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2. Historische und städtebauliche Epochen in:

Reinhold Vetter

Warschau im Sturm der Geschichte, page 5 - 146

Metamorphosen einer leidgeprüften Stadt

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4153-6, ISBN online: 978-3-8288-7013-0, https://doi.org/10.5771/9783828870130-5

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 44

Tectum, Baden-Baden
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Historische und städtebauliche Epochen Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) Als deutsche Kampfflieger in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 die polnische Stadt Wieluń bombardierten, das Kriegsschiff Schleswig Holstein das polnische Munitionsdepot auf der Danziger Halbinsel Westplatte beschoss und Einheiten der Wehrmacht in Polen einmarschierten, lag das Ende des Ersten Weltkriegs gerade mal 21 Jahre zurück. Ebenso fungierte Warschau erst seit 1918 wieder als Hauptstadt eines unabhängigen polnischen Staates. Schon im Ersten Weltkrieg waren die menschlichen und materiellen Verluste für Polen gewaltig. Gerade auch auf polnischem Boden rückten fremde Armeen vor oder zogen sich zurück, wurden erbitterte Schlachten ausgetragen. Historiker gehen davon aus, dass sich die Bevölkerung auf dem Gebiet des künftigen polnischen Staates1 von 30,3 Millionen im Jahr 1913 auf 26,3 Millionen bei Kriegsende verringerte, also um etwa 13 Prozent. So starben von den durch die Armeen Deutschlands, Russlands und Österreich-Ungarns mobilisierten Soldaten (davon zwei Millionen Polen) etwa 400 000 oder wurden seither vermisst. Die Zahl der Zivilisten, die durch direkte Kriegseinwirkung ums Leben kamen, dürfte etwas geringer gewesen sein. Hinzu kamen die Deportationen nach Deutschland und Russland. Durch die Rückwanderung vor allem aus Russland in den Jahren 1918 bis 1922 wurde der menschliche Verlust dann wieder etwas ausgeglichen. Der Erste Weltkrieg traf auch und gerade die polnische Industrie. Diese beschäftigte in den Kerngebieten Polens nur noch etwa 15 Prozent der Arbeiter von 1913. Die polnische Landwirtschaft verlor in den Kriegsjahren mindestens zwei Fünftel ihres Viehbestandes, die Getreide- und Kartoffelproduktion fiel etwa um die Hälfte. Gravierend war außerdem die Vernichtung von Verkehrswegen. Laut Schätzungen wurden zwei Drittel der Bahnhöfe und mehr als die Hälfte der Brücken zerstört. Warschau war am 5. August 1915 von deutschen Truppen eingenommen worden. Vor ihrem Abzug aus der Stadt hatte das russische Militär noch strategisch wichtige Gebäude und Brücken niedergebrannt. Während der Besatzungszeit fungierte Warschau als Hauptstadt des bis 1918 bestehenden gleichnamigen deutschen Generalgouvernements. Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit bedeuteten aber noch nicht, dass auch die bewaffneten Auseinandersetzungen aufhörten. So hat das neue Polen in den ersten Jahren seines Bestehens nicht 2. 2.1. 1 Am 11. November 1918 bestimmte der Regentschaftsrat in Warschau Józef Piłsudski als vorläufiges Staatsoberhaupt. Seit dem Systemwechsel des Jahres 1989 in Polen gilt dieser Tag erneut als Gründungsdatum des wiedererstandenen polnischen Staates und wird als Nationalfeiertag begangen. 5 weniger als sechs Grenzkriege geführt, wobei es sich mit Ausnahme des polnischsowjetischen Waffengangs eher um militärische Scharmützel oder Aufstände handelte. Das waren die Auseinandersetzungen um Lemberg/Lwiw (polnisch: Lwów) und Wilna/Vilnius (polnisch: Wilno), um Posen/Poznań, Schlesien/Śląsk und Teschen (polnisch: Cieszyn, tschechisch: Český). Erst mit dem Vertrag von Riga im März 1921 wurde Polens Ostgrenze endgültig fixiert, während die übrigen Grenzen des Landes schon mit dem Versailler Friedensvertrag vom Mai/Juni 1919 im Wesentlichen festgelegt worden waren. Es entstand ein Vielvölkerstaat, dessen Grenzen, ähnlich wie vor den Teilungen im 18. Jahrhundert, zum Teil weit im Osten lagen. 1921 lebten in der neuen Rzeczpospolita2 19 Millionen Polen, 4 Millionen Ukrainer, 2 Millionen Juden, je eine Million Weißrussen und Deutsche sowie kleinere Gruppen von Tschechen, Litauern und Russen. Mit einer Fläche von fast 390 000 Quadratkilometern und insgesamt 27 Millionen Einwohnern war das wiedergeborene Polen der bei weitem größte und bevölkerungsreichste Staat in Ostmitteleuropa. Zum Gründungsmythos der jungen Republik wurde der polnisch-sowjetische Krieg von 1920, insbesondere das „Wunder an der Weichsel“, als es den polnischen Truppen gelang, die Einheiten der Roten Armee aus ihren Stellungen vor Warschau zu vertreiben. Dieser Mythos gründete auf der festen Überzeugung vieler Menschen, dass der erst knapp zwei Jahre alte Staat im Moment seiner größten Bedrohung überlebt hatte. Fortan genossen die vielen Freiwilligen, die sich zur Teilnahme an diesem Krieg gemeldet hatten, ein großes Ansehen. Der Stolz auf die militärische Leistung korrespondierte mit dem traditionellen Bewusstsein, wonach sich Polen einmal mehr als Bollwerk gegen „den Osten“ bewährt habe, nun auch als Bollwerk gegen den Kommunismus. Demgegenüber war der Erste Weltkrieg weder zwischen 1918 und 1939 noch in den Jahren des Sozialismus und auch nach dem Systemwechsel ein wesentliches Element des nationalen Gedenkens – eben weil in diesem Krieg viele polnische Soldaten auf deutscher, österreichisch-ungarischer und russischer Seite gekämpft hatten. Es sollte bis zum Jahr 2014 dauern, bis die dramatischen Ereignisse des Ersten Weltkriegs stärker ins Bewusstsein der polnischen Öffentlichkeit gerückt wurden.3 Selbst nachdem die Grenzen 1921 erst einmal fixiert waren, lebte die polnische Staatsführung immer auch in dem Bewusstsein, sich auf weitere militärische Konflikte vorbereiten zu müssen. Daher verschlang das Militärbudget in den 1920er und 1930er Jahren gewaltige Mittel des Staatshaushalts. Der außenpolitische Hintergrund dessen bestand darin, dass die junge Republik in ihrem Umfeld so gut wie keine Verbündete oder zumindest Partner fand. Die beiden großen Nachbarn Deutschland und die Sowjetunion betrachteten den neuen Staat eher als lästiges Übel. Die Beziehungen zu Litauen und der Tschechoslowakei blieben gespannt, ähnlich wie das 2 Rzeczpospolita, deutsch: Republik, wörtlich „gemeinsame Sache“, angelehnt an den lateinischen Begriff res publica. 3 Siehe dazu Borodziej, Włodzimierz/Górny, Maciej: Nasza Wojna. Tom I, IMPERIA, 1912–1916, Warschau 2014. 2. Historische und städtebauliche Epochen 6 Verhältnis zur Freien Stadt Danzig. Lediglich Rumänien galt als Verbündeter, auch die Beziehungen zu Lettland waren nachbarschaftlich gut. Im Bewusstsein der polnischen Gesellschaft spielte die Armee eine wichtige Rolle, weil sie die lang ersehnte Unabhängigkeit verkörperte und als „Schule der Nation“ großes Vertrauen genoss. Neuer Anfang nach langer Unfreiheit Aber was für ein Gemeinwesen war dieses wiedergeborene Polen? Zu den Hinterlassenschaften der drei vormaligen Teilungsmächte Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn gehörten drei unterschiedliche Verwaltungssysteme, drei Rechtssysteme, drei Arten des Schulwesens, der Finanzwirtschaft, des Verkehrssystems und anderes mehr. Unter den Offizieren der Armee waren anfangs verschiedene militärische Fachsprachen zu hören. Die Bahngleise im Westen des Landes hatten eine andere Spurweite als die im Osten. Etwa ein Drittel der Bevölkerung im früheren Russisch-Polen bestand aus Analphabeten. Selbst erfahrene Staatsapparate wären mit diesem Durcheinander und den gewaltigen Aufgaben wohl überfordert gewesen. Die politisch Verantwortlichen mussten also im Jahr 1918 de facto bei null anfangen. Sie standen vor der gewaltigen Aufgabe, der entstehenden Republik feste Konturen zu geben und staatliche Institutionen zu schaffen. Das bedeutete Implementierung der drei Staatsgewalten, Aufbau der staatlichen Verwaltung auf allen Ebenen sowie die Aufstellung einer Armee und die Festigung der Grenzen. Vielfach musste improvisiert werden, weil es überall an Fachkräften, Erfahrung und finanziellen Mitteln fehlte. Echte Unterstützung für die neue politische Führung gab es nur durch die Bürger in Gebieten wie Großpolen, also die Region rund um Posen/Poznań, dem Teschener Schlesien/Śląsk Cieszyński und dem westlichen Galizien. Kohle- und Lebensmittelknappheit, Unterernährung und Krankheiten konnten in den Anfangsjahren nur wenig gelindert werden. Der Regierung in Warschau blieb kaum mehr übrig, als sich um die Schwächsten zu kümmern und die knappen Güter vor allem ihnen zukommen zu lassen. Der Kampf ums Überleben prägte den Alltag der Menschen, besonders in den Wintermonaten 1918/19 und 1920/21. Hinzu kamen die notwendige Reparatur bzw. der Wiederaufbau all dessen, was ihm Krieg beschädigt oder gar zerstört worden war. Konstitutionelle Grundlage des jungen Staates war die Verfassung vom 17. März 1921, die einen umfangreichen Katalog bürgerlicher Rechte und Freiheiten enthielt. Außerdem billigte sie den nationalen Minderheiten in grundsätzlichen Angelegenheiten Gleichberechtigung zu und gewährte ihnen darüber hinaus das Recht auf Gründung eigener Vereinigungen sowie die ungehinderte Pflege der eigenen Sprachen und Religionen. Das Privateigentum wurde als unantastbar deklariert, wenngleich in Fällen „höherer Nützlichkeit“ Enteignungen gegen Entschädigungen möglich sein sollten. Die Legislative bestand aus einem Zweikammerparlament, wobei die Regierung nur gegenüber dem Sejm als erster Kammer verantwortlich war, während der Senat als zweite Kammer die Gesetzgebung lediglich über ein suspendierendes Veto beeinflussen, nicht aber eigene Gesetzesentwürfe einbringen konnte. 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 7 Die gesamte Politik der Zwischenkriegszeit wurde vor allem durch den Gegensatz zwischen Endecja und Sanacja bzw. deren Repräsentanten Roman Dmowski und Józef Piłsudski geprägt. Der Begriff Endecja ging zurück auf die Anfangsbuchstaben der Narodowa Demokracja (deutsch Nationaldemokratie), die Ende des 19. Jahrhunderts auf Initiative von Dmowski entstanden war. Sanacja (lateinisch sanatio, also Heilung, Sanierung) wiederum verweist auf den Anspruch der Putschisten um Piłsudski vom Mai 1926, den ihrer Ansicht nach maroden polnischen Staat von Korruption, Vetternwirtschaft und Einzelinteressen zu befreien. Dmowskis Credo bestand in einer engen und allzeit gültigen Verbindung der katholischen, nationalen und staatlichen Identität Polens. Immer wieder brachte er seine antisemitische Haltung zum Ausdruck. Piłsudski, Kommandeur der während des Ersten Weltkriegs um Polens Eigenständigkeit kämpfenden Legionen, Held der „Grenzkriege“ nach 1918 und polnisches Staatsoberhaupt bis 1923, favorisierte Polen als Modell eines Vielvölkerstaates. Aus seiner Sicht sollte der polnische Staat die verschiedenen Nationen (Polen, Juden, Litauer, Ukrainer, Deutsche und andere) umfassen und ihnen eine gemeinsame Identität im Rahmen eines Staates anbieten, der ohne das dramatische Pathos des Polentums – im Sinne Dmowskis – auskam. Die polnische Geschichte zwischen den beiden Weltkriegen lässt sich grob in zwei Perioden einteilen: die – trotz aller Schwächen – parlamentarische Demokratie zwischen 1921 und 1926 sowie die verschiedene Metamorphosen durchlaufende Diktatur von 1926 bis 1939. Die Jahre nach der Parlamentswahl am 5. November 1922 waren eine Periode starker parlamentarischer Zersplitterung, erbitterter Grabenkämpfe, vor allem zwischen den beiden großen politischen Lagern, sowie brutaler Wahlkampagnen. Bei jeder Abstimmung zeigten sich die schwerwiegenden Folgen von Unerfahrenheit, gegenseitigem Misstrauen und politischer Radikalität der Abgeordneten. Am 12. Mai 1926 machte Piłsudski der „dreisten Parteienherrschaft über Polen“, wie er sie von seinem Landsitz nahe Warschau aus beobachtet hatte, ein Ende, indem er an der Spitze von 15 ihm ergebenen Regimentern nach Warschau marschierte und die Macht übernahm. Wenig später ließ er sich durch den eingeschüchterten Sejm zum Staatspräsidenten wählen. Piłsudskis neue Ordnung, die er als „moralische Revolution“ verstand und die der Sanierung des Staates bzw. der Gesundung der gesamten politischen Verhältnisse, eben der Sanacja, dienen sollte, kam vor allem darin zum Ausdruck, dass sich die Macht noch stärker zur Exekutive hin verlagerte und Piłsudski alle wesentlichen Entscheidungen selbst traf. Die „Märzverfassung“ blieb zwar formal in Kraft, wurde aber mehr und mehr ausgehöhlt. Parlament, Parteien und Gewerkschaften existierten zwar weiter, gerieten aber zunehmend an den Rand des Geschehens. In den wichtigsten Institutionen zogen Vertraute Piłsudskis die Fäden. Sein Machtgebaren nahm mehr und mehr diktatorische Züge an. Mit der Verabschiedung der Verfassung vom 23. April 1935, die ganz auf Piłsudski zugeschnitten war, wurde die autoritäre Herrschaftsform endgültig legalisiert. Die Diktatur agierte nun auch in dem von ihr beanspruchten rechtlichen Rahmen. Dem Tod des Diktators am 12. Mai 1935 folgten wenige Jahre, in denen vor allem das nationalistische Lager um General Edward Śmigły-Rydz das politische Geschehen bestimmte. Mit dem General, der per Erlass der Regierung zum „Ersten Verteidiger des 2. Historische und städtebauliche Epochen 8 Vaterlandes“ aufstieg, verband sich ein weiterer Rechtsruck der Diktatur, eine Militarisierung der politischen Entscheidungsprozesse sowie eine, allerdings inkonsequente Aufnahme faschistischer Ideen in die Ideologie der Herrschenden. Die ökonomische Entwicklung Polens in der Zwischenkriegszeit lässt sich im Wesentlichen in drei Phasen einteilen: die wirtschaftliche Wiederbelebung des Landes in den frühen 1920er Jahren, dann ab 1923 die von dem renommierten Ökonomen Władysław Grabski vorangetriebene Sanierung der Staatsfinanzen und schließlich der dramatische ökonomische Einbruch infolge der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erholte sich die Landwirtschaft als erster ökonomischer Sektor. Aufgrund neuer Exportchancen zog auch die Industrie bald mit. Die Zahl der Industriearbeiter verfünffachte sich (ohne Oberschlesien) zwischen 1919 und 1923, die der handwerklichen Betriebe verdoppelte sich. Als Landeswährung wurde zunächst die „polnische Mark“ eingeführt, dann ab 1924 der Złoty. Parallel zur wirtschaftlichen Gesundung gelang es, eine arbeitnehmerfreundliche Arbeits- und Sozialgesetzgebung durchzusetzen. Dazu gehörten die Einführung des achtstündigen Arbeitstages, die Schaffung einer Arbeitsinspektion, die Gründung einer Krankenversicherung, die Zulassung von Gewerkschaften, die Einführung kollektiver Tarifverträge sowie eine Urlaubsregelung. All das wurde aber von einem schnell wachsenden Staatsdefizit begleitet. Auch die Inflationsspirale drehte sich immer schneller. Grund dafür waren vor allem die Kosten des polnisch-sowjetischen Krieges. Die Mobilisierung von bis zu einer Million Soldaten und die im Westen gekaufte militärische Ausrüstung schlugen enorm zu Buche und übertrafen besonders im Jahr 1920 bei weitem all das, was der Staat für andere Bereiche ausgab. Nicht gelöst wurde außerdem das Problem der geringen Überlebensfähigkeit kleiner und kleinster bäuerlicher Landwirtschaften. Mehrfach verlief der Versuch, eine durchgreifende Bodenreform umzusetzen, im Sande, weil vor allem die politische Rechte im Sejm dagegen Widerstand leistete. Das im Dezember 1923 installierte Kabinett des parteilosen, aber der Rechten zuneigenden Ökonomen Władysław Grabski setzte sich dann vor allem den Kampf gegen die ungeheure Inflation und die Sanierung der Staatsfinanzen zum Ziel. Zu Beginn des Jahres 1924 wurde der US-Dollar für über zehn Millionen polnische Mark gehandelt. Das Kabinett erhöhte die Vermögens-, Einkommens-, Konsum- sowie Grundsteuer und führte neue Steuern ein. Auch strich es Subventionen für die Eisenbahn und reduzierte den staatlichen Beamtenapparat. Am 1. Februar 1924 wurden vorerst keine Banknoten gedruckt sowie eine staatliche Münzanstalt und die Bank Polski gegründet. Letztere wurde als eine von der Regierung unabhängige Emissionsbank in Form einer Aktiengesellschaft mit dem Monopol auf den Druck von Złoty- Scheinen ausgestattet. Durch das Gesetz vom Juli 1925 wurde die Bodenreform wieder etwas beschleunigt. Streiks, besonders in der Montanindustrie, konnten die Wiedereinführung des zehnstündigen Arbeitstages nicht verhindern. Zumindest finanzund haushaltspolitisch war das Maßnahmenpaket von Grabski ein voller Erfolg. Der Złoty entwickelte sich zu einer, wie es landläufig heißt, „harten“ Währung. 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 9 Der wirtschaftliche Einbruch im Zuge der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise war dann dramatisch. Die Industrieproduktion reduzierte sich innerhalb von drei Jahren auf die Hälfte, ähnlich erging es der Agrarwirtschaft. Sowohl der Geldumlauf als auch die staatlichen Einnahmen reduzierten sich um 20 Prozent. Die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen stieg von 90 000 auf 370 000, wobei die tatsächliche Zahl weitaus höher gewesen sein dürfte. Besonders dramatisch verschärfte sich die Situation auf dem Lande. Im Jahr 1935 bekam ein Bauer im Durchschnitt ein Drittel dessen, was er 1928 erhalten hatte. So ging auch der Kauf industrieller Produkte, die in der Landwirtschaft notwendig waren, stark zurück. Der Verfall der Preise drängte Hundertausende der bäuerlichen Wirtschaften vom Markt und verstärkte die dortige strukturelle Arbeitslosigkeit, auch weil Arbeitslose aus der Stadt in ihre heimatlichen Dörfer zurückkehrten. Das Elend wurde zu einem Massenproblem. Zunächst blieben die polnischen Regierungen bei dem Prinzip der Stabilität des Złoty und des ausgeglichenen Staatshaushalts. Aber diese Politik, deren Kern Sparmaßnahmen waren, verschärfte nur die Lage. Besonders die Budgets für Landwirtschaft und Soziales wurden drastisch reduziert. Erst Mitte der 1930er Jahre ging man zu einer großen Steigerung der staatlichen Ausgaben über, wodurch mehr Geld in staatliche Investitionsprogramme, besonders in die Rüstungsindustrie, floss. Die negativen Folgen für den Staatshaushalt waren dementsprechend. Wichtigstes Projekt war die Schaffung eines Zentralen Industriegebiets (Centralny Okręg Przemysłowy – COP), wobei innerhalb der wenigen Jahre, die noch bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs blieben, mehr als 100 000 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Die Zeit bis zum 1. September 1939 markierte zwar wieder einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung der wirtschaftlichen Entwicklung, konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man im Grunde erst wieder bei dem Stand von 1914 angelangt war. Immerhin wurden im Bereich der Infrastruktur einige Investitionen getätigt, die zur Modernisierung des Landes beitrugen, allerdings in den meistens Fällen mindestens fünf Jahre Bauzeit in Anspruch nahmen, bevor sie der Nutzung übergeben werden konnten. Das wohl wichtigste Projekt dieser Art waren der Bau eines Tiefseehafens bei dem vormaligen Fischerdorf Gdingen/Gdynia an der Danziger Bucht und der Ausbau dieser Ansiedlungen zu einer regelrechten Hafenstadt. Auch die von den russischen Besatzern zerstörte Weichselbrücke in Warschau wurde wiederaufgebaut. Auch nahm man die Vereinheitlichung und Modernisierung des polnischen Eisenbahnnetzes in Angriff. Das wichtigste Problem bei all diesen Investitionen bestand immer und überall darin, dass es an Kapital mangelte. Zur Bilanz der Zwischenkriegszeit gehört aber, dass Polen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs immer noch ein Land gravierender sozialer Unterschiede war, wie besonders die Situation der Bewohner ländlicher Regionen, aber auch bestimmter Schichten in den größeren Städten zeigte. Nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Jahr 1919 gingen mehr und mehr Kinder und Jugendliche zur Schule. Im Jahr 1929 besuchten dann schon gut 90 Prozent der Sieben- bis Vierzehnjährigen eine Grundschule. Außerdem sank bis zu diesem Zeitpunkt die Zahl der Analphabeten landesweit um etwa die Hälfte. Doch blieb das östliche Polen bei der Durchsetzung 2. Historische und städtebauliche Epochen 10 der Schulpflicht und der Bekämpfung des Analphabetentums weit hinter den anderen Landesteilen zurück. Hinzu kamen die Probleme mit den nationalen Minderheiten, die zum Teil nur schwer lösbar waren. Theoretisch wurden alle Minderheiten durch den Versailler Vertrag und die Verfassung vom 17. März 1921 geschützt. So hätte das Ziel des Staates, der mehr als das Wohlergehen der Staatsnation, also der polnischen, bzw. deren Dominanz über die Minderheiten anstrebte, perspektivisch sein müssen, einen Interessenausgleich zwischen der Staatsnation und den äußerst heterogenen Minderheiten anzustreben. Das allerdings blieb vage, ein wirklicher Durchbruch gelang nicht. Geradezu dramatisch entwickelte sich die Situation im Südosten des Landes, wo drei Fünftel der polnischen Ukrainer wohnten, die zunächst friedlich gegen die Polonisierung des dortigen Schulwesens kämpften. Im Jahr 1929 ging die Organisation Ukrainischer Nationalisten (Orhanizatsiya Ukrayins’kykh Natsionalistiv – OUN) zum bewaffneten Terror über, der Mordanschläge auf polnische Politiker, Brandschatzung und Gleisanlagen beinhaltete – alles mit dem Ziel, die polnischen Bewohner der Region in Richtung Westen zu vertreiben. Der polnische Staat schlug zurück, indem er die Armee einsetzte, die rigoros eingriff, aber den ukrainischen Widerstand nie vollständig ausschalten konnte. Diese Vorgänge sowie die Auseinandersetzungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg sollten die polnisch-ukrainischen Beziehungen für lange Zeit vergiften. Im Nordosten des Landes, wo die meisten polnischen Weißrussen lebten, sorgte der schnelle Aufstieg der belarussisch-kommunistischen Oppositionsbewegung für Aufregung, die ihre Forderung nach einer entschädigungslosen Parzellierung des Großgrundbesitzes später sogar mit dem Ziel eines vereinten Belarusslands als Arbeiter- und Bauernstaat verband. 1927 wurde die Belarussische Arbeiter- und Bauerngemeinde als wichtigste Organisation der Opposition aufgelöst. Es folgten Massenverhaftungen und Prozesse. Weitgehend gewaltfrei entwickelte sich die Konfrontation zwischen dem polnischen Staat und der deutschen Minderheit in Oberschlesien, wenngleich es nicht gelang, die Minderheit stärker an den Staat zu binden, obwohl man schrittweise gegen die deutschen Großgrundbesitzer und Großindustriellen sowie das deutsche Schulwesen vorging und die deutschen Parteien sowie die oppositionelle polnische Christdemokratie unter Wojciech Korfanty zurückdrängte. Die polnischen Juden verfügten traditionell über eine eigene Selbstverwaltung, Parteien, Schulwesen und soziale Einrichtungen. Aber auch sie waren, wie alle Minderheiten, tief gespalten. So gewannen in der Zwischenkriegszeit Zionisten unterschiedlicher Richtung und Linke, auch Kommunisten, immer mehr an Einfluss, ohne die konservative jüdische Rechte verdrängen zu können. Auch in Polen gab es die für den ganzen europäischen Osten typischen Denkrichtungen: die Anhänger eines Staates Israel, die Befürworter einer strikten Assimilation im polnischen Staat oder einer Selbstisolierung sowie diejenigen, die eine soziale Emanzipation wichtiger ansahen als eine minderheitenpolitische. Mehr als 70 Prozent der Juden wohnten in zentralund ostpolnischen Städten. Sie beherrschten dort etwa zwei Drittel des Handels, in einzelnen Regionen 80 Prozent des Kleinhandels. Der von bestimmten polnischen 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 11 Politikern mehr und mehr vorgetragene Antisemitismus brachte viele Juden in Bedrängnis, gerade auch jüdische Studenten an den Universitäten. Warschau als unbestrittenes Zentrum des jungen Staates Als Polen im Jahr 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangte, gab es keinen Zweifel daran, dass Warschau wiederum die Hauptstadt des Landes sein würde. So hatte man schon während des Ersten Weltkriegs Weichen dafür gestellt. Dazu zählten der Ausbau öffentlicher Schulen, die Wiedergründung der Universität und des Polytechnikums sowie eine große Eingemeindung, wodurch die Zahl der Einwohner der Stadt um mehr als 100 000 Menschen anstieg. Hinzu kam, dass die Wirtschaft Warschaus nicht an einer Monopolstruktur wie die der Textilstadt Lodz/Łódź litt, die noch am ehesten als mögliche andere Hauptstadt Polens in Frage gekommen wäre. Auch der Aufbau einer neuen städtischen Administration für Warschau begann schon während des Ersten Weltkriegs. Im September 1915 erlaubte die deutsche Besatzungsmacht einem polnischen Bürgerkomitee, erste Verwaltungsaufgaben zu übernehmen.4 An seiner Spitze stand Fürst Zdzisław Lubomirski, der dann auch bis Oktober 1918 das Amt des Stadtpräsidenten ausübte. Ihm folgten sechs weitere Inhaber dieses Amts, darunter der Ingenieur Piotr Drzewiecki (Oktober 1917 bis November 1921), der Architekt Władysław Jabłoński (Dezember 1922 bis Juli 1927) und der Agrarökonom Marian Zyndram-Kościałkowski (Februar 1934 bis Juni 1934). Sie alle bemühten sich um eine Modernisierung der Hauptstadt und hatten auch einen gewissen Erfolg damit. Politisch standen die meisten von ihnen einem der beiden großen Lager nahe, also der Endecja um Roman Dmowski und der Sanacja um Józef Piłsudski (bzw. deren späterer politischer Gruppierung Überparteilicher Block zur Unterstützung von Reformen/Bezpartyjny Blok Wspierania Reform – BBWR. Zyndram-Kościałkowski kam aus der Bauernpartei Polnische Volkspartei/Polskie Stronnictwo Ludowe – PSL. Auch die Linke besonders um die Polnische Sozialistische Partei/Polska Partia Socjalistyczna – PPS übte zeitweise Einfluss in der städtischen Administration Warschaus aus. Prägendste Gestalt war sicher Stefan Starzyński, der das Amt des Stadtpräsidenten von Juli 1934 bis Oktober 1939 ausübte.5 Der studierte Ökonom Starzyński hatte schon in den Legionen Piłsudskis gekämpft und war dann nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens in die Armee eingetreten. Ab 1924 arbeitete er im Schatzmi- 4 Tatsächlich räumte die deutsche Besatzungsmacht bestimmten polnischen Gruppen gewisse Handlungsspielräume ein. Dazu zählten die begrenzte Zulassung politischer Aktivitäten von Parteien und Gewerkschaften, die Liberalisierung des Bildungswesens und das Begehen nationaler polnischer Feiertage. Das kontrastierte allerdings mit der von den deutschen Besatzern betriebenen ökonomischen Ausbeutung der Stadt. Zu den Hintergründen siehe Polsakiewicz, Marta: Warschau im Ersten Weltkrieg. Deutsche Besatzungspolitik zwischen kultureller Autonomie und wirtschaftlicher Ausbeutung, Marburg 2015. 5 Zu seinem 100. Geburtstag wurde ihm zu Ehren ein Denkmal am Warschauer Bankenplatz/Plac Bankowy errichtet. 2. Historische und städtebauliche Epochen 12 nisterium. In den Jahren 1931 bis 1939 hielt er Vorlesungen an der Warschauer Wirtschaftshochschule Wyższa Szkoła Handlowa (heute Szkoła Glówna Handlowa). Als Abgesandter des Überparteilichen Blocks zur Unterstützung von Reformen (BBWR) gehörte Starzyński, der das autoritäre Vorgehen Piłsudskis durchaus befürwortete, dem Sejm an. In seine fünfjährige Amtszeit als Stadtpräsident fiel der Bau von etwa 100 000 Wohnungen, 30 neuen Schulen und eines Krankenhauses. Außerdem bemühte er sich um die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, die Renovierung öffentlicher Gebäude und die Ansiedlung weiterer Industrieunternehmen. Sein Mythos geht auch und gerade darauf zurück, dass er sich bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieg weigerte, dem Vorbild der polnischen Staatsführung zu folgen und nach Rumänien zu flüchten. Als am 1. September 1939 die ersten deutschen Bomben auf die Warschauer Stadtteile Okęcie und Koło fielen, stellte er sich an die Spitze der Verteidiger der Stadt, organisierte Bürgerwehren sowie den Bau von Barrikaden und Unterkünfte zum Schutz vor den barbarischen Bombardierungen durch die deutsche Luftwaffe. Als der Widerstand jeden Sinn verlor, unterschrieb er am 28. September 1939 die Kapitulationsurkunde. Zwei Monate später wurde Starzyński von der Gestapo verhaftet und zunächst ins Warschauer Gefängnis Pawiak und später ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Am 17. Oktober 1943, so die Vermutung des Warschauer Historikers Tomasz Szarota, wurde Starzyński in Dachau erschossen. In den ersten Jahren der wiedergewonnenen Unabhängigkeit war es den Autoritäten Warschaus wichtig, architektonische Strukturen zu entfernen und städtebauliche Strukturen zu ändern, die auf die lange Zeit der russischen Besatzung verwiesen. Das galt etwa für die nördlich des Zentrums gelegene große Zitadelle, die von der russischen Besatzungsmacht nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1831 errichtet worden war und später auch als politisches Gefängnis und sogar Hinrichtungsstätte für polnische Widerständler und Oppositionelle gedient hatte. Während der Besatzungszeit galten die Zitadelle und umliegende Gebiete als Sperrzone. Erst jetzt wurden sie dem Stadtgebiet direkt angeschlossen, was letztendlich zum Ausgangspunkt für die Gründung von Żoliborz wurde, das in Teilen bis heute ein Villenviertel ist. Ähnlich symbolisch war das Abtragen der russisch-orthodoxen Alexander-Newski-Kathedrale auf dem damaligen Sächsischen Platz6, womit im Februar 1924 begonnen wurde. Ebenso wie die Zitadelle im Norden der Stadt galt diese Kathedrale in den langen Jahren der Fremdherrschaft als Symbol kaiserlich-russischer Macht. Andere orthodoxe Kirchen in der Hauptstadt überlebten den Wandel, mehrere von ihnen wurden in katholische und protestantische Gotteshäuser umgewandelt. 6 Heute Piłsudskiplatz/Plac marsz. Józefa Piłsudski. 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 13 Die teilweise niedergelegte Alexander-Newski-Kathedrale auf dem Sächsischen Platz im Jahr 1925 (Quelle: Wikimedia commons). Vorrangig stellte sich die Frage der Neugestaltung des Sächsischen Platzes als repräsentativer Raum im Zentrum Warschaus. Damit verbunden war die Suche nach einem ausdrucksstarken Symbol für die wiedergewonnene Unabhängigkeit und die neue Republik. Dabei kamen Ereignisse oder Heroen des Ersten Weltkriegs nicht in Betracht, da die meisten polnischen Soldaten während dieses Krieges in Diensten der Teilungsmächte Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn gefallen waren. Parteiübergreifend einigte man sich schließlich darauf, ein Symbol für die Schlachten und Kämpfe in den Jahren 1918 bis 1920 auszuwählen. Mit dem schließlich errichteten Grabmal des unbekannten Soldaten unter einem Bogen des Sächsischen Palais hatte man einen allseits gewürdigten Erinnerungsort gefunden. Bestattet wurden dort die sterblichen Überreste eines einfachen polnischen Soldaten, die man aus einem Grab in Lemberg exhumiert und nach Warschau gebracht hatte. Generell ergaben sich nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit neue Chancen für Städtebau und Architektur. Dabei spielte besonders die Architekturabteilung des Warschauer Polytechnikums eine wichtige Rolle, in der vor allem Tadeusz Tołwiński, Kazimierz Tołłoczko, Romuald Gutt, Rudolf Świerczyński, Czesław Przybylski und Marian Lalewicz tätig waren. Schon 1916 hatte eine Arbeitsgruppe unter Leitung von 2. Historische und städtebauliche Epochen 14 Tadeusz Tołwiński7, der ab 1918 einen Lehrstuhl für Städtebau bekleidete, den Entwurf eines Regulierungsplans für Warschau vorgelegt, der dann nach Kriegsende präzisiert und zum Teil auch umgesetzt wurde. Elemente dieses Plans waren die Schaffung einer Verbindung der Bahnlinien im Osten und Westen der Stadt durch den Bau einer unterirdischen Strecke durch die Innenstadt und einer Brücke über die Weichsel sowie die Festlegung des Standorts für einen neuen Hauptbahnhof und der Bau zweier weiterer Brücken über die Weichsel. Außerdem waren in dem Plan der Bau einer neuen Nord-Süd-Achse als Entlastung der ul. Marszałkowska und des Königswegs, die Verlängerung der Marszałkowska nach Norden bis nach Żoliborz und auch die Verlängerung der Al. Jerozolimskie. Tołwińskis Plan enthielt auch den Vorschlag, eine U- Bahn zu bauen und die westliche Weichselböschung moderner zu gestalten. Zur Begründung einer neuen polnischen Staatlichkeit begann man in Warschau auch mit dem Neu- oder Umbau öffentlicher Gebäude für die Regierung und andere Institutionen. So wurde eine vormalige russische Mädchenschule an der ul. Wiejska nach einem Entwurf von Kazimierz Skórewicz8 in einen Sitz des Parlaments umgebaut, wobei auch ein halbrunder Sitzungssaal entstand, in dem fortan der Sejm tagte. Ein Komplex ehemaliger russischer Kasernen wiederum beherbergte fortan die Regierung und andere staatliche Institutionen. Unweit davon entstanden in der Al. Szucha das Ministerium für religiöse Konfessionen und öffentliche Bildung (Entwurf Zdzisław Mączeński9), heute Ministerium für Bildung und Erziehung, sowie das Gebäude der Obersten Kontrollkammer (Entwurf T. Leśniewski und S. Collona-Walewski) heute Außenministerium. Hohen symbolischen Wert hatte sicher auch das Aufstellen einer Statue der Seejungfrau Syrena (Sirene) im April 1939, also kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, am westlichen Ufer der Weichsel, dort, wo die ul. Tamka auf den Fluss trifft. Die Statue schuf die Bildhauerin Ludwika Nitschowa, wobei ihr die junge Warschauer Ethnografiestudentin, Dichterin und Kämpferin der Armia Krajowa, Krystyna Krahelska Modell stand. Schon lange hatte die Syrena das Warschauer Stadtwappen geschmückt. In der Zwischenkriegszeit entstand außerdem eine Reihe repräsentativer Bauten, die vor allem für die Ökonomie und die Finanzwirtschaft, das Telefon- und Fernmeldewesen, die Militärverwaltung, die Verkehrsstruktur sowie die sportliche Erziehung von Bedeutung waren. Dazu zählten insbesondere das Gebäude der Direktion der Staatsbahnen/Budynek Dyrekcji Kolej Państwowych von 1929 in der ul. Targowa, die Sporthochschule/Akademia Wychowania Fizycznego (1930) in der ul. Marymoncka, 7 Tadeusz Tołwiński (1887–1951) studierte in Karlsruhe Städtebau sowie Architektur und hielt sich zu Studienzwecken auch in Italien, Frankreich, Russland und den Vereinigten Staaten auf. Das Nationalmuseum und das Batory-Gymnasium entstanden nach seinen Entwürfen. Von 1943 bis 1945 war er Dekan der Untergrundfakultät des Polytechnikums. Nach dem Zweiten Weltkrieg betätigte er sich als Berater für den Wiederaufbau Warschaus. 8 Kazimierz Skórewicz (1866–1950) studierte Ingenieurwesen in St. Petersburg, arbeitete auch in Baku, bevor er im Warschau nach dem Ersten Weltkrieg zum Verantwortlichen für öffentliche Gebäude ernannt wurde. 9 Zdzisław Mączeński (1878–1961) studierte Ingenieurwesen in Wien und Architektur in Warschau, befasste sich in seiner beruflichen Laufbahn insbesondere mit der Projektierung und dem Bau von Kirchen. 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 15 die Bank für Binnenwirtschaft/Bank Gospodarstwa Krajowego (1931) in der Al. Jerozolimskie, das Militärgeografische Institut (1934) ebenfalls in der Al. Jerozolimskie, das Offizierswohnhaus/Dom Oficerski (1935) in der ul. Krakowskie Przedmieście, das Gebäude der Pferderennbahn/Tor wyścigów konnych Służwiec (1939) in der ul. Puławska, sowie das Gebäude des Vorstandes der Elektrizitätsgesellschaft/Zarząd Towarzystwa Elektrycznego (1939) in der ul. Wybrzeże Kościuszkowskie. Zu den vorrangigen Aufgaben in der Zwischenkriegszeit gehörte auch der Bau von Wohnsiedlungen sowie einzelnen Wohnhäusern und sogar Villen. Immerhin wuchs die Einwohnerzahl Warschaus von 758 000 im Jahr 1918 auf 1,29 Millionen im Jahr 1939. Mitte der 1920er Jahre bestanden etwa 40 Prozent der existierenden Wohnungen aus nur einem Raum. In mindestens 3000 Wohnungen war die Anzahl der Fenster kleiner als die der Wohnräume. Die Überbelegung der Wohnungen gehörte zu den höchsten in ganz Europa. Schon 1920 entstanden die ersten Wohnungsbaugenossenschaften. Städtebauer, Architekten und Aktivisten gesellschaftlicher Vereinigungen wie Stanisław Tołwiński und Teodor Toeplitz bemühten sich um Bankkredite sowie die Bereitstellung von Grundstücken seitens der Stadtverwaltung für den Bau von Genossenschaftssiedlungen. Die größte der Genossenschaften, die Warschauer Wohnungsbaugenossenschaft/ Warszawska Spółdzielnia Mieszkaniowa ließ in den Jahren 1929 bis 1939 mehr als 1600 Wohnungen für über 5000 Personen vor allem im Stadtteil Żoliborz in den Stra- ßen ul. Słowackiego, ul. Krasińskiego und ul. Stołeczna (heute ul. Popiełuszki) bauen. Die Siedlungen in Żoliborz, die nach den Plänen von Barbara Brukalska und Stanis- ław Brukalski, Bruno Zborowski, Jan Chmielewski und Juliusz Żakowski errichtet wurden, zählen zu den eindrucksvollsten Leistungen der polnischen Avantgarde der der 1920er und 1930er Jahre. Die wichtigsten Ein- und Mehrfamilienhäuser bzw. Villen, die in der Zwischenkriegszeit vor allem im Stadtteil Saska Kępa errichtet wurden,10 sind die Willa Łepkowskich in der ul. Francuska 2 aus dem Jahr 1934, die Willa Brzezińskich (1935), ul. Obrońców 10, das Haus Avenarius/Dom Avenariusa (1938), ul. Katowicka 7a und das Haus Ambroziewicz/Dom Ambroziewicza (1938), ul. Obrońców 26. Mit Blok (Blok Kubistów, Suprematystów i Konstruktywistów) entstand 1924 erstmals eine Gruppierung der modernistischen Avantgarde in Polen, die sich sowohl von den Konstruktivisten in der revolutionären Sowjetunion als auch von den Modernisten im Westen beeinflussen ließ. Allerdingst löste sich die Gruppe schon zwei Jahre später wieder auf. Beständiger und einflussreicher war die Gruppe Praesens, die 1926 entstand und neben Malern, Bildhauern, Bühnenbildnern und Grafikern eben auch Architekten umfasste, darunter Szymon Syrkus und seine Frau Helena Syrkusowa, Bohdan Lachert, Stanisław Brukalski und seine Frau Barbara Brukalska und Roman Piotrowski. Die Mitglieder der Gruppe einte das Bekenntnis zum Konstruktivismus als Element der europäischen Avantgarde. Ihr Glaube an den Fortschritt, an Funktionalismus und Disziplin führte zu einem Bruch mit dem traditionellen Verständnis von Architektur und Kunst. Moderne Produktionsformen im Bauwesen und 10 Siehe auch Abschnitt über diesen Stadtteil ab S. 232 in dieser Publikation. 2. Historische und städtebauliche Epochen 16 eine dadurch mögliche Standardisierung und Verbilligung sollten die Grundlage für die Bereitstellung von preisgünstigem Wohnraum für mittlere und untere Schichten der Gesellschaft sein. Viele Ideen der Vordenker von Praesens flossen etwa in die Realisierung von Wohnbauprojekten wie die der Warszawska Spółdzielnia Mieszkaniowa ein. Zur Wirklichkeit der 1920er und 1930er Jahre gehörte allerdings auch, dass die Nachfrage nach einigermaßen vernünftigem Wohnraum in der ganzen Zwischenkriegszeit nicht annähernd gedeckt werden konnte. Der soziale Wohnungsbau war mehr als ungenügend. Vielmehr verschlechterten sich die Wohnverhältnisse der ärmsten Schichten der Gesellschaft sogar noch. In den Klein- und Kleinstwohnungen nahm die Belegungsdichte zu, in den großen und größeren dagegen nahm sie ab. Im Bereich des Bildungswesens spielte die Warschauer Universität in der Zwischenkriegszeit eine zentrale Rolle. Schon in den Jahren 1915 bis 1918 war die Zahl der dort immatrikulierten Studenten von 1000 auf 4500 angestiegen. Zu Beginn der 1930er Jahre stand die Hochschule dann mit etwa 10 000 Studenten an der Spitze aller polnischen Universitäten. Gelehrt wurden insbesondere Rechtswissenschaften, katholische, orthodoxe und protestantische Theologie, Politikwissenschaften, Medizin, Pharmazie und Veterinärwissenschaften. Die meisten Lehrveranstaltungen fanden im Pałac (Palast) Kazimierzowski und im Pałac Staszica an der ul. Krakowskie Przedmieście statt. Nach dem Tod des Staatsgründers Józef Piłsudski am 12. Mai 1935 erhielt die Universität dessen Namen. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht im September 1939 bedeutete auch für die Universität wie für andere Bildungseinrichtungen der Stadt das vorläufige Ende. Ähnliche Bedeutung wie die Universität erlangte das Warschauer Polytechnikum. In dessen Gebäuden an der ul. Nowowiejska, ul. Koszykowa und ul. Lwowska befanden sich Fakultäten insbesondere für Chemie, Elektrotechnik, Mechanik, Ingenieurwesen und Architektur. Hinzu kam ein Institut für Aerodynamik. Den Rang einer Universität nahm auch die Höhere Handelsschule/Wyższa Szkoła Handlowa an der ul. Rakowiecka ein, die später in Haupthandelsschule/Szkoła Główna Handlowa umbenannt und damit in den Rang einer wirtschaftswissenschaftlichen Hochschule erhoben wurde, die auch einen neuen Sitz an der Al. Niepodległości erhielt. Sie verfügte über die größte wirtschaftswissenschaftliche Bibliothek in ganz Polen. Weitere höhere Bildungseinrichtungen waren insbesondere die Akademie der Schönen Künste/Akademia Sztuk Pięknych, das Staatliche Konservatorium für Musik/Państwowe Konserwatorium Muzyczne, die Schule für Politikwissenschaften/ Szkoła Nauk Politycznych und die Hauptschule für Landwirtschaft/Szkoła Główna Gospodarstwa Wiejskiego. Als Polen die Unabhängigkeit wiedererlangte, war jeder vierte Einwohner Warschaus Analphabet. Zwar wurde am 9. Februar 1919 die allgemeine Schulpflicht eingeführt, doch besuchte im Schuljahr 1921/22 erst die Hälfte aller Kinder eine Schule. Die schwierigen baulichen und finanziellen Bedingungen in einzelnen Stadtteilen verhinderten eine höhere Frequenz. Im nun unabhängigen Polen sollte der Schulbesuch nicht nur ein bestimmtes Maß an Bildung, sondern auch eine gewisse staatsbürgerliche Erziehung gewährleisten. 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 17 Aber erst gegen Ende der Zwischenkriegszeit machte der Ausbau des Schulwesens größere Fortschritte. So existierten im Schuljahr 1936/37 in Warschau insgesamt 324 allgemeinbildende Schulen, von denen 135 privat betrieben wurden, mit insgesamt knapp 13 000 Schülerinnen und Schülern. Hinzu kamen 73 Berufsschulen mit insgesamt annähernd 12 000 Schülerinnen und Schülern sowie 45 Abendschulen und fünf Lehrerseminare. Schon während des Ersten Weltkriegs hatten man auch erste Vorbereitungen für die Schaffung eines Nationalmuseums/Muzeum Narodowe in Warschau getroffen. So wurden Exponate aus verschiedenen polnischen Kunstepochen gesammelt. Später wählte man ein Grundstück an der Al. Jerozolimskie aus, wo das Museum gebaut werden sollte. Das architektonische Projekt erarbeitete Tadeusz Tołwiński. Die Bauarbeiten begannen allerdings erst im Jahr 1927 und zogen sich dann noch bis zum Jahr 1938 hin, in dem dann am 18. Juni die feierliche Eröffnung im Beisein des damaligen Staatspräsidenten Tadeusz Mościcki stattfand. Bereits 1934 hatte man in einem bereits fertiggestellten Flügel des Bauwerks das Museum des Polnischen Militärs/Muzeum Wojska Polskiego eingerichtet. Zwei Jahre später übernahm Stanisław Lorentz das Amt des Direktors des Muzeum Narodowe.11 Eine wichtige Rolle in der Zwischenkriegszeit spielten insbesondere auch die Nationale Kunstgalerie/Galeria Narodowa „Zachęta“, das Ethnografische Museum/Muzeum Etnograficzne, das Staatliche Archäologische Museum/Państwowe Muzeum Archeologiczne und das Jüdische Bersohn-Museum/Muzeum Żydowskie im. Bersohna. Die Zwischenkriegszeit stand auch im Zeichen eines Wiederaufbaus des polnischen Bibliothekswesens. Das galt besonders für die Nationalbibliothek/Biblioteka Narodowa, die am 24. Februar 1928 wiedereröffnet wurde – schon damals eine der ältesten kulturellen Einrichtungen des Landes, da sie schon vor den drei Teilungen Polens in den Jahren 1747 bis 1795 bestanden hatte. Nach der Wiedereröffnung befanden sich die Bestände der Nationalbibliothek sowohl in der Wirtschaftsuniversität Wyższa Szkoła Handlowa bzw. ab 1933 Szkoła Główna Handlowa und im Pałac Potockich an der ul. Krakowskie Przedmieście. Bereits im Jahr 1939 handelte es sich dabei um etwa 770 000 Bücher, 52 000 Handschriften, 80 000 grafische Materialien und mehr als 11 000 Karten und Atlanten. Der heutige Gebäudekomplex der Nationalbibliothek an der Al. Niepodległości stammt aus den 1960er und 1970er Jahren. Hinzu kam die Schaffung eines Netzes öffentlicher Bibliotheken in den einzelnen Stadtteilen Warschaus, unter anderem in der ul. Koszykowa, ul. Wileńska, ul. Felińskiego, ul. Karolkowa, ul. Dzika und ul. Reja. Weitere wichtige eröffnete bzw. neueröffnete Bibliotheken waren die der Universität/Biblioteka Uniwersytetu Warszawskiego, die Parlamentsbibliotheken/Biblioteka Sejmu i Senatu, die Zentrale Militärbibliothek/ Centralna Biblioteka Wojskowa und die Zentrale Bibliothek für Judaistik/Centralna Biblioteka Judaistyczna. Ebenso konnten wieder zentrale Archive wie das Archiwum 11 Der Kunsthistoriker Stanisław Lorentz (1899–1991) übte dieses Amt, mit Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg, bis 1982 aus. 1947 wurde er zum Professor der Universität Warschau ernannt sowie 1952 zum korrespondierenden, 1964 zum ständigen Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften/Polska Akademia Nauk. berufen. 2. Historische und städtebauliche Epochen 18 Akt Dawnych (Bestände seit der frühen Neuzeit bis zum Ersten Weltkrieg) und das Archiwum Akt Nowych (hauptsächlich mit Beständen aus der Zeit seit dem Ersten Weltkrieg) genutzt werden. In den 1920er Jahren kam auch wieder Leben in die Warschauer Theaterszene. Bereits um 1930 existierten mehr als 30 Bühnen mit zum Teil sehr unterschiedlichen künstlerischen Konzeptionen und Programmen – vom Musiktheater bis zum Kabarett. Die wichtigsten waren das Teatr Wielki als führende Opernbühne, das Teatr Polski, das Teatr Narodowy, das Teatr Letni, das Teatr Ateneum, „Qui Pro Quo“ und „Morskie Oko“. Hinzu kamen das jüdische Theater Scala sowie „Scena i Lutnia“, dessen Betreiber sich vor allem Arbeiterinteressen verpflichtet fühlten. Ab 1930 machte sich dann auch das Kino als Konkurrenz zum Theater bemerkbar, als die ersten Tonfilme gedreht bzw. aus dem Ausland übernommen wurden. Zu diesem Zeitpunkt existierten bereits 75 Kinos mit mehr als 42 000 Sitzplätzen in Warschau. Seit 1924 gab es gesetzliche Grundlagen für die Ausstrahlung von Hörfunkprogrammen und die Produktion von Radiogeräten. Die „Polnische Radiotechnische Gesellschaft“, eine mehrheitlich britisch-französische Aktiengesellschaft, sendete ab 1. Februar 1925 ein meistens zweistündiges Programm, das die ersten Besitzer der für damalige Verhältnisse noch sehr teuren Geräte besonders in Warschau empfangen konnten. Wenig später entstand die Polskie Radio AG mit 40 Prozent Staatsbesitz, die ab Frühjahr 1926 täglich ein sechsstündiges Programm ausstrahlte. Gegen Ende der 1930er Jahre war der Hörfunk mit mehr als 1,25 Millionen Hörern dann keine Luxusware mehr. Inzwischen existierten 10 Sendeanstalten, insbesondere in Warschau, Kattowitz, Krakau, Posen und Wilna. Eine stürmische Entwicklung nahm auch das Presse- und Verlagswesen, so dass Mitte der 1930er Jahre in Warschau bereits mehr als tausend Titel auf dem Markt waren, darunter Tages-, Wochen- und Monatszeitungen bzw. Zeitschriften. Anhänger der Polnischen Sozialistischen Partei lasen Robotnik, Dziennik Ludowy und Światło, Parteigänger der Nationaldemokraten bevorzugten Gazeta Warszawaka, Warszawski Dziennik Narodowy und Kurier Warszawski, christdemokratisch denkende Wähler griffen zur Rzeczpospolita. Ebenso erschienen thematisch bestimmte Blätter wie das Literaturmagazin Wiadomości Literackie, die Frauenzeitschriften Kobieta Współczesna und Młoda Matka sowie die Soldatenzeitung Żołnierz Polski und die Sportzeitung Przegląd Sportowy. Mitte der 1930er Jahre wurden mehr als 50 Prozent aller in Polen erscheinenden Bücher in Warschau herausgegeben – wissenschaftliche, literarische, populärwissenschaftliche Sachbücher, Ratgeber und touristische Literatur. In Warschau wohnte zu dem Zeitpunkt die Mehrheit der bekanntesten Literaten: Zofia Nałkowska, Maria Dąbrowska, Leopold Staff, Bolesław Leśmian und Janusz Korczak. Bereits 1918 war in Warschau das literarische Kabarett Pod Pikadorem, um das sich Literaten wie Jan Lechoń, Jarosław Iwaszkiewicz, Antoni Słonimski und Julian Tuwim scharten. Einige von ihnen bildeten 1920 die literarische Gruppe Skamander, die dann auch eine gleichnamige Zeitschrift herausgab. In diesem Kreis wurde die Initiative für die Herausgabe der Literaturzeitung Wiadomości Literackie ergriffen. 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 19 Wirtschaftliche Metropole in einem rückständigen Land Als ökonomisches Zentrum des Landes hat Warschau die drei Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung Polens in der Zwischenkriegszeit besonders intensiv durchgemacht: die wirtschaftliche Wiederbelebung in den frühen 1920er Jahren bei galoppierender Inflation, die Währungsreform von 1924 und folgende Stabilisierung der Staatsfinanzen sowie die dramatischen Folgen der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise. Die Währungsreform und die finanzielle Sanierung haben sich positiv auf den städtischen Haushalt Warschaus ausgewirkt. Besonders in den ersten Jahren nach Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit entstanden Betriebe des Maschinenbaus, der Elektroindustrie sowie des Fahrzeug- und Eisenbahnbaus, auch der Chemieindustrie und der Lebensmittelproduktion, ebenso wie Kleider- und Schuhproduzenten, Parfüm- und Seifenhersteller sowie Rüstungsbetriebe. Die meisten dieser Betriebe befanden sich in westlichen Stadtteilen wie Wola, aber auch im Stadtzentrum wie etwa in Powiśle sowie im südöstlichen Okęcie. Nach einer Volkszählung von 1931 arbeiteten 42,6 Prozent der erwachsenen Einwohner Warschaus in der Industrie, davon 15 Prozent in den großen Betrieben und 27,6 Prozent in kleineren Betrieben und handwerklichen Werkstätten. Im Bauwesen waren es 10 200 Personen, in der Lebensmittelindustrie 8 300, in den Chemiebetrieben 6 100, in der Bekleidungsindustrie 6000 sowie in elektrotechnischen Betrieben 5 600. Einen wirklich freien Handel gab es in Warschau erst ab 1924. Vorher existierte ein ziemlich rigides System der Zuteilung von Kontingenten, war die Nutzung von Lebensmittelkarten verpflichtend und absolut notwendig. Eine bestimmte Rolle spielten die Läden von Genossenschaften, allerdings dominierten schon bald private Großund Einzelhändler. Beliebt bei den Kunden waren die großen Markthallen an den Plätzen pl. Kazimierza Wielkiego und pl. Mirowski sowie in der ul. Koszykowa und der ul. Świętojerska. Hinzu kamen Freiluftmärkte wie in der ul. Krochmalna, der ul. Targowa, der ul. Bagno und der ul. Senatorska. Die Zahl der im Handel Tätigen lag im Jahr 1921 bei knapp 54 000 und betrug zehn Jahre später sogar fast 150 000. Trotz aller Wichtigkeit der industriellen Betriebe hatte für die Warschauer Kunden, vor allem die zahlungskräftigeren, das Handwerk zentrale Bedeutung. Das galt für persönliche Gegenstände wie Kleidung, Schuhe, Juwelen, Uhren und kosmetische Artikel ebenso wie für hölzerne und metallische Gegenstände der Wohnungseinrichtung und des täglichen Gebrauchs. Handwerkliche Erzeugnisse genossen den Ruf, aus besserem Material zu bestehen und sorgfältiger verarbeitet zu sein. In nahezu allen Stadtteilen gab es Schneider, Schuster, Tischler, Zimmerleute und Schlosser. Die bekanntesten waren der Schuster Stanisław Hiszpański, der Kürschner Arpad Chowańczak und der Herrenschneider Edward Zaremba. Nach einer Statistik von 1929 gab es zu dem Zeitpunkt in Warschau 1585 Tischler und Zimmerleute, 1842 Schlosser, Schmiede und Installateure, 2030 Schuster, 5700 Scheider und 460 Werkstätten für Lederbekleidung. 2. Historische und städtebauliche Epochen 20 Ging es um Finanzdienstleistungen, dann wurden diese sowohl von staatlichen als auch von privaten Banken angeboten. Zu den staatlichen Instituten gehörten insbesondere die Postsparkasse/Pocztowa Kasa Oszczędnościowa und die Staatliche Landwirtschaftsbank/Państwowy Bank Rolny. Private Banken, die ihren Hauptsitz oder zumindest eine Niederlassung in Warschau hatten, waren unter anderem die Bank Handlowy, die Bank Depozytowy und die Bank Powszechny Kredytowy. Das Funktionieren der Wirtschaft und des städtischen Lebens überhaupt war ganz entscheidend von den Strukturen abhängig.12 In den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg umfasste das Warschauer Straßennetz eine Gesamtlänge von etwa 800 Kilometern, wovon 40 Prozent asphaltiert und 60 Prozent gepflastert waren. Schrittweise gelang es, das Netz auszubauen und teilweise auch die Pflasterung durch gewalzten Asphalt zu ersetzen. Zu den neu trassierten Straßen gehörten insbesondere die Al. Niepodległości und Al. Waszyngtona, die Uferstraße Wybrzeże Kościuszkowskie wurde nach Norden hin verlängert. Trotzdem dominierten noch in den späten 1930er Jahren in den Vororten und bei untergeordneten Straßen die Pflasterung und die Beleuchtung durch Gaslampen. Der Wiederaufbau der Poniatowski-Brücke/Most Poniatowskiego über die Weichsel als zentrale Verbindung zwischen den westlichen und den östlichen Stadtteilen Warschaus zog sich bis 1927 hin, wenngleich schon zwei Jahre zuvor zumindest ein Fahrstreifen dem Verkehr übergeben werden konnte. Wichtigste Investition im Stadtteil Praga auf der östlichen Seite war der Bau eines Hafens, der dem Güterverkehr auf dem Fluss dienen sollte. Die Gesamtlänge des Straßenbahnnetzes konnte zwischen 1919 und 1928 von 42 auf 91 Kilometer ausgebaut werden. Schließlich bestanden 28 Linien, die täglich verkehrten. Hinzu kamen einige Linien, die nur in den Hauptverkehrszeiten und bei bestimmten Anlässen wie etwa Pferderennen verkehrten. Auch das Autobusnetz wurde ausgebaut, so dass bereits in den frühen 1930er Jahren 19 Linien existierten, darunter einige, die nur an wenigen ausgewählten Haltestellen stoppten und deshalb verhältnismäßig schnell die Stadt durchquerten. Entscheidend für die Modernisierung des Eisenbahnverkehrs war der Bau einer Linie durch die Stadt, mit der einige Bahnhöfe in den westlichen und östlichen Stadtteilen verbunden wurden, die bis dato nur als Endbahnhöfe gedient hatten. Dafür musste auch eine Brücke über die Weichsel errichtet werden. Außerdem wurde das russische Breitspurnetz, das in den östlichen Landesteilen bis an zwei Bahnhöfe in den östlichen Stadtteilen Warschaus heranreichte, durch ein Netz mit Normalspur ersetzt. Der 1910 gebaute und zunächst nur Übungsflügen des russischen Militärs dienende Flughafen im Stadtteilt Mokotów wurde nach dem Ersten Weltkrieg auch für den zivilen Luftverkehr genutzt. Da dieser aber nahe der Stadtmitte lag, stellte sich schon früh die Frage nach einem Flugplatz am Stadtrand, der dann auch ab 1931 in Okęcie im Südwesten Warschaus gebaut wurde. Drei Jahre später konnten dort die ersten Passagiermaschinen starten und landen. Eine für damalige Verhältnisse sehr kostspielige Investition war die Modernisierung der Wasserversorgung und der Kanalisation. Immerhin konnte das System der 12 Siehe auch S. 7 in dieser Publikation. 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 21 Wasserleitungen auf dem Stadtgebiet in den Jahren 1924 bis 1936 um etwa 240 Kilometer erweitert werden, was einer Zunahme um 75 Prozent gegenüber 1919 entsprach. Außerdem wurde im Stadtteil Czerniaków zwischen 1924 und 1928 eine Pumpstation samt Filteranlage nahe der Weichsel errichtet, die der Wasserentnahme aus dem Fluss diente. Hinzu kam eine gewaltige unterirdische Filteranlage an der ul. Koszykowa, die im gleichen Zeitraum gebaut wurde. Das Netz der Warschauer Kanalisation wuchs zwischen 1919 und 1936 um 105 Kilometer und wurde damit in seiner Gesamtlänge verdoppelt. Außerdem verbesserte man das System der Abwasserentsorgung durch den Bau mehrerer Pumpstationen. Durch die Demontage und den Abtransport insbesondere von Kupferleitungen auf Veranlassung der deutschen Besatzungsmacht wurde das System der Warschauer Stromversorgung während des Ersten Weltkriegs empfindlich beeinträchtigt. Betroffen waren insbesondere die beiden aus der Vorkriegszeit stammenden Elektrizitätswerke in den Stadtteilen Mokotów und Wola. Es dauerte Jahre, bis die Schäden wieder ausgeglichen werden konnten. Mitte der 1930er Jahre wurde dann auch ein drittes Elektrizitätswerk im Stadtteil Powiśle in Betrieb genommen. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte das gesamte Netz der Stromversorgung eine Länge von etwa 1 600 Kilometern, Straßen mit einer Gesamtlänge von 180 Kilometern wurden inzwischen durch elektrische Laternen beleuchtet. Im Jahr 1922 ging die Konzession für das Warschauer Telefonnetz, das ab 1881 von der belgischen International Telephone Co. und ab 1901 von der schwedischen Gesellschaft Cedergren betrieben worden war, an eine Aktiengesellschaft namens Polska Akcyjna Spółka über, deren Mehrheitsanteile der polnische Staat hielt, an der aber auch Cedergren beteiligt war. Zu diesem Zeitpunkt existieren bereits sechs Telefonzentralen, in denen Gespräche automatisch vermittelt wurden. Das danach schrittweise aufgebaute System von Verbindungen in Städte und Ortschafen funktionierte in den ersten Jahren noch per Handvermittlung. Im Jahr 1934 wurde eine neue Zentrale der Aktiengesellschaft an der ul. Nowogrodzka im Stadtzentrum in Betrieb genommen. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab es in Warschau etwa 75 000 Telefonabonnenten. Arm und Reich Das Warschau der Zwischenkriegszeit war eine Stadt gewaltiger sozialer Probleme. Während eine Gruppe von etwa 400 Familien Jahr für Jahr enorme Reichtümer anhäufte, lebte die Mehrzahl der Einwohner in bescheidenen, wenn nicht gar ärmlichen Verhältnissen. Zu den Reichen zählten vor allem die Besitzer von Fabriken, Handelsgesellschaften und Finanzinstituten, auch die Aristokraten mit großen ländlichen Gütern, die Besitzer von Wohnhäusern und auch die regierende politische Elite, die Zugang zu den öffentlichen Finanzen hatte. Ganz einträglich lebten auch die führenden Mitarbeiter privater Firmen, die höheren Staatsbeamten und weite Teile der Intelligenz. 2. Historische und städtebauliche Epochen 22 Infolge der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise stieg die Arbeitslosenquote innerhalb kürzester Zeit von 16 auf 19 Prozent. Betroffen waren vor allem die gering qualifizierten Arbeiter der Industriebetriebe. Die meisten Arbeitslosen und ihrer Familien lebten in extremer Armut. Die Zahl der Obdachlosen war enorm hoch. Der tägliche Kampf ums Überleben zwang so manchen Arbeitslosen in die Kleinkriminalität. Die großen sozialen Unterschiede prägten auch und gerade das jüdische Milieu Warschaus. Im Jahr 1932 lebten in der polnischen Hauptstadt mehr als 350 000 Juden. Ihr Anteil an der Stadtbevölkerung von insgesamt 1,17 Millionen betrug mehr als 30 Prozent. Schon zu diesem Zeitpunkt beherbergte Warschau die größte jüdische Stadtgemeinde der Welt. Bis 1938 stieg die Zahl sogar auf knapp 370 000 (Warschau insgesamt 1,27 Millionen), wenngleich auch eine beträchtliche Anzahl insbesondere in die USA auswanderte.13 Schon im Jahr 1931 wohnten zwei Drittel der Warschauer Juden in Bezirken wie Leszno, Muranów und Powązki, also gleich nördlich des Stadtzentrums, und dort besonders in Straßen wie ul. Pańska, ul. Twarda, ul. Żelazna, ul. Okopowa, ul. Bonifraterska, ul. Konwiktorska und ul. Nowolipki. Gerade bei den Warschauer Juden konnte der Wohnungsbau den tatsächlichen Bedarf kaum decken. Vielfach wohnten die Familien in katastrophalen wohnlichen und sanitären Verhältnissen. Oft kam es vor, dass sich acht und mehr Personen eine Kammer teilen mussten. Die dramatische Wirtschaftskrise seit Ende der 1920er Jahre führte auch in Polen zu einem Aufflackern judenfeindlicher Stimmungen. Dabei konzentrierten sich auch in Warschau die Auseinandersetzungen vor allem auf den Handel, wo eben viele Juden tätig waren. Besonders in den Jahren 1936 und 1937 kam es gerade bei den Wochenmärkten zu antijüdischen Übergriffen, bei denen mindestens 20 Menschen starben und tausende verletzt wurden. Regierung und Behörden lehnten zwar Gewalt gegen Juden ab und ließen die Polizei einschreiten, zeigten sich aber prinzipiell einverstanden mit dem wirtschaftlichen Boykott gegen die Juden. Fatale Auswirkungen hatte der Numerus clausus an Warschauer Hochschulen, der von den Behörden gegen den Widerstand liberaler und linker Hochschullehrer und Studenten eingeführt wurde. Dieser führte dazu, dass der Anteil der jüdischen Studenten von mehr als 20 Prozent Mitte der 1920er Jahre auf 10 Prozent kurz vor Kriegsbeginn sank. Auch an den Warschauer Hochschulen wurden jüdische Studentinnen und Studenten wiederholt gezwungen, auf speziellen Bänken Platz zu nehmen. Trotz des grassierenden Antisemitismus und einer weit verbreiteten Abneigung gegenüber Juden in der polnischen Gesellschaft war die Ausübung ihrer Religion kaum gefährdet, hatten sie weitgehend das Recht, sich frei zu Wort zu melden, eigene Zeitungen zu unterhalten und ihre Kinder in ihrer Tradition zu erziehen. Auch wenn jüdische Schulen nicht vom Staat finanziert wurden, konnten sie ihre gesellschaftlichen Vereinigungen und politischen Parteien unterhalten. 13 Der Warschauer Schriftsteller Józef Hen hat in seinen Werken der damaligen jüdischen Welt von Warschau ein bewegendes Denkmal gesetzt. Siehe Hen, Józef: Nowolipie. Eine jüdische Straße, Leipzig 1996. 2.1. Zwischen den beiden Weltkriegen (1918–1939) 23 Kleinere Minderheiten in Warschau waren die Russen mit etwa 4000 Personen sowie die Ukrainer, Weißrussen und Deutschen mit jeweils 2000 Personen. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) Der Überfall Schon im Frühjahr 1939 liefen die deutschen Vorbereitungen für einen Angriff auf Polen. Am 28. April kündigte Adolf Hitler die erst drei Monate zuvor geschlossene deutsch-polnische Nichtangriffserklärung. Hetze gegen den „Kriegstreiber“ Polen dominierte die nationalsozialistische Propaganda. Auch Polen bereitete sich auf den Krieg vor, in Zeitungen des Landes war sogar die Rede von einem sicheren Sieg in der bevorstehenden Abwehrschlacht. Doch die Realität war eine andere, denn Polen befand sich militärisch und politisch in einer aussichtslosen Lage. Von Frankreich und Großbritannien war keine Hilfe zu erwarten, auch wenn Paris und London dies ursprünglich in Aussicht gestellt hatten. Waffentechnisch und militärtaktisch war die polnische Armee der deutschen Wehrmacht in jedweder Hinsicht unterlegen. Ziel des deutschen Angriffs war die Vernichtung des polnischen Staates, die Ausschaltung der Intelligenz des Landes und die Herabstufung der Gesellschaft auf ein dirigierbares Heer von Arbeitssklaven. Die mit der Wehrmacht einrückenden Einsatzgruppen der SS und des SD hatten den Befehl erhalten, tausende Mitglieder der polnischen Elite zu liquidieren. Nach ihrem Einmarsch am 1. September 1939 zerschlugen die deutschen Einheiten die polnische Abwehr innerhalb weniger Tage auf ganzer Front, auch wenn die polnischen Truppen äußerst tapfer kämpften. Als Frankreich und Großbritannien am 3. September Deutschland den Krieg erklärten, hatte dies keinerlei Einfluss auf die Kämpfe in Polen, da mit dieser Erklärung keineswegs die Absicht verbunden war, dem verbündeten Polen tatsächlich militärisch zu Hilfe zu kommen. Am 8. September erreichten die ersten deutschen Panzer Warschau. Vom ersten Tag des Krieges an behandelten die deutschen Invasoren die polnische Bevölkerung wie Freiwild. Innerhalb kurzer Zeit brannten die vorrückenden Einheiten der Wehrmacht etwa 500 kleinere Städte und Ortschaften nieder, was von deutschen Kommandeuren widersprüchlich bewertet wurde. Einige von ihnen befahlen dieses Vorgehen, andere sahen es als falsch an, weil dadurch Vorräte verloren gingen, die der Versorgung der Wehrmacht hätten dienen können. Kinder mussten mit ansehen, wie ihre Geschwister und Klassenkameraden in den Flammen umkamen und ihre Väter von Erschießungskommandos getötet wurden. Die Niederlage der polnischen Streitkräfte war weitgehend besiegelt, als Einheiten der Roten Armee am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschierten. Der Staatspräsident und die Regierung Polens setzten sich daraufhin nach Rumänien ab, um aus dem Exil heraus zu versuchen, den Kampf fortzusetzen. Wenig später hatten die beiden Besatzungsmächte nahezu das ganze polnische Staatsgebiet unter sich aufgeteilt. Sie handelten auf Basis des geheimen Zusatzprotokolls zum Molotow-Ribbentrop-Pakt vom 23. August 1939, der Deutschland und die Sowjetunion zu Verbünde- 2.2. 2. Historische und städtebauliche Epochen 24 ten machte und Moskau das östliche polnische Staatsgebiet bis an den Bug als „Einflusssphäre“ zusicherte. Heldenhafter, aber aussichtsloser Widerstand Im Laufe der mehr als fünfjährigen Besetzung Warschaus sollte sich das Stadtbild vor allem durch die Bombenangriffe im September 1939 sowie durch die barbarischen Zerstörungen seitens der deutschen Besatzer während und nach den Aufständen im Warschauer Ghetto 1943 sowie der allgemeinen Erhebung 1944 dramatisch verändern. Als Einheiten der Roten Armee im Januar 1945 auch die westlichen Stadtteile erreichten, war die Bebauung zu mehr als 80 Prozent zerstört. Am 1. September 1939 gegen sechs Uhr morgens ertönte die Sirene der großen Filterstation am plac Starynkiewicza. Bald darauf fielen die ersten deutschen Bomben auf die Stadtteile Okęcie und Koło. Über die Lautsprecher der großen Fabriken wurde ein kurzes Kommuniqué verbreitet, das mit dem Satz begann: „Für die Stadt Warschau wurde Fliegeralarm ausgerufen.“ Bereits in den ersten Julitagen hatte der Generalstab des Militärs Pläne für eine Evakuierung der polnischen Regierung aus Warschau erarbeitet. Am 24. dieses Monats appellierte Stadtpräsident Stefan Starzyński an die Stadtbevölkerung, Gräben zur Verteidigung auszuheben. Für die Beschäftigten der Stadtverwaltung organisierte man Dienste rund um die Uhr. Aus Posen/Poznań und anderen Städten fuhren Züge zur Evakuierung der Warschauer Stadtbevölkerung in die Hauptstadt. Am 3. September demonstrierten viele Menschen vor den Botschaften Frankreichs und Großbritanniens und forderten den Eintritt beider Länder in den Krieg. Die zivile Macht in der Stadt lag fast ausschließlich in den Händen Starzyńskis. In der Nacht vom 6. auf den 7. September begann man auch mit dem Bau von Barrikaden, die das Vorrücken deutscher Panzer wenigstens zeitweise verhindern sollten. Allein am 10. September offenbarte sich in aller Deutlichkeit die Brutalität des deutschen Angriffs auf Warschau, als insgesamt 17 Luftangriffe auf die Stadt erfolgten. Die Piloten nahmen sich besonders die Stadtteile auf beiden Seiten der Brücken über die Weichsel und auch Ausfallstraßen vor, weil dort der größte Verkehr herrschte, da viele Menschen auf der Flucht waren, andererseits polnische Militäreinheiten in die Stadt fluteten. Schon an diesem Tag brach im östlichen Stadtteil Praga die Wasserversorgung zusammen. Drei Tage später waren in ganz Warschau mehr als 250 Brandherde zu beobachten. Am 15. September eröffneten Artilleristen der 3. Armee unter dem Befehl von General Georg von Küchler auch das Feuer auf die Innenstadt. Wegen der Überfüllung der Friedhöfe war die Bevölkerung inzwischen gezwungen, ihre Toten in Warschauer Grünanlagen, an Straßenrändern und sogar in den Innenhöfen der Häuser zu beerdigen. Am 23. September brach die Strom- und Wasserversorgung in der ganzen Stadt zusammen. 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 25 Seit dem 10. November 1993 steht am Rande des Pl. Bankowy ein Denkmal, das an Stefan Starzyński erinnert. Das Denkmal ist ein Werk des Bildhauers Andrzej Renes (Quelle: Vetter). Die polnischen Soldaten kämpften mit dem Mut der Verzweiflung, konnten aber immer weniger gegen die deutsche Übermacht ausrichten. Noch hofften sie auf die Hilfe der Westmächte. Der Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte, Marschall Edward Rydz-Śmigły, hatte sogar den Befehl ausgegeben, Warschau um jeden Preis zu halten. Mehrfach warfen deutsche Bomberpiloten über der Stadt Flugblätter ab, in denen die Soldaten zur Kapitulation und die Zivilisten zur Räumung des Stadtgebiets aufgefordert wurden. Trotzdem beteiligten sich Bürger weiterhin etwa am Bau von Barrikaden. Warschau wurde zu einem Symbol des heldenhaften polnischen Durchhaltewillens. Die Entscheidung fiel in der letzten Septemberwoche: Am 24. September begann ein dreitätiges Dauerbombardement, wobei allein am 25. über 600 Tonnen Sprengund Brandbomben über der Stadt abgeworfen wurden. In deutschen Flugblättern wurde die Zivilbevölkerung aufgefordert, sich an das östliche Ufer der Weichsel zu retten. Angesichts der Ausweglosigkeit der Lage bot General Juliusz Rómmel am 27. September die bedingungslose Übergabe der Stadt an. Einen Tag später unterzeichneten Stefan Starzyński und General Tadeusz Kutrzeba für die polnische Seite die Kapitulationsurkunde. Die Schlacht um Warschau war zu Ende. 2. Historische und städtebauliche Epochen 26 Mit der Kapitulationsurkunde wurden die polnischen Behörden verpflichtet, die Bewachung von öffentlichen Gebäuden zu gewährleisten, den Abbau von Barrikaden zu veranlassen, Brände löschen zu lassen und vor allem die Bevölkerung vollständig zu entwaffnen. Die Tätigkeit von Parteien und anderen politischen Organisationen wurde verboten. Den Behörden wurde auferlegt, zwölf Geiseln „als Sicherung vor Sabotageakten“ zu benennen. Die deutschen Besatzer verpflichteten sich, vom 30. September an täglich 160 000 warme Mahlzeiten an die Bevölkerung auszugeben und bei der Wiederinbetriebnahme der städtischen Unternehmen Unterstützung zu leisten. Die menschlichen und materiellen Verluste waren gewaltig. Etwa 25 000 Zivilisten und 6000 Soldaten kamen während der Belagerung ums Leben – hauptsächlich durch die Bombardements, aber auch durch Artilleriebeschuss und die Kampfhandlungen. Mehr als 90 000 polnische Offiziere und Soldaten wurden in deutsche Gefangenschaft genommen. Rund 65 000 Wohnungen mit mehr als 100 000 einzelnen Räumen lagen in Schutt und Asche.14 Während der Belagerung im September 1939 beherrschte nicht nur die alltägliche Erfahrung von Gewalt das Denken der Zivilbevölkerung in Warschau. Auch große Ängste waren weit verbreitet. Obwohl deutsche Flieger die Stadt nicht mit Gasbomben angriffen, wurden in vielen Häusern einzelne Räume oder gar nur Schränke notdürftig als „Gasschutzzellen“ (komory przeciwgazowe) eingerichtet. Viele Familien deckten sich mit Mullbinden und anzufeuchtenden Tücher ein. Viele Menschen befürchteten, deutsche Soldaten oder Agenten würden etwa die Wasservorräte mit Bakterien oder giftigen Substanzen verseuchen. Ein allgemeiner Verdacht, mit den deutschen Okkupanten unter einer Decke zu stecken, richtete sich auch gegen die in Warschau lebenden evangelischen Christen. Adolf Hitler selbst nahm am 5. Oktober 1939 eine zweistündige Siegesparade deutscher Militäreinheiten auf der Aleje Ujazdowskie in der Warschauer Innenstadt ab. Der polnischen Bevölkerung war es verboten, sich die Parade anzuschauen. Die Straßen, durch die Hitlers Wagenkolonne vom Flughafen in die Stadt fuhr, waren für jeglichen anderen Verkehr gesperrt. Die dort lebenden Menschen wurden von deutschen Polizisten und Soldaten scharf bewacht. Nach der Parade begab sich Hitler zum Palais Belweder, wo er das Arbeitszimmer des 1935 verstorbenen Staatspräsidenten Józef Piłsudski besichtigte. Ein Attentat, das die Organisation „Dienst für den Sieg Polen“ (Służba Zwycięstwu Polski) geplant hatte, konnte nicht ausgeführt werden. 14 Die Fotos in mehreren Büchern vermitteln einen drastischen Eindruck von den Zerstörungen, wie sie auch von Deutschen wahrgenommen wurden. So in Jackiewicz, Danuta u. a. (Hrsg.): W obiektywie wroga. Niemieccy fotoreporterze w okupowanej Warszawie (1939–1945), Warschau 2008; Mórawski, Karol (Hrsg.): 1939. Warszawa w oczach maturzysty. Fotografie Romana Mazika, Warschau 2005. Auch das Museum des Warschauer Aufstands (Muzeum Powstania Warszawskiego) verfügt über eine große Sammlung entsprechender Fotos. Das ganze Ausmaß der Schäden zeigt auch ein Vergleich der Stadtpläne von 1939 und 1945. Siehe Kasprzycki, Jerzy /Piątkowski, Felicjan (Hrsg.): Warszawa. Wie es war. Originalkarten der Hauptstadt vor 1939 und aus 1945, Warschau 1985. 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 27 „Besatzungsalltag“, jüdisches Ghetto, Widerstand, Kollaboration Die Okkupation der polnischen Hauptstadt während des Zweiten Weltkriegs dauerte insgesamt 1859 Tage.15 Warschau war damit eine der am längsten besetzten Metropolen in ganz Europa.16 Ab Oktober 1939 gehörte die Stadt zum so genannten Generalgouvernement, das von den deutschen Besatzern mit etwa zwölf Millionen Einwohnern in den zentralpolnischen Provinzen gebildet worden war. Zum Generalgouverneur wurde Hans Frank ernannt, der fortan nicht in Warschau, sondern auf der Königsburg Wawel in Krakau residierte. Polen war damit in drei Teile gegliedert: die unmittelbar in das Deutsche Reich eingegliederten Gebiete, das Generalgouvernement und die sowjetisch besetzten Gebiete im Osten des Landes. Das Schicksal der polnischen Hauptstadt in den Jahren 1939 bis 1944 steht exemplarisch für die Entwicklung im gesamten deutsch beherrschten Gebiet des Landes. Der Besetzung des Landes, also der Germanisierung des Raums, folgte die Germanisierung der Bevölkerung, der Verwaltungsstrukturen und des wirtschaftlichen Lebens. Germanisierung der Bevölkerung im Generalgouvernement bedeutete „Ausrottung“ der als feindlich eingeschätzten „Führungsschichten“, Vernichtung der als „überflüssig“ eingestuften Teile der Bevölkerung, insbesondere der Juden, sowie Ansiedlung von etwa einer halben Million „Volksdeutscher“ aus Ländern bzw. Gebieten von den baltischen Staaten bis Bessarabien. Die deutsche Besatzungspolitik in Polen ab 1939 war also eine andere als die während des Ersten Weltkriegs. Ihre Grundlage war nicht mehr nur imperialistisch, sondern „völkisch“, wie es damals hieß, also rassistisch. Dabei bewegten sich die Deutschen in Polen ab September 1939 in einem völlig rechtsfreien Raum. Niemand von ihnen brauchte Strafverfolgung für Verbrechen gegen Polen und Juden zu fürchten. Nach dem Einmarsch der 10. Division der zuvor Warschau belagernden 8. Armee der Wehrmacht übernahm Generalleutnant Conrad von Cochenhausen den militärischen Oberbefehl in der Stadt, an die Spitze der deutschen Zivilverwaltung trat Harry von Craushaar. Der polnischen Verwaltung unter Stefan Starzyński wurde erlaubt, bestimmte Tätigkeiten fortzusetzen. Auch die polnische Polizei, das Polnische Rote Kreuz und das Städtische Komitee für Soziale Selbsthilfe konnten unter bestimmten Auflagen weiterarbeiten. Bald schon ergoss sich eine Flut deutscher Anordnungen, Befehle, Verbote und Zwangsvorschriften über die Bevölkerung der Stadt. Deren oberstes Ziel war es, tatsächliche und potentielle Feinde des Dritten Reiches zu liquidieren, den Widerstand der Bevölkerung zu ersticken und die Angehörigen bestimmter Bevölkerungsgruppen umzubringen, besonders der Juden. Diese mussten Armbinden mit dem Davidsstern tragen, jüdische Betriebe erhielten eine entsprechende Kennzeichnung, erste Planun- 15 So auch der Titel eines Buches des verstorbenen polnischen Historikers, Publizisten und Politikers Władysław Bartoszewski: 1859 dni Warszawy, Krakau 1974. 16 Siehe insbesondere Szarota, Tomasz: Warszawa lat wojny i okupacji 1939–1944. 4 Bände, Warschau 1971–1975; ders.: Warschau unter dem Hakenkreuz. Leben und Alltag im besetzten Warschau 1.10.1939 bis 31.7.1944, Paderborn 1985. 2. Historische und städtebauliche Epochen 28 gen für die Abgrenzung eines polnischen, eines jüdischen und eines deutschen Wohnbezirk Warschaus wurden angestellt. Enteignungsvorschriften dienten dem Zweck, den von den Besatzungsbehörden verübten Raub am polnischen Nationalvermögen zu sanktionieren. Zu den neuen Ordnungsvorschriften zählten die Einführung einer Ausgangssperre, die Regelung der Öffnungszeiten öffentlicher Einrichtungen sowie der Erlass neuer Meldevorschriften. Größere Industriebetriebe wurden deutscher „Treuhandverwaltung“ unterstellt. Die Besatzer griffen auch in das religiöse Leben ein, indem sie eine Reihe kirchlicher Feiertage abschafften und das Singen von Kirchenliedern untersagten, die patriotischen Charakter hatten. Nachts durchstreiften zahlreiche deutsche Gendarmerie- und Polizeipatrouillen die Straßen Warschaus. Gleich nach Besetzung der Stadt begann die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung: Alte Menschen und Kinder wurden geschlagen, Frauen beschimpft, man riss ihnen die Kopfbedeckung herunter, schnitt den Männern die Bärte ab, verlangte Verbeugungen und trieb Gruppen zusammen, die dann Zwangsarbeit leisten mussten. Am 16. November 1940 wurde das jüdische Wohnviertel abgesperrt und in den folgenden Wochen mit einer drei Meter hohen Mauer umgeben. Dieses Ghetto beherbergte in den folgenden Monaten zeitweise bis zu 500 000 Menschen, deren Lage katastrophal war. Am 2. Juli 1942 erging dann der deutsche Befehl, alle Juden Warschaus „in den Osten Polens“ umzusiedeln, wie sich der damalige „Beauftragte für Umsiedlungsfragen“, SS-Sturmbannführer Hermann Höfle, gegenüber dem Vorsitzenden des Warschauer Judenrates, Adam Czerniaków, ausdrückte, wobei mit dem „Osten“ die Gaskammern des etwa 100 Kilometer nordöstlich von Warschau gelegenen Vernichtungslagers Treblinka gemeint waren. Der erste Transport mit mehr als 6000 Personen verließ in der Nacht vom 22. zum 23. Juli ein Nebengleis an der ul. Stawki im Stadtteil Muranów.17 Bis Anfang September wurden etwa 275 000 Menschen aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka verschleppt.18 Zu diesem Zeitpunkt hielten sich noch etwa 30 000 Juden in Kellern, Luftschutzbunkern und anderen Räumlichkeiten im Ghetto auf. Weitere etwa 25 000 hatten Unterschlupf bei polnischen Familien außerhalb der Ghettomauern gefunden. Für viele von ihnen war die Vollstreckung des Todesurteils aber nur aufgeschoben. Schon im Januar 1943 kamen bei einem von SS- und Polizeieinheiten auf den Ghettogelände verübten Massaker mehrere tausend Menschen ums Leben. Der letzte Akt der Vernichtung begann mit dem Ausbruch des Aufstandes im Ghetto am 9. April 1943. Innerhalb eines Monats wurden mehr als 60 000 Juden ermordet – mehrere tausend auf dem Gelände des Ghettos, etwa 50 000 in Treblinka. 17 Zur dortigen Gedenkstätte Umschlagplatz siehe S. 183 dieser Publikation. 18 Sakowska, Ruta: Menschen im Ghetto, Osnabrück 1999. Nach Angaben des damaligen SS-Gruppenführers Jürgen Stroop, der die SS-, Polizei- und Wehrmachtseinheiten befehligte, die den Aufstand im Ghetto niederschlugen, wurden insgesamt sogar 310 000 Personen nach Treblinka deportiert. Siehe Stroop-Bericht. Dokument 1061-PS. Der Nürnberger Prozess, Band 26, Dokumentenband 2. Bundesarchiv Berlin, Signatur R 58/9030. Stroop wurde am 23. Juli 1951 durch ein Warschauer Gericht zum Tode durch den Strang verurteilt und am 6. März 1952 im Gefängnis im Stadtteil Mokotów hingerichtet. 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 29 Vom ersten Tag der Besetzung an waren die militärischen und zivilen Nazibehörden bemüht, Warschau den Charakter einer „deutschen Stadt“ zu geben. So begann gleich nach dem Einmarsch der Wehrmacht die Verunstaltung der Stadt mit NS- Symbolen. Mit der Zeit wehten Hakenkreuzfahnen an allen Gebäuden, die für den Bedarf der Wehrmacht und der Besatzungsverwaltung requiriert worden waren. Ende 1939 erließen die Besatzungsbehörden eine Verordnung, mit der die Besitzer von Geschäften und Handwerksbetrieben verpflichtet wurden, deutsche Firmenschilder anzubringen. Anfang Mai 1940 begann man dann auch, Straßen umzubenennen und über den polnischen Namen deutsche mit markanterer Aufschrift anzubringen. Dabei handelte es sich entweder um wörtliche Übersetzungen wie etwa Marschallstraße (ul. Marszałkowska), Honigstraße (ul. Miodowa) und Königsstraße (ul. Królewska) oder um eigene Kreationen, indem etwa die ul. Wolska in Litzmannstadtstraße und die Al. Ujazdowkie in Lindenallee umgetauft wurde. Hinzu kamen viele Propagandaplakate, die überall in der Stadt aufgestellt wurden und in den meisten Fällen antisemitischen und antisowjetischen Charakter hatten, wie beispielsweise mit dem abscheulichen Slogan „Juden – Läuse – Fleckfieber“. Schon in den ersten Besatzungswochen begann man auch, Gebäude für die deutsche Beamtenschaft, Wehrmacht, SS und deutsche Polizei zu requirieren. Dabei richteten sich die Verwaltungsbehörden im Zentrum der Stadt ein, so am pl. Teatralny, pl. Saski, in der Al. Szucha, der Al. Ujazdowskie sowie der ul. Nowy Świat und der ul. Krakowskie Przedmieście. Man errichtete Kasernen und beschlagnahmte Krankenhäuser, Schulen, Restaurants, Kinos, Konzertsäle und Privatwohnungen. Im Stefan Batory-Gymnasium an der ul. Myśliwiecka wurde die erste deutsche Schule eingeweiht. Mit der schon seit 1940 geplanten Schaffung eines eigenen deutschen Stadtviertels kam man allerdings nicht sehr weit. Erst im Frühjahr 1944 wurde ein vergleichsweise kleiner Stadtteil mit Stacheldrahtverhauen abgegrenzt und Schildern „Nur für Deutsche“ ausgestattet. Allerdings wurde dieses Viertel von den Deutschen eher gemieden, da viele befürchteten, dass diese bei alliierten Bombenangriffen zu den ersten Zielen gehören könnten. Am 23. August 1940 kündigte die Naziverwaltung an, man wolle das Stadtgebiet außerhalb des Ghettos in einen strikt abgetrennten deutschen und einen polnischen Stadtbezirk aufteilen. Eine der ersten Aktionen der entstehenden Widerstandsbewegung war das Herunterreißen und Zerstören der allgemein verhassten Hakenkreuzfahnen, NS-Propagandaplakate und deutschen Straßennamen. Der Widerstand gegen die deutsche Besetzung eines großen Teil Polens hatte sein sichtbares Zentrum im so genannten Generalgouvernement und dabei besonders in der Hauptstadt Warschau. Die Besatzungsmacht verzichtete auf jedwede Legitimierung und erwartete deshalb auch keinerlei noch so rudimentäre Loyalität der unterdrückten Bevölkerung ihr gegenüber. Die deutschen „Herrenmenschen“ boten den polnischen „Untermenschen“ keine Belohnung für loyales Verhalten, geschweige denn politische Unterstützung, die man nicht für nötig hielt. Indem die deutschen Machthaber möglichst alle polnischen Bürger zu ihren Gegnern und damit zu Kriminellen außerhalb jedweder Rechtsordnung abstempeln wollten, schufen sie auch eine we- 2. Historische und städtebauliche Epochen 30 sentliche Voraussetzung für eine organisierte Widerstandsbewegung, weil das Bedürfnis nach Schutz vor dem deutschen Terror die individuellen Abwehrkräfte allein auf sich gestellter Menschen total überstieg und deshalb nahezu zwangsweise den Beitritt zu organisierten Gruppen der Widerstandsbewegung im Untergrund erforderte. Hinzu kam die Tradition des Widerstands gegen fremde Besatzungsmächte im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die in der polnischen Gesellschaft bewahrt wurde. Erste Ansätze des organisierten Widerstandes gab es schon im September 1939 – vielfach getragen von Berufsoffizieren und auch zivilen Beamten, die den Gruppen im Untergrund Geld und Blankoausweise zuspielten. Diese betrachteten den Übergang in den Untergrund als ihre Loyalität und Pflicht gegenüber dem polnischen Staat, der in ihren Augen weiter existierte. In den Jahren 1939/40 gründeten nahezu alle Parteien je nach ihren Möglichkeiten auch militärische Organisationen im Untergrund. Allerdings beteiligten sich viele Menschen jenseits aller weltanschaulichen und politischen Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien am Widerstand. Ihre Bereitschaft, dieses große Risiko einzugehen, entsprang ihrem Wunsch, der alltäglichen Terrorisierung und Demütigung durch die Besatzer ihren persönlichen Widerstand entgegenzusetzen. Untergrundorganisationen entstanden vielfach aufgrund von familiären, freundschaftlichen, nachbarschaftlichen und beruflichen Beziehungen. Oft bildeten soziale Einheiten wie Schulen, studentische Organisationen, Pfadfindergruppen und Sportvereine sowie Schützenverbände und andere paramilitärische Gruppierungen die Basis. De facto blieben viele staatliche Strukturen auch im Untergrund weitgehend erhalten. Bei all dem spielte die Intelligenz eine wesentliche Rolle: Für die Menschen in Polen waren die Organe der Besatzungsmacht illegal, denen sie ihre polnischen Institutionen entgegensetzten, die nach polnischem Recht agierten. Zu diesem Untergrundstaat gehörte nicht zuletzt ein breites Bildungs- und Kulturangebot auf hohem Niveau. Mit der Zeit zentralisierte sich der Widerstand, so dass der polnische Untergrundstaat schließlich im Wesentlichen auf drei Strukturen basierte. Das waren zum einen die militärischen Kräfte in Gestalt des um die Jahreswende 1939/40 gegründeten Verbandes für den bewaffneten Kampf (Związek Walki Zbrojnej – ZWZ), der dann 1942 in Heimatarmee bzw. Armee im Lande (Armia Krajowa – AK) umbenannt wurde, die sich dann als Teil der regulären polnischen Streitkräfte betrachtete. Des Weiteren war das die Delegatur der polnischen Exilregierung in London, die sich als Dachverband aller administrativen Strukturen im Untergrund verstand. Hinzu kam das Komitee zur politischen Verständigung (Polityczny Komitet Porozumiewawczy), das von Vertretern der wichtigsten politischen Parteien gebildet worden war: den Sozialisten, der Bauernpartei, den Nationaldemokraten und der Partei der Arbeit. Dieses Komitee nahm 1944 den Namen Rat der nationalen Einheit (Rada Jedności Narodowej) an. Teil des Untergrundstaates waren Gerichte, die ab 1942 etwa 3 000 Todesurteile gegen polnische Kollaborateure der deutschen Besatzungsmacht (Denunzianten von Juden, V-Männer und andere Zuträger sowie hilfsbereite Polizisten und Beamte) aussprachen, von denen etwa 2 500 auch vollstreckt wurden. Die Aktionen der Armia Krajowa umfassten neben diversen Formen der Propaganda vor allem Wirtschaftssabotage, Bombenanschläge in Deutschland, Attentate auf führende Vertreter des Besatzungs- 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 31 regimes sowie Angriffe auf Gefängnisse, Polizeistationen und Bahnverbindungen. Historiker sprechen von zwischenzeitlich mehr als 300 000 Mitgliedern der AK, wovon allerdings nur etwa 10 Prozent bewaffnete Partisanen gewesen sein dürften. Trotz langwieriger Verhandlungen nahmen die extreme Rechte und die extreme Linke nicht an der AK teil. Die 1942 als Zusammenschluss verschiedener rechter Gruppen entstandenen Nationalen Streitkräfte (Narodowe Siły Zbrojne – NSZ) lehnten eine Unterordnung unter den regierungstreuen Widerstand in Gestalt der AK ab. Au- ßerdem forderten sie einen Kampf gegen die deutschen Besatzer und die sowjetischen Besatzer im Osten des Landes. Die NSZ zeichneten sich außerdem durch starke antisemitische Tendenzen aus, die bis hin zu Übergriffen auf Juden gingen. In einigen Regionen arbeiteten sie sogar mit den Deutschen bei der Bekämpfung der sowjetischen Besatzer zusammen. Der kommunistische Widerstand setzte erst nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht im Jahr 1941 ein. Im Dezember dieses Jahres sprangen polnische Komintern-Funktionäre aus einem sowjetischen Flugzeug über dem Generalgouvernement ab und gründeten im Januar 1942 die Polnische Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza – PPR). Die neuen Führer hatten in der 1937 auf Geheiß Stalins liquidierten Kommunistischen Partei Polens nur eine untergeordnete Rolle gespielt und verfügten jetzt lediglich über die Autorität, die ihnen Moskau verliehen hatte. Trotzdem konnten sie zahlreiche Anhänger um sich scharen und besonders im Bezirk Lublin zu einer starken Konkurrenz für den regierungstreuen Widerstand werden. Die Kommunisten standen im Gegensatz zu allen anderen Kräften im Untergrund, weil sie den Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker dahingehend interpretierten, dass die in Polen lebenden Ukrainer, Weißrussen und Litauer das Recht hätten, ihre Gebiete den gleichnamigen Sowjetrepubliken anzuschließen, während die AK und die Delegatur sowie die anderen politischen Kräfte auf dem Prinzip der Integrität des polnischen Territoriums in den Grenzen von 1939 beharrten. Die Beziehungen zwischen einzelnen Partisaneneinheiten der AK und der kommunistischen Volksarmee (Armia Ludowa) waren widersprüchlich: Mal gab es Kooperationen, mal Konflikte, größere Konflikte blieben allerdings aus. Insgesamt war das Übergewicht des regierungstreuen Widerstandes doch erheblich. Angesichts des Massenmordes an den Juden entwickelten sich in der christlichen polnischen Bevölkerung verschiedene Formen der Hilfe. Dazu zählten Fürsorge für die Juden, die sich außerhalb der Ghettomauern versteckt hielten, die Bekämpfung Krimineller, die die Tragödien der Juden materiell ausbeuteten, die Verbreitung von Nachrichten über das Geschehen, diplomatische Aktivitäten und schließlich Hilfe für die jüdischen Aufständischen. So war der Terror gegen die Juden auch Gegenstand der Beratungen in der Warschauer Delegatur der Londoner Exilregierung. Schon früh wurden einzelne Dienststellen eingerichtet, die sich mit dem Schicksal der nationalen Minderheiten und besonders der Juden befassten. Da nach und nach tausende von Flüchtlingen aus den Ghettos besonders in Warschau unter der Bevölkerung außerhalb der Ghettomauern auftauchten, reifte in verschiedenen Kreisen des Untergrunds die Idee, eine spezielle Institution zur Hilfe für die Flüchtlinge zu gründen, die diesen Lebensmittel, Dokumente und Arbeitsmöglichkeiten zukommen ließ. 2. Historische und städtebauliche Epochen 32 So wurde auf Initiative insbesondere der Schriftstellerin Zofia Kossak, die auch Vorsitzende der katholischen Organisation Front zur Wiedergeburt Polens (Front Odrodzenie Polskie – FOP) war, am 27. September 1942 das provisorische Konrad Żegota- Komitee19 gegründet, das am 4. Dezember des gleichen Jahres in den Rat für Judenhilfe (Rada Pomocy Żydom) unter dem Pseudonym Żegota umgewandelt wurde.20 Neben Frau Kossak waren auch Irena Sendlerowa, die sich besonders um Kinder kümmerte, Władysław Bartoszewski als Vertreter der FOP, der Sozialist Julian Grobelny, Leon Fajner von der jüdischen Arbeiterbewegung „Bund“, Adolf Berman als Repräsentant des Jüdischen Nationalkomitees sowie Abgesandte der bäuerlichen „Volkspartei“ (Stronnictwo Ludowe) und der „Demokratischen Partei“ (Stronnictwo Demokratyczne) an der Arbeit des Rates beteiligt. Der Rat finanzierte seine Arbeit vor allem durch Zuwendungen seitens der polnischen Exilregierung in London und internationaler jüdischer Organisationen. Allein in Warschau wurden in den Jahren 1942 bis 1944 etwa 4000 Personen betreut. Man organisierte konspirative Wohnungen für die aus dem Ghetto Geflohenen und stellte Verbindungen zu Partisanen im Untergrund her. Besonders wichtig waren finanzielle Beihilfen. Zu den Mitgliedern des Rates zählten auch konspirative gesellschaftliche Gruppen im Untergrund wie etwa die der Lehrer und Ärzte. Polnische Historiker wie Włodzimierz Borodziej gehen davon aus, dass spätestens ab 1942 die Mehrheit der polnischen Gesellschaft vom Massenmord an den Juden wusste. „Überall sah man Mauern und hörte Schüsse, überall verschwanden die Juden und später ihre Wohnbezirke, überall hörte man zumindest die Gerüchte vom landesweiten Sterben; in Kleinstädten lagen die Leichen auf den Straßen der christlichen Viertel […] Jenseits und diesseits [der Ghettomauern, Anm. d. Verf.] gab es im selben Augenblick andere Bedrohungen und andere Erfolgserlebnisse, grundlegend andere Einschätzungen der eigenen Lage und der Haltung der Menschen hinter der Mauer. Sicherlich blieb die große Mehrheit der Zuschauer [der polnischen Gesellschaft, Anm. d. Verf.] passiv und nahm das Geschehen widerwillig, gleichgültig oder staunend zur Kenntnis. In unzähligen Fällen – und sie beziehen sich durchaus auf diese Mehrheit – sind Berichte überliefert, in denen der Massenmord mit Schulterzucken oder mit einer mehr oder minder offenen Schadenfreude registriert wurde.“21 Der Todesmut der jüdischen Aufständischen 1943 Der Aufstand im jüdischen Ghetto im April/Mai 1943 war die größte jüdische Widerstandsaktion unter deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Schon in den Monaten zuvor hatten sich die Nachrichten verdichtet, dass in Berlin die voll- 19 Konrad Żegota war einfach ein erfundener Deckname. 20 Zur Arbeit des Rates siehe Kunert, Andrzej Krzysztof: Der Hilfsrat für Juden. „Żegota“ 1942–1945, Warschau 2002. Sakowska, Ruta: Menschen im Ghetto, Osnabrück 1999, S. 291 f.; Grabowski, Waldemar: Rada Pomocy Żydom „Żegota“, www.polska1918-89.pl/pdf/rada-pomocy-zydom-zegota.2967.p df; Olczak, Mariusz (Wybór i opracowanie): „Żegota“. Dokumente 1942–1944, Warschau 2018. 21 Borodziej, Włodzimierz: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 207. 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 33 ständige Auflösung des Ghettos und der Abtransport der dort noch Verbliebenen nach Treblinka bzw. in ein Arbeitslager in der Gegend von Lublin angeordnet worden war. Als die Kämpfe am 19. April begannen, waren die meisten Juden Warschaus schon ermordet worden. Getragen wurde der Aufstand vor allem von der „Jüdischen Kampforganisation“ (Żydowska Organizacja Bojowa – ŻOB), die vom „Jüdischen Militärbund“ (Żydowski Związek Wojskowy – ŻZW), die zusammen etwa 1400 Kämpfer aufbieten konnten. Zu den wichtigsten Mitgliedern der ŻOB gehörten Mordechai Anielewicz, Jizchak Zuckerman, Marek Edelman, Zivia Lubetkin, Pinkus Kartin, Arje Wilner und Michał Klepfisz. Sie leisteten Widerstand, obwohl sie nur schlecht mit Waffen ausgerüstet waren und keine Chance auf einen militärischen Erfolg gegen die gewaltige deutsche Übermacht hatten. Die deutschen Einheiten, die zum Einsatz kamen, standen zunächst unter Führung des SS- und Polizeiobersten Ferdinand von Sammern-Frankenegg, der aber schon am ersten Tag der Kämpfe durch den SS-General Jürgen Stroop abgelöst wurde. Mordechaj Anielewicz zählte zu den führenden jüdischen Aufständischen im Frühjahr 1943. Die Aufnahme entstand kurz vor Beginn des Aufstandes. (Quelle: Wikipedia Commons) Die meisten der am Aufstand beteiligten Mitglieder der jüdischen Widerstandsaktionen hatten schon zu Beginn der Kämpfe ihre Familien und viele Freunde verloren. Das Erleben des Elends und des tödlichen Dahinvegetierens der Menschen im Ghetto rief bei ihnen Resignation hinsichtlich der eigenen Überlebenschancen hervor, aber auch gesteigerte Wut auf die Deutschen, die ihnen diese Lage aufgezwungen hatten. Der Weg in den Kampf entsprang der Verzweiflung, entsprang dem Willen, der Welt 2. Historische und städtebauliche Epochen 34 zu zeigen, dass Juden kämpfen können, dass sie über die Art ihres Todes selbst entscheiden wollen. In den ersten Tagen des Aufstandes gelang es den jüdischen Kämpfern, die im Ghetto vorrückenden deutschen Einheiten wiederholt zu stoppen oder gar zurückzudrängen. Doch je mehr sich die militärische Überlegenheit von SS und deutscher Polizei zeigte, die auch zunehmend dazu übergingen, Gebäude oder Gebäudeteile, in denen sie Aufständische vermuteten, in die Luft zu sprengen und Kampfgas einzusetzen, desto deutlicher wurde die Aussichtslosigkeit des Widerstands. Nach vier Tagen waren die meisten jüdischen Kämpfer tot oder zumindest schwer verletzt, etwa 20 von ihnen konnten durch einen Tunnel aus dem Ghetto fliehen. Nach der Einnahme ihres Hauptquartiers am 23. April wurden 80 Personen hingerichtet. Das letzte größere Gefecht gab es am 27. April. Am 7. Mai wurde dann auch der neue Kommandobunker der Aufständischen entdeckt. Die meisten der dort verbliebenen begingen Selbstmord oder starben durch das Gas. In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai war es einer kleinen Gruppe um Marek Edelman noch gelungen, aus dem Bunker zu fliehen. Nach dem Ende der Kämpfe waren weite Teile des vormaligen Ghettos nur noch ein Trümmerfeld. Am 16. Mai ließ Stroop auch die Große Synagoge in die Luft sprengen.22 Ein historischer Moment der Freiheit: der Warschauer Aufstand 1944 Die zweite Erhebung gegen die deutschen Besatzer, die wegen ihres Ausmaßes und ihrer Dauer noch weit über den verzweifelten Widerstand der jüdischen Kämpfer hinausging, war der Warschauer Aufstand im August/September 1944.23 Der Zeitpunkt seines Beginns hing unmittelbar mit der Entwicklung an der deutsch-sowjetischen Front und mit den Vorbereitungen kommunistischer und sozialistischer Kräfte für eine Machtübernahme in Polen nach einem etwaigen vollständigen Abzug der Deutschen aus dem Land zusammen. Am 20. Juli hatten Einheiten der Roten Armee den Bug überschritten und waren damit auf Gebiete vorgedrungen, die man auch in Moskau als Teil des künftigen polnischen Staates ansah. Zwei Tage später gab Radio Moskau bekannt, dass in der sowjetischen Hauptstadt das „Polnische Komitee der Nationalen Befreiung“ (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego – PKWN) entstanden sei, das den Anspruch erhob, Vorstufe einer künftigen polnischen Regierung zu sein. Die 22 Stroop selbst dokumentierte die deutschen Verbrechen gegenüber den jüdischen Aufständischen und überhaupt den Juden im Ghetto in täglichen Berichten für seine Vorgesetzten in Berlin sowie in einem abschließenden Bericht, dem er den Titel „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“ gab. Das Jüdische Historische Institut in Warschau publizierte diesen Bericht in englischer Sprache im Jahr 1958 unter dem Titel „The Report of Jürgen Stroop. Concerning the uprising in the Ghetto of Warsaw and the liquidation of the jewish residential area“. 23 Siehe insbesondere Borodziej, Włodzimierz: Der Warschauer Aufstand. Die Zeit des Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 2004. Krannhals, Hanns von: Powstanie Warszawskie 1944, Warszawa 2017. Haslinger, P./Bamberger-Stemmann, S./Tönsmeyer, T.: Auf beiden Seiten der Barrikade: Fotografie und Kriegsberichterstattung im Warschauer Aufstand 1944, Marburg/Hamburg 2018; Thomae, M./ Bömelburg, H.J./Król, E.C.: Der Warschauer Aufstand 1944. Ereignis und Wahrnehmung in Polen und Deutschland. Paderborn 2010. 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 35 Mitglieder des PKWN kamen vor allem aus dem Umkreis des in Moskau tätigen, kommunistisch gesteuerten „Verbandes Polnischer Patrioten“ (Związek Polskich Patriotów – ZPP). In seinem Manifest verzichtete das PKWN auf einen revolutionären Anspruch und hob stattdessen die nationale Solidarität der Polen im Kampf gegen die Deutschen hervor, kündigte andererseits aber auch umfassende soziale Reformen an. Au- ßerdem bekundete es seine Bereitschaft, an der Partnerschaft mit den Mächten der Anti-Hitler-Koalition festzuhalten. Tatsache war allerdings, dass die Kommunisten sowie die mit ihnen verbündeten Sozialisten und radikalen Bauernführer im östlichen Polen zwischen Weichsel und Bug nur eine kleine Minderheit darstellten, die sie ohne die Anwesenheit der Roten Armee auch geblieben wären. In Warschau hatte man schon Anfang Juli 1944 begonnen, Vorbereitungen für den Aufstand zu treffen. Für die Führung der Armia Krajowa war dabei neben der Lage an der deutsch-sowjetischen Front und der Gründung des kommunistisch gesteuerten PKWN auch das Attentat auf Hitler am 20. Juli von Bedeutung, das als Zeichen eines baldigen Zusammenbruchs des Dritten Reiches gewertet wurde. Die militärischen Einheiten des Untergrunds, die – nach verschiedenen Einschätzungen – zwischen 13 000 und 15 000 Mann umfassten, sollten nunmehr nicht Anschläge und Attentate ausführen, sondern die deutschen Truppen in Warschau direkt angreifen. Nachdem sowjetische Panzer in den letzten Julitagen die Warschauer Bezirke östlich der Weichsel erreicht hatten, wurde der Beginn des Aufstandes für den 1. August festgelegt. Das Ziel bestand darin, Warschau unmittelbar vor dem Einmarsch der Roten Armee ins westliche Zentrum der Stadt von den Deutschen zu befreien, so dass die polnische Untergrundverwaltung den Sowjets als souveräner Machthaber entgegentreten und sie zur Aufnahme von Verhandlungen zwingen konnte. So konnten große Teile der Stadt zunächst befreit werden. Doch nachdem Wehrmacht, SS und deutsche Polizei am 4. August zum Gegenangriff übergegangen waren, gerieten die polnischen Aufständischen zunehmend in die Defensive. Immerhin sollte der Aufstand insgesamt neun Wochen dauern. Hatten Hundertausende von Warschauern die ersten Tage noch als großartiges Erlebnis der Befreiung empfunden, so war die Stimmung später mehr und mehr von Skepsis, Angst und Niedergeschlagenheit geprägt. Als sich schließlich die Führung der Aufständischen Ende September zur Kapitulation entschloss, betrug die Zahl der Opfer zwischen 150 000 und 180 000 Menschen, wovon etwa annähernd 90 Prozent Zivilisten waren. Die Deutschen verbanden die Niederschlagung des Aufstandes mit der systematischen Vernichtung zentraler Stadtteile Warschaus. Sie entsprachen damit den Anweisungen aus Berlin, alle Aufständischen, die nicht im Kampf gefallen waren, nach ihrer Gefangennahme zu erschießen, was letztendlich dem Haager Abkommen widersprach, auch Zivilisten massenweise zu töten sowie die Stadt so weit wie möglich dem Erdboden gleichzumachen. Die Brutalität, mit der die Deutschen vorgingen, zeigte sich auch und gerade bei Massenerschießungen wie etwa den Exekutionen, die als Massaker von Wola in die 2. Historische und städtebauliche Epochen 36 Geschichte eingingen.24 Im Verlauf des Kampfes um diesen Stadtteil, den Einheiten der Armia Krajowa zwischenzeitlich befreit hatten, wurden durch die „Kampfgruppe Reinefahrt“, die aus SS-Einheiten und Abteilungen der deutschen Polizei bestand, etwa 50 000 polnische Zivilisten ermordet.25 Zerstörte Häuser am Markt der Altstadt nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes (Quelle: Wikipedia Commons).. Die Niederschlagung des Warschauer Aufstands, der Massenmord an der Zivilbevölkerung sowie die Vernichtung der materiellen und kulturellen Substanz der polnischen Hauptstadt waren das Werk der deutschen Besatzer. Zu den nachgewiesenen Fakten zählt aber auch die Tatsache, dass die am östlichen Weichselufer stehenden sowjetischen Truppen nichts taten, um den Aufständischen zu Hilfe zu kommen, was trotz der schwierigen Lage, in der sich die Rote Armee an der deutsch-sowjetischen Front befand, durchaus möglich gewesen wäre. Die entsprechende Order, untätig zu bleiben, ging bis auf Stalin selbst zurück, der kein Interesse daran hatte, die in Warschau kämpfende polnische Elite am Leben zu erhalten, die ihm später bei seinen Nachkriegsplänen für Polen hinderlich gewesen wäre. Zwar gab es einige Versuche von Gruppen der polnischen Berling-Armee, die an der Seite der Roten Armee gegen die Wehrmacht kämpfte, am westlichen Ufer stabile Brückenköpfe zu bilden und da- 24 Wola grenzt westlich an das Stadtzentrum von Warschau. 25 Gursztyn, Piotr: Der vergessene Völkermord. Das Massaker von Wola in Warschau 1944, Berlin 2019. Instytut Pileckiego: Wola 1944. Nierozliczona Zbrodnia a Pojęcie Ludobójstwa, Warschau 2019. 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 37 mit die Aufständischen zu unterstützen, doch diese Aktionen scheiterten, weil sie keine Hilfe seitens der sowjetischen Artillerie und andere militärische Hilfe erhielten. Die Fotos, die der Wehrmachtsunteroffizier Joe Heydecker am 20. November 1944 in Warschau machte, vermitteln einen drastischen Eindruck von der weitgehenden Zerstörung der Stadt.26 Nicht anders die Kulisse in Roman Polańskis Film Der Pianist.27 Anfang Januar 1945 setzte dann der Kampf um das Zentrum Warschaus am westlichen Weichselufer ein, der am 17. des Monats mit der Einnahme der ganzen Stadt durch die sowjetischen und polnischen Truppen endete. Zukunftsplanungen im Untergrund Innerhalb des polnischen Untergrundstaates, besonders in der Hauptstadt Warschau, befassten sich zahlreiche Institutionen mit Bildung und Kultur. Dabei ging es darum, den schulischen Unterricht und die universitäre Ausbildung fortzusetzen, Schriftteller und Künstler materiell zu unterstützen, Konzerte zu organisieren, die Bibliotheken und Archive aufrechtzuerhalten, die Arbeit einzelner Verlage weiterzuführen sowie die Exponate der Museen vor dem Abtransport nach Deutschland oder der Zerstörung zu retten. Neben vielen anderen waren es vor allem Stanisław Lorentz28, der für Museen und andere Sammlungen zuständig war, und Jan Zachwatowicz29, der sich um die Erhaltung von Denkmälern kümmerte, die wertvolle Arbeit leisteten. Auch die kulturelle Arbeit im Untergrund erforderte Mut, Improvisationskunst und konspirative Fähigkeiten – nicht nur die politische Aufrechterhaltung polnischer Staatlichkeit und der militärische Widerstand. Permanent mussten auch die Kulturschaffenden auf der Hut sein, um nicht von den deutschen Besatzern entdeckt und bestraft zu werden. Schon früh begann man auch, jegliche Verluste zu dokumentieren, die Polen infolge des Krieges und der Besatzung zu erleiden hatte. Hinsichtlich der Museen und anderer Sammlungen, auch der Denkmäler und bedeutender Elemente der städtischen Architektur fanden diese Arbeiten vor allem im Warschauer Nationalmuseum statt. Stanisław Lorentz berichtete später: „Im Grunde genommen setzte ich das alles ganz offen um. Ich gab diverse Inventarlisten musealer Ensembles und Sammlungen in Auftrag und behauptete offiziell, dass diese für den deutschen Museumskommissar Dr. Alfred Schellenberg gedacht seien. Bis auf wenige Eingeweihte ahnten die Angestellten des Museums nicht, dass sie, indem sie die verschiedenen Kataloge erstellten und Registerkarten vervollständigten, in Wahrheit Listen der 26 Heydecker, Joe J.: Die Stille der Steine. Warschau im November 1944, Berlin 1994. 27 Der Film gilt dem polnisch-jüdischen Pianisten Władysław Szpilman (1911–2000), der sich im Warschauer Ghetto versteckt hielt und so den Zweiten Weltkrieg überlebte. 28 Der Kunsthistoriker Stanisław Lorentz war von 1936 bis 1939 und 1945 bis 1982 Direktor des Nationalmuseums, nach 1949 auch Professor an der Warschauer Universität und Abgeordneter des Parlaments. Seine wissenschaftliche Autorität erlaubte es ihm, die verschiedenen politischen Wechsel besonders in den Jahren 1948, 1956 und 1980 unbeschadet zu überstehen. 29 Jan Zachwatowicz war Professor an der Architekturabteilung des Warschauer Polytechnikums und leitete in den Jahren 1945 bis 1957 die polnische Denkmalspflege. 2. Historische und städtebauliche Epochen 38 polnischen Kunstwerke zusammenstellten, die von den Deutschen entwendet und abtransportiert worden waren. Listen für Zellen im Untergrund, die mir unterstanden.“30 Auf der Basis dieser Inventarisierung entstanden Berichte wie „Die Aktivitäten der Besatzungsmächte [der deutschen und der sowjetischen, Anm. d. Verf.] auf polnischem Territorium. Eine provisorische Zusammenstellung der Kriegsverluste Polens“ und „Die Nazikultur in Polen“. Diese Listen sollten später bei völkerrechtlichen Regelungen für Nachkriegspolen zur Sprache kommen. Ebenso begann man schon im Untergrund während des Zweiten Weltkriegs Pläne für den Wiederaufbau nach Kriegsende zu entwerfen. Bereits nach der Bombardierung Warschaus und dem Einmarsch der Wehrmacht im September 1939 stellte man am Lehrstuhl für Architektur des Polytechnikums erste Überlegungen für den Wiederaufbau der Hauptstadt nach dem Ende des Krieges an.31 Diese Diskussionen wurden nach der Auslöschung des Warschauer Ghettos 1943 und den Zerstörungen nach dem Warschauer Aufstand 1944 noch intensiviert. Zunächst standen sie unter der Leitung des Dekans Stefan Bryła, der später bei einer Massenexekution getötet wurde, dann nahm Professor Tadeusz Tołwiński dessen Position ein. Auch an der Architekturfakultät wurden konspirative Vorlesungen und abgehalten. Während des Warschauer Aufstandes im August/September 1944 wurden Trupps organisiert, die im Falle einer Niederlage des Aufstandes oder einer Besetzung der Stadt durch die Rote Armee Kunstgegenstände, Bücher und Archivalien an sicheren Orten verstecken sollten. Dieser Evakuierung stimmte man von deutscher Seite teilweise zu, allerdings unter der Maßgabe, jederzeit auch einen Befehl zu deren Beendigung ausgeben zu können. Ebenso wurde die Dauer dieser Aktionen auf maximal zwei Wochen begrenzt und die Menge der betreffenden Objekte mit höchstens 100 000 Tonnen festgelegt. Beteiligt an dieser „Operation Pruszków“32 waren mehr als 100 polnische Historiker, Kunsthistoriker, Museumswissenschaftler, Bibliothekare, Archivare und Architekten. Die Zahl der abtransportierten Objekte überschritt zwar die vorgegebene Grenze, reichte aber bei weitem nicht aus, um die tatsächliche Rettung von Kulturgütern zu ermöglichen, die eigentlich notwendig gewesen wäre. Immerhin wurde dafür eine Basis für die Rekonstruktion der kulturellen und wissenschaftlichen Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Exkurs: Debatte über Reparationen Angesichts der ungeheuren Verbrechen, die Deutsche während des Zweiten Weltkriegs in Polen begangen haben, war es auch 70 Jahre später nicht weiter verwunderlich, dass die Debatte über Reparationen, die Deutschland leisten sollte und müsste, 30 Zit. nach Majewski, Piotr: Czas końca, czas początku. Architektura i urbanistyka Warszawy historycznej 1939–1956, Warszawa 2018, S. 425. 31 Majewski, Jerzy S./Markiewicz: Warszawa nie odbudowana, Warschau 1998, S. 6 f. 32 Von dem Ort Pruszków, 20 Kilometer südwestlich von Warschau, fuhr man mit Lastwagen in die Hauptstadt, um die betreffenden Objekte abzutransportieren. 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 39 weiter anhielt – trotz verschiedener diesbezüglicher völkerrechtlicher Regelungen, die nach 1945 getroffen wurden, und trotz der Entschädigungszahlungen, die Deutschland nach 1989 geleistet hat. Offenbar war die juristische, politische und gesellschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs zwischen Deutschland und Polen immer noch nicht abgeschlossen. Die Debatte begann noch an Intensität, nachdem die Nationalkonservativen der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) die politische Macht in Warschau übernommen hatten. Sie setzten das Thema öffentlich und intern immer wieder auf die bilaterale Tagesordnung. Vertreter der Regierung, polnische Diplomaten und Journalisten, die der PiS nahestehen, ließen bilaterale Treffen, Tagungen und Veranstaltungen nicht vergehen, ohne dass die Frage der Reparationen angesprochen wurde. Die fortdauernde Virulenz des Themas resultierte nicht zuletzt daraus, dass der Charakter der deutschen Besetzung Polens zwar Historikern beider Länder hinreichend bekannt war, das Wissen der Polen und Deutschen aber in unterschiedlichem Maße prägte. In Polen sorgten nach 1945 der Schulunterricht, Romane und Erzählungen über das Kriegsgeschehen sowie die Publizistik der Machthaber dafür, dass alle nachwachsenden Generationen intensiv mit den deutschen Verbrechen bekannt gemacht wurden. In Deutschland dagegen wurden die Verdrängungsmechanismen, was deutsche Kriegsgräuel im östlichen Europa anging, maßgeblich wohl erst durch die beiden Wehrmachtsausstellungen (1995–1999 und 2001–2004) aufgebrochen, die vom Hamburger Institut für Sozialforschung organisiert wurden, wobei diese hauptsächlich auf deutsche Verbrechen in der Sowjetunion fokussierten. Die deutsche Besatzungsherrschaft in Polen wurde dann erstmals mit einer Ausstellung des Deutschen Historischen Instituts im Jahr 2005 umfangreich thematisiert. Art und Ausmaß des deutschen Terrors in Polen in den Jahren 1939 bis 1945 sind in dieser Publikation bereits schon an verschiedenen Stellen angesprochen worden: Zwischen fünf und sechs Millionen polnische Bürger verloren ihr Leben, darunter annähernd drei Millionen polnische Juden – erschossen, vergast, umgekommen infolge von Hunger, Zwangsarbeit und Lagerhaft. Dass Polen wie Juden Opfer des Genozids wurden, zeigte der Terror gegen die polnische Elite wie etwa gegen Professoren der Krakauer Hochschulen. Zu den menschlichen Verlusten kamen materielle Zerstörungen: die fast vollständige Vernichtung Warschaus, die Zerstörung vieler Häuser und Wohnungen sowie der Infrastruktur in weiten Teilen des Landes, die Vernichtung oder der Raub von Kulturgütern. Eine Übereinkunft über deutsche Reparationen zählte schon zu den Ergebnissen der Konferenz von Potsdam im Juli/August 1945. Sie legte fest, dass sowjetische Entschädigungsansprüche mit Ressourcen aus der Sowjetischen Besatzungszone bedient werden sollten, aus denen die Sowjetunion ihrerseits auch Reparationsansprüche Polens erfüllen sollte. Damit war die Bedienung der polnischen Ansprüche nach dem Potsdamer Abkommen allein vom Willen Moskaus abhängig. Diese erklärte die Reparationen aus der SBZ und der DDR zum 1. Januar 1954 beendet, nachdem tausende Industrieanlagen abgebaut und zusammen mit vielen Gütern aus der laufenden Produktion im Osten Deutschlands in die Sowjetunion gebracht worden waren. Auch Polen kündigte den Verzicht auf weitere Reparationen zum 1. Januar 1954 an. Bis 2. Historische und städtebauliche Epochen 40 1989 brachte keine polnische Regierung das Thema Reparationen aus Deutschland mehr auf die bilaterale Tagesordnung. Anders als für die deutschen Reparationsverpflichtungen aus dem Ersten Weltkrieg, die die Bundesregierung aufgrund des Londoner Schuldenabkommens vom 23. Februar 1953 auch bediente, wurde die Frage deutscher Reparationen für den Zweiten Weltkrieg bis zum Abschluss eines Friedensabkommens für Deutschland verschoben. Im Zwei-Plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990, der schließlich die völkerrechtlichen Voraussetzungen für die deutsche Vereinigung schuf, wurde die Reparationsfrage aber gar nicht angesprochen. Seitens der damaligen Bundesregierung wurde das so interpretiert, dass damit alle Reparationsansprüche abgegolten waren. Ein anderes Problem waren individuelle Entschädigungsleistungen an Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, überlebende der NS-Lager sowie Witwen und Waisen. Bereits in den 1960er und 1970er Jahren wurden seitens der Bundesrepublik Zahlungen in Höhe von 140 Millionen D-Mark an polnische Opfer pseudomedizinischer Experimente gezahlt. Des Weiteren erhielten in den Jahren 1992 bis 2004 mehr als eine halbe Million polnischer Opfer des Nationalsozialismus Zahlungen im einer Gesamthöhe von etwa 500 Millionen D-Mark. Schließlich schloss die Bundesregierung am 17. Juli 2000 ein Abkommen mit der polnischen Regierung, das Entschädigungen für ehemalige polnische Zwangsarbeiter vorsah. Diese Zahlungen wurden dann über die im August 2000 gegründete Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ geleistet. Im Zeitraum zwischen 2001 und 2006 erhielten fast 485 000 Menschen eine Gesamtsumme von knapp einer Milliarde D-Mark. Die Gesamtzahl der polnischen Bürger, die nach dem Zweiten Weltkrieg Anspruch auf Entschädigungen gehabt hätten, wird wohl nie ermittelt werden können. Aber sie lag mit Sicherheit erheblich über der Zahl derjenigen, die dann auch Zuwendungen erhielten. Trotzdem sagte die polnische Regierung in einem Notenwechsel mit Deutschland bereits am 16. Oktober 1991 zu, keine weiteren Ansprüche polnischer Bürger im Zusammenhang mit NS-Verbrechen und -Verfolgungen zu stellen. Aber damit war das Problem nicht vom Tisch. Denn die in den späten 1990er Jahren in Deutschland geführte Debatte über die deutschen Opfer des alliierten Bombenkrieges sowie über Flucht und Vertreibung Deutscher aus dem Osten sorgte in Polen für erhebliche Irritationen. Sogar Vertreter der polnischen Linken äußerten die Sorge, dass sich die Deutschen im Zuge dieser Debatte von ihrer Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg lossagen wollten. Zusätzliche Befürchtungen entstanden in Polen, als die von der Landsmannschaft Ostpreußen initiierte Preußische Treuhand versuchte, Eigentumsansprüche ehemaliger Bewohner deutscher Ostgebiete durchzusetzen und in diesem Zusammenhang, wenn auch erfolglos, den polnischen Staat 2006 verklagte. Der damalige Stadtpräsident von Warschau, Lech Kaczyński, antwortete darauf, indem er 2004 ein Gutachten zur Schätzung der Verluste durch die Zerstörung Warschaus in Auftrag gab, die schließlich mit gut 45 Milliarden US-Dollar beziffert wurden. Am 10. September 2004 verabschiedete der Sejm nahezu einstimmig eine Resolution, in der auch die Regierung aufgefordert wurde, die tatsächlichen Kriegsschäden zu ermitteln. Bis dato, so hieß es, habe Polen keine angemessene Kompensation für 2.2. Brutale deutsche Besatzungsmacht (1939–1944) 41 diese Schäden erhalten. Des Weiteren wurde festgestellt, dass Polen keinerlei finanzielle Verpflichtungen gegenüber deutschen Bürgern habe. In der Resolution wurde die Bundesregierung auch aufgefordert, deutsche Bürger in ihren Restitutionssprüchen gegenüber dem polnischen Staat nicht zu unterstützen, was der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder auch öffentlich akzeptierte. Nachdem der Vorsitzende der regierenden Partei PiS Jarosław Kaczyński das Thema Reparationen im Spätsommer 2017 wieder auf die öffentliche Tagesordnung gesetzt hatte, wurde ein Parlamentsausschuss eingesetzt, der ebenfalls die Höhe der Entschädigungen für Zerstörungen im Krieg seitens Deutschlands ermitteln sollte. Der Ausschuss mit Arkadiusz Mularczyk an der Spitze bestand ausschließlich aus PiS- Abgeordneten bzw. Parlamentariern, die auf der Liste dieser Partei gewählt worden waren. Zu den Materialien, auf die sich der Ausschuss bei seiner Arbeit stützte, gehörte nicht zuletzt der vom Büro für Kriegsentschädigungen beim Präsidium des polnischen Ministerrats angefertigte „Bericht über Polens Verluste und Kriegsschäden in den Jahren 1939 bis 1945“ aus dem Jahr 1947. Auf dieser Basis gelangte der Ausschuss zu der Auffassung, dass die Kriegsschäden aktuell (im Jahr 2019) mit etwa 850 Milliarden US-Dollar zu beziffern seien. Schon im Jahr 2007 war dieser Bericht in einer überarbeiteten Neuauflage in polnischer, englischer und deutscher Sprache erschienen.33 Dieser in Polen erarbeitete Bericht verdeutlicht das ganze Ausmaß deutscher Zerstörungswut im Zweiten Weltkrieg, auch wenn er unvollständig ist und nicht in Gänze durch nachfolgende polnische und internationale Recherchen bestätigt wurde. Die polnischen Reparationsansprüche wurden auch durch ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des polnischen Parlaments (Büro für Sejm-Analysen – Biuro Analiz Sejmowych) vom 6. September 2017 gestützt.34 Die deutsche Gegenposition wurde vor allem in einem Gutachten formuliert, das der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages am 28. August 2017 vorlegte.35 Darin hieß es, dass die Rechtsauffassung der Bundesregierung, wonach keinerlei staatliche Reparationsansprüche mehr bestünden, vom geltenden Völkerrecht gedeckt werde. Das, so wird argumentiert, werde besonders anhand des Vertrages über die abschlie- ßende Regelung in Bezug auf Deutschland vom 12. September 1990 (Zwei-plus-Vier- Vertrag), der einerseits Reparationsansprüche gar nicht erwähne, de facto aber das im Londoner Schuldenabkommen enthaltene Moratorium in der Reparationsfrage beende, da er einer friedensvertraglichen Regelung gleichkomme und damit einen Friedensvertrag ersetze. In den Gutachten wird auch auf die Verzichtserklärung der polnischen Regierung von 1953 verwiesen, die 1970 erneuert wurde, sowie darauf, dass 33 Muszyński, Mariusz/Sypniewski, Przemysław/Rak, Krzysztof: Sprawozdanie w przedmiocie strat i szkód wojennych Polski w latach 1939–1945. Warszawa 2007. 34 In deutscher Sprache: Büro für Sejm-Analysen: Ein Rechtsgutachten zu den Möglichkeiten einer Geltendmachung von Entschädigungsansprüchen Polens gegenüber Deutschland für die durch den Zweiten Weltkrieg verursachten Schäden vor dem Hintergrund völkerrechtlicher Verträge, in Polen- Analysen Nr. 227, 27.11.2018. 35 Rechtsgutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages: Völkerrechtliche Grundlagen und Grenzen kriegsbedingter Reparationen unter besonderer Berücksichtigung der deutsch-polnischen Situation (ebd.). 2. Historische und städtebauliche Epochen 42 die polnische Regierung auch im Zuge der deutschen Einigung von 1990 keinerlei Reparationsforderungen gestellt habe. Immer wieder wurde in Deutschland auch das Argument vorgebracht, dass durch die Gewinnung der früheren deutschen Ostgebiete Polen eine gewisse Kompensation erhalten habe. Auf absehbare Zeit zeichnete sich ab, dass wohl keine deutsche Regierung Reparationsleistungen leisten würde – unabhängig von ihrer parteipolitischen Zusammensetzung. Wegen der differierenden Rechtspositionen Polens und Deutschlands schien auch eine juristische Lösung vor nationalen oder internationalen Gerichten kaum denkbar. Andererseits hatte Polen als Staat bis dato keine nennenswerten Reparationszahlungen erhalten. Auch die geleisteten individuellen Entschädigungen hatten eher symbolischen Wert, da sie dem erlittenen Unrecht bzw. der geleisteten Zwangsarbeit kaum entsprachen. Denkbar schien eher, individuelle Schadensansprüche noch lebender Opfer umgehend zu erfüllen. Der Chemnitzer Historiker und Politologe Stefan Garsztecki schlug außerdem vor, durch Dauerleihgaben und Schenkungen von Polonica aus deutschen Museen einen gewissen Ausgleich zu schaffen. Außerdem, so Garsztecki, könne Deutschland einen Beitrag etwa zum Wiederaufbau des 1944 von Deutschen zerstörten Sächsischen Palais in Warschau leisten. Eine andere Initiative ergriffen deutsche Persönlichkeiten mit einem Aufruf an den Deutschen Bundestag zur Errichtung eines Polendenkmals in der Mitte Berlins. In dem Aufruf hieß es: „Ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939–1945 ist seit langem ein gemeinsames Anliegen vieler sich um Verständigung und Versöhnung bemühender Deutscher und Polen […] Mit einem würdigen Polen- Denkmal am Askanischen Platz würde ein deutsch-polnisches Zeichen gesetzt, das Krieg, Vernichtung, Flucht, Vertreibung und Versöhnung in den untrennbaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung stellt.“36 Die Initiatoren des Aufrufs waren Bundestagspräsidentin a.D. Prof. Dr. Rita Süssmuth, Bundestagspräsident a. D. Dr. h.c. Wolfgang Thierse, der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors Prof. Dr. Andreas Nachama, der Präsident i. R. des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung Florian Mausbach und der Direktor des Deutschen Polen-Instituts Prof. Dr. Dieter Bingen. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 Der Wiederaufbau Warschaus nach dem Zweiten Weltkrieg musste unter extrem schwierigen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Problemen bewerkstelligt werden. Die damals vollbrachten Leistungen verdienen bis in unsere heutigen Zeiten große Anerkennung im In- und Ausland. Dabei war Polen weitgehend auf sich allein gestellt, konnte also kaum internationale Hilfe in Anspruch nehmen, wie dies etwa mit dem Marshallplan (European Recovery Program) der Vereinigten Staaten 2.3. 36 https://www.deutsches-polen-institut.de/politik/polendenkmal/der-aufruf. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 43 für Westeuropa gegeben war. Die Warschauer Historikerin und vormalige Kulturministerin Małgorzata Omilanowska schrieb in einem Zeitschriftenaufsatz: „Die Warschauer Innenstadt war nach dem Krieg zu 85 Prozent zerstört und Polen in einer dramatischen wirtschaftlichen Lage. Dennoch wurde das alte Zentrum der Hauptstadt durch eine enorme Kraft- und auch finanzielle Anstrengung der Polen wiederhergestellt. Dieser Aufwand an Geld und Arbeitskraft, den das Land für die Rekonstruktion von Baudenkmälern in Warschau aufgebracht hat, war europaweit beispiellos.“37 Allerdings darf man dabei nicht die Augen vor den ideologischen und städtebaulichen Vorgaben der polnischen Kommunisten verschließen, die ab 1948 uneingeschränkt die politische Macht in Polen ausübten und ziemlich eigenmächtig darüber entschieden, was ihrer Auffassung nach wiederaufbauwürdig war und was nicht. Als das historische Zentrum Warschaus im Jahr 1980 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde, war dies unter Fachleuten durchaus umstritten, da es sich hier nicht, wie bei den anderen Objekten dieses Kulturerbes, um eine originale Denkmalsubstanz handelte – eben weil die Bauten im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg fast von Grund auf neu errichtet worden waren. Die politische Entwicklung Polens ab 1945 gliedert sich im Wesentlichen in drei Etappen. Da waren zunächst die Nachkriegsjahre bis 1948, als die polnischen Kommunisten zwar schon die politisch dominante Kraft im Land waren, aber ihre Machtausübung ideologisch, politisch, ökonomisch und gesellschaftlich noch nicht vollständig abgesichert war. Dem folgte das stalinistische Regime, das bis zum Tode des sowjetischen Diktators im Jahr 1953 Polen fest im Griff hatte. Die folgenden Jahre bis 1956 standen dann im Zeichen des so genannten „Tauwetters“ und mündeten in den Arbeiteraufstand vom Juni 1956 sowie die folgende zeitweise Liberalisierung unter dem Nationalkommunisten Władysław Gomułka. Die letzten kriegerischen Auseinandersetzungen auf polnischem Boden wurden durch die Offensive der Roten Armee am 12. Januar 1945 eingeleitet. Schon fünf Tage später marschierten sowjetische Truppen und auch Einheiten der mit ihnen verbündeten polnischen Berling-Armee in die Ruinen Warschaus ein. Der im Jahr 2014 verstorbene General, Staatspräsident und Parteichef Wojciech Jaruzelski nahm damals als Unterleutnant38 (polnisch: podporucznik) der Berlin-Armee an dem Einmarsch teil: „Ich marschierte an der Spitze unseres Regiments, ganz in der Nähe des Stadtteils, wo ich meine Schuljahre verbracht hatte39. Aus dieser Zeit hatte ich eine sehr belebte Stadt mit viel Verkehr und Vierteln mit sprudelnder Energie vor Augen. Was wir vorfanden, war eine Wüste, eine tote Stadt. Einige Straßen waren derart mit Trümmern übersät, dass man sie gar nicht begehen konnte.“40 37 Omilanowska, Małgorzata: Rekonstruktion statt Original – das historische Zentrum von Warschau, in Informationen zur Raumentwicklung, Heft 3–4/2011, S. 227 ff. 38 Einen solchen Rang gibt es z. B. in der deutschen Bundeswehr nicht und hat es dort auch zu keiner Zeit gegeben. 39 Der Stadtteil Żoliborz nördlich des Zentrums von Warschau. 40 Jaruzelski, Wojciech: Mein Leben für Polen. Erinnerungen, München/Zürich 1992, S. 89.90. 2. Historische und städtebauliche Epochen 44 Man kann gut nachvollziehen, dass Jaruzelski bei diesem Ausmaß der Zerstörung einen Schock erlitt. Reichlich absurd muss dann auch die Siegerparade des polnischen Militärs im Zentrum der Stadt auf ihn gewirkt haben. Zusammen mit seiner Einheit marschierte Jaruzelski an der Ehrentribüne vorbei, auf der unter anderem Bolesław Bierut41 stand. Jaruzelski: „Ein entsetzlicher Eindruck. Inmitten der riesigen Trümmerberge, vor einigen hundert Zivilisten, die sich aus dieser Hölle gerettet hatten, war diese Parade halb Leichen-, halb Triumphzug.“42 Territoriale Verschiebung, Völkerwanderung, gesellschaftliches Chaos Schon nachdem die Rote Armee am 20. Juli 1944 den Bug überschritten hatte und damit in Gebiete einmarschiert war, die auch von der sowjetischen Führung in Moskau als Teil des künftigen polnischen Staates betrachtet wurden, begann die Bildung von politischen Organen, die auf eine künftige kommunistische Entwicklung Polens als Teil des sowjetischen Einflussbereichs hindeuteten. So gab Radio Moskau am 22. Juli die Gründung des „Polnischen Komitees der Nationalen Befreiung“ (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego – PKWN) bekannt, das insbesondere von polnischen Kommunisten aus dem Umkreis des in Moskau tätigen „Verbandes der Polnischen Patrioten“ (Związek Patriotów Polskich) gebildet wurde. Der im März 1943 von polnischen Kommunisten, die sich in Moskau aufhielten, gebildete Verband trat vor allem als scharfer Gegner der in London amtierenden nichtkommunistischen polnischen Exilregierung auf. Das in Moskau entstandene PKWN, das sich bald zur wichtigsten der von Kommunisten geführten Organisationen im frühen Nachkriegspolen entwickeln sollte, nahm für sich in Anspruch, vom „Landesnationalrat“ (Krajowa Rada Narodowa – KRN) berufen worden zu sein, der schon am 1. Januar 1944 im Untergrund in Polen selbst entstanden war und ebenfalls unter der Führung von Kommunisten stand, die im Land verblieben waren. Dieser Rat, an dessen Spitze der mit den Kommunisten kooperierende Sozialist Edward Osóbka-Morawski stand, betrachtete sich in Konkurrenz zum Londoner Exilkabinett ebenfalls als polnische Regierung. Nach zähen Verhandlungen zwischen den kommunistisch dominierten Organisationen und nichtkommunistischen Kräften, zu denen insbesondere der Bauernpolitiker Stanisław Mikołajczyk zählte, wurde am 28. Juni 1945 die „Provisorische Regierung der Nationalen Einheit“ (Rząd Tymczasowy Jedności Narodowej – RTJN), gebildet, die sowohl von Stalin befürwortet als auch von den USA und Großbritannien anerkannt wurde. Mi- 41 Bolesław Bierut (1892–1956) war ab 1927 Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Polens. Später nahm er verschiedene Funktionen in der Kommunistischen Internationale war. Während seines Aufenthalts in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er auch als Agent des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Im Dezember 1944 übernahm Bierut den Vorsitz des polnischen Nationalrats. 1947 wurde er zum Staatspräsidenten gewählt, ab 1952 war er als Vorsitzender des Ministerrates tätig. 42 Jaruzelski, Wojciech: Mein Leben … (Fn. 40), S. 90. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 45 kołajczyk trat als Vizepremier und Landwirtschaftsminister in diese Regierung ein, weil er noch die Hoffnung hatte, ein kommunistisch beherrschtes Polen zu verhindern, auch wenn die Kommunisten schon in dieser Regierung dominierten. Immerhin konnte er seine Polnische Volkspartei (Polskie Stronnictwo Ludowe – PSL) zur stärksten Partei machen. Doch den Kommunisten gelang es bald, durch rücksichtlose Repressionen seitens des von ihnen beherrschten Innenministeriums und massive Wahlfälschungen bei Volksabstimmungen 1946 und den Parlamentswahlen 1947 die PSL zurückzudrängen. Mikołajczyk schied aus der Regierung aus und floh in die USA, weil er eine Verhaftung befürchtete. Neben den Auseinandersetzungen um die politische Zukunft Polens war die Festlegung neuer Staatsgrenzen und die damit verbundene Westverschiebung des staatlichen Territoriums eine zweite extreme Herausforderung für das Land und seine Bevölkerung. Bereits bei der Konferenz der „Großen Drei“ im November/Dezember 1943 war eine Vorentscheidung für eine Westverschiebung Polens gefallen. Als Repräsentanten der drei Hauptalliierten der Anti-Hitler-Koalition nahmen US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Staatschef Josef Stalin teil. Sie bestätigten diese Entscheidung bei ihrem zweiten Treffen in Jalta im Februar 1945. Die endgültige Entscheidung über die bis dato noch zwischen den Alliierten ausgetragenen Differenzen über den genauen Verlauf der künftigen Westgrenze Polens fiel dann bei der Konferenz in Potsdam im Juli/ August 1945, an der neben Stalin der britische Premier Clement Attlee und US-Präsident Harry S. Truman teilnahmen. Die künftige Westgrenze sollte entlang der Oder bzw. der Lausitzer Neiße verlaufen, wodurch Hinterpommern mit Stettin/Szczecin, Schlesien mit Breslau/Wrocław, Danzig/Gdańsk sowie der südliche Teil Ostpreußens an Polen gingen. Im Ergebnis der territorialen Verschiebung lag Polen nun 200 bis 300 Kilometer weiter westlich und schrumpfte von 389 000 auf 312 000 Quadratkilometer. Weite Gebiete im Osten mit Wilna/Vilnius und Lemberg/Lwiw gingen an sowjetische Republiken, während Deutschland seine Ostgebiete verlor. Man kann es durchaus als positive Folge der Westverschiebung werten, dass Polen mit den ehemaligen ostdeutschen Gebieten Regionen erhielt, deren Zivilisationsgrad erheblich höher war als der jener Gebiete im früheren Osten des Landes, die Polen nun verloren hatte. Die früheren ostdeutschen Gebiete waren zwar besonders verwüstet und wurden von den Sowjets gnadenlos ausgeplündert, wiesen trotzdem aber wirtschaftlich einen weitaus höheren Wert auf als das vormalige Ostpolen. Dies war natürlich auch den Machthabern in Moskau bekannt. Sie stellten dies dem neuen polnischen Staat in Rechnung, indem sie bei der Potsdamer Konferenz Zwangslieferungen von jährlich mehr als acht Millionen Tonnen Kohle durchsetzten, die zu einem Bruchteil des damaligen Weltmarktpreises in die Sowjetunion exportiert werden musste. Hinzu kam die gewaltige Völkerwanderung der Jahre 1944 bis 1947, die Polen in Atem hielt. Die dominierenden polnischen Kommunisten folgten dem Nationalstaatsprinzip und begründeten dies sowohl mit den Erfahrungen der Besatzungszeit 2. Historische und städtebauliche Epochen 46 als auch mit dem Wunsch nach guten Beziehungen zu den Nachbarstaaten.43 So wurden teils unter Zwang etwa eine halbe Million Ukrainer und 36 000 Weißrussen in die Sowjetunion ausgesiedelt. Im Gegenzug kamen aus Siedlungsgebieten und Lagern in den ehemaligen polnischen Ostgebieten mindestens 1,5 Millionen Polen, darunter etwa 250 000 Juden. Aus Furcht vor dem neuen Besatzungsregime gaben diese Menschen ihre Heimat in den meisten Fällen freiwillig auf. Sie wurden vor allem in den neuen West- und Nordgebieten Polens angesiedelt. Im Westen und Norden Polens, also in den ehemaligen deutschen Gebieten, wurden die dort bis 1945 lebenden vier bis fünf Millionen Deutsche bzw. deutsche Staatsbürger zum größten Teil schon vor der Potsdamer Konferenz vertrieben, später dann zur „freiwilligen“ Ausreise gedrängt und ab Februar 1946 auf der Basis von Abkommen mit den britischen und sowjetischen Besatzungsbehörden in deren Zonen angesiedelt. In den neuen polnischen Regionen, vor allem im früheren Ostpreußen und im Oppelner Schlesien blieb eine Million ehemaliger Bürger des deutschen Reiches, die weitgehend unter Zwang die polnische Staatsbürgerschaft annahmen. Schon der Blick auf die Zusammensetzung der Gesellschaft, die nun in den „wiedergewonnenen Gebieten“ im Westen Polens entstand, verdeutlicht die Schwierigkeiten, die das Land in den Nachkriegsjahren zu bewältigen hatte. Diese Gesellschaft setzte sich mehrheitlich aus Umsiedlern aus Zentralpolen (drei Millionen Personen), aus dem vormaligen Ostpolen (1,5 Millionen, einschließlich der Rückkehrer aus weiter östlich liegenden Republiken der Sowjetunion), „repolonisierten“ Deutschen (eine Million, hauptsächlich Schlesier sowie Ermländer und Masuren) und aus Ukrainern (140 000), die 1947 aus ihrer Heimat im Südosten Polens im Rahmen der „Operation Weichsel“(Akcja Wisła) zwangsweise hauptsächlich nach Westen umgesiedelt wurden, zusammen. Unterschiedlich reagierten die Juden, die überlebt hatten oder jetzt nach Polen zurückkehrten, auf die neuen Machtverhältnisse. Die Mehrheit dieser 250 000 bis 300 000 Personen verließ in den Jahren 1945 bis 1950 im Zuge mehrerer Emigrationswellen das Land, um nach Palästina bzw. später Israel und in die USA zu gehen. Besonders stark war die Auswanderung in den Monaten nach dem Pogrom von Kielce.44 Die Minderheit der Juden entschloss sich, in Polen zu bleiben und den Wiederaufbau des Landes auch als ihre Chance zu begreifen. Viele taten dies in den Reihen der Kommunisten und Sozialisten. Hinzu kam ein weiteres Phänomen der gewaltigen gesellschaftlichen Bewegungen der Nachkriegszeit, denn parallel zu den Aus- und Umsiedlungen kehrten etwa 1,5 Millionen polnische Häftlinge und Zwangsarbeiter aus dem ehemaligen deutschen 43 Siehe Brandes/Sundhaussen/Troebst (Hrsg.): Lexikon der Vertreibungen, Wien/Köln/Weimar 2010, S. 509 ff, 517 ff und 573 ff. Misiło, Eugeniusz (red.): Repatriacja czy deporacja. Pszesiedlenie Ukrainców z Polski do USSR 1944–1946, Warschau 1996. 44 Ein antijüdisch aufgehetzter Mob tötete am 4. Julie 1946 in der mittelpolnischen Stadt Kielce 40 Juden, 80 weitere wurden verletzt. Polizisten, Soldaten und Angehörige des „Korps für innere Sicherheit“ (Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego) schauten dem Verbrechen passiv zu oder nahmen sogar daran teil. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 47 Reich sowie polnische Exilanten aus dem Westen (Soldaten, auch Rückwanderer aus Frankreich und anderen Staaten) in die Heimat zurück. Gravierend waren außerdem die Ungleichgewichte in der polnischen Gesellschaft, denn der Krieg hatte auch in diesem Land zu einem massiven Frauenüberschuss geführt. Im Jahr 1950 lebten in Polen 13,1 Millionen Frauen und 11,9 Millionen Männer.45 Vor allem in den kleinen Städten in Ost und West war die Einwohnerzahl nun deutlich niedriger, da die ermordeten Juden und die vertriebenen Deutschen fehlten. Im zerstörten Warschau lebten 1946 immerhin schon wieder knapp 479 000 Menschen, also etwa ein Drittel der Einwohnerzahl von 1939.46 Łódź dagegen verlor stark an Einwohnern, während Städte wie Krakau, die kaum zerstört worden waren und deren Bevölkerungszusammensetzung bis auf das Fehlen der Juden relativ stabil geblieben war, sogar zulegten. Ein gewaltiges Problem stellten die etwa 600 000 Kriegsinvaliden dar, die auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Es herrschte ein großes Risiko, sich Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Fleckfieber und Typhus zuzuziehen. Schließlich war die Versorgungslage besonders in den Jahren 1945 und 1946 sehr schlecht. Viele Menschen, besonders in den großen Städten, mussten regelrecht hungern. Auch an Wohnungen herrschte großer Mangel. Aber chaotisch waren nicht nur die Lebensbedingen und die neue Zusammensetzung der Gesellschaft, sondern auch die Verhaltensweisen und Stimmungen der Menschen. So reagierten viele Polen geradezu euphorisch auf die Befreiung der Heimat und das Ende des Krieges. Das Leben erwachte, Familien fanden wieder zusammen, man begann mit dem Wiederaufbau, berufliche und geschäftliche Interessen traten in den Vordergrund. Jede Rückkehr zur Normalität wurde enthusiastisch gefeiert: fahrende Straßenbahnen, Glasscheiben in den Fenstern, reparierte Wasserleitungen. Schon 1945 war Polen ein Land, das feierte und dabei nationale, staatliche und kirchliche Jahrestage bzw. Feste zum Anlass nahm. Gerade auf dem Land fanden viele Feiern und Hochzeiten statt. Der „Feierwahnsinn“, wie der polnische Historiker Marcin Zaremba schreibt, erfasste aber auch die Städte.47 Er zitiert in diesem Zusammenhang einen bäuerlichen Chronisten aus der Krakauer Gegend, der 1948 schrieb: „Langsam kehrte nach den Erlebnissen des Krieges Beruhigung ein. Die Menschen kamen in Stimmung; immer für Feste zu haben, begannen vor allem die Jungen, beinahe jeden Sonntag Tanzabende auszurichten. Zu Geigenklängen, im Takt einfacher Melodien wurde bis zum Umfallen getanzt. Zuweilen wurde das Morgengrauen vom Anblick der Jungen überrascht, in ihren weißnassen Hemden, in Staubwolken gehüllt, die unter ihren Füßen herausstoben, wenn sie sich leidenschaftlich im Takt von Polka, Oberek und Ländler drehten. Bald schon zeichnete sich hier ein Fortschritt ab, denn man lernte, zu modernen (überaus misstönenden) Schlagern zu tanzen.“48 45 Główny Urząd Statystyczny: Historia Polski w liczbach, Warschau 1994, S. 144. 46 Ebd., S. 138. 47 Zaremba, Marcin: Die große Angst. Polen 1944–1947. Leben im Ausnahmezustand, Paderborn 2016, S. 14. 48 Ebd. 2. Historische und städtebauliche Epochen 48 Überhaupt herrschte in einem beträchtlichen Teil der polnischen Gesellschaft eine enorme Aufbruchstimmung. Die gewaltigen Anstrengungen zum Wiederaufbau der zerstörten Hauptstadt stießen weitgehend auf positive Resonanz in der Bevölkerung, auch wenn sie zum Teil auf Kosten anderer Landesteile gingen. Der Bau riesiger Industrieanlagen wie des Stahlwerks Nowa Huta ermöglichte vielen jungen unqualifizierten Arbeitskräften, besonders vom Lande, sozialen Aufstieg und vielleicht sogar eine Karriere im Partei- und Staatsapparat.49 Doch das war nur die eine Seite der Medaille. Ebenso grassierten Ängste, Traumata, Vereinsamung und Verwahrlosung. Man fürchtete sich vor Übergriffen durch die Soldaten der Roten Armee und Überfällen durch einheimische Banditen, vor Hunger und Krankheiten, vor Arbeitslosigkeit und einem fehlenden Dach über dem Kopf. Marcin Zaremba: „Ein Beispiel […] ist das ausgebrannte und leere Warschau auf der linken Weichselseite, das in jener Zeit wohl den größten Einfall von Plünderern erlebte. Bereits einen Tag nach der Befreiung am 17. Januar 1945 begann das Raffen des nach dem Aufstand verlassenen Besitzes. Der Angriff kam von zwei Seiten. Anfänglich aus den umliegenden Dörfern linksseitig der Weichsel. In der Ausgabe von ‚Życie Warszawy‘ vom 20. Januar lesen wir: ‚In den menschenleeren Häusern grassieren schon Heerscharen von Räubern, aufgetaucht aus dem Nichts. Sie rauben alles: Kleidung, Bettwäsche, Decken, Töpfe, sogar Möbel werden auf Handkarren und Fuhrwerken weggebracht, die wer weiß woher kommen.‘ Von der anderen Seite griffen die Bewohner des Stadtbezirks Praga an, die über die Weichsel kamen. Bereits am 19. Januar verfügte der Militärkommandant der Stadt ein Aufenthaltsverbot auf der linken Weichselseite und drohte bei Zuwiderhandlung mit dem Feldgericht. Die Miliz hatte die Stadt abgeriegelt. Das brachte nicht viel.“50 Die psychologischen und sozialpsychologischen Folgen der fürchterlichen Erfahrungen während Besatzung und Krieg waren dramatisch. Und wie immer gehörten auch Hass und Gewalt zu den Folgen menschlicher Angst und Verzweiflung. Die allgemeine Verwahrlosung der Gesellschaft fand in der Geringschätzung des menschlichen Lebens seinen schlimmsten Ausdruck – egal ob es um Polen oder Angehörige anderer Nationalitäten ging, um politische und weltanschauliche Gegner oder einfach nur um störende Nachbarn. Ältere Bewohner der Stadt erinnern sich bis heute an den damaligen weitgehenden Zusammenbruch der rechtlichen, gesellschaftlichen und moralischen Ordnung, und natürlich auch an die Gräuel des Krieges. Bezeichnend für die Jahre 1945/46 war nicht zuletzt die Brutalität, die gegenüber Feinden und Fremden an den Tag gelegt wurde. Das galt für den Kampf um die Macht zwischen den Kommunisten und dem antikommunistischen Widerstand ebenso wie für den Umgang mit den Ukrainern und Deutschen. Gewalt, Menschenverachtung und Erniedrigung waren alltägliche Phänomene. Teil der gesellschaftlichen Realität war der Antisemitismus Das ging bis hin zur Ermordung von Juden, eben weil sie Juden waren oder weil sie durch ihr Überleben bzw. ihre Rückkehr die zuvor erfolgte „Arisierung“ jüdischen Vermögens in Frage stellten.51 Hinzu kam die 49 Genaueres dazu auf S. 58 ff dieser Publikation. 50 Zaremba, Marcin: Die Große Angst, Paderborn 2016, S. 226 f. 51 Siehe u.a. Krzoska, Markus: Ein Land unterwegs. Kulturgeschichte Polens seit 1945, Paderborn 2015, S. 63. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 49 weit verbreitete Auffassung, dass die kommunistische Machtübernahme einen „Sieg“ über das Judentum bedeutete. Bis heute kontrovers diskutiert wird immer auch die These, dass zu den Ursachen des damaligen Antisemitismus auch die Traumata verschiedener Schichten der polnischen Gesellschaft zählten, die dem Holocaust passiv zugeschaut hätten und nun durch die jüdischen Überlebenden nicht an ihr eigenes Versagen erinnert werden wollten. Übergangsperiode, Stalinismus, „Tauwetter“ Nach dem Ende der Kriegshandlungen auf polnischem Boden und angesichts der Anwesenheit der Roten Armee galt Polen ebenfalls im Westen als Teil der sowjetischen Einflusssphäre52, obwohl man sich mit entsprechenden Erklärungen zurückhielt – sieht man von einzelnen warnenden Stimmen ab. Die Führung um Stalin in Moskau entschied nicht nur über den Grenzverlauf im Osten, wie der polnisch-sowjetische Grenzvertrag vom 16. August 1945 zeigte, vielmehr erstreckte sich die sowjetische Kontrolle auch auf die gesamte Außenpolitik sowie weitgehend über die innenpolitische Entwicklung. Moskau ging es von Anfang an darum, alle innenpolitischen Schlüsselstellungen, von denen aus Macht und Einfluss ausgeübt werden konnten, mit Kommunisten zu besetzen. Der polnische Historiker Andrzej Paczkowski betont: „Mit der Sowjetunion im Rücken konnten sie [die Kommunisten, Anm. d. Verf.] die territoriale Integrität des Staates in seinen neuen Grenzen garantieren und als einzige organisierte Kraft auftreten, die in der Lage war, das zerstörte Land wieder aufzubauen.“53 Allein schon die polnische Parteienlandschaft der Nachkriegsjahre entsprach weitgehend sowjetischen Interessen. Neben den Kommunisten (Polska Partia Robotnicza – PPR) sowie ihren Satellitenparteien (PPS, SL und SD) war kein Platz für konservative oder gar nationalistische Parteien wie in der Zwischenkriegszeit, auch nicht für politische Gruppierungen der Minderheiten wie etwa der Ukrainer. Als einzige oppositionelle Kraft agierte Mikołajczyks Bauernpartei (Polskie Stronnictwo Ludowe – PSL), die immerhin in den regionalen und lokalen Räten sowie im Quasiparlament auf zentraler Ebene (Krajowa Rada Narodowa – KRN) einen gewissen, wenn auch abnehmenden Einfluss ausübte. Auch wenn Mikołajczyks PSL als einzige antikommunistische Alternative breite Sympathie in der Bevölkerung genoss, änderte dies nichts an seiner Machtlosigkeit in der Regierung. Im Grunde agierten die Parteien in einem Rahmen, den man kaum demokratisch nennen konnte, was sich schon bei den unterschiedlichen Zugangsbedingungen zu den Medien zeigte, weil das von den Kommunisten beherrschte Propagandaministe- 52 Zu den ersten politischen Schritten der polnischen Kommunisten zum Ende des Krieges sowohl in Moskau als auch im Land selbst siehe S. 45 f in dieser Publikation. – Zur Entwicklung ab 1944/45 siehe insbesondere Brzeziński, Zbigniew K.: Der Sowjetblock. Einheit und Konflikt, Köln/Berlin 1962, S. 31 ff; Paczkowski, Andrzej: Pół wieku dziejów Polski 1939–1989, Warschau 1995; ders.: Das „schwächste Glied“. Polen unter kommunistischer Herrschaft, in Osteuropa, 63. Jg., 5–5/2013, S. 207 ff.; Friszke, Andrzej: Los państwa i narodu 1939–1989, Warschau 2003. 53 Paczkowski, Das „schwächste Glied“, S. 211. 2. Historische und städtebauliche Epochen 50 rium über die Zulassungen von Zeitungen sowie deren Auflagen und auch über die Papierzuteilung entschied. Auch der Hörfunk war weitgehend gleichgeschaltet. Zensur und Repressionen seitens des Geheimdienstes machten unabhängige Berichterstattung nahezu unmöglich. Neben der zivilen Opposition in Gestalt der PSL gab es auch militärischen Widerstand seitens der im Untergrund verbliebenen Gruppen der Heimatarmee (Armia Krajowa) und deren Nachfolgeorganisationen sowie seitens ukrainischer Partisanen. Allerdings verlor der bewaffnete polnische Widerstand unter dem Druck der im Land stehenden Einheiten der Roten Armee und des polnischen Militärs sowie aufgrund zunehmender Erschöpfung der Partisanen nach und nach an Boden, auch wenn es einige spektakuläre Erfolge wie die Erstürmung der Gefängnisse in Radom und Kielce gab. Die wichtigsten polnischen Partisanengruppen waren „Freiheit und Unabhängigkeit“ (Wolność i Niezawisłość – WiN und die nationalistische „Nationale Militärische Vereinigung“ (Narodowe Zjednoczenie Wojskowe – NZW). Für das Jahr 1945 wird die Zahl der Partisanen auf 13 000 bis 17 000 geschätzt, im folgenden Jahr waren es vermutlich 7000 bis 9000. Träger des bewaffneten ukrainischen Widerstandes in Polen war die Ukrainische Aufstandsarmee (Ukraińska Powstańcza Armia – UPA, Ukrajins’ka Povstans’ka Armija), der militärische Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten (Organizacja Ukraińkich Nacjonalistów – OUN, Orhanizacja Ukrajins’kych Nacionalistiv). OUN und UPA waren Verfechter eines radikalen ukrainischen Nationalismus, der auch terroristische Aktionen als legitimes Mittel beinhaltete. Als ihr oberstes politisches Ziel proklamierten sie die Schaffung eines unabhängigen ukrainischen Staates jenseits der Sowjetunion. In Polen schrieb die UPA den Kampf gegen die Umsiedlung der Ukrainer in die Sowjetunion auf ihre Fahnen und verband dies mit dem zeitweise erfolgreichen Versuch, „befreite Gebiete“ zu schaffen und dort eigene Verwaltungen aufzubauen. Der Kampf wurde von allen Seiten mit großer Brutalität geführt. Ukrainische Partisanen, zeitweise verbündet mit dem linken polnischen Untergrund der WiN, auf der einen Seite, polnisches Militär und der nationalistische polnische Untergrund auf der anderen. Kam die Umsiedlung der Ukrainer in die Sowjetunion im Sommer 1945 für eine gewisse Zeit fast zum Erliegen, so waren dann Ende 1946 fast 490 000 Personen ausgesiedelt worden. Nach dem tödlichen Anschlag auf General Karol Świerczewski, damals Vizeminister für Verteidigung und Mitglied des Zentralkomitees der PPR, beschloss die kommunistische Führung Polens einen Aktionsplan, der vorsah, die noch im Land verbliebenen Ukrainer Südostpolens und die Lemken54 der niederen Beskiden, zusammen etwa 140 000 Personen, in die ehemals deutschen, nun polnischen Provinzen im Westen und Norden zu deportieren und dem Widerstand der UPA ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Die so genannte „Operation Weichsel“ (Operacja Wisła) begann am 28. April 1947 und wurde am 31. Juli des gleichen Jahres abgeschlossen. 54 Russinisches, den Ukrainern verwandtes Volk orthodoxen Glaubens, das das ostslawische Karpato- Russinisch spricht und Schätzungen zufolge heute einige zehntausend Personen umfasst. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 51 Die Volksbefragung vom 30. Juni 1946 machte deutlich, dass sich die Kommunisten ihrer Machtposition noch keineswegs sicher waren, wenngleich sie inzwischen die wichtigsten Positionen im Staatsapparat besetzt hatten, die Opposition mit Repressionen überzogen und die Rote Armee als entscheidender Machtfaktor im Land stand. Die drei Fragen des Referendums betrafen die Abschaffung des Senats als zweiter Kammer des Parlaments, das Verhältnis zur Bodenreform und der Verstaatlichung der großen Industriebetriebe sowie die Haltung zur neuen polnischen Westgrenze. Die von der Opposition, besonders der Bauernpartei PSL, erhobenen Forderungen nach Demokratie und Rechtsstaat sowie nach Minderung der Abhängigkeit von der Sowjetunion fanden keine Berücksichtigung. Angesichts des öffentlich wirksamen Auftretens der PSL sahen sich die Kommunisten schließlich gezwungen, das Ergebnis der Volksbefragung massiv zu fälschen. Daraufhin hieß es offiziell, dass knapp 70 Prozent der Wähler mit einem Ja auf die erste Frage geantwortet hätten, während es bei der zweiten Frage 77 Prozent und bei der dritten sogar 90 Prozent gewesen seien. Allerdings ergaben Nachforschungen von Historikern später, dass nur 27 Prozent der Wähler die erste Frage bejaht hatten, 45 Prozent und 70 Prozent die dritte.55 Sogar die grundlegenden sozialökonomischen Umgestaltungen fanden keine Mehrheit bei der polnischen Gesellschaft. Wie schon bei der Volksbefragung wurden auch im Vorfeld der Parlamentswahl am 19. Januar 1947 Armee, Polizei und Sicherheitsdienst massiv zur Wahlpropaganda für den von den Kommunisten geführten Block eingesetzt. Hinzu kamen die üblichen Machenschaften autoritär agierender Machthaber wie die willkürliche Annullierung von Wahllisten der Opposition, Entzug des Wahlrechts für mindestens eine halbe Million Bürger, Dominanz der Kommunisten in den Wahlausschüssen, Repression. Schließlich wurde offiziell mitgeteilt, 80 Prozent der Stimmen seien auf den kommunistisch geführten Block entfallen. Bekannt ist, dass massiv gefälscht wurde, doch ist das genaue Wahlergebnis der Öffentlichkeit bis heute nicht bekannt. Andererseits war die wachsende Popularität der Staatsparteien PPK (Kommunisten) und PPS (Sozialisten) nicht zu übersehen. Für sie votierten jene Schichten der Bevölkerung, die vor dem Zweiten Weltkrieg zu den Benachteiligten gehört hatten, nun aber besonders im Zuge der Industrialisierung sowie der Landreform beruflich und sozial aufsteigen und zum Teil sogar Karriere im Partei- und Verwaltungsapparat machen konnten. In den Nachkriegsjahren gingen die bisher privaten Produktionsmittel weitgehend in den Besitz des neuen Staates über. Der neue Złoty wurde landesweit schon 1944/45 eigeführt, wobei sich die neue Währung in den ehemals deutschen Gebieten erst 1946 durchsetzte. Von der Bodenreform profierte mehr als eine Million bäuerlicher Haushalte. Auf dem Territorium, das schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu Polen gehört hatte, stammte weit mehr als die Hälfte der etwa 2,4 Millionen umverteilten landwirtschaftlichen Nutzfläche vom Großgrundbesitz, davon mehr als ein Drittel aus ehemals deutschem und gut 12 Prozent aus ehemals ukrainischem bzw. weißrus- 55 Siehe insbesondere Paczkowski, Andrzej: Referendum z 30 czerwca 1946. Próba wstępnego bilansu, in ders.: Od sfałszowanego zwycięstwa do prawdziwej klęski. Skice do portretu PRL, Krakau 1999, S. 11 ff. 2. Historische und städtebauliche Epochen 52 sischem Besitz. Auch der private und genossenschaftliche Handel wurde verstaatlicht. Per Dekret vom 8. Januar 1946 wurden auch die Sozialversicherung und die Arbeitsverwaltung verstaatlicht. Fortan kamen fast alle Gruppen der Arbeiterschaft in den Genuss einer obligatorischen Renten- und Krankenversicherung. Andrzej Paczkowski: „Die Kommunisten konnten […] die Macht dank einer Kombination aus Gewalt und Betrug auf der einen und Erfolgen beim Wiederaufbau des Landes auf der anderen Seite erobern und festigen. Der soziale Aufstieg breiter Bevölkerungsschichten sowie die Einschätzung der geopolitischen Lage in Europa förderte die Bereitschaft, sich mit der Einbeziehung Polens in den sowjetischen Machtbereich abzufinden. Gleichwohl ist es bis heute erstaunlich, dass in der polnischen Gesellschaft, die so tief von der Feindschaft gegenüber Russland und der Sowjetunion geprägt war, die Kommunisten zur Massenpartei werden konnten. Bereits 1948 hatte die Partei über 900 000 Mitglieder.“56 Die stalinistische Periode ab 1948 war insbesondere durch die Allgegenwärtigkeit des kommunistischen Staates geprägt. Partei und Staat taten alles, um möglichst die ganze Gesellschaft fortwährend zu mobilisieren. Zur forcierten Industrialisierung und Aufrüstung kam der scharfe Kampf gegen alle diejenigen, die als „Feinde im Inneren“ abgestempelt wurden. Vor allem junge Männer aus den ländlichen Regionen und kleinen Städten profitierten vom breiten sozialen Aufstieg.57 Auf einem Vereinigungsparteitag im Dezember 1948 an der Technischen Universität in Warschau entstand die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza – PZPR). Die dabei vollzogene Vereinigung der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza – PPR) mit der Polnischen Sozialistischen Partei (Polska Partia Socjalistyczna – PPS) wurde erst nach einer massiven Säuberung in der PPS möglich, bei der etwa 25 Prozent der Mitglieder ausgeschlossen wurden, weil sie Widerstand gegen den Zusammenschluss leisteten. Aber auch aus der PPR wurde eine ganze Reihe von Funktionären und Mitgliedern wegen „rechtsnationalistischer Abweichungen“ ausgeschlossen. Schließlich stellte die PPR beim Vereinigungsparteitag zwei Drittel der Delegierten und übernahm auch die entsprechende Anzahl von Funktionärsstellen in der neuen Partei. Bolesław Bierut wurde zum Parteichef gewählt. Ministerpräsident blieb der Sozialist Józef Cyrankiewicz. Lediglich er und zwei weitere Sozialisten wurden in das elfköpfige Politbüro der PZPR aufgenommen. Schon vorher war der kommunistisch gesteuerte Verband der Polnischen Jugend (Związek Młodzieży Polskiej – ZMP) gegründet worden. Zielstrebig brachten die die Kommunisten auch andere gesellschaftliche Organisationen wie die Gewerkschaften unter ihre Kontrolle. Nicht besser erging es den Radiostationen, Verlagen und fast allen Zeitungen: Keine Publikation kam mehr an der Zensur vorbei. Die regionalen und lokalen Verwaltungen wurden von der Machtzentrale in Warschau gesteuert und verloren deshalb vollständig ihren eigenständigen Charakter. 56 Paczkowski: Das „schwächste Glied“ … (Fn. 52), S. 211. 57 Der berühmte Film Człowiek z marmuru (Der Mann aus Marmor) des polnischen Regisseurs Andrzej Wajda erzählt die Geschichte des Bauernsohns Mateusz Birkut aus Südpolen, der in dem Krakauer Vorort Nowa Huta, wo ein riesiges Stahlhüttenkombinat angesiedelt wurde, als Maurer zum „Helden der Arbeit“ avancierte. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 53 Auffallend war der Widerspruch zwischen Verfassung und der politischen Realität des Stalinismus, denn einerseits enthielt das Grundgesetz, das 1952 verabschiedet wurde, ein klares Bekenntnis zu den Zielen der europäischen und polnischen Linken: nationale Souveränität, Demokratie, Gewaltenteilung, Gleichheit vor dem Gesetz, gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln, Recht auf Arbeit, soziale Absicherung. Andererseits zeichnete sich die polnische Verfassungsrealität jener Jahre dadurch aus, dass weder die Regierung als tatsächliche Exekutive fungierte noch das Parlament in Gestalt des Sejms die wesentlichen legislativen Entscheidungen traf. Vielmehr ging die Gesetzgebung fast vollständig vom Staatsrat aus, einem kollektiven „Staatsoberhaupt“, der bis 1956 weit über hundert Dekrete erließ, die dann Gesetzeskraft erlangten und politisch umgesetzt wurden. Das Symbol des polnischen Stalinismus: Bolesław Bierut.( Quelle: Wikipedia Commons) Letztendlich fielen die wichtigsten legislativen und exekutiven Entscheidungen in einem Dreiergremium mit dem ersten Sekretär der PZPR/PVAP Bolesław Bierut, dem Chef der Staatlichen Plankommission Hilary Minc und dem Unterstaatssekretär im Amt des Ministerpräsidenten Jakub Berman. Bierut war bis 1952 auch Vorsitzender des Staatsrats und anschließend Ministerpräsident. Die drei Spitzenfunktionäre genossen bis zum Beginn des „Tauwetters“ das unbedingte Vertrauen der Führung in Moskau. Während Minc für die Wirtschaft zuständig war, kontrollierte Berman den Sicherheitsapparat, die Außenpolitik und die Propaganda. Demgegenüber spielten die 2. Historische und städtebauliche Epochen 54 klassischen kommunistischen Machtorgane wie das Politbüro und das Sekretariat des Zentralkomitees eine untergeordnete Rolle.58 Doch diese Führungsspitze benötigte auch ein Heer williger Parteifunktionäre, die Entscheidungen und Anweisungen von oben umsetzten. Im Jahr 1953 umfasste der Parteiapparat mehr als 16 000 Funktionäre, zwei Jahre später waren es sogar 20 000. Da sich die rekrutierten Personen vor allem durch ideologische Standfestigkeit und weniger durch fachliche Qualifikationen auszeichneten, war die Folge eine fortgesetzte Entprofessionalisierung, wenn man für 1949 überhaupt von einem professionellen Parteiapparat sprechen will. Die Mehrheit der hauptamtlichen Funktionäre in den Parteikomitees stammte aus Arbeiterfamilien. Auch der Staatsapparat wurde stark aufgebläht. Die katholische Kirche wurde in den ersten Nachkriegsjahren kaum angegriffen. Bolesław Bierut zeigte sich bei staatlichen Feiern mit höchsten Vertretern der Kirche. Katholische Bücher konnten publiziert werden, der Religionsunterricht blieb erhalten, die Katholische Universität in Lublin konnte fast ungehindert ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen. Nach der Wahl des streitbaren Bischofs von Lublin, Stefan Wyszyński, zum Primas der katholischen Kirche im Jahr 1948 begannen jedoch die Angriffe auf die Kirche. Partei- und Staatsführung nahmen die Haltung von Papst Pius XII. zum Anlass, der die Vertreibung der Deutschen kritisierte und im Juli 1949 den Mitgliedern der kommunistischen Partei mit Exkommunizierung drohte. Geistliche und wurden eingeschüchtert und schikaniert. Im Jahr 1950 erfolgte die Übertragung des Besitzes der katholischen Caritas auf die „Bewegung patriotischer Priester“, die Partei und Sicherheitsdienst aufgebaut hatte und drei Jahre später etwa ein Zehntel der katholischen Geistlichkeit umfasste. Mit einem Dekret von 1953 wurde die Kirche verpflichtet, bei der Neubesetzung von geistlichen Stellen eine Genehmigung des Staates einzuholen. Außerdem wurden alle Geistlichen zu einem Treuegelöbnis gegenüber der Volksrepublik verpflichtet. Als sich Kardinal Wyszyński in einer Predigt öffentlich weigerte, dieses Dekret zu akzeptieren, wurde er am 25. September 1953 verhaftet und interniert. Seine Freilassung erfolgte erst am 26. Oktober 1956. Im Rahmen der Ende der 1940er Jahre eingeleiteten Zwangskollektivierung entstanden etwa 9000 landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaften, die aber nur neun Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche umfassten. Wiederholt zeigte sich, dass die privaten Bauern ertragreicher wirtschafteten als die pseudogenossenschaftlichen und staatlichen Landwirtschaftsbetriebe. Noch stärker als in den Nachkriegsjahren war die stalinistische Periode eine Zeit gewaltiger gesellschaftlicher Veränderungen. So vervierfachte sich die Zahl der Industriearbeiter, die vor allem bei den großen Investitionen in der Schwerindustrie und für den Wiederaufbau gebraucht wurden. Viele von ihnen strömten in die Städte. Hunderttausende lebten aber auch weiterhin auf dem Land und pendelten täglich zur 58 Die Denkweise dieser Spitzenfunktionäre wird deutlich in den Gesprächen, die die Journalistin Teresa Torańska mit Jakub Berman und anderen Stalinisten jener Zeit geführt hat: Torańska, Teresa: Oni, London 1985. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 55 Arbeit in die Städte. Die Folge des Zuflusses war eine Proletarisierung der Städte. Aber viele Arbeiter wurden in den Trabantenstädten, die aus dem Boden gestampft wurden, nie wirklich heimisch. Viele litten unter Vereinzelung, weil sie aus der gewohnten Ordnung des ländlichen Lebens herausgerissen worden waren. Gerade die Massen junger Arbeiter waren für die Partei- und Staatsführung eher unberechenbar und daher schwer zu kontrollieren. Hinzu kam ein Absinken des Lebensstandards in den Städten, das nicht zuletzt auf die Verstaatlichung von privaten Geschäften, Restaurants, Gastwirtschaften und Cafés zurückzuführen war. So konnte es nicht ausbleiben, dass viele Arbeiter zunehmend kritisch auf die Benachteiligungen und sozialen Ungleichheiten schauten. Sie mussten mitansehen, dass die Mitgliedschaft in der kommunistischen Nomenklatur, nicht aber familiäre Herkunft und Eigentum über die Stellung in der Gesellschaft entschieden. Mit Intensivierung der Propaganda und Terror reagierten Partei- und Staatsführung auf die Unruhe in der Gesellschaft. Die zentral gesteuerten Medien vermittelten ein Bild ausnahmslos glücklicher Menschen, die, wie es hieß, sicher im neuen System aufgehoben seien und einer lichten Zukunft entgegensähen. Überall, so die Propaganda, herrsche Stolz auf die Errungenschaften der Werktätigen: Vollbeschäftigung, Schulpflicht und Förderung der Bildung, große Investitionen in die Kultur. Die Medien feierten die angebliche Überlegenheit des Sozialismus über den Kommunismus sowie die Kraft der sozialistischen Staatengemeinschaft. Vor allem innerhalb der intellektuellen Jugend gelang es, eine neue Schicht von Marxisten-Leninisten herauszubilden und dieser einen beruflichen sowie sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Der massenhafte Terror wiederum war Ausdruck des „verschärften Klassenkampfes“, den die Kommunisten propagierten. Dieser richtete sich nach außen gegen „US- und britischen Imperialismus“ sowie das „revanchistisch-faschistische“ Westdeutschland, während im Inneren die Kirche, Privateigentümer und alle „Feinde der neuen Ordnung“ Ziel der Attacken waren. Dabei galt der Terror nicht nur allen direkten Gegnern, sondern war auch ein wichtiges Mittel zu Einschüchterung und Bedrohung breiter Gesellschaftsschichten. Allerdings erreichte das Ausmaß an Verhaftungen, politischen Prozessen, Todesurteilen sowie sozialer Deklassierung nicht jenes Maß wie etwa in der damaligen Tschechoslowakei und in der DDR. Militärisch unterstand Polen in stalinistischen Zeiten völlig dem Diktat Moskaus. Die Führung um Bierut verzichtete auf jedwede Eigenständigkeit des polnischen Militärs und akzeptierte die strategische Unterordnung unter die Sowjetunion. Auch ihre Leitlinie war die Grundsatzrede, die der für ideologische Fragen zuständige sowjetische Parteisekretär Andrei Alexandrowitsch Schdanow während einer Konferenz kommunistischer Parteien in Szklarska Poręba (Schreiberhau) am 22. September 1947 gehalten hatte. Schdanow hatte von einer Teilung der Welt in zwei Hauptlager gesprochen: das imperialistisch-antidemokratische Lager auf der einen und das antiimperialistisch-demokratische Lager auf der anderen Seite. Das Hauptziel des imperialistischen Lagers, geführt von den USA, so sagte er, sei „die Festigung des Imperialismus, die Vorbereitung eines neuen imperialistischen Krieges, der Kampf gegen Sozialismus und Demokratie sowie die Unterstützung reaktionärer und profaschistischer Regimes und Bewegungen“. Demgegenüber sei das Ziel des antiimperialistisch-demo- 2. Historische und städtebauliche Epochen 56 kratischen Lagers der Kampf gegen die Gefahr neuer Kriege und gegen die imperialistische Expansion, die Festigung der Demokratie sowie die Ausrottung der Überbleibsel des Faschismus.59 Der ideologischen Unterordnung entsprach die personelle. So waren ein wichtiges Element der polnischen Abhängigkeit die vielen sowjetischen Offiziere in der polnischen Volksarmee. Dies manifestierte sich besonders durch das Auftreten des sowjetischen Marschalls Konstantin Rokossovsky, der ab 1949 sogar als polnischer Verteidigungsminister und stellvertretender Regierungschef amtierte. Er sorgte dafür, dass sowjetische Offiziere fast alle Führungspositionen im polnischen Generalstab übernahmen. Mit dem polnisch-sowjetischen Vertrag von 1950, der auf sieben Jahre angelegt war, vereinbarte man die Lieferung sowjetischer Rüstungsgüter und die Erteilung von Lizenzen im Gesamtwert von 300 Millionen Dollar. Finanziert wurden diese Lieferungen mit sowjetischen Krediten, die Polen mit industriellen Gütern zurückzahlen musste – was für die wenig entwickelte polnische Industrie eine große Belastung darstellte. Trotz Zentralismus, Kontrollwut und Repression war die stalinistische Staatspartei PZPR/PVAP schon in den frühen 1950er Jahren kein monolithischer Block mehr. Selbst höchste Funktionäre wurden vom Sicherheitsdienst bespitzelt. Immer wieder kam es zu Säuberungen. Diese betrafen nicht nur „rechte und nationalistische Abweichler“ wie Władysław Gomułka sowie seine Anhänger und auch ehemalige Mitglieder der sozialistischen PPS, sondern auch Gruppen von Parteifunktionären, die durch Alkoholismus, Diebstahl von Parteieigentum oder mangelnde Disziplin bzw. Unterordnung aufgefallen waren. Gomułka war im August 1951 verhaftet worden, ließ sich aber in der Haft nicht „umdrehen“. Schon zuvor hatte man den Parteiapparat weitgehend von seinen Anhängern gesäubert. Bei vielen Polen galt er als ehrlicher und patriotischer Kommunist, der für seinen Widerstand gegen den von Moskau dirigierten Stalinismus gelitten hatte. Innerhalb der Partei verschärften sich die Machtkämpfe zwischen verschiedenen Gruppen von Funktionären, die sich gegenseitig die Verantwortung für die jüngste Entwicklung in die Schuhe schieben wollten. Nicht zuletzt durch die Lockerung der Zensur mehrten sich die kritischen Stimmen gerade in der Jugend, die sich zunehmend auch öffentlich artikulierte. Für viele von ihnen sprach die studentische Wochenzeitung Po Prostu, die durch kritische Reportagen über die graue Lebenswelt im sozialistischen Polen von sich reden machte. Ebenso stellte die Redaktion der Zeitung zunehmend politische Fragen zu den Widersprüchen zwischen Lenin und Stalin, zur Ermordung polnischer, kommunistischer Parteiführer 1937 in der Sowjetunion, zum Warschauer Aufstand 1944 und natürlich zu den Hintergründen der Inhaftierung Gomułkas. Gleichzeitig versicherten die Autoren von Po Prostu immer wieder, dass sie den Glauben an eine gute Zukunft des Kommunismus nicht verloren hätten. Eine wichtige Initiative war auch der im Jahr 1955 entstandene Klub Krzywego Koła (wörtlich Klub des krummen Kreises), der kritische Wissenschaftler, Literaten und Künstler zu freimütigen Diskussionen zusam- 59 Zitiert nach Winkler, Heinrich August: Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg zum Mauerfall, München 2014, S. 71. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 57 menführte, darunter Jan Józef Lipski, Leszek Kołakowski, Jacek Kuroń, Adam Michnik und Karol Modzelewski. In dieser politisch und gesellschaftlich widersprüchlichen Situation wirkte die „Geheimrede“ von Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU am 25. Februar 1956 wie eine Bombe. Mit seinen Enthüllungen über die Verbrechen und den Personenkult Stalins zerstörte er das Fundament der Ideologie, die bisher auch an der Weichsel, zumindest offiziell, gegolten hatte. Schon wenige Wochen später zirkulierte der Redetext auch innerhalb der PZPR/PVAP, bald auch in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus. Viele junge Menschen, besonders außerhalb der Partei, zeigten sich erschüttert. Zu den direkten Folgen der Rede Chruschtschows in Polen gehörte eine große Amnestie, die mehr als 9000 Personen, vor allem politischen Häftlingen, die Freiheit brachte. Revolutionäre gesellschaftliche Veränderung Der polnische Kulturphilosoph Andrzej Leder, Professor am Institut für Philosophie und Soziologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften, nennt die gesellschaftlichen Veränderungen, die Polen in den Jahren 1939 bis 1956 erlebt hat, sogar eine Revolution.60 Tatsächlich waren diese Veränderungen gewaltig, wie in dieser Publikation schon angeklungen ist: Sie waren das Ergebnis von Krieg und Terror, der Zerstörung feudaler und bürgerlicher Besitzverhältnisse, der forcierten, auch ideologisch begründeten Industrialisierung, der Schaffung von Aufstiegsmöglichkeiten für breite Massen und der Förderung kommunistisch-proletarischer Kultur. Und sie wirken im Denken vieler Menschen bis heute nach: mal souverän und verantwortungsbewusst verarbeitet, mal unbewusst weiterwirkend. Gerade auch die Bevölkerungsstruktur der Hauptstadt Warschau hat sich in diesem Zeitraum stark verändert. Krieg und Besatzungsherrschaft haben Millionen Menschen das Leben gekostet. Die Nationalsozialisten betrieben die Ausrottung der polnischen Intelligenz und anderer Eliten. Die Shoah führte zur Vernichtung der meisten Juden als erheblicher Teil der polnischen Gesellschaft. Mit der Vertreibung der Gutsherren, der Verteilung von Land an die kleinen Bauern und der, später allerdings revidierten, Kollektivierung wurden die alte Adelsstruktur und die Besitzverhältnisse auf dem Land total verändert – und damit auch das Bewusstsein der Bauern. Zerstört wurde auch die feudalbürgerliche Besitzstruktur in Industrie, Handel, Handwerk und Dienstleistung. Vormalige Besitzer und Manager wurden zu Arbeitern, Gutsbesitzer zu Tagelöhnern. Die Herrschaft der Kommunisten löste die vormalige Dominanz des Adels sowie der Beamten- und Militäreliten ab. Die industrielle Revolution, die sich in Deutschland schon um 1900 ihren Weg gebahnt hatte, fand nun auch in Polen statt. Millionen junger Bauern bildeten die erste Generation einer neuen Arbeiterklasse, der durch die Kommunisten Essen, Würde 60 Leder, Andrzej: Prześniona rewolucja. Ćwiczenie z logiki historycznej, Warschau 2014; deutsche Ausgabe: Polen im Wachtraum. Die Revolution 1939–1956 und ihre Folgen, Osnabrück 2019. 2. Historische und städtebauliche Epochen 58 und ein neuer Status gegeben wurde. Viele Frauen drängten zu den neuen Arbeitsplätzen und erlangten so mehr Selbstbewusstsein. Politisch und ideologisch geschulte Kader aus der neuen Arbeiterklasse übernahmen zum Teil auch die Positionen der vormaligen Intelligenz. Viele nichtjüdische Polen nahmen in Handel, Handwerk und Dienstleistung den wirtschaftlichen Platz der getöteten Juden ein, nicht selten auch dadurch, dass sie sich deren zurückgelassenes Eigentum aneigneten. Im Zuge der Westverschiebung Polens und der Vertreibung bzw. Aussiedlung der Deutschen strömten viele Polen aus den vormaligen polnischen Ostgebieten in die ehemals deutschen Gebiete und dominierten fortan die gesellschaftlichen Strukturen in Schlesien, Hinterpommern und im südlichen Ostpreußen. Großen Einfluss auf die Zusammensetzung der Gesellschaft im damaligen Polen hatte außerdem die Aussiedlung von Ukrainern in die ukrainische Sowjetrepublik sowie die Ansiedlung von Ukrainern aus dem Südosten des Landes insbesondere nach Hinterpommern. Der polnische Regisseur Andrzej Wajda erzählte in seinem Film „Der Mann aus Marmor“ (Człowiek z marmuru) die Geschichte des Maurers Mateusz Birkut (Bildmitte), der in den 1950er Jahren zum Helden der Arbeiterklasse aufsteigt, dann aber wegen seiner Kritik am kommunistischen System in Ungnade fällt (Quelle: Filmmuseum Potsdam, Stichwort „Der Mann aus Marmor“). Andrzej Leder führt die Tatsache, dass die damaligen Erfahrungen von Teilen der polnischen Gesellschaft bis heute nicht souverän bewältigt wurden, insbesondere darauf zurück, dass die damaligen staatlichen, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht selbst herbeigeführt, sondern ihnen weitgehend von der deutschen Besatzungsmacht und später von den durch Moskau gesteuerten polnischen Kommunisten aufgezwungen worden seien. Die Menschen wurden damit konfrontiert und mussten sich dem anpassen. Wenn bis heute damalige polnische Verbrechen gegen Juden in Teilen der polnischen Bevölkerung nicht selbstkritisch gesehen, sondern verdrängt werden, hängt das mit der damaligen Instrumentalisierung 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 59 der Menschen zusammen, denen der eigene Einfluss auf das Geschehen verwehrt blieb. Wiederaufbau als politisches Prestigeobjekt Als Einheiten der Roten Armee und der polnischen Berling-Armee am 17. Januar 1945 in Warschau einmarschierten, fanden sie eine Stadt der Ruinen und fast ohne Einwohner vor. 85 Prozent der vormaligen Bebauung waren zerstört. „In den Nachkriegsmonaten erinnerte das Straßenbild einer Mondlandschaft. Warschau befand sich im Zustand des klinischen Todes. Und trotzdem füllte sich die Stadt wieder mit Menschen – jene, die schon früher hier gewohnt hatten, mischten sich mit anderen, die neu nach Warschau kamen. Mit 5,8 Prozent war der Bevölkerungszuwachs im Jahr 1945 noch sehr niedrig. Doch schon 1947 zählte die Stadt eine halbe Million Einwohner.“61 Gleich nach Kriegsende entfalteten sich in den Ruinen auch Diskussionen über mögliche Grundsätze für den Wiederaufbau, die teilweise an jene Überlegungen anknüpften, die schon während des Krieges angestellt worden waren.62 An diesen Beratungen beteiligten sich Politiker, Architekten, Denkmalpfleger, Städtebauer, Journalisten und auch viele Bürger, die auf diese Weise die Liebe zu ihrer Stadt zum Ausdruck bringen wollten. Dabei sprach sich die Mehrheit der Architekten für den Aufbau in modernen Formen aus, während die Meinungen unter Denkmalpflegern unterschiedlich waren.63 Professor Jan Zachwatowicz, der nach dem Krieg das Amt des Generalkonservators ausübte, schrieb später über diese Diskussionen: „Angesichts der schrecklichen Ruinen, der verbrannten oder zerstörten Bezirke der Altstadt […] brachen konservatorische Grundannahmen zusammen […] Die Dramatik der Situation wurde durch das Bewusstsein vertieft, dass eine Reihe von Objekten nicht zufällig, infolge von Kriegshandlungen zerstört worden war, sondern als bewusster Akt der Vernichtung von Werken der polnischen Kultur […] Man überlegte, ob die Denkmäler in dem Zustand belassen werden sollten, in dem sie sich zur gegebenen Zeit befanden, und ob man den Gedanken an einen Wiederaufbau aufgeben sollte, was einen vollständigen Verzicht auf eine große Zahl von Denkmälern bedeutete, oder die Erhaltung eines Ruinenmeeres, was im Stadtkomplex unmöglich war […] Es entstand der Gedanke an einen Wiederaufbau, an die Übermittlung wenigstens eines Bildes der zerstörten Kulturwerke an die Gesellschaft […] Die emotionale Haltung stand im Widerspruch zu der grundsätzlichen konservatorischen Haltung, angesichts der großen Verluste und ihrer spezifischen Grundlage jedoch war die Wahl des schweren Weges in dieser Zeit notwendig.“64 61 Skalimowski, Andrzej/Weszpiński, Paweł E.: Plan Warszawy, Warschau 2018, S. 18. 62 Siehe S. 39 in dieser Publikation. 63 Siehe Tomaszewski, Andrzej: Legende und Wirklichkeit – Der Wiederaufbau Warschaus, in Bingen, Dieter/Hinz, Martin (Hrsg.): Die Schleifung: Zerstörung und Wiederaufbau historischer Bauten in Deutschland und Polen, Wiesbaden 2005, S. 165 ff. Ebenso Herber, Grażyna Ewa: Wiederaufbau der Warschauer Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Spannungsfeld zwischen denkmalpflegerischen Prinzipien, politischer Indienstnahme und gesellschaftlichen Erwartungen, University of Bamberg Press 2014. 64 Zit. nach Tomaszewski, Legende und Wirklichkeit, S. 166. 2. Historische und städtebauliche Epochen 60 Insgesamt vier Positionen bestimmten die Diskussion. So wurde in Erwägung gezogen, die westlich von Warschau gelegene Großstadt Łódź, die nicht so stark zerstört worden war, zur neuen Hauptstadt des Landes zu erklären, da, wie es hieß, der Wiederaufbau Warschaus die Kräfte des arg strapazierten Landes übersteigen würde. Ein zweiter Vorschlag bestand darin, die Ruinen der Altstadt so zu belassen, wie sie zu dem Zeitpunkt waren, umgeben von Grünanlagen als ein Mahnmal der Zerstörung. Die Befürworter des Wiederaufbaus wiederum sahen diesen nicht zuletzt als Chance, Fehler in der bisherigen städtebaulichen Entwicklung Warschaus zu korrigieren – unter Beachtung wichtiger Traditionen der Architektur und des Städtebau Polens. Eine vierte Gruppe präsentierte sich als Anhänger von Le Corbusier und votierte für die Konzeption einer völlig neuen Stadt. Die Diskussion fand vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage statt, in der sich Polen damals befand, also der starken Abhängigkeit von der Sowjetunion. Während in Westeuropa als Alternativlösung zum Wiederaufbau der zerstörten Denkmäler die Errichtung moderner Bauwerke betrachtet wurde, die dann oft architektonisch mindere Qualität aufwiesen, war eine solche Architektur in der Sowjetunion und den von ihr abhängigen Ländern, wo ein ideologischer Kampf gegen den Westen geführt wurde, als, wie es hieß, „Frucht des verfaulenden Kapitalismus und Imperialismus“ verboten. Propagiert wurde stattdessen ein von Stalin besonders geschätzter Eklektizismus, der offiziell „Sozialistischer Realismus“ genannt wurde und „national in der Form und sozialistisch im Inhalt“ zu sein hatte. Andererseits waren sich auch die sowjetische Führung und besonders Stalin bewusst, wie wichtig städtebauliche und architektonische Traditionen für die Menschen in Polen waren, und signalisierten deshalb die Bereitschaft, eine gewisse polnische Eigenständigkeit beim Wiederaufbau der Altstadt und ganz Warschaus zu tolerieren. Stalin, der unter den Menschen in Polen weitgehend auf Ablehnung stieß, wollte auf diesem Wege seine eigenen Sympathiewerte erhöhen und auch der Staatsführung in Polen mehr Akzeptanz bei der Bevölkerung verschaffen. So erlangte der Wiederaufbau Warschaus den Rang eines politischen Prestigeobjekts großer Wichtigkeit. Erst im Juli 1949 beschloss die Führung der PVAP/PZPR definitiv den Wiederaufbau der Altstadt, der mit dem Begriff „Bau einer Wohnsiedlung‚ Altstadt‘“ umschrieben wurde.65 Vorrangig ging es darum, durch den Wiederaufbau Wohnraum für die nach Warschau strömenden Arbeiter zu schaffen und Einsparungen vorzunehmen, indem die Vorkriegsbebauung nicht vollständig wiederhergestellt werden sollte. Der Parteibeschluss gab auch gewissen Grundsätze für den Wiederaufbau vor.66 So sollte das Straßennetz der Altstadt als städtebauliches Denkmal auf jeden Fall erhalten bleiben. Für den Wiederaufbau, so hieß es, hätten vor allem soziale Prinzipien zu gelten. Außer den Wohnungen müssten aber auch Geschäfte, Cafés und Restaurants gebaut sowie Räumlichkeiten für Museen, Verbände und Clubs geschaf- 65 Wenn im Folgenden von Altstadt die Rede ist, dann sind damit zwei Stadtteile gemeint: die eigentliche Altstadt (Stare Miasto), die bis auf das Mittelalter zurückgeht, und die nordwestlich sich anschlie- ßende Neustadt (Nowe Miasto), die im 15. Jahrhundert gegründet wurde. 66 Biegański, Piotr: Odbudowa Starego Miasta w Warszawie. Warszawa 1953. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 61 fen werden. Gefordert wurde außerdem eine „Lockerung“ der Bebauung von Parzellen und Häuserblocks bzw. eine „Entkernung“ der Innenhöfe, was dann in der Praxis dazu führte, dass nicht die gesamte Bebauung hinter den Häusern an der Straßenfront wiederhergestellt wurde. Generell wurde betont, dass „funktionale und ästhetische Faktoren […] Vorrang gegenüber dem Prinzip der Bewahrung der authentischen Denkmalsubstanz“ haben müssten. Andrzej Tomaszewski: „Die Planer standen einerseits vor dem schier unlösbaren Problem, Typenwohnungen in die altstädtischen Bürgerhäuser einzubauen, wodurch die traditionellen räumlichen Verhältnisse aufgehoben wurden, andererseits musste die Bebauungsdichte aus Belichtungsgründen, wegen der erforderlichen Sonneneinstrahlung und der Grünflächen, verringert werden. Das ermöglichte es den Architekten, romantische Szenographien mit historischem Flair zu entwerfen. In dieser Situation mussten die Belange der Restaurierung der Bruchstücke der historischen Substanz und der Rekonstruktion der zerstörten Formen vor den neuen Maßgaben zurückweichen. Trotz der vorhandenen Dokumentation des ursprünglichen Zustands musste man sich öfter für den Abriss von erhaltenen Mauern und den Entwurf einer neuen Raumgliederung hinter rekonstruierten Fassaden entscheiden.“67 Unter dem Druck der kommunistischen Führung des Landes setzten sich für den Wiederaufbau der gesamten Warschauer Innenstadt, also nicht nur der Altstadt, Regeln durch, die nicht zuletzt durch Selektivität gekennzeichnet waren.68 Das bedeutete beispielsweise, dass Denkmalkomplexe der neohistorischen und Jugendstilarchitektur nicht in den Wiederaufbau miteinbezogen wurden, weil diese Perioden in der stalinistischen Phase als „wertlos“ angesehen wurden. Das führte dann zum Abriss von beschädigten Gebäuden dieser Architektur, die man durchaus vollständig wiederherstellen hätte können. So richtete man beim Wiederaufbau der historischen Viertel den Blick auf den Klassizismus der Zeit vor 1850. Dabei orientierte man sich an gemalten Stadtansichten von Bernardo Belotto (Canaletto), wenn keine Dokumentationen vorlagen. Stammte ein Gebäude oder ein ganzer Komplex aus verschiedenen Entwicklungsphasen, folgte man beim Wiederaufbau, besonders der Fassaden, einem „archäologischen“ Prinzip mit der Maßgabe: Je älter eine Bauphase ist, desto wertvoller ist sie. So erhielt die Kathedrale eine gotische Fassade, obwohl diese vor dem Zweiten Weltkrieg eine neogotische Struktur hatte. Und die einst aus verschiedenen Epochen stammende Bebauung der Straße Nowy Świat wurde zu einem einheitlichen Ensemble des Spätklassizismus geformt. Hinzu kamen weitreichende Korrekturen. Tomaszewski: „Wurden Bauteile aus einem Komplex […] als verunzierend oder bedrückend empfunden, wurden ihre Gestalt und Form beliebig verändert. Infolge solcher Eingriffe war der wiederaufgebaute Komplex ein Gebilde seiner Zeit, nicht nur im Bereich der angewandten Stoffe und Bautechnologien, sondern auch in seiner ästhetisch-philosophischen Konzeption – durch und durch romantisch, visionär. Er ersetzte den ursprünglichen, zerstörten Komplex durch eine selektive, ideale Vision auf halbem Weg ‚zwischen den alten und den neuen Zeiten‘ […] Armselige, schmutzige, dicht bebaute und bewohnte Altstadtteile konn- 67 Tomaszewski, Legende und Wirklichkeit, S. 167. 68 Omilanowska, Rekonstruktion statt Original, S. 228. 2. Historische und städtebauliche Epochen 62 ten in eine romantische Siedlung verwandelt werden, die den Charme der historischen Formen mit der Hygiene und den Anforderungen der Gegenwart vereinte.“69 Eine wesentliche Grundlage für die praktische Durchsetzung all dieser Prinzipien war das Dekret über Eigentum und Nutzung der Grundstücke im Verwaltungsbereich Warschaus, das schon am 26. Oktober 1945 erlassen worden war.70 Es diente vor allem dazu, Haus- und Grundeigentümer zu enteignen und war politisch ein Angriff auf die überlebenden Angehörigen des Warschauer Bürgertums. Bei der Nutzung der wiederaufgebauten Häuser wurden Arbeiter- und Bauernfamilien bevorzugt, die von außerhalb nach Warschau zogen. Jahre später stellte sich heraus, dass die Enteignung rund 17 000 Fälle umfasste, darunter auch Gebäude, die sich erhalten hatten oder auf Initiative privater Eigentümer wiederaufgebaut worden waren.71 Wie schon an anderer Stelle erwähnt, war das Interesse der polnischen Gesellschaft und besonders der zurückgekehrten Einwohner Warschaus groß. Dabei wollten die Menschen in der Regel ihr Warschau so wiederhaben, wie es vor dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen hatte. Schon im Frühjahr 1945 begannen viele Bürger selbständig mit Aufräumarbeiten, ohne dass seitens der Offiziellen schon Entscheidungen gefallen sowie Dokumente und Pläne veröffentlicht worden waren. Vielfach wurden besonders die ersten Arbeiten von Freiwilligen ausgeführt, die zum Beispiel beim Wegräumen des Schutts halfen. Und auch die Spendenbereitschaft war hoch, wenngleich dies angesichts der schwierigen materiellen Lage nur symbolische Bedeutung hatte. Der gesellschaftliche Wiederhall des Beschlusses zum Wiederaufbau der Warschauer Altstadt war so groß, dass die kommunistische Führung des Landes, um das Wohlwollen der Bevölkerung auf sich zu ziehen, dem Wiederaufbau der Denkmäler einen festen Platz in Politik und Propaganda einräumte. So wurden die von den Architekten vorgelegten Entwürfe vom Politbüro der PVAP/PZPR bewilligt – oft erst nachdem weitreichende Änderungen vorgenommen waren. Das Politbüro nahm sogar Besichtigungen vor und traf dann an Ort und Stelle verbindliche Beschlüsse, wobei die Funktionäre nicht selten voluntaristische Entscheidungen jenseits der historischen Erfordernisse und fachlichen Anforderungen trafen. Der damalige Staatspräsident Bolesław Bierut, Polens wichtigster Exponent des Stalinismus, machte den Wideraufbau sogar zu seinem persönlichen Anliegen, immer wieder auch angespornt von seiner Tochter, die in jenen Jahren Architektur studierte. In einem Gespräch mit dem Architekten und Städtebauer Edmund Goldzamt72 im Juni 1949 sagte Bierut: 69 Tomaszewski, Legende und Wirklichkeit, S. 169. Siehe auch Majewski, Piotr: Ideologia i konserwacja. Architektura zabytkowa w Polsce w czasach socrealizmu, Warschau 2009. 70 Dekret z dnia 26 października 1945 o własności i użytkowaniu gruntów na obrzarze m. st. Warszawy (Dekret vom 26. Oktober 1945 zum Eigentum und zur Nutzung des Grunds auf dem Gebiet der Stadt Warschau. Dziennik Ustaw 1945, Nr. 50, poz. 279. Korrigiert in Dziennik Ustaw 1948, Nr. 50, poz. 275. 71 Majewski, Jerzy S./Markiewicz, Tomasz: Warszawa nie odbudowana, Warschau 1998, S. 15 und 158 f. 72 Edmund Goldzamt (1921–1990), der als Professor an der Architekturabteilung des Warschauer Technischen Universität lehrte, gilt als Schlüsselfigur des Sozialistischen Realismus in der polnischen Architektur. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 63 „Die Partei interessiert sich für die Architektur, weil diese eine besondere Form der Ideologie darstellt. Sie darf der Partei nicht gleichgültig sein, weil mit ihr Wertvorstellungen für die Zukunft formuliert werden […] Die Ideologie erkennt in der Architektur eine ihrer wichtigsten Ausdrucksformen. Wie könnten wir unsere Ziele besser zum Ausdruck bringen als mit dem Entwurf für eine neue Stadt.“73 Wesentlichen Anteil an der Realisierung des Wiederaufbaus entsprechend den Vorgaben der Partei hatte der Architekt und Städtebauer Józef Sigalin (1909–1993), der in den Jahren 1951 bis 1956 das Amt des Ersten Stadtarchitekten ausübte. Unter seiner Leitung stand der Wiederaufbau von Brücken (Poniatowskiego, Śląsko-Dąbrowskiego, Gdańskiego, Łazienkowskiego), Warschauer Plätzen (Konstytucji, Defilad, Rynku Mariensztackiego), des Stadtteils Mariensztat sowie der Siedlung MDM an der Marszałkowska-Straße.74 Romantische Wiedergeburt der Altstadt Der Wiederaufbau der Altstadt begann 1950 und dauerte genau genommen bis 1956, auch wenn sie schon am 22. Juli 1953 der Öffentlichkeit übergeben wurde. Die Wiederherstellung der Stadtmauer zog sich sogar bis 1962 hin. Zentrale Instanz für den Wiederaufbau sowohl der Altstadt als auch des Zentrums der polnischen Hauptstadt war in den Jahren 1945 bis 1951 das Büro für den Wiederaufbau der Hauptstadt (Biuro Odbudowy Stolicy – BOS). Ursprünglich als Vollzugsorgan des Stadtpräsidenten von Warschau gedacht, geriet das BOS immer mehr in den Sog des kommunistisch gesteuerten Ministeriums für Wiederaufbau und des ab 1947 amtierenden Staatspräsidenten Bolesław Bierut. Graue Eminenz des BOS war der schon erwähnte Józef Sigalin, der „Genosse Wiederaufbau“ (Towarzysz Odbudowy) genannt wurde.75 Das BOS übernahm alle Aufgaben, die im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau standen, wozu besonders die Planung, die Ausarbeitung der Entwürfe und die Dokumentation gehörten. Doch das Gremium verlor zunehmend an Bedeutung. Die Zahl seiner Mitglieder betrug anfangs etwa 1400 Personen, sank dann aber peu à peu und betrug bei seiner Auflösung im September 1951 nur noch 500. Das Kommando über den Wiederaufbau hatten schließlich nur noch der Staatspräsident und die obersten Instanzen der PVAP/PZPR. In den ersten beiden Nachkriegsjahren bestand die hauptsächliche Arbeit im Erstellen der Karten und der Dokumentation, der vorläufigen Sicherung der Ruinen und der Beseitigung der Trümmer. Allen Beteiligten war klar, dass mit dem Wiederaufbau erst begonnen werden konnte, nachdem die Trümmer beseitigt worden waren. Auch die Forschungsarbeiten und andere Untersuchungen konnten nicht inmitten der Trümmerlandschaft stattfinden. Die Beseitigung der Trümmer, die im Wesentlichen von Freiwilligen ausgeführt wurde, stand unter Aufsicht von Fachleuten. Dabei 73 Zit. nach Baraniewski, Waldemar: Ideologia w architekturze Warszawy okresu realizmu socjalistycznego. Rocznik Historii Sztuki, t. 22, 1996, S. 236 f. 74 Siehe unter anderem Skalimowski/Weszpiński, Plan Warszawy, S. 24 f. 75 Głowacka, Karolina: „Jego miłością była Warszawa“. Skarpa, Nr. 12/2018, S. 12 ff. 2. Historische und städtebauliche Epochen 64 wurden auch kleinste Objekte wie Glasscherben, Metallteile wie Türbeschläge und Elemente des Mauerwerks genau untersucht und inventarisiert. Überraschung herrschte unter den beteiligten Fachleuten, als unter den barocken Fassaden und bürgerlichen Innenräumen gotische Mauern, Portale, Gewölbe und Kellerräume – mit entsprechenden Dekorationen – entdeckt wurden. Dies bestätigte die Erkenntnis, dass die Altstadt (Stare Miasto) im Wesentlichen auf die Zeit der Gotik zurückging, als Warschau Hauptstadt Polens wurde. Diese gotischen Spuren und baulichen Überreste wurden dann zu einem wichtigen Element bei Art und Form des Wiederaufbaus. Allerdings war dieses Ansinnen nicht ohne Gefahren. Zwar konnte mit den Funden bewiesen werden, dass Warschau schon in der Zeit der Gotik weitgehend aus gemauerten Gebäuden mit anspruchsvoller architektonischer und künstlerischer Gestaltung bestand, doch reichte diese Erkenntnis nicht für eine vollständige Rekonstruktion. An eine vollständige Wiederherstellung der gotischen Architektur war nicht zu denken, da dies Warschau künftig den Ruf voluntaristischer romantisierender Denkmalpflege einbringen würde. Außerdem waren ja auch auf dem gesamten Gebiet der Altstadt Architekturelemente aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten geblieben, die aus der Zeit stammten, als Warschau nach dem Brand im Jahr 1607 weitgehend neu errichtet werden musste. Hinzu kam, dass ikonografisches Material über das gotische Warschau fast vollständig fehlte. Deutlich wird dies am Beispiel der Johanneskathedrale, die im Zuge des Wiederaufbaus eine Gestaltung erhielt, die sie nie zuvor gehabt hatte. Vor der Zerstörung 1944 entsprach insbesondere ihre Fassade dem Stil der englischen Neogotik des 19. Jahrhunderts, der, wie schon erwähnt, von den kommunistischen Machthabern nicht gern gesehen wurde. Andererseits lagen keinerlei Dokumente vor, die einen genaueren Eindruck der Gestaltung der Kathedrale in der gotischen Zeit hätten vermitteln können. So entwarf man eine Fassade im Stil der Gotik, die aber mehr dem Wunschdenken der Kommunisten als der damaligen gotischen Realität entsprach. Außerdem verzögerte sich der Wiederaufbau der Altstadt, weil in den ersten beiden Nachkriegsjahren vor allem Straßen wieder befahrbar gemacht sowie Anschlüsse für Wasser, Gas und Strom wiederhergestellt werden mussten. Auch hatte der Bau von Fabriken sowie von Schulen und anderen sozialen Einrichtungen Vorrang. Au- ßerdem begann man mit dem Wiederaufbau etwa im Zentrum Warschaus früher als in der Altstadt. Mit der schon 1947 vollendeten Ost-West-Trasse (Trasa W-Z) wurden Bedingungen geschaffen, die auch für den Wiederaufbau der Altstadt von großer Bedeutung waren. Teil dieser Trasse ist ein Tunnel, der unter der Altstadt verläuft und den Stra- ßenverkehr zur Brücke über die Weichsel führt. Bis heute ist der Tunnel eine wichtige Verkehrsverbindung zwischen dem links der Weichsel liegenden Stadtzentrum und dem östlichen Stadtteil Praga. Gravierend war und ist, dass der Tunnel nicht unterirdisch gebohrt, wie von Denkmalpflegern gefordert, sondern aufgrund einer tiefen Baugrube, die nach Fertigstellung der Trasse wieder verfüllt wurde, oberirdisch errichtet wurde. Diese ohne Zweifel kostengünstigere und schneller zu realisierende Methode erforderte aber die Vernichtung von Baudenkmälern, die auf dem Gelände 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 65 der späteren Trasse lagen. Außerdem arbeitete man mit Sprengungen, die tektonische Bewegungen verursachten. Ein Abrutschen des Weichselufers und der nahe der Trasse stehenden St.-Anna-Kirche konnte nur durch eine Befestigung des Ufers mit Betonspritzen vermieden werden.76 Der Wiederaufbau ganz Warschaus wurde weitgehend mit staatlichen Mitteln finanziert. Von den Geldern, die das Ministerium für Wiederaufbau für das ganze Land zur Verfügung hatte, entfielen auf Warschau 1945 etwa 53 Prozent, 1946 waren es 42 Prozent sowie 1947 und 1948 29 bzw. 25 Prozent.77 Die katholische Kirche beteiligte sich am Wiederaufbau von Sakralbauten, ebenso einzelne Ordensgemeinschaften, die mit eigenen Mitteln Klöster wieder errichteten. Bis 1949 konnten auch einige verbliebene private Hauseigentümer den Wiederaufbau finanzieren, etwa in der Warschauer Straße Nowy Świat. In den ersten Nachkriegsjahren konnte der Wiederaufbau von Gebäuden auch mit Geldern von Fördervereinen, etwa in USA, betrieben werden, was dann aber ab 1950 von der politischen Führung des Landes unterbunden wurde. Neben der Altstadt wurden auch andere historische Bereiche Warschaus wiederaufgebaut, insbesondere entlang des Königlichen Weges (Trakt Królewski). Dieser führt vom Königsschloss am Rande der Altstadt nach Süden zu den königlichen Residenzen Łazienki und Wilanów und umfasst die Straße der Krakauer Vorstadt (Krakowskie Przedmieście, die Straße Neue Welt (Nowy Świat) und die Ujazdów-Alleen (Aleje Ujazdowskie) zum Łazienki-Park und dann weiter einige Straßen ohne historische Gebäude bis zum barocken Schloss von Wilanów. Zwischen Königsschloss und Łazienki wurde eine ganze Anzahl von Kirchen, Palästen und Bürgerhäusern wiederaufgebaut und vor allem staatlichen und städtischen Institutionen zur Verfügung gestellt. Wiederhergestellt wurden auch die Gebäude im Łazienki Park, das Große Theater (Teatr Wielki) sowie das klassizistische Gebäude am Bankenplatz (Plac Bankowy), in dem heute die Warschauer Stadtverwaltung untergebracht ist, und die Gebäude von Banken und anderen Finanzinstitutionen. Mehrere wichtige städtebauliche Achsen kreuzen den Königsweg, darunter vor allem die Sächsische Achse (Oś saska), die aus der Zeit Königs August des Starken stammte, der ab 1697 auch König von Polen-Litauen war. An dieser Achse lag und liegt ein geräumiger repräsentativer Platz, der heute den Namen von Józef Piłsudski trägt. Zentrales Bauwerk dieser Ost-West-Verbindung war das im August 1944 zerstörte Sächsische Palais (Pałac Saski), über dessen Wiederaufbau immer mal wieder diskutiert worden war. In einem kleinen erhalten gebliebenen Teil des Palais befindet sich das Grabmal des unbekannten Soldaten. Insgesamt wurden in Warschau mehr als 700 historische Gebäude wiederaufgebaut. 76 Siehe unter anderem Majewski, Ideologia, S. 94. 77 Regulski, Jerzy/Syulc, Władysław: Koszty odbudowy i rozbudowy Warszawy w latach 1945–1959, in Warszawa Stolica Polski Ludowej, Heft 3, Band XV, Warschau 1973, S. 223 ff. 2. Historische und städtebauliche Epochen 66 Sozialistischer Realismus im Stadtzentrum: die MDM-Siedlung Wichtigste architektonische „Hinterlassenschaft“ des Sozialistischen Realismus in stalinistischen Zeiten sind das zwischen August 1950 und Juli 1952 gebaute Marszałkowska-Stadtviertel (Marszałkowska Dzielnica Mieszkaniowa – MDM) und der in den Jahren 1952 bis 1955 errichtete gigantische Kulturpalast, der bis heute die Silhouette Warschaus dominiert, wenngleich die nach dem Systemwechsel von 1989 im Stadtzentrum nach und nach gebauten Hochhäuser seine „Vorherrschaft“ etwas relativiert haben. Das MDM‑Viertel entlang der Marszałkowska-Straße besteht aus der Bebauung am Verfassungsplatz (Plac Konstytucji) und in dessen Umgebung sowie dem südlich sich anschließenden Gebäudekomplex zwischen dem Platz des Erlösers (Plac Zbawiciela) und dem Platz der Lubliner Union (Plac Unii Lubelskiej). Eine dritte Siedlung östlich des Verfassungsplatzes entlang der Allee der Befreiung (Aleja Wyzwolenia), die zwischen 1953 und 1956 errichtet wurde, gehört architektonisch mehr oder weniger auch zum MDM-Komplex. Die Entwürfe für die drei mächtigen Gebäudeensembles stammten von einer Arbeitsgruppe, die von Józef Sigalin geleitet wurde, sowie von Zofia Sekrecka. „Die MDM-Bebauung ist reich an sozialistisch realistischen Architekturdetails. Formen aus dem Klassizismus oder der Renaissance folgend, wurden die Gebäude mit hervorstehenden Gesimsen und Attiken dekoriert. Gemäß der Konzeption der ‚Kunstsynthese‘ wurde die Architektur um monumentale Figurenskulpturen, Flachreliefs, Schmiedekunst, Mosaiken und Sgraffito bereichert, ergänzt von meisterhaft geplanten Fußböden auf den Plätzen und Straßen sowie kleinen architektonischen Elementen (z. B. Straßenbeleuchtung) und Grünanlagen. Die Siedlungen wurden im großen Stil errichtet und verliehen der Innenstadt Warschaus ein neues Gesicht.“78 Nach dem Willen der Planer und Erbauer sollte der MDM-Komplex einen „ganzheitlichen“ Lebensraum für die Menschen bilden und ihnen ein würdiges Leben, Erholung sowie Zugang zu Kultur, Bildung und Vergnügen ermöglichen. Ohne Zweifel sollten die eindrucksvollen Gebäudekomplexe die Überlegenheit des Sozialismus und die Gestaltungskraft der stalinistischen Machthaber unter Beweis stellen, die dem Volk eine „lichte Zukunft“ versprachen. Ebenso dienten die dortigen Plätze und Stra- ßen bei offiziellen Anlässen als Ort für Umzüge, Paraden und Demonstrationen. Mit der Zeit verlor MDM etwas an Ausstrahlungskraft, weil zu wenig für die laufende Instandhaltung getan wurde. Hinzu kommt, dass die großen Fassaden in den neuen marktwirtschaftlichen Zeiten mehr und mehr für großformatige Werbeflächen genutzt werden. Andererseits haben die dortigen großen Wohnungen mit hohen Räumen bis heute eine ganz andere Qualität als die in den riesigen Plattenbauten, die später in den 1960er Jahren entstanden. 78 Dydek, Maria: Das architektonische Erbe des Sozialistischen Realismus in Warschau, in SocЯealismus – das architektonische Erbe in Warschau und Berlin, Ausstellungskatalog Haus der Begegnung mit der Geschichte (Dom Spotkań z Historią), Warschau 2011. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 67 Relief eines Arbeiters an einer der Säulen in dem MDM-Stadtviertel an der Marszałkowska-Straße (Quelle: Vetter). Das „Geschenk Stalins“: der Kulturpalast Von der Aussichtsplattform des gewaltigen Kulturpalastes im Zentrum Warschaus hat man den besten Blick auf die Hauptstadt. Bei schönem Wetter und besonders an den Wochenenden herrscht dort großer Besucherandrang. Der genaue Name des eindrucksvollen Bauwerks lautete ursprünglich Pałac Kultury i Nauki im. Józefa Stalina (Josef-Stalin-Palast der Kultur und Wissenschaft). Der Volksmund erfand deshalb die ironische Bezeichnung „Geschenk Stalins“. Noch in den 1980er Jahren waren über dem Haupteingang verwitterte Spuren dieser ursprünglichen Bezeichnung zu sehen. Allerdings sprach man nach 1956 fast nur noch vom Kultur- und Wissenschaftspalast. Mehr noch als das gewaltige Stahlwerk im Krakauer Vorort Nowa Huta, das ebenfalls in den 1950er Jahren errichtet wurde, war der Kulturpalast ein zentrales Element der offiziellen Propaganda, die schon im Planungsstadium vom Fachwissen und den organisatorischen Fähigkeiten sowjetischer Ingenieure und Bauleiter schwärmte. Ent- 2. Historische und städtebauliche Epochen 68 worfen wurde das Bauwerk von dem russischen Architekten Lew Rudnew, der sich sowohl von Moskauer Gebäuden wie der Lomonossow-Universität als auch dem Empire State Building in New York inspirieren ließ. Ebenso verarbeitete er Stilmittel wie die Attika in der polnischen Renaissance. Beauftragter der politischen Führung des Landes für den Bau des Kulturpalastes war Józef Sigalin, der regelmäßig Berichte über den Fortgang der Arbeiten an Präsident Bolesław Bierut, Premier Józef Cyrankiewicz und Bauminister Roman Piotrowski sandte. Entscheidende Grundlage für die Bereitstellung des Baugrunds war das Enteignungsdekret vom 25. Oktober 1945. Die auf dem Terrain verbliebenen Ruinen des Hauptbahnhofs und zahlreicher Mietshäuser sprengte man in die Luft, etwa 1500 der vormaligen Bewohner wurden in anderen Stadtteilen Warschaus und im nahegelegenen Jelonki angesiedelt. Dort entstanden auch ein Güterbahnhof, Produktionsstätten für Baumaterialien sowie eine Siedlung aus hölzernen Häusern mit dem Namen „Freundschaft“, in der etwa 3000 sowjetische Arbeiter, Techniker und Ingenieure untergebracht wurden. Zu dieser Siedlung gehörten auch eine Poliklinik, Geschäfte, Friseurbetriebe, eine Mensa, Kinos, Sportanlagen und Schulen. Die „Gastarbeiter“ aus der Sowjetunion konnten auch ein Erholungsheim am nahe gelegenen Zegrzyński- See nutzen. In der MDM-Siedlung im Warschauer Stadtzentrum wurde sowjetisches Führungspersonal untergebracht. Während die sowjetische Seite die Baukosten übernahm, finanzierte Polen die Vorbereitung des Baugrunds, geologische Untersuchungen, die Bereitstellung der Siedlung und Produktionsstätten in Jelonki sowie Brandschutz und andere Sicherungsmaßnahmen. Mit polnischem Geld wurden auch Arbeiterhotels für 2500 polnische Beschäftigte in der Elekcyjna-Straße gebaut. Im Laufe der Bauarbeiten gab es wiederholt Auseinandersetzungen zwischen der sowjetischen Bauleitung und der polnischen Seite. So waren den Sowjets die Preise für bereitgestellte polnische Materialien zu hoch, was sie dadurch auszugleichen suchten, indem sie polnische Rechnungen nicht vollständig bezahlten. Auch war das damalige Lohnniveau in Polen höher als in der Sowjetunion, was die sowjetische Bauleitung wiederholt dazu veranlasste, die Löhne der polnischen Arbeiter auf sowjetisches Niveau zu drücken und diese vorrangig für die schwierigsten und gefährlichsten Arbeiten einzusetzen. Um Auseinandersetzungen und Streiks zu vermeiden, wurde die gesamte Baustelle täglich durch Funktionäre des polnischen Sicherheitsdienstes überwacht. Menschliche Opfer blieben nicht aus, da die Arbeiten im Rekordtempo vorangetrieben wurden und die Bausicherheit oft missachtet wurde. So ruhen auf einem abgetrennten Areal des orthodoxen Friedhofs im Warschauer Stadtteil Wola die sterblichen Überreste von sowjetischen Arbeitern, die bei Unfällen ums Leben kamen. Arbeiter wurden von Güterzügen überfahren, fielen von Baukränen und schlecht montierten Gerüsten oder ertranken beim Transport auf der Weichsel. Ein 19-jähriger Arbeiter aus dem sowjetischen Gorki erhängte sich, nachdem er die Nachricht vom Tod 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 69 seiner Mutter erhalten hatte. Aus den Daten des Büros von Józef Sigalin geht hervor, dass es zu insgesamt 70 Todesfällen kam.79 In dreijähriger Bauzeit vom 22. Juli 1952 bis 21. Juli 1955 entstand ein monumentales Bauwerk, das über 800 000 Kubikmeter umbauten Raum umfasst. Der Kulturpalast umfasst acht weitgehend unabhängige Gebäudeeinheiten und beherbergt im Hochhausteil Räumlichkeiten für Forschung, Lehre und Archivierung sowie Verwaltungen, dazu einen Kongresssaal, Theater, Kinos, einen Sportkomplex sowie ein Theater und ein Begegnungszentrum für die Jugend. Fast 3300 Räume umfassen eine Fläche von 123 000 Quadratmetern. Mit 42 Etagen zählt der Hochhausteil einschließlich der 43 Meter hohen vergoldeten Nadel knapp 231 Meter. Der Wiederaufbau des Königsschlosses am Rande der Altstadt ist eine Geschichte voller Windungen und Wendungen, endloser Debatten sowie widersprüchlicher Entwürfe, Planungen und politischer Entscheidungen.80 Es begann mit einer Denkschrift, die 1949 von Architekten des Projektbüros für die Ost-West-Trasse, die ja in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses entstand, verfasst wurde. Darin hieß es, dass das Schloss ein Museum der polnischen Kultur beherbergen und auch für große Veranstaltungen gedacht sein soll. Im Juni 1949 entschied die Spitze der PVAP/PZPR, dass das wiederaufgebaute Schloss als Sitz des Präsidenten und als Haus der Kultur dienen solle. Ein Beschluss des Sejms, der einen Monat später erging, lautete ähnlich. Diesen Beschlüssen folgten lange Beratungen unter der Schirmherrschaft von Staatspräsident Bolesław Bierut. Schließlich erhielten Jan Zachwatowicz und der Leiter des Projektbüros für die Ost-West-Trasse den Auftrag, einen Entwurf für den Wiederaufbau auszuarbeiten. Dieser wurde von der politischen Führung zwar grundsätzlich gebilligt, aber auch mit weitgehenden Eingriffen versehen, die besonders Räumlichkeiten wie das Marmorzimmer, den Senatorensaal und die Fürstenzimmer betrafen. In den Jahren 1950 bis 1952 wurden weitere Beratungen abgehalten, doch eine Entscheidung über den Beginn des Wiederaufbaus fiel nicht. Als der Koreakrieg begann, wurden alle Mittel für nichtmilitärische Zwecke gekürzt. So kam es zwar zum Wiederaufbau der Warschauer Altstadt, aber auf dem Trümmerfeld des einstigen Königsschlosses geschah nichts. Zwischen Mai 1954 und Februar 1955 fand ein Wettbewerb statt, zu dem verschiedene Entwürfe eingereicht wurden. Die Jury entschied sich für das Konzept, das den Vorstellungen von Staatspräsident Bolesław Bierut am nächsten kam. Dieser hatte schon Ende 1953 betont, „dass das, was im Königsschloss sein soll – Sitz des Staatsrates, des Kabinetts oder Museum […] weiterhin diskutabel (ist). Man kann in den Wettbewerb einwilligen, aber er soll allein die Konzeption des Baukörpers und den architektonischen Ausdruck betreffen und sich nicht durch historische Innenräume 79 Zit. nach Henzler, Marek: Piramida propagandowej pryjaźni, in Polityka Nr. 30, 22.07 – 28.7.2015. 80 Siehe insbesondere Majewski, Piotr: Ideologie und Denkmalpflege. Der Wiederaufbau des Königsschlosses 1944–1980, in Bingen, Dieter/Hinz, Hans-Martin: Die Schleifung. Zerstörung und Wiederaufbau historischer Bauten in Deutschland und Polen, Wiesbaden 2005, S. 107 ff.; ders.: Czas końca, czas początku. Architektura i urbanistyka Warszawy historycznej 1939/1956, Warschau 2018, S. 174 ff. 2. Historische und städtebauliche Epochen 70 einengen lassen. Gegen die verkalkten Ansichten der Denkmalpfleger habe ich große Bedenken.“81 Im Mai 1956 entstand dann ein Architekturbüro für den Wiederaufbau des Schlosses, im Ministerium für Kultur und Kunst wurde eine dafür zuständige Kommission gebildet. Doch auch in den folgenden 14 Jahren passierte nichts. Gegner einer diesbezüglichen Entscheidung war insbesondere der neue Parteichef Władysław Gomułka, der die Ansicht vertrat, dass das Schloss lediglich ein Symbol des Monarchismus und aller Fehler der polnischen Adelsrepublik im 18. Jahrhundert sei. Im Jahr 1957 entschied dann die Warschauer Stadtverwaltung, das Schlossgelände wenigstens absichern zu lassen. Ende 1961 gab man dann vorerst alle Wiederaufbaupläne auf. Das Architekturbüro und die ministerielle Kommission wurden aufgelöst. Wiedergewonnene kulturelle Identität Im Ergebnis haben vier Faktoren beim Wiederaufbau Warschaus eine Rolle gespielt. Dazu zählte das gewaltige Bedürfnis, scheinbar verlorene Kulturgüter zurückzugewinnen. Ebenso kam es darauf an, die Bedürfnisse derjenigen, die überlebt hatten, sowie der vielen, die neu in die Stadt kamen, zu befriedigen. Schließlich wurde der gro- ße Einfluss des Sozialistischen Realismus als offizielle kommunistisch-stalinistische Ideologie deutlich. Außerdem wurden bestimmte Kunstepochen beim Wiederaufbau berücksichtigt, andere nicht oder kaum. Auf jeden Fall herrscht bei allen in Polen, die Kenntnisse über den Wiederaufbau haben oder sich sogar damit beschäftigen, die Meinung vor, dass dieser zu den wichtigen positiven Erscheinungen gehört, die Architekten, Stadtplaner und Politiker getroffen haben. Małgorzata Omilanowska betont: „Ohne die Altstadt und das Königsschloss hätten die Polen keine Chance auf eine so schnelle Wiedererlangung ihrer kulturellen Identität, auf soziale Integration und nicht zuletzt auf das vor allem für die Konfrontation der kommunistischen Ideologie so wichtige Nationalbewusstsein gehabt. Nicht zu vergessen ist auch, dass Warschau ohne die Hunderte nach dem Krieg rekonstruierten Bauten heute touristisch nicht so attraktiv und für seine Einwohner nicht so lebenswert wäre.“82 Doch die Warschauer Kunsthistorikerin verweist auch auf die gesellschaftlichen Folgen des Wiederaufbaus, so wie er tatsächlich stattgefunden hat. So habe die Bevölkerung, erklärt sie, anhand der wiederaufgebauten Stadtviertel ihre Vorstellung von der Architektur der vergangenen Epochen entwickelt. Gutgläubig halte sie etwa die vereinheitlichen Fassaden für die Wahrheit über die Architektur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Des Weiteren stellt Omilanowska fest, habe die Verwendung moderner, in der Nachkriegszeit erhältlicher Materialien und Technologien zu einer Erosion denkmalpflegerischer Standards bei Restaurierungsmaßnahmen geführt. Schließlich habe die Akzeptanz nicht nur der teilweise erhaltenen und später wieder- 81 Zit. nach Majewski, Ideologie und Denkmalpflege, S. 111. 82 Omilanowska, Małgorzata, Rekonstruktion, S. 229. 2.3. Bewundernswerte Leistung, allerdings ideologisch gesteuert: der Wiederaufbau 1945–1956 71 aufgebauten, sondern auch der vollständig zerstörten und von Grund auf rekonstruierten Bauten als Denkmal zur Folge, dass der Wert des Originals mit dem der Replik gleichgesetzt worden sei. Außerdem habe die Art des Wiederaufbaus bewirkt, dass nach allgemeinem Empfinden in der Architektur und im Städtebau nur das einen Denkmalwert habe, was von außen zu sehen sei. Die Anordnung und Gestaltung der Innenräume, die Treppenhäuser und anderer innerer Elemente dürften laut dieser Auffassung beliebig verändert, zerstört und ersetzt werden. Zudem habe der Wiederaufbau die weit verbreitete Auffassung nach sich gezogen, dass alles Zerstörte wiederhergestellt werden könne und solle – und vor allem, dass es besser sei, „verlorene Schönheit“ wiederzugewinnen, als etwas Neues zuzulassen. Der Warschauer Kunsthistoriker Andrzej Tomaszewski zog das Fazit: „Die Architektur und der Städtebau machten aus Warschau nach dem Krieg eine Stadt ohne Charakter und Schönheit. Nach Jahren erwiesen sich nur die romantisch wiederaufgebauten Stadtviertel als siegreich: die Altstadt und die Neustadt, das Königliche Schloss, der Königliche Weg mit seinen Kirchen und Palästen, an deren Stelle ‚sozialistische Bebauung‘ hergerichtet werden konnte und sollte. Das sind die einzigen Plätze, die massenhaft von den Warschauern besucht werden, weil sie sich nur hier mit ihrer Stadt und ihrer Geschichte identifizieren. Alle wissen, dass sie keine authentischen Denkmäler sehen, sondern ihre romantische Vision, die in Einzelheiten von der geschichtlichen Wahrheit abweicht und von den Denkmalpflegern zum Leben erweckt wurde. Sie sind sich aber darüber im Klaren, dass die Zeiten der Wiederbelebung dieser Vision vor fast fünfzig Jahren auch schon zur Geschichte Warschaus gehören. In diesem Sinne ist die wiederaufgebaute Altstadt auch ein historisches Dokument dieser dramatischen Zeit.“83 Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) Mitte der 1950er Jahre löste sich Polen ein wenig aus der sowjetischen Zwangsjacke. Mit dem Amtsantritt von Władysław Gomułka84 nahm der Sozialismus stärker polnische Züge an. Seine Amtszeit von 1956 bis 1970 war nicht gerade eine Ära der großen architektonischen Entwürfe und übergreifenden Konzepte, also städtebaulich und architektonisch eher langweilig, weil hauptsächlich wirtschaftlichen und sozialen Zwängen folgend. Immerhin führte die vorsichtige politische Liberalisierung auch zu mehr Freiheit für die Stadtplaner und Architekten. Vereinfachte Reisebestimmungen führten dazu, dass sich polnische Architekten auch hin und wieder im Westen umschauen konnten, wo allerdings die Nachkriegsbebauung oft auch nicht gerade eine architektonische Offenbarung darstellte. Polnische Zeitschriften setzten sich kritisch 2.4. 83 Tomaszewski, Andrzej, Legende und Wirklichkeit, S. 172. 84 Władysław Gomułka (1905–1982), von Beruf Schlosser, engagierte sich früh in der kommunistischen Bewegung, so ab 1926 in der Kommunistischen Partei Polens, ab 1942 in der Polnischen Arbeiterpartei. Er wurde deshalb mehrfach inhaftiert. Die Jahre des Zweiten Weltkriegs verbrachte er hauptsächlich im Untergrund in Polen. Als Generalsekretär der PPR wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg stellvertretender Generalsekretär und Minister für die „wiedergenommen Gebiete“, also die vormaligen deutschen Ostgebiete. 1948 durch die Stalinisten um Bolesław Bierut abgesetzt und zeitweise inhaftiert, kehrte er nach den Unruhen 1956 im Triumpf an die Parteispitze zurück. Nach den Arbeiterunruhen im Dezember 1970 wurde er durch Edward Gierek abgelöst. 2. Historische und städtebauliche Epochen 72 mit der Architektur der stalinistischen Periode auseinander. Lediglich der Kulturpalast blieb vorerst sakrosankt. Fachleute in den anderen sozialistischen Ländern nutzten die polnischen Zeitschriften, um sich über das architektonische Geschehen im Westen zu informieren. Das Jahr 1956 steht als Symbol für einen ersten Umbruch in der sozialistischen Hemisphäre des östlichen und südöstlichen Europas. Am 25. Februar hielt Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU seine berühmte Rede „Über den Personenkult und seine Folgen“. Die revoltierenden Arbeiter von Posen/Poznań machten den Weg frei für die Rückkehr des polnischen Nationalkommunisten Władysław Gomułka an die Macht. Dieser Aufstand wurde zwar durch polnische Militärund Polizeieinheiten niedergeschlagen, war aber doch ein erster Schritt zum „Polnischen Oktober“ und damit zu etwas mehr Bewegungsfreiheit für Polen gegenüber Moskau. Anders als im Falle Polens, wo die sowjetische Führung vor einem militärischen Eingreifen zurückschreckte, walzten sowjetische Panzer den Aufstand desselben Jahres in Ungarn nieder. Erfolglos wehrten sich dort die Aufständischen gegen Stalinismus und sowjetische Fremdherrschaft, auch wenn diese Erhebung János Kádár an die Macht brachte, der später den „Gulaschkommunismus“ etablieren sollte. Ansonsten wehrten sich die Parteiführungen in der sozialistischen Hemisphäre eher vorsichtig auf Chruschtschows „Geheimrede“. In der DDR, wo schon der Aufstand am 17. Juni 1953 die Machthabenden in Bedrängnis gebracht hatte, erklärte der Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Walter Ulbricht, dass man Stalin nicht zu den Klassikern des Marxismus-Leninismus zählen könne. In einer Erklärung des Politbüros der SED hieß es, dass es in der Partei keinen Personenkult und in der DDR keine massenhafte Repression gegeben habe. In der damaligen Tschechoslowakei beschränkte man sich auf eine vorsichtige verbale Abgrenzung vom Personenkult. In Bulgarien wurde Regierungschef Vulko Červenkov durch den „gemäßigten“ Stalinisten Anton Jugov abgelöst. In Rumänien behauptete Parteichef Gheorghe Gheorghiu-Dej, man habe sich schon 1952 vom Stalinismus gelöst. Im Gegensatz dazu verurteilte die Führung der albanischen Kommunisten unter Enver Hodscha Chruschtschows Auftreten als anti-marxistisch und anti-sozialistisch bzw. als Verrat an den Lehren und Leistungen von Lenin und Stalin und brach die Beziehungen ihres Landes zur Sowjetunion ab. Vom Arbeiteraufstand zum „Polnischen Oktober“ 1956 Es nutzte den machthabenden Stalinisten wenig, dass im März 1956 Edward Ochab die Nachfolge des verhassten Parteichefs Bolesław Bierut antrat und die Zensur gelockert wurde. Die Unruhe in der polnischen Gesellschaft hielt an. Auch eine Amnestie, die zur Freilassung der meisten politischen Gefangenen führte, sowie die Verkleinerung des aufgeblähten Militärs förderten eher das Verlangen nach tiefgreifenden Ver- änderungen. Allerdings scheiterten die Arbeiter der Posener Cegielski-Werke vorerst mit ihrer Forderung nach Reduzierung der ausbeuterischen Akkordarbeit. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 73 Doch die ablehnende Haltung der Parteiführung brachte das Fass zum Überlaufen. Die Belegschaft der Cegielski-Werke trat am frühen Morgen des 28. Juni 1956 in den Streik und initiierte eine Protestversammlung, der sich mehr und mehr Bürger der Stadt anschlossen. Beim anschließenden Marsch zum Sitz der Stadtverwaltung wuchs die Zahl der Teilnehmer auf mehr als 100 000 an. Die Losungen der im Zentrum Versammelten wurden zunehmend politischer. Sie riefen: „Wir wollen Freiheit“, „Nieder mit der Diktatur“, „Wir fordern freie Wahlen unter Kontrolle der Vereinten Nationen“, „Nieder mit der Partei“, „Wir vertrauen auf Gott“ und „Wir fordern Religionsunterricht in den Schulen“. Schließlich fiel der Beschluss der Parteiführung, mit Gewalt gegen die Protestierenden vorzugehen. Es waren vor allem Einheiten des schlesischen Militärbezirks der polnischen Armee, die zum Einsatz kamen – insgesamt mehr als 10 000 Soldaten mit über 400 Panzern und Panzerwagen sowie weiteren 1000 Motorrädern und anderen Fahrzeugen. Einige hundert Arbeiter und andere Bewohner der Stadt leisteten bewaffneten Widerstand. Vereinzelt dauerten die Kämpfe bis zum frühen Morgen des 29. Juni an. Bei den Auseinandersetzungen kamen mindestens 70 Aufständische ums Leben, während auf Seiten des Militärs, des Sicherheitsdienstes und der Polizei acht Personen zu Tode kamen. Etwa 600 Beteiligte wurden verletzt. Mindestens 1000 Menschen wurden verhaftet. Der Versuch der offiziellen Propaganda, den Aufstand „westlichen Agenten und anderen Provokateuren“ in die Schuhe zu schieben, hatte allerdings in weiten Teilen der Gesellschaft keinen Erfolg. Der Partei- und Staatsführung blieb so nicht anderes übrig, als einen partiellen Rückzug anzutreten. Trotz der Verhaftung von etwa 1000 Menschen und 120 anschließend erhobener Anklagen wurden nur 12 Personen verurteilt, die Freiheitsstrafen bis zu sechs Jahren wegen Körperverletzung erhielten. Nach Protesten von Inhaftierten wurden auch einige Polizeibeamte und Gefängniswärter verurteilt, nachdem sie brutale Prügeleien in den Gefängnissen inszeniert hatten. „Mit der Posener Revolte wurde eine Aufstands- und Protesttradition begründet, die sich durch die ganze Phase des realen Sozialismus hinzog und nach und nach an Reife gewann. So mündete der Aufstand von 1956 in halbherzige Reformen innerhalb der Partei und des Staates, die dann später rückgängig gemacht wurden. Auch die Arbeiter an der polnischen Ostseeküste, die 1970 rebellierten, setzten zum Teil noch große Hoffnungen auf Parteichef Edward Gierek, der dann an die Macht kam. Nach den Arbeiterprotesten von Radom und Ursus [im Juni 1976, Anm. d. Verf.] begann mit der Gründung des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników) erstmals ein Zusammenwirken zwischen den Arbeitern und anderen gesellschaftlichen Schichten. Ab da setzte fast niemand mehr auf Reformen innerhalb der Partei und des Staates. Die Gründung der Gewerkschaft Solidarität (Solidarność) nach dem Danziger Streik vom August 1980 war dann der entscheidende Schritt, um den Widerstand gegen das System eigenständige Organisationsformen zu geben.“85 85 Vetter, Reinhold: Polens diensteifriger General. Späte Einsichten des Kommunisten Wojciech Jaruzelski, Berlin 2018, S. 149. 2. Historische und städtebauliche Epochen 74 Der Posener Aufstand veränderte den Charakter des polnischen „Tauwetters“, denn die kommunistische PVAPPZPR, die bis dato das Tempo der Veränderungen noch weitgehend kontrolliert hatte, wurde nun zur Getriebenen. Der Druck der Gesellschaft drohte ihr das Heft aus der Hand zu nehmen. In vielen Städten kursierten Flugblätter, in denen zur Solidarität mit den Posener Arbeitern aufgerufen wurde. Fabrikmauern und Häuserwände wurden mit entsprechenden Losungen beschriftet. Immer öfter wurde auch die Rückkehr Gomułkas und die Entlassung von Primas Wyszyński aus der Internierung gefordert. Zunehmend gewannen die Forderungen aus der Gesellschaft politischen Charakter und wurden damit zur Gefahr für die Partei. Dazu zählten die Forderungen nach Abschaffung der Privilegien für die Parteinomenklatur, Einstellung der Exporte in die Sowjetunion, die viele Bürger für die Ursache des niedrigen Lebensstandards und speziell die Fleischknappheit hielten, sowie nach Entfernung der sowjetischen Offiziere aus der polnischen Armee und dem Abzug der im Land stationierten sowjetischen Truppen. Parteichef Ochab blieb schließlich nichts anderes übrig, als Gomułka zur Sitzung des Politbüros am 12. Oktober 1956 einzuladen, wo dieser sein politisches Programm erläutern konnte. Er plädierte für eine stärkere Wahrnehmung polnischer Interessen bei grundsätzlicher Anerkennung der sowjetischen Führungsrolle im Ostblock, einen Verzicht auf die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und eine flexiblere Wirtschafts- und Sozialpolitik. Zwangsläufig sorgte dies für beträchtliche Unruhe in Moskau. Mit einer „Botschaft“ vom 18. Oktober wies die KPdSU die Führungen aller „Bruderparteien“ im Ostblock darauf hin, dass sie angesichts „der besonderen Bedeutung Polens für das sozialistische Lager und speziell für die Sowjetunion ernsthaft beunruhigt“ sei. Am folgenden Tag verließen zwei in Polen stationierte sowjetische Panzerdivisionen ihre Garnisonen in Richtung Warschau. Ebenfalls begannen im Warschauer Schloss Belweder dramatische Verhandlungen zwischen einer sowjetischen Delegation unter Leitung von Chruschtschow und einer polnischen Abordnung mit Gomułka an der Spitze. Chruschtschow war nicht zuletzt mit dem Ziel angereist, die bevorstehende Wahl Gomułkas zum Ersten Sekretär der PVAP/PZPR zu verhindern. Doch Gomułka gelang es in einer mehrstündigen hitzigen Debatte, die sowjetischen „Gäste“ mit dem Argument zu überzeugen, dass das „Bündnis“ Polens mit der Sowjetunion lediglich auf neue, nicht stalinistische Grundlagen gestellt werden solle und dass nur eine neue Parteiführung in Polen das unruhige Land unter Kontrolle bringen könne. Während der erbitterten Verhandlungen blieb das ganze Land in Aufruhr. Bei mindestens 1000 Demonstrationen und Versammlungen wurden erneut Forderungen nach Freiheit und Demokratie, Auflösung des Sicherheitsdienstes und Abzug der sowjetischen Truppen laut. Sogar vor den Toren der sowjetischen Kasernen im niederschlesischen Liegnitz/Legnica versammelten sich Demonstranten. Nach der Abreise Chruschtschows hielt Gomułka vor dem Zentralkomitee der PAVP/PZPR eine antistalinistische Rede, in der er einen „anderen Sozialismus“ in Polen versprach. Tags darauf wurde er zum Ersten Sekretär der Partei gewählt. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 75 Władysław Gomułkas historische Rede am 24. Oktober 1956 vor Hunderttausenden am Warschauer Kulturpalast (Quelle: Wikimedia commons). Nach dem Ausbruch der Krise in Ungarn am 23. Oktober wurde der Führung in Moskau klar, dass die Sowjetunion nicht an zwei Fronten kämpfen konnte. Das verschaffte Gomułka Raum und Zeit. Auch er spürte, dass der in der Gesellschaft aufkommende Patriotismus sowie die Emanzipationsbestrebungen der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten eine Gefahr für die kommunistische Herrschaft in Polen bedeuteten. Am 24. Oktober hielt er vor hunderttausenden, die sich am Warschauer Kulturpalast versammelt hatten, eine patriotische Rede, in der er betonte, dass nun die Zeit gekommen sei, an die Arbeit zurückzukehren.86 Wenige Tage später konnte Stefan Kardinal Wyszyński in seinen Warschauer Amtssitz zurückkehren und seine Tätigkeit als Primas der katholischen Kirche wieder aufnehmen. Auch wenn Gomułka mit der Zeit mehr und mehr zurückruderte, brachte der „Polnische Oktober“ doch gewisse Fortschritte. So wurde der etwas domestizierte Sicherheitsapparat nicht mehr so repressiv wie im Stalinismus eingesetzt. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft wurde weitgehend rückgängig gemacht. Die katholische Kirche gewann etwas mehr Autonomie, Wissenschaft, Kultur und Kunst spürten weniger Druck von oben. In der Propaganda traten nationale und patriotische Aspekte gegenüber dem Marxismus-Leninismus in den Vordergrund. Die Ge- 86 www.przemowienia-znanych-osob/wladyslaw-gomulka-prezemowienie-na-wiecu-warszawie. 2. Historische und städtebauliche Epochen 76 sellschaft konnte sich im Alltag mehr Freiräume jenseits des offiziellen sozialistischen Betriebs schaffen.87 So erfreute sich Gomułka zunächst erheblicher Popularität in weiten Teilen der polnischen Gesellschaft. Kaum ein anderer Politiker aus der Zeit vor 1989 genoss ein ähnliches Ansehen. Das spiegelt sich bis heute in den Meinungsumfragen, bei denen nach den wichtigsten Persönlichkeiten des Landes in den letzten 100 Jahren gefragt wird. Im Laufe seiner Amtszeit an der Spitze der kommunistischen PVAP/PZPR (1956–1970) zeigten sich aber auch mehr die Schattenseiten seines politischen Handelns. So rieben sich Spitzenfunktionäre der Partei, die mehr Weitläufigkeit gewohnt waren, an Gomułkas Engstirnigkeit und seinem Misstrauen gegenüber selbständigem Denken jedweder Art. Er verabscheute Intellektuelle, weil er in ihrer Gegenwart immer das Gefühl verspürte, sie könnten ihm und seiner Machtposition gefährlich werden. Seine Provinzialität und sein ungehobeltes Auftreten wirkten oft polarisierend. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass er nicht in der Lage war, den im Herbst 1956 erlangten Grad an Souveränität Polens im Rahmen der damaligen geopolitischen Bedingungen auch innenpolitisch zu nutzen und stärker als Reformer zu wirken. Gomułka war Kommunist, kein Stalinist, aber sicher auch kein Demokrat. Für die Protagonisten der demokratischen Opposition in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren, wie Karol Modzelewski und Jacek Kuroń, die sich im Jahr 1956 als revolutionäre Studenten empfanden, waren die damaligen Ereignisse, insbesondere der Arbeiteraufstand in Polen, die auf Warschau zufahrenden sowjetischen Panzer, die dramatischen polnisch-sowjetischen Verhandlungen, die Rede Gomułkas vor dem Kulturpalast und schließlich sein Abrücken von den Idealen des „Polnischen Oktober“ wichtige Erfahrungen, die ihre politische Arbeit über Jahrzehnte hinweg prägen sollte.88 Zeitweise Stabilisierung in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Es war nicht zuletzt der wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Entwicklung zu verdanken, dass das von Gomułka repräsentierte System zeitweise eine gewisse Stabilität erlangte. So konnte die Wirtschaft, die nun weniger durch die Dominanz der Schwerindustrie und die Erfordernisse der Rüstungsindustrie belastet war, stärker für die Markt produzieren, was den Konsumenten zugutekam. Auch die privaten Bauern, die nun weitgehend von der Zwangsjacke der landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften befreit waren, konnten nun stärker den Markt beliefern. Das Dienstleistungsgewerbe gewann wieder an Bedeutung, weil die Zahl der privaten Geschäfte, 87 Zur historischen Einordnung des „Polnischen Oktober“ siehe Machcewicz, Paweł: Rewolucja na pół pary, in Polityka, Nr. 42 (3091), 12.-18.10.2016. Grundlegend insbesondere ders.: Polski rok 1956, Warschau 1993; Kochanowski, Jerzy: Rewolucja międzypaździernikowa – Polska 1956–1957, Krakau 2017; Codogni, Paulina: Rok 1956, Warschau 2006. 88 Modzelewski, Karol: Zajeździmy kobył historii. Wyznania poobijanego jeźdźca, Warschau 2013; Friszke, Andrzej: Anatomia buntu. Kuroń, Modzelewski i komandosi, Krakau 2010. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 77 Restaurants und Cafés rapide anstieg. Um 1965 war auch die Phase des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und der Beseitigung der schlimmsten Auswüchse des Stalinismus abgeschlossen. Wenn die Städte rapide wuchsen, dann lag das – nach dem Zustrom in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren – insbesondere an der demografischen Entwicklung. Bis 1960 hatte Polen eine der höchsten Geburtenraten in Europa, erst danach ging sie wieder zurück. Nicht zuletzt bewog diese demografische Explosion die Regierenden, ab 1965 den allgemeinen Ausbau der Industrie zu forcieren – mit dem Ziel, mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze für junge Menschen zu schaffen, was auch gelang. Fortschritte gab es auch in der medizinischen Grundversorgung. Die allgemeine Schulpflicht wurde weitgehend eingehalten, die Quote der Analphabeten konnte unter fünf Prozent gedrückt werden. Im Jahr 1960 gab es bereits fünfmal so viele Studenten wie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, und ihre Zahl stieg in den folgenden Jahren weiter an. Trotz aller Anstrengungen machten sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre zwei Strukturprobleme der sozialistischen Planwirtschaft rapide bemerkbar: das Zurückhinken des Wohnungsbaus und die Schwächen der Versorgung, vor allem mit Lebensmitteln. Auch und gerade die Hauptstadt Warschau bekam das zu spüren. Obwohl zwischen 1960 und 1970 mehr als drei Millionen Wohnungen vor allem in den Trabantenstädten gebaut wurden, konnte dies den Bedarf nicht decken. Vor allem junge Menschen warteten auf eine Wohnung. Ebenso kamen die Behörden mit der Sanierung der Altbausubstanz nicht nach. Die Planwirtschaft war nicht in der Lage, flächendeckend die Bedürfnisse der Bürger zu erfüllen. Insbesondere vor den Geschäften mit Lebensmitteln bildeten sich zunehmend Schlangen. Aus Angst vor Unruhen wurden besonders Fleisch und Wurstwaren subventioniert. Wie stabil war das Gomułka-Regime zur Mitte des Jahrzehnts? Immerhin verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder der PVAP/PZPR zwischen 1960 und 1970 von 1,15 auf 2,3 Millionen. Schon 1956 hatte man begonnen, den im Stalinismus besonders aufgeblähten Parteiapparat zu reduzieren. Auch wurde dieser etwas professioneller. Doch änderte all dies nichts an der einsamen Entscheidungsfindung Gomułkas und seines engsten Führungskreises von einem halben Dutzend Personen. Ging es um innerparteiliche Strömungen oder gar Fraktionen, dann ließ er die treuen Parteigänger Moskaus (Natolińczycy89) gewähren, ohne dass sie als funktionierende Gruppe stärkeren Einfluss ausüben konnte. Eine etwas liberalere Strömung (Puławianie90) schaltete er aus, indem ihr nach und nach alle wichtigsten Posten in Politik, Militär, Verwaltung und Kultur entzogen wurden. Deutlich mehr Einfluss auf die innerparteiliche Stimmung war der Aufstieg der nationalistisch, antiliberal, antiintellektuell, antideutsch und besonders auch antisemitisch eingefärbten Strömung 89 So benannt nach einem Palais im Warschauer Vorort Natolin, wo sich die Mitglieder dieser Fraktion trafen. Ihre politische Ausrichtung war moskautreu und zum Teil stark antisemitisch. 90 Der Name stammt von einem vornehmen, großbürgerlichen Gebäude aus der Zwischenkriegszeit in der Warschauer ul. Puławska, wo damals hohe Parteifunktionäre wohnten und wo sich die Mitglieder dieser Gruppe regelmäßig versammelten. Zu ihnen zählten u. a. Edward Gierek und Mieczysław Rakowski. 2. Historische und städtebauliche Epochen 78 der Partisanen (Partyzanci) um den späteren Innenminister Mieczysław Moczar. Zu ihr gehörten vor allem Kommunisten, die während des Zweiten Weltkriegs in Polen gegen die deutsche Besatzungsherrschaft gekämpft hatten, dazu einige der Moskaugetreuen von 1956 sowie jüngere, karrierebewusste Parteifunktionäre, denen Gomułkas alternde Genossen den Aufstieg versperrten. Moczar und seine Mitstreiter wetterten gegen die „Juden“, also jene kommunistischen Funktionäre, die 1944 aus der Sowjetunion zurückgekehrt waren. Die schon seit 1956 erkennbare Spaltung in „Polen“ und „Juden“ machte sich also deutlicher bemerkbar. Nur wenige Jahre nach dem „Polnischen Oktober“ nahmen Gomułka und seine Getreuen auch wieder den Kampf gegen den „Klerikalismus“ auf, indem sie die katholische Kirche ausdrücklich als ihren Feind deklarierten. Gomułka war der Auffassung, dass er die Kirche als gesellschaftliche Institution weitgehend ausschalten musste, wollte er seine Machtposition behalten. Damit verbunden war die Verdrängung des Religionsunterrichts aus den Schulen, so dass die Kinder fortan nur das entsprechende Angebot in den Schulen nutzen konnten. Für Konflikte sorgte auch das künftig geltende Verbot, in Neubausiedlungen Kirchen zu errichten. Exemplarisch war die zum Teil gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Arbeitern und Polizisten im April 1960 um den geplanten Bau einer Kirche, die dann auch erst 1977 fertiggestellt wurde. Regelrecht aufgebracht war die kommunistische Führung um Gomułka, als die polnischen Bischöfe am 18. November 1965 einen Brief an ihre deutschen Amtsbrüder sandten, in dem sie sich ausführlich mit der langjährigen Geschichte der deutschpolnischen Nachbarschaft befassten und dabei auch die Vertreibung der Deutschen ab 1945 nicht aussparten. Ihr Schreiben enthielt den berühmten Satz: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ Augenscheinlich betraf die Bitte um Vergebung die polnische Mitschuld an der Vertreibung. Leider antwortete die deutsche katholische Bischofskonferenz mit einem wenig engagierten Brief und wich dabei auch einer klaren Stellungnahme zur Oder-Neiße-Grenze aus. Die Antwort von Partei und Staat auf den Brief der polnischen Bischöfe war eine massive Propagandakampagne. Ihnen wurde vorgeworfen, die polnische Staatsräson missachtet und die Interessen des Landes an den „westdeutschen Revisionismus“ verraten zu haben. Welche Kraft die Kirche weiterhin hatte, zeigte sich, als sie die 1000-Jahr-Feier des Beginns der Christianisierung Polens im Jahr 966 als Bekräftigung ihrer Schlüsselrolle in der polnischen Geschichte inszenierte. Das Programm der „Neunjährigen Novene zur Tausendjahrfeier der Christianisierung Polens“ war bewusst als Konkurrenz zum offiziellen Programm des 1000. Jahrestages der Staatlichkeit Polens angelegt und diente der Stärkung des katholisch-nationalen Bewusstseins der Gläubigen. Letztendlich konnte die kommunistische Führung wenig gegen den großen Einfluss der kirchlichen Symbolik ausrichten. Auch wenn die Mehrheit der Gesellschaft die Bitte um Vergebung an die deutschen Bischöfe eher ablehnte, wurde sie durch die Penetranz der antikirchlichen Propaganda der Kommunisten noch stärker auf die Seite der Kirche getrieben. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 79 Israelisch-arabischer Krieg, Aufruhr unter den Studenten, antijüdische Kampagne Der schnelle Sieg Israels im Sechstagekrieg vom Juni 1967 war für den Ostblock eine schwere politische Niederlage und löste bei den Machthabern in den östlichen Hauptstädten regelrechtes Entsetzen aus, denn die Sowjetunion und die arabischen Staaten pflegten bis dato eine enge militärische Partnerschaft, waren insbesondere die militärischen Strukturen Ägyptens dem sowjetischen Vorbild angeglichen worden. Besonders in diesem Land waren Militärberater aus der Sowjetunion aktiv. Für den Ostblock war es schockierend, dass das zahlenmäßig unterlegene Israel so auftrumpfen konnte. Obwohl die arabischen Staaten an Truppenstärke und bei der Ausrüstung mit konventionellen Waffen weit überlegen waren, kam Israel durch einen klugen Einsatz seiner militärischen Macht zu einem schnellen Sieg.91 Beim Gipfeltreffen des Warschauer Pakts, des östlichen Militärbündnisses, am 9. Juni 1967 beschlossen die Mitgliedsstaaten, die diplomatischen Beziehungen zu Israel abzubrechen. Die Sowjetunion und die damalige Tschechoslowakei machten schon einen Tag später den Anfang, wenig später folgten Bulgarien, Polen und Ungarn. Die DDR dagegen war von dem Moskauer Beschluss nicht betroffen, da das SED-Regime ohnehin keine diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhielt. Am 13. Juni schloss sich auch das blockfreie Jugoslawien an, dessen Präsident Josip Broz Tito im Rahmen der Bewegung der blockfreien Staaten mit Ägypten in Verbindung stand und als erster Führer eines sozialistisch/kommunistischen Landes seine Unterstützung für die arabischen Länder bekundet hatte. Lediglich Rumänien hielt seine Beziehungen zu Israel aufrecht, weil es von dort Warenlieferungen erhielt, nachdem es jüdischen Bürgern die Ausreise nach Israel genehmigt hatte. In Polen stellte sich die Führung der PVAP/PZPR unter Władysław Gomułka, zumindest nach außen hin, voll und ganz auf die Seite der arabischen Staaten – dementsprechend lautete der Tenor der offiziellen Propaganda. Außerdem organisierte die Partei im ganzen Land Versammlungen, bei denen Resolutionen zur Verurteilung der „israelischen Aggression“ verabschiedet wurden. Nach innen jedoch klangen die Stellungnahmen etwas differenzierter. So sagte Gomułka während des Gipfeltreffens am 9. Juni in Moskau, dass Gamal Abdel Nasser, der damalige Präsident Ägyptens, die sozialistischen Staaten in den Streit hineinziehen wolle. Der Sieg der Israelis sei trotz der zahlenmäßigen und waffentechnischen Überlegenheit der arabischen Armeen erfolgt, weil deren Soldaten schlecht ausgebildet seien. Die damalige Stimmung in der polnischen Gesellschaft war nicht eindeutig. Immerhin misstrauten viele Menschen der offiziellen Propaganda, weil sie nicht genau wussten, was im Nahen Osten tatsächlich passiert war. Zahlreiche Intellektuelle jüdischer Herkunft sympathisierten mit Israel. Nicht wenige Bürger werteten den Misserfolg der arabischen Staaten als Niederlage der Sowjetunion in der Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten. Ohne Zweifel war die Partei- und Staatsführung über diese Stimmungen in der Gesellschaft informiert, da Polizei und Geheimdienste 91 Siehe insbesondere Segev, Tom: Israels zweite Geburt, München 2009. 2. Historische und städtebauliche Epochen 80 Informationen besonders über diejenigen sammelten, die in ihren Äußerungen in irgendeiner Weise von der offiziellen Linie von der Partei abwichen. Zu einem innenpolitischen Höhepunkt im Sommer 1967 wurde sicher die Rede von Władysław Gomułka auf dem VI. Kongress der Gewerkschaften am 19. Juni, in der er sich vor allem mit dem Sechstagekrieg und dessen Bewertung in Polen beschäftigte. Dabei gebrauchte er den Begriff „Fünfte Kolonne“ und meinte damit alle diejenigen, die den Sieg Israels positiv bewertet hatten, ohne sie konkret zu erwähnen. Und er empfahl ihnen, „angemessene Konsequenzen“ zu ziehen.92 Der spätere Parteivorsitzende und Ministerpräsident Mieczysław Rakowski, damals Chefredakteur der Polityka, kommentierte diesen Auftritt des Ersten Sekretärs in seinem Tagebuch mit den Worten: „Das kam einer Anforderung [an die polnischen Juden, Anm. d. Verf.] gleich, das Land zu verlassen.“93 Es war abwertend oder gar verächtlich, wenn Gomułka den Begriff „Fünfte Kolonne“ auf die polnischen Juden münzte, war dieser doch während des Zweiten Weltkriegs benutzt worden, um die Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen zu charakterisieren, die mit der deutschen Besatzungsmacht kooperierten. Außerdem entsprach es nicht den Tatsachen, die im Land lebenden Juden als Zionisten zu bezeichnen, denn diejenigen, die sich tatsächlich als Zionisten im Sinne Theodor Herzls betrachteten, waren im Zuge mehrerer Auswanderungswellen nach dem Zweiten Weltkrieg bereits nach Israel ausgereist. Wir wissen nicht, ob sich Gomułka beim Verfassen der Rede der Brisanz seiner Formulierungen bewusst war. Auf jeden Fall öffnete er damit die Schleusen für eine Hetzkampagne gegen die polnischen Juden und spielte den Partisanen in die Hände, die auf ein solche Signal in ihrem Sinne schon lange gewartet hatten. Ausgangspunkt für die dramatischen Ereignisse im Frühjahr 1968 war die Entscheidung der Parteiführung, das klassische Theaterstück „Dziady“94 abzusetzen, das seit November 1967 im Warschauer Nationaltheater aufgeführt worden war. Den Parteioberen missfiel, dass das Publikum das Stück wiederholt zum Anlass für „antirussische“ Beifallskundgebungen genommen hatte. Als Lehrkräfte und Studenten der Warschauer Universität sowie Schriftsteller und Künstler insbesondere am 30. Januar 1968 gegen die Absetzung protestierten, kam es zu ersten Verhaftungen. Weite Teile der Intelligenz in Warschau und in anderen polnischen Städten gerieten in Aufruhr. Während einer außerordentlichen Vollversammlung des Polnischen Schriftstellerverbandes am 29. Februar 1968 wurde eine Erklärung verabschiedet, in der die Anwesenden die staatliche Kulturpolitik verurteilten sowie mehr Freiheit für die Kunst und die Rückkehr des Stückes von Mickiewicz auf die Bühne forderten. 92 Zit. nach Stola, Dariusz: Kampania antysyjonistyczna w Polsce 1967–68, Warschau 2000, S. 274. 93 Rakowski, Mieczysław F.: Dzienniki polityczne 1967–68, Warschau 1999, S. 65. 94 „Dziady“ (Totenfeier). Das Stück des Nationaldichters Adam Mickiewicz, 1832 in Paris publiziert, thematisiert insbesondere auch das Aufbegehren junger Romantiker gegen die Anhängigkeit Polens von Russland im 19. Jahrhundert. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 81 Am 8. März 1968 versammelten sich dann etwa 2500 Studenten zu einer Protestversammlung auf dem Gelände der Warschauer Universität, die von Polizisten, „Parteiaktivisten“ und Militärs in Zivil mit brutaler Gewalt aufgelöst wurde. Der Protest weitete sich auf andere polnische Städte wie Krakau/Krakau, Breslau/Wrocław, Posen/ Poznań, Danzig/Gdańsk, Kattowitz/Katowice und Oppeln/Opole aus, wo ebenfalls Demonstrationen und Solidaritätsstreiks stattfanden. Die Bewegung verebbte Ende März, ohne dass mit den Studenten über ihre Forderungen verhandelt worden wäre. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Gesamtzahl der Verhafteten etwa 2700, darunter vor allem Studenten, aber auch wissenschaftliche Mitarbeiter, Schüler und junge Arbeiter. Die Parteipropaganda schreckte nicht davor zurück, besonders die protestierenden Studenten als willenlose Marionetten einer zionistischen, von ehemaligen und amtierenden Spitzenfunktionären jüdischer Abstammung orchestrierten Verschwörung zu denunzieren. Mieczysław Moczar und das von ihm geleitete Innenministerium leisteten die Drecksarbeit, indem es den Medien, die mit den Partisanen sympathisierten, „Material“ über die jüdische Herkunft der Protestierenden zuspielte. Nach den dramatischen Ereignissen befasste sich Gomułka noch einmal mit dem Thema. In einer Rede am 19. März 1968 im Warschauer Kulturpalast betonte er, dass es unverständlich sei, wenn man im Zionismus eine Gefahr für den Sozialismus in Polen und sein gesellschaftlich-politisches System sehe.95 Diese Feststellung ließ sich durchaus als vorsichtige Abgrenzung von der antisemitischen Kampagne interpretieren. Des Weiteren teilte er die Juden in Polen in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe, so sagt er, bestehe aus Personen, die schon früher hätten ausreisen wollen. Gomułka wörtlich: „Wir sind heute bereit, jenen, die Israel als ihr Vaterland betrachten, Reisepässe zu geben.“ Zur zweiten Gruppe, die er Kosmopoliten nannte, zählten seiner Auffassung nach Menschen jüdischer Herkunft, die sich weder als Juden noch als Polen betrachteten. Ihnen, so betonte er, sein kein Vorwurf zu machen, nur dürften sie nicht in Bereichen arbeiten, wo eine polnische bzw. patriotische Einstellung erforderlich sei. Schließlich die dritte Gruppe, laut Gomułka die größte, seien Juden, die Polen ohne Zweifel als ihr Vaterland betrachteten, wichtige Positionen einnähmen und damit dem Vaterland dienten, wofür ihnen der Dank der Partei gebühre. Es schien so, als habe Gomułka die antisemitische Kampagne etwas abschwächen wollen, sei damit aber nicht weit durchgedrungen, wie etwa das vorläufige Verbleiben von Mieczysław Moczar im Amt des Innenministers bewies. Immerhin konnte er sich gegen seinen schärfsten Rivalen Moczar noch einmal auf der Position des Ersten Sekretärs behaupten. Schon im Herbst 1967 hatte die „Verifizierung“ und Entlassung von Partei- und Staatsfunktionären begonnen. Besonders betroffen waren die Hochschulen, vor allem die Warschauer Universität, auch die Polnische Akademie der Wissenschaften, das Außenministerium, die verschiedenen Institutionen des Außenhandels, die Medien und das Militär. Am 26. März 1968 wurde die Entlassung hochrangiger Wissen- 95 Gomułka, Władysław: Stanowisko partii – zgodne z wolą narodu. Przemówienie wygłoszone na spotkaniu z warszawskim aktywem partyjnym 19 marca 1968. Warschau 1968. 2. Historische und städtebauliche Epochen 82 schaftler bekannt, darunter die Philosophen Leszek Kołakowski, Bronisław Baczko und Stefan Morawski, die Soziologen Maria Hirszowicz-Bielińska und Zygmunt Bauman sowie der Ökonom Włodzimierz Brus und der Sekretär der ersten Abteilung (Gesellschaftswissenschaften) der Polnischen Akademie der Wissenschaften Stefan Żółkowski. Bis auf Kołakowski, der als kritischer Marxist die herrschenden Kommunisten scharf kritisierte, waren alle Betroffenen jüdischer Herkunft. Einen Tag später verlor auch die Juristin Janina Zakrzewska ihre Arbeit. Den Entlassenen wurde insbesondere vorgeworfen, geistige Vordenker der studentischen Protestbewegung um Jacek Kuroń, Karol Modzelewski und Adam Michnik zu sein. Gerade im akademischen Milieu reagierten viele Wissenschaftler mit Solidaritätsbekundungen für die Betroffenen, von denen einige zu Vorlesungen an ausländischen Universitäten eingeladen wurden. Bis Herbst 1968 wurden mindestens 800 Personen der zentralen Partei- und Staatsnomenklatur entlassen, darunter fünf Minister und mehr als 20 stellvertretende Ressortleiter. Im Militär mussten sogar etwa 2000 Offiziere ihren Hut nehmen. Etwa 13 000 Personen jüdischer Herkunft verließen „freiwillig“ das Land, darunter viele Wissenschaftler, Kulturschaffende und Mitarbeiter der Medien. Besonders hoch waren die Verluste an der Warschauer Universität und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Zu denen, die Polen verlassen mussten oder von sich aus gingen, zählten Leszek Kołakowski, Zygmunt Bauman, Kazimierz Łaski und Włodzimierz Brus. Gerade die polnischen Geisteswissenschaften erlitten herbe Verluste. Das internationale Renommee des Nationalkommunisten Władysław Gomułka gehörte nun endgültig der Vergangenheit an – also noch vor der Intervention des Warschauer Pakts in der damaligen Tschechoslowakei. Warschauer Pakt unterdrückt „Prager Frühling“ Nach den Protesten im März 1968 sowie den antiintellektuellen und antijüdischen Säuberungen war der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 ein weiteres zentrales Ereignis dieses schicksalsträchtigen Jahres der polnischen Zeitgeschichte. Spätestens mit dem Wechsel von Antonín Novotný zu Alexander Dubček an der Spitze der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei (Kommunistická strana Československa – KSČ) am 4. Januar 1968 hatte sich ein dramatisches Reformprojekt entwickelt, das schließlich unter dem berühmten Namen „Prager Frühling“ in die Geschichte eingehen sollte.96 Dabei ging es um einen „Sozialismus mit 96 Zum „Prager Frühling“ und dessen Niederschlagung siehe Schulze Wessel, Martin: Der Prager Frühling. Aufbruch in eine neue Welt, Ditzingen 2018; Dubček, Alexander: Leben für die Freiheit, München 1983; Hajek, Jiří: Begegnungen und Zusammenstöße. Erinnerungen des ehemaligen tschechoslowakischen Außenministers, Freiburg 1995; Hejzlar, Zdenek: Reformkommunismus, Frankfurt/Main 1976; Horský, Vladimír: Prag 1968, Stuttgart/München 1975; Kohout, Pavel: Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs, München 1970; Mlynář Zdeněk: Nachfrost. Das Ende des Prager Frühlings, Frankfurt/Main 1989; Pelikán, Jiří (Hrsg.): Panzer überrollen den Parteitag, Wien/Frankfurt/Zürich 1969. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 83 menschlichem Antlitz“. Die Demokratisierungs- und Liberalisierungsbemühungen der tschechoslowakischen Kommunisten unter Dubček wurden durch eine sich rasch entwickelnde kritische Öffentlichkeit verstärkt. Das von der Partei am 5. April 1968 verabschiedete Aktionsprogramm propagierte insbesondere eine rechtlich abgesicherte Meinungsfreiheit, politischen Pluralismus, einen „dritten Weg“ in der Wirtschaftspolitik, Freiheit von Wissenschaft und Kultur sowie gleichberechtigte Partnerschaft im Warschauer Pakt. Als die von der Führung um Dubček eingeleiteten Reformen durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts beendet wurden, standen die meisten Tschechen und Slowaken gemeinsam mit den Reformkommunisten gegen die Okkupanten. Unter den Parteichefs des Warschauer Pakts gehörte Polens Władysław Gomułka in den Monaten vor der Intervention zu den schärfsten Kritikern des „Prager Frühlings“. Schon früh forderte er ein militärisches Eingreifen. Seine Haltung stand damit im Widerspruch zu der vieler polnischer Bürger, die Mitgefühl mit Tschechen und Slowaken empfanden und von Trauer, Scham und Verlegenheit angesichts des Einmarsches ergriffen waren. Zu den Tatsachen gehört aber auch, dass in Teilen der polnischen Gesellschaft eher Gleichgültigkeit herrschte. Dies dürfte vor allem auf die Repression nach den Protesten im März 1968, Fehlinformation durch die offiziellen polnischen Medien und das Stattfinden der Intervention im Ferienmonat August zurückzuführen sein. Aber es gab auch Widerstand und Proteste. So traten profilierte Wissenschaftler wie Krystyna Kersten, Bronisław Geremek und Jerzy Jedlicki wegen der gewaltsamen Niederschlagung des „Prager Frühlings“ aus der PVAP/PZPR aus.97 In den Straßen verschiedener Städte tauchten Flugblätter auf, mit denen gegen die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Tschechoslowakei protestiert wurde. Am Morgen des 21. August löste die Polizei vor dem Warschauer Kulturpalast eine Gruppe von Menschen auf, die sich zu einem Protestzug formulieren wollten. In Paris lebende Polen schrieben schließlich Protestbriefe – unter ihnen der Dramatiker Sławomir Mrożek.98 Die Arbeiter an der Ostseeküste begehren auf Die Ereignisse im Dezember waren eine weitere Zäsur in der polnischen Nachkriegsgeschichte und läuteten das Ende der Ära Gomułka ein. Doch zuvor konnte der polnische Parteichef mit der Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Vertrages am 7. Dezember 1970 in Warschau noch einen großen Erfolg feiern. Bis dato hatten Polen und Deutschland keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, ebenso wie Bonn die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze in keiner Weise anerkannt hatte. Unter dem Vorbehalt der Bundesregierung, dass sie nur im Namen der Bundesrepublik und nicht im Vorgriff auf ein künftiges vereintes Deutschland handle, wurde mit 97 Krystyna Kersten (1931–2008), Bronisław Geremek (1932–2008), Jerzy Jedlicki (1930–2018). 98 Text des Briefes in Kultura (Paryż), Nr. 4–247/1968, S. 209 ff. 2. Historische und städtebauliche Epochen 84 dem Vertrag von 1970 ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die polnische Westgrenze durch Bonn anerkannt. Der 7. Dezember 1970 wurde noch aus einem zweiten Grund zu einem historischen Datum: Willy Brandt kniete an diesem Tag vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im jüdischen Ghetto von Warschau im Frühjahr 1943 nieder. Die Bilder dieser bemerkenswerten Geste gingen um die damalige westliche Welt.99 Der deutsch-jüdische, lange in den USA lebende Historiker Fritz Stern sah die Geste des damaligen Bundeskanzlers sogar als wesentlichen Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Europäer. Bei einer Gedenkveranstaltung am 7. Dezember 2010 im Warschauer Schloss sprach Stern von „einer der größten und edelsten Gesten der Nachkriegsgeschichte“.100 Willy Brandt schrieb dazu in seinen 1989 erschienenen Erinnerungen: „Immer wieder bin ich gefragt worden, was es wohl mit dieser Geste auf sich gehabt habe. Ob sie etwa geplant gewesen sei? Nein, das war sie nicht. Meine engen Mitarbeiter waren nicht weniger überrascht als jene Reporter und Fotografen, die neben mir standen, und als jene, die der Szene ferngeblieben waren, weil sie ‚Neues‘ nicht erwarteten […] Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanów, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“101 Bis in unsere Zeiten ist der Kniefall umstritten. Besonders in den Jahren 1970/71 meinten viele Polen, Brandt sei vor dem „falschen Denkmal“ (dem für die aufständischen Juden) niedergekniet, wobei sich die Nachricht von der Geste Brandts nur peu à peu herumsprach, weil sie von der offiziellen Propaganda weitgehend verschwiegen wurde. Besser, so hieß es, wäre es gewesen, wenn er die Helden des Warschauer Aufstands gegen die deutsche Besatzungsmacht im August/September 1944 geehrt hätte. Die nationale Erinnerungskultur in Polen fokussiert vor allem auf die Zeit der Unfreiheit im 19. Jahrhundert, die Nachfolgekriege am Ende des Ersten Weltkriegs, Vorgeschichte und Verlauf des Zweiten Weltkriegs, die verschiedenen Erhebungen gegen das kommunistische System (1956, 1968, 1970 und 1976) sowie die Wirkungsgeschichte der Gewerkschaft Solidarność und die Transformation 1989/90. In Deutschland hingegen gilt der Kniefall als ein wichtiger Moment deutscher Nachkriegsgeschichte. Der verstorbene, lange Zeit in den USA lehrende jüdisch-deutsche Historiker Fritz Stern sah die Geste Brandts sogar als wesentlichen Bestandteil des kollektiven Gedächtnis der Europäer. In Polen waren und sind es Historiker sowie 99 Zum Kniefall Brandts siehe insbesondere: Boll, Friedhelm/Ruchniewicz, Krzysztof (Hrsg.): Nie mehr eine Politik über die Polen hinweg, Bonn 2010; Behrens, Alexander: „Durfte Brandt knien?“ Der Kniefall in Warschau und der deutsch-polnische Vertrag, Bonn 2010; Wolffsohn, M./Brechenmacher, Th.: Denkmalsturz? Brandts Kniefall, München 2005; Schölgen, Gregor: Wenn die Worte versagen. Bundeskanzler Willy Brandt und die schwierige Verständigung mit Polen, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.12.2010; Dieckmann, Christoph: Er kniete auch für uns. Willy Brandts große Geste vor 40 Jahren wurde in der DDR zunächst verschwiegen, in DIE ZEIT, 2.12.2010. 100 Stern, Fritz: Zu Hause in der Ferne, München 2015, S. 185. Siehe auch Vetter, Reinhold: Willy Brandt und Polen, in Polen-Analysen, Nr. 81, 21.12.2010. 101 Brandt, Willy: Erinnerungen, Frankfurt/Main 1989, S. 214. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 85 führende Politiker und Publizisten, auch Zeitzeugen, die ein seriöses und ehrenvolles Andenken an Willy Brandt bewahren – mitunter über politisch-historische Differenzen hinweg. Das galt und gilt für den verstorbenen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki und den früheren Staatspräsidenten Aleksander Kwaśniewski ebenso wie für den verstorbenen Historiker, Bürgerrechtler und Außenminister Bronisław Geremek, der sich sehr stark mit Brandt verbunden fühlte, auch wenn er die Zwiespältigkeit seiner Ostpolitik in den 1970er und 1980er Jahren kritisierte. Auch der frühere Außenminister Krzysztof Skubiszewski, eher ein katholischer Konservativer, hatte eine hohe Meinung von Brandt. Für Publizisten wie Adam Michnik und Adam Krzemiński gehört der damalige Kanzler, SPD-Vorsitzende und spätere Präsident der Sozialistischen Internationale zu den großen Europäern – in einer Reihe mit Jean Monet, Robert Schuman, Jacques Delors, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Der polnisch-jüdische Historiker Feliks Tych hat in Warschau wiederholt daran erinnert, welch große innere Genugtuung der Kniefall Brandts damals bei ihm ausgelöst hatte. Gleiches gilt für den verstorbenen Arzt und Bürgerrechtler Marek Edelman, der 1943 zu den Anführern des Aufstandes im Warschauer Ghetto gehört hatte. Für Edelman war Brandts Geste erschütternd und ein deutlicher Beleg dafür, wie sich das deutsche Volk verhalten sollte. Zum 40. Jahrestag des Kniefalls von Willy Brandt im Jahr 2010 organisierte die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Ausstellung unter dem Motto „Willy Brandt und Polen“, die in verschiedenen polnischen Städten gezeigt wurde. Im Rahmen einer ebenfalls veranstalteten Konferenz würdigten der damalige polnische Staatspräsident Bronis- ław Komorowski, der damalige Bundespräsident Christian Wulff und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel Brandts Geste von 1970. Die ganze Spannweite der Bewertungen des Kniefalls reicht von Adam Krzemińskis Resümee, der schon 1993 schrieb, Brandt habe mit dieser Geste einen psychologischen Umschwung eingeleitet, und Peter Benders Feststellung von 1995, ganz Polen, von einigen antisemitischen Nationalisten abgesehen, habe Brandt geglaubt und sich von ihm verstanden gefühlt, einerseits bis zur 2005 publizierten Feststellung von Michael Wolffsohn und Thomas Brennenmacher, der Kniefall sei mitnichten ein Schlüssel zum Herzen der Polen gewesen. Ohne Zweifel versuchten die damaligen kommunistischen Machthaber um Władysław Gomułka, den Kniefall vollständig zu ignorieren und zu verschweigen. In allen offiziellen Gesprächen mit Willy Brandt verloren sie kein Wort über diese bewegende Geste. Vielmehr stellten sie den deutsch-polnischen Vertrag vom 7. Dezember in den Vordergrund, mit dem eine Bestätigung der polnischen Westgrenze vollzogen, ein Bekenntnis zum Gewaltverzicht abgelegt und eine Normalisierung der bilateralen Beziehungen eingeleitet wurde. Doch auch wenn die staatliche Zensur bemüht war, Nachrichten über den Kniefall und Fotos des niedergeknieten Willy Brandt zu unterdrücken, stimmt die generalisierende Feststellung von Wolffsohn/Brennenmacher nicht, dass die Medien die Demutsgeste nicht gezeigt hätten. Fotos erschienen nicht nur in der jüdischen Folks Sztyme und in der Regierungszeitung Życie Warszawy, sondern auch in regionalen Blättern. Im Weiteren brachte die offizielle Nachrichtenagentur PAP zumindest Fotos, die 2. Historische und städtebauliche Epochen 86 suggerieren sollten, Brandt stehe vor dem Denkmal. Adam Krzemiński betont, die Geste habe sich sehr schnell herumgesprochen und somit viele erreicht. Andererseits vertritt der Breslauer Historiker Krzysztof Ruchniewicz die Auffassung, es habe damals in Polen kaum Reaktionen gegeben. Sein Kollege Włodzimierz Borodziej erwähnt den Kniefall in seinem Buch „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ nicht. Der frühere polnische Botschafter in Bonn, Janusz Reiter, vertritt die Auffassung, die Mehrheit der polnischen Gesellschaft sei damals noch nicht darauf vorbereitet gewesen, über Versöhnung zu sprechen. Für einen Teil der polnischen Gesellschaft dürfte auch die Tatsache eine Rolle gespielt haben, dass Brandt den Normalisierungsvertrag gemeinsam mit den führenden Repräsentanten des herrschenden kommunistischen Systems unterzeichnet hatte – jenes Regimes, das eine Woche später auf die protestierenden Arbeiter an der Ostseeküste schießen ließ. Auf jeden Fall entfalteten Brandts Kniefall und die Unterzeichnung des Normalisierungsvertrages im Dezember 1970 eine Langzeitwirkung. Das zeigen Meinungsumfragen aus den 1960er und 1970er Jahren. Danach meinten im Jahr 1969 45 Prozent der Befragten, dass die größte militärische Bedrohung für Polen von Deutschland ausgehe, während im Jahr 1975, also nach Unterzeichnung des Vertrages, nur noch 9 Prozent dieser Ansicht waren. Tatsächlich wurde Willy Brandt für Teile der polnischen Gesellschaft zu einem Symbol des guten Deutschen. Wenige Tage nach Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags und der Geste Brandts beschloss das Politbüro der PVAP/PZPR Preiserhöhungen zwischen 12 und 30 Prozent für Nahrungsmittel, von denen die Arbeiterfamilien besonders hart betroffen waren, da sie zum damaligen Zeitpunkt etwa die Hälfte ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel ausgeben mussten. So waren die Beschäftigten etwa der Werften in Danzig/Gdańsk, Gdingen/Gdynia und Stettin/Szczecin, darunter der spätere Nobelpreisträger und Staatspräsident Lech Wałęsa, in der Regel Arbeiter in der ersten Generation, die unter schwierigen Bedingungen lebten, weil die Infrastruktur, der Wohnungsbau und die sozialen Einrichtungen dem massenhaften Zuzug vom Land in die Städte nicht standhielten. In der Regel war die Versorgung in den Küstenstädten noch schlechter als in anderen Industriegebieten wie Oberschlesien oder in den Regionen rund um Warschau und Łódź. So trieb der Beschluss des Politbüros die Arbeiter in der Küstenregion auf die Straße. Am 14. Dezember traten die Arbeiter der Danziger Lenin-Werft und anderer Betriebe der Stadt in den Streik. Vereinzelt entstanden Streikkomitees oder Arbeiterräte, die aber bald ihren Einfluss verloren, je mehr sich der Protest auf die Straße verlagerte. So kam es schon am 14. Dezember zu ersten Straßenkämpfen zwischen Demonstranten und Polizeieinheiten, die bis in die Nacht hinein andauerten. Es gab Dutzende Verletzte und mindestens 300 Festnahmen. Auch die im Raum Danzig stationierten Militäreinheiten wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Für Parteichef Władysław Gomułka und die engere Parteiführung kam von Anfang an nur die gewaltsame Niederschlagung des Arbeiterwiderstandes in Frage. Bei einem Treffen führender Partei- und Regierungsfunktionäre am Morgen des 15. Dezember ordnete Gomułka den Schießbefehl an, ohne dass auch nur einer der Anwesenden widersprochen hätte. Bald darauf wurden den Polizeikräften an der Küste die 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 87 entsprechenden Anweisungen erteilt. Als dann Parteihäuser angezündet wurden, Arbeiter Gefängnisse stürmten und es auch zu Plünderungen in Geschäften kam, gingen außer der Polizei und der Freiwilligen Polizeireserve auch Armeeeinheiten gegen die Protestierenden vor. Trotz der erbitterten einwöchigen Auseinandersetzungen lag die Zahl der Toten „nur“ bei 45, wobei noch mindestens 1200 Verletzte hinzukamen – vor allem unter den Arbeitern, aber auch unter den Polzisten und Soldaten.102 Unter dem Druck der Ereignisse bildete sich dann im Politbüro doch eine Mehrheit für einen Rückzug gegenüber den protestierenden Arbeitern. Aus Moskau kam das Signal, dass man an einem Wechsel des Ersten Sekretärs an der Parteispitze interessiert sei.103 Am 19. Dezember willigte Gomułka dann in seinen Rücktritt ein. Einen Tag später wählte das Zentralkomitee Edward Gierek zum neuen Ersten Sekretär. Gierek war gerade erst gut eine Woche im Amt, als der polnische Sicherheitsdienst SB am 31. Dezember unter dem Decknamen „Jesień“ (Herbst ’70) eine seiner bis dato größten Aktionen startete. Die Geheimdienstler bemühten sich, eine möglichst vollständige Liste aller Mitglieder von Streikkomitees und protestierenden Arbeiter aufzustellen, die bei dem Aufruhr besonders hervorgetreten waren. Schließlich landeten die Namen von mehr als 3000 Personen auf der Liste, von denen etwa 1000 durch Bespitzelung, Verhöre und Einschüchterung systematisch „bearbeitet“ worden waren. Mindestens 300 von ihnen verloren ihre Arbeit, einige Dutzend wurden zum Militär eingezogen, vor allem jungen Arbeitern wurde die Aufenthaltserlaubnis für die Küstenstädte entzogen. In vielen polnischen Betrieben hielten die lebhaften Diskussionen auch nach dem Abflauen der Protestwelle an, da die wichtigsten Ziele der Arbeiter, insbesondere die Rücknahme der Preiserhöhungen, noch nicht durchgesetzt worden waren. So flammten dann im Januar 1971 erneut Streiks auf – besonders in Danzig, aber auch in Stettin, wo die Warski-Werft das Zentrum des Aufstandes war. Edward Gierek nahm dies zum Anlass, zusammen mit Ministerpräsident Piotr Jaroszewicz, Verteidigungsminister Wojciech Jaruzelski, Innenminister Franciszek Szlachcic sowie weiteren Parteiund Regierungsfunktionären nach Stettin zu fliegen und sich den streikenden Arbeitern zu stellen. Die berühmte Debatte am 24. und 25. Januar 1971 dauerte insgesamt neun Stunden.104 Mit auf dem Podium saß Streikführer Edmund Bałuka, die ganze Debatte wurde per Lautsprecher auf dem gesamten Werftgelände und auch in andere Stettiner Betriebe übertragen. Tausende, die vor den Toren der Werft standen, konnten ebenfalls mithören. Geschickt hörte sich Gierek die Klagen der Arbeiter an, wälzte die Schuld immer wieder auf Gomułka ab, verwies auf seine Vergangenheit als Bergmann in Polen und Frankreich und bedauerte die von seinem Vorgänger geerbte verheerende ökonomische Lage. Auch versprach er Sicherheitsgarantien für die Streikführer 102 Machcewicz, Paweł: Grudzień ’70. Krajobraz po bitwie, in Gazeta Wyborcza, 9.6.2008. 103 List Biura Politycznego KC KPZR do Biura Politycznego KC PZPR z grudnia 1970 r, in Paczkowski, Andrzej (wstęp): Tajne dokumenty Biura Politycznego. PRL-ZSRR 1956–1970, London 1998, S. 661 f. 104 Wortlaut in Paziewski, Michał: Debata robotników z Gierkiem. Szczecin 1971, Warschau 2010. 2. Historische und städtebauliche Epochen 88 und eine Neuwahl der betrieblichen Gewerkschaftsführungen. Giereks Auftritt gipfelte in dem Satz: „Wir verfolgen kein anderes Ziel als das, das wir propagiert haben: das Land zu entwickeln, den Sozialismus zu stärken, die Lebensbedingungen der Arbeitenden zu verbessern. Wenn Ihr dabei helft, dann glaube ich, dass wir dieses Ziel gemeinsam erreichen werden.“105 Nimmt man den im polnischen Fernsehen gesendeten Bericht für bare Münze, dann antworteten die Arbeiter auf Giereks Frage mit tosendem Beifall. Das gesamte Protokoll der Debatte, das erst im Jahr 2010 veröffentlicht wurde, vermittelt eher den Eindruck, dass die Mehrheit der versammelten Werftarbeiter Gierek durchaus Beifall zollten, aber auch viele kritische Stimmen im Saal laut wurden. Tatsache ist, dass damals viele Menschen in ganz Polen durchaus Hoffnungen hegten. Im Großen und Ganzen hatte Gierek mit seinem Auftritt auf der Stettiner Warski-Werft seine Ziele erreicht: die Beendigung der Streiks und einen großen Vertrauensvorschuss für seine neue Führung in Warschau. Eine ähnliche Diskussion absolvierte er auch auf der Danziger Lenin-Werft. Auch der spätere Arbeiterführer und Staatspräsident Lech Wałęsa setzte in jenen Jahren gewisse Hoffnungen auf Gierek. Doch erst Mitte Februar 1971 nahm die Führung in Warschau die Preiserhöhungen vom Dezember 1970 zurück. Sie tat dies nicht zuletzt unter dem Druck eines Streiks der Textilarbeiterinnen in der mittelpolnischen Industriemetropole Łódź. Andererseits zeigte die Repressionswelle, die nach den Dezemberereignissen über die Arbeiter besonders an der Ostseeküste hereinbrach, dass sich trotz des Wechsels von Gomułka zu Gierek der politische Wind noch nicht wirklich gedreht hatte. Zweckbauten statt ideologisch motivierter Großprojekte Wir haben schon gesehen, dass auch und gerade zwei wirtschaftlich-soziale Strukturprobleme die Zeit zwischen 1956 und 1970 bestimmten: der gewaltige Bedarf an Wohnungen sowie die Schwächen der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgütern.106 Warschau war in dieser Hinsicht keine Ausnahme, vielmehr war die Hauptstadt der Ort, wo diese Probleme kulminierten. So konzentrierten sich die zentrale Regierung sowie die Verantwortlichen der Stadt auf die Überwindung dieser Schwierigkeiten, wobei ihr Bemühen oft an das Schicksal von Sisyphos erinnerte. Für ideologisch beeinflusste und an historische Zeiten erinnernde Großprojekte wie in den Jahren des Stalinismus fehlten Zeit und Geld, was nicht bedeutete, dass nicht auch nun errichtete große Wohnsiedlungen und Trabantenstädte von der offiziellen Propaganda als bedeutende nationale Errungenschaften stilisiert wurden, auf die das ganze Volk stolz sein dürfe. 105 Polskie Radio: Najsłynniejsze hasło PRL – „Pomożecie?“, www.polskieradio.pl/39/156/Artykul/7690 28,Najslynniejsze-haslo-PRL-Pomozecie. 106 Siehe S. 78 in dieser Publikation. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 89 So setzte man im Wohnungsbau nach 1956 verstärkt auf vorproduzierte Bauteile. Polen folgte damit dem entsprechenden Trend in der Sowjetunion, aber auch in Deutschland und anderen Staaten Westeuropa; ein Blick in Städte im Ruhrgebiet oder auf das Märkische Viertel in Berlin beweist das. Erste Ergebnisse dieser Bauweise waren Siedlungen im nordwestlich des Stadtzentrums von Warschau gelegenen Stadtteil Wola an den Straßen ul. Wolska, ul. Kasprzaka und ul. Bema. Doch deren eindimensionale Bebauung bewirkte, dass dort lediglich „Schlafstädte“ entstanden, aber keine Zentren, in denen städtisches Leben in seiner ganzen Vielfalt pulsierte. Zentrale „Errungenschaft“ dieser Zeit ist die Siedlung „Hinter dem Eisernen Tor“ (Za Żelazną Bramą)107 im Nordwesten der Innenstadt, unweit vom Sächsischen Park (Ogród Saski) östlich der ul. Marszałkowska. Ihre 19 Wohnhäuser mit jeweils 16 Stockwerken entstanden in den Jahren 1965 bis 1972 nach Entwürfen der Architekten Jerzy Czyż, Jan Furman, Andrzej Skopiński und Jerzy Józefowicz, allesamt Absolventen der Architekturabteilung der Warschauer Technischen Hochschule. Mehrere Pavillons ergänzten die Siedlung. Insgesamt lebten hier bald annähernd 25 000 Personen. Die Wohnungen umfassten jeweils zwischen 27 und 48 Quadratmeter, was für heutige Verhältnisse klein sein mag, damals aber ein großer Fortschritt gegenüber den Wohnverhältnissen vieler Menschen vor dem Zweiten Weltkrieg war. Fast alle Fenster reichten vom Fußboden bis zur Decke der Wohnungen. Sorgfältig wurde auf den Bau von Feuerwehrzufahren geachtet, jedes Stockwerk verfügte auch über einen Hydranten. Die Wohnhäuser, die wie riesige Scheiben wirken, wurden schräg zur Laufrichtung der ul. Marszałkowska errichtet, wodurch das Straßennetz seine Gradlinigkeit aus der Vorkriegszeit verlor. Immerhin blieb zwischen den Wohnhäusern viel Platz, um Grünflächen anzulegen. Im Erdgeschoss wurden jeweils geräumige Eingangshallen geschaffen mit abgeteilten Wartebereichen vor den Aufzügen, die ein gewisses Gemeinschaftsleben der Bewohner ermöglichen sollten. Diese Idee realisierte sich allerdings kaum, bis heute spielt sich das Leben in diesen Häuser sehr anonym ab. In einigen Häusern wurden auch kleine Geschäfte und Kaffeestuben eingerichtet. Letztendlich wurde die ganze Siedlung nie zu einem integralen Bestandteil der Warschauer Innenstadt. Bis heute kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass sich das Leben hier eher „auf der grünen Wiese“ abspielt. Im Jahr 2010 entstand der von einem internationalen Team gedrehte Film „Behind the Iron Gate – Za Żelazną Bramą“, der das Leben in diesen Häusern in der kommunistischen Zeit beschreibt.108 107 Bis zum Zweiten Weltkrieg stand am Eingang zum nahe gelegenen Sächsischen Garten ein eisernes Tor. 108 www.printedmatter.org/catalog/41309/. 2. Historische und städtebauliche Epochen 90 Die Siedlung „Hinter dem Eisernen Tor“(Za Żelazną Bramą) im Jahr 1971 (Quelle: Wikimedia Commons). Im Laufe der 1960er Jahre verlagerte sich der Wohnungsbau mehr und mehr aus der Innenstadt in angrenzende Bezirke oder noch weiter an den Stadtrand. Zum Glück zeigte sich dabei mehr Erfindergeist und Sinn für Vielfalt als etwa in der Sowjetunion, wo nicht mehr als zwei oder drei Gebäudetypen zur Anwendung kamen. Trotz der vielfachen Anwendung vorproduzierter Bauteile bemühten sich die in Warschau aktiven Architektenkollektive, unterschiedliche Gebäudetypen zu projektieren, nicht selten mit modernistischen Elementen. Neben Za Żelazną Bramą stammen vor allem Siedlungen wie Sady Żoliborskie (aus dem Jahr 1959, im Norden Warschaus nahe dem Powązki-Friedhof) sowie Stadtviertel in Bielany (1960, ebenfalls im Norden der Stadt) und Wierzbno (1961, südlich der Stadtmitte im Stadtteil Mokotów). Ein Sonderfall waren dabei die Sady (Obstgärten) Żoliborskie, denn auf dem dortigen Wiesengelände nahe der Genossenschaftssiedlung Warszawska Spółdzielnia Mieszkaniowa (WSM) hatte man nach dem Zweiten Weltkrieg Obstbäume und -sträucher gepflanzt, um die schwierige Versorgungslage wenigstens etwas aufzubessern. Auch Schrebergärten waren dort errichtet worden. Als dann Anfang der 1960er Jahre der Plan entstand, das Gelände mit Wohnhäusern zu bebauen, war das nicht gerade nach dem Geschmack der Anwohner in den umliegenden Häusern. Deshalb planten die Architekten Halina Skibniewska und Jan Nowicki die Siedlung so, dass möglichst viele Bäume erhalten bleiben konnten, indem zwischen den Häusern genug Platz für sie bestand. Außerdem wurden keine Hochhäuser gebaut, sondern es entstanden 24 Häuser, die drei- bis fünfgeschossig waren. Natürlich waren die Wohnflächen entsprechend den damaligen Normen reichlich klein. Der Wohnungsbau musste durch die Wiederherstellung bzw. den Ausbau der innerstädtischen Verkehrsverbindungen ergänzt werden. Das galt besonders für die 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 91 transversal von West nach Ost verlaufende Verbindung der Stadtbahn, die so genannte Linia Średnicowa (deutsch: Durchmesser-Linie), die 1945 in Trümmern lag, besonders der Tunnel durch die Innenstadt und die Brücke über die Weichsel. Diese Linie war weitgehend in der Zwischenkriegszeit gebaut und 1933 eröffnet worden. Sie umfasste neben dem 1,2 Kilometer langen Tunnel und der Weichselbrücke einen Viadukt im Stadtteil Powiśle sowie die vier Bahnhöfe Ochota, Śródmieście (Zentrum), Powiśle und Stadion. Schon im Jahr 1949 konnte der Verkehr auf dieses S-Bahn-Linie wieder aufgenommen werden, allerdings nur durchgehend, weil die vier Haltestellen erst zwischen 1958 und 1963 wieder in Betrieb genommen werden konnten. Bis in die heutigen Zeiten ist die Gestalt dieser Haltestellen ein bemerkenswertes Zeugnis der Stadtentwicklung und Architektur Warschaus. So fällt die Station Ochota durch ihr geschwungenes schalenförmiges Dach auf, dessen schwarz-weißes Muster auf der mit Kacheln belegten Dachfläche bei der Sanierung im Jahr 2009 wiederhergestellt wurde. Die beiden Zugangspavillons von Śródmieście mit ihrer Verkleidung aus Naturstein passen zum Baustil des nahen Kulturpalastes. Bei Powiśle ist es der von einem hyperbolischen Paraboloid überdachte Pavillon, in dem noch heute die Automaten für den Fahrkartenverkauf angebracht sind. Bei Wschodnia erinnert eigentlich nur noch die gewaltige Stahlkonstruktion an die ursprüngliche Gestalt, nachdem die Station in den 1980er Jahren stark vernachlässigt wurde und deshalb im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2012 grundlegend saniert werden musste. Auch der seit 1934 bestehende und im Zweiten Weltkrieg zerstörte Flughafen im Stadtteil Okęcie wurde wiederaufgebaut. Schon im Juli 1959 wurde die zweigeschossige Weichselbrücke Most Gdański eröffnet. Geradezu bahnbrechend war die Inbetriebnahme des Weichselbrunnens im Jahr 1964, der wegen seiner runden Form von den Warschauern bald „Gruba Kaśka“ (Dicke Käthe, dickes Käthchen) genannt wurde. Der Ingenieur Włodzimierz Skoraczewski war auf die Idee gekommen, das Wasser weder aus der Weichsel direkt noch aus dem Flussufer, sondern aus den Schichten darunter zu entnehmen. Zu diesem Zweck wurden strahlenförmig 15 Drainagerohre rund sechs Meter tief im Flussbett verlegt. Aus den Rohren gelangt das Wasser durch einen 300 Meter langen Tunnel zur Wasseraufbereitungsanlage auf dem rechten Weichselufer. Der Flusslauf wirkt wie ein Filter. Rund um die Anlage wird der Weichselboden regelmäßig durch ein spezielles Schiff umgepflügt. Nach einer Modernisierung im Jahr 2004 ist die Anlage weiter in Betrieb und kann täglich bis zu 120 000 Kubikmeter Trinkwasser täglich liefern. Geschäfte, Milchbars, Sparkassen, Hotels Schon in den Jahren 1952 bis 1955, als der Kulturpalast errichtet wurde, hatte es Diskussionen gegeben, wie denn das Umfeld dieses gewaltigen Bauwerks zu gestalten sei.109 Große Bedeutung kam dabei der so genannten „Ostwand“ (Ściana Wschodnia) an der ul. Marszałkowska zu, die dem Haupteingang des Kulturpalastes gegenüber- 109 Siehe Karpiński, Wspomnienia, Warschau 2018, S. 136. 2. Historische und städtebauliche Epochen 92 liegt und in sozialistischen Zeiten eine Kulisse für Paraden am 1. Mai und Umzüge an anderen Festtagen war. Allerdings verliefen alle Diskussionen im Sand, auch diverse Bauentwürfe verschwanden wieder in den Schubladen. Die dort im Parterre der im Krieg weitgehend zerstörten Gebäude eingerichteten kleinen Geschäfte blieben vorerst erhalten. Im Jahr 1958, also unter den neuen politischen Bedingungen, wurde ein neuer Wettbewerb zur architektonischen Gestaltung des Geländes abgehalten. Von den insgesamt 39 Projekten kamen zwei in die engere Wahl. Eines davon hatten der Architekt Zbigniew Karpiński und seine Arbeitsgruppe vorgelegt, der auch Zofia Białowąs, Halina Woźniak, Maria Hausman, Wiesław Zach, Marek Gurwoski und Jan Wasil angehörten. Deren Entwurf sah vor, an der Straßenfront Gebäude mit vier bis fünf Stockwerken für Warenhäuser zu bauen und dahinter eine Fußgängerzone einzurichten, an die sich Wohngebäude mit einer Höhe bis zu 120 Metern anschließen sollten. Das öffentliche Interesse an dem Wettbewerb und der späteren Errichtung der verschiedenen Gebäude war riesig. Regelmäßig fand das Thema Eingang in die Spalten der Zeitungen Trybuna Ludu und Życie Warszawy. Schließlich wurde Zbigniew Karpiński im Juni 1959 zum Generalbevollmächtigten für das Projekt „Ostwand“ berufen. Doch die politische Führung des Landes mischte sich massiv in die Planungen für die Gestaltung der Gebäude ein. Erst nach diversen Gesprächen Karpińskis und seines Büroleiters Jan Klewin mit Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz, den PVAP-Politbüromitgliedern Edward Ochab und Marian Spychalski, und auch mit ZK-Sekretär Zenon Kliszko, sowie einer entsprechenden Diskussion im Politbüro erhielt er grünes Licht. In einem Schreiben der Regierung wurde schließlich festgelegt, dass die Höhe der geplanten Hochhäuser 80 Meter nicht überschreiten dürfe.110 Im Jahr 1960 legte Karpiński dann seinen endgültigen Entwurf vor, der dann in den Jahren 1962 bis 1971 umgesetzt wurde. Dabei entstanden an der Straßenfront dreistöckige, langgesteckte Gebäude mit großzügiger Verglasung, in denen die Warenhäuser Wars, Sawa und Junior des staatlichen Konzerns Domy Towarowe Centrum untergebracht wurden. Dahinter wurde eine Fußgängerzone mit weiteren Geschäften und auch Restaurants eingerichtet, an die sich die drei Hochhäuser anschlossen. Bei Reisen nach Holland, Dänemark, Schweden und Finnland im April 1960 hatte sich Karpiński vor allem von der Überbauung der Rotterdamer Lijnbaan und der HötorgsCity in Stockholm inspirieren lassen, beides aus den 1950er Jahren. Für sein Projekt erhielt er 1920 einen Preis des Bauministeriums sowie den Staatspreis für Technik. Im Juli 1971 wurde er zum Dekan der Architekturabteilung der Technischen Hochschule in Warschau berufen. Als Bestandteil des Komplexes „Ostwand“ wurde auch die so genannte „Rotunda“ (Rotunde) für die seit 1919 bestehende staatlichen Sparkasse Powszechna Kasa Oszczędności (PKO) an der Kreuzung ul. Marszałkowska und Al. Jerozolimskie errichtet. Das aus Stahl und viel Glas errichtete Gebäude mit einem gefalteten Dach wurde 110 Ebd., S. 140. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 93 nach einer Gasexplosion im Jahr 1979 – leicht verändert – innerhalb kürzester Zeit wiederaufgebaut. Auch das hinter der Rotunde gebaute Hochhaus der damaligen Au- ßenhandelszentrale Universal war Teil des Gesamtkomplexes. Der 1964 geborene Journalist und Politikwissenschaftler Tomasz Markiewicz, der sich gerade auch durch Publikationen zur städtebaulichen und architektonischen Geschichte Warschaus einen Namen gemacht hat, schreibt über seine Kindheitserinnerungen an die „Ostwand“: „Ich wurde in den 1960er Jahren in der Stadtmitte Warschaus im Krankenaus in der ul. Koszykowa geboren. Die ersten Jahre meiner Kindheit verbrachte in der ul. Marszałkowska bis zur Kreuzung dieser Straße mit der Al. Jerozolimskie. Der Bau der Ostwand ist das Erlebnis meiner Kindheit, man könnte sagen, ich bin zusammen mit ihr aufgewachsen. Damals wusste ich noch nicht, dass Zbigniew Karpiński ein wesentliches Fragment des Umfelds meiner Kindheit gebaut hat. Ich ging in den Kindergarten in einem Haus in der ul. Krucza 19, das er entworfen hatte, und oft war ich Gast in der Milchbar Bambino in der ul. Krucza 21, wo ich dann mit großem Interesse das, unter den Bedingungen der grauen Volksrepublik, exotisch anmutende Schaufenster der Air France im gleichen Gebäude betrachtet habe.“111 Auch das Gebäude der staatlichen Firma Metalexport an der Ecke ul. Krucza/ul. Mokotowska wurde nach einem Entwurf von Zbigniew Karpiński errichtet. Diese Firma war ebenfalls im polnischen Außenhandel aktiv. Architektonisch geradezu bahnbrechend war die Fertigstellung des Selbstbedienungsladens Supersam112 im Jahr 1962, womit Polen seinen ersten großräumigen Supermarkt erhielt, in dem Selbstbedienung herrschte. Nach dem Entwurf des Architekten Jerzy Hryniewicz wurde das über 100 Tonnen schwere Dach des Gebäudes am pl. Unii Lubelskiej als Tensegrity-Konstruktion113 errichtet und war damit eines der ersten dieser Art weltweit: Das Dach wurde durch ein System gespannter Stahlseile getragen. Dieses Konstruktionsprinzip ermöglichte einen großen Verkaufsraum von 1000 Quadratmetern ohne jegliche Dachstützen. Die Decke war mit imprägniertem Holz verkleidet. Dafür hatte man erstmals in Polen einen farblosen und wasserabweisenden Holzlack entwickelt. Wichtigstes Element der Fassaden des Gebäudes waren 16 Millimeter dicke, jeweils 400 Kilo schwere Spiegelscheiben. Über Jahre hinweg galt der Supersam als das Geschäft mit dem besten Sortiment. Als das Dach und die Seile vierzig Jahre später Rostschäden zeigten, entwickelte sich eine Kontroverse um den Abriss des ganzen Gebäudes oder seine Sanierung. Der damalige Leiter der Warschauer Bauaufsicht diagnostizierte akute Einsturzgefahr und verfügte die sofortige Schließung. Den von einem der damaligen Konstrukteure vorgeschlagenen Austausch der Stahlseile, der technisch durchaus möglich gewesen wäre, lehnte er ab. Am 9. April 2006 war der letzte Verkaufstag. Trotz heftiger Proteste von 111 Ebd. S. 145. 112 Sam bedeutet in polnischer Sprache selbst und ist als Kurzform von samoobsługa (Selbstbedienung) gemeint. 113 Tensegrity ist eine aus dem Englischen stammende Wortschöpfung aus tension (Zugspannung) und integrity (Zusammenhalt, Ganzheit). Diese Art von Konstruktion, von Richard Buckminster Fuller und Kenneth Snelson entwickelt, besteht aus einem stabilen System von Stäben, die sich untereinander nicht berühren, aber durch Zugelemente, wie etwa stählerne Seile, miteinander verbunden sind. 2. Historische und städtebauliche Epochen 94 Warschauer Architekten begann der Abriss im November des gleichen Jahres. Bald darauf wurde an der Stelle ein Hochhaus für Geschäfte und Büros errichtet.114 Ein gastronomisch-kulturelles Phänomen sozialistischer Zeiten waren die so genannten Milchbars (Bary mleczne), die nach 1945 und dann besonders in den 1960er Jahren vor allem in der Warschauer Innenstadt entstanden und für Menschen mit wenig Geld in der Tasche ein Ort war, wo sie täglich ein warmes Mittagessen erhalten konnten. Die erste derartige Milchbar hatte der Landwirt Stanisław Dłużewski allerdings schon im Jahr 1896 eröffnet, der er dann weitere in anderen Regionen Polens folgen ließ. Im Zuge der Versorgungskrise und der steigenden Preise für Nahrungsmittel nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Bedeutung der Milchbars noch zu. Nicht anders war es nach dem Zweiten Weltkrieg und in den 1960er Jahren, als die Milchbars so manchem Bürger das Überleben sicherten. Ab 1945 wurden sie von der Lebensmittelgenossenschaft Powszechna Spółdzielnia Spożywców „Społem“ betrieben. Und selbst in den neuen marktwirtschaftlichen Zeiten nach 1989 behielten die Milchbars eine gewissen Bedeutung, weil sie weiterhin von Geringverdienern und Rentnern, aber auch von Touristen besucht wurden und so ein typisches Element Warschauer Gastlichkeit im Rahmen des gesamten gastronomischen Spektrums bilden, das bis hin zu sündhaft teuren Restaurants mit international geprägten Speisekarten und alkoholischen Angeboten reicht. Zum Teil werden die Milchbars steuerlich und mit Zuschüssen durch die Stadt Warschau und den polnischen Staat unterstützt. Bis heute werden in den Milchbars vor allem typisch polnische Gerichte wie Milch- und andere Suppen, Pierogi (Teigtaschen), einfache Fleischgerichte, Gemüsesalate und dazu kräftige Süßspeisen und Kuchensorten angeboten. In der Regel besteht Selbstbedienung. Die Milchbars sind nicht nur ein Ort der Verpflegung, sondern auch des Beisammenseins und Meinungsaustausches, also eine Einrichtung, die ein wenig zur gesellschaftlichen Integration beiträgt. Der im Jahr 2004 verstorbene Warschauer Bürgerrechtler Jacek Kuroń orientierte sich nicht zuletzt an den Milchbars, als er in den Jahren 1992 und 1993, damals als Sozialminister, eigenhändig aus großen Gulaschkanonen Suppe an Bedürftige austeilte. „Moja Zupa“ (Meine Suppe) war sogar der Titel eines Buches, das er später veröffentlichte und das stark autobiografische Züge trug.115 Unter Gomułka entstand auch eine Reihe von Hotels wie das Grand Hotel (1958), das Dom Chłopa (1961), das Metropol (1966) sowie das Studentenhotel Dom akademicki Riwiera (1964). Das Grand Hotel entstand inmitten eines Viertels, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg eine ganze Reihe von Ministerien errichtet wurde, und diente so nicht zuletzt den aus dem ganzen Land anreisenden Delegationen als Unterkunft. Schon in Zeiten des Sozialistischen Realismus projektiert, aber erst 1958 fertiggestellt, zeigt das Gebäude noch typische Attribute der Übergangszeit: ein strenges Raster der Fenster und zurückhaltend stilisierte dekorative Elemente sowie einen rustikalen Sockel aus Quadersteinen. Blickfang bis heute ist das gewellte, weit herausragende Vor- 114 Siehe u. a. Springer, Filip: Kopfgeburten. Architekturreportagen aus der Volksrepublik Polen, Berlin 2015, S. 82 ff. 115 Kuroń, Jacek: Moja Zupa, Warschau 1991. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 95 dach über dem Eingang. Im Jahr 2008 wurde das Grand Hotel als Mercure Grand in die Accor-Gruppe eingegliedert. Teatr Wielki in klassischer Gestalt Mit der Wiedereröffnung des Teatr Wielki am 19. November 1965 erhielt Warschau das wichtigste und größte Musik- und Sprechtheater Polens zurück.116 Und natürlich war es kein Zufall, dass an diesem Abend mit der Oper Straszny Dwór (frei übersetzt: Gespensterschloss) von Stanisław Moniuszko eines der wichtigsten Werke des 19. Jahrhunderts (aus dem Jahr 1865) aufgeführt wurde, jener Epoche also, in der die Kultur zu einem entscheidenden Faktor des Nationalbewusstseins im von Deutschland, Russland und Österreich beherrschten Polen wurde. Das Teatr Wielki wurde in den Jahren 1825 bis 1833 nach den Plänen der Architekten Antoni Corazzi und Bohdan Pniewski errichtet und sollte ursprünglich den Namen Nationaltheater erhalten. Doch musste nach der Niederschlagung des polnischen Novemberaufstandes von 1830 auf diesen Namen zu Gunsten des heute noch gebräuchlichen Namens Teatr Wielki verzichtet werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg war es Ort fast aller Uraufführungen polnischer Opern, Klavier- und Violinkonzerte sowie Ballettwerke, insbesondere von Moniuszko und Karol Szymanowski. Während der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude durch die Wehrmacht, SS und deutsche Polizei bis auf wenige verbliebene Reste der Fassade zerstört. Heute beherbergt das Teatr Wielki die Nationaloper und das Nationaltheater sowie ein Theatermuseum. Mit dem Wiederaufbau in den 1960er Jahren erhielt das Gebäude seine klassizistische Gestalt zurück, wobei im Inneren räumliche Veränderungen zu Gunsten einer gigantischen Bühne mit 50 Metern Höhe und 54 Metern Tiefe sowie eines größeren Besucherraums vorgenommen wurden. Im Jahr 1966, also schon bald nach der Fertigstellung des Teatr Wielki, konnte auch die Warschauer Musikhochschule Uniwersytet Muzyczny Fryderyka Chopina in ein eigenes Gebäude einziehen, damals noch unter dem Namen Państwowa Wyższa Szkoła Muzyczna. Damit hatte auch Polens größte und wichtigste Ausbildungsstätte für Dirigenten, Komponisten, Musiktheoretiker, Instrumentalisten und Vokalisten wieder ein Domizil in der Hauptstadt. Die Tradition dieser Hochschule geht bis auf das Jahr 1810 zurück, als in Warschau mit der Szkoła Główna Muzyki die erste derartige Ausbildungsstätte entstand. Diese musste allerdings schon 1831, zusammen mit der Warschauer Universität, auf Druck der russischen Besatzungsbehörden wieder ihre Pforten schließen. Erst 1861 konnte sie dann ihre Tätigkeit wieder aufnehmen, die dann bis 1939 andauerte, ab 1918 unter dem Namen Staatliches Konservatorium (Konserwatorium Państwowe). Die deutschen Besatzungsbehörden verfügten dann 1939, das der Name in Staatliche Musikhochschule geändert wurde. 1946 konnte die Lehranstalt ihre Tätigkeit unter 116 Szczublewski, Józef: Teatr Wielki w Warszawie 1833–1993, Warschau 1993. 2. Historische und städtebauliche Epochen 96 dem Namen Wyższa Skoła Muzyczna wieder aufnehmen. Seit 2008 trägt sie den heutigen Namen Uniwersytet Muzyczny Fryderyka Chopina. Das Gebäude in der ul. Okólnik, eine Parallelstraße zur ul. Nowy Świat, hat schon überhaupt nichts mehr mit der Architektur des Sozialistischen Realismus zu tun und gleicht anderen, eher modernistisch gestalteten Bauwerken in Warschau. Die Vorderfront fällt auf durch die breite flache Treppe zum Haupteingang und den darüber weit vorragenden Saal. Haupteingang, Innenhof und anschließender Park liegen auf einer Achse. Eine der zentralen Stätten, an denen die Schrecken der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen während des Zweiten Weltkriegs dokumentiert werden, ist das Gefängnismuseum Pawiak in der ul. Dzielna, das am 28. Oktober 1965 der Öffentlichkeit übergeben wurde. Weit mehr als 30 000 Menschen kamen hier durch Hunger, Folter und Mord ums Leben. Doch deutsche Aufseher und Henker waren nicht die ersten, die in diesem Kerker ihr tödliches Handwerk ausübten. Schon seit 1829 war hier ein zaristisches Gefängnis, in das die russische Besatzungsmacht aufmüpfige Polen verschwinden ließ. Die heutige Gestalt des Museums geht auf einen Entwurf des einflussreichen polnischen Architekten Romuald Gutt zurück, der insbesondere dafür sorgte, dass die wenigen, aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs erhalten gebliebenen Zeugnisse wie Reste der Fundamente, Torgitter und Teile eines Galgens durch einen minimalistischen, nur wenige Meter hohen Überbau eindrucksvoll in Szene gesetzt werden. Zu den Exponaten, die im Pawiak gezeigt werden, gehören Dokumente, Essgeschirr, Schlösser und Waffen der Gefängnisaufseher. Auf dem Hof des Gefängnisgeländes steht der Bronzeabguss einer Ulme, die während der Besatzungszeit Ort der Nachrichtenübermittlung war, weil Gefangene und deren Angehörige dort Zettel mit kurzen Nachrichten anbrachten. Der Pawiak ist heute nicht mehr die einzige Dokumentationsstätte für den Terror der Nationalsozialisten, weil inzwischen insbesondere das Museum des Warschauer Aufstandes (2004) und das Museum der Geschichte der polnischen Juden (2014) in Warschau sowie das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig (2017) entstanden sind. Am Ende der ul. Foksal findet sich der Palast des Adligen Konstantin Zamoyski (Pałac Konstantego Zamoyskiego), der am 1. Juli 1967 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Heute hat dort der Polnische Architektenverband seinen Sitz. Der Palast entstand in den Jahren 1875 bis 1877 unter Leitung des Architekten Leandro Marconi, der sich vor allem von der französischen Spätrenaissance inspirieren ließ. Obwohl es während des Warschauer Aufstandes 1944 in der Umgebung des Bauwerks zu schweren Gefechten kam, blieb der Palast weitgehend unbeschädigt. Eine Zeit lang beherbergte er auch die Zentrale des Verbandes der polnischen Künstler, Maler und Grafiker. Das 1968 eröffnete Plakatmuseum (Muzeum Plakatu) auf dem Gelände des Königspalastes in Wilanów weit im Süden Warschaus war die erste Einrichtung dieser Art auf der ganzen Welt. So steht es jedenfalls in der Warschauer Enzyklopädie.117 117 Wydawnictwo Naukowe PWN: Encyklopedia, Warschau 1994, S. 521. 2.4. Polnischer Sozialismus unter Gomułka: funktionaler Städtebau (1956–1970) 97 Ursprünglich diente das Bauwerk als Hofreitschule, die 1848 nach einem Entwurf des Architekten Franciszek Maria Lanci fertiggestellt wurde. Aus dieser Zeit blieb allerdings nur der mächtige Torbogen im Stil des Empire erhalten. Im Inneren des Bauwerks wurden allerdings erst 1994 größere Plakatierungsflächen geschaffen, nachdem die vorherige Zahl der Exponate eher gering war. Schon 1955, also noch kurz vor dem endgültigen Aus für den polnischen Stalinismus im Herbst 1956, wurde am Weichselufer im Stadtteil Praga genau gegenüber dem Königsschloss und der Warschauer Altstadt das Stadion des 10. Jahrestages (Stadion Dziesięciolecia) eröffnet. Der Name ging auf das Manifest des Polnischen Komitees der nationalen Befreiung118 zurück, das am 22. Juli 1944 veröffentlicht worden war, also genau zehn Jahre vor dem Baubeginn des Stadions. Die Anlage wurde zum Teil aus dem Bauschutt der im Zuge des Warschauer Aufstandes 1944 zerstörten Häuser errichtet. Das Stadion war der Ort, an dem die polnische Fußball-Nationalmannschaft ihre Länderspiele austrug. Auch die Endspiele im Rahmen des polnischen Pokalwettbewerbs fanden dort statt. Hinzu kamen Leichtathletik-Wettbewerbe und Konzerte. Das Stadion war auch mehrfach Zielort der so genannten Internationalen Friedensfahrt. Und natürlich diente das Stadion wiederholt auch für offizielle Großveranstaltungen von Staat und Partei. Anfang der 1980er Jahre war die Anlage stark renovierungsbedürftig und nicht mehr der Zeit angemessen. Da es jedoch an Geld fehlte, verfiel es immer mehr und war schließlich als Sportstätte nicht mehr nutzbar. Im Jahr 1989 verpachtete die Stadt Warschau das Stadion an die Handelsgesellschaft Damis, die dort den „Jarmark Europa“ einrichtete. Daraus entwickelte sich einer der größten Basare im östlichen Europa, auf dem bald fast alles gehandelt wurde. Das Angebot reichte von Lebensmittel, Kleidung, geschmuggelten Zigaretten und Raubkopien von CDs bis hin zu Waffen, Munition und Drogen. Zu den Öffnungszeiten des Basars bewegten sich auf der nahe gelegenen Brücke über die Weichsel ganze Käuferscharen mit den für die sozialistischen Zeiten so typischen großen Plastikbeuteln. Im Jahr 2019 veröffentlichte Fotos zeigten noch einmal den damaligen Zustand des Stadions.119 Für die Fußball-Europameisterschaft 2012 wurde dann auf dem Gelände das Nationalstadion (Stadion Narodowy) errichtet. Auch wenn die Industrialisierung in den 1960er Jahren nicht so intensiv wie in stalinistischen Zeiten betrieben wurde, entstand doch eine Reihe neuer Betriebe, darunter das Kraftwerk Siekierki, ein Pumpenhersteller und eine Fleischfabrik. Außerdem wurde mit dem italienischen Automobilhersteller Fiat ein Lizenzvertrag zur Herstellung des Polski Fiat 125 abgeschlossen. Schon 1948 hatte die ein Jahr zuvor am rechten Weichselufer eröffnete Fabryka Samochodów Osobowych (FSO) einen Lizenzvertrag zur Fertigung von Fiat-Modellen abgeschlossen, der aber nie erfüllt wurde. 118 Siehe S. 45 in dieser Publikation. 119 Dziś tu stoi Stadion Narodowy, a tak kiedyś wyglądał Stadion Dziesięciolecia. Gazeta Wyborcza, 13.4.2019. 2. Historische und städtebauliche Epochen 98 „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) Die Jahre 1971 bis 1980, in denen Gomułkas Nachfolger Edward Gierek als Parteichef und seine Führungsriege die Entwicklungsrichtung Polens bestimmten, waren zunächst durch mehr Freiheit nach innen und außen bestimmt. Auch in der Wirtschaftsund Sozialpolitik setzte Giereks Equipe neue Akzente. Für die städtebauliche Entwicklung Warschaus bedeutete dies, dass wieder mehr Großprojekte wie der Hauptbahnhof (Warszawa Centralna) und die Stadtautobahn (Trasa Łazienkowska) in den Vordergrund traten – jeweils von der offiziellen Propaganda mit großem Aufwand gefeiert. Unter Gierek wurde endlich auch der Wiederaufbau des Königsschlosses am Rande der Warschauer Altstadt abgeschlossen. Kreditfinanzierte Wohltaten Schon die Diskussionen Giereks mit den Arbeitern in Stettin und Danzig hatte gezeigt, dass der neue Parteichef in den ersten Jahren seiner Amtszeit einen anderen Führungsstil als sein Vorgänger Gomułka an den Tag legte. Er suchte den Kontakt zum „Mann auf der Straße“ und liebte es, improvisierte Gespräche mit den Werktätigen etwa vor einem Fabriktor zu führen. Bei den Bürgern kam es gut an, dass Gierek anordnete, sein Porträt nicht in öffentlichen Gebäuden aufzuhängen, was unter seinen Vorgängern noch gängige Praxis war. Ohne Zweifel zählte Edward Gierek zu den prägendsten Gestalten der polnischen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.120 Noch lange nach der Transformation der Jahre 1989/90 herrschte in Teilen der polnischen Gesellschaft eine regelrechte Gierek- Nostalgie vor, öffentliche Gebäude, Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt. In einer Umfrage von 1999 betonten 54 Prozent der Befragten, Gierek habe eine positive Rolle in der polnischen Geschichte gespielt, während nur 19 Prozent ihn negativ beurteilten.121 Auf dem Höhepunkt seiner Macht bis zur Mitte der 1970er Jahre war Gierek nicht einfach nur der Erste Sekretär der PVAPPZPR, sondern der „Vater der Nation“, ja ein „Auserwählter Gottes“. Der Historiker Andrzej Paczkowski nannte die ersten Jahre Gierekscher Machtausübung „la belle époque“ des realen Sozialismus in Polen.122 Gierek brachte auch frischen Wind in die Parteiorgane. Während das Politbüro in Gomułkas Zeiten eher unregelmäßig tagte und dessen Entscheidungen meistens eher undurchsichtig blieben, kam dieses Gremium nun regelmäßig am Dienstag jeder Woche zusammen, anschließend wurde in der abendlichen Hauptnachrichtensendung 2.5. 120 Zur Bewertung Giereks siehe insbesondere Paczkowski, Andrzej: Pół wieku dziejów Polski 1939– 1989, Warschau 1995. 121 Siehe Dziadul, Jan: Edward wspaniały, in Polityka, Nr. 31/2010, S. 67. 122 Diese Bezeichnung fand sich sogar im Titel einer Ausstellung „Komunizm la belle époque“, die im Rahmen einer internationalen Konferenz zu dem Thema im Oktober 2012 vom Institut des Nationalen Gedenkens (Instytut Pamięci Narodowej) in Warschau veranstaltet wurde. 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 99 des polnischen Fernsehens darüber berichtet, natürlich in einer Version, die der Parteichef genehmigt hatte. Allein im Jahr 1971 mussten im Parteiapparat etwa 100 000 Funktionäre ihren Platz für jüngere Aktivisten räumen, 50 Prozent der ZK-Mitglieder wurden durch jüngere Funktionäre ersetzt. Wenig später mussten die Ersten Sekretäre der Parteikomitees in 12 von 18 Woiwodschaften ihren Hut nehmen. Ähnlich radikal war der Kaderwechsel in der Staatsverwaltung. Für große Popularität der neuen Parteiführung sorgte auch ein gewaltiges Sozialprogramm, das vom Politbüro im Frühjahr 1971 verabschiedet wurde und vor allem Lohn- und Rentenerhöhungen für mehr als fünf Millionen Menschen umfasste. Au- ßerdem wurde die Zahl der Urlaubstage aller Werktätigen auf vier Wochen erhöht. Hinzu kamen ab 1975 noch 12 arbeitsfreie Samstage pro Jahr. Angesichts des gewaltigen Ausbaus des Sozialstaates verbesserte sich der Gesundheitszustand vieler Menschen, die Lebenserwartung stieg an. Angesichts des deutlichen Anstiegs der Kaufkraft der Bevölkerung wurden zunehmend Konsumartikel auch importiert. Für die Bauern war vor allem wichtig, dass die Ankaufspreise für landwirtschaftliche Produkte erhöht und die letzten Zwangsabgaben abgeschafft wurden. Außerdem kamen die Landwirte nun in den Genuss einer kostenlosen gesundheitlichen Versorgung. Bauern, die im Rentenalter ihren Grund und Boden dem Staat überließen, erhielten im Gegenzug eine Rente, ohne vorher in die Rentenversicherung eingezahlt zu haben. In den frühen 1970er Jahren wurden etwa eine Millionen Wohnungen fertiggestellt, die in der Regel pro Einheit größer waren als jene aus dem vorherigen Jahrzehnt. Die Erinnerungen an die Gierek-Ära gilt gerade auch der massenhaften Produktion des Fiat 126, liebevoll maluch (Knirps, der Kleine) genannt, die 1973 begonnen wurde. Mit etwa 20 Monatsgehältern war der Preis dieses Autos vergleichsweise niedrig. Bis 1981 wurden mehr als eine Million dieser Kleinwagen in den neu erstellten Autofabriken in Oberschlesien gebaut. Dies hatte zur Folge, dass die Gesamtzahl der PKWs in Polen von etwa einer halben Million im Jahr 1970 auf mehr als zwei Millionen Ende 1980 stieg. Doch bei Gierek lagen Licht und Schatten eng beieinander, denn der Ausbau des Sozialstaates, die wachsende Versorgung des einheimischen Marktes mit importierten Produkten und der Aufbau neuer Industriezweige wurden zunehmend durch Kredite finanziert. Ein wichtiges Beispiel dafür war die Vereinbarung, die Gierek und der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt am Rande der Unterzeichnung der Schlussakte der „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) am 1. August 1975 in der finnischen Hauptstadt Helsinki trafen. Diese beinhaltete die Zahlung einer Pauschale von 1,3 Milliarden D-Mark für Rentenansprüche ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter sowie einen Kredit von einer Milliarde D-Mark zu vergleichsweise günstigen Bedingungen im Gegenzug zur Ausreisebewilligung für etwa 125 000 polnische Staatsbürger in den Westen. Hinzu kamen weitere große Kredite, die Polen in jenen Jahren aufnahm. All das hatte zur Folge, dass die polnische Staatsverschuldung von einer Milliarde Dollar im Jahr 1970 auf vier Milliarden 1974 und sogar acht Milliarden 1975 anstieg. Zu diesem Zeitpunkt verschlang der Schuldendienst bereits ein Viertel des gesamten polnischen Exports. Im Ergebnis kam es zu 2. Historische und städtebauliche Epochen 100 einer schleichenden Verwestlichung der Wirtschaftsbeziehungen Polens. Später stellte sich heraus, dass das Risiko, das sich aus der wachsenden Außenverschuldung ergab, den damaligen Wirtschaftsexperten des Landes entweder nicht bewusst war oder es verdrängten. Dahinter stand die Hoffnung, man könne im Westen Lizenzen und Ausrüstungsgüter kaufen, die es dann erlaubten, neue Produkte und Konsumartikel zu exportieren, um mit dem Erlös die Schulden zurückzahlen zu können. Doch die Ölkrise von 1973, die Verteuerung des Schuldendienstes und die strukturelle Unfähigkeit der sozialistischen Wirtschaft, neuere technologische Abläufe einzuführen, machten diese Hoffnung zunichte. Doch die ersten Jahre der Gierek-Zeit brachten nicht nur eine Verbesserung des Lebensstandards für breite Schichten der polnischen Gesellschaft, sondern auch mehr Freiheiten gerade für junge Menschen im Bereich der Alltagskultur und der persönlichen Lebenseinstellung. So verzichtete man fortan in den Grundschulen auf die einheitliche Kleidung für Jungen und Mädchen. Sehr zur Freude der jungen Leute fiel auch das Verbot, sich längere Haare wachsen zu lassen. Zudem durften künftig auch Mädchen Hosen tragen. Das dritte Programm des polnischen Hörfunks (Trójka) erhielt die Erlaubnis, neben polnischer auch zunehmend westliche Rockmusik zu senden, was dessen Popularität natürlich erheblich steigerte. Junge Menschen suchten verstärkt nach westlichen Vorbildern für ihr Leben. Natürlich musste all dies auch gegen Widerstand durchgesetzt werden, der sowohl von Lehrern und Schuldirektoren besonders in der Provinz, aber vom katholischen Klerus artikuliert wurde. Der polnische Soziologe Jacek Raciborski betonte, dass schon in den 1970er Jahren bestimmte Organisationsformen entstanden bzw. gefestigt worden seien, die zwar noch nicht einer modernen Bürgergesellschaft entsprochen hätten, vielen jungen Menschen aber gesellschaftliches Engagement im Rahmen des sozialistischen Systems ermöglicht hätten. Raciborski: „Werktätige organisierten sich in Gewerkschaften, Schriftsteller, Schauspieler und Bildhauer hatten Verbände, junge Menschen strömten in Jugendorganisationen, die Studenten hatten ihre eigenen Gruppen, die Bauern leisteten sich gegenseitig Unterstützung und ihre Frauen gründeten Nachbarschaftshilfen. Zehntausende Aktivistinnen und Aktivisten engagierten sich in der Liga der polnischen Frauen, der Liga für Naturschutz, der Liga zur Verteidigung des Landes, der Polnischen Touristischen Gesellschaft […] Diese Organisationen haben tatsächlich gearbeitet, befriedigten bestimmte Bedürfnisse und vertraten Bürgerinteressen. Das war kein vordergründiger Schwindel.“123 Doch Öffnung nach außen in den 1970er Jahren bedeutete nicht nur Westkredite, Investitionen und Steigerung des Außenhandels, sondern auch mehr Durchlässigkeit der Grenzen für die Bürger des Landes. Die Zahl der Reisen ins „nichtsozialistische Ausland“, also vor allem nach Westeuropa, stieg innerhalb weniger Jahre stark an. Von dort kamen auch erheblich mehr Besucher nach Polen. Auch der touristische Austausch mit anderen sozialistischen Ländern nahm erheblich zu, insbesondere mit Ungarn. 123 Co prześnione, co skradzione. Rozmowa z prof. Jackiem Raciborskim, in Polityka, 21.2.2017, S. 58 ff. 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 101 In diesem Zusammenhang spielte der Neuanfang in den Beziehungen zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR. Am 1. Januar 1972 wurde die Grenze zwischen beiden Ländern geöffnet, fortan genügte der Personalausweis für den Grenz- übertritt. Ein Jahr später war dann auch für Reisen in andere sozialistische Länder kein Pass mehr erforderlich. Für Westreisen musste man allerdings weiterhin einen Pass jeweils neu beantragen und sich in einem der westlichen Konsulate ein Visum besorgen. Zudem waren solche Reisen noch reichlich teuer, doch all das tat der Reiselust keinen Abbruch. Für die politische Öffnung Polens spielten vor allem die Beziehungen zu Frankreich, den USA und zur Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Rolle. Nach drastischen innenpolitischen Auseinandersetzungen erkannte die Bundesrepublik im Mai 1972 die polnische Westgrenze unter Vorbehalt an. Ebenso wurden die Grenzen der polnischen Kirchenprovinzen neu gezogen und damit den seit 1945 bestehenden Staatsgrenzen angepasst. Ein deutliches Signal waren auch die Reisen amerikanischer Präsidenten nach Polen: Richard Nixon (1972), Gerald Ford (1975) und Jimmy Carter (1977). Auch der damalige finnische Präsident Urho Kekkonen kam nach Polen, ebenso wie Schah Reza Pahlawi, der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky, Frankreichs Präsident Valery Giscard d’Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt. Edward Gierek reiste in die USA und den Vatikan, nach Österreich, Belgien, Frankreich, Portugal, Indien, Iran, Schweden, Italien und in die Bundesrepublik Deutschland. Ein wichtiges Element des Konsums der Bürger wurden die Devisenläden, die zunächst von der Nationalbank geführt, dann aber von dem staatlichen Unternehmen PEWEX (Przedsiębiorstwo Eksportu Wewnętrznego – Unternehmen für Binnenexport) übernommen wurden. Gegen „harte Währung“, also US-Dollar oder D-Mark, konnten in diesen Geschäften Waren erworben werden, die in den anderen staatlichen Läden kaum erhältlich waren, insbesondere Jeans, westliche Zigaretten, bestimmte Alkoholsorten, Lebensmittel aus dem Ausland und Unterhaltungselektronik. Die ersten dieser Geschäfte entstanden schon in den 1960er Jahren, ihre Zahl stieg dann aber erst im folgenden Jahrzehnt rapide an. Mit Intershop in der DDR, Tuzex in der Tschechoslowakei, Berjoska in der UdSSR und Corecom existierten vergleichbare Läden auch in anderen sozialistischen Staaten. Die PEWEX-Geschäfte wurden in den frühen 1990er Jahren privatisiert, gingen aber bald danach bankrott. Nicht zuletzt war für die damalige polnische Führung die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte am 1. August1975 in Helsinki ein zentrales Ereignis ihrer Außenpolitik. Neben Polen nahmen sechs weitere Staaten des Warschauer Pakts, 13 neutrale bzw. blockfreie Länder sowie 15 Nato-Staaten teil. Die Unterzeichner bekannten sich zur Unverletzlichkeit der Grenzen, zur friedlichen Regelung von Streitfällen, zur Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten sowie zur Wahrung der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Vereinbart wurde auch eine stärkere Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Umweltschutz. Gerade der berühmte „Korb III“ der Schlussakte von Helsinki war später die Grundlage für die Arbeit vieler Dissidenten und Menschenrechtsgruppen in Ostmittel- und Osteuropa, die zum späteren Zusammenbruch der sozialistischen Staaten beitrugen, so 2. Historische und städtebauliche Epochen 102 das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter in Polen und die Charta 77 in der Tschechoslowakei. Steigende Schuldenlast, Verfassungsdebatte Schon Mitte der 1970er Jahre waren die ersten Krisensymptome nicht mehr zu übersehen und auch kaum mehr von der offiziellen Propaganda zu vertuschen. Das galt besonders für die steigende Schuldenlast, aber auch zunehmend für die hinter den Planvorgaben zurückbleibende Produktivitäts- und Produktionssteigerung. Trotzdem sahen Partei- und Staatführung keinen Anlass, von ihrer illusorischen Gigantomanie abzurücken. Schon im Jahr 1975 kamen zwei Drittel der Industrieproduktion aus etwa 100 großen Industriekomplexen. Etwa die Hälfte der Industriearbeiter war in den großen Kombinaten mit jeweils mehr als 1000 Beschäftigten tätig. Diese inflexiblen Giganten waren zunehmend nicht in der Lage, auf die Bedürfnisse der nationalen und internationalen Märkte zu reagieren. Angesichts des „Investierens an allen Fronten“, vor allem im Fahrzeugbau, der Elektrotechnik, der Chemieindustrie, der Montanindustrie und im Wohnungsbau, verloren die zuständigen staatlichen Instanzen mehr und mehr den Überblick und waren dementsprechend nicht in der Lage, steuernd einzugreifen. In Polen wurde der Kohleverbrauch noch gewaltig gesteigert, während man im Westen schon in den frühen 1990er Jahren begonnen hatte, über eine Rationalisierung des Energieverbrauchs nachzudenken. Die hohen Kosten der umfangreichen Sozialprogramme drückten auf den Staatshaushalt. Ab Mitte der 1970er Jahre kam es zu einer starken Aufblähung des Partei- und Staatsapparats. Um die Machtbasis Giereks und seiner Entourage weiter auszubauen, bemühte man sich, viele junge Leute in die PVAP/PZPR zu holen – vor allem die geburtenstarken Jahrgänge der in den 1950er Jahre Geborenen. Bereits 1975 hatte die Partei gut drei Millionen Mitglieder. Ebenso ergab sich dies aus der Verwaltungsreform von 1975, mit der die Zahl der Woiwodschaften von 17 auf 49 erhöht wurde. Der damit verbundene Aufwand war gewaltig. So mussten nicht nur Sekretäre für die neuen regionalen Parteikomitees und Beamte für die neuen Verwaltungsebenen gefunden werden, sondern auch neue Amtssitze für Partei und Staat gebaut werden, ebenso Polizeipräsidien, Dienststellen des Sicherheitsdienstes und andere offizielle Gebäude. Die Zentralisierung der Massenmedien zeigte sich besonders bei der parteigebundenen Publikationsgenossenschaft der Arbeiter (Robotnicza Spółdzielnia Wydawnicza) Diese vereinigte schließlich das staatliche Kiosknetz Ruch und drei Verlage sowie die große Mehrheit der Tageszeitungen unter einem Dach. Aber im 1975 deutete sich auch das Entstehen einer neuen politisch-demokratischen Opposition an. Anlass war das Vorhaben der Parteiführung, die Verfassung von 1952 zu ändern. So sah ein Beschluss des VII. Parteitags der PVAP/PZPR vor, die bisherige Bezeichnung „Volksrepublik“ durch Sozialistische Republik zu ersetzen. Festschreiben wollte man außerdem die „führende Rolle der PVAP“ in Staat und Gesellschaft sowie die „unantastbare brüderliche Verbundenheit mit der Sowjetunion“. 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 103 Waren es anfangs vor allem Vertreter der katholischen Kirche, die sich kritisch zu den angestrebten Änderungen äußerten, so kamen bald auch Stellungnahmen aus dem intellektuellen Milieu hinzu. Wichtigstes Dokument war der „Brief der 59“, der im Dezember 1975 der Kanzlei des Sejms zugeleitet wurde. Zu den Unterzeichnern, deren Zahl noch auf 66 anstieg, gehörten Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler, darunter 18 Mitglieder des später gegründeten Komitees zur Verteidigung der Arbeiter. Die Unterzeichner beriefen sich auf die KSZE-Grundakte und erklärten, dass die Verfassung und die auf ihr basierende Gesetzgebung insbesondere die Freiheit des Gewissens, der Religionsausübung, der Freiheit der Information und Meinung sowie der Wissenschaft garantieren sollten.124 Für öffentliches Aufsehen sorgte auch der „Brief der 7“ vom 6. Dezember 1975, der an die Delegierten des VII. Kongresses der PVAP/PZPR gerichtet war. Dessen Unterzeichner, zu denen auch der Historiker, Bürgerrechtler und Außenminister Bronis- ław Geremek gehörte, forderten insbesondere eine Reform des Wahlrechts, eine wahrheitsgetreue Information der Bürger über die tatsächliche wirtschaftliche und soziale Situation, Garantien für die freie Tätigkeit der Arbeiterräte und Gewerkschaften, ein Pressegesetz entsprechend den Grundsätzen der Helsinki-Schlussakte, die Einhaltung der Bürgerrechte und eine Rückkehr zur Selbstverwaltung der Universitäten.125 Neben diesen beiden Briefen gab es eine Reihe weiterer öffentlicher Meinungsäu- ßerungen von Einzelpersonen und Gruppen, die auf ein gewisses Potential unabhängigen Denkens in der Gesellschaft hindeuteten. Noch aber konnte es sich die Parteiführung leisten, die öffentlichen Proteste mit Schweigen zu übergehen, sah sich aber doch veranlasst, kleinere Zugeständnisse zu machen. So wurde die Formel von der „unantastbaren brüderlichen Verbundenheit mit der Sowjetunion“ durch „Freundschaft und Zusammenarbeit“ ersetzt. Polen blieb eine Volksrepublik, auch wenn der Staat als „sozialistisch“ definiert wurde. Am 10. Februar 1976 nahm der Sejm die revidierte Version der Verfassung an, die dann sechs Tage später vom Staatsrat bestätigt wurde. Reifeprozess der Opposition Nach der Debatte über die Novellierung der Verfassung waren die Proteste der Arbeiter besonders in Radom und Ursus im Juni 1976 sowie der folgende Reifeprozess der politisch-demokratischen Opposition weitere Zeichen dafür, dass die Führung um Edward Gierek zunehmend ins gesellschaftliche Abseits geriet. Anlass für die Arbeiterproteste waren vom Politbüro abgesegnete Preiserhöhungen, die noch weit höher waren als jene, die Władysław Gomułka im Dezember 1970 durchsetzen wollen. Danach sollten die Preise für Zucker um 90 Prozent, für Fleisch, Fleischprodukte und 124 Original des Briefes: AIPN, 0678/159, t. 4, k. 260. 125 Do Delegatów na VII Zjazd PZPR na ręce I Sekretarza Tow. Edwarda Gierka. Centrum im. Prof. Bronisława Geremka. Archiwum. 2. Historische und städtebauliche Epochen 104 Fisch um durchschnittlich 70 Prozent sowie für Butter und Käse um 60 Prozent steigen. Die Wut in der polnischen Gesellschaft war verständlich, absorbierten doch die Ausgaben für Lebensmittel einen wesentlichen Teil der Ausgaben der Familien. Schon einen Tag nach Bekanntgabe der Preiserhöhungen, am Morgen des 25. Juni, registrierte man im Warschauer Innenministerium mehr als 60 Proteststreiks vor allem in den Woiwodschaften Warschau, Radom, Elbing, Łódź, Danzig und Stettin. Die Arbeiter der großen Waffenfabrik Predom-Łucznik in der zentralpolnischen Stadt Radom beließen es nicht bei Streiks und Demonstrationen, sondern setzten auch das örtliche Parteikomitee in Brand. Die Beschäftigten des Traktorenwerks im Warschauer Stadtteil Ursus besetzten ihre Fabrik und blockierten auch die Eisenbahnlinie Warschau-Berlin. Die gegen die Streikenden eingesetzten Polizeieinheiten machten zwar nicht von der Schusswaffe Gebrauch, gingen aber ansonsten äußerst brutal vor. Hunderte Arbeiter wurden zum Teil schwer verletzt, zwei starben unter den Rädern von Polizeifahrzeugen. Parteiführung und Regierung reagierten sofort, um eine weitere Zunahme der Proteste zu verhindern. Noch am Abend des 25. Juni wurden die Preiserhöhungen zurückgenommen. Allerdings nahmen Parteiführung und Regierung ihre Niederlage auch zum Anlass, ein Exempel zu statuieren. Ermittlungen der Opposition ergaben, dass im ganzen Land etwa 2500 Personen verhaftet wurden. In den Kommissariaten und Polizeigefängnissen kam es zu regelrechten Prügelorgien und bestialischen Misshandlungen, bei denen viele der Verhafteten zum Teil stark verletzt wurden. Ein Pfarrer, der sich mit den Streikenden solidarisiert hatte, erlag den ihm zugefügten Verletzungen. Mehrere tausend Arbeiter, vor allem in Radom und Ursus, wurden durch die jeweiligen Fabrikdirektoren entlassen. Die Misshandlung der Gefangenen und die vielen folgenden Strafurteile zeigten deutlich die Rückkehr zu jenen Methoden staatlicher Herrschaft, die seit 1970/71 nicht mehr praktiziert worden waren. Damit war auch der „Gesellschaftsvertrag“ zwischen der sich anfangs modern und moderat gebenden Führung um Edward Gierek passé. Schriftlich war dieser ohnehin nie fixiert worden. Für die politisch-demokratische Opposition eröffnete sich nun die Chance für ein oppositionelles Bündnis zwischen verschiedenen Schichten der Gesellschaft, insbesondere zwischen Arbeitern und Intellektuellen – ein Bündnis, das während der Studentenbewegung im Frühjahr 1968 nur in Ansätzen sichtbar geworden war und während der Arbeiterunruhen im Dezember 1970 keine Rolle gespielt hatte. Von den Ereignissen im Juni 1976 zieht sich eine Linie bis zu dem berühmten Streik auf der Danziger Lenin-Werft im August 1980, der bald darauf folgenden Gründung der berühmten Gewerkschaft „Solidarität“ sowie der gesellschaftlichen Massenbewegung der Jahre 1980/81. Insbesondere durch die Gründung des Komitees zur Verteidiung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników – KOR) am 23. September 1976 machte die polnische Opposition einen großen Sprung nach vorne. Dem Komitee, das bald 40 Mitglieder umfasste, traten Personen unterschiedlicher weltanschaulicher und politischer Orientierungen bei. Zu seinen Mitgliedern zählten Natur- und Geisteswissenschaftler, Schriftsteller und Künstler, auch Geistliche, Juristen und Pädagogen – darunter die Schau- 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 105 spielerin Halina Mikołajska, der Philosoph Leszek Kołakowski, der Ökonom Edward Lipiński, der Schriftsteller Jerzy Andrzejewski, der Literaturwissenschaftler Jan-Józef Lipski sowie der Historiker und Pädagoge Jacek Kuroń. Die Mitglieder und Helfer des Komitees, die mehr oder weniger öffentlich tätig waren, organisierten materielle und juristische Hilfestellung für die betroffenen Arbeiter und ihre Familien.126 Schon bald betrieben die offiziellen Medien eine Hetzkampagne gegen die „Verirrten“ und „Ewiggestrigen“ des KOR. Ebenso bedienten sich die Behörden der alten repressiven Methoden: Festnahmen und Verhöre, Bespitzelung, anonyme Anrufe, Druckverbot für Journalisten. Immerhin verabschiedete der Staatsrat am 19. Juni 1977 eine Amnestie für die meisten der in Radom und Ursus verurteilten Arbeiter. Mit der Umbenennung des KOR in Komitee zur gesellschaftlichen Selbstverteidigung (Komitet Samoobrony Społecznej – KSS „KOR“) erhielt die Arbeit des Komitees eine neue Dimension. Fortan verfolgte es eine Strategie der Selbstverteidigung und Selbstorganisation der Gesellschaft unter den Rahmenbedingungen des weiterhin bestehenden sowjetisch dominierten Ostblocks. Damit stand für die Bürgerrechtler fortan der Kampf um die institutionelle Absicherung der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, gegen die Missachtung der geltenden Rechtsordnung sowie gegen politische und weltanschauliche Diskriminierung im Vordergrund. Hinzu kam das Bemühen, in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Milieus unabhängige und selbstverwaltete Organisationen und Interessengruppen aufzubauen – insbesondere unter den Arbeitern und Bauern, auch in Bildung und Wissenschaft. Unter diversen Zeitschriften, die im Umkreis des Komitees entstanden, entwickelte sich Robotnik (deutsch: Arbeiter, -in) zum entscheidenden publizistischen Hebel für die Bildung unabhängiger Arbeitermilieus.127 Die von der Zeitschrift im Sommer 1979 publizierte Charta der Arbeiter (Karta Praw Robotniczych) erwies sich als Manifest des politischen und ökonomischen Kampfes für Arbeiterinteressen und enthielt besonders die Forderung nach Mindestlöhnen, Lohnausgleich bei Preiserhöhungen, mehr Arbeitssicherheit, Änderung des Arbeitsrechts und Abschaffung von Privilegien für Beschäftigte in bestimmten Branchen.128 Unter dem Einfluss von KSS „KOR“ und Robotnik entstand schließlich am 28. April 1978 in Danzig eine Initiative für freie und unabhängige Gewerkschaften, deren Kopf das KOR-Mitglied Bogdan Borusewicz war und der sich später auch Lech Wałęsa anschloss. Ihrem Einfluss war es zu verdanken, dass sich auf der Danziger Lenin-Werft eine Gruppe junger, aktiver Arbeiter herauskristallisierte, die später während des dortigen Streiks im August 1980 eine wichtige Rolle spielen sollte. Auch in Oberschlesien entstand eine solche Keimzelle für freie Gewerkschaften. Mitglieder des KSS „KOR“ spielten auch eine wichtige Rolle, als es darum ging, eine unabhängige Publizistik aufzubauen. So entstand die Unabhängige Verlagsan- 126 Zur Arbeit des Komitees siehe insbesondere Lipski, Jan-Józef: Komitet Obrony Robotników, London1983; Friszke, Andrzej: Czas KOR-u. Jacek Kuroń a geneza Solidarności, Krakau 2011; Skórzyński, Jan: Siła bezsilnych. Historia Komitetu Obrony Robotników, Warschau 2012. 127 Friszke, Andrzej: Robotnik 1977–1981, www.pismo-robotnik.pl/html/napisal_friszke.html. 128 Karta Praw Robotniczych, in Robotnik, Nr. 35, www.pismo-robotnik.pl/html/robotnik_numer_35.h tml. 2. Historische und städtebauliche Epochen 106 stalt (Niezależna Oficyna Wydawnicza – NOWA), die zahlreiche Werke zeitgenössischer Schriftsteller sowie wissenschaftliche und publizistische Texte herausgab. Bei NOWA oder auch unabhängig von diesem Verlag erschienen auch Informationsdienste und Zeitschriften wie Biuletyn Informacyjny, Komunikat, Robotnik, Krytyka, Puls und Zapis. Dabei war KSS „KOR“ vielleicht die wichtigste, beileibe aber nicht die einzige oppositionelle bzw. unabhängige Gruppierung, die in jener Zeit entstand. So war die am 25. März 1977 aus der Taufe gehobene Bewegung zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte (Ruch Obrony Praw Człowieka i Obywatela ROPCIO) eine Vereinigung, die sich stärker auf nationale bis nationalistische, katholische und bäuerliche Traditionen berief. Im Oktober 1979 kam es zu einer Spaltung von ROPCIO, als eine Gruppe um den Nationalisten Leszek Moczulski austrat und die Konföderation Unabhängiges Polen (Konfederacja Polski Niepodległej – KPN) als explizit eigenständige Partei gründete. Ebenfalls aus ROPCIO ging die Bewegung Junges Polen (Ruch Młodej Polski – RMP) hervor, die sich inhaltlich kaum unterschied, sondern vorwiegend die junge Generation in der Bewegung repräsentierte. Eher übergreifend wirkte die besonders in Warschau tätige Gesellschaft für wissenschaftliche Kurse (Towarzystwo Kursów Naukowych – TKN), die umgangssprachlich auch“ Fliegende Universität“ (Uniwersytet Latający) genannt wurde.129 Zu den Unterzeichnern der Gründungserklärung von TKN am 12. Februar 1978 gehörten insbesondere renommierte, politisch eher ungebundene oder zum Teil noch der PVAP/PZPR angehörende Wissenschaftler wie Maria Janion, Adam Kersten, Jerzy Jedlicki, Tadeusz Kowalik und Jan Stzelecki sowie ältere und jüngere Mitglieder bzw. Unterstützer des KSS „KOR“ wie Leszek Kołakowski, Edward Lipiński, Marcin Król, Paweł Śpiewak und Adam Michnik und auch führende Vertreter des katholischen Milieus wie Tadeusz Mazowiecki und Władysław Bartoszewski. So mancher von ihnen konnte schon seit Jahren keine Lehrtätigkeit an den polnischen Universitäten ausüben und unterlag außerdem einem Publikationsverbot. Zu den Themen der Vorlesungen und Vorträge gehörten das polnische politische Denken während der Zeit der Teilungen im 19. Jahrhundert, die Geschichte neuzeitlicher politischer Theorien, Polens Wirtschaftsgeschichte, die Entwicklung der Polnischen Volksrepublik nach 1945, die gesellschaftspolitischen Debatten in der Frühzeit der Volksrepublik, russische Literaturgeschichte und Erziehungspolitik. Nach seiner Rückkehr aus Washington im Herbst 1978 trat auch der Historiker, Bürgerrechtler und spätere Außenminister Bronisław Geremek dem Programmbeirat von TKN bei, wo er sich wegen seines intellektuellen Ranges, seiner internationalen Kontakte und seines präzisen politischen Denkens schnell als einer der führenden Köpfe erwies. Aus dieser Zeit sind einige Materialien erhalten geblieben, insbesondere Skizzen, Exposés und Kurzprotokolle von Gesprächen mit anderen Wissenschaftlern, in denen er sich als exzellenter Kenner der Schriften linker Theoretiker von Marx 129 Zu TKN siehe Skórzyński, Jan: Wiedza w opozycji, in Polityka, Nr. 45, 7.-13.11.2012. Ebenso Terlecki, Ryszard: Uniwersytet Latający i Towarzystwo Kursów Naukowych 1977–1981, Krakau/Rzeszów 2000. 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 107 über Schumpeter, Kautsky, Rosa Luxemburg und Liebknecht bis hin zu Oskar Lange sowie als scharfer Kritiker stalinistischer bzw. sowjetischer Wirtschaftspolitik erweist, andererseits aber offenbar weiterhin ansozialistische Modelle zur Organisation der Wirtschaft dachte.130 Die Wahl des Krakauer Kardinals Karol Wojtyła am 16. Oktober 1978 zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche war dann eine weitere herbe Niederlage führ die Parteiführung um Edward Gierek, eine Zäsur, die auch für die Haltung der Gesellschaft zu den damaligen politischen Machtverhältnissen enorme Bedeutung hatte, denn die von den machthabenden Kommunisten stets geleugnete tiefe Kluft zwischen dem herrschenden System und der Gesellschaft erhielt nun eine neue Dimension. Vielen Bürgern erschien die Wahl eines polnischen Papstes fast wie ein Wunder, zumindest aber wie ein Ereignis von enormer historischer Tragweite. Schon zu diesem Zeitpunkt war Wojtyła in Polen äußerst populär. In verschiedenen Konflikten etwa um den Bau einer Kirche im Krakauer Vorort Nowa Huta hatte er sich als kluger und standhafter Gegner der Machthabenden erwiesen. Schon der erste Besuch von Johannes Paul II. in seinem Heimatland zwischen dem 2. und 10. Juni war ein deutlicher Hinweis auf die weitreichenden Veränderungen, die Polen in den kommenden Jahren bevorstanden. Millionen Gläubige begrüßten ihn entlang seiner Reiseroute, die insbesondere Warschau, Gnesen, Tschenstochau, Krakau und Auschwitz umfasste. Die Predigten von Johannes Paul II. erwiesen sich in zweierlei Hinsicht als bedeutsam: Einerseits hatten sie geistlichen und gesellschaftlichen Charakter, weil der Papst über die Würde des Menschen, die Souveränität der Nation und die Verpflichtung jedes Gläubigen sprach, sich dem Nächsten zu öffnen. Anderseits waren sie aber auch eminent politisch, denn der Papst hob die Einheit Europas hervor, bekräftigte die Zugehörigkeit der Slawen und Balten zur christlichen Gemeinschaft und erinnerte an die Opfer des Warschauer Aufstandes gegen die deutschen Besatzer im August/September 1944 sowie die vielen Opfer der in Jalta beschlossenen Teilung des Kontinents in eine westliche und eine östliche Hemisphäre. Es schien, als sei Polen von einem Erdbeben erfasst worden. Die Millionen Gläubigen erkannten bei den Predigten des Papstes, dass ihre jeweilige persönliche Enttäuschung über ihr bisheriges Leben eine gemeinsame Erfahrung der Gesellschaft war, nicht nur ein singuläres Phänomen.131 Das kollektive, solidarische Auftreten, das ein Jahr später während der Arbeiterstreiks im August 1980 sichtbar wurde, auch die Besonnenheit und Disziplin, mit der die Arbeiter ans Werk gingen, sind nur das gewachsene Selbstbewusstsein vieler Menschen, das im Zuge des Papstbesuches sichtbar geworden war, zu verstehen. Der Historiker Heinrich August Winkler berichtete später über ein Gespräch mit seinem polnischen Kollegen Bronisław Geremek: 130 Siehe Geremek, Bronisław: Socjalizm. Materiały dla TKN? Archiwum Centrum im. prof. Bronisława Geremka, CBG/ZP/S_HP/160. Aus diesen Quellen geht allerdings nicht eindeutig hervor, ob alle diese Materialien im Zusammenhang mit Geremeks Arbeit im TKN-Beirat standen. 131 Siehe etwa die Reportage Follath, Erich/Ihrt, Fred: Der Kreuz Ritter: Stern, 22/1979. 2. Historische und städtebauliche Epochen 108 „Geremek hat uns gesagt, dass mit diesem Papstbesuch die Weichen gestellt worden seien. Die Papstwahl und sein erster Besuch in Polen hätten eine Konstellation geschaffen, auf der die ‚Solidarität‘ dann habe aufbauen können. Ohne beides wäre die Gründung dieser freien Gewerkschaft nicht möglich gewesen. Bronek [Kurzform von Bronisław, Anm. d. Verf.] äußerte sich mit höchstem Respekt über diesen Papst und hat ihn ja auch persönlich gekannt. Nach der Papstwahl hat er mehrfach an längeren Diskussionen mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche in Rom teilgenommen.“132 Der Besuch von Johannes Paul II. zeigte in aller Deutlichkeit, wie isoliert die Parteiführung inzwischen war. Das galt auch und gerade für den Ersten Sekretär Edward Gierek, dessen frühere Popularität völlig verflogen war. Ein starker Wintereinbruch zum Jahreswechsel 1979/80 legte das ganze Land lahm und zerstörte in der Gesellschaft die letzten Illusionen über das „Wirtschaftswunder“ der 1970er Jahre. Auch Giereks außenpolitischer Erfolg, als es ihm gelang, ein Treffen zwischen Leonid Breschnew und Valéry Giscard d’Estaing in Warschau zu arrangieren, konnte seinen Abstieg nicht mehr verhindern. Einer seiner letzten Rettungsversuche bestand darin, den langjährigen Ministerpräsidenten Piotr Jaroszewicz im Februar 1980 zu entlassen und durch den ZK-Sekretär Edward Babiuch zu ersetzen. Warschau als Metropole Polens Parteichef Edward Gierek, der von 1970 bis 1980 die politischen Zügel in der Hand hielt, folgte der Vision, aus Warschau eine Metropole, eine Stadt von Weltrang zu machen. Dem dienten nicht zuletzt Großprojekte wie der Hauptbahnhof (Warszawa Centralna) und die Stadtautobahn (Trasa Łazienkowska), deren Fertigstellung maßgeblich auf die Einflussnahme Giereks zurückging. Natürlich hoffte der Parteichef auch, auf diesem Weg seine anfängliche Popularität noch zu steigern und auf diese Weise einen festen Platz in den Geschichtsbüchern erobern zu können. Schließlich war der Bau der Stadtautobahn dringend notwendig, da mit der Massenproduktion des Fiats 126 eine Motorisierungswelle auf Polen zurollte. Die Errichtung des Hauptbahnhofs kam den gestiegenen Reisebedürfnissen der Polen entgegen. Beide Großprojekte, teilweise in modernisierter Form, prägen bis heute das Stadtbild Warschaus. Fährt man aus östlicher oder westlicher Richtung ins Zentrum Warschaus, dann ist der Hauptbahnhof (Warszawa Centralna) an der al. Jerozolimskie ein wichtiger Blickfang. Das liegt vor allem an dem eindrucksvollen, weit auskragenden Dach, das dem Bahnhof im Stadtbild Präsenz verschafft. Bis in die heutigen Zeiten ist Warszawa Centralna der wichtigste Bahnhof in der Hauptstadt und einer der größten, hautsächlich unterirdisch gelegenen Bahnhöfe Europas. Über den zentralen Tunnel der Stadt verbindet er die Bahnhöfe in den westlichen und östlichen Stadtteilen und ist außerdem zentraler Halt mehrerer Fernlinien der Polnischen Staatsbahnen (Polskie Koleje 132 Heinrich August Winkler im Gespräch mit dem Autor am 10.11.2011. 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 109 Państwowe – PKP), darunter des gemeinsam mit der Deutschen Bahn betriebenen Berlin-Warszawa-Express. Warszawa-Centralna ist auch ein wichtiges Symbol Warschauer Verkehrsgeschichte. Als man 1843 mit dem Bau eines ersten Teilstücks der Bahnlinie Warschau- Wien begann, wurde auch ein Kopfbahnhof etwa an der Stelle des heutigen Hauptbahnhofes errichtet. Demgegenüber wurden später die Endbahnhöfe für die Warschau-Petersburger Eisenbahn (Warszawa Wileńska) und die Strecke nach Terespol (heute Warszawa Wschodnia) in den östlichen Stadtteilen errichtet. Erst 1932 begann man mit dem Bau eines repräsentativen Empfangsgebäudes des Hauptbahnhofs, das aber bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht ganz fertiggestellt wurde. Im Juni 1939 zerstörte ein Großbrand dieses Provisorium, das zwar notdürftig wiederhergerichtet wurde, dann aber die Zeit der deutschen Besatzung nicht überstand. 1945 deutete nur noch ein Trümmerhaufen auf den vormaligen Bahnhof hin. Unmittelbar nach Kriegsende bestimmte das Büro für den Wiederaufbau der Hauptstadt ein Gelände weiter westlich als Standort für den Hauptbahnhof. Die Architekten Arseniusz Romanowicz und Piotr Szymaniak gewannen zwar 1948 einen Wettbewerb für den Neubau, mussten ihren Entwurf in der Folgezeit aber immer wieder neuen politischen und städtebaulichen Gegebenheiten und Entscheidungen anpassen, so dass lange Zeit nichts geschah. Währenddessen wurden Züge, die in Ost-West- bzw. West-Ost-Richtung verkehrten, über eine nördlich des Stadtzentrums gelegene Strecke geleitet und überquerten die Weichsel über die Danziger Brücke (Most Gdański). Erst unter Parteichef Edward Gierek wurde dem Neubau des Hauptbahnhofs höchste Priorität eingeräumt – und nach dem Willen des Ersten Sekretär sollte alles sehr schnell gehen. 1972 begannen die Bauarbeiten, der Temin der Fertigstellung wurde auf den 8. Dezember 1975 festgelegt. Wichtigster Mitstreiter Giereks bei dem Bahnhofsprojekt war der Warschauer Stadtpräsident Jerzy Majewski. Der Termin für die Eröffnung war nicht zufällig gewählt, wurde doch an diesem Tag der VII. Parteitag der PVAP/PZPR eröffnet, zu dem auch der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew anreiste. Breschnew, der bei seiner Ankunft ziemlich alkoholisiert aus dem Zug stieg, war der erste Ehrengast, der auf dem neuen Hauptbahnhof empfangen wurde. Gierek konnte somit auch gegenüber der sowjetischen Führung demonstrieren, wie wichtig ihm die Modernisierung Polens war, auch wenn er dafür die starke Abhängigkeit seines Landes von Auslandskrediten riskierte. Das 1975 fertiggestellte System des Bahnhofs ist bis heute für Fahrgäste und Besucher etwas verwirrend, denn es entstand ein weit verzweigtes Geflecht von Fußgängertunneln, das den Bahnhof auf einer Zwischenebene mit seiner städtischen Umgebung verbindet und, zumindest auf den ersten Blick, nicht ganz zu durchschauen ist. Die wegen des Parteitags auf knapp 40 Monate verkürzte Bauzeit führte bald zu baulichen Schäden, erste Sanierungsarbeiten wurden notwendig. Vor allem in den krisengeschüttelten 1980er Jahren zeigten sich dann zunehmend Verfallserscheinungen, weil der Unterhalt des Bahnhofs vernachlässigt wurde. Die Führung der PKP wollte keine Investitionen und plante stattdessen einen Neubau. Dann wurde jedoch die Fußball-Europameisterschaft 2012 nach Polen und in die Ukraine vergeben – und für einen Neubau zu diesem Großereignis blieb zu wenig Zeit. 2. Historische und städtebauliche Epochen 110 So kam es „nur“ zu einer Rundumerneuerung, die sich aber als sinnvoll erwies und von der Warschauer Öffentlichkeit auch durchweg positiv angenommen wurde. Die projektierenden Architekten Grzegorz Niwiński und Jerzy Porębski beließen es bei der ursprünglichen Gestalt des Bahnhofs, sorgten aber auch dafür, dass die Hallen und Gänge von störenden Einbauten befreit, besonders die Marmoroberflächen gereinigt, die Decke der Haupthalle neu gestaltet und eine helle Beleuchtung angebracht wurde. Lediglich die unterirdischen Bahnsteige verloren nicht ganz ihre Düsternis aus vorangegangenen Zeiten. Die Geschäfte in der Haupthalle und den unterirdischen Passagen wurden neugestaltet, ebenso die Warteräume rund um die Haupthalle. Lediglich das später in die Haupthalle eingebaute Zwischengeschoss wirkt etwas störend. Die Stadtautobahn Trasa Łazienkowska, benannt nach dem nahegelegenen Łazienki-Park, ist auch eine jener historischen Hinterlassenschaften, die in der Amtszeit von Parteichef Edward Gierek als Prestigeobjekt der Parteiführung galten, auch wenn der damalige Stadtpräsident Jerzy Majewski wesentlichen Anteil an deren Zustandekommen trug. Die Trasse beginnt am der ul. Wawelska im Stadtteil Ochota, kreuzt beim Fliegerdenkmal die ul. Żwirki i Wigury, die zum Flughafen Lotnisko Chopina führt, verläuft in Tunnels unter der ul. Waryńskiego, ul. Marszałkowska und al. Ujazdowskie, auf einem 850 Meter langen Viadukt, dann geht sie über die Weichselbrücke und schließlich rechts der Weichsel über die al. Stanów Zjednoczonych bis in den Stadtteil Grochów. Die Stadtautobahn Trasa Łazienkowska hat bis heute ihr Gesicht kaum verändert (Foto aus dem Jahr 2017) Schon kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte die Warschauer Stadtverwaltung den Bau einer Durchgangsstraße in Ost-West-Richtung im südlichen Teil Warschaus erwogen, konnte aber dieses Projekt nicht mehr angehen. Nach dem Zwei- 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 111 ten Weltkrieg stand dann aber erst einmal der Bau der Trasa W-Z am Rande der Warschauer Altstadt auf dem Programm. Immerhin wurde beim Bau der MDM-Siedlung bereits Raum für eine spätere Durchgangsstraße eingeplant. Neue Planungen einer Magistrale entlang der späteren Trasa Łazienkowska in den 1960er Jahren wurden dann durch den damaligen Ersten Sekretär Władysław Gomułka unterbunden, der keine staatlichen Zuschüsse für das Projekt bewilligen wollte. Erst sein Nachfolger Edward Gierek gab grünes Licht für das Projekt, das dann nach der relativ kurzen Bauzeit von knapp drei Jahren am 22. Juli 1974, dem nationalen Feiertag in sozialistischen Zeiten, eröffnet wurde. Am späten Nachmittag des 14. Februar 2015 geriet fast die gesamte Łazienki- Brücke in Brand, nachdem sich die hölzerne Verschalung der unter der Brücke entlangführenden Rohre und Kabel entzündet hatte. Die ganze Nacht über kämpften 40 Feuerwehreinheiten gegen das Feuer. Durch den Brand erlitt die Stahlkonstruktion der Brücke starke Verformungen, so dass ein Teil der tragenden Teile ausgetauscht werden musste. Erst Ende Oktober 2015 konnte die Brücke wieder in Betrieb genommen werden. Im Jahr 1974 wurde auch die so genannte Wisłostrada fertiggestellt, eine Durchgangsstraße entlang des westlichen Weichselufers, die nördliche Stadtteile wie Bielany und Żoliborz mit Powiśle und Solec im Zentrum sowie Wilanów im Süden verbindet. Teile der Straße besonders entlang der Altstadt wurden später untertunnelt. Die Wis- łostrada entlastet einerseits den Stadtverkehr, nicht zuletzt durch ihre Anbindung an die meisten Weichselbrücken, steht andererseits immer mal wieder in der Kritik, weil sie die Innenstadt vom Weichselufer absondert und so den Zugang zu dortigen Restaurants, Imbissbunden und Liegeplätzen erschwert. Unter Gierek veränderte sich das Stadtbild im Zentrum Warschaus auch durch die entstehenden Hochhäuser. Das erste dieser Art war das Hotel Forum am Rondo Dmowskiego, das 1974 fertiggestellt wurde. Den Entwurf lieferte der schwedische Architekt Sten Samuelson, mit Skanska kam auch die bauausführende Firma aus Schweden – ein Novum in der polnischen Nachkriegsgeschichte, dass ausländischen Akteuren aus dem Westen diese Möglichkeit eingeräumt wurde. Jahrelang wurde das Hotel von vielen Warschauern eher kritisch gesehen, weil es wegen seiner braun-gelben Fassade einen eher „schmutzigen“ Eindruck machte und architektonisch eher langweilig war. Der Volksmund erfand deshalb den Spitznamen „Große Tafel Schokolade“ (wielka tabliczka czekolady). Nach der Übernahme des Hotels durch die französische Hotelkette Novotel erfolgte eine grundlegende Renovierung, wobei die Fassade mit hellen Stahlplatten verkleidet und der gesamte Innenausbau modernisiert wurden. Die zentrale Lage des Hotels schräg gegenüber vom Kulturpalast macht es zu einem guten Ausgangspunkt zur Erkundung Warschaus. Am nördlichen Rand der Innenstadt (ul. Stawki) wurde 1975 mit dem Hochhaus Intraco das erste moderne Bürogebäude der polnischen Hauptstadt zur Nutzung übergeben. Bald schon richteten vor allem die Vertretungen ausländischer Firmen hier ihre Büros ein. Eigentümer von Intraco ist bis heute das Schatzministerium als Vertreter des polnischen Staates, das die Firma allerdings im Jahr 2011 in eine Aktiengesellschaft des Staatsschatzes umwandelte. Ende der 1990er Jahre kam es zu einer 2. Historische und städtebauliche Epochen 112 Komplettsanierung der Außenfassade, indem die dortigen fast 500 000 blau-grünen Keramikplatten durch eine grüne Glasscheibenfassade ausgetauscht wurden. Eine lange Entstehungsgeschichte hat das Bürohochhaus am Plac Bankowy, das in Warschau vor allem unter den Namen Błękitny Wieżowiec (deutsch: Himmelblaues Hochhaus) und Srebrny Wieżowiec (deutsch: Silbernes Hochhaus) bekannt ist. Schon in den 1950er Jahren hatte man erste diesbezügliche Überlegungen angestellt, doch begannen die Bauarbeiten erst 1965. Dabei entstand die tragende Stahlkonstruktion des 80 Meter hohen Gebäudes, das mit einer Verkleidung aus goldeloxierten Aluminiumteilen und bronzefarbenem Spiegelglas versehen wurde. In diesem Rohzustand wurden die Bauarbeiten vorläufig eingestellt, wofür vermutlich finanzielle Schwierigkeiten und Probleme mit der Stabilisierung des Bauwerks angesichts der Erschütterungen durch den Straßenverkehr verantwortlich waren. Im Jahr 1974 setzte man die Bauarbeiten auf der Basis einer modernisierten Version des Gebäudes fort, stellte diese allerdings 1980 erneut ein. Die Fertigstellung erfolgte dann in den Jahren 1986 bis 1991, wobei vor allem die vormalige Verkleidung durch eine verspiegelte Glasfassade ersetzt wurde. Das Gebäude, später mit dem Namen Blue Tower Plaza versehen, befindet sich auf einem historisch stark vorbelasteten Gelände, denn hier stand bis zum Zweiten Weltkrieg die größte Synagoge Warschaus. Die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder in der Stadt belief sich damals auf mehr als 90 000. In direkter Nachbarschaft zu dem Gotteshaus befand sich die Judaistische Hauptbibliothek, deren Gebäude in der ul. Tłomackie heute das Jüdische Historische Institut beherbergt.133 Zu den Hochhäusern aus der Gierek-Zeit gehört auch das Gebäude in der ul. Chałubińskiego (Nr. 8), unweit des Zentralbahnhofes, das zunächst die Handelsbank (Bank Handlowy) und eine der polnischen Außenhandelsagenturen beherbergte, später auch Sitz anderer einheimischer und ausländischer Firmen und Banken wurde. Dieses Gebäude, 1978 fertiggestellt, wurde später auch als Intraco II und Oxford Tower bezeichnet. Ein architektonisch eher seltsames Relikt aus den 1970er Jahren ist der Sitz der Polnischen Nationalbank (Narodowy Bank Polski) am Plac Powstańców Warszawy, der weniger durch seine Höhe, sondern vor allem durch die äußere Gestaltung seiner Schalterhalle auffällt, denn diese besteht aus einer langgestreckten eintönigen Emaille- Fassade, die seit der Fertigstellung des Gebäudes immer wieder neu lackiert werden muss, damit sie nicht zu eintönig bzw. schmutzig wirkt. Der Volksmund verspottete das einem Geldtresor gleichende Gebilde schon früh als „Sarg“ (Trumna). Lange Jahre Stammgast des „Café Rozdroże“ an der Al. Ujazdowskie war der unweit wohnende Schriftsteller, Essayist und Komponist Stefan Kisielewski, der sich so manche seiner ironisch-witzig formulierten Geschichten über den Alltag der polnischen Volksrepublik vermutlich an dieser Stelle ausgedacht hatte. Das 1974 fertiggestellte Gebäude macht seinem Namen „Rozdroże“ (deutsch: Kreuzung) alle Ehre, denn es steht exakt dort, wo die Stadtautobahn „Trasa Łazienkowska“ die Al. Ujazdowskie kreuzt. Wer das Café in Augenschein nimmt, fühlt sich unweigerlich an die 133 Siehe S. 186 in dieser Publikation. 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 113 Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe in Berlin erinnert. Möglichweise haben sich die polnischen Architekten tatsächlich das Berliner Bauwerk zum Vorbild genommen. Dafür sprechen die vollverglasten Seitenfronten, die einen fast unbegrenzten Durchblick bieten, ebenso wie die Mauern und Terrassen im Umfeld. Leider wurde Jahre später die Authentizität des Inneren des Cafés durch streitbare Gipsverzierungen zerstört. Der Wohnungsbau verlagerte sich in den 1970er Jahren in die Randbezirke Warschaus vor allem im Süden der Stadt. Das galt besonders für Wohnkomplexe Ursynów Północny (Nord) mit den Siedlungen Jary und Stokłosy sowie Ursynów Południe mit den Siedlungen Imielin und Natolin. Kennzeichnend für die Gestaltung der Wohngebäude war einerseits der Plattenbau, doch wiesen sie andererseits mehr Vielfältigkeit als vergleichbare Siedlungen etwa in der Sowjetunion auf, da die verantwortlichen Architekten auf unterschiedliche Grundrisse und Bauhöhe der Häuser achteten und die Flächen zwischen den Gebäuden mit der Zeit auch gärtnerisch gestaltet wurden. Insgesamt entstanden Wohnungen für etwa 70 000 Einwohner. Allerdings dauerte es einige Jahre, bis die Siedlungen eine ausreichende Anzahl an Geschäften, Dienstleistungsbetrieben und kulturellen Einrichtungen erhielten. Nach 1989 wurden nahezu alle Wohnhäuser mit einer verputzten Außendämmung versehen und auch farblich unterschiedlich gestaltet. Ähnlich war auch die bauliche Entwicklung im nordöstlich gelegenen Stadtteil Bródno. Doch auch im Zentrum Warschaus blieben Wohngebäude erhalten, die an die Gierek-Zeit erinnern. Das gilt besonders für das im Jahr 1976 fertiggestellte Hochhaus in der ul. Smolna 8, das hoch über dem Weichselufer aufragt und wie ein Eingangstor zur Innenstadt wirkt. Fährt man vom östlichen Stadtteil Praga über die Poniatowski-Brücke in Richtung Zentrum, dann fällt der Blick auf dieses Hochhaus, das so gar nicht zu den modernen Wolkenkratzern passt, die nach 1989 in der Warschauer Innenstadt entstanden sind. Wegen seiner charakteristischen Gestalt erhielt es bald die Spitznamen „dom z opadłą szczęką“ (Haus mit der heruntergefallenen Kinnlade) und „młotek“ (Hammer). Ursprünglich war das fast 70 Meter hohe Gebäude als Hotel für die im Ausland lebenden Polen geplant, die dort wohnen sollten, wenn sie ihre Heimat besuchten. Die Wohnungen in den 19 Etagen wurden damals mit einem Standard ausgestattet, der für normale Bürger unerschwinglich war. Wer eine dortige Wohnung kaufte, musste mit westlichen Währungen bezahlen. So erhielt das Gebäude schon bald auch den Spitznahmen „dewizowiec“ (Mann mit Devisen oder Devisenturm). Charakteristisch waren die für damalige Verhältnisse sehr schnellen Aufzüge und die Ausstattung der Wohnungen mit Gegensprechanlagen. Doch angesichts des Wohnungsmangels wurde aus dem Hotel bald ein Gebäude mit Wohnungen. Ursprünglich waren in den beiden oberen auskragenden Stockwerken ein Café mit dem Namen „Akropol“ sowie der Nachtclub „Top Floor“ untergebracht, die aber nach der Umgestaltung in ein Wohnhaus geschlossen wurden. Mit der Zeit verloren auch die Wohnungen an Attraktivität. Im Jahr 2016 wurde das Gebäude sogar in die Liste der städtischen Baudenkmäler aufgenommen. Ein spektakuläres Zeugnis postmodernistischer Architektur in Warschau ist ein Wohnhaus aus dem Jahr 1978 nahe der Altstadt zwischen ul. Kozia und ul. Jana Mo- 2. Historische und städtebauliche Epochen 114 liera, das dem Besucher der Stadt allerdings auf den ersten Blick verborgen bleibt, weil es sich hinter anderen Gebäuden versteckt. Der Warschauer Architekturkenner, Fotograf und Reporter Filip Springer nannte das Bauwerk deshalb eine „versteckte Perle des Warschauer Modernismus“.134 Der Grund für die Geheimniskrämerei bestand ursprünglich darin, dass das Gebäude zunächst als Wohnhaus für die privilegierten sozialistischen Funktionäre aus den Ministerien und anderen staatlichen Institutionen gedacht war und den Blicken der Normalbürger in den oft eintönigen Wohnblocks verborgen bleiben sollte. Selbst zahlreiche alte Warschauer, die fast täglich durch die ul. Kozia und die ul. Jana Moliera gehen, müssen bekennen, dass sie das spektakuläre Bauwerk bislang nicht in Augenschein genommen haben. Ähnlich ging und geht es vielen Touristen, die zwar nahe gelegene Sehenswürdigkeiten wie das Teatr Wielki bewundert haben, das postmodernistische Wohnhaus aber nicht registriert haben. Die Architekten Jerzy Kuźmienko und Piotr Sembrat sorgten dafür, dass die Vorder- und Rückfront des Gebäudes völlig unterschiedlich gestaltet sind und jeweils ganz andere Empfindungen und Eindrücke hervorrufen. So besteht die Fassade von der ul. Kozia her vor allem aus einer Fülle sehr unterschiedlich gestalteter Balkons, die das Bemühen der Architekten widerspiegeln, den jeweiligen Mietern bzw. Besitzern der Wohnungen ein großes Maß an Privatsphäre zu ermöglichen. Demgegen- über wirkt die Fassade von der ul. Jana Moliera her fast wie das Äußere ein Bunkers, die schon fast bedrohlich wirkt. Das Dach des Gebäudes weist abgestuft fünf unterschiedliche Höhen auf. Einige Wohnungen gehen über zwei Etagen. „Kleiner Bruder“ dieses Gebäudes ist ein fünfstöckiges Wohnhaus in der ul. Karowa 18a unweit des Hotels Bristol und des Palais des polnischen Staatspräsidenten. Auch hier gestaltete das Architektenkollektiv um Jerzy Kuźmienko und Piotr Sembrat ein Bauwerk, dessen Fassade zur Straße hin fast bedrohlich wirkt. Dafür verantwortlich sind die fast unzähligen, wie Schubladen aus der Fassade herausragenden Balkone und Erker. Jede Wohnung verfügt über solche Bauelemente. Im Nachbarhaus ul. Karowa 20 wurde im Jahr 2006 auf Initiative der Historikervereinigung Ośrodek KARTA das „Haus der Begegnung mit der Geschichte“ (Dom Spotkań z Historią) eingerichtet, in dem Ausstellungen, Konferenzen, Buchpräsentationen und Filmvorführungen zu historischen Themen veranstaltet werden. Das Gebäude beherbergte früher die Bank für die Zuckerindustrie. Lang ersehnter Wiederaufbau des Königsschlosses Am 19. Januar 1971 befürwortete die neue Führung der PVAP/PZPR unter Edward Gierek endlich den Wiederaufbau des Königsschlosses am Rande der Warschauer Altstadt. Offenbar hatten sich die Parteioberen entschlossen, nach dem Arbeiterauf- 134 Springer, Filip: Apartamentowiec z czasów PRL-u. Ukryta perła warszawskiej moderny, in Gazeta Wyborcza. www.weekend.gazeta.pl/weekend/1,152121,18143515,Apartamentowiec_z_czasow_PRL _u_Ukryta_perla_warszawakiej.html. 2.5. „La Belle Époque“ unter Edward Gierek und ihre Folgen: publikumswirksame Großprojekte (1971–1980) 115 stand an der Küste nicht nur soziale, sondern auch kulturelle Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen.135 Wenige Tage später entstand ein so genanntes „Bürgerkomitee zum Wiederaufbau des Königsschlosses“, dessen Vorsitz der Erste Sekretär des Parteikomitees der Stadt Warschau Józef Kępa übernahm, dem aber auch Professor Stanis- ław Lorentz als langjähriger Befürworter des Wiederaufbaus beitrat. Außerdem entsandte das Episkopat der katholischen Kirche einen Vertreter in das Komitee. Die von Professor Jan Zachwatowicz geleitete städtische Kommission für Architektur- und Denkmalpflege erhielt den Auftrag, die vorliegenden Bauentwürfe zu begutachten und zu genehmigen. Im Januar 1972 wurde das Architekturbüro Königsschloss unter Leitung von Jan Bogusławski ins Leben gerufen. Die polnische Bevölkerung begrüßte den Beschluss. Laut einer Umfrage der polnischen Presseagentur PAP waren gut 86 Prozent der Befragten dafür, wobei dieses Ergebnis seitens der Zensur etwas nach oben „korrigiert“ worden war. Das Königsschloss um 1900 (Quelle: Wikimedia Commons). Der Wiederaufbau erfolgte dann relativ zügig. Schon im Februar 1973 wurde der erste Richtkranz aufgehängt, im Juli 1974 erhielten die Türme des Schlosses ihre Helme. 135 Der polnische Historiker Marcin Zaremba betonte später, dass sich die Partei mit diesem Schritt wieder patriotischen Traditionen angenähert habe. Statt ideologische Positionen des Klassenkampfes zu verbreiten, bezog sie sich nun auch auf den Nationalstolz der Polen. Siehe Zaremba, Marcin: Komunizm, legitymizacja, nacjonalizm. Nacjonalistyczna legitymizacja władzy komunistycznej w Polsce, Warschau 2001, S. 359 f. 2. Historische und städtebauliche Epochen 116 Während der Bauarbeiten kam es zu einer intensiven öffentlichen Diskussion über die künftige Funktion des historischen Bauwerks. Genannt wurden unter anderem die Einrichtung eines Museums, die Unterbringung von Behörden bzw. wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, das Schloss als Repräsentation der Auslandspolen und als Sitz des Staatsrates, auch die Einrichtung von Archiven und Bibliotheken kam ins Gespräch. Der politischen Führung des Landes kam es vor allem darauf an, das Schloss als öffentliches Repräsentationsgebäude zu nutzen, wofür besonders die Parteizeitung Trybuna Ludu Werbung betrieb. Nach Abschluss der ersten Bauetappe kam es am 19. Juli 1974 zu einer ersten Übergabe des Schlosses an die Öffentlichkeit. Im November berief der Ministerrat die staatliche Institution „Königsschloss Warschau – Denkmal der Geschichte und der nationalen Kultur“ als leitende Instanz, als deren erster Direktor im Juli 1980 Professor Aleksander Gieysztor berufen wurde. Am 31. Oktober 1984 wurde das Schloss endgültig an die Öffentlichkeit übergeben, nachdem alle Bauarbeiten abgeschlossen worden waren. Die langwierige Rekonstruktion der Innenausstattung dauerte noch bis 1988. Noch später wurden die Schlossgärten angelegt. Am 2. September 1980 erfolgte die Aufnahme des Königsschlosses zusammen mit der gesamten Warschauer Altstadt in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO und gilt seither als Beispiel einer gelungenen originalgetreuen Rekonstruktion. Allerdings erfüllt das Schloss nicht im strengen Sinne das Kriterium der Authentizität hinsichtlich des verwendeten Materials und einzelner Elemente der Bauausführung. Doch wurden vielfach auch erhalten gebliebene Originalelemente in den Wiederaufbau miteinbezogen. „Der Wiederaufbau des Königsschlosses entspricht dadurch, dass er auf einer detaillierten und vollständigen Dokumentation des Originals basiert und somit das wissenschaftliche Kriterium der Glaubwürdigkeit erfüllt, den UNESCO- Standards“, so Piotr Majewski von der Administration des Schlosses.136 Mühsamer Weg in die neuen Zeiten: städtebaulicher und architektonischer Stillstand (1980–1989) „Das Jahrzehnt der Solidarność“137 von 1980 bis 1989 war eine historische Periode höchst widersprüchlicher Phänomene und Entwicklungen. Sie begann in den Jahren 1980/81 mit einer gewaltigen Volksbewegung gegen die schlimmsten Auswüchse des realen Sozialismus, die dann mit der Verhängung des Kriegsrechts durch die kommunistischen Machthaber im Dezember 1981 niedergeschlagen wurde. Dem folgten Jahre der politischen Stagnation und des fortgesetzten wirtschaftlichen Niedergangs. Der schließlich in den späten 1980er Jahren einsetzende Lehnprozess sowohl bei der „So- 2.6. 136 Majewski, Piotr: Ideologie und Denkmalpflege. Der Wiederaufbau des Warschauer Königsschlosses 1944 -1980, in Bingen, Dieter/Hinz, Hans-Martin (Hrsg.): Die Schleifung: Zerstörung und Wiederaufbau historischer Bauten in Deutschland und Polen, Wiesbaden 2005, S. 114. 137 So eine Zwischenüberschrift in Borodzej, Włodzimierz: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 360. 2.6. Mühsamer Weg in die neuen Zeiten: städtebaulicher und architektonischer Stillstand (1980–1989) 117 lidarität“ als auch den Regierenden mündete 1989 in die bahnbrechenden Verhandlungen am Runden Tisch, die Polen den Weg in eine neue Zukunft eröffneten. Gerade auch in der Hauptstadt Warschau waren die ersten Jahre nach Verhängung des Kriegsrechts eine Zeit der Gefängnisse und Internierungslager, so im nördlichen Stadtteil Białołęka, auch der nächtlichen Ausgangssperre und der Präsenz des Militärs in den Straßen. Gerade ältere Bürger der Stadt erinnern sich an die kleinen Feuerstellen an vielen Straßenkreuzungen, mit denen sich patrouillierende Soldaten mehr schlecht als recht aufwärmten. Ebenso war Warschau eine Stadt des politischen Untergrunds, in dem Aktivisten der Opposition und der „Solidarität“ konspirative Treffen abhielten und „illegale“ Druckereien betrieben. Nicht selten fanden solche Begegnungen auch in kirchlichen Räumen statt. Gotteshäuser wie die Kathedrale in der Warschauer Altstadt dienten als Ausgangspunkt für Protestdemonstrationen, die aber in der Regel gewaltsam unterdrückt wurden. Die 1980er Jahre waren außerdem eine Zeit der oppositionellen Slogans an Fabrikmauern und Häuserwänden in Warschau. Als sich 1988 ein Wandel abzeichnete, waren die Räumlichkeiten des Klubs der Katholischen Intelligenz in der ul. Kopernika ein Ort, an dem die neuesten diesbezüglichen Informationen zu erhalten waren. Großer Mangel an Waren führte oft zu endlosen Schlangen vor den Geschäften. Gerade aus Warschau machte sich so mancher auf in den Westen, um dort, wenn auch nur für ein paar Jahre, ein besseres Leben zu führen. Viele Bürger der Stadt erinnern sich bis heute dankbar an die vielen Päckchen mit Lebensmitteln und anderen Gütern, die aus dem Westen eintrudelten. Andererseits führte die starke Kontrolle des öffentlichen Lebens dazu, dass sich die Bürger gerade in der Freizeit sehr stark in ihre eigenen vier Wände zurückzogen. Die Folge dessen war nicht zuletzt ein Babyboom, der die Demografie erheblich verschob. Junge Eltern mussten allerdings damit leben, dass u. a. Einwegwindeln wie Pampers nur an ein oder zwei Stellen in der Stadt zu Westdevisen gekauft werden konnten und sie deshalb zur altbewährten, aber mühsamen Methode des Auskochens der Windeln greifen mussten. Städtebaulich und architektonisch herrschte in den 1980er Jahren weitgehend Stillstand. Zwei der wenigen Ausnahmen, die das Stadtbild veränderten, war das Hotel Holiday Inn hinter dem Zentralbahnhof, das 1986 fertiggestellt wurde, sowie das hoch aufragende Hotel Marriott an der Ecke ul. Chałubińskiego/Al. Jerozolimskie aus dem Jahr 1989, gleich gegenüber dem Zentralbahnhof. Bei beiden Hotelbauten spielten Investoren aus Österreich eine führende Rolle. Gerade das Holiday Inn rief bei vielen Warschauern Erstaunen hervor, weil damit erstmals eine ausländische Hotelkette in der polnischen Hauptstadt vertreten war, das Hotel westlichen Standard aufwies und außerdem in sehr kurzer Zeit fertiggestellt wurde. Vom Kriegsrecht zum Runden Tisch Die Geschichte des 1989 eingeleiteten Systemwechsels vom realen Sozialismus zur parlamentarischen Demokratie und zur Marktwirtschaft geht bis auf den August 1980 zurück. Damals besetzten die Arbeiter der Danziger Lenin-Werft das Werksge- 2. Historische und städtebauliche Epochen 118 lände für mehr als zwei Wochen und lösten damit eine Streikwelle aus, die nach und nach ganz Polen erfasste. Auf der Werft entstand ein Beratergremium aus Intellektuellen wie Bronisław Geremek und Tadeusz Mazowiecki, das den Streikenden wichtige Hilfe in politischen, rechtlichen und ökonomischen Fragen leistete. Als wichtigstes Anliegen der Streikenden kristallisierte sich schließlich die Forderung nach Zulassung von freien, von Staat und Partei unabhängigen Gewerkschaften heraus. Versuchte die Parteiführung um Edward Gierek zunächst, durch Druck, taktische Finessen und kleinere Zugeständnisse der Streikbewegung Herr zu werden, musste sie in den letzten Augusttagen doch erkennen, dass sie angesichts der Breite des landesweiten Aufstandes und der Entschlossenheit der Streikenden nachgeben musste. Die Bilder von der Unterzeichnung des so genannten Danziger Abkommens vom 31. August 1980 gingen dann um die Welt. Streikführer Lech Wałęsa machte Furore, indem er das Abkommen mit einem bunten, überdimensionierten Kugelschreiber unterzeichnete. Es garantierte nicht nur das Recht, neue, selbstverwaltete Gewerkschaften als authentische Vertretung der Arbeiterschaft zu gründen, sondern enthielt auch den Auftrag an den Gesetzgeber, das Streikrecht im Gewerkschaftsrecht zu verankern. Von großer politischer Bedeutung waren außerdem die im Abkommen enthaltenen Regeln zur Beschränkung der Zensur. Die Machthaber wurden zur Freilassung der politischen Gefangenen verpflichtet. Alles in allem hatten die Streikenden den herrschenden Kommunisten Zugeständnisse abgerungen, wie es sie bis dato im gesamten „Ostblock“ nicht gegeben hat. Am 5. September 1980 trat Edward Gierek als Parteichef zurück und wurde durch Stanisław Kania ersetzt. Die sechzehn Monate zwischen den Auguststreiks und der Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 gehören zu den lebendigsten, interessantesten und wohl auch dramatischsten Perioden der polnischen Zeitgeschichte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Schnell entwickelte sich die im Herbst 1980 gegründete Gewerkschaft „Solidarität“ zu einer Millionenbewegung, in der Stimmungen, Meinungen und Weltanschauungen hervortraten, die von sozialistisch bzw. sozialdemokratisch und laizistisch bis zu katholisch-traditionell und national-fundamentalistisch reichten. Zunehmende Konflikte zwischen dieser Bewegung und den kommunistischen Machthabern waren vorprogrammiert, da sich die Führung der regierenden PVAP/PZPR nie mit der Existenz einer freien Gewerkschaft abgefunden hatte. Hinzu kam der enorme Druck aus Moskau. Schon im Frühjahr 1981 wurden in Partei, Regierung und Militär die ersten Vorbereitungen für eine mögliche Verhängung des Kriegsrechts und damit eine Zerschlagung der „Solidarität“ getroffen. Auf dem ersten Delegiertenkongress der „Solidarität“ im Herbst wurde das so genannte „Programm für eine selbstverwaltete Republik“ verabschiedet, das vor allem politisch-demokratischen und kulturellen Charakter hatte. Im Zentrum dieses Programms standen die Achtung der Menschen- und Bürgerechte, Pluralismus der Weltanschauungen, freie und gleiche Parlamentswahlen, Arbeiterselbstverwaltung mit unternehmerischen Kompetenzen, Selbstverwaltung in den regionalen und lokalen staatlichen Körperschaften, Unabhängigkeit der Justiz, Freiheit der Medien, gleiche Bildungschancen sowie Freiheit von Wissenschaft und Forschung. In wirtschaftspolitischen Fragen konnten sich die Delegierten nicht zwischen einem schnellen Wechsel 2.6. Mühsamer Weg in die neuen Zeiten: städtebaulicher und architektonischer Stillstand (1980–1989) 119 hin zur Marktwirtschaft und einem partiellen Übergang mit verschiedenen Eigentumsformen als Zwischenstufen entscheiden. Der polnische Historiker Jerzy Holzer schrieb später: „Größte Bedeutung für die Perspektivpläne der ‚Solidarität‘ hatte die Konzeption einer ‚sich selbst verwaltenden Republik‘. Diese ging weit über die Spielregeln des ‚real existierenden Sozialismus‘ hinaus, wichen aber auch von den Regeln der westlichen kapitalistischen Systeme ab. [Die] Grundprinzipien [standen] in der langen Reihe der freiheitlichsozialistischen Utopien.“138 Die Hauptschuld am Scheitern der Volksbewegung von 1980/81 trifft sicher die kommunistische Führung um Wojciech Jaruzelski, der seit dem 18. Oktober 1981 als Parteichef, Ministerpräsident und Verteidigungsminister in Personalunion agierte. Auch wenn man ihr eine gewisse Sorge um das politische und wirtschaftliche Überleben Polens nicht absprechen kann, fehlte ihr das politische Format eines Alexander Dub- ček in der damaligen Tschechoslowakei 13 Jahre zuvor, das es ihr erlaubt hätte, mit der „Solidarität“ nach einer nationalen Verständigung zu suchen, die Polen frühzeitig einen Sonderweg innerhalb des „Ostblocks“ ermöglicht hätte. Moskau hätte in einem solchen Fall wohl nur die „Chance“ gehabt, per Einmarsch ein Blutbad anzurichten, doch im Moskauer Politbüro wusste man sehr genau um die Risiken einer Intervention. Es hätte zu Sanktionen des Westens kommen können, der Widerstand in Polen wäre sehr stark gewesen und neben dem Krieg in Afghanistan hätte die Sowjetunion eine zweite Front eröffnen müssen. Ebenso wären die ökonomischen Folgen für die Sowjetunion und ihre Verbündeten schwer zu bewältigen gewesen. Jaruzelski erledigte die Arbeit für die Moskauer Gerontokratie.139 Aber auch die „Solidarität“ war noch nicht wirklich bereit für eine nationale Verständigung mit den kommunistischen Machthabern. Sie überschätzte die eigenen Kräfte und unterschätzte die des Gegners. Einflussreiche radikale Kräfte in der Gewerkschaft stellten die Machtfrage, was unter den gegebenen inneren und äußeren Bedingungen Polens zum damaligen Zeitpunkt absurd war. Trotz vielfältiger Erfahrungen mit Fremdherrschaft in den vorangegangenen 200 Jahren versäumte es die „Solidarität“, Vorbereitungen für eine Arbeit im Untergrund zu treffen. Mit der Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 wurde die „Solidarität“ ihrer legalen Basis beraubt. Mehr als 6000 Funktionäre der Gewerkschaft, auch Oppositionelle sowie führende Exponenten des unabhängigen wissenschaftlichen und kulturellen Lebens wurden verhaftet und interniert. Militärgerichte verhängten drastische Urteile wegen „politischer Straftaten“. In den meisten der Betriebe, die sich vordem als Hochburg der gesellschaftlichen Bewegung erwiesen hatten, kam es zu massiven Säuberungen durch Entlassungen. Bemerkenswert war schließlich, dass zunehmend Militärs statt der Partei- und Regierungsfunktionäre das Kommando an den entscheidenden Stellen des Staates und in den Betrieben übernahmen. In großen 138 Holzer, Jerzy: „Solidarität“. Die Geschichte einer freien Gewerkschaft in Polen, München 1985, S. 343. 139 Einen Überblick zur polnischen Debatte über die Hintergründe der Verhängung des Kriegsrechts siehe Vetter, Reinhold: Polens diensteifriger General. Späte Einsichten des Kommunisten Wojciech Jaruzelski, Berlin 2018, S. 280 ff. 2. Historische und städtebauliche Epochen 120 Unternehmen regte sich zunächst aktiver Widerstand gegen das Kriegsrecht in Form von Streiks, die aber zum Teil blutig niedergeschlagen wurden. Mehr und mehr nahm der Widerstand passive Formen an.140 In einer Fernsehansprache am 13. Dezember 1981 verkündet General Wojciech Jaruzelski die Verhängung des Kriegsrechts (Quelle: Wikimedia Commons). Doch schon Mitte der 1980er Jahre zeigte sich, dass die gewaltsame Vorgehensweise vom Dezember 1981 zwar das System vorläufig stabilisieren konnte, andererseits aber keine Aussicht auf eine durchgreifende Lösung der gravierenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme eröffnete. In Teilen der polnischen Gesellschaft griffen Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit um sich. In einer umfangreichen Analyse mit dem Titel „Polska 5 lat po Sierpniu“ (Polen fünf Jahre nach dem August), die führende Intellektuelle aus dem Umkreis der „Solidarität“ vorlegten, war die Rede von einer tiefen wirtschaftlichen und ökologischen Krise. Die Autoren diagnostizierten eine antizivilisatorische Bedrohung, die Polen, wie es hieß, 140 In Fachkreisen gilt der polnische Historiker Andrzej Paczkowski als bester Kenner der Vorgänge um das Kriegsrecht. Siehe insbesondere sein Werk Wojna polsko-jaruzelska, Warschau 2006. 2.6. Mühsamer Weg in die neuen Zeiten: städtebaulicher und architektonischer Stillstand (1980–1989) 121 „aus dem Rhythmus Europas, aus dessen materiellen und kulturellen Lebensniveau eliminieren könnte.“141 Immerhin gelang es der „Solidarität“, wenn auch mühsam, ihre Strukturen wiederaufzubauen – zunächst im Untergrund, aber 1987 auch in aller Öffentlichkeit. In den Debatten der Intellektuellen kristallisierten sich schließlich Strategien für einen Kompromiss mit den Machthabenden heraus, der den Weg zur Überwindung des Systems weisen sollte – etwa das Projekt eines „Antikrisenpaktes“ zwischen den Regierenden und der „Solidarität“ bzw. der Opposition, das Bronisław Geremek in die Diskussion einbrachte. Wichtige Impulse für die weitere Entwicklung ergaben sich durch den Machtantritt Michail Gorbatschows in der Sowjetunion im März 1985 sowie die beiden Besuche von Papst Johannes Paul II. in Polen im Juni 1983 und im Juni 1987. Im Sommer 1988 konnte die wirtschaftliche Situation Polens kaum schlechter sein. Zwei große Wellen von Arbeiterstreiks waren erste Anzeichen dafür, dass weitreichende Veränderungen bevorstanden. Schon im Dezember 1987 war das so genannte Bürgerkomitee entstanden, das später die entscheidende politische und organisatorische Basis für das Auftreten der Opposition am Runden Tisch im Frühjahr 1989 und bei den folgenden Parlamentswahlen im Juni des gleichen Jahres sein sollte. Dem Komitee gehörten neben Lech Wałęsa auch Oppositionelle, Streikführer aus großen Betrieben sowie unabhängige zSerie verdeckter Gespräche zwischen Abgesandten der kommunistischen Machthaber und Vertretern der „Solidarität“ bzw. der Opposition. Eine Vorstufe zu den Verhandlungen am Runden Tisch waren mehrere Gesprächsrunden in Magdalenka südlich von Warschau, an denen Mitglieder des Bürgerkomitees, Vertreter von Partei und Regierung sowie hohe Geistliche der katholischen Kirche teilnahmen. Am 30. November 1988 erwischte eine „mediale Katastrophe ersten Ranges“142 die Machthabenden, denn eine Fernsehdebatte zwischen Lech Wałęsa und dem Chef des regimetreuen Gewerkschaftsverbandes OPZZ, Alfred Miodowicz, die live am Abend zu bester Sendezeit ausgestrahlt wurde, ging eindeutig zugunsten Wałęsas, der seinem Kontrahenten rhetorisch und argumentativ haushoch überlegen war. In den Augen der Mehrheit der polnischen Gesellschaft war der „Solidarität“ damit der Sprung in die Legalität gelungen. Parteifunktionären wie Wojciech Jaruzelski, Mieczysław Rakowski, Czesław Kiszczak und Józef Czyrek wurde schlagartig klar, dass sie nun um eine Legalisierung der „Solidarität“ und um die bereits angedeuteten Verhandlungen am Runden Tisch nicht mehr herumkamen. In einer zweigeteilten Sitzung des Zentralkomitees der PVAP/PZPR vor und nach der Jahreswende 1988/89 setzten diese Funktionäre unter Androhung ihres Rücktritts durch, dass die Mehrheit dieses Gremiums dem Dialog mit der Opposition zustimmte. 141 Die Analyse erschien zunächst im Untergrundverlag Międzyzakładowa Struktura Solidarności und wurde später auch vom Verlag Aneks in London publiziert. 142 So der polnische Historiker Włodzimierz Borodziej in seiner Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 380. 2. Historische und städtebauliche Epochen 122 Schauplatz der Beratungen am Runden Tisch, die vom 6. Februar bis 5. April 1989 dauerten, war das Statthalterpalais (Pałac Namiestnikowski) in der Warschauer Innenstadt, seit 1995 Sitz des polnischen Staatspräsidenten. Zuvor hatte man sich in Magdalenka auf eine Zahl von 56 Teilnehmern verständigt, wobei jeweils sechs auf die „Solidarität“ und OPZZ, je 14 auf die Regierung, die Opposition und unabhängige Intellektuelle sowie zwei auf die katholische Kirche entfielen. Naturgemäß waren die Erwartungen der beiden Hauptkontrahenten sehr unterschiedlich. Während die Machthabenden bemüht waren, den Sozialismus in der einen oder anderen Gestalt zu retten, sahen Lech Wałęsa und seine Mitstreiter den Runden Tisch als ersten Zug in einem politischen Schachspiel, das irgendwann zu einer demokratisch-parlamentarischen Republik führen sollte. Schließlich einigte man sich auf eine Reihe wichtiger Reformschritte.143 Dazu zählte der Beschluss, einen Senat als zweite Parlamentskammer einzurichten, der als Kontrollinstanz gegenüber dem Sejm als erster Kammer fungieren sollte. Die Wahl zum Senat sollte völlig frei sein. Demgegenüber wurde für die nächste Wahl zum Sejm beschlossen, dass 65 Prozent der Mandate der PVAP/PZPR sowie ihren Blockparteien vorbehalten bleiben sollen, während die restlichen 35 Prozent den oppositionellen und unabhängigen Kandidaten zustanden. Allerdings wurde Sejm und Senat auferlegt, eine neue Verfassung sowie eine neue Wahlordnung für wirklich freie und gleiche Wahlen auszuarbeiten. Des Weiteren wurde festgelegt, dass beide Kammern des Parlaments einen Staatspräsidenten mit weitreichenden Kompetenzen wählen sollten. Zum damaligen Zeitpunkt war klar, dass nur Parteichef Wojciech Jaruzelski für dieses Amt in Frage kam – möglicherweise auch nur vorübergehend. Beschlossen wurde außerdem die Legalisierung der „Solidarität“, der man auch das Recht einräumte, eine eigene Wochenzeitung herauszugeben. Lediglich in Sachen Wirtschaft blieb der Runde Tisch ohne Ergebnis, weil in beiden Lagern extrem unterschiedliche Vorstellungen über die künftigen ökonomischen Strukturen herrschten. Ohne Zweifel war der Runde Tisch ein originäres Projekt, das bis dato kein Vorbild in der Welt des realen Sozialismus gehabt hatte – und wohl auch nicht in anderen politischen Systemen. Es handelte sich durchaus um eine Revolution – revolutionär im Sinne eines vollzogenen Umsturzes, aber ohne revolutionäre Gewalt im Sinne à la Sturm auf die Bastille oder das Winterpalais. Der polnische Historiker Antoni Dudek prägte den Begriff der „reglementierten Revolution“ (reglamentowana rewolucja). Die Ergebnisse der Verhandlungen waren Ausdruck des damaligen Kräfteverhältnisses zwischen den Machthabenden einerseits sowie der „Solidarität“ und der gesamten Opposition andererseits. Aber die Beschlüsse des Runden Tisches waren auch die Basis dafür, dieses Kräfteverhältnis zu verändern. Sie waren der Ausgangspunkt für einen evolutionären Prozess, der bis hin zu einer demokratisch-parlamentarischen Republik führte. Die friedliche Methode des Runden Tisches von 1989 war die ent- 143 Zu den Hintergründen, dem Verlauf und der historischen Einschätzung des Runden Tisches siehe insbesondere Codogni, Paulina: Okrągy Stół – czyli polski rubikon. Warszawa 2009. Skórzyński, Jan: Rewolucja okrągłego stołu. Kraków 2009. Dudek, Antoni: Historia polityczna Polski 1989– 2015. Kraków 2016. Vetter, Reinhold: Polens diensteifriger General. Späte Einsichten des Kommunisten Wojciech Jaruzelski. Berlin 2018. 2.6. Mühsamer Weg in die neuen Zeiten: städtebaulicher und architektonischer Stillstand (1980–1989) 123 scheidende Schlussfolgerung aus der gewaltsamen „Lösung“ der Systemkrise in Gestalt des Kriegsrechts von 1981 – gleichsam These und Antithese. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) Die drei Jahrzehnte seit dem Systemwechsel von 1989 waren auch für Warschau eine Periode gewaltiger Veränderungen, ähnlich wie die schreckliche Zeit der deutschen Besatzungsherrschaft während des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegsjahre des heroischen Wiederaufbaus, ohne dass diese drei Zeitabschnitte in irgendeiner Weise vergleichbar wären. Der Aufbau einer parlamentarischen Demokratie und einer Marktwirtschaft in Polen hatte auch und gerade für die Hauptstadt Warschau gravierende Folgen. Das Zentrum des Landes spürte besonders die politische und ökonomische Öffnung Polens, die Umordnung des Außenhandels und den Zustrom ausländischer Direktinvestitionen. Die Eingliederung des Landes in die westlichen Bündnissysteme wie Nato und Europäische Union, auch die Neugestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen und der Nachbarschaft zu den Staaten Ost- und Südosteuropas verschaffte Warschau einen höheren Stellenwert im Rahmen der internationalen Beziehungen. Freiheit und Demokratie ermöglichten für die Warschauer einen neuen Blick auf ihre Stadt. So wurde die Art und Weise des Wiederaufbaus ab 1945 kritisch hinterfragt. Mehrfach stellten engagierte Bürger die Frage, ob es nicht besser sei, den Kulturpalast aus stalinistischen Zeiten abzureißen und damit ein für alle Mal aus dem Erscheinungsbild der Stadt zu tilgen. Die verstärkt nach 2010 geführte Debatte über positive und negative Folgen der Reprivatisierung richtete den Blick auch auf die Folgen der Verstaatlichung in den späten 1940er Jahren für Städtebau und Architektur in Warschau. Freie Meinungsäußerung bedeutete außerdem, nach 1989 zunehmend sichtbare Schwächen der städtischen Administration hinsichtlich der Raumgestaltung etwa in der Warschauer Innenstadt und des Wohnungsbaus öffentlich zu diskutieren. Wiederholt oszillierte die öffentliche Stimmung zwischen Vorwärtsdrang und Nostalgie, zwischen dem Drang nach neuen Lösungen und der Hoffnung auf Bewahrung althergebrachter Zustände. Demokratie, Marktwirtschaft, Öffnung nach außen Das Ergebnis der Parlamentswahl am 4. Juni 1989, mit dem weder die machthabenden Kommunisten noch die Opposition bzw. die Solidarność gerechnet hatten, löste bei den Regierenden einen Schock aus, denn der Sieg der „Mannschaft von Lech Wa- łęsa“, wie die oppositionellen Kandidaten genannt wurden, war überwältigend. Sie errangen 160 von 161 möglichen Mandaten (bei insgesamt 460 Sitzen) im Sejm und 92 von insgesamt 100 im Senat. Von den Direktkandidaten der kommunistischen PVAP/ PZPR und der Regierung schafften nur drei auf Anhieb den Sprung in den Sejm, während 261 an der 50-Prozent-Hürde scheiterten. Außerdem fielen 33 von insge- 2.7. 2. Historische und städtebauliche Epochen 124 samt 35 führenden Funktionären der Partei und ihrer Blockparteien ZSL und SD durch, die auf einer Landesliste nominiert worden waren, darunter Ministerpräsident Mieczysław Rakowski und Innenminister Czesław Kiszczak. Nur durch eine Novellierung des Wahlrechts und die damit verbundene Absenkung des vordem notwendigen 50-Prozent-Quorums auf eine relative Mehrheit konnten die den Machhabenden am Runden Tisch zugestandenen 65 Prozent der Mandate (296 Sitze) in einem zweiten Wahlgang besetzt werden – allerdings bei einer für sie blamablen Wahlbeteiligung von 25 Prozent. Nach kontroversen Debatten innerhalb der Opposition, ob man schon eine eigene Regierung bilden oder sich zumindest an einer Koalitionsregierung beteiligen sollte, wurde der katholische Publizist und führende Oppositionspolitiker Tadeusz Mazowiecki am 24. August 1989 zum Ministerpräsidenten gewählt, der in seinem Kabinett zwölf der insgesamt 24 Ministerposten mit Vertretern der bisherigen Oppositionsparteien besetzte, während elf auf die PVAP und ihre Blockparteien entfielen und der neue Außenminister Krzysztof Skubiszewski parteilos war. Die Blockparteien hatte sich vorher von der PVAP losgesagt und für die Bildung einer derartigen Koalition unter Führung eines Ministerpräsidenten aus den Reihen der bisherigen Opposition votiert. Für den 12. September war dann die Abstimmung im Warschauer Parlamentsgebäude über die Regierung und deren Programm angesetzt. Doch die dortigen Ereignisse entbehrten nicht einer gewissen Dramatik, die von vielen polnischen Fernsehzuschauern mit großer Sorge verfolgt wurde, denn Mazowiecki, der kurz vor 9:00 Uhr ans Rednerpult trat, erlitt wenige Minuten später einen Schwächeanfall und musste sich von einem Arzt behandeln lassen. Gegen 10.40 Uhr kam Mazowiecki wieder ans Rednerpult und sagte: „Hohes Haus, ich bitte sehr um Entschuldigung. Das ist das Ergebnis wochenlanger intensiver Arbeit. Ich geriet in jenen Zustand, in dem sich auch die polnische Wirtschaft befindet, habe mich aber wieder erholt. Ich hoffe, dass auch die Wirtschaft aus diesem Zustand herauskommen wird.“144 In den folgenden Monaten setzte die Regierung Mazowiecki eine Reihe durchgreifender verfassungsrechtlicher, politischer und ökonomischer bzw. finanzpolitischer Reformen durch. Im Zuge einer Novellierung der Verfassung am 29. Dezember 1989 strich man die Artikel über das Bündnis mit der Sowjetunion, die „führende Rolle“ der PVAP in Staat und Gesellschaft sowie die Planwirtschaft als ordnungspolitisches Grundprinzip. Das Land erhielt seinen früheren Staatsnamen „Republik Polen“ zurück, das Amt für Bekenntnisfragen, das in sozialistischen Zeiten vor allem mit der Überwachung der katholischen Kirche befasst war, wurde aufgelöst. Komplizierter waren die Veränderungen in den Ressorts für Inneres und Verteidigung, die weiterhin von Ministern der PVAP geleitet wurden, die versuchten, Reformen zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Immerhin gelang es im Mai 1990, 144 Exposé premiera Tadeusza Mazowieckiego: Przychodzę jako człowiek „Solidarności”, in Gazeta Wyborcza, 13.12.1989. 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 125 die Zensurbehörde aufzulösen, den Sicherheitsdienst einer stärkeren Kontrolle zu unterwerfen und die militärische Gegenspionage abzuschaffen. Geradezu radikal waren die wirtschafts- und finanzpolitischen Beschlüsse des Kabinetts, die letztendlich die Grundlage für eine funktionierende Marktwirtschaft in Polen schufen. Dazu zählten die Bindung der Einkommen an den tatsächlichen Preisanstieg, die Abschaffung des staatlichen Monopols im Außenhandel, die Herstellung einheitlicher Bedingungen für den Import durch ein neues Zollgesetz, die Festsetzung eines festen Kurses des polnischen Złoty zum US-Dollar, um den Schwarzmarkt beim Devisenhandel auszutrocknen, die Privatisierung des Einzelhandels sowie die Vergabe von Krediten für staatliche Firmen nur noch unter der Bedingung, ein überzeugendes Konzept vorlegen zu können, wie sie sich künftig auf dem Markt behaupten wollen. Auch die polnische Außenpolitik bedurfte einer Neuausrichtung. Angesichts der revolutionären Veränderungen des Jahres 1989 und dem absehbaren Wegfall der bisherigen Blockstrukturen – der Warschauer Pakt und der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wurden noch im Jahr 1991 aufgelöst – musste Polen seinen künftigen Platz im europäischen Sicherheits- und Wirtschaftsgefüge neu bestimmen. Dabei ergaben sich drei strategische Ziele: Stärkung der europäischen Orientierung und verteidigungspolitischen Absicherung des Landes durch stufenweise Integration in Nato und EU, Entwicklung guter Beziehungen zu allen Nachbarn einschließlich der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, Stärkung der bilateralen Zusammenarbeit mit den Staaten Westeuropas sowie den USA und Kanada. Das heutige System der staatlich-politischen Institutionen Polens, besonders die Abgrenzung der Kompetenzen zwischen den obersten Staatsorganen, geht im Prinzip auf die Beschlüsse des Runden Tisches im Frühjahr 1989 zurück. Damals ging es um die Übertragung der politischen Kompetenzen, die bis zu diesem Zeitpunkt die kommunistische PVAP beansprucht und wahrgenommen hatte, auf die staatlichen Institutionen. Das an das Verfassungssystem der französischen V. Republik angelehnte präsidentiell-parlamentarische Regierungssystem sollte gewährleisten, dass General Wojciech Jaruzelski als damaliger erster Staatspräsident der nachkommunistischen Zeit (von Juli 1989 bis Dezember 1990) eine relativ starke Position erhielt. Jaruzelski nutzte diese Position, um die von der Mazowiecki-Regierung umgesetzten Reformen politisch abzusichern. Später wurden die Kompetenzen des Staatspräsidenten etwas beschnitten. Allerdings zog sich die Ausarbeitung einer neuen Verfassung bis 1997 hin. In einem Zwischenschritt, der „Kleinen Verfassung“ von 1992, wurde zwar die Abgrenzung zwischen den Kompetenzen des Präsidenten, des Parlaments und der Regierung präzisiert, aber die vielfach geforderte Stärkung der Regierung nicht erreicht. Erst mit der Verabschiedung der Verfassung von April 1997 kam es zu einer Umwandlung des präsidial-parlamentarischen in ein parlamentarisch-präsidiales System. Diese Verfassung hat die vordem gelegten Fundamente Polens als eines demokratischen Rechtsstaates bestätigt und gestärkt. Sie bekräftigte die Prinzipien der Souveränität der Nation, des polnischen Pluralismus und der Dreiteilung der Staatsgewalt, ebenso den Katalog der Rechte, Freiheiten und Pflichten der Bürger sowie die Garan- 2. Historische und städtebauliche Epochen 126 tie des Privateigentums. Bei der Ausarbeitung des Textes orientierten sich die Autoren in vielerlei Hinsicht an westlichen Vorbildern, etwa bezüglich der Position des Staatspräsidenten an dem französischen und dem US-amerikanischen Modell. Neben Sejm, Senat, Regierung und Präsident hat auch eine Gruppe von mindestens 100 000 Bürgern per Quorum das Recht, Gesetzesvorlagen einzureichen. Zudem wurde das Amt eines Beauftragten für Bürgerrechte geschaffen. Auch wenn die Machtübernahme durch die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) von Jarosław Kaczyński im Jahr 2015 und ihre autoritär-nationalistische Regierungspraxis anderes vermuten lässt, hat die seit 1989 in Polen geschaffene parlamentarische Demokratie grundsätzlich ihre Lebensfähigkeit bewiesen. Parlamentswahlen führten immer wieder zu Machtwechseln, die auch mit Korrekturen in der Regierungspolitik verbunden waren. Hält man sich an die Namen der beteiligten Parteien, die nicht unbedingt deren gesamtes politisches Programm widerspiegeln, dann waren dies vor allem Machtwechsel zwischen postkommunistischen und sozialdemokratischen Parteien einerseits und liberalen, liberalkonservativen und nationalkonservativen Gruppierungen andererseits. Allerdings kam es mehrfach auch zu Regierungswechseln bzw. zum Austausch der Ministerpräsidenten innerhalb des jeweiligen politischen Lagers. So kann Polen für die Jahre 1989 bis 2018 die stolze Zahl von 16 Ministerpräsidenten aufweisen. Das Parteiensystem hat sich nach der anfänglichen Zersplitterung in den frühen 1990er Jahren generalisiert, ist aber weiterhin relativ volatil. Nach wie vor krankt die polnische Parteienlandschaft daran, dass es keine einflussreiche sozialdemokratische Linke, die nicht der postkommunistischen Tradition entstammt, als Gegengewicht zum liberalen und rechten Spektrum gibt. Die beiden Parlamente Sejm und Senat strahlen nur wenig Autorität aus. Die ausufernde Zahl neuer gesetzlicher Vorschriften und deren verklausulierte Sprache, die selbst für Spezialisten oft kaum verständlich ist, untergräbt das Vertrauen der Bürger in den Staat. Permanent „vervollständigen“ Novellen einzelne Gesetze. Oft kommen Gesetzesprojekte im Parlament zur Abstimmung, ohne vorher durch die Experten des Juristischen Rates beim Amt des Ministerpräsidenten auf rechtliche Stringenz, Abgrenzung zu schon existierenden Gesetzen und Übereinstimmung mit der Verfassung geprüft worden zu sein. Und schließlich fehlt es an klaren Vorschriften für die Tätigkeit von Lobbyisten. Auch in Polen hat sich nach 1989 das ganze Spektrum an gesellschaftlichen Organisationen, Interessenvertretungen, beruflichen Standesorganisationen, Laienverbänden christlicher Glaubensgemeinschaften sowie wirtschaftlichen Lobbyisten entwickelt, die auch im Westen präsent sind. Bemerkenswert dabei ist, dass sowohl die Gewerkschaften als auch die Unternehmerverbände einen vergleichsweise niedrigen Organisationsgrad aufweisen, der bei 12 bzw. 20 Prozent liegt. Die großen Demonstrationen der Jahre 2017 und 2018 gegen die Verschärfung der Abtreibungsgesetzgebung und die politische Gleichschaltung der Justiz haben gezeigt, dass die polnische Zivilgesellschaft bzw. Nichtregierungsorganisationen eine gewisse Kraft entfalten können, doch reichte das bislang in den meisten Konfliktfällen nicht aus, stärkeren Einfluss auf die Regierungspolitik auszuüben. 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 127 Was die Haltung der polnischen Bürger zum Staat und seinen Organen sowie insgesamt zur parlamentarischen Demokratie betrifft, so haben wissenschaftliche Untersuchungen immer wieder gezeigt, dass die Gleichgültigkeit der Bürger gegenüber der Politik relativ hoch ist. So ging aus einer Studie des Warschauer Meinungsforschungsinstituts Centrum Badania Opinii Społecznej hervor, dass im Jahr 2017 knapp 40 Prozent der Befragten die Arbeit der Regierung befürworteten, 30 Prozent diese ablehnten und knapp 30 Prozent meinten, ihnen sei das völlig egal.145 Weit verbreitet ist die Auffassung, dass „die da oben“, „die Gruppen an der Macht“ sowieso „alles stehlen“. Immer wieder hagelt es heftige Vorwürfe gegenüber der politischen Klasse. Die Politiker gehören zu den gesellschaftlichen Gruppen mit dem geringsten Sozialprestige. Das Misstrauen gegenüber dem Staat zeigt sich an der niedrigen Beteiligung bei Wahlen, die nach 1989 nur in Ausnahmefällen mehr als 50 Prozent betrug, sowie an der äußerst geringen Bereitschaft, sich in Parteien oder überhaupt im öffentlichen Leben zu engagieren. Gleichwohl erwarten viele Bürger viel mehr vom Staat, als dieser in der Regel leisten kann. Zudem befürworten laut Umfragen mindestens 30 Prozent der Bürger eine „Regierung mit starker Hand“, ja sogar unter bestimmten Bedingungen autoritäre Regierungsformen. Und selbst bei denen, die grundsätzlich die parlamentarische Demokratie unterstützen, zeigt sich in der Regel großer Unmut über den Zustand der Demokratie. Gemischte Bilanz in der Sozialpolitik, Folgen der Flüchtlingskrise Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung Polens nach 1989 waren und sind die marktwirtschaftliche Transformation in den Jahren 1989/90, später folgende Reformen sowie die im Rahmen des Beitrittsprozesses erfolgte Anpassung der polnischen Volkswirtschaft und ihrer ordnungspolitischen Grundlagen an die Normen der Europäischen Union. Dabei wurde privaten Unternehmen eine Schlüsselrolle eingeräumt, zunächst im Rahmen der „kleinen Privatisierung“ von Handel und kleinen Dienstleistungsfirmen, dann auch in Form der Privatisierung größerer staatlicher Unternehmen. Letztere haben die Regierungen unter Jan Krzysztof Bielecki (1991) und Hanna Suchocka (1992/93) energisch vorangetrieben; sie verlangsamte sich aber, nachdem die postkommunistische Sozialdemokratie 1993 an die Macht gekommen war, da die Direktoren vieler Staatsbetriebe Mitglieder oder Anhänger dieser Partei waren. So wurden Staatsbetriebe zunächst in Aktiengesellschaften in staatlichem Besitz verwandelt. Später konnte es durchaus vorkommen, dass auch diese Betriebe mit allerlei Tricks privatisiert wurden und ihre Direktoren fortan als deren Eigentümer oder Hauptaktionäre fungierten. Parallel zur Privatisierung der staatlichen Wirtschaft erfolgte der Aufbau eines modernen Finanzsektors mit privaten Banken und Versicherungen als wichtiger Schritt zur Schaffung neuer Dienstleistungsstrukturen. Große Bedeutung für die 145 Centrum Badania Opinii Społecznej: Polacy wobec demokracji i systemu partyjnego, Warschau 2017. 2. Historische und städtebauliche Epochen 128 marktwirtschaftliche Entwicklung Polens hatte zudem die Öffnung des Landes für ausländisches Kapital, die schon bald nach dem Systemwechsel einsetzte. Mit dem zunehmenden Engagement ausländischer Investoren wuchs die Verflechtung Polens mit dem europäischen und überhaupt mit dem internationalen Handel. Diese Öffnung veränderte auch das Stadtbild Warschaus. Gerade im Zentrum der Stadt entstanden Hochhäuser, in die Niederlassungen internationaler Banken und Vertretungen ausländischer Konzerne einzogen. Auch internationale Banken eroberten die polnische Hauptstadt. Einerseits waren der Abbau industrieller Strukturen besonders in der polnischen Schwer- und Rüstungsindustrie, die Reduzierung der landwirtschaftlichen Produktion und der Aufbau moderner Dienstleistungsstrukturen marktwirtschaftlich vertretbar, hatte sich das sozialistische System doch gerade in diesen Bereichen durch stark überzogene Produktion und Beschäftigung ausgezeichnet, andererseits waren die Folgen dieses Strukturwandels für den Arbeitsmarkt dramatisch. Der Abbau von Arbeitsplätzen fiel besonders dann drastisch aus, wenn ausländische Investoren einheimische Unternehmen kauften. Zugleich verloren viele staatliche Unternehmen ihre Existenzberechtigung und wurden aufgelöst, wenn sich kein aus- oder inländischer Investor fand. Ihr Vermögen wurde abgewickelt, die Beschäftigung ebenfalls. Die Beschäftigungsquote der polnischen Volkswirtschaft sank, in den Jahren 1989 bis 2003 gingen etwa 3,2 Millionen Arbeitsplätze verloren. Gleichzeitig entstanden viele neue Stellen, wenn internationale Konzerne Unternehmen und Produktionsstätten aufbauten. Aber es sollte bis 2005/06 dauern, bis endlich die Anhängigkeit zwischen Produktivitätssteigerung und wachsender Arbeitslosigkeit durchbrochen wurde. Erst ab diesem Zeitpunkt wurden in Polen wieder mehr Arbeitsplätze geschaffen als abgebaut. In der Sozialpolitik fiel die Bilanz drei Jahrzehnte nach dem Systemwechsel von 1989 sehr gemischt aus. Nachdem jahrelang auf diesem Gebiet absolut nichts passiert war, setzte die in den Jahren 1997 bis 2001 amtierende Regierung von Jerzy Buzek von dem Wahlbündnis Wahlaktion der Solidarität (Akcja Wyborcza Solidarność – AWS) und Finanzminister Leszek Balcerowicz von der Freiheitsunion (Unia Wolności – UW) erste Akzente. Zu den durchgesetzten Projekten zählten neben einer Reform des Verwaltungssystems und des Bildungswesens auch eine Reform der Rentenversicherung und eine Neuordnung des Gesundheitswesens. Wichtigster sozialpolitischer Erfolg der ab 2007 amtierenden Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk, dem Vorsitzenden der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska – PO), war die stufenweise Anhebung des Renteneintrittsalters für Männer um zwei und für Frauen sogar um sieben Jahre auf einheitlich 67 Jahre – eine Reform, die angesichts der sich in Polen ähnlich wie in Deutschland entwickelnden Alterspyramide und der aus sozialistischen Zeiten herrührenden enormen Frühberentung bestimmter Berufsgruppen dringend notwendig war. Doch die nationalkonservative Regierung von Ministerpräsidentin Beata Szydło hat dann 2017 das Renteneintrittsalter wieder auf das vorherige Niveau abgesenkt. Besonders in der Regierungszeit der Bürgerplattform (2007 bis 2015) hat sich eine regelrechte Zwei-Klassen-Gesellschaft in der medizinischen Versorgung entwickelt. 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 129 Die Zahl der guten Ärzte und modernen medizinischen Einrichtungen hat sich zwar erhöht, doch sind deren Leistungen für Normal- und Geringverdienende fast nie bezahlbar. Während die Zahl der privaten, erfolgreich arbeitenden, in der Regel aber teuren Arztpraxen und Krankenhäuser gestiegen ist, sind viele staatliche und städtische Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen in einem vergleichsweise schlechten Zustand. In vielen Krankenhäusern übersteigen die Kosten bei Weitem die Einnahmen, was zu einer grassierenden Verschuldung führt. Geht es um den Arbeitsmarkt, dann leidet Polen nicht unter einer hohen Arbeitslosigkeit, sondern unter einem starken Anstieg der befristeten Arbeitsverhältnisse. Die wachsende Fragmentierung des Arbeitsmarkts ist inzwischen eines der bedeutendsten sozioökonomischen Probleme des Landes. Seit etwa 2000 steigt in Polen der Anteil atypischer Beschäftigungsformen, die oft mit fehlender Beschäftigungsstabilität sowie fehlendem arbeits- und sozialrechtlichem Schutz verbunden sind. Befristete Arbeitsverträge sowie niedrige Löhne führen zu einem höheren Armutsrisiko. Polnische Arbeitnehmer mit solchen Arbeitsverträgen verdienen etwa 30 Prozent weniger als Personen mit unbefristeten Verträgen. Etwa ein Fünftel der gut 38 Millionen Einwohner Polens lebt an der Armutsgrenze oder ist vom Abgleiten in Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung bedroht. Die globale Finanzmarktkrise der Jahre 2008/09 und deren realwirtschaftliche Folgen machten dann deutlich, dass die Einbindung in den Weltmarkt auch negative Folgen haben kann. Die neuen EU-Staaten Ostmittel- und Südosteuropas wurden mehr oder weniger vor eine harte Prüfung gestellt. Auch der polnische Kapitalmarkt geriet in Schwierigkeiten, westliche Investoren zogen massiv Kapital von der Warschauer Börse ab. Banken, Investmentfonds und Immobilienverwalter reduzierten ihr Engagement in Polen. Wie die Währungen der anderen östlichen EU-Staaten geriet auch die polnische unter Druck. Der Złoty fiel von Februar 2008 bis Februar 2009 um 23 Prozent. Andererseits war Polen das einzige Land, in dem das Wirtschaftswachstum nicht so stark nachließ. Vielmehr verzeichnete das polnische Bruttoinlandsprodukt sogar während der Krise einen kleinen Zuwachs. Ebenso hat die im Jahr 2015 einsetzende Flüchtlingskrise ganz Europa mächtig durcheinandergewirbelt, einschließlich der östlichen EU-Staaten, allerdings mit Ausnahme von Polen, der Slowakei, Rumänien und Bulgarien, wo nur vergleichsweise wenig Flüchtlinge ankamen. Das allerdings hielt die in Warschau regierende nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) nicht davon ab, eine massive öffentliche Hetze vor allem gegen muslimische Flüchtlinge zu entfalten, die zum Teil auf fruchtbaren Boden in der Gesellschaft fiel. Umfragen zeigten, dass nur eine Minderheit der polnischen Bevölkerung bereit ist, Flüchtlinge aus muslimisch geprägten Ländern aufzunehmen und ihnen zu helfen. Die PiS-Regierung lehnte es wiederholt mit allem Nachdruck ab, sich an einem Verteilungsmodus der EU zu beteiligen. Tatsache ist aber ebenso, dass sich in Polen etwa eine Million Ukrainer aufhalten (2019), was von der einheimischen Bevölkerung begrüßt oder zumindest geduldet wird, weil 2. Historische und städtebauliche Epochen 130 sie vor allem Arbeitsmigranten sind146. Die national-konservative Regierung nutzte dies in ihrem öffentlichen Auftreten mit der Bemerkung, man habe in Polen „eine Million ukrainische Flüchtlinge aufgenommen“. Autoritäre Wende Im Jahr 2015 erlebte Polen nach acht Jahren liberal-konservativer Regierung einen regelrechten Gezeitenwechsel in der Politik, als die Rechte die ganze Macht im Staat eroberte.147 Zunächst gewann der von der PiS gestützte promovierte Jurist Andrzej Duda am 10. und 24. Mai beide Wahlgänge gegen den vormaligen Amtsinhaber Bronis- ław Komorowski von der Platforma Obywatelska. Dann erzielte Prawo i Sprawiedliwość bei der Parlamentswahl am 25. Oktober mit gut 37 Prozent der Stimmen das beste Ergebnis vor der Platforma Obywatelska mit 24 Prozent. Die Nationalkonservativen kontrollierten damit die wichtigsten Schaltstellen der Macht im Staat. Sie nutzten dies in der Folgezeit, um im Eiltempo einen starken Staat aufzubauen, der zunehmend autoritäre Züge trug. Sie schränkten die Autonomie und die Befugnisse des Verfassungsgerichts, des Obersten Gerichtshofs, der Justiz allgemein, der Zentralbank und der öffentlich-rechtlichen Medien zugunsten der von der PiS beherrschten Exekutive ein. Das Parlament degradierten sie zur Abstimmungsmaschine, ihre Geschichtspolitik wurde zur unreflektierten, nationalistischen Heldenverehrung, bei der historische Verfehlungen des eigenen Volkes verschwiegen oder geleugnet wurden. Kulturell und kulturpolitisch unliebsame Institutionen wie das Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs wurden mehr oder weniger auf die geschichtspolitische Linie der PiS gebracht.148 Die Gunst der Wähler erwarb sich die PiS mit sozialen Maßnahmen wie dem Kindergeld „500 plus“, das sich in der Tat als materielle Besserstellung gerade für Familien mit niedrigen Einkommen erwies. So hatte der polnische Durchschnittshaushalt im Jahr 2018 ein Monatseinkommen von umgerechnet 390 Euro pro Kopf, gut 20 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Außerdem legte der damals noch als Finanzminister amtierende spätere Ministerpräsident Mateusz Morawiecki einen Investitionsplan unter dem Titel „Strategie für eine verantwortungsvolle Entwicklung“ vor. Zu dessen Zielen gehörten insbesondere die Stärkung moderner Industriezweige wie Elektromobilität und Biotechnologie, die Förderung der Konkurrenzfähigkeit polnischer Unternehmen gegenüber ausländischen Konzernen, die Repolonisierung von Firmen, die an ausländische Konzerne verkauft worden waren, die Sicherheit der Energieversorgung sowie die stärkere Förderung von Forschung und Technologieentwicklung. 146 Mijnssen, Ivo: Die verschämten Einwanderungsländer im Osten der Europäischen Union: Wieso Polen und Ungarn Hunderttausende von Ausländern aufnehmen, in Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2019. 147 Janicki, Mariusz/Władyka, Wiesław: Brat bez brata. Dokąd prowadzi Polskę Jarosław Kaczyński, Warschau 2019. 148 Ähnliches versuchte PiS-Kulturminister Piotr Gliński auch beim Museum der polnischen Juden in Warschau. Siehe dazu S. 180 in dieser Publikation. 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 131 Bei der Parlamentswahl am 13. Oktober 2019 wurden die Nationalkonservativen erneut stärkste Partei. Mit 43,6 Prozent der Stimmen konnte die PiS ihr Ergebnis von 2015 sogar noch um 6 Prozent verbessern. Aufgrund des polnischen Wahlrechts, das Wahlsieger bevorzugt, konnte die Partei wieder allein eine Regierung bilden. Wahlbeobachter führten den Erfolg vor allem auf ihre sozialpolitischen Entscheidungen, ihr Beharren auf der traditionellen katholischen Familienpolitik, die Abwehr von Flüchtlingen, ihre patriotisch-nationalistische Geschichtspolitik, ihr offensiveres Auftreten in der Europäischen Union sowie die Anlehnung an die USA in der Sicherheitspolitik zurück. Allerdings war der Erfolg der Nationalkonservativen diesmal nicht so eindeutig wie vier Jahre zuvor, denn sie verloren ihre Mehrheit im Senat, der als zweite Parlamentskammer eine gewisse Kontrollfunktion gegenüber dem Sejm als erste Kammer ausübt. Auch reichte diesmal ihre Mehrheit nicht aus, um ein mögliches Veto des Staatspräsidenten, etwa gegen Gesetze, problemlos zu überstimmen. Vor allem aber erreichte sie keine verfassungsgebende Mehrheit, was zu ihren wichtigsten Wahlzielen gehört hatte. Trotzdem zeigten erste Personalentscheidungen für den Obersten Gerichtshof, dass die PiS entschlossen war, ihre exekutive Kontrolle über die Judikative fortzusetzen oder gar noch auszubauen. Schon zu diesem Zeitpunkt ließ sich zweifellos feststellen, dass die Nationalkonservativen der Dreiteilung der Staatsgewalt und überhaupt dem Rechtsstaat in Polen Schaden zugefügt haben. Die parlamentarische Demokratie blieb erhalten, wenngleich auch ihre Qualität gelitten hat. Der robuste Zugriff der PiS auf den Staat hat die Spaltung in der Gesellschaft vertieft und die Meinungen unter den Bürgern stark polarisiert. Bei einer Wahlbeteiligung von 61,7 Prozent (2019) und einem Stimmenergebnis von 43,6 Prozent haben ja nur knapp 27 Prozent der Wahlberechtigten für die PiS gestimmt, was diese Partei aber nicht davon abhielt, den ganzen Staat und seine Institutionen wie ihr Privateigentum zu behandeln. Andererseits haben diejenigen, die nicht zur Wahl gegangen sind, mit ihrem Desinteresse gegenüber dem Staat und der Politik zum Erfolg der Nationalkonservativen beigetragen. Diese Spaltung war und ist gerade auch im Alltag der Hauptstadt Warschau, die politisches Zentrum des Landes ist, stark zu spüren. Viele Probleme, die vielleicht nur kommunalen Charakter haben, werden schnell auf eine gesamtstaatliche parteipolitische Ebene gehoben und geraten damit in den nationalen Widerstreit zwischen der PiS und den anderen Parteien. Erbittert wurde und wird mit parteipolitischen Argumenten um Probleme des Verkehrs, des Umweltschutzes, des Schulsystems und der Freizeitgestaltung gestritten. Für PiS war es eine bedeutsame Niederlage, dass die Bürgerplattform die Kommunalwahl im Oktober 2018 in Warschau gewonnen hat. 2. Historische und städtebauliche Epochen 132 Marktinteressen dirigieren den Städtebau Warschau hat sich in der postsozialistischen Zeit seit 1989 stark verändert.149 Deutlich wird dies an der Wirtschaftsstruktur. Die Durchsetzung der Marktwirtschaft, der Zustrom ausländischer Direktinvestitionen und die damit verbundene Umstrukturierung der Wirtschaft haben zu einer Deindustrialisierung geführt. So sank der Anteil der im primären und sekundären Wirtschaftssektor Beschäftigten von etwa 60 Prozent im Jahr 1989 über 35 Prozent im Jahr 2000 auf 27 Prozent im Jahr 2011. Im Gegenzug vollzog sich der Aufbau einer Dienstleistungsökonomie. Da Warschau mehr noch als andere polnische Großstädte Ziel ausländischer Direktinvestitionen war, ist hier die heutige Dominanz des Dienstleistungssektor am stärksten spürbar. Ebenso hat sich die Bevölkerungs- bzw. Siedlungsstruktur der polnischen Hauptstadt verändert. Mit den ausländischen Direktinvestitionen kamen mehr Spezialisten aus anderen Ländern, ebenso stieg der Zustrom von Fachkräften aus anderen polnischen Regionen und Städten. Schließlich veränderte sich das Stadtbild besonders im Zentrum, aber auch in anderen Bezirken Warschaus. Bürohochhäuser, Shopping-Malls und Gated Communitys dominieren vielfach die Szenerie. Durch den Bau vieler Wohnsiedlungen in den äußeren Stadtbezirken sowie in angrenzenden Gemeinden hat sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts eine massive Suburbanisierung bemerkbar gemacht. Welche Rolle spielten bzw. spielen die städtischen Autoritäten, also die zentrale Administration und die Verwaltungen der einzelnen Stadtbezirke, in diesem Prozess? Können sie städtebaulich und wohnungspolitisch aktiv gestalten und kontrollieren oder sind sie eher Getriebene in diesem Prozess bzw. „Erfüllungsgehilfen“ derjenigen, die ökonomisch und finanziell den Ton angeben? Die Antwort fällt eher negativ aus. Seit Beginn der Transformation in Polen im Jahr 1989 lässt sich auch und gerade am Beispiel der Stadt Warschau der endgültige Abschied vom Leitbild der „sozialistischen Stadt“ und dessen Umsetzung studieren. Inzwischen beobachten wir eine Entwicklung, die nicht mehr von einem übergreifenden städtebaulichen Plan, sondern von marktwirtschaftlichen Interessen und Erfordernissen bestimmt wird. Nicht mehr eine sozialistische staatliche oder städtische Zentralverwaltung entscheidet über die räumliche, architektonische und wohnungspolitische Entwicklung einer Stadt, sondern das Interesse der marktwirtschaftlichen Akteure und deren politische und branchenspezifische Lobbyisten. Die Gestaltung städtischer Landschaften folgt immer weniger großen Entwürfen, zu deren Durchsetzung die Macht der städtischen Politik und Administration auch gar nicht mehr ausreicht. Natürlich gibt es in der zentralen Warschauer Administration und den Bezirksverwaltungen immer wieder strategische Entwürfe, Masterpläne und Studien zur Raumbewirtschaftung, die in der Regel aber nur marginal oder gar nicht umgesetzt werden. Hinzu kommt, dass Pläne und Pla- 149 Zur Entwicklung Warschaus und den Hintergründen siehe insbesondere Koch, Florian: Die europäische Stadt in der Transformation. Stadtplanung und Stadtentwicklungspolitik im postsozialistischen Warschau, Wiesbaden 2010; Kühne, Olaf: Warschau – postmoderne Entwicklungen nach der sozialistischen Moderne. Polen-Analysen, Nr. 143, 15.4.2014; Wojciechowski, Łukasz: Ikonen und Anti-Ikonen. Moderne Architektur in Polen, in Dialog, Nr. 104/2013; Springer, Filip: Unerfasste Räume, in ebd. Portrety miast polskich. Warszawa, in Polityka, Nr. 42, 16.-22.10.2013. 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 133 ninhalte ständig geändert werden, was deren Aussagen oft beliebig und damit bedeutungslos macht. „Das kapitalistische Warschau hatte im Gegensatz zum kommunistischen Warschau keinen großen städtebaulichen Plan. Alles, was nach 1989 passierte, war die Folge spontaner Energie und des starken Widerspruchs gegenüber den Regeln, die 40 Jahren geherrscht hatten.“150 Der Warschauer Architekturjournalist Filip Springer formulierte es noch deutlicher: „Vor allem Geld entscheidet heute darüber, was und wie heute in Polen gebaut wird. Das System der Stadtplanung ist fast vollständig lahmgelegt und erweist sich schlicht und einfach als Fassade, wenn es um die Aktionen von Investoren und Bauunternehmen geht, die die polnischen Städte ohne Sinn und Verstand bebauen. Diskussionen über neue Bauobjekte finden eigentlich nur auf der ästhetischen Ebene statt. Die städtebauliche, soziale und psychologische Rolle der Architektur wird dagegen ausschließlich in der Fachpresse thematisiert. Über die Gestaltung des öffentlichen Raums entscheiden im Endeffekt das subjektive Empfinden und die dicken Geldbörsen der Investoren. Und das ist für die Entwicklung eines harmonischen Stadtbildes keineswegs förderlich.“151 Doch dieses harte Urteil entspricht nur zum Teil der Wahrheit. Es trifft weitgehend zu, wenn damit die städtebauliche und architektonische Gestalt Warschaus gemeint ist. Hinsichtlich der Infrastruktur jedoch muss die Bewertung differenzierter ausfallen. So gab es nach 1989 durchaus erfolgreiche Bemühungen, die Infrastruktur leistungsfähiger zu gestalten, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen, bessere Fußwege und mehr Radwege anzulegen sowie ausgewogene Lösungen für Autofahrer durchzusetzen. So verfügt Warschau inzwischen über zwei U-Bahn-Linien. Die Metro M1 mit einer Länge von 23 Kilometern und 23 Stationen verbindet die südlichen Stadtteile Kabaty, Natolin und Usynów mit Żoliborz, Bielany und Młociny im Norden, während die M2 in west-östlicher Richtung auf 9 Kilometern mit zehn Stationen zwischen Rondo Daszyńskiego und Trocka verkehrt. Diese beiden stark frequentierten U-Bahn- Strecken sind eine große Erleichterung besonders für den Berufsverkehr, müssten aber dringend um weitere Linien ergänzt werden. Auch das Bus- und Straßenbahnnetz wurde ausgebaut und teilweise modernisiert, ist aber zu bestimmten Tageszeiten stark überlastet. Das 2005 eingerichtete und 2012 erweiterte S-Bahn-Netz besteht aus vier Linien und verbindet das Stadtzentrum mit den Vororten und umliegenden Gemeinden, insbesondere mit beliebten Wohngebieten wie Rembertów und Sulejówek. Beträchtliche Anstrengungen wurden auch unternommen, um Warschau etwas freundlicher für Radfahrer zu machen. Im Jahr 2019 verfügten die städtischen Stra- ßen bereits auf einer Gesamtlänge von etwa 450 Kilometern über gekennzeichnete Radwege. Besonders in der City existierten inzwischen etwa 200 Stationen, an denen Fahrräder ausgeliehen werden können. Allerdings dürfte es noch einige Zeit dauern, bis die Mehrheit der Warschauer Autofahrer gelernt hat, dass Radfahrer gleichberechtigte Teilenehmer des Straßenverkehrs sind. 150 Piątek, G.: In Warschau wäre Gleichheit undenkbar, in Bauwelt 2008. 151 Springer, Filip: Unerfasste Räume, S. 32. 2. Historische und städtebauliche Epochen 134 Weniger gut sieht es mit dem Autoverkehr aus, der zu den Stoßzeiten im Zentrum und in einigen angrenzenden Stadtteilen regelrecht kollabiert. Wer per PKW am Stadtverkehr teilnimmt, betrachtet dies inzwischen als Überlebenstraining, mit all den negativen Begleiterscheinungen wie egoistisches Fahren. Wer dies zum ersten Mal erlebt, muss den Eindruck gewinnen, auf Warschauer Straßen habe das Faustrecht aus früheren historischen Epochen überlebt. Zwar wurden zwei weitere Brücken über die Weichsel gebaut (Most Siekierkowski und Most Świętokrzyski), die Uferstra- ße im östlichen Warschau modernisiert und die Durchgangsstraße auf westlicher Seite im Bereich der Altstadt mit einem Tunnel ausgestattet, doch hat dies wenig geholfen, um den stark angewachsenen Autoverkehr wenigstens etwa regulierbar zu machen. Das wichtigste Manko besteht darin, dass Warschau nicht über einen vollständigen Stadtring mit der Qualität einer Autobahn besitzt, der eine zügige Umfahrung besonders in den Stoßzeiten ermöglicht. Im europäischen Vergleich weist Polen eine der höchsten Anzahl an Verkehrstoten auf, was besonders für die polnischen Landstraßen, aber mit Abstrichen auch für Warschau gilt. Auch das Autobahnnetz, das Warschau mit den anderen größeren Städten des Landes verbindet, ist bislang unvollständig. Durchgehende Autobahnstrecken existieren nur nach Berlin, Danzig/Gdańsk (über Łódź), Breslau/Wrocław (ebenfalls über Łódź) und Białystok, nicht aber nach Stettin/Szczecin, Allenstein/Olsztyn, Terespol, Lublin, Kattowitz/Katowice und Krakau/Kraków. Auch die Fernbahnstrecken haben nicht alle die gleiche Qualität. So verkehrt der Hochgeschwindigkeitszug Pendolino zwar zwischen Warschau und Danzig bzw. Krakau, nicht aber zwischen Warschau und Berlin. Mit dem Flughafen Lotnisko Chopina punktet Warschau mit einem leistungsfähigen, international gut angebundenen Flughafen. Hinzu kommt der Flughafen Port Lotniczy Warszawa-Modlin, 50 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt, der hauptsächlich von Billigfluglinien genutzt wird. Das Gesamtbild Warschaus hat sich in den drei Jahrzehnten seit Beginn der Transformation stark differenziert. Deutlich sichtbar ist eine zunehmende Fragmentierung der städtischen Landschaft, ein Sammelsurium unterschiedlicher funktionaler, struktureller und gestalterischer Einheiten, bestehend einerseits aus Zentren, in denen die Vorstände großer Unternehmen und Banken residieren, samt den zugehörigen Hotels der oberen Preisklasse und teuren Restaurants, sowie den Gated Communitys vor allem am Stadtrand, in denen Besserverdienende und Neureiche wohnen, und andererseits aus den Wohnvierteln derjenigen, die noch nicht auf der Sonnenseite der Marktwirtschaft leben und mit bescheidenen Einkünften und Renten auskommen müssen, samt den entsprechenden Restaurants, Cafés und Bierhallen, dazu an verschiedenen Stellen der Stadt das Brachland ungenutzter Industrieanlagen ehemals staatlicher Unternehmen, die dem Konkurrenzdruck der Marktwirtschaft nicht standhalten konnten. Natürlich ist diese Fragmentierung nicht absolut, immer auch können sich die verschiedenen Strukturelemente vermischen. Zentren unternehmerischer und finanzwirtschaftlicher Tätigkeit sind hauptsächlich das Stadtviertel nördlich des Zentralbahnhofs entlang der al. Jana Pawła II, Teile 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 135 des angrenzenden Stadtteils Wola, der südlich des Zentrums gelegene Stadtteil Mokotów sowie das Stadtviertel Powiśle am linken Weichselufer südlich der Altstadt.152 Glücklicherweise, so ist in Warschau immer wieder zu hören, hätten die in den letzten 30 Jahren entstandenen gewaltigen Hochhäuser nahe des Zentralbahnhofs und in Wola die frühere absolute Dominanz des poststalinistischen Kulturpalastes über die Silhouette der Stadt stark relativiert. Tatsächlich war dieses riesige Gebäude nicht zu übersehen, egal aus welcher Richtung man sich dem Stadtzentrum näherte. Heutzutage fällt dieses, für die frühen 1950er Jahre so typische Bauwerk kaum noch auf. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit, denn die neuen Wolkenkratzer haben den städtischen Raum ebenso annektiert wie vorher der Kulturpalast. Im Grunde genommen sind sie Fremdkörper, in denen ein abgeschlossenes, spezifisches Geschehen stattfindet, das mit dem alltäglichen Leben der Stadt und ihrer Bewohner fast nichts zu tun hat. Anders als Museen, Konzertsäle, Theater und Kinos. Der Kulturpalast hat zwar seine Dominanz im Stadtbild verloren, ist aber bis heute wegen der dortigen Kinos, Restaurants, Ausstellungsräume und Büros ein Ort städtischen Lebens. Der radikale Wandel des städtischen Raums zeigt sich auch und gerade an den Gated Communitys, die schon fast zur dominierenden Form des Neubaus von Wohnungen geworden sind. Inzwischen existieren mindestens 100 dieser gesicherten und bewachten Siedlungsinseln in Warschau, die man grob in zwei Kategorien einteilen kann: Zum einen sind dies Mehrfamilienhäuser, die jeweils mit einer Rezeption und Überwachungskameras ausgestattet wurden, zum anderen große abgeschlossene Siedlungen, sowohl ein- und mehrgeschossig, die von Sicherheitsdiensten betreut werden und nur von den dortigen Bewohnern bzw. deren Besuchern betreten werden können, nachdem diese sich ausgewiesen haben. Ausgestattet auch mit Grünanlagen, Teichen und Spielplätzen bieten diese Siedlungen, in denen bis zu 500 Mieter bzw. Hausbesitzer wohnen, einen Aufenthaltsraum, der mit dem Leben in den umgebenden Siedlungen und Straßen fast nichts mehr zu tun hat. „Wer in eine Gated Community zog, konnte erstens mit der Adresse angeben, zweitens glauben, dass er dort sicher sei, und sich drittens wie in einem amerikanischen Film fühlen.“153 Im Grunde genommen hat die Struktur dieser abgeschlossenen Siedlungen etwas mit dem Bewusstsein der meisten dort Wohnenden zu tun: einer neuen Elite anzugehören, die zu den Gewinnern der neuen Marktwirtschaft gehört und in einem Land lebt, das de facto schon Teil des „reichen Westens“ ist. Ein Bewusstsein, das an die Szenarien in bestimmten amerikanischen Filmen erinnert. 152 Siehe das Kapitel ab S. 133 in dieser Publikation. 153 Kusiak, Joanna: Die Gated-Community-Stadt Warschau. Segregation, in Bauwelt, 48/2012, www.bauwelt.de/themen/Die-Gates-Community-Stadt-Warschau-Wohnungsneubau-2114196.html. 2. Historische und städtebauliche Epochen 136 Städtisches Leben Warschau ist eine faszinierende Stadt, eine Stadt im Umbruch, aufregend und widersprüchlich, offenbar nie fertig. Insofern sind architektonische und soziale Fragmentierung, seelenlose Wolkenkratzer und Gated Communitys nur die eine Seite der Medaille. Die andere offenbart sich an all jenen Orten und in Stadtvierteln, die nicht als monofunktionales Objekt geschäftlicher Interessen und Kultstätte der Neureichen missbraucht werden, sondern die vielfältigen Bedürfnisse derjenigen widerspiegeln, die dort wohnen, einkaufen und ihre Freizeit verbringen. Dort finden sich dann, oft eng beieinander, kleinere und größere Geschäfte, Buchläden und Bestattungsunternehmen, Büros und Werkstätten, Kneipen und Restaurants. Lebendige Ort voller Atmosphäre, die zeigen, wie städtische Raumgestaltung aussehen kann, wenn man auf die Initiative und Gestaltungskraft der Bürger vertraut. Einer diese Orte ist der schon beschriebene Stadtteil Praga, andere finden sich in Saska Kępa, Powiśle und Żoliborz. Ein kleines, aber wichtiges Symbol für dieses andere, vielfältige und lebendige Warschau ist ein kleiner Platz nahe des Kulturpalastes, den der Volksmund liebevoll „Patelnia“ (Bratpfanne) getauft hat. Dort befinden sich der Eingang zur Metro-Station Centrum sowie die Zugänge zur Unterführung an der Kreuzung Al. Jerozolimskie/ul. Marszałkowska und zum nahegelegenen Zentralbahnhof. Dort haben Zeugen Jehovas ihren Stand aufgebaut, befragen Aktivisten von Greenpeace die Vorbeikommenden zu ökologischen Themen, präsentieren buddhistische Mönche ihre Trommeln, verkaufen junge Leute Badesalz und ältere Frauen Gemüse, deklamiert ein junger Bursche Stellen aus der Bibel. Für viele ist die „Bratpfanne“ auch ein Treffpunkt, von dem aus man gemeinsam nahe gelegene Restaurants, Kneipen, Bars, Kinos und Geschäfte ansteuern kann. Wer Warschau auch und gerade kulinarisch genießen will, hat eine große Auswahl – von den schon beschriebenen bary mleczne mit Bigos, Piroggen, Kartoffelpuffern und Pfannkuchen bis zu italienischen und französischen Restaurants mit astronomischen Preisen. Die Einheitskost der Restaurants in sozialistischen Zeiten gehört lange der Vergangenheit an. Neben der polnischen hat längst auch die internationale Küche Einzug gehalten. Das zeigen neben den europäischen, auch die litauischen und russischen, ebenso wie die vielen chinesischen und vietnamesischen Restaurants. Auch Araber, Inder und Japaner bieten ihre kulinarischen Spezialitäten an. Mitunter muss man aufpassen, weil das „Preis-Leistungs-Verhältnis“ so gar nicht stimmt. Auch bei den Berufstätigen in Warschau ist der Lunch beliebt geworden – nicht selten als „Geschäftsessen“ getarnt. Entsprechende Büfetts gibt es inzwischen nicht nur in den Hotels, sondern auch in einem traditionsreichen Café wie Blikle in der ul. Nowy Świat. Da viele Restaurants erst mittags öffnen, sind morgens und vormittags die Cafés gut besucht, wo dann besonders Journalisten und Geschäftsleute mit ihren Laptops sitzen. Ebenso vielfältig sind die Angebote für ein ausgedehntes Nachtleben. Besonders im Stadtzentrum öffnen immer wieder neue Lokale, Diskotheken und Klubs, von denen einige dann auch bald wieder verschwinden. Die großen internationalen Rockbands, Heavy Metal-Gruppen, Folk-Ensembles und Jazz-Solisten treten inzwischen 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 137 auch in Warschau regelmäßig auf, wobei selbst das Nationalstadion in Praga oft nicht mehr für den Besucherandrang ausreicht. Berühmt und nicht nur für das polnische Publikum berühmt sind die festlichen Opernaufführungen und Konzerte im Teatr Wielki und in der Filharmonia Narodowa sowie im Teatr Muzyczny Roma. Im Teatr Wielki mit seiner 200-jährigen Tradition hat die Polnische Nationaloper ihren Sitz. Dort wird großer Wert auf Inszenierungen der Werke polnischer Komponisten wie Stanisław Moniuszko und Krzysztof Penderecki gelegt, aber auch die großen Namen der internationalen Opern- und Konzertwelt sind vertreten. Schon in sozialistischen Zeiten traten polnische Theaterregisseure hervor, die internationales Renommee genossen, besonders Tadeusz Kantor und Jerzy Jarocki. Auch Erwin Axer, Jerzy Grotowski, Kazimierz Dejmek und Józef Szajna waren über Polens Grenzen hinaus bekannt. Auch der berühmte Filmregisseur Andrzej Wajda wandte sich hin und wieder Theaterinszenierungen zu, ebenso wie der Schauspieler Jan Englert. Die Schauspielerin Krystyna Janda hat mit dem Teatr Polonia sogar ein eigenes Theater in Warschau gegründet. Die drei führenden Theaterschauplätze sind Warschau, Krakau und Breslau. Neben dem Teatr Polonia zählen die Theater Współczesny, Powszechny, Dramatyczny, Ateneum, Kwadrat, Ochoty, Niewielki und Studio Buffo zu führenden Bühnen in der polnischen Hauptstadt. Zu den größten und bedeutsamsten polnischen Museen gehört das Muzeum Narodowe in Warschau, dessen Kunstsammlung bis auf die Mitte des 19. Jahrhundert zurückgeht, allerdings während des Zweiten Weltkriegs durch den groß angelegten Kunstraub der Nationalsozialisten herbe Verluste erhielt. Die heutige permanente Ausstellung umfasst eine Gemäldegalerie u. a. mit Werken von Rembrandt, Leonardo da Vinci und Lukas Cranach sowie eine Sammlung polnischer Malerei von der Renaissance bis zur Moderne. Hinzu kommen eine Abteilung für mittelalterliche Handwerkskunst, herausragende Steinmetz- und Schnitzarbeiten sowie verschiedene Münzsammlungen. Das Museum genießt außerdem einen exzellenten Ruf für seine thematischen Wechselausstellungen. Größte und angesehenste Kunstgalerie Polens ist die Galeria Zachęta, die immer wieder Ort wichtiger Ausstellungen mit Werken u. a. von Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Cézanne, Pablo Picasso, Fernand Léger, Max Ernst und Roy Lichtenstein ist. Zu ihrem festen Bestand gehören annähernd 600 Gemälde, 2 500 Grafiken, Radierungen und Zeichnungen sowie Skulpturen und Stoffe – mit dem Schwerpunkt auf den 1960er und 1970er Jahren. Natürlich haben auch die Multiplex-Kinos in Warschau Einzug gehalten. Aber es bestehen auch weiterhin Programm-Kinos wie etwa das in Muranów. Wer Sportveranstaltungen mag und dabei den Fußball bevorzugt, kann sich die Spiele der beiden führenden Klubs Legia und Polonia anschauen. Legia war schon wiederholt polnischer Meister und nahm dementsprechend auch an den Spielen der europäischen Champions League teil. Die Bedeutung von Polonia dagegen beschränkt sich hauptsächlich auf den nationalen Rahmen. Bei der Fußball-Europameisterschaft, die in Polen und der Ukraine ausgetragen wurde, fand ein Teil der Spiele im Nationalstadion in Warschau statt. 2. Historische und städtebauliche Epochen 138 Warschau ist außerdem eine Stadt zahlreicher Parks. Sehenswert sind vor allem Łazienki Królewskie, die Gärten um den Palast in Wilanów, Ogród Saski, Ogród Krasińskich, Park Ujazdowski und Park Skaryszewski.154 Hinzu kommen weitere angenehme und erholsame Parks in verschiedenen Stadtteilen. Eine bemerkenswerte städtische Einrichtung sind die Brunnenhäuser, an denen kostenlos Trinkwasser entnommen werden kann, das aus tieferen Erdschichten heraufgepumpt wird.155 Für Kinder interessant sind sicher ein Gang durch die Altstadt, der Klettergarten im Park Kultury, das Puppentheater Lalka und der Zoo im Stadtteil Praga, auch ein Spaziergang durch den Dachgarten der Universitätsbibliothek in Powiśle. In fast jedem größeren Stadtteil Warschaus gibt es inzwischen eine Shopping- Mall. Exkurs: Reprivatisierung156 Die Diskussion über haarsträubende Skandale im Rahmen der so genannten Reprivatisierung in Warschau wurde hauptsächlich durch zwei Texte in der Tageszeitung Gazeta Wyborcza157 ausgelöst und zog sich bis zu den polnischen Parlamentswahlen im Oktober 2019 hin. Gegenstand der erbitterten Debatte in Politik und Medien waren Betrug, Bestechung und faktische Enteignung von Mietern im Rahmen der Privatisierung von Immobilien nach 1989. Staatsanwaltliche Ermittlungen führten zu Verhaftungen und Ermittlungen. Auch ein vom polnischen Justizministerium eingesetzter Untersuchungsausschuss brachte viel Licht ins Dunkel der vielen Skandale. Auch wenn ähnliche Fälle in anderen großen Städten Polens ruchbar wurden, hatten die Warschauer Ereignisse eine besondere Dimension. Wie schon im Abschnitt über den Zweiten Weltkrieg158 beschrieben, war damals die Bebauung Warschaus besonders in der Innenstadt, anders als in Budapest oder Prag, fast vollständig zerstört worden. Grundlage für den Wiederaufbau Warschaus in den Nachkriegsjahren war nicht zuletzt das Dekret der kommunistisch dominierten Regierung vom 26.10.1945 zur Verstaatlichung von Grund- und Hauseigentum. Im 154 Siehe die S. 156 und S. 158 in dieser Publikation. 155 Unter anderem in der ul. Warecka 10, ul. Twarda 10, ul. Mokotowska/ul. Ostrzycka und ul. Danilowskiego/ul. Schroegera. 156 Siehe insbesondere Siemieniako, Beata: Reprywatyzując Polskę. Historia wielkiego przekrętu, Warschau 2017; Śpiewak, Jan: Ukradzione miasto. Kulisy wybuchu afery reprywatyzacyjnej, Warszawa 2017; Szpala, Iwona/Zubik, Małgorzata: Święte prawo. Historie ludzi i kamienic z reprywatyzacją w tle, Warschau 2017; Drozda, Łukasz: Uszlachetniając przestrzeń. Jak działa gentryfikacja i jak się ją mierzy, Warschau 2017. Ebenso Flückiger, Paul: Dubiose Immobiliendeals in Warschau schlagen hohe Wellen, in Neue Zürcher Zeitung, 15.5.2018; Gnauck, Gerhard: Diese Korruptionsaffäre nutzt Polens Regierung sogar, in WELT, 26.10.2017; Hassel, Florian: Wie zwei Journalistinnen Polens Opposition in Bedrängnis bringen, in Süddeutsche Zeitung, 7.9.2016; Opielka, Jan: Dubiose Eigentümer, in Frankfurter Rundschau, 25.7.2016. 157 Reprywatyzacja w Warszawie. Dyrektor Bajko pozwie Gronkiewicz-Waltz o pomówienie, in Gazeta Wyborca, 29.8.2016; Szpala, Iwona/Zubik, Małgorzata: Układ warszawski. Czy reprywatyzacja w stolice zatrzęsie polską polityką?, in: Gazeta Wyborcza, 20.8.2016. 158 Siehe S. 35 ff in dieser Publikation 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 139 Rahmen der 1989 einsetzenden Systemtransformation und der damit verbundenen Schutzgarantie für privates Eigentum konnte es nicht ausbleiben, dass auch die Reprivatisierung des damals verstaatlichten Eigentums stark in der Öffentlichkeit thematisiert wurde. Tatsächlich setzte bald auch ein regelrechter Privatisierungsboom ein. Mit vollen Händen verkaufte die Warschauer Stadtverwaltung kommunale Grundstücke an so genannte Projektentwickler. Ganze Stadtteile gingen an ausländische Investoren. Der kommunale Bau von Wohnungen kam fast vollständig zum Erliegen. Im Gegenzug wurde der freie Markt für Wohnungen immer teurer. Oft blieb nur der Weg, eine Wohnung mit Hilfe eines Bankkredits zu kaufen, was natürlich für Geringverdienende kaum in Frage kam. Ausländische Investoren kauften außerdem massiv Grünflächen in den Randbezirken Warschaus auf, um dort Gated Communitys aus dem Boden zu stampfen. Bis 2016 gab es kein Gesetz, mit dem das Dekret von 1945 außer Kraft gesetzt worden wäre und das die Rückgabe der damals verstaatlichen privaten Immobilien geregelt hätte. Dann erhielten zumindest die Kirchen enteignetes Vermögen zurück oder wurden entschädigt. Allen anderen früheren Eigentümern oder Erben blieb nur die Möglichkeit, die Rückgabe vor Gericht zu erstreiten. Schon in den 1990er Jahren ergingen erste Urteile, mit denen Klagen von Alteigentümern und Erben stattgegeben und die Stadt Warschau zu Entschädigungen verpflichtet wurde. Schon im Jahr 1996 beschloss die Stadt, von sich aus Immobilien zurückzugeben, um den Investoren Rechtssicherheit zu bieten und die Sanierung von Altbauten zu ermöglichen. Dies nahmen Anwaltsbüros und Geschäftsleute zum Anlass, sich auf die Geltendmachung von Ansprüchen Erbberechtigter zu spezialisieren. Diese begannen auch, im Ausland nach Erben zu suchen. Mit der Zeit entstand sogar ein grauer Markt, auf dem Rückgabeforderungen gehandelt wurden. Allerdings waren zu jener Zeit die Verfahren kompliziert und langwierig. Deshalb ermöglichte die Warschauer Stadtverwaltung im Juni 2008 per Verordnung die Rückgabe in einem abgekürzten Verfahren. Die Angaben zur Anzahl reprivatisierter Immobilien und der davon betroffenen Mieter sind bis heute (im Jahr 2019) widersprüchlich. So hieß es in einer Mitteilung der Warschauer Stadtverwaltung, dass in den Jahren 2007 bis 2016 447 Mehrfamilienhäuser mit 4479 Wohnungen zurückübertragen worden seien, wovon möglicherweise bis zu 10 000 Bewohnern Nachteile erwachsen sein könnten.159 Eine Autorin der Tageszeitung Dziennik Gazeta Prawna nannte 2016 die Zahl von 40 000 Warschauer Bürgern, die ihre Wohnung verloren hätten oder durch unangemessene Mieterhöhungen in große Schwierigkeiten geraten seien.160 Sprecher der Bürgerbewegung Miasto jest Nasze (Die Stadt gehört uns) bezifferten die Zahl der seit 2002 Betroffenen sogar mit 55 000.161 In einer Stellungnahme der vom Justizministerium eingesetzten Untersuchungskommission war die Rede von 4 159 Entscheidungen zur Rückgabe 159 Zit. nach Davies, Christian: „They stole the soul of the city“. How Warsaw’s reprivatisation is causing chaos, in The Guardian18.12.2017. 160 Andruszkiewicz, Ewa: Reprywatyzacja jak wyrok śmierci. 40 tys. osób w Warszawie trafiło na bruk, in Dziennik Gazeta Prawna, 4.9.2016. 161 Flückiger, Paul: Dubiose Immobiliendeals. 2. Historische und städtebauliche Epochen 140 von Immobilien mit etwa 92 000 Betroffenen, besonders in den Stadtteilen Praga, Śródmieście und Mokotów.162 Das rechtliche Vakuum, Betrug seitens Juristen sowie die fachlichen Schwächen und die kriminelle Energie von Bediensteten der Warschauer Stadtverwaltung ermöglichten die rechtswidrige oder „rechtsfreie“ Übertragung von Immobilien, für die sich bald das Schlagwort von der „wilden Privatisierung“ (polnisch „dzika prywatyzacja“) einbürgerte.163 Dabei wurden verschiedene Tricks angewandt: Im Auftrag von Investoren erwarben Juristen zu Spottpreisen die Ansprüche von Erben, weil diese auf einen jahrelangen Rechtsstreit mit der Stadtverwaltung wegen der Rückgabe verzichten wollten. Oft wurden den Behörden auch gefälschte Geburtsurkunden oder Testamente vorgelegt, um in den Besitz von Immobilien zu gelangen.164 Bedienstete im Rathaus akzeptierten diese Unterlagen oft ohne weitergehende Prüfung und notarielle Beglaubigung. „Wenn keine Erben von Eigentümern aufzufinden waren, traten mitunter auch 120 Jahre alte ‚tote Seelen‘ als Kläger auf – beziehungsweise deren vermeintliche Bevollmächtigte. Korrupte Beamte ließen das geschehen.“165 Konnten keine Erben ermittelt werden, so war die Abtretung einer Immobilie an Interessenten auch möglich, wenn ein Nachweis vorgelegt wurde, dass trotz entsprechender Anstrengungen keine Erben gefunden werden konnten. In Warschau gelangten aufgrund krimineller oder zumindest unseriöser Methoden Immobilien im Wert mehrerer Milliarden in die Hände Unberechtigter. Hauptleidtragende waren die öffentliche Hand und die Mieter der Wohnhäuser, denen gekündigt wurde, um den Weg für die Gestaltung von Luxuswohnungen frei zu machen. Auch Zwangsräumungen wurden eingeleitet. All jene neuen Besitzer von Immobilien, die Mieter durch Tricks wie das Abstellen von Wasser, Gas und Strom, überhöhte zusätzliche Rechnungen sowie Belastungen durch Bauarbeiten unter Druck setzten, wurden in Warschau „Haussäuberer“ (polnisch „czyściciele kamienic“) genannt.166 Nachdem die öffentliche Debatte insbesondere durch die Veröffentlichungen in der Gazeta Wyborcza im August 2016 stärker in Gang gekommen war, forderte der Vorsitzende der Partei Bürgerplattform (Platforma Obywatelska – PO) Grzegorz Scheyna seine Parteifreundin Hanna Gronkiewicz-Waltz, die seit 2006 das Amt der Warschauer Stadtpräsidentin ausübte, nachdrücklich auf, Maßnahmen zu ergreifen, die dem Ausmaß der Skandale angemessen seien. Insbesondere regte er an, alle vier Vizepräsidenten der Stadt abzusetzen, was Gronkiewicz-Waltz zunächst ablehnte. Stattdessen wurden lediglich einige Mitarbeiter entlassen, denen man zur Last legte, Anträge auf Reprivatisierung nicht angemessen geprüft zu haben. Einen Monat später 162 Komisja weryfikacyjna: W wyniku reprywatyzaji Warszawa straciła 21,5 miliarda zł, in Dziennik Gazeta Prawna, 8.10.2018. 163 Dzika reprywatyzacja: 9 mln. zł szkody i brak aresztu, in Rzeczpospolita, 10.8.2018. 164 Beata Siemieniako beschreibt in ihrem Buch (S. 15 ff) ausführlich diese Fälschungsmethoden … Fn. 156. 165 Gnauck, Gerhard: Diese Korruptionsaffäre. 166 Sieradzka, Monika: Wie Polen gegen brutale Miet-Haie kämpft, www.mdr.de/nachrichten/osteurop a/ostblogger/reprivatisierung-in-polen-100.html. 2.7. Polen nach dem Systemwechsel (ab 1989) 141 entließ die Stadtpräsidentin doch zwei ihrer Stellvertreter. Aufgrund staatsanwaltlicher Ermittlungen kam es auch zu Festnahmen, die zu Gerichtsverfahren führten. Allein in Warschau wurden 20 Personen zu Gefängnis- und Geldstrafen verurteilt. Im März 2017 erließ die polnische Regierung ein Gesetz zur Schaffung einer Untersuchungskommission, die dann auch rasch gebildet und dem Justizministerium unterstellt wurde. An die Spitze der Kommission trat Vizejustizminister Patryk Jaki von der zu jener Zeit regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość). Die Kommission wurde beauftragt, Entscheidungen zur Reprivatisierung zu überprüfen. Sie erhielt das Recht, Rückgabeentscheidungen aufzuheben und den Einzug von widerrechtlich erlangten Immobilien durch die Stadt anzuordnen. Namhafte Warschauer Juristen bemängelten zu Recht, dass der Umfang der Rechte, die der Kommission übertragen wurden (Anklageerhebung, Urteilssprechung, Erlass von Verwaltungsakten) dem Prinzip der Dreiteilung der Staatsgewalt widerspräche. Nach eigenen Angaben hat die Kommission bis Ende 2018 mehr als 3000 Fälle von Reprivatisierung überprüft. Eine Bilanz staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen und ergangener Gerichtsurteile lag zu dem Zeitpunkt der Öffentlichkeit nicht vor. Es deutete sich an, dass sich eingeleitete Verfahren über Jahre hinziehen würden. Bei der Neuwahl des Stadtpräsidenten im Herbst 2018 trat Hanna Gronkiewicz-Waltz nicht mehr an. Ihr Nachfolger wurde Rafał Trzaskowski, ebenfalls von der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska). Um 2010 formierte sich nach und nach eine Bürgerbewegung gegen die kriminellen und unseriösen Praktiken bei der Reprivatisierung. Aktive Mieter organisierten sich vor allem in den Gruppen Miasto jest Nasze (Die Stadt gehört uns) und Warszawskie Stowarzyszenie Lokatorów (Warschauer Mietervereinigung) und machten durch Proteste, Informationskampagnen und Blockaden auf sich aufmerksam. Auch nahmen sie an öffentlichen Sitzungen des Stadtrates teil und organisierten Treffen mit Vereinigungen von Juristen und Rechtswissenschaftlern der Universität. Zu ihnen zählte auch Jolante Brzeska, die ab 2006 in ihrer Wohnung in der ul. Nabielaka im Stadtteil Mokotów von dem „Haussäuberer“ Marek M. arg bedrängt wurde. Sie führte Briefwechsel mit Gerichten und städtischen Ämtern und beobachtete Gerichtsverhandlungen. Ein von ihr erstelltes Verzeichnis über Räumungsfälle machte das Thema in der Öffentlichkeit publik. Am 1. März 2011 wurde die verbrannte Leiche von Jolanta Brzeska im Wald von Kabaty gefunden. Die Autopsie ergab, dass sie bei lebendigem Leib verbrannt war. Ihre Familie, auch Freunde und Mitglieder der Mieterbewegung gingen davon aus, dass es sich um Mord handelte, weil sie bei Frau Brzeska nie Anzeichen für eine Bereitschaft zum Suizid bemerkt hatten. Andererseits führten polizeiliche Ermittlungen zu keinem Ergebnis, so dass die Bezirksstaatsanwaltschaft das Verfahren im April 2013 einstellte. Ihre Wohnung wurde ein Jahr später verkauft. Allerdings hobt die vom Justizministerium eingesetzte Untersuchungskommission die Privatisierungsentscheidung auf. Marek M. wurde im August 2018 verhaftet. Das tragische Schicksal von Jolanta Brzes- 2. Historische und städtebauliche Epochen 142 ka wurde in Liedern, Theaterstücken und grafischen Arbeiten thematisiert.167 Die Mieterbewegung tat viel für die Thematisierung krimineller Praktiken in der polnischen Öffentlichkeit, konnte aber im Ergebnis relativ wenig gegen die Welle der Reprivatisierung ausrichten. Schlussbetrachtung Zur Geschichte Warschaus seit dem Zweiten Weltkrieg gehört auch die Debatte über die städtebauliche, architektonische, wirtschaftliche und soziale Gestaltung dieser Stadt. Diese Debatte kam immer wieder in Gang, wurde von Generation zu Generation weitergegeben und dürfte wohl auch in Zukunft anhalten.168 Angesichts der dramatischen Geschichte Warschaus kann dies wohl geführt, etwa in den Gremien der kommunistischen PVAP/PZPR, in der Stadtverwaltung und in den Berufsverbänden, mal ergriff sie auch breitere Kreise der Öffentlichkeit – vor allem nach 1989. Kontroversen rief dabei besonders der Wiederaufbau in den Nachkriegsjahren hervor. Aber auch spätere Entwicklungen etwa im Bereich der Infrastruktur und des Wohnungsbaus standen zur Debatte. Im Oktober/November 2015 entfaltete sich die Debatte rund um die Ausstellung Spór o odbudowę (Streit über den Wiederaufbau), die im damaligen Gebäude des Museums für moderne Kunst (Muzeum Sztuki Nowoczesnej) in der ul. Emilii Plater gezeigt wurde. Die von den Kuratoren Tomasz Fudala und Szymon Maliborski gestaltete Ausstellung umfasste zahlreiche interessante Exponate, mit denen einem interessierten Publikum Hintergründe und Verlauf des damaligen Wiederaufbaus sowie dessen Auswirkungen bis in die heutigen Zeiten vor Augen geführt werden konnte. Mehr als 15 000 Besucher kamen zu der Ausstellung, die vier Wochen lang gezeigt wurde. Anlass für die imposante Schau war das Festival Warschau im Bau (Warszawa w budowie), das die Mitarbeiter des Museums für moderne Kunst im Jahr 2015 zum siebten Mal organisierten. In der öffentlichen Debatte über den Wiederaufbau ging es vor allem um die damalige Verstaatlichung privaten Grundeigentums und deren Rechtsgrundlagen,169 die Art und Weise des Wiederaufbaus sowie mögliche städtebauliche und architektonische Alternativen unter den damaligen politischen Verhältnissen. Doch angesichts der im Rahmen der Reprivatisierung nach 1989 bekannt gewordenen Skandale und Betrugsfälle und auch der Schwächen der seither betriebenen städtischen Wohnungsbaupolitik170 konnte es nicht ausbleiben, dass die Debatte auch in einen Streit über 2.8. 167 Siehe u. a. Bet, Natalia: Dostojewski po warszawsku, in Rzeczpospolita, 9.2.2012; Kostaszuk-Romanowska, Monika: Teatr bieżącej interwencji w praktyce, in Białostockie Studia Literaturoznawcze, 6/2015; Suchecka, Justyna: Artyści nagrali teledysk poświęcony Jolancie Brzeskiej, in Gazeta Wyborcza, 24.5.2013. 168 Siehe dazu insbesondere die Aufsätze in Fudala, Tomasz (red.): Spór o odbudowę Warszawy. Od gruzów do reprywatyzacji, Warschau 2016. 169 Siehe S. 60 ff in dieser Publikation. 170 Siehe die S. 133 ff in dieser Publikation. 2.8. Schlussbetrachtung 143 mögliche Grundlagen einer sozial motivierten städtischen Raumgestaltung sowie des Wohnungsbaus mündete. Kritisiert wurde, dass die heutigen Verfechter einer ordoliberalen Ökonomie die rein marktwirtschaftlich motivierte Raumgestaltung samt Wohnungsbau fälschlich als einzige Alternative zur damaligen Art und Weise des Wiederaufbaus stilisierten. Dabei, so hieß es, würden die positiven Seiten der damaligen Entwicklung negiert, etwa die Bereitstellung vieler Wohnungen zu erschwinglichen Preisen – bei allen, ideologisch und machtpolitisch motivierten, negativen Begleiterscheinungen des damaligen Wiederaufbaus. Negiert werde dabei auch die gewaltige Aufbauleistung, die damals viele Menschen quasi unentgeltlich und mit eigener Hände Arbeit erbracht hätten. Man wolle, so wurde betont, quasi den Kommunismus mit kapitalistischen Argumenten totschlagen. Privatwirtschaftliche Interessen im Rahmen der Stadtentwicklung und des Wohnungsbaus seien nicht die einzige Alternative zum damaligen Stalinismus. Keiner derjenigen, die in dieser Debatte für eine differenzierte Bewertung des Wiederaufbaus votierten, bestritt die Tatsache, dass nach 1989 auch viele private und privatwirtschaftliche Initiativen zu einer gedeihlichen Entwicklung Warschaus beigetragen hätten. Kontrovers diskutiert wurde auch der von einzelnen Projektentwicklern, Architekten und Historikern nach dem Systemwechsel von 1989 propagierte und zum Teil auch verwirklichte Wiederaufbau von historischen Gebäuden aus der Zwischenkriegszeit oder früheren Epochen. Nicht selten, so hieß es, diene dieser Wiederaufbau hauptsächlich rein privatwirtschaftlichen Interessen und resultiere nicht aus Verantwortung gegenüber der Geschichte der Stadt sowie dem Bedürfnis, den Bürgern die historische Entwicklung Warschaus möglichst authentisch vor Augen zu führen. Beispiel dafür sei der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Jabłonowski-Palast am Pl. Teatralny gegenüber dem Teatr Wielki, der in den Jahren 1995 bis 1997 als Warschauer Domizil einer internationalen Großbank wiederaufgebaut wurde. Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Palast Sitz des Warschauer Magistrats. In einer Bewertung der Ausstellung von 2015 in der Neuen Zürcher Zeitung hieß es: „Die von einem reichhaltigen Veranstaltungsprogramm begleitete Ausstellung zeigt [auch, Anm. d. Verf.] die Perspektive der jungen Generation von heute. Den Wiederaufbau der Stadt nach dem Krieg kennt sie aus Geschichtsbüchern und aus Erzählungen der Großeltern. Die Mühsal des Lebens im sozialistischen System der Volksrepublik Polen (PRL) und den Kampf um die Überwindung dieses Systems haben sie vielleicht durch die Kindheit begleitet, doch deren Bedeutung und Dramatik haben sie kaum erkannt. Hingegen haben die heute gut Dreißigjährigen den ‚turbokapitalistischen‘ Umbruch nach 1989, die Einrichtung eines marktwirtschaftlichen Systems und seine neoliberale Ausprägung hautnah miterlebt. Sie stellen das traditionelle Denkmuster ihrer Eltern, das die Vorkriegszeit romantisch verklärt und die PRL- Zeit verteufelt, infrage. Ein Gebäude ist nicht ‚von Geburt an‘ schlecht, weil es von einem totalitären Regime gebaut wurde, sondern es ist an seinen architektonischen Qualitäten zu messen.“ Allerdings, so ist dem Rezensenten entgegenzuhalten, schätzen auch viele, die „die PRL-Zeit verteufeln“, die „architektonischen Qualitäten“ der 2. Historische und städtebauliche Epochen 144 Wohnhäuser aus den Zeiten des Stalinismus, etwa im Vergleich zu den trostlosten Plattenbauten aus den 1960er und 1970er Jahren. Das Beispiel Warschau zeigt schonungslos, was mit Städten passieren kann, die Schauplatz von Kriegen sind und dabei große Zerstörungen erleiden, die Besatzungsregime und deren Herrschaftsmethoden ertragen müssen sowie Flucht, Vertreibung und Migration ausgesetzt sind. Ebenso verdeutlicht die Geschichte der polnischen Hauptstadt, was passieren kann, wenn totalitäre Machthaber ihre ideologisch deformierten Prinzipien umsetzen, auch wenn Fetischisten der Marktwirtschaft ohne Sinn für soziale Zusammenhänge am Werk sind und untätige Stadtverwaltungen ihnen dabei mehr oder weniger untätig zuschauen oder sogar korrumpierbar sind. Der Zweite Weltkrieg, der anschließende Wiederaufbau und die marktwirtschaftliche Umgestaltung nach 1989 waren diejenigen historischen Zeitperioden, in denen die polnische Hauptstadt am stärksten verändert worden ist. Warschau zählt zu den Städten in Europa, die während des Zweiten Weltkriegs am stärksten zerstört wurden – wie auch Coventry, Rotterdam, Dresden und Leningrad (heute St. Petersburg). Guernica erlitt dieses Schicksal schon im Jahr 1937.171 Warschau ist ebenso ein ermutigender Ansporn für alle diejenigen, die daran glauben, dass man auch stark zerstörte Städte wiederaufbauen kann, und dies auch in die Tat umsetzen. Etwa 50 Millionen Stunden unentgeltlicher Arbeit wurden damals geleistet. Stolz und Willen der Warschauer Bürger und all derjenigen, die aus anderen Landesteilen zu Hilfe kamen, waren letztendlich stärker als die Trauer. Das verdient international Hochachtung bis in unsere heutigen Zeiten hinein. Dabei war dies beileibe nicht der erste Neuanfang im 20. Jahrhundert. Schon nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1918 standen die Verantwortlichen und alle Bürger Warschaus vor der gewaltigen Aufgabe, ihrer Stadt wieder das Gesicht einer wirklichen Hauptstadt zu geben. Niemand zweifelte damals daran, dass nur Warschau wieder die Hauptstadt eines freien Polen sein könne. Die Periode zwischen 1956 und 1970, als Władysław Gomułka an der Spitze der machthabenden Kommunisten stand, ist nicht gerade eine Zeitspanne, in der große städtebauliche Vorhaben verwirklicht wurden – sieht man einmal von der Wiederherstellung des Teatr Wielki ab, die 1965 abgeschlossen wurde. Zweckbauten vor allem im Bereich der Wohnungswirtschaft standen im Vordergrund. Erst mit dem Machtantritt von Gomułkas Nachfolger Edward Gierek im Jahr 1970 brach wieder eine Zeit publikumswirksamer Großprojekte an, für die vor allem der Wiederaufbau des Königsschlosses am Rande der Warschauer Altstadt symbolisch ist. Auch der Bau des Hauptbahnhofs (Warszawa Centralna) und der Stadtautobahn (Trasa Łazienkowska) zählten zu diesen Projekten. Die eher trostlosen Jahre zwischen 1980 und 1989 waren dann eher eine Zeit des städtebaulichen und architektonischen Stillstands, auch wenn 171 Overy, Richard: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Berlin 2014. Taylor, Frederick: Coventry. Der Luftangriff vom 14. November 1940: Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. München 2015. Ders.: Dresden. Dienstag, 13. Februar 1945. München 2008. Bangel, Christian: Europas Schreckensnächte. Zeit-Online, 13.2.2015. www.zeit.de/feature/zweiter-weltkrieg-dresden-rotterdam-warschaudrittes-staedte-luftkrieg. Mijnssen, Ivo: „Feststehender Entschluss des Führers ist es, Leningrad dem Erdboden gleich zu machen“. Neue Zürcher Zeitung, 27.1.2019. 2.8. Schlussbetrachtung 145 während dieser Periode einige Bauten entstanden, die bis heute das Gesicht Warschaus mitprägen. Andererseits hatten sich in diesen Jahren wichtige politische Ereignisse ereignet, die auf den Systemwechsel 1989 hindeuteten, wozu besonders die Entstehung der Gewerkschaft „Solidarität“, die Besuche des polnischen Papstes Johannes Paul II. und die bahnbrechenden Verhandlungen am Runden Tisch gehören. Die gewaltigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen nach 1989 haben die Position Warschaus als unbestrittenes Zentrum des Landes noch deutlicher hervortreten lassen: Hier fallen die wichtigsten innen- wie außenpolitischen sowie wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungen, hier werden an führender Stelle die internationalen Kontakte Polens organisiert, hier findet ein reger Austausch zwischen Wissenschaftlern und Kulturschaffenden aus dem In- und Ausland statt. Ebenso ist Warschau ein wichtiges Ziel ausländischer Touristen. Andererseits ist Warschau als Hauptstadt und Zentrum Polens nicht so dominant wie etwa Budapest in Ungarn, Bratislava in der Slowakei, Ljubljana in Slowenien oder die baltischen Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallinn – betrachtet man einmal nur Hauptstädte der östlichen EU-Mitgliedsstaaten. Warschau ist in seiner Bedeutung schon eher mit Prag in der Tschechischen Republik vergleichbar. Auch andere polnische Großstädte wie Danzig, Posen, Breslau und Kattowitz sind national wie international geprägte wirtschaftliche Zentren sowie Schauplätze des internationalen wissenschaftlichen und kulturellen Austausches. Besonders Danzig ist durch seine Lage als Hafenstadt an der Ostsee ein Tor Polens zu Welt. Krakau umgibt weiterhin die Aura als heimliche kulturelle Hauptstadt des Landes. Breslau wiederum besticht durch seine Weltoffenheit und auch als Symbol deutsch-polnischer Verständigung. Und Städte wie Białystok, Lublin und Przemyśl verweisen auf die historisch gewachsenen Beziehungen Polens zu Osteuropa. Die Veränderungen nach 1989 haben auch die Spezifika anderer polnischer Städte deutlicher hervortreten lassen. Die demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformen in Polen seit dem Systemwechsel haben vieles im Land zum Positiven hin verändert. Aber sie haben auch negative Phänomene und Entwicklungen verstärkt bzw. überhaupt erst hervorgebracht. Mit Blick auf Warschau gilt das besonders für die Umweltverschmutzung und speziell die katastrophal schlechte Luft über dem Stadtzentrum, den aus der Kontrolle geratenen Straßenverkehr und das verantwortungslose Verhalten vieler Autofahrer, für die nicht selten verantwortungslose Bautätigkeit nationaler und internationaler Investoren sowie die eher schlechte öffentliche Verwaltung. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in den Warschauer Rathäusern und überhaupt die Bürger der Stadt diese Probleme perspektivisch besser in den Griff bekommen. In diesem Zusammenhang wäre es nicht schlecht, wenn man auch in Warschau die rege internationale Debatte über eine menschenfreundlichere Gestaltung der Metropolen zur Kenntnis nehmen und als interessante Anregung für das eigene Handeln begreifen würde.172 172 Siehe unter anderem Weissmüller, Laura: Die Stadtmacher, in Süddeutsche Zeitung, 27.4.2016; Kaltenbrunner, Robert: Leben zwischen den Häusern, in Neue Zürcher Zeitung, 30.7.2016; Revedin, Jana: Mit offenen Augen und Ohren, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.2.2018. 2. Historische und städtebauliche Epochen 146

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References

Abstract

Warsaw's cityscape reflects the great upheavals of recent European history like no other. From the complete destruction in the Second World War, through the reconstruction and redesign of the city under communist rule, to the modern European metropolis shaped by capitalism, they all had a formative influence on the Polish capital.

Reinhold Vetter lived in Warsaw for thirty years and explored the city in every corner. He knows the buildings and places and their history and, with this volume, provides a comprehensive study of the influence of war, foreign rule, ideology, politics and economy on urban planning and architecture.

Zusammenfassung

Warschaus Stadtbild spiegelt wie kein zweites die großen Stürme und Verwerfungen der jüngeren europäischen Geschichte wider. Von der völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg über den Wiederaufbau und die Neugestaltung der Stadt nach kommunistischer Maßgabe bis zur modernen, kapitalistisch geprägten europäischen Metropole hatten sie alle einen prägenden Einfluss auf die polnische Hauptstadt.

Reinhold Vetter hat dreißig Jahre in Warschau gelebt und die Stadt bis in alle Winkel erkundet. Er kennt die Bauwerke und Orte und ihre Geschichte und liefert mit diesem Band eine umfassende Studie zum Einfluss von Krieg, Fremdherrschaft, Ideologie, Politik und Wirtschaft auf Städtebau und Architektur.