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Prolog: Nikolaus Kopernikus in:

Ulf Faller

Der lange Schatten des Kopernikus, page XV - XX

Wie die moderne Kosmologie den christlichen Anthropozentrismus überwindet

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4176-5, ISBN online: 978-3-8288-7054-3, https://doi.org/10.5771/9783828870543-XV

Tectum, Baden-Baden
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Prolog: Nikolaus Kopernikus „Nur eine Hypothese! Mein astronomisches Lebenswerk nichts als eine neue Rechenhilfe ohne Anspruch auf Wahrheit?‟ Nikolaus Kopernikus war nicht der Mensch, der sich zu Emotionen hinreißen ließ, schon gar nicht jetzt, im gesetzten Alter von 68 Jahren. Und doch ließen ihn die Worte Osianders nicht kalt. An diesem sonnigen Junitag Anno Domini 1542 gönnte er sich keine Ruhe und verbrachte viele Stunden über seine Aufzeichnungen gebeugt im Turm am Frauenburger Dom. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen und strahlte verlockend in die Studierstube. Kopernikus legte den Brief des Osiander auf seinen Eichentisch, ging zum Fenster und ließ seine Augen in die Ferne schweifen. Von der Anhöhe der Domburg aus, die den Backsteindom umgibt, konnte er ungehindert über das flache Ermland an das Ufer des Frischen Haffs blicken. Am Horizont ahnte er im Dunst der warmen Sommerluft die Frische Nehrung. Er ließ die Ruhe dieses Sommertages auf sich wirken, die vom langsamen, unaufhaltsamen Tagesgang der Sonne bestimmt wurde. „Ruhe!‟ Kopernikus lächelt in sich hinein. Behauptet er doch, dass diese Ruhe eine scheinbare sei. Dass wir uns täglich in unvorstellbarer Geschwindigkeit um die Erdachse drehen. Unaufhaltsam. Während die Sonne, so bewegt sie uns erscheint, die eigentlich Ruhende im Universum ist. „Nun ja, ich kann nachvollziehen, dass das einfache Volk diese Lehren nicht versteht‟, dachte er, „diese Wissenschaft ist nicht für jedermann bestimmt.‟ Er erinnerte sich, wie er wegen seiner ungewohnten Gedankengänge von einem Elbinger Schulmeister mit einem Schauspiel vor aller Öffentlichkeit lächerlich gemacht wurde. „Widerlich!‟ Dabei lag der Elbinger Unmut ihm gegenüber in seinen Bemühungen begründet, Elbing, Danzig und Thorn das Münzrecht abzusprechen, um der ständigen Geldentwertung entgegenzuwirken. Was versteht der einfache Mann von Philosophie? Kopernikus hat seine astronomischen Studien für die gebildete Welt verfasst. Doch XV auch hier sind die Verhältnisse nicht einfacher geworden, seit Luther vor 25 Jahren seine Thesen an das Portal der Wittenberger Schlosskirche heftete und die christliche Welt spaltete. Wehmütig erinnerte sich Kopernikus an seine Studienzeit, die ihn nach Norditalien geführt hatte. Wie frei und offen konnte man sich dort von den atemberaubenden Gedanken der griechischen Philosophen anregen lassen. Er erinnerte sich an Domenico Novara, bei dem er während seiner Zeit in Bologna lebte und der sicher seinen Teil geleistet hatte, um ihn für die Wissenschaft der Himmelsbewegungen zu begeistern. Ganz offen hatten sie über Zweifel nachgedacht, die Novara an der ptolemäischen Sichtweise äußerte, nach der die Erde im Mittelpunkt unbewegt ruht und die täglichen und jährlichen Bewegungen der Gestirne durch kompliziert ineinander geschachtelte Kreisbewegungen zustande kommen. „Hier sind Korrekturen nötig!‟, hatte Domenico Novara immer wieder bekräftigt. Korrekturen, denen Kopernikus seine seltenen freien Stunden widmete und die er in seinem Werk beschreibt. Doch schon jetzt war Kopernikus klar, dass sich die gebildete Welt schwertun würde mit seinen Gedankengängen. Und irgendwie beunruhigte auch Kopernikus selbst die Tragweite seiner Gedanken. Sein Blick richtete sich zur Sonne – mit ihrem Licht, so hell, dass man es dem Auge nicht zumuten kann. Und so sehr es dem Augenschein widerspricht, sie ist das Zentrum, um das sich der Kosmos dreht, nicht wir! Ein kühner Gedanke, fürwahr. Zumal wir Jahr für Jahr eine ungeheure Reise vollführen. In einem halben Jahr werden wir hinter dem Lichtgestirn sein an einem Ort, doppelt so weit von uns entfernt, wie die Sonne selbst. „Nicht die Erde, sondern die Sonne ist das Zentrum des Universums!‟ Auch Kopernikus war es nicht leichtgefallen, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Denn die Heilsgeschichte des Menschen spielt sich zweifelsohne auf der Erde ab. Von der Schöpfung über den Sündenfall, die Erlösungstat Christi bis zum Jüngsten Gericht. Die Erde ist das Zentrum der kosmischen Geschichte, deren Geschicke im Auftrag des Herrn von der heiligen katholischen Kirche gelenkt werden. Davon war Kopernikus überzeugt und als Frauenburger Domherr hat er diesen Geschicken mit aller Kraft zeit seines Lebens gedient. Doch er hatte den Lauf der Sonne, des Mondes und vor allem der Planeten beobachtet. Er hatte Mondfinsternisse gesehen, wie die in Prolog: Nikolaus Kopernikus XVI Rom am 6. November 1500, die ihn so tief beeindruckt hatte, dass er sich heute, 42 Jahre später, genau an sie erinnern konnte: „Es war in der Nacht, genau zwei Stunden nach Mitternacht.‟ Oft verfolgte er, wie Mars, Jupiter und Saturn über Monate ihre gewaltigen Planetenschleifen vor den Tierkreissternbildern vollzogen; ein Himmelsschauspiel, das man in dieser Weise bei Venus und Merkur nicht beobachten kann. Die Bewegungsbilder der Planeten hatten griechische Gelehrte mit einer komplizierten kosmischen Geometrie zu fassen versucht. Aber es lassen sich die Muster, die die Planeten in den Nachthimmel zeichnen, in großer Klarheit verstehen, wenn man – ja, wenn man die Sonne ins Zentrum der Welt stellt und nicht die Erde. In einem wurde sich Kopernikus zunehmend sicher: Seine neue Sicht ist nicht nur eine Hypothese, eine einfachere Rechenvariante für die Planetenpositionen: „Nein! Keine Hypothese, sondern sie ist kosmische Tatsache, die zwar dem unmittelbaren Augenschein widerspricht, die aber durch beharrliche Beobachtung und durch den scharfen Verstand des Menschen auffindbar ist‟, dachte Kopernikus immer wieder. Aber warum steht hiervon nichts in der Bibel, ja, bei Josua sogar das Gegenteil? So berichtete ihm Rheticus von ablehnenden Äußerungen Luthers seinen heliozentrischen Gedanken gegenüber. Luther, der die Bibel so ernst nahm wie kein zweiter Theologe. Gab es an diesem Widerspruch kein Rütteln? Kopernikus war mehr Staatsmann als Bibelgelehrter. So wurde es ihm ein Bedürfnis, vor der Veröffentlichung seines Werkes Klarheit über die Bibelverträglichkeit der neuen Astronomie zu erhalten. Deshalb schrieb er den Brief an Rheticus‛ Nürnberger Freund Osiander, einen Bibelgelehrten und Lutheraner. Und dieser riet, dem Werk eine Vorrede voranzustellen, die das Ganze als Hypothese, als reine Rechenhilfe, hinstellen sollte: „Nie!‟ Kopernikus merkte sein hohes Alter immer deutlicher und dankte dem Herrn dafür, dass er ihn mit einer kernigen Gesundheit ausgestattet hatte. Als Arzt wusste er seine Gesundheit nur zu gut zu schätzen. Erst im Frühjahr war er von Herzog Albrecht nach Königsberg gerufen worden, um dessen Freund und Ratgeber Georg von Kunheim zu kurieren. Doch statt sich im Alter mehr Ruhe zu gönnen, ließ er sich vom jugendlichen Eifer des Joachim Rheticus anstecken und vollendete nach lebenslangem Zögern die Veröffentlichung seiner astronomischen Aufzeichnungen. Kopernikus musste über sich selbst den Kopf Prolog: Nikolaus Kopernikus XVII schütteln, ging zurück an seinen Schreibtisch, setzte sich und schloss für einen Moment die Augen. Joachim Rheticus: Dieser jugendliche Komet, der seine Altersruhe aufwühlte. Er war vor über drei Jahren vor seiner Tür aufgetaucht und hatte sein Herz im Sturm erobert. Der 25-jährige war schon Professor für Mathematik und Astronomie in Wittenberg, der gleichen Universität, an der Luther und Melanchthon lehrten. Dort hatte er vom Commentariolus gehört, den Kopernikus als Gedankenskizze verfasst und einigen ausgewählten Zeitgenossen vorgelegt hatte – lang ist es her. Neugierig geworden, erbat sich Rheticus Forschungsurlaub und suchte Kopernikus in Frauenburg auf. Und blieb. Kopernikus hegte große Sympathien für den jungen Mann. Vielleicht auch deshalb, weil Joachim wie er selbst in jungen Jahren seinen Vater verloren hatte, wenn auch unter dramatischeren Umständen. Während sein eigener Vater in hohem Ansehen stand und eines natürlichen Todes starb, als er selbst gerade zehn Jahre alt war, wurde Rheticus’ Vater, ein Arzt und Alchemist, der Hexerei angeklagt und hingerichtet, als der Junge Joachim 14 Jahre zählte. Es war eine Freude zu sehen, wie Rheticus sein Manuskript studierte und die bewegte, aus dem Zentrum geratene Erde mit Feuereifer in seine Vorstellungswelt aufnahm. Doch es war schnell klar, dass Rheticus mehr sein wollte als nur sein astronomischer Schüler ‒ sein Einziger. Er brachte Geschenke des mit ihm befreundeten Nürnberger Druckers Johannes Petreius mit, die ihn günstig stimmen sollten, die Ver- öffentlichung seiner Ausführungen endlich zu beginnen. So gelang Rheticus, was anderen Freunden nicht gelungen war: Kopernikus setzte sich erneut über sein Manuskript und stimmte einer Veröffentlichung zu. Um den Erfolg seiner Bemühungen dingfest zu machen, schrieb Rheticus einen öffentlichen Brief, in dem er das Werk und die Person des Kopernikus anpries, die „Narratio prima‟, und lies diese im letzten Jahr drucken und in der gelehrten Welt vorab verbreiten. Doch nicht nur die Astronomie beschäftigte das ungleiche Paar seither. Beide nahmen die Arbeit an einem Kartenwerk Preußens wieder auf und vollendeten sie. Rheticus nutzte diese Tätigkeit, um eine Schrift über die Herstellung von Landkarten zu verfassen. Und doch verliefen die letzten Jahre nicht ungetrübt. Bischof Dantiscus sah es nicht gern, dass er, Kopernikus, als sein Domherr sich so Prolog: Nikolaus Kopernikus XVIII intensiv mit einem Reformierten abgab, was immer wieder zu Spannungen führte. Die zunehmende Polarisierung zwischen Reformierten und den Katholischen bereiteten Kopernikus Sorgen. Theologische Debatten wurden schärfer geführt als zuvor, und ideologische Linientreue bekam einen politischen Beigeschmack. Kopernikus sah das Klima für eine wohlwollende Aufnahme seiner neuen kosmischen Sichtweise schwinden: „Die Sonne als Zentrum der Welt, die dreifach bewegte Erde – und nichts davon steht in der Bibel, nichts in den Schriften der großen Philosophen und Kirchenmännern unserer Zeit.‟ So war es Rheticus’ Idee, den Brief an Alexander Osiander zu schreiben, mit dem dieser befreundet war. – Aber die neue Astronomie zum reinen Rechenmodell herabstufen lassen, das wollte auch Rheticus nicht. Kopernikus wendete sich erneut den Unterlagen auf seinem Schreibtisch zu, dem ersten Teil des Manuskriptes für den Druck in Nürnberg. Fast hundert Jahre, nachdem Gutenberg in Mainz die erste Bibel hatte drucken lassen, war es für Kopernikus ein schwindelerregender Gedanke, dass sein Werk gleich tausend Mal vervielfältigt und entsprechend von unzähligen Menschen gelesen werden sollte. „Eine gute Empfehlung braucht es da schon.‟ Einer Intuition folgend, holte Kopernikus aus der Mappe einen alten Brief. Er wurde von Nikolaus von Schönberg, Kardinal des süditalienischen Capua, am 1. November 1536 geschrieben: „Intellexeram enim te non modo veterum mathematicorum [...] Ich hatte nämlich davon Kenntnis erhalten, dass du dich nicht nur auf die Entdeckungen der alten Mathematiker [...] verstehst, sondern auch eine neue Weltberechnung aufgestellt hast, in der du lehrst, die Erde bewege sich, die Sonne nehme den untersten und somit den Mittelplatz der Welt ein [...] Aus diesem Grunde, hochgelehrter Mann, bitte ich dich inständig, dass du diesen deinen Fund den Gelehrten allgemein zugänglich machst.‟ 2 Schönberg versprach Kopernikus, dass er Gesandte schicken würde, die Abschriften anfertigen sollten. Leider verstarb der Kardinal im Spätsommer des darauffolgenden Jahres, sodass ein Druck nicht zustande kam. Kardinal Schönberg war als Gesandter des Papstes ein weit gereister Mann, der durch ganz Europa kam und dadurch einen offenen Geist entwickelte für die Vielfalt der Denkweisen über die Welt. So veranlasste Schönberg drei Jahre, bevor er den Brief an Kopernikus schrieb, seinen Sekretär und Gelehrten Johann Albert Widmanstadt in Prolog: Nikolaus Kopernikus XIX den Gärten des Vatikans Papst Clemens’ VII., die kopernikanischen Gedanken, die ihm durch den Commentariolus bekannt waren, vorzutragen. Kopernikus hatte nie davon erfahren, dass es eine Beanstandung vonseiten des Papstes gegeben habe. Clemens VII. stammte aus dem Hause Medici ‒ War dies Garant für ein offenes Ohr Neuerungen gegenüber? Leider verstarb auch er im folgenden Jahr nach zehnjährigem Pontifikat. „Und doch ... dieser Brief ist eine Wurzel, die bis in den Boden des Vatikans reicht!‟, dachte Kopernikus und entschloss sich, den Brief seinem Werk als gutes Omen voranzustellen. Ein Jahr später, am 24. Mai 1543, lag Nikolaus Kopernikus auf dem Sterbebett. Am selben Tag erreichte ihn die erste Druckausgabe seines „De revolutionibus orbium coelestium‟. Mit dem Vorwort des Osiander! Ob Kopernikus dies noch bewusst wurde, wissen wir nicht. Wenn Jahrzehnte später das heliozentrische Weltbild zum Allgemeingut wird, ist die Hauptarbeit des Domherren zu Frauenburg, das Umschmelzen der geozentrischen zur heliozentrischen Mathematik, längst eine Randnotiz der Wissenschaftsgeschichte. Der Mut aber, mit dem erkennenden Verstand die Überzeugungskraft des unmittelbaren Sinneseindrucks gegen die Denkgewohnheiten seiner Zeit infrage zu stellen, macht seinen Namen unsterblich und brennt ihn bis heute ins kollektive Gedächtnis ein. Zu Recht! Prolog: Nikolaus Kopernikus XX

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Zusammenfassung

Die Suche nach Leben im Weltall lässt nicht nur Astronomen hellhörig werden. Die Vorstellung, dass wir sehr wahrscheinlich nicht allein sind im Universum, rüttelt an unserem Selbstverständnis als Mensch. Ulf Faller behandelt die grundlegenden Phänomene des gestirnten Himmels und die Entwicklung des geozentrischen Weltbildes bis zu seiner spätmittelalterlichen Synthese mit dem christlichen Glauben. Nikolaus Kopernikus rüttelte erstmals in der abendländischen Geschichte am geozentrischen Weltbild, indem er die Erde zu einem Planeten unter ihresgleichen werden ließ. Der Autor zeigt auf, wie sich das Bild vom Universum in den letzten hundert Jahren verändert hat. Wir wissen heute, dass unser Sonnensystem keinen ausgezeichneten Ort im Kosmos einnimmt. Schon Sigmund Freud empfand die Feststellung, nur auf einem von vielen Planeten zu leben, als narzisstische Kränkung der Menschheit. Wir müssen heute erkennen, dass das Universum nicht den Eindruck erweckt, mit uns Menschen an sein Ziel gekommen zu sein. Das zu realisieren kann bescheiden machen, unseren blauen Planet für die unzähligen Generationen zu bewahren, die er noch beherbergen könnte.