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Leben I Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner in:

Michael Hofmeister

Alexander Ritter, page 25 - 92

Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4138-3, ISBN online: 978-3-8288-7004-8, https://doi.org/10.5771/9783828870048-25

Series: Frankfurter Wagner-Kontexte, vol. 1

Tectum, Baden-Baden
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Leben I Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner 25 1. Kindheit in Narva (1833–1841) 1.1. Ritters Vorfahren – Geschichte einer Kaufmannsfamilie Die Herkunft und Abstammung Alexander Ritters lässt sich überraschend weit zurückverfolgen und ziemlich lückenlos dokumentieren. Folgende Quellen stehen dabei zur Verfügung: Zunächst hat Friedrich Rösch in seinem Artikel erstaunlich ausführlich den Stammbaum Ritters referiert und sich dabei explizit auf „die Familienüberlieferungen“ und die „Familienchronik“ berufen.1 Es ist davon auszugehen, dass er dabei nichts selbst recherchiert hat, sondern auf Aufzeichnungen zurückgreifen konnte, die er von der Familie Ritter zur Verfügung gestellt bekam. Interessant an dieser Stelle ist, dass womöglich Alexander Ritter selbst diese Informationen über seine Abstam mung zusammengetragen haben könnte. In einem Brief an Carl Friedrich Glasenapp spricht er nämlich davon, dass er „seine Abstammung bis ins 15te Jahrhundert erkundschaftet“ habe.2 Wie aktiv er diese Ahnenforschung betrieben hat, lässt sich nicht näher bestimmen, vermutlich wer den ihm dabei aber hauptsächlich Überlieferungen aus der Familie zur Verfügung gestanden ha ben. Jedenfalls sind die Quellen Röschs von 1898 wahrscheinlich auf dem Stand dessen, was auch Alexander Ritter selbst an Fakten kannte. Wie der Vergleich mit einigen Primärquellen zeigt, scheinen aber einige von Rösch genannte Details – wie z. B. Geburtsdaten – nicht korrekt zu sein. Als modernes Äquivalent zu Alexander Ritters eigener Ahnenforschung standen dem Verfasser außerdem jene Familiendokumente zur Verfügung, die einhundert Jahre später einer seiner Ur urenkel bewahrt und zu komplettieren versucht. Sie repräsentieren den Stand der Ritter’schen Familienüberlieferung von 2018. Michael Ritters Sammlung von Dokumenten über seine weitver zweigte Familie ist eine wundervolle, bunte Mischung aus Originalen, wie z. B. Porträts aus dem 18. und 19. Jahrhundert, Briefen, genealogischen Forschungsunterlagen einer beauftragten Fami lien forscherin aus den 1940er Jahren etc. und von ihm persönlich aufgespürten Unterlagen, die teils von Archivbesuchen, teils aus dem Internet stammen und damit auch allgemein zugänglich sind. Die mutmaßlichen Quellen Röschs finden sich übrigens nicht mehr darunter, und auch sonst bietet die Sammlung, was Alexander Ritter betrifft, leider nicht sehr viele, dafür umso schönere Trouvaillen, auf die zurückzukommen sein wird. Im Rahmen dieser Arbeit konnten darüber hinaus weitere Originalquellen ans Licht gebracht werden, die manches fragliche Datum korrigieren bzw. bestätigen halfen. Es handelt sich um eine Reihe von Kirchenbüchern im Estnischen Nationalarchiv Tartu, die erstmals herangezogen wur den, sowie ein genealogisches Register „Lübeckische Geschlechter“ im Stadtarchiv Lübeck, in dem die Stammfolge der Familie Ritter in der Hansestadt aufgezeichnet ist und das für die Linie, der der Komponist entstammt, bis Mitte des 17. Jahrhunderts relevant ist. Des Weiteren lassen sich auch aus gedruckten Quellen Daten zur Familie Ritter ziehen. Welche bedeutende Rolle sie in der städtischen Gesellschaft Narvas über Generati- 1 Rösch, Mahnruf, S. 65 f. 2 Alexander Ritter an Carl Friedrich Glasenapp, 22.10.1877 (RWG; Hs 111-V-1). Unveröffentlichter Brief. Dieses Zitat steht in einem expliziten Kontext, auf den an anderer Stelle noch ausführlich eingegangen werden muss: Ritters Antisemitismus (vgl. Leben VI-16.2.). Im Übrigen scheint Ritter nicht das „15te Jahrhundert“ sondern das 16. Jahrhundert gemeint zu haben, denn nichts deutet auf noch frühere Quellen hin. 27 28 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens onen innehatte, belegt z. B. die Tatsache, dass in ei ner Geschichte der Stadt Narva von 18583 der Name Ritter vielfach erwähnt wird, was mitunter auch genealogische Schlüsse zulässt. Zuletzt sei auf die online zugängliche Datensammlung der sogenannten Erik-Amburger-Datenbank des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung, Regensburg, hingewiesen, in der Personendaten aus verschiedenen Archiven Osteuropas zusam mengetragen sind. Im Folgenden soll nun die fast dreihundertjährige Ritter’sche Familiengeschichte bis zur Geburt des Komponisten Alexander in der nötigen Ausführlichkeit und der gebotenen Kürze berichtet wer den. Laut dem genealogischen Register in Lübeck4, der wichtigsten Primärquelle für die früheste Familiengeschichte der Ritters, stammt die Familie aus Dithmarschen im heutigen Schleswig-Holstein. Dort ist ein Andreas Ritter als frühester Vorfahre Alexander Ritters nachweisbar. Geboren wurde dieser Urahn wohl um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Sein Sohn Hans war Bürgermeister in Neustadt/Holstein, und eine Generation später ist ein weiterer Andreas Ritter (alle ohne Geburtsdaten) als „Kaufmann in Lübeck“ verzeichnet. Dieser Urahn gründete damit nicht nur eine weitläufige Lübecker Linie, sondern auch eine lange Berufstradition: Bis ins 19. Jahrhundert hin ein waren die Ritters meist Kauf- und Handelsleute, offenbar mit nicht geringem Erfolg. In Lübeck kaum etabliert, wurde der erste Sohn dieses Kaufmanns, Johann Ritter (27.9.1622–1.9.1700) schon Ratsmitglied (1659) und Bürgermeister (1669)5 der bedeutenden Hansestadt. Seinen fünft en Sohn allerdings, Sebastian mit Namen und am 14.8.1636 geboren, verschlug es in die Ferne: „Zog nach Narva“ lautet lapidar der Eintrag im Register. Dieser Sebastian war ebenfalls Kaufmann und wurde der Ahnherr einer Narvaer Linie, die letztlich auch zu Alexander Ritter führt. Die bis hierhin aufgeführten Daten entstammen alle dem Lübecker Archiv und gelten als gesichert. Somit müssen die Angaben Röschs korrigiert werden, der zwar die gleichen Namen nennt, wohl auch „die Mitte des 16. Jahrhunderts“ als Ausgangspunkt nimmt, dann aber in den Geburtsjahren teils um ca. 30 Jahre abweicht.6 Zu den Lebensdaten der folgenden Generationen, die die Kaufmannstradition in Narva, der späteren Geburtsstadt Alexander Ritters, fortsetzten, findet sich Material im Estnischen Staatsarchiv in Tartu. In mehreren dort aufbewahrten Narvaer Kirchenbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts lie ßen sich nach aufwändiger Recherche einige Daten zu den Mitgliedern der evangelisch-luthe rischen Familie Ritter ermitteln. In diesen Kirchenbüchern finden sich meist nur die Daten von Taufe und Beerdigung, erst später auch Geburts- und Sterbedatum. Narva war in dem hier rele vanten Zeitraum Teil des russischen Reiches, weswegen bei den überlieferten Daten stets darauf geachtet werden muss, dass sie dem in Russland gültigen Julianischen Kalender entsprachen. Sicher rührt manche Konfusion bei den Daten in verschiedenen späteren Quellen auch von diesem Umstand her. Das Todesdatum des aus Lübeck ausgewanderten Sebastian konnte nicht ermittelt werden. Beim ersten in Narva geborenen Ritter handelt es sich um dessen Sohn Wilhelm Bas- 3 Hansen, Heinrich Johann: Geschichte der Stadt Narva, Dorpat 1858. 4 Archiv der Hansestadt Lübeck, Handschrift 817/2, Bd. 4, S. 1444. Der Eintrag ist wohl erst im frühen 19. Jh. durch das sogenannte „Genealogische Institut“ Lübecks erstellt worden, fußt aber auf sämtlichen damals greifbaren Quellen, wie Kirchenbüchern etc. und besaß öffentlich-rechtlichen Glauben. 5 Vgl. Fehling, Emil Ferdinand: Lübeckische Ratslinie von den Anfängen der Stadt bis auf die Gegenwart, Lübeck 1925, unveränderter Nachdruck Lübeck 1978, Nr. 785. 6 Rösch gibt als Geburtsjahre an (zum Vergleich das Genealogische Register in Lübeck): Andreas Ritter: 1633 (o. D.); Sebastian Ritter: 1660 (1636). Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner 29 tian (geboren 1.12.1693 [21.11.]7), der das Amt eines Postmeisters bekleidete und am 4.5.1734 [23.4.] beerdigt wurde. Dessen Sohn Wilhelm Sebastian (getauft am 2.5.1724 [21.4.], beerdigt am 21.10.1784 [10.10.]) führte dann die kaufmännische Tradition weiter, und mit der nächsten Generation, dem Kaufmann Carl Gottfried Ritter, ist man schließlich beim Großvater Alexanders angelangt. Er wurde am 3.10.1760 [21.9.] in Narva getauft und war ein hochgeehrter Bürger der Stadt: Kirchenvorsteher, Kommerzienrat, Mitglied des Börsenkomitees, Mitglied des engli schen Klubs, Stadtältester und Direktoriumsmitglied der Petri- Schule lauten die Titel und Ver dienste. Verdienste pekuniärer Art erwarb er sich als Teilhaber von „Ritter, G. Thornton, G. Cayley jun. & Co.“ und als Börsenmakler. Auch ein zeitweiliger Bankrott um 1800 schien der gesicherten gesellschaftlichen Stellung keinen Abbruch zu tun.8 Verheiratet war Carl Gottfried Ritter mit einer Regina Luise Müller (gest. 1835), ihr gemeinsamer Sohn Carl kam im Jahre 1778 in St. Petersburg zur Welt. Auch er wurde Kaufmann und brachte es zum Bürgerältesten der Kaufmannschaft in Narva. Ansonsten sind die Zeugnisse über Carl Ritter eher rar – fest steht jedenfalls, dass er in Narva am 20. September 1823 [8.9.] die 28-jährige Julie Momma heiratete. Die Braut ent stammte ebenfalls einer alten Kaufmannsfamilie, die in der Hansestadt Hamburg ansässig war. Dort hatte Julie am 25. November 1794 auch das Licht der Welt erblickt. Ihr zehn Jahre älterer Bruder Paul Wilhelm übernahm 1819 eine Tuchfabrik in Jamburg bei Narva. Wann die Mommas Hamburg verlassen hatten, ist unklar, man weiß von Paul Wilhelm aber, dass er 1808 in St. Petersburg geheiratet hat. Ebenso ungewiss ist, wann Julie nach Narva übersiedelte und ob sie ebenfalls zuvor in St. Petersburg war. Ganz offenbar lebte sie aber im Umfeld ihres Bruders, nach dem der gemeinsame Vater Johann Daniel bereits 1810 in Hamburg verstorben war. In diesem Umfeld, unter deutschen Geschäftspartnern also, mag sie dann auch ihren zukünftigen Mann Carl Ritter kennengelernt haben. Julies Bruder betrieb in den folgenden Jahren eine Weberei, die 1836 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Zehn Jahre später wurde diese liquidiert und der Betrieb wurde von Geschäftspartnern weitergeführt.9 Als Paul Wilhelm Momma schließlich im September 1851 starb, fiel sein nicht unerhebliches Vermögen seiner Schwester Julie zu und sicherte über Jahre das Auskommen der Familie. Julie Mommas ältere Schwester Johanna Wilhelmina (1791–1855) heiratete am 29. September 1817 in Wandsbeck (heutige Schreibweise: Wandsbek) einen gewissen Friedrich Matthias Jakob Claudius. Dieser Jurist und Bürgermeister in Lübeck war seinerseits das zehnte von zwölf Kindern des bekannten protestantischen Dichters und Herausgebers des Wandsbecker Bothen Matthias Claudius (1740–1815).10 Zu Cousinen und Cousins aus diesem Ver- 7 Im Folgenden werden die in den Dokumenten vorgefundenen julianischen Daten den heutig-gregorianischen in eckigen Klammern beigefügt. Zur Umrechnung müssen den julianischen Daten des 17. Jahrhunderts 10 Tage, den des 18. Jahrhunderts 11 Tage und den Daten des 19. Jahrhunderts 12 Tage hinzugezählt werden. Einfache Daten ohne Zusatz in eckigen Klammern folgen immer dem Gregorianischen Kalender. 8 Daten zum Großvater Carl Gottfried aus: Amburger, Erik: Das neuzeitliche Narva als Wirtschaftsfaktor zwischen Rußland und Estland. In: Ders.: Fremde und Einheimische im Wirtschafts- und Kulturleben des neuzeitlichen Russland, Wiesbaden 1982, S. 204 f. und Datensatz 75847 der „Erik-Amburger-Datenbank“ URL: http://dokumente.ios-regensburg.de/amburger/index.php?id=75847&mode=1 (zuletzt aufgerufen am 3.4.2017). 9 Amburger, Narva als Wirtschaftsfaktor, S. 204 f.; vgl. auch: Hansen, Geschichte der Stadt Narva, S. 331. 10 Genealogische Unterlagen im Besitz Michael Ritters, Buenos Aires. Auch Rösch erwähnt die Verwandschaft der Mommas mit Claudius (vgl. Rösch, Mahnruf, S. 66). 30 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens wandtschaftszweig trat Alexander Ritter im Erwachsenenalter wieder in Kontakt, man schrieb Briefe und besuchte sich. Aus einem Brief seiner Cousinen vom 25.7.1884 geht hervor, dass sich Ritter auch nach dem „Stammbaum der Momma’schen Familie“ und „alten Familiennachrichten“ erkundigt hatte11 – ein weiteres Indiz für sein Interesse an der eigenen Abstammung und in diesem Sinne eine Rechtfer tigung dafür, auch in dieser Arbeit den noch vorhandenen Spuren seiner Abstammung nachzu gehen. Doch nun zu der Generation Alexanders und seiner Geschwister und zu einem Überblick über die in den Kirchenbüchern zugänglichen Daten: Eine zweitgeborene Schwester namens Sophie, die am 25.10.1826 [13.10] zur Welt gekommen und am 6.1.1827 [25.12.1826] getauft worden war, verstarb noch im frühen Kindesalter – sie wurde am 8.11.1829 [27.10.] beerdigt. Die drei weiteren Schwestern waren Julie Regina, (get. 14.9.1824 [2.9.], gest. 1864), Emilie Wilhelmine (geb. 8.11.1827 [27.10.], get. 9.4.1828 [28.3], gest. 1863) und Alexandrine (geb. 17.11.1828[?]12, gest. nach 1898). Genauere Sterbedaten liegen bei allen dreien nicht vor. Die beiden Schwestern Julie und Emilie werden in der weiteren Darstellung der Lebensgeschichte Alexanders noch wiederholt auftauchen und vor allem im Zusammenhang mit dem Verhältnis der Familie Ritter zu Richard Wagner eine gewisse Rolle spielen. Beide starben sie vor Alexander, wohingegen Alexandrine, von der es so gut wie keine nachweisbaren Spuren in Alexanders (oder auch Wagners) Leben gibt, ihn überlebte. Eine ungleich größere Bedeutung, auch für die vorliegende Arbeit, erlangte Alexanders älterer Bruder Carl Gottfried (geboren am 8.10.1830 [27.9.], getauft am 7.1.1831 [26.12.1830]), der als Musiker und Dramatiker zu reüssieren versuchte, letztlich aber eher als eine tragische Figur mit gebrochener Biographie heute noch spannend ist. Ironischerweise ist sein Leben für die Nach welt bisher hauptsächlich dadurch interessant geworden und auch dadurch dokumentiert, dass es die Wege Richard Wagners kreuzte – des Mannes, von dem er sich in seiner zweiten Lebens hälfte doch so klar distanzieren wollte. Der Einfluss des großen Bruders und seines Verhältnisses zu Wagner auf Alexander Ritter darf nicht unterschätzt werden. Deswegen wird auch seiner Bio graphie in dieser Arbeit so viel Raum zugestanden, wie es ihr enger Rahmen zulässt. Karl Ritter13 verbrachte viele Jahre in Italien und starb am 9. Oktober 1891 in Verona. 11 Der Brief ist mit „C. u. R. Claudius“ unterzeichnet. Original im Besitz von Michael Ritter, Buenos Aires. 12 Hierfür liegt leider kein Nachweis aus den Kirchenbüchern vor. 13 Der traditionellen Schreibweise gemäß lautet der Name im Taufregister wie der des Großvaters: Carl Gottfried Ritter. Im Folgenden wird für den Bruder Alexanders aber immer die modernere Schreibweise „Karl“ unter Auslassung des Zweitnamens Gottfried verwendet. Erstens um Klarheit zu schaffen, um wen es sich handelt, zweitens ist „Karl“ die Form, die er selbst verwendete, wenn er seine Briefe unterzeichnete und die sich auf den Druckausgaben seiner Werke findet. 31 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner Nach gut dreihundert Jahren nach voll ziehbarer Familienge schich te er blickte schließlich auch Alexander Ritter das Licht der Welt. Er wurde als Jüngstes der fünf über leben den Kinder am 27.6. [15.6.] 1833 ge boren. Seine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 38 Jahre alt. Die Taufe fand am 31. Oktober [19.10.] statt und zwar in Abwesen heit der beiden „Taufzeu gen“ – sei nes Groß vaters Carl Gottfried und des Bruders seines Va ters, Alexander Ritter (vielleicht sein Na mensgeber?) –, die beide in St. Pe ters burg blieben und sich vertreten ließen, wie der Eintrag im Kirchen buch ver rät (Abb. 1).14 1.2. Behütetes Aufwachsen Die Stadt Narva war dank ihrer geographischen Lage nahe der Mündung des gleichnamigen Flus ses in den Finnischen Meerbusen bereits im Mittelalter ein frequentierter Handelsplatz. 1558 wurde sie im Livländischen Krieg erstmals von Russland eingenommen und stand dann ab 1581 und im ganzen 17. Jahrhundert, als Sebastian Ritter aus Lübeck sich dort ansiedelte, unter schwe discher Herrschaft. Erik Amburger zufolge gab es enge Wirtschaftsbeziehungen mit der Hansestadt, seit „ein Vertrag Lübecks mit der schwedischen Regierung“ 1648 eine „Besserstellung“ Narvas herbeiführte und die Stadt damit „gleiche Rechte wie Reval [das heutige Tallinn, Anm. d. V.] erhielt“.15 Dies führte zu einem großen wirtschaftlichen Aufschwung und könnte die Ortswahl Sebastian Ritters erklären. Im Großen Nordischen Krieg konnte in der Schlacht von Narva das Heer Zar Peters I. zu nächst besiegt werden, doch bereits 1704 wurde die Stadt eingenommen und war fortan bis 1918 Teil des Russischen Reiches und unmittelbares Grenzgebiet. Im 18. Jahrhundert nahm die wirt schaftliche Bedeutung St. Petersburgs als Hafenstadt zu und bedeutete eine übermächtige Kon kurrenz für das nur 160 km entfernte Narva. Im Ganzen betrachtet, erlebten aber beide Städte bis ins 19. Jahrhundert durch Ansiedlung von Manufakturen und Firmen einen kontinuierlichen öko nomischen Aufschwung, was an dieser Stelle insofern von Interesse ist, als es zahlreiche deutsche Familien waren, die in beiden Städten, untereinander stark vernetzt, zur wirtschaftlichen Elite gehörten. In diesem Zusammenhang taucht auch der Name Ritter immer wieder auf. So bemerkt Amburger, „daß gegen Ende des 18. Jahrhunderts erneut einige besonders unternehmungslustige und befähigte Kaufleute von dort [Narva] nach St. Petersburg zogen, jedoch ohne die Verbindung zur Heimatstadt abreißen zu lassen. Vor allem sind hier Mitglieder der Familien Ritter und Cramer zu nennen; beide assoziierten sich vorübergehend mit Engländern und haben ihre Handelsgeschäfte außerordentlich erfolgreich entwickelt“.16 Die wirtschaftlichen Aktivitäten der Familie Ritter kön nen hier nicht näher untersucht werden, doch seien wenigstens drei Vertreter der Familie ge nannt, die im Zusammenhang mit den Geschäftsverbindungen zwischen Narva und St. Petersburg wiederholt nachzuweisen sind: Alexanders Großvater Carl Gottfried, der Teilhaber von „Ritter, G. Thornton, G. Cayley jun. & Co.“ war, sein Neffe Robert Ritter , der Ehrenbürger Narvas war, sowie sein Sohn Alexander Ritter (*6.7.1790 [25.6.] † 24.6.1851 [12.6.]), der 1811 Teilhaber von „Gottlieb Küster und Co. in Sankt Petersburg“ wurde. Handelt es sich bei den vorausgehenden Ausführungen im Grunde um einen Ausflug in ein Randkapitel deutsch-russischer Wirtschaftsgeschichte, so sind sie dennoch auch im Rah- 14 Vgl. Kirchenbuch im Rahvusarhiiv (Estnisches Staatsarchiv), Tartu, Signatur EAA.4380.1.4; 1777– 1833. Siehe Abb. 1. 15 Vgl. Amburger, Narva als Wirtschaftsfaktor, S. 43. 16 Ebd., S. 204. 32 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens men die ser Arbeit insofern berechtigt, als Alexander Ritter noch bis in späte Lebensjahre hinein verwandt schaftliche und finanzielle Beziehungen nach St. Petersburg pflegte. Diese Petersburger Ver wandtschaft ist nicht immer im Detail identifizierbar, aber ein Spross jenes Zweiges tritt mit Marie Ritter noch in den 1890er Jahren in München in den näheren Umkreis des Komponisten. Und man darf auch nicht vergessen, dass das finanziell relativ unabhängige Leben, das Julie Ritter, ihre Kin der und teils noch Kindeskinder führen konnten, auf Kapital beruhte, das eben jene geschäftstüch tigen Kaufmanns-Vorfahren angehäuft hatten, von denen hier die Rede war. Dieses Kapital mit seinen schwankenden und am Ende gar ausbleibenden Erträgen sollte gerade im Leben Alexander Ritters immer wieder Thema sein und tiefgreifende Entscheidungen beeinflussen. Und wenn man noch weiter gehen will, war es auch exakt jenes Kapital, dem sozusagen die musikgeschichtlich nicht unbedeutende Rolle zukam, einem anderen Komponisten in einer Lebensphase das schiere Überleben zu sichern, als der zwar gerade mit kommunistischen Ideen sympathisierte und gegen den Kapitalismus Briefe schrieb, selbst aber über keinerlei Einkünfte verfügte und daher eine Jahresrente von Julie Ritter aus deren Kapitalzinsen dankbar annahm: Richard Wagner. Das aber heißt nun weit vorausgreifen. Für den Moment genügt es, darauf hinzuweisen, dass genug Ritter’sches Kapital vorhanden war und dass es in Rubel und russischen Anleihen in St. Petersburg fest angelegt war. Über das Familienleben der Ritters und die frühe Kindheit der Geschwister in Narva fundierte Angaben zu machen, ist kaum möglich – man ist auf anekdotische Berichte und Floskeln angewie sen, wie sie etwa Rösch bereithält. In seiner Darstellung erweckt er den Eindruck, persönliche Erinnerungen Alexander Ritters wiederzugeben, die er von diesem selbst Abb. 1: Eintrag vom 27.6.1833 zur Taufe Alexander Ritters in das Kirchenbuch der Johanniskirche in Narva 33 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner oder vom nächsten Um feld gehört habe. So heißt es z. B.: „Von seinem Elternhause in Narwa17 erinnerte er sich aber doch noch lebhaft, wie sein Vater am Clavier oft »so schön phantasirt« habe – eine Thatsache, die auch von anderer Seite bestätigt wird“.18 Ob die in Anführungszeichen gesetzte Stelle als verlässliches Zitat verstanden werden soll, mag man bezweifeln. Da diese kleinen paraphrasierten Zitate ande rerseits das Unmittelbarste an Information darstellen, was aus dieser frühen Zeit zur Verfügung steht, seien sie hier sämtlich wiedergegeben. Demnach habe sich Alexander Ritter auch an seine „russische Wärterin“ erinnert, die „ganz gruselige Geschichten“ vorgelesen habe – im Gegensatz zur poetisch veranlagten Mutter, die ihren Kindern „die schönsten deutschen Märchen“ nahe gebracht habe. En passant wird hier ein russisch-deutscher Mentalitätsunterschied impliziert, vor allem aber soll wohl das Bild einer glücklichen Kindheit vor den Augen der Leser entstehen. Regelrecht antiautoritär klingt dabei die Erinnerung, die streitlustigen Brüder – „zwei hitzköpfige Rangen“ – seien „das Entsetzen der Erwachsenen“ gewesen.19 Eine Schule habe Alexander in Narva noch nicht besucht, und auch Musikunterricht sei ihm noch nicht erteilt worden, so Rösch. Wie intensiv der Kontakt der Kinder zur russischen Kultur gewesen sein mag, ob ein solcher über die Begegnung mit russischen Kindermädchen und Bediensteten hinausging, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass Alexander Ritter – wie auch seine Geschwister und seine Mutter – zunächst die russische Staatsbürgerschaft hatte. Er sollte sie erst um 1856 ablegen. Es gibt keinen eindeu tigen Hinweis darauf, dass Alexander Ritter der russischen Sprache mächtig war, nichtsdestotrotz galt er später in Deutschland so Manchem als „Russe“ und wird gelegentlich so betitelt.20 Als direktester und charmantester Hinweis auf seine russische Herkunft ist ihm der zeitlebens von seinen Freunden gepflegte Kosenamen „Sascha“ geblieben. Den Umgang der Familie Ritter damals in Narva wird man sich trotzdem wohl hauptsächlich innerhalb der dort ansässigen deutschstäm migen Bürgerschaft vorstellen dürfen. Noch einmal sei betont, dass die Familie Ritter in Narva und St. Petersburg eine hoch angesehene Familie war, was die heranwachsenden Kinder mit Sicherheit zu spüren bekamen: in Form von gesellschaftlichen Privilegien ebenso wie als Verpflichtung. Als Beispiel des verantwortungsvollen Umgangs mit der gehobenen sozialen Position kann das sozi ale Engagement Robert Ritters, eines Bruders von Alexanders Großvater, herangezogen werden. Dieser hatte am 23.9.1833 in einem Schreiben an den Magistrat der Stadt Narva verfügt, die Zin sen eines überlassenen Kapitals von „groß Zehn Tausend Rubel“, also 400 Rubel, jährlich „immer am Geburtstage meines seligen guten Vaters, den 23. September, baar unter die Stadt- und Haus armen Narvas zu vertheilen“.21 Am 13.4.1846 übersandte Robert Ritter erneut eine Summe von „groß 1000 Rubel Silber“. Die jährlichen 40 Rubel Zinsen waren „zum Besten armer Kinder in Narva“22 bestimmt. 17 Die Schreibweise „Narwa“ begegnet oft, wenn auch nicht einheitlich, in den Quellen des 19. Jahrhunderts und wird in Zitaten beibehalten – wie im Übrigen die Orthographie benutzter Quellen generell beibehalten wird. Ansonsten wird im Text die heute gebräuchliche Form „Narva“ verwendet. 18 Rösch, Mahnruf, S. 66. 19 Ebd., S. 66. 20 Z. B. in dem Artikel Die erste Tristan-Fahrt nach München von Richard Pohl über die Tristan-Premiere 1865, in dem es heißt: „Auch Rußland war vertreten in Alexander Ritter“. In: Pohl, Richard: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, Bd. I, Leipzig 1883, S. 101. 21 Hansen, Geschichte der Stadt Narva, S. 333 f. Es ist anzunehmen, dass die angegebenen Daten bei Hansen dem Gregorianischen Kalender entsprechen. 22 Hansen, Geschichte der Stadt Narva, S. 342. 34 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Im estnischen Staatsarchiv in Tartu findet sich neben verstreuten Akten über Prozesse und Geschäftsangelegenheiten der Familie Ritter auch ein umfangreicher Nachlassakt, in dem sich die Testamente von Alexanders Großvater Carl Gottfried vom 30.3.1838 [18.3.] und Vater Carl vom 13.6.1836 [1.6.] überliefert haben, sowie über 70 Seiten Schriftverkehr, die die Regelung die ses Nachlasses betreffen. Durch den geringen zeitlichen Abstand von nur zweieinhalb Monaten zwischen dem Ableben ihres Schwiegervaters (19.6.1839 [7.6.]) und dem ihres Gatten (12.9.1839 [29.8.]) gab es für Julie Ritter einige Fragen mit den Behörden zu klären. Zunächst musste sichergestellt werden, dass ihr Mann Carl als Universalerbe das Vermögen Carl Gottfried Ritters rechtmäßig ererbt hatte, und dass dieses nun auf sie, wiederum als Gesamterbin, überging. Am 28. Februar 1840 informierte Julie Ritter den „Hochedlen Rath“ der Stadt Narva über die Einsetzung eines „Mitverwalters“ und „Mitvormundes“ für ihre fünf Kinder, der sie bis zur gerichtlichen Klärung der Erbschafts angelegenheiten vertreten solle. Leider geht aus den Testa menten keine eindeutige Bezifferung der Höhe des Vermögens, um das es ging, hervor. Aber im Testament Carl Gottfrieds, das ausführlicher ist als das seines Sohnes Carl, ist u. a. die Rede von mehreren Grundstücken und Häusern auf der Halbinsel „Wassiley Ostrow“ in St. Petersburg, deren Kaufpreise und jährlich zu fordernden Pachteinnahmen teilweise aufgeführt sind. Nach dem Tod ihres Mannes im Herbst 1839 blieb Julie Ritter mit ihren fünf Kindern noch ein gutes Jahr in Narva, wohl um die Erbschaftsangelegenheiten voranzutreiben. In dieser Zeit reifte ihre Entscheidung, der Stadt, in der sie knapp zwanzig Jahre ihres Lebens ver bracht hatte und die die Heimat ihrer jungen Familie war, den Rücken zu kehren und einen Neu anfang im sächsischen Dresden zu wagen. Wovon sich Julie Ritter bei der Wahl ihres neuen Wohnsitzes hat leiten lassen, ist schwer zu sagen. Familiäre Bande nach Dresden scheint es keine gege ben zu haben. Hatte sie dort Freunde oder Bekannte? Beim Durchblättern der Dresdner Adress bücher lässt sich durchaus der ein oder andere „Kaufmann aus St. Petersburg“ in Dresden finden, ein Hinweis auf eine Bekanntschaft mit Ritters ergibt sich dadurch noch nicht. Als heiße Spur könnte hingegen gelten, dass zur gleichen Zeit wie Julie Ritter auch die Engländerin Ann Taylor in Dresden auftaucht.23 Nicht nur die Kinder der beiden haben sich dort dann eng befreundet, son dern auch die Mütter selbst sollten mit der Initiative, den Exilanten Richard Wagner finanziell zu unterstützen, gemeinsame Sache machen (erneut ein Vorgriff auf die Beziehungen der Familie Ritter zu Wagner). Kannten die Damen Ritter und Taylor sich also vielleicht schon früher? In der Literatur wurde dieser Spur bis dato nicht nachgegangen, und auch innerhalb der vorliegenden Arbeit wird dazu keine Gelegenheit sein – aber es sei zumindest darauf hingewiesen, dass Ann Taylor nachweislich in fraglicher Zeit in St. Petersburg war. Das Intelligenzblatt der St. Petersbur gischen Zeitung vermerkte am 10.10.1839 unter der Rubrik „Abreisende (ins Ausland)“: „Anna Taylor, Großbritannische Unterthanin; zu erfr. Auf W.O. in der 8. Linie, am großen Prospect, im Hause des Herrn Buch, No.22“.24 „W. O.“ meint Wassiley Ostrow, die im zitierten Testament Carl Gottfried Ritters erwähnte Halbinsel, auf 23 Dresdner Adress-Handbuch 1842, S. 274. URL: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/6408/284/0/ (zuletzt aufgerufen am 23.3.2017). 24 Intelligenzblatt der St. Petersburgischen Zeitung, Nr. 221, 10.10.1839 [28.9.], S. 636. Dieser Zufallsfund verdankt sich der Tatsache, dass in der erwähnten Nachlassakte im Staatsarchiv Tartu eben auch jene Ausgabe des „Intelligenzblattes“ abgelegt ist, weil Julie Ritter darin ein Inserat geschaltet hatte, in dem sie etwaige Gläubiger ihres verstorbenen Mannes auffordert, sich zu melden. Art und Häufigkeit der Aufenthalte Ann Taylors in St. Petersburg sind nicht näher bekannt, und zielgerichtete Nachforschungen in diese Richtung mussten im Rahmen dieser Arbeit unterbleiben. 35 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner der die Familie Ritter Grundbesitz hatte. Kannte man sich etwa von dort? Es sei an Amburgers Hinweis erinnert, dass es gerade Engländer waren, die sich gern mit den deutschen Unternehmern assoziierten. Zudem waren sowohl Carl Gottfried als auch sein Sohn Alexander Mitglieder im „Englischen Klub“ in St. Petersburg – man kann also spekulieren, dass die Möglichkeit einer Bekanntschaft durchaus bestand. Das hieße freilich noch nicht, dass Julie Ritter und Ann Taylor gemeinsam den Entschluss gefasst hätten, nach Dresden überzusiedeln. Möglicherweise traf man sich dort erst wieder und kannte sich vom Sehen. Auf Ms. Taylor und ihre Tochter Jessie wird in den nächsten Kapiteln noch zurückzukommen sein. Anstatt in St. Petersburg in der Nähe ihres Bruders und weiterer Mitglieder der Familien Momma und Ritter zu leben, entschied sich Julie Ritter, nach Deutschland zu gehen, wohl aufgrund der vertrauteren Sprache und Kultur. Die 46-jährige alleinstehende Witwe mit fünf Kindern zog es in eine Großstadt, die ihr ein anregendes kulturelles Umfeld und ihren Kindern eine möglichst gute Ausbildung bieten konnte. Über ein etwaiges kulturelles Leben in Narva um 1830 scheint es jedenfalls nichts zu berichten gegeben zu haben. Die Chronik von Hansen (1858) erwähnt immer mal wieder diverse städtebauliche Veränderungen und wohl auch Verschönerungen – über Musik, Theater, künstlerische Eindrücke etc. schweigt sie sich jedoch beredt aus. Durch ihre Erbschaft mit den nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet, brach Julie also ihre Zelte ab und verließ Narva, das seit zwei Jahrhunderten Heimat, vor allem aber auch Umschlag platz für die Handelsgeschäfte der Ritters gewesen war. Wollte sie einer kleinen, engen Männerwelt entkommen, in der der Kommerz regierte? Wollte sie ihre Kinder vor dieser Welt bewahren? Fest steht, dass mit dieser Entscheidung eine lange Familientradition abbrach, und es stellt sich die Frage, ob die Söhne Karl und Alexander nur durch den „rechtzeitigen“ Tod ihres Vaters und Groß vaters der Verpflichtung, den kaufmännischen Beruf zu ergreifen und die Familienunternehmun gen weiterzuführen, entgangen sind. Wahrscheinlich ist es zu einfach, hier auf eine Abneigung Julies und eine gegensätzliche Veranlagung zu weltferner Schöngeistigkeit zu schließen, ja zu glau ben, hier bereits den Keim gelegt sehen zu können, der viel später in der selbstbezeugten Geschäftsuntüchtigkeit Alexanders aufgehen sollte. Schnell begibt man sich hier auf das Minenfeld von Charakter- und Veranlagungsfragen, die die frühen Biographen Rösch und Hausegger so gerne erörtern. Möglicherweise spielten denn auch noch politische Gründe bei Julies Erwägungen eine Rolle. Mit Narva verließ sie schließlich auch Russland, was man dahingehend interpretieren mag, dass sie für die deutschstämmigen Bürger dort keine gute Zukunft erwartete. Eine zunehmende Russi fizierung im Zarenreich, bei der im Baltikum Russisch als Amtssprache verordnet wurde (z. B. auch an der bis dahin deutschsprachigen Universität Tartu) und ein Erwachen des Nationalgefühls der Esten und Letten, das auch stark gegen die dominierende deutschbaltische Oberschicht gerichtet war, fand zwar eher gegen Ende des 19. Jh. statt, aber erste Emigrationswellen, in denen Deutsch-Balten, die sich zunehmend in eine Minderheitenposition gedrängt fühlten, nach Deutschland zu rückkehrten, soll es bereits früher gegeben haben. 36 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens 2. Jugend in Dresden (1841–1849) Mutig hatte Julie Ritter den Schritt in einen neuen Lebensabschnitt gewagt und überführte nun ihren Haushalt, den man sich gewiss großbürgerlich vorstellen darf, nach Dresden – was für die alleinstehende Witwe mit fünf Kindern nicht nur ein logistisch aufwändiges Unterfangen bedeutet haben dürfte. Im Laufe des Jahres 1841, wann genau bleibt leider unklar, war die Familie schließlich in ihrer neuen Heimat angekommen. Man bezog eine geräumige Wohnung in der Waisenhausstraße Nr. 4 im zweiten Stock.25 Unweit des Altmarktes und der Kreuzkirche in südli cher Richtung gelegen, bildete die ziemlich lange Waisenhausstraße eine West-Ost-Verbindung und grenzte die Altstadt in Richtung der Seevorstadt ab. Noch heute existiert der Straßennamen an ungefähr gleichem Ort, aber das Stadtbild Dresdens hat nach den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges an dieser Stelle nichts mehr mit dem des 19. Jahrhunderts gemein. Die königlich Sächsische Residenzstadt zählte im Dezember 1840 82.000 Einwohner und wuchs in den kommenden Jahren beständig. 1849 wohnten dort schon 94.000 Menschen. Auch Dresdens Stadtbild war in einem unübersehbaren Wandel begriffen. Erst 1829 waren die mittel alterlichen Festungsanlagen und Wälle geschleift und die Gräben eingeebnet worden. Das mo derne Industriezeitalter mit seinen Dampfmaschinen hielt Einzug in die Manufakturen, und auch neue Mobilitätsformen standen unter dem Zeichen schwarzer Rauchschwaden. Seit 1837 ver kehrte auf der Elbe ein Dampfschiff, und am 7. April 1839 war die Eisenbahnstrecke Leipzig-Dresden als zweite ihrer Art in Deutschland eröffnet worden. Dennoch stand diese Entwicklung erst am Anfang, und prägend für die Atmosphäre der Stadt war noch nicht das Unternehmer- und Bürgertum mit seinen öffentlichen Institutionen, sondern nach wie vor der Hof und seine konser vative Verwaltung. Seit 1836 regierte König Friedrich August II. in Sachsen, der als beim Volk beliebt und liberalen Ansätzen gegenüber zunächst nicht abgeneigt galt.26 Prägende kulturelle Institutionen der Zeit waren die Akademie, an der als Professoren u. a. Gottfried Semper Architektur (seit 1834) und Ernst Rietschel Bildhauerei (seit 1832) lehrten, fer ner die Gemäldegalerie mit der weithin berühmten Sammlung, sowie selbstverständlich das kö nigliche Hoftheater. Als Generaldirektor der königlich-sächsischen Kapelle und des Hoftheaters amtierte seit 1824 Wolf Adolf August von Lüttichau, vormaliger Oberforstmeister, der vom König befördert und als treuer Beamter – weniger als künstlerischer Gestalter – eingesetzt worden war. Hofkapellmeister gab es 1841 nominell noch derer zwei – einen für die italienische Oper und einen für das deutsche Fach, auch wenn die Ära der italienischen Oper unter Francesco Morlacchi, der sein Amt 1810 angetreten hatte, faktisch bereits 1832 zu Ende war und mit dessen Tod im Dezember 1841 endgültig erlosch. Die damals neu geschaffene Stelle des „deutschen“ Hofkapell meisters hatte 1810 bis 1826 Carl Maria von Weber inne, dessen Nachfolger dann Carl Gottlieb Reissiger geworden war. Mit 25 Der Eintrag „Ritter, Juliane [sic] aus Petersburg, Waisenhausstr. 4[,] 2 Tr [Treppe]“ findet sich im „Dresdner Adress-Handbuch“ erst ab dem Jahrgang 1843, was aber heißt, dass die Adresse mindestens schon 1842 galt. Es ist trotzdem davon auszugehen, dass Ritters seit ihrer Ankunft in Dresden 1841 in der Waisenhausstr. 4 gewohnt hatten. 26 Zur allgemeinen Geschichte der Stadt Dresden im fraglichen Zeitraum siehe z. B. Hahn, Wilfrid: Auf dem Weg zur Großstadt (1830–1871). In: Dresden. Die Geschichte der Stadt. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hrsg. vom Dresdner Geschichtsverein e. V., Dresden 2002, S. 133–166. 37 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner dem Dramaturgen Ludwig Tieck und den Sängern Wilhelmine Schröder-Devrient, Henriette Wüst, Joseph Aloys Tichatschek und Anton Mitterwurzer gehörten der Bühne durchaus hervorragende Kräfte an, deren Sternstunden allerdings teils noch schlagen sollten. Das seit 1780 der Oper als Spielstätte dienende, mit 800 Plätzen eher kleine, sogenannte „Morettische Opernhaus“ hatte mit der Eröffnung des neuen Hoftheaters von Gottfried Semper ausgedient und wurde abgerissen. Dieser erste Semperbau wurde am 12. April 1841 feierlich mit Webers Euryanthe eröffnet; möglicherweise wohnten Ritters zu diesem Zeitpunkt bereits in Dresden und hatten somit die Möglichkeit, diesem Ereignis beizuwohnen. Soweit ein kurzer allgemeiner Überblick des Dresdner kulturellen Lebens um 1841. Dass sich die Stadt gerade in musikalischer Sicht quasi binnen Jahresfrist zu einem „Hotspot“ entwickeln würde, der Julie Ritters Söhnen die Gelegenheit bot, mit großen Komponisten und epochemachen den Aufführungen in unmittelbare Berührung zu kommen, die deren gesamtes weiteres Leben bestimmen sollten, war demnach in keiner Weise abzusehen. Im Gegenteil: Als die Familie an die Elbe zog, war der musikalische Ruf Dresdens dafür wohl nicht ausschlaggebend. Als Musikstadt galt vielmehr das nur 100 km entfernte Leipzig mit seinen Gewandhauskonzerten, Musikverlagen und Berühmtheiten wie Mendelssohn, Schumann und Hiller. Leipzig war schon geprägt von einer bürgerlichen Musikkultur und -pflege, öffentliche Konzerte waren dort längst etabliert. In Dresden begann die musikalische Ausbildung des kleinen Alexander. Sein Instrument wurde die Violine und sein erster Lehrer soll ein gewisser „Schumann“ gewesen sein, den sowohl Rösch als auch Hausegger anführen.27 Zu diesem Musiker, der natürlich nichts mit Robert Schumann zu tun hat, konnten leider keine näheren Informationen eruiert werden. So gab es im betreffenden Zeitraum z. B. kein Orchestermitglied dieses Namens. Jedoch findet sich in den Adressbüchern Dresdens tatsächlich ein „Schumann, Carl, Musiklehrer, Hundsgasse 51“ – allerdings erst ab dem Jahrgang 1845.28 Genauere chronologische Angaben sind leider nicht zu machen, aber nach einer gewissen Zeit wurde offen bar der Lehrer gewechselt und mit Franz Schubert ein in Dresden nicht unbedeutender Geiger gewonnen. Angesichts der Tatsache, dass Ritter bereits 1849 ein Violinstudium bei Ferdinand David am Leipziger Konservatorium anzutreten technisch in der Lage war, könnte der Wechsel zu Schubert recht bald erfolgt sein. Franz Schubert29 war seit 1823 Mitglied der königlichen Kapelle und hatte noch unter Carl Maria von Weber gespielt. 1837 wurde er Vizekonzertmeister, 1847 dann 2. Konzertmeister und schließlich wirkte er von 1861 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1874 als 1. Konzertmeister. Schubert galt als gefragter Pädagoge und verfasste eine eigene „Prak tische Violinschule“. Zudem bereicherte er das Dresdner Konzertleben mit Kammermusikauffüh rungen. Seit 1836 gab Schubert Streichquartett-Abende, schon 1831 hatte er erstmals gemeinsam mit Clara Schumann konzertiert – eine Verbindung die nie abriss und erst noch besonders frucht bar werden sollte, als die Schumanns nach Dresden zogen. 27 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 66: „ein Geiger namens Schumann“. Vgl. daneben: Hausegger, Bild, S. 11. 28 Dresdner Adress-Handbuch, Dresden 1845, S. 266. Weitere durchgesehene Jahrgänge: 1846 und 1847. 29 Alle Angaben zu Franz Schubert (22.7.1808–12.4.1878) nach: Uhrig, Dieter: Die Schumanns und die Dresdner Musikerfamilie Schubert. In: Robert Schumann in Dresden, hrsg. vom Dresdner Geschichtsverein e. V. (=Dresdner Hefte, 28. Jg., Heft 102), Dresden 2010, S. 45–53. 38 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens 2.1. Hans von Bülow und Franz Liszt Es lohnt sich, noch ein wenig im ersten Dresdner Jahr der Ritters zu verbleiben. Im Dezember dieses Jahres 1841 war ein Star des Musikbetriebs in der Stadt, der bald zu einem der beiden Leitsterne in Alexanders Leben werden sollte: Franz Liszt gab sich mit drei Konzerten am 4., am 9. und am 11. Dezember im Hôtel de Saxe die Ehre. Mindestens eines dieser Konzerte haben die Ritters besucht und es war wohl das erste musikalische Großereignis überhaupt, dem die Familie beiwohnte. Es muss besonders die beiden Knaben Karl und Alexander nachhaltig beeindruckt haben. Ob dieser Eindruck tatsächlich schon ein in erster Linie musikalischer war, oder ob das bekanntlich als auratisch empfundene Auftreten des gefeierten Virtuosen seine Wirkung bei den gerademal acht und zehn Jahre alten Jungen entfaltete, ist dabei unerheblich. Ein Idol war gefunden, und die Ver ehrung, die ihm entgegen gebracht wurde, wird der Fankultur gleichaltriger heutiger Teenager wohl nicht so unähnlich gewesen sein. Karl und Alexander waren zudem nicht die einzigen jugendlichen Bewunderer Liszts – sie fanden gelegentlich dieser Dresdner Konzerte nicht nur ihr erstes anbetungswürdiges Idol, sondern auch noch einen gleichaltrigen Gleichgesinnten, der ebenso begeistert war wie sie selbst. Die Rede ist hier von Hans von Bülow30, der ein gebürtiger Dresdner und Altersgenosse Karl Ritters war. Am 8. Januar 1830 war er als Sohn Karl Eduard von Bülows (1803–1853) – des liberal gesinn ten Novellisten und Übersetzers sowie Trägers eines uralten Adelsnamens – und der strengen Franziska, geb. Stoll (1806–1888) zur Welt gekommen. Die Eltern verkehrten in Dresdens höheren Gesell schaftskreisen und zählten auch Theaterleute wie Dramaturg Ludwig Tieck, Konzertmeister Karol Jósef Lipiński und Intendant Lüttichau mit seiner Frau Ida (einer geborenen von Knobelsdorff, der man größere künstlerische Sensibilität als ihrem Gatten und einen gewissen Einfluss auf dessen Wirken nachsagte) zu ihren Freunden. Hans von Bülows Konstitution wird oftmals als von Kind heit an schwach und kränklich beschrieben, seine Musikalität als außergewöhnlich. Bülows musi kalische Ausbildung begann bei dem Cellisten und späteren Kammermusikus (Carl) August Hänsel31, ab 1841 wurde der Grundstein für seine pianistische Ausnahmekarriere dann bei Cäcilie Schmiedel gelegt. „Mitschülerin dieser Zeit“32 war Jessie Taylor (Tochter eben jener Ann Taylor von der bereits die Rede war), die auch mit Karl und Alexander eine enge und Jahre 30 Zu Bülows Leben siehe Reimann (o.J.), Vogel (1887), La Mara (1921), Haas (2002), Walker (2010) und Birkin (2011). Näheres über die Freundschaft Bülows mit den Ritters und die Schuljahre in Dresden erfährt man in der Bülow-Literatur allerdings kaum. Auch die neuesten Bülow-Biographien liefern nur wenige, teils unzuverlässige Daten. Unveröffentlichte Bülow-Quellen, die für diese Arbeit eingesehen und zum Teil benutzt wurden, sind ein Tagebuchfragment (Hs 37/I a), eine biographische Skizze zu Bülow von fremder Hand (Hs 37/I b) und 20 Briefe Karl Ritters an Bülow (Hs 51/I/1-20) aus dem Bestand der RWG im Richard Wagner Museum, Bayreuth. 31 Weil es für das Gesamtbild dieser Jahre nicht unerheblich sein mag, welchen Kreis von Musikern Bülow und damit möglicherweise auch Ritters kannten, sei auch dieser Kleinigkeit nachgegangen: Bülows erster Lehrer heißt bei Marie von Bülow und wahrscheinlich daher auch bei Haas, Walker und Birkin irrtümlich „Henselt“. Nur die älteren Biographen, Reimann, Vogel und La Mara bezeichnen ihn näher als Violoncellisten und Kammermusiker A. Hänsel. Nun findet sich in den Adressbüchern und in Namensverzeichnissen des Hoforchesters (wie sie z. B. in den Adressbüchern sowie in den „Tage- Büchern der Königlich Sächsischen Hoftheater“ enthalten sind) ein pensionierter Kammermusikus Anton Hänsel, der Geiger war und ein Kammermusikus-Aspirant August oder Carl August Hänsel, ein Cellist und wohl der gemeinte Lehrer Bülows. 32 Vgl. La Mara, Bülow, S. 8. 39 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner überdauernde Freundschaft schloss, und auf die wieder zurückzukommen sein wird. Details einer instrumenta len Ausbildung Karl Ritters sind nicht bekannt, doch hat er mit Sicherheit Klavierunterricht erhal ten. Auch bei Alexander ist davon auszugehen, dass er nicht nur auf seinem Hauptinstrument, der Violine, unterrichtet wurde. Ob Bülows Lehrerin Fräulein Schmiedel auch die beiden unter wies? Pianistisch wird Bülow den Ritter-Brüdern schon damals sicher überlegen gewesen sein, aber was ihre noch knabenhafte musikalische Neugierde und Begeisterung angeht, scheinen die drei Freunde auf einer Wellenlänge gelegen zu haben. Zumindest die beiden Gleichaltrigen Hans und Karl waren aufs engste befreundet und gingen in ihren musikalischen Fortschritten durchaus parallel, sich gegenseitig befruchtend. Einige Jahre später konnten sie sich bereits ihre ersten Kompositionsversuche zeigen. Kenneth Birkin nennt die Ritter-Brüder Bülows „chief intimates“ und die Freundschaft eine „peer relationship“, die ihm „emotional security“ geboten habe.33 Marie von Bülow schreibt über die „Freundschaft mit den Brüdern Karl und Alexander Ritter“: „Auf der Schulbank, in dem ersten Aufdämmern des Bewußtseins eines künstlerischen Glaubensbe kenntnisses entstanden, war sie von großem Einfluß auf Bülow’s Jugend. Die Mutter der beiden Ritter, eine wohlhabende Witwe aus Narwa, die sich in Dresden niedergelassen, lebte sehr zurück gezogen, und es bestand zwischen ihr und der Familie Bülow kein Verkehr“.34 Die Frage des Schulbesuchs An dieser Stelle muss der Frage nach dem Schulbesuch der drei Freunde nachgegangen werden, die sich bei näherem Hinsehen als verwirrend erweist. Es scheint außer Zweifel zu stehen, dass Hans von Bülow und die Brüder Ritter tatsächlich auch Schulkameraden waren. Rösch und Hausegger sprechen davon ebenso wie die eben zitierte Gattin Bülows. Vor allem aber weisen eigene Äußerungen eindeutig darauf hin, wie z. B. ein relativ später Brief Bülows an Alexander Ritter vom 2. April 1882, in dem er diesen einen „alten Schulkameraden“ nennt35 und ein Brief Bülows an seine spätere Frau Marie Schanzer vom 15.3.1879, in dem Karl Ritter ebenfalls als „Schulka merad“ und zudem mit typisch Bülow’schem Neologismus als „Jugendenthusiasmus kollege“ bezeichnet wird.36 Allerdings wird nie ganz klar, welche Schule die drei nun eigentlich wann be sucht haben. Rösch schreibt lapidar, die Brüder Ritter seien „dem Vitzthum’schen Gymnasium zugeführt“37 worden und zwar nach Ankunft in Dresden, also wohl noch 1841. Ein Nachweis dar über, dass die Ritters (vielleicht auch nur zeitweise) dieses „Vitzthum’sche Geschlecht gymnasium“, das damals der „Blochmann’schen Erziehungsanstalt“ angegliedert war und von dem Pestalozzi-Schüler Karl Justus Blochmann geführt wurde, tatsächlich besucht haben, kann allerdings nicht erbracht werden. Die existierenden Schülerverzeichnisse in den jährlich gedruckten „Programmen“ der Anstalt ent- 33 Vgl. Birkin, Kenneth: Hans von Bülow. A Life for Music, Cambridge 2011, S. 10. 34 Vgl. Bülow, Marie von: Einleitung. In Bülow, Briefe I-1, S. 12. 35 Vgl. Bülow, Briefe VII-6, S. 149. 36 Vgl. Bülow, Marie: Hans von Bülow in Leben und Wort, Stuttgart 1925, S. 18. 37 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 66. 40 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens halten ihre Namen nicht.38 Auch ein Gesamtverzeichnis aus dem Jahre 1901 enthält keinen Hinweis auf Bülow oder die Ritters.39 Der einzige Verweis auf diese Schule bei Alexander Ritter selbst findet sich in einem Brief an seine Schwester Julie Kummer, in dem es um seinen Neffen geht: „Daß ihr ihn in das Vitzthum’sche Institut gebt[,] finde ich eine sehr gute Idee, ganz als Pensionär? oder nur als Schüler?“40 (Alexander Kummer hatte dann auch tatsächlich das Vitzthum’sche Institut besucht und ist im erwähnten Verzeichnis aufgeführt41). Lässt sich aber daraus auch eindeutig ableiten, dass Alexander selbst diese Schule besucht hatte? Konkrete Quellen zu Karl Ritter weisen vielmehr auf das „Gymnasium zum Heiligen Kreuz“: Sowohl in den Matrikellisten, die gedruckt vorliegen, als auch in einem Jahrgang der Schulschrift Programm des Gymnasium zum Heiligen Kreuz findet sich der Name Karl Ritter. Jedoch sind die Angaben verwirrend: In der Matrikel wird „Carl Gottfried Ritter“ zweimal genannt, aufge nommen einmal am 20.4.1845 in die Quarta (IV b) und einmal am 1.10.1847 in die Sekunda (II b).42 Im Jahrgang 1843/44 des gedruckten „Programms“ der Kreuzschule, findet sich der Name „Carl Ritter“ zudem in der „Oberquarta“43, in anderen Jahrgängen gar nicht. Abgesehen von diesen offensichtlichen Ungenauigkeiten, die auf Fehlerhaftigkeit der Matrikelführung schließen lässt, geht hieraus eindeutig hervor, dass Karl Ritter Kruzianer gewesen ist. Tatsache ist aber auch, dass in beiden Quellen, die mehrere Jahrgänge umfassen, weder Alexander Ritter noch Hans von Bülow auch nur ein einziges Mal auftauchen. Was Karl betrifft, so gibt es zusätzlich einen eigenhändigen Hinweis auf die Kreuzschule: Er selbst gab dem Schumann-Biographen Hermann Erler am 22.2.1885 brieflich folgende Auskunft: „Ich bin in Narwa 1830 geboren und wurde schon als Kind von meiner Mutter nach Dresden gebracht, wo ich u. A. die Kreuzschule besuchte“.44 Man wird aus dem kleinen Zusatz „u. A.“ wohl ableiten dürfen, dass Karl zwar auf der Kreuzschule war, vorher aber ein anderes Institut besucht hatte. Bülow und Alexander werden demnach keine Kruzianer gewesen sein, und man könnte mutma ßen, dass es eine gemeinsame Schulzeit aller drei Freunde dann doch auf dem Vitzthum’schen Gymnasium gegeben haben muss, dessen Publikationen dies allerdings nicht hinlänglich doku mentiert hätten, etwa, weil in ihnen nur Zöglinge aufgenommen wurden, die in der Bloch mann’schen Anstalt auch logierten. Andererseits: Der Herausgeber des Verzeichnisses von 1901 hatte laut Vorwort viel Mühe darauf verwandt, 38 Die „Programme“ erschienen jährlich mit wechselnden Titeln, in keinem der Bände in der Zeit von 1840 bis 1850 tauchen Alexander Ritter, Karl Ritter oder Hans von Bülow auf. 39 Vgl. Bernhard, Julius Adolf (Hrsg.): Entwurf eines Verzeichnisses der ehemaligen Zöglinge der Blochmann-Bezzenberger’schen Erziehungsanstalt und des Vitzthum’schen Gymnasiums aus den Jahren 1824– 1890, Dresden 1901. 40 Alexander Ritter an Julie Kummer, o.D. (ca. 1861?) (SBB; Mus.ep. Alexander Ritter 35). Unveröffentlichter Brief. 41 Vgl. Bernhard, Entwurf, S. 45. Alexander Kummer ist unter der laufenden Nummer 160 verzeichnet. 42 Die Matrikel der Kreuzschule, dritter Teil 1802–1848/49, bearbeitet von Willy Richter, Neustadt a.d. Aisch 1975, S. 101. Sowohl Geburtsdatum als auch -ort sind korrekt und lassen kaum Spielraum für die Vermutung, einer der Einträge könnte sich eigentlich auf Alexander beziehen oder es läge eine Verwechslung mit einem anderen Karl Ritter vor. 43 Programm des Gymnasiums zum Heiligen Kreuz in Dresden, Band 1843/1844, Dresden 1844, S. 25. 44 Zitiert nach: Jost, Peter: Karl Ritter. Komponist zwischen Schumann und Wagner. In: „Neue Bahnen“. Robert Schumann und seine Zeitgenossen, hrsg. von Bernhard R. Appel (=Schumann Forschungen Bd. 7), S. 182–204, Mainz 2002, S. 186. Original im Robert-Schumann-Haus, Zwickau. 41 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner den Verbleib bzw. den Lebensweg sämtlicher ehe maliger Vitzthum-Schüler zu recherchieren und rief dabei auch die Alumni zur Mithilfe auf. Ist nicht anzunehmen, dass es ihm irgendwie hätte zu Ohren kommen müssen, wenn eine Berühmt heit wie Hans von Bülow – um die Ritter-Brüder bescheiden außen vor zu lassen – einer der ehe maligen Absolventen gewesen wäre, mit dem sich die Schule doch hätte brüsten können? Erstaun lich bleibt auch, dass keine der zahlreichen Bülow-Biographien ein Wort über dessen Gymnasial zeit bzw. den Namen seiner Schule verliert, und dass auch aus dem mehr als umfangreichen Briefk orpus, den Bülow hinterlassen hat, offenbar kein Hinweis darauf zu ziehen ist. Listzs Konzertabend Um den Bogen wieder zurückzuschlagen zu jenem denkwürdigen Liszt-Konzert im Dezember 1841: Es bleibt unklar, ob sich die drei Jungens zu diesem Zeitpunkt bereits vom Sehen aus der Schule kannten, also schon „äusserlich in Verbindung getreten waren“, wie das Rösch suggeriert45, oder ob die Schulfreundschaft – wo auch immer die gemeinsam gedrückte Schulbank letztlich ge standen hat – später zu datieren ist. In einem Brief an Alexander Ritter vom 10. März 1879 gedenkt Bülow seiner Begegnung mit den Brüdern in Dresden: „Kurios, anheimelnde Erinnerungen wachen heute auf und präludiren zu meiner abendlichen Beethoven Bayreutherei [Ein Benefizkonzert Bülows mit Beethoven-Programm zugunsten der Bayreuther Festspiele, Anm. d. V.] in dem Hôtel de Saxe, wo wir uns als Buben vor 37 Jahren – oder so ungefähr – zuerst beschnüffelten, in demselben Hôtel de Saxe, wo ich des großen Meisters Be kanntschaft selber später machen sollte, dessen Anstaunung uns Beide und Karl zusammenge führt“.46 Er bestätigt damit die leicht als legendenhaft zu empfindende Geschichte vom ersten näheren Kennenlernen bei einem Liszt-Konzert. Da die Angabe „37 Jahre“ nur „ungefähr“ zu verstehen ist, müssen die geschilderten Dezemberkonzerte 1841 gemeint sein. Der nächste Aufenthalt Franz Liszts in Dresden ist erst zweieinhalb Jahre später zu verzeichnen. Die Ritters nebst Bülow waren dann selbstredend wieder zur Stelle, und dabei kam es dann auch erstmals zu einem persönlichen Kontakt mit dem berühmten Mann. Es war im Februar 1844, als Franz Liszt erneut die Elbestadt beehrte. Er gab dort am 21. ein Konzert, unternahm daraufhin einen Abstecher nach Dessau und kehrte am 25. für weitere Konzerte zu rück nach Dresden. Allerdings kam er nicht alleine zurück, sondern in Begleitung einer Dame, deren Bekanntschaft er auf der Reise gemacht hatte: Lola Montez, die berüchtigte spanische Tän zerin, die zu diesem Zeitpunkt schon etliche Skandale und Landes-Ausweisungen hinter sich hatte, ihr prominentestes Opfer, den Bayerischen König Ludwig I., aber erst noch heimsuchen sollte, zog kurzerhand mit ihm ins Hôtel de Saxe. Die Konzerte, die Liszt am 27. Februar im Hoftheater und am 1. März im Saal des besagten Hotels gab, standen ganz im Schatten dieser leidenschaftlichen Affäre, die der Öffentlichkeit nicht verborgen blieb. Liszt besuchte während seines Aufenthalts aber auch eine Aufführung des Rienzi am 29. Februar. Und – er lernte zwei Knaben kennen, von denen er nicht ahnen 45 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 67. 46 Vgl. Bülow, Briefe IV-5, S. 553. 42 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens konnte, wie nah sie ihm einst kommen würden. Einer der beiden, Hans von Bülow, sollte einst sein Lieblingsschüler und pianistischer Erbe werden, dem er zudem die Hand seiner Tochter Cosima anvertraute. Bülows erste Begegnung mit Liszt soll im Hôtel de Saxe stattgefunden haben und erstaunlicherweise auf Lola Montez zurückgehen, mit der Bülow bereits be kannt gewesen sein soll.47 Der zehnjährige Alexander bedurfte indes keiner weiblichen Fürspra che. Glaubt man der Anekdote, die Rösch wiedergibt, bestürmte er den Meister dreist in einer Konzertpause um ihm „in feurigster Verehrung die Hand zu küssen“ und bat ihn dann, ihm seine Handschuhe als Trophäe für seine Schwester Emilie zu überlassen, was denn auch geschah.48 2.2. Der Königlich Sächsische Kapellmeister Richard Wagner Noch ehe Liszt 1844 an die Elbe zurückkehrte, hatte ein anderer „Meister“ das Dresdner Parkett betreten. Ort des Geschehens war diesmal die Hofoper, deren regelmäßige Gäste die Familie Ritter und Hans von Bülow in dieser Zeit mutmaßlich wurden. Die Chronologie und Kausalität der Bekannt schaften ist zwar nicht eindeutig zu bestimmen, aber festzuhalten ist, dass Bülow die Intendan tengattin und den 1. Konzertmeister Lipiński kannte, und dass der 2. Konzertmeister Schubert Alexander Ritters Lehrer wurde. Man war jedenfalls zu eifrigen Operngängern mit gewissen Ein sichten in die internen Abläufe und Geschichten auf und hinter der Bühne geworden. Über die Novität, die im Oktober 1842 anstand, waren bereits aufgeregte Berichte im Umlauf. Es sollte ein Ereignis werden, das die musikalische Welt und Vorstellung der Ritters aufwirbeln und prägen würde: die Urauff ührung des Rienzi, einer „großen tragischen Oper“ eines völlig unbekannten Komponisten mit Namen Richard Wagner. Dieser war am 12. April 1842 mit seiner Gattin Minna in Dresden ange kommen. Nach ziemlich erfolglosen zweieinhalb Jahren in Paris und dem gescheiterten Versuch, dort seine Oper Das Liebesverbot herauszubringen, war einigermaßen überraschend sein frisch komponierter Rienzi an der Dresdner Hofoper zur Aufführung angenommen worden. Am 4. Dezember 1840 hatte er die Oper dorthin eingesandt und dann bis zur Zusage, die ihm Intendant Lüttichau (wohl nach einer Empfehlung Giacomo Meyerbeers!) erst am 29. Juni 1841 gab, warten und bangen müssen. Nach nochmalig monatelangem Warten war er nun also angereist, um die Proben seines Werkes zu betreuen. Diese begannen allerdings erst am 1. August 1842, sodass Zeit für ihn blieb, in Leipzig seine Familie zu besuchen, sich in Berlin um die Annahme des ebenfalls schon fertiggestellten Fliegenden Holländers zu bemühen und in Teplitz zwei Prosaentwürfe zum Tannhäuser niederzuschreiben.49 Ende Juli kam er dann wieder nach Dresden und bezog eine kleine Wohnung in der Waisenhausstraße Nr. 5. Er und seine Frau Minna wohnten dort zwar nur bis zum 1. Oktober 1843 und zogen danach um in die Ostra-Allee Nr. 6 – aber dieses eine gute Jahr 47 Vgl. La Mara, Bülow, S. 11. 48 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 81 f. 49 Daten und Angaben zum Leben Richard Wagners hier und im Folgenden (wenn nicht anders angegeben): Gregor-Dellin, Wagner-Chronik, München und Kassel 1983 und Gregor-Dellin: Richard Wagner. Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert, München 1980. 43 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner lang lebte Richard Wagner damit in unmittelbarer Nachbarschaft der Familie Ritter, die wie gesagt Waisenhausstraße 4 wohnte.50 Rienzi und Der fliegende Holländer Als sich am 20. Oktober 1842 um halb zwölf Uhr nachts der Vorhang des Hoftheaters schloss, hatte Wagner mit seinem Rienzi einen unerwarteten, heftig umjubelten Erfolg eingefahren. Unter der Leitung von Hofkapellmeister Reißiger hatten die Sänger Großartiges geleistet, und Wagner hatte in Joseph Tichatschek, der die Titelpartie mit vollem persönlichen Einsatz angegangen war, einen Freund und enthusiastischen Interpreten seiner Werke gewonnen. Auch Primadonna Wilhelmine Schröder-Devrient glänzte in ihrer Partie und trug zu dem Erfolg der großen Oper bei. In einem enthusiastischen Brief vom 24. Oktober 1842 an Ernst Benedict Kietz in Paris schilderte Ferdinand Heine (der wie Kietz ein Freund Wagners war und für die Kostüme der Rienzi-Auffüh rung verantwortlich zeichnete) vier Tage später die Stimmung, die Ausführende und Publikum an jenem Abend gleichermaßen erfasst hatte: „Vom ersten Ton der Ouvertüre an herrschte tiefes Schweigen, dann erhob sich donnernder Beifall, der sich fort und fort steigerte, bis zu dem einfach ergreifenden Schluß des vierten Aktes, der eine tiefe Stille hinterließ, um nach dem fünften Akte in um so tosenderen Beifall überzugehen. […] Die Dresdner waren nicht mehr Dresdner“.51 Die Begeis terung war also allgemein und so es fällt nicht schwer, sich auch Ritters und Bülow als für Wagner entflammt vorzustellen. Eine neue Gelegenheit, diese Flamme zu nähren, bot sich schon bald, denn Wagner blieb nicht nur in Dresden, er konnte auch bereits am 2. Januar 1843 sein jüngstes Werk, diesmal unter seiner eigenen Leitung, uraufführen: die romantische Oper in drei Aufzügen Der fliegende Holländer, um deren Annahme an der Berliner Oper er vergeblich gekämpft hatte. Nach dem großen Erfolg vom Oktober waren die Erwartungen an Wagner hoch und auf ein dem Rienzi ähnliches Werk gerichtet. Auch wenn von einem Reinfall wohl nicht die Rede sein kann, so war der Erfolg des Fliegenden Holländer beim breiten Publikum dann doch eher gering. Nach vier Vorstellungen wurde das Stück abgesetzt, und es schlug nun erstmals die Stunde der „Eingeweihten“ und der Wagner freunde, die den Fortschritt vom Rienzi zum Holländer entweder tatsächlich hörten und begrüß ten, oder sich zumindest darin gefielen, in der Person ihres Schöpfers geniale Züge zu entdecken. Von offizieller Seite war man mit Richard Wagner durchaus zufrieden, und genau einen Monat nach der Holländer-Premiere, am 2. Februar 1843, wurde er zum Königlich Sächsi- 50 Die Durchsicht der Dresdner Adressbücher ergibt ferner: Auch Familie von Bülow wohnte ab 1843 in der Waisenhausstraße (Nr. 35), ein weiterer Nachbar war Gottfried Semper, der in Haus Nr. 3 wohnte, und auch Clara und Robert Schumann wohnten ab Dezember 1845 just in der Waisenhausstraße, und zwar im ersten Stock des Hinterhauses Nr. 6+7. 1852 zog Familie Ritter dann um in die „Ostraallee 10 d I.“ (vgl. Adreßbuch der Haupt- und Residenzstadt Dresden, 1853) – also wieder in eine Straße, in der auch Richard Wagner gewohnt hatte. Und schließlich zog Alexander Ritter bei seiner Rückkehr nach Dresden im Jahr 1858 mit seiner Frau erneut in die Waisenhausstraße (Nr. 5b). Ebenfalls in der Waisenhausstraße angesiedelt war zudem das „Café Français“, Treffpunkt des „Literarisches Museums“, eines Lesekabinetts mit 200 Mitgliedern, darunter Reißiger, Friedrich Wieck, später auch Bakunin. 51 Kietz, Marie (Hrsg.) Richard Wagner in den Jahren 1842–1849 und 1873–1875. Erinnerungen von Gustav Adolph Kietz, Dresden 1905, S. 6–13. Diesen Brief wollte Heine gleichwohl nicht als bloßen „Freundschaftsenthusiasmus“ verstanden wissen. 44 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens schen Kapell meister ernannt. Genau genommen handelte es sich dabei um die Stelle eines 2. Kapellmeis ters, derer es nunmehr zwei gab. Er und Carl Gottlieb Reißiger waren im Sinne des Status gleich gestellt, wobei Wagners Jahresgehalt zunächst auf 1.500 Taler festgesetzt war und er erst 1847 die gleiche Summe wie sein Kollege (1.800 Taler) erhielt. Sein Aufgabenfeld erstreckte sich neben der Tätigkeit an der Oper auch auf die Leitung der sonntäglichen Kirchenmusik, zur Komposition von Opern war er indes nicht vertraglich verpflichtet.52 Wagner war und blieb also in Dresden, sehr zur Freude nicht nur seiner Ehefrau Minna, die ihn im sicheren Hafen einer festen, lebens langen Stellung wähnte, sondern auch seiner drei jungen Anhänger, die nun auch nichts mehr er sehnten, als dem verehrten Komponisten persönlich zu begegnen – wozu es aber erst einige Jahre später kam. Was für eine Entwicklung seit der Ankunft in Dresden! Aus einer kleinen, in kultureller Hin sicht völlig unbedeutenden, russischen Handelsstadt kommend, hatten die beiden Knaben Karl und Alexander unvermittelt und quasi binnen Jahresfrist zwei der bedeutendsten musikalischen Figuren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in persona erleben können. Dabei muss man sich allerdings auch bewusst sein, dass sowohl Liszt als auch Wagner zu diesem Zeitpunkt noch nicht das waren, als was sie später galten: große Komponisten, Häupter gar einer „Neudeutschen Schule“. Franz Liszt war zwar ein berühmter Mann, war auf dem Höhepunkt seiner Virtuosen-Karriere als Pianist, aber seine zweite Lebensphase, in der er sich verstärkt der Komposition und dem Dirigieren widmete, war durch seine Ernennung zum Weimarer Kapellmeister in außerordentli chen Diensten am 2. November 1842 gerade erst angebahnt. Von des Königlich Sächsischen Kapellmeisters Richard Wagner noch bevorstehendem Lebens- und Schaffensweg ganz zu schwei gen. Auch die Freundschaft dieser beiden Männer entstand im Übrigen just in dem hier behandel ten Zeitraum: Nach einem erstem oberflächlichem Kennenlernen in Paris sprachen sich Liszt und Wagner erstmals Anfang Dezember 1842 in Berlin ausführlicher. Am 5. März 1843 leitete der neue Kapellmeister Wagner seine erste Vorstellung am Hoftheater: Christoph Willibald Glucks Armida mit der Sopranistin Schröder-Devrient und dem Tenor Tichatschek in den Hauptrollen. Seine Dirigate an der Oper waren nicht unumstritten, bald schon kam es zu Konflikten mit der Presse (u. a. dem Dresdner Kritiker Dr. Julius Schladebach) und auch zu Spannungen mit den Musikern der Hofkapelle, wobei Wagner falsche Tempoauffassungen z. B. in Mozarts Don Giovanni und allgemein Willkür in seinen Vorgaben vorgeworfen wurden. Beson ders mit dem Konzertmeister Lipiński war Wagner lange Zeit regelrecht verfeindet, was sich erst später bei der Arbeit an Beethovens Neunter änderte. Jedenfalls bildete sich sicher bald eine öff entliche Meinung oder Diskussion um den umtriebigen Hofkapellmeister. Dieser griff auch selbst gerne zur Feder und versuchte über die Presse auf sein Publikum Einfluss zu nehmen. Wagners Tannhäuser Im Frühjahr 1845 erlebte die Stadt Dresden ein katastrophales Elbhochwasser. Die Jahrhundertflut erreichte ihren maximalen Pegelstand am 31. März. Der Zwinger und Teile der Altstadt stan den unter Wasser und ein Pfeiler der Augustusbrücke brach unter dem Druck der Wassermassen ein, wobei das 4,5 m hohe goldene Kreuz auf dem Brückenkopf für immer im 52 Vgl. Heyne, Jörg: Die Ära Reißiger am Hoftheater Dresden. In: Heinemann, Dresdner Oper, S. 161–163. 45 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner Wasser verschwand. Musikalisch gesehen, war das herausragende Ereignis des Jahres 1845 in Dresden sicher die Ur aufführung einer neuen Oper des Kapellmeisters Wagner. Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg war seit 1842 in und um Dresden entstanden, Wagner hatte die Komposition der „romantischen Oper in drei Akten“ im April 1845 abgeschlossen, und nun wurde die Uraufführung am 19. Oktober mit Spannung erwartet. Was den Erfolg des Tannhäuser angeht, gilt es durchaus widersprüchliche Aspekte zu berücksichtigen. Ein breiter Publikumserfolg á la Rienzi war ihm offenbar nicht beschieden und nach acht Vorstellungen wurde er abgesetzt. Ratlosigkeit und Un verständnis war die Hauptreaktion der Zuschauer. Eine zeitgenössische Schilderung der Tannhäuser-Uraufführung liefern die Erinnerungen des 1822 geborenen Sohnes Carl Maria von Webers, Max Maria von Weber, die im Detail unbrauchbar sein mögen (und von Cosima Wagner später als „unwahr“ abgetan wurden53), die aber die Überraschung selbst der im Wagner-Kreis verkehren den Dresdner angesichts des Tannhäuser dokumentieren können. Es sei einer heutigen Genera tion, „die mit Wagners Opern aufwuchs, nicht mehr vorstellbar zu machen, wie unmöglich es für die Jugendzeitgenossen des originalen Künstlers war, das auch nur entfernt vorher zu ahnen, was er mit seinem »Tannhäuser« brachte“.54 Trotzdem schien sich spätestens jetzt in Dresden eine wenn auch kleine, doch umso enthusiastischere Gruppe von Wagner-Anhängern zu bilden, die auch vom Tannhäuser begeistert waren. In der Schilderung Gustav Adolf Kietz’ wird dieser sympathisie rende Teil des Publikums hervorgehoben: „Bei der vierten Aufführung war der vierte Rang nicht nur von Künstlern, sondern von der gesamten Jugend des gebildeten Publikums bis zum Brechen voll eingenommen und nach jedem Aktschluß, namentlich nach dem des zweiten Aktes, brach ein Sturm der Begeisterung los, der alles mit sich fortriß“.55 Dabei hatte das Werk bei seiner Uraufführung gar nicht optimal präsentiert werden können. Teile der in Paris angefertigten Dekorationen waren nicht eingetroffen, die Sänger waren mit ihren Par tien im Verzug und teils überfordert. Auch Wagner selbst war nicht zufrieden – die Gestaltung des Schlusses änderte er bereits zur ersten Wiederaufnahme 1847, und dass die Werkgenese auch mit der Pariser Fassung von 1861 nicht abgeschlossen war, ist bekannt. Vor allem aber hatte der Kom ponist mit der Leistung der Sänger zu kämpfen, und ausgerechnet die Dresdner Stars und Garan ten seines Rienzi-Erfolges konnten ihm nun nicht genügen. Die Schröder-Devrient sang die Partie der Venus und Tenor Tichatschek die Titelpartie. Für beide Sänger musste Wagner wesentliche Teile der Musik streichen und auch mit ihren Fähigkeiten als Darsteller haderte er, was er 1852 in seinem Aufsatz Über die Aufführung des Tannhäuser und später in Mein Leben deutlich artiku lierte. Besser weg kam dabei die erste Elisabeth, gesungen von der knapp neunzehn jährigen Johanna Wagner, der Nichte des Komponisten und ältesten Tochter Albert Wagners – der zukünftigen Schwägerin Alexander Ritters. Bereits am 1. August 1847 konnte der Tannhäuser wiederauf genommen werden, und Richard Wagner dirigierte die Oper insgesamt neunzehnmal selbst in Dres- 53 Eintrag am 13.1.1880. In: Wagner, Cosima: Die Tagebücher, Bd. II, ediert und kommentiert von Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack, München 1977. 54 Weber, Max Maria von: Kleine Erinnerungen an große Menschen. In: Deutsche Rundschau, Jg. 1879; Zitiert nach: Istel, Edgar: Wagner und die Familie Weber. In: Richard Wagner-Jahrbuch, Bd. 3, S. 52–61, Berlin 1908, S. 58. 55 Vgl. Kietz, Erinnerungen, S. 38 f. 46 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens den. Alexander Ritter hat später darauf hingewiesen, sämtlichen Aufführungen bei gewohnt zu haben,56 und seine nachmaligen Erinnerungen und Publikationen zum Tannhäuser werden, gerade auch im Vergleich zu Wagners eigenen Schriften und Kommentaren, an geeigneter Stelle noch eingehender betrachtet werden. Die Beethoven-Konzerte unter Wagner Die Beethoven-Konzerte unter Hofkapellmeister Richard Wagners Leitung müssen den jungen Alexander Ritter nicht minder nachhaltig beeinflusst ha ben. Immerhin sechs der neun Beethoven-Symphonien konnten die Dresdner und somit auch Ritters (und nicht zu vergessen: der spätere Dirigenten-Übervater Hans von Bülow) im Lauf der Jahre von Wagner dirigiert erleben.57 Die Neunte Symphonie führte Wagner in dieser Zeit z. B. nicht weniger als dreimal auf. Schon Reissiger hatte am 27. August 1838 das aufwändige Werk in Dresden aufgeführt, nicht ohne persönlichen Enthusias mus – aber mit geringem Erfolg. Der schwache finanzielle Ertrag und die negativen Kritiken waren noch gut in Erinnerung, und so musste Richard Wagner seinen Plan, zum Palmsonntag 1846 wie der Beethovens größte Symphonie aufzuführen, gegen große Widerstände durchsetzen. Nach ge waltigem Probenaufwand, einer vorbereitenden Kampagne in Dresdens Presse, sowie der Ver breitung einer von Wagner verfassten programmatischen Erklärung bei der Aufführung, geriet am Ende gerade dieses Unterfangen zu einem der größten Triumphe Wagners in Dresden. Wie die Aufführung selbst auf ein „Fachpublikum“ wirkte, unter dem man sich auch Ritters und Bülow vorstellen mag, schildert Kietz später wie folgt: „Aber nicht nur wir jungen Künstler allein fühlten uns im Taumel der Begeisterung wie in eine neu Welt erhoben, auch in dem überfüllten Saale war die Begeisterung der zugereisten Musiker von Satz zu Satz gestiegen“.58 Durch die Wiederholung an den Palmsonntagen 1847 und 1849 wurde „die Neunte“ unter Wagner quasi legendär. Alexander Ritter sollte bei der dritten Aufführung als junger Geiger schließlich sogar selbst beteiligt sein (s. u.). Ganz abge sehen von der tatsächlichen interpretationsgeschichtlichen Bedeutung Wagners als Beethoven -Exeget und als Orchestererzieher allgemein, die in der Wagner-Literatur zur Genüge behandelt wird (und die man nicht zuletzt in den Interpretationen des reifen Bülow als Ausgangspunkt mo dernen Dirigentenwesens bestätigt finden mag), prägten die drei Konzerte den jungen Alexander Ritter in einer ganz subjektiven und unmittelbaren Weise. 56 Vgl. Ritter, Alexander: Was lehrt uns das Festspieljahr 1891? In: Bayreuther Blätter, 15. Jg., 1892, S. 1–20, hier S. 8. Sowie als Separatdruck in: Tannhäuser-Nachklänge. Für die Freunde der Bayreuther Festspiele mitgetheilt aus den „Bayreuther Blättern“, Berlin 1892, S. 1–20, hier S. 8. Vgl. auch Leben VIII-19.3. 57 Am 31.3.1844 stand die Sechste auf dem Programm, 1848 wurden in drei Konzerten am 22.1., 12.2. und 3.3. neben Symphonien Haydns, Mozarts und Mendelssohns auch Beethovens Dritte, Siebte und Fünfte gespielt, und am 16.4.1848 gab es die Achte zu hören. Die Neunte Symphonie schließlich führte Wagner am 5.4.1846, am 28.3.1847 und am 1.4.1849 auf (vgl. Zimmermann, Reiner: Verdienen wie Meyerbeer, dirigieren wie Weber. Der Hofkapellmeister Richard Wagner. In: Richard Wagner in Dresden, hrsg. vom Dresdner Geschichtsverein e. V. (=Dresdner Hefte, 30. Jahrgang, Heft 112), Dresden 2012, S. 19 sowie Gregor-Dellin, Wagner-Chronik, S. 45). 58 Vgl. Kietz, Erinnerungen, S. 53. 47 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner 2.3. Das Dresdner Konzertwesen – Clara und Robert Schumann Es wird an dieser Stelle Zeit, einen Blick auch auf andere Musiker-Persönlichkeiten Dresdens zu lenken, die dort teils alteingesessen, teils neu hinzugetreten waren. In erster Linie sind hier Clara und Robert Schumann sowie Ferdinand Hiller zu nennen. Letzterer kam 1844 von Leipzig, wo er in Vertretung Mendelssohns eine Saison lang die Gewandhauskonzerte geleitet hatte, nach Dres den – wohl, weil er sich von Aufführungen seiner Opern einiges versprach. Die Schumanns folgten ihm im Dezember des gleichen Jahres, wohl in der vagen Hoffnung, es würde sich eine geeignete Anstellung schon finden. Robert hatte die Redaktion der von ihm in Leipzig gegründeten Neuen Zeitschrift für Musik abgegeben. Deren neuer Herausgeber hieß nun Franz Brendel und sollte das Blatt zu einem Sprachrohr der neudeutschen Bewegung machen, das später auch Alexander Ritter eine Plattform bot, mit eigenen Artikeln an die Öffentlichkeit zu treten. Wie erwähnt, gab es in Dresden zunächst keine öffentlichen Abonnementkonzerte, was sich erst 1858 änderte. Bis 1845 waren die wenigen Konzerte der Hofkapelle die einzige Möglichkeit, symphonische Musik zu hören. Besonderen Stellenwert hatten dabei die 1826 vom italienischen Hofkapellmeister Francesco Morlacchi ins Leben gerufenen Palmsonntagskonzerte zur Unterstüt zung von Witwen und Waisen der Kapelle. Schon in den Anfangsjahren waren diese Konzerte von ambitionierten Programmen geprägt, wie z. B. eine Aufführung der Matthäuspassion von Bach im Jahre 1833, nach dem Vorbild der Mendelssohn’schen ersten Wiederaufführung von 1829, belegt. Auch unter Kapellmeister Reissiger wurde auf anspruchsvolles Programm durchaus Wert gelegt, und so war dieser es, der der Beethoven’schen Symphonik verstärkt Raum gab, noch ehe Wagner mit seinen Beethoven-Interpretationen dann Furore machte. Es kamen auch illustre Gäste nach Dresden, wie z. B. Hector Berlioz im Februar 1843. Am 10. und am 17. dirigierte er im Hoftheater einige seiner wichtigsten Werke. Neben der Symphonie fantastique und Harold en Italie waren u. a. Ausschnitte aus dem Requiem und Roméo et Juliette zu hören, wobei Dresdner Kräfte wie der Tenor Tichatschek und Konzertmeister Lipiński die Soloparts übernahmen.59 Der große französische Komponist, der später von der Musikgeschichts schreibung immerhin zusam men mit Wagner und Liszt zu einem der Häupter der Neudeutschen Schule ausgerufen wurde, ist übrigens ein weißer Fleck in den Quellen zu Alexander Ritter. Dass dieser ihn 1843 in Dresden noch „verpasst“ haben könnte, ist zwar denkbar, aber spätestens in seiner Weimarer Zeit war ein Kontakt mit dem Namen, dem Werk und auch der Person Berlioz mit Sicherheit erfolgt. Hans von Bülow, Peter Cornelius, Richard Pohl – Ritters Freunde standen in intensivem Austausch mit Berlioz, aber von ihm selbst ist kein anerkennendes Wort – auch keines der Geringschätzung – über den Franzosen überliefert.60 Richard Wagners Verhältnis zu Berlioz war 59 Genaues Konzertprogramm und Besetzung vgl. Holoman, Dallas Kern: Berlioz, Cambridge (Mass.) 1989, S. 616. Man kann an dieser Stelle über Alexander Ritters Französisch-Sprachkenntnisse spekulieren, die ungenügend gewesen sein mögen und einen direkten Zugang zu Berlioz verhindert haben könnten. Das gilt im Übrigen, wenn auch in geringerem Maße, viel leicht auch für das Verhältnis zu Liszt, wenn man bedenkt, wie viel enger Hans von Bülow und Peter Cornelius diesem verbunden waren und ganz selbstverständlich auf Französisch mit ihm korrespondierten. 60 Hausegger betont, Ritter habe Strauss nicht zu Berlioz, „sondern einzig und allein zu der Kunstwelt Wagners und Liszts“ bekehrt und habe „niemals einen […] inneren Zusammenhang zwischen diesen bei- 48 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens im Übrigen auch nicht das unge trübteste. Sein Kommentar zu dem Besuch Berlioz’ in Dresden: „Er hat’s wahrlich nicht um mich verdient, das hat er noch hier in Dresden bewiesen, wo es ihm ein Greuel war, den Erfolg meiner Opern mit anzusehen“.61 Im Palmsonntagskonzert des Jahres 1843, am 9. April, dirigierte Felix Mendelssohn-Bartholdy sein Oratorium Paulus. Am gleichen Abend erklang zudem die VIII. Symphonie Beethovens unter Kapellmeister Reissigers Leitung. „Noch in sei nen letzten Lebensjahren kam Hans von Bülow vor jeder Aufführung der „Achten“ auf diese grund verkehrte Auffassung der Zeitmasse in den beiden Sätzen zurück und konnte sich nicht genug tun, dagegen zu eifern“62 – vielleicht kann man aus Bülows Anwesenheit schließen, dass auch Ritters bei dieser Aufführung zugegen waren? Auch Wagner leitete in seiner Kapellmeisterzeit einige Konzerte der Hofkapelle am Palmsonntag oder zu anderen Gelegenheiten, wie z. B. dem Jubiläum der Königlich Sächsischen Hofkapelle am 22. September 1848, als ein Programm mit Werken ehe maliger Kapellmeister aus drei Jahrhunderten von Johann Walter bis Richard Wagner zu hören war. Ferdinand Hiller versuchte sich schon bald nach seiner Übersiedlung daran, den Leipziger Geist eines öffentlichen Konzertlebens auch auf Dresden zu übertragen. Gemeinsam mit den Schumanns veranstaltete er ab der Sai son 1845/46 Abonnementskonzerte im Hôtel de Saxe. Ein ganzseitiger Aufruf wurde zu diesem Zwecke verfasst, der das „Fehlen eines für und durch sich bestehenden Instituts, dessen Hauptauf gabe die Vorführung eigentlicher, höherer Concert-Music wäre“, anprangerte. Bei dieser Unterneh mung musste man mit einem spontan aus Stadtmusik korps und anderen Kapellen zusammenge würfelten Orchester vorlieb nehmen, als Solisten standen jedoch stets illustre Namen, wie z. B. Clara Schumann, deren Vater Friedrich Wieck sowie Joseph Joachim (damals freilich erst vierzehnjährig) auf dem Konzertzettel. Zur Aufführung kamen Werke von Ferdinand David, Nils W. Gade, Hiller, Mendelssohn und Weber. Auch die von Schumann wiederaufgefundene „große“ C-Dur-Symphonie von Franz Schubert stand auf dem Programm, und am 4. Dezember 1845 wurde mit dem Klavier konzert a-moll op. 54 auch einmal ein Werk Schumanns uraufgeführt.63 Das Angebot an Kammermusikaufführungen in Dresden wurde durch die Anwesenheit Clara und Robert Schumanns ebenfalls bedeutend belebt. Robert schuf in Dresden u. a. seine Klaviertrios op. 63 und op. 80, sowie das Klavierquartett op. 44, das besondere Popularität erlangte. In Matineen, die teils in der Schumann’schen Wohnung, teils im Cosel-Palais stattfanden, wurden diese Werke neben denen der Klassiker einer kleinen Öffentlichkeit präsentiert. Mit von der Partie waren dabei u. a. der Geiger und Vizekonzertmeister Franz Schubert, den die Schumanns schon länger kannten, sowie Friedrich August Kummer, Cellist und Haupt einer berühmten Musikerfamilie, die auch zahlreich in der Hofkapelle vertreten war und der auch Alexander Ritters späterer Schwager Otto Kummer entstammt. den Meistern und dem genialen Franzosen anerkannt“. Vgl. Hausegger, Siegmund von: Richard Strauß und Alexander Ritter. In: Deutsches Musikjahrbuch, 4. Bd., Essen 1926, S. 26–29, hier S. 26. 61 Richard Wagner an Samuel Lehrs, 7.4.1843. Zitiert nach Kietz, Erinnerungen, S. 28. 62 Vgl. Reimann, Bülow, S. 91, angeblich eine mündliche Mitteilung Bülows an seine Tochter Daniela Thode. 63 Vgl. Herrmann, Matthias: „… so jugendfrisch und kräftig“. Robert Schumann in Dresden. In: Robert Schumann in Dresden, hrsg. vom Dresdner Geschichtsverein e. V., Dresden 2010 (=Dresdner Hefte 102), S. 20–22. 49 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner Es stellt sich die Frage, inwiefern Alexander Ritter, der immerhin Schü ler Schuberts war, nicht auch Kontakt und Zugang zu diesem Kreis um Schumann hatte. In seinen späteren Äußerungen ist davon nie die Rede, alles dreht sich immer um Wagner und Liszt, doch sollte man sich bewusst machen, dass das vehemente Abstandnehmen von Schumann und der klassizistischen Richtung seitens der Neudeutschen Schule zu diesem Zeitpunkt noch nicht griff – schlicht, weil es diese Schule noch gar nicht gab, und selbst Wagner in seinen Dresdner Jahren einen wenn auch menschlich nicht unkomplizierten, so doch durchaus noch kollegialen Umgang mit Robert Schumann pflegte. Noch weniger galt ein strikt parteimäßiges Verhalten, ein „Entwe der-Wagner-oder-Schumann“ zu diesem Zeitpunkt für die Dresdner Musiker, auch nicht für diejenigen, die Wagner wohlgesonnen waren. So musizierten Kapellmeister Wagners wichtigste Sänger der Hofoper ganz selbstverständlich auch mit den Schumanns. Wilhelmine Schröder-Devrient (die nichts Geringeres als Widmungsträgerin der Dichterliebe op. 48 ist) und auch Johann Aloys Tichatschek sangen Ende der 1840er Jahre in einigen Matineen Lieder Robert Schumanns, begleitet von dessen Frau Clara.64 Eng war wie gesagt auch der Kontakt zum Geiger Schubert, der im Hause Schumann verkehrte und mit dem Musikerehepaar häufig öffentlich musizierte.65 Wäre das kein Anlass für Alexander gewesen, seinen Lehrer spielen zu hören? Man kann zumindest mutmaßen, dass dem gelehrigen Schüler im Unterricht auch die neu esten Geigenwerke Schumanns nahegebracht worden sein dürften. 2.4. Familie Ritter als Wagnerianer der ersten Stunde Nach den Uraufführungen von Rienzi und Holländer, spätestens aber seit Tannhäuser und der triumphalen Aufführung der „Neunten“ war Richard Wagner endgültig zum Idol für Hans von Bülow und die Ritter-Brüder geworden. Eine Anekdote aus dieser Zeit, die sich schon in Glasenapps großer Wagner-Biographie findet66, also höchstwahrscheinlich von Alexander Ritter selbst herrührt, wird auch von Rösch wiedergegeben, als habe er sie aus erster Hand gehört: „Gar oft hat es Alexander Ritter auch in seinen späteren Jahren noch erzählt, dass sie »seit jener Neunten anno 1846« jedes Mal, wenn sie auf dem Wege von oder zur Schule an dem von Wagner damals bewohnten Hause in der Ostra-Allee vorbeikamen, hier mit begeisterter Ergebenheit »Hut ab!« vorübergingen und so dem innigst verehrten Meister eine stumme Ovation darbrachten“.67 Karl Ritter und Hans von Bülow waren mittlerweile um die sechzehn Jahre alt, und längst war aus kindlicher Be wunderung ernsthaftes Interesse und wachsendes musikalisches Ver- 64 Vgl. ebd., S. 22. 65 Vgl. Uhrig, Die Schumanns, S. 51 f. 66 Vgl. Glasenapp, Wagner Bd. II, S. 141. 67 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 83. Vom „Schulweg“ ist bei Glasenapp indes nicht die Rede. Eingedenk der bereits ausführlich erörterten Frage des Schulbesuchs sei aber auch diesem Hinweis (buchstäblich) nachgegangen: Die Ostra-Allee liegt vom Zuhause der Ritters in der Waisenhausstraße aus weder auf dem Weg zur Kreuzschule noch Richtung der Großen Plaunschen Gasse, wo sich das Vitzthum’sche Gymnasium befand, d. h. auch diese „Spur“ – verläuft sich. 50 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens ständnis hervorgegangen. So nachvollziehbar dies ist, so ist doch die Tatsache, dass die ganze Familie Ritter – und hier kommt endlich auch die Mutter Julie wieder ins Spiel – schon so früh eine ungewöhnliche, mehr als übliche Verehrung für Richard Wagner an den Tag legte, nicht ganz einfach zu erklären. In den Erinnerungen des jungdeutschen Schriftstellers Karl Gutzkow, der seit 1845 Dramaturg am Dresdner Hoftheater war, findet sich eine beachtenswerte Passage: „Ich hörte nur noch bei jeder Vorstellung einer Wagner’schen Oper […] die outrirteste Beflissenheit des kundgegebenen Beifalls, den Anfang dieser in ganz Deutschland organisirten Claque, die Wagner, Liszt u. A. einst in der Geschichte der Kunst zu verantworten haben werden. Hinter mir im Theater raste förmlich mit demonstrativem Fanatismus eine deutsch-russische Familie, die im Wagnercultus das Unglaubliche leistete. Sie gab in Dresden für diese Schwärmerei den Ton an. Frauen der höheren Gesellschaft, sinnliche Naturen, Männer von weibischem Gepräge haben sich dann die Pflege der Wagner-Musik an anderen Orten und in gleicher Weise zu ihrem besonderen Geschäft gemacht“.68 Sollte es etwa zu spekulativ sein, diese „deutsch-russische Familie“ als Julie Ritter und Ihre Kinder zu identifizieren – oder liegt es nicht vielmehr ganz auf der Hand? Dann allerdings kann wahrlich mit Berechtigung von Enthusiasmus der Ritters die Rede sein. Der erklärte Wagner-Gegner Gutzkow sah aus seinem Blickwinkel freilich nur notorische Claqueure und Fanatiker in ihnen. Dass es durchaus nicht völlig abwegig ist, sich Familie Ritter als laute und auffällig agierende „Groupies“ vorzustellen, lässt ein Brief Hans von Bülows an seine Mutter vom 24. Juni 1848 erah nen. Ihr war offenbar etwas in dieser Richtung kolportiert worden und sie hatte ihren Sohn zur Rede gestellt. Dessen Beschwichtigung ist dann im Grunde gleichzeitig ein Eingeständnis: „Die Theatergeschichte ist mir sehr unangenehm, weil sie es Dir ist. Aber ich habe wahrhaftig mich nicht im Geringsten unanständig im Parterre betragen. Überdies war ich stets mit Ritters darin, die müßten also doch was wissen. Im Prinz Eugen [Oper von Gustav Schmidt, Anm. d. V.] habe ich mit Ritters sowie man applaudirte, gezischt, und das thun Alle, das ist kein »dummer Streich«. Das thut man auf den ersten Plätzen auch, die Damen natürlich nicht“.69 Man kann aus ihr die verschworene Verbindung Bülows zu „den Ritters“ herauslesen, dass sie gemeinsam öfters im Theater waren und dass sie sich mit ihren Meinungsäußerungen keinesfalls zurückhielten. Stücke, die missfielen wurden ausgezischt (man begegnet im 19. Jh. stets dem „Zischen“ – das „Buh“ ist eine neuere Erfindung) und Werke, deren Richtung man sich verpflichtet fühlte, dementsprechend bejubelt. Der Ton der Rechtfertigung in Bülows Brief kommt übrigens nicht von Ungefähr. Seine Freundschaft zur Familie Ritter stieß bei seiner Mutter Franziska von Bülow auf Skepsis und Ablehnung. Trotz ihrer Beziehungen zu Dresdner Kultur größen, war es für die konservative Frau undenkbar, dass ihr so offensichtlich begabter Sohn die Musik zum Beruf machen könnte. Später, nachdem Bülow mit 68 Gutzkow, Karl: Rückblicke auf mein Leben, Berlin 1875, S. 319–320. 69 Bülow, Briefe I-1, S. 109 f. Gemeint ist die Oper Prinz Eugen, der edle Ritter von Gustav Schmidt, die am 27.7.1847 in Frankfurt/Main uraufgeführt und in Dresden am 30.4.1848 zum ersten Male gegeben worden war. 51 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner Karl Ritter zu Wagner nach Zürich durchgebrannt war, erteilte sie ihrem Sohn tatsächlich ein regelrechtes Umgangsverbot mit den Ritters in Dresden. 2.5. Der persönliche Kontakt zu Wagner – ein unerfüllter Wunsch Geht man der Frage nach, wann und wie die drei Teenager den verehrten Komponisten endlich auch persönlich kennengelernt haben könnten, wird man feststellen müssen, dass es widersprüchliche Angaben, aber keine klaren Quellen gibt. Birkin z. B. erweckt den Eindruck, die Ritters hätten schon vor Bülow und sozusagen von vornherein mit Wagner verkehrt. Er spricht vom „enviable advantage of access to the Wagner circle“.70 Wahrscheinlicher scheint es hin gegen, dass Bülow es war, dem es vergönnt war, Wagner als erster kennenlernen zu dürfen. Rösch geht davon aus, dass die „drei unzertrennlichen Wagnerianer“ ihr Idol „sehr bald nach jenem Palmsonntags-Concert des Jahres 1846“ gemeinsam zum ersten Mal kennengelernt hätten: „Die Be kanntschaft hatte ein Orchestermusiker der Hofcapelle vermittelt, also wahrscheinlich Sascha’s Leh rer, der Concertmeister Franz Schubert“.71 Als Zeugnis dieses Kennenlernens zitiert Rösch den Ein trag Wagners in Bülows Album vom 29. Juli 1846.72 In der Tat ist dieser berühmte Albumeintrag73 die erste verlässliche Quelle, die ein Zusammentreffen Bülows mit Wagner beglaubigt. Wagner selbst er wähnt in seiner Autobiographie Mein Leben den Besuch des jungen Bülow in „Groß-Graupe“ (dem heutigen Groß-Graupa), wo er sich im Sommer 1846 aufhielt, um an seinem Lohengrin zu arbeiten. Allerdings führte ihn entgegen Röschs Version Konzertmeister Lipiński bei Wagner ein, und von den Ritter-Brüdern ist überhaupt nicht die Rede: „Zuweilen erhielt ich Freundesbesuche aus Dresden, unter denen sich eines Tages der damals sechzehnjährige Hans von Bülow in der Begleitung Lipinskys zu meiner Freude, da ich schon früher auf seine große Teilnahme für mich aufmerksam geworden war, meldete“.74 Schubert war zu jener Zeit erst Vizekonzertmeister, und es war tatsächlich Lipiński, der im Hause der Bülows verkehrte – zwei Hinweise darauf, dass Rösch hier irrt, und ein gemeinsames erstes Treffen der drei Freunde mit Wagner in Graupa wohl ausgeschlossen ist. Es war Bülow alleine, dem hier ein Herzenswunsch erfüllt wurde. Vielleicht wurden das Zusammentreffen mit Wagner und der Stammbuch-Eintrag im Bewusstsein eines baldigen Abschieds von Dresden herbeigeführt, denn im Herbst 1846 verließ Familie von Bülow die Elbestadt und zog nach Stuttgart. 70 Vgl. Birkin, Bülow, S. 10. Er begründet diese These mit der irrigen Behauptung, Alexander Ritter habe schon Ende der 40er Jahre um Franziska Wagner geworben. Hierauf wird noch zurückzukommen sein (vgl. Leben II-4.3.). 71 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 83. 72 Ebda. S. 83. Hausegger übernimmt diese Darstellung. Vgl. Hausegger, Bild, S. 14. 73 Abgedruckt auch in Bülow, Briefe I-1, S. 85. Weitere Stammbuchblätter des Jahres 1847 stammen zudem von Hoffmann von Fallersleben, Ludwig Tieck und Gustav Schwab. 74 Vgl. Wagner, Leben, S. 350. 52 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Dessen ungeachtet muss aber zumindest auch Karl Ritter um das Jahr 1846 die persönliche Bekanntschaft Wagners gemacht haben. In Mein Leben taucht der Name Karl Ritter interessanter weise zum ersten Mal gemeinsam mit dem Jessie Laussots auf. Die schon erwähnte Jugend freundin und Tochter von Ann Taylor war mittlerweile in Bordeaux verheiratet und zu Besuch zurück in Dresden, als sie gemeinsam mit Karl Ritter im März 1848 Wagner ihre Aufwartung gemacht haben soll: „Um diese Zeit meldete sich eines Tages eine junge, in Bordeaux verheiratete Engländerin, Mme Jessie Laussot, in Begleitung des kaum achtzehnjährigen Karl Ritter zu einem Besuche bei mir an. Der junge Mann, von deutschen Eltern in Rußland geboren, gehörte mit seiner Familie den nordischen Ansiedlerkreisen an, welche in Dresden der dort so angenehm sich bietenden künstlerischen Genüsse wegen sich dauernd niederließen. Ich entsann mich, ihn schon nicht lange nach den ersten Auffüh rungen des »Tannhäuser« einmal empfangen zu haben, als er mich um meine Namensschrift in ein dem Musikhändler entnommenes Exemplar der Partitur jener Oper gebeten hatte“.75 Aus dieser Schilderung lässt sich also – neben dem Fortbestehen des engen Kontakts Karls zu Jessie – entnehmen, dass Ritter sich seinem Idol zunächst als „Autogrammjäger“ genähert hatte, ein Vorgang, der ganz der Bülow’schen Bitte um einen Albumspruch entspricht. In beiden zitierten Stellen aus Mein Leben fällt auf, dass Wagner sich bei den geschilderten „ersten“ Begegnungen vage an noch frühere, flüchtige Eindrücke erinnert. Auch auf Bülow war er ja „schon früher […] aufmerksam geworden“. Gut denkbar also, dass sich die beiden Fünfzehnjährigen – womöglich mit Alexander im Schlepptau – „nicht lange“ nach der Tannhäuser-Premiere erstmals ein Herz gefasst und Wagner angesprochen hatten. Was das von Wagner beschriebene Zusammentreffen mit Karl und Jessie angeht, wirft die Da tierung noch Fragen auf. Die erste fassbare Quelle, aus der sich ein Umgang Ritters mit Wagner schließen lässt, sind nämlich Briefe Bülows, die bereits 1847 entstanden sind. Familie von Bülow hatte sich im Herbst 1846 entschlossen, ihren Wohnsitz nach Stuttgart zu verlegen, sodass Hans den Rest seiner Schullaufbahn bis zum Abitur dort bestritt. Auch seine musikalische Ausbildung wurde in Stuttgart fortgesetzt und durch einen ersten öffentlichen Auftritt als Pianist vorläufig gekrönt. Er fand in der neuen Stadt mit Joachim Raff auch erneut einen exzellenten Musiker-Freund, blieb aber seinen alten Dresdner Freunden treu und hielt regen Briefkontakt. Von den Briefen Bülows an die Ritters sind nur wenige bekannt, berühmt aber ist der Brief Richard Wagners vom 2. September 1847 an Bülow, der ihn via Karl Ritter erreichte, und der auch die erste überlieferte Erwähnung Karl Ritters durch Wagner darstellt. Ritter76 hatte Wagner Bülows Kompositionen vorgelegt77 und übermittelte dann das wohlmeinende Lob des Kapell meisters für diese frühen Versuche an seinen Freund: „Ihre Arbeiten, lieber Herr von Bülow, haben mir viel Freude gemacht; ich wollte 75 Ebd., S. 374 f. 76 Erstaunlicherweise verwechseln die neuesten Biographen Bülows an dieser Stelle Karl Ritter mit seinem Bruder Alexander. Siehe Walker, Bülow, S. 40 und Birkin, Bülow, S. 15. 77 Hans von Bülow am 30. August 1847 an seine Mutter: „Ritter hat meine Compositionen dem Kapellmeister Wagner gegeben und wird mir nächstens schreiben“. In: Bülow, Briefe I-1, S. 75. 53 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner sie Ihrem Freunde Ritter nicht zurückgeben, ohne sie mit einem ermunternden Zuruf an Sie zu begleiten. […] Fahren Sie fort u. lassen Sie mich bald wieder etwas sehen!“.78 Ein Brief Bülows an seine Mutter vom 7. September 1847, in dem er ihr stolz von diesem Lob berichtet, gewährt erstmals einen kleinen Einblick in die Entwicklung seines Freundes Karl Ritter. Es ist darin von Kompositionen die Rede – „einige Lieder, eine mir decidirte Sonate und ein halbes Streichquartett“ –, die Bülow auch gleich in Kritiker-Manier beurteilt: „Es sind sehr hübsche, origi nelle Ideen darin, aber die Form natürlich noch ziemlich ungeschickt und abnorm“, und man gewinnt den Eindruck eines bereits recht zutraulichen Verkehrs mit Wagner: „Als Ritter zum Kapellmeister [Wagner], der gerade Besuch hatte, kam, sagte dieser, auf meine Arbeiten deutend, leise zu Ritter: ein unverkennbares Talent“.79 Es ist demnach nicht zu bezweifeln, dass Ritter und Wagner im Herbst 1847 bereits so gut bekannt waren, dass der junge Musiker den Kapellmeister zwanglos besuchen und ihm Kompositionen vorlegen konnte. Woraus sich ein näheres Kennenlernen spä testens im Sommer 1847 folgern lässt. Was Wagner in Mein Leben im Folgenden beschreibt, ist dem zufolge womöglich einige Monate früher als dort angegeben (März 1848) zu datieren: „Den jungen Ritter lud ich ein, mich nach Belieben zu besuchen und zu Zeiten mich auf meinen Spaziergängen zu begleiten“.80 An eine besondere Art Spaziergang erinnerte Richard Wagner sich laut Cosimas Ta gebuch noch 1882 lebhaft: „er erzählt von der Jugend von Bülow[s], wie dieser mit Karl Ritter sich über Reißiger laut lustig gemacht hätte, indem er auf der Straße hinter R. [Richard] ging“.81 Hiller und Schumann In dieser Zeit, als Karl Ritter sich an erste Kompositionen wagte und sie mit seinem Freund Bülow diskutierte, suchte und erhielt er auch erstmals Unterricht bei einem renommierten Komponisten. Aber trotz des mittlerweile bestehenden Kontakts zu Wagner war nicht er es, der dem jungen Ritter Stunden gab. Müßig, zu spekulieren, ob er eine Anfrage Ritters abgelehnt hatte, oder ob dieser sich lieber einen erfahreneren Theorielehrer suchte, ungeachtet welcher Richtung dieser zuzurechnen war. Karl Ritters erster Lehrer wurde jedenfalls Ferdinand Hiller. Dieser war 1844 nach Dresden gekom men und durch seine Konzertreihe und seinen Salon eine feste musikalische Größe in der Stadt geworden. Leider ist über den Unterricht, den Karl Ritter bei Hiller erhielt, gar nichts bekannt. Nicht, wann er begann und nicht, welche Inhalte dabei auf welche Weise vermittelt wurden. Als Hiller Dresden 1847 wieder verließ, um nach Düsseldorf zu gehen, setzte Karl Ritter seinen Un terricht bei einem anderen bedeutenden Komponisten fort: „Ferdinand Hiller übergab mich bei seiner Abreise an Robert Schumann“, erinnerte er sich 1885.82 78 Richard Wagner an Hans von Bülow, Dresden, 2.9.1847. In: Wagner, Briefe II, Leipzig 1970, S. 561. Der Brief Wagners an Karl Ritter, in den der Brief an Bülow eingelegt war, ist verschollen, wie leider fast alle Briefe zwischen den beiden. 79 Hans von Bülow an Franziska von Bülow, 7.9.1847. In: Bülow, Briefe I-1, S. 77 f. 80 Vgl. Wagner, Leben, S. 375. 81 Vgl. Wagner, Cosima: Tagebücher II, S. 869. 82 Brief Ritters an Hermann Erler vom 22.2.1885. Zitiert nach: Jost, Karl Ritter, S. 186. Original im Robert- Schumann-Haus, Zwickau. 54 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Der Unterricht, den Karl Ritter bei Schumann genoss, ist durch Briefäußerungen und Tage buchaufzeichnungen Schumanns etwas besser dokumentiert.83 Zwischen dem 18. November 1847 und dem 27. Januar 1849 erhielt Karl insgesamt 56 Unterrichtsstunden. Die kurzen Einträge in Schumanns Haushaltsbuch lauten: „Abends Mad. Ritter a. Petersburg“ (11.11.), „Besuch d. jungen Ritter“ (15.11.), „1. Stunde v. Ritter“ (18.11.) und „Besuch b. Mad. Ritter“ (12.12.).84 Der Preis einer Unterrichtsstunde betrug zwei Taler, wie sich aus den akribischen notierten Abrechnungen (z. B. vom 16.12.) erschließt: „Von Mad. Ritter für 6 Compositionsstunden an ihren Sohn. 12.-“.85 Eigens für seinen Schüler Karl Ritter hatte Schumann ein „Lehrbuch des Contrapuncts und der Fuge“86 er stellt, das auch Frucht seiner eigenen Beschäftigung mit Kontrapunkttechniken (1845 nannte er sein „Fugenjahr“) war und größtenteils ein Exzerpt der Theorie des Contrapunktes und der Fuge von Luigi Cherubini87 darstellt. Am Ende des 64 Seiten umfassenden Autographs steht die Schluss bemerkung: „Den 2ten Sept. 48 mit Ritter beendigt“.88 Seinem Freund Hiller berichtete Schumann von den Fortschritten des ehemaligen Schülers („Deine Hinterlassenschaften“) am 10. April 1849: „Den jungen Ritter, hab’ ich glaub’ ich, ein Stück vorwärts gebracht. Eine entschieden musikalisch organisierte Natur, aber freilich noch sehr unklar; ich weiß nicht, ob er einmal sehr Bedeutendes leisten wird, oder spurlos verschwinden. Er bedürfte einer fortwährenden Leitung“.89 Die „fortwährende Leitung“ versprach sich Ritter dann später noch von Richard Wagner. Zunächst aber waren mit Hiller und Schumann zwei Vertreter der Leipziger Schule um Felix Mendelssohn, deren Klassizität schon bald junge Wagner-Verehrer zu entschiedener Opposition reizte, seine Lehrer. Gewiss, auch Hans von Bülow hatte zunächst konservative Lehrer – er hatte allerdings auch eine konservative Mutter und Verwandtschaft. In Dresden war es Max Karl Eberwein, der ihn Theorie lehrte und Friedrich Wieck, der ihm Klavierunterricht gab. Bei seinen regelmäßigen Aufenthalten in Leipzig bei der Familie Frege musizierte er mit Mendelssohn, be gegnete Clara Schumann, erhielt Unterricht am Klavier bei Henry Litolff und Theoriestunden bei Moritz Hauptmann. Man muss sich diesen Sachverhalt bewusst vor Augen führen, da Biographen gern mit teleologischen Modellen aufwarten und besonders im Falle Alexander Ritters das Bild des Wagnerianers von der ersten bis zur letzten Stunde etabliert haben. Unbestrittener Fakt ist, dass Ritters und Bülow in der Tat schon in sehr jungen Jahren regelrechte Richtungsanhänger Wagners und Liszts wurden, und dass die Umstände der frühen Zeugenschaft das vorrangig Bemerkenswerte ihrer Biographien bleibt – das heißt aber nicht, dass man die vielseitigen Ein flüsse der aus späterer Sicht „konservativen“ Strömungen ausblenden sollte. Es lässt sich jeden falls festhalten, dass es für „Mme 83 Vgl. Jost, Karl Ritter. 84 Vgl. Schumann, Robert: Tagebücher, Bd. III, Leipzig 1982, S. 444–447. 85 Ebd., S. 674. 86 Veröffentlicht in: Robert Schumann, Neue Ausgabe sämtlicher Werke, VII/3/5 (hrsg. von Hellmut Federhofer und Gerd Nauhaus, Mainz 2003. Edition (S. 197–330) und Kommentar (S. 331–344). 87 Das von Schumann verwendete Exemplar der deutschen Übersetzung Franz Stoepels ist faksimiliert wiedergegeben in: Ebd., S. 3–195. 88 Ebd., S. 324 f. 89 In: Erler, Hermann: Robert Schumann’s Leben. Aus seinen Briefen, Bd. II, Berlin 1887, S. 77. 55 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner Ritter“, die „Fanatikerin“, kein Unding war, ihren Sohn Karl zu Robert Schumann in Unterricht zu geben. Ein Besuch Wagners im Hause Ritter Ob auch Alexander von diesem Schumann’schen Theorieunterricht etwas durch seinen Bruder mitbekam, ist nicht gesagt. Hervorgehoben sei aber nochmals der Tagebucheintrag Schumanns, laut dem er mindestens einmal im Hause Ritter zu Gast war. Nirgends gedenken Ritters oder deren Biographen später eines solchen Besuches – ganz im Gegensatz zu der ebenfalls bloß einmaligen Visite Richard Wagners im Jahre 1849, die mehrfach ehrfürchtige Erwähnung findet. Dieser Be such Wagners in der Waisenhausstraße im Januar 1849 galt Karl und seinen kompositorischen Ambitionen, er machte allerdings auf die gesamte Familie Ritter Eindruck. Insbesondere Julie Ritter scheint Wagner in der Kürze seines Besuchs soweit für sich eingenommen zu haben, dass sie sich einige Monate später ohne weiteres zu einer finanziellen Unterstützung des Flüchtlings Wagner entschloss. Wagner gedenkt der Begegnung mit ihr in Mein Leben: „Ich hatte sie nur einmal in Dresden gesehen, als Karl mich gebeten hatte, der Aufführung eines Quartettes von sich in der Wohnung seiner Mutter zugegen zu sein; es hatte mich freudig erregt, die verehrungsvolle Ergebenheit in jeder Begegnung der Glieder der Familie wahrzunehmen. Die Mutter hatte wenig gesprochen, nur als ich mich zeitig entfernen mußte sprach sie ihren Dank für mei nen Besuch unter hervorbrechenden Tränen aus“.90 Als eine weitere Augenzeugin erinnerte sich Alexandrine Ritter, Alexanders und Karls Schwester, knapp fünfzig Jahre nach dem fraglichen Abend in einem Brief an Friedrich Rösch: „Mein Bruder Carl hatte Wagner schon früher persönlich kennen gelernt, und Wagner schien sich für das Talent meines Bruders zu interessiren. Hierdurch ermuthigt, brachte Carl dem von ihm so verehrten Meister eine Composition (ein Streichquartett) von sich, um ein Urtheil darüber zu erbit ten. Da Wagner wünschte, das Quartett ausführen zu hören, bat mein Bruder ein paar ihm bekannte Kammermusiker, es ihm vorzuspielen. Wagner kam dazu das erste und einzige Mal in unser Haus. […] kaum war das Quartett beendigt, ging Wagner sehr eilig fort, weil er anderweitig schon versagt oder beschäftigt war“.91 Aus einem Brief Bülows erfahren wir zudem Näheres darüber, wie Karl Ritter den Besuch Wagners er lebt hatte: „Soeben habe ich einen Brief von Ritter erhalten, der mir von seiner Quartettunterhaltung schreibt. Wagner ist gekommen. Die Musiker haben gesagt, sie könnten meine Stimmen schon zur Noth lesen, doch W. hat gemeint, er fände es zweckmäßiger, wenn mein Quartett auch in meiner Gegenwart gespielt würde. Ritters Composition ist, außer einem 90 Vgl. Wagner, Leben, S. 457. 91 Alexandrine Ritter an Friedrich Rösch, 31.12.1897. In: Rösch, Mahnruf, S. 95. 56 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Abb. 2: Alexander Ritter mit seiner Mutter Julie vorher probirten Satze, außerordentlich schlecht gegangen, W. hat aus der Partitur dirigiren und so das Ganze zusammen halten müssen“.92 Dieser Brief an Bülows Mutter ist auf den 19. Januar 1849 datiert, die „Quartettunterhaltung“ im Hause Ritter muss also kurz davor stattgefunden haben. Außer dieser kollektiv-familiären Begegnung, von der meist schlicht angenommen wird, dass auch Alexander Ritter zugegen war, gibt es jedoch keine konkreten Hinweise auf ein persönliches Zusammentreffen des kleinen Alexander mit Richard Wagner in den Dresdner Jahren. Er selbst spricht von einem „Kennenlernen“ Wagners so gar erst 1861, als er ihm im Rahmen der Tonkünstlerversammlung in Weimar begegnet war.93 Damit ist eine wesentliche Annahme bisheriger Ritter-Biographik im Grunde obsolet: Das Verhält nis Alexander Ritters zu Richard Wagner zeichnet sich – trotz des denkbar frühsten Kontaktes mit Wagner’schen Werken – eben nicht durch ungehinderten und selbstverständlichen Zugang des Jüngeren zum Meister aus – wie das beim Bruder Karl der Fall gewesen sein mag –, sondern im Gegenteil durch eine gemessen an den scheinbar idealen Voraussetzungen ziemlich späte und wie sich zeigen wird problematische Annäherung aus. 92 Bülow, Briefe I-1, S. 140. 93 „Denke dir[,] daß ich dort [Weimar, Anm. d. V.] Wagner kennen gelernt habe, der sich sehr nach dir erkundigte und dir viele Grüße schickt.“ Ritter an seine Schwester Julie Kummer vom 23.7.[?]1861 (SBB; Mus.ep. Alexander Ritter 29) Unveröffentlicht. Vgl. Leben III-8.3. 57 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner Beethovens IX. Symphonie unter Wagner Zumindest relativ nahe kam Alexander Ritter Wagner aber schon Anfang 1849, als für die dritte Aufführung der IX. Symphonie Beethovens unter Wagners Leitung erneut intensiv geprobt wurde. Der mittlerweile Fünfzehnjährige saß damals als Geiger im Orchester und wirkte so am großen Ganzen mit. Der Konzerttag am Palmsonntag, dem 1. April 1849, war gleichzeitig der Tag seiner Konfirmation. Rösch erzählt dazu eine Anekdote, laut der Julie Ritter den Beden ken des Pastors, die Mitwirkung des Konfirmanden an einem Konzert entweihe diesen wichtigen Tag, vehement entgegentrat.94 Gesichert ist im Zusammenhang mit der „Neunten“ von 1849 dar über hinaus eine weit politischere Anekdote, wonach bei der Generalprobe am 31. März niemand an derer als der berüchtigte Anarchist Michail Bakunin sich zu einer flammenden Ansprache an das Orchester und die Anwesen den hinreißen ließ, in der er forderte, „daß wenn alle Musik bei dem erwarteten großen Welten brande verlorengehen sollte, wir für die Erhaltung dieser Symphonie mit Gefahr unseres Lebens einzustehen uns verbinden wollten“.95 Die musikalischen Eindrücke, die Alexander Ritter von Wagner als Dirigent bei dieser Gelegen heit empfing, blieben ihm tief im Gedächtnis. Über dieses persönliche Erleben Wagners als Diri genten, wie auch über Details zu den Uraufführungen von Rienzi, Holländer und Tannhäuser gab er noch in späten Jahren schriftlich und mündlich Auskunft. So berichtet er z. B. in seinem Aufsatz Einiges über Concertmeisterthum von 1879, wie Wagner bei der Ausführung der Chorstelle „Seid umschlungen Millionen“ im letzten Satz der „Neunten“ ein Portamento durchsetzte.96 Später konnte er sich damit schmeicheln, als sozusagen letzter lebender (und nicht vom Glauben abgefallener) Zeuge dieser frühen Periode Wagners, vom inne ren Kreis der Wagnerianer, z. B. dem Biographen Carl Friedrich Glasenapp, dem Herausgeber der Bayreuther Blätter Hans von Wolzogen und gar von Cosima Wagner selbst, zu Rate gezogen zu werden. 2.6. Die Ereignisse der Revolution 1849 – Ende der Jugendjahre in Dresden Hans von Bülow, der im Frühjahr 1848 in Stuttgart sein Abitur absolviert hatte, nahm noch im April in Leipzig ein Jurastudium auf. Seine Eltern bestanden darauf, und er fügte sich trotz seines eindeutigen Drangs zur Musik zunächst ihrem Willen. Er lebte damals erneut bei seinen Verwandten, den Freges, bei denen er sich rasch sehr eingeengt und unwohl fühlte. Gewiss war er froh, dass ein Jahr darauf sich auch Karl Ritter an der Universität Leipzig inskribierte – und vielleicht nicht ganz unschuldig daran. Bülow war für die Ritter-Brüder nicht ganz aus der Welt, son dern kam wohl des Öfteren ins unweite Dresden herüber, wo seine Mutter nach der Scheidung von ihrem Mann nun wieder lebte. Er ging weiter mit Ritters zusammen in die Dresdner Oper (Brief vom 24. Juni 184897) und es kam zu weite- 94 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 95. Die Kirchenbücher der Annenkirche existieren heute nicht mehr, sodass Datum und Umstände von Ritters Konfirmation sich nur durch Röschs Angaben wiedergeben lassen. 95 Vgl. Wagner, Leben, S. 397 f. 96 Ritter, Alexander: Einiges über Concertmeisterthum. In: Musikalisches Wochenblatt, 2. Jg. 1871, Nr. 19 (S. 291–295), S. 294. Auch Wagner selbst schildert seine Probenarbeit ausführlich in: Wagner, Leben, S. 345. 97 Hans von Bülow an Franziska von Bülow, Leipzig, 24.6.1848. In: Bülow, Briefe I-1, S. 105 ff. 58 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens ren Begegnungen mit Richard Wagner. Wie nahe Hans und Karl dem Komponisten mittlerweile gekommen waren, zeigt eine Einladung in Wagners Wohnung anlässlich der ersten Lesung seines neuen Dramas Siegfried’s Tod. Geladen waren sonst nur noch die engen Wagner-Freunde Gottfried Semper, Ferdinand Heine, Wilhelm Fischer und Gustav Adolf Kietz. Letzterer berichtete später folgende Anekdote: „Zuletzt traten noch die Musiker Hans v. Bülow und Karl Ritter ein, höchst feierlich im Frack, weißer Binde, die Zylinderhüte im Arm. Scher zend trat ihnen Wagner mit den Worten entgegen: »Ach, meine Herren, Sie tun mir zu viel Ehre an«“.98 Einen weiteren Hinweis auf den regelmäßigen Umgang Wagners mit den beiden jugendlichen Adepten findet man in Wagners Mein Leben. Dort nimmt er alsbald eine erste Charakterisierung Karl Ritters im Kontrast zu Hans von Bülow vor, die, bei aller Richtigkeit, zum Zeitpunkt als Wagner sich erinnerte, schon durch erst noch kommende Entwicklungen gefärbt scheint: „Den jungen Ritter lud ich ein, mich nach Belieben zu besuchen und zu Zeiten mich auf meinen Spa ziergängen zu begleiten. Seine außerordentliche Schüchternheit schien ihn jedoch so weit hiervon abzuhalten, daß ich nur höchst selten ihn bei mir gesehen zu haben mich erinnere. Mehrmals er schien er jedoch sodann mit Hans von Bülow, mit dem er genauer befreundet worden war und wel cher bereits die Leipziger Universität als Studiosus juris bezogen hatte. Bei diesem weit gesprächi ger und fließender sich mitteilenden jungen Manne gab eine gleich warme und innige Ergebenheit an mich sich deutlicher und zur Erwiderung veranlassender zu erkennen. An dem letzteren ge wahrte ich zuerst die laut sprechenden Abzeichen des nun eingetretenen politischen Enthusiasmus. An seinem wie an seines Vaters Hute prangte mir die schwarz-rot-goldene Kokarde entgegen“.99 In der Tat war Hans von Bülow, wie auch sein Vater Eduard, vom Fieber der politischen Ereignisse ergriffen. Er stand auf der Seite der demokratischen Freiheitsbewegung und trug nicht nur stolz die Farben Schwarz-Rot-Gold, sondern plante im Mai 1849 sogar – auf dem Höhepunkt der Unruhen und in Kenntnis der Beteiligung Wagners am Aufstand in Dresden –, zusammen mit Karl in Leipzig „bei einem Schützen-Unteroffizier Unterricht im Execiren und Gebrauch der Schießwaffen zu nehmen“.100 Ob es wirklich dazu kam ist fraglich. Im nächsten Brief an seine Mutter heißt es: „Den Fechtunterricht habe ich leider noch nicht beginnen können, weil Ritter für den Augenblick aus Über fluß an Geldmangel – eine ansteckende Krankheit – nicht kann“.101 Während Karl im März 1849 in Leipzig sein Aufnahme-Examen für die Universität absolvierte und sich nach dessen Bestehen dann im April dort mit Unterstützung Bülows ein Quartier suchte,102 also gerade daran war, Dresden zu verlassen, spitzte sich die politische Situation in Deutschland weiter zu. Nach der Verabschiedung einer Verfassung in der Frankfurter Paulskirche am 28. März hatte der Preußische König Friedrich Wilhelm IV. am 3. April die ihm angetragene Kaiserkrone abgelehnt. Dresden war im Folgenden einer der Brennpunkte, in dem es zu revolutio nären Erhebungen kam. Im sogenannten Dresdner Maiaufs- 98 Vgl. Kietz, Erinnerungen, S. 69. 99 Vgl. Wagner, Leben, S. 375. 100 Hans von Bülow an Franziska von Bülow, Leipzig, 21.5.1849. In: Bülow, Briefe I-1, S. 169. 101 Hans von Bülow an Franziska von Bülow, Leipzig, 21.6.1849. In: Ebd., S. 177. 102 Siehe Briefe Bülows vom 8.3., 15.3.und 26.4.1849. In: Bülow, Briefe I-1, S. 157, 159 und 160. 59 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner tand vom 3. bis 9. Mai wurden erbit terte Barrikadenkämpfe geführt, ehe der Aufstand schließlich blutig niedergeschlagen wurde. Am 6. Mai brannte das alte königliche Hoftheater, der Pöppelmann-Bau von 1719, in dem Wagner sei nen Triumph als Dirigent der IX. Symphonie Beethovens gefeiert hatte, vollkommen nieder – un ter den Augen Wagners, dem man später sogar eine Beteiligung an der Brandlegung andichtete. Auch ohne Brandstiftung war der königliche Kapellmeister allerdings tief genug in die Ereignisse verstrickt. Am 9. Mai musste er aus Dresden fliehen und wurde „wegen wesentlicher Teilnahme an der […] aufrührerischen Bewegung“ steckbrieflich gesucht.103 Wie verhielten sich nun aber Ritters während der Unruhen? Blieben sie in der Stadt, oder zogen sie sich in die nähere Umgebung zurück? Bekannt ist z. B., dass die Schumanns am 5. Mai die Stadt verließen und auf dem Landgut Maxen des bekannten Mäzens Friedrich Anton Serre Ruhe vor dem Revolutionsgetöse suchten. Wie ein in der Stadt verbliebener Künstler, der nicht unmittelbar in die revolutionären Handlungen verstrickt war, die Situation subjektiv-betroffen und doch distanziert wahrnahm, zeigt hingegen das Tagebuch des Dramaturgen Eduard Devrient. Dieser notierte am 4. Mai: „Warm, wunderschön, alle Bäume in vollster Blüte, und drinnen in der Stadt fand ich die Barrikaden alle fertig und fest. Pflaster und Schleusen aufgerissen, Sensenmänner vom Lande, allerlei Zuzug, Gesindel umher“. Und am Tag darauf: „Bald begann das Feuern in der Stadt wieder. Die Schützenkompanien von Leipzig führten den Kampf am lebhaftesten; das Rot tenfeuer klang gräßlich. Fünf Stunden währte der Kampf, dann wurde es wieder still.“ […] „Es war paradiesisch schön im Garten, balsamische Luft, der schönste Sonnenschein über Rasen und Blüten bäume ausgegossen, die Vögel singen um die Wette. Dazu prasselte das Gewehrfeuer, donnerten die Geschützsalven aus der inneren Stadt. Gräßliche Verwirrung des Menschenlebens!“.104 Auch in der Waisenhausstraße, vor der Haustür der Familie Ritter, ging es hoch her. Ihr Nachbar Gottfried Semper war ein aktiver Teilnehmer des Geschehens und soll seine Architektenkennt nisse dem Barrikadenbau angedeihen haben lassen. Nach den Erinnerungen Gustav Adolf Kietz’ könnte dies mitten auf der Waisenhausstraße begonnen haben, als Semper Barrikadenbauer vor seinem Haus beobachtet hatte. Er konnte sie zu einem anderen Standpunkt am Ende der Straße überreden und zeigte ihnen dann, „wie man in Paris Barrikaden aufgebaut habe“.105 Unklar ist, wie Mutter Julie Ritter zu den Ereignissen und deren politischen Hintergründen eigentlich stand. Dass sie nicht davor zurück schreckte, den Flüchtling Wagner – persona non grata im königlichen Sachsen – zu unterstützen, macht sie wohl noch nicht zu einer Revolutionärin, auch wenn die polizeilichen Behörden später deswegen ein Auge auf sie geworfen haben könnten (vgl. Leben II-5.5.). Davon, dass sie Wagners politische Ideale teilte oder auch nur nachvollziehen konnte, ist den Briefen Wagners an sie eher wenig zu spüren. Inwieweit ihr Jüngster, Alexander, sich von seinem Bruder bzw. Hans von Bülow mit der schwarz-rot-goldenen Begeisterung anstecken ließ, bleibt ohne Nachweis. Konfirmation und Schul abschluss: Das sind die wenig revolutionären, aber eben nachvollziehba- 103 Faksimile des Steckbriefs in: Dieckmann, Friedrich: Sanfte Revolution. Richard Wagner im Dresdner Frühling. In: Richard Wagner in Dresden, hrsg. vom Dresdner Geschichtsverein e. V. (=Dresdner Hefte 112), S. 45. Zum Maiaufstand und der Rolle, die Richard Wagner dabei spielte oder nicht spielte, vgl. ebd. oder auch Gregor-Dellin, Wagner, S. 263 ff. 104 Vgl. Kabel, Rolf (Hrsg.): Eduard Devrient. Aus seinen Tagebüchern. Bd. I Berlin – Dresden 1836–1852, Weimar 1964, S. 479 f. 105 Vgl. Kietz, Erinnerungen, S. 105. 60 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens ren Ereignisse seines Le bens im Frühjahr 1849. Alexander Ritters Jugendjahre in Dresden gingen ihrem Ende zu, und er bereitete sich auf sein Violinstudium in Leipzig vor. Resümee der Dresdner Jugendjahre Ohne Zweifel kann man von einer besonderen Jugend sprechen, wenn man die eben geschilderten knapp acht Jahre überblickt. Schon im Kindesalter treten mit Bülow, Liszt und Wagner drei Namen in Alexander Ritters Leben, die nicht nur dieses fortan prägen sollten, sondern die deutsche Mu sikgeschichte des 19. Jahrhunderts überhaupt. Die Fundamente für Ritters Wirken waren damit gelegt, die Vorbilder Liszt und Wagner sollten ihn bis ans Ende seines Künstlerlebens unvermin dert leiten. Die Dresdner Oper war der Schauplatz dreier großer Wagner-Premieren. Die Faktizität der frühen Zeugenschaft Ritters steht außer Frage, und er selbst beruft sich später stets darauf – doch soll hier keineswegs zu leichtfertig in eine retrospektive Verherrlichung dieser Zeit eingestimmt werden. Man sollte nicht vergessen, dass Alexander damals wirklich noch ein Kind war – 9 Jahre alt bei den Uraufführungen von Rienzi und Holländer, 12 Jahre bei der Tannhäuser-Premiere. Mit einer Schilderung der Dresdner Jahre erzählt man daher vielleicht eher die Geschichten seines Bruders Karl und seines Freundes Bülow als die seinige. Konnte der kleine Bruder, der dreiein halb Jahre jünger war als Bülow und fast drei Jahre jünger als Karl (was für Teenager doch eine Menge ist), überhaupt so etwas wie der Dritte im Bunde sein, wie man sich das gerne vorstellen würde? Jedenfalls wuchs der Jüngste der Ritters in einem Umfeld auf, in dem irgendwann das Wagnerfieber grassierte: seine Mutter, die Schwestern, der Bruder, sein Schulkamerad waren an gesteckt – entziehen konnte er sich dem nicht. Es ist faszinierend zu beobachten, wie Ritters und Bülow eine Position suchten und fanden, indem sie sich früh gegen die klassizistische Richtung und für die spätere Zukunftsmusik entschieden. Doch auch hier gilt die Vorsicht, nicht dem retrospektiven Blick des älteren Ritter und seiner Zeitgenossen aufzusitzen, weswegen wich tig war, darauf hinzuweisen, dass in den 1840er Jahren eben noch keine Ausschließlichkeit herrschte und es Kontakte oder Kontaktmöglichkeiten z. B. zum Schumannkreis durchaus gab. Die Partei der Neudeutschen war noch nicht ausgerufen, neudeutsche Paradigmen wie Musikdrama und Symphonische Dichtung noch nicht „erfunden“, die Existenzberechtigung der Absoluten Musik noch nicht völlig in Frage gestellt. Schumann als Komponist wurde zwar nicht mehr als Vorreiter empfunden, doch er war auch noch nicht in Ungnade gefallen106, und die später teleologisch als vorbestimmt er klärte Sendung Wagners war noch nicht erkennbar. Umso erstaunlicher ist es natürlich wiederum, dass sich gleichwohl erste Ansätze des beginnenden Wagnerianertums abzeichnen. Alles, was man an Fakten in jeder Wagner-Biographie ohnehin detaillierter nachlesen kann, ist hier daher auch nur unter dem Gesichtspunkt angeführt worden, die Voraussetzungen für die Entstehung eines Wagner-Enthusiasmus, wie ihn die Familie Ritter offensichtlich bis zum Jahr 1849 ausgebil det hatte, besser verstehen zu wollen. Ob es sich dabei um einen individuellen Spleen, der mehr Verehrung eines 106 Bülows Verdikt über Schumann: „Für mich existirt eine schneidige Scheidewand zwischen dem Robert Schumann bis zu op. 41, den Streichquartetten, oder allenfalls bis op. 50 und dem jenseitigen“, das dessen Werke ab 1843 betrifft, stammt von 1863. Zitiert nach: Herrmann, jugendfrisch, S. 17. 61 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner Lieblingskomponisten, als ein spezieller Wagnerkult war, oder doch um ein pro totypisches Wagnerianertum – eine Art Blaupause für ein breites gesellschaftliches Phänomen des späteren 19. Jahrhunderts – handelte, ist sicher keine unbedeutende Fragestellung, die hier aber nicht eindeutig geklärt werden kann. Es sei hier aber noch einmal daran erinnert, dass Karl Gutzkow in eben diesem Enthusiasmus der Familie Ritter „den Anfang dieser in ganz Deutschland organisir ten Claque“107 erkennen zu können glaubte. 107 Vgl. Gutzkow, Rückblicke, S. 319. 62 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens 3. Als „Conservatorist“ in Leipzig (1849–1851) 3.1. Studienwahl Alexander Ritter war im Juni 1849 sechzehn Jahre alt geworden und damit auf dem Wege, erwachsen zu werden. Natürliche Begleiterscheinung dieses Prozesses war eine allmähliche Ero sion seines gewohnten Dresdner Umfeldes. Nach Jessie Taylor und Hans von Bülow war Anfang des Jahres auch sein Bruder Karl aus Dresden fortgegangen. Und mit dem Paukenschlag der Revolution im Mai hatte die Stadt dann von heute auf morgen ihre größte Attraktion verloren: Die Ära Wagner hatte jäh ein Ende gefunden. Wie es der Zufall wollte, deckt sich damit das Wirken des Komponisten in Dresden auf wenige Monate genau mit den Dresdner Jugendjahren Alexander Ritters seit der Ankunft aus Narva 1841 bis zum Beginn seines Studiums in Leipzig. Im Herbst 1849 war es auch für Alexander Zeit geworden, flügge zu werden und Dresden zu verlassen. Am 3. Oktober inskribierte er sich am Konservatorium der Musik in Leipzig. Die Wahl Leipzigs lag nicht nur geographisch nahe. Konservatorien, wie das 1843 von Mendelssohn gegrün dete Institut in Leipzig, waren um die Jahrhundertmitte noch nicht so zahlreich. In Dresden wurde z. B. erst 1856 durch einen gewissen Friedrich Tröstler ein Konservatorium gegründet, das freilich auch nicht mit dem Ruf des Leipziger Instituts konkurrieren konnte, das weit über das 19. Jahr hundert hinaus v.a. auch ausländische Studenten anzog und berühmte Namen unter seinen Absol venten führte. Wie aus den originalen Inskriptionsunterlagen des Konservatoriums zu ersehen, erhielt Ritter die Matrikelnummer 267. Die Inskription enthält darüber hinaus folgende Angaben: „geprüft d. 2., aufgenommen d. 3. Oct. 1849“ und: „hat das mütterliche Einwilligungszeugnis an mich abgeliefert. Wohnt vorerst im Hotel de Baviere, wird aber später mit s. Bruder der hier studirt zusammenziehen“.108 Abb. 3: Matrikel des Leipziger Konservatoriums Ein Eintrag im „Studentenverzeichnis der Stadt Leipzig“ zeigt, dass Karl Ritter am 26. April 1849 unter der Nummer 832 an der Leipziger Universität immatrikuliert worden war – und zwar im Fach Philosophie.109 Er hatte in Leipzig die heiße Phase der Revolution unter den politisierten Studenten erlebt. Hans von Bülow und Karl Ritter waren jedoch nur kurze Zeit Kommilitonen in Leipzig, denn ersterer verließ die Stadt bereits im Herbst 1849 wieder. Just als Alexander nach Leipzig kam, zog Bülow weg nach Berlin, wo er nach der Scheidung der Eltern mit seiner Mutter wohnen und sein Jurastudium fortsetzen sollte. Von dem poli- 108 Originales Inskriptionsregister und Inskription (Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ Leipzig, Hochschulbibliothek/Archiv; Signaturen A, I.1, 267 und A, I.2, 267). 109 Stadtarchiv Leipzig; Akten des Polizeiamtes der Stadt Leipzig, Studentenverzeichnis. 63 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner tisch-aufgeregten Studentenleben, das man in Bülows Briefen kennenlernen konnte, wird nach der endgültigen Niederschlagung der revolutionären Aufstände im Sommer in Leipzig nicht mehr viel übrig gewesen sein. Auch das gemeinsame Wohnen der Ritter-Brüder war dann nicht von langer Dauer: Karl brach im nächsten Frühjahr sein Studium ab und war dann ab April 1850 in Zürich bei dem Exilanten Richard Wagner wiederzufinden. Auf Familienanschluss musste Alexander 1850 allerdings nicht verzichten, denn er konnte ab diesem Jahr seine Schwester Emilie in Leipzig als Mitstudentin am Konservatorium begrü- ßen. Sie erhielt Matrikelnummer 284, wobei unklar bleibt, welches Fach sie eigentlich studiert hat, da von ihr – genauso wenig wie von Alexander – kein Zeugnis überliefert ist. Emilie war im Übrigen lediglich vom 5. April bis Weih nachten 1850 am Konservatorium eingeschrieben.110 Gewohnt haben Alexander und Emilie (auch schon Karl?) offenbar bei einer Leipziger Familie mit Namen Pietzsch. Laut Rösch war diese „auch mit der Familie Wagners bekannt“ und Alexander schloss mit ihr eine „für das ganze Leben gleich mäßig treu verbliebene Freundschaft“. Noch fast vierzig Jahre später war der Kontakt nicht abge brochen und zu der Premiere seiner Opern in Weimar 1890 seien die hochbetagten Schwestern Pietzsch extra aus Leipzig angereist.111 Wie so oft, ist man hier auf Röschs Angaben angewiesen, immerhin ist aber auch ein einzelner Brief Alexanders an eine Mathilde Pietzsch aus den 1870er Jahren überliefert, der in vertrautem Ton gehalten ist und in dem Ritter sogar finanzielle Angele genheiten über die Adressatin abwickelt, was das von Rösch entworfene Bild der jahrelangen Freundschaft durchaus bestätigt.112 Alexander Ritter studierte also Musik am Konservatorium – paradoxerweise als einziger der drei Freunde aus Dresdner Zeit. Bülow war technisch längst ein herangereifter Pianist, dem höchstens ein letzter Schliff fehlte. Er hatte namhafte Privat-Lehrer von Friedrich Wieck über Clara Schumann und Henry Litolff (alle im Übrigen durchaus akademisch-konservativ) gehabt und konnte von einem Studium an einem Konservatorium nichts mehr erwarten. Nur noch in Franz Liszt sollte er bald seinen Meister finden. Andererseits ist klar, dass Bülow seine Entscheidung, Jura zu studieren, nicht freiwillig getroffen hatte, sondern auf Wunsch seiner Eltern bzw. Mutter. Karl Ritter dagegen wäre es seitens seiner Mutter wohl freigestanden, sich für ein Studium der Musik zu entscheiden, doch stellt sich die Frage, welches praktische Fach er hätte belegen sollen, schienen seine pianistischen Fähigkeiten dafür doch keineswegs auszureichen. Dazu kommt, dass es damals möglicherweise auch eine Prestigefrage war, sich lieber als Philosophiestudent zeigen zu können, als den praktischen Beruf z. B. eines Geigers anzustreben. Ob Alexanders Studienwahl also auch gewissermaßen soziologisch interpretierbar ist, sei dahingestellt. Einerseits scheint er seitens seiner Mutter auf keine Widerstände gegen ein Musikstudium gestoßen zu sein, andererseits war er ja nur der Zweitgeborene und seine beruflichen Perspektiven waren „nur“ die eines Geigers. Der große Bruder hingegen kam mit seinen Philosophie-Studien sowohl dem bürgerli chen Anspruch nach, etwas Repräsentatives (wenn schon nichts „Ordentliches“) zu studieren, als auch dem modernen Bild des ganzheitlich gebildeten Musikers – eines Komponisten, der weniger praktischer Musiker, also Handwerker, zu sein hatte, als vielmehr 110 Freundliche Mitteilung des Archivs der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, Leipzig vom 21.7.2014. 111 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 112. Röschs Schreibweise lautet „Pietsch“, Ritter selbst schreibt aber eindeutig „Pietzsch“. 112 Alexander Ritter an Mathilde Pietzsch, Würzburg, 17.10.1876 (Besitz Michael Ritter, Buenos Aires). Unveröffentlicht. 64 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Intellektueller. Bülow und Karl waren „offiziell“ keine Musikstudenten, aber es waren doch sie, die komponierten, mit Wagner verkehrten, bald anfingen, sich musikfeuilletonistisch zu betätigen etc. – Alexander hingegen war eben zunächst „nur“ Geiger und Konservatoriums-Student. Gut denkbar wäre auch, dass Karl Ritter und Bülow noch aus anderen Gründen nicht ans Kon servatorium wollten. Hier stellt sich schließlich die Frage nach der künstlerischen Ausrichtung des Leipziger Institutes. Aus rückblickender Perspektive schien es dem Biographen Friedrich Rösch gar wie ein „Exil“ für einen jungen Musiker, der sich für Wagners neue Kunst begeisterte, ans Leipziger Konservatorium zu müssen: es sei Alexander Ritter, „dem überzeugungstreuen Wagnerianer Nichts übrig [geblieben], als in den sauren Apfel zu beissen“.113 Von dem tendenziösen Blick der Zukunftsmusik-Epigonen um die Jahrhundertwende einmal abgesehen, scheint es tat sächlich, als habe der Mendelssohn’sch-klassische Ruf des Leipziger Konservatoriums die Wagner-Freunde schon damals abgestoßen. Was Bülow vom Konservatorium hielt, zeigt eine Briefstelle vom 31. Mai 1848: „Sahr will zu Michaelis [Der Michaelis-Tag am 29. September war Zahl- und Einschreibetag, Anm. d. V.] hierher aufs Conservatorium! [Karl] Ritter und ich werden ihn aber zu retten suchen!“.114 Heinrich Ernst Sahrer von Sahr, offenbar ein Freund Bülows und Karl Ritters, über den nichts weiter bekannt ist, sollte demnach davon abgehalten werden, am Konser vatorium zu studieren. Er wurde letztlich aber doch nicht „gerettet“, sondern findet sich im Studentenverzeichnis des Jahres 1848 unter der Matrikelnummer 231 wieder.115 Auch Alexander wurde von Bülow und Karl nicht abgehalten – er wurde ein „Conservatorist“. 3.2. Das Leipziger Konservatorium und seine Lehrer Von Hugo Riemann wurde um 1900 der Begriff der „Leipziger Schule“ geprägt, der den Konserva tismus und die Traditionsverbundenheit des Leipziger Konservatoriums, bzw. positiv formuliert die Verpflichtung gegenüber dem klassischen Erbe des Kreises um Felix Mendelssohn-Bartholdy umreißt. Darunter versteht sich nicht nur der Stand der musiktheoretischen, kompositorischen Ausbildung, sondern auch die instrumentale Ausbildung durch Lehrer wie Ignaz Moscheles und Ferdinand David. War die klas sische Ausrichtung anfangs – und zu Zeiten Alexander Ritters – durchaus Common Sense und Grund für den tadellosen Ruf des Instituts gerade im Ausland, gegen den eben nur ein paar Radi kale opponierten, so führte das Beharren auf dieser Linie im Laufe der Jahrzehnte zu einer Verstaubtheit, die den Stern des Konservatoriums gegen Ende des Jahrhunderts sinken ließ, als der allgemeine Stand der Musiktheorie – selbst innerhalb akademischer Mauern – andernorts längst vorangeschritten war. 116 Letztlich gab es für Alexander Ritter wohl keine Alternative zum Studium in Leipzig, schließlich war er Geiger und wollte zu einem der wichtigen Geigenlehrer seiner Zeit, als welcher Ferdinand David zweifellos galt. Ferdinand David (1810–1873) war von Jugend an mit dem Hause Mendelssohn verbunden, wurde kurzzeitig Schüler Louis Spohrs und wirkte 113 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 96. 114 Hans von Bülow an Franziska von Bülow, Leipzig, 31.5.1848. In: Bülow, Briefe I-1, S. 100. 115 Vgl. Festschrift 1893, S. 4. 116 Vgl. Wasserlos, Yvonne: Das Leipziger Konservatorium der Musik im 19. Jahrhundert, Hildesheim 2004, S. 54 ff. 65 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner seit 1836 als Kon zertmeister am Leipziger Gewandhaus unter Felix Mendelssohn-Bartholdy. Ab 1843, also von erster Stunde an, war David auch Violinlehrer am Konservatorium. Zu seinen bekanntesten Schülern zählten Joseph Joachim, Wilhelm von Wasielewski und August Wilhelmj. Als charakteristisch für Davids Stil galt „die Vermengung der verschiedenartigen Manieren des Violinspiels: bei ihm verschmolz sich die Spielweise Spohrs mit der Paganinis, der Bériots und Vieuxtemps’, und auf diese Weise wurde er der Begründer der modernen Geigerschule“.117 Ferdinand David galt vielleicht als „kein Virtuose allerersten Ranges“,118 genoß aber nicht nur als Geiger, sondern auch als Pädagoge hohe Anerken nung: „Er war unleugbar ein sehr intelligenter und für das Studium anregender Lehr meister, der sich dem pädagogischen Wirken mit Vorliebe hingab und bei seinen […] Schülern ein warmes Interesse für die Sache zu erwecken wusste“.119 Einen intimen Einblick in die Unterrichts situation bei David liefert Ernst Friedrich (bzw. Alfred) Richter: „In den Unterrichtsstunden machte es sich David sehr bequem und tat, als wenn er zu Hause wäre. Die Zigarre – er war der einzige Lehrer, der sich das leisten durfte – kam nicht aus seinem Mund heraus und wenn man in sein Zimmer kam – es war noch dazu eine kleine Stube mit einem mise rablen Kasten von Klavier darin –, so konnte man vor Qualm kaum jemand sehen“.120 Interessanterweise hatte Karl Ritter von Robert Schumann ein Empfehlungsschreiben an David erhalten bevor er nach Leipzig ging, obwohl er ja kein Geiger war und nicht ans Konservatorium wollte. Karl wird es dennoch verwendet haben, um zu den musikalischen Kreisen Leipzigs Zugang zu erhalten, und möglicherweise führte er, nachdem er Davids persönliche Bekanntschaft ge macht hatte, auch seinen Bruder Alexander bei ihm ein. Schumanns Schreiben an seinen alten Freund lautete: „Lieber David, den Ueberbringer, Hrn. Carl Ritter (ein geborener Russe, sonst aber gutdeutsch) empfehle ich Dir. Er […] ist, wenn auch in seiner Richtung noch unklar, jedenfalls talentvoll und sehr strebsam, überhaupt ein recht anständiger Mensch. Wenn Du ihn gelegentlich einmal zu Deinen Musiken einlädst, so wirst Du ihm große Freude damit machen“.121 Außer durch diese privaten „Musiken“, zu denen mutmaßlich auch Alexander Zutritt gehabt hat, prägte Ferdinand David das Konzertleben Leipzigs vor allem als Konzertmeister des Gewandhaus- und Theaterorchesters und als Primarius des Gewandhaus-Streichquartetts. David wird auch Alexander Ritter in vielerlei Hinsicht geprägt haben. Er wurde von seinem 117 Vgl. Altmann, Wilhelm: Zur Erinnerung an Ferdinand David, in: Die Musik, 2. Jg., Bd. VIII, 1903, S. 133. 118 Vgl. Richter, Alfred: Aus Leipzigs musikalischer Glanzzeit. Erinnerungen eines Musikers. (hrsg. von Doris Mundus), Leipzig 2004, S. 214. Alfred Richter fasste in diesem Buch seinerseits die Erinnerungen seines Vaters Ernst Friedrich Richter zusammen. 119 Vgl. Wasielewski, Wilhelm J.: Die Violine und ihre Meister, Leipzig 51910, S. 458. 120 Vgl. Richter, Aus Leipzigs musikalischer Glanzzeit, S. 221. Diese persönlichen Beobachtungen Richters werden natürlich nach Ritters Zeit am Konservatorium gemacht worden sein. 121 Das Schreiben vom 23.4.1849 ist vollständig abgedruckt in: Bär, Ute: Robert Schumann und Ferdinand David. In: „Neue Bahnen“. Robert Schumann und seine Zeitgenossen, hrsg. von Bernhard R. Appel (=Schumann Forschungen Bd. 7), Mainz 2002, S. 58–111, hier S. 90. 66 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Schüler geschätzt und erteilte ihm auch Jahre nach seinem Weggang vom Konservatorium immer wieder Privatunterricht. Davids Quartettspiel könnte für Ritter später noch bedeutsam geworden sein, und auch die kleinen Kompositionen, die David für sein Instrument verfasste, werden die frühsten Versuche Ritters auf diesem Gebiet beeinflusst haben. David, der enge Freund Mendelssohns, hatte im Übrigen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung des berühmten e-moll-Konzertes op. 64 über nommen. Phrasierung, Fingersätze etc. gehen direkt auf ihn zurück, und auch die Uraufführung am 13. März 1845 hatte David gespielt.122 Nur wenige Jahre später wurde Ritter dieses Konzert also aus erster Hand vermittelt, und obwohl Mendelssohn natürlich aus Prinzip nicht zu seinen Lieblingskomponisten zählen konnte, ist belegt, dass Ritter das e-moll-Konzert auch noch Jahr zehnte später im Repertoire hatte.123 Neben dem Violinunterricht erhielt Ritter in Leipzig auch Theoriestunden bei Ernst Friedrich Richter (1808–1879), der 1868 Thomaskantor werden sollte und insgesamt 36 Jahre als Lehrer für The orie am Konservatorium wirkte. Seine von seinem Sohn herausgegebenen Lehrbücher erzielten bis Anfang des 20. Jahrhunderts hohe Auflagen. Dabei standen gerade Richter und sein Kollege Moritz Hauptmann für den Konservatismus und die klassische Richtung, die den jungen Wilden unter den Studenten am Leipziger Konservatorium widerstrebte. Auch wenn keine eindeutige ei gene Aussage Alexander Ritters zu seiner Konservatoriumszeit in seinen Briefen überliefert ist, kann man davon ausgehen, dass dies auch für ihn zutraf. Rösch berichtet von einem Zeug nis Ritters, in dem Richter ihm angeblich unregelmäßigen Unterrichtsbesuch und umso regelmä ßigeren Caféhausbesuch attestiert habe.124 Zwar hat im Archiv der Hochschule für Musik in Leipzig kein Zeugnis Ritters überdauert, aber die Tatsache, dass für einen anderen pro minenten Studenten ein ganz ähnlich lautendes Zeugnis existiert, könnte dies durchaus bestäti gen. Felix Draeseke, der spätere Freund und (zeitweilige) neudeutsche Kampfgenosse, besuchte kurz nach Ritter das Leipziger Konservatorium. Er war dort von 1852 bis 1855 eingeschrieben und u. a. ebenfalls Schüler E. F. Richters, der ihm im Zeugnis folgende Beurteilung gab: „Herr Draeseke war nur abwech selnd fleißig und konnte, infolge einer eigentümlichen Kunstanschauung, eine solide Durchbildung nicht befördern“. Auch Julius Rietz benutzte in seiner Zensur den gleichen Ausdruck „eigentümli che Kunstanschauung“, während Hauptmann und der Klavierlehrer Ignaz Moscheles auf die zahl reichen Absenzen abzielten: „Herr Draeseke hat nur anfangs meine Klasse besucht und sich dann selbst dispensiert; über seine Fortschritte weiß ich daher nichts zu sagen“.125 Es stellt sich die Frage, ob Rösch von dieser Draeseke-Quelle 1898 gehört haben könnte, oder ob sich tatsächlich das kli scheehaft anmutende Muster vom schwänzenden, da der Zukunftsmusik Wagners verpflichteten Studenten und der negativen Zensur durch die konservativen Lehrer wiederholt hat. „Auf dem Konservatorium galt ich während meiner ganzen Lernzeit für einen Wagnerianer, was mir sowohl bei Rietz als insbesondere 122 „die geigenmäßige Einrichtung der Solostimme […] lag zunächst ausschließlich in Davids Hand und wurde Mendelssohn nur zur Begutachtung vorgelegt“. Vgl. Scheideler, Ullrich: Vorwort. In: Medelssohn Bartholdy, Felix: Violinkonzert e-moll op. 64, Klavierauszug, hrsg. von Ullrich Scheideler, München 2003, S. II–III. 123 Z. B. 1872 in Chemnitz, vgl. Leben V-12.3. 124 Vgl. Rösch, Mahnruf, S. 96. 125 Das Abschlusszeugnis Drasekes findet sich abgedruckt in: Roeder, Erich: Felix Draeseke, Bd. I, Dresden 1932, S. 58 f. 67 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner bei Direktor Schleinitz hinderlich werden sollte“126 – diese Erinnerung Felix Draesekes könnte auch gut aus Alexander Ritters Feder stammen, der ja nur zwei Jahre früher bei teils den gleichen Lehrern in Leipzig studiert hatte. 3.3. Ritters Kommilitonen Jedenfalls lernte Ritter den um zwei Jahre jüngeren Draeseke erst ein paar Jahre später kennen, als beide in Dresden weilten. Es lassen sich im Zeitraum seiner kurzen Studienzeit am Konserva torium aber andere Namen auf der Matrikelliste finden, die einer Erwähnung wert sind. Unter seinen Kommilitonen waren Alexander Winterberger (1847, Matr.-Nr. 178), Robert von Hornstein (1849, Nr. 244), Wilhelm Langhans (1848, Nr. 266) und Carl Riedel (1848, Nr. 272).127 Alexander Winterberger (1834–1914) wurde ein angesehener Organist, der auch Werke von Liszt aus der Taufe hob und in dessen Umkreis verkehrte. Da er scheinbar nur ein Jahr am Konservato rium verblieb128, ist es auch möglich, dass er und Alexander Ritter sich erst in Weimar bei Liszt trafen und sich später in Paris wiederbegegneten. Winterberger und der Komponist Robert von Hornstein (1833–1890) verbrachten beide mit Karl Ritter Ende der 1850er Jahre jeweils einige Zeit in Italien. Hornstein erinnert sich in seinen Memoiren: „Ich verkehrte viel mit Sascha Ritter, durch den ich seinen Bruder Karl kennen lernte“.129 Es spricht also durchaus einiges für einen ge meinsamen Freundeskreis der Brüder in Leipzig, der zumindest um 1848/49 existiert haben könnte. Hornsteins Memoiren erwähnen auch Riedel („Zu meinem Umgang in jener Zeit gehörte noch Riedel, der vom Lehrling in einer Gerberei sich zu einem vorzüglichen Musiker aufgeschwungen hat“130), sowie Langhans („Mein bester Freund war damals der Geiger Langhans“131). Carl Riedel (1827– 1888) gründete bereits 1854 den Riedelschen Gesangsverein in Leipzig, eine Institution, die viele Jahre das Musikleben der Stadt mitprägte und bei Wieder- und Uraufführungen eine große Rolle spielte. Bei Wilhelm Langhans (1832–1892) schließlich handelt es sich um den viel leicht unbekanntesten dieser Reihe, von dem allerdings als einzigem Fragmente einer Korrespon denz mit und über Alexander Ritter erhalten geblieben sind. Wie Ritter war er Geiger und Schüler Ferdinand Davids. Nach einigen Jahren in verschiedenen Orchestern wurde er in Heidelberg zum Dr. phil. promoviert und verlegte sich im Folgenden auf Lehre und Schriftstellerei, wovon u. a. eine zweibändige Geschichte der Musik zeugt. Ritter widmete ihm später seine Fantasiestücke op. 14 und scheint auch noch in seinem letzten Lebensjahrzehnt in gutem Kontakt mit ihm gestanden zu haben. Im Einzelnen wird auf Alexanders Leipziger Kommilitonen an entsprechender Stelle noch zurückzukommen sein. 126 Draeseke, Felix: Autobiographische Skizze, in: Neue Musik Zeitung, 7. Jg., 1886, Nr. 11, S. 130. 127 Vgl. Albrecht, Bruno (Hrsg.): Das königliche Conservatorium der Musik zu Leipzig. 1843–93. Festschrift, Leipzig 1893, S. 4 f. Die Jahreszahl meint das Jahr der Inskription. 128 Vgl. Foerster, Otto: Alexander Winterberger. Seine Werke. Sein Leben, Hannover 1905, S. 23. 129 Vgl. Hornstein, Robert von: Memoiren (hrsg. von Ferdinand von Hornstein), München 1908, S. 70. Hornstein und Karl Ritter waren ein paar Jahre später zu glühenden Anhängern Arthur Schopenhauers geworden, mit dem sie beide brieflich Kontakt aufnahmen. 130 Vgl. Hornstein, Memoiren, S. 48. 131 Ebda., S. 52. 68 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens 3.4. Leipziger Musikleben Das enge Gebäude, in dem das Konservatorium bis 1887 untergebracht war, lag direkt auf dem Hinterhof des alten Gewandhauses. Nach dem Tode Mendelssohns im Jahre 1847 stand das Gewandhausorchester seit 1848 unter der Leitung von Julius Rietz, dessen Amtszeit bis 1860 durch eher konservative Programme geprägt war. Rietz lehrte auch am Konservatorium und war zudem von 1847 bis 1854 als Kapellmeister an der Leipziger Oper tätig. Gewandhaus und Oper wurden natürlich auch von Ritters besucht. In einem Brief an Johanna Wagner berichtet Karl Ritter über die musikalischen Ereignisse Leipzigs: „Hier in Leipzig ist im Winter immer viel Musik. […] Die Conzerte sind immer gut […] das erste im Gewandhaus haben wir gehört“.132 Man darf wohl davon ausgehen, dass dieses „wir“ den Bruder Alexander einschließt, Bülow zumindest wird zu diesem Zeitpunkt bereits in Berlin gewesen sein. In diesem 1. Abonnementkonzert, das am 30. September stattgefunden hatte, spielte Joseph Joachim das Mendelssohn-Konzert und es erklang Beethovens Pastorale. Auch über die Leipziger Oper lässt sich Karl aus und berichtet enttäuscht vom wenig interessanten Repertoire: „von guten Opern ist hier sonst gar nicht die Rede. Gluck u[nd] Mozart bleiben unberücksichtigt, u[nd] Martha ist die einzige Oper[,] die hier viel gegeben wird“.133 Kurze Zeit später saß sein Bruder Alexander dann selbst im Opernorchester, denn offenbar wurden die Schü ler des Konservatoriums auch zum Orchesterdienst am Theater herangezogen. Zumindest berich tet Alexander Ritter in einem Brief an Hermann Levi vom 16.1.1886, der einen kurzen Lebenslauf enthält, davon: „vom Jahre 1849 bis 1851 machte ich als Conservatorist den gesamten Operndienst im damaligen Leipziger Theater mit“.134 Im April 1850 wurde Meyerbeers Der Prophet mit einer glanzvollen Premiere herausgebracht. Für die Oper Genoveva von Robert Schumann wurde dagegen weniger Aufwand betrieben. Opernchef Julius Rietz hatte Schumann über einen langen Zeitraum immer wieder vertröstet, bis am 25. Juni 1850 die Uraufführung über die Bühne ging. Das Opern debut des Ex-Leipzigers errang nicht mehr als einen Achtungserfolg und verschwand wieder vom Spielplan. Die Vorstellung, Alexander Ritter habe damals im Orchester gesessen, ist reizvoll, be legbar ist sie leider nicht. Was die Anhänger der Zukunftsmusik von Schumanns Oper hiel ten, mag stellvertretend Bülow formuliert haben, der in seinem (ungedruckten) ersten Beitrag für Franz Brendels Neue Zeitschrift für Musik im Herbst 1851 Schumann zwar „zukunftsschwangere, sehr brauchbare dramatische Elemente“ zugesteht, Genoveva aber ein „als Ganzes mißlungenes Werk“ nennt und dem Komponisten den nunmehr von Wagner vorgezeigten Weg empfiehlt.135 Auch Richard Wagner war seit 1851 in Verhandlungen mit dem Leipziger Theater, wo eine Aufführung des Tannhäuser für 1852 angedacht war. Julius Rietz entpuppte sich auch in diesem Falle weniger als Unterstützer, denn als Zögerer, und so fand eine erste Aufführung erst am 31. Januar 1853 statt, als Alexander Leipzig längst wieder verlassen hatte.136 Einer der wenigen Lehrer am Konservatorium, die der Richtung Wagners und Liszts aufgeschlos sen gegenüber standen, war Franz Brendel. Der sollte später sogar Namens geber der „Neudeutschen Schule“ werden. Brendel war Schumanns Nachfolger als Heraus geber 132 Karl Ritter an Johanna Wagner, Leipzig, 12.10.1849. In: Jost, Karl Ritter, S. 188. 133 Ebd. S. 189. 134 Alexander Ritter an Hermann Levi, Meiningen, 16.1.1886 (LOC Washington; ML95.R6.). Unveröffentlicht. 135 Das musikalische Leipzig in seinem Verhalten zu Richard Wagner. In: Bülow, Briefe III, S. 23. 136 Zum Leipziger Theater vgl. Henneberg, Fritz: 300 Jahre Leipziger Oper, München 1993, S. 58–61. 69 Leben I: Der Weg zur Musik – Erste Begegnungen mit Liszt und Wagner der Neuen Zeitschrift für Musik, die er allmählich zu einem Organ der Neudeutschen ausbaute. Inwieweit Alexander Ritter Unterricht bei Brendel oder anderweitig Kontakt zu ihm bereits in seinen Konservatoriumsjahren hatte, ist nicht klar. Sein Freund Bülow hatte solchen Kontakt dagegen bereits gesucht – und wieder war es Schumann gewesen, der via Karl Ritter ein Empfeh lungsschreiben beisteuerte.137 Jedenfalls gab Brendel bald einem ganzen Kreis junger Wagner-Enthusiasten die Möglichkeit, sich in seinem Blatt zu äußern. Bülows erster Artikel in der NZfM, eine Rechtfertigung Wagners, erschien bereits am 10. und 17. Oktober 1851,138 und es folgten danach regelmäßig Beiträge aus seiner Feder. Auch Felix Draeseke wurde 1855, direkt nach seinem Abgang vom Konservatorium, von Brendel mit Konzertkritiken betraut. Alexander Ritter verfasste seinen ersten Beitrag für die NZfM hingegen wohl erst 1856 in Stettin. 3.5. Fernab von Wagner Anders als bei Hans von Bülow, von dem auch aus seinen frühen Jahren noch viele Briefe vor handen sind, datiert der erste überlieferte Brief aus Alexander Ritters Feder erst von 1861, wodurch man über Details aus seiner Studienzeit in Leipzig und den Jahren danach nur sehr sporadisch unterrichtet ist. Während sich Alexander Ritter in seinen Studienjahren, wie man annehmen darf, in erster Linie seinen technischen Studien auf der Violine widmete und in Leipzig festsaß, waren ihm seine Dresdner Weggefährten bereits wieder vorausgeeilt. Aus dem Jahre 1850 lässt sich über Alexanders Leben nicht viel Konkretes berichten – während gleichzeitig für den Rest der Familie Ritter und Hans von Bülow ganz entscheidende Ereignisse dieses Jahr zu etwas Besonderem machten: Kurzentschlossen hatte Julie Ritter zusammen mit der Familie Taylor-Laussot in Bordeaux dem geflohenen und steckbrieflich gesuchten Exilanten Richard Wagner finanzielle Un terstützung angeboten und trat damit in wesentlich engeren – brieflichen – Kontakt mit dem ver ehrten Komponisten; später kam es sogar zu einem Besuch in der Schweiz. Karl wurde wenig spä ter von Wagner in seinem Hause in Zürich wie ein Geselle aufgenommen, und auch Bülow, der regelrecht von seinem Vater geflüchtet war, fand sich dort ein. Während Alexander Ritter akademischen Unterricht an einem Institut erhielt, das die beiden verachteten, erlebten die ehemaligen Schulka meraden Wagner und sein Arbeiten aus nächster Nähe und wurden von ihm voll ins Vertrauen gezogen. Sie lasen seine Artikel und Entwürfe, übersetzten und wurden mit der musikalischen Leitung der Züricher Oper betraut (vgl. Exkurs). Schnell wird klar, dass Alexander Ritter, als der fast drei Jahre Jüngere, auch in diesem Abschnitt sei nes Lebens der Entwicklung in Sachen Wagner nicht ganz hinterherkam. Er musste sich mit Berichten und einer Verbundenheit qua Familienzugehörigkeit, also mit „Wagner aus zweiter Hand“ begnügen. Symptomatisch für seine Abgeschlagenheit mag sein, dass ihm es nicht vergönnt war, am 28. August 1850 bei der Uraufführung des Lohengrin unter Franz Liszt am Hoft heater in Weimar anwesend zu sein. Sein Bruder Karl dagegen war quasi im allerhöchsten Auftrag an die Ilm gereist und sollte dem Komponisten des 137 Vgl. Hans von Bülow an Franziska von Bülow, Leipzig, 26.4.1849. In: Bülow, Briefe I-1, S. 160. Darin heißt es: „Schumann hat ihm [Karl Ritter] die Karte für mich an Brendel nicht mitgegeben, sondern gesagt, er werde sie Dir zuschicken“. 138 Entgegnung auf die in Nr. 24 der „Grenzboten“ erschienene Beurtheilung Richard Wagner’s. In: NZfM, Bd. 35, Nr. 15+16. Vgl. Bülow, Briefe III, S. 25–34. 70 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Abb. 4: Alexander Ritter, Anfang der 1850er Jahre Lohengrin genau über den Verlauf der Premiere berichten, da dieser nicht selbst nach Weimar reisen durfte. Auch Hans von Bülow war selbstverständlich vor Ort. Es ist nicht klar, aus welchen Gründen Alexander Ritter eigentlich tat sächlich verhindert war, in das nicht eben weit entfernte Weimar zu kommen. Fest steht: Der Lohengrin bildet eine Lücke – es gab sonst keine andere Uraufführung einer Wagner’schen Oper von Rienzi bis Parsifal, bei der Alexander Ritter nicht zugegen gewesen wäre.139 139 Was Das Rheingold und Die Walküre angeht, so ist ein Besuch der von Wagner nicht autorisierten Vorab- Uraufführungen in München unwahrscheinlich – hier ist aber die Gesamt-Uraufführung der Tetralogie Der Ring des Nibelungen in Bayreuth 1876 gemeint. Außerdem sei angemerkt, dass die posthume szenische Uraufführung der Jugendoper Die Feen 1888 in München stattfand – einstudiert von Richard Strauss. Eine Anwesenheit Ritters bei dieser Gelegenheit ist wiederum durchaus wahrscheinlich. Er hätte damit elf Uraufführungen Wagner’scher Opern miterlebt – vielleicht so viele wie niemand anderer (der Komponist selbst eingeschlossen). 71 Exkurs Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Richard Wagner und die Familie Ritter 73 Richard Wagner und die Familie Ritter Folgender Exkurs behandelt die Beziehungen der Familie Ritter zu Richard Wagner in den 1850er Jahren. Alexander Ritters Mutter Julie, sein Bruder Karl und selbst seine Schwestern Emilie und Julie standen damals in enger Verbindung zu dem Komponisten. Um einen Exkurs kann es sich schon deshalb nur handeln, weil der Hauptgegenstand dieser Arbeit – Alexander Ritter – hier ganz außen vor bleiben muss. „Außen vor“ ist aber gleichzeitig das Stichwort, das diesen Exkurs gerade im Rahmen einer Biographie über Alexander Ritter wiederum unentbehrlich macht: Dass der junge Alexander in dieser Episode keine Rolle spielt, war einerseits biographisches „Pech“ (er war der Jüngste der Familie, war durch sein Studium in Leipzig gebunden, etc.), andererseits wurde er aber auch von Wagner ignoriert bzw. bewusst ausgeschlossen (vor allem seit seiner Beziehung zu Wagners Nichte Franziska, vgl. Leben II-4.3.). Durch dieses Außen-vor-Sein wurde sein späteres Verhältnis zu Richard Wagner mittelbar stark belastet. Die euphorisch beginnende Beziehung Wagners zur Familie Ritter, die Höhen und Tiefen durchlebte und besonders im Falle Karl Ritters ungut endete, muss als Folie für die erst später beginnende Beziehung Alexander Ritters zu Wagner immer mitgedacht werden, sie ist also für das Leben Alexander Ritters absolut von Belang. Im Grunde handelt es sich bei den folgenden Darstellungen um bereits wohlbekannte Ausschnitte aus der Biographie Richard Wagners. Nur Wagner verdanken die Namen Julie und Karl Ritter nämlich, dass sie heute überhaupt noch bekannt und einer Erwähnung wert sind. Sie verdanken es ihm schon faktisch dadurch, dass es fast ausschließlich Wagner-Quellen sind, die den hier relevanten Zeitabschnitt dokumentieren. Die meisten Quellen sind daher grundsätzlich auch bereits bekannt und bestens zugänglich. Es sind vor allem Wagners Briefe, die über einen Zeitraum von ca. 1850–1860 eine Unmenge an Erwähnungen des Namens Ritter enthalten, und auch in seiner Autobiographie Mein Leben schreibt Wagner ausführlich über seine Beziehung zur Familie Ritter. Julie Ritter – Förderin im Exil Eine kurze Stippvisite im Hause Ritter 1849 war der einzige persönliche Kontakt zwischen Wagner und Julie Ritter, bevor der Komponist im Zuge der revolutionären Ereignisse die Stadt und Deutschland verlassen musste. Worauf gründete sich eigentlich ihre Begeisterung für Wagner, den sie persönlich so gut wie nicht kannte? Über die Musikalität Julie Ritters lässt sich nur spekulieren. Der Komponist des Tannhäuser war Anfang Dreißig, redegewandt, extrovertiert, und als Kapellmeister eine Person der Öffentlichkeit. Er konnte charmant sein, konnte durchaus als gutaussehend gelten, und er war z. B. das Gegenteil eines Robert Schumann – der zwar auch ein anerkannter Komponist, dabei aber wenig umgänglich, verschwiegen und zurückgezogen war. Möglicherweise darf man solche Faktoren nicht außer Acht lassen, wenn es um die Begeisterung für Wagner unter seinen Anhängern geht. Fest steht immerhin, dass Ritters – die beiden Brüder zumal – Wagners Werke bestens kannten und verehrten. 74 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Die Damen Ritter und Taylor-Laussot – gemeinschaftliche Unterstützung Wagners Im November 1849 beklagte Wagner sich bei seinem Freund Ferdinand Heine aus dem Züricher Exil über seine völlige Mittellosigkeit: „Ich Unglücklicher verstehe kein Handwerk, um mir mein tägliches Brod zu verdienen: es muß mir, wie es jetzt steht – gereicht werden, damit ich Künstler bleiben kann“.1 Heine sollte deshalb in Dresden Unterstützer auftreiben: „Beiläufig erwähne ich Dir, daß eine Familie Ritter, über die Dir Uhlig näheres mittheilen, Dich vielleicht auch bei ihr einführen kann, – sich vortrefflich gegen meine verlassene Frau benommen hat – und zwar gänzlich unaufgefordert – ja unbekannt: vielleicht weiß diese Familie Dir Winke zu geben, wo Du noch – Dir unbekannte – Freunde meiner Kunst anträfest“.2 Julie Ritter war also bereits von sich aus auf Wagners in Dresden verbliebene Frau Minna zugegangen und als sie von der Bedürftigkeit Wagners erfuhr (durch Heine?), entschloss sie sich, zu handeln. Gleich im Dezember 1849 gewährte sie dem Komponisten eine erste, einmalige kleine Geldsumme. Sie dachte aber noch weiter und holte für eine größere Unterstützungsaktion eine befreundete Familie mit ins Boot. Über den Zeitpunkt der Bekanntschaft mit Ann Taylor, einer reichen englischen Witwe wurde bereits spekuliert. Fest steht, dass die Damen Ritter und Taylor in Dresden in Kontakt standen, und dass auch ihre Kinder sich kannten und die Leidenschaft für Musik, besonders für die Musik Wagners, teilten. Jessie Taylor war allerdings in der Zwischenzeit verheiratet worden. Gemeinsam mit ihrer Mutter war sie nach Bordeaux gezogen, wo sie nun mit einem reichen Weinhändler eine wenig glückliche Ehe führte. Ann Taylor und Jessie Laussot, wie die Tochter nun hieß, waren jedenfalls bereit, gemeinsam mit Julie Ritter eine jährliche Geldsumme aufzubringen, um Richard Wagner unter die Arme zu greifen. Von den insgesamt 3000 Franken sollten die Laussots immerhin den Hauptanteil von 2500 übernehmen, Julie Ritter wollte 500 Franken beisteuern. Im März 1850 setzen die oft umfangreichen Briefe Wagners an Julie Ritter ein. Sie strotzen vor denk- und zitierwürdigen Stellen, die hier aus genannten Gründen allerdings nicht in extenso wiedergegeben werden können. Begeistert von Jessie, die er in Bordeaux aufgesucht hatte, war Wagner begierig, auch Julie Ritter persönlich kennenzulernen. Immer wieder betont er, dass es ausgerechnet die Frauen seien, die ihn verstünden und Erlösung brächten. Seine Briefe entbehren daher manchmal nicht eines pseudo-erotischen Tonfalls bzw. eines ausgiebigen Schwärmens in tristanhafter Sprache. Ritters sollten umgehend zu ihm in die Schweiz kommen, er wollte sie alle „Aug’ zu Auge kennen lernen“, denn Wagner war sich sicher: „Das ist eine seltsame, wunderbare und wundervolle Geschichte, die sich – fast ohne daß wir davon wußten – zwischen uns allen zugetragen hat“.3 „Es ist unmöglich, daß Sie in mir nur den künstler lieben, so wie es mir unmöglich ist, in Ihnen nur meine wohlthäter zu verehren. Zwischen uns flattert ein band, das sich nur dadurch fest knüpft, daß wir uns – als menschen lieben. Wir müssen uns sehen, – auge in auge, – bei der hand fassen, mit einander leben, nicht nur im allgemeinen uns an uns 1 Richard Wagner an Ferdinand Heine, Zürich, 19.11.1849. In: Wagner, Briefe III, S. 151. 2 Ebda. 3 Richard Wagner an Emilie Ritter, Bordeaux, 26.3.1850. In: Wagner, Briefe III, S. 262. 75 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter freuen, sondern in jeder einzelnheit [sic] unsres lebens gegenseitig an uns theilnehmen, traurig und freudig, weinend und lachend, – wie es nun eben sein muß. Kennen Sie eine andere liebe? Unmöglich! denn es giebt nur eine liebe. Oder liebten Sie mich nur so – oder so? Das wäre schlimm, denn dann könnte ich Ihnen für den theil von liebe, den Sie mir schenkten, nie mit erwiderung danken: nur deswegen habe ich so wenig freunde, weil ich nur ganz lieben kann. Aber Sie lieben mich nicht halb: nein! ich sehe und weiß, daß Sie mich mehr lieben, als ich Einsamer je hoffen durfte, in diesem leben noch geliebt zu werden“.4 „Lassen Sie uns, da wir alle nun erkennen, wie theuer wir uns sind, für jetzt und bis zu dessen erreichung kein anderes Ziel mehr vor uns haben, als das – unserer vereinigung, die wirkliche vereinigung derer, die eine so wundervolle liebe zu einander zieht, daß der schönste bund ihr entblühen muß. Lassen Sie uns nah bei einander sein!“. 5 Wagners Affäre mit Jessie Laussot Ritters und Laussots vereinbarten also einen soliden Finanzplan, der Wagner vorerst mit einem durchaus respektablen pekuniären Polster ausgestattet hätte. Dass er in dieser Form nicht umgesetzt werden konnte, dafür sorgte Wagner wenig später selbst. Bei seinem Besuch in Bordeaux, wo er sich im März 1850 bei seinen Wohltätern bedanken wollte, verliebte er sich Hals über Kopf in die junge Jessie Laussot, die ihrerseits nur zu gern in ihm das Gegenbild zu ihrem langweiligen Ehemann erkannte. Die pikante Episode wurde in älterer Wagner-Literatur gerne peinlich verschwiegen und wird aus gleichen Gründen in modernen Biographien umso lieber ausgebreitet. Hier soll im Moment nur interessieren, dass nach Entdeckung der Fluchtpläne – Jessie wollte mit Wagner, der seine Frau dafür bereits verlassen hatte, bis nach Kleinasien fliehen, um dort nur der Liebe zu leben – seitens Miss Taylors und Monsieur Laussots ein weiterer Kontakt zu dem Exilkomponisten nicht erwünscht und an eine finanzielle Unterstützung selbstredend nicht mehr zu denken war. Erstaunlicherweise erlebte aber gerade durch die Katastrophe mit den Laussots die Beziehung Wagners zu Julie Ritter ihren Höhepunkt. Obwohl doch Wagner selbst Schuld war am Debakel, und Julie Ritter aus nur verständlicher und erwartbarer Loyalität zu Ann Taylor ihm im Grunde hätte böse sein können, hielt sie ihm die Treue. Wagners Vertrauensbruch erzeugte kurioserweise eine intime Vertraulichkeit: In seinen pathetischen Briefen an Julie Ritter offenbart er ihr seine Gefühle für Jessie, bittet um Verständnis und stilisiert sich als „Sterbender“, den nurmehr sie retten könne. „Kommen Sie – oder schicken Sie Emilie! es gilt den letzten – oder den ersten tagen des lebens“6 – so herzergreifend ließ sich Julie Ritter nicht lange bitten. Sie kam kurzerhand mit ihrer Tochter Emilie in die Schweiz, ließ Wagner ihr sein Herz ausschütten und sicherte ihm zu, ihn zukünftig alleine finanziell zu unterstützen. Vergnügt feierte man am 22. Mai in Villeneuve zusammen Wagners 37. Geburtstag und schmiedete Pläne, in Zukunft eine engere Freundschaft zu pflegen. Wagner schlug vor, Rit- 4 Richard Wagner an Julie Ritter, Bordeaux, 22.3.1850. In: Wagner, Briefe III, S. 260. Groß- und Kleinschreibung auch in den folgenden Zitaten wie im Original. Wagner schrieb zeitweise bewusst in Minuskeln. 5 Richard Wagner an Emilie Ritter, Bordeaux, 26.3.1850. In: Wagner, Briefe III, S. 262. 6 Richard Wagner an Julie Ritter, Genf, 11.5.1850. In: Wagner, Briefe III, S. 300 f. 76 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens ters sollten alle gemeinsam Dresden verlassen und zu ihm in die Schweiz ziehen, eine fixe Idee, die er brieflich immer wieder formulieren sollte. Nachdem die Damen Ritter nach acht Tagen wieder nach Dresden zurückgekehrt waren, berichtete Wagner seinem Freund Uhlig: „Von frau Ritter und Emilie wirst Du nun Alles erfahren, was mit mir vorgegangen ist: sie wissen Alles und sind mein. […] In äußerster noth wandte ich mich an die äußerste liebe: sie hat mich nicht verlassen! Frau Ritter und Emilie kamen selbst zu mir: wunder! wunder! Ich bin gerettet lieber bruder! […] Frag’ Ritters! sie sind Alles! […] Ich bin jetzt von neuem der vollständigsten armuth preisgegeben: frau Ritter allein hilft mir, und Du wirst wissen, daß sie nicht allvermögend ist; so große opfer sie mir zu bringen bereit ist, so ist es doch mehr als meine pflicht zu trachten, wie ich ihr ihre liebessorge um mich erleichtere. […] Dir wird viel erzählt werden! Beachte es wohl, denn es wird Dir von frauen erzählt, die ihres gleichen nicht viel auf dieser welt haben“.7 Seine utopischen Zukunftspläne eines gemeinsamen Zusammenlebens in der Schweiz umfassten damals die gesamte Familie Ritter. Auch für die männlichen Familienmitglieder hatte er Verwendung: „Es wird eine familienwanderung beginnen. […] [Otto] Kummer und Sascha [Alexander Ritter] sollen landbau lernen: ein grundstück soll angekauft werden, auf dem wir uns lustig ernähren“.8 An anderer Stelle schreibt er Julie Ritter, um sie zu überzeugen: „Kummer und Sascha sollen – mit mir – hier vollauf zu thun finden: auch Karl soll es nicht fehlen“.9 An der Idee einer Art Kommune in der Schweiz, in die auch Alexander Ritter – den Wagner bis dato überhaupt nicht kannte – pro forma integriert wurde, hielt Wagner lange fest. Überhaupt kann man die ersten Jahre seines Zürcher Exils als eine Art kommunistische Phase bezeichnen. Er schreckte z. B. nicht davor zurück, sich 1851/52 in Briefen an Julie Ritter ausgiebig gegen jede Art von Zinsen und gegen das Kapital auszulassen10 (wohlwissend, dass seine Förderin ihre Einkünfte aus Kapitalerträgen bezog) und sie dabei gleichzeitig um zusätzliches Geld für diverse Auslagen zu bitten. Um sich z. B. ein Grund stück kaufen zu können – so seine Überlegungen, die er freimütig mit Julie Ritter teilte – müsse er sich sicher sein, dass ihm sein Jahrgeld lebenslang gewährt würde. Auch wenn er diese Garantie nicht erhielt (und auch kein Grundstück), war Julie Ritter zum damaligen Zeitpunkt doch zweifelsohne sehr großzügig gegenüber Wagner. Seit November 1851 erhielt er von ihr eine jährliche Zuwen dung von 800 Talern, und sie erfüllte zahlreiche Zusatzwünsche, etwa, als Wagner sein „Silber zeug“ und seine Bibliothek auslösen wollte, die er verpfändet in Dresden zurückgelassen hatte. Möglich wurde diese großzügige Hilfe aber erst durch eine Erbschaft. 1850 hatte Julie Ritter die alleinige finanzielle Unterstützung Wagners noch übernommen, obwohl ihr Vermögen damals keineswegs besonders groß war, und im Laufe des Jahres 1851 hatte 7 Richard Wagner an Theodor Uhlig, Villeneuve, 3.6.1850. In: Wagner, Briefe III, S. 301 ff. 8 Ebda., S. 306. Otto Kummer war der Mann von Alexander Ritters Schwester Julie. 9 Richard Wagner an Julie Ritter, Zürich, 10.7.1850. In: Wagner, Briefe III, S. 352. 10 Vgl. z. B. Richard Wagner an Julie Ritter, Zürich, 9.12.1851: „ich gehöre grundsätzlich zu den Leuten, die ein jedes Zinsen tragende Kapital für eine durchaus lasterhafte Erscheinung halten“ (in: Wagner, Briefe IV, S. 211). 77 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter es zwischenzeitlich sogar danach ausge sehen, als müsste sie ihre Unterstützung wieder einstellen. Wagner war sich dessen durchaus bewusst, an Franz Liszt hatte er im März 1851 geschrieben: „Während ganzer sechs monate habe ich […] nur von der unterstützung der frau Ritter in Dresden gelebt […] Ich weiß, daß meine Dresdener freundin für das nächste sich jetzt erschöpft hat, da diese familie durchaus nicht reich ist, sondern eben nur ihr auskommen hat, was – schwieriger heimatsbeziehungen zu Rußland wegen – gegenwärtig außerdem hart bedroht ist“.11 Im Spätherbst 1851 waren in St. Petersburg kurz hintereinander Julie Ritters Bruder und Schwager verstorben. Erst durch diese Wendung war sie schließlich in der Lage, Wagner weiter zu alimentieren. Immerhin bis 1859 erhielt er die regelmäßigen Zahlungen, dann wurde bei Ritters das Geld erneut knapp. Wagner, der notorisch verschuldet war, sollte im Ehepaar Wesendonck aber rechtzeitig neue zahlungskräftige Förderer finden – die sich dann ihrerseits mit ihm und seinem Finanzgebaren herumzuschlagen hatten. Dass das liebe Geld in seinem Verhältnis zur Familie Ritter eine eminente Rolle spielte, liegt auf der Hand. Die Abhängigkeit, die für Wagner entstanden war, konnte er schwer ertragen, auch wenn er immer wieder die freundschaftliche Grundlage der Beziehung betonte. Nach dem enthusiastischen Sommer 1850 kühlte sich seine Begeisterung ganz allmählich ab. Die Ritters waren nicht zu ihm in die Schweiz gezogen, nur punktuell hatten sich die Töchter Emilie und Julie einmal bei ihm sehen lassen. Mit Karl hatte er ohnehin ein äußerst schwieriges Verhältnis und so fühlte er sich manchmal von der Familie wie verraten. Sätze wie: „Ueber das philiströse im Charakter dieser familie bin ich im Ganzen doch etwas verstimmt“12 oder: „ich komme mir – lache nicht! – manchmal nur wie für den Tannhäuser »bezahlt« vor“13 zeugen wohl von gekränkter Eitelkeit und enttäuschten Hoffnungen. Ende April, Anfang Mai 1852 stellte Wagner eine Aufführung seines Fliegenden Holländers in Zürich auf die Beine. Er leistete sich dafür Zusatzausgaben, von denen er erwartete, dass sie von Ritters würden übernommen werden. Die Kosten für die Musiker etc. beliefen sich auf ganze 100 Taler, die Wagner unverhohlen von Karl Ritter erbat. Als dies wohl selbst bei seinem engen Freund Theodor Uhlig eine erstaunte Reaktion hervorrief, rechtfertigte er sich in einem Brief an ihn, er erhalte das Geld nur als Vorschuss und verbat sich unwirsch: „Des weiteren bitte ich Dich lieben freund dringend, mich nie wieder an meine pekuniären beziehungen zu Ritter’s zu erinnern. Durch möglichstes Vergessen gewinne ich vielleicht den Gleichmuth, der mir zur bewahrung meiner Abhängigkeit von ihnen nöthig ist“.14 1859, nach Einstellung der Zahlungen an Wagner, laufen auch die Briefe Wagners an seine Wohltäterin Julie Ritter langsam aus. Die beiden haben sich nie wiedergesehen, und der letzte erhaltene Brief aus Wagners Feder stammt von 1860. Die letzte bekannte Erwähnung Julies in einem Brief an Alexander Ritter im November 1865 lautet: „Grüssen Sie auch tausendmal die theure Mutter. Gewiss, auch Ihr zu schreiben kommt mir einmal die rechte Musse“.15 Ob es tatsächlich keine weiteren Briefe gab, d. h. Wagner Julie Ritter schlicht verges- 11 Richard Wagner an Franz Liszt, Enge bei Zürich, 9.3.1851. In: Wagner, Briefe III, S. 518+520. 12 Richard Wagner an Theodor Uhlig, [Zürich], [zw. 22.-25.3.1852]. In: Wagner, Briefe IV, S. 326. 13 Richard Wagner an Theodor Uhlig, [Zürich], [6./7.2.1852]. In: Wagner, Briefe IV, S. 280. 14 Richard Wagner an Theodor Uhlig, Zürich, 12.5.1852. In: Wagner, Briefe IV, S. 362 f. 15 Richard Wagner an Alexander Ritter, München, 2.11.1865. In: Wagner, Briefe XVII, S. 318. 78 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens sen hat, ist nicht eindeutig zu sagen, möglicherweise sind Briefe in Italien verloren gegangen – doch es spricht einiges dafür. Wagners Mäzenin starb 1869 fünfundsiebzigjährig in Pisa, wo sie seit einigen Jahren mit ihrer Tochter Alexandrine gelebt hatte. Die von Idealisierung und Enttäuschung wechselhaft geprägte Beziehung zur Julie Ritter, der Wagner vieles verdankte und der er in gewisser Weise bestimmt auch ehrlich dankbar war, bietet den Hintergrund, vor dem nun auch die vielschichtige Beziehung Wagners zu ihrem ältesten Sohn, zu Karl Ritter, betrachtet werden muss. Schüler, Kollege, Mäzen? Karl Ritter und Richard Wagner – ein unmögliches Verhältnis Karl Ritter hätte gewiss eine umfassende Darstellung seines Lebens und Werkes verdient: Alles, was man über ihn weiß, lässt auf eine komplizierte und interessante Persönlichkeit schließen. Doch kann er erstens im Rahmen dieser Arbeit als der Bruder Alexanders nur mehr oder weniger am Rande einbezogen werden, zweitens muss eine solche Darstellung schon daran scheitern, dass es keine umfassenden Quellen gibt. Seine wechselvolle Beziehung zu Richard Wagner, die in seinem Leben gewiss einen besonderen Stellenwert hatte, hat ihm in den veröffentlichten Wagner-Quellen und der unüberschaubaren Wagner-Literatur ein zweifelhaftes Nachleben gesichert. Ihn unabhängig von Wagner zu würdigen, ist indes schier unmöglich, da es weder einen Nachlass noch umfangreichere andere Quellen von und über ihn gibt.16 Karl Ritter hat dazu wohl selbst beigetragen, als er sich in den 1860er Jahren bewusst zurückgezogen und den Kontakt zu allen seinen Freunden allmählich abgebrochen hat.17 Als junger Mann galt Karl Ritter zunächst als begabter Komponist. Er war in Dresden Schüler Ferdinand Hillers und Robert Schumanns gewesen und legte noch 1857 einige Werke im Druck vor: Drei Klaviersonaten (op. 1, 2 und 5), Sechs kleine Klavierstücke op. 3 und Zwölf Lieder op. 4 zeu gen von seinen musikalischen Ambitionen.18 Auch eine 1865 in Florenz aufge führte Oper „La Dea Risorta“ wird in der Litera tur gelegentlich Karl Ritter zugeschrieben, sie stammt aber wohl eher von Theodore Ritter (1841–1886). Gerade die Komposition eines so umfang reichen musikali schen Werkes noch in den 1860er Jahren scheint sehr unwahrscheinlich, hatte sich Ritter doch inzwischen von der Musik abgewandt – allenfalls die rätselhafte Erwähnung einer abgelehnten Opernaufführung in Neapel in einem Brief 16 Auch während der Recherche an vorliegender Arbeit sind zu Karl Ritter keine wesentlichen neuen Quellen zutage getreten. Lediglich die im NA Bayreuth vorhandenen 20 Briefe Ritters an Hans von Bülow aus den Jahren 1857–59 und 1866 (RWG; Hs 56/I/1-20) sind hier wohl erstmals herangezogen worden (vgl. Leben IV-10.1.). 17 Zwei umfangreichere Artikel aus neuerer Zeit geben eine gute Zusammenfassung zu Karl Ritters Leben: Peter Jost setzt einen Schwerpunkt auf Ritters Lehrjahre bei Schumann (Jost, Peter: Karl Ritter. Komponist zwischen Schumann und Wagner. In: „Neue Bahnen“. Robert Schumann und seine Zeitgenossen, hrsg. von Bernhard R. Appel (=Schumann Forschungen Bd. 7), Mainz 2002, S. 182–204), während Sven Friedrich einen guten Abriss seines Verhältnisses zu Wagner gibt (Friedrich, Sven: »Was bist du für ein Mensch«?!, oder: Wer war Karl Ritter?. In: Bayreuther Festspiele 1995 (Festspielbuch), hrsg. von Wolfgang Wagner, Bayreuth 1995, S. 88–94). Komprimierte Information liefert zudem Josts Artikel in der MGG (Jost, Peter: Artikel „Ritter, Karl“. In: MGG, Personenteil Bd. 14, Spalte 200–201, Kassel und Stuttgart 2005). 18 Jost geht auf diese Werke kurz ein. Vgl. Jost, Karl Ritter, Komponist, S. 193 ff. 79 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter von 1866 an Hans von Bülow könnte darauf hindeuten. Im gleichen Brief bestätigt Karl Ritter jeden falls, dass er sich damals nur noch literarisch betätigte und „praktisch unmusikalisch“ lebte.19 Aus späte rer Zeit sind von Karl Ritter tatsächlich nur noch schriftstellerische Arbeiten überliefert. Konkret handelt es sich um sechs ab den 1870er Jahren im Druck erschienene Trauerspiele20, sowie um eine „Theorie des Deutschen Trauerspiels“ (1880). Hoffnungsvoller Beginn Karl Ritter muss, noch ehe Wagner Dresden verlassen hatte, soweit mit ihm ins Vertrauen gekommen sein, dass er für den Flüchtenden als Ansprechpartner und verlässlicher Kontakt galt. Lange bevor von einer finanziellen Unterstützung durch Ritters Mutter die Rede ist, reihte Karl sich in den Kreis der Dresdner Freunde ein, die ihn organisatorisch unterstützten. Seiner Frau schrieb Wagner kurz nach der Flucht: „Falls Du in den nächsten Tagen noch nicht kommen könntest, würde ich sehr bitten, Liszt dadurch verbinden zu wollen, daß Du ihm sogleich die Partitur des Lohengrin (von Uhlig zu holen) sowie das Buch dazu (bei Heine) u. die Dichtung von Siegfried’s Tod (bei Ritter) nach Weimar im voraus zusendetest“.21 Seine drei Freunde Ferdinand Heine, Theodor Uhlig und eben Karl Ritter empfingen Briefe und Manuskripte des Exilanten, kümmerten sich um Minna Wagner und die nötigen Erledigungen in Dresden. Bald kam dann auch der Plan auf, dass Ritter zu Wagner nach Zürich kommen sollte, wo der sich mittlerweile niedergelassen hatte. Was genau Wagner mit dem jungen Ritter vorhatte, war ihm noch nicht klar. Er hielt ihn zweifellos für begabt, projizierte aber auch eigene hohe Erwartungen auf ihn, die teilweise aus der Luft gegriffen waren: „An Karl habe ich nächstens viel zu schreiben: probiren Sie doch, ob er irgend gute stimme hat! Wäre ich jetzt in seinem alter und das, was er ist, und hätte ich soviel stimme als ich damals hatte, – unbedingt wäre ich darsteller geworden: Als darsteller, und dichter und musiker zugleich, hätte ich – selbst bei voller windstille – das ganze drama revolutioniren wollen“.22 Ende März 1850 kam Karl Ritter also nach Zürich, just zu dem Zeitpunkt, als Wagner in Bordeaux war und sich dort mit Jessie Laussot einließ. Von Paris aus teilte Wagner seiner Frau mit, er werde sich von ihr trennen, in Villeneuve, wo Karl Ritter Station gemacht hatte, wollte er auf Jessie warten. Nachdem die Bombe geplatzt und die Affäre entdeckt war, trafen sich stattdessen die aus Dresden angereisten Damen Ritter mit Wagner bei Karl in Villeneuve und feierten Wagners Geburtstag und ihre Freundschaft. Karl musste anschließend 19 Karl Ritter an Hans von Bülow, Turin, 19.7.1866 (RWG; Hs 56-I-17). Unveröffentlicht. 20 Der milde Welf (1877), König Roderich (1878), Virginia (1878), Bondelmonte (1881), Der Raub der Sabinerinnen (1886), Longinius (1892). An ungedruckte Dramen ist handschriftlich nur „Frithjof“ überliefert (Manuskript, Bayreuth, NA). Schon in den 1850er Jahren ist von einigen Dramen und Entwürfen die Rede, die alle als verschollen zu gelten haben (z. B. „Alkibiades“, „Tristan“ etc.). 21 Richard Wagner an Minna Wagner, Weimar, 14.5.1849. In: Wagner, Briefe II, S. 677. 22 Richard Wagner an Theodor Uhlig, Zürich, 27.12.1849. In: Wagner, Briefe III, S. 199. 80 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens noch als Vermittler operieren, indem er Wagners verlassene Frau Minna versöhnlich stimmte und dessen Rückkehr vorbereite. Von da an hatte Karl Ritter bei Wagner ein Stein im Brett, er blieb in der Schweiz und wurde eine Art Geselle Wagners, der in seinem Hause wohnte und mit allerlei Aufgaben betraut wurde, aber auch an eigenen künstlerischen Projekten arbeitete. Wenig erfährt man von musikalischen Plänen Karls, er schien sich damals, im Umfeld Wagners, schon stärker literarisch beschäftigt zu haben, pflegte also eine Doppelbegabung ganz im Wagner’schen Sinne. Da er nicht so recht zu wissen schien, was er eigentlich anfangen sollte, fasste Wagner den Plan, ihn ein wenig zu beschäftigen. Von den Hoffnungen in eine Sängerbegabung ist nicht mehr die Rede, aber nun wollte Wagner einen Dirigenten in Ritter erkennen: „Karl macht mir viel freude! Habe ich dann und wann auch noch gewisse züge seines naturells zu bekämpfen, so wird mir dieß doch sehr leicht dadurch, daß ich ihm bei allem irgend wichtigen immer die unbedingteste freiheit lasse und dadurch zu meiner befriedigung allemal erreiche, daß er von selbst das vernünftige thut. Seine befähigung ist außerordentlich: Er capirt fabelhaft schnell. Wenn er ein wenig wein im kopfe hat oder auf spatziergängen mir mir allein ist, äußert er auch die liebenswürdigste zutraulichkeit: dann kann er einem ein loch in den leib schwatzen, aber immer mit reiz und schwung […] – Ich möchte ihn zu seiner übung bei der hiesigen wintertheaterschmiere zum musikdirector machen: vielleicht gelingts. Einstweilen lernt er skandinavisch“.23 Am Theater Zürich Im August 1850 war Karl Ritter in Vertretung Wagners, der ja nicht nach Deutschland einreisen durfte, noch nach Weimar gereist, um von der Uraufführung des Lohengrin zu berichten. Dorthin erhielt er auch die Zusendung von Wagners berüchtigtem Artikel „Das Judenthum in der Musik“, den er zur Veröffentlichung weiterleiten sollte. Nachdem er zurück in Zürich war, betrieb Wagner dann zum Beginn der Herbstsaison 1850 die Anstellung seines Schützlings als Musikdirektor am dortigen Theater, um ihm die Möglichkeit zu bieten, Praxiserfahrung als Dirigent zu sammeln. Die Gage betrug 100 Franken im Monat, und Wagner verpflichtete sich, im Falle eines Ausfalls Ritters selbst die Direktion von Vorstellungen zu übernehmen. Diese Vertragsklausel kam schneller zum Tragen, als Wagner sich erträumt hatte. Karl Ritter erwies sich bei der Einstudierung des von Wagner angesetzten Freischütz bereits in einer ersten Besprechung am Klavier, erst recht aber bei Proben mit Orchester und Sängern als absolut ungeeignet für diese Aufgabe. „Es genügte mir, den sonderbaren, bis dahin so ungemein zuversichtlichen jungen Mann in seiner Haltung am Direktionspulte zu sehen, wo er […] nur unverwandt in die Partitur starrte und sich vorgesagten Takt mit dem Stocke in die Luft malte, um sogleich zu begreifen, daß ich jetzt in dem Garantie-Falle mich befand“.24 23 Richard Wagner an Theodor Uhlig, Zürich, 27.7.1850. In: Wagner, Briefe III, S. 370. 24 Vgl. Wagner, Leben, S. 529. 81 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter Wagner sprang ein und dirigierte, doch war das weder eine dauerhafte, noch eine ihm angenehme Lösung. Er griff daher zu einem rabiaten Mittel, das mehrere Fliegen mit einer Klappe schlug: Ritters Schulfreund Hans von Bülow litt just zu diesem Zeitpunkt im Schweizerischen Oetlishausen auf dem Gut seines Vaters unter dem Verbot seiner Eltern, die Musik zum Beruf zu machen. Wagner schickte nun Ritter zu Bülow und ließ ihn regelrecht entführen. Die beiden Freunde verließen in einer Nacht- und Nebelaktion das väterliche Gut und erreichten nach einer anstrengenden Wanderung Zürich und Wagner. Bülow, dessen Mutter Wagner mit einem Brief besänftigen konnte, sollte nun gemeinsam mit Ritter die Musikdirektion am Theater übernehmen. Bald stellte sich heraus, wie ungemein talentiert Bülow auf diesem Gebiet war, während Ritter weiter keinerlei Fortschritte machte. Es muss für ihn eine bittere und peinliche Erfahrung gewesen sein, und auch Wagner war enttäuscht und sah sich gegenüber Ritters Mutter Julie, seiner Geldgeberin, in Erklärungsnot. In einem Brief schilderte er ihr die Vorgänge. Karls „künstlerische mittheilungsfähigkeiten“ seien „sehr unterentwickelt“, aber in ihm stecke noch großes Potenzial: „Bülow theilt sich leichter und erfreulicher mit, Karl aber hat mehr mitzutheilen als Bülow […] Ich warte, daß Karl ein gewisser knoten reißen soll, und hoffe“.25 Im Dezember 1850 übersetzte Ritter gemeinsam mit Bülow noch Liszts Lohengrin-Schrift aus dem Französischen – eine Arbeit, die Wagners höchstes Lob fand. Dann machten sich die beiden auf nach St. Gallen, wo sie am dortigen Theater ebenfalls als Musikdirektoren arbeiteten – mit dem gleichermaßen geteilten Erfolg wie in Zürich. Nach der Saison ging Bülow dann nach Weimar und wurde Meisterschüler bei Liszt – Wagner hatte sich für ihn bei seinem Freund eingesetzt. Damit begann seine beispiellose Karriere, Bülow wurde einer der bedeutendsten Pia nisten und später auch Dirigenten seiner Zeit. Seine und Ritters Wege trennten sich damit auch im übertragenen Sinne, denn für Karl schien eine Musiker-karriere ausgeschlossen, was ihm und Wagner wohl inzwischen klar geworden war. Die Freundschaft zu Bülow blieb gleichwohl noch jahrelang bestehen, der alte Schulkamerad war für Bülow „mein liebster Freund in der Welt“.26 Noch 1858 veröffentlichte Bülow in der NZfM einen Artikel über die Kompositionen seines Freundes27, und er war es auch, der in späten Jahren immer wieder versuchte, den Kontakt zum „Aussteiger“ Karl Ritter zu halten (vgl. Leben IV-10.1.). Ob Ritters Bemühen um Distanz mit einem Minderwertigkeitsgefühl erschöpfend erklärt ist, bleibt selbstverständlich offen. 25 Richard Wagner an Julie Ritter, Zürich, 12.12.1850. In: Wagner, Briefe III, S. 472 ff. 26 Hans von Bülow an Julie Ritter, Dresden, 26.12.1851. In: Bülow, Briefe I-1, S. 401. 27 Bülow, Hans von: Karl G. Ritter. Ein Schüler Robert Schumann’s. In: Bülow, Schriften III-1, S. 320–328. Zuerst veröffentlicht in: NZfM, Bd. 48, Nr. 10, 5.3.1858, S. 101–105. Abb. 5: Karl Ritter in jungen Jahren 82 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens Albisbrunn Auch das Verhältnis zwischen Ritter und Wagner gestaltete sich zukünftig wesentlich komplizierter. Symptomatisch ist die Situation im Herbst 1851: Wagner hielt sich ab 15. September in Albisbrunn auf, einem Kurort im Kanton Zürich, wo er sich bis zum 23. November strengen Diäten und Wasserkuren unterzog, um u. a. seine Gesichtsrose zu kurieren. Bald fand sich auch Karl Ritter dort ein, der ebenfalls immer wieder über schlechte Gesundheit klagte – und darin von Wagner bestärkt wurde, der von den Wasserkuren so überzeugt war, dass er sie gleich mehreren Freunden angedeihen lassen wollte. In Karl Ritters Gesundheit mischte er sich ohnehin gerne ein, wenn er z. B. dessen großen Konsum an Süßigkeiten tadelte. Der Aufenthalt im kleinen Kurort langweilte Wagner, und so war er über den Gesprächs- und Billard-Partner Ritter froh, doch gleichzeitig gab es Spannungen, die ein seltsam symbiotisches Verhältnis gegenseitiger Abhängig keit, gleichzeitiger Geringschätzung und Zuneigung offenbaren: Karl Ritter kauft sich einen seidenen Schlafrock – schon will Wagner auch einen und bekommt ihn von Ritter geschenkt. Wagner schreibt Minna, dass er sich als Schweizer einbürgern will und fährt fort: „Karl will sich auch aufnehmen lassen“.28 Tadelt Wagner Ritter an einem Tag, folgt am nächsten ein Lob. Die Meinung Ritters ist mangels Quellen schlicht nicht überliefert, aber es war gewiss nicht einfach für ihn, sich neben Wagner zu behaupten – im Alltag wie in künstlerischen Dingen. Aus Wagners Perspektive erscheint Ritter oft als unentschlossen, wankelmütig und willensschwach. Oft genug haderte er mit ihm: „Mit Karl’s grundsätzlicher Grundsatzlosigkeit ist es so eine Sache: eine neue abstraction für die alte Abstraction, und jedenfalls wieder eine neue grundsätzlichkeit! Jede hemmende oder beängstigende Grundsätzlichkeit wird durch keine andre Unwillkür als die der that selbst aufgehoben: bloß in Gedanken unwillkürlich sein ist rein gar nichts! Karl thue etwas, dann bin ich mit dabei“.29 Anfang Oktober 1851 ist zum ersten Mal von einer Erbschaft der Ritters die Rede. Die Nachricht von deren unerwarteter Höhe brachte Emilie Ritter persönlich nach Albisbrunn. Wagner war klar, dass er davon stark profitieren würde, und die Jahresrente, die ihm Julie Ritter schließlich gewährte, konnte sich tatsächlich sehen lassen. Dennoch ging er auch immer wieder Karl Ritter um Geld an, der ihm damals z. B. 100 Taler Vorschuss gewähren sollte. Seine Frau schalt Wagner (noch ehe die Erbschaft Gewissheit war), weil sie anderwärts um Geld gebeten hatte: „Mir hättest Du wohl eher ein Wort sagen können; es war mir ein leichtes, Geld von Karl zu erhalten“30 – er erwartete von Karl eben mit großer Selbstverständlichkeit auch monetäre Freundschaftsbeweise. Während seines Aufenthalts in Albisbrunn erfuhr Wagner auch erstmals von der sich festigenden Liaison zwischen seiner Nichte Franziska und dem jüngsten Spross der Familie Ritter: Alexander. Panisch reagierte er auf die Vorstellung, die Familie seines Bruders Albert könnte in die finanziellen Abmachungen mit Ritters eingeweiht oder gar involviert werden (vgl. Leben II-4.3.). Alexander Ritter – den er überhaupt nicht kannte – war von da 28 Richard Wagner an Minna Wagner, [Albisbrunn], 9.11.1851. In: Wagner, Briefe IV, S. 168. 29 Richard Wagner an Hans von Bülow, Zürich, 30.1.1852. In: Wagner, Briefe IV, S. 276. 30 Richard Wagner an Minna Wagner, [Albisbrunn], 6.10.1851. In: Wagner, Briefe IV, S. 124. 83 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter an ein rotes Tuch für ihn, und er bedachte ihn mit abschätzigen Bemerkungen. Auch Karl Ritters Liebesleben bot Wagner Angriffsfläche für zahlreiche Bemerkungen. Allem Anschein nach war Karl Ritter homosexuell – eine Veranlagung, die Wagner weniger grundsätzlich verdammte, als für bedauernswert hielt. Für Ritters unberechenbares Verhalten, seine Schwermut und Unproduktivität machte Wagner in sei nen Mitteilungen ein rätselhaftes „Übel“, eine dunkle Disposition verantwortlich, die doch unaus gesprochen bleibt. Inwieweit Ritter tatsächlich unter seiner mutmaßlichen Homosexualität litt, die er dem gesellschaftlichen Tabu entsprechend natürlich verbergen musste, ist spekulativ. Doch mögen sein späterer Rückzug von allen gesellschaftlichen Kontakten, das Scheitern seiner Ehe und die Flucht nach Italien durchaus hierin eine Ursache haben. Wagner konnte verständnisvoll sein und Ritters Beziehungen zu anderen Männern mit amüsierter Verwunderung zur Kenntnis nehmen. Wenn er auf Karl schlecht zu sprechen war, landete er allerdings auch heftige Seitenhiebe auf dessen – nach damaligem allgemeinem Verständnis – ungesunde Sexualität. In die Zeit des Auf ent haltes in Albisbrunn fällt z. B. die boshafte Anspielung: „Karl ebenfalls daseiend: verrückter Mensch – Homo pervers“.31 Ein dreiviertel Jahr später erklärt Wagner dem gemeinsamen Freund Uhlig unverhohlen: „Ich habe das so mit ihm kommen sehen. Gern gebe ich zu, daß für einen jungen menschen seiner art es einer ganz besondren, unmittelbar auf das Leben gerichteten Kraft bedurft hätte, wenn ein so genaues Verhältniß zu mir, wie das seinige es war, ihm schließlich nicht eher schaden als nützen hätte sollen. Hätte Karl jene nöthige Kraft, so würde er von mir aus mit händen und füßen in das leben gesprungen sein, um so das zu werden, was ich nicht mehr werden kann: allein er ist – Onanist! Da hast Du alles, was zu sagen ist!“.32 Sven Friedrich wies auf die Parallelen hin, die zwischen den Beziehungen Wagners zu Karl Ritter und zum jungen Nietzsche bestehen. Ritters „Haßliebe“33 zum älteren Wagner, die zunächst starke Anziehung und die dann ebenso heftige Abstoßung, ähnele dem „Fall des ebenso vaterlosen Friedrich Nietzsche“.34 Die Art und Weise, wie Wagner Karl dem gemeinsamen Freund Uhlig gegenüber unverblümt als „Onanist“ bezeichnet, entspricht der Indiskretion, mit der er später Nietzsches Arzt über dessen Onanie unterrichtet hat (was Nietzsche als „tödliche Beleidigung“ empfand). Am Beginn der Freundschaft mit Nietzsche fühlte sich Wagner – durch geographische Zufälle angeregt – selbst an seine Erfahrungen mit Karl Ritter erinnert. Er schrieb Nietzsche 1870: „Ich freue mich, dass der Ausflug an den Genfer See Sie erheitern konnte. Diesselben Stellen, die Sie jetzt dort betraten u. betrachteten, haben sich in verschiedenen Perioden meines Lebens auch mir bedeutungsvoll eingeprägt. Im Hôtel Byron in Villeneuve [bei Karl Ritter] erlebte ich eine sonderbare Katastrophe meines Schicksals [das Ende der Affäre 31 Richard Wagner an Theodor Uhlig, Albisbrunn, [ca.19.–23.9.1851]. In: Wagner, Briefe IV, S. 117. Der seltsame telegraphisch-verkürzte Stil ist ein Scherz Wagners, der den gesamten Brief durchzieht. „Homo pervers“ ist überdies ein Zitat aus einem antiken Autor und Gegenstück zum „homo amabilissimus“, mit dem Wagner Uhlig bezeichnet. 32 Richard Wagner an Theodor Uhlig, [Zürich], 31.5.1852. In: Wagner, Briefe IV, S. 383. 33 Vgl. Friedrich, »Was bist du für ein Mensch«, S. 92. 34 Vgl. Ebda., S. 90. 84 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens mit Jessie Laussot, Besuch Julie Ritters]; in Montreux machte ich eigentümliche Erfahrungen an einem jungen, sehr begabten Freunde [Karl]“.35 Flucht in den Hafen der Ehe – Wagner macht Druck Ziemlich überraschend entschloss sich Karl Ritter 1854, zu heiraten. Rückblickend gestand seine Mutter Julie Wagner gegenüber ihre damaligen Bedenken: „»der gute Karl handelt eben oft zu unüberlegt; als er sich plötzlich zu einem der wichtigsten Lebensschritte entschloss, war alle meine Bitte, sich etwas Zeit zu lassen und nicht so schnell durch ein Versprechen sich zu binden, vergebens!«“.36 Möglicherweise war aber ausgerechnet Richard Wagner an Karl Ritters Verhalten nicht ganz unschuldig. Man gewinnt aus den Briefen Wagners durchaus den Eindruck, als habe er Karl Ritter regelrecht zu dieser Hochzeit gedrängt. Das Verhältnis der beiden war zu diesem Zeitpunkt ziemlich angespannt. Als Wagner von der Verlobung Karls mit Emmeline Königsdörfer im Juli 1853 hörte, äußerte er gegenüber seiner Frau Minna: „[Karl] schreibt jubelnd, daß er Bräutigam sei mit Emline [sic] Königsdörfer, der früheren Braut Ben Eschenburg’s [sic]; Du kennst wohl die Geschichte; sie war in Zürich, ließ ihn aber sitzen. Verrücktes Zeug“.37 Offensichtlich hielt er die Liaison für unangebracht, wobei leider die Vor-„Geschichte“ mit Emmelines erstem Bräutigam unklar bleibt. Dann aber drang er regelrecht auf Karl ein, er solle seine Braut nun auch tatsächlich – und zwar schnell – ehelichen. Der Umstand, dass sonst keinerlei Zeugnisse über die Beziehung Karls zu seiner Braut vorliegen, machen Wagner trotz seiner sehr subjektiven Äußerungen zum einzigen Chronisten, – der gleichzeitig selbst das Geschehen vorantreibt: „Mit Karl muß ich abwarten: ich habe ihm gerathen, augenblicklich zu heirathen, – sonst gäbe ich nichts auf seine Liebe! – Dann wollen wir sehen“.38 „Wenn ich jetzt z. B. wieder flüchtig von Dir erfahre, was ihn von mir ärgert – nämlich daß ich vom Weibe nur »Enthusiasmus« nicht auch »scham« verlange – so weiß ich wahrlich nicht, ob ich lachen oder weinen soll über einen jungen Menschen, der an der Seite einer Geliebten sich Grübeleien hingiebt, die ihn zu solchem Unsinn führen? Ich weiß rein gar nicht, was er damit will. Karls böser feind scheint doch wirklich ein ungeheurer Hochmuth zu sein: möge ihn die Liebe davon heilen. – Jedenfalls soll er mir meinen leichtfertigen Ton verzeihen, mit dem ich ihm kürzlich in seiner heirathsangelegenheit schrieb“.39 35 Richard Wagner an Friedrich Nietzsche, Luzern, 10.5.1870. In: Wagner, Briefe XXII, S. 131. 36 Wagner zitiert Julie Ritter solchermaßen in einem Brief an Mathilde Wesendonck und fährt in eigenen Worten fort: „O Fatum! Wer hat Recht und wer Unrecht in dieser Welt? Das ist ein Durcheinander von Neigung und Abneigung, Begehren und Verstossen: wer Lebensruhe wünscht, steckt endlich einen Gränzpfahl, – hier soll’s stehen bleiben und sich nicht mehr ändern! Und der Pfahl steckt gerade da, wo eben das Begehren weilen wollte: – aber es weilte eben nicht, und dann?“ (Richard Wagner an Mathilde Wesendonck, Luzern, 23.5.1859. In: Wagner, Briefe XI, S. 98). 37 Wagner an Minna Wagner, St. Moritz, 28./29.7.1853. In: Wagner, Briefe V, S. 384. Gemeint ist wohl Hermann Behn-Eschenburg (1814–1871). 38 Richard Wagner an Franz Liszt, Zürich, 16.8.1853. In: Wagner, Briefe V, S. 400. 39 Richard Wagner an Hans von Bülow, Zürich, 25.11.1853. In: Wagner, Briefe V, S. 477. 85 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter Wagner drängte, bereute seine Einmischung wieder und machte erneut Druck. Karls Verbindung mit Emmeline wurde jedenfalls offensiv diskutiert, ja sie scheint auch auf Karls Seite fast mehr Gegenstand theoretischer Erörterung als wirklicher Gefühle gewesen zu sein. Im Frühjahr 1854 hatte sich Karl von seiner Braut anscheinend wieder getrennt: „Karls verlassene braut beklage ich herzlich: sie soll ein anmuthiges, sanftes Mädchen sein. […] als ich die brautschaft erfuhr, sah ich bereits alles voraus. Ich schrieb damals an Karl, er solle auf der Stelle heirathen: ein langer brautstand sei lasterhaft. Er hatte nicht die Energie, eine schnelle Heirath zu bewerkstelligen – in England oder irgendwo: so hätte ich ihm – für das Glück (?) des mädchens – nur noch die Zähigkeit im Aushalten eines philisterhaften Verhältnisses zutrauen dürfen; dass er diese nun nicht gehabt hat, ist am Ende nicht zu bedauern!“.40 Nur wenige Monate später fand in der Pillnitzer Weinbergkirche die Trauung der beiden statt. Wie es zu dem Sinneswandel und dem schnellen Entschluss gekommen war, lässt sich ebenso wenig sagen, wie der genaue Termin der Hochzeit bekannt ist. Möglicherweise hatte Karl zusätzlich die Tatsache unter Druck gesetzt, dass sein jüngerer Bruder Alexander konkrete Hochzeitspläne hatte und im September 1854 dann auch wirklich Franziska Wagner vor den Altar führte (vgl. Leben II-4.3.). Der gemeinsame Freund Robert von Hornstein kommentierte den Umstand in seinen Memoiren: „Die Liebe war übrigens damals in dem Ritterschen Kreise ansteckend. Sascha hatte sich mit einer Schwester der Johanna Wagner verlobt und war ganz närrisch geworden. Unglücklicherweise folgte Karl seinem Beispiel und verlobte sich jählings. Der Erfolg war aber ein ungünstiger. Die Ehe blieb kinderlos und ging später ganz aus dem Leim“.41 Nach der Hochzeit fuhren Karl und Emmeline jedenfalls direkt in die Schweiz. In Collonges bei Montreux richtete das frischvermählte Paar sich ein, und einer der ersten Gäste war niemand anderer als Richard Wagner. Der war dort auf der Durchreise nach Sion am 7. Juli eingetroffen und hielt sich auch bei der Rückkehr noch einmal vom 13. bis mindestens 17. Juli in Collognes bei Ritters auf. „Karl’s wohnen sehr schön am Genfer See: ich war einen Tag bei ihnen. […] Karls haben sich provisorisch ganz nett eingerichtet: sie machte sich als Hausfrau nicht gar so übel. Aber s’ist mir alles so curios“.42 Beim Musikfest in Sion, von dem Wagner enttäuscht bald wieder abreisen sollte, erschien auch Karl Ritter – begleitet nicht von seiner Frau, sondern von Robert von Hornstein, einem jungen Komponisten, mit dem er und sein Bruder Alexander sich schon in Leipzig angefreundet hatten (vgl. Leben I-3.3). Wagner erlebte Hornstein als „drollige[n] Mensch[en]“43 und ermunterte ihn, seine Sonaten in Druck zu geben. Im Zusammenhang mit dem Drama 40 Richard Wagner an Hans von Bülow, Zürich, 12.4.1854. In: Wagner, Briefe VI, S. 112. 41 Vgl. Hornstein, Memoiren, S. 71. 42 Richard Wagner an Minna Wagner, Sitten, 10.7.1854. In: Wagner, Briefe VI, S. 180. 43 Vgl. Wagner, Leben, S. 589. 86 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens „Alkibiades“44 von Karl Ritter wusste Wagner später über dessen Beziehung zu Hornstein zu berichten: „Schon in Albisbrunn hatte Karl von dem Plane dieses Stückes gesprochen, mir auch einen zierlichen Dolch gezeigt, auf dessen Klinge die Silben »Alki« eingebrannt waren. Er erklärte mir, daß sein in Stuttgart hinterlassener Freund, jener junge Schauspieler, einen gleichen Dolch besitze, auf dessen Klinge die Silben »Biades« stünden. Es schien nun, daß Karl, auch ohne der symbolischen Hilfe von solchen Dolchen, zuletzt wieder in dem jungen Tölpel Hornstein eine ähnliche Ergänzung zu seinem alkibiadischen Wesen gefunden hatte“.45 Hornsteins eigene Memoiren schweigen sich über die wahrscheinlich mehr als platonische Beziehung zu Ritter aus, sie enthalten aber eine Schilderung der Tage mit Wagner in Sion und folgende kurze Charakterisierung des Freundes: „Dieser Karl Ritter war einer der merkwürdigsten jungen Männer, die ich kennenlernte. Ein Amphibium von Dichter und Komponist, brachte der Dichter später den Komponisten um. Damals war er mehr Musiker und interessierte sich gleich für meine Musik. Wir hatten aber auch noch andere Berührungspunkte. Er grübelte in den letzten Dingen herum“.46 1854 hatte Wagner das Werk Arthur Schopenhauers kennen und schätzen gelernt und sogleich auch seinen Züricher Kreis für den Philosophen begeistern können. Wagner hatte ihm seine „Ring“-Dichtung geschickt, und auch Hornstein und Ritter nahmen brieflich Kontakt zu Schopenhauer auf. Ersterer besuchte ihn später in Frankfurt, Letzterer erbat sich ein Porträt,47 das er kurz darauf auch erhielt. Zweifellos war Karls Ehe eine Farce, die beide Parteien nur unglücklich machen konnte. Karl ging daher so oft wie möglich seiner eigenen Wege und wohnte z. B. ab Dezember 1855 zeitweilig wieder bei Wagner, während Emmeline nach Dresden zurückkehrte. Die Verzweiflung über die Mesalliance erreichte im August 1858 einen dramatischen Höhepunkt, bei dem ausgerechnet Cosima von Bülow, spätere Wagner, eine wichtige Rolle spielte. Nur 44 Wagner las Ritters „Alkibiades“ Anfang November 1852 und urteilte vernichtend: „Karl ist für mich eine recht traurige Erscheinung: unreifheit und frühreifheit verbinden sich in ihm zu einem wirklich höchst unliebenswürdigem [sic] Gemisch. Sein hauptzug ist – schwäche, und forcieren der Schwäche zu möglicher kraft ist seine eigentliche thätigkeit. Der »Alkibiades« ist richtig der ohne genuß blasirte Gymnasiast, der gern Student sein möchte, und statt dessen sogleich philister wird!“ […] „Die empfindungen und einsichten, die es erweckt, sind so unangenehm peinlicher art, was gewiß durch die wahrnehmung vieler züge großen talentes, ja Geistes, nur vermehrt wird“ (Richard Wagner an Theodor Uhlig, Zürich, 27.11.1852. In: Wagner, Briefe V , S. 120 f.). Im April 1853 schickte er das Stück aber doch nach Karlsruhe zu Eduard Devrient, um es wie versprochen für eine Aufführung zu empfehlen. In Mein Leben bezeichnete Wagner „Alkibiades“ dann gar als „mit auffallender Freiheit und Feinheit der Form konzipiert und ausgeführt“ (vgl. Wagner, Leben, S. 520). 45 Vgl. Wagner, Leben, S. 520. 46 Vgl. Hornstein, Memoiren, S. 70. 47 Es sind drei Briefe Karl Ritters an Schopenhauer überliefert aus dem Zeitraum von Dezember 1855 bis April 1856 (UB Frankfurt; Na 50, Nachlass Arthur Schopenhauer – ‚Schopenhauer-Archiv‘ 198– 200 // III.170; IIIb, 170–173). URL: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/schopenhauer/nav/classification/4426552 (aufgerufen am 16.5.2017). 87 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter andeutungsweise hat sie später von einem prägenden Erlebnis auf dem Genfer See berichtet: In Begleitung Karl Ritters war sie nach Genf gereist, um ihre Mutter, die Gräfin d’Agoult, zu besuchen. Auf der Rückkehr setzten Ritter und sie in einem kleinen Boot über und wurden in der Intimität der Situation von ihren Gefühlen überwältigt. Beide fühlten sich in ihren unglücklichen Ehen gefangen und wussten keinen Ausweg mehr. Cosima versuchte sich anscheinend in den See zu stürzen, und nur weil Ritter drohte, sich dann ebenfalls umbringen zu wollen, nahm sie davon Abstand. Der opernhafte Doppelselbstmord blieb jedenfalls aus.48 Karl Ritter trennte sich schließlich von Emmeline, ja er floh später sogar hektisch aus Venedig, als sie sich gemeinsam mit seiner Schwester anmeldete, um sich noch einmal auszusprechen. Ein Eklat mit Liszt Eine bemerkenswerte Episode aus dem Jahr 1856 zeigt, dass Karl Ritter nicht nur mit Wagner, der bekannter maßen kein einfacher Zeitgenosse war, persönliche Konflikte ausfocht. Wie empfindlich er auf Konfrontation reagierte, musste auch der als äußerst gutmütig geltende Franz Liszt erfahren. Zu Besuch bei seinem Freund Wagner in der Schweiz, erlebte er am 13. Oktober auf einer Abend gesellschaft im Hause Wagners einen Eklat. Karl Ritter, den Liszt aus Weimar kannte, saß mit am Tisch, als er mit einigen Gästen eine erhitzte politische Diskussion führte. Ritter bezog offenbar Liszts Verspot tung seiner Gegner als „Paviane“ auf sich – was Wagner in Mein Leben damit erklärt, dass Ritter als Kind angeblich wegen seiner „»Pavian-Physiognomie«“ gehän selt worden war49 – und fuhr daraufhin dem ehrwürdi gen Gast immer wieder mit einem provokanten „Nun?“ ins Wort. Schließlich herrschte er ihn an: „Herr Doctor, in diesem Tone discutire ich nicht“.50 Liszt wurde nun selbst ungehalten und ließ Ritter links liegen. Der war zutiefst beleidigt und fühlte sich vor allem von Wagner verraten, dem er in einem Brief heftige Vorwürfe machte, weil er ihm als Gastgeber nicht beige sprun gen war. Ritter verließ Zürich, und die Verstimmung ging diesmal soweit, dass sich auch Mutter Julie einschaltete und Wagner zur Rede stellte. Der schilderte ihr die Vorkommnisse ohne Karl zu schonen, aber auch mit kalkuliertem Verständnis und bot schließlich an, auf die jährliche Zuwendung in Zukunft zu verzichten, 48 Vgl. Gregor-Dellin, Wagner, S. 440. Vgl. auch Cosima Wagner, Tagebücher I, S. 27. 49 Vgl. Wagner, Leben, S. 552. 50 Richard Wagner an Julie Ritter, Zürich, 7.12.1856. In: Wagner, Briefe VIII, S. 221. Abb. 6: Karl Ritter in späteren Jahren 88 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens obwohl er bei sich nur „den Fehler eines bei weitem zu vertrauten Umgangwesens mit jungen Leuten“ erkennen konnte.51 Er habe „nun – unwiderruflich – die Ritter’sche Subvention aufgegeben“,52 verkündete Wagner schon an Liszt in Weimar, dem er gleichsam im Spagat genauso seine Loyalität versicherte wie Frau Ritter. Es war nicht das erste Mal, dass er stolz erklärte, von sich aus auf die Unterstützung verzichten zu wollen. Doch auch wenn Julie Ritter diesmal seine Jahresrate tatsächlich mit Schulden verrechnete, die Wagner noch bei Karl hatte: Schon im April zahlte sie ihm wieder Geld und erhielt nach dieser Versöhnung einen enthusiastischen Dankesbrief von Wagner.53 Auch Liszt war im Übrigen nicht nachtragend, die Eskalation der Sache war ihm ohnehin unangenehm gewesen und gegenüber Alexander Ritter – der das Zerwürfnis seines Bruders mit seinen musikalischen Idolen sicherlich mit Schrecken verfolgt hatte – äußerte er sich dementsprechend sehr verständnisvoll (vgl. Leben III-6.3.). Dass sich Karl Ritter ausgerechnet kurz nach dem Zerwürfnis mit Liszt und Wagner an den Verlag Breitkopf & Härtel wandte, um eigene Kompositionen zu veröffentlichen, und dass 1857 eben ausgerechnet drei Klaviersonaten, Klavierstücke und eine Liedersammlung als opp. 1–5 im Druck erschienen, hält Peter Jost für keinen Zufall. Ritter habe sich damit „als Komponist von Wagner (und auch von Liszt) abzusetzen“ und sich „öffentlich als Schüler Schumanns zu präsentieren“ versucht, quasi in Anlehnung an die ersten Veröffentlichungen des jungen Johannes Brahms.54 Außer Zweifel steht, dass sich Ritter damit erstmals überhaupt öffentlich als Komponist präsentierte. Zwischen seiner musikalischen und literarischen Begabung hin- und hergerissen positionierte er sich zugunsten der Musik und brachte damit den Nachweis einer „Befähigung“, den Wagner schon vor Jahren eingefordert hatte: „Karl’s dichterische fähigkeiten wiegen vor, seine entsprechende musikalische befähigung soll er mir erst noch ersichtlich beweisen“.55 Freilich sollte Karl Ritter sich schon wenige Jahre später doch ganz auf das Verfassen von Theaterstücken verlegen, und seine fünf ver- öffentlichten Opera bilden damit nicht den Auftakt, sondern vielmehr den Abschluss seiner sichtbaren musikalischen Produktion. Zeuge der Tristan-Entstehung – Schlusspunkt Venedig Das Hin- und Her im Verhältnis Karl Ritters zu Wagner setzte sich fort. Nach Phasen der Absenz folgte wieder eine Annäherung, die beiden kamen, so scheint es, weder mit- noch ohneeinander aus. Im Juli 1858 hatte Wagner in Zürich sein „Asyl“ bezogen. Die Affäre mit Mathilde Wesendock war abrupt beendet und die endgültige Trennung von seiner Frau Minna wurde vollzogen – in Anwesenheit zahlreicher Besucher, die sich damals bei den Wagners einfanden. Am 3. August traf völlig überraschend auch noch Karl Ritter ein, mit dem Wagner sich nach jahrelanger Entzweiung offenbar schnell wieder gut verstand. So gut 51 Ebda., S. 225. 52 Richard Wagner an Franz Liszt, Zürich, 8.2.1857. In: Wagner, Briefe VIII, S. 257. 53 In diesem ersten Brief, den Wagner in seinem neuen „Asyl“ in Zürich schrieb, beschwört er das große Einverständnis mit Julie Ritter, die gerade aufgrund ihres reiferen Alters „jene unbegränzte Nachsicht gegen die heftigen Eigenthümlichkeiten meiner Natur“ walten lassen könne (Richard Wagner an Julie Ritter, Zürich, 6.5.1857. In: Wagner, Briefe X, S. 309). 54 Vgl. Jost, Karl Ritter, Komponist, S. 195. 55 Richard Wagner an Hans von Bülow, Zürich, 12.5.1851. In: Wagner, Briefe IV, S. 48. 89 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter verstand, dass er sich auf Ritters Empfehlung hin Venedig als Aufenthaltsort für seine geplante Überwinterung in Italien aussuchte und noch im August 1858 gemeinsam mit diesem von Genf aus dorthin aufbrach. Anfang September erreichten die beiden die Lagunenstadt und bezogen zwei Wohnungen im Palazzo Giustiniani direkt am Canale Grande. Wagner arbeitete intensiv und empfing außer Ritter kaum andere Besucher. Den Dezember über reiste Ritter nach Weimar und versuchte in Stettin ein Theaterstück an den Mann zu bringen. Zum Neujahrstag 1859 fand er sich aber wieder in Venedig ein, begleitet vom Komponisten Alexander Winterberger, der Kommilitone seines Bruders Alexander und Liszt-Schüler war. Die beiden pflegten in Wagners Worten „eine sonderbare Freundschaft“56, wohnten zusammen und besuchten regelmäßig Wagner, wo sie staunend Zeugen der Vollendung des II. Aufzugs seines Tristan wurden: „Gestern Abend habe ich Karln und Winterbergern (meinen »zwei Knäbchen, schön, fein, jung und weise«) den zweiten Act von Tristan vorgespielt, der beide rein verrückt gemacht hat. Winterberger schwört Stein und Pein, dass selbst ich so etwas noch nicht gemacht hätte“.57 Als Wagner Venedig Ende März verließ, verabschiedete er sich am Bahnhof herzlich von Ritter. Kurz zuvor hatte er an Mathilde Wesendonck geschrieben: „Karl lasse ich noch hier zurück. Er ist übel dran. Vor meinem Fortgeh’n bangt ihm sehr“.58 Es sollte ein Abschied für immer sein. Bis Ende Mai musste Wagner auf ein erstes Lebenszeichen warten, danach brach Ritter den Briefkontakt ohne erkennbaren Grund und sehr zur Verwunderung Wagners ganz ab. Mit Alexander Winterberger soll er einige Zeit in Rom verbracht haben, danach lebte Karl Ritter allein in verschiedenen italieni schen Städten. Sein Rückzug galt wohl kaum ausschließlich Richard Wagner – dennoch ist gerade der harte Bruch mit ihm etwas mysteriös. War es Zufall, dass Karl Ritter sich just Anfang 1859 zurückzog, als Wagner endgültig auf die jährliche Finanzspritze Julie Ritters verzichten musste? Das Ritter’sche Vermögen war stark geschrumpft, auch Karl hätte Wagner nicht mehr aushelfen können und sah damit womöglich seine einzige Überlegenheit gegenüber Wagner verloren. Dass Wagners Interesse mit abnehmendem Geldfluss schwinden würde, schien sich an Ritters Mutter zu bewahrheiten. Trotz Versicherung innigster Freundschaft brach der Briefwechsel mit Julie Ritter 1859/60 langsam ab. Allerdings nicht ohne ein letztes dramatisches Bittsteller-Schreiben. Weil er von Julie nichts mehr zu erhoffen hatte, wandte sich Wagner im Oktober 1859 aus Paris dreist an Emilie Ritter, Karls und Alexanders Schwester: „Liebstes Kind, höre einmal! Ich brauche 5000 francs“. Er wolle dafür Zinsen zahlen und garantiere die Rückzahlung nach einem Jahr. „Karl“, fährt er fort, „würde nicht gezögert haben, mir das Geld zu Gebote zu stellen“. Er habe aber „keine Ahnung“, „wo er stecken mag“. Emilie solle 56 Vgl. Wagner, Leben, S. 677. 57 Richard Wagner an Minna Wagner, Venedig, 1.3.1859. In: Wagner, Briefe X, S. 351 f. Er zitiert hier frei aus Mozarts Zauberflöte (1. Aufzug, 8. Auftritt. Recte: „drei Knäbchen, jung, schön, hold und weise“). Den scherzhaften Akkusativ „Karln“ (der sich mit „Winterbergern“ wiederholt!) ignoriert Ulrich Drüner, wenn er meint feststellen zu können, dass Wagner Karls Namen hier „in Karin [sic] umbenannt“ habe, „um auf dessen homosexuelle Veranlagung anzuspielen“ – was am Autograph des Briefes nicht nachzuvollziehen ist (vgl. Drüner, Ulrich: Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens, München 2016, S. 459). 58 Richard Wagner an Mathilde Wesendonck, Venedig, 10.3.1859. In: Wagner, Briefe X, S. 370. 90 Alexander Ritter – Stationen seines Lebens und Schaffens der Mutter vorerst nichts davon sagen und ganz beruhigt sein, er sei sich schließlich sicher, „dass ich für jetzt und die Zukunft überhaupt keiner Geschenke und Unterstützungen mehr bedarf, sondern meine Einnahmen sich als vollkommen genügend herausstellen“. Sei diese „letzte häusliche Krisis überstanden“, so gehe er „einem, wenn auch nicht wohlfeilen, doch nun für lange stabilem Leben entgegen. […] Kinder! Helft mir diesmal noch, ich werde es dann nie wieder nöthig haben, ja – ich kann sogar wohl, ohne Uebertreibung, Wiedererstattung Eurer früheren Opfer verheissen“.59 Egal, ob es sich hier um eine dreiste Lüge oder eine groteske Fehleinschätzung handelte, Emilie war klar, dass man Wagner in diesem Punkt nicht trauen konnte. Offenbar hatte sie Wagner etwas erschrocken und indigniert, jedenfalls aber ablehnend geantwortet, denn sein Gegenbrief klingt durchaus beleidigt: „Ich sehe, wie elend man von dem Wort derjenigen zu denken sich gewöhnt, die man öfter in Geldnöthen gekannt hat“.60 Karl Ritter hatte sich alledem entzogen. Wie er in Italien lebte, darüber ist wenig bekannt, er schlug sich z. B. in Neapel als Klavierlehrer durch,61 lebte in Turin und Siena, schließlich aber hauptsächlich in Venedig, direkt an der Riva degli Schiavoni. Nur noch selten nahm er Kontakt zu alten Freunden auf, trat aber durch die Drucklegung seiner Trauerspiele in den 1870er Jahren (die Hans von Bülow bezuschusste) immerhin noch selbstbewusst in die literarische Öffentlichkeit – allerdings ohne an einen Erfolg seiner Stücke, etwa durch Aufführungen, wirklich zu glauben. Mit Wagner hatte Ritter nur noch einmal zu tun, als der 1869 eine Gesamtausgabe seiner Schriften plante. Karl Ritter besaß noch frühe Manuskripte von ihm, daher bat er über Jessie Laussot, die mittlerweile ebenfalls in Italien lebte und zu Karl Ritter Kontakt aufnehmen konnte, um die Rückgabe dieser Autographe. Auf diese Weise kam u. a. die Partitur des 1. Aufzugs des Tristan unbeschadet zurück, die Wagner anschließend König Ludwig II. überlassen wollte, letztlich aber selbst behielt.62 Im Dankesbrief an Jessie reflektierte Wagner seine Beziehung zu Karl Ritter folgendermaßen: „Die Worte Ritter’s, mit denen Sie seinerseits die Ueberlassung des Manuscriptes begleiteten, waren genügend eindrucksvoll[,] um mich in die Versuchung zu bringen, ihm wieder einmal zu schreiben. Nur durfte ich mir sagen, dass eigentlich alle – oder fast alle Erfahrungen meines Lebens in unerwiderter, ja fast verhöhnter Zutraulichkeit meiner Natur bestehen. Seitdem ich ganz freundschaftlich vor 10 Jahren von Ritter in Venedig schied, hat er mir nicht nur meine anfänglich an ihn gerichteten Briefe unerwidert gelassen, sondern auch nachher nie in seinem Inneren eine Veranlassung gefunden, sich einmal an mich zu wenden. Ich musste mir endlich wohl sagen, er sei ein decidirter Sonderling; schmerzlicher war es mir, anderen Anzeigen nachzusinnen, welche ihn mir in tiefer Abwendigkeit zeigten. Ihrem freundlichen Eifer, Verehrte!, scheint es nun gelungen zu sein, wenigstens das Eis der Misachtung [sic] in diesem so eigenthümlichen Herzen zu brechen“.63 59 Richard Wagner an Emilie Ritter, Paris, 25.10.1859. In: Wagner, Briefe XI, S. 322 f. 60 Richard Wagner an Emilie Ritter, Paris, 30.11.1859. In: Wagner, Briefe XI, S. 388. 61 Vgl. Wagner, Leben, S. 769. 62 Vgl. Richard Wagner an Jessie Laussot, Luzern, 24.1.1869. In: Wagner, Briefe XXI, S. 46–49. Zur Tristan-Partitur heißt es dort: „Für die Zurückerstattung dieses Originals hätte ich natürlich wenig guten Grund mich zu verwenden, und es könnte diese nur als ein Act der Großmuth von Seiten Ritters angesehen werden“ (vgl. Ebda, S. 48). 63 Richard Wagner an Jessie Laussot, Luzern, 5.8.1869. In: Wagner, Briefe XXI, S. 219. 91 Exkus: Eine „wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ – der Exilant Wagner und die Familie Ritter Lange Jahre lebte Karl Ritter zurückgezogen in Venedig. Als ihn sein früherer Freund Hornstein dort eines Tages aufsuchte, stieß er auf wenig Wiedersehensfreude: „Ich überrumpelte ihn […] Er war total menschenscheu geworden“.64 Noch erfolgloser war Richard Wagner, der ebenfalls einen solchen Überrumpelungsversuch unternahm, als er 1882 – Jahre nach dem zitierten Brief an Jessie Laussot – während seines Venedig-Aufenthaltes zufällig Ritters Adresse erfuhr und ihn ein letztes Mal aufsuchte. Der Schilderung Cosimas zufolge habe Karl Ritter sich verleugnen lassen und habe Wagner ihm eine enttäuschte Notiz hinterlassen: „R. [Richard] macht sich um die Mittagszeit auf und erzählt, er habe K. Ritter, dessen Adresse er zufällig in der Buchhandlung erfahren, aufgesucht; zuerst falsch geführt […] kommt [er endlich] an die richtige Tür, wo eine Frau mit Säugling ihm sagt: H. Ritter sei nicht zu Hause; worauf R.: »Er ist wohl zu Hause« – die Frau verlegen, er wäre wohl der H. Wagner, »ja ja«, sagt R. und schreibt auf einen Zettel: »Was bist du für ein Mensch«, und entfernt sich. Doch ist er sehr angegriffen von dieser Erfahrung; er hatte auch schon durch den Gedanken, daß er quasi K. R. überraschen müsse, um ihn zu sehen, einen anhaltenden Brustkrampf erhalten.“.65 Diese melodramatischen, vielsagend offenen letzten Worte »Was bist du für ein Mensch« sollten den endgültigen Abschluss der einst so vielversprechenden Künstlerfreundschaft Karl Ritters mit Wagner markieren. Nach wochenlanger Krankheit starb Karl Ritter 1891 – acht Jahre nach Richard Wagner – einsam in Verona. Selbst seinen Bruder Alexander hatte er nicht noch einmal sehen wollen (vgl. Leben VIII-19.4.). 64 Vgl. Hornstein, Memoiren, S. 341. 65 Vgl. Eintrag „Sonnabend 29ten“ [April 1882]. In: Cosima Wagner, Tagebücher II, S. 940.

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References

Zusammenfassung

Autor Michael Hofmeister befasst sich in seiner Dissertation mit einem Wegbegleiter Richard Wagners. Seit Dresdner Kindertagen von ihm geprägt, heiratete Alexander Ritter (1833–1896) Wagners Nichte Franziska und baute sich u. a. mit Franz Liszt, Hans von Bülow und Peter Cornelius ein Wagner-nahes Netzwerk auf. Später war er es, der den jungen Richard Strauss zu Wagner hinführte. Hofmeisters Buch schließt eine Lücke, die die Wagner- und Strauss-Forschung seit Langem beklagt. Erstmals wertet er alle greifbaren Quellen aus und bringt den Lesern die Persönlichkeit Alexander Ritters nahe. Gleichzeitig nimmt er ihn als eigenständigen Komponisten ernst und gewährt tiefe Einblicke in sein heute völlig vergessenes Werk.