die Finanzierung des „Apparats“ durch das von sowjetischen Gewerkschaften alimentierte „Internationale Komitee des Bundes der Freunde“.50 Nach einem Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD (1930) sollte ein öffentlich kaum wirksamer „Klub der Freunde Sowjet-Russlands“ alle „Russland- und friedensfreundlichen Menschen“ vereinigen, die „aktiv an der Erhaltung und Verteidigung Sowjet-Russlands“ mitarbeiten. Über die Tätigkeit der 1931 in Berlin gegründeten, öffentlich aktiven und klandestin instrumentalisierten „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Planwirtschaft in der Sowjetunion“ berichtete 1941 Georg Lukács51 49 Zur klandestinen Politik der Komintern vgl. Reinhard Müller, „Das macht das stärkste Ross kaputt.“ Willi Münzenbergs Abrechnung mit dem Apparat der Komintern und ein Moskauer Drehbuch für den Amsterdamer Kongress 1932, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Berlin 2010, S. 243–265. 50 1931 lag die Geschäftsleitung des „Bundes“ bei Otto Kühne, Sekretär der KPD-Reichstagsfraktion. Am 2. März 1933 wurden die Räume des „Bundes“ durchsucht und geschlossen. 51 Am 29. Juni 1941 wurde Georg Lukács in seiner Wohnung verhaftet. Zur zweimonatigen Haftzeit und zu den Verhören in der Lubjanka vgl. Reinhard Müller, „Glück in dieser Katastrophenzeit“. Georg Lukács in der Lubjanka, in: Mittelweg 36, 9 (2000), 4, S. 28–48. 199 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung nach einer Anforderung des Chefs der Auslandsspionage Pawel Fitin an die Kaderabteilung der Komintern: „Die Organisation Arbplan (Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Planwirtschaft in der Sowjetunion) ist im Spätherbst 1931 begründet worden, um eine Reihe hochqualifizierter Intellektueller, die vorwiegend politisch rechts organisiert waren, die aber aus verschiedenen Gründen Anhänger einer prosowjetischen Orientierung der deutschen Politik waren, in dieser Richtung zu bestärken und einzelne, wenn möglich, unseren Ideen näher zu bringen. Die Begründung ging von Prof. F[riedrich] Lenz aus. Führende Mitglieder waren die Universitätsprofessoren [Otto] Hoetzsch, C[arl] Schmitt, der Prof. an der Hochschule für Politik [Adolph] Grabowsky52, die rechtsradikalen Publizisten E[rnst] Jünger, [Friedrich] Hielscher, [Ernst] Niekisch53 usw. Im Sekretariat des Arbplan nahmen zwei Vertrauensleute von Hoetzsch (ich erinnere mich nur an Klaus Mehnert), die Kommunisten Arwid Harnack und Paul Massing teil. Die Aufgabe der kommunistischen Fraktion ([Karl August] Wittfogel, [Georg] Lukács, H[ans] Jäger, A[lexander] Bolgár)54 bestand in einer unauffälligen Leitung der Thematik und der Führung der Debatten, um das erstrebte ideologische Ziel möglichst zu verwirklichen.“55 Neben kurzen Beschreibungen von Arvid Harnack, der laut Lukács bereits vor 1933 als „geheimes KPD-Mitglied geführt“ wurde, des „ehrlichen, wahrheitssuchenden Intellektuellen“ Adam Kuckhoff und von Paul Massing, Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, KPD-Mitglied, der wie seine Frau Hede Massing56 vor und nach 1933 für verschiedene sowjetische Spionageapparate arbeitete, lieferte Lukács über Ernst 52 Der Friedrich-List-Anhänger Lenz und Adolph Grabowsky fallen unter Trotzkis Begriff des „Kathedersozialisten“. Vgl. Adolph Grabowsky, Planwirtschaft und Kapitalismus, in: Der rote Aufbau 5 (1932), 22, S. 1033–1036. 53 Friedrich Hielscher war nationalrevolutionärer Publizist, Ernst Niekisch führender „Nationalbolschewist“. 54 Der Ungar Alexander Bolgár war Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Berlin, Hans Jäger Mitarbeiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe. 55 Vollständig abgedruckt und nähere Personenangaben im Anhang zu Reinhard Müller, Rezension von François Furet, Das Ende einer Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, in: Mittelweg 36, (1996), S. 71–72. 56 Vgl. Hede Massing, Die große Täuschung. Geschichte einer Sowjetagentin, Freiburg [u.a.] 1967. 200 Reinhard Müller Jünger eine kurze Charakteristik: „Bekannter rechtsradikaler Schriftsteller. Stand gewissen Reichswehrkreisen nahe. Seine bizarre Konzeption des Sozialismus, auf welcher sich damalige Sympathie zur Sowjetunion gründete, ist aus seinem 1932 erschienen Buch ‚Der Arbeiter‘ klar ersichtlich. Er war damals tief verstrickt in faschistischen Gedankengängen, aber die Nazi hat er als Partei tief verachtet, er nahm an den Arbeiten des Arbplan teil.“ Die ideologische Querfront zwischen linken und rechten Intellektuellen entsprach sowohl der nationalistischen Programmatik der KPD mit ihrem gegen Versailles gerichteten „Programm der nationalen und sozialen Befreiung“ wie auch der Rapallo-Politik, der langjährigen militärischen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee und den intensiven Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland. Nicht nur unter Intellektuellen suchte die KPD „rechte Leute von links“57 zu rekrutieren, sondern auch unter NSDAP-Anhängern und in der Reichswehr.58 Bereits 1923 hatte Georg Lukács registriert, dass die Planwirtschaft „ins Bewusstsein wenigstens der fortgeschrittensten Elemente der Bourgeoisie“59 getreten sei. Die sowjetische Planwirtschaft wie auch der erste Fünfjahresplan waren während der Weimarer Republik Gegenstand zahlreicher propagandistischer und wissenschaftlicher Publikationen60. Nach einem längeren Moskau-Aufenthalt verfasste Friedrich Pollock für das Frankfurter Institut für Sozialforschung eine umfangreiche Studie über die „planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion“. Internationale Neuerscheinungen wurden in der Zeitschrift für Sozialforschung ausführlich 57 Vgl. Otto-Ernst Schüddekopf, Nationalbolschewismus in Deutschland 1918–1933, Frankfurt a. M. [u.a.] 1973; Louis Dupeux, „Nationalbolschewismus“ in Deutschland 1919–1933. Kommunistische Strategie und konservative Dynamik, München 1985; Michael David-Fox, Annäherung der Extreme. Die UdSSR und die Rechtsintellektuellen vor 1933, in: Osteuropa (2009), 7/8, S. 115–124. 58 Als Paradebeispiele dienten Richard Scheringer und Beppo Römer, die mit der von der KPD finanzierten Zeitschrift „Der Aufbruch“ Überläufer aus der NSDAP und frühere Freikorpsmitglieder gewinnen wollten. 59 Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein (Werke, Bd.2, Frühschriften II). Neuwied – Berlin 1968, S. 241f. 60 Vgl. Die Sovet-Union 1917–1932, S. 67–71. 201 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung vorgestellt.61 Die Berliner sowjetische Botschaft schmückte sich in einem internen Bericht an das ZK der WKP (b) mit der Existenz der „Arplan“, wie sie meist abgekürzt wurde, da sie „auf Initiative der Botschaft und unter Führung der Botschaft“ gegründet worden sei.62 Wie auch andere Pilgerreisen westlicher Prominenz sollte eine dreiwöchige Delegationsreise von 24 Arbplan-Mitgliedern sorgfältig in Moskau vorbereitet werden. Dies schlug der Berliner Botschafter Chintschuk auf höchster Ebene, nämlich in einem Schreiben an den ZK-Sekretär Kaganowitsch63 vor. Ende 1932 verzeichnete man in Moskau sorgfältig die publizistischen Auftritte der Delegationsteilnehmer. Die geplante Ausweitung der Tätigkeit, u.a. die Gründung einer deutschen Zeitschrift nach dem Vorbild der französischen Zeitschrift plan kam jedoch mit Hitlers Machtantritt nicht mehr zustande. Viele Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, Ärzte und Rechtsanwälte, die Willi Münzenberg für seine Organisationen und Kampagnen gewinnen konnte, waren „gläubigen Geistes und reinen Herzens“ und überzeugt, dass nur der Kommunismus mit allen Mitteln für eine bessere Welt, für Fortschritt und Emanzipation kämpfe. Wie Münzenbergs Lebensgefährtin Babette Gross weiter im Rückblick festhielt, fühlten sich „selbst die Edelsten unter den sympathisierenden Intellektuellen“ verpflichtet, um der „großen Ziele willen hin und wieder ein Auge zuzudrücken.“64 Neben „idealistischen Motiven“ sei aber auch „beträchtliche intellektuelle Eitelkeit, ja Bestechlichkeit“ im Spiel gewesen. „Man ließ sich durch Ehrungen und reichlich Honorare verlocken, fuhr nur zu gern nach Rußland, um sich stürmisch feiern zu lassen, während ähnlicher Ruhm in der Heimat 61 Friedrich Pollock, Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917–1927, Leipzig 1929; ders., Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus und die Aussichten einer planwirtschaftliche Neuordnung, in: Zeitschrift für Sozialforschung 1 (1932), S. 8–27. 62 Vgl. dazu auch Matthias Bürgel, Als trotzkistischer Verschwörer an der sowjetischen Botschaft in Berlin: Der „Bucharinist“ Sergej Bessonov und der dritte Moskauer Schauprozess, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Berlin 2016, S. 67. 63 Vgl. Christoph Mick, Sowjetische Propaganda, Fünfjahrplan und deutsche Rußlandpolitik 1928–1932, Stuttgart 1995, S. 238f. 64 Babette Gross, Willi Münzenberg. Eine politische Biographie. Mit einem Vorwort von Arthur Koestler, Stuttgart 1967 (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Nr. 14/15), S. 232f. 202 Reinhard Müller nicht zu erreichen war.“65 Der Sozialrevolutionär Isaak Steinberg charakterisierte die organisierte und freiwillige Blindheit westlicher Intellektueller: Der Terror hat sich also keineswegs in der Sowjetunion „gemildert“. Im Gegenteil: er hat sich in Sowjetrussland noch gründlicher, systematischer und mannigfaltiger festgesetzt. Aber nicht nur in der Sowjetunion allein; er hat längst auf die kommunistischen und bürgerlich-radikalen Schichten in Westeuropa übergegriffen. Diese Schichten haben noch nicht die Gelegenheit, selbst revolutionären Terror auszuüben, aber sie schwelgen in einer terroristischen Psychologie und Phraseologie. Unter dem Deckmantel der „Sympathien“ für Sowjetrussland oder der „Verteidigung“ Sowjetrusslands vor den imperialistischen Gefahren zuliebe sind heute gewisse radikal-bürgerliche Schichten in Europa bereit, die schlimmsten Taten des bolschewistischen Terrors zu billigen, zu entschuldigen oder gar abzuleugnen. Man begeistert sich für den „Fünfjahrplan“ oder für die Hebung der russischen Volkswirtschaft, ohne sich über das Leben und Empfinden des Experimentvolks von 150 Millionen Gedanken zu machen.66 Zu den „radikal-bürgerlichen Schichten“, die auf vielen Gebieten das „Hosianna der eingeladenen Reklamebürger“67 anstimmten, gehörten auch Martha Rubens-Wolf und Lothar Wolf. Das kommunistische Ärzte-Ehepaar, das in Berlin in ihrer Praxis zahlreiche Abtreibungen durchführte, unternahm auf „eigene Kosten“ mehrere Reisen in die Sowjetunion.68 In hochgestimmten Reiseberichten schilderten sie ihre Eindrücke von St. Petersburg, Moskau, der Krim, dem Kaukasus und Mittelasien, von Krankenhäusern und Museen, durch die man sie fürsorglich geführt hatte. Als Mitglieder der „Internationalen Arbeiterhilfe“ (IAH) und des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ priesen sie in Versammlungen, in der AIZ 65 Ebd., S. 233. 66 Isaak Steinberg, Gewalt und Terror in der Revolution: (Oktoberrevolution oder Bolschewismus), Berlin 1931, (Nachdruck Berlin 1974), S. 337. 67 Erich Mühsam, Polemische Literatur, in: Das Fanal 5 (1930), 3, S. 67. 68 Vgl. dazu Reinhard Müller, „Menschenopfer unerhört“. Martha Ruben-Wolf und Lothar Wolf, in: Sonja Friedmann-Wolf, Im Roten Eis. Schicksalswege meiner Familie, Hrsg. von Reinhard Müller und Ingo Way, Berlin 2013, S. 399–424. 203 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung und in Das neue Rußland die bespielhafte Geburtenregelung69 und Abtreibungspraxis, die angebliche Abschaffung der Prostitution, die Fürsorge für verwahrloste Kinder und auch den vorbildlichen „Strafvollzug in Räterussland“. Nach einem Besuch im Moskauer GPU-Zuchthaus Lefortowo schrieben sie ins Gästebuch: „Diese Anstalt beweist für sich allein bereits, dass Räte-Russland der führende Kulturstaat ist.“70 Im Kampf gegen das Abtreibungsverbot in Deutschland diente Martha Ruben-Wolf die gesetzliche Freigabe der Abtreibung in der Sowjetunion und die Moskauer Praxis der „Abortarien“ als leuchtendes Beispiel. Ihre überschwängliche Faszination schlug jedoch in ihrem Exil in der Sowjetunion in tiefste Desillusion um. Martha Ruben-Wolf wurde 1936 aus der Moskauer Abtreibungsklinik entlassen, Lothar Wolf wurde 1937 verhaftet und 1938 als angebliches Mitglied einer fiktiven „trotzkistischen Spionageorganisation“ der jüdischen, deutschen Ärzte in Moskau zum Tode verurteilt und erschossen. Nach einer Bitte von Martha Ruben-Wolf schrieb Lion Feuchtwanger 1939 an den Staatsanwalt Wyschinski, dass ihm Lothar Wolf „als einer der ersten glühenden Propagatoren der Sowjetunion“ bekannt und dessen „Enthusiasmus und seine Schriften über die Sowjet-Union“ zu den „ersten Hinweisen gehörten“, die ihm „die Größe der Sowjet-Union erschlossen.“ Martha Ruben-Wolf wurde nach der Verhaftung ihres Mannes aus der KPD ausgeschlossen und beging 1940 Selbstmord. Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung verdrängten während und nach der Russlandreise jene durchaus in Deutschland erreichbaren Informationen und Berichte über Terror und Verfolgung, über Gefängnisse und Zwangsarbeit, die in der KPD-Propaganda kurzerhand als „Ammenmärchen über den angeblichen roten Terror, die Schrecken der Tscheka u.a.m.“71 abgetan wurden. In der DDR-Literaturwissenschaft wurde diese Ausblendung und Zuschreibung im Parteijargon fortgeführt: „Wahrheitsgetreue Reiseberichte über die Sowjetunion konnten 69 Vgl. Martha Ruben-Wolf, Geburtenregelung in Sowjet-Russland, in: Das neue Rußland (1925), 7/8, S. 19. 70 Martha Ruben-Wolf / Lothar Wolf, Russische Skizzen zweier Ärzte, Berlin 1927, S. 70. 71 Frida Rubiner, Sowjetussland von heute. Einige Kapitel für Jedermann, Berlin 1925, S. 23. 204 Reinhard Müller viel dazu beitragen, den Antikommunismus als eine Hauptwaffe der Reaktion bei der Niederschlagung der Arbeiterbewegung zurückzudrängen und die Klassenhilfe der revolutionären Proletarier für Sowjetrussland zu verstärken.“72 Ausgewählt wurden dabei einige Autoren, die mit ihrer „literarischen Kundschaftertätigkeit dazu beitrugen, das Lügengespinst vor Sowjetrussland zu zerreißen.“73 Besuche von Gefängnissen, Gerichtsverhandlungen, Industriebetrieben, Krankenhäusern und auch der Roten Armee gehörten sowohl zum wohlorganisierten Programm von Arbeiter-Delegationen wie auch von Rundreisen eingeladener Schriftsteller.74 Nach dem Vorbild einer englischen Gewerkschaftsdelegation stellte die IAH in Deutschland seit 1925 Arbeiter-Delegationen zusammen, deren angeblich parteilose oder sozialdemokratische Teilnehmer nach der Rückkehr in die KPD eintraten und für eine neue „einheitliche“ Gewerkschaftsinternationale warben.75 In öffentlichen Versammlungen, in der Roten Fahne und in Broschüren wurden die durchweg positiven Eindrücke propagiert. Über diese schönzeichnenden Reportagen hielt Hans Siemsen in der Weltbühne fest, dass es „Freunde der Sowjetunion“ gäbe, die es „allen Ernstes für notwendig halten, nicht immer der Wahrheit, sondern unter Umständen auch der Unwahrheit die Ehre zu geben ad majorem Sowjetrussiae gloriam.“76 Zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution wurde 1927 in Moskau zusammen mit der „Gesellschaft für kulturellen Austausch mit dem Ausland“ (WOKS) ein eigenes Komitee unter Leitung der IAH-Vorsitzenden Clara Zetkin und des Gewerkschaftsvorsitzenden Alexander Losowski ge- 72 Waltraud Engelberg, Die Sowjetunion im Spiegel literarischer Berichte und Reportagen in der Zeit der Weimarer Republik, in: Literatur der Arbeiterklasse: Aufsätze über die Herausbildung der deutschen sozialistischen Literatur (1918–1933), Berlin 1986, S. 318. 73 Ebd., , S. 331. Der Autor erscheint nicht mehr wie bei Walter Benjamin als Produzent, sondern als „Kundschafter“ wie bei Erich Mielke. 74 Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Rußland? Bericht der deutschen Arbeiter-Delegation über ihren Aufenthalt in Rußland vom 14. Juli bis 28. August 1925, hrsg. vom Einheitskomitee für Arbeiterdelegationen, Berlin 1925. 75 Vgl. Warum Arbeiterdelegationen nach Rußland?, Berlin 1925. 76 Hans Siemsen, GPU, in: Die Weltbühne 27 (1931), S. 797. Diese Passage über die „Freunde der Sowjetunion“ fehlt in der Buchausgabe: Russland. Ja und Nein, Berlin 1931. 205 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung gründet, das ausgewählte kommunistische Autoren wie Johannes R. Becher, Berta Lask, Andor Gábor, Frida Rubiner, F.C. Weiskopf, aber auch sympathisierende Reiseschriftsteller wie Arthur Holitscher, Alfons Goldschmidt und u.a., die Frauenrechtlerin Helene Stöcker und Käthe Kollwitz zu kostenlosen und betreuten Aufenthalten einlud. Auch der Arzt und Sexualreformer Max Hodann, Mitglied im Reichsvorstand der IAH und Vorstandsmitglied im „Bund der Freunde der Sowjetunion“ gehörte zu dieser Delegation. Als unabhängiger Sozialist unternahm er mehrere Reisen durch die Sowjetunion und wertete zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und auch Reiseberichte aus.77 Sein mit 70 Fotografien ausgestattetes Buch Sowjetunion. Gestern, heute, morgen erschien 1930 und 1931 in zwei Auflagen und wurde von Erich Mühsam dafür gelobt, dass es „mit viel Liebe und ohne jede Liebedienerei“ geschrieben wurde. Mühsam hebt hervor, dass Hodanns Buch sich „eigentlich nur gegen die Tendenzverlogenheit der europäischen Russlandfahrer, besonders der Parteikommunisten“ richten würde: Wenn die bürgerlich-radikalen Intellektuellen in Deutschland, aus denen sich bei uns zumeist die Wortführerschaft der KPD rekrutiert, in ihren byzantinischen Paroxysmen zum Beispiel bestreiten, dass in Moskau lange Schlangen armer Menschen vor den Lebensmittelläden anstehen oder gar, dass die furchtbare Geisel der Massenverwahrlosung vagabundierender Kinder überhaupt vorhanden sei, so begegnet er solchen knechtischen Irreführungen mit einwandfreien Zahlen und überzeugenden Berichten, denen er durch Photographien unerschütterlichen Halt gibt. Das Hodannsche Werk kann jedem, der ein Bild vom wirklichen Geschehen in Russland gewinnen will, nur empfohlen werden, obwohl wichtige Gegenstände, wie das Gefängniswesen, übergangen sind. Da Hodann jedoch nur von Dingen schreibt, in die er selbst Einblick erhalten hat, sind diese Art Mängel Beweise seiner Ehrlichkeit, die es vorzieht zu schweigen, statt Gehörtes weiterzutragen. Leider fehlt alles Material über die Verfolgung der revolutionären Oktoberkämpfer, aber offenbar 77 Max Hodann gab ebenfalls die Zeitschrift „Der drohende Krieg. Politisch-wirtschaftliches Bulletin der Freunde der Sowjetunion“ (1928–1930) heraus. Ein politisch-literarisches Denkmal für Hodann setzte Peter Weiss in der „Ästhetik des Widerstands“. 206 Reinhard Müller ebenfalls nur, weil es dem Berichterstatter nicht zur Verfügung stand. Gegen die politische Geheimjustiz der GPU im allgemeinen und gegen die Diffamierung Trotzkis wendet er sich mit erstaunlicher Freimütigkeit. 78 Diese „Freimütigkeit“ gegenüber dem verfemten und aus der Sowjetunion ausgewiesenen Trotzki führte in der vom „Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller“ herausgegebenen Zeitschrift Die Linkskurve zu einer vernichtenden Notiz: „Vor diesem Machwerk muss man dringend warnen. Ein Renegat versteht unter der ‚Objektivität‘ und ‚Sachlichkeit‘, die Errungenschaften des Arbeiterstaates zu diskreditieren.“79 Hodann legte nach dieser parteioffiziellen Warnung seine Funktionen im „Bund der Freunde der Sowjetunion“ und in der IAH nieder. Daraufhin nahm Alfred Kurella sogar den Vorwurf des Renegaten zurück, da „der Autor tatsächlich niemals auf dem Standpunkt des revolutionären Marxismus gestanden und die russische Revolution niemals wirklich verstanden hat.“ Die „Standpunktlosigkeit“ Hodanns habe ihre Wurzeln in der „trotzkistischen Auffassung der russischen Revolution“.80 Hodann gehörte in der Weimarer Republik wie andere parteilose Intellektuelle, Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler zu den literarisch-politischen „Weggenossen“, die mit der Oktoberrevolution und der Sowjetunion sympathisierten. Als „fellow traveller“ versuchte sie Willi Münzenberg mit dem „Bund der Freunde der Sowjetunion“, durch Solidaritätsaktionen und Kampagnen der IAH81, mit Kongressen der „Liga gegen den Imperialismus“, und nicht zuletzt durch Moskaureisen in sein 78 Erich Mühsam, Das russische Rätsel, in: Das Fanal 5 (1931), 7, S. 153. 79 Die Linkskurve 3 (1931), 1, S. 28. 80 Alfred Kurella, „Renegat“ Max Hodann, in: Die Linkskurve 3 (1931), 3, S. 8–13. Kurellas Verriss wurde von der DDR-Literaturgeschichtsschreibung mit einer „objektiven“ Funktionsbestimmung übernommen. Die proletarisch-revolutionären Schriftsteller hätten nicht mehr widerspruchslos zugelassen, dass „halbe Wahrheiten über die Sowjetunion im Endeffekt zur ganzen Lüge werden und objektiv den Kräften der Reaktion nützen.“ Engelberg, Die Sowjetunion im Spiegel literarischer Berichte, S. 366. 81 Vgl. Willi Münzenberg, Solidarität. Zehn Jahre Internationale Arbeiterhilfe 1921–1931, Berlin 1931; Im Zeichen der Solidarität. Bibliographie von Veröffentlichungen der Internationalen Arbeiterhilfe in Deutschland 1921–1933, zusammengestellt u. eingeleitet von Heinz Sommer, Berlin 1986. 207 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung weitgespanntes Medienimperium mit Verlagen wie dem „Neuen Deutschen Verlag“, Zeitungen wie Die Welt am Abend und Arbeiter-Illustrierte- Zeitung, Zeitschriften wie „Der Rote Aufbau“ und in die Produktion der IAH-Filmfirma Meshrabpom 82 einzubinden. Während der „Bund der Freunde der Sowjetunion“ mit seinem bebilderten Mitteilungsblatt Freund der Sowjets auf Arbeiter als Adressaten zielte, richteten sich die Beiträge in der Zeitschrift Das Neue Rußland (1923–1932) über Kultur, Wissenschaft und Politik an das linksgestimmte Bildungsbürgertum.83 Herausgegeben wurde die opulente, mit Fotos und mit Fotomontagen Heartfields ausgestattete Zeitschrift von der 1923 gegründeten „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“.84 Mit Delegationsreisen, Vorträgen in zahlreichen deutschen Städten, mit Kunst- und Fotoausstellungen beförderte die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ nicht nur den kulturellen Austausch, sondern entwarf auch ein ästhetisch und politisch überhöhtes Bild der Sowjetunion.85 Vorträge des Volkskommissars für Volksbildung Anatoli Lunatscharski, Theatergastspiele von Wsewolod Meyerhold86, Auftritte von Wladimir Majakowski, die vielfältige Unterstützung durch die Moskauer „Gesellschaft für kulturellen Austausch mit dem Ausland“ (WOKS)87 projizierten den schönen Schein der Sowjetunion 82 Vgl. Günter Agde (Hrsg.), Die rote Traumfabrik: Meshrabpom-Film und Prometheus 1921– 1936, Berlin 2012. 83 Zur Konkurrenz der beiden Freundschaftsgesellschaften und zu den Rivalitäten zwischen Willi Münzenberg und Eduard Fuchs vgl. Ulrich Weitz, Eduard Fuchs. Der Mann im Schatten. Sitten-Fuchs, Sozialist, Konspirateur, Sammler, Mäzen, Berlin 2014, S. 304–306. 84 Die Zeitschrift „Das neue Rußland“ (1923–1932) erschien bis 1929 im „Neuen Deutschen Verlag“ der IAH, ab 1929 im Verlag Literatur und Politik, einem Komintern-Verlag. 85 Vgl. dazu Irina Antonowa/Jörn Merkert (Hrsg.) Berlin – Moskau 1900–1950, München 1995; Fritz Mierau, Russen in Berlin: Literatur, Malerei, Theater, Film 1918–1933, Leipzig 1987; Klaus Kändler/Helga Karolewski/Ilse Siebert (Hrsg.), Berliner Begegnungen. Ausländische Künstler in Berlin 1918 bis 1933, Berlin 1987. 86 Vgl. dazu Wladimir Koljazin, Meyerhold und Deutschland, Ausstellungskatalog, Moskau 2004. 87 Als Informationsbulletin von„VOKS erschien die Zeitschrift „Sowjetkultur im Aufbau“, Moskau 1931–1934. 208 Reinhard Müller als einer antipodischen, neuen Welt.88 „Russenfilme“ von Sergej Eisenstein (Panzerkreuzer Potemkin) und Wsewolod Pudowkin (Die Mutter, Sturm über Asien) lieferten für ein breites Publikum faszinierende Bilderwelten der Oktoberrevolution und des „russischen Wunders“.89 Die Fotoreportagen in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ) und die Fotomontagen in der Zeitschrift UdSSR im Bau über die „Großbauten des Kommunismus“ (Kraftwerk Dnjeprostroj, Stahlwerk Magnitogorsk) und die angeführten Erfolgsziffern des Fünfjahresplans entwarfen ein Kontrastbild zur Krise des Kapitalismus und zu der massenhaften Arbeitslosigkeit.90 Für die AIZ, für die Zeitschrift Der Arbeiterfotograf, für Ausstellungen und für aufwendige Fotobände stellte die Fotoagentur „Sojus-Foto“ mit ihrem Berliner Ableger „Union-Bild“ eine Fülle von faszinierenden Fotos über den industriellen Aufbau und den veränderten Alltag zur Verfügung. Mit ihrer bildlichen Verheißung der Authentizität sollten Fotobände wie der Der Staat ohne Arbeitslose 91 und Fünfzehn Eiserne Schritte92 die augenscheinliche Beglaubigung des „russischen Wunders“ liefern. Karl Schlögel notierte über die Attraktion dieser Bilderwelt: Gegen die Wucht dieser Bilder kommt der Betrachter auch heute noch schwer an: die Staumauer des Kraftwerkes Dnjeproges, die Hochöfen von Magnitogorsk, die Schleusenkammern des Weißmeer-Ostseekanals, benannt nach Stalin, der Rhythmus der Werkhallen des Traktorenwerks in Charkow – sie prägen bis heute das Bild vom sozialistischen Aufbau, wurden grenzüber- 88 Vgl. dazu Michael David-Fox, Showcasing the Great Experiment. Cultural Diplomacy and Western Visitors to the Soviet Union, 1921–1941, New York 2012, S. 28–40. 89 Die Erzählung vom „russischen Wunder“ verwandten in der DDR Annelie und Andrew Thorndike für einen Dokumentarfilm und ein auflagestarkes Fotobuch. 90 Nach dem Zwei-Welten-Schema wurde auch das opulent ausgestattete, 1935 in russischer Sprache erschienene Buch „Hubert im Wunderland“ von Maria Osten konzipiert. Vgl. dazu Reinhard Müller, Exil im „Wunderland“ Sowjetunion. Maria Osten (1908–1942), in: Exil. Forschungen, Erkenntnisse, Ergebnisse 27 (2007), 2, S. 73–95. 91 Ernst Glaeser / F.C. Weiskopf, Der Staat ohne Arbeitslose: drei Jahre Fünfjahresplan, Berlin 1931 (enthält 265 Abbildungen und ein Nachwort von Alfred Kurella). 92 15 eiserne Schritte: ein Buch der Tatsachen aus der Sowjetunion, Berlin (Universum-Bücherei) 1932. Zum Kollektiv von Bildredakteuren und Schriftstellern gehörte u.a. auch Otto Katz, Geschäftsführer der „Universum-Bücherei“ und einer der wichtigsten Propagandisten Münzenbergs. 209 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung schreitende Symbole der Moderne und des Sprungs eines rückständigen Agrarlandes ins 20. Jahrhundert.93 Eine großangelegte Fotoreportage über die glückliche Moskauer Familie des Metallarbeiters Filipow dienten in der AIZ (1931, Nr. 38) als propagandistisches Beispiel für die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Sowjetunion.94 Hohe russische Funktionäre kritisierten diese Reportage als allzu plumpe Propaganda, und „wie bei Filipows“ wurde zum Synonym für Potemkinsche Dörfer.95 So zumindest in der Erinnerung von Babette Gross .96 Ähnlich inszenierte und ausgesuchte Schaubilder wurden Arbeiterdelegationen und ausgesuchten Schriftstellern, Intellektuellen und Wissenschaftlern in Fabriken, in der Landwirtschaft, in Krankenhäusern, Schulen und Gefängnissen vorgeführt. In seinem Reisebericht hinterfragte Hans Siemsen den angemeldeten, offiziellen Besuch in einem Moskauer Gefängnis: „Einem Ausländer, oder gar einem ausländischen Journalisten, der ein Gefängnis sehen will, wird man nicht gerade das schlechteste Gefängnis zeigen, sondern eine Musteranstalt oder das, was man dafür hält.“97 Die naive Ausblendung der Realität und vorsätzliche Immunisierungsstrategien wurden von Trotzki 1936 beschrieben: „Die Zugehörigkeit zu Freimaurerlogen oder pazifistischen Klubs hat mit der Mitgliedschaft zur Gesellschaft der ‚Freunde der Sowjetunion‘ vieles gemein, denn sie gestattet, gleichzeitig zwei Leben zu führen: ein Werktagsleben inmitten der alltäglichen Interessen, und ein sonntägliches zur Erbauung der Seele. Von Zeit zu Zeit besuchen die ‚Freunde‘ Moskau. Ihrer Erinnerung prägen sich 93 Schlögel, Das sowjetische Jahrhundert, S.96. 94 Kontrastiert wurde dies mit einer Fotoreportage über eine Berliner Familie: „Hier in der ‚roten‘ Gasse wohnt die Arbeiterfamilie Fournes“ (AIZ, 1931, Nr. 48). 95 Vgl. dazu Michael David-Fox, The Potemkin Village Dilemma, in: Showcasing the Great Experiment, S. 98–141. 96 Babette Gross, Willi Münzenberg, S. 165. Eine abweichende Interpretation bei Katerina Clark, Moscow, the Fourth Rome: Stalinism, Cosmopolitanism, and the Evolution of Soviet Culture, 1931–1941, Cambridge 2011, S. 67–70. 97 Hans Siemsen, Russland. Ja und Nein, Berlin 1931, S. 63. In das Gefängnistagebuch hatten sich bereits Theodore Dreiser und der Autor und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore eingeschrieben. 210 Reinhard Müller Traktoren, Kinderkrippen, Pioniere, Paraden, Fallschirmspringer ein, mit einem Wort alles außer der neuen Aristokratie. Die Besten von ihnen schlie- ßen davor die Augen aus Feindschaft gegen die kapitalistische Reaktion“.98 Als „Klub der Harmlosen“ bezeichnete Münzenberg die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“. Zum repräsentierenden „Zentralkomitee“ gehörten 1923 bei der Gründung: Albert Einstein, die Verleger Samuel Fischer und Ernst Rowohlt, der Präsident des Reichstags Paul Löbe (SPD), der Historiker Carl Grünberg, der Intendant des Schauspielhauses Leopold Jessner, der Kunst- und Kulturhistoriker Eduard Fuchs u.a. In der Zeitschrift Das neue Rußland bestimmte das KPD-Mitglied Erich Baron99 als Herausgeber und verantwortlicher Redakteur die Auswahl der Themen und der Beiträger. Als erstem Vorsitzenden gelang es Eduard Fuchs100, seit 1919 KPD-Mitglied, zahlreiche Wissenschaftler wie auch links gestimmte und liberale Bildungsbürger für die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ zu gewinnen. Allein in der Berliner Ortsgruppe fanden sich 300 Mitglieder zusammen. 1927 reiste Eduard Fuchs zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution und zum Weltkongress der Freunde der Sowjetunion mit 173 Teilnehmern einer Delegation nach Moskau. Seine emphatische Begeisterung für den „Roten Oktober“101 schwand jedoch zusehends mit der Stalinisierung von Komintern und KPD.102 Zum Zerwürfnis mit der KPD trug sicherlich auch das mehrjährige Ausreiseverbot von Heinrich Brandler und August Thalheimer bei, die als rechtsoppositionelle Kritiker der Komintern- und KPD-Politik in Moskau bis 1928 „kominterniert“ waren. 98 Leo Trotzki, Verratene Revolution. Anhang II: Die „Freunde“ der UdSSR, in: ders.: Schriften 1.2, S. 1006. 99 Erich Baron, 1920 KPD-Mitglied und Redakteur im Pressebüro der KPD-Zentrale, seit 1924 Generalsekretär der „Gesellschaft der Freunde der Sowjetunion“, wurde 1933 in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet, nach schweren Foltern beging er in der Haft wahrscheinlich Selbstmord. 100 Zur Biographie vgl. Weitz, Eduard Fuchs. 101 Eduard Fuchs, Die Sonne der Menschheit ging im Osten auf, in: Das neue Rußland (1927), 9/10, S. 6–14. 102 Nach seinem Austritt wurde Eduard Fuchs 1929 Mitglied und Finanzier der antistalinistischen KPD (Opposition). 211 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung Im Sommer 1928 wurde in Moskau von dem Sonderkollegium des Obersten Gerichts ein Schauprozess gegen zahlreiche Techniker und Ingenieure inszeniert, denen Sabotage und „Schädlingsarbeit“ im Kohlebergbau des Donezbeckens und in der Industrie der Ukraine vorgeworfen wurde. Wie auch in den anderen Schauprozessen wurden den Angeklagten im „Schachty-Prozess“ Verbindungen zum ausländischen Kapital vorgeworfen. Während eines Plenums des ZK der KPdSU legte Stalin bereits im April 1928 vor Prozessbeginn das Szenario und die tödlichen Folgen fest: „Wir haben die Schachty-Affäre, die wir bereits liquidieren und die zweifellos liquidiert wird. Die Schachty-Affäre bedeutet einen neuen ernsten Vorstoß des internationalen Kapitals und seiner Agenten in unserem Lande gegen die Sowjetmacht.“103 Die Anklage des Staatsanwalts Krylenko konstruierte mit erfolterten Geständnissen und reumütigen Selbstbezichtigungen – ohne jeglichen materiellen Beweis – ein Netz von Sabotage- Zentren. Die Mehrheit der Angeklagten erhielt langjährige Haftstrafen, von 11 Todesstrafen wurden 6 vollstreckt, zwei deutsche Angeklagte freigesprochen. Die Weltbühne sah sich „verpflichtet“, die Anklageschrift Krylenkos mit der Überschrift Wir müssen erbarmungslos sein! abzudrucken.104 Im gleichen Heft meinte jedoch Richard Lewinsohn, dass man „in einem so gefestigten und ruhigen Staat wie der Sowjet-Union ein Dutzend Menschen, wenn es gnädig abgeht, ein halbes Dutzend, an die Wand stellt, ist kannibalisch.“105 In seinem Reisebuch fasste der Weltbühnen-Autor Hans Siemsen seine Eindrücke von den „sogenannten Schädling-Prozessen“ zusammen: „Diese ‚Prozesse‘ und Erschießungen sind politische ‚Maßnahmen‘, weiter nichts. Das hat mit Recht und Gerechtigkeit nichts mehr zu tun, nicht einmal mit Justiz. Das ist Kampf, legalisierter Bürgerkrieg, Terror.“106 Als einer der wenigen zeitgenössischen Beobachter registrierte Siemsen die Methoden zur Erpressung der „Geständnisse“ und den „eigentlichen Sinn dieser Erschießungen“: „Stalin wollte mit dieser Erschie- 103 J. W. Stalin, Werke, Berlin 1954, Bd. 11, S. 57. 104 Die Weltbühne 24 (1928), S.42–46. 105 Ebd., S. 40. 106 Siemsen, Russland. Ja und Nein, S. 100 212 Reinhard Müller ßung zweierlei. Er brauchte ‚Schuldige“ für das Versagen der Lebensmittelversorgung, und er wollte der Rechtsopposition, die bekanntlich Gegner des Fünfjahrplans sind oder doch seines überstürzten Tempos ist, eine böse Warnung erteilen.“107 Da der Fünfjahrplan, die Partei, die Regierung und Stalin über jeder Kritik stehen, werden Schuldige gesucht: „Und die GPU schafft sie herbei.“108 Bei Beginn des nächsten Schauprozesses gegen die sog. „Industriepartei“ (1930)109 erschienen als „proletarisches Echo“ in der Roten Fahne eine Reihe von Leserbriefen mit Forderungen: „Erschießen! Erschießen! Erschießen!“ und „Köpfe ab! Hut ab vor der GPU!“ „Hoffentlich können wir auch bald die Drahtzieher vor ein Volksgericht ziehen und dann wird russisch geredet!“110 Der führende Moskauer Jurist Jewgeni Paschukanis stimmte diesem gewaltbereiten Chor zu: Am 25. November begann vor dem Obersten Gerichtshof der Sowjetunion der Prozess gegen die konterrevolutionäre Organisation der „Industriepartei“, die mit Hilfe ausländischer Kapitalisten, insbesondere Briands und Poincarés, durch Sabotage eine Krise anzetteln und die militärische Intervention durchführen wollten. Die Millionen Werktätigen der Sowjetunion und die Arbeiterklasse der ganzen Welt erwarten vom Obersten Gerichtshof nur ein einziges Urteil: Erschießen!111 Münzenberg initiierte ein „Internationales Verteidigungskomitee für die Sowjetunion“ – gegen die imperialistischen Kriegstreiber, und die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ rief zu Kundgebungen auf.112 107 Ebd., S. 110. 108 Ebd., S.102. 109 Vgl. dazu Roy Medwedew, Das Urteil der Geschichte. Stalin und Stalinismus, Berlin 1992, S. 273f. 110 Die Rote Fahne, 25. Nov. 1930. Eine RFB-Abteilung bot sich zur Vollstreckung der Todesurteile an. 111 E. Paschukanis, Die Brandstifter haben sich verrechnet, in: Die Rote Fahne, 22. 11. 1930. Der führende Rechtstheoretiker Jewgeni Paschukanis wurde 1936 zum stellvertretenden Volkskommissar ernannt. 1937 wurde er verhaftet, als Mitglied einer „terroristischen Vereinigung“ zum Tode verurteilt und am 4. September 1937 erschossen. 112 Vgl. Justiz und Wissenschaft in der Sowjetunion (Kundgebung der Freunde des neuen Rußlands), in: Das neue Rußland, 1931, S. 37–40. 213 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung Während einer Versammlung des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller sprachen als „Augenzeugen“ u.a. Egon Erwin Kisch, F. C. Weiskopf und Anna Seghers113, die sowohl in Charkow an einer Konferenz der proletarisch-revolutionären Schriftsteller wie auch in Moskau am Schauprozess gegen die „Industriepartei“ teilgenommen hatten.114 Als Zuschauer wurde Johannes R. Becher bereits in Moskau von der Internationalen Pressekorrespondenz befragt. Becher übernahm in seine Antwort die Gewaltsprache von Maxim Gorki und des Staatsanwalts Krylenko. Als „proletarischer Dichter“ begrüßte er „den Vernichtungswillen des ersten proletarischen Staates der Welt, der Sowjetunion, gegenüber den Schädlingen und Saboteuren. Wer sich der sozialistischen Aufbauarbeit, die im Fünfjahrplan ihren großartigen Ausdruck gefunden hat, entgegenstellt, muss unschädlich gemacht werden.“115 In seinem lyrisch-pathetischen Epos Der Große Plan116 besang Becher die Auslöschung der „Schädlinge“ als Agenten des Klassenfeindes: „Ihre Reue/Ist nichts wert/Wenn man die hier/An die Wand stellt/Ist es, um/Einen Dreck abzutun/Eine schmierige Sache.“ Auch das Alter eines Angeklagten stimmt Becher nicht milde. Als „Schädling“ müsse der „alte Mann“ ausgelöscht werden: „Ein Schädling/ Ist der alte Mann/Und das hat wiederum nichts damit zu tun/Dass der Mann alt ist//Also/muss man ihn auslöschen“. 117 Zum Kehrreim wird „Erschießen“ als „Forderung der Massen“, und auch das Interieur des Moskauer Kolonnensaals stimmt diesem Becherschen Vernichtungschor zu. Angesichts der überbordenden und „schussbereiten“ Gewaltpropaganda in der KPD-Presse unterzeichneten Heinrich Mann, Albert Einstein und zahlreiche Professoren einen Protestaufruf, dem sich auch Arnold Zweig anschloss. In der Weltbühne wandte sich Zweig gegen die „Moskauer Hinrichtungen“, gegen die „widerliche Phraseologie von Kriegsbe- 113 Seghers’ Reportage aus dem Moskauer Kolonnensaal „Der Prozess“, erschien in: Die Linkskurve (1931), 1, S. 1f. 114 Die Rote Fahne, 11. Dez. 1930. 115 Johannes R. Becher, Publizistik I, 1912–1938 (Gesammelte Werke, Bd. 15), Berlin 1977, S. 231. 116 Bechers „Der große Plan: Epos des sozialistischen Aufbaus“ erschien 1931 im Berliner Agis- Verlag. Der Moskauer Staatsverlag kündigte Ausgaben in sechs Sprachen an. 117 Johannes R. Becher, Dramatische Dichtungen (Gesammelte Werke, Bd. 8), Berlin 1971, S. 368f. 214 Reinhard Müller richterstattern“ wie auch gegen die „widerlichen Märchen“, die man „über die Verfahren der GPU seit zwölf Jahren verbreitet.“118 Die internationale Verbreitung dieser „widerlichen Märchen“ wurde persönlich von Stalin angeordnet. Neben einer wochenlangen Artikelserie in der Roten Fahne ver- öffentlichte die KPD eine Massenbroschüre. Hier findet sich auch Maxim Gorkis häufig zitiertes Diktum: „Wenn der Feind sich nicht ergibt, wird er vernichtet.“119 Die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ gab ein Sonderheft der Zeitschrift Das neue Rußland mit dem Urteil und Beiträgen von Karl Radek, Jewgeni Paschukanis, Ernst Glaeser und Maxim Gorkis Aufruf zur „Vernichtung der Feinde“ heraus. Abgedruckt wurde hier auch der Artikel „Geständnisse, Geständnisse und – Poincaré“ des Moskauer Prawda-Journalisten Michael Kolzow.120 Alfred Kurella veröffentlichte im Verlag „Der drohende Krieg“ eine Agitationsbroschüre.121 Im März 1931 folgte der nächste Schauprozess gegen 14 Angeklagte, die durch das „Unionsbüro der Menschewiki“ in zahlreichen Institutionen angeblich „Schädlingsarbeit“ geleistet und die „Intervention“ durch Frankreich und England vorbereitet hätten. Ossietzky schrieb dazu in der Weltbühne: Die moskauer Götter dürsten wieder. Diesmal sind es nicht gelehrte Ingenieure und gelehrte Techniker, die Staatsanwalt Krylenko zusammengetrieben und unter Anklage gestellt hat, sondern Intellektuelle, die der alten Menschewikenpartei angehören, seit Jahren ihren Frieden mit den neuen Herren gemacht haben und bei ihnen in Lohn und Brot stehen. Das erste Opfer 118 Arnold Zweig, Moskauer Hinrichtungen, in: Die Weltbühne 26 (1930), S. 707–709. 119 Wir klagen an. Die Anklage gegen die konterrevolutionäre „Industriepartei“, Hamburg 1930. Der Herausgeber Paul Dietrich wurde 1937 als „Rechtstrotzkist“ 1937 in Leningrad verhaftet, zum Tode verurteilt und erschossen. 120 Michael Kolzow besuchte vor 1933 mehrmals Deutschland. Er wurde 1938 in Moskau verhaftet und zu erfolterten „Geständnissen“ gezwungen. Für den deutschen und französischen Nachrichtendienst sollte er „Spionage“ geleistet haben. Michael Kolzow wurde am 1. Februar 1940 erschossen. 121 Alfred Kurella (Hrsg), … das Urteil wurde vollstreckt!: die Erschießung der „48“ in Sowjetrußland und ihre Hintergründe, Berlin 1931. 215 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung des Verfahrens ist Rjasanow122 vom Marx-Engels-Institut, ein sozialistischer Forscher von internationalem Ansehen. Er ist abgesägt worden, weil unter ihm Rubin arbeitete, gleichfalls ein berühmter Theoretiker. Parteigänger und Freunde des russischen Kommunismus sind es, die über Krylenko den Kopf schütteln.123 Von der Komintern und der KPD-Führung wurde der Moskauer Schauprozess für die „Parteigänger und Freunde des russischen Kommunismus“ auf vielfältige Weise mit einer orchestrierten Medienkampagne begleitet. Stalin befahl 1930 in einem Brief124 dem OGPU-Chef Menshinski, die Angeklagten zu foltern, um dann die erhaltenen „Geständnisse“ zum „Eigentum der Sektionen der Komintern und der Arbeiter in allen Ländern zu machen“. Die kommunistischen Parteien sollten eine „aktive Kampagne gegen die Interventionisten“, d. h. gegen England und Frankreich durchführen. Entsprechende Beschlüsse der kommunistischen Parteien Hollands, Schwedens, Österreichs, Dänemarks, der Tschechoslowakei, Englands, Mexikos und der USA wurden 1930 in der Internationalen Pressekorrespondenz, dem Amtsblatt der Komintern, veröffentlicht. Wilhelm Pieck, KPD-Vertreter in Moskau, forderte: „Dieses Material muss dem gesamten internationalen Proletariat in allen Sprachen der Welt zugänglich gemacht werden. In allen Betrieben und Organisationen, vor der breitesten Öffentlichkeit der werktätigen Massen muss dieser Prozess seine Fortsetzung finden. Die Isolierung von den Massen, in die die 14 menschewistischen Verbrecher durch das proletarische Gericht in Moskau verbannt wurden, muss bis zur Isolierung der gesamten Zweiten Internationale, bis zur völligen Loslösung der proletarischen Massen von dieser Verbrecherbande gesteigert werden“.125 In einem internen Brief an den KPD-Vor- 122 Zu Rjasanows Biographie vgl. Jakov G. Rokitjanskij, Gumanist oktjabr’skoj ėpochi akademik D. B. Rjazanov – social-demokrat, pravozaščitnik, učenyj, Moskau 2009. 123 Carl von Ossietzky, Menschewiken, in: Die Weltbühne 27 (1931), 10, S. 348f. 124 Untersuchungsakten Rjasanow, Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes Rußlands, Nr. N-7824, Bd. 50, Bl. 27–28. 125 Wilhelm Pieck, Ein welthistorischer Prozeß, in: Internationale Pressekorrespondenz 11 (1931), S. 607. 216 Reinhard Müller sitzenden Thälmann hielt Pieck fest, dass die „Agitpropabteilung der KI noch entsprechende Anweisungen erteilen werde“.126 Drei Broschüren127 sollten publiziert werden, und in Deutschland sollte man die Kampagne „mindestens 3 bis 4 Monate“ in der Presse fortführen. Die ausführliche Berichterstattung der Internationalen Pressekorrespondenz wurde in die Rote Fahne, aber auch in die AIZ transportiert, um der Berichterstattung des sozialdemokratischen Vorwärts zu begegnen.128 Der Tenor der Roten Fahne richtete sich gegen die „sozialfaschistische“ SPD-Führung, die im „Bunde mit dem französischen Generalstab die menschewistischen Verbrecher“ finanziere: „Die Anklagebank, die in Moskau in diesen Tagen für die Kapitalsknechte unter Führung der II. Internationale errichtet wurde, wird dem Weltproletariat die ganze Schmach und Verkommenheit der sozialfaschistischen Führerschaft zeigen.“129 Mit Hilfe von erpressten und erfolterten „Geständnissen“ entwarf die Anklageschrift ein monströses Verschwörungskonstrukt. Der „Block“ des „Unionsbüros der Menschewiki“ wurde in der Anklageschrift „verbunden“ mit der „Industriepartei Ramsins und der Kulakenpartei Kondratjews“, mit der „Emigrantengruppe der ehemaligen Großgrundbesitzer, dem Promtorg in Paris“, mit dem „französischen Generalstab und der Regierung Poincarés“, schließlich mit den „sozialdemokratischen Drahtziehern“ und „Finanziers“ der II. Internationale. Erich Mühsam hinterfragte die Moskauer Justizfarce und die Geständnisse: „Glaubt jemand, die Leute, die jetzt das üble Theater des Menschewistenprozesses inszeniert haben, die vor einem naiven Volk mit verteilten Rollen eine Schuldkomödie aufgeführt haben, der man die wochenlangen Proben zwischen Ankläger und zerknirschtem Angeklagten von weitem anmerkte – 126 Russisches Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte, f. 495, op. 292, d. 58, Bl. 27–28. 127 Die Sozialdemokratie auf der Anklagebank. Die Interventions- und Schädlingsarbeit der Menschewiki vor dem Gericht des Proletariats. Hrsg. von Hermann Remmele, Hamburg – Berlin 1931; Du musst es wissen. Die Menschewiki auf der Anklagebank des Proletariats, Hrsg. August Creutzburg, Hamburg – Berlin 1931. Im sowjetischen Exil wurde Hermann Remmele 1939, August Creutzburg 1941 erschossen. 128 Vgl. dazu Peter Lübbe, Kommunisten und Sozialdemokraten: eine Streitschrift, Berlin 1978 (Internationale Bibliothek 113). 129 Die Rote Fahne, 1. März 1931. 217 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung diese Leute hätten auch nur einen oberflächlichen Begriff vom Sozialismus? Stümperhafte Machiavellisten, die mit dem reinen Glauben ihrer von revolutionärem Verlangen heilig bewegten Bauern und Arbeiter Schindluder treiben. Inquisition und Sozialismus sind unvereinbare Dinge.“130 130 Erich Mühsam, Das russische Rätsel, in: Das Fanal 5 (1931), 7, S. 156. 219 Autorinnen und Autoren Michael David-Fox, born in 1965, is Professor in the Edmund A. Walsh School of Foreign Service and the Department of History at Georgetown University, and Scholarly Supervisor of the Centre for the History and Sociology of World War II at the Higher School of Economics in Moscow. He is winner of the 2016 Historia Nova Prize for Best Book on Russian Intellectual and Cultural History. Editor or co-editor of nine volumes on political, cultural, and transnational history, most recently The Soviet Gulag: Evidence, Interpretation, and Comparison, Pittsburg 2016. Hermann Haarmann, Jg. 1946, Prof. Dr. phil., habil., Seniorprofessor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und zugleich Direktor des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der FU Berlin, Lehre und Forschung zum deutschen Exil 1933–1945, zur Kultur- und Medientheorie/-geschichte, Hrsg. der Schriftenreihe kommunikation & kultur und der akte exil. neue folge. Veröffentlichungen (Auswahl): Erwin Piscator am Schwarzen Meer, Berlin 2002 (akte exil, Bd. 7); George Grosz. New York 1934, Berlin 2007 (akte exil, Bd. 10); Hrsg. (mit Christoph Hesse), Briefe an Bertolt Brecht im Exil 1993–1949, 3 Bde., Berlin 2014. Anne Hartmann, Jg. 1954, Dr. phil., Studium der Germanistik und Slavistik, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Slavistik/Lotman- Institut für russische Kultur der Ruhr-Universität Bochum. Forschungsschwerpunkte: Sowjetische ,Leitkultur’ in der SBZ und frühen DDR; Gulag-Literatur und das Konzept der ,Perekovka‘; deutsche Autoren und westliche Intellektuelle im sowjetischen Exil. Zuletzt erschienen: „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation, Göttingen 2017 (akte exil. neue folge. Bd. 1); Hrsg. (mit Riccardo Nicolosi): Born to be Criminal. The Discourse on Criminality and the Practice of Punishment in Late Imperial Russia and Early Soviet Union. Interdisciplinary Approaches, Bielefeld 2017. 220 Anhang Christoph Hesse, Jg. 1972, Dr. phil., Film- und Literaturwissenschaftler, Mitarbeiter des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften wie des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin. Aktuelles Projekt: Edition des Briefwechsels zwischen Hermann Borchardt und George Grosz. Veröffentlichung (Auswahl): Hrsg. (mit Hermann Haarmann), Briefe an Bertolt Brecht im Exil 1933–1949, 3 Bde., Berlin 2014; Filmexil Sowjetunion. Deutsche Emigranten in der sowjetischen Filmproduktion der 1930er und 1940er Jahre, München 2017. Manfred Jendryschik, Jg. 1943, freier Schriftsteller, von 1990 bis 1996 Kulturdezernent der Stadt Dessau. Seit 1996 Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Seit 2010 Co-Herausgeber der Edition Cornelius des Projekte-Cornelius, Halle. Reinhard Müller, Jg. 1944, war wiss. Mitarbeiter am Hamburg Institut für Sozialforschung. Mitglied von Memorial, Publikationen u.a.: Hrsg., Die Säuberung, Hamburg 1991; Menschenfalle Moskau – Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001; Herbert Wehner. Moskau 1937, Hamburg 2004; Hrsg. (mit Bettina Nir-Vired, Irina Sherbakova, Olga Reznikova), Carola Neher. Ein Jahrhundertschicksal, Berlin 2016. Michael Rohrwasser, Jg. 1949, Prof. Dr. phil., habil., zahlreiche Gastprofessuren u.a. in Stanford, Columbus/USA, Warschau, Freiburg, Mainz und Hamburg. Seit 2005 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien. Arbeitsschwerpunkte: Spätromantik, Psychoanalyse – Literatur – Film, Weimarer Republik, Exilliteratur, Kalter Krieg, totalitäre Systeme DDR-Literatur. Publikationen (Auswahl): Die Literatur der Exkommunisten. Der Stalinismus und die Renegaten, Stuttgart 1991, Hrsg. (mit Michael Hansel), Kalter Krieg in Österreich. Literatur – Kunst – Kultur und der Kalte Krieg, Wien 2010. 221 Autorinnen und Autoren Falko Schmieder, Jg. 1970, Dr. phil, habil., Kulturwissenschaftler, Privatdozent am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt Universität zu Berlin und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Veröffentlichungen (Auswahl): Ludwig Feuerbach und der Eingang der klassischen Fotografie, Berlin u. Wien 2004; Hrsg. (mit Christiane Kirchhoff), Freud und Adorno. Zur Urgeschichte der Moderne, Berlin 2014; Überleben. Historische und aktuelle Konstellationen, München 2011; Hrsg. (mit Ernst Müller), Begriffsgeschichte und historische Semantik. Ein kritisches Kompendium, Berlin 2016. Wilfried F. Schoeller, Jg. 1941, freier Schriftsteller, Literaturkritiker sowie Honorarprofessor für die Literatur des 20. Jahrhunderts, Literaturkritik und Medien an der Universität Bremen. Studium der Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie in München, Veröffentlichungen (Auswahl): Nach Berlin! Reportagen, Frankfurt a.M. 1999; Deutschland vor Ort. Geschichte, Mythen, Erinnerungen, München 2011; Alfred Döblin: Eine Biographie, München 2011; Franz Marc. Eine Biographie, München 2016. Inka Zahn, Jg. 1977, Dr. phil., ist romanistische Kulturwissenschaftlerin. Beauftragte für Sprachkurse und stellv. Institutsleiterin am Goethe-Institut Boston und später am Goethe-Institut Brüssel, derzeit als Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache am Goethe-Institut in Rotterdam. Promovierte von 2003 bis 2006 im Rahmen des Forschungsprojekts „Die Blicke der Anderen. Reisen zwischen den europäischen Metropolen Berlin, Paris, Moskau in der Zwischenkriegszeit“ (Universität Osnabrück und Bremen) zum Thema Reise als Begegnung mit dem Anderen? Französische Reiseberichte über Moskau in der Zwischenkriegszeit, Bielefeld 2008; Hrsg. (mit Walter Fähnders, Nils Plath, Hendrik Weber), Berlin, Paris, Moskau. Reiseliteraturen und die Metropolen, Bielefeld 2005. Ian Wallace, Jg. 1942, ist Emeritus Professor of German an der Universität Bath, UK. Studium in Oxford, Tübingen und Heidelberg. Lehr- und 222 Anhang Forschungstätigkeit in den USA, Schottland und England. Schwerpunkte: DDR-Literatur und Exil. Gründer und Herausgeber der Zeitschrift GDR Monitor (1979–2008). Präsident der International Feuchtwanger Society seit 2001. 2018 erscheint sein Aufsatz über den Roman Jud Süß, in der englischen Übersetzung von Edwin und Wilma Muir. 223 Namenregister Namenregister Abramowitsch, Rafail 193 Adorno, Theodor W. 94, 95, 96, 102 Alexandrow, Grigori 68 Alkibiades 155 Allende, Salvador 107 Anders, Günther 87 Andersen Nexø, Martin 8 Aragon, Louis 26, 46 Arendt, Hannah 87, 102 Arossew, Alexander 39, 40, 54, 63 Auerbach, Erich 99 B Babel, Isaak 69, 70, 71, 72, 73, 135 Balázs, Béla 59 Barbusse, Henri 43, 46, 47, 48 Baron, Erich 210 Becher, Johannes R. 78, 111, 116, 172, 205, 213 Beethoven, Ludwig van 45 Benjamin, Walter 30, 87, 88, 144, 176, 186, 193 Béraud, Henri 17, 18 Beyer, Hermann 12 Biermann, Wolf 108, 113 Bismarck, Otto von 91 Bloch, Ernst 11, 83, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 155 Bloch, Jan Robert 95 Bloch, Jean-Richard 8, 26, 27 Bloch, Karola 96 Bolgár, Alexander 172, 199 Borchardt, Hermann 76, 77 Brandler, Heinrich 210 Brasillach, Robert 174 Braun, Volker 114, 115 Brecht, Bertolt 24, 29, 62, 76, 77, 80, 94, 171, 176, 177, 181, 182, 183, 185, 186, 193 Bredel, Willi 143, 177 Briand, Aristide 212 Broch, Hermann 87, 88, 102 Buber-Neumann, Margarete 108 Bucharin, Nikolai 75, 84, 179 Büchner, Georg 178, 179 C Caute, David 40 Céline, Louis-Ferdinand 174 Cervantes 75 Chintschuk, Lew 201 Chruschtschow, Nikita 101 Custine, Astolphe de 17, 18 D Dabit, Eugène 129, 136 Danton, Georges 178, 179 David-Fox, Michael 10, 12, 161, 173, 177 Derrida, Jacques 15 Dewey, John 180 Dimitroff, Georgi 58, 62, 105, 108, 148 Domdey, Horst 162 Dorgelès, Roland 137 Dreiser, Theodore 179, 192 Durtain, Luc 28, 30 E Einstein, Albert 210, 213 Eisenstein, Sergej 28, 72, 135, 179, 180, 208 Engels, Friedrich 89 Enzensberger, Hans Magnus 190 224 Anhang F Fedin, Konstantin 193 Feiler, Arthur 192 Feldman, Dmitri 67, 68 Feuchtwanger, Lion nicht verzeichnet, da er als Referenzautor fast auf jeder Seite erwähnt ist Fischer, Ernst 149 Fischer, Samuel 210 Fitin, Pawel 199 Franklin, Benjamin 84 Frei, Bruno 21 Fuchs, Eduard 210 Furet, François 32, 50 G Gábor, Andor 205 Gandhi, Mahadma 45 Geduld, Harry M. 42 Gerstäcker, Friedrich 95 Gide, André 9, 10, 11, 12, 21, 27, 41, 55, 71, 72, 86, 123, 127, 128, 129, 130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139, 141, 142, 144, 145, 146, 148, 149, 150, 152, 173 Glaeser, Ernst 23, 214 Goethe, Johann Wolfgang 81, 155 Gold, Géza 68 Goldman, Emma 195 Goldschmidt, Alfons 115, 191, 205 Gorki, Maxim 54, 75, 76, 86, 195, 213, 214 Gosse, Peter 117 Grabowsky, Adolph 199 Graf, Oskar Maria 21, 77, 79, 80, 82, 83, 84, 86, 171 Grey, Zane 95 Griebel, Otto 114 Gross, Babette 198, 201, 209 Grosz, George 76, 77 Grünberg, Karl 114, 116, 210 Guilloux, Louis 129, 136 Gumbel, Emil Julius 198 Günther, Hans 106, 108, 109, 171 H Haarmann, Hermann 13, 187 Habermas, Jürgen 171, 172 Hager, Kurt 11, 111, 112 Harnack, Arvid 172, 199 Hartmann, Anne 10, 12, 13, 177, 179 Harych, Theo 114 Hauser, Harald 107 Heartfield, John 207 Hegel, Georg Friedrich Wilhelm 98 Heine, Heinrich 182 Heraklit 155 Herbart, Pierre 129, 135, 136 Herzfelde, Wieland 76, 81, 84, 86, 171 Hesse, Christoph 11 Hielscher, Friedrich 199 Hiller, Kurt 197 Hitler, Adolf 25, 26, 56, 66, 105, 108, 110, 133, 143, 201 Hodann, Max 198, 205, 206 Hoelz, Max 114 Hoetzsch, Otto 172, 199 Holitscher, Arthur 8, 18, 19, 115, 191, 197, 205 Hollander, Paul 49, 147 Horkheimer, Max 94, 95 Huch, Ricarda 195 Huppert, Hugo 104, 106, 148 I Istrati, Panait 55 J Jäger, Hans 199 225 Namenregister Jarmatz, Klaus 106 Jefferson, Thomas 91 Jendryschik, Manfred 11 Jeshow, Nikolai 73, 146 Jessner, Leopold 210 Jonow, Ilja 63 Joyce, James 78, 79 Judt, Tony 49 Jünger, Ernst 175, 199, 200 Jung, Franz 18, 114, 115, 116 K Kafka, Franz 77, 104 Kaganowitsch, Lasar 201 Kamenew, Lew 63, 154 Kantorowicz, Alfred 52, 56 Karawkina, Dora 146 Károlyi, Mihály 54 Kästner, Erich 21 Kerr, Alfred 103, 115 Kersten, Kurt 195 Kirchheimer, Otto 94 Kirow, Sergej 115 Kisch, Egon Erwin 197, 213 Koestler, Arthur 29, 184, 185 Kolbe, Uwe 183, 185 Kollwitz, Käthe 195, 205 Kolumbus 97 Kolzow, Michail 125, 144, 150, 151, 214 Kondratjew, Nikolai 216 Krauss, Werner 99, 100 Krejcsi, Fritz 66 Krupskaja, Nadeshda 42 Krylenko, Nikolai 211, 213, 214, 215 Kuckhoff, Adam 199 Kun, Béla 63, 64, 67 Kupferman, Fred 136 Kurella, Alfred 62, 67, 104, 206, 214 Lacis, Asja 144 Laier, Lukas Langhoff, Wolfgang 114 Lask, Berta 205 Last, Jef 129, 131, 134, 136 Ledebour, Georg 198 Lenin, Wladimir 9, 21, 42, 48, 115, 150, 163, 176, 178 Lenz, Friedrich 199 Lessing, Gotthold Ephraim 83 Lewinsohn, Richard 211 Litwinow, Maxim 148 Löbe, Paul 210 Lorbeer, Hans 18 Losowski, Alexander 204 Löwenthal, Leo 94 Ludwig, Emil 43 Lukács, Georg 59, 65, 94, 107, 172, 178, 198, 199, 200 Lumumba, Patrice 107 Lunatscharski, Anatoli 207 M Magyar, Lajos 196 Maiski, Iwan 37, 38, 40 Majakowski, Wladimir 80, 207 Malraux, André 26, 82, 128, 165, 171 Mann, Heinrich 8, 78, 108, 171, 182, 213 Mann, Klaus 11, 27, 75, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 84, 85, 86, 90, 115 Mann, Thomas 19, 78, 95 Marcuse, Herbert 88, 99 Marcuse, Ludwig 144 Marx, Karl 42, 89, 116 Massing, Hede 199 226 Anhang Massing, Paul 199 May, Karl 95 Mayer, Hans 96, 185 Medwedjew, Roy 47 Mehnert, Klaus 199 Menshinski, Wjatscheslaw 215 Meyerhold, Wsewolod 22, 207 Miłosz, Czesław 181 Molotow, Wjatscheslaw 40 Moussinac, Léon 28 Mühsam, Erich 108, 196, 205, 216 Müller, Reinhard 12, 161, 169, 171, 175, 178 Münzenberg, Willi 168, 184, 185, 195, 197, 198, 201, 206, 210, 212 Mussolini, Benito 66 N Nagel, Otto 114 Neher, Carola 108 Neumann, Franz 94 Ney, László 54 Niekisch, Ernst 175, 199 O Orwell, George 104, 120, 184 Ossietzky, Carl von 214 Osten, Maria 108, 170, 171, 182 Ottwalt, Ernst 108 P Paquet, Alfons 115 Paschukanis, Jewgeni 212, 214 Pasternak, Boris 135, 145 Pepys, Samuel 56 Pfemfert, Franz 195, 196 Pieck, Wilhelm 105, 111, 215 Pilnjak, Boris 145 Poincaré, Raymond 212, 216 Pollock, Friedrich 200 Pritt, Denis Nowell 182 Proust, Marcel 78, 81 Pudowkin, Wsewolod 208 R Radek, Karl 38, 75, 78, 79, 85, 191, 214 Radó, Alexander 168 Ramsin, Leonid 167, 216 Regler, Gustav 21, 77, 79, 85, 86 Reissner, Larissa 114, 115 Renn, Ludwig 115 Richter, Trude 11, 103, 106, 108, 109, 111, 112, 117 Rilke, Rainer Maria 19 Rjasanow, David 194, 215 Robespierre, Maximilien de 178 Rohr, Angela 193 Rohrwasser, Michael 11, 12, 161 Roland Holst, Henriette 8 Rolland, Romain 35, 37, 39, 40, 41, 43, 44, 45, 48, 52, 53, 54, 55, 56, 130 Roosevelt, Franklin D. 91, 92 Rosenthal, Christoph 13 Roth, Joseph 20, 23, 30, 115, 192, 193 Rowohlt, Ernst 176, 210 Ruben-Wolf, Martha 202, 203 Rubiner, Frida 115 Rubin, Isaac 215 Ryklin, Michail 16 S Sacher-Masoch, Leopold von 73 Sahl, Hans 185 Said, Edward 125 Saint-Exupéry, Antoine de 25 Scharrer, Adam 114 Schiffrin, Jacques 129, 136 Schlögel, Karl 109, 137 Schmieder, Falko 11 Schmitt, Carl 199 227 Namenregister Schnyder, Peter 133 Schoeller, Wilfried 12, 162, 169 Schostakowitsch, Dmitri 64 Schröder, Ralf 111 Schumacher, Joachim 100 Seghers, Anna 80, 111, 115, 213 Semprùn, Jorge 170 Serge, Victor 86 Shakespeare, William 75, 155 Shaw, George Bernard 41, 42, 43, 47 Shdanow, Andrej 75, 84 Siemsen, Hans 204, 209, 211 Sinkó, Ervin 11, 52, 53, 54, 55, 56, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 66, 67, 68, 69, 70, 71, 72 Sinowjew, Grigori 63, 154 Slezkine, Yuri 184 Sokolowskaja, Sofia 69, 70, 71 Sokrates 155 Sorge, Richard 172 Soupault, Philip 24 Sperber, Manès 29 Spiridonowa, Maria 195 Stalin, Josef 11, 23, 26, 31, 35, 36, 40, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 54, 58, 65, 66, 80, 84, 85, 86, 101, 105, 108, 109, 110, 116, 124, 125, 126, 130, 132, 141, 148, 150, 151, 153, 154, 180, 212, 214, 215 Stanislawski, Konstantin 179 Steinberg, Isaak 168, 178, 193, 202 Steinberg, Werner 111 Stendhal 81, 110 Stern, Ludmila 124 Stezki, Alexej 48 Stöcker, Helene 205 Thalheimer, August 210 Thälmann, Ernst 215 Toller, Ernst 21, 29, 115, 198 Tolziner, Philipp 107 Tretjakow, Sergej 80, 180 Trotzki, Leo 34, 48, 57, 63, 115, 124, 125, 150, 153, 155, 157, 180, 189, 206, 209 Tschernow, Viktor 193 Tucholsky, Kurt 76, 77 Turek, Ludwig 114 V Vaillant-Couturier, Paul 24 Viollis, Andrée 22 Vogeler, Heinrich 19, 20 Vosen, Patrick 13 W Wagner, Richard 180 Walden, Herwarth 21, 108, 197 Wallace, Ian 12 Walter, Hans Albert 103, 106 Washington, Georges 91 Webb, Beatrice 35, 37, 38, 40, 41, 42, 49 Webb, Sidney 35, 37, 38, 40, 41, 42, 43, 49 Weber, Marianne 195 Wegner, Armin T. 19, 29 Wehner, Herbert 105, 112 Weiskopf, F. C. 23, 79, 205, 213 Weiss, Louise 17 Wells, H. G. 43 Willard, Marcel 182 Wittfogel, Karl August 199 Wolf, Lothar 202, 203 Wyschinski, Andrej 203 228 Anhang Zahn, Inka 10, 165 Zetkin, Clara 21, 195, 204 Zweig, Arnold 80, 213 Zweig, Stefan 7 kommunikation & kultur signalisiert schon im Titel, worum es gehen soll: Die Schriftenreihe möchte die wissenschaftstheoretischen wie -historischen Debatten zu den verschiedensten Aspekten der Verschränkung von Kommunikation und Kultur diskutieren und befördern. Sie zielt auf die Öffnung der Kommunikationswissenschaft für Fragestellungen und Methoden der Kulturwissenschaften, ihrer Wissenschafts- und Wissensgeschichte. Eine Schriftenreihe des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin, hrsg. von Hermann Haarmann und Falko Schmieder kommunikation& kultur Birte Hewera, Miriam Mettler (Hg.) An den Grenzen des Geistes Zum 100. Geburtstag von Jean Améry Band 1 • 196 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 34,95 € [D] | 36,00 € [A] ISBN 978-3-8288-3218-3 Michael Hanke, Steffi Winkler (Hg.) Vom Begriff zum Bild Medienkultur nach Vilém Flusser Band 2 • 273 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 34,95 € [D] | 36,00 € [A] ISBN 978-3-8288-3272-5 Sami R. Khatib „Teleologie ohne Endzweck“ Walter Benjamins Ent-stellung des Messianischen Band 3 • 646 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 49,95 € [D] | 51,40 € [A] ISBN 978-3-8288-3290-9 Eine Schriftenreihe des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin, hrsg. von Hermann Haarmann und Falko Schmieder kommunikation& kultur Birte Hewera „… daß das Wort nicht verstumme.“ Jean Amérys kategorischer Imperativ nach Auschwitz Band 5 • 330 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 39,95 € [D] | 41,10 € [A] ISBN 978-3-8288-3574-0 Hermann Haarmann, Michael Hanke, Steffi Winkler (Hg.) Play it again, Vilém! Medien und Spiel im Anschluß an Vilém Flusser Band 6 • 320 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 39,95 € [D] | 41,10 € [A] ISBN 978-3-8288-3505-4 Christoph Rosenthal „Die Wirklichkeit des Filmes ist fiktiv“ Der Berliner Filmessayist Jan Franksen Band 4 • 394 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 58,– € [D] | 59,60 € [A] ISBN 978-3-8288-4213-7 kommunikation& kulturEine Schriftenreihe des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin, hrsg. von Hermann Haarmann und Falko Schmieder Hermann Haarmann, Matthias Bormuth (Hg.) „Um Abschied geht es ja nun.“ Exil und kein Ende Band 7 • 226 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 34,95 € [D] | 36,00 € [A] ISBN 978-3-8288-3527-6 Kristine Haarmann „Wie man träumt, so soll man malen.“ Der Berliner Malerpoet Werner Heldt Band 9 • 164 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 29,95 € [D/A] ISBN 978-3-8288-3713-3 Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Hg.) „Auf nach Moskau!“ Reiseberichte aus dem Exil. Ein internationales Symposion Band 8 • 232 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 38,– € [D] | 39,–€ [A] ISBN 978-3-8288-4115-4 Eine Schriftenreihe des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin, hrsg. von Hermann Haarmann und Falko Schmieder kommunikation& kultur Weitere Informationen sowie Bestellmöglichkeiten zu allen Bänden der Reihe tagesaktuell unter www.tectum-verlag.de/reihen/kommunikation-kultur.html. Christoph Schulze Etikettenschwindel Die Autonomen Nationalisten zwischen Pop und Antimoderne Band 11 • 566 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 44,95 € [D/A] ISBN 978-3-8288-3822-2 Susanna Weber Innovation Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts Band 12 • 350 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 54,– € [D] | 55,50 € [A] ISBN 978-3-8288-4227-4 Susanne Zepp (Hg.) Le Regard du Siècle Claude Lanzmann zum 90. Geburtstag Band 10 • 344 Seiten • Hardcover Format 14,8 x 21 cm 39,95 € [D/A] ISBN 978-3-8288-3714-0

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.

References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.