Content

H Das Jubiläumskonzert 1848 in:

Eberhard Steindorf

Die Konzerttätigkeit der Königlichen muskialischen Kapelle zu Dresden (1817-1858), page 641 - 644

Institutionsgeschichtliche Studie und Dokumentation

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4155-0, ISBN online: 978-3-8288-7015-4, https://doi.org/10.5771/9783828870154-641

Series: Dresdner Schriften zur Musik, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
H Das Jubiläumskonzert 1848 Übersicht Die Königliche musikalische Kapelle geht auf eine Gründung von Kurfürst Moritz von Sachsen zurück. Am 22. September 1848 feierte sie ihr 300-jähriges Bestehen. Dem Solo flötisten Moritz Fürstenau kam das Verdienst zu, bei seinen historischen Studien die Stif tungsurkunde im Geheimen Hauptstaatsarchiv entdeckt und durch Veröffentlichung allge mein bekannt gemacht zu haben. (H 1) Man bildete einen Festausschuss, dem u.a. Carl Gottlieb Reißiger, die KM Moritz Fürste nau, Friedrich August Kummer und Friedrich Wilhelm Müller, Mitglieder des Hofthea ters und namhafte Gäste wie Wilhelmine Schröder-Devrient, Robert und Clara Schu mann, Julius Otto, Heinrich Marschner, Emst Rietschel, und Gottfried Semper angehör ten. (nach Brescius 1898, S. 38) Es ist erstaunlich, in welch kurzer Zeit - innerhalb von etwa drei Wochen - der Antrag des Generaldirektors an den König für ein Festkonzert, dessen Genehmigung, die Terminierung des Ereignisses auf den Jubiläumstag, die Pro grammgestaltung und nicht zuletzt die Bereitstellung des Aufführungsmaterials vonstat ten gingen. (H 1, H 2) Es war ganz sicher Moritz Fürstenaus Konzeption, aus diesem Anlass ein Programm zu gestalten, das die reiche musikalische Geschichte der Kapelle und ihre gegenwärtige Wirksamkeit ins rechte Licht zu setzen vermochte. Er hatte zweifellos das beste Wissen darüber und die umfassendste Kenntnis der überlieferten Notenbestände in der Königli chen Musikaliensammlung. So entstand eine Vortragsfolge, die von Johann Walter und Heinrich Schütz bis zu Carl Gottlieb Reißiger und der Uraufführung des Finales/I. Akt aus Richard Wagners Lohengrin reichte. Es war das erste Konzert der Königlichen musikali schen Kapelle, in dem so umfänglich und eindrücklich aus dem Fundus der reichen Dresdner Tradition geschöpft worden ist. Man erkannte: Es gibt 'keine deutsche Kapelle, wel che mit so vielseitigem historischem Interesse derartiges Repertoire aus den Compositionen ihrer Dirigenten aufstellen könnte wie die Dresdner. Sie verkörpere - in größerem Zusammenhang gesehen - die innere technische und geistige Entwickelung der Tondichtkunst [...] von den ersten Anfängen der sächsischen Kapellsänger bis zu dem jetzigen glänzenden Zustande des Kapellorchesters. (M 25) Die Resonanz in der Presse war überaus positiv. Das Konzert wurde als künstlerisches und emotionales Geschehen aufgenommen: Es wehte jener Hauch über die selbe [die Aufführung], welcher die wahre Kunst begleitet, zum Entzücken der Menschen ge schaffen und zur Begeisterung der Herzen. (M 24) Unsere rühmlichst bekannte Kapelle feierte sich selbst (M 11) und wurde gefeiert: Seit langem war unser Theater nicht so in allen Räumen gefüllt, als am 22. September. (S 12) -A lle (Werke) waren interessant, fast alle (wurden) beifällig aufgenommen (F 8), wenngleich ein Kritiker trotz der umfänglichen Auswahl einige wich tige Meister vermisste. (F 38) Die Interpreten erhielten höchstes Lob fü r die Ausführung (M 60), das Konzert gehörte zu den höchst bemerkenswerten Leistungen (M 61). Der Jubilarin wurde in corpere ein eigenes Hoch! vermerkt, nicht zuletzt wegen ihres künstlerischen, achtungswerthen esprit du corps. (M 125) Der Gesamteindruck ließ letztendlich die Kritik sogar ganz verstummen, um gern ein so 'harmonisch, 'rein und 'heiter gestimmtes Fest unbeirrt verklin gen zu lassen. (M 60) Der finanzielle Ertrag des Abends soll allerdings trotz gefüllten Hauses nur recht bescheiden gewesen sein: 23 Silbergroschen und 8 Pfennige, (nach Brescius 1898, S. 40) 641 Die Idee des „historischen Konzerts" mit kompositorischen Beiträgen aus der eigenen musikalischen Tradition allerdings wurde in der Folgezeit immer einmal wieder auf gegriffen. PS. Merkwürdigerweise schrieb 1833 Carl Borromäus von Miltitz in der AMZ über die Königliche musikalische Kapelle als dieses herrliche Institut, das sich eines fast hun dertjährigen Ruhmes erfreut. (G 12). Welche historischen Einsichten dieser Feststellung zu Grunde gelegen haben mochten, bleibt im Dunkel. Uber die Kontroverse um die Bühnendekoration zum Jubiläumskonzert siehe R 16. Details H l In allerunterthänigster Beziehung auf die bereits mündlich bey Ew. Königl. Majestät von mir beschehene submisseste Anzeige, daß Seiten der Mitglieder der Königl. musikalischen Kapelle gegen mich der devoteste Wunsch ausgesprochen sey, Allerhöchst Dieselben möchten aller gnädigst gestatten, daß zur festlichen Begehung der dreihundertjährigen Feyer der am 22.ten September 1548. durch Kurfürst Moritz von Sachsen begründeten Königl. Kapelle, an beweg tem Tage dieses Jahres, ein Concert von derselben veranstaltet, dabey die Aufführung von M u sikarbeiten mehrerer der älteren und neueren hiesiger Kapellmeister bewirkt, durch Aller höchste Gnade aber die Benutzung des Königlichen Schauspielhauses dazu bewilligt, und ihr die dabey zu erwartende Einnahme zu Deckung der desfallsigen Kosten überlassen werde, und die darauf vorläufig erfolgte allergnädigste Genehmigung, verfehle ich nunmehr nicht in der submissesten Beilage die darauf Bezug habende kleine Druckschrift, in welcher ein wörtlicher Abdruck jener Stiftungsurkunde enthalten, allerunterthänigst einzureichen, und nochmals au f allergnädigste Bestätigung der vorgedachten huldreichsten Bewilligung pflichtschuldigst nach zusuchen. Wolf Adolph August von Lüttichau an König Friedrich August II. am 2. September 1848 SHStA, 11125 Min. des Kultus und öff. Unterrichts, Nr. 14443, Vol. 8, fol. 150 f. Beigefügt ist als Bl. 152-160 die Broschüre: Die Stiftungsurkunde der Königlichen Sächsischen Musikalischen Kapelle. Nebst einem Verzeichniß der bei derselben angestellt gewesenen Kapellmeister, Vicekapellmeister, Musikmeister und Musikdirektoren in chronologischer Ordnung. Bei Gelegenheit der am 22sten September dieses Jahres bevorstehenden 300jährigen Jubelfeier dieses Institutes, aus dem Geheimen Hauptstaatsarchiv mitgetheilt von Moritz Fürstenau, Königl. Sächs. Kammermusikus. Preis: 2 V2 Ngr. Dresden, Druck der Königlichen Hofdruckerei von C.C. Meinhold und Söhne. 1848 642 Mit Schreiben vom 7. September 1848 genehmigte der König das Jubiläumskonzert am 22. September 1848 und ordnete an, dass der Kapelle die hierbei zu erwartende Einnahme zu Deckung der mit der festlichen Begehung des Tages verbundenen Kosten überlassen werde. SHStA, 11125 Min. des Kultus und öff. Unterrichts, Nr. 14443, Vol. 8, fol. 162 H 3 Richard Wagner Trinkspruch am Gedenktage des 300jährigen Bestehens der königlichen musikalischen Kapelle Wagner ging davon aus, dass ein Institut wie die Kapelle im Laufe ihrer Entwicklung vom Einfluß des Zeitgeistes [ . . . ] gebildet und getragen worden sei: dem vor 300 Jahren Alles ergreifenden Geiste protestantischer Frömmigkeit verdankt dieß Institut seine Entstehung; ein Fürst, der in kühnen Unternehmungen fü r protestantische Unabhängigkeit das Schwert führte, gründete zugleich an seinem Hofe das Institut, durch welches jener Geist seinen künstlerischen Ausdruck finden sollte. - Nichts konnte im Verfolg der Zeiten der reicheren Ausbildung fö r derlicher sein, als der Geist künstlerischen Behagens, der sich am Hofe zu Dresden immer mehr ausbreitete: er zog es einer weltlichen Bestimmung immer näher, stattete es zu diesem Zwecke immer mannigfaltiger aus, und wo es zu Genuß und Ergetzung diente, sammelten sich immer üppiger künstlerische Kräfte in ihm an. Ein lobenswürdiger Zug künstlerischer Genußliebe ist es, an dem Genüsse gern theilnehmen zu lassen: unser Genuß steigert sich in der Gemeinschaft desselben mit Vielen; diesem Zuge verdanken wir es, daß der immer breiteren Betheiligung der vollen Öffentlichkeit eher zuvorgekommen als nachgegeben ward. Dieß schöne Institut gehört jetzt fast ausschließlich der Öffentlichkeit an, und ein geliebter kunstsinniger Fürst stattet es mit sorgsamer Vorliebe fü r diese erweiterte 'Wirksamkeit aus. Wie nun Alles gewachsen ist, wuchsen auch die einzelnen Glieder dieses Kunstkörpers; war es im Anfänge möglich, die Instrumentalmusik nur als Anhang und Beihülfe der Vokalmusik zu beachten, so haben endlich die Meister namentlich deutscher Musik dem Instrumentalorchester eine so bedeutungsvolle 'Wichtigkeit verschafft, daß dieser Theil des gesammten Musikinstitutes als ein wesentlich selbständiger Körper gepflegt werden mußte: die 'Vokalmusik hingegen, wel che durch das Theater in so ganz neuer Mannigfaltigkeit sich zu entwickeln hatte, mußte end lich von jenem Körper fast ganz losgerissen und einer besonderen Pflege überwiesen werden. So sehen wir uns nun nach drei Jahrhunderten an einem dem Ausgangspunkte ziemlich entgegen gesetzten Endpunkte angekommen, und feiern wir heute ein Jubelfest der Kapelle, so verstehen wir jetzt unter dieser Kapelle fast einzig das Orchester derselben. Bei ihm verweilen wir daher fü r jetzt undfragen nun: I s t d a s I n s t i t u t e i n w ü r d i g e r T r ä g e r d e s z u h o h e r B l ü t h e e n t f a l t e t e n G e i s t e s d e u t s c h e r M u s i k , w i e e r i n d e r G e g e n w a r t d u r c h B e e t h o v e n ' s g e w a l t i g e n H a u c h b e w e g t w i r d ? M it vollem, freudigen Herzen rufe ich: Ja! Ja! Der ist es ! - Nun, so steht es vollkommen auf der Höhe der Zeit, es hat seine Aufgabe bis hierher erfüllt. Lob und Dank sei Denen, die dieß herrliche Institut so rüstig erhielten und pflegten, - sie haben sich um die Kunst verdient ge macht! H 2 643 Kein schöneres Zeugnis kenne ich fü r solche Erscheinung, in welcher sich uns jetzt dieß Kunstinstitut darstellt, als: es ist ein M a n n ! - Ein Mann, im vollen Sinne des Wortes, an gelangt au f der kräftigsten Stufe seiner Ausbildung, der mit Verständniß auf seine Vergangen heit, d.h. die Entwickelung seiner Fähigkeiten zurückblickt, und im Bewußtsein seiner von ihm erkannten Bestimmung in der Gegenwart thätig ist und handelt. Das Kind der Gegenwart ist nun die Zukunft, und je 'klarer und sicherer der Mann in diese blickt, desto zweckmäßiger wird er schon jetzt die Gegenwart 'verwenden. Die Aufgabe des Mannes ist: nützlich zu wirken, und die Thätigkeit des Mannes wird dann vollkommen nützlich, wenn er sie stets und unausgesetzt seiner besten und höchsten Fähigkeit gemäß walten läßt; hat er nur Steine zu hauen gelernt, so haue er Steine, - vermag er aber schöne Gebäude aufzurichten, so überlasse er das Steinhauen anderen, und zwar Jenen, die nichts anderes vermögen, und erfreue dafür durch die schönen Gebäude, die er aufrichtet: nur dadurch, daß er seiner höchgsten Fähigkeit gemäß thätig ist, wird er seiner Bestimmung gemäß auch nützlich. 'Vor allem aber nützt er auch dadurch, daß er b i l d e t , und erzieht; damit versichert er sich seine fortdauernde Wirksamkeit in die Zukunft: und hierin hat die Gegenwart den gerechten Anspruch an ihn; denn je höherer Art seiner Fä higkeiten und Kenntnisse sind, um so weniger sind sie ihm fü r ihn allein verliehen, sondern fü r Alle, denen er sie mittheilen 'kann. - Das Institut, von dem ich in diesem Gleichnisse spreche, soll, als das in seiner Art kostbarste und vollkommenste des Vaterlandes, der musikalischen Kunst im 'Vaterlande so nützlich werden, als es nur immer vermag: es erreicht dieß durch seine Feistungen, die nach Möglichkeit stets im würdigsten Einklänge zu seinen Fähigkeiten stehen sollen; sodann dadurch, daß es sich der vaterländischen Kunstproduktion immer theilnehmender und fördernder erschließt, und endlich dadurch, daß es den Ausgangspunkt höchster musi kalischer Bildung fü r das gesammte 'Vaterland werde. Sind diese schönen Bestimmungen immer vollkommener durch das Institut erfüllt, ist somit die große Nützlichkeit desselben dem ganzen Vaterlande zu immer 'klarerem Bewußtsein gelangt, so ist die Zeit und der Sturm nicht abzuse hen, die seinem Fortbestehen irgend nachtheilig werden 'könnten. Ich 'komme schließlich wieder au f meinen „Mann" zurück, und zwar, um ihm eine kräftige Ge sundheit auszubringen. Soll er tüchtig seiner ihm vorgezeichneten Bestimmung nachleben, so muß er froh und heil sein können: finden wir daher an ihm noch ein krankes Glied, vielleicht gar einen lahmen Finger, so kuriren wir so lange bis er ganz gesund ist. Soll er sich aber recht ganz und vollkommen fühlen, so gebührt dem Manne auch ein W e i b , d.h. dem Instrumen tal-Orchester gehört zum leiblichen Eigenthume ein gleich tüchtiges, ihm angetrautes 'Vokalin stitut: ich halte dies nämlich fü r eine Frau, da, wie wir ja ganz genau wissen, das gegenwärtige Orchester aus dem Schooße eines Sängerchores 'hervorgegangen ist. Also, au f ein langes, glückliches und ehrenvolles heben dieses schönen Institutes! Mögen wir, wenn wir in 300 Jahren wieder so zusammen sitzen, uns über dann verflossene neue Vergan genheit mit ebenso ehrlicher Genugthuung aussprechen können, wie wir glücklich genug sind, über diejetzt zurückgelegte es 'heute thun zu dürfen! - A uf die Zukunft der Kapelle! Wagner 1907d, S. 229-232 644

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Sächsischen Staatskapelle Dresden wird als Opern- wie als Konzertorchester hohe internationale Anerkennung gezollt. Während die 1548 gegründete kurfürstliche Hofkapelle schon seit dem 17. Jahrhundert der Bühne verpflichtet war, bildete sie als Königliche musikalische Kapelle ihre Qualitäten auf dem Konzertpodium in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich und in erstaunlichem Umfang aus – eine Entwicklung, die bisher weitgehend unerforscht geblieben ist. Die vorliegende Dokumentation gibt, vorwiegend anhand von Presse- und Archivmaterial, einen Überblick über Daten, Programme, Interpreten, Konzertformen, Säle, Veranstalter, interne und äußere Vorgänge, künstlerische Leistungen und Bedingungen, kritische Wertungen und Publikumsresonanz in den Jahren zwischen 1817 und 1858, als die Kapellmeister Morlacchi, Weber, Wagner und Reißiger an der Spitze des Orchesters standen. Eine vorangestellte Studie weist auf die Tradition der Kapelle und das institutionelle und künstlerische Gefüge hin, in dem sich ihre Konzertaktivitäten vollzogen.